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Der ertrunkene See

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Reihe: 21


Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2015 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, Frankfurt 2015 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-059-8 eISBN: 978-3-95771-060-4

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Thomas Pregel

Der ertrunkene See Roman

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IMPRESSUM

Der ertrunkene See Autor Thomas Pregel Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schriften Constantia und Lucida Calligraphy Covergestaltung Marti O´Sigma Coverbild Marti O´Sigma Lektorat Maria Konstantinidou www.lektorat-und-korrektorat.de Druck und Bindung Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Juli 2015 ISBN: 978-3-95771-059-8 eISBN: 978-3-95771-060-4

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F端r meine Eltern Wolfgang und Helga Pregel, die mich immer unterst端tzt haben, selbst in dem bizarren Wunsch, Schriftsteller werden zu wollen.

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Schweigt still und laĂ&#x;t mich reden; Es komme Ăźber mich, was da will. Hiob 12, 13

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ine schlechte Nachricht kann einem den Tag ruinieren und manchmal auch das ganze Leben. Wenn aber zwei Geschwister, die sonst einander eher fremd sind, sich zusammenraufen, um an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren, weil ihnen Liebe und Pflichtgefühl eingeben, dass unbedingt sie es sein müssen, die ihren Eltern diese schlechte Nachricht überbringen, dann kann das nicht nur einen Tag oder mehrere Leben zerstören, sondern gleich ein ganzes Paradies. Das Paradies, das zerstört wurde, war das Bucheichental, ein idyllischer, von einem gemächlich fließenden Fluss durchzogener, doch abgelegener und zutiefst rückständiger Ort, den man eben deshalb besonders liebte oder schnellstmöglich verließ. Hier waren Bruder und Schwester aufgewachsen, hier lebten noch ihre Eltern, die nicht einmal ansatzweise ahnen konnten, was da auf sie zukam. Die Geschwister kamen von Süden, auf den schwarzen Schwingen der schlechten Nachricht segelten sie heran, versunken in quälend düstere Gedanken, die nur umso düsterer und quälender wurden, je näher sie dem Bucheichental kamen. Plötzlich hassten sie den Süden mit all seiner modernen quirligen Lebendigkeit, die nun offensichtlich ihren Tribut forderte. Deshalb fuhren sie nach Norden, heim ins Tal ihrer Kindheit, das besonders die Schwester noch immer kannte wie ihre Westentasche. Während ihr Bruder stumm und verbissen das Lenkrad seines Wagens umklammert hielt und sich nervös die Lippen zerkaute, eilten ihre Gedanken voraus ins Bucheichental, flogen darüber hinweg wie ein Vogel, der zurückkehrt aus seinem Winterquartier, drehten einen weiten Kreis darüber und wählten schließlich eine Anflugbahn von Norden her, um vor der Landung noch einmal alles ganz genau zu betrachten, um zu überprüfen, ob auch noch alles seine wohlbehaltene Ordnung hatte und an seinem altbekannten Platze war. Denn von Norden kommend war die Aussicht noch überwältigender als von Süden her.

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Denn wenn man von Norden her den Fluss hinabkam, passierte man zunächst ein flaches, sattgrünes, fruchtbares Land. Die Fahrt ging ruhig dahin, das Wasser war breit und tief, weder große Felsen noch Sandbänke oder Stromschnellen behinderten sein Vorwärtskommen. Dann stiegen die Ufer links und rechts des Stroms an, das Land wurde hügeliger, sein Aussehen schroffer, erste größere Gesteinsformationen brachen den fetten Humus auf, und schließlich traf man auf die Ausläufer eines dünnen Gebirgszuges. Den Fluss hielt das nicht auf, er nahm seinen Weg mitten hindurch. Instinktsicher schien er sich dafür die schmalste Stelle ausgesucht zu haben, und trotzdem hatte es ihn viele Jahrtausende gekostet, sein Bett durch den harten Fels zu fräsen. In mühevoller, endloser Arbeit erschuf er sich eine Schlucht, ein Tal, das so ganz anders war als das umliegende Land, anders als die hohe, plateauartige Region im Norden und anders als die sanft zur Küste und zum Meer abfallende Region im Süden. Das Tal lag dazwischen wie eine Schwelle oder Stufe von der einen Ebene zur nächsten und doch ganz für sich allein. Denn kam man von Norden, konnte man es nicht auf dem Rücken des Flusses reitend betreten, sondern man musste einen Fußweg abwärts nehmen, musste alten, in den Fels gehauenen, von Wind und Wetter und Füßen ausgetretenen Treppenstufen folgen, um auf den Grund des Tals zu gelangen. Das war aufregend und spektakulär und jede Mühe wert und allein die Aussicht von hier oben einmal quer durch das ganze Tal und zu seinem südlichen Ausgang wieder hinaus unbezahlbar schön. Schon von oben hatte man einen fantastischen Ausblick auf den Talgrund, diese liebliche, schon immer wie aus der Zeit gefallen wirkende Landschaft, durch die sich der Fluss schlängelte wie ein silbrig glitzerndes Band, an dem, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur, fünf Häuser und Gehöfte lagen. Die Einwohner dieses schmalen, von steilen hohen Wänden eingekesselten und doch so idyllischen Streifens Erde bezogen ihr Trinkwasser hauptsächlich aus dem Fluss. Nur die Bewohner der Hänge verfügten über Zisternen, in denen sie das Regen- und Schmelzwasser auffingen und sammelten. Der Fluss aber war die Lebensader für die Menschen hier, und ihnen war es so, als entspränge er nur für sie noch einmal gänzlich neu. Ins Tal nämlich ergoss er sich als die gischtig schäumende

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Kaskade eines Wasserfalls, die von einem kleinen Teichbecken aufgefangen wurde, in dem sich die in Millionen Tropfen aufgespaltenen Wasser wieder zu dem einen Strom vereinten, als der er dann, fortan bis zu seiner Mündung ins Meer ungestört, seine Reise fortsetzte. Gleich neben dem Wasserfall ging man die Stufen, die immer feucht waren und von Moos und Flechten bewachsen, hinab, den längeren Teil des Pfades jedoch geschützt von einer natürlich hervorspringenden Felswand. Sie hinderte den feinen Sprühnebel, der die Sicht trübte, fast zur Gänze daran, den Passanten bis auf die Haut zu durchnässt zu haben, wenn er endlich unten angekommen war. Nur an einer Stelle öffnete sich der Blick einmal, sodass man an der schäumenden Wasserwand vorbei ein kreisrundes, wie einen Teller geformtes Plateau entdecken konnte, aus dessen Grasboden granitgraue Grabsteine erwuchsen sowie eine ebensolche Kapelle mit Türmchen und Kreuz darauf. Ein enger Weg, zu eng, um ihn mit einem Auto befahren zu können, ging davon in Richtung Talgrund ab. Diesen Ort nannten die Einheimischen die Wacht, denn hier begruben sie von Anbeginn an ihre Toten, auf dass sie freundlich auf die unten Lebenden schauen mochten und ihnen Schutzschild und Leitstern zugleich wären, sinnbildlich für das eine ewige Leben an ebendiesem besonderen Platz, der ihnen all ihre Tage hindurch Heimat und Zuhause sein sollte. Es war schon seltsam, dass man ausgerechnet immer die Wacht als Erstes wahrnahm, wenn man auf diesem Weg hinab ins Tal stieg. Der Anblick war so verwunschen schön, dass er nicht wie eine Mahnung vor dem Tode daherkam, sondern dem Besucher eher ein ihn zutiefst berührendes Gefühl von der ewig sich verändernden und doch ewig gleichbleibenden Zeit vermittelte. Die Zeit stand auch hier nicht still, aber ihr Verstreichen war nicht mehr bedrohlich, es war nur etwas, das nun einmal geschah. Es war auch deshalb seltsam, dass man zu allererst auf diesem Wege den Friedhof bemerkte, denn von dem kleinen Absatz, auf dem man dabei stand und nach links schaute, nach Westen, ging rechterhand ein schmaler Pfad ab, der sich einmal den gesamten Osthang entlangschlängelte bis zum Steinernen Tor ganz im Süden, durch das der Fluss das Tal wieder

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verließ. Folgte man aber diesem Pfad, stieß man schon nach nur siebzig Metern auf eine kleine Hütte mit angebautem Verschlag, die beide stark nach Ziegen rochen. Dies war der sogenannte Ziegenhof, der von einem alten Mann, dem Ziegenhirten, mit seinen Tieren bewohnt wurde. Der Ziegenhirte war eine wahrhaftige Institution im Tal, nicht nur weil er als Einziger hier Ziegen hielt und damit den Speiseplan der kleinen Gemeinschaft bereicherte, sondern vielmehr weil er so alt war, dass es schien, als wäre er bereits seit Anbeginn der Zeit hier, und die übrigen Talbewohner sich diesen Ort ohne ihn gar nicht mehr vorzustellen vermochten. Nebenbei begriff er sich als der Wächter der Wacht, denn wenn er feierabends vor seiner Hütte noch in der Abendsonne saß, während der Rest seiner Welt bereits in tiefen Schatten gehüllt dalag, dann hatte er freien Blick auf den alten Friedhof ihrer Gemeinschaft, und die behagliche Wärme in seinen alten Gliedern verleitete ihn zu dem Traum, wie es wohl wäre, dereinst selbst einmal auf dem stillen Fleckchen Erde dort drüben zu liegen und aller alltäglichen Sorgen ledig zu sein. Folgte man dem Pfad, der mehr ein von Ziegenfüßen in Form gehaltener Trampelpfad denn alles andere war, weiter Richtung Süden, gelangte man nach der Hälfte des Weges, vorbei an niedrigen, abgeknabberten Sträuchern und anspruchslosen Kiefern und großen, wie von einem Riesen achtlos hingeworfenen Felsbrocken zwischen all den Gräsern und Kräutern, zur Zentralstation, dessen Bewirtschafter der Schafhirte oder schlicht Hirte gerufen wurde. Es war ein schmuckes kleines Steinhaus mit geräumigen Winterstallungen aus altem, dunklem Holz und die älteste Schafstation im Tal, was ihrem Betreiber eine gewisse Autorität verlieh. Der Hirte nun, ebenso wie seine Frau, stand allerdings kurz vor seiner Verrentung, obschon in diesem Teil der Erde nicht das Alter, sondern die Gebrechlichkeit des Körpers das Ende des Arbeitslebens signalisierte und bestimmte, ohne dass ein Erbe in Sicht wäre. Der eigene Sohn hatte das Tal verlassen und wie so viele anderswo sein Auskommen gefunden, die Tochter dagegen lag seit ihrem fünften Lebensjahr oben auf der Wacht und wartete auf die Wiedervereinigung mit ihren Eltern. Ein Schicksalsschlag, wie er besonders in den älteren Tagen häufiger hier vorkam und mit dem man pragmatisch umzugehen gelernt hatte. Wenn man nicht

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allzu anspruchsvoll war, dann konnte man hier ein mehr als anständiges Leben führen, trotz allen möglichen Kummers. Ganz im Süden des Osthanges schließlich, nahe bei seinem Fuße, stand noch die südliche Schafstation. Doch wurde sie nicht mehr bewirtschaftet, seitdem der vorläufig letzte Südhirte heimgegangen war. Nur seine Witwe, die Südhirtin, lebte noch dort, eine alte, rüstige und gesellige Frau, die bei ihren Nachbarn mit anpackte, wenn immer ihre Hilfe benötigt wurde. Wie keine Zweite konnte sie Schafe und Ziegen melken und war auch mit der Schermaschine noch recht flink. Zudem verbrachte sie viel Zeit damit, Wolle zu spinnen und an ihrem Webstuhl zu Stoffen und sogar Teppichen zu verarbeiten, die im ganzen Tal begehrt waren. Der Westhang, noch etwas dünner besiedelt und dafür besonders in den höheren Regionen dichter bewaldet als sein Gegenüber, wurde dominiert von der Weststation: ein nettes kleines Haus mit zwei geräumigen Ställen, in denen es sich die Schafe im Winter gemütlich machen konnten, wenn der kalte Nordwind durch das Tal wie durch eine Flöte pfiff und Mensch wie Tier die Wärme aus dem Körper saugen wollte. Der Westhirte war ein Mann Mitte vierzig, der dort ganz allein mit seinen Schafen lebte. Die älteren Frauen im Tal fanden es schade, dass er niemals geheiratet hatte, denn er war sympathisch und stets hilfsbereit. Allerdings sah man ihn während des Sommers wochenlang gar nicht, weil er seine Herde dann bis hoch hinauf auf den Gebirgskamm führte, wo sich auf einer kleinen Alm eine Sommerhütte befand, in der er lebte, während die Schafe die fette Hochlandweide abgrasten. Auch kümmerte sich der Westhirte regelmäßig um den Eremiten, der ein Stückweit oberhalb der Weststation in einer Behausung halb Höhle, halb Bretterverschlag, umgeben von dunkelgrünen Tannen lebte, ohne jemanden zu stören. Der Alte selbst kam für gewöhnlich nur ins Tal, wenn er frische Lebensmittel brauchte, und blieb meist nicht lange genug, um ernsthaft mit ihm ins Gespräch zu kommen. Lediglich zum Westhirten, der ihm jeden Herbst Feuerholz brachte, das er nicht mehr selbst schlagen konnte, hatte er Vertrauen gefasst. So saßen die beiden Herren denn so manchen Spätsommerabend um die Feuerstelle des Eremiten herum, und der erzählte aus einem langen, langen Leben, das scheinbar niemals außerhalb des Tals stattgefunden zu haben schien,

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obwohl alle älteren Bewohner sich sicher waren, von ihren Eltern einmal Gegenteiliges über diesen Mann gehört zu haben. Der Westhirte hakte nicht nach, er genoss das behagliche Feuer, das Pökelfleisch, das Quellwasser und den Anblick der Sterne, die langsam am Firmament aufzogen und unvergänglich sind, und ließ den Eremiten von früher erzählen, als alles nicht wirklich anders zu sein schien als heute. So sah es auf den Hängen aus, und ebenso wie es zwei davon gab, zerfiel auch der Grund des Tals in zwei Hälften. Die nördliche Hälfte teilten sich der Norderhof und der Dreieichenhof. Der Norderhof wurde vom alten Norderhofer, seiner Frau und seiner älteren Schwester bewohnt und kaum noch bewirtschaftet. Drei Kühe und ein Verschlag voll Hühner waren geblieben von einer einstmals stattlichen Milch- und Fleischwirtschaft. Außerdem gab es ein kleines Rudel halbverwilderter Katzen, die mit den Hühnern um die eigentliche Herrschaft über den Hof konkurrierten und augenscheinlich auch nichts gegen Küken auf der Speisekarte einzuwenden hatten. Auf dem Dreieichenhof sah die Lage derweil kaum anders aus: Von den zahllosen Schweinen, die sich einstmals hier auf seinen Koppeln tummelten, in den Suhlen räkelten und in den Koben ihre Ferkel zur Welt brachten, waren gerade einmal drei Säue und ein Eber geblieben, der zwar alt, aber noch triebstark war und, zur richtigen Jahreszeit, voll im Saft stand. Der Hühnerstall dagegen stand leer, und in der Hundehütte lag ein altersschwacher Hund, der früher einmal das ganze Tal bei Tag und Nacht zusammenbellen konnte, dafür heute allerdings viel zu müde und träge geworden war. Wenn sein Herrchen, der Dreieichenhofer, ihn rief, kam er angetrottet und ließ sich kraulen und streicheln, während er gähnend und japsend darauf wartete, dass man ihm frisches Futter brachte. Riefen ihn dagegen die Frau des Dreieichenhofers oder dessen Tochter, eine patente Landfrau, die den Hof gerne weitergeführt und später dann ihren eigenen Kindern übergeben hätte, die aber niemals über den Stand einer Verlobung hinausgekommen war und sich nun mit diesem Schicksal abgefunden hatte, dann rührte sich der Hund um keinen Zentimeter, ja er zuckte nicht einmal mehr mit der Wimper. In der südlichen Talhälfte sah es schon etwas anders aus. Hier lagen der Eichenhainhof und, in Sichtweite des Steinernen Tores und der gro-

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ßen weiten Welt dahinter, der Süderhof. Letzterer wurde vom Süderhofer betrieben, der dort mit seiner Frau und den drei Söhnen wohnte. Der Süderhofer war im Tal für Ackerbau und Landwirtschaft zuständig – auf seinen Böden, die der Fluss immer mal wieder im Frühjahr mit fruchtbarem Lösschlamm bedeckte, gedeihen verschiedene Getreidearten sowie Mais –, er produzierte Stroh und Heu und versorgte damit die Bauern in seiner Nachbarschaft. Außer vier Kühen, ein paar Hühnern, Perlhühnern und Puten sowie Kaninchen hielt er keine Tiere. Den Eichenhainhof führte der Eichenhainer, tatkräftig unterstützt von seiner Frau und notgedrungen unterstützt von seinen beiden jugendlichen Töchtern, die sich bereits nach einem anderen Leben außerhalb des Tals sehnten. Hier roch noch alles stark und lebendig nach Schwein, und in der Tat waren die Tiere hier fett und wohlgemästet, weideten sie doch zwischen Hainen ausladender Eichen und Buchen, an deren Eckern und Eicheln sie sich gütlich tun durften und die dafür sorgten, dass ihre Schinken im ganzen Umkreis auch jenseits der Talhänge gerühmt wurden. Überhaupt wuchsen auf dem Grund des Tals in der Hauptsache Eichen und Buchen, von gelegentlichen Obst- und Nadelbäumen und hohen Ziersträuchern einmal abgesehen. Früher war das gesamte Tal dicht bewaldet gewesen, mit einem Mischwald, wie er typisch für diese Gegend und Klimazone war, bis der Mensch kam, sesshaft wurde und zu roden begann, um freien Boden für seine Existenz zu gewinnen. Zurückgeblieben von diesem Urwald waren Eichen und Buchen, und so waren sie es denn auch, von denen das Tal seinen Namen erhielt: Bucheichental. Genau in der Mitte des Bucheichentals ließen sich am und beim Fluss aber noch zwei Besonderheiten erkennen. Zum einen machte der Fluss hier eine Biegung und schwoll dabei etwas an, sodass man von oben als Betrachter den Eindruck eines angewinkelten Beines gewann. Folgerichtig nannten die Bucheneichentaler diese kleine Verdickung des Wasserlaufs das Knie. Hier ragte ein kleiner Steg in den Fluss hinein, an dem ab und an ein Flussschiffer mit seinem Kahn anlandete, um Nachrichten und ungewöhnliche Waren und Bedarfsgegenstände, die die Menschen hier nicht selbst erzeugen konnten, zu bringen. Denn bis zu diesem Punkt war der Fluss schiffbar, darüber hinaus wurde er zu flach; Schiffe konnten auf

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ihm erst oberhalb des Wasserfalls wieder fahren. In Richtung Süden jedoch kam man auf ihm bis zur großen Stadt, die das Regierungs- und Verwaltungszentrum auch für das Bucheichental war, und, wenn man denn wollte, weiter bis zum großen Meer, das dort irgendwo lag mit seinen gewaltigen Ausmaßen. Zu beiden Seiten des Stegs sah man Haltevorrichtungen für Reusen, mit denen Flusskrebsen und Aalen nachgestellt wurde, die sich an diesem Ort relativer Ruhe und Strömungslosigkeit gerne aufhielten. Außerdem befand sich genau dort, wo der Fluss sich ins Knie ergoß, eine der beiden Brücken des Tals. Hier war es eine kleine Brücke aus Stein, die, nun auch schon seit vielen Jahrzehnten, ihren Bogen über den Wasserlauf spannte und die alte Holzbrücke ersetzt hatte, nachdem diese das zweite Mal im Verlauf ihrer Geschichte abgebrannt war. Und eben weil sie aus Stein war und Stein bekanntlich die Zeiten besser überdauert als Holz, nannte man sie die Dauerbrücke. Die zweite Brücke lag ein Stückchen weiter südlich, ungefähr auf der Schollengrenze zwischen dem Eichenhain- und dem Süderhof. Sie wurde einfach Südoder Klappbrücke genannt, weil es sich bei ihr um eine Klappkonstruktion handelte, deren Seile, Kurbeln und Gewinde sich noch immer so leicht bedienen ließen, dass selbst die ältesten und gebrechlichsten Bewohner des Tals noch in der Lage waren, diese Vorrichtung ohne größere Mühe in Gang zu setzen. In der Regel nämlich waren die beiden Brückenflügel hochgeklappt, damit einerseits der zugegeben recht spärliche Schiffsverkehr auf dem Fluss nicht unnötig ins Stocken geriet oder die Schiffer gar gezwungen wären, die Brücke eigenhändig hochfahren zu müssen. Andererseits benutzen die Bucheichentaler lieber die Dauerbrücke, um über den Fluss zu gelangen. Fünfzig Meter daneben in westlicher Richtung lag nämlich die zweite geographische Besonderheit: ein kleiner, aber ungemein tiefer See. Er war geformt wie eine Niere und sein Ufer umkränzt von einem dichten Gürtel aus Schilfrohr bis auf zwei, einander beinahe exakt gegenüberliegenden Stellen: Am Westufer befand sich eine Badestelle, am Ostufer eine freie Fläche mit einem Steg, an dem ein Nachen vertäut lag. Aufgrund seiner enormen Tiefe war das Wasser des Sees nachtschwarz und zumeist sehr kalt. An seinem tiefsten Punkt, dort, wo das Wasser den Raum einer ein-

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gestürzten Höhle geflutet hatte, erreichte er stolze achtunddreißig Meter. In ihm lebten vielerlei Arten Fische, von denen so einige, etwa Karpfen, Hecht und Zander, für den Verzehr geeignet waren. Dazu gesellten sich noch viele kleinere Arten wie zum Beispiel Rotaugen, Karauschen und Stichlinge, die sich alle sehr wohl in ihm fühlten. Außerdem bevölkerten den See Molche, Lurche, Kröten und Frösche, die, wenn die Zeit kam, die Luft mit ihrem Quaken erfüllten, sowie Wasserschnecken, Wasserläufer, Wasserspinnen, Gelbrandkäfer, die verschiedensten Larven und noch allerhand Getier mehr. Über der zumeist spiegelglatten Wasseroberfläche sirrten Libellen, spielten Mücken, flatterten Schmetterlinge. Ihnen stellte eine Vielzahl von Vögeln nach, angefangen bei den Amseln, Drosseln, Spatzen, Finken und Staren über die Rohrdommeln und Zaunkönige bis hin zu den Meisen. Der Eisvogel dagegen, der im Schilf sein Nest baute, ließ die Insekten links liegen und jagte lieber nach kleinen Fischen. Und darüber hinaus bewohnten den See noch ein Haubentaucherpaar, Blässund Teichhühner sowie diverse Stockenten mit ihrer flauschigen Nachkommenschaft. Im Frühjahr und Herbst machten hier zudem Zugvögel Rast, hauptsächlich Gänse und Kraniche, wenn sie von einer wärmeren Region in die andere überwechselten. Doch auch Säugetiere nutzten den See als Lebensraum. So gab es hier zum Beispiel ein paar Bisamratten, die auf ihre Art und Weise dafür sorgten, dass die Natur in diesem Biotop stets im Gleichgewicht blieb. Auch der See, Steg und Boot lassen es bereits vermuten, wurde bewirtschaftet. Der Nachen hier ebenso wie sein am Knie liegender Kollege gehörte dem Fischer. Mit seiner Frau, die von allen nur die Fischerin gerufen wurde, bewohnte er ein kleines Häuschen, die sogenannte Fischerkate, und die stand genau in der Mitte des Bucheichentals, und allein das legt bereits die Vermutung nahe, dass auch genau hier das Herz dieses Fleckchens Erde und seiner kleinen Gesellschaft schlug. Alle Wege führten hierhin und gingen von hier aus, und keiner ging einfach nur so achtlos daran vorbei. Wer durch das Tal kam, egal aus welcher Richtung, egal in welcher Absicht, egal wohin unterwegs, machte hier Station zumindest für einen kleinen Plausch. Das Tor in der Ligusterhecke, die das Anwesen auf drei Seiten einfasste – an der vierten lag der See –, stand

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immer einladend offen, während der üppige Nutz- und Blumengarten dahinter mit seiner berauschenden Farb-, Formen- und Duftpracht lockte. Kleine Erfrischungen wurden immer gereicht und manchmal auch ein Gläschen Schnaps, denn niemand wurde abgewiesen, solange er keinen Ärger ins Haus brachte. Und kam tatsächlich ein Gast, was nicht unwahrscheinlich war, schließlich war er der einzige Fischer im Tal, wo man noch jeden Freitag sein Stückchen Fisch aß, was allein schon einen regen Kundenverkehr sicherte – Fisch wurde hier nicht einfach nur gekauft, er wurde auch gerne vorbestellt –, dann ließen die beiden Bewohner liebend gern von ihrer jeweiligen Arbeit ab und setzten sich mit dem Gast hin, und sei es nur für eine Viertelstunde; so viel Zeit war immer. Von der Bewirtung der Gäste einmal abgesehen, waren die Aufgaben zwischen dem Fischer und seiner Frau klar verteilt. Er kümmerte sich um den See und den Fluss, den Fischfang und die Fischverarbeitung, das Ausnahmen, Putzen, Filetieren, Einlegen und Räuchern, und deshalb auch um den kleinen Geräte- und Werkzeugschuppen, der, bis auf die Gartenutensilien seiner Frau, eh nur seine Sachen beherbergte. Daran angeschlossen waren die Räucherkammer und der Verschlag mit einem großen Vorrat an gut abgelagertem Buchenholz, durch dessen Verbrennung und Auflösung in Rauch der Fisch erst seine besondere Note und Eigenheit erhielt. Außerdem oblag dem Fischer die Aufsicht über den Abort, von dem ein gerader Weg zur Kate führte, der selbst im tiefsten und eisigsten Winter immer akkurat freigeschippt war. Der Donnerbalken wurde von einer Hütte geschützt, in deren Tür ein Herzchen geschnitzt war und in deren Wände die unterschiedlichsten Botschaften und Namen ganzer Generationen von Fischerkindern geritzt waren – von denen sich eben zwei gerade auf dem Heimweg befanden. Und dann gab es noch drei Bienenstöcke, die von allen Dingen im Garten allein dem Fischer unterstanden, obschon die Fischerin die kleinen pelzigen Tierchen nur zu gern auf den Blüten ihrer Pflanzen beobachtete. Im Garten nämlich schwang die Fischersfrau das Zepter und ebenso im Haus. Ihr unterstand die kleine Kate, deren Küche, die zugleich das Bad war, wenn sich der Fischer, wie eigentlich immer zwischen März und Oktober, nicht gleich draußen wusch, und die zwei kleinen Zimmer. Frü-

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her hatten eines davon die beiden Kinder der Fischersleute für sich gehabt, während die Eltern ihre Schlafstube zugleich als Wohnzimmer nutzten, heute, nach dem Aus- und Wegzug von Sohn und Tochter, belegten sie beide Zimmer wieder mit Beschlag. Hier war grundsätzlich immer alles sauber und ordentlich, Staub und Dreck waren die einzigen Gäste, die die Fischerin in ihren vier Wänden nicht duldete. In der halb in den Erdboden gegrabenen, auch im Sommer kühlen Vorratskammer herrschte höchste Ordnung auf engstem Raum, denn Platz zum Verschwenden hatten sie hier wahrlich nicht als Selbstversorger mit einem Garten scheinbar so fruchtbar wie der Garten Eden selbst. Und auch der unterstand allein dem Regiment der Fischerin, sie bestimmte mit all dem Wissen über Gartenbau und Pflanzenzucht, das sie schon von ihrer Mutter und Großmutter gelernt und über die Jahre verfeinert oder sich gleich selbst angeeignet hatte, die Fruchtfolge und was wo wann angebaut wurde. Ihre Beete waren ihr ganzer Stolz, die dicke fruchtbare Krume aus Lösschlamm und Humus ihre Leidenschaft. In ihnen zog sie Tomaten, Kohl, Kohlrabi, Kartoffeln (bei deren Ernte durfte auch der Mann mit anpacken), Möhren, Zwiebeln, Radieschen, Bohnen, Erbsen, Gurken, Zucchini, Dill, Schnittlauch, Petersilie, Bärlauch, Spargel, Schwarzwurzel, Kürbisse, Rhabarber, Erdbeeren, Himbeeren, Wacholderbeeren, Schwarze und Rote Johannesbeeren, Stachelbeeren, Äpfel, Birnen, Süß-, Sauer- und Glaskirschen, Mirabellen, Pflaumen, Quitten, Holunder und Schlehen für Likör. Zwischen diesen vielfältigen Nutzpflanzen gab es Streifen von Erde und Kübel und Töpfe, in denen die schönsten Blumen gediehen: von Klee und Fetter Henne über Ringelblume, Stiefmütterchen, Strohblume, Löwenmäulchen, Gerbera, Narzisse, Nelke, Tulpe, Phlox, Gladiole, Rose und noch viele mehr bis hin zu der großen Sonnenblume, die ihren Kopf immer mit dem Lauf der Sonne dreht und deren Körner die Gärtnerin, so die Vögel nicht schneller waren als sie, gewissenhaft erntete.

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o sah das Bucheichental aus, so das Leben dort. Es war von großer Einfachheit – die, die wegzogen oder es nur auf der zufälligen Durchreise erlebten, nannten es Kargheit – und Gleichförmigkeit geprägt. Es galt nicht als aufregender Ort, bot nichts, was jemanden zu fesseln vermochte, dessen Interesse nicht auf der spektakulären, aber eben auch bloßen Natur und dem direkten Umgang mit ihr lag. Als wäre die Zeit hier ins Stocken geraten und nur teilweise noch fortgeschritten, sah vieles noch so aus wie vor hundert Jahren: Elektrizität hatte mittlerweile in jedem Haushalt Einzug gehalten, fließendes Wasser zumindest für die Küche ebenfalls, und trotzdem benutzte gut die Hälfte der Bucheichentaler noch immer einen Donnerbalken, der Ziegenhirte bezog sein Wasser aus Brunnen und Pumpe, während der Eremit sogar Regenwasser zum Trinken, Waschen und Kochen benutzte und im Winter Schnee. Das Bucheichental war ein Ort völlig auf sich selbst bezogen, ein kleines, idyllisches Biotop, nahezu vergessen und ständig übersehen von der Außenwelt, als würden die hohen Felswände ringsum einen Abschluss, eine unüberwindliche Grenze in beide Richtungen bilden. Das Steinerne Tor im Süden mochte als ein Fenster gelten, doch sah kaum jemand hindurch. Das Leben hier war in erster und fast ausschließlicher Linie der Subsistenz gewidmet, es war nicht auf Handel und Gewinn ausgerichtet, sondern auf das tägliche Auskommen, den ganz rudimentären Alltagskampf gegen Hunger und Durst, Kälte und Hitze und dann und wann Verletzung und Erkrankung. Neuerungen, besonders solche technischer Art, kamen nur selten und verspätet durch, einen echten Arzt gab es sowieso nicht, wenn es irgend ging, half man sich mit Kräutern und Suden und Warten aus, und wenn ein Kind geboren wurde, kamen die Frauen herbei, warfen alle ihre gesammelten Erfahrungen zusammen und traten als eine

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Hebamme auf. Meistens ging es gut, der Rest war Schicksal oder eben Gottes Wille. Für die, die blieben, ging das in Ordnung. Die aber, die gingen, gingen gerade deswegen. Für sie, die Kinder der Alteingesessenen, war hier alles unerträglich veraltet, rückständig und schicksalshörig. Die Arbeitsmethoden waren unnötig körperlich anstrengend, die Lebensweise, da sie auf jede zivilisatorische Errungenschaft verzichtete, sinnlos kompliziert und die Leute, ihre Eltern und Nachbarn, die sie von klein auf kannten, von gestern oder sogar schon vorgestern. Wer konnte und nicht früh schon dieser Lebensart verfallen war, verließ baldmöglichst das Tal, um außerhalb Glück und Komfort zu suchen. Infolgedessen überalterte die Bevölkerungsstruktur des Tals immer mehr, aus Eltern wurden Großeltern und schließlich verlassene Witwen und Witwer, die Haus und Hof, ihren ganzen stolzen Besitz, mit Herz und Seele pflegten, immer darauf hoffend, dass sich am Ende vielleicht doch noch eins ihrer Enkelkinder fand, das den Reizen des Bucheichentals erlag und alles für die nächste Generation erhielt. Immer öfter jedoch blieb diese Hoffnung unerfüllt. Der Besitz hier draußen galt den Erben dann höchstens noch als Sommer- und Ferienhaus, und manch einer mochte es sich sogar als Altersruhesitz vorstellen, dafür allerdings hätte man dann so einiges modernisieren müssen, und das wiederum kostete teures Geld. Es hätten sicherlich immer Menschen im Bucheichental gelebt, selbst wenn das hieß, dass von den Alten bald keiner mehr da wäre und die Neuen immer nur kurz blieben, keine eigene Familientradition der Besiedelung hier mehr ausgebildet hätten. Das Bucheichental war ein schöner und im zunehmenden Schatten des Fortschritts verwunschener Ort. So manches menschliche Herz sehnte sich mitunter nach einem Frieden wie diesen. Aber die alten Wurzeln der Gemeinschaft wurden darüber doch immer schwächer, das Empfinden wahrer Verbundenheit mit dieser Erde seltener und kraftloser. Für die Menschen, die nachrückten, war es dann mehr ein Traum als ein realer Ort, den man am besten im Bett liegend mit geschlossenen Augen genoss – und genau darin lagen das Problem und die große Gefahr für das Bucheichental. Das war seine Achillesferse, an der es verwundbar war und über die zumindest ein Teil des Angriffs erfolgen sollte. Denn der Angriff war nicht nur längst geplant, sondern

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nun auch offiziell gestartet. Warum sonst hätten sich die beiden Fischerkinder in Bewegung setzen und ihren Eltern den Schrecken ins Haus bringen sollen? Über kurz oder lang, so die Argumentation der Angreifer und Zerstörer, würden die Bucheichentaler nicht nur mehr eine Gesellschaft ehrwürdiger Rentner sein, sondern aussterben. Ihre Form der Zivilisation, ohnehin langsam und ohne jeden Anschluss an die Gegenwart, lange schon nicht mehr mit dem Tempo der richtigen Welt schritthaltend, würde ziemlich bald schon von ganz allein verschwunden sein. Niemand würde sich seiner mehr erinnern, denn niemals hätte dieser abgelegene Flecken Erde es vermocht, sich in die Annalen der Menschheitsgeschichte einzuschreiben und einen bleibenden Wert hervorzubringen. Weder sei hier eine bedeutende Schlacht geschlagen worden noch je ein großer Feldherr oder Krieger oder zumindest Politiker aus ihm gekommen; weder gäbe es hier wertvolle Bodenschätze, die man hätte ausbeuten können, noch bedeutsame Industrie; weder gäbe es seltene Tier- noch Pflanzenarten, auf deren Schutz Rücksicht genommen werden müsste; weder läge es an wichtigen Handelsrouten noch beteilige es sich nennenswert am Handel; schlussendlich sei hier jemals weder eine hervorragende, die Menschheit voranbringende Erfindung gemacht noch auch nur ein einziges Gedicht, Lied oder Epos verfasst worden, das es bis in die Bibliotheken des Landes geschafft hätte. Geschichtlich wie wirtschaftlich gesehen sei das Bucheichental ein vollkommen bedeutungsloser Ort. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, war es nur ein nutzbarer Raum, der ungenutzt brachliegt. WEITERLESEN IM BUCH

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B I O G R A P H I S C H E S


THOMAS PREGEL

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Thomas Pregel wurde 1977 in Bad Segeberg, Schleswig-Holstein geboren und wuchs in einem kleinen Dorf in Holstein auf. Nach Abitur und Zivildienst ging er zum Studium nach Berlin, wo er auch heute als freier Lektor und Schriftsteller lebt. www.thomaspregel.de Veröffentlichungen im Größenwahn Verlag: ›Die unsicherste aller Tageszeiten‹, Roman, September 2013 ›Hartznovelle‹, August 2014 ›Liebe und andere Schmerzen 16 Herzschläge‹, Anthologie, vertreten mit der Kurzgeschichte ›Dampfbadlotterie‹, Juni 2013 ›Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig …‹ Anthologie, vertreten mit der Kurzgeschichte ›Der Zwieback-Trick‹, Juli 2014 ›Heartbeatclub‹ Anthologie, vertreten mit der Kurzgeschichte ›Jeder tanzt für sich allein‹, Juni 2015 ›Griechische Einladung in die Politik‹ Anthologie, vertreten mit der Kurzgeschichte ›Blitze über den Berg Athos‹, Januar 2015

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Thomas Pregel beim Größenwahn Verlag Die unsicherste aller Tageszeiten Roman Es ist kalt, früh am Morgen und der berühmte ›Torture porn-origins‹-Maler flieht aus Berlin. Er hat Angst vor den Folgen seiner Taten, nicht nur der aus der letzten Nacht: Süchtig nach schmutzigem, anonymem und ungeschütztem Sex mit Männern. Hat er jemanden getötet? Gewissenbisse jagen ihn. Er hofft, auf der Insel Föhr, wo er ein Refugium für seine schmerzende Seele zu finden weiß, Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können. Die Vergangenheit rast erbarmungslos durch sein Gedächtnis, genau wie der Zug, in dem er sich befindet, die Stationen sind von kurzer Dauer, zu kurz, um sich die schreckliche Wahrheit einzugestehen: Wie konnte sich sein Leben nur so entwickeln? Thomas Pregel kartographiert in seinem Debütroman das Innenleben eines Malers, das beherrscht ist von der Angst, die Realität zu akzeptieren und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Trotz Aufklärung über HIV und AIDS balanciert sein Antiheld auf dem Seil der Ansteckungsgefahr, provoziert mit rohen Sexszenen und fasziniert gleichzeitig mit atemberaubenden Gefühlswelten. Ein Roman über die Kunst, ihre Wahrnehmung und Wertschätzung, eine intime Retrospektive des Künstlers, seines Werdegangs, seiner Inspirationen und Schwächen, und eine Geschichte über die unsicherste aller Tageszeiten, wenn das Herz nach Liebe pocht. ISBN: 978-3-942223-28-7 eISBN: 978-3-942223-35-5

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Hartznovelle Emser Eck, Berlin-Neukölln, Dienstagabend. Heiko, Katharina und Sebastian treffen sich, wie schon seit Langem, auf ein Glas Bier. Alle sind Mitte 30, Hartz IV-Empfänger, doch bei jedem hängt zu Hause ein Magister- oder Promotionsabschluss an der Wand und sie sind zutiefst deprimiert. Denn wer in diese Hartz-IV-Kneipe kommt, interessiert sich weder für das Wetter noch für den Wechsel der Jahreszeiten, sondern scheinbar nur noch für das Versaufen der Zeit. Am Anfang sollte das noch ein Scherz sein, eine Art Milieustudie mit Alkoholgenuss: Mal sehen, ob es bei diesen Leuten da unten wirklich so zugeht, wie man hört. Und heute gehören sie fast schon dazu. Was machen Arbeitslose, wenn der Markt keine passende Arbeit für sie bietet? Wie werden sie von den Behörden behandelt? Welche Gedanken beschäftigen sie und vor allem: Welche Wünsche können Wirklichkeit werden? Thomas Pregel dokumentiert die Arbeitsmarkt-Erfahrungen seiner Protagonisten und lässt tief in den Hart-IV-Alltag der drei Akademiker blicken. Durch Tagebucheinträge sowie scharfe Beobachtungen des Amtsapparats und der ans Absurde grenzenden Bürokratie-Falle wird der Wert des Menschen hinterfragt. Diese Hartznovelle ist eine sarkastische Darstellung unserer schnelllebigen und sensationshungrigen Gesellschaft. ISBN: 978-3-942223-90-4 eISBN: 978-3-942223-91-1

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Jannis Plastargias (Hrsg.) Liebe und andere Schmerzen 16 Herzschläge Kennst du das? Es ist Liebe auf den ersten Blick. Es ist aussichtslos, sagt die Vernunft. Es wird mit Schmerz enden, meint die Angst. Es ist mein Recht, ruft eine Stimme durch die Brust, und das Pochen erschüttert Körper und Geist. So geht es auch Olga, die eine schwere Entscheidung treffen muss, Petros, der die Kunst der Liebe erlernt, Morgán, der eines Morgens verschläft, Carl, dessen bester Sex sein letzter sein wird oder Lennart, der bei seinen poetischen Freunden Rat sucht. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und die doch eines gemeinsam haben: die Liebe – geträumte, gefühlte, gelebte, gekaufte – die wahre Liebe, so wie sie ist, für jeden anders, für alle ein Grundbedürfnis des Seins. Der Herausgeber stellt in dieser Anthologie ausgesuchte Geschichten von neuen und besonderen Autoren vor und startet beim Größenwahn Verlag damit die »QueerReihe«. In deren Mittelpunkt stehen Gefühle, Schicksale, Leben von Frauen, Männern, Transgender. Von Menschen in ihrer ganzen Vielfalt: unterschiedlicher sexueller Präferenz, Herkunft, Nationalität, Hautfarbe, Schicht, Alter, gesundheitlichem Status oder worin sie sich sonst noch unterscheiden können. Ein Hoch auf die Liebe, die kein Geschlecht kennt, alles glaubt, alles erträgt, über allem und allen steht und ohne Wunden, Narben oder Kratzer nicht als echtes Gefühl gelten kann. 16 Herzschläge pochen in diesem Buch. Kannst du sie fühlen? ISBN: 978-3-942223-23-2 eISBN: 978-3-942223-42-3

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Jannis Plastargias (Hrsg.) Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig 18 erotische Rezepte Kennst du das? »Liebe geht durch den Magen« sagt man, und du zerbrichst dir schon seit Tagen den Kopf darüber, was du an Leckerem kochen sollst! Du hast ein Ziel: sie/ihn zu verführen, und schon das Essen soll deine erotischen Absichten enthüllen. Bald ist sie/er da. Sorgfältig den Salat d´amour auf die Teller anrichten, die Spargelcremesuppe de luxe noch mal probieren – ja, heiß ist sie und lecker – der Backofen ist abgeschaltet, du schaust nochmal, ob der Braten nicht eine zu dunkle Kruste bekommen hat – ob ihr/ihn die Nuss-KaramellSauce dazu schmecken wird? – spätestens beim Dessert muss sie/er dich küssen, deswegen hast du Quarkcreme mit Schuss vorbereitet – Alkohol ist immer gut – es klingelt – oh Gott, sie/er ist da – schnell noch einen Schluck nehmen – habe ich das richtige Outfit? – es klingelt nochmal, lange Schritte führen dich zur Tür, mit zitternden Händen machst du auf, und zwei große, verliebte Augen – ach, endlich, dieser Blick! – schauen dich erwartungsvoll an. In dieser 2. Queer-Anthologie stellt Jannis Plastargias ausgesuchte Geschichten vor, die sinnlich, frivol, überraschend, aber auch traurig sind, Erzählungen über Menschen, die versuchen, mit erotischen Rezepten den Partner zu verführen – oder ihn zu töten, auf jeden Fall ihr kulinarisches Handwerk beherrschen und meistens in der Küche zu finden sind. »Ich habe Hunger!« »Gleich, Liebes, gleich ist das Essen fertig …« ISBN: 978-3-942223-80-5 eISBN: 978-3-942223-81-2

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Jannis Plastargias (Hrsg.) HEARTBEATCLUB 17 heiße Rhythmen »My Heart Goes Boom«, sangen French Affair in den Neunzigern im damals modernen Disco-Beat. Ja, das Herz schlägt kräftig, weil gleich der/die Geliebte eintrifft, weil seine/ihre Küsse so süß schmecken, weil er/sie der/die eine/r ist, weil seine/ihre Liebe so groß ist. Das Herz schlägt schneller, wenn er/sie sich zur Musik bewegt, tanzt, doch es wird noch beschleunigt, wenn erotische Spannung in der Luft liegt, wenn er/sie von dem/der Angebeteten magisch angezogen wird. In dieser 3. Queer-Anthologie stellt Jannis Plastargias ausgesuchte Geschichten vor, in denen Emotion, Herz und Rhythmus pulsieren, aber auch immer mal wieder ein kleiner, stechender Schmerz, eine Verunsicherung, ein Grund, über unsere Gesellschaft nachzudenken. Was auch in den Geschichten passiert, eines kann in den Worten der schmachtenden Celine Dion gesagt werden: »My Heart Will Go On And On ...« ISBN: 978-3-95771-045-1 eISBN: 978-3-95771-046-8

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Edit Engelmann (Hrsg.) Griechische EInladung in die Politik Erzählungen, Geheimnisse und Rezepte In Griechenland ist die Politik in aller Munde. Jeder, der einmal im Kafeníon seinen Frappé getrunken hat, kennt von den Nachbartischen dieses Phänomen. Es wird temperamentvoll diskutiert, mit Händen und Füssen gestikuliert und jedes Handeln von Regierung sowie Abgeordneten lautstark kommentiert. Nicht selten werden markante Figuren der griechischen Geschichte in Erinnerung gebracht und mit den heutigen Politikern verglichen. Streitereien unter den versammelten Gästen sind vorprogrammiert: Ideologien, die wirtschaftliche Situation, nationale Angelegenheiten und mediterranes Klima sorgen dafür, dass es heiß und hoch hergeht. Der Wirt stellt Ouzo, Wasser und Mesédes auf den Tisch, und unsere Autoren reichen Geschichten, Erzählungen und Gedichte dazu. Von Alexander dem Großen, dem Beginn der Demokratie in Athen über Melina Mercouris Idee der Kulturhauptstädte Europas bis hin zur Finanzkrise – die Themen sind vielfältig, genau wie die köstlichen Gerichte, die dazwischen serviert werden. In diesem Sinne: Jámas und kali órexi. ISBN: 978-3-95771-025-3 eISBN: 978-3-95771-026-0

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Leseprobe der ertrunkene see thomas pregel  

Was ist Heimat und was darf sie kosten? Mit dieser elementaren Frage konfrontiert Thomas Pregel die Leser in seinem neuen Roman. Seine Gesch...

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Was ist Heimat und was darf sie kosten? Mit dieser elementaren Frage konfrontiert Thomas Pregel die Leser in seinem neuen Roman. Seine Gesch...

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