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Thomas Hausberg

Grumo & Cepita

Grumo

&

Un cuento fabuloso sobre las islas canarias

Cepita

Cepita

&

Eine märchenhafte Erzählung über die Geschichte der Kanarischen Inseln

Un cuento fabuloso sobre las islas canarias Grumo

Grumo & Cepita Eine märchenhafte Erzählung über die Geschichte der Kanarischen Inseln

Thomas Hausberg


Thomas Hausberg

Grumo & Cepita Eine m채rchenhafte Erz채hlung 체ber die Geschichte der Kanarischen Inseln


1. Auflage Copyright © 2009 Thomas Hausberg Alle Rechte vorbehalten Idee und Konzeption: Thomas Hausberg Satz und Layout: go4media.–EDITORIAL, Guia de Isora, Tenerife, España Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt Printed in Germany Dieses Buch ist auch als einzelsprachige Ausgabe erschienen: Deutsch: ISBN 10: 3-8370-2166-1 ISBN13: 978-3-8370-2166-0 Englisch: ISBN 10: 3-8370-2178-5 ISBN 13: 978-3-8370-2178-3 Spanisch: ISBN 10: 3-8391-2607-X ISBN 13: 978-3-8391-2607-3


Grumo & Cepita Eine m채rchenhafte Erz채hlung 체ber die Geschichte der Kanarischen Inseln

Aufgeschrieben und illustriert von Thomas Hausberg


E

s war einmal vor sehr, sehr langer Zeit. Die Erde sah noch nicht so aus, wie du sie heute kennst. Heftige Gewitter tobten rund um den Erdball, Regen ergoss sich wie aus Sturzbächen aus den Wolken, die der Wind mit einem fürchterlichen Geheule vor sich her trieb. Das war so laut, dass du dein eigenes Wort nicht verstanden hättest. Aber damals gab es ja noch keine Menschen auf der Erde. Überhaupt gab es nichts Lebendes, dass mit dem, wie du die Welt kennst, vergleichbar gewesen wäre. Die Erdkugel war über und über mit Wasser bedeckt und in ihrem Inneren brodelte heißes Gestein. Das Gestein war so heiß, dass es wie ein dicker Klumpen Teig aussah, der aber dunkelrot glühte. Wo diese heiße Magma, so nennt man das Innere der Erde, mit dem Wasser in Berührung kam, zischte und dampfte es und es bildete sich eine Kruste um den breiig flüssigen Teil der Erde. Diese Kruste platzte immer wieder auf und Lava, das ist flüssiges, furchtbar heißes Gestein, quoll heraus. Die Erde bebte während sich ganz allmählich Berge aus erkaltender Lava aus den unendlichen Weiten der Wassermassen erhoben. Aber auch diese rissen immer wieder auf und aus den so genannten Vulkanen spuckte neue, feurige Lava, die aus dem Inneren der Erdkugel an die Oberfläche kam. Es entstanden große Landflächen, die man Kontinente nennt. Diese Kontinente wurden auseinander gedrückt, dehnten sich und schoben sich zusammen und falteten sich zu neuen Bergen auf. Es war schon ein gewaltiges Spektakel und es dauerte viele, 4


viele Millionen Jahre, bis sich die Erde langsam beruhigte. Selbst heute gibt es noch rauchende und feuerspeiende Vulkane an einigen Stellen der Erde. Auch hier ergießen sich immer wieder mächtige Lavaströme. Und die Vulkane schleudern dabei heiße Dämpfe und kleine und große Klumpen Gestein hervor. So entstanden auch westlich vor der Küste von Afrika im Atlantischen Ozean sieben Inseln, die später „Isolas Canarias“ die Kanarischen Inseln

Lanzarote

La Palma Teneriffa La Gomera El Hierro

Fuerteventura

Gran Canaria

genannt wurden. Die größte davon ist Teneriffa. Und wie man sich erzählt, hat sich hier die folgende Geschichte ereignet: 5


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A

uch auf Teneriffa hat es Feuer geregnet und waren Staub, Rauch und Steine in die Luft geschleudert worden. In der Mitte erhob sich ein mächtiger Vulkan. Der war schließlich so hoch, dass die meisten Wolken an ihm vorbei fliegen müssen. Auch heute ist er mit einer Höhe von 3.718 Metern der höchste Berg Spaniens. Und wenn man ihn besteigt, sieht es so aus, als ob er auf den Wolken schwimmen würde. Dieser Vulkan wurde später von den Menschen „Pico del Teide“ genannt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Teide Feuer und Steine gespuckt hat. Selbst jetzt kann man, wenn man auf seiner Spitze steht, die Schwefeldämpfe, die aus dem Erdinneren kommen, riechen. Einer dieser Steinbrocken, der aus dem Teide gespuckt worden war ist «Grumo», was auf Spanisch soviel heißt wie Krümel oder Klümpchen, also ein eher kleines Exemplar unter den Tausenden, wie du sie heute überall finden kannst. Während sich die Erde langsam beruhigte, lag Grumo lange Zeit schutzlos am Abhang des Teide. Andere Steine, die ebenfalls aus dem Vulkan geschleudert wurden, schrammten ihn und schlugen dabei kleine Stücke von ihm ab. Er war Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Regen prasselte auf ihn nieder, dann brannte wieder die Sonne auf ihn und manchmal war es so kalt, dass Wasser, 7


das in seine Ritzen und Furchen eingedrungen war, gefror und kleine Stücke von ihm absprengte. Und so hat Grumo über die Jahrmillionen seine Form verändert und wenn man ihn genau betrachtet kann man sogar ein Gesicht erkennen. Wenn du spazieren gehst oder draußen spielst und dabei die Augen offen hältst, kannst du so manchen Stein finden, der eine ganz besondere Form hat. Viele Menschen glauben sogar, dass Steinen eine besondere Kraft innewohnt, die man manch-

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mal sogar spüren kann. So ein ganz besonderer Stein war auch der kleine Grumo. Sein Inneres war von einem Geist beseelt. Aber was Grumo so einzigartig machte, war seine Gabe sprechen zu können. Allerdings konnten nur Pflanzen und Tiere seine Stimme hören. Oft erinnerte sich Grumo an die vergangene Zeit, die er noch heiß und fast flüssig im Inneren der Erde verbracht hatte. Und an seine erste große Reise, als er durch die Luft geschleudert wurde. Nun lag er da zwischen einer Unzahl anderer Steine, bewegungslos und von nie-

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mandem beachtet. Den anderen Steinen schien das nichts auszumachen, Grumo aber wurde es mit der Zeit entsetzlich langweilig. Außer ein paar Moosen und Flechten, Gräsern und ein paar wenigen Blumen oder dem so genannten «Rote Teide-Natternkopf», dass ist übrigens eine Pflanze, die nur auf den Kanarischen Inseln wächst, gab es nichts in seiner Umgebung. An einem schönen Sommertag, die Sonne hatte ihn mit ihren Strahlen angenehm erwärmt, vernahm er ein bis dahin unbekanntes Geräusch. Hatte er da nicht einen vorbei huschenden Schatten bemerkt? Da war es wieder! Und dann sah er ein ihm völlig unbekanntes Ding. Anders als alles, was er bislang in dieser Gegend gesehen hatte, bewegte sich das unbekannte Wesen blitzschnell von einem Stein zum anderen. „Hey“, rief Grumo: „Was bist du denn für ein komischer Zeitgenosse?“ Erschrocken hielt der Neuling inne. „Hola,“ zischelte er ganz leise, „ein Stein, der sprechen kann? Sehr ungewöhnlich.“ „Ungewöhnlich?“ Grumo fand dies überhaupt nicht ungewöhnlich. Allerdings hatte er sich immer gewundert, warum die anderen Steine nie auf seine Fragen geantwortet hatten. „Ungewöhnlich bis doch eher du. Ich habe so was, wie dich noch nie gesehen.“ „Gestat10


ten, Gallotia – die Kanareneidechse. Ich bin hier auf der Insel zuhause. Allerdings komme ich nur selten so hoch in die Berge, hier ist es mir meist zu kalt. Aber wenn die Sonne scheint, dann suche ich mir einen schönen Platz zum Aufwärmen und genieße die prächtige Aussicht.“ Mit einem Satz landete er auf Grumo und nahm sichtlich zufrieden die wohlige Wärme, die Grumo ausstrahlte, in sich auf. „Ich beneide dich,“ sprach Grumo nachdenklich weiter. „Du hast Beine und kannst gehen,

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wohin du willst. Ich sitze hier nun schon eine Unendlichkeit und ... .“ Grumo wollte der Eidechse gerade seine Geschichte von seiner Reise aus dem Erdinneren und dem Flug durch die Luft und dem Herunterkullern, wenn der Teide bebte, erzählen. Die aber zischte nur noch kurz: „Keine Zeit, keine Zeit, ich muss weiter!“ und schnellte sich flugs auf den nächsten Geröllbrocken. Dabei hatte sie Grumo noch einen ordentlichen Schups gegeben, so dass unser steinerner Freund den Hang hinab purzelte. `Heissa,´ jubelte Grumo in seinem Inneren,

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`endlich geht die Reise weiter.´ Er hatte sich nicht mal mehr bei Gallotia bedanken können. Mit mächtigen Sprüngen ging es immer weiter abwärts. Erst als es schon anfing dunkel zu werden blieb er am Eingang zu einer Höhle liegen. Grumo war kaum zur Ruhe gekommen und begann sich gerade an die Dunkelheit zu gewöhnen, da hörte er ganz leise, spitze Rufe und ein Flattern, das aus der Höhle zu kommen schien. Neugierig versuchte er zu erkennen, was das war. Da landete plötzlich etwas Haariges auf ihm. Erschrocken rollte er ein wenig zu Seite. Dieses haarige Etwas störte dies allen Anschein nach wenig. Es krabbelte über Grumos raue Oberfläche und hielt sich mit seinen spitzen Krallen geschickt fest. „He, das piekt! Sei mal ein bisschen vorsichtiger. Und außerdem: Wer bist du denn überhaupt?“ Grumo war nicht böse auf seine neue Bekanntschaft, aber schließlich war er in seinem bisherigen Dasein schon oft genug angerempelt und umher gestoßen worden. „Perdon, ich bin Plecotus, die Langohrfledermaus, einzigartig und hier in der Steinhöhlen und in den Wäldern an den Hängen des Teide ist meine Heimat. Aber einen Stein, der sprechen kann, habe 13


ich hier noch nie gesehen. Sehr ungewöhnlich.“ Grumo wollte ihm gerade erklären, dass dies völlig normal sei, aber die kleine Fledermaus überhörte dies anscheinend und fing an von ihrem Leben auf den Inseln, denn sie hatte auch noch nahe Verwandte auf den anderen Inseln der Kanaren, zu erzählen. Sie erklärte Grumo, was es mit den großen Ohren, die fast die Länge ihres restlichen Körpers haben, auf sich hat. Und so erfuhr Grumo, dass sie durch den Widerhall ihrer spitzen Rufe selbst in stockfinsterer Nacht jedem Hindernis ausweichen könne und sie damit sogar ihre Nahrung – sie jagen nach Insekten, die nachts herumschwirren – aufspüren. Wenn du schon mal im Gebirge warst, hast du das mit dem Echo bestimmt ausprobiert. Man ruft ganz laut in ein

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Tal hinein und wenige Augenblicke später hört man dann seine eigene Stimme zurückschallen. Genau so funktioniert das auch bei den Fledermäusen. Wenn du nachts mal welche siehst, musst du also keine Angst haben, dass die mit dir zusammenstoßen. Fledermäuse sind wahre Nachtflugexperten. Zwischendurch hatte Plecotus seine Geschichten immer wieder unterbrochen, um in die Nacht hinaus zu fliegen und nach kurzer Zeit mit einer dicken Motte oder einem Nachtfalter zurückzukehren. Die verspeiste er genüsslich auf Grumo sitzend. Die Fledermaus erzählte Grumo auch, dass sie tagsüber in Felsspalten oder in Baumhöhlen schlief. Und da die Fledermaus auf ihren nächtlichen Jagdflügen viel herum kam, kannte sie Dinge, die Grumo bislang fremd waren. Das alles wollte Grumo auch erkunden und er war schon ganz neugierig, was der nächste Tag für Überraschungen bereit halten würde. Er staunte nicht schlecht, als die ersten Sonnenstrahlen über die Berge kamen und das Tal vor der Höhle erhellte. Plecotus war schon längst zu seinem Schlafplatz geflogen. Woher der beissende Geruch kam, den Grumo schon eine ganze Weile in der Nase zwickte, hatte er Plecotus nicht fragen wollen. Vielleicht wäre ihm das ja peinlich gewesen. Auch mit dem hin und wieder ertönenden „Mä-määh!“ hatte er nichts anfangen können. Aber die Fledermaus war ja auch sooo beschäftigt gewesen. Nun sah Grumo wo das alles her kam. Vor der Höhle lag eine ganze Anzahl, für ihn riesig großer Geschöpfe, mit langen Haaren und Hörnern auf den Köpfen. Einige waren damit beschäftigt Gräser vom Boden zu zupfen, andere lagen einfach nur da und bewegten das Maul, als ob sie reden würden. Aber zu hören war da nichts. Nur ab und zu reckte eines von ihnen den Hals und dann kam dieses „Mä-määh!“ heraus. Schon eine Zeitlang war Grumo ein kleineres Exemplar aufgefallen. Es 15


schien sich über irgendwas zu freuen, denn es hüpfte ganz ausgelassen zwischen den anderen hin und her. Es hielt zwischendurch plötzlich inne, so als wartete es auf Applaus von den anderen für seine tollen Kunststücke. Dann trat es unverhofft mit beiden Hinterbeinen in die Luft, um sogleich wie ein Blitz einen Galopp zu starten, stoppte dann wieder, sprang mit allen Vieren gleichzeitig in die Höhe und schlug danach ein paar Zickzackhaken. Grumo jedenfalls war total begeistert und rief diesem Wirbelwind zu: „Hola du Spring-ins-Feld, ich heiße Grumo und wer bist du?“ Verdutzt hielt der Kleine inne. Er schaute sich um, aber auf die Idee, dass er von einem Stein angesprochen worden war, darauf kam er nicht. Erst als Grumo erneut rief: „Ich bin Grumo, verrätst du mir deinen Namen?“ näherte er sich vorsichtig. „Ein sprechender Stein? Sehr unge16


wöhnlich, mä-ää-määh. Und Grumo heißt du, mä-ää-määh. Mich nennt man Cabritillo, mä-ää-määh und ich bin eine Bergziege. Ich bin oft mit meiner Mutter, meinem Vater, meinen Tanten und all den anderen, die zu meiner Herde gehören, hier oben. Dich habe ich hier aber noch nie gesehen.“ Grumo erzählte dem kleinen Zicklein von seiner Reise aus dem Erdinneren und wie er von Gallotia, der Kanareneidechse angeschupst worden war und von Plecotus, der Langohrfledermaus, die in der Höhle wohnt und wie gerne auch er so herumspringen würde, wie ein Zicklein. „Das ist ja wirklich kein Problem, mä-äämääh. Mit mir will sowieso keiner von den anderen herumtollen. Die sind nur am Fressen oder liegen faul in der Sonne und sind am Wiederkäuen. Wenn du möchtest, dann spielen wir zusammen, mä-äämääh.“ Im gleichen Moment bekam Grumo von Cabritillo einen Schups mit der Schnauze. Grumo kullerte ein Stückchen und blieb danach wieder liegen. Cabritillo machte einen seiner grandiosen Bocksprün17


ge und versetzte Grumo dabei einen leichten Tritt mit seinem Huf. Grumo polterte weiter den Abhang hinunter. Kaum war er wieder zur Ruhe gekommen, da war das Zicklein auch schon wieder bei ihm und verpasste Grumo erneut einen Rempler. Grumo flog nur so durch die Luft. Es war ein Mordsspaß und die beiden vergaßen ganz die Zeit. Sie hatten bei ihrem Eifer unterdessen nicht bemerkt, dass sie sich immer weiter von der Herde entfernten. Irgendwann, es muss bereits später Nachmittag gewesen sein, blieb Cabritillo plötzlich stehen. „Was ist los?“ rief Grumo, der nicht genug vom Herumpurzeln bekommen konnte. „Bist du schon müde?“ Cabritillo machte ein ganz trauriges Gesicht. „Ich habe Durst und ich möchte zu meiner Ma-Maaah! Außerdem habe ich Angst, wenn ich nicht bei der Herde bin. Ich will Heim-ääääääh!“ Grumo versuchte seinen neuen Freund zu beruhigen. Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch bei dir.“ Grumo war allerdings durchaus bewusst, dass er keine große Hil18


fe für das kleine Zicklein sein konnte. Wie hätte er ihm auch helfen sollen, so ohne Arme und Beine? Das stimmte Grumo traurig. Aber während er noch seinen trüben Gedanke nachhing, krachte plötzlich dicht neben ihm eine Holzstange auf den Boden. Die Steine um ihn herum spritzen nur so durch die Luft. Auch Grumo bekam einen Stoß und flog den Abhang hinunter. „Cabritillo pass auf!“ rief er dem Zicklein noch zu. Doch er konnte seinen Freund nirgends sehen. `Hoffentlich hatte Cabritillo noch genügend Zeit, um sich vor den fliegenden Stöcken in Sicherheit zu bringen.´ durchzuckte es Grumo. Er versuchte zu erkunden, was es mit dieser Holzstange auf sich hatte. Und dann sah er sie wieder. Am oberen Ende hing ein ganz komisches Etwas. Das hatte Grumo noch nie gesehen. Es hatte ein ähnliches Fell wie die Ziegen aus Cabritillos Herde. Aber Grumo sah, dass dieses Fell nicht wie bei den Ziegen angewachsen, sondern nur lose um den Körper geschlungen war. Ledig19


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lich auf dem Kopf wuchsen dieser komischen Gestalt Haare. `Sehr ungewöhnlich,´ dachte Grumo, während er weiter beobachtete, wie dieses unbekannte Wesen die Holzstange dazu benutzte, um über Felsspalten zu springen oder sich von hohen Felsvorsprüngen geschickt in die Tiefe gleiten ließ. Grumo war ganz fasziniert und hätte beinahe seinen kleinen Freund, das Zicklein vergessen. Aber dann hörte er sein klägliches „Mä-ää-määh!“ Im selben Moment landete der Stockspringer neben Cabritillo. Dieser schien keine Angst zu haben, denn als er hochgehoben wurde rief er Grumo zu: „Hola Grumo, das ist Bentor, unser Hirte. Er gehört zu den Guanchen. Das sind die Menschen, die hier auf den Inseln leben. Bentor bringt mich jetzt wieder zu meiner MaMaaaah zurück. Mach´s gut Grumo. Wir sehen uns hoffentlich mal wieder, mä-ää-


määh!“ Im Vorbeigehen hatte der Hirte ein paar Steine losgetreten, die stießen gegen Grumo. Und bevor er noch etwas erwiedern konnte, kullerte er den Abhang hinunter und kam erst wieder zum Liegen, als er Cabritillo, das Zicklein und Bentor, den Hirten nicht mehr sehen konnte. Dafür eröffnete sich für Grumo der Blick in eine kleine Schlucht. Und was er da zu sehen bekam überraschte und faszinierte ihn zugleich. In die gegenüberliegende Felswand waren einige Höhlen gegraben worden und allen Anschein nach lebten hier einige dieser Guanchen, von denen ihm Cabritillo erzählt hatte. Grumo beobachtete ihr geschäftiges Treiben. Ein paar von ihnen formten aus Ton Gefäße, die sie mit verschiedenen Ornamenten verzierten. Ein anderer war gerade damit beschäftigt ein Feuer zu entzünden. Grumo sah, wie eine Frau ein noch ganz kleines Kind auf dem Schoß hielt und ihm etwas zu trinken gab. Ein Stück weiter waren eine ältere Frau und ein Mädchen damit beschäftigt aus Getreidekörnern feines Mehl zu mahlen. Sie benutzten dazu flache Steine als eine Art Mühle. Was Grumo aber nicht so sehr gefiel, war ein Fell, das auf ein Gestell aus Holzstangen zum Trocknen aufgespannt war. Das sah ganz so aus, als ob es einem von Cabritillos Verwandten gehört hätte. Die Guanchen machten daraus wohl nicht nur ihre Kleidung, son22


dern alle möglichen Gebrauchsgegenstände, wie Decken, Beutel und sogar Schuhe. In einer Ecke des Versammlungsplatzes saßen zwei Männer neben einem großen Drachenbaum. Sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft und redeten dabei so laut, dass Grumo sie gut verstehen konnte. „Es ist schon viele Jahre her,“ sagte gerade der Ältere, „da sind unsere Vorfahren, die Adejad – das waren Berber vom Nordwesten des afrikanischen Festlands – hierher auf die Insel gekommen. Zur Erinnerung haben wir unser Tal darum Adeje genannte. Und unsere Verwandten aus Tabarno kommen aus dem marokkanischen Dorf Tabomost. Ich

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könnte dir noch einige andere Beispiele nennen, an denen du unsere Herkunft und die Beziehung zur alten Heimat ableiten kannst. Auch haben uns die Berber die Kunst des Töpferns überliefert.“ Der Jüngere hörte aufmerksam zu. Dennoch bemerkte Grumo, dass ihn allen Anschein nach etwas auf der Seele brannte, das er unbedingt erzählen wollte. „Großvater, ich bin sehr interessiert an der Geschichte unseres Volkes. Aber ich habe vor ein paar Tagen etwas gesehen, was ich dir unbedingt erzählen muss.“ Er erhob sich und ging zu einer Felswand. Mit einem Faustkeil aus hartem Stein begann er Linien in die Wand zu ritzen. „Schau her,“ sagte er an den Alten gewandt, „unten in der Bucht habe ich solche hölzernen Schalen gesehen. Die sind größer, als unser Dorf, mit langen Bäumen darauf, die keine Äste haben. An den Bäumen hängen große Tücher und aus den Schalen kamen viele Männer und auch Tiere, die ich noch nie gesehen habe. Die Männer trugen keine Felle wie wir, sondern Kleider aus bunten Stoffen und haben Hüte und Schalen um die Brust aus einem Material, das mir ebenfalls unbekannt ist. Es blinkt in der Sonne und scheint hart und schwer zu sein.“ Was der junge Guanche nicht wissen konnte, die Neuankömmlinge trugen Helme und Rüstungen aus Eisen. Den Guanchen war bis dahin Metall unbekannt. „Außerdem sprechen sie eine Sprache, die ich nicht verstehen konnte.“ „Du musst darüber unserem Mencey“ – so bezeichnete man in Guanche, der Sprache der Ureinwohner, den Häuptlinge oder König – „davon berichten. Er wird sich dann mit seinen Beratern im Tagoror“ – so nannten die Guanchen ihren Ratsplatz in Form eines Steinkreises – „treffen und entscheiden, was zu tun ist,“ riet ihm der ältere Mann. „Aber jetzt habe ich Hunger. Bring mir doch etwas Gofio und von dem gerösteten Fleisch. Und die mit Mocán-Honig gesüßte Ziegenmilch.“ 24


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`Wie konnte man angesichts solcher Neuigkeiten nur an Essen denken?´ Grumo konnte das nicht verstehen. Er musste einen Weg finden, wie er diese Neuankömmlinge beobachten konnte. Jetzt wäre ihm die Hilfe von Gallotia, der Kanareneidechse oder Cabritillo, dem Zicklein sehr hilfreich gewesen. Doch die waren ja weit oben in den Bergen. Doch Grumo bekam unerwartet Hilfe. Nachdem sich die Guanchen am nächsten Tag beraten hatten, machte sich eine Gruppe von Männern unter der Führung von Benchomo, einem mächtigen König, auf den Weg, um den Neuankömmlingen entgegen zu gehen. Der junge Guanche, der die Ankömmlinge zuerst gesehen hatte, führte die Gruppe. Im Vorbeigehen hatte er sich ein paar herumliegende Steine in einen kleinen Lederbeutel gesteckt und dabei hatte er auch Grumo aufgenommen. So konnte unser kleiner Freund die folgenden Ereignisse bestens beobachten. 26


Auf dem Weg nach Añaza, dem heutigen Santa Cruz de Tenerife, wo die Fremden gelandet waren, schlossen sich noch weitere Guanchen der Gruppe an. Mit 300 Mann trafen sie auf das Heer von Fernández de Lugo, der ihnen mit vier Mal so vielen Männern entgegen trat. Er hatte einen Dolmetscher, der die Sprache der Guanchen sprach, bei sich und ließ Benchomo ausrichten, dass er gekommen sei um Freundschaft zu schließen und mit der Bitte, dass sich alle Guan-

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chen zum Christentum bekennen und dem spanischen König dienen sollten. Benchomo antwortete: „Was die Freundschaft betrifft, so bräuchte kein Mann sie abzulehnen oder vor ihr zu fürchten, denn es wäre für beide Seiten gut, und er würde diese Freundschaft gerne und guten Willens annehmen, wenn Lugo sein Land verlassen und die Einwohner in Frieden lassen wolle. Sie könnten sich auch dessen, was es in diesem Land gäbe und ihnen angenehm wäre, ohne Weiteres bedienen. Aber in Hinsicht darauf Christ zu sein, wüssten sie weder was für ein Ding das Christentum wäre, noch verständen sie diese Religion. Noch weniger seien sie einverstanden mit der Unterwerfung unter den spanischen König, da sie niemals Abhängigkeit von einem Mann anerkannt hätten wie von diesem.“ Dann zog er sich mit seinen Männern zurück. Grumo war froh, dass die Begegnung mit den Fremden so friedlich verlaufen war, denn er hatte gespürt, dass hier nichts Gutes in der Luft lag. Allerdings sollte er sich getäuscht haben. Denn Fernández de Lugo hatte nicht die Absicht sich so ohne Weiteres von seinem Vorhaben, die Kanarischen Inseln zu unterwerfen, abbringen zu lassen. Er wusste, dass die Guanchen tapfere Männer waren und sich zu wehren verstanden. Er hatte darum mit anderen Königen, die auf Teneriffa herrschten, Verträge abgeschlossen, die ihnen die Freiheit zusicherten. Dies hatte er allerdings nur als eine List erdacht, um gegen die wehrhaften Männer, die unter der Führung von König Benchomo Widerstand leisteten, ungehindert vorgehen zu können. Auch hatte er die verschiedenen Gruppen der Ureinwohner durch Verrat und Intrigen gegeneinander aufgehetzt und Bewohner der anderen Inseln gezwungen als Söldner gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen. 29


Nachdem Benchomo sich dem Ansinnen der spanischen Eindringlinge widersetzt hatte, rief Fernández de Lugo seine Männer zum Kampf auf. Es gab fürchterliche Gefechte, bei denen viele Männer auf beiden Seiten ihr Leben verloren oder schwer verwundet wurden. Doch die Guanchen konnten sich zuerst behaupten. Die spanischen Eindringlinge mussten sich zurückziehen. Allerdings kehrten sie mit Verstärkung zurück, um die letzte der Kanarischen

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Insel unter ihre Gewalt zu bringen. Die Eroberung aller Inseln dauerte 94 Jahre. Am Ende war die Übermacht der Spanier zu groß gewesen und so wurden viele der überlebenden Ureinwohner der Kanaren versklavt und verschleppt. Es war wohl das traurigste Kapitel in der Geschichte der Kanarischen Inseln, das durch Leid und Zerstörung geprägt war. Doch es gab nicht nur machtbesessene Menschen in dieser Zeit. Als das spanische Königshaus erfuhr, welche Ungerechtigkeit den Guanchen widerfahren war und dass viele, trotz der Anerkennung der neuen Obrigkeit und dem Bekenntnis zum christlichen Glauben, versklavt und auf das spanische Festland verschleppt und dort verkauft wurden, erging der königliche Erlass, dass diese Menschen freigelassen und in ihre Heimat zurück gebracht werden mussten. Einige der neuen Herren wurden sogar ihrer Ungerechtigkeiten wegen zur Zahlung von Entschädigungen an die Guanchen verurteilt. Dennoch war das Leben auf den Kanarischen Inseln nach der Conquista, der Eroberung durch die Spanier, für die Ureinwohner noch lange Zeit von Unterdrückung und Erniedrigung geprägt. Oft wurden sie von den neuen Herren wegen ihrer traditionellen Kleidung und ihren Sitten und Gebräuche als Menschen zweiter Klasse verspottet. Doch die Guanchen, ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen, passten sich der neuen Situation an. Einige änderten ihre Namen, um nicht mehr verfolgt zu werden, andere heirateten in spanische Familien ein, um so als Spanier anerkannt zu werden. Dies war keine schöne Zeit, wie überhaupt die Unterdrückung oder Vernichtung anderer Kulturen durch Eroberer keine Ruhmestaten sind. 31


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ür die Guanchen war es lange Zeit nicht leicht sich mit der neuen Lebensweise, die durch die Spanier auf die Inseln gebracht worden war, zurecht zu finden. Einige von ihnen zogen sich in die Berge zurück und versuchten ihr gewohntes Leben weiterzuführen. Andere machten sich die Errungenschaften der neuen Herren zunutze und begannen neben der traditionellen Viehwirtschaft Ackerbau zu betreiben. Sie legten Terrassen an den Steilhängen an und bauten verschiedene Getreide und Gemüse an. Allerdings mussten die Inselbewohner nun mit anderen Gefahren fertig werden. Nachdem Christopher Kolumbus von den Kanarischen Inseln

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aus Amerika entdeckt hatte, waren diese Inseln ein wichtiger Knotenpunkt für den Seehandel mit der «Neuen Welt». Die Engländer wollten hier die Herrschaft übernehmen und versuchten mehrmals Teneriffa zu erobern, was ihnen allerdings nicht gelang. Doch allmählich beruhigte sich das Leben auf den Inseln und der zunehmende Handel mit Amerika brachte den Kanaren einen gewissen Wohlstand. Wissenschaftler, wie Alexander von Humboldt, machten auf ihren Expeditionen nach Südamerika Halt auf den Inseln. Denn hier konnten sie vor der langen Überfahrt über den Atlantik ein letztes Mal ihre Vorräte auffrischen, bevor sie sich, vom Nordost-Passat-Wind angetrieben, auf die Reise machten. Das ausgeglichene Klima, hier ist eigentlich immer Frühling, lässt Kartoffeln, Wein, Tomaten und Bananen das ganze Jahr über wunderbar gedeihen. 33


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rumo lag am Rande eines der neuen Weinfelder. Er hatte die unruhige Zeit unbeschadet überstanden. Hin und wieder kamen auch die Kanareneidechse und die Langohrfledermaus bei ihm vorbei. Diese hatten sich mittlerweile auch in den Häusern der Menschen angesiedelt. Denn das Licht in den Dörfern lockte nachts die Falter und Motten an und so hatten die Fledermäuse einen reich gedeckten Tisch. Alles hat eben auch seine positiven Seiten. Grumo hätte zu gerne seine Reise fortgesetzt. Aber die eingeebneten Terrassen und Felder machten es schwer, ja nahezu unmöglich, durch einen kleinen Tritt einen Abhang hinabrollen zu können. Ab und zu, wenn die Menschen die Erde um die Weinstöcke mit Harken auflockerten, rollte er ein paar Zentimeter weiter. Aber das war nichts gegen die großen Sprünge von damals, als Cabritillo, das Zicklein und er an den Hängen des Teide gespielt hatten. Vielleicht lag es daran, dass er sich immer wieder gewünscht hatte endlich seine Reise fortsetzen zu können, oder es war nur ein Zufall, dass eines schönen Tages ein junges Mädchen sich nach ihm bückte und ihn 34


aufnahm. „Hey, was bist du denn für ein lustiger Stein? Du bist so kugelrund wie eine Murmel und wenn man dich genauer anschaut, dann scheint es, als ob du einen anlächelst. Du bist ein sehr ungewöhnlicher Stein.“ „Ich bin Grumo und komme aus der Tiefe des Teide,“ sagte Grumo zu dem Mädchen. Doch diese konnte seine Stimme nicht hören. Aber irgendwie schien sie zu spüren, dass Grumo etwas wirklich Besonderes war. „Wenn du möchtest, dann bist du ab heute mein Talisman. Ich werde dich immer bei mir tragen. Und vielleicht bringst du mir ja Glück?“ Grumo war überglücklich. Das war mehr als er sich zu erhoffen gewagt hatte. Er würde all seine Kraft dafür einsetzen, dieses Mädchen glücklich zu machen. Wenige Tage später, das Mädchen, sie hieß Linda, wie Grumo zwischenzeitlich erfahren hatte, war wieder bei den Weinstöcken, saß nicht weit entfernt ein junger Hirte. Während seine Ziegen den Hang nach Kräutern und anderen fressbaren Gräsern absuchten, vertrieb er sich seine Zeit damit aus einem abgebrochenen Zweig eines Weinstockes eine kleine Figur zu schnitzen. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er zuerst die interessierten Blicke von Linda nicht bemerkte. Doch als er 35


aufschaute, um darauf zu achten, dass seine Ziegen sich nicht an den saftigen Weinstöcken gütlich taten, trafen sich ihre Blicke. `Was für ein wunderschönes Mädchen,´ dachte Pepe, so hieß der junge Hirte, so bei sich. Doch er traute sich nicht die Schöne anzusprechen. Statt dessen konzentrierte er sich ganz auf seine Schnitzerei. `Ich werde eine ebenso hübsche Figur aus dir schnitzen, wie diese junge Winzerin,´ Pepe´s gedanken überschlugen sich: `und ich werde dich Cepita – mein kleines Weinstöckchen nennen.´ Pepe hatte sich Hals über Kopf in das junge Mädchen vom Weinberg verliebt und er wünschte sich nichts mehr als sie kennen zu lernen. Während er an der Figur weiterschnitzte, legte er seine ganze Liebe in das kleine Stück Holz. Er dachte so fest an das junge, hübsche Mädchen, dass seine Gefühle auf das Rebstöckchen übersprangen und Cepita beseelten. 36


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Linda erging es unterdessen nicht anders. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie nahm Grumo ganz fest in ihre Hand und dachte bei sich: `Mein lieber Talisman, bitte hilf mir, dass der junge Hirte mein Liebster wird.´ Es vergingen etliche Tage und Linda ging öfter als es ihre Arbeit erforderte in den Weinberg, immer in der Hoffnung, dass der junge Hirte, der es ihr so angetan hatte, wieder mit seinen Ziegen vorbei kommen würde. Doch Pepe musste die Ziegen immer wieder an neue Futterplätze führen. Es vergingen Wochen, ja Monate in denen sich die beiden nicht mehr begegneten. Die Weinstöcke hatten schon wieder neue Blüten und die Bienen und Schmetterlinge labten sich an deren Nektar.


Doch vom jungen Hirten war weit und breit nichts zu sehen. `Wenn ich nur wüsste, wo er seine Ziegen grasen lässt, ich würde zu ihm eilen.´ Immer wieder bat sie Grumo um Hilfe. Aber Grumo wusste nicht, wie er dem jungen Mädchen hätte helfen können. Doch eines Tages, die Schmetterlinge kamen nur noch selten in den Weinberg, denn die Weinstöcke trugen bereits herrlich süße Trauben, besann sich Grumo darauf, dass er ja mit Tieren sprechen konnte. Und so rief er einem vorbeifliegenden Schmetterling zu: „Hola du Ballerina der Lüfte, hast du auf deinen ausgedehnten Flügen nicht den jungen Hirten mit den Ziegen, der an einem Rebstöckchen schnitzt gesehen? Eile dich, fliege zu ihm und sage ihm, dass die hübsche Winzerin sich so sehr nach ihm sehnt.´ Der Schmetterling musste nicht lange überlegen. Eine solche Liebesbotschaft war genau sein Ding. Er machte sich schleunigst auf den Weg und flog von einem Tal zum nächsten. Da er aber kein Schnellflieger war, sondern sein Flug eher einem Tanzen in der Luft glich, dauerte es Tage bis er endlich den Hirten verträumt im Schatten eines Felsen sit39


zen sah. Er umflatterte ein paarmal seinen Kopf, dann setzte er sich auf das Rebstöckchen, das der Hirte versonnen betrachtete. „Schau an,“ sagte Pepe, „ein Kanarischer Bläuling. Setzt sich einfach auf meine Cepita. Na, möchtest du dich ein wenig ausruhen?“ Der Schmetterling pumpte kräftig mit seinen Flügel. „Oder möchtest du mir eine Botschaft überbringen?“ Pepe erinnerte sich in diesem Moment an ein Lied, das seine Mutter gesungen hatte. Darin war die Rede von Mariposa, einem Schmetterling, der als Liebesbote die Nachrichten von einem jungen Mädchen zu ihrem Geliebten überbrachte. `Warum muss ich gerade jetzt an dieses Lied denken?´ dachte Pepe versonnen nach. Er summte ein paar Zeilen des Liedes, soweit er glaubte sich erinnern zu können, vor sich hin. Der Schmetter40


ling aber erhob sich und flatterte davon. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Ohne wirklich zu wissen warum, stand Pepe auf und trieb seine Ziegen weiter. Es hatte ihn eine komische Unruhe erfasst und wie von einer fremden Hand geführt, wanderte er zurück in das Tal, wo er vor Monaten das schöne, junge Mädchen zum ersten Mal gesehen hatte. Linda war gerade dabei die reifen Trauben von den Weinstöcken zu schneiden und in einen Korb zu legen, als sie aus der Ferne ein leises Mä-ää-määh hörte. `Das muss mein junger Hirte sein.´ Sie hatte gewusst, dass ihr Talisman ihr den Liebsten zurückbringen würde. Sie drückte Grumo ganz fest an ihre Brust. Und dann standen sie voreinander. Ihre Blicke trafen sich ein zweites Mal und es war, als hätten sie sich nie aus den Augen verloren. „Ich bin Pepe und das ist Cepita,“ brachte Pepe zu seiner eigenen Überraschung hervor. Sie setzten sich auf eine Steinmauer und 41


Pepe reichte Linda das kleine Rebstöckchen. Linda hielt Grumo in der Hand und reichte ihn Pepe. „Lass uns die beiden zusammentun, als Zeichen unserer Verbundenheit,“ flüsterte Pepe, dem vor lauter Glück ein Kloß die Kehle verstopfte. Linda nahm Pepes Hand und erwiderte mit leiser Stimme: „Ich habe diesem Tuffsteinklümpchen zwar versprochen es immer bei mir zu tragen, aber ich denke es wird an der Gesellschaft von Cepita mehr Freude haben. Außerdem hat er mir durch deine Rückkehr so viel Glück gebracht, dass es nun an mir ist ihm etwas davon zurück zu geben.“ In den nächsten Wochen trafen sich Linda und Pepe jeden Abend bei Sonnenuntergang an der kleinen Steinmauer, in deren Schatten sie Cepita und Grumo versteckt hatten. Sie waren unendlich glücklich und Grumo und Cepita freuten sich über das Glück der beiden. So dauerte es auch nicht lange, dass Pepe – er hatte seinen besten Anzug angezogen – eines Abends 42


um Lindas Hand anhielt und sie bat seine Frau zu werden. Er hatte in der Zwischenzeit eine kleine Finca gekauft. Darauf befanden sich ein paar alte Wohnhöhlen aus der Zeit, als die Guanchen noch die Inseln beherrschten. Vor diese hatte er ein kleines Wohnhaus und ein Gebäude für seine Ziegen gebaut. Die Finca war groß genug, dass Linda auf einigen Terrassen eigene Weinstöcke pflanzen konnte. In einem kleinen Garten neben dem Wohnhaus konnten sie zudem noch Gemüse anbauen, für den Bedarf ihrer zukünftigen Familie. Sie wollten nämlich bald auch Kinder haben. Geld zum Leben würden sie genügend verdienen, denn den Wein aus Lindas Weingärten und der Käse von Pepes Ziegen wollten sie auf dem nahen Bauernmarkt verkaufen. Lind war begeistert und willigte freudig ein. 43


Am Tag der Hochzeit war das ganze Dorf auf den Beinen. Jeder brachte ein Hochzeitsgeschenk und etwas zu Essen und Trinken für die Fiesta mit. Auch waren einige Musikanten gekommen. Sie spielten zur Unterhaltung der Gäste und später zum Tanz auf. Alle Gäste hatten sich besonders fein

herausgeputzt und trugen ihre traditionellen Trachten. Es wurde gesungen, getanzt, gegessen und getrunken bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Die Leute sagten später, es habe seit langem nicht mehr eine so ausgelassene Fiesta gegeben und dass dies ein gutes Zeichen für die Zukunft des jungen Paares sei. 44


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Auch Grumo und Cepita waren natürlich bei der großen Fiesta dabei. Pepe hatte ihnen einen neuen Platz über der Eingangstüre des Wohnhauses gegeben. So konnten sie das Geschehen vor dem Haus und über weite Teile des Tales genau beobachten. Es wurde die «Isa» getanzt. Das ist ein sehr fröhlicher Tanz, der in Gruppen, genauer gesagt in Reihen getanzt wird, die sich beim Tanzen immer wieder kreuzen. Begleitet wird die Isa von Saiteninstrumenten, zum Beispiel Gitarren und Timplen. Übrigens gibt es wie man sagt: ‘Una isa para cada isla. – Eine Isa für jede Insel’. Aber auch der Canario wurde getanzt. Das ist ein sehr schwieriger Tanz, weil er sehr schnell getanzt wird. Den kannte Grumo schon, denn die Guanchen tanzten ihn bereits bei der Beñesmen, so hieß das Fest, welches im Sommer anlässlich der Ernte der Gerste für den Gofio und der wild wachsenden Früchte gefeiert wurde. Grumo und Cepita stellten sich vor, wie auch sie in einer traditionellen Tracht der Bauern beim Tanzen dabei sein würden. Wenn du auch schon einmal bei so einer Fiesta gewesen bist, dann kennst du bestimmt 46


die Farbenvielfalt der Kleider, die von Insel zu Insel, ja selbst von Ort zu Ort sehr verschieden sein kann. Der Stil und die Ausstattung dieser Trachten werden von Generation zu Generation vererbt. In manchen Gegenden tragen die Männer schwarze Hüte, in anderen Kappen aus blauem Stoff. Die Röcke der Frauen sind meist sehr reichhaltig mit Stickereien verziert. Manche sind einfarbig, andere wiederum sind aus gestreiftem Stoff. Es herrscht eine überaus bunte Vielfalt. Cepita war ganz aufgeregt und schwärmte Grumo von den vielen Fiestas, die das Jahr über gefeiert werden, vor. Grumo und Cepita sangen zusammen, allerdings konnten die Menschen das ja nicht hören, die alten Lieder von der Liebe und dem Werben der Männer um ihre Liebste und dem Leben der Bauern auf den Kanarischen Inseln mit. Cepita hörte ein paar Tage später ein lautes Pfeifen. Das kam aus dem Tal.


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Kurz darauf trat Pepe vor die Tür und begann ebenfalls zu pfeifen. „Was machen die da?“ fragte sie Grumo. Dieser antwortete: „Die beiden `sprechen´ miteinander. Das ist «El Silbo», eine Pfeifsprache. Das konnten schon die Guanchen. Um sich über weite Täler und tiefe Schluchten hinweg verständigen zu können, wurde diese Sprache erfunden. Früher hat man natürlich auf Guanche, die Sprache der Ureinwohner, gepfiffen. Die beiden pfeifen heute auf Spanisch.“ „Und was haben die jetzt `gesagt´?“ wollte Cepita wissen. „Der andere Hirte wollte wissen, wo die besten Weidegründe sind und Pepe hat im geantwortet, im Tal oberhalb von Orotava.“ (Auf La Gomera wird diese Sprache heute wieder an den Schulen gelehrt.) „Eine ebenfalls lange Geschichte hat der Karneval auf Teneriffa,“ begann 49


Cepita zu erzählen. „Besonders in Santa Cruz de Tenerife und in Puerto de la Cruz finden dann große Umzüge statt.“ „Was ist denn ein Umzug?“ fragte Grumo dazwischen. „Beim Gran Coso ziehen die Menschen in Kostümen durch die Straßen, sie singen und tanzen und sind unendlich fröhlich. Früher haben die Menschen den Carnaval, wie die Spanier sagen, auch dazu genutzt, um sich verkleidet über die Herren und die Obrigkeiten mit frechen Sprüchen lustig zu machen. Davor hatten manche Herrscher Angst und verboten das Spektakel. Aber das hat nicht viel genutzt, die Menschen haben trotzdem gefeiert und sich lustig gemacht. Und wenn dann alles vorbei ist, wird eine große Sardine aus Pappe in den Hafen getragen und verbrannt und die Menschen tun dann so, als ob sie fürchterlich traurig wären.“ 50


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„Oder die Fiesta an Fronleichnam, oder Corpus Christi, wie das auf spanisch heißt, die in La Orotava gefeiert wird. Das musst du unbedingt mal gesehen haben.“ Grumo lauschte ganz verzückt den Erzählungen von Cepita, die nicht mehr zu bremsen war. „Die Einwohner der Stadt überschlagen sich mit ihren kreativen Fähigkeiten, um vor dem Rathaus einen Sandteppich mit der unglaublichen Größe von fast 860 Quadratmetern zu legen. Das musst du dir mal vorstellen. Doch nicht nur hier, am gesamten Prozessionsweg werden kleinere und größere Sand-, aber auch Blumenteppiche geschaffen, die in ihrer Farbenpracht und ihren Motiven wohl einmalig sind.“ „Was ist denn eine Prozession?“ fragte Grumo dazwischen. „Das ist so was, wie ein Umzug. Nur nicht so lustig und die Menschen sind nicht verkleidet, sondern 52


haben ihre besten Kleider an und singen fromme Lieder aus der Kirche. Aber nun lass mich weiter erzählen: Die berühmten Teppiche von La Orotava haben auch eine lange Tradition, entstanden sind sie aus einfachsten Ornamenten, die einst auf die Straße gemalt wurden. Ganz anders heute: Von der Kirche La Concepción bis zum Rathaus ist die ganze Stadt ein einziges Kunstwerk, das viele Menschen sehen möchten. Deshalb muss man schon früh am Morgen in die Stadt kommen, um diese traditionelle TeneriffaKunst noch bewundern zu können.“ Etwas traurig fügte Cepita noch hinzu: „Später hat man kaum noch eine Chance, denn die Prozession führt über die Teppiche, die dadurch in Sekunden zerstört werden. Das hört sich zwar traurig an, aber so ist nun mal die Tradition. Aber die Menschen, auch die, die diese tollen Bilder gemacht haben, ärgern sich deswegen nicht, sofort nach der Prozession wird gefeiert bis in den frühen Morgen.“ Grumo war es schon ganz schwindelig von den Geschichten, die aus Cepita nur so heraus sprudelten. „Ich habe dir doch schon von der Beñesmen, dem Erntefest der Guanchen erzählt,“ nutze Grumo die Gelegenheit, als Cepita ihren Redefluss unterbrach. „Da wurden Wettkämpfe ausgetragen ...“ Grumo kam nicht weiter, denn Cepita fiel ihm ins Wort: „Was haben denn nun Wettkämpfe mit den wunderschönen Sand- und Blumenteppichen zu tun?“ „Nun lass mich doch auch mal erzählen,“ erwiderte Grumo etwas trotzig. „Also bei den Festen der Guanchen gab es verschiedene Wettkämpfe,“ – `Das ist doch nun wirklich spannender als Geschichten über Blumenteppiche,´ dachte Grumo bei sich. – „wie zum Beispiel das Stockfechten oder der Hirtensprung und natürlich das Steinheben. Da hätte ich auch ger53


ne mitgemacht, aber dafür war ich nun doch zu winzig. Aber besonders spannend fand ich den Ringkampf, den «Lucha Canaria», wie man heute dazu sagt. Der Ringkampf findet auf einer kreisrunden, mit Sand bedeckten Fläche von etwa zehn Metern Durchmesser statt, dem so genannten Terrero. Am Anfang des Kampfes stehen beide Ringer Schulter an Schulter und greifen jeweils an das aufgekrempelte Hosenbein des Anderen. Mit raffinierten Angriffsmanövern und geschickt angelegten Griffen versuchen sie dann, den Gegner mit einem anderen Körperteil als den Füßen den Boden berühren zu lassen. Schafft das ein Kämpfer mehr als

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einmal, hat er gewonnen und die Runde ist beendet. Treten oder schlagen darf man nicht. Sieger ist der Luchador, der zwei Runden gewonnen hat. Das ist doch spannend, oder?“ Grumo war ganz erwartungsvoll und um das Interesse bei Cepita noch weiter zu wecken, fügte er hinzu: „Es finden seit einiger Zeit auch Frauenkämpfe statt.“ Cepita schien aber nicht sonderlich angetan zu sein. „Nun hör mal,“ hob sie an: „Von «Calima», die man auch «Bruma seca» – also trockener Nebel nennt, hast du doch bestimmt auch schon gehört. Die kommt von der Sahara, also von Afrika herüber und ist warm und trocken und voll feinem Sandstaub. Calimaeinbrüche können mitunter sehr heftig sein, so kann auf Teneriffa plötzlich ein starker Sturm einsetzen. Besonders die Calima in den Sommermonaten haben mir mit ihrem starken Wind und der heißen Luft immer schwer zu schaffen gemacht. Und eines Tages, es war mal wieder eine besonders heftige Calima, wurde mein Weinstock so trocken, dass ich abgebrochen bin. Mir wurde also schon genug an der `Hose´ gezerrt, da habe ich kein Verlangen nach Ringkämpfen.“ Grumo wurde ganz kleinlaut. Das hatte er nicht gewusst. Cepita bemerkt dies wohl und fügte noch etwas versöhnlicher hinzu: „Das Stockfechten – El Juego del Palo – und den Hirtensprung - El Salto de Pastor - werden auch heute noch als beliebte Sportarten auf den Inseln ausgeübt. Da schaue ich auch gerne zu.“ Was man aber über die Calima wissen sollte: Da der heiße Wüstenwind rasch auch jedes zunächst kontrolliert gezündete Feuer weiter vorantreibt und so ausser Kontrolle geraten lässt, wird das Abflammen von Feldern oder auch das Anzünden von Grillfeuern bei Calima als grob fahrlässige Brandstiftung hart bestraft. 55


„Und da wir es gerade von Feuern hatten,“ setzte Cepita nun ihrerseits das Geschichtenerzählen fort: „da gibt es auch die «Noche de San Juan». Das ist ein wahrhaft mystisches Fest, wie du gleich hören wirst.“ Cepita senkte ihre Stimme, als ob sie jemand belauschen könnte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie seit ihr Pepe bei seiner Schnitzerei eine Seele gegeben hatte, sich vor Feuer fürchtete, wenn es ihr zu nahe kam. Dies wollte sich Cepita aber eigentlich nicht anmerken lassen und fuhr weiter fort: „Nach wochenlangen Vorbereitungen werden an unzähligen Stränden und in den Bergen Teneriffas riesige Holzhaufen aufgeschichtet. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die kürzeste Nacht des Jahres heftig gefeiert wird. Eigentlich liegt der Ursprung dieser Fiestas in der Johannisnacht. Um jedoch den tatsächlich längsten Tag des Jahres zu genießen, findet es immer eine Woche vor dem 24. Juni, dem Tag der eigentlichen Johannisnacht, statt. Schon in den frühen Abendstunden zieht es ganze Familienverbände an den jährlich gleichen Platz, ausgerüstet mit Unmengen an Essen und Getränken. Vor allem die jungen Leute nutzen den Tag, um ein mehr oder weniger wildes Zeltlager zu errichten. Bis kurz vor Mitternacht wird getanzt und im Schein der brennenden Holzstapel gesungen, gegessen und natürlich viel getrunken. Man erzählt sich Geschichten vergangener «Noches de San Juan» und auch viel über Mythen dieser Nacht. Punkt Mitternacht steigt dann der Meeresspiegel etwas an, dann folgt das traditionelle Bad im Meer, um dem Streben der Menschen nach Glück, Gesundheit und Schönheit Nachdruck zu verleihen. Überhaupt glauben noch viel Tinerfeños an die Kraft dieser Nacht in solch wichtigen Dingen wie Liebe, Gesundheit und geistiger Erneuerung. Die älteren 56


Menschen haben auf Zetteln ihre Sorgen und Nöte geschrieben, die sie ins Feuer werfen, damit die Sorgen für immer verbrennen. Eher den Guanchen zugeordnet wird der mutige Sprung der frisch verliebten Paare durch das Feuer, um Zusammenhalt und ewige Liebe zu demonstrieren. Es ist wirklich noch einer der Tage, an denen man erkennt, dass der Aberglaube nie aus den Seelen der Einheimischen verschwunden ist.“ Grumo war ganz fasziniert. Ja, Feuer, das war sein Ding. Es erinnerte ihn an seine Zeit im Schlund des großen Teide vor vielen Millionen Jahren. „Gibt es noch mehr solcher Geschichten von Fiestas und Gebräuchen?“ wollte er von Cepita wissen. „Oh ja, da kann ich dir noch einiges erzählen,“ erwiderte Cepita, die ganz 57


in ihrem Element war. „Da gibt es unzählige Bauernfeste in den Dörfern, die man «Romerias» nennt. Außerdem hat jedes Dorf mindestens einen Schutzheiligen, zu dessen Ehren eine Fiesta gefeiert wird. Die Kanarier sind ein sehr feierfreudiges Völkchen. Wie du ja vielleicht schon bemerkt hast, hat ein emsiges Treiben unten im Dorf begonnen. Das sind die Vorbereitungen für den Tag der Traditionen hier in unserem kleinen Bergdorf «El Palmar» im Westen von Teneriffa. Da wird den Besuchern gezeigt, wie hart das Leben in früheren Tagen, besonders in den Bergen, war. Es werden die wichtigsten Arbeiten des bäuerlichen Lebens gezeigt: Wie man zum Beispiel Holzkoh58


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le macht? Dafür wird extra ein kleiner Meiler aufgebaut. Oder wie man früher das Getreide gedroschen hat? Da darf sich jeder Besucher einmal mit dem Dreschflegel versuchen. Glaube mir, mancher wird staunen, wie viel Kraft das kostet. Aber man kann sich danach ja wieder stärken. Denn überall werden originale kanarische Spezialitäten verkostet, wie beispielsweise der Ziegenkäse von Pepe und natürlich gibt es auch den leckeren Wein von Linda zu trinken.“ „Und was ist mit Feuerwerk?“ bohrte Grumo weiter. „Ja, Feuerwerk auf den Kanarischen Inseln, das ist schon etwas ganz Besonderes. Nicht nur dass hier die verschiedenen Städte wie beispielsweise «Puerto Santiago» und «Alcala» sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, was die Anzahl der Raketen und die Farbigkeit betrifft. Ein kanarisches Feuerwerk muss auch richtig laut sein.“ Cepita war nun ganz erschöpft vom vielen Erzählen. Und so wurde es erst einmal still um die Beiden denn sie sannen über das schöne Leben auf den Kanarischen Inseln und vor allem über ihre tolle Freundschaft nach. Denn das hatten Grumo und Cepita gelernt: Es geht nichts über eine gute Freundin oder einen guten Freund. Und wenn du ein Tuffsteinklümpchen ganz in der Nähe eines Weinstöckchens findest, so könnten dies Grumo und Cepita sein. Denn die Freundschaft und Verbundenheit der Beiden dauert für alle Zeiten an. Und wenn du in einer Vollmondnacht zum Teide hochschaust, dann kannst du manchmal an den Bergkanten ein leichtes Flimmern erkennen. Möglicherweise sind das Grumo und Cepita, die im Mondlicht ein Tänzchen wagen. – Wer weiß? Du musst nur ganz aufmerksam hinschauen, dann wirst auch du sie bestimmt 60


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Zeittafel Vor 10 Mio. Jahren – Durch vulkanische Aktivitäten tauchen die Kanarischen Inseln und auch Teneriffa aus dem Meer auf. Legenden erzählen, es handle sich um das sagenumwobene Atlantis, das zuvor von den Fluten des Atlantiks verschlungen worden war. 3000 bis 500 vor Christus – Erste Siedler aus Europa oder Nordafrika besiedeln die Kanarischen Inseln. Im 1. Jahrhundert nach Christus – Der römische Geschichtsschreiber, Plinius der Ältere, berichtet von einer Expedition des mauretanischen Königs Juba II. auf die Kanarischen Inseln. Erstmals werden die geographischen Daten von Teneriffa und Gran Canaria dokumentiert. 600 bis 900 – Berberstämme aus Nordafrika gelangen auf die Inseln und besiedeln sie. 1312 – Lancelotto Mallocello ein italienischer Seefahrer landet auf der östlichsten Insel Lanzarote. Sie erhält durch ihn ihren Namen. 1340 bis 1342 – Europäer aus Spanien, Portugal und dem italienischen Genua überfallen den Archipel. 1392 – Hirten der Guanchen finden die Statue der Madonna von Candelaria. Um ihren Fund ranken sich zahlreiche Geschichten. Noch heute gilt die „Schwarze Madonna“ als Schutzpatronin Teneriffas. 1402 – Der Normanne Jean de Bethencourt versucht im Auftrag des kastilischen Königshauses die Kanaren zu erobern. Auf Lanzarote gelingt es ihm mit dem dortigen Herrscher Guardafia einen Abkommen zu schließen, dass die friedliche Unterwerfung von Lanzarote zur Folge hat. Danach nimmt er Fuerteventura und El Hierro ein. Teneriffa, Gran Canaria, La Gomera und La Palma bleiben zunächst unabhängig. Um sie sollten sich noch blutige Kämpfe entwickeln. 1483 – Gran Canaria wird von den Spaniern erobert. 1492 – Christopher Kolumbus entdeckt Amerika. Diese Entdeckung macht die Kanarischen Inseln, als letzte europäische, zu einer strategisch wichtigen Station vor Atlantiküberquerungen. Bei seinem Zwischenstopp auf Teneriffa vermerkt er einen Vulkanausbruch in seinem Logbuch. Noch heute gilt der Archipel als Drehkreuz zwischen dem europäischen, amerikanischen und afrikanischen Kontinent, was ihm gerade in der aktuellen Situation, in Bezug auf die wirtschaftliche Erschließung Afrikas eine bedeutende Rolle beschert. 1494 – Alonso Fernandez de Lugo erobert für das spanische Königshaus La Palma. 1494 – Die spanische Krone beauftragt Alonso Fernandez de Lugo mit der Eroberung Teneriffas. Dieser erste Versuch scheitert am 31. Mai in einem blutigen Gemetzel bei La Matanza. La Matanza, bedeutet „die Schlacht“ und hat dem Ort seinen späteren Namen gegeben. 1495 – Der zweite Eroberungsversuch durch de Lugo gelingt am 25. Dezember bei La Victoria. Auch dieser Name, der Sieg, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den geschichtlichen Ereignissen. Teneriffa war die letzte Kanarische Insel, die es zu unterwerfen galt. seit 1500 – Mit der Unterwerfung Urbevölkerung beginnt die „zivilisierte“ Besiedlung durch die europäischen Eroberer, die die Einheimischen ihren gesellschaftlichen Normen unterwerfen. Kaufleute entdecken das lukrative Geschäft des Handels mit schwarzafrikanischen Sklaven. 1657 – Der britische Admiral Robert Blake scheitert an dem Versuch Santa Cruz de Tenerife zu erobern.

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1706 – Auch dem englischen Admiral John Jennings gelingt es nicht Santa Cruz einzunehmen. Im gleichen Jahr zerstört ein gewaltiger Ausbruch des Trevejo die damalige Handels- und Hafenmetropole Garachico. Insgesamt 40 Tage lang wütet die Eruption und begräbt weite Teile der damals sehr reichen florierenden Stadt sowie des wichtigen Handelshafens unter dem Lavastrom. 1778 – Santa Cruz erhält vom spanischen König Carlos III. das Recht, mit Amerika Handel zu treiben. 1797 – England lässt nicht locker und versucht erneut Santa Cruz für die britische Krone zu erobern. Durch eine Kanonenkugel der legendären „El Tigre“ verliert Admiral Nelson einen Arm. Die Kanone ist noch heute am Hafen von Santa Cruz zu bewundern. 1799 – Der Naturforscher Alexander von Humboldt legt auf seiner Reise nach Südamerika einen Zwischenstopp auf Teneriffa ein. Sein Name ist noch heute ein Begriff und findet sich in vielen Namensgebungen wie dem Mirador Humboldt, einem Aussichtspunkt, wider. 1805 – Admiral Nelson liefert sich mit den Spaniern eine heftige Schlacht bei Trafalgar und geht aus dieser Begegnung als Sieger hervor. Mit dieser Niederlage ist die spanische Vormachtstellung auf See beendet. 1822 – Santa Cruz de Tenerife wird zur Hauptstadt aller Kanarischen Inseln ernannt. Ein Status der ihr bis zum Jahr 1927 erhalten bleibt. 1852 – Der Kanarische Archipel wird zur Freihandelszone erklärt. Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas de Gran Canaria werden zu den wichtigsten Handelszentren. Ab 1870 – Anilinfarben treten ihren Siegeszug an und bringen die Koschenillegewinnung auf den Kanaren zum Erliegen. Bis dahin war die Gewinnung des roten Farbstoffs aus einer Läuseart ein wichtiges Exportgut der Insel. Der Abbruch zwingt viele Einheimische zur Emigration nach Latein- und Südamerika. Noch heute gilt Venezuela, wo viele Canarios einen Neuanfang suchten, als „achte“ Insel des Archipels. 1872 – Eine Reblausplage ruiniert die Winzer und bringt den Weinanbau auf Teneriffa fast zum Erliegen. 1880 – Der erste Tourismus entwickelt sich im Norden der Insel in Puerto de la Cruz 1888 – Erste Bananenplantagen werden angepflanzt. 1890 – Das Gran Hotel Taoro, oberhalb von Puerto de la Cruz wird eröffnet. 1909 – Im Süden Teneriffas bricht der Vulkans Chinyero aus. 1927 – Die Kanarischen Inseln werden in die zwei Provinzen Teneriffa und Gran Canaria aufgeteilt. Der Westprovinz Teneriffa gehören La Palma, El Hierro und Gomera an. Die Hauptstadt wird Santa Cruz. Die Ostprovinz Gran Canaria umfasst die Hauptinsel und die kleineren Nachbarn Fuerteventura und Lanzarote. Las Palmas wird die Verwaltungszentrale. 1936 – Der auf Teneriffa stationierte General Franco putscht gegen die spanische Regierung in Madrid. Es folgt der drei Jahre andauernde Bürgerkrieg, aus dem die faschistische Partei als Sieger hervorgeht. Unter Franco wird Spanien für die nächsten 36 Jahre zu einer strengen Diktatur. 1947 – Franco stimmt dem „Nachfolge-Gesetz“ zu. Dadurch wird Spanien zur Monarchie erklärt, allerdings wird kein König eingesetzt. Erst 1969 ernennt der General Juan Carlos zum Thronfolger. 1954 – Auf Teneriffa entsteht der Teide-Nationalpark.

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1959 – Teneriffas touristische Zukunft nimmt mit der Landung des ersten deutschen Charterflugzeugs ihren Anfang. Das Zentrum des heute noch wichtigsten Wirtschaftszweiges ist in Puerto de la Cruz, im Norden Teneriffas 1960 bis 1970 – Die touristische Erschließung weitet sich auf den Süden der Insel aus. In Playa de las Americas werden Sandstrände aufgeschüttet und innerhalb kürzester Zeit wird aus einem kleinen Fischerdorf die neue touristische Metropole der Insel. 1975 – Mit dem Tod Francos wird Spanien endlich wieder zur Demokratie. Juan Carlos I. wird spanischer König und leitet mit seinem Ministerpräsidenten die zügige demokratische Umgestaltung Spaniens ein. 1978 – Am siebten Dezember wird die demokratische Verfassung vom Volk angenommen. 1982 – Die Kanarischen Provinzen erhalten den Status einer autonomen Region mit relativ weitgehender Selbstverwaltung. Die beiden Hauptstädte Santa Cruz und Las Palmas wechseln sich alle vier Jahre als Administrationssitze der Region ab. Sie verwalten sich weitestgehend selbständig. 1986 – Spanien tritt der Europäischen Gemeinschaft bei. In Bezug auf Handels- und Zollvereinbarungen erhalten die Kanaren einen Sonderstatus. 1992 – Der Archipel wird in die Europäische Union integriert. Dabei bleiben dennoch Sonderregelungen für die Kanarischen Inseln durch ihre periphere Lage erhalten. 1997 – Die Zahl der Touristen auf Teneriffa übersteigt mit 4,3 Millionen Besuchern (allein aus Deutschland ca. 700.000) die Vier-Millionen-Grenze. Auf Teneriffa leben etwa 665.000 Menschen. 1998 – Das bereits 1995 beschlossene Schengener Abkommen in Kraft. Damit entfallen Grenz- und Passkontrollen innerhalb der EU, also auch zwischen Deutschland und den Kanaren. Außerdem können europäische Bürger innerhalb der Mitgliedsstaaten ihren Wohnsitz frei wählen. 1999 – Eine neue Fährverbindung zwischen Santa Cruz auf Teneriffa und Agaete auf Gran Canaria wird eröffnet. 2004 – Erhöhte seismische Aktivität und Anzeichen vulkanischen brodelns lösen unnötige Spekulationen über einen möglichen Ausbruch des Pico Viejo (Vulkan neben dem Teide) aus. 2005 – Tropensturm Delta richtet Schäden in Millionenhöhe an. 2006 – Neuer Touristenrekord auf den Kanaren. Fast zwölfeinhalb Millionen Menschen besuchen den Archipel. Dieses Jahr beschreibt aber auch den Exodus aus Afrika. Mehr als 31.000 Afrikaner erreichen in alten Booten die Inseln. Anfang 2007 – Die Kanarischen Inseln erhalten eine Verlängerung des Status einer steuerbegünstigten Zone bis 2019. Ein wichtiger Faktor, der die Inseln für Investoren und Unternehmer attraktiv machen soll. August 2007 – Eine verheerende Feuersbrunst wütet drei Tage lang auf Teneriffa und hinterlässt rund 15.000 Hektar verbrannte Erde. Es war der zerstörerischste Waldbrand seit 25 Jahren. Glücklicherweise sind keine Menschen zu Schaden gekommen. (Quelle: www.inselteneriffa.com)

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Grumo & Cepita