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Granatapfelrot

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Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2015 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-055-0 eISBN: 978-3-95771-056-7

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Ines Schmidt

Granatapfelrot Roman

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IMPRESSUM

Granatapfelrot Autorin Ines Schmidt Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schriften Constantia und Lucida Calligraphy Covergestaltung Marti O´Sigma Coverbild Marti O´Sigma Lektorat Jannis Plastargias Druck und Bindung Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main August 2015 ISBN: 978-3-95771-055-0 eISBN: 978-3-95771-056-7

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In Erinnerung an G.H.

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ÂťIn the moment is all I have, so in the moment is where I live.ÂŤ This is War, Shannon Leto

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A Story To Remember

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s ist fertig!«, sagt Jacob aufgeregt. »Fabelhaft! Lass sehen!« David versucht ruhig zu klingen. Der junge Mann reicht es ihm. David vergisst für einen Moment zu atmen, als er das Manuskript an sich nimmt. Er hält es wie einen wertvollen Schatz zwischen seinen Fingern. Ja, es ist ein Juwel! Andächtig bestaunt er das Foto, das den Einband ziert. Währenddessen tänzelt Jacob nervös um ihn herum. Die Spannung, die von diesem Skript ausgeht, ist im Raum deutlich zu spüren. Auf diesen Moment haben beide seit Wochen hingearbeitet. »Ohne dich hätte ich das nie schaffen können. Du warst meine Inspiration!« David ist gerührt. Er kann seine Augen von der Aufnahme nicht abwenden. Der Junge hat tatsächlich ein Foto gefunden, auf dem der Strand und rechts am Rand ihr Caravan zu sehen ist. Daneben zeichnet sich ein schmaler Weg durch die Dünen zum Wasser ab. Auf der linken Seite ragen Äste eines Baumes ins Bild hinein. Im Hintergrund ist das Meer unklar zu erkennen. Am Himmel steht: A Story To Remember. Wie ein Kind, das sich nicht ruhig halten kann, weil seine Geburtstagsgäste gleich kommen, springt Jacob von einem Bein auf das andere. Doch David lässt sich nicht ablenken. Er »

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ist in das Foto vertieft, spürt den weichen Sand unter seinen Füßen, lauscht dem Klang des Meeres und der laue Wind kitzelt seine Haut. Seine Welt ist augenblicklich auf Postkartengröße geschrumpft – und sein alterndes Herz hat sich erheblich beschleunigt. »Nun sag doch was!«, Jacobs Ungeduld ist ihm anzumerken. David streicht mit den Fingern über das Bild. Leichter Schwindel macht sich in seinem Kopf breit und er fasst sich für einen Moment an die ergrauten Schläfen. Das fertig gestellte Manuskript in seinen Händen zu halten, hat ihn heftig ergriffen. Endlich hat Jacob sein Rumgehüpfe eingestellt und sich zurückgezogen. Jetzt steht er David im Türrahmen gegenüber. Er platzt zwar vor Neugier, dessen Meinung zu hören, ihm ist jedoch nicht entgangen, wie sehr dieser mit seinen Emotionen ringt. Es verstreichen Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen. Dann hält es Jacob nicht länger aus. Leise spricht er Davids Namen, um ihn wieder ins Jetzt zu holen. David blickt hoch und fängt Jacobs fragenden Blick ein. Ein Lächeln huscht über sein faltiges, von der Sonne gebräuntes Gesicht, während er die erste Seite aufschlägt. Ehrfürchtig betrachtet David den Spruch: Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein! J. W. Goethe Im Stillen liest er die Widmung, die darunter steht. Sie brennt sich in sein Herz. »Und?« Jacob will, dass David endlich etwas sagt. Es verrinnt erneut einige Zeit, bis David zum Sprechen ansetzt. Seine Stimme klingt angeschlagen:

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»Ich …« – ihre Augenpaare treffen sich – »… bin überwältigt.« Jacob atmet auf, dennoch klingt er verunsichert, als er fragt: »Meinst du es wird ihm gefallen?« David geht zwei Schritte auf ihn zu und nimmt ihn väterlich in seine Arme. Mit erstickter Stimme flüstert er: »Ach, Jake! Er wird es lieben!«

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Hinein in sein Stimmenmeer

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ch erkenne ihn von Weitem. Er lehnt mit der linken Schulter an der Friedhofsmauer. Sein vertrauter Anblick beschwört wie die Flöte eines Schlangenmeisters eine lange Reihe von Bildern aus einer verdunkelten Ecke meines Geistes herauf. Das milde Licht der Frühlingssonne erhellt sein Gesicht und lässt seine Züge filigran und seine Haut wie Porzellan erscheinen. Seine blauen Augen sind hinter einer Sonnenbrille versteckt, die aschblonden Haare von seinem dunklen Kapuzenshirt verdeckt. Der schlanke Körper steckt in einem schmucklosen schwarzen Ledermantel, die Beine zieren verwaschene Jeans und die Füße schwarz-weiße Sneakers. Er tippt auf seinem Handy und steckt es anschließend rasch in seine Manteltasche zurück. So wie er da steht, wirkt er undurchschaubar auf mich. Max, sein Bruder, der ebenfalls dunkel gekleidet ist, sitzt neben ihm in der Hocke und raucht. Der Blick geht ins Leere. Die Bishop-Brüder. Ich sehe sie und es versetzt mir einen Stich ins Herz, weil sie sich haben – und meine Schwester von mir fortgegangen ist. Viel zu schnell. Viel zu früh. Ich bleibe hinter einem alten knorrigen Eichenbaum stehen und beobachte sie. Es geht ein Strahlen von ihnen aus, als wären sie zwei Sterne am Nachthimmel. Sehe ich das so, weil ich Jake so sehr vermisse, und das, was wir hatten? Ja, ich

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merke wie ich die beiden um das, was sie miteinander teilen, beneide – Geschwister sein! Josh nimmt seine Brille ab und schaut hoch. Seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe, ist viel Zeit verstrichen. Er blickt in meine Richtung, als wüsste er, dass ich mich hier versteckt halte. Unsere Blicke treffen sich. Er schmunzelt, seine Augen hingegen sind glanzlos. Ich werde von diesem matten Lächeln kalt erwischt. Spüre wie sich mein Puls erhöht. Meine Knie sind sekundenschnell wacklig wie Götterspeise – oder schwankt der Boden, auf dem ich stehe? Ich fühle mich von dieser arglosen Geste völlig überrannt. Hätte mir jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen, wäre die Auswirkung auf mich erträglicher. »Hey!«, ruft er. Max blickt ebenfalls auf und erhebt sich. Josh kommt auf mich zu und ich hinter dem Baum hervor. »Was tust du hier? Wie geht es dir?« Während er spricht, zieht er mich an sich und drückt mich fest – zu fest – an seinen Körper. Meine Aufmerksamkeit ist getunnelt. Ich rieche ihn, spüre seine Männlichkeit. Halleluja, David! Du bist auf dem Begräbnis deiner Schwester und bemerkst Dinge, die wirklich nicht hergehören. Drehe deine Antennen und schalte auf anderen Empfang. Das ist nicht der Ort und die Zeit für … ja wofür? »Du schaust schlecht aus, mein Lieber! Ich hätte für dich da sein sollen, es tut mir leid, Bruder«, flüstert er mir ins Ohr. Und dann lässt er mich los. Sein Blick ruht auf mir und seine rechte Hand auf meiner Schulter – als Geste, die um Verzeihung bittet. Ich stehe wie

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angewurzelt da und bringe keinen Ton heraus. Mein Jackett hebt und senkt sich, dieses Herzrasen lässt sich kaum verbergen. Joshs verdammt himmelblaue Augen! Sie und sein trauriges Lächeln haben mich jäh überrumpelt. Ich merke, dass sich meine Augen mit Tränen füllen, die nicht zu stoppen sind. Darum lasse ich sie vor Josh und Max ungeniert laufen. Max findet in dieser Situation als erster wieder Worte. Er kneift mich sacht in den Arm. »Ich habe deine Schwester sehr gemocht, David. Du weißt das.« Verlegene Stille. Josh nickt ihm aufmunternd zu. »Ich gehe mal zu Mum und suche Ella. Wir sehen uns dann in der Kapelle.« Mit diesen Worten dreht Max sich um und geht schweren Schrittes in Richtung Trauergäste davon. Josh und ich stehen noch immer hinter der dicken, mächtigen Eiche. Sie schützt uns vor den Blicken der anderen. Wir schauen uns an. Josh hat dunkle Augenringe und in seinem Gesicht spiegelt sich der Schmerz, den der Verlust meiner Schwester für ihn bedeutet. Langsam füllen sich seine Augen mit Tränen. Es braucht keine Worte zwischen uns. Wir lassen es einfach geschehen, wenden den Blick nicht voneinander ab. Jake ist bei uns. »David, ich fühle sie. Sie ist hier … ich sehe sie in deinen Augen.« Josh spricht aus, was ich denke. Ein eisiger Schauer durchfährt meinen Körper, ich fange an zu zittern. Josh nimmt mich erneut in die Arme und streicht sanft über meinen Rü-

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cken. Wieder haucht er in mein Ohr, beim Klang seiner Stimme wird mir schwindlig. »Jake ist schrittweise von uns gegangen. Was uns geblieben ist, ist ihr Bild in unseren Köpfen, und nun müssen wir sie endgültig loslassen.« Er spricht die Worte mit weiser Zärtlichkeit. Und sie klingen bitter. Nach einer kurzen Pause flüstert er stockend und um Atem ringend: »Ich habe sie geliebt, David, sehr geliebt. Sie konnte, was die wenigsten können: Keine Forderungen stellen und keine Erwartungen haben. Sie akzeptierte das Leben so, wie es war – und mich, das Bishop-Ego.« Seine Kiefermuskeln zucken. Er wirkt angestrengt. Ich folge seinen Worten nicht, sondern lausche nur dem Klang seiner Stimme. Es ist, als zerflösse ich unter ihr wie Schokolade, die zu lange in der Sonne gelegen hat. David, du Arsch! Du solltest deiner Schwester die letzte Ehre erweisen, stattdessen lässt du dich von einem Mann in den Bann ziehen. Als würde mich dieser Umstand nicht genug durcheinander bringen, handelt es sich zudem um Jakes Mann. Ich erkenne mich nicht wieder, fühle mich abscheulich und wunderbar lebendig zugleich. Etwas, das nicht zu deuten und noch weniger zu steuern ist, passiert in diesen Sekunden mit mir. Also lasse ich mich treiben, hinein in sein Stimmenmeer. Seine Nähe, sein Duft und seine Wärme umgeben meinen wehrlosen Körper. Herr im Himmel, ich flehe dich an: Mehr Verwirrung ertrage ich nicht! Plötzlich ist mein Gesicht an seinem. So nahe, dass unsere Tränen miteinander verschwimmen könnten. Ich rieche sei-

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nen Atem. Was tue ich da? Ich hebe meine Hand und wische über seine Wange, fange mir eine Träne mit dem Zeigefinger. Fast erschrocken drehen wir beide den Kopf in Richtung meiner Handfläche. Josh fixiert sie, senkt dann seinen Mund zu meinem Finger und küsst seine Träne davon ab. Stromstöße durchfahren mich und in meinem Finger entzündet sich ein Feuer, das rasend schnell durch meinen gesamten Leib tobt. Er nimmt meine Hand und schiebt sie an seine Wange. Ich genieße diesen unerklärlichen Moment. Der Anlass ist der traurigste, den man sich denken kann, und es ist absurd, gleichwohl fühle ich mich auf eine ungeahnte Weise vollkommen eins mit mir. Mit Josh diese Stimmung zu teilen, die so überraschend über mich kam, fühlt sich unwirklich an. Gewiss, so wie es ist, ist es richtig! Jake würde nicht wollen, dass ich mich schlecht fühle. Ich will bei mir bleiben und den inneren Faden zu meinem Ich nicht verlieren. Dieses Gefühl neben Josh zu stehen, wird von einer berauschenden Schwere getragen, die ich nur von meinem Lieblingswein, dem Shiraz, kenne, wenn ich ein Gläschen zu viel getrunken habe. Ich schließe die Augen und befühle seine warme Haut. Seine Bartstoppeln kitzeln meine Handinnenfläche. Loslassen und mich verlieren dürfen, im Augenblick der traurigen Zweisamkeit. Ich gebe die Verantwortung für Jake ab. Heute wird meine geliebte Schwester beerdigt. Bei diesem Gedanken sinke ich augenblicklich in mich zusammen. Josh kann mich kaum halten, ich bin ein gutes Stück größer und schwerer als er. Heftig fange ich zu schluchzen an, weine so stark, dass mein Körper durchgeschüttelt wird. Wir sinken zu

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Boden und liegen uns in den Armen. Josh streichelt mir zart, kaum spürbar, über den Kopf. Klagend stoße ich hervor, was ich mir seit Monaten nicht zu sagen erlaubte: »Ich vermisse meine Jake, Josh! Es tut so unsagbar weh!«

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Seine magischen Augen

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ie lange wir neben dem Baum kauern? Zeitverlust. Allein der Schmerz erfüllt mich, der mich beim Anblick von Josh vollkommen übermannt hat. Meine Glieder sind bleiern und ziehen mich nach unten. »It´s okay, Dave. I know how you feel«, höre ich ihn ruhig und gefühlvoll flüstern. Ach ja? Da bin ich mir nicht im Klaren, ob du das weißt – oder im Geringsten erahnen kannst. Hier passiert etwas mit mir, das nicht vorgesehen war, und wofür ich keine Erklärung aufbringen kann: Aus dem Nichts heraus zieht es mich zu dir hin, Josh! Allein durch deine Gegenwart erschaudere ich. Ganz zu schweigen von deinen Berührungen, von denen ich Herzrhythmusstörungen bekomme. Mein Körper verfällt in einen Heulkrampf, der aus Scham, Schmerz und Trauer besteht. Der positive Kick, den ich zusätzlich empfinde, ist irrational. Jake offenbart sich in deinen Augen und ich werde mir der Liebe gewahr, die du für sie empfunden hast. Mein Kummer wird noch größer in dem Bewusstsein, was du an ihr verloren hast. Sie war dein Anker, dein Echolot, dein Leuchtturm in stürmischen Zeiten, dein Ruhepol, deine Zuflucht, dein Angekommen sein. Gleichzeitig merke ich, dass sie all dies ebenso für mich verkörperte. Zwar war ich ihr großer Bruder, sie jedoch meine Basis. Mein Lebensmittelpunkt.

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Mein ganzes verdammtes Leben lang! Was soll ich nur ohne sie tun? Ich bekomme dieses Gefühlschaos, die Zuneigung zu Josh und die Trauer um meine Schwester nicht geregelt. Meine Kraft brauche ich augenblicklich, um die Beisetzung überstehen zu können. Seit ich denken kann, habe ich mich meinen Emotionen nie so ausgeliefert gefühlt, – Scheiße, ich sacke vor dir wie ein Mehlsack zusammen und vergesse dabei völlig, wie es dir gehen muss –, ich klammere mich an Josh wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring, und jammere: »I´m so sorry about that.« »David, hör auf dich zu entschuldigen. Ich schaff’ das! Komm ...« Bei diesen Worten packt er mich an den Schultern, schüttelt mich leicht, mustert mich dann eingehend. Unsere Gesichter sind gefährlich nahe beieinander. Aus einem Impuls heraus beuge ich mich nach vorne, um ihn zu küssen. Meine Lippen treffen seinen linken Mundwinkel. Josh hat den Kopf gedreht, weil Max plötzlich neben uns erschienen ist. »Hey Guys, der Trauergottesdienst beginnt in wenigen Minuten, und deine Eltern suchen dich, David.« Josh hat die missglückte Kussattacke nicht registriert – oder besonders gut überspielt. Zumindest bemerke ich keine Veränderung an ihm, nur ich fühle mich noch elender. Wie kann ich das Jake nur antun? Ich verdammter Heuchler! Es ist ihre Beerdigung! Wir erheben uns. Ich trockne mir das Gesicht mit meinem Handrücken und schnäuze meine Nase mit dem Taschentuch, das Max mir reicht. Meine Nerven sind gespannte Drahtseile.

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Die meisten Leute sitzen bereits in der Kapelle, als wir, an allen vorbei, nach vorne zu unseren Plätzen gehen. Meine Mutter schaut mich, während ich mich setze, betrübt an. Sie nickt mir zu. Ich hoffe, dass niemand, vor allem nicht sie, mitbekommen hat, was hinter der alten Eiche passiert ist. War da überhaupt etwas? Wir haben um Jake getrauert, das ist alles. Der Baum, der uns geschützt hat, könnte hundert Geschichten erzählen, aber ich bin erleichtert, dass er für immer schweigt. Den Worten des Pfarrers »… zusammengekommen … von Jakobine Jansen, Jake genannt, Abschied nehmen … ihr Leben …« und dem Ablauf der Zeremonie kann ich nicht folgen. Meine Gedanken drehen sich ausschließlich um die letzten Minuten im Friedhofsgarten. Ich blicke verstohlen in Joshs Richtung. Seine lässige Sonnenbrille verdeckt erneut sein – für einen Mann – sehr feines Gesicht. Ich erkenne keine Regung darin. Er starrt vor sich hin. Und dann, kommt sie, die Foto-Collage, die ich mit Jake gemeinsam zusammengestellt habe. Diese Dinge wollte sie mit Verstand regeln, und vor allem selbst gestalten, solange sie dazu in der Lage war. Die Bilder bezeugen ihr kurzes, ereignisreiches Leben. Jake suchte Fotos aus, auf denen all die Menschen zu sehen sind, die sie in ihrem Leben begleitet und die ihr etwas bedeutet haben. Dazwischen sind Aufnahmen, die sie auf ihrer Vielzahl von Reisen und Exkursionen gemacht hat, und von ihren letzten Monaten, als sie noch weitgehend selbständig war. Die Trauergäste sitzen lautlos in den Bankreihen, als die Bildergalerie auf die große, weiße Leinwand projiziert wird. Untermalt wird das Gezeigte von Jakes Lieblingsband Depeche Mode und deren Lied Waiting for the

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Night. Sie konnte sich nicht entscheiden, welchen Song sie wählen sollte und überließ es schließlich mir einen auszusuchen. Bei den ersten Klängen des Songs zuckt Josh zusammen. Die Bilder wechseln im Fünf-Sekunden-Takt: Jake als Baby in Mamas Arm: Ich gucke sie neugierig an und meine Hand streichelt über ihren Kopf. Jake auf dem Dreirad und ich neben ihr, mit meinem geliebten grünen Fahrrad, das sie »Flitzer« getauft hatte. Jake breit grinsend im Blümchenkleid, mit Schultüte im Arm. Jake mit Papa beim Drachensteigen. Jake und ich beim Zelten im Garten – wir hatten uns alleine so gegruselt, dass wir dann doch im Haus schliefen. Jake und ihre beste Kindheitsfreundin Anne-Katrin auf der Rutsche unseres Lieblingsspielplatzes. Jake, Großmutter und ich mit Sternwerfern am Weihnachtsabend. Jake mit ihren liebsten Schulfreundinnen auf der spanischen Treppe in Rom bei der Abi-Abschlussfahrt. Jake, sitzend, am Rand des Grand Canyons – hier fasste sie den Entschluss, Geologin zu werden. Jake und ihre damalige Lebenspartnerin Ella ins Gespräch vertieft. Ein Schnappschuss vom Tag ihres Kennenlernens auf einer OI-Veranstaltung, bei der Ella als Pianistin engagiert war – Ja, Jake hatte ebenfalls ein Faible für das weibliche Geschlecht. Jake auf ihrem Trainingsgerät, dem »Galileo«. Jake und Josh am Flughafen von Port-au-Prince, mit Selbstauslöser.

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Josh und ich in kumpelhafter Umarmung an seinem 40. Geburtstag. Eine übergroße Kakerlake - Jake hasste diese Viecher. Das Pflegepersonal des Alzheimer-Demenz-Zentrums. – Sie machte das Foto, als sie sich entschied, dort aufgenommen werden zu wollen. Unser letztes Familienfoto, bevor sie die Erinnerung an uns und ihr Leben langsam verlor. Einige Trauergäste kämpfen gegen die Tränen an, und ich will mir am liebsten die Ohren zuhalten, da der Liedtext gemeinsam mit den Bildern schwer auszuhalten ist. Ich reiße mich zusammen, um nicht in einem Weinkrampf zu enden. Plötzlich bemerke ich Joshs Hand, die nach meiner sucht, und zucke unmerklich zurück. Ganz selbstverständlich nimmt er sie, hält und drückt sie fest, ohne mich dabei anzusehen. Augenblicklich versteife ich mich innerlich zu einem Holzklotz und blende alles um mich herum aus, stiere die Bilder auf der Leinwand an und höre diese unglaublich melancholische Melodie. … And here in the still all that you feel is tranquility … – und fühle meine Hand in seiner. Keine meiner Tränen findet mehr durch den Tränenkanal bis zum Ausgang, ich bin unsagbar angespannt. David, du darfst deine Trauer teilen. Da ist diese sichtbare Verbindung. Er reicht dir seine Hand. Tröste du ihn ebenso! Ganz allmählich entkrampft sich mein Körper und lässt sich von der Musik durchdringen und der Wärme von Joshs Hand. Ich schließe die Augen, betätige die Reviewtaste in meinem privaten Kopfkino und durchlaufe Jakes und meine

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Lebensstationen im Schnelldurchlauf. Diese mentalen Bilder halten mich gefangen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich sie nicht ausblenden. Meine Tränen rinnen mir unaufhaltsam über das Gesicht. Auf eine ungeahnte Weise fühle ich mich erlöst und bin in diesen Sekunden mit der Welt im Reinen. Ich spüre Joshs Daumen, wie er sanft über meine Handoberfläche streift. Meine Wahrnehmung liegt erneut gebündelt in seiner Hand. Mir stellen sich die Härchen am Arm auf und ich schäme mich für das wohlige Gefühl, das er in mir auslöst. Er will mir Trost spenden, doch ich fühle es irgendwie anders. Dieses Erlebnis ist neu und abwegig für mich. Bis vor gut einer Stunde habe ich keinen Gedanken an Josh verwendet. Ich wusste schließlich, dass er da sein würde. Wir kennen uns lange und immer war es freundschaftlich, ja, fast brüderlich zwischen uns. Ja, brüderlich, warnt mich mein Gewissen. Mir ist nicht erst seit heute klar, dass er magische Augen hat. Na, wenn schon, das weiß er, das wissen alle und wir haben uns darüber mehrfach unterhalten. Wie viele Blicke habe ich bereits in diese Augen geworfen, wie viele Lacher mit Josh geteilt? Das darf schlagartig nicht anders sein! Herrgott, ich muss mich fangen und das Ganze nüchtern betrachten: In der Trauer und im Schmerz können Gefühle schon einmal verrücktspielen. Das hat nichts zu bedeuten! Den heutigen Tag muss ich unter Extremsituation verbuchen, was er schließlich ist und in solchen Augenblicken reagiert der Mensch eben: extrem. Das ist zu verzeihen, David. Nur keine Panik!

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Zu wissen, was passieren würde

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u sehen, wie sich der Sarg in die Tiefe senkt, schnürt mir die Kehle zu. Ich fühle mich erschlagen. Die Macht des Schmerzes lässt nicht nach. Keiner kann mir meine Jake zurückbringen. Sie hatte mich schon vor geraumer Zeit verlassen: Ihre Hülle existierte weiter, indessen war Jake in ihr verloren gegangen. Sie sah zwar aus wie Jake, jedoch war ihr Körper nicht mehr von der Schwester beseelt, die ich mein Leben lang gekannt und für die ich mich verantwortlich gefühlt habe. Es ging alles zu schnell. Ungefähr drei Jahre konnte Jake gut zu Hause leben, dann baute sie rapide ab, so dass meine Eltern und ich die Pflege nicht ohne zusätzliche Unterstützung leisten konnten. Und Jake hatte wirklich kein Glück. Die beschissene Alzheimer-Demenz schlug schonungslos zu. Anfangs war Jake in guter körperlicher Verfassung und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich schleichend. Doch nach einem grippalen Infekt kam es mir vor, als ob ihr Gehirn in einen Streik getreten wäre und bestimmt hätte, alle Funktionen radikal zurückzuschrauben. Sie litt zunehmend unter Wortfindungsstörungen und konnte keine verständlichen Sätze mehr formulieren. Schnell hatte sie ihre komplette Energie verloren. Ihre Begeisterungsfähigkeit lag tief begraben auf dem Grund ihrer Seele. Jake zeigte ihren Mitmenschen immer gravierendere Veränderungen ihres Verhaltens und ihrer Persönlichkeit. Sie hatte alles, was diesen neuen

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Teil ihrer Lebensreise anging, genau geplant. Denn nach Bestätigung der Diagnose besprachen unsere Eltern und ich alle Eventualitäten und ihre Wünsche haargenau mit ihr. Zum Schluss konnte diese starke und lebensbejahende Frau nichts alleine bewältigen. Sie wusste sich in den alltäglichsten Dingen nicht zu helfen. Vergaß wie man mit Messer und Gabel isst, auf die Toilette geht, sich an- und auszieht oder dass Seife zum Waschen benutzt wird. Dass ein Buch zum Lesen da ist, war ihr von heute auf morgen fremd. Wie ein kleines Kind riss sie die Seiten daraus heraus oder faltete sie zu sinnlosen Gebilden zusammen. Die Krankheit hatte ihr ihre Fähigkeiten geraubt. Schrittweise, unaufhaltsam und ohne Rücksicht, bis sie meine Schwester vollkommen einnahm und sie in sich selbst verschwand. Diese, meine Jake, liegt jetzt in einem dunklen Erdloch – dabei hatte sie lichtdurchflutete Räume so geliebt – eingebettet in einen schlichten Sarg aus Buchenholz, den Ella in leuchtenden Farben bemalt hat. Jake konnte stundenlang in den Gängen und im Garten des Heimes auf und ab gehen. Mit zunehmender sprachlicher Einschränkung wurde sie motorisch unruhig und musste sich viel bewegen. Sie kommunizierte hauptsächlich über ihre Augen. Sie genoss es sehr, von ihrer Familie und dem Pflegepersonal berührt und gemocht zu werden. Eine Pflegerin meinte, wir sollten ihr eine Puppe in der Größe eines Säuglings schenken, damit sie eine Aufgabe hätte. Jake kümmerte sich rührend um dieses Spielzeugbaby. Endlich hatte sie etwas zu tun, denn sie wollte den ganzen Tag beschäftigt sein. Dass das kleine Wesen aus Kunststoff war, bemerkte sie nicht. Für sie war es ein Mensch, ... WEITERLESEN IM BUCH

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Liebe Jake, ich musste zurück. Es ging nicht mehr. Jetzt bin ich zu Hause und fühle mich leer, kraftlos und unbewohnt. Der Rest meines Egos ist irgendwo über dem Atlantik von Bord gesprungen. Das ist mir noch nie passiert: Ich bin während des Fluges umgefallen! Muss mir den Kopf dabei kräftig angehauen haben. Es war niemand da, der mich auffing. Weißt du noch damals in der Herrentoilette? Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind? Du glaubst gar nicht, wie verdutzt ich war. Passiert mir nicht oft, einer Frau im Klo gegenüberzustehen. Im ersten Moment, als ich dich im Spiegel gesehen habe, dachte ich, ich sehe mich. Deine Augen in meinen – und welch´ verrückte Augen! Deine blauen Skleren haben mich weggefegt. Und dann deine Verwirrung! Du sahst fürchterlich zerzaust aus; diesen Anblick werde ich nie vergessen – und im nächsten Moment sackst du mir einfach weg. Herrgott nochmal, hat mich das erschreckt! Als du dann langsam zu dir kamst und ich dich nach deinem Namen gefragt habe, dachte ich

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einen kurzen Moment »Die hat den totalen Knall!« In meinen Armen lag eine Frau, die behauptete Jake zu heißen! Damals hat unsere gemeinsame Reise begonnen. Sie war kurz, dafür außerordentlich spannend und intensiv. Nun bist du fort. Hast mich auf so grausame Art verlassen. David hat mich, so gut es ging, darauf vorbereitet. Dennoch: was ich mit dir durchgemacht habe! Jake, zu erleben, wie sich dein Wesen veränderte, war die reinste Folter. So habe ich mir das nicht vorstellen können. Der reibungslose Umgang mit dir war für mich täglich von deiner Laune abhängig. Mit dir bewegte ich mich durch Raum und Zeit, als wäre ich ein Astronaut auf Weltraumspaziergang. Nichts war erprobt, alles schien möglich und meine Welt auf deinen häuslichen Mikrokosmos zusammengeschrumpft. Die schönsten Augenblicke teilten wir, wenn wir gemeinsamen meine und deine Fotografien ansahen. Ich staunte über deine Beobachtungsgabe. Obwohl die Bilder täglich die selben waren, für dich offenbarte sich immer etwas Neues in ihnen und ich lernte die Welt mit deinen Augen zu sehen. Jedenfalls gab ich nicht auf. Nein, das ist nicht meine Art. Ich hatte dir gesagt, ich würde bleiben, doch jetzt sind meine Grenzen erreicht.

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Im Flugzeug bin ich mit einem gewaltigen Brummschädel wach geworden. Eine Stewardess hat mir einen kalten Beutel an den Kopf gehalten. Mein Kreislauf spielte während des gesamten Fluges verrückt. Ich bin definitiv am Limit. Mir ist schier die Kraft ausgegangen. Meine Aufgabe, die ich viele Monate mit David und deiner Familie zusammen geteilt und getragen habe, ist weg. Du bist weg! Außerdem stelle ich schockiert fest, dass ein Teil von mir verloren gegangen ist. Wo sind meine Lebensfreude und mein Humor geblieben? Gestern – war das gestern? – ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, seit ich in Santa Barbara angekommen bin. Der Jetlag tut sein Übriges und ich schleppe mich durch den Tag. Jedenfalls: Die vielen Tage zuvor schautest du mich morgens verwundert an und musstest angestrengt überlegen, wer ich war und was ich bei dir machte. Immer wenn ich meinen Namen nannte, huschte ein Lächeln über dein Gesicht. Ob du wirklich wusstest, wer ich war, darüber konnte ich mir nie sicher sein. Denn wenn ich dich fragte, woher wir uns kannten, wurdest du fast ärgerlich und entgegnetest vorwurfsvoll »Wie, das weißt du nicht mehr?« Es war verrückt, dir täglich aufs Neue zu sagen, dass du dich anziehen musst und dir die Sachen wie einem kleinen Kind der Reihe nach zu reichen. Du konntest sehr ärgerlich werden, wenn

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ich mich nicht nach dir gerichtet habe und du deinen gewohnten Spaziergang nicht machen konntest, wann du wolltest. Ach, Jake, was soll jetzt werden? War es wirklich richtig, dich und deinen Bruder alleine zu lassen? Ich bin verunsichert, was passieren wird, und ob ich dich wiedersehen werde. Du meinst, ich solle nicht rumjammern, das sei nicht der Josh, den du kennst. Nein, das bin ich nicht mehr! Denn das würde bedeuten, dass ich so tue, als hätte es die Zeit mit dir und der Krankheit nicht gegeben – und das wäre eine komplette Lüge. Und nun bin ich in Kalifornien. Mum und Max haben mich vom Flughafen abgeholt. Mum will mich gar nicht mehr aus den Augen lassen. Sie kann es nicht mit ansehen, wie mager ihr »Kleiner« geworden ist und wird vermutlich jeden Tag auf der Matte stehen, um mir irgendwelche gesunden Kraftbrühen zu brauen. Max schleicht obendrein um mich herum und möchte mich auf andere Gedanken bringen. Sie sind so schrecklich lieb, dass es mich fast nervt. Verflucht, ich bin kein planloser Teen, dem man auf die Beine helfen muss! Allerdings fehlt nicht viel und ich werde zum Psychowrack. Das hört sich furchtbar an, ich weiß. Doch nach den vielen schlaflosen Nächten bin ich aus der Bahn geraten. Jetzt muss ich lernen, wieder für mich

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zu sorgen und hoffe inständig, dass David dasselbe für sich tut. Ich brauche Ruhe und viel Schlaf. Wenige Stunden in der Nacht zu schlafen war ich gewohnt. Jedoch nicht, womöglich mehrmals aufzustehen. Entweder, weil du auf die Toilette musstest, oder so unruhig warst, dass du durch die Wohnung gegeistert bist, ich dich einfangen und ins Bett zurückstecken musste. Bald wird dich deine Familie ins Heim bringen, da sie die Rundumpflege zu Hause nicht mehr leisten können. Ich habe dein Zimmer gesehen, es wird dir gefallen. Die Sonne scheint bis weit in den Nachmittag hinein. Die Wände sind in einem angenehmen Moosgrün gestrichen und die Möbel weiß – schlicht und freundlich. David wird dir mehrere Bilder an die Wand hängen. Von deinen Exkursionen, deiner Familie und uns. Selbst wenn ich körperlich nicht mehr anwesend bin, in Gedanken bin ich jeden Tag bei dir, meine Liebe. Entschuldige meine Tränen, sie müssen raus. Der Flug war beschissen anstrengend und ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll: Der Gedanke, dass diese hinterhältige Krankheit nicht zu stoppen ist, quält mich. Am liebsten würde ich all diese Gedanken und Gefühle in einen Sack packen, zuschnüren und entsorgen. Allerdings kann ich das nicht. Mein Kopf lässt ...

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ENDE DER LESEPROBE

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Ein herzliches Dankeschön an Anke für »no alarms« und alles was danach kam. Kira für die begeisterte Weiterempfehlung. Jannis für die Freude über den Text und das hartnäckige,unermüdliche und freundliche Lektorieren. Heike für das wiederholte Lesen und Mitdenken. Tanja und Anne für das virtuelle Mitfiebern. Astrid für ihre stets richtigen Worte. Bernd für sein Da-Sein und all die anderen vielen Kleinigkeiten. Pelin für das Zuhören und die emotionale Unterstützung. Sevastos für die letzten, feinen i-Tüpfelchen und diese besondere Chance, und schließlich Benedict für das »Nicht-Loslassen«. Ines Schmidt

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B I O G R A P H I S C H E S


INES SCHMIDT

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Ines Schmidt wurde in einem kleinen transilvanischen Städtchen geboren. Im Kleinkindalter konnte sie mit ihren Eltern nach Deutschland ausreisen. Kindheit und Jugend verbrachte sie in Nürnberg. Nach ihrer Schulzeit machte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Behindertenwerkstatt. Mehrere Jahre arbeitete sie in den Sommerferien auf einer Freizeit für Behinderte und ihre Familien. Zum Studium ging sie nach Würzburg. Danach zog es sie tiefer in den Süden. Sie lebte und arbeitete ein paar Jahre in München. Sie begleitete und leitete Menschen mit Handicap bei deren Arbeit an. Um den Bergen noch näher zu sein, zog sie vor mehreren Jahren ins Voralpenland. Heute lebt und arbeitet sie südöstlich von München. Ines Schmidt im Größenwahn Verlag: »Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig 18 erotische Rezepte«, vertreten mit ihre Kurzgeschichten Das Omelette und Use Somebody – Süsse Früchte; 2014

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Jannis Plastargias (Hrsg.) Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig 18 erotische Rezepte ISBN: 978-3-942223-80-5 eISBN: 978-3-942223-81-2 »Liebe geht durch den Magen« sagt man, und du zerbrichst dir schon seit Tagen den Kopf darüber, was du Leckeres kochen sollst! Du hast ein Ziel: sie/ihn zu verführen, und schon das Essen soll deine erotischen Absichten enthüllen. Bald ist sie/er da. Sorgfältig den Salat d´amour auf die Teller anrichten, die Spargelcremesuppe de luxe noch mal probieren, spätestens beim Dessert muss sie/er dich küssen. In dieser 2. Queer-Anthologie stellt Jannis Plastargias ausgesuchte Geschichten vor, die sinnlich, frivol, überraschend, aber auch traurig sind, Erzählungen über Menschen, die versuchen, mit erotischen Rezepten den Partner zu verführen – oder ihn zu töten, auf jeden Fall ihr kulinarisches Handwerk beherrschen und meistens in der Küche zu finden sind. »Ich habe Hunger!« »Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig …«

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Jannis Plastargias Liebe/r Kim Briefroman ISBN: 978-3-942223-92-8 eISBN: 978-3-942223-93-5 Ein Anruf reißt Kosmás aus dem beschaulichen Gleichgewicht seines Lebens. Bei seinem Neffen wurde Krebs diagnostiziert. Zwanzig Jahre ist es nun her, dass er selbst an einem Weichteilsarkom im Knie litt. Ist das nun Zufall? Erbliche Vorbelastung? Er muss nach Hause und seine Notizen suchen. Jahrelang hatte er vor, sie in den PC einzugeben und auszudrucken, doch alleine die Aussicht, das alles abtippen und noch einmal durchleben zu müssen, ließ seine Stimmung sinken. Könnten diese Seiten auch seinem Neffen helfen und ihm in seiner Bedrohung Beistand leisten? Einen Versuch ist es wert. Kosmás hat den Krebs damals überlebt, und ebenso die Chemotherapie und Bestrahlungen. Woher die Idee kam mit den Tumor zu sprechen, weiß er nicht mehr – damals hat es aber geholfen, das Sprechen und vor allem das Schreiben. Jannis Plastargias erzählt vom Erwachsenwerden mit gesundheitlichen Problemen. Sein Held beschließt, dieses geschlechtslose Sarkom auf den Namen Kim zu taufen und alles, was er über sich selbst in jener schweren Zeit herausfindet, schreibt er auf. Hier ist nicht nur sein Kampf gegen diese/n Kim dokumentiert, sondern auch seine Veränderung: Die Entdeckung der Sexualität mit einem Mädchen, die Entdeckung der Sexualität mit einem Jungen.

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Thomas Pregel Die unsicherste aller Tageszeiten Roman ISBN: 978-3-942223-28-7 eISBN: 978-3-942223-35-5 Der berühmte ›Torture porn-origins‹Maler flieht aus Berlin. Er hat Angst von den Folgen seiner Taten, nicht nur der aus der letzten Nacht: Süchtig nach schmutzigem, anonymem und ungeschütztem Sex mit Männern. Hat er jemanden getötet? Gewissenbisse jagen ihn. Wie konnte sich sein Leben nur so entwickeln? Thomas Pregel kartographiert das Innenleben eines Malers, das beherrscht ist von der Angst, die Realität zu akzeptieren und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Trotz Aufklärung über HIV und AIDS balanciert sein Antiheld auf dem Seil der Ansteckungsgefahr, provoziert mit rohen Sexszenen und fasziniert gleichzeitig mit atemberaubenden Gefühlswelten. Ein Roman über die Kunst, ihre Wahrnehmung und Wertschätzung, eine intime Retrospektive des Künstlers, seines Werdegangs, seiner Inspirationen und Schwächen, und eine Geschichte über die unsicherste aller Tageszeiten, wenn das Herz nach Liebe pocht.

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Maria Skiadaresi Das Herz nach Istanbul tragen Roman aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-942223-29-4 ISBN: 978-3-942223-36-2 Orestis – verheiratet, eine Tochter – fliegt mit begründeter Angst geschäftlich nach Istanbul, denn zwischen Goldenem Horn und Bosporus wartet die unbewältigte Vergangenheit auf ihn: Kindheit in Athen, Studium in England und eine Studienreise in die Türkei, die ihm das Unerwartete brachte: Murad – die Liebe seines Lebens. Nichts ist jemals für ihn klar geworden, nicht einmal die sexuelle Orientierung. Dreißig Jahre danach trägt er ein vernachlässigtes Herz in die Stadt seiner Träume. Er hört es schlagen. Er hört es klagen. Er hört es fragen. Was ist aus Murad geworden? Maria Skiadaresi, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der griechischen Gegenwartsliteratur, beschreibt das faszinierende Psychogramm eines Mannes, der im Schatten seiner dominanten Frau lebt und erst im Herbst seines Lebens nach einem Ausgang aus dem Irrgarten der Gefühle sucht. Ihr Roman ist eine Liebeserklärung an Istanbul und eine Ode an die Liebe, die über Geschlecht und Nationalität steht, sich weder um sozialen Status noch um Ideologie schert und in jedem Körper ein Zuhause finden kann, weiblich oder männlich – die Liebe kennt keine Unterschiede.

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Iosif Alygizakis Das Blau der Hyazinthe Roman, aus dem Griechischen von Hans-Bernhard Schlumm ISBN: 978-3-942223-84-3 eISBN: 978-3-942223-85-0 Auf der Suche nach dem ersten Job übernimmt ein angehender Lehrer den Privatunterricht für den 13-jährigen Aristarchos und er glaubt, die Augen des Jungen deuten zu können. Er selbst lebt in ständiger Furcht, sein Geheimnis könnte entdeckt werden – er steht auf Männer – und somit treiben ihn Scham- und Schuldgefühle dazu, bewusst männlich aufzutreten. Doch während des Unterrichts passiert es. Der Lehrer verliebt sich in seinen Schüler. Iosif Alygizakis, einer der ersten neugriechischen Autoren, der in seinen Romanen offen über homoerotische Themen schreibt, vermittelt in poetischer Sprache die Gefühlswelt eines Mannes, der gefangen ist in der moralischen Verurteilung der Gesellschaft. Die Hafenstadt Chania bildet die Hintergrundkulisse für den hilflos seinen Ängsten ausgelieferten Protagonisten, einen einsamen und träumerischen Lehrer, der zum Zentrum des sexuellen Erwachens seines jungen Schülers wird.

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Thomas Bäumler Priester, Neffe, Tod Gerti Zimmermann recherchiert ISBN: 978-3-95771-031-4 eISBN:978-3-95771-032-1 Georg Hornberger – geachteter Theologe, Prälat und Ehrenbürger seines oberpfälzer Heimatortes – wird brutal ermordet aufgefunden. Nicht nur die Polizei steht vor einem Rätsel. Die angehende Journalistin Gerti Zimmermann, die ein Volontariat bei der Heimatzeitung absolviert, beginnt zu recherchieren. Ihre Ermittlungen, die sie bis nach Prag führen, lassen ihr keine Ruhe. Im Tagebuch des Junkies Josef, des Neffen des Ermordeten, findet sie einen erstaunlichen Hinweis: Josef wurde als Jugendlicher von seinem Onkel sexuell missbraucht. Gerti erforscht die Familiengeschichte des Ermordeten und entdeckt Geheimnisse, deren Lüftung vielen Beteiligten ein Dorn im Auge zu sein scheint. Werden ihre Ermittlungsergebnisse Gehör finden? Ist die Redaktion der Zeitung bereit, die Wahrheit zu drucken? Thomas Bäumler kreiert den ersten Fall der blutjungen Gerti Zimmermann, die noch am Anfang ihre Karriere steht. Auf der Bühne dieses ländlich geprägten nordbayrischen Umfeldes durchlebt eine katholische Familie ihre Tragödie. Eine sozialkritische Kriminalgeschichte mitten in Deutschland um Medienmacht, Meinungsfreiheit und Glauben. Und über sexuellen Missbrauch. »Eine Abrechnung mit der katholischen Kirche.« SÜDDEUTSCHE ZEITUNG » Ein ›heißes Eisen‹, das der Autor anpackt.« OBERPFÄLZER KURIER WEIDEN

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Leseprobe granatapfelrot ines schmidt  

Sein ganzes Leben lang hat David sich für seine Schwester Jakobine verantwortlich gefühlt, sie geliebt, beschützt, gepflegt. Jakobine hatte...

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