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H E I M AT B E I L A G E D E R G R A F S C H A F T E R N A C H R I C H T E N Mai / Juni 201

Der Pickmäijer in Uelsen. Foto: Iris Kersten

Glockenspiel

NS-Zeit

Kräuter

Vom Dach des Rathauses Nordhorn erklingen Melodien

Die Grafschaft wird ab 1933 gleichgeschaltet

Wanderer begeben sich auf die Spur von Karl Sauvagerd


2 lesenswert! Nordhorn – Geschichte einer Grenzstadt

Heinrich Specht, Heimatforscher und Schulrektor, legte 1941 eine Stadtbeschreibung von Nordhorn vor. Auf mehr als 400 Seiten widmet er sich akribisch der Entwicklung der Kreisstadt. Welche Rolle spielte sie in den Kriegen vergangener Jahrhunderte? Wie erging es Nordhorn unter hannoverscher und preußischer Führung? Und wie entwickelte sich die Stadt in der Sechs Notenbänder zu den jeweiligen Jahreszeiten gab es einst für das Glockenspiel im Rathaus – hier links das „WinterFotos: Hamel Weimarer Republik und seit band“. Hausmeister Detlev Hempel bedient die neue digitale Anlage zur Steuerung der Anlage. 1933? Ein spannendes, seltenes Zeitdokument.

Der Lenz grüßt vom Dach

100 Jahre Bentheimer Eisenbahn

Zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 1995 hat die Bentheimer Eisenbahn diese 224-seitige Chronik herausgegeben. Dargestellt werden die Entwicklung der Verkehrssituation im Landkreis und der wirtschaftliche Werdegang des Unternehmens. Viel Platz erhalten zudem die Diesellokomotiven. Auch der Bus- und der Güterkraftverkehr kommen nicht zu kurz. Nicht zu vergessen: die Arbeit des Grafschafter Modell- und Eisenbahnclubs Graf MEC.

Beide Werke sind in der Heimatbücherei der Stadtbibliothek Nordhorn ausleihbar.

Heimatbeilage der Grafschafter Nachrichten Verantwortlich Guntram Dörr Redaktion Andre Berends Telefon 05921 707-346 a.berends@gn-online.de Verlag und technische Herstellung Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG Coesfelder Hof 2 48527 Nordhorn E-Paper Erhältlich im Internet auf www.gn-online.de/e-paper © Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG

Die nächste Ausgabe erscheint am 6. Juli 2018.

15 Glocken erklingen im Türmchen des Nordhorner Rathauses Von Sebastian Hamel

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as Nordhorner Rathaus ist eines der Wahrzeichen der Grafschafter Kreisstadt. 1951 wurde der Bau an der Bahnhofstraße fertiggestellt. Blickfänger sind nicht nur die historisch anmutenden Elemente an den Fassaden: Insbesondere das Glockentürmchen ist weithin sichtbar und ein Bestandteil der Nordhorner „Skyline“. Interessant ist der kleine Dachreiter aber vor allem wegen seiner akustischen Reize. Das Türmchen beherbergt 15 Glocken, die nicht nur zu jeder Viertel- und vollen Stunde die jeweilige Uhrzeit läuten, sondern auch drei Mal täglich bekannte Melodien anstimmen: Jeweils um 8 Uhr, um 12.30 Uhr und um 18 Uhr erklingen der Jahreszeit entsprechende Lieder. „Komm lieber Mai und mache...“ oder „Nun will der Lenz uns grüßen“ sind etwa im Frühjahr zu hören, und geht es auf den Sommer zu, dann sind es Klassiker wie „Geh aus mein Herz und suche Freud“ oder „Die Blümelein, sie schlafen“. Im Herbst wird unter anderem „Im schönsten Wiesengrunde“ gespielt und zur Adventszeit – wie passend – „Süßer die Glocken nie klingen“. Die ganze Liste der Lieder ist freilich um Einiges länger. Turmuhr und Glockenspiel blicken auf eine bewegte Geschichte: Geliefert wurde das Klangwerk zum Rathaus-Bau von der Firma J.F. Weule aus Bockenem im Harz zum Preis von 10.395,22 Mark. Nach einigen Jahren musste es aber im wahrsten Sinne des Wor-

Im Turm auf dem Rathausdach ist das Glockenspiel untergebracht.

tes „stillgelegt“ werden, informiert die Stadt: Die Aufhängungen waren durch Umwelteinflüsse stark verrostet und für eine Reparatur fehlten im städtischen Haushalt zunächst die Mittel. Mehrere Jahre sollte die Ruhezeit letztlich andauern, wobei das allgemeine Interesse an der Wiederinbetriebnahme stetig wuchs. Unter anderem aufgrund zahlreicher Spenden konnte der Rat schließlich grünes Licht für die Reparatur geben, sodass seit Ende 1983 wieder die Lieder ertönen. Mit den nötigen Arbeiten wurde seinerzeit die Firma Ed. Korfhage & Söhne aus Melle beauftragt, die noch heute jährlich die Wartung des rund 650 Kilogramm schweren Glocken-

spiels vornimmt. Bei der damaligen Generalüberholung wurden die Magnetschlaghämmer instandgesetzt, ebenso wie die elektromechanische Steuerung. Dieses Steuerwerk ist vor rund fünf Jahren durch eine digitale Anlage ersetzt worden. Das alte Gerät arbeitete noch mit sogenannten Lochbändern, um die Melodien zu erzeugen: Während die Bänder durch den Apparat gezogen wurden, fielen Kontakthebel in die systematisch angelegten Löcher und schlossen so den Stromkreis zur Betätigung der Magnetschlaghämmer in den Glocken. Die Löcher in den Bändern waren entsprechend der jeweiligen Melodie des Liedes angeordnet. Die insgesamt sechs

Foto: Konjer

Notenbänder wechselte der Hausmeister passend zur Jahreszeit. Die neue Anlage ist mikroprozessorgesteuert und besitzt einen internen Speicher, auf dem die verschiedenen Lieder einprogrammiert sind. Sie können nunmehr in beliebiger Reihenfolge abgerufen werden. „Es besteht auch die Möglichkeit, selbst Melodien einzuspielen oder zu konzertieren“, teilt die Firma Korfhage mit. Die traditionellen Lieder wurden allerdings größtenteils beibehalten. Damit dürfte der seit Jahrzehnten beliebte Klang des Glockenspiels mit nunmehr neuer Technik auch weiterhin die Bewohner der Stadt und ihre Besucher erfreuen.


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Zwei Engel, ein Schöpfer? Von der Gildehauser Kanzel führt eine Spur nach Deventer Von Wilhelm Hoon

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ie Kanzel in der evangelisch-reformierten Kirche zu Gildehaus wurde am 15. Dezember 1617 errichtet. Sie ist also 400 Jahre alt. Damit ist sie eine der ältesten in der Grafschaft Bentheim. Wir kennen das genaue Entstehungsdatum und wissen auch, dass die Gildehauser Steinmetze Hermann Buhr und Gerhard Keiser die Erbauer waren, wobei Buhr, der einer angesehenen Gildehauser Familie entstammen soll, als der eigentliche Schöpfer anzusehen ist. Aber über seinen Lebenslauf und weitere Arbeiten, die er als Steinmetz geschaffen hat, ist nichts bekannt. Obschon das Archiv der reformierten Kirchengemeinde umfangreich und gut geordnet ist, findet sich hier nichts über Hermann Buhr und seine Zeit. Doch nun führt eine Spur nach Holland, nach Deventer. Sie hilft vielleicht, den weiteren Lebensweg des Hermann Buhr zu verfolgen. Und dabei können die Engelsköpfe der Gildehauser Kanzel, über die schon oft geschrieben und nachgedacht wurde, eine wichtige Hilfe sein. Die alte Hansestadt Deventer war im 17. und 18. Jahrhundert eng mit der Grafschaft Bentheim verknüpft. Es gab verwandtschaftliche Beziehungen, und es ist bekannt, dass Personen, die in Deventer wichtige Positionen innehatten, aus der Grafschaft stammten. Besonders aber war es der Sandsteinhandel, der zu jener Zeit blühte und der Bentheim und Gildehaus mit Deventer verband; denn die Bewohner der aufstrebenden und wohlhabenden Handelsstadt bevorzugten das „weiße Gold“ für den Bau ihrer Häuser und verzierten sie mit Steinmetzarbeiten. Treffende Beispiele finden sich an vielen historischen Gebäuden, an Kirchen und an dem barocken Stadhuis. Den Steinen aus der Grafschaft folgten Steinmetze, die in Deventer ein reiches Betätigungsfeld vorfanden. Zumindest zwei stammten aus Gildehaus, das waren Jan Bours und Hans Wilhelm Amushoff. Sie sind, wie eindeutig nachgewiesen wurde, die Erbauer eines barocken Treppenaufgangs, der 1643

Die Darstellung des Engels an der Gildehauser Kanzel (oben) weist eine Ähnlichkeit mit der Fotos: Hoon Arbeit auf, die am Bouwershuis in Deventer (unten) zu finden ist.

vor die „Waage“ gesetzt wurde. Die „Waage“ stammt aus dem 16. Jahrhundert. Sie war ein wichtiges Lager- und Handelshaus und ist auch heute noch das beherrschende Gebäude am Brink, dem Marktplatz von Deventer. Die beiden Gildehauser erhielten also mit dem Bau einer kunstvollen Treppe mit zwei Torbögen, von der man direkt in den ersten Stock der „Waage“ gelangte, einen ehrenvollen und sicher auch lukrativen Auftrag. Schräg gegenüber der „Waage“, ebenfalls am Brink, liegt ein repräsentatives Stadthaus. Es stammt, wie sich in einem Stadtführer nachlesen lässt und woran ein Schild an der Hausfront erinnert, aus dem 17. Jahrhundert und wurde von einem Mann mit dem Namen

Bouwer errichtet, der aus Gildehaus kam und Miteigentümer einer Sandsteingrube war. An diesem Haus findet sich links neben der reichgeschmückten Eingangstür in gut 50 Zentimeter Höhe eine Sandsteinplastik mit einem Engelskopf, der eine auffällige Ähnlichkeit mit den Köpfen an der Gildehauser Kanzel hat. Jener Sandsteinschmuck, der bislang unbeachtet war und über den noch nie berichtet wurde, zierte wohl den oberen Teil eines ehemaligen Kellereingangs. Keller waren zu jener Zeit wichtige Räume, in denen oftmals Handwerker ihre Werkstatt hatten. Obschon diese Sandsteinarbeit verwittert und abgeschrammt ist, kann man eine „Verwandtschaft“ mit den Gildehauser Köpfen deutlich

erkennen: Zu sehen sind die gleiche Stirnlocke und rechts und links die gleichen Haare, die wellig über die Ohren fallen und sie verdecken. Auch die längliche Gesichtsform entspricht dem Gildehauser Vorbild, und trotz aller Beschädigungen meint man, auch die ausgeprägten Lippen zu erkennen, die einen Kunsthistoriker einmal dazu verleiteten, den Gildehauser Engeln ein negroides Aussehen zuzuschreiben. Von hiesigen Steinmetzen sind weitere Engelsköpfe geschaffen worden, zum Beispiel an der Kanzel in der Alten Kirche am Markt in Nordhorn, die von dem Gildehauser Wermold Werning 1657 angefertigt wurde, oder im Kloster Frenswegen, wo im Kreuzgang ein Engelskopf als Bruchstück zu finden ist, das

sicherlich früher Teil einer bedeutenden Sandsteinarbeit war. Die Gesichter und die Haartrachten haben aber keine Ähnlichkeit mit den Köpfen an der Gildehauser Kanzel. Nur zwischen den Gildehauser Abbildungen und der Ausführung in Deventer besteht eine Übereinstimmung. Kann man daraus schließen, dass die Engelsdarstellungen in Gildehaus und Deventer aus einer Hand stammen? Sind Hermann Buhr, der Baumeister der Kanzel in Gildehaus, und die beiden Bours und Bouwer, die in Deventer zu finden sind, miteinander verwandt oder sind sie gar identisch? Ist Buhr, nachdem er in Gildehaus tätig war, nach Deventer gegangen, wo er ein größeres Betätigungsfeld vorfand als in seiner Heimat? Hat er dort seinen deutschen Nachnamen der niederländischen Schreibweise angepasst, ebenso wie jener Amushoff, der Mitarbeiter an dem Treppenaufgang vor der „Waage“, dessen Gildehauser Name Amshoff ist? Fest steht, dass Bouwer, der Steingrubenpächter aus Gildehaus, in Deventer zu einem wohlhabenden Mann wurde und dass er zu den dortigen Regentenfamilien gehörte, einer Gruppe von Bürgern, die reich, angesehen und einflussreich waren. Er konnte sich am Brink, der besten Gegend in Deventer, 1630 ein prächtiges Wohnhaus bauen mit einem Kellereingang, den er mit einer sehr ausgefallenen Sandsteinarbeit, eben dem Engelskopf, schmückte. Noch heute heißt das Haus „Bouwershuis“, und die Ecke, in der in späteren Jahren weitere Gebäude mit dem Haus der Familie Bouwer verbunden wurden, trägt den Namen „Bouwershoek“. Das alles ist nur eine Spur, ein schmaler Pfad. Ob er zu einem Ziel führt, werden vielleicht kommende Forschungen ergeben. Literatur: • Dr. Hermann Hagels, Hans Amshoff und Jan Bours aus Gildehaus – die Architekten des Treppenaufgangs an der Waage in Deventer. Jahrb. des Heimatvereins 1964. • Wikipedia: Herinner je Deventer, Cellencomplex Bouwershoek Brink.


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Die Gleichschaltung der Grafschaft „Die Staatseinheit mußte in allen Gebieten durchgeführt werden“ – Folge 5 aus diesem Grunde erlassen ist, sieht vor, daß die Grußerweisung mit und ohne Kopfbedeckung im Stehen und in der Bewegung durch den Deutschen Gruß zu erfolgen hat.“

Von Helmut Lensing

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it dem Beginn der Kanzlerschaft Hitlers, vor allem jedoch nach der Festigung der NS-Herrschaft durch die Märzwahlen, änderte sich die innere Gestaltung Deutschlands rapide. Der damit einhergehende Verlust von Freiheit und die Einschränkung bürgerlicher Rechte traf nur auf wenig Widerstand, herrschte doch zu Beginn der NS-Herrschaft eine ganz eigentümliche Stimmung, die durch die NS-Propaganda verstärkt wurde, die einen Großteil der Bevölkerung mobilisierte. Vielfach stießen die Gewaltmaßnahmen gegen NS-Gegner wie die Kommunisten 1933 sogar auf offene Zustimmung in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung.

Der NS-Agrarpolitiker Dr. Hermann Korte Das Gildehauser Gemeindeoberhaupt Ernst brachte als Nordhorner Bürgermeister die Buermeyer wurde mit Gewalt und VerleumStadtverwaltung umgehend auf NS-Kurs. dung aus seinem Amt vertrieben. Foto: Privatarchiv Helmut Lensing

„Gleichschaltungen“ statt. Auch darüber ließ sich der Chronist der Burgschule aus: „Die Staatseinheit mußte in allen Gebieten durchgeführt werden; darum mußten manche Beamte, Bürgermeister etc. ihres Dienstes enthoben oder beurlaubt werden, damit der Nationalsozialismus und seine Ideen nirgendwo behindert wurde. (…) Im ganzen Staate gilt von nun an das Führerprinzip. Leitende Beamte werden nicht durch Wahl berufen, sondern von der Staatsbehörde zu Führern bestimmt. Die Staatsregierung hat die oberste Leitung auf allen Gebieten. Lehrer, Beamte, Mittelständler, Arbeiter, Bauern etc. sind von Staats wegen in Fachschaften zusammengeschlossen. Alle früher so starken Unterschiede betr. Konfession, Stand, Dienstgrad etc. treten nicht mehr in Erscheinung.“

Foto: Dietrich Buermeyer, Osnabrück

Wahl, sondern vor allem durch den Flaggenerlaß des Reichspräsidenten wurde der 12. März 1933 zu einem Tag von großer innerpolitischer Bedeutung. Noch bevor der Reichstag die Entscheidung über die endgültige Regelung der Reichsfarben getroffen hat, hat der Herr Reichspräsident verfügt, daß in Zukunft die alte Fahne Foto: dpa

Über diese Phase der Durchdringung der Gesellschaft mit der NS-Ideologie ist in der Schulchronik der Nordhorner Burgschule zu lesen: „Damit das gesamte Volk in allen seinen Teilen von der Einheitsbewegung erfaßt und durchdrungen wurde, veranstaltete die Regierung große Demonstrationen, Aufmärsche, Versammlungen, wodurch der nationalsozialistische Gedanke wirklich ins ganze Volk hineindrang. So war am 1. Mai der Tag der Arbeit. An allen Orten waren festliche Umzüge von gewaltigen Ausmaßen, an denen sich Arbeiter, Arbeitgeber und Angestellte einmütig beteiligten. Im Juni gelegentlich der Sonnenwendfeier war der Tag der Jugend, im August der Bauerntag auf dem Bückeberg bei Hameln. (…) Der neue deutsche Staat wurde auf völkischer Grundlage aufgebaut. Darum mußte alles Volksfremde und Internationale verschwinden; denn leider wurde das deutsche Volk in der Zeit nach dem großen Weltkriege vielfach vom internationalen Judentum und Marxismus regiert; auch die gesamte Kultur in Deutschland, selbst Musik und Kunst, konnte man kaum mehr deutsch nennen. (…) Die Regierung mußte mit harter Faust zufassen, um diese Volksschäden zu beseitigen.“ Zur völligen Durchsetzung der NS-Diktatur fanden auf allen Ebenen des Staates

Die Gleichschaltung der Kommunen

keit gegeben war, der verständlichen Volksstimmung Rechnung zu tragen und in Freude über den außerordentlichen Wahlerfolg auch die Hakenkreuzfahne zu hissen, wurde das Rathaus mit den Symbolen der nationalen Freiheitsbewegung festlich geschmückt.“ Dem Beispiel folgten sogleich Arbeitsamt, Zoll- und Postamt, Schulen und der Bahnhof, zudem viele Privatpersonen. Auch der alltägliche Gruß änderte sich in erstaunlicher Schnelle. Der Lehrer der katholischen Volksschule in Hoogstede schrieb in der

Serie Die Grafschaft in der NS-Zeit

zweiten Jahreshälfte 1933: „Nachdem der Parteienstaat überwunden ist, und die gesamte Verwaltung unter der Leitung Adolf Hitlers steht, wird der vom Reichskanzler eingeführte Gruß ,Heil Hitler‘ auch in den Schulen eingeführt.“ Dies erfasste bald sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens, wie beispielhaft einer Meldung der

schwarz-weiß-rot und das Hakenkreuzbanner gemeinsam zu hissen sind.“ Dies galt dann umgehend für sämtliche öffentlichen Gebäude. Hakenkreuzfahnen und Schon gleich nach dem WahlHitlergruß im Alltag sieg der „nationalen“ Partei- „Nordhorner Nachrichten“ Äußerlich sichtbare Zei- en berichtete etwa die „Zei- vom 19. November 1933 zu chen der Unterwerfung von tung und Anzeigeblatt“ aus entnehmen ist: „Die GrußInstitutionen unter dem Na- Nordhorn am 9. März: „Nach- pflicht der freiwilligen Feuertionalsozialismus prägten dem am Dienstagmorgen wehren ist entsprechend den fortan an den Alltag. So ver- durch Funkspruch des Preu- Runderlassen des Innern meldete etwa die Bimolter ßischen Ministers des Innern auch in den Provinzial-FeuerSchulchronik im März 1933: den staatlichen und kommu- wehrverbänden durchzufüh„Aber nicht nur durch die nalen Behörden die Möglich- ren. Die Grußordnung, die

Wenngleich die Mehrheit der Grafschafter 1933 schon für die NSDAP votierte, so gab es doch noch etliche Gemeindevorsteher und Bürgermeister, die nicht der NSDAP angehörten. Im Zuge der Gleichschaltung gerieten sie ins Fadenkreuz der Nationalsozialisten. Sie schürten Stimmung gegen sie und erhoben öffentlich massive Vorwürfe gegen diese Amtsinhaber, wobei besonders Bürgermeister Wilhelm Henn aus Nordhorn, Gemeindevorsteher Ernst Buermeyer aus Gildehaus und Gemeindevorsteher Derk Brink aus Getelo im Fokus der Angriffe der neuen Machthaber standen. Den öffentlichen Vorwürfen der Korruption oder des Machtmissbrauchs folgten alsbald Zeitungsmeldungen wie die folgende aus der „Schüttorfer Zeitung“ vom 29. März über das Nordhorner Stadtoberhaupt: „Wie das ,Nordhorner Tageblatt‘ mitteilt, ist Bürgermeister Henn vom Regierungspräsidenten Eggers beurlaubt worden. Mit der kommissarischen Wahrnehmung der Geschäfte ist Dr. Korte, Mitglied der NSDAP., betraut worden.“ In der „Zeitung und Anzeigeblatt“ vom 26. April 1933 war sodann zu lesen: „Der vorgestern wegen Verdachts der Untreue im Amt in Haft genommene Bürgermeister Henn wurde gestern nach Neuenhaus gebracht. Die richterlichen Vernehmungen der Zeugen des Beschuldigten dauerten bis gegen 5 Uhr. Aufgrund des Ergebnisses dieser Vernehmungen erließ das Amtsgericht Haftbefehl gegen Henn. Er wurde ins Gerichtsgefängnis eingeliefert.“ In der Nordhorner Stadtverwaltung griff dann der kommissarische NS-Bürgermeister Dr. Hermann Korte sogleich hart durch, um allen Bediensteten zu zeigen, woher nun der Wind wehte. In der „Zeitung und Anzeigeblatt“ lasen die Niedergrafschafter am 1. April: „Im Inte-


5 resse der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung hat sich der komm. Bürgermeister, Herr Dr. Korte, veranlaßt gesehen, mehrere leitende Beamte zu beurlauben: Dr. Niehues, Leiter des Arbeitsamtes; zu dessen Vertreter ist Herr Hermann Richter, Leiter der N.S.B.O., Nordhorn bestellt. Sparkassendirektor Stöppel; mit dessen Vertretung wurde der frühere Direktor der Deutschen Bank, Hasper, betraut. Die beiden Stadtbaumeister Conrad u. Krieger; deren Vertretung übernimmt Herr Senator Deimel. Berufsschuldirektor Emmel; als dessen Nachfolger ist der Leiter der HitlerJugend, Herr Gewerbeoberlehrer Dipl.-Ing. SchmidtUelsen bestimmt worden.“ In den neu gewählten Gemeindeparlamenten, in denen die NSDAP, die in Nordhorn unter dem Namen „Nationale Kampfgemeinschaft gegen Eigennutz und Kulturkampf“ angetreten war, die Mehrheit besaß, wurde nicht mehr viel diskutiert, sondern man fasste umgehend Beschlüsse im NS-Sinne. Nachdem die Kommunen fest im Griff von Nationalsozialisten waren, wurden einige Wochen später in allen Fällen wegen der Haltlosigkeit der Vorwürfe die Ermittlungen still und heimlich eingestellt. In ihr Amt kehrten die öffentlich gedemütigten Personen nur höchst selten zurück. Kommunisten waren ohnehin umgehend aus den Parlamenten ausgeschlossen worden, SPD-Mitglieder und bald auch die Zentrumsleute gerieten so stark unter öffentlichem Druck, dass sie vielfach nicht mehr an den Sitzungen teilnahmen oder ihre Ämter niederlegten. Die Gleichschaltung von Vereinen und Verbänden Auch Vereinen und Verbänden sollte jede Möglichkeit genommen werden, Auffangbecken für NS-Gegner zu werden. Sie wurden ebenfalls gleichgeschaltet. Über die Gleichschaltung im Schüttorfer Schützenwesen findet sich ein Schreiben des jungen

Schüttorfer Bürgermeisters Dr. Scheurmann vom 18. Au-

gust 1933 (NLA OS Rep 450 Bent. II L.A. Bentheim Nr. 412). Der erste Versuch, die drei Schützenvereine der Stadt in einer Versammlung mit dem Bürgermeister durch die Vereinigung in einem Verein freiwillig gleichzuschalten, war gescheitert, sodass nun die nächste Instanz zur Hilfe gerufen wurde. Der Bürgermeister berichtete nach Osnabrück:

„Außer der Schützengilde Schüttorf (…) bestehen hier in Schüttorf noch zwei kleinere Schützenvereine, der Schützenverein ,Adler‘ und der ,Bürgerschützenverein‘, die der Vereinheitlichung des Schützenwesens im Wege stehen. (…) Während die alte Schüttorfer Schützengilde als durchaus zuverlässig bezeichnet werden kann, muss man bezüglich der beiden anderen Vereine gewisse Zweifel hegen. (…) Es dürfte sich daher empfehlen, die beiden kleineren Schützenvereine ,Adler‘ und ,Bürgerschützenverein‘ aufzulösen. Bitte entsprechend zu verfahren, die Durchführung wird dann von hier erledigt.“ Im Vorstand dieser beiden Schützenvereine waren SPD- und Zentrumsmitglieder aktiv; sie galten somit als national und politisch unzuverlässig. Diesem Schreiben des Bürgermeisters liegt eine Stellungnahme des Schüttorfer NSDAP-Ortsgruppenleiters Arnold Horstmeier bei, of-

fenbar die treibende Kraft hinter diese Aktion. Darin heißt es: „Die hiesige Ortsgruppe der N.S.D.A.P. schliesst sich der Stellungnahme der Ortspolizeibehörde an und hält Auflösung der beiden vorgenannten Schützenvereine ,Adler‘ und ,Bürgerschützenverein‘ auch aus politischen Gründen für erforderlich.“ Die Gleichschaltung erfasste alle Sportarten, wobei sich etliche Vereine freiwillig ganz im Dienst der NS-Ideologie stellten. Meist war aber im Bentheimer Land gar nicht viel Druck notwendig, da NSfeindliche Organisationen angesichts der neuen Umstände keine Möglichkeit mehr sahen, weiterzubestehen. Über die von den Parteien der Weimarer Koalition, vor allem von der SPD, getragene demokratische Wehrorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold berichtete beispielsweise die „Zeitung und Anzeigeblatt“ am 21. März 1933: „Wie uns mitgeteilt wird, hat die Nordhorner Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (…) ihre Auflösung beschlossen. Dieser Beschluß wurde mit Rücksicht auf die Tatsache gefaßt, daß sich auch das Reichsbanner, Gau Oldenburg-Ostfriesland-Osnabrück, aufgelöst hat. Ebenso hat die Ortsgruppe Niedergrafschaft des Reichsbannes ihre Auflösung vollzogen.“ Oder über das Ende der sozialistischen Sportbewegung in Nordhorn hieß es in der „Schüttorfer Zeitung“ am 5. Mai 1933 kurz und knapp: „Der Vorstand

des Freien Turn- und Sportvereins Nordhorn trat am Dienstag, 2. Mai, zusammen. Es wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, den Verein aufzulösen.“ Gerade bei Wirtschaftsverbänden verlief die Gleichschaltung fast völlig geräuschlos, da NS-Vertreter schon die Mehrheit im Vorstand stellten. Ansonsten trat – wie beim Grafschafter Kreishandwerkerbund – der Vorstand zurück. Bis zur Ernennung eines nationalsozialistischen Vorstands übernahm dann ein prominenter NS-Vertreter die Leitung des Verbandes. Die Gleichschaltung erfasste sämtliche Bereiche des Lebens, auch die Kultur, wie in der „Grafschafter Wochen-Rundschau“ am 17. September 1933 zu lesen ist: „Nachdem am Mittwoch nachmittag in Lingen in einer größeren Versammlung Zweck und Ziele der deutschen Bühne und des Kampfbundes für deutsche Kultur durch den stellvertretenden Landeshauptmann Landesrat Zacharias-Hannover dargelegt wurden, fand am Donnerstag nachmittag eine ausgedehnte Besprechung (…) in Nordhorn statt. (…) Landesrat Zacharias erörterte zunächst den notwendigen Zusammenschluß der örtlichen Gesangvereine. Für die Zukunft bleiben nur bestehen der Nordhorner Männerchor von 1880 und die Nordhorner Sängervereinigung. Kirchliche Gesangvereine, wie der Kirchenchor der Nordhorner kath. Gemeinde, bleiben bestehen und müssen ihre Tätigkeit auf das ureigenste Gebiet Kirchengesang beschränken. Theater wird nur durch die noch zu bildende Ortsgruppe der deutschen Bühne vermittelt (…) Landesrat Zacharias hob die notwendige Gründung des Kampfbundes für deutsche Kultur und die Ortsgruppe der deutschen Bühne hervor und gab bekannt, daß zum Vorsitzenden Kaufmann Hohnroth, Propagandaleiter der Ortsgruppe der NSDAP., und zu seinen Mitarbeitern Schulrat Dr. Stuhlmacher und Bürgermeister Dr. Korte für die beiden genannten Verbände bestimmt seien.“ So waren am Ende des Jahres 1933 sämtliche Kommunen der Grafschaft fest in den Händen der neuen Staatspartei, alle verbliebenen nichtkirchlichen Vereine auf Regierungskurs und auch im Kulturleben war gewährleistet, dass nur noch im regierungsfreundlichen Sinne gearbeitet werden durfte.

Der Nordhorner Sportverein „Sparta“ stellt sich bereitwillig in den Dienst der NS-Ideologie. Quelle: Schüttorfer Zeitung Nr. 94 vom 22. April 1933

Ein Kurzbericht über die unspektakuläre Gleichschaltung des Kreis-Handwerkerbundes. Quelle: Zeitung und Anzeigeblatt Nr. 94 vom 24. April 1933

Bericht von der Gleichschaltung im Turnverein Nordhorn. Quelle: Schüttorfer Zeitung Nr. 125 vom 31. Mai 1933


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Über Kräuter am Wegesrand informierten Katrin Leuchtenberger (rechts) und Anja Tolhuis von der Grafschafter Kräuterschule die Teilnehmer, die sich in Foto: Vette Neuenhaus auf die Spuren des 1992 verstorbenen Neuenhauser Heimatdichters und Pflanzenkundlers Karl Sauvagerd gemacht haben.

Die heimatlichen Naturheilkräfte Kräuterwanderung in Neuenhaus nach dem Vorbild von Karl Sauvagerd Von Sebastian Hamel

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anches Pflänzchen mag im Vorbeigehen gar nicht wahrgenommen oder als Unkraut abgetan werden – dabei sind am Wegesrand echte Heilkräuter zu finden. Auf Einladung der Heimatfreunde Neuenhaus hat sich nun eine Gruppe von Interessierten in der Dinkelstadt auf die Suche nach den besonderen Gewächsen begeben. Mit Katrin Leuchtenberger und Anja Tolhuis von der Grafschafter Kräuterschule, die dem „KunstWerk“ in Schüttorf angegliedert ist, hatten die mehr als 40 Teilnehmer zwei Expertinnen an der Seite: Ausführlich gingen sie auf die Eigenschaften der jeweiligen Pflanzen ein und führten den Kräuterwanderern vor Augen, welch grüne Schätze vor der Haustüre gedeihen. Ausgangspunkt war das Alten Rathaus im Stadtzentrum. Von dort aus marschierten die Spaziergänger entlang des Stadtgrabens Richtung Dinkelsee. Das sonnige Frühlingswetter gab der Veranstaltung den perfekten Rahmen. Aufgrund der hohen Zahl an Anmeldungen erfolgte die Wanderung in zwei Gruppen. Gundermann, Knoblauchrauke, Giersch, Brennnessel, Wiesenschaumkraut, Taubnessel, Hirtentäschel, Wegerich, Lö-

Pflanzen erkannt und bestimmt“, berichtet Georg Hagmann, Vorsitzender der Heimatfreunde, beeindruckt. Von Karl Sauvagerd Die Teilnehmer seien mit BeO, maakt nich alle Grund terecht, geisterung dabei gewesen to Ackerland, to Moat enn Wäide, und hätten sich viele Notizen loat’t hier enn doar enn Hökin fry, gemacht. Die Leute stammenn Streepien Fenn, enn Stückin Häide, ten laut Georg Hagmann aus datt hier und doar enn Hökin bliff, der ganzen Grafschaft und soa, aß ett uns de Herrgott giff. deckten alle Altersgruppen ab. Sogar drei Kinder seien O, haut nich alle Heegen futt, mit von der Partie gewesen. verbrannt nich all de Brömmelbüsche, „Und auch Männer“, wie der enn maakt nich alle Kölke to, Vereinsvorsitzende augenwoar wilt noch waßt Wee’n, Leus enn Rüschen, zwinkernd anmerkt. Er beloat’t wassen doch denn gellen Broam, tont, wie wichtig es ist, sich denn Woagebuß, denn Barkenboam! die Bedeutung der Kräuter bewusst zu machen: „Wo unWoar is’t, uns Vaderland bruukt Broat, sereins einfach vorbeiläuft, doarföär möit wy nu eärst wall sorgen, was wir nur als lästiges Unenn hebb’ wy nu ock noch ginn Noat, kraut wahrnehmen – das ist wy mött doch däinken ock an morgen, in Wahrheit sehr wertvoll“, drüm geht datt upp de Duur ock nich, sagt er. datt all de Grund doar soa menn ligg! Vom Nachmittag bis in die Abendstunden waren die Men doch: ‘t was naar, als all de Grund Wanderer unterwegs. Zurück nu wott to Land, to Wege, Stroaten! am Alten Rathaus, gab es als Want woarföär heff de Herrgott uns Stärkung herzhafte Brote mit de Häide doar dann wassen loaten? Dips und Kräuterbutter – für Is de Natur hier denn nich weärt, deren Herstellung sich die datt man se’n bettin acht enn eährt? Pflanzen in frischem Zustand gut eigenen. Aus Tees stanNoch is ‘t in unse Groafschupp moj, den zur Verköstigung bereit. o sorgt doch, datt datt soa mag bliewen! Mit Blick auf die Getränke Mött wy ut unse Heimatland wurde informiert: „Kräuterdenn alle Mojegkäit verdriewen? anwendungen entfalten ihre En’n mojsten Goaren upp de Dur, heilsame Wirkung nie datt ist en bliff doch de Natur! schlagartig, sondern milde, langsam und stetig.“ Außer in Nahrungsmitteln wenzahn und Vogelmiere wa„Mit großer Fachkompe- und im Gesundheitswesen ren nur einige der gefunde- tenz haben Katrin Leuchten- finden Kräuter seit jeher ihnen Kräuter. berger und Anja Tolhuis die ren speziellen Platz auch bei

O, maakt nicht alle Grund terecht

den „geistigen Getränken“ in den Kräuterschnäpsen und -likören aller Art: Nach Angaben der Heimatfreunde konnte man in einer Gastwirtschaft in Lage einen „Smeerigen“, einen von einem ehemaligen Lager Pastor kreierten Kräuterlikör, einnehmen. Der Grafschafter Heimatdichter Karl Sauvagerd (1906 – 1992) berichtet, dass ihm dieses Getränk in besonderer Weise nicht geschmeckt habe. Die Wanderung erfolgte im Nachgang der großen Ausstellung, mit welcher die Heimatfreunde Neuenhaus Ende vergangenen Jahres die Werke und Verdienste des bekannten Dichters würdigten. Neben seiner lyrischen Betätigung widmete sich Sauvagerd nämlich mit großem Interesse der hiesigen Pflanzenwelt. Schon in den 1930erJahren legte er ein umfassendes Herbarium an, in dem er etliche Kräuter sammelte und beschriftete. In seiner Gedichts- und Geschichtensammlung „Van Kruud en Unkruud“ warf er die Frage auf, ob es „Unkraut“ überhaupt gibt. Das Kräuterwissen kam ihm während der Kriegsgefangenschaft in der damaligen Tschechoslowakei zugute, wo er sich um seine Mitgefangenen kümmerte. „Aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit der Botanik


7 ... zurückgeblättert 9. Mai 1993: 5000 Besucher erleben das 1. Nordhorner Drachenfest. 500 Flieger beherrschen den Himmel über der Kreisstadt. 11. Mai 1993: Bei der Geldübergabe nimmt die Polizei in Nordhorn einen Erpresser fest. Er hatte einem Bauunternehmer aus der Niedergrafschaft mit Mord gedroht und 10.000 Mark verlangt. 12. Mai 1993: Fünf Stunden nach einem Überfall auf die Sparkasse Neuenhaus wird der Bankräuber gefasst. Er geht der niederländischen Polizei mit 48.000 Mark ins Netz. Später wird klar: Der Täter ist ein lange gesuchter Gelbe Wiesenraute, 1937 am Karl Sauvagerd sammelte Pflanzen aus der Region und ver- Schattenblume aus dem La- Ausbrecher. Bahnhof Neuenhaus.

wahrte sie in einem selbst angelegten Herbarium.

und insbesondere der Heilkräuterwissenschaft war Karl Sauvagerd die Volksmeinung, dass gegen jede Krankheit – bis auf den Tod – ein Kraut gewachsen sei, nicht fremd“, teilen die Heimatfreunde Neuenhaus mit.

Sein Schaffen auf dem Gebiet der Kräuterkunde gipfelte 1973 in der Veröffentlichung des Werks „Heimatliche Naturheilkräfte“. In dessen Vorwort schreibt er: „Eine vollständige Aufzählung aller Arten und Pflanzen ist

Fotos: privat

nicht möglich, doch soll versucht werden, einen kleinen Teil der wichtigsten Pflanzen zu beschreiben, um einen Einblick in die Fülle der Naturheilkräfte zu geben, welche uns auf Schritt und Tritt umgeben und sich dem Inte-

Wissenswertes zu regionalen Kräutern Bei ihrer Wanderung durch Neuenhaus

Holunderfrüchte: Nur gekocht verwenden für Saft und Suppe. Gundelrebe/Gundermann: Roh wenig in Salat, überbrüht zitronig, für Salat, Spinat, Quark, Butter, Tee. Wiesenschaumkraut: Enthält Senföle, Gesundheitsfördernd würzig in Salat, Spinat, Suppe, Butter, Alle essbaren Wildkräuter sind vitaminQuark. und mineralstoffreich, basisch im Körper Bewimpertes Schaumkraut: Enthält und enthalten wertvolle sekundäre Pflan- Senföle, würzig in Salat, Spinat, Suppe, zenstoffe. Sie sind gesunde Urnahrung, die Butter, Quark. Mangelkrankheiten aller Art vorbeugt und Scharbockskraut: Vitaminbombe, das Immunsystem stärkt. Enthaltene Bitnur vor der Blüte in Salat, Butter, terstoffe unterstützen die Verdauung. Knospen als Wildkapern. Gänseblümchen: Blätter für Salat, Verwendungsmöglichkeiten Spinat, Suppe, Blüten als essbare Giersch: Spinat, Suppe, Quark, Dekoration. Butter, aromatisiert Apfelsaft. Winterportulak: Vitaminbombe, Löwenzahn: Salat, Spinat, nur vor der Blüte frisch in Salat Blütenhonig. sowie in grüne Smoothies. Spitzwegerich: Salat, Spinat, Suppe, Im Alltag gut einzusetzen Knospe schmeckt nach Champignon. Breitwegerich: Samenstände sind Spitzwegerichsaft: Lindert Juckreiz nach der Müsliriegel für unterwegs. Insektenstichen, unterstützt die Heilung Knoblauchsrauke: Salat, Spinat, kleiner Wunden. Quark, Butter, Pesto. Spitzwegerichsirup: Hilft bei Husten. Sauerampfer: Salat, Spinat, Quark, Giersch: Kurativ unterstützt bei Gicht. Butter, Suppe. Achtung: VerwechslungsBrennnessel: Wirkt blutreinigend und gefahr mit Krausem Ampfer (siehe unten), blutbildend, macht schönes Haar/Fell, die wirkt ätzend auf die Speiseröhre. Samen sind immunstärkend. Ehrenpreis/Veronica: Holunderblüten: Als Tee schweißtreibend. Salat, Spinat, Quark, Butter. Nicht essbare Pflanzen Brennnessel: Salat, Spinat, Butter, Suppe, Tee, Samen geröstet. Efeu: Leicht giftig, nur Fertigprodukte Weiße Taubnessel: Zum Abmildern gegen Husten verwenden, nicht als Tee. des intensiven Geschmacks der anderen Krauser Ampfer: Wirkt ätzend auf die Kräuter, gelbe und rosa Blüten zur DekoSchleimhäute wie zum Beispiel die Speiseration und zum Aussaugen des Nektars. röhre. Holunderblüten: Wild-Snack, Salat, Schöllkraut: Gelber Saft giftig, soll äußerAusbacken für Sirup und Likör. lich durch Betupfen gegen Warzen helfen. haben die Teilnehmer von den Mitarbeiterinnen der Grafschafter Kräuterschule viel Wissenswertes erfahren. Hier einige Auszüge:

ger Busch, gefunden 1937.

ressenten umsonst anbieten.“ Die jetzige Kräuterwanderung steht sogar in einer gewissen Tradition, wie ein Blick ins GN-Archiv zeigt: In der Ausgabe vom 17. Juli 1986 berichtet GN-Redakteur Willy Friedrich von Heilkräuterwanderungen in Uelsen, die Karl Sauvagerd selbst anleitete und die auch damals eine rege Beteiligung erfuhren. Die zwei Ziele waren seinerzeit dieselben wie heute, wie dem Artikel zu entnehmen ist: „Einmal soll den Teilnehmern die Vielfalt der heimischen Flora, die in der Regel unbeachtet am Wegesrand steht, gezeigt und nähergebracht werden. Zum anderen geht es darum, ihren Wert für den Menschen und für eine intakte Ökologie aufzuzeigen.“ Mit Blick auf die kürzlich erfolgte Neuauflage der Wanderungen sagt Georg Hagmann erfreut: „Die Resonanz hat uns positiv überrascht.“ Viele Teilnehmer hätten zudem bekundet, sie wüssten noch Interessenten, die am betreffenden Datum verhindert waren. Deshalb besteht seitens der Heimatfreunde die Überlegung, im kommenden September noch eine Wanderung anzubieten. Die Räume der Heimatfreunde an der Lager Straße 19 in Neuenhaus sind jeden Mittwoch von 9 bis 12 Uhr für jeden Interessierten geöffnet. Das Buch „Heimatliche Naturheilkräfte“ von Karl Sauvagerd kann dort entliehen werden. Weitere Informationen zum Verein gibt es im Internet unter www.heimatfreunde-neuenhaus.de.

3. Juni 1993: In Bad Bentheim wird die erste solarbetriebene Straßenlaterne der Stadt eingeschaltet. Die neue Technik gilt als Lösung für Straßenbeleuchtung in abgelegenen Bezirken. 5. Juni 1993: Auf dem Neumarkt in Nordhorn eröffnet die „Drehscheibe“. Auf der Regionalschau präsentieren sich an neun Messetagen etwa 260 Aussteller. 9. Juni 1993: Mit einem Vergleich soll der angeschlagene Nordhorner Textilriese NINO um 90 Millionen Mark entschuldet werden. Die Zahl der Mitarbeiter soll von 2100 auf 1700 sinken. 12. Juni 1993: Eine Gasexplosion zerstört ein Haus an der Langen Straße in Nordhorn. In den Trümmern wird die Leiche eines 24-jährigen Bewohners gefunden. 17. Juni 1993: Durch einen Dachstuhlbrand entsteht im Marienkrankenhaus in Nordhorn ein Millionenschaden. Es gibt keine Verletzten, die Patienten werden rechtzeitig in Sicherheit gebracht. 17. Juni 1993: Der Rat der Stadt Nordhorn wählt Harald Krebs zum neuen Stadtdirektor. Der 37 Jahre alte Sozialdemokrat tritt sein Amt zum Jahreswechsel an. Er wird Nachfolger von Stadtdirektor Horst-Werner Brandt. 26. Juni 1993: Das 9. Schüttorf Open Air geht erstmals in Westenberg über die Bühne. 35.000 Fans bejubeln „Fury in the Slaughterhouse“, „Midnight Oil“, Neil Young und „Die Fantastischen Vier“.


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Kurioser Kuckuck Um den bedrohten Vogel ranken sich viele Geschichten Von Armin Siemering

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chon bald könnte der Kuckuck auf der Liste der bedrohten Vogelarten stehen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist sein Bestand um etwa 60 Prozent zurückgegangen. Die Nahrung des Insektenfressers wird knapp. Die behaarten Schmetterlingsraupen, die Hauptnahrungsquelle des Kuckucks, verschwinden durch den Einsatz von Pestiziden und intensive Landwirtschaft immer mehr. Werden unsere Kinder ihn jemals in der Natur hören oder sehen? Um den Kuckuck (Cuculus canorus) selbst und um seinen Ruf ranken sich viele Aberglauben, zum Beispiel: Hört man das erste Mal im Jahr den Kuckuck, greift so mancher zur Geldbörse, um den Inhalt zu überprüfen. Der Inhalt wird das ganze Jahr über stattlich sein und nicht versiegen. Ein weiterer Ausspruch hält sich bei uns im ländlichen Raum: „Wenn de Kuckuck schreit, könn’ wij ‘n Schinken anschnien“, oder das Abzählen seiner Rufe, um zu erfahren, wie lange man noch lebt. Auch in Liedern, Gedichten und Reimen kommt er sehr oft vor, wie im Kinderlied „Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald“ oder „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“. In Redensarten wird er ebenfalls oftmals genannt, wie: „Scher dich zum Kuckuck“, „Jemandem ein Kuckucksei ins Nest legen“ oder „Weiß der Kuckuck.“ Selbst das Siegel des Gerichtsvollziehers auf Wertsachen wird „Kuckuck“ genannt. Es ist schon eine eigenartige Tatsache, dass viele Menschen den Ruf des Kuckucks das ganze Frühjahr und den Sommer über vernehmen, den Vogel selber jedoch noch nie zu Gesicht bekommen haben. Meist ist er im Flug zu sehen, etwa taubengroß und erinnert ein wenig an einen Sperber. Mit dem bekannten Ruf, der ihm auch seinen Namen gab, markiert das Männchen sein Revier. Vor allem im Mai ist der zweisilbige Ruf „gu-kuk“ zu hören. Er ist ein scheuer Vogel, der die Nähe des Menschen meidet. Sein Lebensbiotop ist sehr vielfältig. So ist er in Heidegebieten, Mooren, Feuchtwiesen, Flussauen, Obstgärten und in

Der taubengroße Kuckuck zieht im Spätsommer in sein Winterquartier nach Afrika.

reich gegliederten Feldgehölzen anzutreffen. Im Wald ist er nicht zu finden. Die Lebensweise dieses allgemein bekannten Vogels ist sehr interessant und weicht in vielen Belangen von unserer übrigen Vogelwelt ab. Er ist der einzige Vogel in Mitteleuropa, der seine Eier

in fremde Nester legt, also Nestparasit ist. Doch das ist noch lange nicht das Kurioseste. Das Weibchen verfällt erst dann in Hochzeitsstimmung, wenn die zukünftigen Wirtsvögel mit dem Nestbau begonnen haben. Hier ist ein weiterer Grund zu finden für den Rückgang des Kuckucks.

Werden die Wirtsvögel seltener, nimmt auch die Zahl der Kuckucke ab. Die Größe und Farbe des Kuckuckseies wird denen der Wirtsvögel angepasst. Jedoch kann das Kuckucksweibchen seine Eier nicht beliebig denen anderer Singvögel anpassen. Jedes Weibchen behält zeitlebens den Eityp bei, den es ererbt hat. Da jedoch nicht immer ein solches Nest gefunden wird, bringt das Weibchen sein Ei auch bei anderen Arten unter, die anders gefärbt sind. Bei den 12 bis 20 Eiern, die ein Kuckucksweibchen in einer Brutperiode legen kann, ist das schon verständlich. Das Ei wird oft auf den Boden gelegt und dann mit dem Schnabel ins fremde Nest befördert. Um das Zahlengefühl des Brutvogels zu irritieren, wird immer ein Ei aus dem fremden Nest verschluckt oder herausgeworfen. Oft erkennen die unfreiwilligen Pflegeeltern jedoch den Betrug und lassen das Nest im Stich oder werfen das In fremden Nestern legt das Weibchen ein optisch ähnliches Ei wieder hinaus. Von den bis Fotos: Siemering zu 100 Wirtsvögeln, die alle Ei ab. Damit gilt der Kuckuck als Nestparasit.

Insektenfresser und wesentlich kleiner sind, sind als bevorzugte Wirtsvögel zu nennen: Zaunkönig, Rohrsänger, Grasmücken, Pieper, Braunellen und Bachstelzen. Dabei sind die Braunellen und der Zaunkönig recht gutgläubig in der Annahme des fremden Eies, im Gegensatz zu den Rohrsängerarten. Man schätzt, dass nur ein Viertel der abgelegten Eier eine Entwicklungschance hat. Die Brutdauer ist so sinnvoll verkürzt, dass der Jungkuckuck etwas vor, zumindest aber gleichzeitig mit den Stiefgeschwistern aus dem Ei schlüpft. So braucht das Kuckucksei nur eine zwölftägige Brutzeit und ist damit den meisten Singvogeleiern etwas voraus. Sobald der junge Kuckuck sich aus der Schale gepellt hat, wird er aktiv. Auf seinem Rücken befindet sich eine Hautstelle, die während der ersten Lebenstage besonders sensibel auf Berührungen reagiert. Alles, was dagegen drückt, wird kompromisslos über den Nestrand geschoben – seien es Eier, Stiefgeschwister oder Papierkügelchen, wie Versuche es gezeigt haben. Dabei hat er einen großen Kraftakt zu verrichten. Bei den Wirtsvögeln ist aufgrund verschiedener Schlüsselreize der Fürsorgetrieb zur Aufzucht der Jungen ungebrochen. So sperrt der junge Kuckuck unentwegt seinen großen, leuchtend roten Rachen auf. Dabei setzt er so einen starken Reiz aus, dass sogar zusätzlich noch andere Altvögel darauf reagieren und den gierigen Schmarotzer füttern. Da der Kuckuck sich von meist forstlich unerwünschten Schmetterlingsarten ernährt, die von den anderen Vögeln verschmäht werden, verdient er eigentlich die Bezeichnung „Nützling“. Schon frühzeitig wandert er im Spätsommer als Langstreckenzieher in sein weit entferntes Winterquartier nach Afrika. Durch die Klimaerwärmung kommt nunmehr ein weiteres Problem hinzu, das für den Rückgang des Kuckucks verantwortlich ist. Viele Wirtsvögel brüten etwa 10 bis 15 Tage früher als vor 20 Jahren. Der Kuckuck aber kann sich wegen des langen Zugweges nicht darauf einstellen und findet daher weniger geeignete Nester.

Der grafschafter mai juni 2018  

Der Grafschafter Mai/Juni 2018

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Der Grafschafter Mai/Juni 2018