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H E I M AT B E I L A G E D E R G R A F S C H A F T E R N A C H R I C H T E N November / Dezember 2019

Das Kloster Frenswegen bei Nordhorn im Herbst. Foto: Jürgen Lüken

Heimat

NS-Zeit

Winter

Zum Tode des Gildehauser Autors Günther Bramer

Die im Landkreis lebenden Juden erfahren Ablehnung

Erinnerungen ans Schlittschuhlaufen in Hoogstede


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Einfühlsamer Fleißarbeiter

lesenswert! Kulturzentrum Alte Weberei

Der Förderverein Kulturzentrum Alte Weberei hat dieses Heft 1995 herausgegeben. Es trägt den Untertitel „Von der Textilfabrik zur Kulturfabrik“ und widmet sich einem der Überbleibsel der ehemaligen Textilfirma Povel am Rande der Nordhorner Innenstadt. In der fast 6000 Quadratmeter großen Halle standen bis Ende der 1970er-Jahren Webstühle, später wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Erste Pläne sahen unter anderem vor, die Euregio-Bücherei in der Alten Weberei unterzubringen.

Emlichheim im 3. Reich

Die Heimatfreunde Emlichheim beleuchten in diesem 2005 erschienenen Werk, wie sich das Leben in Emlichheim zur Zeit des Nationalsozialismus darstellte. Die Dokumentation, die sich auch dem Schicksal der in Emlichheim lebenden Juden widmet, beruht auf den Ergebnissen der VHS-Geschichtswerkstatt. Anhand von Literatur, Chroniken, Zeitungen und der Befragung von Zeitzeugen fügt sich auf 232 Seiten ein vielschichtiges Bild.

Beide Werke sind in der Heimatbücherei der Stadtbibliothek Nordhorn ausleihbar.

Heimatbeilage der Grafschafter Nachrichten

Zum Tode des Gildehauser Heimatforschers Günther Bramer Von Wilhelm Hoon

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m 12. Oktober 2019 starb Günther Bramer aus Gildehaus im Alter von 97 Jahren. Er hat speziell für die Gildehauser Geschichte und für die Erinnerung an hiesige Familien viel getan. Ohne ihn und seine Arbeiten gäb es große Lücken im Gedenken an Vergangenes. Schon früh nach dem Zweien Weltkrieg begann Günther Bramer, alles zu sammeln und aufzuschreiben, was ihm wichtig und erhaltenswert erschien und was er für seine Aufzeichnungen verwenden konnte. Dadurch traf er auf Zeitzeugen, die das Kaiserreich noch erlebt hatten und ihm über das Leben im Dorf damals erzählen konnten. Seine umfangreiche Sammlung liegt inzwischen im Kreisarchiv in Nordhorn. Mit großer Beständigkeit und Beharrlichkeit befragte er seine Gesprächspartner, suchte nach alten Bildern, Büchern und Schriften. Er ließ sich alles erzählen, notierte sich jede Kleinigkeit. Das Ergebnis waren hervorragende Artikel, die den Werdegang so mancher Gildehauser Familie beleuchteten. Günther Bramer erforschte ihre Herkunft und erstellte Stammbäume, die weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Verlag und technische Herstellung Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG Coesfelder Hof 2 48527 Nordhorn E-Paper Abrufbar im Internet auf www.gn-online.de/e-paper © Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG

Die nächste Ausgabe erscheint am 10. Januar 2020.

Besonders erwähnenswert ist seine umfangreiche Arbeit über die Familie Pohlmann (siehe auch Bentheimer Jahrbuch 1989). Über eine Familie, die vor dem Ersten Weltkrieg die wohlhabendste in Gildehaus war, der große Ländereien im Dorf und in der weiteren Umgebung gehörten, die aber durch Verschwendung, durch Misswirtschaft und kriminelle Machenschaften in den völligen Ruin getrieben wurde. Günther Bramer hat dieser Entwicklung sehr einfühlsam nachgespürt und aus dem umfangreichen und auch spannenden Stoff einen Artikel geschaffen, den zu lesen auch nach Jahren ein Vergnügen ist – trotz des traurigen Ausgangs. Gern beschäftigte er sich mit alten Häu-

mitgewirkt hat, ist die „Geschichte der Landgemeinde Hagelshoek“ aus 2018. Sein besonders Interesse galt auch dem Gildehauser Sandstein und den Kunstwerken, die daraus von hiesigen Steinmetzen geschaffen wurden, den Kaminen, Sonnenuhren und Eingangstoren. Auch zu diesem Thema hat er mehrmals in den Jahrbüchern einen Beitrag geliefert. Sein Spürsinn und „Forschergeist“ zeigten sich, als er vor Jahren einen kunstvoll gearbeiteten Sandstein entdeckte, der – halb vergraben und völlig zweckentfremdet – sich als der obere, waagerechte Abschluss eines Kamins entpuppte. Er rettete dieses schöne Stück, auf dem die Jahreszahl 1650, Weintrauben und eine Blumengirlande erkennbar sind, vor der Zerstörung und nutzte es für einen neuen Kamin in seinem Haus. Aber nicht nur den Kunstwerken, die aus Sandstein gefertigt wurden, galt sein Interesse, sondern auch den Versteinerungen, die darin eingeschlossen sind: den Muscheln in all ihrer Vielfalt. Sorgfältig legte Günther Bramer eine umfangreiche Sammlung seiner Funde an, über die er im Bentheimer Jahrbuch 1967 einen ausführlichen und fundierten Beitrag schrieb.

Großes Interesse an Heuerlingsbuch

Verantwortlich Guntram Dörr Redaktion Andre Berends Telefon 05921 707-346 a.berends@gn-online.de

Günther Bramer starb im Alter von 97 Jahren. Foto: Schmidt

sern, forschte über den Erbauer und die nachfolgenden Generationen nach, berichtete über die Innenausstattung und die Bauweise und erklärte, wo genau sie standen. In seinen vielen Artikeln, mit denen er die Bentheimer Jahrbücher bereicherte, beschäftigte er sich auch mit Handel und Gewerbe in Gildehaus. Er holte Unternehmen in die Erinnerung zurück, die bis dahin völlig vergessen waren: Eine Margarinefabrik, die Ende des 19. Jahrhunderts kurz bestand, eine holländische Biskuitfabrik, die von 1908 bis 1911 existierte, oder eine Konservenfabrik, die in den 1920erJahren Hochkonjunktur hatte, dann aber bald verschwand. Ohne den Spürsinn von Günther Bramer wär die Erinnerung an diese Unternehmen und an vieles mehr heute erloschen. Und natürlich müssen die sieben Bücher erwähnt werden, die er selbst geschaffen hat oder an deren Entstehen er beteiligt war. Eine besondere Fleißarbeit war sein Buch „Leben im Kirchspiel Gildehaus“, in dem er anhand von mehr als 1000 Fotos mit passenden Erklärungen das Dorf und die umliegenden Bauerschaften mit den Bewohnern im Wandel der Zeit zeigt. Das letzte Werk, an dem er, schon im hohen Alter,

Werk von Helmut Lensing und Bernd Robben erscheint in neunter Auflage

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as hätten sich die Autoren Helmut Lensing und Bernd Robben selbst nicht vorstellen können: Ihr 2014 erschienenes Buch über das Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland von seinen Anfängen bis zur Auflösung in der Nachkriegszeit traf einen Nerv in der nordwestdeutschen Bevölkerung und stieß auf eine ungeahnt große Resonanz. Nicht nur in der Grafschaft und im Emsland, woher die beiden Autoren stammen, sondern auch im Oldenburger Münsterland, dem Osnabrücker Land, den Kreisen Diepholz und Nienburg sowie im Münsterland und in Ostwestfalen-Lippe waren viele Menschen fasziniert von der Schilderung des

Lebens der ländlichen Unterschichten, aus denen ein beachtlicher Teil der heutigen Bevölkerung im Nordwesten stammt. Das Alltagsleben der Heuerlinge und der sich vielfach aus deren Familien rekrutierenden Knechte und Mägde spielten bislang in den allermeisten Büchern über das Leben auf dem Land keine oder kaum eine Rolle – hier steht es hingegen im Mittelpunkt. Eine Vielzahl von Illustrationen auch aus der Grafschaft lassen das Leben der ländlichen Unterschichten vom 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebendig werden – vom Hollandgang und der Auswanderung nach Übersee,

chen Mitte Januar 2019 vergriffen war, ist nun die 9. Auflage lieferbar. Etliche Illustrationen sind durch qualitativ bessere Bilder ersetzt worden, die beiden letzten Kapitel zur Nachkriegsgeschichte sind in Wort und Bild erweitert worden.

über das mühsame Siedeln in Moor und Heide sowie die Rückschläge in der NS-Zeit bis zum Ende in den Nachkriegsjahrzehnten. Nachdem die 7. und 8. Auflage innerhalb weniger Wo-

Helmut Lensing/Bernd Robben: „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“ – Betrachtungen und Forschungen zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland, Haselünne 2019 (9., leicht erweiterte Auflage), 339 S., ISBN 9793-9818393-1-9, 24,90 Euro. Auch zu bestellen per Mail: kontakt@emslandgeschichte.de (zzgl. Versandkosten).


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„Sie hat sich wohl geschämt“ Die niederländische Malerin Stien Eelsingh stellte im Krieg in der Grafschaft aus Von Wilhelm Hoon

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m August 2019 kam Margaret Frankert aus Doesburg in den Niederlanden nach Gildehaus. Sie wollte Plätze und Orte aufsuchen, die mit dem Aufenthalt ihrer Mutter vor 76 Jahren zu tun haben. Ihre Mutter war die Malerin Stien (Cristiana) Eelsingh (1903-1964), die 1943 aus dem niederländischen Staphorst nach Gildehaus gekommen war und hier für kurze Zeit lebte. Wir führen die Tochter durchs Dorf und gehen zum Schluss in den Kurhaussaal in Bad Bentheim, dem ihr besonderes Interesse gilt. Denn hier hatte es 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, eine Gemäldeausstellung gegeben, an der ihre Mutter mit zwei weiteren Künstlern teilgenommen hatte. 1943 – der Krieg trieb seinem bitteren Ende entgegen. Um die Bevölkerung aufzuheitern und sie von den Nöten und drohenden Gefahren abzulenken, rief Paul Wegener (1908-1993), der Gauleiter des Gaus Weser-Ems, zu dem auch die Grafschaft gehörte, zu „Gaukulturtagen“ auf. „Die Gaukulturtage – ein stolzes Dennoch!“, lautet die Überschrift seines Aufrufs. Und weiter: „Der Geist aber ist unüberwindlich!“ Trotz Zerstörungen und ständiger Luftbedrohung sei die Kultur ein Zeichen der seelischen Widerstandskraft. Nach weiteren Durchhalteparolen hieß es, dass nun Theater- und Gesangvorträge, Konzerte und Dichterlesungen die Menschen die Nöte des Kriegs vergessen lassen sollten. Dr. Josef Ständer, der Kreisleiter des Kreises Grafschaft Bentheim, hatte die Idee, zu den Kulturtagen eine Gemäldeausstellung zu organisieren. Drei Künstler sollten ihre Werke zeigen. Das waren der niederländische Maler Antony Keizer (18971961), der ja bereits seit 1942 in Gildehaus wohnte, die Prinzessin Elisabeth zu Bentheim (1886-1959) sowie Stien Eelsingh, die auf Empfehlung von Keizer nach Deutschland gekommen war. Am 29. Mai 1943 wurde die Ausstellung im Kursaal mit großem Aufwand eröffnet. Hitlerjungen, Jungmädel und Maiden – alle in Uniformen – mussten sich vor dem Gebäude im Viereck aufstel-

In ihren Bildern zeigt Stien Eelsingh Motive aus ihrer Heimat.

len, an dem vorbei Ständer, Gauleiter Paul Wegener, der extra zur Eröffnung gekommen war, und weitere Ehrengäste schritten. Ein Teilnehmer erinnert sich noch heute, dass er als kleiner Hitlerjunge lange in Reihe und Glied stillstehen musste und dass er dadurch erstmals über den Sinn und Unsinn des Systems nachzudenken begann. In seiner Eröffnungsrede sagte Ständer, dass es mit dieser Ausstellung gelungen sei, dem Publikum, das oft unter Geschmacksverbildung leide, mit wahrer Kunst entgegenzutreten. Und dafür seien die Werke der drei anwesenden Künstlern besonders geeignet. Durch Antony Keizer habe er Stien Eelsingh kennengelernt, die „ihre Werke ebenfalls bereitwilligst für die Ausstellung zur Verfügung gestellt“ habe – Bilder, in denen Staphorster Kinder und Frauen in ihrer Natürlichkeit festgehalten seien. Es sei sein Bestreben, so Ständer, neben Keizer, der schon in Gildehaus lebte, auch dieser Künstlerin „eine Heimstatt“ zu geben. Er hoffe, dass eine Übersiedlung trotz der Situation möglich werde.

Die Ausstellung war ein großer Erfolg. Als sie nach einer Woche geschlossen wurde, sollen 10.000 bis 12.000 Besucher sie gesehen haben. Auch gelang es den drei Künstlern, viele ihrer Bilder zu verkaufen. Stien Eelsingh kehrte unmittelbar nach Ausstellungsende nach Staphorst zurück. Sie hatte wohl rechtzeitig erkannt, dass sie sich nicht vereinnahmen lassen durfte und

10.000 bis 12.000 Besucher sehen die Kunstausstellung im Bentheimer Kursaal dass sie, sollte sie in Gildehaus bleiben, zu einem Werkzeug Nazi-Deutschlands würde. Wie lange sie in Gildehaus war, ist nicht genau bekannt, man vermutet, zwei bis drei Wochen. Vieles spricht dafür, dass sie im Haus von Antony Keizer, dem alten Lehrerhaus am Neuen Weg in Gildehaus, unterkam. Keizer und Prinzessin Elisabeth von Bentheim, die beiden anderen Teilnehmer der Gemäldeausstellung, konnten nach dem Krieg nur eine

Fotos: Stien-Eelsingh-Stichting/privat

geringe, regionalheimatliche Bedeutung erlangen. Ganz anders Stien Eelsingh: Sie avancierte zu einer angesehenen, allseits geschätzten Malerin. Wegen ihrer Kunst und ihres sozialen Engagements wurde sie in Staphorst und weit darüber hinaus hoch verehrt. Berühmt wurde ihre „Witte Boerderij“, ein Bauernhaus, in dem sie malte und ausstellte. Sie schuf einen unverkennbaren Malstil, der heute als spät-expressionistisch eingeordnet wird. Ihre Bilder aus dem Leben von Staphorst, ihre Darstellungen der Menschen in Ostholland und ihre Kinderportraits sind immer noch begehrte Sammlerstücke. So war und ist sie noch heute eine Künstlerin von hoher Reputation, deren Lebenswerk von der sehr aktiven StienEelsingh-Stichting in Deventer gepflegt wird. Über ihren Aufenthalt in Gildehaus und ihre Teilnahme an der von den Nazis organisierten Gemäldeausstellung hat sie zeitlebens geschwiegen. Und auch in einer umfangreichen Biografie, die der einst bekannte und geschätzte Schriftsteller, Dich-

ter und Kunsthistoriker Hans Redeker von ihr schuf, wird die Gildehauser Zeit mit keinem Wort erwähnt. War ihr die Mitwirkung an der Propagandaschau peinlich? Wollte sie vertuschen, dabei gewesen zu sein? Hat sie befürchtet, dass ihre Karriere und ihr Ansehen schweren Schaden nehmen könnten, wenn in den Niederlanden etwas über ihre Verstrickung mit dem Nazisystem bekannt würde? Sie wird das Schicksal ihres damaligen Partners Antony Keizer gekannt haben, der, als er 1947 nach Meppel in seine Heimat zurückkam, von den Mitmenschen und seinen ehemaligen Malerfreunden völlig abgelehnt und geschnitten wurde. Ihm wurde Kollaboration mit dem ehemaligen Kriegsgegner vorgeworfen. Von diesem Makel konnte er sich nie befreien. Er verfiel dem Alkohol und starb verarmt und einsam. Es ist naheliegend, dass Stien Eelsingh dieser Gefahr entgehen wollte. Und darum mag sie geschwiegen haben. Erst viele Jahre später wurde auf ihre Zeit in Bentheim aufmerksam gemacht und ihre Teilnahme an der damaligen nationalsozialistisch geprägten Gemäldeausstellung erforscht. Zurück in den August 2019. Unseren Rundgang durch das Kurhaus, in dem vor 76 Jahren die Bilder ihrer Mutter gehangen hatten, beenden wir bei einer Tasse Kaffee. „Warum hat Ihre Mutter geschwiegen?“, fragen wir. Die Antwort kommt zögernd, dann aber bestimmt: „Sie hat sich wohl geschämt.“ Dann unsere Frage: „Dürfen wir heute offen darüber sprechen und auch schreiben?“ – „Ja“, sagt sie, „seit damals sind weit mehr als 70 Jahre vergangen, da ist es höchste Zeit für die Wahrheit, für die ganze Wahrheit.“ Quellen: • Bé Doorten: Meppeler schilders – Een verzameling, Meppel 2008 • Wilhelm Hoon: Zwischen Kunst und Politik: Das Leben des Malers Antony Keizer, Bentheimer Jahrbuch 1997 • Grafschafter Kreisblatt: Verschiedene Texte zwischen dem 22. und 31. Mai 1943 • Horst G. Stacharowsky, Münster: Persönliche Erinnerungen


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Schädigung und Ausgrenzung Die Grafschafter Juden und der Beginn der NS-Diktatur – Folge 14 Von Helmut Lensing

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Foto: dpa

bwohl das Bentheimer Land keine ausgeprägte antisemitische Vergangenheit hatte, machte sich zur Reichstagswahl von 1920 eine judenfeindliche Agitation im Kreis bemerkbar. In die Grafschaft hineingetragen wurde dieser politische Antisemitismus von der konservativ-agrarisch geprägten Deutschnationalen Volkspartei. Bei der Reichstagswahl von 1924 warb die völkische Tarnorganisation „Nationalsozialistische Freiheits-Bewegung“ – die NSDAP war wegen des Hitler-Putsches vom November 1923 zeitweilig verboten – mit Versammlungen für sich. Der von ihr aggressiv vertretene Judenhass rief nach dem Auftritt eines Parteiredners in Nordhorn umgehend eine Gegen- Schaufenster des Nordhorner Bettengeschäfts Salomonson an der Bahnhofstraße wurden reaktion hervor. Die Nord- bereits im Vorfeld des Boykotts eingeworfen. Aus: Stadtmuseum Nordhorn horner Ortsgruppe des Zentral-Vereins deutscher StaatsÄhnliche Zeichen der Soli- langt war und bald den Rundbürger jüdischen Glaubens – darität sucht man jedoch ver- funk und große Teile der eine Organisation, die sich gebens, als die NSDAP ab Presse mehr oder weniger für die Gleichberechtigung 1929 zur politischen Gruppie- stark kontrollierte, setzte sie der Juden in Deutschland rung emporstieg. Als stärkste sogleich ein deutliches Signal und für den Kampf gegen den Partei im Landkreis, die in ihrer Judenfeindschaft und Antisemitismus einsetzte – den evangelischen Dörfern ihrer terroristischen Energie. Serie wandte sich am 4. Dezember teilweise schon seit 1930 die Da ausländische Zeitungen Die Grafschaft 1924 mit einer Anzeige in der große Mehrheit der Bevölke- schon bald nach Beginn der „Zeitung und Anzeigeblatt“ rung hinter sich hatte, konn- Kanzlerschaft Hitlers über in der NS-Zeit an die Öffentlichkeit. Sie bete sie nun nahezu ungehin- Gewalt- und Ausgrenzungsklagte, dass ein Vereinsmitdert ihren Antisemitismus maßnahmen gegenüber Anglied in der völkischen Partei- den sich notfalls gewaltsam verbreiten. dersdenkenden in Deutschversammlung nicht habe re- Zutritt zur Versammlung verland berichteten, warf die den dürfen, weshalb der Ver- schaffen. In ähnlichen Fällen 1. April 1933: Erste juden- neue Regierung den Juden ein erklärte: „Wir ergreifen hatte der demokratische feindliche Maßnahmen vor, mit ihren angeblichen indas Wort, um vor aller Öffent- Wehrverband „Reichsbanner Als die NSDAP durch die ternationalen Kontakten für lichkeit gegen die Hetze Ver- Schwarz-Rot-Gold“, auf Ernennung Adolf Hitlers diese „Greuelhetze“ gegen wahrung einzulegen, die man Reichsebene von der SPD, der zum Reichskanzler in den Be- Deutschland verantwortlich gegen uns jüdische Deutsche linksliberalen Deutschen De- sitz der staatlichen Macht ge- zu sein. Sie verfügte deshalb unter dem Deckmantel der mokratischen Partei und ,nationalen‘ Gesinnung ins dem linken Flügel der kathoWerk gesetzt hat. Deutschvöl- lischen Zentrumspartei gekische und Deutschnationale tragen, aufgrund seines Aufschämen sich nicht, den Mas- trags, die Demokratie gegen sen der Wähler uns als die die Feinde der Republik zu Prügelknaben hinzustellen, verteidigen, den Juden zur die man für Alles verantwort- Seite gestanden. Dies beablich macht. Aber noch nie hat sichtigte auch die Schüttorfer eine politische Partei dem Va- Ortsgruppe des Reichsbanterlande gedient, wenn sie ners. Nach Verhandlungen mit den vergifteten Waffen mit der Stadt erklärte die der Lüge und des Hasses ge- NSDAP, uneingeschränkten kämpft hat.“ Zutritt zu gewähren. DaraufIn Schüttorf hatte die hin ließen die Schüttorfer JuNSDAP in einer Versamm- den von ihrem Vorhaben ab, lungsanzeige in der „Schüt- mit dem Reichsbanner in die torfer Zeitung“ am 2. Febru- Versammlung einzudringen. ar 1926 erstmals den antise- Sie boykottierten die NS-Vermitischen Zusatz „Juden ha- sammlung, während sich die ben keinen Zutritt“ einge- „Schüttorfer Zeitung“ entfügt. Diese diskriminierende schuldigte, dass ein Lehrling Anzeige empörte die fünf jü- diese Anzeige ohne Beandischen Familien der Stadt, standung entgegengenom- Aufruf der NSDAP Neuenhaus zum Boykott jüdischer GeAus: Zeitung und Anzeigeblatt Nr. 77 vom 1. April 1933 schäfte. die bekanntgaben, sie wür- men hatte.

für den 1. April 1933 einen Boykott über alle Geschäfte in jüdischem Besitz. Davon blieb das Bentheimer Land nicht ausgespart. Hier – in der Hochburg der Partei im deutschen Nordwesten – ging man sogar früher als anderswo gegen die Juden vor, war die Verwaltung der großen Kommunen doch bereits fest in der Hand der Nationalsozialisten. In der „Bentheimer Zeitung“ war somit schon am 28. März 1933 im Vorgriff auf die reichsweite Aktion zu lesen: „Geschäfte polizeilich geschlossen. Heute morgen wurden in Bentheim das Kaufhaus Neter, die Firma Meier Meyer, das Einheitspreisgeschäft (Ehawe) und die Schlachterei Gossels bis auf weiteres polizeilich geschlossen. Die Maßnahme stützt sich auf § 14 des Polizeiverwaltungsgesetzes zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung.“ In Nordhorn trat der völkische Antisemitismus gewalttätiger auf. Hier berichteten am 28. März 1933 die „Nordhorner Nachrichten“: „Sämtliche jüdischen Geschäfte in Nordhorn geschlossen. Ueber die systematisch in den jüdischen Blättern im Ausland über Deutschland verbreiteten Greuelnachrichten ist die nationale Bürgerschaft Nordhorns verständlicherweise so erbost, daß mit Gewaltmaßnahmen gegen die hiesigen jüdischen Geschäfte gerechnet werden mußte. Zum Teil wurden bereits einige Fensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen. Die Polizeiverwaltung hat zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sämtliche jüdischen Geschäfte in Nordhorn heute vormittag geschlossen.“ Die Neuenhauser „Zeitung und Anzeigeblatt“ schrieb am 28. März 1933 über die antisemitischen Vorfälle in Nordhorn: „Im Laufe dieser Nacht haben Rohlinge furchtbar gewütet. Beim Kaufhaus Hopfeld wurden zwei große Fensterscheiben, im Salomonsonschen BettenSpezialhaus an der Bahnhofstraße zwei Eckscheiben durch Steinwürfe zertrümmert. Ebenfalls wurden bei jüdischen Geschäften in den Binnenstadt Fensterscheiben eingeworfen oder durch Be-


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Anzeige der Nordhorner Ortsgruppe des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Boykott eines jüdischen Geschäfts in Berlin, organisiert von Glaubens gegen die Judenhetze. Aus: Nordhorner Nachrichten Nr. 238 vom 4. Dezember 1924 SA-Leuten. Aus: Bundesarchiv Berlin/Wikimedia Commons

schmieren mit Teer beschmutzt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob hier gefährliche politische Provokateure am Werk gewesen sind, die bewußt politische Gegner verdächtigen wollen.“ Letztere Aussage ist die typische NS-Propaganda dieser Jahre, die derartige Ausschreitungen, die zu diesem Zeitpunkt vielfach von der Bevölkerung nicht gutgeheißen wurden, anderen in die Schuhe zu schieben suchte. Als einziger Grafschafter Zeitungsverlag veröffentlichte der Verlag Kip, der die „Nordhorner Nachrichten“ und die „Zeitung und Anzeigeblatt“ herausgab, am 1. April die Erklärung: „Solange die von der N.S.D.A.P. durchgeführte Boykott-Aktion gegen die jüdischen Geschäfte andauert, werden wir selbstverständlich Anzeigen jüdischer Geschäfte nicht veröffentlichen, um uns dadurch den Abwehrmaßnahmen gegen die Greuelpropaganda in vollem Umfange anzuschließen.“ Wie andernorts auch, traf sich die Nordhorner NSDAP ebenfalls zu einer Versammlung kurz vor Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte. Darüber berichtete die in Nordhorn erscheinende

„Grafschafter Rundschau“ am

Wochen-

2. April 1933: „Der Ortsgruppenleiter der NSDAP., Deimel, machte darauf aufmerksam, daß Sonnabend vormittag der Boykott jüdischer Waren in vollem Umfange einsetze, um der von Juden inszenierten Greuelpropaganda im Ausland zu steuern. Vor jedem jüdischen Geschäft in Nordhorn würden zwei SA-Leute Posten stehen, um die Massen aufzuklären. In keinem Haus dürften fortan jüdische oder solche Zeitungen gelesen werden, die uns nicht in unserem Kampf unterstützten“. In Neuenhaus versammelte sich die örtliche NSDAP am Vorabend des Boykotts, um ihn vorzubreiten. Sie ver-

öffentlichte dazu am 1. April eine Anzeige in der „Zeitung und Anzeigeblatt“. Darin hieß es: „Es handelt sich um eine Abwehraktion, die solange mit aller Entschiedenheit durchgeführt ist, bis die Auslandsjuden ihre Hetze einstellen. Die Neuenhäuser Bevölkerung und natürlich alle die, die in unserer Stadt einkaufen wollen, kaufen nicht bei Juden. Ab 10 Uhr ist ihnen der Boykott angesagt. Wenn jemand in jüdischen Geschäften einkauft, dann wird man auch hier Fotos von ihm machen, die später daran erinnern, daß es immer noch Leute gab, die ihr Vaterland im Augenblick höchster Not verrieten. S.A.-Posten vor jüdischen Geschäften werden die Massen aufklären und anhalten: Kauft nicht bei Juden!“ Doch damit war es nicht getan. Am Tag des Boykotts begab sich der örtliche Gendarmerie-Oberwachtmeister in Begleitung eines Wachtmeisters und von fünf SALeuten in die Wohnung des Neuenhauser jüdischen Kaufmanns Alexander Steinburg (geboren 1865, ermordet 1942). Sie beschuldigten ihn, verbotene Druckschriften zu besitzen. Konkret ging es um ein „sogenanntes evangelisches Leichenbuch“, in dem Verächtliches über evangelische Leichen geschrieben sein solle, ein sehr mittelalterlich anmutender Vorwurf. Bei der Durchsuchung fand man aber nur das harmlose Geschäftsbuch eines Spediteurs, in dem dieser unter anderem Fahrten zur Überführung von Leichen eingetragen hatte. Anschließend durchsuchten die beiden Gendarmen mit vier SA-Leuten das Haus des jüdischen Produktehändlers Sigmund Süskind (geboren 1893, ermordet 1944 in Auschwitz). Ihm warf man vor, Waffen versteckt zu haben. Natürlich wurde man nicht fündig. Allerdings geriet seine Ehefrau Julchen (geboren 1894, ermordet 1942) bei der Haus-

durchsuchung derart in Aufregung, dass sie nicht mehr in der Lage war zu sprechen. Der beteiligte Gendarm verwahrte sich später gegen das in den Niederlanden aufkommende Gerücht, sie sei bei der Durchsuchung misshandelt worden. Allerdings habe er festgestellt, dass Süskind vor dem Krieg ein Vermögen von 50.000 bis 60.000 Reichsmark besessen habe, und bot daher diensteifrig an, ihn zu verhören, um zu erfahren, ob er heute noch ein Vermögen besitze. Am 7. April 1933 wurde im sogenannten „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ neben der Entlassung politischer Gegner aus dem Staatsdienst gleichfalls die Entlassung

von Juden aus dem Beamtenverhältnis gesetzlich ermöglicht – ein wichtiger Schritt zur Entfernung von Juden aus der Öffentlichkeit. Drangsalierungen einzelner Juden Massive antisemitische Ausfälle auf NS-Kundgebungen waren in den folgenden Monaten an der Tagesordnung und fanden nun ungefiltert ihren Weg in die Presse, beispielsweise massive judenfeindliche Angriffe eines Oldenburger Redners bei der Gründung des nationalsozialistischen „Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand“ für die Grafschaft. Darüber war am 12. Mai 1933 in der „Zeitung und Anzeigeblatt“ im Zuge seiner Angrif-

Die „Zeitung und Anzeigeblatt“ aus Neuenhaus setzt sich auf der Titelseite ganzseitig für den Boykott jüdischer GeAus: Zeitung und Anzeigeblatt Nr. 77 vom 1. April 1933 schäfte ein.

fe gegen die Weimarer Parteien zu lesen. Juden wurden im neuen NS-Staat von den Staatsorganen umgehend gezielt diskriminiert und verfolgt. Auf dem Viehmarkt in Veldhausen nahm man den Viehhändler Albert Mendel, 1903 in Bentheim geboren, dann in Schüttorf und Lingen ansässig, nach einer Auseinandersetzung mit einem Kunden kurzerhand in Schutzhaft, weil er angeblich Landwirte „beschwindelt“ habe, wie die „Zeitung und Anzeigeblatt“ am 29. April 1933 vermeldete. In der „Schüttorfer Zeitung“ war am 23. August zu lesen, der Haftbefehl sei zwar aufgehoben worden, doch die Schutzhaft blieb einfach weiter bestehen. Die „Zeitung und Anzeigeblatt“ hatte bereits am 22. August von seinem Freispruch berichtet. In Gildehaus sorgte Kreisleiter Joseph Ständer persönlich dafür, dass der örtliche Kaufmann Julius Neter (geboren 1861) in Schutzhaft kam. Er veranlasste seine Verhaftung, da ihm Beschuldigungen von Landwirten zugetragen worden seien, Neter habe sich ihnen gegenüber abfällig über die neue Regierung geäußert. Neter wurde deshalb am 22. Juni als „Schutzhäftling“ in das Bentheimer Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert. Der ihn verhaftende Oberlandjäger meldete weitere NS-kritische Äußerungen Neters bei dieser Aktion, was nun als Angriff auf die Regierung gewertet wurde. Neter wurde bald von der „Schutzhaft“ in das KZ Moringen „überstellt“. Die 156 jüdischen Gläubigen (= 0,3 Prozent der Bevölkerung), die es laut Volkszählung vom Sommer 1933 in der Grafschaft Bentheim gab, bekamen somit schon im ersten Jahr der NS-Diktatur einen Vorgeschmack davon, was ihnen in den nächsten Jahren nach der Konsolidierung der NS-Herrschaft noch an Leiden bevorstand.


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Winter 1956/57: Die reformierte Kirche in Hoogstede (links). Gerrit-Richard Ranft in seiner Schneehütte, dahinter Friedhof und Gasthaus Heinrich Müller.

Wintervergnügen in meinem Dorf Die kalte Jahreszeit brachte die Kinder in den 1950er-Jahren mächtig in Bewegung Von Gerrit-Richard Ranft

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ehr heftige, auch lang anhaltende Winter kannte Hoogstede in meiner Kindheit durchaus, auch mit tiefen Minusgraden. Schnee fiel zwar, aber selten in großen Mengen. Das war eigentlich nicht weiter schlimm. Denn ausgedehnte Rodelpartien mit dem Schlitten ließen sich in der fast topfebenen Landschaft im Dorf und drumherum ohnehin nicht veranstalten. Selbst die leicht hügelige Heidegegend jenseits der Eisenbahnschienen bis nah an die Vechte, die in Hoogstede allgemein „Im Berg“ genannt wurde, wies keine wirkliche Rodelbahn auf. Nur ein breiter, schräger, vielleicht 20 Meter langer Hang führte ganz sacht in eine weite Grube. Auf halber Höhe querte ein Fahrweg den Fast-Rodelhang. Dort verlor der Schlitten erst einmal an Fahrt, blieb meist auch liegen. Der Rodler musste selbst für neuen Schwung sorgen, um weiterrutschen zu können. Nein, der Schnee, der sich nur gelegentlich zeigte, hat uns nicht wirklich beschäftigt. Daher besaß wohl auch kaum jemand im Dorf einen Schlitten. Zwei oder drei Familien mögen es insgesamt gewesen sein. Ein ganz besonders kurioses Exemplar hatten wir. Einer der Dorfschreiner hatte die Einzelteile aus einem zwei Zentimeter starken Holzbrett herausgeschnitten und zusammengenagelt. Zwei gut einen Meter lange,

Um 1960: Schlittschuhläufer an der Vechte bei Arkel nahe Hoogstede.

vorne abgerundete Bretter bildeten die Kufen. Auf ihnen war die etwa 80 Zentimeter breite Sitzfläche befestigt. Einem richtigen Schlitten sah die Konstruktion nur entfernt ähnlich. Rodeln konnten wir mit dem seltsamen Gerät eigentlich gar nicht richtig. Es rutschte immer nur langsam den Hang hinunter – und dies auch nur, wenn wir auf dem Bauch liegend kräftig mit den Fußspitzen in den Schnee traten. Nein, eine Freude war diese Art der Rodelei nicht. Ähnlich verhielt es sich mit dem Schlittschuhlaufen. Da bestand eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft. Einige wenige Kinder besaßen echte, stählerne Schlittschuhe mit Hohlschliff, wie sie gerne betonten. Um übers Eis „jagen“ zu können, mussten die Gleiter erst einmal mit vier Haken an der Innen- und Au-

ßenseite der Schuhe festgeklammert werden. Das klappte aber nur mit einer dicken, festen Sohle, die sich nicht verbog. Sonst löste sich die Kufe vom Schuh. Ganz anders die holländischen „Schaasen“. Sie wurden mit zwei Lederriemen am Schuh festgemacht. Der eine vorn über dem Zehenansatz, der andere an der Ferse. Der Schlittschuh selbst war etwa in der Form eines Fußes aus Holz gefertigt, unter dem eine Kufe festgemacht war. Das Problem bestand darin, dass diese Konstruktion den Schlittschuh ziemlich breit und niedrig machte. Die Innenseiten der Schuhsohlen kamen beim Starten, aber auch beim Kurvenfahren häufig mit der Eisfläche in Berührung. Dabei schleiften die Lederriemen über das grobe, auch holprige Natureis, wurden nach und nach

Fotos: Ranft

durchgescheuert und rissen irgendwann. Um Schlittschuhlaufen zu können, waren wir auf leichtes Hochwasser angewiesen. Eine unserer klassischen Eisflächen lag an der Bahnlinie zwischen Hoogstede und Berge. Dort trat die Vechte gelegentlich über die Ufer. Auch Regenwasser hielt sich dort meist eine längere Zeit an der Oberfläche. Teilweise lag die Eisbahn im Weidengebüsch. Die Vechte selbst fror nicht zu, wohl aber manchmal das an mehreren Wehren gestaute Wasser der Lee in Scheerhorn. Etwas übermütig nutzten wir dann auch diese Eisfläche. Passiert ist dabei zum Glück nichts. Zu den Vergnügungen des Winters gehörte auch das Knobeln im Gasthaus „Unter den Linden“ meiner Großeltern, das schräg gegenüber der Molkerei lag. Geknobelt

wurde am Tag vor Nikolaus im Nebensaal der Wirtschaft mit jeweils zwei Würfeln. Für ein paar lange zusammengesparte Groschen wurde um verlockende Gewinne gewürfelt: eine Tafel Schokolade, eine Dose Fisch, Bockwürstchen, einen Frankfurter Kranz. Lauter Leckerbissen, die es das Jahr über sonst kaum gab. Mehrere Besucher taten sich jeweils zu einem Spiel zusammen. Jeder legte 10 oder 20 Pfennig hin, bis der Preis für den ausgewählten Gewinn erreicht war. Dann ließ jeder Spieler die Würfel rollen – die höchste Summe gewann. Einmal bauten mein Freund Georg und ich im Winter eine Vogelfalle. Wir streuten etwas Futter auf einen kleinen Fleck in Georgs Garten. Ein großes, siebförmiges Drahtgeflecht stellten wir schräg über die Futterstelle und stützten es mit einem Stöckchen. An ihm war ein Faden befestigt. Mit einem Ruck wollten wir das Hölzchen wegziehen, sobald sich ein Vogel übers Futter hermachte. Es kam kein Vogel. Wir froren kläglich und gaben bald auf. Ganz alleine baute ich mir in einem der wenigen schneereichen Winter eine Schneehütte, aber ohne Dach. Sie stand auch nicht lange, weil bald Tauwetter einsetzte. Gerrit-Richard Ranft wurde 1937 geboren und wuchs in Hoogstede auf. Er lebte heute in Ulm und arbeitet dort als freier Journalist.


7 Neuenhaus im Jahr 1647

... zurückgeblättert 4. November 1994: Die Deutsche Bahn gibt grünes Licht für die bereits seit 65 Jahren gewünschte Bahnunterführung in Bad Bentheim. Baubeginn für das 40-MillionenMark-Projekt an der Bundesstraße 403 soll 1995 sein.

Die Stadt Neuenhaus hat 2019 ihr 650-jähriges Bestehen gefeiert. Mit mehreren Veranstaltungen wie einem großen Festumzug durch den Ortskern, aber auch mit zahlreichen Festbögen von Nachbarschaften und

weiteren Gemeinschaften tauchte Neuenhaus tief in die eigene Vergangenheit ein und schlug eine Brücke zur Gegenwart. Diese einem bekannten Kupferstich nachempfundene Darstellung der Stadt übermittelte

Manfred Voger aus Schüttorf den Grafschafter Nachrichten. Die Ansicht zeigt Neuenhaus im Jahr 1647 mit einem Reiter, der den Ort durch das Uelser Tor in Richtung Uelsen Bild: Voger verlässt.

Stapelloap-Spektakel Met ouns kläine Böötken up de Vechte bi de Mölle in’t Loar

10. November 1994: Das Hallenbad in Osterwald bleibt nach dem Einsturz der Decke Ende 1993 geschlossen. Die Reparatur rückt wegen hoher Kosten in weite Ferne. 21. November 1994: Wietmarschen macht den Anfang: Ab Februar 1995 zieht die Biotonne in die Grafschafter Haushalte ein. Der Landkreis beschließt die schrittweise Einführung der neuen Abfallbehälter. 30. November 1994: Das Alte Rathaus Gildehaus soll künftig ein Otto-Pankok-Museum beherbergen. Die Stadt Bad Bentheim sieht eine „einzigartige Chance“.

Van Jan Veddeler, frooger Uelsen, vandaage Osnabrück

D

at kläine Dorp Loar an de Vechte tüschen Emmelkamp en’t hollandsche Cuvern was frooger miin Paradiis för schoolfréie Tied in’n Sommer of Harfst. Met de Fietse noar’t Loar, bi mi den Veedoktes Sönn ut Uelsen, wi bäide den Kopp full Gedaunken, ounse Program wass uprégnd: Fisch fangen, Luftgewäär scheetn, Saaken timmern, Trekker föhrn, schwömmen in’t Kolkwater – fréi en unkontrollärt! Den grootn Hoff was anstüürt, doar stünn miin Opas Schmedreij en Warkstee, miin Ounkels hooge Schüürn mät Laundmeschin’, dat rümege Wunnhus. Ait en besünner Momäint för ouns, Opa bii’t Wark tootekikn’: hee achtern Amboss, breet läernen Kittel, lange Tange, dat Iisen glöit roat, Hamer boabn, Schlach up Schlach laank – kott – kott– laank. Siin groot Geschick: Perde beschloan’, Tünkes sättn, Akkerwagen montärn, iisern Moijighäitn – deep Respäkt deför! N’ passend Ür wass kumm’, ounse Froage förberäit’: „Opa, kaans’ du ouns n’ Boot maaken, kläin, wäindech än flügge up de Vechte?“ Nich

7. November 1994: Beeindruckende Hilfsbereitschaft in der Grafschaft und im Emsland: Mehr als 6000 Menschen spenden Blut, um dem an einer schweren Stoffwechselkrankheit leidenden achtjährigen Simon Sauer aus Emsbüren zu helfen.

1. Dezember 1994: Der Verkehr rollt über die Nordhorner Südumgehung. Das Teilstück der Bundesstraße 213 zwischen Denekamper Straße und Gildehauser Weg wird vorzeitig freigegeben. Das Reststück bis zur Abfahrt der Bundesstraße 403 nach Bad Bentheim soll im April 1995 befahrbar sein. 5. Dezember 1994: In Wilsum wird eine neue Sporthalle eröffnet. Der Bau des Gebäudes kostet 3,85 Millionen Mark und wird innerhalb eines Jahres verwirklicht. 12. Dezember 1994: Der Nordhorner Historiker Werner Straukamp übernimmt die Leitung des Stadtmuseums Povelturm. Am Vechteufer in Höhe der Laarer Mühle liegt im Sommer die Vechtezomp.

offsäggt, nich toosäggt, men Dage later wass de PottloatTeeken utbräit – dütlek te seen: ounse Böötken! Noa Fieroamd en tüschendör mättn, saagen, dann schwaissn, schliipn. Ounse Haunde ait bemöit, men meest inne Weg, kunn’ wii markn. Groot, glükkech Ge-

fööl: Dat Kajak wass nou up höltne Bükke böert, beräit för’t Stapelloap-Spektakel! Ok Noabers wann’ iintroffn’ an’n Vechtestrepen bii de aule Mölle, miin Ounkel hatt’t Kajak bracht en offsett, ik satt goot binnen, langn’ Stött van achtern, dat Water fört Oage. Schrikk! Wat pas-

Foto: Meppelink

särde nou? Ik vesakk. Alarm! Ik vesuup deeper en deeper. „Ahoi, Kaptäin!“, wödt van buutn’ löijt. Schallend Gelach. Dat Paddl kunn mi nich mer helpen. Druut nou, trügge an Laund, heel gau! Opas Gesichte – half bedrükt, half amüsärt – nikde mi to: „Bootsbau häkk nich läert!“

20. Dezember 1994: Die Citibank plant, in der früheren NINO-Verwaltung an der Bentheimer Straße in Nordhorn ein Callcenter mit 500 Arbeitsplätzen einzurichten. 24. Dezember 1994: Der bekannte Franziskaner-Pater Beda aus dem Kloster Bardel feiert 60. Geburtstag.


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Werk und Leben Karl Sauvagerds „Plattdeutsches Buch des Jahres 2019“ kommt aus der Grafschaft Bentheim Zu den Autoren

Verena Kleymann

48431 Rheine, geboren 1984 in Paderborn. Studium der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Klassischen Archäologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Derzeit Promotionsstudium an der Universität Duisburg-Essen. Mitarbeiterin am Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/ Niederrheinisch (1200-1650). Seit 2016 Bearbeiterin der Gesammelten Werke in Einzelausgaben von Augustin Wibbelt in Zusammenarbeit mit Hans Taubken. Seit 2017 Redakteurin des Jahrbuchs der Augustin Wibbelt-Gesellschaft. Verschiedene wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Dr. Helmut Lensing

48268 Greven, geboren 1961 in Wietmarschen, Kreis Grafschaft Bentheim. Studium der Geschichte, Katholische Religionslehre und Sozialwissenschaften für das Lehramt Sek. II/I in Münster, nach dem 1. Staatsexamen Promotionsstudiengang Neue und Alte Geschichte und Politikwissenschaften. 1997 Promotion. Lehrer in Münster. Zahlreiche Veröffentlichungen, vor allem zu Parteien-, Kirchen-, Wahlund Verbandsgeschichte der Region. Vorstandsmitglied der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Dieter Stellmacher

37073 Göttingen, geboren 1939, Studium von Germanistik, Niederlandistik und Slawistik in Leipzig. Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie. Nach Promotion und Habilitation Professor für Niederdeutsch in Göttingen 1976-2005. Arbeitsschwerpunkte Dialektologie, Soziolinguistik, Sprachgeschichte. Ausländisches Ehrenmitglied der belgischen Kgl. Akademie für niederländische Sprache und Literatur. Veröffentlichungen (in Auswahl): Studien zur gesprochenen Sprache in Niedersachsen (1977), Niederdeutsche Sprache (2. Aufl. 2000), Niedersächsischer Dialektzensus (1995), Niederdeutsche Sprachgeschichte und das Deutsch von heute (2017).

Unter Federführung von Klaus Vorrink und Bernd Vette wurde ein aufwendig gestaltetes Buch mit ausgewählten Werken Sauvagerds erstellt, um den Literaten einer breiten Öffentlichkeit wieder bekannt zu machen. In neun Kapitel bietet es einen guten Überblick über sein lyrisches Werk, beispielsweise mit Gedichten zu den Jahreszeiten, dem Leben des Menschen von der Wiege bis zu Bahre, zum Einsatz zur Erhaltung der Moore und Heiden oder der alten Innenstädte vor einem autogerechten Ausbau. Ebenso wenig fehlen plattdeutsche „Schauergeschichten“ für das Vorlesen am Herdfeuer. Seine Romane blieben aus Platzgründen unberücksichtigt. Die Beiträge stammen aus dem Nachlass oder waren weit verstreut – und damit kaum bekannt – in Zeitungen und Zeitschriften dies- und jenseits der Grenze erschienen. Erstmals wird damit ein Überblick über die gesamte Bandbreite seines (lyrischen) Schaffens gegeben. Die Germanistin Verena Kleymann, die die Werke ausgewählt hat, resümiert infolgedessen in ihrer Einführung: „Wir haDe Tied blif Baas – ausgewählte Werke Karl Sauvagerds

Der sprachbegabte und vielseitig interessierte Neuenhauser Schneidermeister Karl Sauvagerd (1906-1992) gehörte von den 1950er Jahren bis zum Beginn der

1990er Jahre zu den bekanntesten niederdeutschen Lyrikern im nordwestlichen

Grenzraum. Gut vernetzt in Zusammenschlüssen der Freunde des Niederdeutschen, widmete er sich nach dem Krieg besonders dem Brückenbau zu den niederländischen Vertretern dieser Sprache. Er publizierte viel in deren Zeitschriften.

Das vorliegende Buch beinhaltet eine Einführung in Leben, Werk und Wirken Karl Sauvagerds sowie zur niederdeutschen Sprache beiderseits der Grenze

aus der Feder anerkannter Fachleute, zum Teil auch in niederländischer Sprache. Der zweite Teil bietet erstmals einen Überblick über sein breites literarisches

Schaffen, das sich in zwei schmalen Lyrikbänden und weit verstreut in Tages-

zeitungen, Heimatbeilagen, Zeitschriften und Jahrbüchern sowie in seinem Nachlass fand. Die Germanistin und Autorin Verena Kleymann resümiert daher in ihrer

Einführung: Wir haben mit Karl Sauvagerd einen originellen und vielseitig begabten Mundartautoren vor uns, der einen bedeutenden Fußabdruck in der niederdeutschen Literatur hinterlassen hat.

De taalkunstenaar en veelzijdig getalenteerde uit Neunhaus afkomstige kleer-

maker Karl Sauvagerd (1906-1992) behoorde van +/-1950 tot het begin van de 90er jaren tot de bekendste Nederduitse dichters in het noordwestelijk grensgebied

van Duitsland. Samen met andere vrienden van de Nederduitse taal zette hij zich in als bruggenbouwer naar het buurland. Zo ontstond een innige samenwerking met

in Nederland Nederduits schrijvende en sprekende personen waardoor Sauvagerd veel schreef in Nederlandse, in het Nederduits publicerende, tijdschriften.

Dit boek geeft voor de eerste keer een overzicht over het totale literaire werk van

Sauvagerd. De germanist en uitgeefster Verena Kleymann vat het als volgt samen in haar inleiding: Karl Sauvagerd is een originele en veelzijdig begaafde auteur die een

belangrijke voetafdruk in de Nederduitse literatuur heeft nagelaten. Deel twee van dit boek geeft een overzicht van het leven en het werk van Sauvagerd. Ook de Neder-

duitse taal aan beide kanten van de grens wordt door gerenommeerde deskundigen besproken en gedeeltelijk in het Nederlands vertaald.

Karl Sauvagerd

ie Heimatfreunde Neuenhaus – allen voran Gerda und Georg Hagmann, Bernd Vette und Klaus Vorrink – entdeckten zum 25. Todestag den schon fast in Vergessenheit geratenen Neuenhauser Dichter Karl Sauvagerd (1905-1992) wieder neu. Sie organisierten eine sehr gut besuchte Ausstellung zum Leben und Werk des Lyrikers. Wie die interessierten Besucher dabei erfuhren, war Karl Sauvagerd nicht nur als unermüdliche Verfasser von niederdeutschen Gedichten und Liedern, als Autor eines zweibändigen plattdeutschen Wörterbuchs der Grafschaft und als Verfechter des Plattdeutschen in den östlichen Niederlanden, der Grafschaft und im Emsland weithin bekannt, sondern er war ebenso ein talentierter Musiker, Botaniker, Naturschützer und Maler – kurzum: Er war ein Mann mit vielen Talenten, der sich vor allem in niederdeutschen Autorenvereinigungen wie dem „Schrieverkring an Ems en Vechte“ an der Seite von Dr. Arnold Rakers, Christa Brinkers oder Maria Mönch-Tegeder einen Namen machte.

„De Tied blif Baas“ Karl Sauvagerd Ausgewählte Texte und ein Lebensbild

„De Tied blif Baas“

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Ausgewählte Texte und ein Lebensbild

KS_Buch_Umschlag_26-08.qxp_Layout 1 26.08.19 09:06 Seite 1

Herausgegeben im Auftrag der Heimatfreunde Neuenhaus e.V. von Berend Vette und Klaus Vorrink

den östlichen Niederlanden von Prof. Dr. Dieter Stellmacher sowie eine ausführliche Biographie von Dr. Helmut Lensing. Sie ist zugleich eine erste Untersuchung zur Plattdeutsch-/Nedersaksisch-Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg im westlichen Niedersachsen mit deren Verbindungen zu den niederländischen Plattdeutsch-Sprechern. Auszeichnung: Das neue Buch ist kaum drei Wochen erschienen – und schon preisgekrönt. Die Hamburger Carl-Toepfer-Stiftung und das Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen verleihen alljährlich einem Buch, das in Gestaltung, Illustration oder Thematik außergewöhnlich ist, den Titel „Plattdeutsches Buch des Jahres“. Der Titel ist mit einem Preisgeld von 2000 Euro verbunden. In der Begründung der Preisverleihung heißt es: „Die mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis verfasste Zusammenstellung bietet einen interessanten Einblick in das Schaffen und Wirken Sauvagerds, der neben regional geprägten Erzählungen und besinnlichen Gedichten auch gesellschaftUmschlagbild: Karl Sauvagerd im Jahr 1991

A U S : P R I VATA R C H I V B E R TA R A D I C K E , U E L S E N ;

ISBN 978-3-9818393-7-1

N A C H L A S S K A R L S A U VA G E R D

ben mit Karl Sauvagerd einen originellen und vielseitig begabten Mundartautoren vor uns, der einen bedeutenden Fußabdruck in der niederdeutschen Literatur hinterlassen hat.“ Neben ausgewählten Werken Sauvagerds beinhaltet der dritte Band der Reihe „Studien und Quellen zur Geschichte des Emslandes und der Grafschaft Bentheim“ der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte eine Einführung in das Werk aus der Feder von Verena Kleymann, eine Abhandlung zur niederdeutschen Sprache im Raum Emsland/ Grafschaft Bentheim und

lich bedeutsame Lyrik verfasste, wie das Antikriegsgedicht „Stormteken“. Durch fachwissenschaftliche Erklärungen wird deutlich, wie der Dichter eingebettet war in die Sprach- und Literaturlandschaft seiner Zeit und wie intensiv die Rezeption seiner Schriften auch in den angrenzenden Niederlanden war. Die Gestaltung des Buches beeindruckt durch Großzügigkeit und Leserfreundlichkeit, die Papierqualität und das Lesebändchen unterstreichen die gediegene Ausstattung.“ Karl Sauvagerd, „De Tied blif Baas“ – Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. im Auftrag der Heimatfreunde Neuenhaus e.V. von Bernd Vette und Klaus Vorrink (Studien und Quellen zur Geschichte des Emslandes und der Grafschaft Bentheim, Bd. 3), Haselünne 2019, 418 S., ISBN 978-3-9818393-7-1, Preis: 25 Euro (im hiesigen Buchhandel – bis auf Thalia in Nordhorn – und bei Amazon erhältlich. Bestellung auch möglich per Mail: kontakt@emslandgeschichte.de (zzgl. Versandkosten).

Das Bentheimer Land in kriegerischen Zeiten Neuer Band der „Emsländischen Geschichte“ erhellt die regionale Vergangenheit an Ems und Vechte

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in Schwerpunkt der acht Beiträge im diesjährigen Band 26 der „Blauen Reihe“ der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte ist das Bentheimer Land in kriegerischen Zeiten. Lara Krölls untersucht in ihrer Examensarbeit den Versorgungsmangel in der Grafschaft während des Ersten Weltkriegs. Sie schildert, wann es warum zu unterschiedlichen Mangelerscheinungen kam, wie der Staat diese zu beheben suchte und welche Wege die Bevölkerung einschlug. Dazu zählte auch eine massive Ausweitung des Schmuggels und des Schwarzschlachtens. Dr. Dick Schlüter aus Enschede beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die benachbarte Twente – eine neue, erfrischende Sicht, die immer auch die Lage im

Bentheimer Land im Auge hat, sei es beim Schmuggel, den Problemen der Textilindustrie oder bei der Flucht von Kriegsgefangenen und Deserteuren über Grenze in die Niederlande. Dr. Helmut Lensing und der bekannten Tierfotograf Dr. Erhard Nerger informieren über den farbenprächtigen Eisvogel im Bentheimer Land und im Emsland, wobei dieser beeindruckend illustrierter Beitrag auch Fotos des Schüttorfers Armin Siemering enthält. In der Rubrik „Revolutionsnachwehen in der Region“ schildert Manfred Fickers, wie nach der Französischen Revolution in der Zeit zwischen 1792 und 1802 in den beiden Koalitionskriegen die Region an Ems und Vechte mit den angrenzenden niederländischen Provinzen zum Kriegsschauplatz

wurde. So belagerten die Franzosen die Burg Bentheim und verdrängten deutsch-britische Truppen militärisch aus der Region, etwa in einem Gefecht bei Schüttorf. Auch im Beitrag von Helmut Lensing über die Organisation der Zentrumspartei in der Provinz Hannover wäh-

rend der Weimarer Zeit wird immer wieder ein Blick auf die katholische Partei im Bentheimer Land geworfen. Ein Höhepunkt für die zahlreichen Freunde alter Landmaschinen ist der Beitrag in der Sparte „Regionale Museumslandschaft“. Museumsleiter Walter Krone stellt das jüngste Museum der Region Emsland/Grafschaft Bentheim vor, das großräumige LandwirtschaftsmaschinenMuseum der Firma Krone in Spelle. Er präsentiert in vielen Fotos fachkundig eine Reihe alter Maschinen – ein Muss für die Fans alter Landwirtschaftsmaschinen. Eine zweite Examensarbeit untersucht die Hintergründe des gewaltsamen Todes eines Häftlings im Emslandlager IV Walchum und deren – sehr seltene – gerichtliche Nachwirkung noch während der NS-Zeit.

Christof Haverkamp informiert über die jüngste Entwicklung der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte, die in diesem Jahr bei Wahrung der vereinsrechtlichen Unabhängigkeit ein Arbeitskreis innerhalb der Emsländischen Landschaft geworden ist. Darüber hinaus finden sich im neuen Band drei umfangreiche Biographien und sechs Gedichte der Grafschafter Lyriker Karl Sauvagerd und Carl van der Linde. Das Werk von 422 Seiten ist zum Preis von 25 Euro im Buchhandel (ISBN 978-39818393-8-8) erhältlich. Es kann überdies per Mail an kontakt@emslandgeschichte.de (zzgl. Versandkosten) bestellt werden. Die „Emsländische Geschichte“ ist unter dieser Adresse gleichfalls verbilligt zu abonnieren.

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Der Grafschafter November-Dezember 2019  

Freitag, 8. November 2019

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