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Die Frankfurterinnen

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Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2015 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2015 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-053-6 eISBN: 978-3-95771-054-3

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Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V. (Hrsg.)

Die Frankfurterinnen Eine literarische Anthologie

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IMPRESSUM

Die Frankfurterinnen Herausgeber Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V. Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schriften Constantia und Lucida Calligraphy Covergestaltung Marti O´Sigma Lektorat Regine Ries Druck und Bindung Print Group Sp.z.o.o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main August 2015 ISBN: 978-3-95771-053-6 eISBN: 978-3-95771-054-3

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I N H A L T 8 10 32 39 47 62 73 83 97 107 114 121 127 143 148

Morgengrauen Kirschblüten Adja Der Angstmann Die hässliche Ente Ein strahlender Tag Frühstück um Elf Meine Dolly Die Deutschen essen kein Brot Ein Mann, eine Frau und ein Buch Das Ausländerfest Rex, die Ratte Sinan Eine Fahrt weg Zeit der Wende

157 Biographisches

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Tuula Greß Tamara Labas-Primorac Kristina Edel Susanne Konrad Gesine Carl Lori Tengler Venera Tirreno Behjat Mehdizadeh Agapi Mkrtchian Gisela Wölbert Reha Horn Barbara Höhfeld Ayla Bonacker Mona Phoenics Radvana Kraslová


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Tuula Greß MORGENGRAUEN

Mit tausend Pfeilen schießen die Sonnenstrahlen durch die Morgendämmerung und wollen die schlafende Frau in die Gegenwart holen. Erschrocken taucht sie in den langen Tunnel ihrer tausendjährigen Erinnerungen zurück und klammert sich an die Wände des Tunnels. Dann lässt sie sich auf den Boden sinken, drückt den Kopf an die Knie und presst die Augen zu. Verzweifelt greift sie mit immer länger werdenden Armen nach Erinnerungen. Plötzlich heult eine Sirene; die Frau fährt zusammen und lässt die Arme fallen. Sie kehrt um und kriecht langsam und tastend aus dem Tunnel heraus. Vor dem Eingang bleibt sie sitzen, holt mit großer Kraftanstrengung einen Gedanken nach dem anderen aus den Schwindel erregenden Höhen, sortiert sie zuerst nach dem Alphabet, dann nach der Länge, will Ordnung bringen in den kommenden Tag.

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Die Wörter aber machen sich selbstständig und reihen sich aneinander in einer wirren Folge, bis sie wie Blitze aus ihrem Kopf herausschießen. Die Blitze erreichen eine niedrige Böschung am Tunneleingang und bald steht das ganze Bauwerk in hellen Flammen. Außer sich vor Angst steht die Frau auf, um in die brennende Höhle zu stürzen. Aber die Sonnenstrahlen umhüllen sie und ziehen sie zurück. Von der Wärme überwältigt, kehrt die Frau der Höhle den Rücken. Unentschlossen balanciert sie zwischen gestern und morgen, bis ein ohrenbetäubendes Geräusch von hinten auf sie stürzt. Unter lodernden Flammen kracht der Tunnel zusammen. Die Frau drückt die Füße auf den Boden und sieht nicht mehr zurück. Mit fester werdenden Schritten geht sie dem Morgen entgegen.

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Tamara Labas-Primorac KIRSCHBLÜTEN

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Der Mann reichte mir die Bücher, die er vom Boden aufgesammelt hatte. Sie waren mir aus den Händen gefallen, als wir versehentlich auf der Straße zusammenstießen. Seinen rechten Mundwinkel zog er nun leicht nach oben, zu einem zaghaften Lächeln, dann hob er seine Augenbrauen – die kräftig und struppig waren und so gar nicht in das Gesicht mit den weichen Zügen passen wollten – um anschließend, wie in einem Stummfilm, eine theatralische Pose einzunehmen und übertrieben eine Miene aufzusetzen, so als hätte er die Rolle eines Sünders zu spielen, der sich eben seiner Schuld bewusst wurde. »Das hätte nicht passieren dürfen«, sagte er jetzt grinsend, und als sich der Blick seiner ungewöhnlich hellen Augen mit dem meinigen traf, loderte in diesen Begehren auf. »Vielleicht darf ich mich mit einem Kaffee bei Ihnen entschuldigen?« Die kleine Zeitspanne zwischen seiner Frage und meiner Antwort nutzte er, um auf einen der Buchdeckel zu schauen – vielleicht aus Ungeduld, vielleicht aber erhoffte er sich, anhand meines Leseinteresses etwas über mich erfahren zu können. »Sie mögen Razni?«, fragte der Fremde. Ich nickte nur und griff endlich zu den Büchern. »Mir ist er zu langatmig. Er bewegt sich im Schneckentempo. Das macht ihn schwer zu lesen. Und seine Liebesgeschichten enden immer befremdend«, fuhr er fort. 10


»Oh, mir gefällt gerade die Langsamkeit seiner Geschichten außerordentlich gut! Ich bewundere seinen Wortschatz, sein Sprachvermögen, verblüffend! Und finden Sie nicht, dass es auch im wahren Leben bizarre Liebesgeschichten gibt?«, gab ich zurück und begegnete seinem Blick entgegenkommend. Genaugenommen konnte ich ihm geradezu nicht widerstehen – so wie es manchmal geschieht, wenn zwei fremde Menschen wie im Rausch nur danach streben, das Fremdsein so schnell wie möglich abzulegen, um sich einander hinzugeben. Ich fühlte außerdem, dass diese Begegnung eine war, die etwas Schicksalhaftes hatte, dem man nicht entrinnen konnte – ohne dass ich genau sagen könnte, woran ich das festgemacht hätte. »Also, wie wär's? Nehmen Sie meine Einladung an?« Ich nickte. »Gerne. Darf es auch ein Latte Macchiato sein?« Er lachte nun breit wie einer, der seine Trophäe endlich in den Händen hielt.

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Ich tröpfelte etwas Kaffee vom Stiellöffel über den Milchschaum, während er kräftig in seinem Espresso rührte. Wir saßen draußen im lauschigen Garten eines Cafés, unweit von meinem Auto, aus dem ich ausgestiegen war, um die Bücher in der Stadtbücherei abzugeben, als mich der Mann anrempelte, dem ich nun gegenüber saß. Ich betrachtete seine Hände, wie ich es bei Männern gerne tat. Lange, feingliedrige Hände, so wie sie zumeist bei Pianisten vermutet werden, waren mir bei einem Mann wichtig. Schon allein die Vorstellung von 11


plumpen Händen berührt zu werden, löste bei mir ein körperliches Unbehagen aus, ähnlich einem Schaudern. Mir war bewusst, dass das eine dumme Marotte war; es gelang mir aber nicht, mich von dieser zu befreien. Die Hände meines Gegenübers waren grazil und die Finger lang, gleich schön und elegant wie der Silberlöffel, der in einer der beiden noch immer lag. Gut gelaunt ließ ich nun das Amarettino, das zum Kaffee gereicht wurde, in den Glasbecher fallen. Das kleine Gebäck wurde vom Milchschaum aufgefangen. Mit dem Stiellöffel tauchte ich es kurz in das heiße Getränk ein, als der Mann mich fragte: »Wollen Sie auch mein Amarettino?« »Gerne!«, antwortete ich ohne zu zögern und schaute ihm in die Augen, um ihm anzudeuten, dass ich sein Spiel verstand und bereit war mitzumachen. »Ok, Sie bekommen es. Aber nur, wenn ich dann Du zu Ihnen sagen darf!«, entschied er. »Na gut! Wenn ich dein Amarettino bekomme, verrate ich dir sogar meinen Namen!« »Oh, schön! Nimmst du es oder darf ich es von meinem Löffel in deinen Kaffee kippen?«, wollte er weiter wissen. »Hey Süßer, am besten nehme ich doch gleich dich samt Amarettino!«, hätte ich am liebsten erwidert, doch wollte ich keineswegs so forsch sein und ihn möglicherweise verschrecken. Männer sind Jäger, zumindest sollten wir ihnen das Gefühl geben, diese zu sein. Deshalb ließ ich ihn seiner Jagdlust noch etwas frönen und sagte mit scherzhaften Ton: »Danke für die Wahl. Ich nehme ihn selbst!« Als ich das Amarettino in meinen Kaffeebecher fallen ließ, sagte ich: »Veronika« und schaute auf. ... 12


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Kristina Edel ADJA

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ie 8-Uhr-Nachrichten hatten gerade begonnen, als es klingelte. Ich hatte bereits meine grau gepunktete Shirthose »Relax« angezogen und sah fragend meinen Sohn an. Er zuckte die Achseln und schlurfte zur Tür. Ich rechnete mit einem seiner Klassenkameraden und einer vergessenen Hausaufgabe, doch er war binnen Sekunden zurück. »Da will dich jemand sprechen«, sagte er und sah verlegen aus. Zwei uniformierte Beamte standen vor der Tür. Sofort überlegte ich, wer gestorben sein könnte. Mein Sohn hat eben noch mit mir vor dem Fernseher gesessen, fuhr es mir durch den Kopf und Erleichterung überfiel mich. »Bundesgrenzschutz«, sagte der eine, ein bulliger Mensch mit markantem Kinn, und fragte nach meinem Namen. Er nickte und hielt mir eine Visitenkarte vors Gesicht. »Ist das Ihre?« Ich starrte das Kärtchen an, rote Linien, in schwarzem Schriftzug mein Name. Aufgeregtes Kribbeln im Magen, langsam nickte ich. »Die ist alt«, stotterte ich, »ich habe jetzt ein anderes Motiv.« Kurz überlegte ich, ob diese Bemerkung verdächtig klang. Doch warum verdächtig? Ich spürte Panik aufsteigen. »Kennen Sie dieses Kind?« Er wies hinter sich in die Dunkelheit. 14


Ein Kind? Die Tochter meines Bruders? War ihm etwas geschehen? Aber Bundesgrenzschutz? Ach, fuhr es mir verärgert durch den Kopf, mein Schwager hatte wahrscheinlich Drogen geschmuggelt und war erwischt worden. Aber wie kam er zu meiner alten Visitenkarte? Und warum sollte man ausgerechnet mir sein Kind bringen? Er konnte mich nicht leiden und würde mir noch nicht mal seine demente Katze anvertrauen. Vorsichtig spähte ich an den zwei Männern vorbei in die Dunkelheit. Eine Frau trat in den Lichtschein. Ich sah zuerst nur sie, dann wanderte mein Blick an ihrem Arm entlang nach unten. Da war ein Kind, aber ich konnte es kaum erkennen. Sie zog eine Hand nach vorn und drückte einen kleinen Körper behutsam ins Licht. Es war ein Mädchen mit tief schwarzer Haut. Ein Schreck durchfuhr mich und aus dem Nebel der Erinnerung tauchte eine kleine griechische Insel auf, ein wunderschöner Sommer und meine Freundin Gnagna. »Es könnte sein, dass sie Adia heißt«, sagte der kleinere der Beamten. Adja, wiederholte ich im Geist. Kleine Adja. Benannt nach ihrer Oma. Wie alt war sie jetzt? Vier Jahre, vielleicht fünf? »Kennen Sie das Mädchen?« »Warum ich?« »Sie war heute Morgen in einer Maschine aus der Türkei und die Leute, die sie bei sich hatten, haben behauptet, sie nicht zu kennen. Sie hatte nur diese Visitenkarte und einen Zettel mit dem Namen Adia bei sich.« 15


»Adja«, murmelte ich unwillkürlich. Ich spürte sechs Augen der Staatsmacht auf mir ruhen. »Also kennen Sie das Mädchen?« Blut schoss mir in die Wangen. Was passierte, wenn ich zugab, sie zu kennen? Man würde mich wohl nicht verhaften. Aber wollten sie sie bei mir lassen? Würde ich irgendwelche Kosten übernehmen müssen? Kennen, dachte ich, das ist so ein großes Wort. Hatte ich Adjas Mutter wirklich gekannt? Es war einer jener Sommer gewesen, in denen es in Deutschland im April zwei Wochen heiß ist, und bis man merkt, dass man den Winterpulli wirklich im Schrank lassen kann, hat es angefangen zu regnen und hört bis Juni nicht mehr auf. Ich war genervt vom Wetter, von meinem Job, von meiner Partnerschaft, von den Noten, die mein Sohn nach Hause brachte, von seiner Lehrerin, von den Nachbarn und deshalb nahm ich das Angebot eines Bekannten an und verzog mich – obwohl ich nicht segeln konnte – in den sechs Wochen Sommerferien auf sein Segelboot, das er in einem Yachthafen auf Leros, einer kleinen griechischen Insel kurz vor der türkischen Küste, liegen hatte. Schon die Anreise war abenteuerlich und der Yachthafen entpuppte sich als kleine griechische Marina. Gut für meine Seele, ein Paradies der Freiheit für meinen damals zehnjährigen Sohn. Nach zwei Wochen lernte ich Gnagna kennen. Sie lebte mit ihrem Mann Baba, der für das Anlegen der Segler, für Strom und Wasser und kleine Reparaturen zuständig war, auf einem alten Holzschiff. Sie fiel auf: 16


Eine hochschwangere Afrikanerin in einem europäischen Hafen, der bevölkert ist von Weißen aller Erdteile, Italienern, Argentiniern, Australiern, Neuseeländern, Griechen, Amerikanern, Israelis, Franzosen, Österreichern, Türken, dazwischen mein Sohn und ich, die einzigen Deutschen. Doch da sie das Schiff nur abends verließ, wenn die brennende Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden war, fanden wir uns erst nach einiger Zeit. Dann aber identifizierten wir einander als Gestrandete in diesem Hafen der Weltenbummler, der Grenzgänger, der Hochseereisenden, der Wandler zwischen den Kontinenten. In langen abendlichen Gesprächen auf Deck ihres oder meines Seglers zählten wir einander die Gründe unserer Flucht auf, sprachen von dem, was unerträglich war und von dem, was wir suchten. Vielleicht war es diese sonderbare Situation, vielleicht der warme Wind, der abends aus Afrika kommend die Wanten singen ließ, jedenfalls wurden wir sehr vertraut miteinander und wenn wir nachts unter dem griechischen Sternenhimmel saßen, redeten wir über Afrika und Europa und sie erzählte mir von ihrer Flucht über das Meer, von ihrer Angst, von der Erleichterung, es geschafft zu haben. Tagsüber fuhr ich mit ihr ins Krankenhaus zur Vorsorgeuntersuchung und ging mit ihr zur Polizei, um ihre Red Card zu beantragen, eine Registrierung für illegale Einwanderer, mit der sie Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung erhielt. Wenige Tage vor meiner Abreise wurde Gnagna unruhig. Sie stand immer wieder auf, blieb kaum mal 17


sitzen und aß wenig. Ich traf ihren Mann, als er auf der Kaimauer saß und ihr zusah, wie sie am Wasser spazieren ging. »Es geht los«, sagte ich auf Französisch. Er stöhnte auf. »Allah, ich habe Angst!« »Angst!«, lachte ich. »Bald wirst du Vater einer kleinen Tochter sein. Das ist ein Grund zur Freude!« Er schüttelte den Kopf. »Bei uns ist die Entbindung Frauensache«, sagte er. »Ich kann nicht mit ihr ins Krankenhaus gehen. Ich weiß nicht, was ich tun soll! Und hier gibt es keine andere Frau aus dem Senegal. Sie kennt fast niemanden und sie versteht kein Englisch.« Baba und Gnagna sprachen Wolof miteinander, mit mir sprachen sie Französisch. »Das schaffst du«, lachte ich, doch ich sah, dass es ihm schlecht ging. Baba war bereits seit vier Jahren in Griechenland und hatte sich eine Scheinehe mit einer Griechin erkauft, obwohl er im Senegal mit Gnagna verheiratet war. »Aber wenn Gnagna will«, beeilte ich mich zu sagen, »dann gehe ich mit ihr.« Mit dunkeln Augen sah er mich an. »Oh bitte, ich weiß, dass sie es will. Bitte geh mit.« Baba war Bürokaufmann und Mitglied der Judo-Nationalmannschaft des Senegal gewesen, bis er sich auf den Weg nach Europa gemacht hatte. Bei den griechischen Angestellten in der Marina war er beliebt, auswendig konnte er alle zweihundert Schiffe aufzählen, sprach mit den Touristen fließend Griechisch, Französisch und Englisch. Doch seiner Frau die Hand halten, war ihm unmöglich. 18


Kurz vor Einbruch der Dämmerung fuhren wir in das Krankenhaus von Lakki, ein Militärgebäude, das die Italiener vor Beginn des zweiten Weltkrieges gebaut hatten. Es wurde eine lange Nacht in den alten Gemäuern. Ich lernte zu Allah zu beten in diesen Stunden, ihn anzurufen mit dem Gebet der entbindenden Frauen und lernte auch ihm zu danken, als ich in den Morgenstunden ein kleines rosa Bündel mit schwarzen Haaren im Arm hielt. Schwarze Babys sind bei ihrer Geburt hell. Rosa und hellbraun mit pechschwarzen Augen und dunklen Ohren. Der Beamte des Bundesgrenzschutzes, der an diesem Donnerstagabend vor meiner Haustür stand, riss mich aus meiner Erinnerung. Ich spürte, dass ich unwillkürlich gelächelt hatte. »Kennen Sie das Mädchen?« Was würden sie mit ihr machen, wenn ich nein sagte? Wahrscheinlich käme sie in ein Kinderheim oder zu einer Pflegefamilie. Und wenn ich ja sagte? Würden sie sie bei mir lassen? Eine Fünfjährige? Würde ich Fragen zu den Eltern beantworten müssen? Ich hatte mich wohl nicht strafbar gemacht, weil ich einer illegalen Migrantin die Hand gehalten hatte, während sie ein illegales Baby zur Welt brachte? Ein Baby, das Europa nicht will. Leros' Geschichte ist bestimmt von wechselnden Herrschern, mal waren es die Kreter, die die Insel eroberten, dann die Türken, die Italiener und schließlich wurde die griechische Insel im Zweiten Weltkrieg 19


von den Deutschen besetzt. Man hielt es immer gut mit den Machthabern, machte sich keine Feinde und wartete bis sie alle die Insel wieder verlassen hatten. Und so nahm man auch gelassen die afrikanischen Flüchtlinge hin, zumeist junge Männer, wenige Frauen, fast nie Kinder, die mit kleinen Booten aus der Türkei kommend strandeten. Eine Ruhe, die weiser ist als die Einwanderungspolitik Europas. »Wenn sie fünfzehn ist«, hatte Gnagna am nächsten Tag gelacht, »kann dein Sohn sie zur Frau nehmen.« Ich lächelte und schüttelte den Kopf. »Wenn sie fünfzehn ist, dann verheiratet ihr sie nicht, sondern schickt sie zu mir, damit sie eine gute Ausbildung machen kann.« Mein Blick fiel auf das kleine Mädchen, das sich am Hosenbein der Beamtin festhielt. Mit fünfzehn, dachte ich, ich habe mit fünfzehn gesagt, nicht mit fünf. Ich sah Adja an, betrachtete das kleine, noch immer zarte Mädchen. Bei ihrer Geburt hatte sie kaum zweieinhalb Kilo gewogen. Halb soviel wie mein Sohn bei seiner. Zweifelnd blieb mein Blick an ihr hängen, da hob sie den Kopf und sah mich an. Der Beamte des Bundesgrenzschutzes räusperte sich. »Ich frage sie nun zum letzten Mal: Kennen Sie dieses Mädchen?« Langsam entzog ich mich ihrem Blick, den pechschwarzen Augen, drehte den Kopf und sah durch die Beamten hindurch. Von weit her schien meine Stimme zu kommen, als ich ihm antwortete.

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Susanne Konrad

DER ANGSTMANN

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arla liegt im Bett. Es ist dunkel. Das Bettzeug ist zerwühlt. Sie wälzt sich hin und her. Ihre Beine sind angewinkelt. Carla fährt mit ihren Händen die Schenkelinnenwände entlang. Sie wartet, nervös, erregt. Wird er wieder kommen? Unter ihre Bettdecke kriechen? Das Zimmer ist so schwarz, dass man Schatten nur erahnen kann. Da spürt sie ihn. Von der Seite nähert er sich. Noch berührt er sie nicht, sondern räkelt sich im anderen Bett neben ihr. Carlas Anspannung steigt. Sie fühlt einen gierigen Sog zwischen ihren Beinen, ihre Brustwarzen werden hart. Da endlich sind seine Finger. Carla fühlt die haarige Haut auf seinem Handrücken. Fast zu grob greift er um ihre Brust, sie beißt die Zähne zusammen. Auch ihre Schamlippen knetet er fest, sein Griff überschreitet Carlas Schmerzgrenze. Trotzdem kann sie nicht von ihm lassen. Als er sich über sie beugt, öffnet sie sich ihm ganz. Er erdrückt sie fast. Als er in sie eindringt, will sie schreien, aber er hält ihr den Mund zu. Mehrmals stößt er zu, presst dabei seine Hand gegen ihre Hüften. Dann lässt er von ihr ab. Carla atmet tief ein und aus, als er sich geräuschlos von ihr wegrollt. Sie ist wieder allein. Zwischen ihren Schenkeln ist alles nass. Da bekommt sie Angst. Das, was sie hier erlebt, das kann doch gar nicht sein. Carla macht Licht. Jetzt wirkt das Schlafzimmer seltsam nüchtern. 21


Nur das Bett ist vollkommen chaotisch und sehr warm. Carlas ganzer Körper riecht nach dem Mann, der bei ihr war. Ihr Herz schlägt. Wie jede Nacht, in der er da war, steht Carla auf, um sich zu waschen. Am liebsten würde sie duschen, aber das würde die Ruhe ihrer Nachbarn stören. Auch im Bad macht sie Licht. Ihre Haare sind zerzaust, ihre Lippen gerötet. Trotz roter Flecken auf ihrer Haut, durch den festen Zugriff seiner Hände, sieht die Fünfzigjährige zwanzig Jahre jünger aus. Ihre Scheide brennt, sie ist wund. Carla pflegt ihren Körper mit einem Waschlappen. Die Reinigung braucht sie. Nur so fühlt sie sich frei für den kommenden Tag. Carla frühstückt. Noch immer, seit vielen Jahren, deckt sie für zwei. Der Tisch sieht dann einfach vollständiger aus, findet sie. Zwei Teller, zwei Messer, zwei Tassen. Aber nur ein Körbchen mit zwei Toasts, ein weiches Ei, etwas Käse, Butter und Marmelade. Ihr Blick fällt auf das Porträt von Hartmut. Es ist schwarzweiß, etwa 30 cm hoch und mit einem schwarzen Band versehen. Hartmut ist vor fünf Jahren von einem Baugerüst gestürzt. Er war im Hochbau tätig, in leitender Position. »Du bleibst mir treu, auch wenn ich einmal sterben sollte«, hatte er leichthin zu ihr gesagt. Sie hat sich das gemerkt. Drei Jahre hatte sie Schwarz getragen, auch im Büro. Ihre Kolleginnen lästerten schon, ihre Vorgesetzte nahm sie sogar beiseite und sagte, sie solle auf ein positives Image achten, im Interesse der Firma. Da hatte Carla nachgedacht. Von lebenslangem Schwarz hat Hartmut nichts gesagt. Also hat sie begonnen, sich wieder normal zu kleiden. Aber das Ehebett, das Foto auf der ... 22


Lori Tengler EIN STRAHLENDER TAG

EIN STRAHLENDER TAG, ein prächtiger Tag und endlich Sommer. Als der Mann, wie immer in letzter Zeit, nur mühsam auf die Füße kommt, sieht er nicht, wie seine Hosen von seinen Hüften herabhängen, dass sein Gesicht faltig geworden ist, mager und müde wirkt. Er weiß nur »Ich bin alt und grau geworden.« Er bewegt sich schleppend aus dem Haus in den Garten. Er erinnert sich noch daran, wie früher die Iris in voller Blüte standen, und wie der elegante Rittersporn, die orange leuchtende Mohnpracht und die lila Pfingstrosen ihn in einen wahren Farbenrausch versetzen konnten. Jetzt ragt die immergrüne Hecke dunkler, üppiger und größer auf. Was einst klein war, ist jetzt zu einem Schutzwall gegen die Welt geworden, der das Haus von der Straße abschirmt. Der Garten ist eine Schande! Das Gras ist auf und über die Platten gekrochen, so dass der Weg fast völlig zugewachsen ist. Das Unkraut ist nicht mehr zu bändigen. Plastiksäcke, ein Stapel Holz und Autoreifen liegen in einer Ecke herum, quellen aus der Hütte. Ein rostiger Rechen lehnt an der Tür. Das Gebüsch und die Apfelbäume müssten beschnitten werden. Die Johannisbeersträucher brechen fast unter der Last der überreifen Beeren. Der Kräutergarten ist ein Albtraum. Ungebremstes Wachstum überall, ein Garten, der viel zu lange sich selbst überlassen worden ist.

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Er bückt sich, um ein paar Mäuseknochen zu untersuchen, und wehrt die dornigen Brombeeräste ab. Dies ist jetzt seine Welt, aber es war nicht immer so. Wie konnte das nur passieren? Er steht in der Mitte des Gerümpels und erinnert sich an die Farm seines Vaters. »Wie sich die Erde anfühlte, die in meinen Fingern zerkrümelte« und »Mutter hatte sich immer riesig über ihren Garten gefreut, der die Farm umgab«. Seit seiner Kindheit hatte er ein starkes Empfinden für die Schönheit seiner Heimat und dem Himmel über allem, der stets sein Herz erwärmte, wann immer er sich dem alten Bauernhof näherte, den seine Vorfahren seit Jahrhunderten bewirtschaftet hatten. Er aber hatte das Land verlassen. Die finstere Miene seines Vaters kommt ihn in den Sinn, als er ihm sagte, dass er seine Stelle verloren habe und auswandern wolle. In einem fernen unbekannten Land würde es anders sein. Und jetzt, denkt er, wie ist es jetzt? Am Anfang hatte er viel Freude aber auch alle Mühe kennengelernt, die ein Mann wie er ertragen musste, ein armer Mann, dessen Lohn nicht ausreichte. Er denkt an diese früheren Jahre zurück, als er tagein tagaus in einem engen Büroraum hockte, um zu arbeiten. Er macht seinen Rundgang durch den Garten und es fällt ihm ein, wie froh er damals war, als er beobachtete, wie die Blumenzwiebeln ihren Weg aus der feuchten Erde fanden, wie die Blüten sich öffneten und wie er eifrig Unkraut jätete, wenn er von der Arbeit kam und sofort in sein Treibhaus ging. ....

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B I O G R A P H I S C H E S


Ayla Bonacker 1945 in Güzelyurt/Türkei geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Ankara. Dort arbeitete sie fünf Jahre beim militärgeographischen Amt als Kartographin und schrieb Gedichte für »Defne«, eine Kulturzeitschrift. 1971 reiste sie nach Deutschland ein. Seit 1986 wohnt sie in Frankfurt am Main. 17 Jahre war sie beim Amt für Flugsicherung der Bundeswehr tätig. Sie zählt zu den Gründungsmitgliedern des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt. Ayla Bonacker ist verheiratet und hat eine Tochter. Veröffentlichungen in den Anthologien des Literaturclubs.

Gesine Carl 1974 in Köln geboren. Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Romanischen Philologie (Spanisch); Magister 1999, Promotion 2006. Lebt seit 2011 in Wiesbaden und ist als Deutschlehrerin tätig. Sie schreibt gelegentlich Lyrik, vor allem aber Prosatexte. Thematische Schwerpunkte bilden das Spiel mit verschiedenen Identitäten, die idealisierende Liebe zu einem unerreichbaren Gegenüber sowie die Reflexion über Sprache. Verschiedene Publikationen in Anthologien und Literaturzeitschriften; Auszeichnung mit dem Uslarer Literaturpreis 2004. Mitglied im Literaturclub der Frauen aus aller Welt seit August 2012.

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Kristina Edel 1973 geboren, wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Friedrichsdorf/TS. Sie ist seit 2013 Mitglied im Literaturclub der Frauen aus aller Welt und hat bereits in anderen Anthologien Kurzgeschichten veröffentlicht. Ebenfalls sind eine wissenschaftliche Monografie und zwei regionalhistorische Erzählungen von ihr erschienen. Beim Größenwahn Verlag ist sie in den Anthologien Griechische Einladung in die Ägäis mit der Kurzgeschichte Maybe God is XL und in Griechische Einladung in die Politik mit der Kurzgeschichte Seeigel vertreten. Sie unterrichtet Deutsch für mehrsprachige Kinder und spricht selbst mehrere Sprachen. Literarisch interessieren sie interkulturelle Themen.

Tuula Greß 1946 in Finnland geboren. Nach dem Abitur Aufenthalte in Schweden, Deutschland und England, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Zurückgekehrt nach Finnland studierte sie am Spracheninstitut Tampere 1968–70 mit Abschluss Übersetzerin. Sie lebt seit 1971 in Deutschland. Ab 1997 im Literaturkreis von Shirin Kumm, anschließend Mitglied in dem daraus entstandenen Literaturclub der Frauen aus aller Welt. Gehört auch einer kleinen Gruppe finnisch schreibender Frauen an. Veröffentlichungen in den Anthologien des Literaturclubs.

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Barbara Höhfeld Diplom-Übersetzerin in Frankfurt am Main. Sie schreibt Gedichte, Essays und Romane. Mitglied im VS Hessen, im Literaturclub der Frauen aus aller Welt, bei POSEIDON Darmstadt, im Luxemburger Schriftstellerverband u.a. www.barbara-hoehfeld.de

Reha Horn Sie ist in Kabul/Afghanistan geboren und floh gemeinsam mit ihren Eltern vor dem Krieg nach Deutschland und lebt heute in Frankfurt am Main. Sie verbrachte – seit sie lesen konnte – die größte Zeit ihrer Jugend in der Stadtbücherei Steinbach im Taunus und hält sie sich noch heute gerne in Büchereien auf. Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Sie arbeitete einige Jahre in der Bildungsberatung als Beraterin und ist heute im Personalbereich tätig. Im Literaturclub der Frauen aus aller Welt ist sie seit 2012 Mitglied.

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Susanne Konrad 1965 in Bonn geboren, studierte Literaturwissenschaft und Geschichte. 1995 promovierte sie über Goethes Wahlverwandtschaften. 2005 erschien ihr erster Roman »Camilles Schatten«. Die Autorin hat Fachbücher zu den Themen Integration und Kreatives Schreiben veröffentlicht, ferner zahlreiche literarische und redaktionelle Beiträge. Schwerpunkte ihrer schriftstellerischen Arbeit sind der Entwicklungsroman sowie Prosa zu den Themen Migration, Heimat und lokale Identität. Im Literaturclub der Frauen aus aller Welt seit 2001. Ihr Roman »Die Akademikerin« ist 2015 im Größenwahn Verlag erschienen.

Radvana Kraslová ist Geographin, Verlagsredakteurin, Reisebegleiterin, Journalistin, Übersetzerin. Die sowjetische Okkupation in der Tschechoslowakei hat sie als Mädchen stark geprägt und politisch aufgeweckt. 1988 emigrierte sie nach Deutschland. Seit der Wende pendelt sie zwischen Frankfurt und Prag. Als freie Journalistin schreibt sie für tschechische Zeitschriften und übersetzt deutsche Bücher, z.B. Eugen Ruges Roman »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. Sie gehört zu den Mitbegründerinnen des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt, in dessen Rahmen sie sich an drei Anthologien beteiligte. Für die Bibliothek des Historischen Museums in Frankfurt am Main schrieb sie über ihre Beziehung zu dieser Stadt.

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Tamara Labas-Primorac In Zagreb/Kroatien geboren. Sie verbringt die Grundschul- und Gymnasialzeit in Frankfurt und teilweise in Zagreb. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der GoetheUniversität Frankfurt. Autorin, Psychoanalytische Paar-, Familien- und Sozialtherapeutin, staatlich anerkannte Übersetzerin für die Sprachen Kroatisch und Serbisch. Erzählte, beobachtete und eigene Erfahrungen bilden die Inspirationsquelle für ihre Gedichte, Erzählungen und Kurzgeschichten. Veröffentlichungen in Anthologien, Mitherausgeberin der »Wortwandlerinnen«, Mitglied des Literaturgesellschaft Hessen e.V. (LIT).

Behjat Mehdizadeh Geboren im Iran, studierte an FirdausiUniversität in Maschhad Psychologie. Nach der Einreise nach Deutschland Studium der Sozialarbeit in Frankfurt am Main mit Schwerpunkt Migration, Biografie und Kunst; u.a. Zusatzqualifikation als Beraterin für interkulturelle Pädagogik und Kommunikation, sowie für Biografie- und Erinnerungsarbeit mit Einzelnen und mit Gruppen. Sie ist Gründungsmitglied des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt und Autorin von Kurzgeschichten und Gedichten. Sie initiierte und leitet die Kreative Biografie- und Erinnerungswerkstatt in Frankfurt. Sie war Stadtteilhistorikerin. Im Jahr 2013 als Autorin der Bibliothek der Alten geehrt. Teilnahme am Biografie-Projekt »Wege nach Frankfurt«.

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Agapi Mkrtchian In Armenien geboren, lebt seit 1986 in Wiesbaden. Sie studierte Germanistik in Jerewan, Jena und Frankfurt am Main. Sie ist Lehrerin an einer Wiesbadener Schule. Ihre Gedichte, Märchen und Erzählungen sind ins Armenische übersetzt und in Armenien publiziert worden. Veröffentlichungen in Georgien, im Libanon, in der Tschechei und in den USA. Außerdem sind ihre Texte in zehn verschiedenen deutschsprachigen Anthologien erschienen. Zahlreichen Veröffentlichungen in den Bereichen Märchen, Poesie und Prosa. Sie ist Mitglied des Armenischen Schriftstellerverbandes.

Mona Phoenics 1952 in Rheinland-Pfalz geboren. Studium der Germanistik, Politik und Pädagogik in Freiburg im Breisgau und Frankfurt am Main. Lehramtsexamen. Arbeitete in der Verwaltung und an Schulen. Seit 2012 im Literaturclub der Frauen aus aller Welt. Lebt in Offenbach am Main und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache.

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Lori Tengler In Kanada geboren, wuchs als ältestes von vier Kindern in einer sehr lebhaften Familie auf. Sie hat Erziehungswissenschaft studiert und als Grundschullehrerin in verschiedenen kanadischen Schulen unterrichtet. Sie erhielt ein Sabbatjahr, um als Englischassistentin in Deutschland zu arbeiten. Hier traf sie ihren Mann und heiratete. Lori Tengler wohnt in der Nähe von Frankfurt und hat einen Sohn. Jahrelang unterrichtete sie Englisch für alle Altersgruppen. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt.

Venera Tirreno In Italien geboren, lebt seit vielen Jahren in Frankfurt. Neben dem Studium der Betriebswirtschaft hat sie lange Jahre bei einer Großbank im Kreditgeschäft gearbeitet. Eine Tätigkeit, die sie aufgegeben hat, um sich der Literatur zu widmen. Während dieser Zeit entstand ihr erstes Buch »Sizilien... vergessen!«, das in Sizilien mit dem Preis Chimera d'argento prämiert wurde. Seit 2002 ist sie Mitglied des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt, dessen Vorstand sie seit 2005 angehört. Ihr Gedichte, Artikel und Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. Neben dem Schreiben unterrichtet sie heute Italienisch und arbeitet als Übersetzerin.

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Gisela Wölbert In Morshausen im Hunsrück aufgewachsen. Nach einem Auslandsaufenthalt holte sie das Abitur nach und studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik. Sie arbeitete in der Erwachsenenbildung, unterrichtete Deutsch als Zweitsprache und beschäftigte sich mit den Themen Migration und Geschichte. Heute ist sie als Gruppenanalytikerin tätig. Seit 20 Jahren schreibt und veröffentlicht sie Reportagen, Gedichte und Erzählungen. Mitglied des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt ist sie seit 2011.

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Aus dem Verlagsprogramm

Todora Radeva Sieben Arten den Sari zu binden

Erzählungen aus dem Bulgarischen von Elvira Bormann-Nassonowa ISBN: 978-3-95771-029-1 eISBN: 978-3-95771-030-7 »Der Sari ist jene dünne, wunderbare Trennwand, die eine Frau vor dem Mann aufbaut und nur aus freiem Willen entfernen kann.« In der bulgarischen Stadt Plovdiv sind die Frauen geheimnisvoll, pflegen Illusionen, malen Fantasien, kämpfen mit Herz und Verstand für das Halten oder Löschen einer Beziehung und zeigen ihren Einfallsreichtum bei der angenehmen Gestaltung des Alltags: Telefontratsch, Ausflüge, Beobachtungen auf dem Balkon, unaufgeräumte Kleiderschränke. 19 Geschichten aus einem ehemals sozialistischen Ort, der von magischer Atmosphäre umhüllt ist und seine Bewohner im Sog des subtropischen Klimas hält. 19 Erzählungen über Frauen, die Gewinnerinnen und gleichzeitig Verliererinnen der politischen Veränderungen geworden sind. Todora Radeva wurde 1973 in Plovdiv geboren, studierte an der Kliment-OhridskiUniversität in Sofia Kulturwissenschaften und hat zahlreiche Veröffentlichungen in Bulgarien. Mit ihren Kurzgeschichten »Sieben Arten den Sari zu binden«, gewann sie 2005 den Nationalpreis für Literaturdebüts. »Das Buch ist eine Ontologie des weiblichen Körpers.« Kamelia Spasova / Maria Kalinova »Mit ihrem Erzählband zeigt Todora Radeva, wie die neue weibliche Prosa in der nächsten Dekade aussehen könnte.« Plamen Dojnov

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Kyro Ponte Der Apfel fiel aus Venus linker Hand Erzählungen ISBN: 978-3-95771-065-9 eISBN: 978-3-95771-066-6 Was ist der Preis für den Besitz eines einzigartigen Wesensmerkmals? Für Venus und ihre Schönheit war es der goldene Apfel der Hesperiden. Für Frau Meyer und ihre Hässlichkeit, als Muttermal das Gesicht kennzeichnend, ist es – um sich von dieser Einzigartigkeit zu lösen – eine Schönheitsoperation. Für Rania, eine Tochter aus gutem Hause in Korfu, und ihre Jungfräulichkeit ist der Preis dafür eine arrangierte Ehe. Für Byzantia, eine gebärende Mutter in Spanien, mit ihrer Liebe zum neugeborenen Kind, ist der Preis dafür ihr eigenes Leben. Einzigartigkeit hat ihrem Preis. Ein Preis, der schon von der Göttin Venus fallengelassen wird, sobald Amor erscheint, um alle Beteiligten in neue, einzigartige Abenteuer zu locken, die neue Preise versprechen und das Zahlen neuer Preise einfordern. Begierde wird zur Leidenschaft. Und die Leidenschaft kennt keine Grenzen. So wie die Freiheit des Seins. Kyro Ponte – Sohn einer griechischen Gastarbeiterfamilie, 1972 in Esslingen a.N. geboren – offenbart sich als Meister der Beschreibung von Gefühlen und beweist mit seiner detaillierten und filigranen Sprache, dass Literatur ein erlösender Ausdruck sein kann. Seine überraschungsreichen Geschichten liefern elementare Einsichten aus dem Innenleben von Frauen und Männern, die für ihre Einzigartigkeit ihren Preis bezahlen, um aus der Krise zu entkommen, in die der menschliche Wille sie katapultiert hat.

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Susanne Konrad Die Akademikerin Roman ISBN: 978-3-95771-069-7 eISBN: 978-3-95771-070-3 Nichts macht ihr mehr Freude, als über Büchern zu sitzen, zu lesen, zu lernen, zu schreiben. Melina ist eine ehrgeizige junge Frau, die all ihre Energie in die wissenschaftliche Arbeit legt. Ihrer Mutter wäre es lieber, die Tochter mit einem Mann liiert zu sehen, doch für die Liebe hat die 30-jährige keine Zeit. Professor Peter Grün ermöglicht ihr, bei ihm zu promovieren. Sie nimmt das Angebot an und stürzt sich in die Forschung – hier findet sie stets Halt und seelische Nahrung. Doch ihr Dissertationsthema »Susanne K. Langers Konzept von Emotion und Form« erweist sich schwieriger als gedacht: Die Doktorarbeit droht zu scheitern, die Terminabgabe wird zum Fluch und aus dem akademischen Tiefpunkt eine Lebenskrise. Ausgerechnet der viel ältere Johannes, dem Melina sich an gesellschaftlicher Stellung und geistiger Kapazität weit überlegen fühlt, gibt ihr neuen Lebensmut, Sicherheit und Geborgenheit. Melina findet unverhofft an seiner Seite ein neues Zuhause. Doch kann sie mit dem einfachen Lageristen wirklich glücklich werden? Wird das Leben weiterhin Schicksalsschläge für sie bereit halten? Susanne Konrad erzählt die bewegende Geschichte einer Frau, die besessen ist von der wissenschaftlichen Arbeit und dem Drang nach Selbstverwirklichung durch die Philosophie. Ähnlich einer kolorierten Skizze zeichnet die Autorin das Innenleben akademisch gebildeter Menschen, die in der Theoriearbeit unschlagbar sind, bei der alltäglichen Lebensbewältigung jedoch zu scheitern drohen. Aus der »Liebe zur Weisheit« wird die Kunst, mit Gefühlen umzugehen.

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Olga Zimmermann Verschwundene Adjektive Novelle ISBN: 978-3-95771-033-8 eISBN: 978-3-95771-034-5 Adjektive – von allen schönen Worten, die das berufliche Leben eines Literaturkritikers durchdringen, sind dies seine Favoriten. Ununterbrochen schwirren sie ihm durch den Kopf, prägen seine Wahrnehmung der Welt und beherrschen seine Rezensionen. Als er der Frau seines Lebens – einer Traumtänzerin – begegnet, überschüttet er diese mit all den schwelgerisch-enthusiastischen Adjektiven, die sein gesammeltes Repertoire hergibt. Die beiden werden ein Paar. Die Zeit vergeht. Der Alltag und mit ihm all die schönen Adjektive nutzen ab und verblassen allmählich. Bis eines Tages ein eigenwilliger Reiseromancier – ein Suchender – in das Leben der beiden tritt. Der Fremde entpuppt sich als leidenschaftlicher Liebhaber von Verben. Eine Tragödie nimmt ihren Lauf. Olga Zimmermann erzählt in ihrer Debütnovelle vom Kampf zwischen Adjektiven und Verben und deren Bedeutung in der deutschen Sprache. Eine metaphorischliterarische Studie über Gefühle und Tätigkeiten, über Herz- und Verstandesangelegenheiten; darüber hinaus ein Plädoyer für die soziale Akzeptanz unkonventioneller Lebensstile.

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Fotini Tsalikoglou Die Geheimnisse der Tochter Roman aus dem Griechischen von Gesa Singer ISBN: 978-3-942223-66-9 eISBN: 978-3-942223-67-6 Sie war erst elf Jahre alt und verstand nicht, warum ihre Mutter so wenig sprach und nicht wie alle anderen Mütter war. Wenn der Arzt kam, wirkten alle ernst, schlossen die Tür, sprachen vorsichtig. Manchmal hörte sie laute Stimmen und Kristallglas zerspringen. Dann stellte jemand das Radio laut. Dunkel und kompliziert war alles in ihr und um sie herum. Ihr Kopf dröhnte. Da fing sie an zu schreiben, damit sie den Geheimnissen und dem Geflüster besser lauschen konnte, die mit jedem Tag immer weiter wuchsen und anschwollen, so wie ihr Körper, und zu ihren persönlichen Geheimnissen wurden. Durch die Tagebucheinträge, die im September 1959 beginnen, entwickelt sich eine sprachlich und psychologisch fesselnde Erzählung, geschrieben aus der Perspektive eines Mädchens. Die Tochter einer unter schweren Depressionen leidenden Mutter versucht, ihr Leben zu verstehen, das von der emotionalen Abwesenheit der Mutter geprägt ist. Ein Abschiedsbrief des Liebhabers regt die Fantasie des Kindes an, das in dieser verworrenen Situation Orientierung zu finden und bei dem Versuch ihrer Selbstwerdung immer wieder die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erregen strebt. Fotini Tsalikoglou ist eine der bekanntesten Psychologinnen Griechenlands und schreibt neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit Romane und Erzählungen. Der psychologische Scharfsinn gibt ihr das Gespür zur eindringlichen Darstellung der Gefühlslage ihrer Protagonistin.

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Nina Maria Marewski, Daria Eva Stanco, Jannis Plastargias (Hrsg.) Frankfurter Verkehrsliteratour Anthologie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ISBN: 978-3-95771-057-4 eISBN: 978-3-95771-058-1 So kennen wir Frankfurt, so lieben wir die Mainmetropole: Nach bewegter Geschichte heute als Messe- und Finanzstadt mit Skyline und Flughafen bekannt, für Goethe und Apfelwein weltberühmt. Aber war´s das schon? Mitnichten: Aus der überraschend großen OffKultur-Szene entwickelte sich das Projekt Verkehrsliteratour. 26 Nachwuchsautorinnen und -autoren aus Frankfurt und Umgebung widmen der Stadt am Main ihre jeweils ganz persönliche Liebeserklärung. Im Mittelpunkt der Anthologie stehen Gebäude, Denkmäler, Plätze, Brücken, Straßen, bekannte und weniger bekannte Frankfurter Sehenswürdigkeiten, die alle eine Anbindung zu einem öffentlichen Verkehrsmittel haben, Stationen, die sich mit Bus, Tram, U- oder S-Bahn erreichen lassen. Dieser literarische rote Verkehrsleitfaden fungiert als Reiseführer und gibt den Neuentdeckern – Einheimischen, Zugezogenen oder Touristen – eine Orientierung durch die Weltstadt. Nutzen Sie das öffentliche Verkehrsnetz. Steigen Sie ein – Türen schließen selbsttätig – und erleben Sie unsere Frankfurter Verkehrsliteratour.

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Elena Chouzouri Die lügnerische Sonne der Kinder Roman aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-942223-96-6 eISBN: 978-3-942223-97-3 Veronika K., 58 Jahre alt, sucht Schutz, von der Sonne und von den Fragen die ihre innersten brennen: Was hat sie in ihrem usbekischen Geburtsstadt Taschkent wertvolles Zurückgelasen? Wie sah ihr Leben in der Sowjetunion aus? Welches Geheimnis überschattet ihre Kindheit? Was hat ihr dominanter Vater, der als Partisankämpfer und Altkommunist geehrt wird, in Wirtlichkeit ihr angetan? Wo ist ihre große Liebe, der Jude Iosif verblieben? Aufgrund einer Interview-Anfrage der jungen Journalistin Danae, über die Kinder der politischen Flüchtlingen die repatriiert wurden, ist Veronika gezwungen ihre Vergangenheit als Exil-Kind in Usbekistan mit ihrem jetzigen, grauen Leben in Athen zu vergleichen. Eine Recherche mit Folgen ... Elena Chouzouri beschreibt den Konflikt der zwei Identitäten, der durch Immigration entsteht und von den Eltern zu den Kindern übertragen wird. Die Schicksale der Veronika und Danae sind Schnittpunkte der Geschichte Europas, in dem das Wort »Heimat« als Marke in das Herz der jüngeren Generation gebrannt wird, Kinder, die in einem anderen System mit anderen Werten und Überzeugungen groß werden, zwischen Tradition und Globalisierung ihre eigene Werte suchen und durch ihre persönlichen Verluste und Enttäuschungen Erwachen werden. »Mutter Heimat, die absolute Fremde.« Vangelis Chatzivasiliou – To Vima

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Brigitte Münch Doch welcher Fluss fließt rückwärts Kartografie der Liebe Erzählungen ISBN: 978-3-95771-041-3 eISBN: 978-3-95771-042-0 Zwei Körper, zwei Seelen, die zusammengehören, Gefühle gleicher Intensität - Paare aller Spielarten: Mann und Frau, gleichgeschlechtliche, verheiratete, verliebte, verwitwete, vereinsamte – vergangene Lieben, lebendige, gescheiterte, zukünftige oder auch nur erträumte. Wir alle suchen die große Liebe, den »richtigen« Partner. Doch wenn man sie findet, die Liebe, ist es keine Garantie fürs Leben; Gefühle sind unstet, manchmal trügerisch, bedroht von Enttäuschungen. Und hinter allem lauert stets der Tod. Nur selten gibt es das große Happy End wie im Märchen. Doch die Hoffnung lässt uns immer wieder nach Wegen suchen, um die Liebe festzuhalten. Wenn sie scheitert, kann es das Ende der Welt bedeuten. Oder die Chance auf einen Neuanfang? Dazwischen gibt es viele andere Möglichkeiten. Nur zurück führt kein Weg ... Brigitte Münch – 1947 in Düsseldorf geboren, lebt und arbeitet als Autorin und Übersetzerin auf Naxos/Griechenland – kartographiert 12 Schicksale menschlichen Glücks in detailliertbewegenden Aufzeichnungen. Eine Karte zur jeweiligen Geschichte lädt den Leser ein, auf Entdeckungskurs zu gehen und auf die Suche zur Erforschung der eigenen Gefühle.

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Leseprobe die frankfurterinnen  
Leseprobe die frankfurterinnen  

Mit tausend Wortpfeilen schießen die Autorinnen durch die Seiten dieses Buches, denn sie sind Frauen, die sich nicht lähmen ließen, sondern...

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