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Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2018 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-210-3 e-book eISBN: 978-3-95771-211-0

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Britta VoĂ&#x; (Hrsg.)

Mord im Spinat Vegane corpora delicti

Mit GemĂźserezepten aus dem Garten

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IMPRESSUM Mord im Spinat Herausgeberin Britta Voß Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schrift Constantia Covergestaltung / Illustrationen Marti O´Sigma Coverbild Marti O´Sigma Lektorat Britta Voß Druck und Bindung Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main März 2018 ISBN: 978-3-95771-210-3 e-book eISBN: 978-3-95771-211-0

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Inhalt Obst/Gemüse

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Vorwort

Britta Voß

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Kirschbaumblut

Natalie Zoghbi

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Mein Name ist Anna

Britta Voß

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Der Zucchino-Mörder

Christian Reinöhl

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Loverboy

Hanna Bertini

40

Freundschaft

Rosie L.E. Goldbach

44

Großmutters Gärtchen

Robert Klotz

51

CSI Gemüsebeet

Matthias Glötzner

57

Griechisches Gift

Peter Pachel

65

Quit durch Quitte

Julia Richter-Smit

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Unfallfolgen

Sarah Drews

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Die Uhr, die in uns tickt

Heny Ruttkay

88

Mordssellerie

Monika Urbich

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Unter Erdbeeren schläft es sich gut

Martina Bethe-Hartwig

101

Rendezvous mit der Angst

Gabriele Nakhosteen

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Zucchini-Justiz

Anna-Lena Richter

116

Das letzte Abendmahl

Renate Handge

121

Linda

I.J. Tonk

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Mordsmenü

Franziska Franz

135

Bitter Lemon im Zitronenhain

Gerburg Tsekouras

150

Der Prinz aus dem Schnee

Steffen Marciniak

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Rezeptregister

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Biographisches

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I N H A L T

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Vorwort

N

eues Spiel, neues Glück – oder treffender, neues Jahr, neue Anthologie. Eigentlich hatte ich die Idee zu diesem Buch schon direkt nach der Fertigstellung meiner letzten Sammlung, denn eines war mir sofort klar: Herausgeberin sein, das möchte ich noch einmal. Warum? Weil ich gerne in Nachtschichten arbeite, gerne einen riesigen Haufen Texte um mich herum verteile, deshalb schon vom Schreibtisch auf den Wohnzimmerteppich auswandere und trotzdem nicht weiß, wo ich anfangen soll, vielleicht. Oder weil ich mich gerne tagelang mit dem Gedanken quäle, ob man den ein oder anderen Text durch ein geschicktes Lektorat noch retten kann? Ja und nein! Denn so aufwändig, zeitraubend und nervenkostend es ist, eine Geschichtensammlung zusammenzustellen, ist es doch eine der schönsten Aufgaben, die der Literaturbetrieb bereithält. Nirgendwo sonst kann man so direkt erleben, auf welche unterschiedlichsten Gedanken AutorInnen zum gleichen Thema kommen, welche zahlreichen Ansätze es gibt eine Erzählung aufzubauen und welch verschiedenste Menschen den Mut finden, mit ihren Beiträgen an die Öffentlichkeit zu gehen. So gilt dann auch dieses Mal wieder mein erster und größter Dank den vielen Autorinnen und Autoren, die meinem Aufruf, sich mit dem Thema »Gartenkrimi« zu beschäftigen, gefolgt sind. Leider konnte ich nur einen Bruchteil der eingesandten Beiträge veröffentlichen, doch gerade deswegen gilt mein Dank

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explizit auch denjenigen, denen ich schweren Herzens eine Absage schicken musste. Mein zweiter und ebenso großer Dank geht an meinen Verleger Sevastos Sampsounis, der mir nicht nur als Lektorin für die Krimis des Größenwahn Verlags, sondern auch für dieses spezielle Projekt sein Vertrauen schenkt und geschenkt hat. Speziell wiederum für mich wurde die Arbeit einmal mehr, als es an die Zusammenstellung der Rezepte ging. Meine wunderbaren AutorInnen haben gut vorgelegt und meinen Wunsch nach einem zur jeweiligen Geschichte passenden Rezept, in dem das corpus delicti der Krimihandlung kulinarisch verarbeitet wird, fast alle erfüllt und die Rezepte grammatikalisch zu überprüfen ist ja auch kein Problem für mich … Doch wie kontrolliert man die Verständlichkeit, wenn man es über die Beschäftigung mit der Literatur immer noch versäumt hat, vernünftig kochen zu lernen? Klare Antwort: jedenfalls nicht ohne Hilfe! Ein von Herzen kommendes Dankeschön geht daher an meine Mama Anne und an meinen Lebensgefährten Jens, die praktischerweise nicht weihnachts-fanatisch sind und daher bereit waren, Teile der Feiertage mit dem Lesen von zahlreichen Rezepten und dem Diskutieren über die Zubereitung von Spinat, Zucchini und Co. zu verbringen. (Ich bezahl die nächste Runde bei George, ich versprech s! Außerdem – und dies ist ein klassischer Fall von last but not least – danke ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ohne die dieses Buch überhaupt keinen Sinn machen würde. Ich hoffe, Sie werden viele schaurige Krimi-Momente erleben, mit manchen Geschichten richtig Spaß haben und kochen, was der Garten hergibt. Schön, dass es Sie gibt! Ein letzter kleiner Dank geht an eine deutschsprachige Sängerin, deren Song ich eigentlich nicht mochte, bis er für mich eine Bedeutung bekam.

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Bevor Sie jetzt ins Nachdenken kommen, was dieser letzte Satz soll, muss ich Sie leider enttäuschen, das wird ein Rätsel bleiben, also versuchen Sie es gar nicht erst. Fangen Sie einfach an zu lesen! Nun machen Sie schon – 20 AutorInnen warten auf Sie! Britta Voß Göttingen, im Januar 2018

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Natalie Zoghbi Kirschbaumblut

H

auptkommissarin Yasmina El Giamal geht mit großen Schritten über die mit gefallenen Früchten übersäte Obstwiese. Sie ist auf dem Weg zu einem Mordopfer, das ist klar. Und genau das lässt sie jedes Mal erschaudern, wenn sie trotz aller Vorsicht mit ihren neuen Wildlederstiefeln auf eine überreife Kirsche tritt, die unter ihrem Fuß nachgibt und zerplatzt. »Kirschbaumblut«, fährt es ihr durch den Kopf, als neuerlich Fruchtfleisch unter ihrem Schuh birst und den Absatz rot besprenkelt. Sie hält inne. In einer für Stadtmenschen unglaublichen Ferne sieht sie bereits den abgesperrten Tatort und ihre Kollegen von der Spurensicherung, welche in ihren weißen Schutzanzügen wie Schafe auf der Weide wirken. Einen Moment gibt sie sich der Träumerei hin, am Ort des Geschehens ein ebenso friedliches Bild vorzufinden: schneeweiße Gebeine auf grünem Grund, umrankt von Gräsern und umrahmt von blutstropfengleichen Kirschen. Yasmina blinzelt ins Licht. Schluss mit den Tagträumen. Schnelleren Schrittes setzt sie ihren Weg fort, nicht jedoch ohne noch einmal laut und von Herzen zu fluchen, als sie gleich beim ersten Schritt erneut auf nachgiebig schmatzendes Fruchtfleisch tritt. Der Anblick, der sich ihr bietet, lässt sie sich ihren Tagtraum zurück sehnen. Das, was von dem Mädchen übrig ist, liegt keineswegs harmonisch in der Natur, vielmehr verdreht und ver-

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krümmt, mit gelben Fetzen teils ledriger, teils schwammiger Haut und gebleckten Zähnen; Lippen, Ohren und Augen fort, vermutlich von hungrigen Vögeln aufgepickt, die vielleicht nicht einmal bemerkten, dass es sich dabei nicht um Kirschen handelte. »Wie bitte?« Mal wieder hat Yasmina ob ihrer Überlegungen nicht alles mitbekommen, was ihr die Kollegen berichten. Dass dies der Ort des Geschehens ist, das schon. Das Mädchen fiel und wurde seitdem nicht mehr bewegt. Dass es sich vermutlich um die Tochter des Grundstückseigentümers handelt, auch. Und dass das Mädchen zuletzt vor zwei Jahren im Ort gesehen wurde, bevor sie vermeintlich mit ihrem Freund das Weite suchte. Sowas wissen die Dorfpolizisten, damit können sie dienen. Aber warum jetzt eine fremde junge Frau die Leiche gefunden hat und die Wiese nicht vom Eigentümer selbst inspiziert und bewirtschaftet wird, muss Yasmina nachfragen. Marie Jäger, die Finderin der Toten, deren Grundstück an die Obstwiese grenzt, ist eine rothaarige Schöne Anfang dreißig, die Yasmina ein wenig an Ronja Räubertochter aus der Astrid Lindgren Geschichte erinnert. Neue Landflucht nennt man das, was sie, ihr Mann und die zwei Kinder gemacht haben. Weg von Lärm und Schmutz, hin zu einer Gegend, die günstig und ruhig und romantisch ist und wo man zu sich selbst finden kann oder zu was auch immer man gerade sucht. Frau Jäger sucht Selbstbestimmung und Ursprünglichkeit. Sie stellt Marmeladen und Liköre her, aus selbst angebautem Obst, und verkauft die Sachen in einem hippen Onlineshop an eben jene Leute, die so denken wie sie, aber den Sprung raus aus der Großstadt nicht wagen. Und Frau Jäger blutete das Herz, jedenfalls drückt sie selbst sich so aus, als sie all die Äpfel, Pflaumen und Kirschen auf dem Nachbargrundstück verderben sah. Mit Holger Dauning, dem Eigentümer des ertragreichen Grundstücks, hat

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sie zu sprechen versucht. Doch er hat sie mit Schimpf und Schande weggeschickt. Die junge Frau schüttelt verständnislos den Kopf und vergräbt die Hände in der abgewetzten, aber sicher nicht günstigen Jeanslatzhose. Darum ist sie trotz fehlendem Einverständnis auf die Wiese gegangen und hat das Obst aufgesammelt. Sie hält kurz in ihrem Bericht inne, zuckt dann aber trotzig die Achseln. »Schon klar, dass das nicht in Ordnung war, gesetzlich und so. Aber ich dachte halt, dass es eh niemanden kümmert, wo der Alte doch nicht mal selbst hier rauskommen kann, wegen dem Rollstuhl. Und Mitarbeiter hat er auch keine.« Sie sieht Yasmina auffordernd und zugleich etwas kleinlaut mit dunkelblau funkelnden Augen an. Yasmina legt ihr aufmunternd die Hand auf den tätowierten Oberarm. Sie hat genug gehört und kann der Frau ihr Kavaliersdelikt nicht verübeln. Während sie zurück über die Wiese stapft, auf das Wohnhaus zu, das viel zu groß ist für einen Mann allein, denkt Yasmina drüber nach, wie es wohl sein muss, die eigene Tochter weit weg zu wähnen, zu hoffen, dass sie da glücklich ist, wo auch immer es sie hin verschlagen hat, und dann zu erfahren, dass sie nur wenige hundert Meter von einem entfernt liegt, nur getrennt durch eine matschige Wiese, die man aufgrund eines Handicaps nicht überqueren kann, und wo Vögel ihr die Augen auspicken. Sie schaudert. Das Wohnzimmer ist muffig und überfrachtet mit Krimskrams. Häkeldeckchen, Plastikblumen und Bilderrahmen mit erschreckend hässlichen Landschaften. Holger Dauning, übergewichtig und abgekämpft, manövriert seinen Rollstuhl umständlich durch Bücherstapel und Vasen mit künstlichem Schilf. Beinahe kippt ein Schirmständer voll altmodischer Spazierstöcke um, den Yasmina gerade noch so auffangen kann. Vermutlich hat hier seit Jahrzehnten niemand mehr ausgemistet. Sie

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fragt sich, ob die hässlichen Sammelpuppen, die schrecklich reglos mit verstaubten Wimpern ins Leere starren, seiner Frau gehörten oder gar seiner Mutter oder ob es seine sind; die heimliche Leidenschaft eines dicken, alten, traurigen Mannes. Sie schluckt trocken und sucht sich etwas widerwillig einen Platz auf dem überladenen Sofa. Na klar, er braucht es nicht. Er hat seine Sitzgelegenheit immer bei sich. Völlig unvermittelt fängt er an zu weinen. Dicke Tränen rollen seine geröteten Wangen herab und verlieren sich in seinem Doppelkinn. Yasmina kann ihn nur damit trösten, dass erst ein DNA-Test endgültige Gewissheit über die Identität des Körpers bringen wird, der da auf seiner Wiese liegt. Aber Hoffnungen macht sie ihm keine. Das wäre grausam, und dieser Mann braucht nun wirklich keine falsche Hoffnung. Oder doch? Yasmina überlegt kurz, ob sie ihm eine Hand auf die Schulter legen soll, entscheidet sich aber dagegen. Der Psychologische Dienst wird gleich hier sein, und sie hat nur wenige Fragen, die er ihr schnell, wenn auch unter Tränen, beantwortet. Seine Tochter wollte fort. Vor etwas mehr als zwei Jahren war das. Sie war verliebt in einen jungen Mann, den er nicht guthieß. Einen Rabauken. Hatte die Schule abgebrochen. Die Ausbildung geschmissen. Doch sie hat nicht auf ihn gehört, wie junge Menschen nun mal so sind. Sie wollte ihr eigenes Leben leben, ihre eigenen Fehler machen, und das war nun dabei herausgekommen. Er verbirgt das Gesicht in seinem schmutzigen Ärmel und erneut verspürt Yasmina den Drang ihn zu trösten. Doch sie bleibt professionell. Kalt und abgeklärt. Nachdem sie aus dem unveränderten Kinderzimmer des Mädchens eine Haarbürste eingesteckt hat, verlässt sie das verstörend düstere Haus, nicht ohne zu verstehen, warum die junge Frau dieses altmodische Refugium so dringend verlassen wollte. Oder hatte

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es damals noch nicht so ausgesehen? War dies das Ergebnis ihres Verschwindens? Während der Autofahrt ins Präsidium denkt Yasmina an die Kämpfe, die sie selbst auszufechten hatte, als sie heranwuchs und begann, eigene Entscheidungen treffen zu wollen. An den Zorn und die Leidenschaft, mit der ein Teenagerherz schlagen kann, und an die Schuldgefühle, als sie den Schmerz des Verlassenwerdens in den Augen der Eltern erkannte. Yasmina sieht sich unbehaglich um. Kühe, Felder. Der Muff aus dem alten Bauernhaus hängt ihr noch in der Nase. Wann hatte sie sich eigentlich das letzte Mal bei ihren Eltern gemeldet? Bei der fest installierten Radarfalle in der 30er-Zone tritt Yasmina aufs Gas und salutiert den Kollegen, die das Material auswerten werden, grinsend mit dem Mittelfinger. Das wird man auf dem Foto nicht sehen, das weiß sie. Ob sie ihr ein Knöllchen schicken, wenn sie bemerken, wer sie ist? Oder wird der Vorfall, wie schon so oft, einfach unter den Tisch fallen gelassen? Genug. Yasmina zwingt sich zur Konzentration. Einen Fall aufzuklären, der Jahre zurückliegt, ist ohnehin schon eine Herausforderung, auch ohne Tagträumereien und kindische Streiche. Yasmina bezweifelt, dass noch Spuren an dem Mädchen zu finden sind, nachdem sich eine Heerschar von Vögeln und Insekten über den Körper hergemacht hat, nicht zu vergessen Regen, Eis und Sonne. In den folgenden Tagen spricht sie mit Schulkameraden, Freundinnen und Nachbarn, doch will sich kein rechtes Bild ergeben. Ruhig soll sie gewesen sein. Nett. Freundlich. Bullshit! Nichts als Floskeln und Höflichkeiten. Wo ist der gute alte Tratsch, den es in diesen kleinen Käffern doch sonst zur Genüge gibt? Warum bekommt das Mädchen kein Profil? Sie will in Yasminas Vorstellung einfach nicht zu einem Menschen werden,

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mit Ecken und Kanten, mit Geheimnissen oder Missgeschicken. Die einzige Fehlentscheidung, die sie je getroffen zu haben scheint, war es, sich mit einem Jungen abzugeben, der ihrem Vater nicht gefiel. Und wie das Schicksal so spielte, war eben dieser Junge vor einem Jahr 250 km entfernt bei einem Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss ums Leben gekommen. Vielleicht Selbstmord, nachdem er das Mädchen, das er liebte, versehentlich im Garten ihres Vaters erschlagen hatte? Die Ermittlungen bei seinem Unfall hatten keinen Vorsatz vermuten lassen. Aber wer konnte das schon mit Sicherheit sagen? Und doch, selbst wenn er es war, warum hatte er sie nicht verscharrt? Vergraben? Niemals hätte man sie gefunden. Dass sie einfach so liegen gelassen wurde, deutet eher darauf hin, dass ihr Mörder keine Gefühle für sie hegte. Als die Gerichtsmedizin die Identität des Mädchens bestätigt und als Todesursache einen Schlag auf die Stirn feststellt, mit einem kreisrunden, etwa einen Euro großen, flachen Gegenstand, der fast eine Art Stempel auf dem verbliebenen Hautfetzen hinterlassen hat, und dahinter, hinter dem Pergament, das einmal ihre Haut gewesen war, ein Loch im Knochen, bei dem ein Splitter ins Gehirn gedrungen war, so hart hatte der Angreifer zugeschlagen, bringt das Yasmina nicht weiter. Irgendetwas fehlt. Ein Detail. Das fühlt sie. Doch greifen kann sie es noch nicht. In dieser Nacht träumt Yasmina von ihrem Großvater, der in der staubigen, gelben Welt ihrer Kindheit, viele tausend Kilometer und einen Ozean entfernt, gestorben ist. Sie sieht ihn vor sich, mehr Erinnerung als Traum, wie er auf seinen Gehstock gelehnt auf einem Stuhl vor der Haustür sitzt, als sie und ihre Eltern ihn besuchen, einen roten Turban auf dem Kopf. Erst als ihre Mutter schreit und ihr Vater versucht, sie wegzuziehen, erkennt sie, dass es kein Gehstock ist, auf den ihr Großvater das

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Kinn gelehnt hat. Der Stock ist sein Gewehr und der Turban das Innere seines Schädels, das durch die unzureichende Kraft der Flinte nicht weg gesprengt, sondern nur aus seinem Kopf heraus gedrückt worden ist. Wie bei einem Vexierbild verwandelt sich eine ganz und gar klare Situation von einer Sekunde auf die andere in ein Schreckensbildnis, das sich unauslöschlich in das Gehirn brennt. Aus einem wartenden Großvater ist etwas Totes, aus einem Gehstock eine Waffe geworden. Ein Gewehr. Gerade war es noch ein Stock für sie, und dann … Sie schreckt auf. Der Stock ist zur Waffe geworden. Dieses Mal muss sie nicht beschleunigen, um die Radarfalle auszulösen. Hart klopft sie an die Eingangstür. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ihr der alte Mann öffnet. Im Schlafanzug, mit verklebten Augenlidern und zerzaustem Haar starrt er sie müde an. Yasmina schiebt sich wortlos an seinem Rollstuhl vorbei. »Wie lange sitzen Sie schon im Rollstuhl, Herr Dauning?« Zielstrebig geht sie zu dem alten Schirmständer, der ihr schon bei ihrem letzten Besuch in die Hände gefallen ist. »Ein Jahr etwa. Ich habe eine regenerative Muskelerkrankung. Vorher konnte ich noch mit Stock gehen.« Erschöpft folgt er ihr. Sie liest in seinem Blick, dass er aufgegeben hat, vielleicht schon vor langer Zeit. Schnell findet sie, was sie sucht, in der Sammlung von Schirmen und Gehstöcken: einen Stock, der nicht gebogen, sondern gerade abgeknickt ist und in einer etwa einen Euro großen Fläche mündet, die mit einer metallischen Kappe, deren reich verziertes Muster Yasmina grausam bekannt vorkommt, versiegelt ist. Eine dünne Strähne blonden Haares klemmt in den Zwischenräumen der silbernen Ummantelung. »Sie wollte mich verlassen. Ich wollte das nicht.« Er ist längst von den Kollegen abgeholt worden, da denkt Yasmina noch immer über die schreckliche Doppeldeutigkeit

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dieses letzten Satzes nach. Sie sitzt auf der Schaukel unter dem Kirschbaum, die einst einem kleinen Mädchen gehört hat, das an eben jener Stelle sterben sollte, vom eigenen Vater erschlagen und dann liegen gelassen, weil er körperlich nicht in der Lage war, sie zu begraben. Während sie in den Himmel blinzelt und die reifen, roten Früchte sieht, die vom Grundwasser genährt worden sind, das durchdrungen ist von den Säften eines toten Körpers, und nun sicher den Weg in die Marmeladen von Marie Jäger finden, wird ihr übel. »Kirschbaumblut«, den Begriff bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Sie springt von der Schaukel und verzieht angewidert das Gesicht, als eine überreife Kirsche unter ihrem Schuh zerplatzt. Während sie zurück zu ihrem Wagen geht, beschließt sie, ihre Eltern anzurufen, sobald sie zu Hause ist.

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Kirschkonfitüre Wer schon beim Lesen der Geschichte an Kirschmarmelade gedacht hat, der braucht vielleicht jetzt schon eine Pause vom Verbrechen und möchte sich eine Auszeit am Herd gönnen. Das Ergebnis ist auf jeden Fall lohnenswert. Zutaten: 1,25 kg Kirschen, 900 g Gelierzucker, Saft von ½ Zitrone Zubereitung: Kirschen kalt abspülen. Stiele und Steine entfernen. Die Früchte mit dem Zitronensaft und dem gesamten Zucker in einem großen Topf erhitzen. Dabei kontinuierlich rühren, bis die Früchte schaumig aufkochen. In eine Schüssel geben, abdecken und über Nacht kühl lagern. Am nächsten Tag die Masse wieder in den Topf füllen und aufkochen. Die Hitze runter drehen, dabei die Konfitüre immer noch sprudelnd 5 – 10 Minuten kochen lassen. Wieder kontinuierlich rühren. Den an der Oberfläche entstehenden Schaum abtragen. Wenn die Masse fester wird, die Gelierprobe durchführen: Dafür einige Tropfen Konfitüre auf einen gekühlten Teller träufeln. Wenn sie leicht geliert, kann der Topf vom Herd und die Masse in abgekochte Gläser gefüllt werden. Die Gläser fest verschließen. Nach etwa einer Minute kurz auf den Kopf stellen. Anschließend wieder umdrehen und abkühlen lassen.

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Hanna Bertini Nach Stationen in Frankfurt/O., St. Louis und Aix-en-Provence, lebt die Autorin mit Kind und Kegel bei Braunschweig – und manchmal in Berlin. Sie liebt Neuanfänge, kleine Fluchten und Papier in jeder Form. Im Job schreibt sie Sachtexte, privat gern auch anderes. Sie veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien, darunter in der Niedersächsischen Einladung des Größenwahn Vlg.

Martina Bethe-Hartwig 1957 in Celle geboren, ist verheiratet, hat zwei erwachsende Kinder und hat als Sozialarbeiterin im Sozial- und Jugendamt gearbeitet. Die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, und ihre Geschichten haben sie beim Schreiben inspiriert. Viele ihrer Kurzgeschichten sind veröffentlicht. Bei den Berner Bücherwochen 2008 und 2009 erlangten ihre eingereichten Kurzgeschichten den zweiten Preis.

Sarah Drews 1983 in Hamburg geboren. Im Alter von 5 Jahren entdeckte sie ihre Liebe zu Büchern und liest bis heute alles, was sie in die Finger bekommen kann. Nach einer klassischen Ausbildung in der Gastronomie, erweckt sie seit Ende 2016 ihre eigenen Geschichten zum Leben. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und ihren vier Jungs in der Nähe von Hamburg. 2018 erscheint ihr erstes eigenes Buch.

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Franziska Franz Sie ist 1961 in Detmold geboren und lebt in Frankfurt/M. Sie schreibt Abenteuergeschichten für Kinder im didaktischen Bereich, sowie humorvolle Texte und Romane für Erwachsene. Veröffentlichungen u.a.: die Kinderbücher, Der Wald und sein Dönekens , Turmhut Vlg. 2017; Die verrückten Satzzeichenabenteuer , AAVAA Vlg. 2017; und die Romane Anna und die Liebe in Frankfurt , Sara und die Regentage , beides beim AAVAA Vlg. 2017.

Dr. Matthias Glötzner lebt und arbeitet als Kommunikationsberater in München.

Rosie L.E. Goldbach ist eine ambitionierte angehende Schriftstellerin. Sie lebt nahe eines Waldes in einem kleinen Dorf im Sauerland. Zurzeit macht sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau, doch ihr Ziel ist es, sich schon bald ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren zu können.

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Renate Handge 1952 in Wuppertal geboren, lebt mit ihrem Mann in Velbert. Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in zahlreichen Anthologien veröffentlicht und 2015 gewann sie den Meerbuscher Literaturpreis in der Kategorie Prosa. Im Herbst 2015 erschien ihr erstes Buch Sammelsurium – Fünf-Minuten-Lektüre beim Herzsprung Vlg.

Robert Klotz In Graz ansässiger Autor, der Bücher in den Bereichen Jugendliteratur, Horror und Thriller schreibt. Veröffentlichungen u.a.: Sünder , Horror und H-Armlos , Abenteuerroman, beides beim neobooks Vlg., 2017 erschienen.

Steffen Marciniak In Stralsund geboren, seit 1988 in Berlin, nach Studium der Kulturwissenschaften im Bereich Buchhandel, Antiquariat und Lektorat tätig. Er schreibt Prosa und Lyrik und hat zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien. Seine Ephebischen Novellen , ein Zyklus von Mythologischen Figuren, erscheinen seit 2014 beim Aphaia Vlg. www.steffenmarciniak.wixsite.com/autor

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Gabriele Nakhosteen 1944 geboren, Mutter dreier Kinder, studierte Medizin in Deutschland und Großbritannien. Heute verarbeitet die im Ruhrgebiet lebende Autorin Erfahrungen in autobiografischen und fiktiven Kurzgeschichten und Erzählungen.

Peter Pachel 1957 in Siegburg geboren. Nach einer Lehre zum Chemielaboranten hat er an der FH Köln Umwelttechnik studiert. Seit 30 Jahren arbeitet er in einem internationalen Unternehmen und ist im Sales Support & Sales Development tätig. Der Autor reiste 1981 zum ersten Mal auf die griechischen Inseln, und auf Paros fand er Freunde und Familienanschluss. Seine Kriminalromane spielen auf Paros und viele unterschiedliche Charaktere der Langzeit-Griechenland-Begeisterten sind in die Handlungen mit eingewoben.

Christian Reinöhl 1977 in Aachen geboren, Studium der Theaterwissenschaften in Paris, arbeitet als Lehrer und schreibt Theaterstücke. Sein Roman Am Tag, als man Gott verhaftete , erschien beim Niebank-Rusch Fachverlag/Bremen.

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Anna-Lena Richter 1985 in Northeim geboren. Literatur- und Digital Games-Studium mit Schwerpunkt Game Design an der TH Köln. Schon seit frühster Kindheit war es ein Wunsch von ihr, Geschichten zu schreiben und diese mit anderen Menschen zu teilen.

Dr. Julia Richter-Smit Am 14.03.1978 in Uslar im Solling geboren, studierte Julia Richter-Smit in Göttingen Deutsche und Englische Philologie mit dem Schwerpunkt auf der Literatur des Mittelalters. 2010 promovierte sie an der Universität Zürich mit einer Untersuchung zum Parzival Wolframs von Eschenbach. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bad Lauterberg im Harz.

Heny Ruttkay Sie ist in Bratislava geboren, mit elf Jahren nach Deutschland gezogen und hat in Erlangen, Tübingen, München und Paris Biologie studiert. Heute lebt sie in Paris und ist als freie Autorin und Übersetzerin tätig. Veröffentlichungen u.a.: Die Traurigkeit des letzten Sonntags , historischer Roman, Hans Boldt Vlg., 1994; Gestohlene Tage , historischer Roman, Quer Vlg., ; Fatale Treue , Kriminalroman, Quer Vlg., ; Somerset Maughams Traum , Kriminalroman, Größenwahn Vlg., 2017.

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I.J. Tonk schreibt Kurzgeschichten, Lyrik, und fiktive Literatur. Das Interesse fürs Schreiben wurde bereits während der Schulzeit entfacht. Nach einigen fantasiefreien Berufsjahren in einem Verwaltungsberuf erinnerte sich I.J. Tonk an die frühere Leidenschaft und griff erneut zu Papier und Stift.

Gerburg Tsekouras 1944 in Gießen geboren, studierte Anglistik, Germanistik und ev. Theologie in Frankfurt/M., Mainz und Bristol/Groß Britannien. Seit 1975 lebt sie in Athen/Griechenland, arbeitete dort im Schul- und Kirchendienst, sowie in ihrem eigenen Sprachinstitut. Gedichte, Lieder, Kurzgeschichten und Märchen der Autorin sind in zahlreichen Anthologien erschienen, u.a. auch beim Größenwahn Vlg.

Monika Urbich 1971 geboren, lebt als freie Autorin mit Mann, drei Kindern und der Katze Ronja zuletzt in Braunschweig, Chicago und Leipzig. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. Redaktionsmitglied der Zeitschrift Der blaue Reiter – Journal für Philosophie . Veröffentlichungen zur Philosophie von Alltagsgegenständen sowie in der vierbändigen Anthologie Dr. B. Reiters Lexikon des philosophischen Alltags , J.B. Metzler Vlg.

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Britta Voß 1979 in Bremen geboren. Studium der Deutschen Philologie sowie der Mittleren und Neueren Geschichte in Göttingen. Sie hat in zahlreichen Anthologien Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Herausgeberin der Niedersächsischen Einladung , 2016 und Mord im Spinat, 2018, beides beim Größenwahn Vlg. Seit 2016 freiberufliche Lektorin, für den Größenwahn Verlag tätig im Bereich Krimi. www.britta-voss-autorin.de

Natalie Zoghbi 1986 in Bergisch Gladbach geboren, studierte Medien- und Kulturwissenschaften mit filmwissenschaftlichem Schwerpunkt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Tätigkeiten in verschiedenen Gewerken fiktionaler Filmproduktion sowie ein mehrjähriges Drehbuchvolontariat. Sie arbeitet als Selbstständige im Bereich Dramaturgie/Lektorat für Filmproduktionen und Drehbuchautoren und ist an der Entwicklung von Film- und Fernsehprojekten beteiligt.

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