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Die verlorene kleine Schwester

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Reihe: Via Egnatia


Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2017 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2017 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-172-4 eISBN: 978-3-95771-173-1

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Fotini Tsalikoglou

Die verlorene kleine Schwester Novelle Aus dem Griechischen von Gesa Singer

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IMPRESSUM

Die verlorene kleine Schwester Reihe: Via Egnatia Autorin Fotini Tsalikoglou Erschienen 2013 bei Ekdoseis Kastaniotis, (Εκδόσεις Καστανιώτης) Athen, GR Originalausgabe (2013): ›8 ώρες και 35 λεπτά‹ © Copyright by Fotini Tsalikoglou - Ekdoseis Kastaniotis A.E. Übersetzerin Gesa Singer Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schrift Constantia Covergestaltung Marti O´Sigma Coverbild Marti O´Sigma: neue Gestaltung-Grafik inspiriert aus Brigitte-Spezialheft Nr.1, 1959 Lektorat August-Paul Sonnemann Druck und Bindung Print Group Sp.z.o.o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main August 2017 ISBN: 978-3-95771-172-4 eISBN: 978-3-95771-173-1

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FĂźr Konstantinos, schon wieder und immer

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Ich führ nicht zum Mond, ich führ noch viel weiter weg, denn die größte Entfernung zwischen zwei Orten ist die Zeit. Tennessee Williams Die Glasmenagerie

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Stunden und 35 Minuten. Und dann? Wo werde ich ankommen, Amalía? An einem Ort, den unsere Mutter zu lieben fürchtete; und doch, dort wurde Menelaos geboren, dort wuchsen Erasmia und die andere Froso auf. Wie werde ich mich allein in diesem unbekannten Land zurechtfinden? Und warum erst jetzt, nach so vielen Jahren? Welch’ unbegreifliche und dunkle Reise! Zum schwierigsten Zeitpunkt. Ich habe Angst, Amalía. Sonntag 20. Januar 2013, elf Uhr morgens. Kurz vor dem Abflug. New York – Athen. Platz 3A, am Fenster. Der Sitzplatz neben mir ist frei. Du sitzt neben mir, Amalía. Kein Fremder wird dich stören. Du hast bereits den Sicherheitsgurt angelegt. Auf dem Monitor die Anzeige der Flugstrecke. Das fliegende Ungeheuer, ein kleiner Punkt, der sich am Himmel bewegt. Ich befinde mich in seinem Bauch. Und du bist dabei. Warum diese Reise an einen Ort, den sie niemals aufgesucht hat? Mit allen möglichen Tricks hat sie mich hereingelegt und die Wahrheit verheimlicht. Sie hat mich in Museen geschleift. Sie hat mir Giebel, Grabsäulen, Kouroi

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und Koren gezeigt. »Schau«, sagte sie, »öffne deine Augen und sieh, sonst wirst du dich verlieren.« Ich war sieben Jahre alt. Sie lieh mir ihre Augen. Aber irgendwann wurde sie spürbar – deutlicher ging es nicht: die Abscheu vor ihrem Land. Sie änderte ihren Namen. Nichts sollte an Griechenland erinnern. Lale Andersen. Die Verwandlung der Mutter. »Niemand von euch wird mich Froso nennen. Ab heute ist mein Name Lale.« Bei jeder Reise sucht man etwas. Jenseits von dem, was man sagt, jenseits vom Offensichtlichen, gibt es noch etwas anderes. So etwas wie eine starke und unerreichbare Liebe. Ohne sie ist man unvollständig. Ein Stück, das fehlt und dich sagen lässt: »Jetzt ist der Augenblick gekommen, dass ich es finde.« Und dennoch, der Zeitpunkt dieses Etwas in diesem Land zu finden, könnte nicht unpassender sein. Oder nicht? Nun, da das Land dem Unbegreiflichen nachgibt und alles zusammenzubrechen scheint, ist vielleicht jetzt der Zeitpunkt gekommen? »Schau, sonst wirst du dich verlieren.« Wie kann ich sehen, wenn ich nicht meinen Körper, meine Hände, meine Augen, meinen Verstand dorthin bringe? Du in meinem Gepäck, Amalía, zusammen mit einem Bild, einem leeren Heft und einem Reiseführer über Athen. Ich werde zum ersten Mal dort sein. Wonach sehne ich mich,

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wer wird es mir sagen? Ein Dichter suchte einmal einen ganzen Nachmittag »den anderen Tiger«, der in dem Gedicht noch fehlte. Sonst konnte er nicht weiterschreiben. »Denk’ nicht so viel, Jonathan. Du verlierst dich in deinen Gedanken. Ich verliere dich«, sagtest du. Ich verliere mich und ich liebe dich. Ich verliere mich, um dich zu lieben, Amalía. Ach, meine Seele! In ein paar Minuten wird der »JFK« weit entfernt sein, und die Wolkenkratzer, der Park, die Bahnsteige, der Fluss, der Ozean werden zu Postkarten, zu Bildern, die einen schwindenden Jahrmarkt zeigen, der im Licht des Tages schimmert, bis der Himmel ihn verschluckt. »Wie lange werde ich es aushalten in der Ferne?«

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u hast dich ausgezogen, du wirst dich er» kälten. Zieh’ dich warm an. Willst du so in den Park gehen? Im Dezember? Schau mal, wie warm ich angezogen bin. Lauf und hol deinen Anorak.« »Hör auf, mir zu sagen, was ich tun soll.« »Guck mal, deine Nase blutet, du wirst ...« »Mensch, auch dasnoch, Amalía! Schau, aus deiner Nase tropft auch Blut. Wie du, so auch ich. »Verflucht nochmal, mein T-shirt ist verschmutzt! Jesus, schau, wie ich aussehe. Ein Taschentuch, Jonathan, binde es mir fest um den Arm.« »Taschentuch?« »Es stoppt das Blut, sagt Großmutter. Hast du vergessen? Evanthia, quickly, ein Taschentuch. Los endlich, let’s move on.« »Evanthia, Großmutter, wir gehen. Wenn sie fragt, sagt ihr, dass wir im Park sind. Wir werden uns nicht verspäten.« »Du Armer, dass du immer noch hoffst, sie würde fragen … She doesn’t give a damn … She is a fucked up woman.«

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»She is not a woman, she is our mummy.« »She still is a woman.« »Shit!« Mit verbundenen Armen stürmten wir in die 75. Straße und kamen keuchend im Park an. Die Eichhörnchen hatten nie Angst vor uns, mit Kräutern, Wurzeln, Körnern und Eicheln gewannen wir ihr Wohlwollen. »Tip, tip, top, top«, sie erkannten den Klang unserer Stimmen, kamen aus ihren Verstecken hervor, rannten zu uns hin, mit einem unerklärlichen und ungehörigen Zutrauen. »So müsste es immer sein«, sagtest du und nahmst die versteckten Eicheln aus deiner Tasche. Es ist der letzte Flug von Delta Airlines auf dieser Strecke. Die Verbindung New York – Athen wird abgeschafft. Ist Griechenland ein unrentables Ziel? »Wir bitten Sie nun, sich anzuschnallen.« In wenigen Minuten werden die Lichter für den Abflug gedimmt. Eine plötzliche Stille vor dem Ausbruch von ohrenbetäubendem Lärm. Auch damals waren die Lichter für den Abflug gedimmt worden. Ich erinnere mich an die Nacht. Die anfängliche Dunkelheit. Von dort bin ich gekommen. Wie die anderen 6,92 Milliarden. Jeder von ihnen ein anderer. Wir alle kamen aus dem gleichen Dunkel. Aus der Nacht

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einer Gebärmutter. Es war Sonntag, sieben Uhr früh. Sie schrie. Zwei oder drei heftige Schreie. Das war’s. Sie gaben ihr eine Rückenmarksanästhesie. Sie bestand darauf, die Augen offen zu behalten. Ich wurde geboren, ohne dass mich jemand fragte. Sie wollte, dass ich zu Hause geboren würde. Beharrlich bestand sie darauf. »Ich will zu Hause gebären. Kein Krankenhaus.« Ihre Eltern, Großvater Menelaos und Großmutter Erasmia, erschraken. »Froso! Rede keinen Unsinn!« »Lasst mich das tun, was ich will.« »Froso, um Gottes willen! Was soll das? Eine Geburt hast du vor dir und nicht den Tod. Du bist eine hochschwangere Frau und verhältst dich wie jemand, der im Sterben liegt und unbedingt seinen letzten Atemzug in seinem Haus tun will, damit seine Seele Ruhe finden kann. Sind für dich denn der erste und der letzte Atemzug dasselbe?« »Ich tue, was ich will.« »Verwechselst du das neue Leben, das kämpft, um ans Licht zu kommen, mit dem, das schon im Dunkeln wandelt?« Mutter war immer komisch, immer merkwürdig. »Es ist meine Entbindung«, sagte sie, »es ist mein Kind. Ich tue, was ich will«. Ich spürte ihre Stimmbänder in mir … Seit damals schon als kleines Geschöpf von zwei Zoll, hörte

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ich in mir ihre Stimme. »Ich will es hier, in meinem Bett. Das erste, was es wahrnehmen wird, soll das Licht sein, das vom Fluss kommt.« Sie wollte nicht mich. Sie wollte »wollen«. Das war alles. Der Sommer und der Fluss Hudson schenkten den Häusern an seinem Ufer einen goldenen Schimmer. Dort war unser Haus. Am Anfang – und für einige wenige Tage – war ich ihr Wohnort. Ihr ein und alles und einziger Ort. Das dauerte nicht lange. Einen Vater gab es nicht. »Ich habe meinen Vater nie kennenglernt. Du auch nicht, Amalía.« »War es dieselbe Person?« »Aber wir sind gleich. Sieh, wie wir uns ähneln. Schau, wenn du mir nicht glaubst, in den Spiegel.« »Aber ja, wir gleichen uns, Jonathan. Wir sind gleich.« Vielleicht also haben wir denselben Vater … Was ändert das? Einen Samen brauchte sie für ihren Sohn. Und noch einen für ihre Tochter. Ich war ihr Sohn. Ihr erstes Kind. Mit dir war es anders, Amalía. Für dich brauchte es vielleicht eine große Liebe. Vielleicht auch nicht. Die große Liebe bestellt man nicht. Sie kommt und begegnet dir und wenn du dich nicht fürchtest, schenkt sie dir eine unermessliche Freude.

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»Niemand sprach im Haus über all das. Mich bedrückte alles, was sie uns verheimlichten.« Verschlossene Lippen verbargen die Geheimnisse. Und wenn jemand, Großmutter zum Beispiel oder Großvater, oder Evanthia, zu sprechen anfangen wollten, war es, als wollten sie eine Kirche ausrauben. Ein Frevler, der einmal etwas über »Daddy« zu fragen versuchte oder über den »Papa von Amalía und Jonathan« oder der eine, der eine Anspielung auf den »Ehemann von Frau Efrosyne Argyriou« machen wollte. Wer stellt diese Regeln auf? Wer hält sie aufrecht, und um welchen Preis? Jede Familie lebt von ihren Geheimnissen. Wie eine Schlingpflanze zieht sie ihre Geheimnisse jeden Tag Stück für Stück näher an sich heran, bis sie bald die Haut der Familie selbst bilden. Man kann dann die Schlingpflanze mit ihren Geheimnissen nicht mehr von der Haut unterscheiden. Ein ewig miteinander verbundenes Paar. Willst du sie trennen, zerstörst du sie. Staub, Feuchtigkeit, Flechten und Insekten höhlen den grün belaubten Körper aus. Im Sommer, wenn der Modergeruch dich nicht in Ruhe lässt, betest du zu Gott um frischen Atem.

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ine unangenehme Wärme kommt aus der Klimaanlage. »Please, miss, can you fix the ventilator?« Der Drehschalter über meinem Kopf wird eingestellt und die Temperatur wird sofort reguliert. Ungeduldig warte ich auf das Abheben vom Boden. Zwei Reihen vor mir bekreuzigt sich eine alte Frau. Der Moment kurz vor dem Abheben bietet sich für Fürbitten an. Dort im Himmel wird in wenigen Minuten unser aller Schicksal in die Hände Gottes gelegt. Wenn du ohne Vater aufwächst, siehst du diese Hände in deinen Träumen. Manchmal heilen sie zärtlich deine Wunden, manchmal drücken sie boshaft und unbarmherzig deinen Hals zu. »Jesus Christus und Heilige Mutter Gottes, Froso! Man spielt nicht mit Gott.« Unsere Mutter spielte mit ihm. Sie borgte sich seine Allmacht und seine Willkür. Sie legte niemandem Rechenschaft ab. Ihren Sohn in ihrem Schlafzimmer zu gebären, selbst die Nabelschnur durchzuschneiden, das Blut der Geburt abzuwaschen, den ganzen Tag das Neugeborene im Arm zu halten, ohne die Regeln der

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seelischen und körperlichen Gesundheit zu beachten; all das und vieles mehr konnte sie tun. Niemandem den Vater ihres Sohns zu verraten. Und zwei Jahre später eine Tochter auszutragen, wiederum von einem unbekannten Vater. Ihren Kindern Namen zu geben wie Jonathan und Amalía, aus ihren eigenen unerforschlichen Gründen. Ich nehme an, dass »Jonathan« ihr klanglich gefiel, es hat eine lang anhaltende Musikalität, die Zunge hebt sich bei der Silbe »Jo», als würde sie singen, während sie sich bei »nathan« melancholisch milde legt. Was »Amalía« betrifft, spielte vielleicht die erste Silbe eine Rolle, das »âme« der französischen Seele. Ich werde es nie erfahren. Man muss einigermaßen unglücklich sein, um immer nur seinen eigenen Kopf durchsetzen zu wollen. Großmutter, Großvater, Evanthia, Stamatis, die griechischen Freunde, die Kollegen von Großvater, Peter, Mathew und John, niemand von ihnen wagte es, Einwände zu erheben. Ängstigte sie ihr Unglück? Und als sie anfing, zu trinken wie eine Schnapsdrossel und ihre Spuren sich stundenlang, ja, tagelang verloren, da sagte immer noch niemand etwas. Und als ihr Bauch dicker wurde, fragten sie immer noch nicht nach. Was außer ihrem eigenen Unglück achteten sie? Gott straft all’ die, die den wahnsinnigen Wünschen der wahnsinnig unglücklichen Men-

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schen im Wege stehen. Wer wünscht sich nicht das Wohlwollen Gottes? Und wenn man schuldig ist, will man es vielleicht umso mehr … Sind denn alle schuldig? Aus welchem Grund? Wieso bleiben wir unwissend? Und vielleicht, wenn das Geheimnis gelüftet wird und alles Dunkle sich auflöst, vielleicht befinden wir uns dann in einer anderen Selbsttäuschung?

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u beugst dich vor und flüsterst mir etwas zu, das Brummen der Flugzeugmotoren wird lauter. Ich versuche deine Worte zu verstehen. »Jonathan, du sagst mir ›das, was du nicht weißt, wird immer stärker sein‹. Mach dir nichts vor. Willst du, dass ich dir sage, was du fertigbringst, jedes Mal, wenn du zu verstehen glaubst?« »Sag’ es mir.« »Ein mageres Knöchelchen Wahrheit hältst du in deinen Händen, sitzt da und nagst daran und sagst ›so ist es gut‹.« »Hör’ nicht auf mit mir zu sprechen, Amalía.« Die Stimme verliert sich, ich kann nur noch das Wort »Krümel« hören und den Ausdruck »Knöchelchen Wahrheit«. Der Lärm überdeckt alles Weitere. Die Motoren sind wie kurz vor dem Bersten. Die Frau auf dem Sitz zwei Reihen vor mir betet immer noch. Wie würde es ihr vorkommen, wenn ich plötzlich zu ihr gehen und sagen würde: »Es ist vergeblich, gute Frau. So viele Kreuze sie auch machen, nichts wird sich ändern. Der

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B I O G R A P H I S C H E S


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Fotini Tsalikoglou wurde in Athen geboren und studierte Psychologie an der Universität Genf bei Jean Piaget, wo sie sich auf Klinische Psychologie spezialisierte. Sie ist Professorin an der Abteilung für Soziologie der Universität von Athen und unterrichtet Kriminologie und Psychologie. Ihre Arbeiten umfassen psychologische Fachbücher und Romane. Darüber hinaus veröffentlicht die Autorin Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften und äußert sich auch im griechischen Fernsehen zu aktuellen Zusammenhängen von Gesellschaft und psychischen Störungen. Auf eigenwillige Weise erschließt Fotini Tsalikoglou die seelischen Abenteuer der menschlichen Existenz. Beim Größenwahn Verlag erschien ihr Roman »Die Geheimnisse der Tochter«, 2014.

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Gesa Singer wurde 1971 auf Helgoland geboren, studierte Germanistik und Pädagogik an der Georg August Universität Göttingen und promovierte 2005 an der Carl von OssietzkyUniversität Oldenburg. Sie arbeitete im Bereich DaF, Internationale Kongresstätigkeit, Editions- und Übersetzungstätigkeit und 2007-2011 als DAAD-Lektorin an der Aristoteles Universität Thessaloniki. Seit dem Wintersemester 2011/12 ist sie Dozentin an der Abteilung für Interkulturelle Germanistik der Georg August Universität Göttingen mit ihrem Habilitationsprojekt zur Interkulturellen Literaturdidaktik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wissenschaftsgeschichte der Germanistik, Didaktik von Deutsch als Fremdsprache, Komparatistik und Interkulturelle Germanistik. Sie hat mehrere Übersetzungen von wissenschaftlichen und belletristischen Texten aus dem Neugriechischen und Portugiesischen vorgenommen.

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Aus der Reihe Via Egnatia

Fotini Tsalikoglou Die Geheimnisse der Tochter Roman Aus dem Griechischen von Gesa Singer ISBN: 978-3-942223-66-9 eISBN: 978-3-942223-67-6 Sie war erst elf Jahre alt und verstand nicht, warum ihre Mutter so wenig sprach und nicht wie alle anderen Mütter war. Wenn der Arzt kam, wirkten alle ernst, schlossen die Tür, sprachen vorsichtig. Durch die Tagebucheinträge, die im September 1959 beginnen, entwickelt sich eine sprachlich und psychologisch fesselnde Erzählung, geschrieben aus der Perspektive eines Mädchens. Die Tochter einer unter schweren Depressionen leidenden Mutter versucht, ihr Leben zu verstehen, das von der emotionalen Abwesenheit der Mutter geprägt ist »Kühn, schmerzhaft, herzzerreißend, ehrlich: Fotini Tsalikoglou öffnet unerschrocken die Büchse der Pandora.« Andreas Kounios (Alithia online) »Tsalikoglou hat eine sehr mutige Tat vollbracht, und sie hat durch die Literatur viel über das zu sagen, was Freud ausgelassen hat.« Giannis Tsiolis (Professor für Literaturkritik NYU)

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Kostas Akrivos ›Alfons Hochhauser – Der Barfußprophet von Pilion‹ Roman aus dem Griechischen von Hans-Bernhard Schlumm ISBN: 978-3-942223-19-5 eISBN: 978-3-942223-39-3 Alfons Hochhauser, und sein unbändiger Freiheitsdrang und Streben nach Unabhängigkeit, schreibt Geschichte. In Pilion. Jahre später ist ein Reporter auf die Spuren dieses Mannes: »Am Anfang stand einfache Neugierde. Daraus entwickelte sich ein Interesse. Dieses Interesse vermittelte mir überraschende Einsichten in die Tätigkeiten des ›Fremden‹. Meine Überraschung verwandelte sich im Laufe meiner Untersuchung in Bewunderung für Alfons. Als ich begann, mich mit seinem Leben zu beschäftigen, wurde mir langsam klar, ganz in der Nähe eines Menschen gelebt zu haben, dessen Ruhm über die engen Grenzen unserer Region hinausreichte ...« Kostas Akrivos, 1958 in Volos geboren, studierte Mittelalterlische und Neuere Griechische Literatur und ist Lehrer für Neugriechisch. Er schreibt Romane, Biographien, Kurzgeschichten und Schulbücher. Seine Werke sind in zahlreichen Anthologien erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt worden.

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Maria Skiadaresi Venezia Aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-95771-128-1 eISBN: 978-3-95771-129-8 Am Morgen des 7. September 1943, wurde Franco Solerti tot am Strand von Péra Meriá zwischen den Tamarisken aufgefunden. In seinem nackten Rücken steckte die lange Klinge eines Messers – eins von denen, die zum Häuten von Schweinen benutzt werden. Je weiter die Ermittlungen fortschritten, desto undurchsichtiger wurde die Sache. Ein Fetzen Frauenunterwäsche sowie Spuren von Pumps im Sand wiesen darauf hin, dass Franco kurz vor seinem Tod mit einer Frau zusammen gewesen war. In den offenen, gläsernen Augen schimmerte noch so etwas wie Ekstase. Doch wer war im Stande das Leben eines Menschen im Augenblick der Liebe zu vernichten? Und warum? Maria Skiadaresi erzählt das außergewöhnliche Schicksal der aristokratischen Familie Daponte. Ihre bewegte Geschichte ist auch gleichzeitig die der Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die nicht nur ihre Rechte, sondern auch ihre Freiheit gegen Besatzer, Verrat und Krieg erkämpfen mussten.

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Maria Skiadaresi Das Herz nach Istanbul tragen Roman aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-942223-29-4 ISBN: 978-3-942223-36-2 Orestis – verheiratet, eine Tochter – fliegt mit begründeter Angst geschäftlich nach Istanbul, denn zwischen Goldenem Horn und Bosporus wartet die unbewältigte Vergangenheit auf ihn: Kindheit in Athen, Studium in England und eine Studienreise in die Türkei, die ihm das Unerwartete brachte: Murad – die Liebe seines Lebens. Nichts ist jemals für ihn klar geworden, nicht einmal die sexuelle Orientierung. Dreißig Jahre danach trägt er ein vernachlässigtes Herz in die Stadt seiner Träume. Er hört es schlagen. Er hört es klagen. Er hört es fragen. Was ist aus Murad geworden? Maria Skiadaresi, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der griechischen Gegenwartsliteratur, beschreibt das faszinierende Psychogramm eines Mannes, der im Schatten seiner dominanten Frau lebt und erst im Herbst seines Lebens nach einem Ausgang aus dem Irrgarten der Gefühle sucht.

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Elena Chouzouri Die lügnerische Sonne der Kinder Roman aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-942223-96-6 eISBN: 978-3-942223-97-3 Veronika K., 58 Jahre alt, sucht Schutz vor den Fragen, die in ihrem Innersten brennen: Was hat sie in ihrer usbekischen Geburtsstadt Taschkent Wertvolles zurückgelassen? Wie sah ihr Leben in der Sowjetunion aus? Welches Geheimnis überschattete ihre Kindheit? Was hat ihr dominanter Vater, der als Partisanenkämpfer und Altkommunist geehrt wird, ihr in Wirklichkeit angetan? Was ist aus ihrer großen Liebe, dem Juden Iosif, geworden? Und wie entwickelte sich ihr neues Leben in Griechenland, das sie schon als Kind lernen musste, als ihre Heimat zu betrachten? Wie hat diese heiß ersehnte Heimat sie 1989 empfangen? Elena Chouzouri beschreibt den Konflikt der zwei Identitäten, der durch Migration entsteht und von den Eltern auf die Kinder übertragen wird. Die Schicksale der Protagonisten sind Schnittpunkte der Geschichte Europas und das Wort ›Heimat‹ wird als Marke in das Herz der jüngeren Generation gebrannt.

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Iosif Alygizakis Das Blau der Hyazinthe Roman aus dem Griechischen von Hans-Bernhard Schlumm ISBN: 978-3-942223-84-3 eISBN: 978-3-942223-85-0 Auf der Suche nach dem ersten Job übernimmt ein angehender Lehrer den Privatunterricht für den 13jährigen Aristarchos und gibt Nachhilfe in Latein, Griechisch und Aufsatzschreiben. Der jugendliche Lehrer ist der einzige Mann, der seit vielen Jahren die Wohnung von Mutter und Sohn betreten hat, und er glaubt, die Augen des Jungen deuten zu können. Er selbst lebt in ständiger Furcht, sein Geheimnis könnte entdeckt werden – er steht auf Männer – und somit treiben ihn Scham- und Schuldgefühle dazu, bewusst männlich aufzutreten. Doch während des Unterrichts passiert es. Der Lehrer verliebt sich in seinen Schüler. Leiden, Bangen und Täuschen werden seine ständigen Begleiter. Iosif Alygizakis, einer der ersten neugriechischen Autoren, der in seinen Romanen offen über homoerotische Themen schreibt, vermittelt in poetischer Sprache die Gefühlswelt eines Mannes, der gefangen ist in der moralischen Verurteilung der Gesellschaft.

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Lena Divani Das siebte Leben des Sachos Sachoulis Memoiren eines Katers aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-95771-027-7 eISBN: 978-3-95771-028-4 Kein gestiefelter, sondern ein gebildeter Kater erzählt uns, wie er die Welt sieht und was er über die Menschen und andere Tiere denkt – dies aus der Sicht seines siebten und letzten Lebens, in dem er die Vollendung seiner Weisheit erlangt hat. Dazu zeigt sich noch eine andere Seite des Katers Sachos Sachoulis: Er kämpft hart um die Liebe seiner »Adoptivmutter«, die er respektvollironisch »Demoiselle« nennt, und noch härter um ihre Bereitschaft, als Schriftstellerin seine Memoiren zu schreiben. Wie wir sehen, ist es ihm schließlich gelungen: Hier sind die Lebenserinnerungen eines außergewöhnlichen Katers. »Lena Divani reizt zum Lächeln, Lachen und Weinen in einem von der Finanzkrise gebeutelten Griechenland.« Silvana Mazzocchi, LA REPUBLICA

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Todora Radeva Sieben Arten den Sari zu binden Erzählungen aus dem Bulgarischen von Elvira Bormann-Nassonowa ISBN: 978-3-95771-029-1 eISBN: 978-3-95771-030-7 »Der Sari ist jene dünne, wunderbare Trennwand, die eine Frau vor dem Mann aufbaut und nur aus freiem Willen entfernen kann.« In der bulgarischen Stadt Plovdiv sind die Frauen geheimnisvoll, pflegen Illusionen, malen Fantasien, kämpfen mit Herz und Verstand für das Halten oder Löschen einer Beziehung und zeigen ihren Einfallsreichtum bei der angenehmen Gestaltung des Alltags: Telefontratsch, Ausflüge, Beobachtungen auf dem Balkon, unaufgeräumte Kleiderschränke. 19 Geschichten aus einem ehemals sozialistischen Ort, der von magischer Atmosphäre umhüllt ist und seine Bewohner im Sog des subtropischen Klimas hält. 19 Erzählungen über Frauen, die Gewinnerinnen und gleichzeitig Verliererinnen der politischen Veränderungen geworden sind. »Das Buch ist eine Ontologie des weiblichen Körpers.« Kamelia Spasova / Maria Kalinova

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Todor Todorov Immer die Nacht 14 Geschichten am Rande der Welt aus dem Bulgarischen von Elvira Bormann-Nassonowa ISBN: 978-3-95771-081-9 eISBN: 978-3-95771-082-6 Todor Todorov beweist wieder einmal mit diesen Geschichten, dass er ein begnadeter Meister der Sprache ist. Er führt den Leser mit absoluter Sicherheit durch das Delirium der Nacht und lässt ihn in einem FilmNoir als Komparse ein verrücktes Spiel miterleben. Das Drehbuch besteht aus plötzlichen Wendungen von Wahn und Verbrechen. Hier treffen sich unheilvolle Träumer, Stadtschamanen und Telefonmörder. Alles und Alle bewegen sich auf einem magischen Untergrund: Wörter, Gefühle, Bilder. Die Farben der Dunkelheit. Du und Ich. Gefährliche Geschichten von hier bis zum Rand der Welt. Nachts, wenn die Erinnerung erwacht. »In der Dunkelheit ist nichts Dunkles. Die Nacht hat ein leuchtend rotes Herz. Und alles ist rot.«

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Hild Papadimitriou Für eine Handvoll Vinyl Roman / Krimi aus dem Griechischen von Gesa Singer ISBN: 978-3-95771-043-7 eISBN: 978-3-95771-044-4 Wie spielt sich das Leben im Stadtteil Exarchia in Athen ab, und was hat sich dort seit den 1970ern wirklich kaum verändert? Warum ist es für manche Leute wichtig, sich durch Musik auszudrücken, und warum sind Beziehungen so kompliziert? Was haben all diese Leute zu verbergen, die sich im Plattenladen von Fontas blicken lassen? Man hört Gang of Four, Neil Young, Clash, aber auch Percy Mayfield und Travis in diesem verregneten Februar. Und dann passiert ein Mord. Kommissar Charis Nikolópoulos muss sich beweisen: sein erster eigener Fall! Wie hängen Schallplattensammeln und Verbrechen zusammen? Welches Motiv hat der Mörder? Ist es denn möglich, für eine Handvoll Vinyl zu töten? »Hilda Papadimitriou stellt sich bewusst in die Tradition der Markaris-Romane, erweitert sie jedoch in bemerkenswerter Weise. Sie erschließt dem aktuellen griechischen Kosmos wieder die Hard Boiled-Tradition der amerikanischen Noir-Pioniere, und zwar ohne die Eigenheiten der mittelmeerischen Kultur in ihrer spezifisch griechischen Variante zu vernachlässigen.« Agis Sideras

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Panos Ioannides Eine Familie mit Tieren Erzählung Aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-95771-098-7 eISBN: 978-3-95771-099-4 Für Vater Petros scheint seine Familie eine ganz normale zypriotische Familie zu sein, mit eigenem Haus, großem Garten und bezaubernden Kindern. Doch seine Kinder Elina und Alexandros sprechen nicht nur mit den Tieren, sondern zähmen und pflegen gefundene Igel und Schwalbenbabys, bringen Streunerkatzen und Straßenhunde mit nach Hause und sind fest davon überzeugt dass die Tiere sie verstehen. Eine Eigenschaft mit unverhofften Ergebnissen. Panos Ioannides – einer von den bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart in Zypern – beschreibt mit viel Poesie und Gefühl eine außergewöhnliche zypriotische Familie, deren Mitglieder zu Beschützern der Tiere werden. »Das Buch ragt über die Ebene einer tierliebenden Genremalerei hinaus.« Georgos Kechagioglou »Eins der schönsten Bücher über die Beziehung zwischen Mensch und Tier.« Frangiski Ampatzopoulou »Eine Geschichte, die den Leser wie ein Rascheln durchläuft.« Andreas Kounios

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Yiannis Xanthoulis Der Weihnachtstango Roman Eine Liebe in der Zeiten der Junta Aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-95771-190-8 eISBN: 978-3-95771-191-5 Im Jahr 1970, in der finsteren Zeit der Junta in Griechenland, verliebt sich Oberleutnant Stefanos Karamanidis in die Ehefrau des Oberst. Die einzige Möglichkeit, sich ihr zu nähern, besteht auf einer Weihnachtsfeier in der Kaserne, zu der auch die Gattinnen der Offiziere geladen sind. Karamanidis will die Chance nutzen und sie zum Tanz auffordern, doch er hat nie tanzen gelernt. In seiner Verzweiflung befiehlt er seinem Untergebenen Soldaten Lazaros, es ihm in geheimen Nachtstunden beizubringen. Lazaros, der wegen seine linksorientiere Gedanken in gefährlichen Zeiten lebt, nimmt ungern das Angebot an. Mit verehrenden Folgen. Er verliebt sich, ausgerechnet in den Oberleutnant. Yiannis Xanthoulis ist der bedeutendste Zeitgenössischer Schriftsteller Griechenlands und wird zum ersten Mal in der deutsche Sprache übersetzt. Der Roman sorgte schon bei seiner Veröffentlichung für heftiger Diskussion, denn er thematisiert das mächtige Militär-Apparat Griechenlands und hinterfragt deren Bedeutung. Der Weihnachtstango wurde erfolgreich verfilmt.

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Gaye Boralıoğlu Die Frauen von Istanbul Erzählungen einer unbekannten Gesellschaft Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann und Monika Carbe ISBN: 978-3-95771-108-3 eISBN: 978-3-95771-109-0 Istanbul – Zentrum für Handel, Finanzen, Medien und Kultur. Doch zwischen Hochhäusern und Moscheen, zwischen Europa und Asien, zwischen Moderne und Tradition, pocht das Herz einer patriarchalischen Gesellschaft, in der die Frauen tagtäglich ihren Platz finden müssen. Die Köchin übernimmt Verantwortung, um den besten Reis zu servieren, und die Schneiderin träumt beim Nähen gefährlich vor sich hin. Die Demonstrantin kämpft gegen das Establishment und die Toilettenfrau überwindet ihre Tätigkeit mit Kinobildern im Kopf. Die Tante entpuppt sich als Mörderin ihres Ehemannes und die Verkäuferin behauptet plötzlich, lesbisch zu sein. Die Frauen von Istanbul leben mit Träumen, Wünschen und Lügen, mitten in einem gefährlichen politischen System. Mit schwarzen Wimpern, großen Mandelaugen und gemalten Lippen lernen sie, außerordentlich erfinderisch zu sein. Um zu überleben. Ein Prozess, der seinen Preis hat. Bis in den Tod hinein. Gaye Boralıoğlu, eine der bekanntesten und erfolgreichsten türkischen Autorinnen der Gegenwartsliteratur, hebt den Schleier der islamisch-konservativen Herrschaft und erlaubt uns einen Blick in eine unbekannte Gesellschaft.

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Mohamed Leftah Der letzte Kampf des Kapitän Ni’mat Roman Aus dem Französischem von Laura Viktoria Skipis ISBN: 978-3-95771-188-5 eISBN: 978-3-95771-189-2 Ni’mat hatte schon immer fortschrittliche Ansichten: Er studierte Literatur, befürwortete marxistische Ideen und kämpfte für die Gleichstellung der Frau in der arabischen Welt. In der NasserÄra kämpfte er sogar als Pilot. Zuerst gegen religiösen Kräfte, dann gegen Israel. Er schied früh aus dem Militärdienst, heiratete und verbrachte seit dem eine scheinbar glückliche Ehe im Kairos Nobelviertel Maadi. Dreißig Jahre danach wird Ni´mat immer noch von einem Gefühl der Machtlosigkeit und des Versagens übermannt. Gemeinsam mit seinen ehemaligen Mitstreitern aus der Armeezeit, besucht er täglich das exklusivste Schwimmclub für reiche, aber gelangweilte Rentner. Und dann passiert das Unmögliche. Er verliebt sich in seinen Diener. Ein innerer Kampf beginnt, der Ni´mats letzter Kampf werden soll. Der populäre Französisch-Marokkanischer Schriftsteller Mohamet Leftah, der 2008 in Kairo verstarb, liefert einen Roman, der bis heute in Marokko nicht erscheinen darf. Dies ist die erste Übersetzung eines Werkes des Autors in deutscher Sprache.

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Die verlorene kleine schwester leseprobe2  

Die preisgekrönte Novelle von Griechenlands Erfolgsautorin Fotini Tsalikoglou beschreibt Migration als das prägende Thema unseres Jahrhunder...

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