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W O R T M O S A I K


WortMosaik Zeitschrift für Literatur und Kunst Heft 2, Jahr 2011 Die Zeitschrift WortMosaik erscheint einmal jährlich im GolubBooks-Verlag. Preis des Heftes: Euro 12,GolubBooks Dr. Biljana Golubović Gebhardstr. 29 D-76135 Karlsruhe Tel.: +49(0)72146- 46173 Fax: +49(0)7214646- 174 Homepage: www.wortmosaik.jimdo.com E-Mail: info.wortmosaik@gmx.de Grundlegende Richtung: WortMosaik vermittelt zeitgenössische deutsche und internationale Literatur und Kunst. Herausgeber: Biljana Golubović WortMosaik-Redaktion: Prof. Dr. Jochen Raecke; Angelika Sebai, MA; Sophia Weiss

Redaktion dieses Heftes, für den Inhalt verantwortlich: B. Golubović Lektorat: Benjamin Alt, Sophia Weiss Die Rechtschreibung (alte oder neue) wurde je nach Einsendung beibehalten. © bei den Autorinnen und Autoren Coverbild – Graffiti: © piccaya – Fotolia.com Logoentwurf: Tamara Golubović Covergestaltung: Mathias Weise; net-Verlag, Hennef Satz&Layout: BG2B Druck: V. Lindemann, Offenbach (Juni 2012) ISSN 2190-4332


INHALT EDITORIAL Heft 2…………………….....……………..7 KUNST BENJAMIN ALT Banksy............................…..……………………….....9 PROSA CHRISTIAN KNIRSCH Café Romantique………………………………….....18 LYRIK MANFRED PRICHA ins gerede gekommen.…………………………….....28 parabel vom schatten.....……………………………..29 der pantomime.………………………………............30 PROSA B. J. HOLLARS Die Naturalisten............………………………….......31 ADAM MAREK Weniger Dinge……………………………………….49

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LYRIK JAN ANDREW BROWN Der rote Haarreif................………………………….60 Der Philosoph.....................…………………………61 PROSA ZÖE STRACHAN Im Haus am Meer............…………………………....62 VALERIE O'RIORDAN Das Mädchen hinter der Glaswand…………….........73 ANNA CALUM Der Clown…………………………………………...76 LYRIK ALBRECHT CLASSEN Afghanistan.....................…………………………...79 Abendstunde...................…………………………....81 Traumgeschäft...................………………………….83 Schweigen........................…………………………..84

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PROSA FABIAN HISCHMANN Kopenhagen.....................…………………………...86 JONATHAN PINNOCK Wie ich ein neuer Mann wurde und was es mir gebracht hat........…………………………………....................95 KUNST VAKHTANG KAKULIA…..………………………......101 INFOSEITEN Zu den Übersetzerinnen............................................103 Bildverzeichnis..........................................................104

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WORTMOSAIK 2/2012

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EDITORIAL

EDITORIAL HEFT 2 Nicht ganz pünktlich (und dafür entschuldigen wir uns bei unseren Lesern, sowie Autoren und Künstlern), aber hoffentlich immer noch rechtzeitig, erscheint Heft 2 unseres „Mosaiks der Wörter“. Die hier versammelten literarischen Beiträge – facettenreich, kontrovers, kritisch, polemisch, modern, traditionell, weltoffen, in sich geschlossen, ungewöhnlich, alltäglich, makaber, ehrlich oder nicht, einfach, kompliziert, humorvoll, ernst, verspielt, konventionell, unkonventionell... – stellen einen Abbild der gegenwärtigen Literatur dar. Unsere Autoren werden von ausgesuchten Illustrationen, Photographien und Abbildungen der Kunstwerke verschiedener Künstler begleitet. Dabei ist die visuelle Begleitung ein selbständig denkende und empfindende Komponente. Sie zeigt eigene Meinungen und Emotionen, die manchmal im Einklang mit dem Werk sind, ihm jedoch manchmal auch wiedersprechen. In dieser Ausgabe von „WortMosaik“ erwarten Sie Essays, Lyrik, Kurzprosa, Romanauszüge, Photographien ... deutscher und internationaler Autoren und Künstler. Die englischsprachigen Autoren (B. J. Hollars, A. Marek, J. Pinnock, V. O'Riordan, Z. Strachan) erscheinen hier erstmals in deutscher Übersetzung. Obwohl einige im deutschsprachigen Raum noch nicht bekannt sind, gehen wir davon aus, dass sich dies in Zukunft ändern wird. In Heft 2 haben Lyrik, Kurzprosa und Romanauszüge deutscher Autoren (A. Calum, F. Hischmann, C. Knirsch, M. Pricha) ihren Platz gefunden, wobei zwei unserer Autoren (A. Classen, deutscher Professor an der amerikanischen Universität und J. A. Brown, bilingual aufgewachsener Autor englischer Herkunft, der auf Deutsch schreibt) über die Grenzen verschiedener Kulturen und Sprachen hinausschreiten, was sich in ihren Werken wiederspiegelt. Unser Cover ist ruhig und konservativ, mit einer unkonventionellen und zugleich provokativen Abbildung. Es kündigt das Kunstthema des Heftes an – Streetart –, in dessen Rahmen wir ein Essay über Bansky (B. Alt) veröffentlichen. Der Grundton mehrerer 7


WORTMOSAIK 2/2012 Beiträge der vorliegenden Ausgabe ist düster und harmonisiert mit der Atmosphäre und der politischen und gesellschaftlichen Kritik, welche die Straßenkünstler dieser Ausgabe des „WortMosaiks“ äußern. Wir halten uns nicht an Genre-, Orts-, Stil-, Themen-, Kultur-, oder irgendeine andere Art von Grenzen. Das Potential der gegenwärtigen Literatur und Kunst, die wir Ihnen präsentieren, soll ein Genuss sein, aber auch die Einladung zur Überschreitung von Grenzen, die unsere Gedanken einschränken. Die Redaktion

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BENJAMIN ALT – BANKSY

BANKSY BENJAMIN ALT “People say graffiti is ugly, irresponsible and childish... but that's only if it's done properly.” – Banksy

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Bis zu Beginn der 90er Jahre herrschte in der Kunstszene die Lehrmeinung, Street Art sei die Kunst der Drogensüchtigen und der sozialen Problemfälle; in der Gesellschaft wurde Graffiti vornehmlich mit Vandalismus und Bandenkriminalität in Verbindung gebracht. Die Zeit, in der Banksy aufwuchs, war demnach ein hartes Pflaster für solche, die den öffentlichen Raum durch ihre Kunst bunter gestalten und auf soziale Missstände hinweisen wollten. Doch Banksy war kein normaler Vorstadtteenager, der mal eine Mülltonne, mal eine Telefonzelle zum Ärger der Nachbarn beschmierte: Es ist das Pseudonym des Mannes, dem die Street-Art-Szene ihren rasanten Imagewechsel zu verdanken hat – und dessen Stencils heute mehr wert sind als die Häuser, auf die sie gesprayt wurden. Mit seinem einzigartigen Stil, einer Mischung aus pointiertem Humor und unbarmherziger Gesellschaftskritik zeigte er der Kunstwelt, dass gutes Graffiti mehr sein kann als Vandalismus und Sachbeschädigung: Eine ästhetische, kritische und herrlich ironische Bereicherung des urbanen Raums. Banksys Popularität gründet neben seiner Kunst vor allem auf dem Rätsel um seine Identität. Seit er Anfang des 21. Jahrhunderts zu internationalem Ruhm gelangte, war sein Name Thema unzähliger abendlicher Diskussionen in Pubs und Kneipen auf der ganzen Welt. Gerüchte über ihn sind zahlreich, denn allen Versuchen zum Trotz konnte sein wahrer Name nie endgültig festgestellt werden, geschweige denn von ihm bestätigt: Da selbst sein Manager seine wahre Identität nicht kennt, wird das Rätsel um den mysteriösen Künstler wohl auf ewig ungelöst bleiben. 9


WORTMOSAIK 2/2012 Dabei trieb die Suche nach dessen Lösung in der Vergangenheit die buntesten Blüten: Nachdem bereits versucht wurde, Banksys DNA anhand der Reste einer Pizza, die er angeblich verzehrt haben soll, zu bestimmen, und als Gerüchte um die Welt gingen, Banksy sei das Pseudonym für Robin Banks, Nick Walker oder gar eine Gruppe von Künstlern, brachte ein Artikel der Daily Mail im Juli 2008 den vorläufigen Durchbruch. Journalisten der britischen Tageszeitung setzten sich in Bristol auf die Spuren des mysteriösen Straßenkünstlers und stießen auf einen Namen, anhand dessen sie zum ersten Mal die Lebensgeschichte des Mannes nachvollziehen konnten, der über zwei Jahrzehnte die Kunstszene an der Nase herumgeführt hatte: Robin Gunningham.

“There's nothing more dangerous than someone who wants to make the world a better place.” – Banksy Der Daily Mail zufolge wurde Robin Gunningham 1973 als Sohn eines pensionierten Bauleiters und einer Sekretärin in Bristol geboren. Verglichen mit seiner späteren Kunst wirken die bürgerlichen Verhältnisse beinahe befremdlich, in denen der gesellschaftskritische Graffiti-Revolutionär aufwuchs. Nichts deutete auf seine spätere Karriere im Untergrund von Bristol hin, als er 1984 die Bristol Cathedral School besuchte, eine der angesehensten anglikanischen Schulen Großbritanniens. Seine Mitschüler erinnern sich an seine künstlerische Begabung, die bereits früh sichtbar wurde. Anfang der 80er Jahre kamen zunehmend mehr HiphopBands nach Bristol; Street-Art-Künstler wie Robert Del Naja (3D), später Begründer der Formation Massive Attack, und Nick Walker, heute renommierter Designer, brachten frischen Wind aus New York in die Bristoler Graffiti-Szene. In einem seiner Interviews sagt Banksy über den anschließenden Street-Art-Boom in Bristol: „Graffiti was the thing we all loved at school. We did it on the bus on the way home from school. Everyone was doing it.“ Als er im Alter von 16 Jahren die Schule verließ, war er bereits Teil der Szene. 10


WORTMOSAIK 2/2012 zu machen, dass viele vor allem ärmere Bürger von der reichen Oberschicht unterschätzt, vernachlässigt und ausgegrenzt werden.

“Think outside the box, collapse the box, and take a fucking sharp knife to it.” – Banksy Banksys Kunstspektrum beschränkt sich keineswegs nur auf Graffiti. Während seine frühen Werke fast ausschließlich aus Stencils bestanden, begann Banksy in naher Vergangenheit, auch andere Medien für sich zu entdecken. So malte er zahlreiche Bilder, die überwiegend leicht veränderte Versionen berühmter Gemälde sind. So hängte er zum Beispiel seine veränderte Version der Mona Lisa im Louvre auf, oder schmuggelte seine nachgeahmte Höhlenmalerei eines Steinzeitmenschen, der einen Einkaufswagen schiebt, in das British Museum in London. Beinahe alle seiner ungefragt angebrachten Malereien wurden nach ihrer Entdeckung in die Sammlung der betroffenen Museen aufgenommen. Neben der Malerei kreierte Banksy vor allem in den letzten Jahren zahlreiche Installationen, bei denen sowohl Komik als auch Sozialkritik im Vordergrund stehen. So karikierte Banksy den Aufstieg von Englands größtem Telekommunikationsunternehmen, indem er eine klassische rote Telefonzelle auseinandernahm, neu zusammensetzte und mit einer Spitzhacke „verletzt“ in einer Londoner Seitenstraße platzierte. Der Künstler selbst begründet den Erfolg seiner Installationen mit den folgenden Worten: “If you have a statue in the city centre, you could go past it every day on your way to school and never even notice it, right. But as soon as someone puts a traffic cone on its head, you've made your own sculpture.” Banksys Erfolg gründet auf einer genialen Mischung aus Zynismus, Ideenreichtum und erbarmungsloser Gesellschaftskritik.

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BENJAMIN ALT – BANKSY

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MANFRED PRICHA

MANFRED PRICHA

PARABEL VOM SCHATTEN

spring über deinen schatten mahnten sie ihn unweigerlich und du wirst weiterkommen achselzuckend vergrub sich sein schatten in der finsternis und ward nie wieder gesehen niemand verfolgte ihn mehr nicht einmal sein schatten allein mußte er die wege gehen im brennpunkt seiner neugierde den umrissen völlig ausgesetzt holten ihn schatten anderer ein beim veitstanz überschatteten sie ihn überlebensgroß bis zur raserei spotteten seiner nacktheit dabei wünschte er sich seinen schatten zurück als schützenden mantel denn es war eisigkalt geworden

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MANFRED PRICHA DER PANTOMIME

den zeigefinger auf den mund gelegt von einem kopfschütteln begleitet reißt er plötzlich die arme hoch und rollt ein paar mal mit den augen seine stirn runzelt sich dabei und er kickt mit dem fuß in die luft rennt hastig auf und ab immer mit hochgezogenem schulterzucken dann drückt er die handkante unters kinn streckt grimassierend die zunge heraus führt die hände vor der brust zusammen und tippt mit dem zeigefinger an die stirn

***** Manfred Pricha, geb. 1954 in Altötting, studierte Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften in Bochum. Als Autor, wissenschaftlicher Dokumentar und Historiker lebt und arbeitet er in Bochum. Seine Lyrik und Prosa erschienen in Literaturzeitschriften, Anthologien, Literaturkalendern, auf CD und im Internet, u.a. in: Kaskaden, Matrix, Driesch, Kult, Cognac&Biscotten.

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J. A. BROWN

JAN ANDREW BROWN

DER PHILOSOPH Ich bin kein Fleischesser Ich bin kein Sportler Ich bin kein Berufst채tiger Ich bin kein Ehemann Ich bin kein Trinker Ich bin kein Raucher Ich bin kein Kiffer Und ich bin kein Schlucker Ich bin kein Dealer Ich bin kein Killer Ich bin kein Vergewaltiger Ich bin kein Assi Ich bin kein Nekrophiler Ich bin kein Pedophiler Ich bin kein Dendrophiler Ich habe keine Allergien Ich habe keine Krankheiten Ich habe keine Religion Ich habe keine Gedanken Was bin ich eigentlich? ***** Jan Andrew Brown, geboren in M체nster am 26. November 1987, studiert Anglistik/Amerikanistik und Ethik und Kulturphilosophie an der Universit채t Mannheim, ist momentan f체r ein Auslandsjahr in Massachusetts, USA. Verfasst Gedichte und Kurzgeschichten in Deutsch und Englisch, da er bilingual aufgewachsen ist.

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IM HAUS AM MEER ZOË STRACHAN Das Meer war trostlos und grau, wie der Himmel. Nerys war kurz davor, umzukehren, als sie eine Frau mit einem Hund bemerkte, die innehielt, um sie zu beobachten. Nun gut, sie würde ihnen etwas zu sehen bieten. Sie ließ ihren Morgenmantel aus Fleece fallen, kickte ihre Flip-Flops von sich und rannte in die Wellen. „Aaaaaeeeeeowwwww!” Das Wasser war eiskalt. Nerys Herz pochte heftig, sie schnappte nach Luft, fühlte einen plötzlichen Anflug von Wärme an der Innenseite ihrer Oberschenkel. Sie hatte sich beim Aufprall der Kälte auf ihren fülligen, von Lycra umhüllten Bauch eingenässt.

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