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Die blaue T端r Reihe: 21 1


Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2011 Zweite Auflage 2014 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Sewastos Sampsounis, Frankfurt 2011 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte2vorbehalten. ISBN: 978-3-942223-03-4 eISBN: 978-3-942223-60-7


Brigitte Münch

Die blaue Tür Ägäische Geschichten

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IMPRESSUM

Die blaue Tür Reihe: 21 Autorin Brigitte Münch Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schriften Constantia und Lucida Calligraphy Covergestaltung Peter Sarowy Coverbild Brigitte Münch Lektorat Thalia Andronis Druck und Bindung Print Group Sp. z o.o., Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Mai 2011, Juli 2014 ISBN: 978-3-942223-03-4 eISBN: 978-3-942223-60-7

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VORWORT Prof. Dr. Hans Eideneier

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DIE BLAUE TÜR

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BLITZ-KRÖNUNG

24 23

DER DUFT DES MEERES

29 31

DIE OASE

32 39

HEIMKEHR IN DIE FREMDE

49 45

DIE AUGEN DER SAPPHO

54 49

DA CAPO

68 59

DIE ROTE GASSE

78 65

SPIEGEL UND KREBS

8671

HERZBUBE

99 83

ERDRUTSCH

107 89

DER SESSEL

115 99

BESUCH AM ABEND

130 109

TEMPS PERDU

140 121

NEUES SCHIFF, NEUES GLÜCK

148 125

ALTE LIEBE

159 131

LUFTPOST

169 139

BIOGRAPHISCHES

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I N H A L T

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In großer Dankbarkeit meinen Freunden Niki Eideneier und Panos Ioannidis gewidmet, ohne deren liebevolles Interesse und unermüdliche Ermunterung und Förderung diese Geschichten vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätten.

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VORWORT

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ird hier ein neues Genre deutsch-griechischer Erzählliteratur aus der Taufe gehoben? Ist das nur mein persönlicher Eindruck, dass hier eine Generation deutschsprachiger Frauen sich der griechischen Wirklichkeit stellt, reflektiert, zum Griffel greift und wunderbare Werke schafft? Selten oder eigentlich nie haben wir von deutscher Seite solche Stimmen vernommen, die in einer solchen Intensität, mit einer solch einfühlsamen Beobachtungsgabe sich so tief in die heutige Welt dieser Griechen eingehört haben und jetzt selbst zu singen und zugleich die Seele der deutschen Menschen in Griechenland zu durchleuchten im Stande sind. Wir sprechen von der nächsten Generation deutscher Frauen in Griechenland. Das sind nicht mehr jene ersten mutigen VorreiterInnen, die in dem Interviewband von Geda Böck und Andrea Dimitriadis (Hg.), Vierzig Jahre Urlaub. Lebensgeschichten deutschsprachiger MigrantInnen in Griechenland, Romiosini Köln 2004 und 2005, zu Wort kamen. Hier wuchs eine Generation heran, die jenen Entschluss, nach Griechenland auszuwandern, dort einzuwandern und sich in der dortigen Realität zurechtzufinden, eigenständig gefasst und verwirklicht hat. Was sich in den Erzählungen wieder einmal eindrucksvoll bestätigt, ist: Die geistige Eroberung eines fremden Landes kann nur über die Sprache geschehen. Brigitte Münch hat sich schon als hervorragende Übersetzerin aus dem Griechischen bewährt. Sie hält sich nicht mehr auf mit den üblichen Hürden von sprachlich bedingten Missverständnissen, sie ist Teil dieser Sprachgemeinschaft, was sie in die Lage versetzt, bis in die innersten Winkel griechischer Mentalität hineinzuleuchten und dafür Worte zu finden, die berühren, bewegen und fesseln. »Zwei echte Heimatländer zu haben kann durchaus konfliktreich sein – aber es ist auch ein großes Privileg. Es ist so, als hätte man zwei Seelen …« Sätze, die in einer der vorliegenden Erzählungen im Dialog zwischen dem deutschen Alex und dem Griechen Nestor eine tiefere Bedeutung entfalten neben dem Satz: »Und versuch die Sprache zu lernen – mach hier einen Anfang!« Wir hatten selten die Gelegenheit, so tief in die Seele des heutigen Griechenlands zu schauen. Prof. Dr. Hans Eideneier, Neogräzist und Byzantinist

Köln, März 2011

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DIE BLAUE TÜR

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erkwürdig … seit zwei Wochen war Eva fast täglich durch dieselbe enge Gasse gegangen und an diesem verwitterten Haus mit der zwar etwas abgeblätterten, aber so schönen blauen Tür aus schwerem Holz vorbeigekommen, mit dem riesigen wilden Feigenbaum in dem schmalen Hof daneben, der das Dach des kleinen Hauses fast vollständig überwucherte – da gab es doch keinen Zweifel: Es war eins von den seit langem verlassenen Häusern, die vereinzelt in den Randbezirken des Ortes zwischen den anderen, lebendigen, bewohnten standen. Es nahm sich aus wie ein abgestorbener, hohler Zahn in einer ansonsten strahlend weißen Zahnreihe. Heute aber sah es so aus, als sei es plötzlich aus langem Schlaf erwacht und habe sich gewaschen und herausgeputzt: Die Fassade strahlte weiß wie frisch gekalkt, und vor allem stand die schöne blaue, oben abgerundete Tür jetzt weit offen! Und auch das kleine Fenster daneben, das sonst mit seinen geschlossenen und schief in den Angeln hängenden Läden einem blinden Auge glich, hatte sich aufgetan: Die Läden waren zur Seite geklappt und die beiden Fensterflügel nach innen geöffnet. Eva stutzte und blieb stehen. Diese Veränderung musste geradezu über Nacht stattgefunden haben – denn gestern Abend war sie doch noch hier vorbeigekommen und hatte nichts davon bemerkt! Sie ging einen Schritt näher auf die offene Tür zu und warf einen Blick ins Inne-

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re. Es schien ein Laden zu sein … leicht modrige Kühle schlug ihr daraus entgegen, die in angenehmem Kontrast zu der kochenden Mittagshitze in der engen Gasse stand. Neugierig geworden stieg Eva die drei flachen, ausgetretenen Marmorstufen hinauf und betrat einen Raum, an dessen Halbdunkel sich ihre Augen nach dem grellen Außenlicht erst einen Moment anpassen mussten. Sie sah sich um. Holzbohlen knarrten unter ihren Schritten, und auch die Decke war aus Holz und von mächtigen, altersschwarzen Balken getragen. Ringsum an den Wänden standen Regale, deren Bretter fast alle in der Mitte nach unten durchgebogen waren, als hätten lange Zeit schwere Gewichte auf ihnen gelastet. Einige waren leer, andere waren ganz oder teilweise mit Töpfer- und Kupferwaren antiquierten Stils gefüllt. In der Mitte des Raums standen zwei Holztische. Darauf lagen bestickte Tischdecken übereinander und aufgefächert, und dazwischen, wie um die Dekoration aufzulockern, größere und kleinere Stücke von Olivenseife, deren verblasster Duft wie ein transparenter Nebel über ihnen schwebte. Nachdem Eva sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatte, bemerkte sie unter der Decke mächtige Spinnweben, besonders in den Ecken, wo sie sich wie Miniaturhängematten von Wand zu Wand spannten. Die Kupferwaren schimmerten leicht grünlich, und alle ausgestellten Gegenstände waren mit einer Staubschicht bedeckt. Eva lächelte. Es passte zusammen: Die Antiquiertheit der Waren und ihre verstaubte Patina. Vermutlich war der Laden lange geschlossen gewesen, hatte eben erst wieder aufgemacht und war noch nicht geputzt und wieder auf Vordermann gebracht worden. Davon zeugte auch die modrige Luft, die wie ein dumpfes Odeur aus vergangenen Jahrhunderten im Raum hing. Kein Geräusch war zu hören, kein Mensch zu sehen. Eva ging ein paar Schritte weiter nach hinten und entdeckte jetzt einen Durchgang unter einem Rundbogen, der in einen Hinterraum führte. Dort war es noch dunkler – nur schemenhafte Umrisse waren im ersten Moment erkennbar. An den Seiten des Durchgangs hingen zwei schwere, zusammengeraffte Vorhänge in verschossenem Blau. Eva blieb vor dem

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Durchgang stehen und wollte gerade rufen, ob jemand da sei – als im selben Augenblick aus dem Dämmer des Hinterraums eine freundliche Stimme herüberklang: »Tritt näher, meine Schöne! Sei willkommen …!« Eva versuchte mit zusammengekniffenen Brauen den Eigentümer dieser Stimme ausfindig zu machen und betrat dann mit zögerndem Schritt den Raum. Ein winziges rundes Fenster wie eine Luke hoch an der Wand verbreitete einen fahlen Schein, in dem Eva jetzt einen schmalen Tisch, ein Kanapee und einige Stühle unterschied. Und dann sah sie plötzlich, wie aus Schatten auftauchend, hinter dem Tisch auf einem Stuhl sitzend, eine alte Frau. »Komm nur näher, meine Schöne! Nimm Platz – hier auf dem Stuhl vor dem Tisch. Ruh dich ein wenig von der Hitze des Mittags aus, hier drin ist es schön kühl.« »Ich wollte mich nur … ich will doch nicht stören …«, erwiderte Eva befangen. »Setz dich ruhig!«, forderte die Frau sie freundlich erneut auf. »Ich …« Zögernd setzte Eva sich auf den ihr angebotenen Stuhl und musterte die Frau auf der anderen Seite des Tisches. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen auch an dieses dämmrige Licht, und sie sah, dass die Frau überaus alt sein musste. Sie war so klein und schmächtig, dass der Stuhl, auf dem sie saß, zu groß für sie schien, ihr dunkles, ledrig wirkendes Gesicht war von tiefen Runzeln durchzogen – über ihren Schultern hingen lange, schneeweiße Zöpfe, die etwas verfilzt waren, als habe sie sie schon länger nicht mehr aufgeflochten und gekämmt. »So ist's recht«, sagte die alte Frau und lächelte. »Ich freue mich über deinen Besuch!« »Ich sehe diesen Laden zum ersten Mal«, sagte Eva, immer noch etwas befangen. »Dabei bin ich fast jeden Tag an diesem Haus vorbeigegangen, und ich dachte, es steht leer …«

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»Oft läuft man an Dingen vorbei, ohne sie wahrzunehmen«, gab die alte Frau zur Antwort. »Und dann plötzlich, eines Tages, öffnet sich das Auge, und man sieht, was man vorher nicht gesehen hat.« »Ja, aber …“ »Zerbrich dir nicht den Kopf über solch belanglose Kleinigkeiten, mein Liebchen. Erzähl mir lieber was von draußen!« »Von draußen? Wie meinen Sie das?« »Nun ja, ich komme nicht mehr viel raus, ich bin alt und klapprig. Du bist sicher nicht von hier und machst hier Ferien, oder?« »Ja … so ungefähr.« Eva wandte ihren Blick von der Frau ab und ließ ihn ins Leere schweifen. Nach einem kurzen Schweigen fuhr sie fort: »Ich bin aus Athen. Sonst verbringen … verbringen wir die Sommerferien immer auf Ägina, dort haben wir ein kleines Sommerhaus. Dieses Jahr aber wollte ich mal für zwei oder drei Wochen ganz woanders hin, und ganz allein …« Sie verstummte und sah auf ihre verschränkten Hände hinab. Die alte Frau schwieg. Ihr Blick ruhte auf dem Profil ihrer Besucherin, als warte sie auf die Fortsetzung ihrer Erzählung. Eva holte Luft und öffnete den Mund, um etwas zu sagen – dann zitterte plötzlich ihre Unterlippe, sie barg das Gesicht in den Händen und brach in trostloses Weinen aus. »Liebchen«, sagte die alte Frau leise und zärtlich. Sie stellte keine Frage und wartete still, bis Eva sich etwas beruhigt hatte. »Oh mein Gott, das tut mir leid!« Eva kramte ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche, wischte die Tränen ab und schnäuzte sich. »Was müssen Sie von mir denken …!« »Nichts, wofür du dich schämen müsstest, mein Liebchen. Lass deinen Gefühlen freien Lauf – hier stört uns niemand.« Bei diesen Worten wandte Eva sich zum Durchgang um und warf einen Blick in den vorderen Ladenraum. »Keine Sorge, um diese Stunde kommt keiner«, beruhigte die alte Frau sie ...

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DIE OASE Für Thanassi

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heophilos hatte eine wunderbare Stimme. Als wir ihn an einem stürmischen Freitagnachmittag begruben, wusste ich, dass es vor allem das war, was ich von nun an am meisten vermissen würde. Wir hatten, im Lauf der Jahre, zahllose Unterhaltungen miteinander geführt – Belangloses, Alltägliches, Tagesklatsch. Kein Satz, der in meiner Erinnerung lebendig geblieben oder des Erzählens wert gewesen wäre. Es war der Klang seiner Stimme, um dessentwillen ich hin und wieder Theophilos' Gesellschaft suchte – der Klang, der mir so wohl tat, der mich besänftigte in Momenten der Aufregung und mich streichelte in Stunden des Kummers. Theophilos' Stimme war nachtdunkel wie ein Bass und so weich wie ein Saxophon. Und es wohnte ihr eine abgrundtiefe Kraft inne. Wenn Theophilos sang, was er manchmal aus einer spontanen Stimmung heraus tat, dann erzitterten die Wände unter der voll tönenden Gewalt seiner Lieder, und es kam sogar vor, dass am Hafen die still in ihren Booten arbeitenden Fischer aufhorchten. Kein Mensch wusste genau, wovon Theophilos eigentlich lebte. Zwar betrieb er ein Kafenion. Doch erstens war das von so winzigen Ausmaßen, dass allenfalls sechs bis acht Leute darin Platz fanden, und zweitens hielt er seine Gäste häufig frei, zumindest im Winter, denn er betrachtete dann sein Café als eine Art offenes Wohnzimmer, das jederzeit jedermann zugänglich war. Im Sommer stellte er wohl zwei

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oder drei Tische vor die Tür und bewirtete Touristen. Doch davon allein konnte er unmöglich einen ausreichenden Lebensunterhalt bestreiten, zumal er mit seiner Freigebigkeit auch dann keine Ausnahme machte. Es war also anzunehmen, dass er irgendwo noch über andere Einnahmequellen verfügte. Denn von Zeit zu Zeit verschwand er plötzlich, ohne das je vorher anzukündigen, für ein paar Tage von der Insel, und enttäuscht fand man sich dann vor der geschlossenen und mit einem Vorhängeschloss zusätzlich gesicherten blauen Tür, die normalerweise weit offen stand. In solchen Fällen fühlte ich mich auf einmal heimatlos, und ich wusste absolut nicht, wohin ich mich nun wenden sollte, als gäbe es nicht zahllose andere Cafés oder Treffpunkte, wo man jederzeit Gesellschaft fand. Aber nein. In gewissen Stunden gab es keinen auch nur annähernden Ersatz für Theophilos' winzige Klause. Sein zerfurchtes Gesicht gehörte ebenso dazu wie der wohltuende Klang seiner Stimme, der den kleinen Raum bis in alle Ecken ausfüllte und den Besucher so freundlich umhüllte, dass ihn sofort ein Gefühl der Geborgenheit erwärmte. Die paar Stühle und Tischchen waren altersschwach und wacklig, der Schanktisch schien aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Zwei hölzerne Vogelkäfige hingen an der Wand, aus denen es hin und wieder fröhlich zwitscherte. Theophilos kochte Kaffee. Oder goss aus einer gewaltigen Flasche schweren Wein ins Glas, den er von den Weinbauern aus den Bergdörfern bezog. Oder er schenkte einen Raki ein und briet winzige Fischchen als Beilage dazu. Er setzte sich zu seinem Gast an den Tisch und unterhielt ihn mit neuen und alten Geschichten. Oder hörte zu. Manchmal auch, wie gesagt, sang er und spielte dazu auf einer Gitarre, die stets griffbereit in einer Ecke stand. Theophilos' Kafenion war eine kleine Oase. Ich tauchte darin von Zeit zu Zeit ein und vergaß für eine Weile die Außenwelt. Ich inhalierte den Klang seiner Stimme wie den Rauch meiner Zigarette, trank vom ...

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DIE ROTE GASSE

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eute war es heiß. Auch die schwache Brise, die vom Meer herüberwehte, erfrischte nicht – sie war von Feuchtigkeit getränkt und legte sich als klebriger Schweißfilm auf die Haut. Joe wischte sich die Stirn mit seinem Taschentuch und blieb unter einer der Mimosen stehen, die die Straße hinunter zur Meerpromenade säumten. Seltsam ruhig war es heute: Kaum Verkehr, und nur wenige Fußgänger schlichen träge einher, als hätten sie weder ein Ziel noch irgendetwas zu tun. Und dabei waren es keineswegs nur Touristen, und es war auch nicht Sonntag oder sonst ein Feiertag, sondern ein ganz gewöhnlicher Dienstag im Juli. Joe warf einen Blick auf seine Uhr – halb neun? Aber das war ja nicht möglich, sie musste stehengeblieben sein. Gegen halb neun hatte er doch das Hotel verlassen, war kurz schwimmen gegangen, hatte danach gefrühstückt und war seitdem bestimmt schon eine halbe Stunde im Ort unterwegs! Vermutlich war die Batterie abgelaufen. Irgendwo hatte er ein Uhrengeschäft gesehen, das muss im Ortszentrum gewesen sein. Also nochmal dorthin zurück – was machte das schon aus bei den geradezu mikroskopischen Entfernungen hier. Überhaupt wurde Joe das Gefühl nicht los, sich in einem Liliputanerstädtchen aufzuhalten: die Straßen schmal und die Gassen eng und beschaulich, die Häuser klein und höchstens vier Stockwerke hoch – dazwischen Lädchen, Kafenions und Ouzerien oft nur in der Länge und Breite eines Handtuchs. Es rief jeden Tag aufs Neue ein geradezu kindliches Vergnügen in ihm hervor. Wenn man in Boston geboren worden war, im Schatten der gigantischen Glas-, Stahl- und Betontürme, die die Wolken durchstoßen, und dort sein ganzes, inzwischen über vierzigjähriges Leben ...

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HERZBUBE

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ls Stefan das kleine Kafenion betrat, war es kurz nach zwei. Die Mittagshitze kochte in den engen Gassen, und kein Mensch ließ sich draußen sehen. Auch die paar Tische im Kafenion waren unbesetzt, es war niemand da außer der alten Mutter Kalliopi, die häkelnd hinter dem Schanktisch saß. Sie sah auf, als Stefans Schatten über den glatten Terrazzoboden fiel und blickte ihn stumm über den Rand ihrer Brille hinweg an. Stefan stand einen Augenblick unschlüssig. Wohltuende Kühle schlug ihm aus dem dämmrigen Raum entgegen, während auf seinem Rücken noch die Sonne brannte. In seinen Schläfen pochte das Blut – um eine Spur zu heftig. Endlich löste er sich von der Schwelle, ging auf einen der Tische zu und setzte sich. »Ganz allein, Kyría Kalliopi?« »Um diese Zeit sind alle zu Haus«, antwortete sie, während sie Stefan noch immer über den Rand ihrer Brille musterte. Dann lächelte sie und legte ihre Häkelarbeit auf den Schanktisch. »Ouzo?«, fragte sie und griff schon nach Glas und Flasche. »Ich weiß nicht«, sagte Stefan zögernd. »Um diese Zeit steigt er einem gleich zu Kopf, bei der Hitze …« Kalliopi ließ ihre Hand auf der Flasche ruhen und sah schweigend durch die Tür auf die Gasse. Stefans Blick wanderte eine Weile ruhelos durch den Raum. Schließlich blieb er an der Fensternische haften und

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senkte sich in das zarte Grün des Basilikums, das dort in einem Töpfchen stand. Die Uhr mit dem zersprungenen Glas daneben zeigte halb sieben, wie jeden Tag zu jeder Zeit. »Schon schwimmen gewesen heute?«, fragte Kalliopi in die Stille. Stefan schüttelte den Kopf. »Gestern Abend ist‘s spät geworden, bin erst vor einer Stunde aufgestanden …« »Aha. In der Disco gewesen, nicht wahr? Recht so. Solange man jung ist, soll man sich amüsieren!« Sie lachte gutmütig und ließ dabei einen blinkenden Goldzahn sehen. »Dann wär jetzt vielleicht ein Kaffee das Richtige. Soll ich einen machen?« »Nein, kein Kaffee – hab schon im Hotel einen getrunken. Vielleicht … vielleicht doch ein Ouzo – aber mit viel Eis, ja?« »Viel Eis.« Kalliopi erhob sich seufzend und öffnete einen gewaltigen Eisschrank hinter dem Schanktisch, der, wie aus dem Mittagsschlaf gerissen, sogleich grimmig zu brummen begann. Auf der Gasse wurden Schritte laut. Stefan warf einen schnellen Blick zur Tür und drehte ihr dann halb den Rücken zu. Mit starrem Blick sah er Kalliopi zu, wie sie sein Getränk bereitete. Die Schritte draußen entfernten sich wieder. Stefan zündete sich eine Zigarette an, seine Hand zitterte dabei leicht. »Bitte sehr«, sagte Kalliopi, während sie das Glas vor ihn hinstellte. »Zum Wohl!« Gleich darauf reichte sie noch einen kleinen Teller mit Oliven nach. Stefan faltete eine Zeitschrift auseinander, die er vor sich auf den Tisch gelegt hatte und blätterte darin. Wieder waren Schritte auf der Gasse zu hören, und Stefan senkte den Kopf etwas tiefer auf die Seiten. Die Schritte kamen klappernd näher, es klang nach Holzsandalen, und endlich warf erneut eine Gestalt ihren Schatten über den Terrazzoboden. »Jassou, Kalliopi«, ertönte eine helle Stimme. »Jassou, Manolis«, antwortete Kalliopi freundlich. »Wie geht‘s zu Haus?«

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B I O G R A P H I S C H E S


Brigitte Münch wurde 1947 in Düsseldorf geboren. Sie besuchte das humanistische Gymnasium, verließ es im Jahr 1965 und absolvierte eine dreijährige Buchhändlerlehre. Im Anschluss an die Prüfung ging sie mit ihrem griechischen Freund für ein Jahr nach Thessaloniki, wo sie einerseits ihre bereits erworbenen Grundkenntnisse der griechischen Sprache weiterentwickelte und andererseits Studenten und Schüler privat in Deutsch unterrichtete. Im Jahr 1969 kehrte sie zunächst nach Deutschland zurück und arbeitete in ihrem Beruf als Buchhändlerin in Buchhandlungen und Verlagen. Der Kontakt zu Griechenland und ihren dortigen Freunden riss jedoch nie ab, er wurde durch jährliche Reisen dorthin und regelmäßigen Briefverkehr aufrechterhalten. Ende 1979 ging sie mit ihrem damaligen, ägyptischen Ehemann nach Kairo. Dort war sie als freie Mitarbeiterin bei Radio Kairo für den Local European Service tätig, als Sprecherin, Übersetzerin und Programmgestalterin. In den letzten zwei Jahren ihres Ägyptenaufenthalts arbeitete sie zusätzlich noch als Chefsekretärin in der Kairoer Niederlassung von Mercedes-Benz. Im Herbst 1985 kehrte sie endgültig in ihr eigentliches Traumland Griechenland zurück. Sie ließ sich auf der Kykladeninsel Naxos nieder und betrieb dort bis 1993 eine Jazz-Bar. Danach machte sie sich an die Erfüllung eines schon länger gehegten Wunsches: das Übersetzen griechischer Literatur ins Deutsche. Neben Erzählungen und Kurzgeschichten hat sie auch Romane übersetzt, u.a.: ›Kaiserin Theophano‹ von Kira Sinou, Vlg. Romiosini; ›Amerika '62‹ von Panos Ioannides, Vlg. auf dem Ruffel; ›Das Herz nach Istanbul tragen‹ von Maria Skiadaresi, Vlg. Größenwahn. Diese Tätigkeit als freie Literaturübersetzerin übt sie bis heute aus. Neben allem anderen war sie seit ihren Jugendjahren auch immer schriftstellerisch produktiv, Zahlreihe Kurzgeschichten sind in Zeitschriften und Anthologien erschienen. Der vorliegende Titel ›Die blaue Tür‹ – Kurzgeschichten, basieren auf den Eindrücken und Erlebnissen eines nunmehr über 26jährigen Lebens in der Ägäis – erschien als Debüt im Jahr 2011 und ging 2013 in die zweite Auflage.

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Brigitte Münch im Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Geschenk vom Olymp Und andere Bescherungen

Neue ägäische Geschichten

Auf dem Olymp leben dem Mythos nach die griechischen Götter. In vielen Sagen und Legenden haben die Olympier oftmals in die Geschicke der Menschen eingegriffen – aus Liebe, Lust, Hass, Eifersucht oder Machtgier, und Intrigen waren an der Tagesordnung. Was wäre, wenn die griechischen Götter auch heute noch auf uns Menschen blickten und unser Leben beeinflussen würden? Was würden Zeus, Ares und Aphrodite zu unserer gegenwärtigen Welt sagen? Und welche Geschenke würden sie für uns noch bereithalten? ISBN: 978-3-942223-12-6 eISBN: 978-3-942223-59-1

Xenos in Griechenland

Erzählungen deutschsprachiger Immigranten

Deutsch und Griechisch »Hals über Kopf hat sich Eva dazu entschlossen, mit ihrer großen Liebe nach Griechenland zu ziehen. Keinen Gedanken hat sie daran verloren, wie das Leben sein wird in einem fremden Land …« Deutsche und deutschsprachige Immigranten erzählen aus ihrem Leben in Griechenland: über Begegnungen, Erfahrungen und ihre Gefühle. 19 ausgewählte Beiträge des Kurzgeschichtenwettbewerbs »Xenos in Griechenland« werden zweisprachig – im deutschen Original und in griechischer Übersetzung – präsentiert. Der Wettbewerb wurde aus Anlass des 50-jährigen Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und Griechenland vom GoetheInstitut Thessaloniki in Zusammenarbeit mit dem GrößenwahnVerlag Frankfurt am Main veranstaltet. Brigitte Münch ist vertreten mit ihrer Kurzgeschichte ›Heimkehr in die Fremde‹. ISBN: 978-3-942223-06-5 eISBN: 978-3-942223-61-4

Bewegt

Kurzgeschichten

Deutsch und Griechisch

Eine zweisprachige Anthologie der Gesellschaft Griechischen AutorInnen in Deutschland aus und Anlass des 50-jährigen Erzählungen deutschsprachiger Immigrantene.V. Deutsch Griechisch Arbeits-Anwärter-Vertrages zwischen Deutschland und Griechenland. 17 AutorInnen beschreiben in ihren Kurzgeschichten Formen und Auswirkungen von kollektivem, menschlichem Zusammenleben, angetrieben von brennenden Gefühlen, die als immerwährende Bewegung empfunden werden. Brigitte Münch ist vertreten mit ihrer Kurzgeschichte ›Warten 21 auf Äsop‹. ISBN: 978-3-942223-02-1 eISBN: 978-3-942223-62-1


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Profile for Größenwahn Verlag

Leseprobe buch die blaue tuer brigitte muench  

Eine griechische Idylle: eine Kaimauer, vor der kleine Fischerboote angebunden sind, sie lehnen still aneinander, träumen vor sich hin. Hint...

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