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Bernd Friedrich, Alexander Rehm, Robert Schumann

Der kleine Türöffner Wie ich mich bei meiner Traumagentur bewerbe – und die Chancen erhöhe, genommen zu werden.

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Der Text dieses Büchleins bewirbt sich beim Leser. Dafür hat er sich gründlich vorbereitet und sich angemessen gekleidet. Sein Erscheinungsbild ist eine Mischung aus Aufgeräumtheit und vielleicht etwas lauter Aufmerksamkeit. Er will nämlich unverwechselbar wirken, damit man sich seiner erinnert, wenn zum Beispiel plötzlich seine Hilfe gebraucht wird. Er ist eben auch der klare und praktische Typ. Robert Schumann

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Es hat lange gedauert, bis ich der Welt endlich zeigen kann, was für ein Talent sie beherbergen darf. Zweieinhalb Jahre habe ich hier in dieser unwürdigen unkreativen Unagentur mit Arbeiten weit unter meinen Möglichkeiten zugebracht – das hat sogar meine Texterin mir immer wieder bestätigt. Jetzt ist sie weg, bei GDP & B, einer richtigen Top-Agentur, und ich wittere auch Morgenluft. Sie wird mich nachholen, das hat sie versprochen. Schließlich haben wir immer super zusammengearbeitet und oft auch nach Feierabend ordentlich gefeiert. Aber das werden wir auch bald wieder. Sie muss sich nur erst mal in den neuen Job einfinden, sagt sie und das verstehe ich.

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Dann muss sie erst mal die Probezeit überstehen und vertröstet mich. Schließlich wartet sie eine günstige Gelegenheit für ein Gespräch mit dem Creative Director ab, den nächsten Etatgewinn, den Urlaub, die Weihnachtsfeier, die Preisverleihungen, das nächste Jahr... bis wir kaum noch Kontakt haben. Und mich das Gefühl beschleicht, vielleicht doch auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Doch so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Dann bewerbe ich mich eben ganz klassisch – und brüte auch gleich darüber. Schließlich braucht man GDP& B mit einer 08/15-Bewerbung gar nicht erst zu kommen. Eine besondere Agentur verdient auch eine besondere Idee.

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Ich denke mir ein ziemlich trickreiches mehrstufiges Mailingsystem aus. Es fängt damit an, dass ich einen Kochlöffel aus dem Südpazifik verschicke, mit dem man ein ganz bestimmtes Rezept aus Bioleks allererster Sendung nachkochen muss, dessen Zutaten ich nach und nach schicke... bis ich von der Sekretärin einen Brief bekomme, in der sie mich bittet, diese Sendungen einzustellen. Wenn ich mich bewerben wolle, solle ich mich bitte an die Personalabteilung wenden. Ich hatte ja keine Ahnung, dass die Sekretärin so gar keine Ahnung von Bewerbungen hat, die – nun ja – halt anders sind. Sei’s drum. Immerhin weiß ich jetzt, wem ich meine

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Aufmerksamkeit zuteil werden lassen muss. Nach reifer Überlegung postiere ich mich eines Montagmorgens vor dem Agentureingang und verteile rote Rosen an alle – mit Grüßen aus der Personalabteilung, was dann doch für erheblich mehr Verwirrung sorgt, als ich aufklären kann. Ein Gutes hatte diese Aktion dennoch: Ich weiß, wie die Personalleiterin aussieht und welches Auto sie fährt. Das nämlich bestücke ich fortan mit mysteriösen Botschaften, die sie zu einem Treffen der unvergesslichen Art bewegen sollen, bei dem ich eine nicht ganz unwesentliche Rolle spiele. Weil sie nicht richtig anbeißen möchte, lüfte ich das Geheimnis in Form eines

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Elvis-Imitators, der ihr in einem Medley meine Qualitäten vorsingt. Sie unterbricht ihn in Strophe drei und schickt ihn mit dem Hinweis zu mir zurück, dass sich der CD mit Sicherheit mit mir in Verbindung setzen werde. Als der sich zwei Wochen später immer noch nicht gemeldet hat, beschließe ich, ihm zuvorzukommen. Denn ich habe mittlerweile in Erfahrung gebracht, wo er denn meistens so anzutreffen ist. Seine After-Work-Stammkneipe ist eine Bar, die für ihre hohe Werberdichte bekannt ist, und ich muss ein bisschen auf der Hut sein, nicht meinem derzeitigen Noch-Chef in die Arme zu laufen. Also drück ich mich immer in der Nähe der Tür herum

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und versuche per Blickkontakt Kontakt aufzunehmen. Leider scheint er mich auch bei seinem Lieblingsitaliener geflissentlich zu übersehen, doch beim Fußballgucken in der Sportbar schenkt er mir nach intensivem Anstarren wenigstens ein vages Kopfnicken. Viele Kneipen-, Restaurant- und Barbesuche später kommen wir auf einem Branchenevent tatsächlich ins Gespräch. Als wir uns beinahe zufällig am Buffet treffen, fragt er mich plötzlich, ob ich auch hier arbeiten würde. Er hätte mich immer nur mit dieser Sportbar in Verbindung gebracht. Dieses Missverständnis kann ich zwar nicht restlos aus dem Weg räumen, bekomme aber

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die Gelegenheit, mein Interesse an seiner Agentur zu bekunden, und seine E-MailAdresse. Der persönliche Kontakt ist halt doch der beste Weg in eine Agentur wie GDP&B. Also schreibe ich ihm eine ausführliche und ganz persönliche Mail. Und weil er auch ein paar Tage später nicht antwortet, gleich noch eine. Und dann eine dritte, die mit einer höflichen Entschuldigung seiner Sekretärin beantwortet wird. Weil ich ihn schließlich persönlich kenne, richte ich Mail Nummer vier noch persönlich an ihn, bis ich dann seine Sekretärin in Kopie setze und schlussendlich nur noch mit ihr kommuniziere. Ihr Versprechen, sich für mich bei ihm zu

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verwenden, klingt routiniert, aber ich will es ihr glauben. Mir selbst bleibt mittlerweile nur noch, ein Angebot von GDP&B telepathisch zu erzwingen. Ich habe schließlich alles versucht, aber...

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Mappe Was kommt rein? Was bleibt draußen?

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Selbstverständlich kommen ausschließlich eigene Arbeiten rein. Ebenso selbstverständlich nur Arbeiten, die Ihnen persönlich sehr gefallen. Man sollte erahnen können, was Sie besonders gut können und wo Sie hinwollen. Zeigen Sie Vielfalt! Wie der amerikanische Kreative Luke Sullivan so schön sagt: „Flex a lot of muscles!“* Bitte reihen Sie nicht ausschließlich Einzelwerk an Einzelwerk. Präsentieren Sie Kampagnen, zeigen Sie * Buchtipp: Er hat das erhellende und unterhaltsame „Hey whipple, squeeze this!“ geschrieben.

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Ihre Fähigkeit, ein Kreativkonzept in eine Kampagne mit verschiedenen Werbemitteln zu übersetzen. Personalberater und Kreativdirektoren wollen außergewöhnliche Ideen und exzellente Umsetzungen sehen. Große Namen beeindrucken Ihre Freunde, die nichts mit Werbung zu tun haben, aber in die Mappe kommen bitte nur Ihre feinsten Ideen. Niemand ist davon beeindruckt, wenn Sie sagen: „Das ist der Marktführer seiner Branche! Das wurde

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im Stern geschaltet, und der TV-Spot lief wochenlang in der Prime Time.“ Zeigen Sie nicht ausschließlich Arbeiten, die auch wirklich geschaltet wurden, zeigen Sie Arbeiten, die Ihnen am Herzen liegen. Sie wollen sich selbst und Ihren Stil vorstellen. Wenn Ihre Arbeit von Vorgesetzten oder Kunden verschlimmbessert wurde, zeigen Sie die Version, die Ihnen persönlich am besten gefällt. Viele Personaler beschweren sich, dass Mappen zu oft nicht die

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Persönlichkeit eines Bewerbers spüren lassen. Das ist Ihre Chance! Legen Sie etwas dazu, das kein reales Projekt war, etwas, worauf Sie stolz sind, obwohl Sie es nur für sich selbst gemacht haben. Werbeagenturen suchen keine Kreationsroboter, sondern Persönlichkeiten.

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Oliver Voss hat als Kreativgeschäftsführer bei JvM einmal vor seinem Bürofenster einen Mietwagen des Agenturkunden Sixt stehen gesehen, beschriftet mit einer persönlichen Bewerbung an ihn. Das hat ihn neugierig gemacht, und so kam der Bewerber zu seinem Gespräch. Initiativbewerbungen sind grundsätzlich immer willkommen. Doch die Agenturen warten auch nicht einfach. Die suchen auch.

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Der kleine Türöffner