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regenbogenkino 11.04.2013 donnerstag/thursday 18:00 UHR

Der Prozess Über ein Jahr dauerte der Prozess gegen 13 Tierschützer_innen, die nach Paragraf 278a, dem sogenannten Mafia-Paragrafen, in Österreich angeklagt wurden. Den Aktivist_innen wurde die Bildung einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Zwei Jahre lang wurden sie von der Polizei überwacht, sogar eine verdeckte Ermittlerin eingeschleust. Beweise für Straftaten wurden keine (!) gefunden, der Prozess trotzdem eröffnet. Im Verlauf der Verhandlung scheint selbst der Staatsanwalt zu begreifen, wie grotesk die Vorwürfe an die Tierschützer_innen sind. Dennoch hält er unbeirrt an der Anklage und dem für die Beteiligten quälend langen Prozess fest. Warum? Das fragt man sich immer wieder, je tiefer man in das absurde Konstrukt von Vertuschung und Lügen hineinblickt, mit dem Polizei und Staatsanwaltschaft die Anklage führen. Viele der Aktivist_innen stehen nun wegen der Prozesskosten sogar vor dem finanziellen Ruin. Dokumentiert der Film das (fast) völlige Versagen von Judikative und Exekutive oder zeigt er uns ihr bewusstes Ignorieren demokratischer Grundsätze und Menschenrechte in einem Musterprozess gegen zivilen Ungehorsam? Muss jede_r, der/die sich aktiv in einer NGO engagiert, fortan fürchten, als Mitglied einer terroristischen Organisation angeklagt zu werden? Ein erschreckender wie wichtiger Film.

In a show trial, a group of Austrian animalrights activists was charged according to an anti-terror/mafia law. A special task force put them under surveillance for two years, infiltrated them with an undercover agent, kicked down their doors, and took them to jail at gunpoint. Without any (!) evidence to prove the involvement in property damage, the NGO activists were sued for threatening the political system and the economy. They had to spend three months in jail, and the trial lasted 14 months. In the course of the trial even the federal prosecutor seemed to realize the absurdity of the accusations but he kept on pushing for a verdict. Why? As we find out moere about the obvious construct of lies and cover-ups on the part of the police and the federal prosecutor we ask that question over and over again – why? Does The Trial document the (almost) complete failure of judiciary and executive or does it show the deliberate disregard for democratic principles and human rights in order to create a precedent against civil disobedience? Should anyone involved in an NGO from now on be scared of being taken to court for terrorist activities? A film as frightening as important.

Gerald Igor Hauzenberger AT, 2012 116 min deutsch mit engl. UT derprozess.com vgt.at vegan.at Tierrechte staatliche Repression Schauprozess Kafka Riot from wrong S.23 « Black Block S.30 « Gäste: Martin Balluch, Protagonist, vgt.at Anne Roth

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11.04.2013 EIszeit 1 Donnerstag/Thursday 18:30 UHR

The Forgotten Space Allan Sekula Noël Burch NL/AT, 2010 112 min deutsch u.a. mit dt. UT theforgottenspace.net Gast: Dr. Rolf Geffken wird zur Wdh. Am 16.04. anwesend sein (S. 53)

Globalisierung erzählt anhand des Frachtcontainers: Der Essayfilm folgt den internationalen Lieferketten, den Frachtschiffen, Güterzügen und Lastwägen. Die Filmemacher suchen die großen Häfen, unter anderem in Rotterdam, Los Angeles und Hong Kong auf und stellen Zusammenhänge her zwischen den Lebens- und Arbeitsbedingungen und den globalisierten Formen des Transports. Zu Wort kommen diejenigen, die arbeitend, planend, politisch und gewerkschaftlich involviert sind. Vor allem aber jene, deren Interessen im Zuge von Wachstum und Effizienz an den Rand gedrängt werden – die Dorfbewohner, die dem Hafenausbau oder der Güterzugstrecke weichen müssen, die

unterbezahlten Fernfahrer_innen, Seeleute, Wander- und Fabrikarbeiter_innen sowie die Arbeits- und Obdachlosen. So entsteht ein Bild dessen, was Allan Sekula und Noël Burch als vergessenen Raum identifizieren: die Ozeane und Häfen, die mit der Erfindung des Frachtcontainers zu einer ökonomischen Basis für die Globalisierung von Warenverkehr und Arbeit wurden. Kommen mit dem Container, Inbegriff von Ordnung, Effizienz und globalem Fortschritt, Unordnung und Zerstörung? Wirft er die Welt aus dem Gleichgewicht? Diese Fragen werden zum Leitmotiv des Films. more info, also in english p. 53


EISZEIT 2 11.04.2013 Donnerstag/Thursday 18:45 UHR

Kann bio fair sein? + workshop Aktuell gibt es viele Skandale in der BioBranche. Im Mittelpunkt stehen große Biobetriebe und die Frage, ob Bioprodukte tatsächlich gesünder oder besser für die Umwelt sind. Nie erwähnt werden dagegen die Arbeitsbedingungen in der Bio-Branche. Gibt es allgemein die Erwartung, dass sie besser sind als in der traditionellen Landwirtschaft? Ist das überhaupt möglich? Wir zeigen dazu einen Film über den Fall der Auszubildenden Conchita L.: Sie arbeitet im Gartenbaubetrieb Teltower Rübchen für 1,30 Euro netto in der Stunde. Als ihr Chef, der Bezirkspolitiker Axel Szilleweit, ihr anbietet, sie in Naturalien zu bezahlen, geht sie zur Rechtsberatung der Gewerkschaft FAU, die sie in der Folge bei ihrem Arbeitskampf unterstützt. Der Film Kann bio fair sein? dokumentiert den Arbeitskampf, wirft ein Schlaglicht auf die Produktionsbedingungen in kleinen Biobetrieben und auf ein spezielles Wechselverhältnis zwischen Ideologie und Ausbeutung. Wir zeigen den Film in Anwesenheit der Auszubildenden, Vertreter_innen der FAU und der Filmemacherinnen. Neben dem Thema der Arbeitsbedingungen in Biobetrieben und dem speziellen Fall, wollen wir die FAU als unabhängige Gewerkschaft vorstellen und darüber diskutieren, wie sich alternative Medien an solchen Mobilisierungen beteiligen sollten.

The organic food sector is currently shaken by scandals. Large organic farms as well as the question whether organic products are healthier or better for the environment have become the focus of public attention. However, nobody seems to talk about the working conditions within the organic sector. Is there generally an expectation that the situation is better than in traditional agriculture? Is that actually possible? In order to stimulate a debate on this topic, we look at the case of Conchita L., an apprentice at an organic farm who earns 1,30 euros an hour. When her boss, a local green politician, offered to pay her in kind, she went to get advice from the FAU (an anarcho-syndicalist labor union), who supported her in her subsequent struggle. The film documents that struggle and takes a closer look on the production conditions in small organic companies and on the special relationship that exists between ideology and exploitation. The screening will be attended by a panel including the apprentice herself, representatives of FAU and the film-makers. In addition to the topic of working conditions in organic businesses and this particular case, we want to introduce the FAU as an independent trade union and discuss how alternative media should participate in such mobilization efforts.

labournet.tv DE, 2013 20 min deutsch mit engl. UT labournet.tv Arbeitsbedingungen biologische Landwirtschaft Gewerkschaften Gäste: Conchita L., Vertreter_innen von FAU Berlin

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11.04.2013 REGENBOGENKINO Donnerstag/Thursday 20:30 UHR

Squat – la ville est à nous Christophe Coello FR, 2011 94 min spanisch mit engl. UT squat-lefilm.com Squat-Bewegung Gentrifizierung Gemeinschaft Barcelona Ecumenopolis » S.46 Even a Bird needs a Nest » S.26 La última calle » S.36 Gast: Armin Kuhn

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Ein Türschloss rastet ein, eine Tür öffnet sich, ein Freudenschrei: Ein verloren geglaubtes Haus wird befreit. Laut eines Bebauungsplans sollen alle Bewohner aus dem Haus vertrieben werden, doch die Hausbesetzer schaffen es, diesen Plan über den Haufen zu werfen – ein berauschendes Gefühl. Wir befinden uns in einem Viertel von Barcelona, das Opfer von Spekulationen wurde – aber diese Szene könnte sich in jeder größeren Stadt Europas abspielen. Gentrifizierung, horrende Mieten, Rehabilitationsmaßnahmen, um das Bild einer Straße oder Innenstadt umzugestalten: der Zuschauer bewegt sich auf vertrautem Terrain. Der Film gibt Einblick in die Aktionen des in Barcelona ansässigen Kollektivs Miles de Viviendas (Tausende von Häusern), eine bodenständige und vielfältige Gruppe, die mit großer Hartnäckigkeit Abbruchhäuser durch Besetzung befreit und sie in belebte Lebensräume verwandelt. Die zutiefst politische, radikale und engagierte Gruppe kämpft gegen Gentrifizierung und protestiert gegen Krieg und Neoliberalismus, sie lässt vergessene urbane Flächen wieder aufleben und erschafft Gemeinschaften. Nach der Vorführung diskutieren wir die Inhalte mit einem Mitglied aus dem Umfeld des ehemaligen Kollektivs Miles de Viviendas und Armin Kuhn, der sich in seiner Dissertation mit der Hausbesetzerbewegungen in Berlin und Barcelona befasst hat.

A door lock snaps, a door opens, shouts of joy: a condemned living space has been freed. The re-appropriation of a flat in Christophe Coello's opening sequence starts with intense vitality. Just to know that the squatters have managed to mess up a real estate's plan to empty the building of all its inhabitants is exhilarating enough. We are in a neighborhood of Barcelona which has become a prey to speculation – but the scene could take place as well in any major city in Europe. Gentrification, unaffordable rents, measures of rehabilitation to reshape the population of a street or city center: the spectator moves on familiar ground. The film an intimate look at the actions of the Barcelona-based activist collective Miles de Viviendas (Thousands of Homes), a robust and diverse group of individuals determined to set condemned buildings free by occupying them and transforming the boarded flats into inspired homes. The film follows this deeply political, radical and committed group as they resist gentrification, bring vitality to forgotten urban spaces, protest against war and neoliberalism, and build community. After the screening we will discuss the film with a member of the former collective Miles de Viviendas and Armin Kuhn, who wrote his dissertation about the squat movement in Berlin and Barcelona.


EISZEIT 1 11.04.2013 Donnerstag/Thursday 20:45 UHR

Babylon Die überwältigenden sozialen und politischen Umbrüche in der arabischen Welt seit 2011 inspirieren zu neuen Ansätzen des Filmemachens. Was die drei Regisseur_innen an der Grenze zwischen Tunesien und Libyen festgehalten haben, ist eine beeindruckende Dokumentation über die Politik humanitärer Hilfe und internationaler Interventionen. Unmittelbar nach den politischen Unruhen in Tunesien gab es einen großen Zustrom von vertriebenen Menschen – viele von ihnen Arbeiter_innen aus Ländern wie Bangladesch, die in provisorischen Camps untergebracht wurden. Babylon dokumentiert den Aufbau, die Lebensumstände im Camp und schließlich dessen Auflösung. Die Filmemacher_innen blicken von außen auf das Geschehen im Camp, bewegen sich aber auch inmitten der Menschen und geraten so mitten hinein, als Unruhen im Camp in Gewalt umschlagen. Der Film verzichtet auf erklärende Bilder, OffStimme oder Musik und ist damit von großer Bedeutung, nicht nur wegen seiner ästhetischen sowie reflektierenden Betrachtungsweise, sondern auch als historisches Dokument. In der anschließenden Diskussion thematisieren wir die poetische Bildsprache im Zusammenhang mit Widerstandskämpfen von Flüchtlingen an den europäischen Außengrenzen. Dazu laden wir neben den Regisseur_innen zwei Aktivist_ innen aus Tunesien ein.

The overwhelming social and political upheavals that have taken place in the Arab world since 2011 have inspired new approaches to filmmaking. Ala Eddine Slim and Ismaël and Youssef Chebbi’s film Babylon (Tunisia, 2012), filmed on the border between Tunisia and Libya, is an astounding meditation on the politics of humanitarian aid and international intervention. In the immediate aftermath of its own political turmoils, Tunisia received a significant influx of displaced persons – many of them laborers from countries such as Bangladesh, who were housed in impromptu camps in mainly rural areas. Babylon traces the construction, habitation and shuttering of one such camp. Sometimes looking on from a distance, sometimes right in thick of things (as when a protest turns violent in the latter stages of the camp's existence) the three unobtrusive and organically 'embedded' directors assemble a fast-paced and immersive example of old-school fly-on-the-wall cinema-verité. In addition to its value as a historical document, the film - which eschews explanatory captions, voiceover and music – is significant for its bold aesthetic and philosophical aspects. In the discussion following the screening, we want to contextualize the cine-poem to the political resistance of refugees currently taking place in the hinterlands of Europe. Therefore we have invited two activists – one resettled refugee from the Choucha Camp and one noborder activist, originally from Tunisia – to join the film-makers.

Ismaël, Youssef Chebbi Ala Eddine Slim TN, 2012 119 min arabisch/französisch/ englisch/bengali exitprod.com Flüchtlingslager Widerstand EU-Außengrenzen Tunesien Residenzpflicht S.19 « Mare Chiuso S.18 « Fremd S.27 « Gäste: Ismaël Emmanuel Riadh

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11.04.2013 eiszeit 2 Donnerstag/Thursday 21:00 UHR

Abschied von Matjora Larissa Schepitko Elem Klimow SU, 1979/1983/1987 112 min deutsch Großbauprojekte Zwangsumsiedlung Rosia Montana: Dorf am Abgrund » S.16 Ecumenopolis: City Without Limits » S.46 De Engel van Doel » S.49

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Im Morgengrauen und von den Bewohner_innen Matjoras unbemerkt beginnen fremde Arbeiter mit der Planierung des alten Dorffriedhofs auf der Insel, die nach staatlichem Willen in den Fluten eines Stausees verschwinden soll. Für die Dorfbewohner_innen wird eine Betonsiedlung flussaufwärts errichtet und als das fortschrittliche und gute Leben gepriesen – kein Platz für die Kuh, dafür aber konstante Stromversorgung, fließend Wasser und dergleichen. Einer der wenigen Spielfilme auf der globale erzählt die Geschichte einer missglückten Umsiedlung. Der Konflikt entwickelt sich im Film zwischen den Generationen, im Mittelpunkt steht die Familie der alten Darja: Ihr Enkel ist euphorischer Anhänger des Projekts, auch sein Vater Pawel, der Vorsitzende des Dorfsowjets, unterstützt den staatlichen Plan, sieht sich am Ende jedoch verzweifelt als Verräter. Darja dagegen kann mit dem ihr angebotenen neuen Leben nichts anfangen, sie ist an die Insel ihrer Vorfahren und die sie umgebende Natur gebunden. Standhaft widersetzt sie sich dem staatlich angeordneten fortschrittlichen Leben. Der Film durfte lange nicht im Ausland gezeigt werden, erst Glasnost und Perestroika ermöglichten die Präsentation des Films auf der Berlinale 1987. Das Thema der Zwangsumsiedlung setzt er in stark symbolische, teils mythische Bilder um.

Unnoticed by the residents of the village Matjora, strange workers start to dig up the old village cemetery on an island that is doomed to disappear in the waters of a dam reservoir. Upriver a settlement is being built for the villagers, with houses made of concrete instead of wood, a constant power supply, and running water, but no place for livestock and agriculture. One of the few feature films at the globale film festival tells the story of the failure of this resettlement. Conflict develops between the aging matriarch Darya and her family: her grandson is an enthusiastic supporter of the dam reservoir; his father Pavel, the chairman of the village Soviet, also supports the state plan. Later he finds himself in the unpleasant role of a traitor. The so-called advantages of modern life are of no use to Darya, who wants to stay surrounded by nature on the island of her ancestors. So she opposes the resettlement and centrally planned modern life. The film was subject to an export ban. Only in 1987 it could be shown at Berlinale film festival due to glasnost and perestroika. The issue of forced resettlement is portrayed in the film by symbolic and mythological imagery.


Donnerstag