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INTERVIEW

Der Sonntag | Nr. 46 | 21. November 2010 Seite 59

«Die beiden Welten sollen verschmelzen» Die grösste Herausforderung bei der Planung einer LovebugsTour ist jeweils das Heimspiel: Da das Volkshaus dafür wegfällt, fehlt in Basel ein Konzertsaal für 1000 bis 1500 Leute. VON ANDREAS MAURER

des Stadtcasinos setzen. Es wird also eine bombastische Inszenierung?

Es wird sicher sehr kraftvolle Momente geben – aber auch sehr intime. Schon viele Popbands sind vor Ihnen mit Orchester aufgetreten. Kommen Sie nicht zu spät mit dieser Idee?

2009 sind die Lovebugs am Eurovision Song Contest gescheitert. Kehren Sie der seichten Unterhaltungsindustrie nun bewusst den Rücken zu und arbeiten deshalb mit dem Sinfonieorchester zusammen, Herr Sieber? Adrian Sieber: (lacht) Erstens sind wir am

So viel ich weiss, waren Deep Purple in den 60er-Jahren die Ersten. Ein Konzert mit einem Orchester ist halt etwas, das auf jeder Wunschliste einer Band steht, die schon lange zusammen ist und schon viele Sachen ausprobiert hat.

Eurovision nicht gescheitert. Es war ein grosser Erfolg für uns. Dass man für die Schweiz nicht viele Punkte holt, ist Tradition. Das würde sich auch nicht ändern, wenn die Rolling Stones für die Schweiz antreten würden. Zweitens haben wir uns noch nie Gedanken gemacht, wie wir uns positionieren. Seit der ersten Probe vor siebzehn Jahren machen wir immer das, was uns der Bauch sagt. Das ist beim neusten Projekt auch so.

Ein Wunsch, der mit dem Alter kommt?

Sagt Ihnen dieses Bauchgefühl auch, dass Sie als bald 40-Jähriger keine Lust mehr haben, vor einem TeenagerPublikum aufzutreten?

Ich trete vor jedem Publikum gerne auf. Das hat überhaupt nicht mit solchen Überlegungen zu tun. Das Sinfonieorchester hat uns angefragt. Das ist für uns eine grosse Ehre. Ich hätte nie geträumt, dass die Punkband, die mal im «Hirschi» gespielt hat, je mit dem Basler Sinfonieorchester auf der Bühne stehen wird. Das ist für uns eine super Gelegenheit, die uns als Band und Musiker weiterbringen wird. Die Punkband, die einst im «Hirschi» spielte, hätte die Anfrage des altehrwürdigen Orchesters aber vermutlich abgelehnt, oder?

Nein, ich glaube nicht. Ich bin aber froh, dass die Anfrage heute kommt und nicht vor fünfzehn Jahren. Denn es ist musikalisch eine riesige Herausforderung für uns. Es war von Anfang an unser Wunsch, dass wir nicht unser normales Lovebugs-Programm spielen möchten, einfach mit ein paar zusätzlichen Geigen im Hintergrund. Wir wollen, dass die beiden Welten verschmelzen. Wir sind sehr gefordert. Unsere Arrangements werden teilweise komplett überarbeitet. Anders gesagt: Vor fünfzehn Jahren hätten wir das musikalisch nicht gekonnt. Und heute könnt Ihr mit dem Sinfonieorchester musikalisch mithalten?

Wir versuchen es. Wir üben extrem intensiv. Es ist eine andere Disziplin, in einer Rockband oder einem Orchester zu spielen. Die Kunst besteht darin, dass jeder in seiner Disziplin seinen Platz findet und dass wir uns auf der Bühne mit dem Orchester im Element fühlen. Dann kommt es gut. Prallen dabei auch persönlich Welten aufeinander? Pop- und Orchestermusiker sind unterschiedliche Typen.

Schlussendlich sind wir aber alle Musiker. Die Tonleiter hat zwölf Töne, die für alle gleich sind. Die Vorfreude ist auf beiden Seiten sehr gross.

«Auch wenn alle drei Konzerte ausverkauft sind, wird niemand reich dabei.» Sie haben gesagt, es seien nicht einfach Lovebugs-Konzerte mit Streichern. Was erwartet uns genau?

Unser Wunsch ist, die Möglichkeiten des Orchesters und jene von uns auszunützen. Wenn das Orchester losdonnert, dann ist das eine Wucht. Auf der anderen Seite wird es auch Songs geben, die nur mit einem Streicher-Trio und einer Stimme funktionieren. Unser Keyboarder wird sich auch an die riesige Orgel

BILD: ZVG / TABEA HÜBERLI

Die Basler Popband Lovebugs tritt im Stadtcasino dreimal mit dem Basler Sinfonieorchester auf – die Songs werden neu arrangiert

Ich weiss nicht. Wir haben gemerkt, dass es uns als Musiker wahnsinnig weiterbringt, wenn wir aus dem klassischen Rockband-Schema ausbrechen. Das haben wir beim Unplugged-Album gemerkt, das wir 2005 im Theater Basel aufgenommen haben. Das wird jetzt wieder so sein.

«Ich hätte nie geträumt, dass die Punkband, die im ‹Hirschi› gespielt hat, je mit dem Sinfonieorchester auf der Bühne stehen wird.» Was kommt als Nächstes?

Ich denke, als Nächstes kommt ein ganz reguläres Studioalbum der Lovebugs. Der Aufwand für die drei Konzerte mit dem Sinfonieorchester ist viel grösser als für normale Lovebugs-Auftritte. Erhalten Sie mehr als die übliche Gage?

Nein. Der Aufwand und der Ertrag sind wirtschaftlich jenseits von Gut und Böse. Aber das ist in unserem Business immer so. Es geht uns um den aussergewöhnlichen Event. Wir wollen das einfach. Es spielt keine Rolle, ob wir mit vollen Taschen herausgehen oder nicht. Auch wenn alle drei Konzerte ausverkauft sind, wird niemand reich dabei. Das neue Basler Kulturleitbild verlangt, dass das Sinfonieorchester mehr Geld verdient. Sind Sie das kommerzielle Zugpferd des Orchesters?

Das weiss ich doch nicht. Wir nutzen eine Synergie. Beide Seiten hoffen, dass sie damit Leute ansprechen, die sie sonst nicht erreichen würden. Das ist spannend. Das Kulturleitbild unterscheidet zwischen ernster und unterhaltender Musik. Existiert dieser Gegensatz?

Für mich gibt es nur Musik, die mir gefällt oder nicht gefällt. Die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik halte ich für eine seltsame Erfindung. Solche Fragen haben sich für mich nie gestellt. Die Anhänger von Pop und Klassik haben in Basel ein ähnliches Problem: Die einen machen sich Sorgen ums Volkshaus, die anderen ums Stadtcasino. Macht die Kulturstadt Basel zu wenig für die Kultur?

Das kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich kann man nie genug für Kultur machen. Auf der anderen Seite finde ich auch, dass Kultur für ihren Platz kämpfen muss. Basler Kulturschaffende fordern einen neuen Saal mit 1000 bis 1500 Plätzen als Ersatz für das Volkshaus. Ist das der richtige Weg?

Es ist absolut wichtig, dass man auf die Bedürfnisse aufmerksam macht. In Basel fehlt ein Konzertort dieser Grösse. Deshalb finden viele Events in Basel nicht statt, die eigentlich hierhin passen würden. Das merken wir jedes Mal, wenn wir eine Tournee für die Lovebugs buchen. Einen geeigneten Konzertsaal in Basel zu finden, ist für uns jedes Mal besonders schwierig. Für uns war das Volkshaus immer ideal: wegen der Grös-

Adrian Sieber im Stadtcasino: «Die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik halte ich für eine seltsame Erfindung.»

se, der Akustik und der Räumlichkeiten. Es wäre sehr wichtig, dass Konzerte in diesem Rahmen weiterhin in Basel stattfinden könnten. Durch den Wegfall des Volkshauses fehlt diese Möglichkeit.

«Einen geeigneten Konzertsaal in Basel zu finden, ist für die Lovebugs jedes Mal besonders schwierig.»

erfolgreichsten Schweizer Bands. Die Musikindustrie ist am Zusammenfallen. Dadurch ist es noch schwieriger, Konstanz herzustellen. In Skandinavien waren wir zum Beispiel mit einem Album in der Hitparade. Als wir dann aber mit dem nächsten Album nachhaken wollten, gab es unsere skandinavische Plattenfirma bereits nicht mehr. Trotzdem haben wir im Ausland mehr Platten verkauft als in der Schweiz. Damit sind wir sehr glücklich. Und Sie können davon leben?

Trotzdem haben die Lovebugs in Basel ihre Karriere begonnen. Sind die Rahmenbedingungen also doch nicht so schlecht?

Unser Erfolg in Basel hat nichts damit zu tun. Wir haben auch schon dreimal hintereinander im kleinen Rossstall der Kaserne gespielt. Man findet immer eine Lösung. Die Lovebugs sind die bekannteste Basler Band. Doch international ist der Erfolg immer noch bescheiden. Enttäuscht Sie das?

Es kommt immer auf die Erwartungen an. Wir sind auch international eine der

Ja, seit zwölf bis vierzehn Jahren lebe ich voll und ganz von dieser Band. Wie lange noch?

Bis ich den Löffel abgebe wahrscheinlich. Irgendwann gibt es auch kein Zurück mehr. Musik ist nach wie vor das, was ich am liebsten mache und am besten kann. Dafür gebe ich viel und kämpfe ich jeden Tag. Es ist ein Privileg mit immer noch guten Freunden, das zu machen, was man will. Wir sind unser eigener Chef. Jetzt haben Sie aber einen neuen Chef: den Dirigenten des Sinfonieorchesters.

Auch hier müssen wir nichts machen,

was uns nicht gefällt. Es schreibt uns niemand etwas vor. Es ist ein Weg, um sich zu finden. Erhalten Sie jeweils keine Hausaufgaben für die nächste Probe?

Im Februar müssen wir einfach in Topform sein. Aber hallo? Diesen Anspruch haben wir auch selber.

Adrian Sieber, Lovebugs Der 38-jährige Adrian Sieber hat eine Lehre als Hochbauzeichner absolviert, beruflich wurde er aber Lovebugs-Sänger. Eigentlich wollte er Schlagzeuger werden. «Aber niemand wollte singen, also machte ich es.» Er hat es damit weit gebracht: Die Lovebugs sind als Vorband der Rolling Stones in Zürich aufgetreten, haben ein Album mit U2-Produzent Richard Rainey aufgenommen, und drei Lovebugs-Alben landeten auf Platz 1 der Schweizer Albumcharts. Der nächste Höhepunkt folgt vom 4. bis 6. Februar: Die Lovebugs treten dreimal mit dem Basler Sinfonieorchester im Stadtcasino Basel auf. In der ersten Vorverkaufswoche ging bereits ein Drittel der Tickets weg. (ÖPF)


Interview in 'Der Sonntag Ausgabe Baselland'