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Geschenk vom Olymp

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| Reihe: 21


Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2012 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Sewastos Sampsounis, Frankfurt 2012 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte Vorbehalten. ISBN: 978-3-942223-12-6 eISBN: 978-3-942223-59-1

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Brigitte M체nch

Geschenk vom Olymp und andere Bescherungen Neue 채g채ische Geschichten

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IMPRESSUM

Geschenk vom Olymp Reihe: 21 Autorin Brigitte Münch Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schriften Constantia und Lucida Calligraphy Covergestaltung Peter Sarowy Coverbild Martios Sigma: Hermesflug Lektorat Michael Fröhlich Druck und Bindung Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main April 2012 ISBN: 978-3-942223-12-6 eISBN: 978-3-942223-59-1

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I N H A L T 7 20 31 38 45 55 65 71 88 97 106 123 131 146 154 164 179 187

GESCHENK VOM OLYMP SAGE MIR, MUSE ... ALEX UND DIOGENES ALS DIE DÄMMERNDE FRÜHE ... DER MAULBEERBAUM WARTEN AUF ÄSOP AMO(U)R FOU SCHULE DER APHRODITE PHANTOMSCHMERZ DIE SÄULEN DER DEMETER TAGEBUCH DES LOTOPHAGEN DER ADLER VATERTAG GÖTTERALLTAG EPIGONEN ÜBER DEN WOLKEN GLOSSAR BIOGRAPHISCHES

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F端r meine Freunde

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GESCHENK VOM OLYMP

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ermes ließ seinen Blick über den Platz schweifen. Drei Cafés standen zur Wahl, aber das mit den Tischen unter den schattenspendenden Orangenbäumchen sprach ihn am meisten an. Er humpelte auf einen der kleinen, runden Tische zu und ließ sich erschöpft auf den Stuhl daneben fallen. Seine Füße brannten. Er war das Laufen nicht gewohnt. Zudem behinderten ihn die Flügel an den Fersen, die er irgendwie notdürftig um die Füße gelegt und dann Socken darüber gezogen hatte, damit man sie nicht sah. Verstohlen lockerte er etwas die steifen, neuen Turnschuhe, um wenigstens ein bisschen Luft hineinzulassen. Es war lästig, dass man die Flügel nicht vorübergehend abnehmen konnte, wenn man schon laufen musste! Denn heutzutage konnte er sich ja nicht mehr fliegend oder schwebend hier blicken lassen, so wie früher. Damals war das kein Problem, im Gegenteil: Die Menschen grüßten ihn ehrfürchtig, wenn sie ihn sahen und senkten fromm den Blick. Aber die Zeiten waren vorbei. Die Menschen glaubten schon lange nicht mehr an ihre alten Götter und würden einen Schock erleiden, wenn sie Hermes etwa über die Straßenschluchten fliegen sähen ... Das konnte er nicht verantworten und war ihm jetzt auch streng verboten. Er seufzte und bewegte vorsichtig die schmerzenden Zehen. Vom Eingang des Cafés sah ein Kellner zu ihm herüber und steuerte dann auf ihn zu. Was soll man bloß bestellen, dachte er. Er mochte nichts von all dem Zeug, was man hier bekam ... Aber um keinen Argwohn zu wecken, entschied er sich für irgendeine Limonade – er musste sie ja nicht trinken. Er wollte nur eine Weile hier sitzen und sich ausruhen. Seit ewigen Zeiten schon war er nicht mehr vom Olymp heruntergekommen. Er hatte auch nicht besonders viel Interesse daran gehabt, was

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sollte er hier noch? Die Welt der Sterblichen hatte sich von ihnen abgenabelt, sie hatten ihre alten Götter ins Reich der Mythologie abgeschoben und sich irgendwie neu orientiert. Und wahrscheinlich hatten sie nicht mal unrecht. Er wusste zwar kaum etwas über die neuen Götter der Menschen, der Olymp unterhielt keine Beziehungen zu ihnen. Aber vermutlich waren sie weniger selbstherrlich, arrogant und machtgierig als ihre alte elitäre Clique unter seinem launischen, unberechenbaren Vater Zeus – denn sonst hätten sie sich wohl kaum seit schon zweitausend Jahren halten können. Auf dem Olymp war es freilich dadurch etwas öde und langweilig geworden, man war nur noch unter sich und hatte wenig Abwechslung. Ihn störte das allerdings nicht allzu sehr. Er hatte lange genug im diplomatischen Dienst gestanden und Botschaften ausgetragen und genoss nun seine Ruhe und Freiheit. Dass er sich jetzt nach langer Zeit mal wieder unter die Sterblichen mischte, hatte natürlich einen Grund: Alle Jubeljahre wurde er nochmal mit einer Mission losgeschickt, und jetzt war es mal wieder soweit. Hermes gähnte und streckte die Beine von sich. Die Turnschuhe drückten, obwohl er sie wegen der Flügel schon eine Nummer größer genommen hatte. Auch diese Jeanshose war nicht gerade bequem – schon komisch, womit die Menschen sich heutzutage quälen! Aber er musste sich ja mit der Kleidung anpassen, um nicht aufzufallen, und so eine Jeanshose war offensichtlich weit verbreitet und daher völlig unverfänglich. Die Locken hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden, was derzeit Mode zu sein schien bei den jungen Männern. Und so ging er als ganz normaler, etwa dreißigjähriger Athener des 21. Jahrhunderts durch, falls er nicht irgendeinen unbedachten Fehler machte. Er ließ die Finger in die Hemdtasche gleiten und zog ein dünnes Marmorplättchen hervor. Darin war das Porträt eines jungen Mädchens eingraviert, einer Sterblichen ... Sie musste er suchen und finden. Ihr Name war Angeliki, und sie war eine Ur-Ur-Ur-Ur ... nein, so viele Ur konnte er gar nicht zusammenzählen! Jedenfalls eine Urenkelin seines Vaters Zeus. Sie war die Nachfahrin einer Tochter, die Zeus in grauer Vorzeit mit einer Sterblichen gezeugt hatte. Und wieso er sich diesmal

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gerade sie ausgesucht und ins Herz geschlossen hatte, gehörte zu den Rätseln, über die Hermes sich schon längst keine Gedanken mehr machte. Es war eben so. Mal galt seines Vaters Liebe der einen, und mal der andern Nachfahrin – das kam und ging, und die vorübergehende Schwärmerei fand ja irgendwann ohnehin zwangsläufig ein Ende, wenn die Bevorzugte eines Tages starb. Meistens war es auch schon vorher vorbei mit der Liebe, wenn sie in die Jahre kam und die Jugend verblüht war ... Denn er hatte nicht mehr wie früher die Macht, ihnen ewige Jugend und Unsterblichkeit zu verleihen. Er konnte ihnen nur noch lebenslange Gesundheit und Schönheit bis ins Alter schenken, und damit hatte er Hermes beauftragt, der mit der Fähigkeit ausgestattet war, diese Gabe zu übermitteln. Dazu musste er das Mädchen allerdings für einige Sekunden berühren, egal wo, es genügte etwa seine Hand auf ihrer Schulter. Immerhin war es schon ein Fortschritt, nach langen Jahrhunderten, dass sein Vater solche sterblichen Geschöpfe nur noch aus der Ferne liebte. Das ersparte ihnen eine Menge Ärger auf dem Olymp, wie man ihn noch zur Genüge aus früheren Zeiten kannte. Und dafür nahm Hermes es in Kauf, ab und zu einen solchen Auftrag zu erledigen. Zumal es auch ganz unterhaltsam war, zwischendurch mal wieder das menschliche Leben und Treiben aus der Nähe zu sehen! Wenn nur das Laufen nicht so mühsam wäre ... Barfuß wäre es ja kein Problem, aber dann würde man eben die Flügel sehen. Die Menschen hatten früher gedacht, seine Flügel seien an den Schuhen befestigt – was für eine drollige Idee! Wie hätte er sie dann wohl bewegen können? Im Moment aber wünschte er, dass es so wäre. Die Sterblichen hatten überhaupt so manche falsche Vorstellung von den Olympiern gehabt, aber das war ja jetzt auch egal und spielte keine Rolle mehr. Hermes steckte das Marmorplättchen wieder ein und verschränkte die Arme. Diese Angeliki fiel etwas aus dem üblichen Rahmen: sie war nicht reinblütig. Ihr Vater hatte als junger Mann Griechenland verlassen und war in irgendein nördliches Land gegangen, das weit jenseits des olympischen Aktionsradius, irgendwo in verschwommenen grauen Nebeln lag. Dort hatte er sich mit der Bevölkerung vermischt und eine Frau von dort genommen. Die Tochter Angeliki aber, die aus der Verbindung hervorge-

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gangen war, kehrte in ihr Vaterland zurück und tauchte damit wieder im Gesichtsfeld ihres göttlichen Vorfahren Zeus auf. Zu seinem großen Entzücken offenbar! Denn durch die Vermischung mit dem nördlichen Blut musste sie wohl einen ganz besonderen Reiz haben, der Zeus um ein Haar dazu gebracht hätte, sich doch nochmal in die Niederungen der Sterblichen zu begeben und ihren Spuren zu folgen ... Angeliki studierte Kunstgeschichte und hielt sich oft im Archäologischen Museum auf. Das war günstig, da konnte man sie leicht irgendwann finden und ansprechen. Hermes hatte nicht vor, sich endlos lange hier unten herumzutreiben, er wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen und dann in die Ruhe und klare Luft des Olymps zurückkehren. Athen war ja unerträglich geworden! Wie hielten die Menschen es hier nur aus? Er sah den Passanten nach, die kreuz und quer über den Platz liefen. Ihm gefiel die heutige Mode nicht. Abgesehen davon, dass sie unbequem war, konnte er auch keinerlei Schönheit darin erkennen. Die Welt der Sterblichen hatte sich doch sehr gewandelt ... Ob das am Einfluss ihrer neuen Götter lag? Vielleicht. In dieser Hinsicht hatten sie sich dann allerdings nicht zu ihrem Vorteil verändert, denn ob es die Mode war oder die neue Architektur, nirgendwo konnte auch nur entfernt von Schönheit die Rede sein. Er war gespannt, wie lange sich dieser merkwürdige Zeitgeschmack halten würde und wie es hier wohl nach weiteren fünfhundert oder tausend Jahren aussehen mochte. Hermes gähnte wieder und spielte gedankenverloren mit dem Strohhalm, den er aus der Limonade gezogen hatte. Was ihm diesmal außerdem auffiel: Die Menschen hatten es eiliger als früher. Alles rannte, flitzte, sauste ... Dabei wurden die meisten von ihnen doch inzwischen älter, warum also mussten sie sich so hetzen? Als wäre heute ihr letzter Tag! Bei diesem Ausdruck schwindelte es ihn ... letzter Tag – er wusste ja, dass alle Sterblichen einen letzten Tag haben, trotzdem fehlte ihm dafür die Vorstellungskraft. Umgekehrt konnten die Sterblichen sich vermutlich keinen Begriff von der Ewigkeit der Götterwelt machen. Sie waren schon arme Geschöpfe, die sich anstrengen mussten, die Erfüllung all ihrer Wünsche und Pläne in einem so kurzen Erdendasein unterzubringen! Wenn ...

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SAGE MIR, MUSE ...

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asso stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und das Kinn in die Hände. In früheren Zeiten, dachte er, saß man so über einem leeren Blatt Papier – jetzt starrte man auf den blanken Bildschirm des Computers. Diese wunderbare Maschine, die so vieles erleichterte, konnte eines jedenfalls nicht, genauso wenig wie ein herkömmlicher Schreibblock: Eine zündende Idee herbeizaubern. Eine Inspiration ausspucken. Vor zwei Wochen hatte er den Schlusspunkt hinter seine letzte Novelle gesetzt. Bis dahin hatte die Quelle reich gesprudelt ... seitdem jedoch schien sie versiegt zu sein, oder der Brunnen trockengefallen, oder wie immer man es mehr oder weniger poetisch ausdrücken mochte – es lief auf dasselbe hinaus. Ein paar vage Ideen, Schemen mehr, führten eine Art Gespensterdasein in seinem Geist, sie ließen sich nicht fassen und nahmen keine tauglichen Formen an. Manche von ihnen machten sich gar lustig über ihn und tauchten auf und ab, wie die Schießbudenfiguren auf dem Jahrmarkt, die man mit einem Stoffball treffen will und meistens verfehlt: Schwupp, ist der Halunke grinsend wieder abgetaucht und der Ball gegen die leere Wand geprallt. Tasso nahm die Brille ab, rieb sich die Augen und sah zum offenen Fenster hinter seinem Schreibtisch hinaus. Es war eine warme Augustnacht und still bis auf das Zirpen der Grillen. Die Blätter der Olivenbäume im Garten glänzten im Schein des Vollmonds, der die Alleinherrschaft über den tiefschwarzen Nachthimmel angetreten hatte und für die Zeit seiner Machtausübung das Heer der Sterne majestätisch aus seiner Bahn fegte. Eine sanfte Brise strich ab und zu durch die Bäume und brachte sie mehr zum Flüstern als zum Rauschen. Die Nacht war zu schön, um einfach schlafen zu gehen. Allerdings hätte man mehr davon, dachte Tasso, wenn man sich nach draußen in den

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Garten setzte statt hier drinnen vor dem brummenden Computer zu hocken, für nichts und wieder nichts. Man könnte sich ein Glas von dem kühlgestellten Wein holen, sich vielleicht sogar einen Zigarillo gönnen, draußen auf der Gartenbank im Schein des Mondes baden und die wunderbare würzige Nachtluft genießen. Und den Gedanken freigeben und sie nach eigener Lust und Laune durch die Büsche und Bäume streifen lassen. Tasso schaltete den Computer aus, schob den Stuhl zurück und wollte gerade aufstehen – als er ein seltsames Geräusch hörte, das vom Fenster her kam. Etwas wie ein leises Seufzen ... Er verharrte reglos in derselben Stellung und horchte. Da war es wieder – ja, es war ein Seufzen ... aber von wo, von wem denn? Plötzlich sah er zu seinem Entsetzen, wie sich von außen eine mondbleiche Hand auf den Fenstersims legte! Und kurz darauf folgte eine zweite Hand ... Tasso wollte aufspringen, aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Ihm stockte der Atem, und im Nacken sträubten sich die Haare. Mit fliegendem Puls starrte er auf die beiden weißen Hände – hinter ihnen tauchte alsbald ein ebenso weißer Kopf auf, und schließlich zog sich eine Gestalt nach oben auf den Sims, nahm noch einen kurzen Schwung und ließ sich unter erleichtertem Ausatmen auf dem Fensterbrett nieder. Aber nein, das war keine Gestalt ... Das heißt: Es hatte durchaus Ähnlichkeit mit einem menschlichen Körper, er schien jedoch nicht stofflich zu sein. Kopf und Rumpf, Arme und Beine, alles war da – aber in einer einheitlichen mondweißen Durchsichtigkeit, und das ganze Gebilde waberte wie Nebelschwaden, oder weißer Dampf. Wobei es sich jedoch nicht verflüchtigte, sondern im Ganzen an derselben Stelle blieb. »Guten Abend, Tasso«, sagte das Gebilde mit einer immerhin festen Stimme. »Du hast mich gerufen.« »Ich ... hätte ...« »Entschuldige«, unterbrach ihn der Besucher auf der Fensterbank freundlich, »ich bin unhöflich! Ich sollte mich vielleicht erstmal vorstellen: Ich bin deine Muse. Eigentlich solltest du mich ja kennen.« »Meine Muse ...« Tasso versuchte, in der wabernden Erscheinung einen festen Punkt zu finden.

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»Daran gewöhnt man sich nach einer Weile«, erklärte sie, da sie Tassos Irritation bemerkte. »Ich kann mich leider nicht plastischer machen. Das, was du jetzt von mir siehst, ist das Äußerste ... Und glaub mir: Es kostet schon Anstrengung genug, diesen Zustand zu erreichen! Ich mache das auch nur sehr selten, und eigentlich ist es gar nicht erlaubt. Heute hatte ich aber so große Lust, mich ein bisschen zu unterhalten ...« »Mit mir?« »Ja, mit dir. Du rufst mich schon seit einigen Tagen, aber ehrlich gesagt: Ich brauche auch mal etwas Urlaub, ich meine, ich habe in der letzten Zeit recht hart für dich gearbeitet und mal ein bisschen Erholung verdient.« »Und um mir das zu sagen, bist du gekommen?« »Oh nein, natürlich nicht!« Sie ließ ein gläsern tönendes Lachen folgen. »Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten oder Pflichten, über irgendetwas Rechenschaft abzulegen. Du merkst es ja selbst, wenn ich dir gerade nicht zu Diensten bin. Ich hatte ganz einfach Lust auf ein bisschen außerdienstliches Plaudern mit dir. Ich mag dich. Und wollte dich mal ganz privat besuchen, wenn du nichts dagegen hast.« »Aber nein, natürlich nicht, ich fühle mich sehr geehrt! Verzeih nur, wenn ich mich erstmal an deine ... äußere Erscheinung gewöhnen muss – ich hätte sie mir ein bisschen anders vorgestellt ...« »Ihr habt alle zu romantische Vorstellungen und nehmt immer eure eigene Welt zum Vorbild, daran hat sich über die Jahrtausende nichts geändert. Und damit auch das gleich klar ist: Einen Musenkuss gibt es nicht. Auch das ist eine Erfindung von euch Dichtern.« Tasso lachte. »Nachdem ich nun deine persönliche Bekanntschaft gemacht habe, kann ich mir das auch nicht mehr so recht vorstellen. Ich hoffe, das beleidigt dich nicht?« »Aber nein. Wir haben völlig andere Gewohnheiten als ihr. Aber es wäre Zeitverschwendung, wenn ich dir das zu erklären versuchte, du könntest mir doch nicht folgen.« »Haben wir denn überhaupt irgendetwas Gemeinsames?«

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DER MAULBEERBAUM

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ieso, fragte Irini sich, schleppe ich mich in dieser brütenden Mittagshitze eigentlich durch die Gassen? Sie blieb stehen und schaute sich um. Kein Mensch weit und breit. Natürlich nicht! Vernünftige Leute liegen jetzt in ihren mit Jalousien abgedunkelten Schlafzimmern unter einem kühlen Laken im Bett und halten Siesta. Oder, wenn es Touristen sind, immerhin im Schatten eines Sonnenschirms am Strand, um von Zeit zu Zeit ins erfrischende blaue Meer zu springen. Warum also dieser mühselige Gang durch die kochenden Gassen, wo wollte sie hin? Komisch, vorhin hatte sie es doch noch gewusst ... Außerdem war ihr im Augenblick nicht ganz klar, wo sie hingeraten war, sie musste sich verlaufen haben. Verlaufen, in ihrem eigenen Heimatort? Naja, er war ja inzwischen doch ziemlich groß, war über die Jahre fast unmerklich in die Länge und Breite gewachsen, und da gab es Viertel, in denen sie nie etwas zu tun hatte und die sie deshalb kaum kannte. Das kommt von der Hitze, dachte sie, die versengt einem ja den Verstand! Und der Stress im Büro seit einem Monat mit den zusätzlichen abendlichen Überstunden, dazu der häufige Ärger mit Aris in den vergangenen Tagen – das ist alles im Moment irgendwie zuviel. Wieso nur gerieten sie in letzter Zeit so oft aneinander? Andere Paare lebten doch ruhig und harmonisch ... warum gelang ihnen das nicht? Obwohl, wer weiß schon so genau, wie es bei anderen aussieht, ob wirklich immer alles so rosig ist, wie es scheint. Wer blickt schon hinter die schönen Fassaden ... Irini wandte sich um und ging die ihr unbekannte Gasse zurück. Vermutlich, nahm sie an, war sie die ganze Zeit zu tief in Gedanken versunken gewesen und hatte daher nicht auf den Weg geachtet. An der nächsten Ecke kam ihr auch schon etwas bekannt vor: Ein kleiner Platz öffnete sich vor ihr, mit einem Springbrunnen in der Mitte und ein paar Geschäf-

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ten ringsum, von denen sie schon mal das eine oder andere besucht hatte. Allerdings – wann war das? Es musste wohl einige Jahre zurückliegen. Sie überquerte den Platz, der mit seinen tief herabgezogenen Markisen vor den Läden so aussah, als döse er mit geschlossenen Augen. Sogar der Platz schläft, dachte Irini, nur ich renne sinnlos herum. Plötzlich aber fiel ihr wieder ein, wieso sie nach der Arbeit nicht nach Hause gegangen war: Natürlich! Es war heute ihr letzter Arbeitstag vor dem Sommerurlaub – drei Wochen Ferien breiteten sich vor ihr aus, und sie hatte Lust gehabt, sich wie einer der vielen Touristen für eine halbe Stunde in ein Café auf der Meerpromenade zu setzen und ein großes Eis zu essen. Mindestens dreistöckig! Mit frischen Früchten! Statt nach Hause zu gehen und ein Mittagessen zu kochen. Das war es also. Und sie hatte noch gedacht: Soll Aris sich doch selbst was zu essen machen, ich habe jetzt mal frei! Also gut. Wie weit war sie an dieser Stelle wohl von der Promenade entfernt? Das Meer war von hier aus nicht zu sehen, aber es konnte ja nicht weit sein. Irini bog auf gut Glück in eine breitere Straße ein, die leicht abschüssig war, was vermuten ließ, dass sie zum Meer hinunterführte. Diese Straße kam ihr nun wieder völlig fremd vor. Wie konnte das sein, wenn sie doch den Platz wiedererkannt hatte? Irgendetwas schien heute mit ihrem Gedächtnis nicht in Ordnung zu sein ... Kann es denn sein, dass es in den Vierzigern schon anfängt nachzulassen? Und dazu noch so schlagartig? Das ist doch wohl nicht möglich! Es lag wohl eher an der Überarbeitung in der letzten Zeit, und eben an der Hitze. Die Straße machte etwas weiter unten eine scharfe Biegung nach rechts, sodass Irini unsicher wurde, ob sie tatsächlich zum Meer führen würde. Sie nahm eine Nebengasse geradeaus, die immerhin auf der einen Seite von einer Reihe Mimosen beschattet wurde. Allmählich brannten ihr die Füße – wie lange war sie eigentlich schon unterwegs? Sie wollte einen Blick auf ihre Armbanduhr werfen und stellte fest, dass sie sie nicht anhatte. Auch das noch! Lag sie noch im Büro auf ihrem Schreibtisch? Sie hatte die Angewohnheit, sie manchmal abzustreifen und vor sich hinzulegen. Oder hatte sie schon morgens früh zu Hause vergessen, sie anzuziehen? Irini blieb wieder stehen, ihr wurde plötzlich unheimlich zumute. Was war denn bloß los mit ihr ... Es war wohl das Beste, auf dem ...

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AMO(U)R FOU

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ine scharfe Bö fuhr plötzlich durch die Blätter des großen Olivenbaums und erschreckte die Zikaden, sodass sie für ein paar Sekunden ihr Zirpen unterbrachen. Sie weckte aber auch Amor, der es sich, unsichtbar für die Sterblichen, hoch oben in den schattigen Zweigen des alten, gastfreundlichen Baums für eine kleine Siesta bequem gemacht hatte und eingenickt war. Schläfrig öffnete er ein Auge, dann das andere – und gähnte herzhaft. Wie lange mag ich geschlafen haben, dachte er, und was hat mich geweckt? Jetzt herrschte wieder Stille – die Bö hatte sich wohl nur kurz vom Meer her in diesen Olivenhain verirrt und war dann eilig wieder in Richtung Strand abgedreht. Die Zikaden nahmen ihr Konzert wieder auf, und Amor reckte seine Glieder und die Flügel. Dann setzte er sich etwas auf, lehnte sich gegen den dicksten Ast, zog das rechte Bein an und ließ das linke baumeln. Immer noch ein bisschen verschlafen blinzelte er durch die Zweige hinüber zu der Quelle, die ihr klares Wasser friedvoll in das von Moos überwucherte Marmorbecken plätschern ließ. Ein paar Eidechsen spielten um das Becken herum Räuber und Gendarm, und ab und zu flog ein Schwarzkehlchen oder ein Spatz herbei und löschte seinen Durst – sonst war es nachmittäglich ruhig. Amor dachte an nichts. Er schaute den Eidechsen und Vögeln zu und pfiff leise, fast unhörbar, eine uralte Weise vor sich hin. Träge schwappte die Ewigkeit in seiner Seele, so wie das weite, tiefblaue Meer bei Windstille. In den Sommermonaten bummelte er gern durch die Welt der Sterblichen, er liebte die Wärme, die milde Meeresbrise, das Licht, das Bad im sonnendurchfluteten Meer. Und ab und zu verschoss er, je nach Lust und Laune, ein paar seiner Pfeile ... und die Getroffenen waren Begünstigte: Durch Amors Pfeile entstandene Liebesbindungen hatten mehr Kraft und

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waren beständiger als die von den Menschen selbst geknüpften – sie hielten für ein Leben! Auf dem Sandweg, der an der Quelle vorbeiführte, knirschten jetzt leichte Schritte. Gleich darauf bog ein etwa 20-jähriges Mädchen um den Brombeerbusch neben dem Becken herum und blieb dort stehen. Sie trug ein schlichtes, kurzes Sommerkleid und ein Badetuch über der Schulter, offensichtlich kam sie vom Ort her und war auf dem Weg zum Strand. Ihre üppigen blonden Locken hatte sie zu einem munter wippenden Pferdeschwanz gebunden. Sie zog das Badetuch von der Schulter und legte es über einen Baumstumpf neben der Quelle. Dann bückte sie sich, hielt beide Hände unter den Wasserstrahl und trank. Anschließend ließ sie sich, wie zu einer Rast, auf dem mit dem Badetuch bedeckten Baumstumpf nieder. Hoch oben in seinem Baum fühlte Amor sich wie von einem jähen Blitz durchzuckt, ganz so, als gäbe es einen zweiten Amor, der ihn mit einem Pfeil getroffen hätte ... was passierte ihm da aus heiterem Himmel? Auf den allerersten Blick? Was war denn das für ein Geschöpf, das so urplötzlich diesen hitzigen Funken in ihm entzündete? Eine Nymphe war es nicht, auch wenn ihre strahlende Schönheit sich durchaus mit einer solchen messen konnte – außerdem hätte eine Nymphe ihn hier oben schon längst entdeckt. Nein, es war eine Sterbliche! Wie lange war es her, dass er sich in eine Sterbliche verliebt hatte ... Er täte gut daran, sich auf der Stelle aufzuschwingen und das Weite zu suchen! Denn eine solche Geschichte konnte ja zu nichts als Komplikationen führen. Doch Amor rührte sich nicht vom Fleck und wandte den Blick nicht ab von dem blonden Mädchen neben der Quelle ... Nur ein bisschen gucken, das darf ich doch, sagte er sich, sie merkt ja nichts davon. Am allerwenigsten durfte er in Versuchung kommen, einen Pfeil auf sie zu abzuschießen, auch wenn es ihm noch so sehr in den Fingern zuckte! Denn damit wäre das Unheil besiegelt, sie würde ihr Lebtag nicht mehr von ihm loskommen. Aber – er käme doch auch ohne Pfeil aus, dachte er. Könnte er nicht einfach nur einen köstlichen Augenblick aus der Ewigkeit pflücken, so wie eine einzelne leuchtende Mohnblume aus dem endlosen Meer der Blumen im Frühling ...?

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PHANTOMSCHMERZ

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ber ...« Olga starrte auf die Fotos und blätterte sie immer wieder » von neuem durch. Dann nahm sie die Negative aus dem Umschlag und hielt sie nacheinander gegen das Licht des Fensters. »Das ist doch nicht möglich ...« Sie sortierte den größeren Teil der Abzüge aus und schob sie beiseite. Die übrigen legte sie wie eine Patience sorgfältig nebeneinander vor sich hin, dann stützte sie die Ellbogen auf den Schreibtisch und das Gesicht in die Hände und betrachtete die Bilder aufmerksam, eins nach dem andern. »Das ... das begreife ich nicht!« Sie lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Dann schaute sie noch einmal auf die Fotos, schließlich schüttelte sie den Kopf und griff zum Telefon. »Joanna?« »Oh, Olga! Was ist? Du klingst nicht gut ...« »Ich ... ja, nein, keine Sorge, es geht mir gut. Aber ich bin ein bisschen durcheinander ... Ich habe eben die Fotos abgeholt, und er ist ... er ist nicht drauf ...« »Welche Fotos? Und wer ist nicht drauf?« Olga atmete tief durch und rieb sich die Stirn. »Der ... mein ... Also, von vorn. Wir haben uns ja noch nicht gesehen, seit ich von meinem Ausflug zurück bin. Aber dass ich dabei ein kleines Abenteuer hatte, das hatte ich dir ja schon kurz gesagt. Und ... du weißt ja, dass ich immer noch meine alte Spiegelreflex benutze, ich mag diese Digitaldinger nicht. Und mit dieser alten Kamera habe ich Fotos gemacht ... auch von meinem – nun ja, Abenteuer. Vorhin hole ich die Abzüge ab und sehe jetzt, dass er nicht drauf ist ... als hätte ich eine leere Holzbank, oder nur einen Baum fotografiert!« Für einen Moment herrschte Stille in der Leitung.

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»Joanna ... bist du noch dran?« »Natürlich. Ich überlegte nur gerade, ob ich über meiner Mittagspause vielleicht eingenickt bin und träume. Aber im Ernst. Hast du auf den Negativen nachgeguckt?« »Ja. Dasselbe!« »Und es fehlt auch nichts?« »Nein.« »Wo hast du sie denn entwickeln lassen? Vielleicht hat sich da jemand einen Spaß erlaubt ...« »Ich war im großen Fotogeschäft am Platz, das einzige hier im Ort, das überhaupt noch Filme entwickelt. Da kennt mich keiner näher. Und wie sollte das denn auch gehen ...« »Hm ... aber irgendeine Erklärung muss es ja dafür geben, Olga. Ich komme heute Abend zu dir, wir wollten uns ja sowieso sehen. Und dann erzählst du mir mal alles ganz von vorn, mit allen Details.« »Schöne Bilder!«, sagte Joanna, während sie die Abzüge nacheinander anschaute. »So wie man es von dir als hervorragender Fotografin gewohnt ist.« Dann grinste sie. »Ich würde nicht sagen, dass irgendetwas darauf fehlt ...« »Sehr witzig. Würde ich vielleicht, auf dem Bild hier zum Beispiel, einfach diese Holzbank aufnehmen? Mit nichts als einem Busch dahinter und dem Himmel darüber? Das ist doch kein Motiv!« Joanna hielt das Foto in die Luft und betrachtete es sorgfältig. »Wieso denn nicht? Ist doch eine hübsche Idylle. Irgendein Mann wäre darin höchstens störend!« »Joanna, ich glaube, du nimmst mich nicht ernst! Da war ein Mann drauf, so wie auch auf diesen hier ...« Olga zog ein paar Abzüge aus dem Stapel und breitete sie auf dem Tisch vor Joanna aus. »Ich bin doch nicht plötzlich verrückt geworden!« Sie betrachteten beide die Bilder zum wiederholten Mal. Dann hob Olga den Blick und sah Joanna ratlos an. »Das will ich nicht hoffen, meine Liebe«, sagte Joanna. »Aber irgendeine plausible Erklärung muss es ja geben. Jetzt erzähl doch mal ganz ...

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DIE SÄULEN DER DEMETER

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tella blätterte die Post durch, die sie gerade aus dem Briefkasten geholt hatte: zwei Rechnungen, die Abo-Zeitschrift für Jorgos, eine Ansichtskarte von ihrer Freundin Anna, die gerade in Rom war. Und noch ein Brief an sie, ohne Absender. Die Adresse gedruckt – aber seltsamerweise war weder eine Briefmarke noch ein Post- oder sonstiger Stempel auf dem Umschlag. Der Brief musste wohl von jemandem direkt am Haus in den Briefkasten geworfen worden sein. Stella riss ihn auf und nahm einen DIN-A5-Bogen heraus. Sie faltete ihn auseinander. Vier knappe, auf Computer geschriebene Zeilen, genau in der Mitte des Blattes, sprangen ihr entgegen: Dein Mann betrügt dich. Geh zu den Demeter-Säulen, da erfährst du mehr. Am besten nachmittags, oder am frühen Abend. Keine Anrede, kein Datum, keine Unterschrift. Stella drehte den Briefbogen um, die Rückseite war leer. Sie las noch einmal den kurzen Text, sah dann auf und schaute verwirrt durchs offene Fenster in den Garten. Dort regte sich kein Blatt, die sommerliche Mittagshitze hing schwer in den Zweigen der Olivenbäume, und nur das schrille Zirpen der Zikaden zeugte von Leben in dieser heißen Stunde. Stella legte den Brief auf den Schreibtisch und setzte sich auf den Stuhl davor. Und las noch zwei, dreimal die paar Zeilen. Aus der Küche klang das Schlagen der Wanduhr herüber – es war zwei Uhr mittags. Stella faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es zurück in den Umschlag. Sie griff mechanisch nach dem Kugelschreiber, der auf dem

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Schreibblock lag und knipste ihn gedankenverloren auf und zu. Und hielt dabei den Blick auf irgendeinen Punkt im Nirgendwo fixiert. Schließlich stand sie wieder auf, ging in den Flur und nahm ihr Mobiltelefon aus der Handtasche, die am Garderobenhaken hing. »Mano? Hast du einen Moment Zeit?« »Ja, schieß los!« »Ich habe eben einen ... anonymen Brief bekommen ...« »Was? Wegen uns?« Stella lachte nervös. »Nein! Eher ... im Gegenteil. Jemand schreibt mir, dass Jorgos mich betrügt ...« »Wie bitte?« »Ja! Das ist ... ist das nicht ein Witz?« »Und ... keine Details? Kein Name oder sonst was?« »Nichts. Nur dass ich ...« Stella stockte. »Was?« »Nichts ... dass ich ... die Augen offen halten soll ...« Für einen Moment blieb es still in der Leitung. »Hör mal, Stella: Vielleicht ist das ja ein Wink des Schicksals!« »Wink des Schicksals ...?« »Na, überleg doch: Wenn Jorgos auch fremdgeht, dann sind wir doch freier! Dann musst du dir keine Gedanken mehr machen seinetwegen, und wir können endlich ... vielleicht sogar klare Verhält ...« »Mano, ich muss auflegen, ich höre Schritte vor der Tür ... vielleicht ist es Jorgos. Ich ruf dich später wieder an!« Stella drückte die Verbindung weg und warf das Telefon in ihre Handtasche zurück. Sie horchte einen Moment – es war kein Geräusch mehr zu hören. Ihr Blick fiel in den Spiegel neben der Garderobe. Sie betrachtete sich eine Weile darin, mit einem Ausdruck der Verwunderung, als hätte sie sich selbst seit langer Zeit nicht mehr gesehen und habe Schwierigkeiten, sich wiederzuerkennen. »Wieso ausgerechnet die Demeter-Säulen?«, murmelte sie ihrem Spiegelbild zu. ...

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ÜBER DEN WOLKEN Komödie in einem Akt

Personen: ARISTOPHANES: (schlank, mit vollem weißen Kraushaar und Vollbart, in blütenweißem, mittellangen Gewand, das in der Taille mit einem goldfarbenen Schal gehalten wird) SOKRATES: (beleibt, weißer, gelockter Haarkranz und zerzauster Vollbart, in etwas schmuddeligem, mittellangen Gewand, das in der Taille mit einer fransigen Kordel gehalten wird) CHOR: bestehend aus zwei Althippies in abgetragener, bunter Flatterkleidung. Der eine, männlich, hat ein Bouzouki umhängen, auf dem er ab und zu einen Ton zupft, der andere, weiblich, hält eine kleine Handtrommel unterm Arm, auf der sie ab und zu einen Schlag ausführt. Ort: Zwei Höhleneingänge, dicht nebeneinander, mit je einem runden Felsblock in Form eines Hockers daneben. Davor ein halbrunder, kleiner Platz. Bühnenbild: Aus der linken Höhle tritt Aristophanes mit einem Reisigbesen an langem Stiel und beginnt, vor seinem Eingang zu fegen. Staub wirbelt auf – etwas davon zieht in die Nachbarhöhle hinein. Kurz darauf ertönt lautes Niesen aus dieser Höhle, dann tritt Sokrates heraus.

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SOKRATES Bei allen Gipfeln des Olymps und sonstiger irdischer Erhebungen, du machst mich noch wahnsinnig mit deinem Putzfimmel! Du hast doch gestern erst gefegt, mein lieber Aristophanes ... ARISTOPHANES Ja und? Ich mag es eben gern sauber. Wenn man uns hier schon so schäbig untergebracht hat, dann will ich wenigstens nicht auch noch im Dreck ersticken! HERR Sokrates! fegt weiter. SOKRATES Phhhh! (wedelt sich den Staub aus dem Gesicht) Wenn man hier wenigstens noch eine Tür hinter sich zumachen könnte ... ARISTOPHANES Das wünschte ich mir allerdings auch! SOKRATES (Verschränkt die Arme) Was willst du denn damit sagen? ARISTOPHANES (kehrt sorgfältig ein praktisch unsichtbares Schmutzhäufchen zusammen) Das, was ich gesagt habe. Was sollte man denn daran noch erläutern müssen? SOKRATES Wenn du damit meinst, dass dir meine Nachbarschaft nicht passt – ich habe sie dir nicht aufgedrängt. Im Übrigen war ich vor dir hier!

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ARISTOPHANES (stützt sich auf den Besenstiel und schaut ins Nirgendwo) Man kann es sich hier eben nicht aussuchen. SOKRATES Mir wäre auch ein Nachbar lieber, der mich nicht ständig mit seinen Staubwolken einnebelt. Das ist doch eine Manie! Und was hast du denn, wenn ich fragen darf, an mir auszusetzen? ARISTOPHANES (immer noch in derselben Haltung, mit ironischer Miene) Ooooch ... kaum etwas. Außer, dass aus deiner Höhle nicht gerade angenehme Gerüche nach draußen dringen. Um es beim Namen zu nennen: es stinkt. Kein Wunder natürlich, wenn man nie mal sauber macht. Und... (Sokrates furzt laut und lässt ein erleichtertes Ausatmen folgen. Aristophanes verzieht das Gesicht.) Und ... nun ja, deine Erziehung lässt auch reichlich zu wünschen übrig. Wie man gerade mal wieder hört. SOKRATES (lässt sich auf dem Felshocker neben seinem Eingang nieder) Du hattest selber keine Hemmungen, das Furzen ausgiebig in deinen Stücken zu erörtern, mein Herr. Und hast es gar mit dem Donner deines Zeus verglichen! CHOR (beide Hippies kommen von hinten um die linke Höhle herum und bleiben neben dem Eingang stehen) Seht, wie die beiden großen Meister sich fanden nun und messen ihren Geist. Ein Lehrstück wird's, drauf kannst du dich verlassen!...

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B I O G R A P H I S C H E S


Brigitte Münch wurde 1947 in Düsseldorf geboren. Sie besuchte das humanistische Gymnasium, verließ es im Jahr 1965 und absolvierte eine dreijährige Buchhändlerlehre. Im Anschluss an die Prüfung ging sie mit ihrem griechischen Freund für ein Jahr nach Thessaloniki, wo sie einerseits ihre bereits erworbenen Grundkenntnisse der griechischen Sprache weiterentwickelte und andererseits Studenten und Schüler privat in Deutsch unterrichtete. Im Jahr 1969 kehrte sie zunächst nach Deutschland zurück und arbeitete in ihrem Beruf als Buchhändlerin in Buchhandlungen und Verlagen. Der Kontakt zu Griechenland und ihren dortigen Freunden riss jedoch nie ab, er wurde durch jährliche Reisen dorthin und regelmäßigen Briefverkehr aufrechterhalten. Ende 1979 ging sie mit ihrem damaligen, ägyptischen Ehemann nach Kairo. Dort war sie als freie Mitarbeiterin bei Radio Kairo für den Local European Service tätig, als Sprecherin, Übersetzerin und Programmgestalterin. In den letzten zwei Jahren ihres Ägyptenaufenthalts arbeitete sie zusätzlich noch als Chefsekretärin in der Kairoer Niederlassung von Mercedes-Benz. Im Herbst 1985 kehrte sie endgültig in ihr eigentliches Traumland Griechenland zurück. Sie ließ sich auf der Kykladeninsel Naxos nieder und betrieb dort bis 1993 eine Jazz-Bar. Danach machte sie sich an die Erfüllung eines schon länger gehegten Wunsches: das Übersetzen griechischer Literatur ins Deutsche. Vor Ort waren es hauptsächlich touristische Texte und Reiseliteratur, und in Verbindung mit dem Romiosini-Verlag in Köln griechische Belletristik der Neuzeit – Romane (z.B. ›Kaiserin Theophano‹ von Kira Sinou), Erzählungen und Kurzgeschichten (T. Patrikios, J. Theotokas, M. Karagatzis, M. Fakinos u.v.a.). Zuletzt erschien in ihrer Übersetzung ›Amerika '62, Roman einer Reise‹ von Panos Ioannides (Oktober 2011, Verlag Auf dem Ruffel, Hamburg). Diese Tätigkeit als freie Literaturübersetzerin übt sie bis heute aus. Neben allem anderen war sie seit ihren Jugendjahren auch immer schriftstellerisch produktiv. Aber erst seit zwei Jahren hat sie begonnen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen – zunächst mit Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien. Im Jahr 2011 erschien dann ihre erste Sammlung mit Ägäischen Geschichten (Größenwahn Verlag), mit dem Titel ›Die blaue Tür‹. Die, wie auch wieder der vorliegende neue Band, auf den Eindrücken und Erlebnissen eines 26jährigen Lebens in der Ägäis basiert.

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Brigitte Münch im Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Die blaue Tür

Ägäische Geschichten »Selten oder eigentlich nie haben wir von deutscher Seite solche Stimmen vernommen, die in einer solchen Intensität, mit einer solch einfühlsamen Beobachtungsgabe sich so tief in die heutige Welt dieser Griechen eingehört haben, und jetzt selbst zu singen und zugleich die Seele der deutschen Menschen in Griechenland zu durchleuchten im Stande sind…« schreibt Prof. Hans Eideneier in seinem Vorwort über dieses Buch. Die Autorin lebt seit über 25 Jahren auf der griechischen Insel Naxos und kennt die Schicksale der Einheimischen, sowie die Sehnsüchte der Touristen. In ihrem Buch erzählt sie 17 Geschichten von Liebe, Urlaub und Entscheidungen unter der Sonne Griechenlands. ISBN: 978-3-942223-03-4

Xenos in Griechenland

Erzählungen deutschsprachiger Immigranten

Deutsch und Griechisch »Hals über Kopf hat sich Eva dazu entschlossen, mit ihrer großen Liebe nach Griechenland zu ziehen. Keinen Gedanken hat sie daran verloren, wie das Leben sein wird in einem fremden Land …« Deutsche und deutschsprachige Immigranten erzählen aus ihrem Leben in Griechenland: über Begegnungen, Erfahrungen und ihre Gefühle. 19 ausgewählte Beiträge des Kurzgeschichtenwettbewerbs »Xenos in Griechenland« werden zweisprachig – im deutschen Original und in griechischer Übersetzung – präsentiert. Der Wettbewerb wurde aus Anlass des 50-jährigen Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und Griechenland vom GoetheInstitut Thessaloniki in Zusammenarbeit mit dem GrößenwahnVerlag Frankfurt am Main veranstaltet. Brigitte Münch ist vertreten mit ihrer Kurzgeschichte ›Heimkehr in die Fremde‹. ISBN: 978-3-942223-06-5

Bewegt

Kurzgeschichten

Deutsch und Griechisch

Eine zweisprachige Anthologie der Gesellschaft Griechischen AutorInnen in Deutschland aus und Anlass des 50-jährigen Erzählungen deutschsprachiger Immigrantene.V. Deutsch Griechisch Arbeits-Anwärter-Vertrages zwischen Deutschland und Griechenland. 17 AutorInnen beschreiben in ihren Kurzgeschichten Formen und Auswirkungen von kollektivem, menschlichem Zusammenleben, angetrieben von brennenden Gefühlen, die als immerwährende Bewegung empfunden werden. Brigitte Münch ist vertreten mit ihrer Kurzgeschichte ›Warten auf Äsop‹. ISBN: 978-3-942223-02-1

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Aus dem Größenwahn Verlagsprogramm, Bücher mit Griechenland-Themen, bereits erschienen:

Edit Engelmann Krisse! Krise! Schulden am Olymp Tagebuch eines Frosches ISBN: 978-3-942223-04-1

Edit Engelmann Zitronen aus Hellas Geschichten und Rezepte, von einer die auszog um griechisch zu leben ISBN: 978-3-942223-09-6

Stefano Polis Milch in Papier Kindheit und Jugendjahren zwischen zwei Kulturen ISBN: 978-3-942223-08-9

Katerina Metallinou-Kiess Daheim im Nirgendwo Ein europäischer Lebensweg ISBN: 978-3-942223-05-8

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Auf dem Olymp leben dem Mythos nach die griechischen Götter. In vielen Sagen und Legenden haben die Olympier oftmals in die Geschicke der Me...

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