Page 1

Kurzer historischer Abriss

Im Tokyoer Stadtteil Tanagawa liegt eher versteckt der Sengaku-Tempel. An sich ist dies nichts besonderes, befände sich nicht im hinteren Teil der Tempelanlage auf einer Anhöhe eine ganz besondere Grabstätte: Hier sind die sterblichen Überreste der sagenumwobenen 47 samurai bestattet, die den Tod ihres Herren Asano Naganori rächten, um damit seine Ehre wiederherzustellen. Für dieses scheinbare "Verbrechen" wurden die Männer mit dem Tode bestraft. Im Japan der Feudalzeit wurden sie somit zum Inbegriff der Loyalität gegenüber ihrem Feudalherrn, der in ungerechter Weise zum Selbstmord gezwungen worden war. Noch heute besuchen unzählige Japaner und ausländische Touristen diese Gedenkstätte, um den 47 rônin ihre Ehre zu erweisen. Die Vendetta der 47 rônin (shijushichishi) ist in Japan eine der beliebtesten samurai Geschichten. Unzählige Romane, Fernseh- und Kinofilme sowie Theaterstücke haben die Erzählung auf vielfältige Weise dramatisiert.


Chushingura Das erste Theaterstück zum Thema Bereits 12 Tage nachdem die rônin, wie vom shôgunat angeordnet, Selbstmord begangen hatten, erschien das erste Theaterstück zum Thema. Es wurde aber schon drei Tage später von der damaligen Regierungszensur verboten und ist nicht mehr erhalten. Ungeachtet der Zensur wurde die Begebenheit dann in diversen Stücken für das Puppentheater oder Kabuki festgehalten. Um die Aufsicht zu umgehen - jeglicher Bezug zu den realen Geschehnissen war verboten - wurde die Handlung kurzerhand in das 14. Jahrhundert, in die Epoche des Kamakura shôgun Takauji Ashikaga, verlegt. Aus Asano wurde Enya, den Namen Kira änderte man in Moronao und aus Oishi Kuranosuke wurde Oboshi Yuranosuke. Das Kabuki Schauspiel "Kanadehon Chûshingura" (Das Schatzhaus loyaler Vasallen) ist eines der berühmtesten Aufarbeitungen dieser tatsächlichen Begebenheit.

Was war geschehen?

14. Tag des dritten Monats im Jahr 1701: Asano Takumi no kami Naganori, daimyô von Akô greift aufgrund einer öffentlichen Beleidigung den Zeremonienmeister Kira Yoshinaga, einer der ranghöchsten Beamten des shôgun auf der Burg Edo (Tôkyô), mit seinem wakizashi an. Obwohl er ihn nur leicht verletzt und die Wunde von Kira nur oberflächlich ist, muss Asano auf Befehl des shôgun noch am gleichen Tag Selbstmord (seppuku) begehen, ohne dass der Fall von der Obrigkeit untersucht wird. Asanos Ländereien und sein übriger Besitz werden konfisziert, damit verlieren seine Vasallen ihr Auskommen und werden zu herrenlosen samurai, sogenannten rônin. Sie zerstreuen sich daraufhin scheinbar ziellos in alle Winde, insgeheim jedoch sinnen sie - unter der Führung von Ôishi Kuranosuke Yoshino, Asanos engstem Vertrauten, - auf Rache und Vergeltung.


Schon bald ist es soweit, ihr Warten wird belohnt 14. Tag des 12. Monats im Jahr 1702: In einer kalten Dezembernacht stürmen die 46 rônin (einer ist zwischenzeitlich verstorben) unter der Führung von Ôishi Kuranosuke das Anwesen von Kira. In einer Blitzaktion werden die Wachen überwältigt, eine Gegenwehr im Blut ertränkt. Der feige, verhasste Kira wird nach einigem Suchen unter einem Stapel Holzkohle entdeckt und, nachdem er sich weigert Selbstmord (seppuku) zu begehen, von Ôishi mit demselben Schwert, mit dem ihr Herr Asano sepukku beging, enthauptet. Daraufhin bringen die rônin den Kopf Kiras zum Grab ihres Herren im Sengoku-ji. Die geschworene Rache hat sich erfüllt. Die Tat verbreitete sich in Windeseile im ganzen Land über die Stadtgrenzen Edos hinaus, denn sie schien angesichts der ungerechten Behandlung des daimyô durch den shôgun legitim zu sein; legal war sie indes nicht! Auf Befehl des Tokugawa shôgun müssen die 46 Gefolgsleute zwei Monate nach der Tat selbst seppuku verüben - trotz zorniger Proteste der mit den Verurteilten sympathisierenden Öffentlichkeit. Alle 46 hatten wissentlich dieses Risiko auf sich genommen, hatten den "Geist" der samurai über das Recht des shôgun gestellt und folgten ihrem gerächten Herren nun in den Tod. Der jüngste rônin, Ôishi Chikara Yoshikane, war an diesem Tag gerade mal 15, der Älteste, Horibe Yahee Akizane, bereits 75 Jahre alt.


Die Geschichte der 47 rônin

Die Geschichte der 47 rônin nimmt auch aus historischer Sicht eine Schlüsselrolle ein, denn sie markiert in der Entwicklung des japanischen Kriegerstandes im damaligen Tokugawa-Regime einen Wendepunkt. Der Racheakt fiel zeitlich in die Genroku-Periode (1688-1704). In eine Zeit der kulturellen Blüte, in der Theater, Literatur und bildende Kunst - und hier insbesondere die Holzschnitte (ukiyoe) - ein breites Publikum fanden. So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Drama von zahlreichen Künstlern aufgegriffen und in unterschiedlichster Weise verarbeitet und dargestellt wurde. Fast jeder Holzschnittkünstler hat sich in irgendeiner Facette dieser Story angenommen. So schöpfen wir heute aus einem gewaltigen Fundus herrlicher Darstellungen dieses Genres.


Tengu

Vom tengu gibt es verschiedene Arten, alle haben eine lange Nase oder einen langen Schnabel, manche gleichen Weihen, andere Krähen, wieder andere sind menschenähnlich, und nur noch ein Federfächer erinnert an ihre Vogelnatur. Bösartige tengu verschleppen Kinder und haben es besonders auf Mönche und Tempel abgesehen, denn sie sind Feinde des Buddhismus; gutartige tengu bringen ihren menschlichen Freunden das Fliegen bei und unterrichten sie in Kampfkünsten, dass sie, wie der vom tengu des KuramaBergs erzogene Yoshitsune, zu unschlagbaren Helden werden. Unter Jägern und Bergbewohnern wurde der tengu respektvoll gefürchtet und gelegentlich als Berggottheit verehrt. Eine besonders enge Beziehung besteht zwischen tengu und dem Mönchsorden der yamabushi (wörtlich. "Bergmönche"). Die yamabushi wirkten wegen ihrer magischen Praktiken leicht unheimlich, sie sonderten sich von den übrigen buddhistischen Sekten ab, führten ein unstetes Wanderleben und hielten sich zu asketischen Übungen oft während langer Zeit im Gebirge auf, in Gegenden, die beim gewöhnlichen Volk als Sitz von Totengeistern und Dämonen tabuisiert waren. Es kam so weit, dass tengu und yamabushi miteinander identifiziert wurden; in bildlichen Darstellungen tragen die tengu oft die besondere Kleidung der yamabushi. Kappa, oni und tengu sind wohl die bekanntesten japanischen Dämonen, aber es sind nur drei unter unzähligen. Meere, Flüsse und Seen, Berge und Wälder, Friedhöfe und leere Häuser waren von vielgestaltigen Kreaturen bewohnt, und auch die Städte blieben davon nicht verschont. Meist treten solche Wesen als Einzelgänger auf, doch in manchen Geschichten schließen sie sich zum "nächtlichen Zug der hundert Dämonen" (hyakki yagyô) zusammen. Diese Vorstellung war seit der Muromachi-Zeit (15.-16. Jh.) als Thema von Bildrollen beliebt, denn sie bot Malern die Möglichkeit zur ungehinderten Entfaltung schöpferischer Fantasie.

Tengu  

Info from Wolfgang Ettig homepage