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Gordin Lakas, Speedys Philosophie Roman

1. deutschsprachige Ausgabe 2014 © GolubBooks, Edition ZeitGeist, Nr. 2 Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Spidijeva filozofija“ bei Paideia: Belgrad, 2010; © Gordin Lakas Editor: Milena Đorđijević

Übersetzung: Slavica Stevanović Lektorat: Dr. Carsten Drecoll Logo: V-print B.V., Niederlande Autorenfoto: © Gordin Lakas Umschlagillustration: © Milica Jovičić Covergestaltung: BGV, Karlsruhe Satz: BGV, Karlsruhe © Gordin Lakas © GolubBooks ISBN 978-3-942732-07-9 GolubBooks, Karlsruhe www.golub-books.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.



Gordin Lakas

Speedys Philosophie Aus dem Serbischen von Slavica Stevanović

GolubBooks


Das Kolloquium Ich weiß nicht mehr, in welchem Studienjahr des Philosophiestudiums ich mich damals befand – die Anzahl der Studienjahre entsprach keinesfalls der Anzahl der bestandenen Prüfungen –, als während des Ethikseminars mitten in den Unterricht plötzlich eine ungewöhnliche Erscheinung hereinplatzte. Er war von einer eher geringen Körpergröße, breitschultrig, hatte helles, fettiges, flaumiges Haar, das seine Ohren bedeckte, eine Stupsnase und seine milchweiße Haut war mit Sommersprossen übersät. Hinter den Brillengläsern mit hohen Dioptrienwerten erahnte man seine kleinen hellblauen Augen, mit welchen er, so als ob ihn das Licht störte, ununterbrochen blinzelte. Er trug einen beigefarbenen, abgetragenen Sakko und hielt zwei riesengroße Plastiktragetaschen in den Händen. Sein rundes, ein wenig gedunsenes Gesicht lächelte gutmütig, er murmelte etwas, das wie eine Entschuldigung oder auch wie etwas ganz anderes klingen konnte, und bewegte anschließend rasch seinen tölpelhaften Körper in Richtung der ersten Sitzreihe. – Und Sie sind?, fragte förmlich, distanziert und mit einer kleinen Portion Neugier der immer mürrische Assistent, während er mit der Hand über seinen rötlichen, lockigen Bart strich. – Ich bin Student im zweiten, eigentlich dritten Studienjahr, ich bin, wissen Sie, gekommen, um, wenn es sich

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irgendwie einrichten lässt, das Kolloquium zu absolvieren. Er haspelte, verschluckte ganze Wörter beim Sprechen, war offensichtlich nervös und ziemlich außer Atem. – Man hat mir nämlich gesagt, dass das bestandene Kolloquium Voraussetzung zur Prüfungszulassung ist. Und, wenn Sie einverstanden sind, würde ich das am liebsten gleich durchziehen. Ich habe es eilig, ich soll demnächst ins Ausland verreisen und möchte vorher die Studienzeiten-Bescheinigung in das Studienbuch eintragen lassen, so dass ich entsprechend bitten würde … – Wenn Ihre studentischen Kollegen damit einverstanden sind. – Ob sie einverstanden sind? – He, he, he, kicherte der Kandidat und wandte sich uns zu. – Sie schweigen, also sind sie einverstanden. – Gut, Herr Kollege, geben Sie mir Ihr Studienbuch. Nun brach ein regelrechtes Chaos aus. Der Kandidat beugte sich und fing an, in den Tragetaschen zu wühlen. Dann holte er ein rotes Studienbuch, mit angestoßenen Ecken und stark ausgefranst, heraus. Er schlug es auf, schaute hinein, klappte es unzufrieden wieder zu und legte es auf den Tisch. Danach erschien in seinen kleinen knorrigen Fingern ein zweites Studienbuch. Er schaute es auch an und legte es dann in die Ecke, dabei ein klein wenig wie ein Kater fauchend. Offensichtlich genervt, stellte er nun die ganze Tragetasche auf den Tisch und fing an, hastig ein Studienbuch nach dem anderen herauszuholen, von denen jedes einen unter8


schiedlichen Erhaltungsgrad aufwies. Es befanden sich nigelnagelneue, wahrscheinlich gerade erst ausgestellte, aber auch total ausgefranste, vollgekritzelte und besudelte unter ihnen. Er reihte sie ordentlich nebeneinander auf und fing an, sie vor den überraschten Augen des Assistenten, dessen Verwunderung nicht einmal die dicken Brillengläser zu verstecken vermochten, systematisch zu untersuchen. Es waren, wenn ich mich richtig erinnere, dreizehn an der Zahl. Endlich fand er das richtige und überreichte es zur Einsichtnahme. – Das sind alles Ihre Studienbücher? – Ja, ich studiere an mehreren Fakultäten, antwortete der Befragte, als ob es etwas Selbstverständliches wäre: – Mathematik, Physik, Biologie, Geographie, Philologie, Bergbau, Landwirtschaft … – Ist das denn überhaupt möglich?, rutsche es dem Assistenten heraus. Anschließend aber, da er bemüht war, seine Fassung und Autorität wiederzugewinnen, nuschelte er in seinen Bart hinein: – Wirklich ungewöhnlich. Er nahm das Studienbuch entgegen und musterte es von allen Seiten. – Hören Sie mal, Sie haben nicht einmal die Hälfte der Prüfungen aus dem zweiten Studienjahr bestanden und wollen jetzt das Kolloquium aus dem dritten Studienjahr absolvieren! – Machen Sie sich bloß keinen Kopf deswegen. Tun Sie so, als hätte ich sie alle bestanden. Tragen Sie mir das Kolloquium irgendwo am Rande ein, als Erinnerungsno9


tiz. Wie ich schon sagte, ich verreise und kann nicht länger warten, und wenn ich zurück bin, kann ich dann sofort die Prüfung ablegen. – Hm, ich weiß nicht, ob der Professor damit einverstanden sein wird. Aber, sei’s drum. – Machen Sie sich wegen ihm keine Sorgen, ich habe ihn bereits konsultiert. – Na gut, wenn Sie meinen. Wir werden es nachprüfen. Was haben Sie als Seminararbeit vorbereitet? – Kants Kategorischer Imperativ, wenn Sie erlauben. – Das ist ein ernsthaftes Thema. Lassen Sie mal sehen. Der Befragte fing an, nervös in der anderen Tragetasche zu wühlen und zerfledderte Hefte und ein paar Bücher herauszuholen. – Es hat mir nicht mehr gereicht, wissen Sie, die Arbeit mit der Schreibmaschine abzutippen. Ich habe die Arbeit nur als handschriftliches Manuskript. Sie ist zwar schwer lesbar, aber, wenn Sie erlauben, könnte ich sie Ihnen jetzt vorlesen – und er holte sein Brillenetui aus der Tragetasche heraus. Daraus nahm er eine Lesebrille und legte die, die er bis dahin getragen hatte, ins Etui zurück. Dann runzelte er die Stirn, murmelte mürrisch und setzte die Brille wieder ab. Auf dem Tisch erschien das zweite Etui und der Kandidat wiederholte die ganze Vorgehensweise. Sichtlich genervt, wühlte er sich bis zum Boden der Tasche durch und holte mindestens fünf, sechs andere Etuis heraus. Aus jedem von ihnen nahm er eine neue Brille heraus und testete sie, indem er in das mit Sauklaue dicht beschriebene Heft hineinschaute. 10


Diese Brillenanprobe dauerte mindestens zehn Minuten lang, bis er dann endlich die passenden Dioptrien fand. Der Studiengang der Philosophie war, daran hatte ich mich schon gewöhnt, ein Sammelbecken für die verschiedensten Sonderlinge, so etwas wie ein Zufluchtsort für Unangepasste. Einer unter ihnen bildete sich ein, ein großer Dichter zu sein, und nutzte jede Gelegenheit dazu, uns seine nebulösen Verse vorzulesen, die er als Ovidius von Split unterschrieb. Ein anderes unerkanntes Genie stellte in jeder Sitzung, egal um welches Fach es gerade ging, die Frage, warum Berdjajew nicht an unserer Uni erforscht würde. Da die meisten Professoren wahrscheinlich noch nicht einmal von ihm gehört hatten, ignorierten sie einfach diese Frage. Ihm zum Trost nannten wir den Besagten einfach „Berdjajew“, ein Name, der uns nichts bedeutete. Ein dritter, der übrigens aus Dragačevo1 stammte, bildete sich im ersten Studienjahr ein, Heraklit, genannt der „Dunkle“, zu sein. Er trug Riemchensandalen ohne Strümpfe, ließ sich lange krause Haare wachsen und lief permanent mit einem an den Haaren befestigten Hundeknochen geschmückt die Knez-Mihajlova-Straße2 entlang. Er hat es nicht weiter als bis zum zweiten Semester gebracht, aber dafür zog er jahrelang erfolgreich die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Aber dieser Sonderling, den ich gerade beobachtete, war, das spürte ich, etwas Einzigartiges am reich bestückten Sternenhimmel der Eigenbrötler, die sich in der Studiengangsgruppe blicken ließen. Et1

Ein vor allem für alljährlich organisierte Trompetenfestivals bekanntes Gebiet in Serbien. 2 Die bekannteste Prachtstraße der serbischen Hauptstadt Belgrad. 11


was sagte mir, dass es sich hier um eine Person handelte, die eigentlich nicht absichtlich in ihrer Umgebung auffallen möchte. Er war offensichtlich auf sein Ziel konzentriert, und diese kleine Darbietung ging ganz spontan aus seinem Charakter hervor. Ich schaute mich um und fragte: – Wer ist das? Da ich selbst mit den abgelegten Prüfungen in Zeitverzug geraten war und die Vorlesungen nur unregelmäßig besuchte, hatte ich noch nicht die Bekanntschaft mit den Helden der jüngeren Generation gemacht. Niemand kannte seinen richtigen Namen, aber ein paar von ihnen wussten von seinem Spitznamen. – Das ist Speedy, riefen sie einstimmig. Leider verlief für Speedy der Rest des Kolloquiums nicht gerade glänzend. Seine Redegewandtheit verschwand in dem Moment, als er anfing, völlig unverständlich kaudernd und immer ein paar Buchstaben verschluckend den schwer verständlichen Text vorzulesen. Am Ende unterbrach ihn der sichtlich genervte Assistent, der wahrscheinlich selbst schon unter chronischer Müdigkeit litt, verursacht durch das Lesen ganzer Bände von anspruchsvollen philosophischen Büchern und das Exzerpieren von Unmengen wichtiger Zitate aus ihnen. Er bat den Kandidaten, ein anderes Mal wiederzukommen, aber dann besser vorbereitet. Speedy gab noch nicht auf, denn es war ihm nicht klar, was genau in seiner Erörterung strittig sein könnte. Dann kam es zum Streit. Selbstverständlich versuchte der offizielle Vertreter der Wissenschaft würdevolle Haltung zu bewahren und den schwächeren Gegner mit verschiedenen unangenehmen 12


Fragen zur Strecke zu bringen. Speedy auf der anderen Seite verteidigte sich wie ein in die Ecke getriebener Kater mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Als der Assistent ihm einen Schlag unter die Gürtellinie verpasste, indem er sich auf die Tatsache berief, dass der Kandidat die Sekundärliteratur gar nicht gelesen hätte, verteidigte sich Speedy damit, dass auch die anderen, die das Kolloquium bereits bestanden haben, das nicht getan hatten. Der Beamte der philosophischen Wissenschaft schenkte dem keine Beachtung und wiederholte, dass alles, was bis dahin dargelegt wurde, entweder nicht richtig oder ungenügend sei, was den Kandidaten noch mehr in Rage brachte. Das alles dauerte und dauerte, bis das Publikum anfing zu protestieren, da doch die Stunde bald zu Ende ging. Speedy, der für seine Breite so klein war, dass er irgendwie quadratisch wirkte, packte seine Sachen in die Tragetaschen und verließ unzufrieden den Kampfschauplatz, etwas durch die zusammengepressten Zähne zischend.

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Prof. Dr. Gordin Lakas, geb. 1952, ist Leiter des Instituts für europäische Studien in Belgrad. Er unterrichtet als Gastprofessor Methodologie der Wissenschaften an der Europäischen Universität Belgrad, sowie Regionsunternehmen an der Universität Donja Gorica in Podgorica (Montenegro). Er hat mehrere Bücher aus dem Bereich der Philosophie und Sozialtheorie, sowie Erzählungen, Essays und einen Roman veröffentlicht.



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