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Das unreife Wanken des SchlĂźpferdiebs in der Wolfsschanze

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Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2017 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2017 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-182-3 eISBN: 978-3-95771-183-0

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Frank Michael Wagner

Das unreife Wanken des SchlĂźpferdiebs in der Wolfsschanze Roman

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IMPRESSUM Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze Autor Frank Michael Wagner Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schrift Constantia Covergestaltung Marti O´Sigma Coverbild © Marti O´Sigma, Grafik Lektorat Thomas Pregel Druck und Bindung Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main August 2017 ISBN: 978-3-95771-182-3 eISBN: 978-3-95771-183-0

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Fßr alle a., die mich geärgert, ermutigt, begleitet und erfreut haben

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K

akerlake! Ja, das passt, dieser Wanst soll Kakerlake sein! Das schmächtige Kerlchen war Konrad schon beim Treffpunkt am Werkstor aufgefallen. Ein älterer Mann, offensichtlich der Opa, hatte den Bengel, dem deutlich anzumerken war, dass ihm der Abschied jämmerlich die Kehle zuschnürte, vor sich her zum Bus gedrängt. Als der Junge dann einstieg und noch einmal wehmütig zurückschaute, schob sich Konrad neben ihn, boxte ihn von unten in die Rippen und zischte: »Ab jetzt heißt du Kakerlake, klar?« Der Wanst begriff gar nichts. Er guckte nur erschrocken zu Konrad auf und suchte sich verstört einen Sitzplatz. Vielleicht hat der keine Ahnung von Kakerlaken, dachte Konrad. Aber so ist das mit der Hackordnung. Die Großen, und dieses Mal war er einer von ihnen, piesacken die Kleinen. Konrad hatte das selbst oft genug zu spüren bekommen. Aber in den nächsten Wochen würde er der Machthaber sein, der die hässlichsten Spitznamen verteilt, der die kleinen Wänster auf Trab bringt, wenn sie aufmucken sollten, der sie mit fiesen Sachen quält, bis sich ihr Heimweh verdreifacht. So zumindest der Plan. Mit überlegenem Lächeln schaute er durchs verdreckte Fenster nach draußen. Die Fahrradanhänger, meist im Eigenbau zusammengeschustert, waren entladen, Koffer, Campingbeutel und Fresspakete genug herumgezerrt, alle Namen aufgerufen und vollzählig abgehakt worden. Einige der Erwachsenen standen noch unschlüssig auf dem Parkplatz der großen Firma, andere waren schon davongeeilt, freuten sich wohl, dass für die kommenden Tage zu Hause Ruhe im Karton herrschte, sie endlich mal wieder Freunde zum Umtrunk

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einladen, ohne die Nachwuchsbagage in den Urlaub fahren oder ungestört durch alle Zimmer der Wohnung vögeln könnten. Dann entdeckte er seine drei Kameraden Halleluja, Ratte und Hutzel, wie sie durch das Gewusel der anderen Kinder zum Einstieg drängelten. Der bereits betagte, ehemals ockerfarbene und nun mit Rostflecken übersäte Ikarus konnte endlich losfahren. Tatsächlich war Konrad selbst noch ein unreifer Bengel. Niemand hatte ihn davor gewarnt noch darauf vorbereitet, dass ein entscheidender Umbruch, dem zu allem Übel eine furchtbare Seuche anhaftete, ihn aus heiterem Himmel an seinem Schwanz packen würde. Bisher hatte er ein behütetes Leben geführt. Er hatte vor kurzem erst angefangen, sich die Haare allmählich über die Ohren wachsen zu lassen und zu lernen, wie man halbwegs erfolgversprechend wichst. Bockig, frech und ausdauernd hatte er durchgesetzt, sein Taschengeld nicht mehr beim Frisör verplempern zu müssen, sondern für ein Kofferradio sparen zu können, das außer Mittelwelle auch die Sender auf UKW empfing. Ansonsten war Konrad kein schwieriger Zögling. Was er auf dem Kerbholz hatte, war kaum der Rede wert. Es handelte sich um ein paar unentdeckt gebliebene Süßwarendiebstähle, einen abgemurksten Goldhamster und zwei, drei Hakenkreuze, die er heimlich mit Kreide an irgendeine Hauswand gekritzelt hatte. Er war nicht schuldiger als andere Jungen in seinem Alter und ihm drohte weder eine asoziale noch kriminelle Zukunft. Selbst wenn er manchmal gelogen, unbemerkt Verbote überschritten oder einiges verschwiegen hatte, lag vor ihm ein Dasein, über dessen Rechtschaffenheit viele andere für ihn wachten. Er durfte sicher sein, dass seine Eltern, die Lehrer in seiner Schule, letztendlich der Staat ohnehin dafür Sorge tragen würden, dass er den Lebenspfad, den sie alle für ihn abgezirkelt hatten, ohne große Ausrutscher beschreiten konnte. Da nirgendwo Aufstände tobten, keine Leichen am Straßenrand lagen und die Fundamente der

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bestehenden Ordnung vorerst nicht erschüttert wurden, war es für ihn auch nicht greifbar, dass eine merkwürdige Rebellion, die keines Führers bedurfte und längst unter der Hand die Grenzen durchdrungen hatte, bereits übers Land nebelte. Genau so wenig konnte er ahnen, dass dieser Fluch, der dem Aufruhr anhing wie ein böses Geschwür und verräterisch fast alles ans Licht zerrte, was eigentlich im Dunkeln gedeihen sollte, sich schon bald in seinem Körper einnisten würde. Der ganze Plan galt noch. Konrads Pimmel war unmündig und der Juckreiz noch nicht unerbittlich über ihn her gefallen. Er war froh, seine drei Kumpane, die, soweit er sich zurückerinnern konnte, in der Nachbarschaft wohnten und von klein auf seine Spielfreunde waren, im Bus bei sich zu haben. Es hatte also geklappt. Seitdem der Buschfunk verbreitet hatte, welches außergewöhnliche Angebot die »Große Firma« für den Sommer bereitstellen würde, hatten er und seine Kameraden herum gequengelt. Sie hatten ihre Eltern bei jeder Gelegenheit angefleht, nur noch das eine Mal, ein allerletztes Mal dabei sein zu dürfen, bevor es zu spät wäre und sie die Altersgrenze überschritten hätten und nie wieder im Leben an solch einem Gaudi teilnehmen könnten. Ihre Eltern hatten das gut verstanden. Sie wussten selbst, dass man schamlos jede Möglichkeit nutzen musste, um dieser erbärmlichen Gegend, vor allem der Nähe der »Großen Firma« zu entfliehen. Und sei es nur für wenige Tage. Der bedeutende Chemiebetrieb beherrschte fast alles in der kleinen Stadt. Er versiffte die Landschaft und ließ die Gegend ständig nach Zwiebelfurz stinken. Aber es gab auch Vorteile. Außer dass er die Leute weit und breit mit Arbeit im Schichtrhythmus versorgte, hatte er über die Jahre immer wieder zimmerwandgroße Betonplatten bereitgestellt, aus denen neue, komfortable Wohnungen entstanden, die ein richtiges Spülklosett hatten und gelegentlich einen Balkon als Zugabe. Er hatte

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Schrebergärten geschaffen, wo der Boden völlig frei war von Würmern und Schnecken und man die Ernte lieber ablieferte, als sie selbst zu verzehren. Und er hatte für die Stadt Kaufhallen gebaut, Sportplätze, Kinderkrippen und einen Kulturtempel mit größenwahnsinnigen Ausmaßen. Dort fanden prunkvolle Weihnachtsfeiern statt und andere Höhepunkte wie hemmungslose Besäufnisse zu Republikjubiläen und Internationalen Frauentagen. All das schöpfte der Betrieb, fürsorglich wie er war, in unmittelbarer Nähe seiner monströsen Anlagen, aus denen es Tag und Nacht dampfte, tropfte und fürchterlich stank. So konnte niemand in der kleinen Stadt vergessen, wem er seinen Balkon, den Garten zum Herumbuddeln nach Feierabend oder die juckenden Hautausschläge tatsächlich zu verdanken hatte. Und manchmal gab es wirklich einen Grund, diesem Werk, das kaum jemand beim richtigen Namen nannte, auch verpflichtet zu sein. Wenn es die »Miefbude« nicht gäbe, hätten Konrad und seine Freunde wahrscheinlich nie solch einen Ferienausflug erleben können. Und ohne dass sich ihre Eltern in diesem »DünnschissKombinat« mit anderen Eltern um die wenigen Plätze fast geschlagen hätten, würden sie jetzt nicht ins Bruderland fahren. Dahin, wo es Donald-Duck-Kaugummi gab, Wasserspritzpistolen und West-Zigaretten. Konrad sah sich um im Bus. Er peilte die Lage. Außer einer Horde kleiner Wänster fuhren noch einige Mädels mit, die schätzungsweise sein Jahrgang waren. Er freute sich, denn Schnepfen, Schnallen oder Kirschen, so betitelte er Mädchen, wenn es über sie zu reden galt, würden sicher für genügend Aufregung sorgen. Konrad überlegte, wie er am schnellsten und vor allem wirkungsvoll Eindruck schinden könne. Kakerlake sollte herhalten! Er hangelte sich über Koffer und Taschen hinweg im Gang nach vorn bis zur Sitzreihe, wo der kleine Kerl hockte und mit weinerlichem Blick durchs Fenster starrte.

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»Oi, du, Kakerlake! Los, Campingbeutel ausräumen!« Der Junge zuckte erschrocken zusammen, öffnete allerdings ohne Widerrede seinen karierten Rucksack und zeigte bereitwillig eine Brotbüchse, zwei Äpfel, eine Limonadenflasche und ein abgewetztes Kuscheltier mit langen Ohren vor. Konrad nahm sich die Blechbüchse. Als ihm daraus ein säuerlicher Geruch entgegenschlug, pfefferte er das Behältnis mit Wucht auf Kakerlakes Schoß zurück und zischte ihn an: »Die Leberwurstscheiße kannst alleine fressen!« Dann griff er sich den Campingbeutel. Weil dabei noch eine Packung Waffeln mit Kremfüllung herausfiel, spielte er den tief Gekränkten. Er beugte sich zu Kakerlake hinunter und fauchte ihm ins Ohr: »Du Halunke, es gilt, mehr zu geben, als die Pflicht befiehlt!« Er richtete sich wieder auf, um hämisch grinsend zu ergänzen: »Sonst hast du dein Leben verwirkt!« Das hatte gesessen! Der Hänfling duckte sich verängstigt ins Polster, während Konrad die beiden Äpfel, die Waffeln und die Flasche mit der Zitronenbrause an sich nahm. Das Kuschelvieh, möglicherweise sollte es ein Karnickel darstellen, ließ er Kakerlake. Er hätte es aus Furcht vor Krätze sowieso nicht angefasst. Der Wanst drückte sein Gesicht in den verkleisterten Plüsch und fing an zu schluchzen. Konrad reckte sich und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Er fand diesen Akt, mit dem er seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen versuchte, denkbar gelungen. Aber niemand außerhalb von Kakerlakes Sitzreihe schien tatsächlich Notiz von seinem Auftritt genommen zu haben. Vor allem nicht diese Schnepfen. Doch plötzlich, auf halbem Weg zurück zu seinem Platz, traf ihn etwas, das ihn nicht nur stutzen, sondern regelrecht erschrecken ließ. Obwohl ihn dieses Augenpaar nur für den Bruchteil einer Sekunde angefunkelt hatte, fühlte er sich völlig überrumpelt. Außerdem wusste er nicht, wie er diesen Blick deuten sollte.

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War der nun verächtlich, ängstlich, neugierig, schmachtend, bewundernd oder alles in einem? Konrad hatte zwar schon davon gehört, dass es solch einen Hokuspokus zwischen Mann und Frau gäbe, wo Chemie sich kurzerhand vermischt und dann zu einem bunten Feuerwerk explodiert. Aber er war noch nicht mal mit seiner Pickelzeit ganz fertig, wie sollte er da vernünftig einordnen können, dass lediglich zwei Weiberpupillen aufblitzen mussten, um seinen Hodensack schlagartig in Falten zu ziehen und die kleinen Kugeln im Innern förmlich aneinander donnern zu lassen. Nichts anderes war passiert. Konrad empfand dieses Ereignis als so wohltuend und verwirrend zugleich, dass er ganz und gar durcheinander kam. Zum Glück fiel ihm ein, was ihn bei den Gammlern am Bahnhofskiosk schon oft beeindruckt hatte. Betont lässig schnippte er mit seinem Daumen den Bügelverschluss von Kakerlakes Brauseflasche auf und setzte sie in weitem Bogen zum Trinken an. Aber noch bevor er das schäumende Gebräu hinuntergurgeln konnte, packte ihn jemand von hinten so heftig an den Schultern, dass er sich elend verschluckte und das klebrige Zeug wieder herausprusten musste. Sein neuer Pulli und die teure Nietenhose waren von oben bis unten besudelt. Wütend drehte er sich um. Vor ihm stand ein langer, hagerer Bursche, der ihn mit heruntergezogenen Mundwinkeln bösartig anstarrte. Das durch Aknenarben verunstaltete Gesicht und die Geheimratsecken, die den rotblonden Mecki-Haarschnitt zur Bürste teilten, ließen den Kerl noch missmutiger erscheinen, als er sowieso schon war. Er trug ein verblichenes FDJ-Hemd und eine hellgraue, abgewetzte Hose aus Silastik, die im Gewebe auf den Oberschenkeln bereits Fäden gezogen und die er, um sie über den spillrigen Hüften halten zu können, mit einem brüchigen Kunststoffgürtel sackartig zusammengezurrt hatte. Die Hackfresse ist vielleicht doppelt so alt wie ich, dachte Konrad. Er vermutete, nun einen jener Spinner vor sich zu haben, die mit ihrem Blauhemd entweder absichtlich einen auf Jugend-

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freund machten, weil sie sich durch nichts anderes anerkannt fühlten, oder die durch ihren Beruf dazu verdonnert waren, so bescheuert herumzulaufen. Ihm schwante nichts Gutes. »Ich bin Helmut, dein Gruppenleiter«, schnaubte der Kerl. »Was geht hier ab?« Kakerlake wurde jetzt mutig und brüllte von vorn: »Der hat mir meine Brause geklaut!« Dieser Helmut packte Konrad erneut an den Schultern und schüttelte ihn kräftig durch. »So was kommt bei mir gar nicht erst in die Tüte. Verstehen wir uns, Bürschlein?« Konrad nickte betreten. »Ich werde mir den Vorfall notieren«, ranzte ihn der Gruppenleiter weiterhin lauthals an. »Solltest dich was schämen, du Rowdy!« Bevor Konrad die Brause zurückreichte, Helmut hatte ihn inzwischen grob vor sich her zu Kakerlake gestoßen, nahm er noch einen großen Schluck, vermischte ihn aber ordentlich mit Rotz und spie ihn so unauffällig wie möglich wieder in die Flasche zurück. Dann trollte er sich mit gesenktem Kopf nach hinten auf seinen Platz. Obwohl er nicht wagte, dabei in jene Richtung zu sehen, aus der ihn dieser eigenartige Augenaufschlag verunsichert hatte, glaubte er zu spüren, dass ihn genau von dort jetzt Blicke verfolgten, die voller Hohn und Spott waren. Konrad schämte sich in Grund und Boden. Er war der Eingesaute, der gerade haushoch verloren hatte. Wenigstens die Kremwaffeln hatte er sichern können. Er verteilte sie schnell an seine Kameraden. Sein engster Freund Lothar, dem er vor Jahren schon den Spitznamen Halleluja verpasst hatte, weil er heimlich gegen den Willen seiner Eltern und hauptsächlich wegen der bunten Jesus-Sammelbilder in die Christenlehre gegangen war, saß neben ihm am Fensterplatz. Halleluja hatte seine Blamage genau verfolgt und feixte ihn nun an.

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»Da hat die Olscha aber geglotzt, was!«, knuffte er Konrad in die Seite. Der wollte natürlich wissen, ob Halleluja jenes Mädchen als Olscha bezeichnete, die ihn offensichtlich die ganze Zeit beobachtet hatte. Und vor allem interessierte ihn, woher sein Freund diese Schnalle kannte, die da ein paar Reihen weiter vor ihm saß und deren langes, dunkelbraunes Haar er jetzt in Ruhe bewundern konnte. Halleluja klärte ihn auf: »Olscha ist ’ne Schlampe. Knutscht mit jedem rum – sogar mit diesen Sauf-Polacken aus der Miefbude.« Er pustete Luft durch seine zusammengepressten Lippen. »Und die soll scharf sein wie Pumascheiße.« »Ach nee!« Konrad kaute an einer der Waffeln und wandte sich ab. Gern hätte er mehr erfahren, aber er wollte sich keine Blöße geben. Er schwieg und starrte, während er sich anstrengte, einen gelangweilten Eindruck zu machen, an Halleluja vorbei zum Fenster hinaus. So bekam er nicht mehr mit, wie ihm noch zugeraunt wurde: »Aber ’n Vater von der Olscha, den kennst du bestimmt!« Sie waren be Sie waren bereits mehrere Stunden auf der Autobahn unterwegs. Die Räder des Busses ratterten über die schlampig vergossenen Betonfugen, und manchmal, wenn dieses gleichförmige Rumpeln wegen eines Schlaglochs von besonders hartem Poltern unterbrochen wurde, schreckte Halleluja aus seinem Nickerchen auf. »So’n Rotz!«, fluchte er dann leise vor sich hin oder ein anderes Mal, weil er mit seinem Vater schon oft Autobahn gefahren war und deshalb Erfahrung besaß: »Seit Adolf haben die nix mehr gemacht!« Konrad verspürte keine Lust, mit seinem Freund, wie sonst üblich, wenn es um diesen Hitler ging, eine Plauderei anzufan-

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gen. Er versuchte, ebenso zu dösen, oder verfolgte, wie sich einige der Trabbis draußen abplagten, mit schrill aufjaulendem Motor am buckligen Ikarus vorbei zu kommen. Immer noch beschäftigte ihn, was Halleluja über dieses Mädchen gesagt hatte. Allein schon ihren Namen fand er seltsam. Trotzdem schien ihm Olscha irgendwie passend für eine, die sich bei den Polen vom Dünnschiss-Kombinat herumtrieb und möglicherweise gar näher mit diesen Kerlen eingelassen hatte. In der kleinen Stadt war allgemein bekannt, dass die »Große Firma« aus Mangel an willfährigen Arbeitskräften vor Jahren begonnen hatte, Gastproleten aus dem Nachbarland anzuwerben. Inzwischen war deren Zahl so gestiegen, dass die Wohnheime aus allen Nähten platzten und die meist ledigen jungen Burschen nach Schichtschluss die Kneipen überschwemmten, um sich dort vor lauter Heimweh mit Wodka und Bier die Birne zu vernebeln. Dass sie anschließend jede halbwegs gutaussehende Frau betatschen und ins Gebüsch zerren wollten, war nur einer der Gründe, warum sie vom einheimischen Volk so giftig angefeindet wurden. Konrad grübelte: Olscha – das klingt verrucht und geheimnisvoll, ein bisschen hässlich sogar, wie er es sich selbst nicht besser für eine Nutte hätte ausdenken können. Und vielleicht würde sie, so konnte er sich jedenfalls vorstellen, als Polackenbraut bereits bestens mit Küssen und Ficken vertraut sein. Er spürte, wie dieses ungewöhnliche Kribbeln, das er erst seit wenigen Stunden zu kennen glaubte, erneut über seine Pimmelspitze strich. Das Ziel ihrer Reise war der Böhmerwald im tschechischen Nachbarland. Am Ende der Fahrt hielt der Bus dann auch am Rand einer größeren Wiese inmitten eines ausgedehnten Waldgebietes. Die Gegend hatte Konrad sich allerdings ganz anders vorgestellt. Wild, düster und hauptsächlich mit riesigen Eichen bewachsen, wo zwischen knorrigen Wurzeln und verfaultem Laub irgendwelche Böhme hausten. Das war einer alten Sage zu

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entnehmen, die er beim Lesen so verstanden hatte. Und diese Böhme, hatte er vor seinen Kameraden herumgeflachst, das wären scheußlich verkrüppelte Zwerge, die im Zwielicht undurchdringlichen Gestrüpps umherschlichen und mit ihren Keulen kleine, deutsche Ferienlagerkinder überfielen. Stattdessen bekam er jetzt einen gehegten, lichtdurchfluteten Wald zu sehen, der lediglich aus hochstämmigen Nadelbäumen bestand. Konrad war enttäuscht. Diese Landschaft schien kaum für Gruselgeschichten geschaffen zu sein. Nachdem sie ausgestiegen waren und die Glieder gereckt hatten, warteten Konrad und seine drei Kumpane im Gegensatz zu den anderen Wänstern nicht erst weitere Befehle ab. Sie zogen gleich los, um das Gelände zu erkunden. Auf der einen Seite der Lichtung, wo die geschotterte Piste durch den Wald in einen betonierten Platz mündete, befand sich eine Art Gehöft, bestehend aus einem größeren Fachwerkgebäude und mehreren flachen Anbauten. Sowohl das Haupthaus als auch das Nebengelass vermittelten schon von weitem einen ungeordneten, heruntergekommenen Eindruck. Auf der anderen Seite, über den sanften Abhang der Wiese hinweg, konnten sie kleine Behausungen erkennen, die in einem leichten Bogen aneinandergereiht unmittelbar am Waldrand standen. Auf den ersten Blick schon wirkten diese Buden ulkig. Mit ihren schräg nach außen stehenden Wänden und spitzen Dächern erinnerten sie an Hundehütten. Und dass sie nicht wesentlich größer waren als Spielhäuschen im Kindergarten, wurde spätestens bei der Besichtigung klar. Im Innern fanden mit Ach und Krach vier Leute Platz. Wobei sich in der Mitte jeweils nur einer bewegen konnte und die anderen drei liegen mussten. An den Seitenwänden links und rechts war je ein Doppelstockbett verankert und ein schmaler Spind, aus dem es ranzig roch. Hinten war noch ein Fensterchen eingebaut, vor dem ein Klapptisch stand und ein dreibeiniger Schemel zum Sitzen.

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»Das Einzige, was fehlt zum Knast, sind die Gitter vorm Fenster!«, rief Konrad, der voller Neugier als Erster eine der Budentüren aufgerissen hatte. Aber das Fenster ließ sich zum Glück leicht öffnen. Und wie er feststellen konnte, bot es außerdem eine gute Möglichkeit zur Flucht. Bis zum Gestrüpp am Waldrand war es lediglich ein Sprung. Konrad und seine Freunde Halleluja, Ratte und Hutzel wollten sich gar nicht erst verteilen lassen. Als dieser Helmut anfing, je vier Kindern eine Unterkunft zuzuweisen, stürmten sie schnurstracks los, um wie selbstverständlich die letzte Hütte zu besetzen. Dafür gab es gleich mehrere Gründe. Erstens lag sie am weitesten entfernt von jenen Gebäuden am oberen Ende der Lichtung, wo die nächsten Wochen alle Erwachsenen hausten. Falls einer von denen sie unangemeldet kontrollieren wollte, musste er entweder einen riesigen Umweg über Stock und Stein durch den Wald stolpern oder er wurde schon von weitem über die Wiese hinweg als Silhouette enttarnt. Zweitens befand sich gleich neben der Hütte ein Spielplatz mit einem Karussell aus dünnem Stahlrohr, einem rostigen Kletterpilz und mehreren Bänken. Hier würde ihr Vorgarten sein, wo sie herumlungern, sich in der Sonne fläzen oder den Wänstern Tribut abknüpfen konnten, wenn die Karussell fahren wollten. Und nicht zuletzt hatte ihre Bude noch eine ganz besondere Eigenschaft: Die Hütte trug die Nummer 13. Konrad musste nicht lange überlegen, um einen passenden Namen zu finden. Noch bevor er seine Sachen vollständig ausgepackt hatte, nahm er ein Blatt Papier, zeichnete etwas auf und befestigte das Schild mit Pflaster über dem Eingang. Am Giebel stand nun zu lesen: Pechkasten. Es dauerte keine halbe Stunde, bis Gruppenleiter Helmut sich breitbeinig vor ihrer Bude aufpflanzte und mit bedenklicher Miene am Hinterkopf kratzte. »Das Schild muss weg!«, forderte er.

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»Hä, was’n jetzt?«, äußerte Halleluja übertrieben beleidigt, während er seinen Kopf durch die offenstehende Tür reckte. »Ihr seid wohl auf’m falschen Dampfer, was? Es ist großes Glück und kein Pech, dass ihr hier sein dürft«, polterte Helmut. »Außerdem, was sollen unsre Gastgeber von euch denken?« Jetzt betrat Hutzel die Bühne. Aus seinem Vornamen Lutz war ohne großes Zutun Konrads zuerst Lutzel und nach einiger Zeit Hutzel entstanden. Das entsprach auch besser seinem ausgezehrten, drahtigen Körper und dem Hungerleider-Gesicht. Hutzel bettelte die Kameraden oft um deren Pausenbrote an, denn von zu Hause bekam er, außer manchmal ein gekochtes Ei, nie was zu futtern mit in die Frühstücksbüchse. Kein Wunder, seine Mutter war arm und zudem eine stadtbekannte Saufnudel. In ihrer Truppe war er der zuständige Mann, wenn es galt, durch Lügen oder Ausreden von den Tatsachen abzulenken. Er hatte eine unsagbar große Klappe und keinerlei Hemmungen, sie bei jeder Gelegenheit auch einzusetzen. Hutzels Mitschüler hatten ihm deshalb Jahr für Jahr ihr uneingeschränktes Vertrauen ausgesprochen. Wenn die Pioniergruppe zusammenkam, um Wahlen abzuhalten, musste Hutzel immer wieder den Blöden für sie machen. Wegen seiner Schwäche in Rechtschreibung kam er leider als Wandzeitungsredakteur nicht in Frage, aber als Agitator war er bestens zu gebrauchen. So konnte Hutzel unablässig üben und letztendlich sein Talent zu wahrer Entfaltung bringen. Nun beschwatzte er Helmut. »Die Tschechen verstehen sowieso kein Deutsch«, war sein erstes Argument, während er sich an Halleluja vorbeidrängelte. Helmuts Gesicht verfinstere sich. »Quatsch!«, schimpfte er. »Das Schild ist Quatsch!« Nun versuchte es Hutzel mit seiner berüchtigten »Phase Zwei«, was einfach nur bedeutete, Grundwissen der Agitation und Propaganda anzuwenden.

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»Um das gegenseitige Kennenlernen zu fördern, das Lagerkollektiv zu stärken und ’n aktiven Beitrag zur friedlichen Völkerverständigung zu leisten«, brachte er weitschweifig einen Einfall vor, »sollte schnellstmöglich irgendwas an Initiative ins Leben gerufen werden.« Helmut starrte ihn verwundert an: »Was für eine Initiative?« »Na, auf jeden Fall ’ne hervorragende und sozialistische«, antwortete Hutzel. »Vielleicht so’n Wettbewerb, bei dem jede Wohngemeinschaft sich ’n passenden Namen für ihren Bungalow ausdenkt.« Helmut schien zu überlegen, was er darauf erwidern könnte, aber Hutzel ließ ihm keine Chance. Er krönte seinen Vorschlag: »Die schönste oder die lustigste Bezeichnung sollte dann ’ne Auszeichnung kriegen. Zum Beispiel sowas wie ‚Heimstatt der tschechoslowakisch-deutschen Freundschaft‘?« »Aber was hat das mit diesem … euerm Pech da zu tun?« Helmut wedelte mit seiner Hand Richtung Schild. »Na, wir machen ’ne Vorlage, die Anlass zur Kritik gibt. Das spornt die andern an, besser zu sein.« Der Gruppenleiter sah sich offensichtlich außerstande, Hutzels ausgefeilter Dialektik noch etwas entgegenzusetzen. Er ging davon, ohne weiter auf seiner Forderung zu beharren, dass die Freunde mit ihrem Pechkasten als Auftakt zum Wettbewerb verzichteten. Kurz darauf beobachteten sie, wie Helmut von Hütte zu Hütte ging und auf die jeweilige Belegschaft einredete. Sie hörten, wie er inbrünstig für eine Initiative zur Beschilderung warb.

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B I O G R A P H I S C H E S


© Foto: privat

FRANK MICHAEL WAGNER

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Frank Michael Wagner Geboren in Königsee. Sozialisiert in den 1960/70er Jahren als behütetes Straßenkind und aufmüpfiger NachwuchsRevoluzzer in einer Thüringer Kleinstadt. Nach dem Abitur in Jena folgten Tätigkeiten in einer Denkmalpflege-Werkstatt, als Leiter einer Tourist-Information und als Theaterdramaturg. Erste Erfolge mit Lyrik und Kurzgeschichten. Studium am Literaturinstitut Leipzig. Während der 1980er Jahre häufig längere ReportageAufenthalte im Ausland, unter anderem im russischen Schwarzerdegebiet, in der Ukraine, am Ural, in Tschetschenien, Rumänien und Georgien. Es entstanden Theaterstücke, Filmszenarien, publizierte literarische Reportagen sowie Kurzgeschichten. Anfang der 1990er Jahre Studium Kulturmanagement und PublicRelations in Bonn. Seit 1990 zuerst im Kulturamt, dann als Pressesprecher im Rathaus der Stadt Rudolstadt beschäftigt. 22


Aus dem Verlagsprogramm Viktor Funk Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich Roman ISBN: 978-3-95771-184-7 eISBN: 978-3-95771-185-4 Lange hat er geglaubt, zur deutschen Gesellschaft dazu zu gehören – bis er Marie traf. Sie stammt aus Rumänien und betont das gern. Er hatte dagegen seine Vergangenheit versteckt. Die Beziehung mit ihr weckt Erinnerungen an seine Kindheit: endlose Tage in der sowjetischen Provinz in Kasachstan, mit Großvater und Vater beim Angeln am See und dann die ersten, schwierigen Jahre in Deutschland. Hier verstand er lange nicht, warum er nicht mehr von Lenin erzählen konnte, warum das, woran er als Kind geglaubt hatte, nun falsch sein sollte. Und nun spitzt sich diese Krise mit Marie zu. Sie wirft ihm vor, sich selbst zu verraten, um ein »Deutscher« zu sein. Doch in seinem Pass steht die Staatsangehörigkeit, die er immer haben wollte: »Deutsch«. Viktor Funk behandelt in deinem Debütroman Identitätskrisen junger Menschen mit Migrationshintergrund. Mit den großen Fragen »Wo gehöre ich hin?«, »Wo ist meine Heimat?« und »Was darf ich aus meiner Vergangenheit mitbringen?«, trifft der Autor das Gefühl einer ganzen Generation. Fragen, die sich wie Fegefeuer ausbreiten und sich weder von Landesgrenzen noch von politischen Ideologien aufhalten lassen. Fragen, die der Gegenwartsgesellschaft Veränderungen vor Augen führen. Alles fließt.

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Maria Skiadaresi Venezia Roman Aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-95771-128-1 eISBN: 978-3-95771-129-8 Am Morgen des 7. September 1943, wurde Franco Solerti tot am Strand von Péra Meriá zwischen den Tamarisken aufgefunden. In seinem nackten Rücken steckte die lange Klinge eines Messers – eins von denen, die zum Häuten von Schweinen benutzt werden. Je weiter die Ermittlungen fortschritten, desto undurchsichtiger wurde die Sache. Ein Fetzen Frauenunterwäsche sowie Spuren von Pumps im Sand wiesen darauf hin, dass Franco kurz vor seinem Tod mit einer Frau zusammen gewesen war. In den offenen, gläsernen Augen schimmerte noch so etwas wie Ekstase. Doch wer war im Stande das Leben eines Menschen im Augenblick der Liebe zu vernichten? Und warum? Maria Skiadaresi erzählt das außergewöhnliche Schicksal der aristokratischen Familie Daponte. Ihre bewegte Geschichte ist auch gleichzeitig die der Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die nicht nur ihre Rechte, sondern auch ihre Freiheit gegen Besatzer, Verrat und Krieg erkämpfen mussten.

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Heny Ruttkay Somerset Maughams Traum Roman ISBN: 978-3-95771-180-9 eISBN: 978-3-95771-181-6 Anfang der 1960er Jahre in Côte d’Azur. Der Schriftsteller und früherer Geheimdienstagent William Somerset Maugham schreibt an seiner Autobiografie »Looking Back« und wird von Erinnerungen an seinen verstorbenen Bruder Henry geplagt. Um Henry, den »Versager und homosexuellen Selbstmörder« zu rehabilitieren und posthum zum Ruhm zu verhelfen, beschließt er das Schicksal seines Bruders nach so langer Zeit zu klären. Er engagiert Madame Dewaere von der gleichnamigen populäre Privatdetektei an, um nachzuweisen, dass der Selbstmord Henry Maughams in Wirklichkeit ein Mord war. Doch sie deckt eine eingefädelte Verschwörung über verletze Gefühle und ruinierten Ruf. Heny Ruttkay hat einen vielschichtigen und berührenden Kriminalroman über den größten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts geschrieben. Sie lässt William Somerset Maugham als greisen Mann auftreten, und so gar nicht wie der kalte Zyniker erscheint, als der er gemeinhin gilt. Im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht die Akzeptanz von Schwulen, die selbst in so modernen Gesellschaften wie England oder Frankreich schwer zu leiden hatten. Politische und gesellschaftliche Umstürze der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beleuchten Europas wegweisende Geschichte. Eine Zeit, in der die Partys noch Stil hatten und der Kalte Krieg jederzeit heiß werden konnte.

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Mohamed Leftah Der letzte Kampf des Kapitän Ni’mat Roman Aus dem Französischem von Laura Viktoria Skipis ISBN: 978-3-95771-188-5 eISBN: 978-3-95771-189-2 Ni’mat hatte schon immer fortschrittliche Ansichten: Er studierte Literatur, befürwortete marxistische Ideen und kämpfte für die Gleichstellung der Frau in der arabischen Welt. In der Nasser-Ära kämpfte er sogar als Pilot. Zuerst gegen religiösen Kräfte, dann gegen Israel. Er schied früh aus dem Militärdienst, heiratete und verbrachte seit dem eine scheinbar glückliche Ehe im Kairos Nobelviertel Maadi. Dreißig Jahre danach wird Ni´mat immer noch von einem Gefühl der Machtlosigkeit und des Versagens übermannt. Gemeinsam mit seinen ehemaligen Mitstreitern aus der Armee-Zeiten, besucht er täglich das exklusivste Schwimmclub für reiche aber eintönige Rentner. Und dann passiert das unmögliche. Er verliebt sich in seinem Diener. Ein innerer Kampf beginnt, der Ni´mats letzter Kampf werden soll. Der populärer Französisch-Marokkanischer Schriftsteller Mohamet Leftah, der 2008 in Kairo verstarb, liefert ein Roman, das bis heute in Marokko nicht erscheinen darf. Denn der Inhalt ist ein Plädoyer für das Recht auf Freiheit, für das Recht auf Meinungsfreiheit, für das Recht auf Liebe. Rechte, die auch von radikal-islamischen Kräfte eines patriarchalischen Systems beansprucht werden: moralische Wertstäbe festlegen und jegliche Form von Individualität brutal unterdrücken. Mohamet Leftah hat auf Französisch geschrieben und in Frankreich veröffentlicht. Dies ist die erste Übersetzung eines Werkes in der Deutsche Sprache. Ein Aktuelles Thema über Toleranz und Gesellschaftliche Moral.

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Yiannis Xanthoulis Der Weihnachtstango Roman Eine Liebe in der Zeiten der Junta Aus dem Griechischen von Brigitte Münch ISBN: 978-3-95771-190-8 eISBN: 978-3-95771-191-5 Im Jahr 1970, in der finsteren Zeit der Junta in Griechenland, verliebt sich Oberleutnant Stefanos Karamanidis in die Ehefrau des Oberst. Die einzige Möglichkeit, sich ihr zu nähern, besteht auf einer Weihnachtsfeier in der Kaserne, zu der auch die Gattinnen der Offiziere geladen sind. Karamanidis will die Chance nutzen und sie zum Tanz auffordern, doch er hat nie tanzen gelernt. In seiner Verzweiflung befiehlt er seinem Untergebenen Soldaten Lazaros, es ihm in geheimen Nachtstunden beizubringen. Lazaros, der wegen seine linksorientiere Gedanken in gefährlichen Zeiten lebt, nimmt ungern das Angebot an. Mit verehrenden Folgen. Er verliebt sich, ausgerechnet in den Oberleutnant. Yiannis Xanthoulis ist der bedeutendste Zeitgenössischer Schriftsteller Griechenlands und wird zum ersten Mal in der deutsche Sprache übersetzt. Der Roman sorgte schon bei seiner Veröffentlichung für heftiger Diskussion, denn er thematisiert das mächtige Militär-Apparat Griechenlands und hinterfragt deren Bedeutung. Die Verbindung der Geschichte mit Homoerotik in einer Macho-dominierte Welt brachte gesellschaftliche Tabufragen auf. Der Weihnachtstango wurde erfolgreich verfilmt.

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Gaye Boralıoğlu Die Frauen von Istanbul Erzählungen einer unbekannten Gesellschaft Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann und Monika Carbe ISBN: 978-3-95771-108-3 eISBN: 978-3-95771-109-0 Istanbul – Zentrum für Handel, Finanzen, Medien und Kultur. Doch zwischen Hochhäusern und Moscheen, zwischen Europa und Asien, zwischen Moderne und Tradition, pocht das Herz einer patriarchalischen Gesellschaft, in der die Frauen tagtäglich ihren Platz finden müssen. Die Köchin übernimmt Verantwortung, um den besten Reis zu servieren, und die Schneiderin träumt beim Nähen gefährlich vor sich hin. Die Demonstrantin kämpft gegen das Establishment und die Toilettenfrau überwindet ihre Tätigkeit mit Kinobildern im Kopf. Die Tante entpuppt sich als Mörderin ihres Ehemannes und die Verkäuferin behauptet plötzlich, lesbisch zu sein. Die Frauen von Istanbul leben mit Träumen, Wünschen und Lügen, mitten in einem gefährlichen politischen System. Mit schwarzen Wimpern, großen Mandelaugen und gemalten Lippen lernen sie, außerordentlich erfinderisch zu sein. Um zu überleben. Ein Prozess, der seinen Preis hat. Bis in den Tod hinein. Gaye Boralıoğlu, eine der bekanntesten und erfolgreichsten türkischen Autorinnen der Gegenwartsliteratur, hebt den Schleier der islamisch-konservativen Herrschaft und erlaubt uns einen Blick in eine unbekannte Gesellschaft. In ihren Erzählungen erheben sich Frauencharaktere zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und den kulturellen Normen und Gesetzen ihres Landes. Geschichten, die Mut und Vertrauen aufbauen, und Geschichten, die Trauer und Wut auslösen. Geschichten einer Stadt mit ihren Frauen als Protagonisten. Frauen, die leben, lieben, sterben und sich stets nach ihren Rechten sehnen.

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Thomas Pregel Der ertrunkene See Roman ISBN: 978-3-95771-059-8 eISBN: 978-3-95771-060-4 Das Bucheichental ist eine idyllische, von einem gemächlich fließenden Fluss durchzogene Gegend, abgelegen und zutiefst rückständig. Es liegt inmitten grünbewaldeter Berge, wo die Natur ursprünglich ist und das Leben manchmal hart. Nur wenige Familien - Bauern und Hirten - leben dort als Selbstversorger seit Generationen. Doch jetzt kehren plötzlich die Fischerskinder, die bereits in der »zivilisierten«, hektischen Welt Wurzeln geschlagen haben, heim, und sie bringen schlechte Nachrichten: Den Bewohnern droht die Umsiedelung, das gesamte Tal soll in einem riesigen Stausee versenkt werden. Für die Bucheichentaler kommt das Aufgeben ihrer Heimat nicht infrage. Sie mobilisieren sich, protestieren, nehmen den Kampf auf gegen das Bauprojekt, finden unerwartete Verbündete und spielen auf Zeit, glauben an die Gerechtigkeit und appellieren an den Verstand der Mitmenschen. Doch auch die Baubefürworter sind auf den zähen Widerstand vorbereitet. So kommt es zum letzten Gefecht: ein Kampf Davids gegen Goliath. Kandidat für den Hotlist-Preis 2015 »Was Pregel aus dieser Ausgangssituation erzählertechnisch macht ist grandios.« Roberto Manteufel / Siegessäule »Wunderschön und gleichzeitig ernüchternd geschrieben. Was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Empfohlen.« Christin Moll Lektoratsdienst - EKZ Bibliotheksservice

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Peter Nathschläger Der Sturmgondoliere Roman ISBN: 978-3-95771-085-7 eISBN: 978-3-95771-086-4 An einem heißen Sommertag verliebte sich Julia in Paolo Meduccini, genau an dem Tag, an dem auch der fremde Lucian in Paolos Leben trat. Eine Begegnung mit verheerenden Folgen. Der Sommer 1979 in der Toskana sollte der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Ein Sommer, angefüllt mit Träumen, Ölbildern, Geheimnissen, Lügen und der Legende vom Sturmgondoliere, der mit Blitz und Donner gesegelt kommt und die Menschen das Fürchten lehrt. Zehn Jahre später, unter einem ähnlichen Gewitterhimmel, wird Paolo Meduccini in eine Katastrophe und ein Wunder gleichermaßen verwickelt: Als Einziger überlebt er den Absturz eines Flugzeugs beim Landeanflug auf Wien. Aber ist er es wirklich? Oder versucht ein Hochstapler seine Fäden zu ziehen? Peter Nathschläger webt ein Flächenbild um eine zutiefst menschliche Geschichte über die Sünden der Eltern. Das Ergebnis ist dieser höchst stoffliche Roman mit toskanischen Bildern, gewitterhaltigem Himmel und hoffnungsstrahlenden Gedanken. Ein Abbild des Lebens selbst. Das erträumte, das versäumte, das erduldete.

»Eine anspruchsvolle, spannend erzählte Geschichte, die in jeder größeren Bibliothek ihre Leser finden und somit gerne empfohlen wird.« David Cappel Lektoratsdienst - EKZ Bibliotheksservice

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Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze_Leseprobe  

Konrad und seine Freunde Halleluja, Ratte und Hutzel dürfen noch einmal mit ins Ferienlager der CSSR. Der allesbeherrschende Industriebetrie...