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Fotos: Marc Rühl

Innovationen

Mit Humor Freunde und Preisgeld gewinnen Mit einem gewonnenen Ideenwettbewerb fing alles an. Danach gründete eine kleine Gruppe Studenten mit „just4turf“ den ersten studentischen Galopprennstall Deutschlands. „Humor“ heißt ihr Renn- und Zugpferd, mit dem die Mitglieder von Rennen zu Rennen reisen, um möglichst viele junge Menschen mit ihrem Enthusiasmus anzustecken. Janina Müller und Maria Näther geben Auskunft über ein spannendes Projekt, das einem kriselnden Sport neuen Glanz bescheren kann.

Mit dem 4-jährigen Schimmel „Humor“ will der studen­ tische Rennstall „just4turf“ Siege einfahren und junge Leute für den Sport gewinnen. Im Sattel: Star-Jockey Andrasch Starke.

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SportwettenMarkt: Was ist just4turf und German Racing Next Generation? Maria Näther: just4turf ist unser eigener Rennstall, German Racing Next Generation ist der Dachverein. Wir sind ein Verein für junge Leute, die am Galopprennsport interessiert sind. Momentan sind wir bei just4turf etwa vierzig Mitglieder. Bei German Racing Next Generation sind wir etwa achtzig Unterstützer.

SportwettenMarkt: Der Galopprennsport ist für junge Leute ein eher ungewöhnlicher Sport. Hatten Sie vor der Vereinsgründung Berührungspunkte mit diesem Sport? Janina Müller: Teilweise. Ich beschäftige mich seit drei Jahren im Rahmen meiner universitären Forschung mit diesem Thema. Ursprünglich komme ich aus dem klassischen Warmblut- und Isländer-Pferdesport. Aber mit Galopprennsport hatte ich

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SportwettenMarkt: Sie hatten 2012 bei einem Ideenwettbewerb gewonnen. Wie konnten Sie die Juroren mit Ihrem Konzept überzeugen? Maria Näther: Das waren drei Konzepte. Zum einen das Siegerkonzept, ein Kundenkartenkonzept, das sich momentan auch in der Umsetzung beim Direktorium für Vollblutzucht und Rennen e.V. befindet. Ein zweites Konzept war der Club just4turf, der umgesetzt wurde und diese Events und den Rennstahl beinhaltete. Beim Kundenkartenkonzept ging es uns vor allem darum, Kundendaten zu sammeln, um gezielt Marketing zu betreiben und Gelegenheits- zu Dauerbesuchern machen zu können. Durch den Rennstall und den Ideenwett­bewerb sollen junge Leute innovative Konzepte zum Thema Rennbahnmanagement entwickeln. SportwettenMarkt: Was begeistert Sie am Galopprennsport? Janina Müller: Das ist ein Freizeitsport für Jedermann. Natürlich herrscht bei den Freizeitangeboten eine große Konkurrenz. Hier setzen wir an. Wir wollen Leute überzeugen, dass die Rennbahn ein Ort des Erlebnisses ist. Da gibt es den kleinen elitären Kreis mit Hut und viel Geld, aber da gibt es auch ein tolles Kinderparadies, da gibt es Wiesen, wo man mit Freunden picknicken kann, da gibt es den Wettort, wo man richtig zocken kann und dieses Rennfieber mitbekommt. Und es gibt den Führring, wo man die Rennpferde hautnah erleben kann. Es gibt so viele Möglichkeiten

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vorher auch nichts zu tun. Angefangen hat alles mit dem von der Familie BischoffLafrentz und German Racing Next Generation initiierten studentischen Wettbewerb letztes Jahr. Dort hatten viele Teams die Aufgabe, Konzepte für Clubgründungen vorzulegen. Aus der Euphorie heraus in unserer netten Gruppe, haben wir unser Konzept noch am Finaltag umgesetzt. Wir haben mit Gexx aeroSol, einem Solartechnik-Unternehmen, direkt einen Sponsor gefunden und dann den Rennstall just4turf mit dem Rennpferd ‚Humor‘ gegründet.

SportwettenMarkt: Woher haben Sie das Pferd? Janina Müller: Humor kommt vom Gestüt Görlsdorf. Das ist auch Eigentümer. Wir, der Verein just4turf, sind über einen Pachtvertrag der Besitzer von Humor.

Maria Näther und Janina Müller (r.) engagieren sich als 2. und 3. Vorsitzende im Rennstall „just4turf“. Beide promovieren im Fach Agrarökonomie an der Uni Göttingen.

SportwettenMarkt: Warum macht der Eigentümer bei diesem Projekt mit? Janina Müller: Die Eigentümerfamilie Bischoff-Lafrentz vom Gestüt Görlsdorf versucht den Sport ganzheitlich zu fördern. Die Tochter der Besitzerfamilie engagiert sich zum Beispiel bei German Racing Next Generation im Vorstand. Maria Näther: Da die Eigentümer sehr genau wissen, was es bedeutet und kostet,

auf der Rennbahn, dass jeder, egal aus welcher Schicht, sich an diesem Ort wohlfühlen kann.

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„Wir haben Humor“, zeigen die Mitglieder von „just4turf“, einem von Studenten gegründeten Galopp-Rennstall. Inzwischen steht der Verein jedem offen, der sich jung fühlt, 80 Euro und Interesse am Sport mitbringt.

ein eigenes Rennpferd zu haben, war ihnen auch bewusst, dass wir das nicht finanzieren können. Aber sie waren auch der Meinung, dass wir es lernen müssen, was es bedeutet ein Pferd im Training zu haben und an Rennen teilnehmen zu lassen. So können wir lernen, was alles dazugehört, einen eigenen Rennstall zu leiten. SportwettenMarkt: Warum pachtet just4turf Humor? Janina Müller: Pachtverträge über Rennpferde sind ein sehr gängiges Konstrukt im Rennsport, sowohl bei aktiven Rennpferden als auch bei Zuchtstuten. Dadurch kommt man auch leicht an solche Pferde. Man muss ein Pferd nicht kaufen, sondern kann durchaus für einige Jahre auf Pachtbasis zusammenarbeiten. SportwettenMarkt: Sind die Mitglieder bei just4turf alles Studenten? Janina Müller: Wir sind kein rein studentischer Club. Der Ideenwettbewerb wurde ja an Hochschulen beworben, daher war der Stamm Studenten, aber nach und nach kamen weitere, junge und interessierte Leute dazu. Wir möchten auch nicht nur Studenten anziehen, sondern alle am Galopprennsport interessierten jungen Leute. Daher gehen wir auf die Rennbahnen und präsentieren uns dort. Wir haben keine

„Wir als Besitzergemeinschaft betrachten Humor schon in gewisser Weise als Investment. Was das Herz angeht, ist er sowieso eine gute Anlage.“ Altersbeschränkung. Jeder, der sich jung fühlt, kann mitmachen. Unser neuestes Mitglied hatte in einem Rennen, in dem Humor siegreich war, auf ein anderes Pferd gewettet. Daraufhin hat er gefragt, ob er sich uns anschließen dürfte. SportwettenMarkt: Wurden Sie schon einmal mit dem Klischee konfrontiert: „Das ist doch nur ein Hobby von Kindern reicher Eltern?“ Maria Näther: Ja, lustigerweise kam das genau von den Leuten, die noch nie auf

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einer Rennbahn waren. Und wenn man diese Leute mal mitnimmt, sind die so fasziniert und erkennen, dass dort Familien hingehen und dass es ein Event für Jedermann ist. Wenn die Leute offen sind, ändert sich diese Meinung meist sehr schnell. Meine Eltern haben zum Beispiel mit dem Rennsport gar nichts zu tun, erkundigen sich jetzt aber nach Humors Ergebnissen. Sie finden es aber toll, dass ich mich ehrenamtlich engagiere und ich einen tollen Freundeskreis gefunden habe. Man kann durch sein eigenes Fieber auch das Interesse im Freundes- und Familienkreis entfachen. Janina Müller: Mit unserem Konzept wollen wir gerade gegen solche Vorurteile steuern. Natürlich, ein Rennpferd kostet sehr viel Geld. Solch ein Pferd kann man nicht in die Scheune stellen und lässt es dann ab und zu rennen. Rennpferde werden mindestens von drei Leuten pro Tag betreut. Dadurch, dass wir uns zu einer Gemeinschaft zusammentun, wird es aber bezahlbar. Meine Familie züchtet seit Jahrzehnten Oldenburger Dressurpferde und ist daher ganz begeistert von unserem Rennstall. Meine Freunde im Pferdesport finden das Projekt auch ganz faszinierend.

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SportwettenMarkt: Was kostet die Mitgliedschaft bei just4turf? Janina Müller: Für achtzig Euro im Jahr kann man schon teilhaben. Alle Gewinne kommen in die Vereinskasse und werden entweder gleichmäßig ausgeschüttet oder für die Finanzierung von Events, wie zum Beispiel die Concept Challenge, verwendet. In Zukunft wollen wir unsere Kosten auch selber tragen. Im Großen und Ganzen geht es aber darum, die emotionale Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen und das spannende Leben eines Rennpferds für wenig Geld mitbegleiten zu dürfen. SportwettenMarkt: Was kostet denn ein Rennpferd wie Humor im Jahr? Janina Müller: Circa 20 000 Euro pro Jahr. Darin sind Pflege, Tierarzt, Training, Fahrtkosten und Nenngelder enthalten. SportwettenMarkt: Kann Humor sich seinen Lebensunterhalt selbst erlaufen? Janina Müller: Das ist der Wunsch eines jeden Rennpferdebesitzers. Der Traum vom großen Glück. In diesem Rennjahr hat Humor eine Gewinnsumme von 3 700 Euro in drei Rennen gewonnen. Letztendlich hofft man immer auf den großen Champion,

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wie es zum Beispiel damals Danedream war. Die Wunderstute, die im ersten Jahr für 9 000 Euro gekauft wurde und im zweiten Jahr bereits eine Lebensgewinnsumme von über einer Million Euro hatte. Humor startet in Rennen, die etwa 6 000 Euro Rennpreise ausschütten. Zurzeit läuft Humor in der fünften Kategorie, meistens in E/F-Rennen. Im Deutschen Derby geht es zum Beispiel um eine Gewinnsumme von 400 000 Euro. Da ist durchaus noch Platz nach oben. Wenn er fit bleibt, darf er theoretisch alle fünf Wochen starten bis zu maximal 15 Rennen im Jahr, allerdings braucht er auch seine Regenerationsphasen. Humor hat ja erst im Herbst 2012 sein Debüt gehabt, mittlerweile sind wir beim fünften Start. Humor muss also noch viel Erfahrung sammeln. Jetzt warten wir ab, in welche Richtung sich Humor entwickelt. Der Trainer ist guter Dinge. Wir können noch hoffen, dass es in Danedreams Richtung geht, wir sind aber auch nicht enttäuscht, wenn er ein solides Mittelklasse-Rennpferd bleibt. Dann wird es aber wirklich knapp, das Humor sich selbst finanziert.

„Über den Ideenwettbewerb versuchen wir das Management, die Organisation und die Struktur des Galopp-Rennsports zu verbessern.“ SportwettenMarkt: Ist Humor zum Erfolg verdammt? Was passiert, wenn er nicht genügend Preisgeld gewinnen kann? Janina Müller: Wir haben glücklicherweise den Sponsorenvertrag. Natürlich hoffen wir, dass er noch viele Rennen laufen kann, und dass wir noch mehr junge Leute anziehen, um das Interesse am Galopprennsport ganz allgemein wieder zu wecken. Wir als Besitzergemeinschaft betrachten Humor schon in gewisser Weise als Investment. Was das Herz angeht, ist es sowieso eine gute Anlage. Maria Näther: Humor ist unser Zugpferd, mit dem wir eine schöne Gemeinschaft auf der Rennbahn schaffen können. Zurzeit ist es aber wichtiger, dass er gesund bleibt,

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20 000 Euro kostet ein Rennpferd wie Humor jährlich. Zwar haben die just4turf-Mitglieder einen Sponsor gefunden, hoffen aber, dass Humor sich irgendwann selbst durch die Preisgelder finanziert.

als dass er sein Geld reinholt. Falls er etwas gewinnt, ist das natürlich toll.

SportwettenMarkt: Wie sieht die Zukunft von just4turf aus?

SportwettenMarkt: Haben Sie durch just4turf auch die Probleme mitbekommen, die der Galopprennsport hat? Janina Müller: Gerade in den letzten Wochen haben wir die Probleme selbst zu spüren bekommen. Ein Rennen, an dem Humor teilnehmen sollte, hat nicht stattfin-

Janina Müller: Ziel ist es auf jeden Fall, den Rennstall auszubauen, also eventuell ein zweites Pferd oder mehr Pferde zu pachten.

„Wir haben die Probleme des Galopp-Rennsports selbst zu spüren bekommen. Erst kürzlich wurde ein Rennen wegen zu geringer Teilnehmerzahl abgesagt.“ den können, weil einfach zu wenig Starter gemeldet wurden. Man spricht hier von einer Todesspirale. Die Rennausfälle bedingen die sinkenden Besucherzahlen. Dazu kommen weniger Medienpräsenz, Sponsoren, Rennpreise und weniger Besitzer, die Pferde laufen lassen können. Maria Näther: Was den ganzheitlichen Sport angeht, bemühen wir uns mit just4turf, neue Leute an den Sport heranzuführen. Über den Ideenwettbewerb versuchen wir das Management, die Organisation und die Struktur des Sports zu verbessern.

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German Racing Concept Challenge: Die Concept Challenge 2013 läuft unter dem Thema „Rennbahn der Zukunft“ und findet im Herbst dieses Jahres statt. Es können sich Studenten jeglicher Fachrichtungen bewerben. Gesucht werden Konzepte, die die Rennbahnen nachhaltig fördern, wie zum Beispiel innovative Technologien, Kooperationskonzepte mit anderen Sportarten oder Optimierungskonzepte für die Vermarktung der einzelnen Renntage. Das Gewinnerteam erhält 3 000 Euro und eine Reise zu einem ausländischen Renn-Event. Die Webseite www.concept-challenge.de hält weitere Infos bereit.

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