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Die l端gnerische Sonne der Kinder

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Reihe: Via Egnatia


Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2014 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Sewastos Sampsounis, Frankfurt 2014 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-942223-96-6 eISBN: 978-3-942223-97-3

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Elena Chouzouri

Die l端gnerische Sonne der Kinder Roman Aus dem Griechischen von Brigitte M端nch

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IMPRESSUM

Die lügnerische Sonne der Kinder Reihe: Via Egnatia Autorin Elena Chouzouri Erschienen 2013 bei Ekdoseis Kerdos, (Εκδόσεις Κερδος), Athen, GR Originalausgabe: ›Δυο φορές αθώα‹ © Copyright: Elena Chouzouri - Ekdoseis Kerdos, A.E. Übersetzerin Brigitte Münch Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schriften Constantia und Lucida Calligraphy Covergestaltung Marti O´Sigma Coverbild Marti O´Sigma: ›Russische Sonne‹ Lektorat Maria Konstantinidou www.lektorat-und-korrektorat.de Druck und Bindung Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Oktober 2014 ISBN: 978-3-942223-84-3 eISBN: 978-3-942223-85-0

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Fremd in der Fremde, fremd auch in der Heimat ein Fremdling hier, in den elysischen Gefilden. Aris Fioretos, Der letzte Grieche

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PROLOG

I

hr seid, ihr Brüder, einem ungleichen Gefecht und Kampf zum Opfer gefallen ... Am Anfang sind die Stimmen gerade eben zu hören, fast flüsternd, nach und nach werden sie lauter, immer lauter, sie klettern die Wände der Kirche hoch, verdecken die Heiligen, erreichen die Kuppel, berühren den Allmächtigen. Zum Opfer seid ihr gefallen, ihr Brüder ... Veronika hört es, sie möchte sich die Ohren zuhalten, um nichts zu hören, doch sie hört. Sie sieht die achtzigjährigen, neunzigjährigen, vielleicht auch hundertjährigen Gestalten im Dämmerlicht zwischen Kerzen und Weihrauch, sie sieht den Sarg, sieht ihren Vater, sein Gesicht ragt knapp aus den Totenblumen heraus, die Stimmen schrillen in ihren Ohren, schon wieder dieser verfluchte Brechreiz. Reiß dich zusammen, Veronika, du musst dich zusammenreißen, zusammenreißen. Die hervorbrechende Woge beschmutzt ihr schwarzes Kleid, beschmutzt den Sarg, beschmutzt die Totenblumen. Fall wenigstens nicht in Ohnmacht, Veronika, werde nicht ohnmächtig ... Jemand breitet seine Arme aus, die Stimmen fahren nun raunend fort. Zum Opfer seid ihr gefallen, ihr Brüder ... Veronika fällt aus der Welt.

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V

eronika K., achtundfünfzig Jahre alt, von mittlerer Größe, normalem Gewicht und mit einem Gesicht, das sich standhaft gegen die Zeit verteidigt, schreitet voran, sie geht mit eiligen Schritten. In den letzten drei Jahren macht Veronika alles im Eilschritt. Und so auch heute. Es hat zu dämmern begonnen, und Veronika müsste eigentlich schon zu Hause sein. Seit Maschas Tod, jener Frau also, die sie Mutter genannt und als Mutter empfunden hatte, geht Veronika selten aus dem Haus. Höchstens, um eben bis zum nächstgelegenen Vasilopoulos-Supermarkt zu springen, wo es, wie sie schon vom ersten Augenblick ihrer Berührung mit dem Athener Boden gehört hatte, sogar auch noch Milch von goldenen Kühen gab. Sie hatte freilich nie den Wunsch gehabt, sie zu kaufen, um sich davon zu überzeugen, ob dieser bestimmte Supermarkt tatsächlich so etwas bereithielt, denn zum einen ekelte sie sich selbst vor Milch und zum anderen konnte ihr Vater schon seit Jahren keinen Tropfen mehr davon trinken, da es ein solches Sodbrennen hervorrief, als hätte man ihm Napalm eingeworfen, wie er es ausdrückte, mit seinem unsäglichen Humor, den manche schon geradezu tödlich nannten. Ganz im Gegensatz zu seinem Freund, dem Doktor, dessen Witze einen Tränen lachen und wieder zum Kind werden ließen, denn die gutmütig-heiteren Witze bezwecken genau dies: einen wieder zum Kind zu machen. Seit jedoch der Doktor mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Skopje gegangen war, hörte Veronika auf, ein Kind zu sein, dazu kam, dass ihr Vater sie ohne Lena nicht ins Kino gehen ließ, das sie so liebte, und wenn ihr Vater zu maulen begann, intervenierte der Doktor. Du kannst es nicht lassen, den strengen »Advokaten« zu

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spielen, recht hatten sie, dass sie dich aus der Partei geworfen haben, was sollen diese lupenreinen Proletarier mit so einem bürgerlichen Kopf anfangen! Und beide platzten vor Lachen. Veronika wusste nicht, worauf genau er anspielte, aber das war ihr ziemlich egal. Worauf es ankam, war, dass sie mit Lena ins Kino gehen konnte, ohne weiteres Genörgel. Wieso kam ihr das jetzt alles in Erinnerung? Wegen der Journalistin? Oder etwa ...?

In diesem Augenblick jedenfalls hat Veronikas Geist sich in die Höhe geschwungen, Veronikas Geist bekommt Flügel. Er stellt Bilder auf, ruft Stimmen in Erinnerung, rekonstruiert Gesichter, sogar Empfindungen ahmt ihr erweiterter Geist nach und spürt Berührungen, riecht Gerüche, diverse Geschmäcker lassen ihren Gaumen feucht werden. Aber was soll das jetzt alles, Veronika, hört sie tief im Innern ihre Stimme, eine strenge, sehr strenge Stimme wie die ihres Vaters. Wie ist sie dahin geraten, wer hat diese Stimme in die Tiefen ihrer Seele geworfen, die unbarmherzig weiter auf sie einredet. Aber wieso hat sie dich denn so aufgewühlt, Veronika, diese Journalistin, du brauchst ihr nicht zu antworten, sag ihr gar nichts, Veronika, du bist zu keiner Antwort verpflichtet, du hast keine Verpflichtung, dich an irgendetwas zu erinnern, erinnere dich nicht, Veronika, erinnere dich nicht, denn wenn du einmal anfängst, dich zu erinnern, wenn du anfängst, dich zu erinnern ... Doch Veronika kann der Stimme nicht gehorchen, der Erinnerung keinen Widerstand leisten, sie kommt nicht gegen die Zeit an, während sie läuft, kommt die Zeit und wickelt sie ein, treibt sie um, wirbelt sie herum und alles gerät durcheinander, wie Kraut und Rüben, wie man so sagt, Fetzen, die mit dem erstbesten Lüftchen nach hierhin und dorthin wehen, und sie schnappt mal den einen, mal den anderen, versucht, sie zu verbinden, ihrem Leben eine Einheit zu geben, versucht, alle diese Stücke zusammenzufü-

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gen, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt, vor sehr langer Zeit, aufgelöst haben und verschwunden sind. Wie viele Jahre lag dieser Zeitpunkt zurück? Wie viele Jahre, seit Veronika ihre Erinnerungen zusammengeknüllt hatte? Zweiundzwanzig?

Gegen neun Uhr am Morgen des 9. November 1989 erreicht Veronika K. den Bahnhof von Taschkent. Es ist derselbe Bahnhof, an dem ihr Vater im Oktober 1949 ankam, eine Tatsache, die Veronika ganz und gar nicht beschäftigt und die sie wahrscheinlich, wie sich zumindest später zeigt, noch nie besonders beschäftigt hat. Absolut sicher ist zudem, dass Veronika K. in den Augenblicken, in denen sie läuft, ankommt und in den Zug der Strecke TaschkentMoskau einsteigt, nicht weiß, dass wenige Stunden später, also am Mittag oder späten Nachmittag, auf jeden Fall aber am Abend dieses 9. November 1989, zig Meilen von hier entfernt, in einer anderen Welt, an einem anderen Ort eine Epoche zusammenbricht und eine neue ersteht, zwischen Bergen von Schutt, Steinen, Tränen, Flüchen, bekannten und unbekannten Wünschen, zertrampelten Träumen, jedoch in keinem Fall eine unaufrichtige und eigennützige. Bis zur Mitternachtsstunde des 9. November 1989 und während Veronika K. etappenweise aufhört, die bisherige Veronika K. zu sein, wird es die Mauer in Berlin nicht mehr geben. Und auch die Welt der Veronika K. nicht mehr.

Es war November. Der achte. Donnerstag. Vorgerückte Mittagsstunde. Zwei, drei? Vielleicht auch vier. Seit dem Vortag packte ich. Kleider, Bücher, Platten, Fotoalben, Briefe, Andenken, das Maskottchen Mischa der Olympischen Spiele 1980 in Moskau ... Ich wählte aus, sammelte zusammen, verstaute in den Koffern. Mit den Bewegungen eines praktischen Menschen, der keine Zeit vertrö-

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delt, der entschlossen ist, organisiert und in die Tat umsetzt. Der sich nicht mit sinnlosen und unangebrachten Gedanken abgibt. Der sich nicht mit sinnlosen und unangebrachten Gefühlen abgibt. Ich hörte stets: Veronika ist kein Mensch der Worte, sondern der Tat. Veronika redet nicht viel, sie handelt. Bravo, Veronika. Beherrscht, methodisch, effektiv. Veronika wird mit der Medaille soundso geehrt. Veronika wird mit der Medaille sowieso geehrt. Ich sammelte auch die Medaillen zusammen. Ich steckte sie in eine kleine handgemachte Tasche – das Geschenk einer Usbekin aus Tschirtschik. Ich war vollkommen konzentriert. Durch eine einzige unbedeutende Kleinigkeit kann alles auseinanderfallen. Also sei auf der Hut, Veronika, sei auf der Hut. Und dann so um drei Uhr herum – oder war es vier? – spürte ich plötzlich Durst und ging in die Küche, um Wasser zu trinken. Und während ich den Hahn aufdrehte, um einen herumstehenden Becher zu füllen, schaute ich, ja, ich erinnere mich genau, schaute ich zu dem kleinen Küchenfenster hinaus. Und da, ja, ich erinnere mich ganz genau, da spürte ich, wie ich erstarrte. Wie ich meine Hand mit dem Becher nicht bewegen und sie nicht unter den Wasserstrahl des Hahns führen konnte. Durch das kleine Küchenfenster kam Taschkent mit all seinen Farben auf mich zu. Mit all seinen Geräuschen. Mit all seinen Gerüchen von den Bazaren. Mit all seinen Parks, seinen Straßen, mit dem Sommersee meiner Kinderjahre, mit den Zeltlagern in den Bergen meiner Jugendjahre. Im selben Augenblick nahm weit hinten über den Bergketten des Tianshan noch einmal ein Sonnenuntergang seinen tiefroten und violetten Marsch zur Stadt auf. Der letzte Sonnenuntergang, den ich in dieser meiner Geburtsstadt und meiner bereits sechsunddreißig Jahre sehen würde. Denn in diesem Moment fühlte ich mit absoluter Gewissheit, dass ich all das, was ich durch das kleine Küchenfenster betrachtete, nie wieder sehen würde. Und da, wie ich da so stand, immer noch erstarrt und mit dem Becher in der

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Hand und vor dem laufenden Wasserhahn, da hörte ich diese Stimme in mir. Du bist verloren, Veronika, du verlierst dein Leben, Veronika, alles verlierst du, Veronika. Und da kam mir dieser Brechreiz, dieser furchtbare Brechreiz, und ich rannte zur Toilette, um – was von mir zu geben, was wollte ich eigentlich von mir geben?

In jener Nacht schlief ich so gut wie gar nicht. Mein Magen ließ mir keine Ruhe, und als es mir irgendwann gelang, einzuschlafen, hatte ich einen schrecklichen Traum: Wir waren alle zusammen am Aralsee, ich, die Mutter und der Vater, und das war sehr schön, denn wir waren schon lange nicht mehr alle vereint gewesen, seit die Mama krank wurde und gestorben war, wie mir der Papa gesagt hatte, obwohl ich, ganz ungewollt, ein paar Erzieherinnen im Kindergarten sagen hörte, dass meine Mama aus anderen Gründen »fortgegangen« sei, und nicht, weil sie krank war, ohne jedoch den Grund zu nennen, sie verstummten, sowie sie mich in einer Ecke stehen sahen, also war ich nicht einmal vier in diesem Traum. Sie war bildschön, und während sie mich an der Hand hielt, war ich so glücklich, ja, so glücklich, in der anderen Hand hielt ich ein Hörnchen mit Eis, das sie mir gekauft hatte, sie wusste, wie sehr ich Eis im Hörnchen liebte, obwohl der Vater sagte, dass ich nicht so viel Eis essen solle, das sei nicht gut für kleine Kinder mit dem vielen Zucker darin, und seit meine Mama fort war, habe ich, wenn's hochkommt, vielleicht in jedem Sommer zweimal Eis gegessen, jedenfalls, sie hielt mich an der Hand, und er ging auf der anderen Seite neben ihr, ohne sie unterzuhaken, wie ich das bei all den anderen Mamas und Papas, die ich kannte, sah, wenn sie zu einem Spaziergang ausgingen. Wir spazierten also alle drei am Ufer entlang und alles war sehr hell, Leute kamen und gingen, viele Kinder aßen Eis so wie ich, manche lachten laut, von irgendwoher waren Musikklänge zu hören, als ich plötzlich spürte, dass meine Hand

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leer war, ohne die Hand meiner Mama, ich wandte mich um, um nachzusehen, wo ihre Hand geblieben war, doch ich sah nichts, auf der Seite von Mama und Papa hatte sich Dunkelheit herabgesenkt, die ganze Welt war auf dieser Seite stockfinster, ich konnte nicht das Geringste sehen, ich begann zu schreien, ich schrie Mama, Papa, wo seid ihr, wo seid ihr hingegangen, lasst mich doch nicht allein, doch in Wirklichkeit kam kein Laut aus meinem Mund, und obwohl ich meinen ganzen winzigen Körper bewegte, konnte ich doch nicht den allerkleinsten Schritt zu dieser finsteren Seite hin machen, ich wachte schweißgebadet auf und schlief keine Minute mehr, doch warum erinnere ich mich jetzt an all das, warum muss ich mich daran erinnern? Weil ich die Kapsel aufsprengen muss. Welche Kapsel? Die, in welche ich mich von dem Augenblick an einschloss, als der Zug losfuhr. Sowie der Zug sich in Bewegung setzte, sobald dieses langsame Tack-Tack, Tack-Tack seinen Anfang nahm, das die Räder beim langsamen Reiben über die Schweißnähte der Geleise erzeugen, es fühlte sich an, als würden sie mich zersägen, als würde jemand meinen Körper in zwei Hälften sägen, tack-tack, tack-tack, am liebsten wäre ich aus dem Zug gesprungen, um diesem Zersägen zu entgehen, um meinen Körper zu retten, meine Seele, mein Leben, und da begann mich eine Eiseskälte einzuhüllen, vollständig, sie fing bei den Zehenspitzen an, kroch die Beine hinauf, die Schenkel, kroch weiter zum Magen, zur Brust, erreichte mein Herz, meinen Kopf, mein Hirn, mein ganzes Inneres vereiste, und vom Scheitel bis zur Sohle schloss ich mich in eine Kapsel ein. Um mich zu retten, um zu überleben, um mich nicht zu erinnern. In dieser Kapsel lebe ich seit nunmehr zweiundzwanzig Jahren. Was also wollen Sie von mir?

Diese Frage hätte Veronika der Journalistin, mit der sie sich treffen würde, gern gestellt. Sie arbeitet an einer Recherche über

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die zweite Generation der politischen Flüchtlinge, erklärte sie ihr, für die Zeitung Soundso. Doch sie stellte sie nicht, weil das zu Gesprächen mit ihr geführt hätte, die sie ganz und gar nicht suchte. Sie beschränkte sich auf das Notwendige, ein Wort, das ihr Vater regelmäßig benutzte, und darüber hinaus nichts. Nichts? Nieprawda, Veronika, nieprawda, hörte sie jene tiefe Stimme in ihr auf Russisch sagen, also Lüge, Veronika, Lüge, denn seit dem Moment, da du beschlossen hast, dich mit der jungen Journalistin zu treffen, hast du die Kapsel gesprengt, Veronika, hast sie in Stücke zerbrochen, deshalb läufst du jetzt durch die Gegend und willst nicht nach Hause zurück, obwohl du genau weißt, dass es Zeit ist, ihm das Essen zu bereiten, ihn zu füttern, zu waschen, ihm seine Medikamente zu geben, ihn schlafen zu legen, diesen Baby-Vater, der bettlägerig und hilflos auf dich wartet. Das Treffen zwischen Veronika K. und der jungen Journalistin Danae Z. findet im ebenerdigen Café des Hotels Titania auf der Panepistimiou-Straße statt, nahe beim Omoniaplatz. Es war Veronikas Wahl. »Wo sollen wir uns treffen?« – »Im Titania, im Café.« – »Sie meinen das Hotel?« – »Jawohl.« Nicht ausgeschlossen, dass die junge Journalistin, zumindest dem Ton nach zu urteilen, über die Wahl etwas befremdet war, sie selbst wäre wohl nie auf die Idee des Cafés in einem großen, zentralen Athener Hotel gekommen, sondern hätte sich eher irgendein kleines, stimmungsvolles Café auf der Skoufastraße oder um den Karytsiplatz herum vorgestellt, wohin sie ihre Interviewpartnerin begleitet hätte. Die junge Dame wusste jedoch nicht – woher sollte sie auch –, dass Veronika K. einen Tee, denn Kaffee trank sie nicht, nur im weitläufigen, hellen Saal eines großen Hotels einnehmen konnte. Im Café des Titania hatte Veronika schon einmal gesessen, wann genau, weiß sie nicht mehr, es muss vor mindestens fünf, sechs Jahren gewesen sein, jedenfalls noch vor dem Tod ihrer Stiefmutter Mascha. Sie hatte es gar nicht vor, ja, ja, es war reiner Zufall gewesen. Irgendeine Ange-

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legenheit hatte sie bis dorthin geführt, in eine Gegend, die sie ohnehin nicht mochte, der Schmutz, die Vernachlässigung und das Grau der umliegenden Gebäude stießen sie ab, dieses Mal jedoch, ja, natürlich, daran entsinnt sie sich, fiel ihr auf, dass sich etwas verändert hatte, ein paar neoklassizistische Häuser waren frisch gestrichen und leuchteten in der Sonne, die elenden und nur euphemistisch zu bezeichnenden Bürgersteige waren durch neue ersetzt worden, die ihrerseits glänzten, und sie empfand Freude darüber, wie einen Freudensprung. Ob Athen sich wohl verschönert? Sie erinnert sich, dass sie sich das gefragt hatte, und da, wie ihr Herz sich gerade einen Spalt auftat, stand sie vor dem Hotel Titania. Oder besser gesagt, sie trat in die Arkade des Hotels Titania und blieb plötzlich vor der großen Glasfront stehen, die den gesamten Eingangsbereich einfasst. Sie blieb stehen, als hätte sie etwas magnetisiert. Das Bild, das sie sah, hatte sie magnetisiert, ein vertrautes Bild, das sie in einem früheren Leben häufig gesehen hatte, in jenem Leben also, das sie in eine Kapsel eingeschlossen hatte. Und genau dieses Gefühl der Vertrautheit aus jenem lang zurückliegenden Leben bewegte sie dazu, die gläserne Tür des Eingangs aufzustoßen und in die Empfangshalle einzutreten, wie im Trancezustand zum Café weiterzugehen, sich auf eines dieser bequemen Kanapees zu setzen und beim Kellner einen Tee zu bestellen. Danach bot sich ihr keine Gelegenheit mehr, diese Gegend von Athen aufzusuchen, geschweige denn zum Hotel Titania zu gehen, die Glastür des Eingangs aufzustoßen, auf einem Kanapee Platz zu nehmen und einen Tee zu trinken. Und nun siehe da, nach so vielen Jahren, sechs oder sieben oder sogar acht, hört sie ihre eigene Stimme am Telefon der jungen Journalistin vorschlagen, sich im Café des Hotels Titania zu treffen. Freilich hatte sie der Journalistin nicht den Grund ihrer Wahl verraten, das fehlte gerade noch. Wenn sie das jedoch tat, dann musste das den ersten Sprung in der Kapsel hervorrufen, und Veronika

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spürte jetzt schon, dass ihre Undurchdringlichkeit bedroht war seit dem Augenblick, da sie sich zu dem Treffen mit der Journalistin bereit erklärt hatte. Tatsächlich war es so, dass Veronika dieselbe Bedrohung schon beim ersten Mal empfunden hatte, als sie sich in das Café des Hotels Titania gesetzt hatte. An jenem Mittag, während sie die feine weiße Porzellantasse zum Mund hob, während der verführerische Duft des grünen Tees mit Jasmin ihren Geruchssinn dominierte, während ihr Gaumen von seinem köstlichen Aroma überspült wurde, da überschwemmte plötzlich ein überdeutliches Bild den Raum, ein so intensives Bild, dass ihre Augen schmerzten, nein, sie befand sich nicht im Café des Titania, aber wo befand sie sich denn? Aber ja, im Café des Hotels Usbekistan, gegenüber dem Platz der Revolution, in Taschkent, ohne Zweifel erkannte Veronika jede Ecke, jeden Tisch, an der hinteren Seite des großen Saals das Büfett, in der Mitte die Kanapees, die Blumen und ich, da bin auch ich, ich sehe mich, ja, ich sehe mich an diesem kleinen Tisch links neben der Glasfront, und ich bin nicht allein, nein, ich bin nicht allein, ich bin mit ... Veronika kniff fest die Augen zu, setzte die Tasse mit dem nahezu aphrodisischen und nunmehr für ihr jetziges Leben höchst gefährlichen Tee ab, tastete blind nach dem Glas Wasser, das der Kellner dazu gebracht hatte, trank es in einem Zug leer, um jede Spur des aufrührerischen Geschmacks von ihrem Gaumen zu vertreiben, öffnete die Augen wieder, legte das Geld auf den Tisch und verließ das Titania wie eine Gejagte. Und nun siehe da, fast ohne sich dessen bewusst zu sein, hört sie ihre Stimme der jungen Journalistin als Treffpunkt das Café des Titania vorschlagen. Und jetzt sitzt Veronika K., mit einer Tasse Tee vor sich, der bis heute unbekannten jungen Journalistin gegenüber, die bereits ein winziges professionelles Aufnahmegerät auf den Tisch gestellt hat und ihre – so glaubt sie zumindest – journalistischen Messer wetzt.

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»Sie sind in Taschkent geboren?« »Jawohl.« »Sie sind dort aufgewachsen und haben dort gelebt. Richtig?« »Jawohl.« »Wann sind Sie nach Griechenland gekommen?« »Im Jahr 1989.« »Als Erwachsene.« »Als Erwachsene.« »Wie alt waren Sie da?« »Sechsunddreißig.« »Wenn ich mich nicht irre, dann sind Sie zwei Jahre vor der Auflösung der Sowjetunion hergekommen. Richtig?« »Jawohl.« »War Ihnen klar, dass die Sowjetunion sich auflösen würde?« »Nein.« »Wenn die Sowjetunion sich nicht aufgelöst hätte, wären Sie dann nach Griechenland gekommen?« »Mein Vater war schon hergekommen.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet.« »Ich hatte es ihm versprochen.«

Was ist heute für ein Tag? Donnerstag. Vor einer Woche also. Ja, genau, ich weiß es noch, vor einer Woche. Ich hatte sehr schlecht geschlafen. Mindestens dreimal war ich in der Nacht aufgestanden. Vater hatte einen Asthmaanfall. Seit Maschas Tod hat sich sein Zustand verschlimmert. Ständig und immer wieder meint er, er würde zerbersten. Und dann seine Beine. Sie sind schwer geworden. Er ist ganz schwer geworden. Er kann sich gerade so bewegen. Ich trage ihn fast. Vom Sessel zum Bett daneben und vom Bett zum Sessel. Ich habe Angst, ihn allein zu lassen. Was, wenn ich nicht da bin und zu spät komme? Bin ich dann schuld?

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Nein, ich bin nicht schuld, aber trotzdem ... Jedenfalls, Schuld hin, Schuld her, ich möchte auf keinen Fall Schuld tragen, und deshalb sehe ich zu, dass ich nicht fort bin. Dass ich da bin. Dass ich nur für das Notwendigste außer Haus gehe. Und schnell. Keine Schaufensterbummel, Plaudereien und Trödeleien. Mir platzte der Kopf vom schlechten Schlaf. In den letzten Monaten leide ich unter Kopfschmerzen. Und unter Schwindelgefühl. An den meisten Morgen muss ich mich zum Aufstehen zwingen. Für meinen Vater. Für seine Morgentoilette. Sonst würde ich liegenbleiben. Eingewickelt. Und das Tageslicht hat angefangen, mich zu stören. Ich war gerade mit der morgendlichen Versorgung des Vaters fertig geworden, als das Telefon läutete. Eine unbekannte, weibliche junge Stimme. Sie fragte nach mir. Unbekannt auch der Name. Journalistin? Ich möge ihr verzeihen, Bekannte von mir hätten ihr meine Telefonnummer gegeben, sie mache eine Recherche über die Kinder – so bezeichnete sie uns – der griechischen politischen Flüchtlinge aus Taschkent und würde sich gern, falls ich einverstanden sei, mit mir unterhalten. Bedaure, sagte ich, ich habe keine Zeit, ich gehe nicht aus dem Haus, mein Vater und ... nicht zu Hause … Nein, nein, sie soll jemand anderen finden, es gibt doch genug davon, unglaublich ihr Beharren, überlegen Sie es sich, ich rufe Sie wieder an.

Veronika K. fragt sich, wieso sie beim dritten oder vierten Anruf der Journalistin, sie weiß es nicht mehr so genau, eigentlich nachgegeben hat. Warum gerade sie? Und wieso ein derartiges Beharren auf ein Treffen mit ihr? Man könnte es fast schon Dreistigkeit nennen. Auf jeden Fall Unhöflichkeit. Reizte sie etwa ihre wiederholte Weigerung? Wusste sie womöglich irgendetwas? Oder hatte zumindest irgendeinen Verdacht? Hatten vielleicht diejenigen, die ihr ihre Telefonnummer gegeben hatten, irgendetwas gesagt?

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»Kinder« der griechischen politischen Flüchtlinge waren auch sie. Aber was sollten sie ihr denn gesagt haben. Und mit wie vielen hatte sie schon noch Kontakt. Sie hatte sich ja so zurückgezogen nach Maschas Tod. Einen oder zwei Kontakte hielt sie noch aufrecht. Freundinnen, ja, kann man auch so nennen. Telefonfreundinnen hauptsächlich. In den kurzatmigen Pausen zwischen Hausarbeit und Vater-Versorgung. Bis sie die elektronischen Kontakte eingeführt hatte, gab es auch Briefe. Thessaloniki-Athen, AthenThessaloniki. Von und an Lena. Bis diese mit ihrem Sohn und mit ihrem neuen Ehemann, ein amerikanischer Professor aus Dallas, nach Texas ging. Wie dem auch sei, jetzt geht es darum, dass sie nachgegeben hat. Dass sie sich mit der Journalistin verabredet hat. Sie hatte sich sogar selbst gehört, wie sie den Ort vorschlug. Jenes Hotel, das Titania.

An jenem Tag, dem 15. Mai 2011, obwohl die Sonne ganz und gar nicht mit ihren Strahlen geizte und die Temperatur zum Besten stand – fünfundzwanzig Grad Celsius hatten alle Wetterkundigen in allen Tonlagen angekündigt –, waren die Einwohner dieses Landes, in dem Veronika K. in den letzten zweiundzwanzig Jahren lebte und das sie schon als Kind gelernt hatte, in unerschütterlicher Ergebenheit als Heimat zu betrachten, außerordentlich übel gelaunt aufgewacht, zutiefst beunruhigt und sichtlich verängstigt. Was war geschehen? Was hatte diese sonderbare Angst hervorgerufen und sie derart in Unruhe versetzt, dass sie ihren Blick nicht mal eine Minute lang auf ein und denselben Punkt konzentrieren konnten? Sehr viel später würden die zukünftigen Historiker versuchen, verschiedene Erklärungen für dieses Massenphänomen zu geben, auf einer mess- und beweisbaren Grundlage. Jedoch ohne das Wesentliche zu wissen, denn keiner von den Befragten, inzwischen alle hochbetagt, würde es verraten. Was? Den Traum natür-

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lich, den sie – in unterschiedlichen Versionen, doch im Kern gleich – in der vorangegangenen Nacht gehabt hatten. Wo immer sie auch geschlafen haben mochten. In ihren warmen Betten, auf den Bänken der zentralen Plätze ihrer Stadt, in ihren Kartonunterkünften in den Hauseingängen der Hauptstraßen, wo auch immer. Es war ja auch die langweilige und hochgradig verbindliche und anachronistische Gleichförmigkeit, dass alle in Häusern und Betten schlafen sollten, endlich auch in diesem Land durchbrochen, was ihm die unleugbare Freiheit eröffnet hatte, dass jedermann überall unter jedweden Witterungsbedingungen schlafen konnte. In seinen Grundzügen spielte sich der Traum, den nur Schriftsteller und Poeten sich vorstellen können, folgendermaßen ab: Es war am Silvesterabend eines unbestimmten Jahres, jedenfalls eines zukünftigen, aber nicht weit entfernten, und alle warteten auf die entscheidende zwölfte Stunde, und darauf, dass das alte Jahr zu einem weiteren Punkt ihrer langen und chaotischen Vergangenheit werden möge. Viele Menschen waren auf den großen Plätzen der Städte versammelt, aber besonders groß war das Gedränge auf dem Syntagmaplatz in Athen, wo auch der höchste Weihnachtsbaum Europas stand, wie behauptet wurde, und während alle auf die zwölfte Stunde warteten und darauf, dass sich damit alles in ihrem Leben ändere, da begann sich zunächst als Gemurmel, dann als Geraune, schließlich als lautes Stimmengewirr zu verbreiten, dass diese Stunde nicht kommen würde und dass sie kein Neujahr erleben würden, was bedeute, dass das Jahr nicht weiterginge, es würde an derselben Stelle stehen bleiben, auf eins vor zwölf, und so also auch ihr Leben, alles, was bis dahin ihr Leben ausgemacht hatte, was sie gelernt, geliebt, gehasst, erhofft, verflucht hatten und so weiter, all das würde bei eins vor zwölf stehen bleiben, was bedeute, dass sie nur noch mit Nostalgie und Erinnerungen leben könnten, was bedeute, dass es keinen Plan, keinen Traum, keine Aussicht, ob gut oder schlecht, mehr für sie gäbe, mit anderen

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Worten: Sie wären verurteilt, nur in der Vergangenheit zu leben, da weder sie selbst noch ihre Kinder eine Zukunft hätten. Es heißt, dass am Anfang, während die Stunde nach wie vor auf eins vor zwölf stehen blieb und das Gemurmel in der auf dem Syntagmaplatz versammelten Menge immer lauter wurde, unter, um oder hinter dem höchsten und strahlendsten Weihnachtsbaum Europas, aus den Häusern aller Viertel der Hauptstadt und der übrigen Städte des Landes, denn die Nachricht verbreitete sich über sämtliche Medien, die Menschen ihre Festtagstische, die grünen Spieltische, die schwarzroten Roulettes verließen und auf die Straßen strömten – um wohin zu gehen? Sie wussten es nicht genau – in der Hoffnung, dass wenn das Jahr sie alle zusammen sähe, tausende, hunderttausende zusammen, vielleicht seine Meinung ändern und sich von dem eins vor zwölf lösen würde und endlich genau die zwölf beträte, und gleich danach die Zukunft ... Aber man sagt auch, dass während niemand außer Schwerkranken und Greisen mehr zu Hause war und alle entschlossen und wütend auf das Jahr und dessen Dickköpfigkeit umherliefen, dass plötzlich sämtliche Lichter und Lampen der Stadt erloschen, die Sterne erloschen, und eine schwarze, pechschwarze Finsternis senkte sich überall herab, so dicht, dass der neben einem Stehende nicht zu sehen war, dass man seinen eigenen Körper nicht mehr sah, als hätte ebendiese pechschwarze, dichte Finsternis alle verschluckt, und da bekamen sie es mit der Angst, so sehr, wie sie sie nicht einmal empfunden hatten, als sie aus dem warmen Bauch ihrer Mutter glitten, und als sie zu schreien versuchten, zu weinen, zu heulen, da kam kein Laut aus ihren Mündern, sondern einer nach dem anderen fuhr im Bett hoch, verschreckt, um festzustellen, dass die Uhren und Kalender den 15. Mai 2011 anzeigten. Am Ende war es also nichts als ein Traum. Ein schlechter Traum. Und Veronika K.? Hatte sie denselben Traum gesehen? Veronika hatte nicht nur nicht diesen Traum in jener Nacht gesehen,

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sondern sie hatte überhaupt nicht geträumt. Der Grund war, dass sie an ebendiesem Abend, dem Vorabend ihres Treffens mit der Journalistin Danae Z., und gerade hatte die Neun-Uhr-Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals begonnen, Veronika K. aus dem Zimmer ihres Vaters etwas wie einen Schrei hörte und gleich darauf unartikulierte Laute in gedämpfterer Lautstärke, so wie ein Ertrinkender sich anstrengt zu schreien »Ich ertrinke!«. Von diesem Moment an und bis etwa um vier Uhr in der Frühe begann eine lange Nacht für Veronika, in der die Angst, ihren Vater zu verlieren, ihr mehr denn je bedrohlich vor Augen stand. Was jedoch diese Krise von den anderen unterschied und was sie in Angst und Schrecken versetzte, war ein Stammeln ihres Vaters wie im Fieberwahn, was Veronika noch nicht gehört hatte und was zwischen allem Unverständlichen, das er für gewöhnlich daherredete, verstreute Befehle aus der Zeit, als er Offizier in den Bergen war, oder bruchstückhafte Schilderungen von Gefechten in den Bergen, Worte oder Sätze waren wie verzeih mir oder sie war unschuldig oder du bist doppelt unschuldig. Letzteres sagte er sogar immer und immer wieder, während er gleichzeitig mit aller Kraft – rätselhaft, woher er sie in diesem Moment nahm – an der Hand seiner Tochter zog, als fürchtete er, dass sie fortginge, und schließlich, als sie über ihn gebeugt versuchte, ihn zu beruhigen, dass er keine Angst haben solle, sie ginge nicht fort, begann er so jämmerlich zu weinen, dass Veronika ihn einfach nur noch mit einem solch tiefen Kummer ansah, wie sie ihn bis dahin noch nie für ihn empfunden hatte, ohne jedoch den Grund seines unerwarteten Ausbruchs zu begreifen. Denn unerwartet war er angesichts der Tatsache, dass Anastasis K. – Tassos für die Nahestehenden – auch noch mit einundneunzig Jahren und so gut wie ans Bett gefesselt eine seltene Würde gegenüber den nunmehr gnadenlosen Attacken des Alters an den Tag legte, zusammen mit einer Strenge, bisweilen gar starrer Unnachgiebigkeit, die eine grundlegende Eigenschaft seines

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Charakters war, was ihn selbst und die anderen betraf. Noch bis vor wenigen Tagen sogar, dachte Veronika K., als sich noch einmal die alten Genossen, wie sie sich immer noch trotzig gegenseitig nannten, um ihn herum versammelt hatten, freilich die, die noch übrig waren, alle plus minus neunzig Jahre alt, hatte Tassos ihnen wie gewöhnlich die Schau gestohlen. Bis ins Wohnzimmer, wohin Veronika sich wie üblich geflüchtet hatte, um sie nicht zu hören, drangen die Laute der Gefechtsschilderungen von Konitsa oder Mourgana. Die Vorstellung schloss mit den gebrochenen, falschen, aber von verzweifeltem Trotz getränkten Stimmen, die sangen: Vorwärts, ELAS, ELAS, ELAS für Griechenland, und mit Veronika, die sich die Ohren zuhielt. Für welches Griechenland sangen sie da? Im Fernsehen, das Veronika zu verfolgen versuchte, war von einem anderen Griechenland die Rede, mit dem Ergebnis, dass sie völlig durcheinandergeriet, da sie mit einem anderen Griechenland im Kopf aufgewachsen war, ein anderes nach ihrer Ankunft hier kennengelernt hatte, von einem anderen hörte sie jetzt reden – ja, wie viele Griechenlands gibt es denn nun eigentlich? Für solche Gedanken hatte Veronika nun freilich weder Zeit noch Kraft, da die Nacht sich so fordernd gestaltete und sie schon fast damit rechnete, dass ihr Vater das Licht des folgenden Tages nicht mehr sehen würde. Doch sie täuschte sich. Das Weinen hatte eine befreiende Wirkung, und Anastasis K. schlief, während er die Hand seiner Tochter hielt, anfangs fest, dann locker ein. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte zwanzig nach vier. Veronika befreite ihre Hand, erhob sich jedoch nicht aus dem Sessel, sondern schlief in ihm. Mit einer Decke zugedeckt. Einen dunklen Schlaf. Schwarz. Ohne die Spur aus einer Traumwelt. Erschreckt von dieser tiefen Finsternis und steif am ganzen Körper fuhr sie um zwanzig nach sieben hoch. Sie warf einen ängstlichen Blick in Richtung ihres Vaters. Er war da. In seinem Bett. Eingewickelt. Er schlief. Sie hörte seinen asthmatischen Atem. Er war nicht gestorben. Er lebte!

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ANHANG FÜR DIE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG VON ELENA CHOUZOURI

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riechenland ist das einzige europäische Land, das keinen jährlichen Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs kennt. Stattdessen wird der Beginn des griechisch-italienischen Kriegs im Oktober des Jahres 1940 gefeiert, und das »NEIN«, mit dem der damalige Diktator Ioannis Metaxas auf die Aufforderung Mussolinis antwortete, ihm ›sein‹ Land kampflos zu überlassen. Der Grund dafür ist, dass der Krieg für Griechenland nicht im Jahr 1945 endete, sondern erst im Jahr 1949. In diesen vier Jahren durchlebte Griechenland einen der heftigsten und vernichtendsten Bürgerkriege der Geschichte, der die immense allgemeine Zerstörung, die die erdrückende deutsche Besatzung hinterlassen hatte, noch vervollständigte. Der griechische Bürgerkrieg gilt als Vorgeschmack des Kalten Krieges mit den Amerikanern, die ihre ersten Napalmbomben auf die griechischen Berge abwarfen. Das Ziel der einen Kriegsfraktion, der konservativen und königstreuen Regierungskräfte, zunächst von den Engländern und in der Folge von den Amerikanern unterstützt, war, die Machtergreifung der Kommunisten zu verhindern, die als Erste den Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht in Gang gesetzt hatten. Das Ziel der anderen Seite, der Demokratischen Armee Griechenlands auf der Basis der KKE (der Kommunistischen Partei Griechenlands) war zum einen die Verfolgung der linken Widerstandskräfte sowohl seitens der Regierung als auch seitens der bewaffneten antikommunistischen Terrorverbände zu stoppen – die in der Mehrzahl mit den

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deutschen Besatzern kollaboriert hatten – und zum anderen die Machtergreifung. Im August 1949 fiel auch die letzte Bastion der Demokratischen Armee auf dem Grammos-Berg an der albanischen Grenze in die Hände der Regierungstruppen. Angesichts der Gefahr der Verhaftung und Exekution flohen zwölftausend junge bis jüngste Kämpferinnen und Kämpfer über die Grenze ins kommunistische Albanien. Von dort brachten zwei Monate später, auf Geheiß Stalins, sowjetische Schiffe sie in geheimer Aktion (in den Kornkammern verborgen) bis zum Schwarzen Meer, und schließlich gelangten sie nach einer zweiwöchigen Reise durch Georgien und Aserbeidschan in die Hauptstadt des damals sowjetischen Usbekistan, Taschkent, in Zentralasien. In ihrer griechischen Heimat wurden sie auf Anordnung der siegreichen Regierungskräfte aus sämtlichen Registern gelöscht, ihr Vermögen wurde konfisziert, sie galten kurzerhand als gestorben. Diese Griechinnen und Griechen, Tausende an der Zahl, die überwiegend aus den verlassenen Bergdörfern Makedoniens und des Epirus stammten, studierten nun in ihrer neuen »Heimat«, machten Ausbildungen, ergriffen Berufe und gründeten Familien. Viele Jahre lang war ihnen die Rückkehr in ihre wahre Heimat verwehrt. Ihr einziger Traum jedoch war gerade der dieser Rückkehr. Sie grüßten sich untereinander mit »Auf gute Heimat, Genosse!« Mit den Jahren nahm Griechenland für sie die Gestalt des verlorenen Paradieses an, und all ihr Sinnen und Trachten galt ihm. Dieses absolut idealisierte Bild Griechenlands, verbunden mit dem einzigen Lebensziel der Rückkehr dorthin, hatten sie auch an ihre Kinder weitergegeben, die in Taschkent geboren und aufgewachsen waren und dort studiert hatten, die also ihre besten Jahre in der usbekischen Hauptstadt verbracht hatten und zudem von der russischen Kultur geprägt waren, die in Usbekistan vorherrschte – die Russen befanden sich in dieser Region in der Mitte des 19.

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Jahrhunderts. Doch die Besessenheit ihrer Eltern von Griechenland und der heiß begehrten Rückkehr dorthin warf bei der in Taschkent geborenen und aufgewachsenen Generation Probleme auf. Zum Beispiel waren ihnen Liebesbeziehungen zu Angehörigen einer anderen Nationalität als die der griechischen so gut wie verboten, denn eine solche Bindung oder gar Heirat hätte der Rückkehr nach Griechenland im Weg gestanden. Die heiß begehrte Rückkehr der ersten Generation der griechischen Exilanten und ihrer Kinder nahm im Jahr 1975 ihren Anfang, nach dem Sturz der siebenjährigen Junta in Griechenland und der Legalisierung der Kommunistischen Partei. Ihren Abschluss fand sie nach 1981 und im Zuge einer allgemeinen Amnestie. Doch die Realität, die die Rückkehrer in Griechenland antrafen, wich von ihrem idealisierten Bild weit ab. Ganz besonders galt das für ihre Kinder, die in einem anderen System mit anderen Werten und Überzeugungen groß geworden waren. Sehr bald schon wurden diese »Kinder« ihres doppelten Fremdseins gewahr. Fremde waren sie in Taschkent gewesen, und Fremde waren sie nun in Griechenland. Der Konflikt der zwei Identitäten, die Spaltung zwischen der Heimat ihrer Kindheit und Jugend und die ihrer Eltern wurde nie bewältigt. Je älter sie bei der Ankunft in Griechenland waren – wie meine Romanheldin –, desto schwieriger gestaltete sich das Einleben. Das Leben so mancher von ihnen scheiterte und endete in einer Katastrophe. Ungeachtet der Tatsache, dass sie keinerlei Schuld traf und dass sie an der Wahl ihrer Eltern oder der Härte der geschichtlichen Ereignisse keine Verantwortung trugen. Elena Chouzouri

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B I O G R A P H I S C H E S


ELENA CHOUZOURI

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Elena Chouzouri wurde 1952 in Thessaloniki geboren. Ihre Familie stammt aus dem realen Alexis-Sorbas-Ort Kolindros am Fuß des Olymps. Sie studierte Jura an der Universität Athen und wechselte mit 19 zum Journalismus über. Viele Jahre war sie im Bereich Kultur und Literatur für Tageszeitungen und Zeitschriften tätig. Achtzehn Jahre lang gestaltete und moderierte sie die Büchersendung im Fernsehen »Mein Freund J. Gutenberg« und war darüber hinaus Mitarbeiterin bei kulturellen Themen in dem Fernsehmagazin »Kunst und Kultur« beim Staatlichen Fernsehsender. Außerdem wirkte Chouzouri bei der Bücherpräsentation der Fernsehsendungen »Βιβλιόραμα«, »Πνεύμα αντιλογίας« und »'Εχει γούστο« mit. Sie arbeitete als Literaturkritikerin und Beraterin bei Athener Verlagen und veröffentlichte Gedichtsammlungen sowie Charakterstudien und Schriften über griechische Literatur und Romane. Viele ihrer Werke wurden ins Serbische, Bulgarische und Türkische übersetzt. Elena Chouzouri liebt das Reisen und die Geschichte. Für die Schauplätze ihrer Romanhelden reiste sie nach Bulgarien, Usbekistan und Israel, um die idealen Handlungsörtlichkeiten und Bilder für ihre Bücher aufzuspüren. Seit Kindestagen liebt sie Musik, insbesondere die Klassik, die sie schon im Elternhaus hörte, und später auch die Rockmusik ihrer Jugendjahre. Die Autorin lebt in Athen. Beim Entwerfen ihrer neuen Werke hört sie am liebsten Johann Sebastian Bach und Hatzidakis.

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BRIGITTE MÜNCH

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Brigitte Münch wurde 1947 in Düsseldorf geboren. Sie besuchte das humanistische Gymnasium und absolvierte anschließend eine dreijährige Buchhändlerlehre. Danach verbrachte sie ein Jahr in Thessaloniki, Griechenland und kehrte nach Deutschland zurück, um in ihrem Beruf als Buchhändlerin in Buchhandlungen und Verlagen zu arbeiten. Von 1979 bis 1985 lebte sie in Kairo, Ägypten und arbeitete bei Radio Kairo für den Local European Service. Seit Ende 1985 lebt sie als freie Übersetzerin und Autorin auf der Kykladeninsel Naxos. Brigitte Münch ist Fördermitglied der Gesellschaft der Griechischen AutorInnen in Deutschland e. V. und hat zahlreihe Veröffentlichung als Übersetzerin und Autorin.

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Aus dem Verlagsprogramm Reihe: Via Egnatia

Kostas Akrivos ›Alfons Hochhauser – Der Barfußprophet von Pilion‹ Roman aus dem Griechischen von Hans-Bernhard Schlumm ISBN: 978-3-942223-19-5 eISBN: 978-3-942223-39-3

»Bist Du je durch den Nebel gelaufen und hast ihn selbst wie eine zweite Haut auf Dir gespürt? Bist Du je während eines Gewitters draußen nackt herumgelaufen? Hast Du je die Augustsonne an einem einsamen Strand Dir auf den Schädel brennen lassen, bis Du Sinnestäuschungen verspürtest? So einer bin ich! Es fehlt nicht viel, mich als dreizehnter Gott der antiken Griechen zu fühlen. Was meinst Du, werde ich es eines Tages sein?« Alfons Hochhauser, und sein unbändiger Freiheitsdrang und Streben nach Unabhängigkeit, schreibt Geschichte. In Pilion. Jahre später ist ein Reporter auf die Spuren dieses Mannes: »Am Anfang stand einfache Neugierde. Daraus entwickelte sich ein Interesse. Dieses Interesse vermittelte mir überraschende Einsichten in die Tätigkeiten des ›Fremden‹. Meine Überraschung verwandelte sich im Laufe meiner Untersuchung in Bewunderung für Alfons. Als ich begann, mich mit seinem Leben zu beschäftigen, wurde mir langsam klar, ganz in der Nähe eines Menschen gelebt zu haben, dessen Ruhm über die engen Grenzen unserer Region hinausreichte, ohne dass es mir damals bewusst gewesen wäre. Mein Leben in der Jugend bewegte sich ständig in der Nähe seines Wirkungskreises, aber wir sind uns nie begegnet. Durch dieselben Landschaften sind wir gewandert, an denselben Stränden haben wir gebadet, vielleicht haben wir im Bus der Linie Volos – Keramidi nebeneinander gesessen. Ich frage mich, ob ich ihn damals vielleicht gesehen habe ...« Kostas Akrivos, 1958 in Volos geboren, studierte Mittelalterlische und Neuere Griechische Literatur und ist Lehrer für Neugriechisch. Er schreibt Romane, Biographien, Kurzgeschichten und Schulbücher. Seine Werke sind in zahlreichen Anthologien erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt worden.

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Todor Todorov ›Hexen, Mörder, Nixen, Dichter …‹ Dunkelmagische Geschichten aus dem Bulgarischen von Svetlana Petrova ISBN: 978-3-942223-17-1 ISBN: 978-3-942223-52-2 Am Rande der Realität, wo Normalität in Wahnsinn umschlägt, wo Märchen und Mythen Wirklichkeit werden, wandeln 19 Erzählungen, die sich geradewegs in den Verstand des Lesers bohren. Jede Geschichte entführt den Leser an die unterschiedlichsten Schauplätze: vom Paris des 19. Jahrhunderts über den Dondukov-Boulevard in Sofia bis ans Ende der Welt. Hexen, Mörder, Nixen und Dichter kreuzen einander ihren Weg. Durch Van Goghs Liebes- und Malgeheimnisse oder Dantes Bart, von der sich magere Vögel ernährten, wird der Alltag umgestülpt, der Blick hinter den Vorhang liefert die Erkenntnis, dass hinter der vertrauten Realität das Unfassbare lauert und nur ein geringer Anstoß nötig ist, um die Normalität zum Einsturz zu bringen. Einzigartiger, verstörender Mystery à la David Lynch. Ein poetischer Akt in Prosa, für schlaflose Nächte und helle Geister, für Leser die Sex, Schrecken und Thriller lieben. Todor Todorov, 1977 in Sofia geboren, studierte Philosophie und arbeitet heute als Dozent an der ›St. Kliment Ohridski‹ Universität von Sofia, wo er Philosophie des Mittelalters und der Renaissance, Mittelalterliche Arabische Philosophie, Geschichte der Philosophie, und Photographie unterrichtet. Für seine Geschichte ›Van Gogh in Paris‹ ist er mit dem Literaturpreis für die beste Kurzgeschichte des Jahres 2011 ausgezeichnet worden. Der Autor ist ein Liebhaber der Nachtlesung und vertritt die Idee, dass Lesen und Träumen miteinander verwandt sind. Bei Märchen kann sich der Leser manchmal wach, manchmal tief und langsam wie im Schlaf fallen lassen. Das Lesen wirkt wie eine Droge, wie eine geheime Tür. Die beste Tür, die je geöffnet wurde und die den Leser zu einer unvergesslichen Reise einlädt.

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Leonidas Th. Crysanthopoulos ›Aufbruch in Armenien‹ Chronik eines Diplomaten aus dem Englischen von Edit Engelmann ISBN: 978-3-942223-13-3 ISBN: 978-3-942223-54-6 Als die Sowjetunion auseinanderfiel, konkurrierten Russland, die EU und die USA um die führende Rolle im Kaukasus. Ein blutiger Krieg zwischen Aserbaidschan und der Enklave Bergkarabach, die von Armeniern bevölkert war, wurde zum Mittelpunkt dieses Machtkampfes. ›EXIL IN JEREWAN‹ schrieb die griechische Presse über die Stationierung von Leonidas Chrysanthopoulos und seinen drei Mann Botschaftspersonal. Für ihn jedoch bedeutete dieser Posten des ersten Botschafter Griechenlands im neuen unabhängigen Armenien eine goldene Gelegenheit, eine Freundschaft zu erneuern, die so alt war wie die Geschichte. Botschafter Chrysanthopoulos, der auch die Präsidentschaft der Europäischen Union repräsentierte, erzählt die Insider-Story. Er spricht zum ersten Mal darüber, wie externe Mächte während des fehlgeschlagenen Coup d’État im Oktober 1993 in Moskau die Unabhängigkeit Armeniens bedrohten. Er beschreibt die Entwicklung der EU Politik in dieser Region und gibt Einblicke in die Arbeitsweise einzelner Regierungsführer. Der Autor erzählt von den abenteuerlichen Aspekten des Lebens eines Botschafters, von seiner diplomatischen Arbeit und den humanitären Hilfsprojekten, in die er involviert war, von seinen persönlichen Eindrücken über Kultur und Sehenswürdigkeiten, und vor allem von den Lebensumständen, unter denen die Armenier versuchten ihr Land aufzubauen. Leonidas Th. Chrysanthopoulos ist ein Karrierediplomat; er arbeitete in Toronto, in Peking und bei den ständigen Vertretungen seines Landes bei der Europäischen Union in Brüssel und den Vereinten Nationen in New York. Wie schon sein Vater und Großvater war er Generalkonsul von Griechenland in Istanbul gewesen. Er war Botschafter seines Landes in Polen, Kanada und Armenien und ist derzeit der Generalsekretär der Schwarmeerwirtschaftskooperation BSEC in Istanbul.

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Maria Skiadaresi ›Das Herz nach Istanbul tragen‹ Roman aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-942223-29-4 ISBN: 978-3-942223-36-2 Orestis – verheiratet, eine Tochter – fliegt mit begründeter Angst geschäftlich nach Istanbul, denn zwischen Goldenem Horn und Bosporus wartet die unbewältigte Vergangenheit auf ihn: Kindheit in Athen, Studium in England und eine Studienreise in die Türkei, die ihm das Unerwartete brachte: Murad – die Liebe seines Lebens. Nichts ist jemals für ihn klar geworden, nicht einmal die sexuelle Orientierung. Dreißig Jahre danach trägt er ein vernachlässigtes Herz in die Stadt seiner Träume. Er hört es schlagen. Er hört es klagen. Er hört es fragen. Was ist aus Murad geworden? Maria Skiadaresi, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der griechischen Gegenwartsliteratur, beschreibt das faszinierende Psychogramm eines Mannes, der im Schatten seiner dominanten Frau lebt und erst im Herbst seines Lebens nach einem Ausgang aus dem Irrgarten der Gefühle sucht. Ihr Roman ist eine Liebeserklärung an Istanbul und eine Ode an die Liebe, die über Geschlecht und Nationalität steht, sich weder um sozialen Status noch um Ideologie schert und in jedem Körper ein Zuhause finden kann, weiblich oder männlich – die Liebe kennt keine Unterschiede. Maria Skiadaresi studierte Geschichte und Archäologie an der Philosophischen Fakultät der Universität Athens. Sie beschäftigte sich mit der Prähistorischen Archäologie sowie mit der Neueren Geschichte, arbeitete jahrelang bei archäologischen Ausgrabungen in Kreta und lehrte gleichzeitig Geschichte an einem französischen Lyzeum. Maria Skiadaresi schreibt Märchen, Erzählungen, Essays und Romane für Kinder und Erwachsene, übersetzt französische und türkische Märchen und schreibt literarische Kritiken. Viele ihrer Texte erscheinen regelmäßig in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien. Einige ihrer Werke wurden ins Katalanische übersetzt.

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Fotini Tsalikoglou Die Geheimnisse der Tochter Roman aus dem Griechischen von Gesa Singer ISBN: 978-3-942223-66-9 eISBN: 978-3-942223-67-6 Sie war erst elf Jahre alt und verstand nicht, warum ihre Mutter so wenig sprach und nicht wie alle anderen Mütter war. Wenn der Arzt kam, wirkten alle ernst, schlossen die Tür, sprachen vorsichtig. Manchmal hörte sie laute Stimmen und Kristallglas zerspringen. Dann stellte jemand das Radio laut. Dunkel und kompliziert war alles in ihr und um sie herum. Ihr Kopf dröhnte. Da fing sie an zu schreiben, damit sie den Geheimnissen und dem Geflüster besser lauschen konnte, die mit jedem Tag immer weiter wuchsen und anschwollen, so wie ihr Körper, und zu ihren persönlichen Geheimnissen wurden. Durch die Tagebucheinträge, die im September 1959 beginnen, entwickelt sich eine sprachlich und psychologisch fesselnde Erzählung, geschrieben aus der Perspektive eines Mädchens. Die Tochter einer unter schweren Depressionen leidenden Mutter versucht, ihr Leben zu verstehen, das von der emotionalen Abwesenheit der Mutter geprägt ist. Ein Abschiedsbrief des Liebhabers regt die Fantasie des Kindes an, das in dieser verworrenen Situation Orientierung zu finden und bei dem Versuch ihrer Selbstwerdung immer wieder die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erregen strebt. Fotini Tsalikoglou ist eine der bekanntesten Psychologinnen Griechenlands und schreibt neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit Romane und Erzählungen. Der psychologische Scharfsinn gibt ihr das Gespür zur eindringlichen Darstellung der Gefühlslage ihrer Protagonistin. Zugleich porträtiert der Roman die Sechzigerjahre in Griechenland; eine Zeit, die noch vom Bürgerkrieg und gesellschaftlichen Beschränkungen bestimmt war, die bis in die Mentalität der Menschen und ihre Konventionen hineinwirkten.

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Iosif Alygizakis Das Blau der Hyazinthe Roman aus dem Griechischen von Hans-Bernhard Schlumm ISBN: 978-3-942223-84-3 eISBN: 978-3-942223-85-0 Auf der Suche nach dem ersten Job übernimmt ein angehender Lehrer den Privatunterricht für den 13jährigen Aristarchos und gibt Nachhilfe in Latein, Griechisch und Aufsatzschreiben. Der jugendliche Lehrer ist der einzige Mann, der seit vielen Jahren die Wohnung von Mutter und Sohn betreten hat, und er glaubt, die Augen des Jungen deuten zu können. Er selbst lebt in ständiger Furcht, sein Geheimnis könnte entdeckt werden – er steht auf Männer – und somit treiben ihn Scham- und Schuldgefühle dazu, bewusst männlich aufzutreten. Doch während des Unterrichts passiert es. Der Lehrer verliebt sich in seinen Schüler. Leiden, Bangen und Täuschen werden seine ständigen Begleiter. Gleichzeitig erlebt Aristarchos seine Pubertät und empfindet den Lehrer als Ersatz-Vaterfigur. Jede Geste wird missverstanden. Von beiden Seiten. Mit verheerenden Folgen. Iosif Alygizakis, einer der ersten neugriechischen Autoren, der in seinen Romanen offen über homoerotische Themen schreibt, vermittelt in poetischer Sprache die Gefühlswelt eines Mannes, der gefangen ist in der moralischen Verurteilung der Gesellschaft. Die Hafenstadt Chania bildet die Hintergrundkulisse für den hilflos seinen Ängsten ausgelieferten Protagonisten, einen einsamen und träumerischen Lehrer, der zum Zentrum des sexuellen Erwachens seines jungen Schülers wird. Das neue Spiel wird Liebe genannt. Aber wie lange dauert eine jugendliche Liebe? Wie lange dauert eine Liebe mit dem Makel eines gleichgeschlechtlichen Partners, die von einem zum anderen Augenblick eine andere Wendung nehmen kann?

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Leseprobe die lügnerische sonne der kinder elena chouzouri  
Leseprobe die lügnerische sonne der kinder elena chouzouri  

Elena Chouzouri, eine der bekanntesten Autorinnen und Journalistinnen Griechenlands, beschreibt den Konflikt der zwei Identitäten, der durch...

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