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R (ATT ) E

Nicole Raithel Caroline Drechsel Peggy Pehl Florian Hesselbarth


INHALTSVERZEICHNIS Geschichter der Anatoimie Geschichter der Ratte Interview mit Ingo Garschke Steckbrief: Ratte Erfahrungsberichte


Rattus norvegicus dorsal

caudal

cranial

ventral

Stamm: Klasse: Ordnung: Famielie: Gattung: Art:

Cherdata Vertebrata (Wirbeltiere) Rodentia (Nagetiere) Muridea (Echte M채use) Rattus (Echte Ratten) Rattus norvegicus (Wanderatte)


Homo sapiens cranial

ventral

dorsal

caudal

Stamm: Klasse: Ordnung: Famielie: Gattung: Art:

Cherdata Haplorrhini (Trockennasenaffen) Primates (Primaten ) Hominidae (Menschenaffen) Homo Homo sapiens (Wanderatte)


Rattus Norvegicus

1

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1 2 3 4 5 6 7 8

Os frontale m. masseter m.temporalis m. trapezius m. latissimus dorsi m. sternomastoideus m. biceps

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Homo Sapiens

1 2 3 4 5 6 7

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1 m. frontalis 2 m. temporalis 3 m. orbicularis oculi 4 m. transversus nasi 5 m. orbicularis oris 6 m. sternocleidomastoideus 7 m. trapezius 8 m. deltoideus 9 m. biceps brachii 10 m. triceps brachii 11 m. pectoralis major 12 m. obliquus externus abdominis 13 m. rectus abdominis 14 m. flexor carpi radialis 15 m. extensor carpi radialis


Rattus Norvegicus

1

2

5

3

4 7

6 8

9 10

1 Brustkorb 2 Leber 3 Magencorpus 4 Blinddarm 5 Colon transversum 6 DĂźnndarmschlingen 7 HodenfettkĂśrper 8 Penis 9 Scrotum 10 Schwanz mit Schuppenring


Homo Sapiens

1 2

3 4 5 6 7

1 2 3 4 5 6 7

Lungen (Zwerchfell Herz Leber Magen Bauchspeicheldr端se Dickdarm D端nndarm


Rattus Norvegicus

1 2

3

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1 Os occipitale 2 Os Interparetale 3 Os occipitale 4 Os sphenoidale 5 Os platinum 6 Cochae nasales 7 Os frontale 8 Os nasale 9 Angulus mandibulae 10 Alveolarknochen 11 Dentes molares 12 Dentes incisivi

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Homo Sapiens

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1 2 3 4 5 6 7

Stirnbein Augenbraunleisten Augenhรถhlenrand Jochbeinbogen Oberkiefer Unterkieferwinkel Kinnvorsatz


Geschichte der Anatomie Der Begriff „Anatomie“ ndet seinen Ursprung im Griechischen („anatemnein“) und bedeutet übersetzt „zergliedern“ oder „zerschneiden“. Die Anatomie bezeichnet die Lehre vom Aufbau und der Form des menschlichen Körpers und beschreibt die Lage der einzelnen Körperteile und Organe. Als Ausgangspunkt dient ihr der tote Körper, der zur Forschung seziert und präpariert wird. Die Geschichte der Anatomie ist gleichzeitig die Geschichte ihrer Veränderung, die immer in Verbindung mit dem Menschenbild der jeweiligen Epoche steht. Neue Impulse in der Künstleranatomie gab es nur durch das stetige kritische Hinterfragen des eigenen Erbes. Als Disziplin vermittelt sie zwischen Naturwissenschaft und Kunst und beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit der Frage: „Was finden wir im Menschen?“ Bereits in der Antike wurden Leichen im Dienste der Anatomie seziert. Das Schönheitsideal eines athletischen und reinen Körpers herrschte im alten Griechenland vor und Nacktheit galt als Ausdruck von Natürlichkeit, was sich in den Skulpturen dieser Zeit widerspiegelt. Sammelpunkt für griechische Forscher und Heilkundler wurde Alexandria. Bekannte Anatomen, wie Herophilos von Chalkedon (ca. 340 v. Chr.), sezierten hier sogar lebendige Leichen. Als erste prägende Figur in der Geschichte der Anatomie fasste Claudius Galenus (kurz: Galen, 129 - 199) das damalige anatomische Wissen zusammen und veröffentlichte es in über 30 Büchern. Der Gladiatorenarzt ist gleichzeitig der Begründer der „Vier-Säfte-Lehre“, die von der These ausgeht, dass alle Krankheiten auf einer fehlerhaften Zusammenstellung der damals be-

kannten Körpersäfte (Schleim, Blut, gelbe und schwarze Galle) zurückzuführen seien. Galen wurde mit seiner Lehre eine absolute Autorität für das ganze Mittelalter. Im Mittelalter begriff man den Menschen als Kreatur Gottes. Ganz im Gegensatz zur Antike galt Nacktheit als Ausdruck von Schuld. Sektionen wurden von der Kirche untersagt, was das Studium der Anatomie deutlich erschwerte. Lediglich hingerichtete Verbrecher, die aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen waren, durften seziert werden und dies auch nur unter den Gesichtspunkten der Galenschen Lehre und nicht als selbstständige Forschung. Unter dem Einfluss der Renaissance änderte sich schließlich die bis dahin enge anatomische Lehrmeinung. Als Wegbereiter der neuzeitlichen Anatomie ist hier Andreas Vesalius (1514 -1564) zu nennen, der als Erster die Schriften von Galen wiederlegte. Der Anatom veröffent-

lichte das erste anatomische Tafelwerk und erforschte grundlegend das funktionale Ineinander der Muskeln. Mit Hinblick auf seine Mechanik, untersuchte das Universalgenie Leonardo Da Vinci (1452 - 1519) den menschlichen Körper. Unter dem Leitsatz : „Wenn du glaubst, die Gestalt eines Menschen und seine Glieder in allen ihren ver-


schiedenen Stellungen mit Worten wiedergeben zu können, so musst du dir diesen Gedanken aus dem Kopf schlagen; denn je genauer du sie beschreibst, desto mehr wirst du den Geist des Lesers verwirren... Deshalb muss man sowohl darstellen als beschreiben.“, sezierte er über 30 Leichen und dokumentierte seine anatomischen Studien detailliert. Im 17. Jahrhundert erkannte man die Anatomie schließlich als eigenständige Medizinwissenschaft an und Anatomen untersuchten nun auch nach Veränderungen der Organe zum Erforschen und Begründen von Krankheiten. Zu dieser Zeit entstehen auch erste Anatomie-Präparate, die in öffentlichen Kabinetten ausgestellt wurden. Auch in der Künstleranatomie markiert das 17. Jahrhundert einen starken Einschnitt. Stand zuvor noch das Funktionelle im Vordergrund, nimmt nun die Künstleranatomie die Körperhaftigkeit, das Runde in den Bereich ihres Forschens mit auf. Es ist die Zeit der Gründung zahlreicher Kunstakademien, an denen anatomische Lehre unter dem Gesichtspunkt des Kopierens und Abzeichnens bereits vorhandener Dokumente gelehrt wird. Die Anatomie wird also ein künstlerisches Mittel sich realistisch auszudrücken. Der große Leitgedanke des Barock ist die Bewegung bzw. die Bewegtheit. Das Bewegtsein des Leibes bezeichnet immer auch das Bewegstsein der Seele. Das Erfassen seelischer Erregung spielt in der barocken Ausbildung eine wesentliche Rolle. Sie erhält sogar einen höheren Stellenwert, als die korrekte wissenschaftliche Wiedergabe der Realität, wie die Zeichnung Peter Paul Rubens (1557 - 1640) des schreitenden Muskelmannes beweist. Er fügte ohne Rücksicht auf die informativ wissenschaftliche Aussage eigene Muskelerfindungen hinzu. Im 18. Jahrhundert sagt sich die Anatomie von der Medizin los und wird als Lehrfach an Akademien selbstständig. Nach und nach

spielt die Einheit von Form und Funktion eine wichtigere Rolle. Eine wichtige Persönlichkeit hier ist Siegfried Mollier (1866 - 1954), der die beschreibende und imitative Auffassung in der Künstleranatomie brach und mit seinen Einsichten über die Einheit zwischen baulicher Beschaffenheit einzelner Körperteile und Wirkungserfolg das Nachdenken über die Körperform in den 1920/30er Jahren erheblich beeinflusst hat. Bildgebende Verfahren beeinflussen das Wissen über Anatomie und ihren Umgang damit im 20. Jahrhundert enorm. Letzte anatomische Details (wie z.B. die Synapsen) wurden mithilfe des Elektronenmikroskops in den 60er Jahren entdeckt. Die Anatomie ist heute ein eigenständiges wissenschaftliches Gebiet.


Bei Betrachtung von Schillers Schädel Im ernsten Beinhaus wars, wo ich beschaute, Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten; Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute. Sie stehn in Reih geklemmt, die sonst sich haßten, Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen, Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten. Entrenkte Schulterblätter! was sie trugen, Fragt niemand mehr, und zierlich tätge Glieder, Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen. Ihr Müden also lagt vergebens nieder, Nicht Ruh im Grabe ließ man euch, vertrieben Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder, Und niemand kann die dürre Schale lieben, Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte, Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben, Die heilgen Sinn nicht jedem offenbarte, Als ich inmitten solcher starren Menge Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte, Daß in des Raumes Moderkält und Enge Ich frei und wärmefühlend mich erquickte, Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge, Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte! Die gottgedachte Spur, die sich erhalten! Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte, Das flutend strömt gesteigerte Gestalten. Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend, Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten? Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend Und in die freie Luft, zu freiem Sinnen, Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend. Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare? Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen, Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

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Peggy Ich fand das Sezieren einer Ratte sehr spannend. Ich hatte keine Furcht und keinen Ekel davor, wie andere Komillitonen. Zu beginn der ersten Stunde hatte ich nur ein wenig Bedenken, das es riechen könnte. Das hatte sich aber nicht bestätigt. Ich war sehr aufgeregt, die Ratte aufzuschneiden. Das Gefühl mit einer Schere in Fleisch schneiden zu dürfen ist sehr abenteuerlich, da man mit jedem weitern Schnitt, mehr und mehr vom Inneren der Ratte lokalisieren kann. Ich, als Nicht-Biologe/ Nicht-Mediziner habe nicht oft die Möglichkeit Lebewesen sezieren zu dürfen. Das Aufschneiden geht sehr einfach, fast wie in Butter schneiden. Gut fand ich, das kein Blut geflossen ist, alles war sauber, so konnte ich die Organe gut erkennen und nachvollziehen. Ich bin sehr froh darüber, dass ich diesen Kurs besuchen durfte, da ich ich jetzt eine etwas differenziertere Sicht auf das Innere eines Lebewesen habe.

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Nackt unter StudentenOder: Wie man eine Ratte häutet Ein kleiner Erfahrungsbericht „Waaas macht ihr da? Ihr schneidet Ratten auf ?! Is ja voll eklig! Ich dachte, du studierst Fotografie!“, das waren die gängigen Reaktionen meiner Umwelt auf meine Montagskurswahl. Zugegeben, Ratten sezieren gehört nicht unbedingt in den üblichen Kunsthochschulbetrieb, aber genau deshalb fand ich es spannend diesen Kurs zu belegen. Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit ein Tier zu sezieren? Meine bisherigen Erfahrungen beschränkten sich auf den obligatorischen Fisch im Biologieunterricht in der 7. Klasse. Das mit der Übelkeit packe ich auch schon irgendwie...dachte ich.

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Wenn es dann aber erst mal so weit ist und eine tote (noch geschlossene) Ratte vor einem liegt, die man sonst nur lebendig in der Zoohandlung oder im Käfig bei Freunden gesehen hat, dann ist das schon eine andere Liga. Am Anfang hat man noch das Gefühl, dass sie gleich quiekt und losläuft. Das tut sie aber nicht! Stattdessen sieht man den Professor, der mit dem Skalpell langsam am Rücken der Ratte entlang fährt und in die Haut schneidet. Ok, alles noch ganz locker, denke ich, bis Herr Garschke beginnt das Fell in beide Seiten zu ziehen und einem die knackige rote Farbe der Muskeln förmlich ins Auge springt. Das hat sich die Ratte bestimmt auch anders vorgestellt... Ein kurzer Blick in die Runde verrät, dass nicht unbedingt jeder die Euphorie unseres Lehrmeisters teilen kann. Auch ich entscheide mich lieber erst mal kurz aus dem Fenster zu schauen. Was bleibt sind diese fiesen Schmatzgeräusche, die entstehen, wenn man das Fell von den Rattenärmchen zieht. Fast so,


wie wenn die Mutter dem Kind in der Straßenbahn hilft, den Anorak auszuziehen (nur ohne Schmatzgeräusche). Ist ja doch nicht so einfach, wie ich dachte. Schließlich entscheide ich mich doch wieder hinzuschauen und sehe erst einmal einen roten Fleischklumpen mit Schwanz. Beim genaueren Betrachten erkenne ich erste Muskeln, die wir vorher nur schematisch an der Tafel gesehen haben. „Aha, die gibt‘s ja wirklich. Und man kann sie sogar wiedererkennen.“, denke ich und plötzlich erscheint mir der rote Fleischklumpen nicht mehr so abstoßend wie zuvor. Zu meiner Verblüffung wird es sogar ziemlich interessant Muskeln zuzuordnen und ihre Funktion zu bestimmen. Durch diese Arbeit vergisst man sogar für einen kurzen Moment die Übelkeit, traut sich selber ans Messer und schneidet noch überschüssiges Fettgewebe ab, um mehr von den Muskeln

sehen zu können. Ein mulmiges Gefühl macht sich zwischendurch schon noch einmal in der Magengegend breit, aber die Faszination für das Gesehene ist größer. Es wird im Laufe der Zeit immer selbstverständlicher eine gehäutete Ratte vor sich liegen zu haben und das Bewusstsein, dass dort ein toter Körper auf dem Tisch liegt, verschwindet. „So schlimm war´s ja gar nicht!“, lautet mein Fazit, obwohl mich der Mut zwischenzeitlich verließ. Die Vorstellung, dass man selbst so eine Konstruktion im Körper hat, hinterlässt einen bleibenden Eindruck, der auch über den Unterricht hinausgeht.

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Geschichte der Ratte Ratten stammen ursprünglich von der Wanderratte (Rattus norvegicus) ab. Diese kamen zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem asiatischen Raum auf dem Seeweg nach Europa und Nordamerika. Die Ratte hat sich schon früh einen Namen gemacht. Sie wurde besonders bekannt, als Überträger von Leptospirose, Toxoplosmose und der Pest. In der Zeit von 1347 bis 1352 fiel jeder 4. Bewohner Europas der Pest zum Opfer. Aus diesem Grunde gilt heute die Ratte wohl immer noch größtenteils als Ekeltier. Auch der lange, fast nackte Schwanz scheint dazu beizutragen, dass sich viele Menschen vor den von uns geliebten Pelznasen ekeln. In der Mitte des vorletzten Jahrhunderts begann man in Europa Albinoratten als Versuchstiere zu verwenden. Heute werden weltweit verschiedene Rattenstämme für die unterschiedlichsten Aufgaben in der Forschung gezüchtet, wie z.B. die Wistaratten und der Long-Evans-Stamm. Wegen der vielen Forschungsarbeiten gehört die Ratte ebenso wie die Maus zu einem der besterforschten Lebewesen der Welt. Der Grund hierfür ist die große Anpassungsfähigkeit und Vielseitigkeit der Ratte. Allein hierdurch ist es erst möglich wissenschaftliche Untersuchungen unter Extrembedingungen durchzuführen. So fanden vor allem in der biomedizinischen Forschung und der Arzneimittelforschung Millionen Laborratten einen grausamen Tod. Geeignete Ersatzmethoden an z.B. Zellkulturen sollen es in der Zukunft möglich machen, die Forschung mittels der Ratte zumindest stark zu minimieren.

Jemand aus unserem Team angelt sich den Darm. Wir haben ihn dabei aus Versehen angeschnitten, sodass uns alter Rattenkot entgegengekommen ist.

Aber es gibt auch sinnvolle Forschungen an der Laborratte. So wird z.B. ihr Sozialverhalten genauestens untersucht. Anhand dieser Untersuchungen ist es uns erst möglich, die süßen Racker artgerecht zu halten.

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Seit ca.

vier Monaten studiere ich an der HGB.

Das Angebot ist riesig. Besonders spannend ist der Unterricht bei Professor Ingo Garschke. Er unterrichtet Anatomie und Aktzeichen. In seinem Unterricht ziehen wir einer Ratte das Fell ab, um sie dann aufzumachen und uns die Organe anzuschauen. Nebenbei lernen wir alles Wichtige über den menschlichen Organismus. Muskeln, Organe, Funktionen etc... Ein relativ ungewöhnlicher Unterricht für eine Kunsthochschule. Dazu und andern Dingen hat mir Professor Garschke mir ein Interview gegeben...

Meine erste Frage wäre die nach Ihrer Intention zum anatomischen Arbeiten. Es ist ja an Kunsthochschulen eher ungewöhnlich mittlerweile. Früher war das ein Pflichtfach. Jetzt ist es ja eher außergewöhnlich, aber eigentlich halte ich das schon für einen Teil des Kunststudiums, dass ich das so intensiv betreibe, mit Lehrsektion und so weiter, mag schon etwas außergewöhnlich sein. Da gibt es den biographischen Hintergrund, dass ich früher mal Tierarzt werden wollte. Ich habe mich im Grunde schon immer für Anatomie interessiert und habe das immer aus wissenschaftlichem Interesse heraus betrieben. Ich habe dann Bildhauerei studiert. Sehr viele meiner bildhauerischen Arbeiten sind von diesen Knochenformen inspiriert. Insofern gab es immer eine Wechselwirkung zwischen Anatomie und Kunst. Die Anatomie hat sich dann immer weiter ausgeweitet, so dass ich großes Interesse daran gefunden habe an Fragen wie: „Was ist ein Organismus? Wie funktioniert ein Organismus?“ Also, dass man Mechanismen versteht, die sich dann auf bildnerische Weise widerspiegeln. Und das hat sich dann hier durch diese Lehrtätigkeit zu einem Lehrfach ausgebaut. Aber die eigentliche Intention ist ein künstlerisches wissenschaftliches Interesse.

Und die Auswirkungen der wissenschaftlichen Arbeit auf ihr künstlerisches Schaffen? Da gibt es so zwei Wege: Das eine ist das Konkurrierende. Also, je mehr man sich mit der Anatomie und dem wissenschaftlichen Teil beschäftigt, desto objektiver wird das Ganze eigentlich und desto weniger ist es eigentlich ein künstlerischer Weg. Auf der anderen Seite ist es wiederum bereichernd, weil man für sein eigenes künstlerisches Denken eine ganze Menge Strukturen entdeckt. Dinge, die man wieder für sich rüberziehen kann. Es ist immer eine Wechselwirkung. Anatomie und Kunst gehen nicht unbedingt Hand in Hand. Es ist immer ein Wechselspiel. Mal ist das eine stärker, mal das Andere. Wenn hier sitze und Sektionszeichnungen mache, dann sehe ich das in erster Linie als wissenschaftliche Illustration. Daneben gibt es den künstlerischen Weg, was aber eher Plastiken und Landschaftszeichnungen betrifft; mal eine anatomische Zeichnung, die damit reinspielt. Aber man muss das voneinander trennen. Also, ich würde jetzt nicht unbedingt eine wissenschaftliche Illustration unter rein künstlerischen Gesichtspunkten machen. Es muss immer etwas dienen. Also, es ist eine sachdienliche Zeichnung, wohingegen die subjektiveren Zeichnungen eher einer künstle-


rischen Intention folgen. Wie war das für Sie, als sie das erste Mal einen menschlichen Körper aufgemacht haben? Ich muss sagen: Ich war eigentlich zu jung dafür. Ich hab das im zarten Alter von 18 Jahren gemacht, als Sektionsgehilfe in der Pathologie. Also, da wo man noch frische Leichen hat. Kein Körperpräparat, sondern von der Straße weg. Und ich muss sagen das war emotional sehr überladend. Ich hab das Gefühl, dass ich jetzt diesem emotionalen Vorlauf das Wissen nachliefere. Damals war der Erlebniswert höher, als der Erkenntniswert. Ich hab das dann auch in Zeichnungen und Grafiken umgesetzt. Und ihr Gefühl dabei? Ich hab bei ihnen ja nur ein Ratte auseinander genommen und das hat bei mir schon ein recht mulmiges Bauchgefühl erzeugt. Also, wenn man einen menschlichen Körper öffnet, dann ist es schon die eigene Existenz die einem dann entgegenspringt. Das menschliche Leben! Das berührt einen schon. Aber man geht dann doch recht schnell handwerklich vor. Ohne jetzt abzustumpfen. Also, eine Schädeldecke öffnen, das Gehirn rausnehmen, es in Scheiben schneiden. weil das einfach Prozesse sind, die ablaufen. Aber es gibt auch Hemmschwellen. Es ist auch gut, dass es die gibt. Es wäre fatal, wenn man das ohne Skrupel machen könnte ohne, dass man dabei etwas empfindet. Nichtsdestotrotz verspürt man eine große Faszination, wenn man so einen Körper öffnet. Wie komplex das ist und was ein Organismus überhaupt ist. Das geht über die reine Anschauung hinaus. Das heißt man sieht zwar etwas, aber da ist immer noch etwas mehr, weil es Rückstände von Lebendigkeit sind. Das ist das Paradoxe an der Anatomie, es verweist auf etwas, was nicht mehr da ist, nämlich das Leben. Darin liegt die große Spannung

Wie wirkt das auf ihr Umfeld. Z.B. ihr Frau? Klar, wie lebt man mit so einem Interesse? Meine Frau ist Psychiatern, die versteht das (lacht). Sie ist Medizinerin. Sie hat so etwas ja selbst während des Physikums gemacht und weiß worum es geht. Und als Psychiatern ist sie abgebrüht genug um damit umzugehen und so hatte ich auch in meinem Leben nie das Gefühl, dass ich da abdriffte. Manchmal denk ich auch: „In welcher Welt bewegst du dich eigentlich?“ Bei mir Zuhause sieht es ähnlich aus wie im Anatomieraum, aber da ist Verständnis da. Ich habe auch schon mit meiner Tochter zusammen Ratten seziert. Also, sie ist da auch neugierig und offen. Zu ihrem Unterricht: Die Frage nach ihrem pädagogischen Konzept. Im Sinne von, dass wir als Studenten einer Kunsthochschule bei Ihnen sehr viel Biologie lernen und eine Ratte autopsieren. Oberflächlich gesehen ist das erstmal keine Kunst. Also, zum einen ist man als bildender Künstler kein Pädagoge. Ich bin einer der Wenigen, der hier Frontalunterricht macht. Ich stell mich dann auch hin und mache Tafelzeichnungen, also klassischen Unterricht. Ich halte die Anatomie für wirklich sinnvoll, da sie neben den ganzen geisteswissenschaftlichen Fächern, wie Philosophie und Kunstgeschichte, auch die Naturwissenschaft mitein-

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Dieser Fleischklumpen ist eine Deteilaufnahmen von den Innereien einer Ratte.


bezieht. Und diese Naturwissenschaft ist auch etwas, was unser Weltbild in den letzen Jahren stark geprägt hat und bei der es auch sehr viele künstlerische Ansätze gibt. Dass ich das im klassischen Sinne mache, hat damit zu tun, dass ich versuche in kurzer Zeit Wissen zu vermitteln. Hätten sie als gestandener Künstler einen Rat an die Jugend? Also, ich bin kein gestandener Künstler. Es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Galerie vertreten wäre. Wenn ich mich hier in meiner Tätigkeit betrachte, dann bin ich eher ein Hobbykünstler, der am Wochenende malt. Aber was ich immer mitgeben will, ist Begeisterung, Neugier und Unvoreingenommenheit! Gerade der Anatomie gegenüber! Interesse, Begeisterung, Neugier? Ja genau, Offenheit! Neugier für die organische Formenwelt. Wir leben zwar in einem medialen Zeitalter, aber immer noch ist der Körper die größte Projektionsfläche. Also alles wird im Grunde körperlich ausgetragen und auch projeziert. Darum denke ich, dass das Verständnis für den Körper und den Organismus kann eine Schlüsselerkenntnis sein. Für alle künstlerischen Richtungen. Nicht nur die Malerei, sondern auch Fotografie, Medienkunst und Buchkunst. Hier liegt wirklich ein großes Potential. Wenn wir unseren Körper besser verstehen, dann verstehen wir alles besser ? Ich denke, zu wissen was ein Organismus ist, kann ganz wichtig sein, um andere Dinge auch zu erkennen, weil alles von unserem Körper ausgeht, aber es fällt auch alles wieder zurück. Der Körper trägt auch alles aus. Psychosomatische Krankeheiten usw. Wenn man einen Zugang zu diesen Zusammenhängen bekommt, dann kann

einem das eine ganze Menge von Dingen verständlicher machen. Sind sie Sportler? Nein aber ich bin jemand der zumindestens mal über die Alpen gelaufen ist. Das Maß des Gehens war für mich wichtig, um Zeichnungen zu machen, meine ganzen Bergzeichnungen. Die habe ich im Grunde selber erlebt. Und nach so einem Tag, wenn man durch den Wald gewandert ist, dann kommen am Abend Bilder auf, die man nur so mitkriegt, wenn man vor Ort gewesen ist und körperlich erlebt hat. Das muss kein Sport sein. Ich bin kein Freund von Leistungssport. Aber vor Ort sein, mit eigenen Augen etwas sehen, das halte ich für sehr wichtig

für die Kunst. Zu guter letzt die meine Lieblingsfrage an Dozenten: Was ist eigentlich Kunst? (lacht) Das ist vielleicht gerade eine Frage, die man an einer Kunsthochschule nicht stellen sollte, weil man davon ausgeht, dass Kunst etwas Selbstverständliches ist. Oftmals ist die Antwort darauf schwierig. Was ist ein gutes Bild? Was ist ein schlechtes Bild? Ich kann es so einfach auch nicht beantworten. Ich bin jetzt auch niemand der sagt, Kunst ist eine Befindlichkeit oder ein Lebensgefühl. Also, überhaupt nicht! Ich bin auch niemand, der Künstler ausbildet. Ich bilde, wenn dann Maler, Grafiker, Medienkünstler und Fotografen aus. Ich versuche Leute zu befähigen sich ein Handwerkszeug zu erarbeiten. Ob das dann Kunst ist, will ich so pauschal nicht beurteilen. Herzlichen Dank für das Interview! Ja!


Steckbrief Ratte

Körpergewicht:

250 - 450 g

Körperlänge:

20 - 26 cm

Schwanzlänge:

18 - 22 cm

Schwanz und Ohren: spärlich behaart Fellfarbe:

graubraun = agouti

Lebensraum:

in Gewässernähe, auf feuchten Wiesen und Feldern; auch auf Müllhalden und im Kanalisationssystem hauptsächlich dämmerungsaktiver Nager, der geschickt klettert überwiegend vegetarisch; gelegentlich auch tierische Kost (kleine Tiere und Vögel) sehr guter Schwimmer und Taucher (durch verschließbare Nasenlöcher); die Wanderratte ist hochsozial, äußerst flexibel, intelligent und hat ein exzellentes Ortsgedächtnis

Lebensweise: Ernährung: Besonderheiten:


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