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in ein komplexes Zusammenwirken gesellschaftlicher Strukturen und Diskurse.« Das Buch leistet ein wichtigen Beitrag alleine dadurch, dass es Prostitution als Gegenstand einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung (»als einen spezifischen Handlungs- und Sinnkontext unserer Gesellschaft«) sieht und ernst nimmt. Die Tatsache, dass das erwähnenswert ist, zeigt den nach wie vor völlig verkorksten Umgang mit dem Thema. Schade ist, dass sich das Buch so stark auf Frankfurt konzentriert und es keine vergleichende Darstellung mehrerer Städte gibt, da die Situationen trotz paralleler Entwicklungen alleine aufgrund der unterschiedlichen Gesetzeslagen voneinander differieren. Es wird aber ohnehin notwendig sein, zahlreiche weitere Untersuchungen durchzuführen und zu veröffentlichen, um die Basis für einen pragmatischeren Umgang mit Prostitution zu ermöglichen. — Martina Löw, Renate Ruhne Prostitution. Herstellungsweisen einer anderen Welt Berlin: Suhrkamp, 2011 215 Seiten, 15 Euro —

Religiöse Bewegungen als urbane Machtfaktoren Christoph Laimer

Religion ist ein Thema, das in dérive bisher kaum Erwähnung fand. Ein einziges Mal widmete sich ein Artikel explizit Stadt und Religion, und das war ein Text von Stephan Lanz in der 10-JahreJubiläumsausgabe dérive 40/41. Der

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damalige Beitrag ist im Rahmen des selben Forschungsprojekts entstanden, in dem die verdienstvolle metroZones-Reihe unter dem Titel Urban Prayers — Neue religiöse Bewegungen in der globalen Stadt nun ihren zehnten Band veröffentlicht hat. Wenn Religion als Thema für die Stadtforschung in Europa keine große Rolle spielt, hat das wohl einen Grund darin, dass in vielen (westlichen) Städten die dominierenden Religionsgemeinschaften in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark an Mitgliedern verloren haben. Religion spielt in unserem persönlichen Alltag kaum eine Rolle, sie existiert in einer Parallelwelt und hat für viele mit ihrem Fühlen und Denken nichts zu tun, sie ist antiquiert. Wenn (christliche) Religion innerhalb unseres Horizonts auftaucht, dann liegt die Ursache zumeist in irgendwelchen Skandalen oder völlig unhaltbaren gesellschaftspolitischen Positionen. Positiv fällt die (christliche) Kirche im Normalfall nur dann auf, wenn sie sich um sozialpolitische Missstände kümmert, die Folgen staatlichen Versagens oder Unwillens sind: In Städten ist das zumeist Armutsbekämpfung z. B. durch die Betreuung von Flüchtlingen und Obdachlosen. Genau an diesem Punkt scheint es eine Parallele zur weitaus bedeutsameren Rolle von Religion in anderen Weltgegenden bzw. Bevölkerungsgruppen zu geben. Der Erfolg und die Popularität vor allem von Pfingstkirchen und ähnlichen neuen religiösen Bewegungen — aber (in manchen Regionen) auch traditionellen Religionen — hat häufig mit staatlichen Defiziten zu tun. »Neue, oft fundamentalistische, religiöse Gruppen (...) können sich als mächtige urbane Akteure konstituieren, wenn sie auf spezifische gesellschaftliche Strukturen mit religiös grundierten Angeboten reagieren, die in der Lage sind, Sinn zu stiften, effiziente soziale Unterstützung zu leisten oder neue Formen von Citizenship und Community zu ermöglichen. Dies hat vor allem dann Aussicht auf Erfolg, wenn in einer Stadt aus dem Kolonialismus stammende Macht und Ausbeutungsstrukturen oder institutionalisierte Formen der Ausgrenzung dominieren, wenn arrogante säkulare oder traditionell-religiöse Eliten regieren, die sich nicht um die Belange de Armen oder der Einwanderer kümmern, wenn

dérive No 46, Das Modell Wiener Wohnbau

drastische Modernisierungsprozesse überkommene soziale Strukturen sprengen oder wenn globale Wanderungs- und Vernetzungsprozesse spezifische DiasporaGemeinschaften entstehen lassen.« Die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen und Religionen sind trotz der oben erwähnten gemeinsamen Konstellationen jedoch durchaus beträchtlich. Während das Verhältnis der Gläubigen zu den Pfingstkirchen in Südamerika sehr eng und emotional zu sein scheint, ist die Beziehung von Armen z. B. zu den Moslembrüdern in Kairo, wie Asef Bayat in seinem Artikel Der Mythos der »islamistischen Armen« schreibt, eher von taktischer Natur geprägt. Man erwartet sich einfach Vorteile – wird die Erwartungshaltung enttäuscht, hält man nach anderen Gruppen und deren Angeboten Ausschau. (Im Hinblick auf das aktuelle Wahlergebnis in Ägypten – zwei islamistische Parteien sind die, wie es im Moment aussieht, mit Abstand stärksten – hoffe ich sehr, dass die These von Asef Bayat auch tatsächlich stimmt.) Überraschend ist auch, wie unter­ schiedlich die Charakterisierung der Pfingstkirchen in Südamerika bzw. Nigeria ausfällt. Während in Südamerika die Armen und Marginalisierten im Zentrum stehen, sind es in Lagos/Nigeria eher die Aufsteiger und Reichen. Die Selbstdarstellung der eigenen Macht und die Demonstration des Reichtums scheint hier für die Kirchen weitaus wichtiger als Anlaufstelle für Hilfsbedürftige zu sein. Arme Gläubige können sich die z. B. medizinischen Angebote, die die Kirchen anbieten, gar nicht leisten. Umso verwunderlicher, dass der Erfolg der Kirchen trotzdem (noch?) sehr groß ist. Ziel aller Kirchen ist es, die oben erwähnten staatlichen Defizite nicht nur auszugleichen, sondern entweder gleichzeitig eigene Strukturen aufzubauen und/oder die politische Macht zu erobern. Yasmeen Arif stellt diesen Aspekt an den Beispielen Beirut und Delhi dar. Die Hisbollah ist ein gutes Beispiel, wenn es darum geht, zu zeigen, wie eine religiöse Bewegung versucht, in das durch die Schwäche des Staates entstandene Vakuum vorzustoßen und es mit eigenen Strukturen zu füllen. Yasmeen Arif berichtet, wie die Hisbollah durch rasche Hilfsangebote und ausgestattet mit ausreichenden


finanziellen Mitteln den Wiederaufbau und die Reparatur der Kriegsschäden angehen konnte, bevor die staatlichen Organe sich auch nur einmal ein Bild von der Lage zu machen im Stande waren. Die Hisbollah baut(e) aber nicht nur eigene (auch militärische) Strukturen auf, sondern versucht gleichzeitig, die staatliche Macht an sich zu reißen. Am Beispiel Mumbai erläutert Julia Eckert im Interview Sie versprechen eine saubere Stadt, wie die 1966 gegründete Shiv Sena sowohl als sozial-religiöse Bewegung als auch als militante hindu-nationalistische Partei das Leben der Stadt bestimmt. Die Partei regiert Mumbai seit 1985 fast ohne Unterbrechung. In Urban Prayers überwiegen die außereuropäischen Beispiele, sehr ausführlich wird jedoch auch die Islamisierung der Bangladeshi-Communities in London dargestellt. Neben den konkreten Beispielen bietet der Band auch theoretische Beiträge über die Aktualität der Befreiungstheologie und ein Gespräch über »Politik und Praktiken religiöser Gemeinschaften«, in dem es zwar vordergründig auch um ein konkretes Beispiel (Berlin), eigentlich aber allgemein um das stadtgesellschaftliche Engagement neuer religiöser Gruppen oder das Verhältnis zwischen dem Religiösen und dem Politischen geht. Die Forschungsgruppe, die für die Herausgabe von Urban Prayers verantwortlich ist, hat auch eine Ausstellung zusammengestellt (The Urban Cultures of Global Prayers) die noch bis 8. Jänner in der NGBK in Berlin gezeigt wird und dann von 27. Jänner bis 31. März in der Ausstellungsräumen von Camera Austria in Graz zu sehen sein wird. — Metrozones (Hg.) Urban Prayers Neue religiöse Bewegungen in der globalen Stadt Hamburg: Assoziation A, 2011 280 Seiten, 20 Euro

Gemischtes Durcheinanderleben – Meile mit Eile Michael-Franz Woels

2010 wurde das Stadtforschungs-Projekt Reisebüro Ottakringer Straße – Balkanmeile mit dem Preis der Jury für interkulturellen Dialog ausgezeichnet. Was nun in Buch­form vorliegt, ist eine ausgezeichnete Dokumen­ tation dieser zweijährigen Aktivitäten. Es ist ein Buch zum Drehen und Wenden, ein Buch mit der notwendigen Street Credibility. Die Initiatorinnen Antonia Dika, Amila Sir­ begovic und Barbara Jeitler – keine davon in Wien geboren – eröffneten im Mai 2009 temporär ein fiktives Reisebüro mit Bar und Souvenirladen in einem leerstehenden Geschäftslokal. Vom Info-Lokal aus wurde die transkulturelle Zone Reisebüro Ottakrin­ ger Straße – Balkanmeile einer exemplari­ schen Untersuchung unterzogen; der Unter­ suchungsabschnitt erstreckte sich vom Hernalser Gürtel bis zum Johann-Nepu­ muk-Berger-Platz. In Ottakring, dem 16. Wiener Gemeinde­ bezirk, in dem in den 1970er Jahren die erste Gebietsbetreuungseinrichtung (Quar­ tiersmanagement) Wiens ihr Modell-Lokal errichtete, wird von den lokalen Gebietsbe­ treuungen mit Unterstützung der zuständi­ gen Abteilung der Stadt Wien, an einer aktuellen Wahrnehmungskorrektur gearbei­ tet: Im Fokus steht die Ottakringer Straße – auch bekannt als Balkanmeile, die in den Wiener Krawallzeitungen

Besprechungen

in der Regel nur in Zusammenhang mit Messerstechereien und ähnlichem Er­ wähnung findet. Der Name Balkanmeile wurde von der ex-jugoslawischen DiasporaJugend, die seit Mitte der 1990er Jahre für die starke nächtliche Frequentierung sorgt, selbst geprägt. 1945 die Grenze zwischen dem französi­ schen und dem US-amerikanischen Be­ satzungssektor, nun beliebter Ausgehort der Turbofolk-Community. Ein Drittel der Be­ wohnerInnen des Gebietes um die Ottakrin­ ger Straße sind ausländische Staatsbürge­ rInnen, zwei Drittel der UnternehmerInnen haben Migrations­hintergrund, es gibt relativ wenig Leerstände im Erdgeschoßbereich (ca. zehn Prozent). Meistverkaufte Tageszei­ tung ist die 1992 gegründete serbischspra­ chige Zeitung Vesti. Soweit ein paar Zahlen zur Kurzcharakterisierung. Der pseudo-touristische Blick der Veran­ staltungen im Rahmen des Projektes Reisebüro Ottakringer Straße auf diese geschäfti­ ge Gegend sollte also dabei helfen, Vorur­ teile aufzuspüren und diese gemeinsam abzubauen. Die Beobachtungen, Beschrei­ bungen und Interpretationen dieses Unter­ fangens liegen nun gesammelt vor: Fünf Diskussionsabende zu den Themen Stadtleben International, Fußball und Identität, Phänomen Turbofolk, Stadtraum Erdgeschoß und Vom Gastarbeiter zum ...? versuchen wichtige Facetten des vielkulturellen Zusam­ menlebens im Gespräch zu erkunden. Der Sprachwissenschaftler Martin Reisigl hinter­ fragt Stigmawörter und Anthroponyme, also Personen­bezeichnungen, von nicht in Österreich geborenen Menschen.Vom So­ zialanthropologen Daniele Kárász findet man exemplarische Kartierungen, die die Vielschichtigkeit des Beziehungsgeflechtes Erdgeschoß-Lokal grafisch ansprechend aufbereiten. Der Wiener Journalist Uwe Mauch liefert acht Kurzporträts von Ge­ schäftsleuten dieser Straße, zwei Fotoserien durchwirken dieses Kompendium und be­ lichten künstlerisch das Tag- und Nachtbild der Personenfluktuation. Abschließender allgemeiner Info-Happen: Das Wort Balkan kommt übrigens aus dem Türkischen und bedeutet soviel wie bewaldetes Gebirge. Zdravo Großstadtdschungel ... — Antonia Dika, Barbara Jeitler, Elke Krasny, Amila Sirbegovi Balkanmeile. 24 Stunden Ottakringer Straße Wien: Turia + Kant, 2011 244 Seiten, 26,– Euro —

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