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24.08.12 15:00


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„Wenn ich perfekt bin, dann bin ich glücklich und beliebt.“ „Ja, das glaube ich. Seh ich doch überall. Im Fernsehen. In den Zeitschriften. Auf den Plakaten. Strahlende makellose Gesichter. Perfekt geformte Figuren. Perfektes Aussehen. Alles sein und alles haben. Alles tun und alles schaffen. Alles schön und glücklich. Superstars und Idole. Perfekt. Von allen bejubelt. Alle bewundern sie. Alle sind stolz auf sie. Alle lieben sie. Ja, geliebt sein, das will ich auch. Hör immer wieder das Wort „Perfekt“. Perfekt sein, ja das muss wirklich was ganz Tolles sein. Ja, ich will auch so sein.“

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Perfekt sein? Ist doch Kontrolletti! Ein schöner Freitagnachmittag. Schule vorbei und ich weiß, ich habe ein ganzes langes Wochenende vor mir. „Hmmmm, herrlich!“ Mit einem tiefen zufriedenen Seufzer lasse ich mich zurück auf mein Bett fallen. Die Hände verschränkt unter dem Kopf, über mein Gesicht zieht sich ein breites Grinsen. Meine Gedanken schweben leicht durch den Raum. Ich lasse meinen Tag nochmals Revue passieren. Meine Gedanken fliegen vom leckeren Frühstück hin zu meiner versauten Schularbeit, weiter zum Nachhauseweg mit meiner Freundin. Ich erinnere mich daran, wie meine Freundin zu mir sagte, sie fände, dass sie zu dick sei. Sie kniff sich in den Bauch und zerrte wütend daran. Das tat mir fast ein bisschen leid. Sie war deswegen so verzweifelt und so traurig. Sie fragte mich „Bin ich schön genug?“. Ich sagte zu ihr: „Klar bist du schön genug!“ Doch von ihr kam nur ein leises Abwinken. Ich erinnerte mich daran, dass mir Rosa* gesagt hatte, dass man nichts glauben kann, was man nicht selbst glaubt. Und so versuchte ich auch sie nicht weiter davon zu überzeugen. Warum war es meiner Freundin so wichtig, dass andere sie schön finden? Glaubte sie vielleicht, dass sie nur liebenswert sei, wenn sie schön genug * Maries innere Stimme (Band 1: Wer bin ich!? Was will ich!?)

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ist? Macht man wirklich seinen ganzen Wert an Äußerlichkeiten fest? Ist es mir eigentlich wichtig – oder besser gesagt „noch wichtig“!? Ich richte mich auf und gehe zu meinem Ganzkörperspiegel. Stell mich davor und riskiere einen selbstkritischen Blick. Irgendwie fühle ich mich unwohl dabei, mich mit kritischen Augen zu betrachten. Das bringt nichts Gutes, das weiß ich. Ich wende mich wieder ab. Trete wieder davor, dann wieder weg. Hm? Weiß nicht. Irgendwie beschäftigt es mich nun doch. Immer wieder trete ich vor den Spiegel. Dreh mich hin. Dreh mich her. Dreh mich wieder hin. Wieder her. Dreh mich um. Betrachte mich von hinten. Dann von vorne. Hm!? Weiß nicht. Pass ich so? Bin ich schön genug? Oder bin ich es nicht? Mag ich mich, so wie ich bin, oder mag ich mich nicht. Darf ich mich eigentlich so mögen, wie ich bin? Darf ich mich selbst schön finden? Ich beginne meinen Körper in Einzelaufnahmen zu zerteilen. Jeden Teil für sich, damit ich besser sehen kann, ob alles an mir stimmt. Eigentlich will ich das gar nicht, aber irgendwie rattern nun durch meinen Kopf viele Dinge. Die lachende, strahlende Madonna, die wahrscheinlich mit ihrem hohen Alter noch besser ausschaut als ich. Die glückliche Katie Perry, bei der die Jungs Schlange stehen. Meine Lieblingsserie, in der das

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Wort „Perfekt“ mindestens genauso oft fällt wie im Herbst die reifen Äpfel vom Baum. Es ist ganz schön schwierig, sich selbst gut zu finden, wenn man doch ständig zugeballert wird mit Bildern, die etwas anderes zeigen, als man selbst ist. Und meine Freundinnen erleichtern mir auch nicht gerade das Leben, wenn sie mich ständig mit ihrem Figur-Vogel einkreisen. Mein Blick wird immer kritischer. „Na ja, ich sehe nicht ganz so schön geformte Oberschenkel, einen kleinen Bauchhügel, Arme auch nicht so straff, Busen? Na ja … Hintern könnte knackiger sein.“ Wenn ich mich so ganz genau – im Detail – betrachte, dann finde ich überall etwas, das ich verbessern könnte. Überall! Aber darf ich mich in so kleine Teile zerlegen? Oder bin ich ganzheitlich zu betrachten? An einer Figur gibt es doch immer etwas zu verbessern – oder etwa nicht. Aber am Körper im gesamten? Die Figur ist doch bloß eine Hülle. Mein Körper aber ist ein Gesamtkunstwerk! Mein Herz, das für mich schlägt. Meine Hände, mit denen ich meine Schnurrdiburr-Kit-Cat umarmen und knuddeln kann. Meine Beine, die mich überall hintragen. Meine Leber, die mich entgiftet – upps, hat schon viel für mich getan … Darf ich zu meinem Körper so undankbar und gemein sein und ihn auf eine Figur reduzieren?

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Wo er doch alles von mir erträgt und dann noch nicht mal nachtragend ist? Will ich denn selbst reduziert werden auf eine leere Hülle. Auf eine Bikinifigur. Auf etwas, das ihren Wert nur in Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten besitzt. Ganz schön wenig. Bin ich nicht auch noch da?! Ich bin doch etwas Lebendiges. Ich habe Gefühle. Ich habe mehr oder weniger freie Gedanken. Ich habe Wünsche und Träume. Sehnsüchte oder andere Süchte. Nein, ich will nicht reduziert werden auf eine Bikinifigur. Ich will so gesehen werden, wie ich bin. Ich will so akzeptiert werden, wie ich bin! Ganz einfach! Ähm … aber wäre es dann nicht klüger, mein Spiegelbild mit anderen Augen zu betrachten? Halte ich es überhaupt aus, mir in die Augen zu schauen oder flüchte ich vor meinem Blick? Fällt es mir leichter, mich zu kritisieren oder finde ich auch Dinge an mir, die mir gefallen? Will ich mich selbst so akzeptieren, wie ich bin? Kann ich mich überhaupt so akzeptieren? Muss ich mich zuerst akzeptieren und dann akzeptieren mich andere automatisch? Hm, weiß nicht. Bin ich mein Körper oder kann ich mich von meinem Körper getrennt betrachten? Mein Körper das Feste, Schwere und ich das Leichte, Schwebende? Mein Körper das Wachs der Kerze und ich die

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Marie Stern fragt: Bin ich gut genug!?