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Hummer statt Krebs

AUSGABE 1/2017

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LEBEN MIT BRUSTKREBS

„Ich kann über mich lachen“

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Stefanie Fröhlich bekam mit 35 Jahren die Diagnose Brustkrebs.

NEUE THERAPIEN

„Immunonkologie ist stark im Kommen“ Onkologin Dr. Silke Schirrmacher-Memmel über aktuelle Behandlungsformen.

BEWEGUNG BEI KREBS

Für Sie

„Unbeschreibliche Glücksgefühle“ Sport in Maßen tut Menschen mit Krebs gut.

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INHALT

LEBEN MIT EIERSTOCKKREBS

24 Wie im falschen Film LEBEN MIT LUNGENKREBS

6 Das Leben ist schön Erhard Skrotzki ist nach Operation und Chemotherapie tumorfrei.

KAMPAGNE

8 Jetzt erst recht

Dorota S. lässt sich nicht entmutigen. Die 36-Jährige lebt mit Eierstockkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

VORSORGE

28 „Familienanamnese bleibt Trumpf“

Gynäkologe Prof. Sven Becker von der Uniklinik Frankfurt über Gentests und Krebsvorsorge.

Die Initiative „DU MUSST KÄMPFEN!“ von Jonathan Heimes unterstützt krebskranke Kinder.

KULTUR

48 Fühlen, was Du fühlst

AKTUELLE THERAPIEN

12 Neues Vertrauen in

Die „Tumoristen“ aus Berlin bringen mit Playback Theater Szenen aus dem Leben ihrer Zuschauer auf die Bühne.

den eigenen Körper gewinnen Supportive Sporttherapie an der Uniklinik Frankfurt hilft krebskranken Kindern und Jugendlichen.

50 „Das ist mein Leben LEBEN MIT BRUSTKREBS

30 „Ich kann über

mich selbst lachen“ Stefanie Fröhlich bekam mit 35 Jahren die Diagnose Brustkrebs.

NEUE THERAPIEN

36 „Die Immunonkologie

ist stark im Kommen“ Susanne von Mach sprach mit Onkologin Dr. Silke SchirrmacherMemmel über Behandlungsformen.

LEBEN MIT CLL

16 Er hat das Leben geliebt

Jupp Schaller hat sechs Jahre mit Chronisch-Lymphatischer Leukämie gelebt. Im Januar ist er ohne Schmerzen eingeschlafen, umsorgt und behütet von der Liebe seines Lebens.

ERGÄNZENDE THERAPIEN

20 Mit der Kraft der Natur

Heilpflanzen können gegen Nebenwirkungen der Chemotherapie helfen. Aber Vorsicht vor Wechselwirkungen!

38 Neue Krebstherapien im Überblick

Wie wirken Antikörper, TKI und Immuntherapeutika?

LEBEN MIT DEM TOD

40 Das Wiedersehen Mit Hilfe des Vereins „Wunsch am Horizont“ hat Shafiqa Jamali ihre Tochter noch einmal sehen dürfen.

und ich lebe mein Leben“

Prof. Dr. Wolfgang Wendlandt über Hintergrund und Anspruch der Playback Theater-Gruppe „Tumoristen“.

KULTURGESCHICHTE HAARE

54 Künstliche Pracht Perücken waren Jahrhunderte lang Statussymbol und unverzichtbarer Bestandteil der Kleidung.

LITERATUR

60 „Ich lebe im

Hier und Jetzt“ Vor neun Jahren war ihr Buch „Heute bin ich blond“ ein Bestseller. Was macht die Niederländerin Sophie van der Stap heute?

62 Buch-Tipps

Hummer statt Krebs stellt aktuelle Literatur rund um Krebs vor.

BEWEGUNG BEI KREBS

44 „Unbeschreibliche Glücksgefühle“

Sport in Maßen tut Menschen mit Krebs gut.

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EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser! „Ich habe im Urlaub zwar keinen Hummer gegessen, aber ganz viele Garnelen!“, erzählt eine junge Frau mit Magentumor augenzwinkernd. „Jetzt ist wieder Hummer statt Krebs!“ freut sich die Tochter eines krebskranken Vaters, der eine gute Prognose hat. Die erste Ausgabe von „Hummer statt Krebs“ hat viele Menschen berührt, beflügelt und den Blick geschärft für eine Krankheit, die kein gesellschaftliches Tabu mehr ist. Trotzdem bleibt sie „für den Einzelnen eine schwere Bürde, die es gilt, durch Offenheit zu überwinden“, ist der psychologische Psychotherapeut Prof. Wolfgang Wendlandt aus Berlin überzeugt, der mit Krebskranken Playback-Theater spielt, um eben diese Offenheit zu erzeugen – in der Gruppe und beim Publikum. Um die Theatergruppe „Die Tumoristen“ dreht sich eine der Geschichten, die wir im neuen „Hummer statt Krebs“ erzählen. Wir stellen Männer und Frauen vor, die den Krebs nicht die Oberhand über ihr Leben gewinnen lassen, auch wenn das eine tägliche Herausforderung bedeutet. Wir werfen einen Blick auf die aktuelle Forschung, beleuchten die große Bedeutung, die Sport und Bewegung für Krebspatienten haben und wir haben viele Bücher rund um das Thema Krebs gelesen, die wir ihnen vorstellen. Nicht alle unsere Protagonisten erleben die zweite Ausgabe; wir sind dankbar, dass wir ihre Geschichte trotzdem erzählen dürfen, wenn auch unter unerwarteten Vorzeichen. Auch das gehört zum Krebs – leider. Die Geschichten, die der Krebs schreibt, sind noch lange nicht zu Ende erzählt. Deshalb freuen wir uns sehr, dass sich zum ersten Mal eine Frau bei uns gemeldet hat, die ihre Geschichte mit uns teilen möchte. Sie lesen sie in unserer Herbstausgabe. Trauen auch Sie sich! Werden Sie offen! Krebs begegnet uns überall und ist keine Erkrankung der Senioren. Kinder, Frauen, Männer, Alte, Junge: Wer weiß schon, wer gesund bleibt und wer nicht? Niemand muss den Krebs mit sich allein ausmachen. Jeder darf ein Signal gegen gesellschaftlichen Egoismus, Narzissmus und für gesellschaftliche Teilhabe setzen. Es sind die kleinen und großen Helden, die erkannt oder unerkannt unseren Alltag bereichern, weil sie sich für andere einsetzen – und nur zu oft auch, weil sie selbst stark bleiben. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Freude und gute Gedanken beim Lesen der zweiten Ausgabe von „Hummer statt Krebs“!

Dr. Martine Klausmann Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie

Susanne von Mach Journalistin und Autorin

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t s i n e b e L Das

schön

)

ram Eder (Foto: Wolf

Erhard Skrotzki bekommt mit 62 Jahren die Diagnose Lungenkrebs Erhard Skrotzki hat’s geahnt. Richtig unerwartet, nein, das war der Lungenkrebs nicht gewesen. 30 Jahre Berufsfeuerwehr und einige Jahre Freiwillige Feuerwehr, wie das so ist, und immer schön rein, mitten in die giftigen Dämpfe. „Vollschutz beim PKWBrand? Schwarz-Weiß-Bereich für Berufs- und saubere Kleidung? Das gab es damals doch alles gar nicht. Wir haben unsere Einsatzstiefel und Hosen vors Bett gestellt und sind beim nächsten Einsatz gerade wieder reingesprungen. Hemden? Haben wir nicht oft gewechselt. Da hat man schon was abgekriegt.“ Und dann natürlich geraucht, vierzig Jahre lang bestimmt, weil’s geschmeckt und manchmal auch die grausamen Bilder der Einsätze vernebelt hat. Trotzdem: War alles lange her. Und wer denkt bitteschön nicht: Ich? Nee. Ich doch nicht. Klar, wenn man so im Nachhinein darüber nachdenkt: „Ich hab schon immer Angst gehabt, dass ich auch mal was abkriege.“ Einige Feuerwehrkameraden sind an Krebs gestorben. Aber wer weiß schon, warum es die einen trifft und die anderen nicht. Und hey:

Acht Jahre schon keine Zigarette mehr angerührt, zehn Jahre raus aus dem Beruf, Frührentner, 62 Jahre alt, das Leben ist schön! Unmöglich, dass da ein Krebs kommt. Und dann kommt da dieser hartnäckige Husten, mitten im Frühjahr. Die Hausärztin verschreibt Antibiotika, damit geht er weg. Doch dann kommt er wieder, im September, und blutiger Auswurf noch dazu. Atemnot, schlapp – in der Hausarztpraxis schrillen die Alarmglocken, der Termin beim Radiologen ist schneller ausgemacht, als Erhard Skrotzki lieb ist. Krank sein, das passt gerade überhaupt nicht ins Konzept. „Ich hab ein bisschen gemeckert, warum soll ich denn hier gleich ins Krankenhaus. Aber wirklich gewehrt habe ich mich nicht. Ich glaube, ich habe schon geahnt, dass das nicht gut ausgeht.“ Das schöne Haus im Rheingau ist seit ein paar Tagen verkauft, die Wohnung in Kleinostheim gekauft. Näher bei Sohn und Enkeln leben, miterleben, wie die beiden Kleinen groß werden:

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LEBEN MIT LUNGENKREBS

Das ist schöner, wenn man nur zehn statt 100 Kilometer weit weg lebt. Der Haken ist nur: Die neue Wohnung ist noch im Rohbau, da muss noch einiges gemacht werden. Und jetzt Krankenhaus? „Als der Arzt meine Bilder angeschaut hat, hat er nur gesagt: ‘Mein lieber Freund. Da hast Du Dir was eingefangen.‘ Ich frage ihn: ‘Wie meinen Sie das?‘ – und dann das.“ Rechtszentrales Plattenepithelkarzinom der Lunge, acht, neun Zentimeter, 0,3 Liter. „Das war schon ein schönes Ding.“ Tja. Trotzdem: „Ich war gar nicht so geschockt. Ich hatte ja im Stillen schon damit gerechnet. Ich staune selbst über mich. Ich war da relativ locker. Ich bin allerdings auch ein Verdrängungskünstler. Aber dass es meine Frau so belastet hat, das war für mich sehr schlimm. Das ist mir sehr nahe gegangen. Natürlich habe ich in einer stillen Stunde auch hier gesessen und habe geweint. Ich bin ja kein Übermensch, der abgestumpft und abgehärtet ist durch die vielen Erlebnisse allein schon bei der Feuerwehr. Die vielen Fragen: Die Wohnung gekauft, aber nicht fertig. Was passiert mit mir? Wie geht es weiter? Wie schaffe ich es, dass meine Frau im neuen Zuhause wohnen kann? Meine Frau war für mich ganz wichtig, das hat mich hochgehalten.“ Auf Anraten seiner Ärzte geht Erhard Skrotzki zu Professor Joachim Schirren an den Helios Dr. Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, er leitet dort die Klinik für Thoraxchirurgie mit integriertem Lungentumorzentrum. Die Tumorkonferenz beschließt eine dreizyklige Chemotherapie von Oktober bis Dezember mit anschließender Operation im nächsten Jahr. Erst wird der Tumor geschrumpft, dann operiert. Einen Port für die Chemo lehnt Erhard Skrotzki ab, „sind ja nur drei Zyklen“. Dazwischen tapeziert er die neue Wohnung. „Ich hatte beim Tapezieren des Gästezimmers einen solchen Hustenanfall, dass ich dachte, ich ersticke. Aber ich wollte das unbedingt fertig kriegen. Ich hatte wahnsinniges Glück. Ich habe die Chemo super vertragen, keine Nebenwirkungen. Gar keine. Mein Geschmack hat sich etwas verändert. Ich war topfit. Alle haben den Kopf geschüttelt.“

Über seinen Krebs will er nicht viel wissen, die Untersuchungen macht er alle mit, die Ärzte werden schon wissen, wozu sie gut sind. „Ich habe nicht gewusst, dass man so viele Untersuchungen machen kann. Jeden Tag noch eine und noch eine!“ Der Professor will erklären, wie er bei der Operation vorgeht. Erhard Skrotzki winkt ab. „Stopp. Ich möchte die genauen Details nicht wissen. Das ist Ihr Job. Sie müssen das können. Nicht ich! So habe ich mich mit der Krankheit auseinandergesetzt.“ Alternative Medizin? Komplementärmedizin? Das Internet nach Informationen absuchen? „Nichts! Ich habe mich voll und ganz auf die Ärzte verlassen.“ Seine Frau rollt mit den Augen. „Unglaublich!“, sagt sie. Und er sagt: „Professor Schirren hat einen tollen Satz zu mir gesagt. Er hat gesagt: ‘Sie haben 31 Jahre lang bei der Berufsfeuerwehr den Leuten geholfen. Und jetzt helfe ich Ihnen.‘“ Und genau so war es. „Der Satz hat mich so beruhigt! Danach hatte ich überhaupt keine Angst oder Bedenken.“ Fast keine. „Wissen Sie, was das Allerschlimmste war, so schlimm wie sonst nichts? Bei der Aufklärung am Tag vor der Operation sagte der Arzt: Sie wissen ja, dass es Gründe gibt, nicht weiterzuoperieren. Zum Beispiel, wenn der Tumor am Rippenfell hängt, die Lymphdrüsen zu stark befallen sind. Weil das nicht operabel ist. Und da fiel ich aus allen Wolken. Das war mir überhaupt nicht klar. Da habe ich richtig realisiert, dass das doch noch in die Hose gehen kann. Da hatte ich eine Scheiß-Nacht.“ Erhard Skrotzki hat Glück. Bei der Operation wird der geschrumpfte Tumor und die rechte Lunge entfernt. Und jetzt? „Viele Leute haben nach der Diagnose zu mir gesagt: ‘Jetzt musst Du kämpfen.‘ So ein Quatsch! Man braucht nur Glück. Ich hatte immer Glück. Mir geht’s gut, aber ich hatte Lungenkrebs. Die Reha war fürchterlich, die Luft ist natürlich nicht so da, beim Treppensteigen zum Beispiel. Mir fehlt ja auch die halbe Lunge! Aber es ist schon viel besser geworden. Ich habe mir ein Motorrad gekauft. Und ein E-Bike. Wir reisen, nach Mallorca, vier Wochen nach Teneriffa.“ Worauf noch warten? Das Leben ist schön. n

LUNGENKREBS

o f n I

Das Lungenkarzinom ist weltweit eine der häufigsten Krebserkrankungen. Die Zahl der Neuerkrankungen in Deutschland wird für das Jahr 2016 auf etwa 55.300 geschätzt. Lungenkrebs liegt bei Frauen an dritter Stelle, bei Männern an zweiter Stelle der Häufigkeit aller Krebserkrankungen. Plattenepithelkarzinome sind maligne epitheliale Tumore der Haut und der Schleimhäute. Das Plattenepithelkarzinom der Lunge ist das häufigste Karzinom, das mit Rauchen assoziiert ist. 90 Prozent der Plattenepithelkarzinome sind zentral in Bronchien lokalisiert. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen mit einem Verhältnis zwischen 6,6 – 15 zu 1.

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KAMPAGNE

Jetzt erst recht Die Initiative „DU MUSST KÄMPFEN!“ von Jonathan Heimes unterstützt krebskranke Kinder im Rhein-Main-Gebiet Das letzte Kapitel seines Lebens müssen andere erzählen. Jonathan Heimes’ Leben ist zu Ende, nicht aber seine Geschichte. Was er aufgebaut hat, bleibt – und hilft anderen, die so krank waren oder sind, wie er es war. Jonathan Heimes, hochtalentierter Tennisspieler und leidenschaftlicher Fußballfan, Darmstädter und Juist-Urlauber, 26 Jahre ist er alt geworden, gestorben am 9. März 2016 an einem Medulloblastom, einem bösartigen Tumor des Kleinhirns. Fast sein halbes Leben, zwölf Jahre lang hat er beharrlich, geduldig und tapfer versucht, den Krebs aus seinem Körper zu therapieren, hat Operationen, an die 30 Chemotherapien und noch mehr Bestrahlungen mitgemacht, überstanden. Von den ersten zehn Jahren seiner Erkrankung erzählt er in seinem Buch „Comebacks – Meine Leben“. Am Ende schafft er es nicht, doch er hat etwas Großes erreicht: Sein Name ist deutschlandweit bekannt, er hat vielen Menschen Mut gemacht. Und seine Initiativen bestehen weiter, mit denen krebskranke Kinder

unterstützt werden. „DU MUSST KÄMPFEN!“ heißen sie. Das Lebensmotto von Jonathan Heimes. Drei Jahre vor seinem Tod hat er angefangen, anderen zu helfen. „Ich wollte den Verein Hilfe für krebskranke Kinder in Frankfurt unterstützen, der mir in all den Jahren so viel gegeben hat“, schreibt er in seinem Buch. Gemeinsam mit seiner Tennis- und Jugendfreundin Andrea Petkovic, Top-Tennisspielerin aus Darmstadt, gründet er die Initiative „DU MUSST KÄMPFEN!“, bei der Motivationsarmbändchen mit seinem Wahlspruch gegen eine Spende verteilt werden. „Durch die Aktion traf ich unter anderem die deutsche Fußballnationalmannschaft, Ironman-Sieger und Andreas FedCup-Tennismädels“, schreibt Jonathan Heimes in „Comebacks – Meine Leben“. Ein Jahr vor seinem Tod startet er eine zweite Initiative: die Organisation von Charity-Turnieren mit Top-Sportlern wie Andrea Petkovic und Amateuren. Dafür gründet er die „DU MUSST KÄMPFEN!“-gGmbH als einer von zwei Geschäftsführern.

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Die Initiativen haben überwältigenden Erfolg. Film, Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen werden auf Jonathan Heimes aufmerksam, zahlreiche Sender und Printmedien berichten über sein Leben und seine Aktionen, Jonathan Heimes tritt in Fernsehshows und Talkrunden auf. Mehr als eine halbe Million Euro sind mittlerweile zusammengekommen, die auf unterschiedlichem Weg krebskranken Kindern das Leben ein wenig erleichtern sollen: Der Erlös aus den Motivationsbändchen kommt vollständig dem Frankfurter Verein „Hilfe für krebskranke Kinder“ zugute. Mit den Einnahmen aus den Charity-Turnieren finanziert die GmbH die supportive Sporttherapie für krebskranke Kinder und Jugendliche an der Uniklinik Frankfurt, eine Projektstelle für psychosoziale Betreuung im KinderPalliativTeam Südhessen, das Jonathan in seinen letzten Lebensmonaten begleitet hat, sowie den Verein für krebskranke und chronisch kranke Kinder Darmstadt Rhein-Neckar, der unter anderem Musik- und Physiotherapie für die Kinder organisiert. „Er wollte denen, die ihm so viel geholfen haben, etwas zurückgeben“, erinnert sich sein Vater Martin Heimes. Die Bändchen ersinnt Jonathan Heimes nach dem Vorbild des Radprofis Lance Armstrong, der eine Krebserkrankung überstanden hat und dessen „Livestrong“-Armbändchen millionenfach verkauft worden sind. „DU MUSST KÄMPFEN – Es ist noch nichts verloren!“, steht auf den älteren, „DU MUSST KÄMPFEN – Jetzt erst recht“ auf den neueren. Als seine Kindheits- und Tennisfreundin Andrea Petkovic die Idee der Bändchen erstmals auf ihrer Facebook-Seite postet, landen sofort hunderte Bestellungen in

INITIATIVE

o f n I

„DU MUSST KÄMPFEN“

Die Motivationsarmbändchen gibt es gegen eine Spende unter www.dumusstkaempfen.de Jonathan Heimes Buch „Comebacks – Meine Leben“ (419 Seiten, Eigenverlag, mit einem Vorwort von Andrea Petkovic) gibt es für 25 Euro (20 Euro plus fünf Euro Versandkosten) unter johnny.comebacks@gmail.com Informationen über die Charity-Turniere – die Teilnahme gegen eine Spende und Sponsoring sind möglich – gibt es unter www.dumusstkaempfen.de und info@dumusstkaempfen.de

Bilder seines Lebens: Der krebskranke Jonathan „Johnny“ Heimes lernte über seine Initiative „DU MUSST KÄMPFEN!“ zahlreiche Spitzensportler und Prominente aus der Sportwelt kennen, darunter Bundestrainer Jogi Löw. Das Bild unten links zeigt ihn im Interview mit dem Sender Sky. In besseren Zeiten machte er Urlaub mit seiner Schwester. Mit Tennisstar Andrea Petkovic präsentierte er sein Buch „Comebacks“. (Alle Fotos: Martin Heimes)

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KAMPAGNE

Jonathans Postfach. Schnell wird die Spendenaktion größer als gedacht. „Die Bestellungen kamen aus aller Welt, aus Korea, Kroatien. Wir haben anfangs im Wohnzimmer Briefe mit den Bändchen eingetütet, aber da sind wir schnell an unsere Grenzen gestoßen“, erzählt Martin Heimes. Im Frankfurter Verein „Hilfe für krebskranke Kinder“ finden die Heimes’ Unterstützung; er richtet für die Bändchen eine Homepage ein und managt die Verteilung. Der Erlös geht dafür komplett an den Verein. 40.000 Euro kommen gleich im ersten Jahr zusammen, mittlerweile sind geschätzt 200.000 Stück verkauft. Es gibt sie in mehreren Farben, zwei Größen und Sondereditionen.

Doch Jonathan Heimes will noch mehr Spenden sammeln. Als passionierter Tennisspieler – vor seiner Erkrankung galt er als Nachwuchs-Talent, war Hessenmeister – und leidenschaftlicher Sportfan liegt die Idee nahe: Charity-Turniere organisieren, bei denen Amateure für eine Spende gegen Profis spielen dürfen. Das funktioniert im Fußball, Tennis, Golf – zahlreiche Sportler unterstützen die Idee. „Manche waren davon überzeugt, dass die Kampagnen nach Jonathans Tod keine Zukunft haben“, sagt Martin Heimes. „Bisher aber ist das Gegenteil der Fall. Wir bekommen so viel Unterstützung.“ Das neue Kampagnen-Motto spricht für sich: „DU MUSST KÄMPFEN – jetzt erst recht!“ n

Jonathan Heimes – sein Leben Jonathan „Johnny“ Heimes ist in Darmstadt geboren und aufgewachsen. Er spielte dort im Tennisverein, wurde Hessenmeister und galt als großes Talent. Als seine Leistungen nachlassen, er öfter über Schmerzen klagt, denkt man zunächst an zu intensives Training und pubertäre Lustlosigkeit. Tatsächlich aber wuchert in seinem Kopf ein Medulloblastom. Der rasch wachsende, bösartige Hirntumor tritt nur im Kindesalter auf. In der Uniklinik Frankfurt wird Jonathan Heimes operiert und mit Chemotherapien und Bestrahlungen behandelt. Die Therapie ist erfolgreich, Jonathan Heimes gilt als geheilt und macht sein Fachabitur, obwohl er mit den Nachwirkungen der Chemo und Bestrahlungen zu kämpfen hat. Im sechsten Jahr nach Therapieende aber werden bei einer Routinekontrolle so viele Metastasen in der Wirbelsäule entdeckt, dass eine Operation nicht möglich ist. Es folgen wieder Chemotherapien, darunter hochdosierte mit Eigenstammzelltransplantationen, und Bestrahlungen, die den Krebs letztlich für Monate, nicht aber dauerhaft zurückdrängen. Seine Erfahrungen schreibt Jonathan in seinem Buch „Comebacks – Meine Leben“ auf – ein ausführlicher, eindrucksvoller Bericht über ein Leben im Zeichen einer schwersten Erkrankung, das trotzdem in die Zukunft gewandt bleibt: „Ich möchte andere Menschen motivieren, positiv und optimistisch durch das Leben zu gehen und ihnen aufzeigen, wie man mit Rückschlägen, Enttäuschungen und Niederlagen umgehen kann, um daraus etwas zu lernen und optimistisch in die Zukunft zu schauen.“ Im Jahr vor seinem Tod willigt Jonathan Heimes in eine neue Chemotherapie ein, die für seine Krebserkrankung nicht getestet ist. Als auch diese keinen Erfolg bringt, wird er nach Hause entlassen. „Er ist dort nach etwa vier Monaten

ganz friedlich und ohne Schmerzen eingeschlafen“, sagt sein Vater Martin Heimes. Jonathans Schicksal hat über Jahre viele Menschen bewegt, vor allem auch in der Welt des Spitzensports. Besonders eng verbunden war er mit seiner Jugend- und Tennisfreundin Andrea Petkovic und als bekennender Fußballfan mit dem Hamburger SV sowie Darmstadt 98. Ihren Aufstieg in die Bundesliga führen die „Lilien“ auf Jonathans Motivationsbändchen zurück, das ganze Stadion feiert Johnny. Das Wissenschafts- und Technologie-Unternehmen Merck aus Darmstadt verzichtet in der Saison 2016/17 auf sein 2014 erworbenes Namensrecht für das Darmstädter Stadion und benennt es um in „Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor“, um das Lebenswerk von Jonathan Heimes zu würdigen und die gemeinnützige Gesellschaft „DU MUSST KÄMPFEN!“ zugunsten krebskranker Kinder zu unterstützen. Der Chemie-Konzern greift damit eine Idee des langjährigen Merck-Mitarbeiters und Vaters von Jonathan Heimes auf. Martin Heimes hat Jonathans Platz als Geschäftsführer in der „DU MUSST KÄMPFEN!“-gGmbH eingenommen und führt das Lebenswerk seines Sohnes weiter. „Wir können jetzt nicht die ganze Zeit zu Hause sitzen und weinen. Das hätte Jonathan auch nicht gewollt. In den zwölf Jahren seiner Erkrankung ist auch viel Schönes passiert, er war ja auch viele Jahre krebsfrei. Und er hatte viele Erlebnisse, hat viele Menschen getroffen, die er sonst sicher nicht getroffen hätte. Das hat ihm viel Kraft gegeben und Mut gemacht. Und uns auch.“

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AKTUELLE THERAPIEN

Neues Vertrauen

in den eigenen Körper Alle Fotos: Uniklinik Frankfurt

gewinnen

Supportive Sporttherapie an der Kinderklinik Frankfurt hilft krebskranken Kindern und Jugendlichen Auf Julians „Fluchliste“ stehen elf Striche. „Manchmal muss man zu unkonventionellen Methoden greifen“, sagt Dr. Susanne Wallek und lächelt. Mehrmals pro Woche trainiert sie mit dem krebskranken Jungen im Sportraum an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Frankfurt. Strampeln auf dem Fahrradergometer, Bälle zuwerfen, auf den Boxsack eindreschen, Krafttraining mit Theraband und

Hanteln: Was die beiden in der Stunde machen, „hängt ganz von Julians Tagesform ab“, sagt die Sportwissenschaftlerin. Wichtig ist, überhaupt in Bewegung zu kommen: Denn dann geht es Kindern und Jugendlichen in Chemotherapie nachweislich körperlich und seelisch besser. Vor acht Jahren hat Dr. Susanne Wallek gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Anna Senn-Malashonak das Sportprojekt „Supportive Sporttherapie“ auf

der Kinderkrebsstation der Uniklinik Frankfurt gestartet, bei dem Kinder und Jugendliche in ambulanter oder stationärer Chemotherapie mehrmals pro Woche etwa eine Stunde Sport im Rahmen ihrer Möglichkeiten machen. Randomisierte Studie belegte positive Effekte Dass Sport Menschen mit Krebs generell gut tut – sei es während oder nach der Therapie –, ist schon länger wissenschaftlich erwiesen. Für stammzell-

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transplantierte Kinder und Jugendliche haben Dr. Susanne Wallek und ihre Kollegin die positiven Effekte im Rahmen einer randomisierten Studie mit 70 Teilnehmern nachgewiesen. Die „BISON-Studie“ unter Leitung von Prof. Peter Bader, dem Leiter des Schwerpunkts Stammzelltransplantation und Immunologie an der Kinderklinik Frankfurt, lief von 2011 bis 2014 am Pädiatrischen Stammzelltransplantationszentrum und zeigte, dass „eine regelmäßige Teilnahme an dem Bewegungsprogramm nicht nur den behandlungsbedingten Abbau der körperlichen Fitness reduzierte, sondern auch zu einer Verbesserung der motorischen Fähigkeiten im Laufe der Transplantation“, sagt Dr. Anna Senn-Malashonak. BISON steht für Bewegungstherapie in der Pädiatrischen Stammzelltransplantation. Im Rahmen der Studie betreuten die beiden Sportwissenschaftlerinnen alle Teilnehmer von der stationären Aufnahme an über etwa sechs Monate bis zum Tag +200. Alle teilnehmenden Patienten wurden zufällig einer von zwei Studiengruppen zugeteilt: Die Sportgruppe absolvierte ein Training mit Kraft-, Ausdauer- und Beweglichkeitselementen, während die Kontrollgruppe neben einem kognitiven Training auch Entspannungsübungen durchführte. Seit Abschluss der Studie bieten nunmehr drei Sportwissenschaftlerinnen in

Teilzeit ein flexibles, am individuellen Bedarf und Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen orientiertes sporttherapeutisches Training während Chemotherapie, Bestrahlung und Stammzelltransplantation an. Die jüngsten Patienten sind drei Jahre alt, die ältesten 21, Eltern sind nur in der ersten Stunde mit dabei. „Das Training ist auch deshalb wichtig, weil die Kinder sich uns gegenüber öffnen. Wenn man sich ans Bett setzt und sagt: ‚Nun erzähl mal, wie geht es dir‘, sagen sie meistens nichts“, beobachtet Dr. Susanne Wallek. „Doch über die Bewegung kommen wir in Kontakt zu ihnen.“ Fitness und Freude an Bewegung Trainiert wird nach Möglichkeit im Sportraum in der Kinderklinik. Sind die Kinder dafür zu krank, kommen die Sportwissenschaftlerinnen aufs Zimmer. Stammzelltransplantierte Kinder trainieren wegen der Isolationspflicht und Ansteckungsgefahr im Zelltief grundsätzlich an eigenen Geräten auf ihrem Zimmer. „Die supportive Sporttherapie ist eine Ergänzung zur regulär stattfindenden Physiotherapie“, sagt Dr. Susanne Wallek, sie setze an einem anderen Punkt an. „Bei der supportiven Sporttherapie geht es um Fitness, Beweglichkeit, Koordination und den Erhalt der neuromuskulären Funktion.

Hüpfen, springen, kicken, boxen: An der Kinderkrebsklinik der Uni Frankfurt bringen Sportwissenschaftlerinnen krebskranke Kinder in Bewegung.

Und um Freude an der Bewegung.“ Mittlerweile trainieren nicht nur stationär aufgenommene Kinder und Jugendliche mit den Sportwissenschaftlerinnen – die Klinik hat insgesamt 26 Betten –, sondern auch einige Kinder, die ambulant behandelt werden. Die Krankenkassen bezahlen das Training nicht; erste Gespräche sollen demnächst stattfinden. Kinderklinikdirektor Prof. Thomas Klingebiel unterstützt die supportive Sporttherapie ausdrücklich und lobt die positive Wirkung auf die Kinder und Jugendlichen. „Die Kinder erleben ihren Körper als Quelle für neues Selbstvertrauen, gewinnen wieder Vertrauen in ihren Körper. Sie merken: Ich kann das schaffen, ich kann wieder gesund werden. Das ist ein ganzheitlicher Ansatz.“ Die Klinik selbst könne das Angebot allerdings nicht bezahlen. Finanziert wird die supportive Sporttherapie deshalb ausschließlich über Spenden; um die 70.000 Euro sind pro Jahr für die drei Halbtagsstellen erforderlich. Hauptsponsor ist die „DU MUSST KÄMPFEN!“gGmbH, die Jonathan Heimes gegründet hat. Der an einem Gehirntumor erkrankte Darmstädter war selbst zwölf Jahre lang Patient der Kinderklinik. Auch der Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ unterstützt das Angebot. Für das Jahr 2017 ist die Finanzierung gesichert. n

Die supportive Sporttherapie soll den Kindern und Jugendlichen Vertrauen in den eigenen Körper zurückgeben. Das Angebot ist rein spendenfinanziert.

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Er hat das Leben geliebt

Jupp Schaller aus Hösbach hat sechs Jahre mit CLL, Chronisch-Lymphatischer Leukämie, und viele Jahre mit der Lungenkrankheit COPD gelebt. Im Januar ist er ohne Schmerzen eingeschlafen, umsorgt und behütet von der Liebe seines Lebens. „Er hätte gewollt, dass dieser Artikel erscheint“, sagt Gaby Schaller. „Er wollte immer anderen Mut machen, dass man mit dieser Krankheit leben kann.“

Sein letzter großer Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. „Was ich noch erleben möchte: Dass ich einen Enkel habe. Dem würde ich was beibringen! Vielleicht macht der Teufel Spiele und ich lebe noch zehn Jahre!“ Einen kleinen Menschen ins Leben begleiten, ein Kind, das lernen darf, wie schön es ist zu lieben und geliebt zu werden, das am glucksenden Bach in Opas Garten Staudämme baut und Hoppe Hoppe Reiter auf seinen Knien spielt. Ein kleiner Mensch, der nichts weiß von der Angst der Erwachsenen, von Kummer und Sorgen. Der nichts weiß von CLL, COPD und Gleichgewichtsstörungen, und dass jeder Tag mit dem Opa ein Geschenk ist. „Wir hatten so ein schönes Leben, wir hadern nicht“, sagt Gaby Schaller. Als Maschinenbauingenieur im Außendienst einer Großostheimer Firma ist Jupp Schaller – wer hat ihn jemals Josef genannt? – um die halbe Welt gejettet, oft war seine Frau dabei. In mehr als 40 Jahren Ehe haben sie ausgelassene Feste mit guten Freunden gefeiert und ihren Garten in ein kleines Paradies mit großer Festhütte verwandelt. In den letzten Jahren mussten sie daheim bleiben im eigenhändig gebauten Haus in

Hösbach, die COPD und die Chronisch-Lymphatische Leukämie erlaubten das Fliegen nicht, und den Rasen mähte der Sohn. Anders war dieses Leben, doch auch erfüllt von Dankbarkeit.

„Wir können so herzlich miteinander lachen. Meine Frau kann lachen! Das können Sie sich nicht vorstellen. Mein Hausarzt hat im Jahr 2011 gesagt: Jedes Jahr ist ein Geschenk.“ Und so ist es. Denn „mit einem Mal ist alles anders“, zitiert Jupp Schaller im Oktober 2016 einen schnell dahingesagten Satz, der sich für ihn im Jahr 2010 mit der Diagnose CLL, ChronischLymphatische Leukämie, bewahrheitet. 61 Jahre ist er damals alt. Wie fing das an? Es geht ihm nicht gut, er fühlt sich immer so müde. Der Urlaub in der zweiten Heimat Fuerteventura bringt nicht die erhoffte Erholung, der Inselarzt lässt ihn inhalieren, der Hausarzt empfiehlt ein großes Blutbild bei der Spezialistin. Zum selben Zeitpunkt: „Wahnsinnige Schmerzen im vierten Halswirbel, ich konnte den Arm nicht mehr bewegen“. Und dann kommt das Gespräch mit seiner Hämatologin Dr. Martine Klausmann. „Ich habe kein Wort mehr verstanden.“ Doch Gaby Schaller versteht, sie hat Jahrzehnte beim Hausarzt gearbeitet und solche Diagnosen oft gehört. „Sie können sich nicht vorstellen, wie schrecklich das war. Die Ärztin sagte: ‚Ihr Mann hat eine Knochenmarkerkrankung, eine Chronisch-Lymphatische Leukämie‘. Es war eine Katastrophe.“ Auf den Schock folgt eine Phase der Orientierung und des Abwartens, denn Jupp Schallers Werte sind gut, eine Therapie erst einmal nicht nötig. „Watch and wait“ heißt diese Phase. Was macht man mit diesem Wissen, dass im eigenen Körper ein Vulkan schläft? ➔

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LEBEN MIT CLL

Jahrelang hat Jupp Schaller mit CLL gelebt. Er habe ein gutes Leben gehabt, sagt der HĂśsbacher. Und viele Tage hat er in vollen ZĂźgen genossen. (Foto: Wolfram Eder)

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LEBEN MIT CLL

„Man geht ins Internet. Und liest sehr viel. Und dann wird auch geweint. Da liest du dann: Du hast noch eine Lebenserwartung von 36 Monaten. Und dann spricht man über alles.“ Zu viert sitzen sie da, die Schallers mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter und machen Nägel mit Köpfen. „Wir haben ganz offen über alle Eventualitäten gesprochen. Das war keine Schwierigkeit für mich, auch nicht, alle Freunde zu informieren. Jeder sollte es wissen, und das lieber von mir.“ Jupp Schaller hat viele Menschen an Krebs sterben sehen. Gute Freunde. Seine Mutter, Nierenkrebs, seinen Vater. Brüder der Mutter, des Vaters. „Mein Vater war 66 Jahre alt bei seinem Tod. Ich bin also schon ein Jahr drüber!“ Gaby Schaller ahnt im Stillen, dass es bei diesem Jahr bleiben wird. Ihr Mann war immer der Meinung:

„Es ist besser, wenn man über seine Krankheit sprechen kann. Aber nicht jeder will etwas davon hören. Man merkt das: Fragt jemand nur? Oder interessiert er sich?“ Als die Werte schlecht werden, fängt die Chemotherapie an. Sieben Zyklen über einen Zeitraum von vier Jahren, dann Immuntherapie. Und immer wieder Folgeerkrankungen. „Irgendwie schreit der Schaller immer: Hier! Ich möchte das auch haben! Dann kam die COPD, der Fluch der bösen Tat. Ich habe bestimmt 40 Jahre lang geraucht. Bei meinen Auslandsaufenthalten hatte ich oft drei Stunden Stopp-Over. Und was macht man? Man greift zu dem blöden Suchtmittel.“ Die Stimme geht verloren, Gleichgewichtsstörungen machen den Alltag schwierig. Am schlimmsten aber ist die Febrile Neutropenie, eine

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Jupp Schaller und seine Frau Gaby haben seit der Erkrankung viel mitgemacht. Bis zu seinem Tod hat sie ihn behütet und umsorgt. (Foto: Wolfram Eder)

gefürchtete Folge von intensiven Chemotherapien, die einhergeht mit hohem Fieber. „Da hat er bitterböse dagelegen. Es hat auf der Kippe gestanden“, sagt Gaby Schaller. Ihr Mann ist drauf und dran sich aufzugeben.

„Ich hatte Halluzinationen, weil die Werte so schlecht waren. Da habe ich gedacht: Verdammt noch mal.“ Ein Telefonat aus dem Krankenhaus mit Dr. Martine Klausmann bringt die Wende: „Sie hat mich durchs Telefon richtiggehend gepusht. ‚Herr Schaller, Sie sind ein Kämpfer! Wir haben schon so viel zusammen durchgestanden!‘ Und dann ist es wieder besser geworden. Hurra, wir leben noch!“ Ihr Mann habe einen starken Lebenswillen, sagt Gaby Schaller, so sei er immer schon gewesen. „Es gibt ja Wettbewerbe in meinem Beruf, wer verkauft die meisten Maschinen. Ich habe es zehn Jahre lang geschafft. Mein Chef sagte einmal: ‚Herr Schaller, Sie mit Ihrer gewinnenden Art!‘ Damit mache ich Geschäfte. Diese Art habe ich in die Wiege gelebt bekommen.“ Und diese Art bleibt in Erinnerung. „In allen Trauerkarten schreiben Freunde und Bekannte, was für ein besonderer Mensch mein Mann war. Als hätten sie sich abgesprochen.“ Doch bei einem Mann wie Jupp Schaller war das nicht nötig. n

WAS IST CLL?

Die Chronisch-Lymphatische Leukämie ist eine meist langsam verlaufende Erkrankung des Bluts, die überall im Körper bösartige Tumore auslösen kann, aber mit Medikamenten recht gut behandelt werden kann. Mit 61 Jahren ist Jupp Schaller aus Hösbach etwas jünger als der Durchschnitt der typischen CLL-Patienten; oft erkranken eher Menschen zwischen 65 und 75 Jahren an der Form des Blutkrebses, die in westlichen Ländern besonders häufig auftritt. Männer trifft es häufiger als Frauen. 18.000 Menschen in Deutschland leben mit der Diagnose.

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ERGÄNZENDE THERAPIEN

Mit der Kraft der

Natur Heilpflanzen können gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie helfen, sollten aber wegen möglichen Wechselwirkungen mit Medikamenten nur in Rücksprache mit Arzt und Ernährungswissenschaftlern eingenommen werden.

Furchtbare Übelkeit, bleierne Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Durchfall: Krebspatienten müssen meist mit einer ganzen Reihe an Nebenwirkungen zurechtkommen. Hilfe komme aus der Natur, sagt Ökotrophologin Nicole Quirin von der Praxis Dres Klausmann aus Aschaffenburg, die eine Weiterbildung in Heilpflanzenkunde und Phytotherapie absolviert hat. „Es gibt einige Heilpflanzen, bei denen wir gute Effekte gegen Nebenwirkungen beobachten.“ Sie warnt allerdings davor, diese auf eigene Faust und ohne fachspezifische Beratung einzunehmen. „Einige Heilpflanzen haben Wechselwirkungen mit chemischen Medikamenten und können so zum Beispiel die Wirkung der Chemotherapie beeinträchtigen. Und

Heilpflanzen, die Bitterstoffe enthalten, dürfen bei einer Magenschleimhautentzündung zum Beispiel gar nicht eingenommen werden.“

Appetitlosigkeit Gegen Appetitlosigkeit hat sich als hilfreich erwiesen, keine Hauptmahlzeit ausfallen zu lassen und über den Tag verteilt alle zwei Stunden eine kleine Portion zu sich zu nehmen. Appetitanregend wirken als Tropfen oder Tee die Bitterstoffe aus Ingwer, Salbei, Schafgarbe, Artischocke, Wermut, Enzian, Galgant, Benediktenkraut, Orange und Kalmus. Ein Teelöffel voll sollte sieben Minuten lang in Wasser

ziehen und dann ohne Süßungsmittel getrunken werden. Wichtig ist, die Zusammensetzung des Tees alle drei Wochen zu verändern, um Gewöhnungseffekte und damit ein Nachlassen der Wirkung zu vermeiden. Auch Johannisbeer-, Orangen- und Ananassaft wirken appetitanregend. Dem Essen beigemischt können aus der Kräuter- und Gewürzküche Koriander, Rosmarin, Basilikum, Estragon, Zwiebel, Schnittlauch, Kümmel, Anis, Dill, Fenchel, Kresse und Endiviensalat positive Effekte auf den Appetit haben. Den Geschmack verbessern Spülungen mit Olivenöl und ätherischem Zitronenöl, wobei zehn Milliliter Olivenöl und drei Tropfen Zitronenöl gemischt werden.

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Übelkeit Der Duft von Lavendel und Anis dämpft den Brechreiz, Ingwer hilft als Tee gegen die Übelkeit – übrigens auch vorbeugend. Für den Sud wird ein fingernagelgroßes Stück frischer Ingwer mit kochendem Wasser übergossen und sieben Minuten stehengelassen. Der Ingwer wird entfernt, das Ingwerwasser in kleinen Schlucken über den Tag verteilt getrunken.

Er kann auch selbst aus getrockneten Heidelbeeren hergestellt werden. Dazu drei Esslöffel mit einem halben Liter Wasser übergießen und zehn Minuten ziehen lassen. Gerbstoffe enthalten auch Blutwurz und schwarzer Tee, der zehn bis zwanzig Minuten lang ziehen sollte, um die darin enthaltenen Gerbstoffe zu lösen. Gerbstoffe dichten die Darmschleimhaut ab.

entstandene Mus ein. Bis zu drei Mal täglich ist das Nachtrinken von 20 Milliliter unbedenklich. Die Wirkung setzt nach zwölf bis 24 Stunden ein, nach zwei bis drei Tagen ist der maximale Effekt erreicht. Patienten mit Darmverschluss und Verengungen des MagenDarm-Traktes dürfen diesen Sud nicht trinken. Zudem ist bei der Einnahme ein zeitlicher Abstand zur Medikamenteneinnahme einzuhalten.

Verstopfung

Durchfall Flüssigkeit im Darm binden Flohsamen sowie Pektine, die zum Beispiel in Apfel oder Karotten stecken. Geriebener Apfel ohne Schale oder ein Mus aus gekochten Möhren soll den Durchfall stoppen. Muskatnuss reduziert die Transportgeschwindigkeit durch den Darm. Leinsamen enthalten Schleimstoffe, die einen gereizten Darm beruhigen können. Heidelbeersaft hat eine positive Wirkung wegen der darin enthaltenen Gerbstoffe.

Zur Anregung der Darmaktivität stehen eine ganze Reihe an Hausmitteln zur Verfügung. Dazu gehört geschrotetes Getreide, Milchprodukte wie Joghurt oder Sauermilch, Sauerkrautsaft, Dörrobst wie zum Beispiel getrocknete Pflaumen, Feigen und Aprikosen, Leinsamen. Auch Flohsamenschalen können die Darmtätigkeit anregen und den Stuhl weicher machen. Dazu lässt man 95 bis 100 Gramm Flohsamen in 100 Milliliter Wasser vorquellen und nimmt das so

Mundtrockenheit Mehrmals täglich angewandte Spülungen mit Salbeitee wirken antiseptisch. Auch Kamillentee wirkt entzündungshemmend, allerdings auch austrocknend. Spülungen mit Olivenöl fördern die Speichelproduktion und befeuchten Schleimhäute. Dazu werden 10 Milliliter Öl mit drei Tropfen ätherischem Zitronenöl vermischt. Auch Zitrusfrüchte und das Lutschen gefrorener Ananasstücke lindern das Trockenheitsgefühl. ➔

Termine: Montag

15.30 – LionKids 19.00 – Einsteiger

Dienstag

10.00 – Yoga am Vormittag 15.30 – LionKids 19.00 – Mittelstufe

Mittwoch

19.00 – Yoga Flow

Donnerstag 19.00 – Yoga Nidra (jeder 2. Do. im Monat) Freitag

09.00 – Yoga am Vormittag 16.00 – Rücken Yoga 18.00 – Meditation Special

weitere Kurse auf Anfrage... Am Hang 7, 63776 Mömbris, Tel. 06029–700 48 77, shivas-auge-yoga@gmx.de

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ERGÄNZENDE THERAPIEN

Bei trockenen und wunden Schleimhäuten helfen Malvenblüten- oder Eibischwurzeltee, Isländisches Moos, Spitzwegerichblätter und Sanddornfruchtfleischöl.

Schleimhautentzündung Säurehaltige Speisen sollten vermieden werden. Dazu zählen Zitrusfrüchte, Johannisbeeren, Grapefruit, Rhabarber, Sauerkraut, Essig und Tomaten. Besser geeignet sind Bananen, Papaya sowie Birnen-, Aprikosen- und Pfirsichnektar. Milchprodukte haben einen schützenden Einfluss auf die Mundschleimhaut. Auch Salbeibonons und -tee wirken der

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Schleimhautentzündung entgegen, ebenso ein Thymianaufguss, Leinsamenschleim und warmer Honig. Auch das Lutschen von Eis – zum Beispiel in Form von selbst gemachten Eiswürfeln aus milden Säften – kann entzündungshemmend und abschwellend wirken. Softeis ist allerdings wegen der potenziell enthaltenen Keime Tabu. Als Stomatitisprophylaxe haben sich das Lutschen von Eiswürfeln oder Honig, der in kleinen Portionen eingefroren wird, bewährt. Gefrorene Butterstückchen und Sahne lösen Borken auf.

ben in die Schleimhaut entzündungshemmend, pur einmassiert kann es bei schmerzhaften Aphten helfen. Positive Effekte werden auch mit der Anwendung von künstlichem Speichel (Glandosane) und Nasenöl (Caldostop) beobachtet. Generell hilft, den Mund nach jeder Mahlzeit mit Salbeitee zu spülen und zur Nacht hin eine Spülung mit Salzwasser; hierzu wird ein Teelöffel Salz in einem Liter Wasser aufgelöst.

Wichtig ist eine gründliche Mundhygiene mit einer weichen Zahnbürste. Sanddornfruchtfleischöl wirkt eingerie-

Gegen die bleiernde Erschöpfung und Müdigkeit helfen Ingwer, Baldrian und Bewegung. n

Fatigue-Syndrom

DIE WIRKUNG DER HEILPFLANZEN

Die Bitterstoffe des Benediktenkraut wirken appetitanregend und verdauungsfördernd. Genutzt wird das Kraut der im Mittelmeerraum verbreiteten Pflanze. Wer auf Korbblütler allergisch reagiert, sollte auf das Kraut allerdings verzichten. Die Wurzel des in Europa, Nordamerika und Nordasien verbreiteten Gelben Enzians soll Wirkung entfalten als Schleimlöser bei Nasennebenhöhlen- und Atemwegsentzündung, bei Appetitlosigkeit und Blähungen. Sie enthält vor allem Bitterstoffe. Die Ingwerwurzel enthält ätherische Öle, Harzsäuren, Vitamin C und Mineralstoffe. Der seit Jahrhunderten in Ostasien, seit dem Mittelalter auch in Europa als Heilpflanze und Würzmittel genutzte Ingwer wirkt antibakteriell und antiviral, wirkt vitalisierend und muskelentspannend. Myrrhe wirkt antibakteriell und entzündungshemmend. Myrrhe ist ein Baumharz, die Bäume wachsen im Mittelmeerraum. Schon der Mittelalterarzt Ibn Sina – bekannt in Europa als Avicenna – und Hildegard von Bingen beschrieben die Heilkraft der Myrrhe bei Beschwerden des Magen-Darm-Trakts. Zur Herstellung einer Myrrhentinktur benötigt man 10 Gramm Myrrhe und 90 Milliliter Ethanol (reinen Alkohol). Beides ist in der Apotheke erhältlich. Der fast überall gut gedeihende Salbei wirkt entzündungshemmend. Die Wirkstoffe stecken in den Blättern: ätherische Öle, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Triterpene, Flavonoide und Steroide. Die Blüten und das Kraut der hierzulande heimischen Schafgarbe enthalten ätherische Öle, die leicht krampflösend und antientzündlich wirken. Der schon im Mittelalter in Europa kultivierte Wermut steckt voller Bitterstoffe, die antimykotische und antimikrobielle Eigenschaften aufweisen. In den Blättern der Artischocke am Grund des Stängels stecken Bitterstoffe, die die Bildung von Magen- und Gallensäure anregen. Die ursprünglich aus dem arabischen Raum stammende Artischocke gehört zur Familie der Korbblütler. Ihre Inhaltsstoffe wirken unter anderem appetitanregend und verdauungsfördernd. Die Blätter des Kalmus enthalten ätherische Öle, Gerb- und Bitterstoffe, die appetitanregend wirken und die Magen- und Darmtätigkeit anregen. Die asiatische Sumpfflanze ist heute auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet. Galgant gehört zu den Ingwergewächsen. Die Wurzel enthält Scharf- und Gerbstoffe, ätherische Öle und Flavanoide. Schon Hildegard von Bingen schätzte die Heilkraft des Galgant, der unter anderem verdauungsfördernd, appetitanregend, krampflösend und antibakteriell wirkt.

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„Lebensqualität

darf keine Frage des Alters sein“ Seit Januar 2017 gibt es den Betreuungsdienst Home Instead mit Sitz in Aschaffenburg. Wir haben beim Geschäftsführer Armin Christ (AC) nachgefragt, was genau ein Betreuungsdienst anbietet. Home Instead bedeutet so viel wie: Stattdessen Daheim – was genau verbirgt sich dahinter? AC: Unsere Betreuungskräfte unterstützen Senioren aber auch Familien zu Hause. Ziel ist es, dass unsere Kunden damit länger in der gewohnten Umgebung wohnen können und die Angehörigen durch uns entlastet werden. Wie genau sieht diese Unterstützung aus? AC: Wir „betreuen“. Im Gegensatz zu einem ambulanten Pflegedienst bucht der Kunde bei uns Zeit. In dieser Zeit leisten wir den pflegebedürftigen Menschen Gesellschaft, regen zu Aktivitäten an, gehen Spazieren, begleiten bei Arztbesuchen, erledigen Einkäufe, kochen (falls möglich) gemeinsam mit den Senioren. Des Weiteren unterstützen wir bei der Grundpflege. Wir sind auch

spezialisiert auf die Betreuung von Demenz, um eine Tagesstruktur zu gewährleisten und die pflegenden Angehörigen zu entlasten. Im Bedarfsfall kooperieren wir auch mit ambulanten Pflegediensten, welche sich um die medizinische Pflege beim Kunden kümmern. Gemeinsam können wir damit pflegebedürftige Menschen optimal unterstützen.

nehmen wollen, können wir direkt einspringen. Unsere Einsatzzeiten sind sehr flexibel. Von 2 Stunden pro Einsatz bis hin zur 24 Stunden Betreuung. Um den Bedarf zu ermitteln, führt unsere Pflegedienstleitung vor Ort ein kostenloses Servicegespräch durch. In diesem können wir uns auf die Wünsche des Kunden und der Angehörigen einstellen.

Das hört sich ja sehr zeitaufwändig an – wie ist das bezahlbar?

Welche Ausbildung hat eine Betreuungskraft?

AC: Da Home Instead eine Pflegekassenzulassung hat, können die betreuten Stunden über die Pflegekasse abgerechnet werden. Unsere deutschsprachigen Betreuungskräfte arbeiten nicht im Minutentakt, sondern nehmen sich die Zeit beim Kunden, die wirklich benötigt wird. Wir können sogar Kurzzeit- und Verhinderungspflege in den eigenen vier Wänden anbieten. Wenn pflegende Angehörige sich selbst eine Auszeit

AC: Unsere Betreuungskräfte durchlaufen bei Home Instead ein umfangreiches Schulungsprogramm. Wir haben hierbei ein sehr striktes Auswahlverfahren und achten darauf, dass die Betreuungskraft und der Kunde gut miteinander harmonieren. Um eine fürsorgliche Beziehung aufbauen zu können, ist es uns sehr wichtig, dass jeder Kunde möglichst nur von einer unserer Mitarbeiterinnen betreut wird. n

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Foto: Keith Gandy

Wie im falschen

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Film

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LEBEN MIT EIERSTOCKKREBS

Jetzt weiß ich auch, wer Sie sind! Der Gynäkologe ist erstaunt über die hübsche Frau, die vor ihm sitzt und deren Geschichte er schon von einer Ärzte-Fortbildung kennt. Liebenswert, herzlich, gut gelaunt. Bei einer 36-Jährigen mit Eierstockkrebs im Endstadium hatte er anderes erwartet.

Als Dorota S. Bauch immer größer wird, wird sie unruhig. Die Kolleginnen kaufen ihr einen Schwangerschaftstest, doch das ist es nicht. Der Hausarzt verschreibt Abführtropfen, doch die helfen nicht. Dorota S. hat ein schlechtes Gefühl und entscheidet sich eine zweite Meinung einzuholen. „Es war Mitte Januar 2016, da hat die drastische Zeit in meinem Leben begonnen.“ Der Arzt tastet den Bauch ab und macht ein ernstes Gesicht, untersucht Blut und Urin. Dann macht er einen Ultraschall, recht lange, und schreibt schließlich eine Überweisung ins Krankenhaus. „Der Bauch ist voller Wasser“, sagte er. „Gehen Sie sofort in die Klinik, Sie haben eine ernste Erkrankung.“ Im Auto holt Dorota S. die Überweisung aus der Handtasche. „Ich wollte einfach mal wissen, was der da geschrieben hat.“ Verdacht auf Tumor.

„WAS? Nein, das kann nicht wahr sein. Nicht ich, nicht in diesem Jahr, ich wollte doch Kinder, ich habe endlich den Mann fürs Leben gefunden! Nein, nicht mit mir! Das kann doch einfach nicht wahr sein. Das habe ich nicht verdient, warum ich?“ Zwei unglückliche Liebesgeschichten hat sie hinter sich, ein halbes Jahr zuvor hat sie einen Mann kennengelernt, mit dem sie in die Zukunft schaut. Aber ganz abwegig scheint ihr der Verdacht nicht. Ihre Mutter ist zehn Jahre zuvor an Eierstockkrebs gestorben, auch deren Mutter ist an Krebs gestorben. Dorota S.’ Schwester hat ein Jahr nach dem Tod der Mutter mit 31 Jahren Brustkrebs überstanden. Verdacht auf Bauchtumor: Dorota S. weiß, was das heißt. ➔

EIERSTOCKKREBS

o f n I

Ein Eierstocktumor (Ovarialkarzinom) kann lange unbemerkt bleiben, da er sich zunächst in die freie Bauchhöhle ausbreiten kann. Daher gibt es derzeit noch keine funktionierende „echte“ Früherkennung. Erst wenn der Tumor so groß ist, dass er Druck auf andere Organe ausübt, oder sich so weit in der Bauchhöhle ausgebreitet hat, dass die Funktion des Darmes eingeschränkt ist oder Bauchwasser (Aszites) in großen Mengen entsteht, verschlechtert sich meist erst das Befinden der Patientin. Echte Frühsymptome gibt es nicht. An einem Eierstockkrebs erkranken in Deutschland jedes Jahr fast 8.000 Frauen. Das Lebenszeitrisiko zu erkranken beträgt ein bis zwei Prozent.

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LEBEN MIT EIERSTOCKKREBS

Trotzdem: „Ich war auf die Diagnose überhaupt nicht vorbereitet. Aber es kann jeden treffen, diese Krankheit ist unberechenbar!“ Dorota S. zieht es den Boden unter den Füßen weg. „Ich habe im Auto geweint. Aber andererseits habe ich das auch gar nicht wirklich registriert, ich dachte immer noch: vielleicht.“ Doch nach vielen Stunden Diagnostik im Krankenhaus steht fest: Es ist Eierstockkrebs mit Metastasen. Der dicke Bauch kommt vom Bauchwasser, das sich in Folge des Tumors gebildet hat. „Ich habe nur noch geweint. Und zwei Dinge gedacht: Was bedeutet das jetzt für meine Beziehung? Wir können keine Familie mehr gründen. Und:

„Wie lange habe ich noch zu leben? Einen Monat? Ein halbes Jahr? Ein Jahr, drei, zehn Jahre? In dieser Zeit habe ich mir meine Familie an meine Seite gewünscht, die aber leider alle in Polen wohnen. Das war wirklich grausam für mich.“ Dorota S. war regelmäßig bei der Krebsvorsorge, gilt wegen der familiären Vorbelastung als Risikopatientin, doch immer war alles in Ordnung. Und jetzt: Eierstockkrebs im weit fortgeschrittenen Stadium, Kategorie Figo IIIc, schlimmer geht es nicht. An dem kalten Januartag, als sie die Überweisung in der Hand hält, weiß sie das noch nicht. Nein, sagt ihr Gynäkologe Wochen später, er habe nichts übersehen. Gerade Eierstockkrebs sei oft nicht zu erkennen. „Aber wofür dann die ganzen Untersuchungen? Ich habe dann den Arzt gewechselt, ich konnte ihm nicht mehr vertrauen.“ Die Onkologin, bei der sie die Chemotherapie nach der Operation macht, lässt sie genetisch testen. Ergebnis: Dorota S. trägt das BRCA1-Gen, das mit stark erhöhtem Risiko für Eierstock- und Brustkrebs einhergeht. Im Krankenhaus wird sie sofort operiert, zwei Mal, große, schwere, lange Operationen. Bei der ersten Operation entfernen die Chirurgen in sechs, sieben Stunden so viel befallenes Gewebe wie möglich. Beide Eierstöcke, Gebärmutter, Galle, viele Lymphknoten, große Teile des Darms, das große Bauchnetz, Teile des Bauchfells. Innerhalb von Stunden ist sie in die Wechseljahre mit künstlichem Darmausgang katapultiert, aber das ist für diesen Moment das geringste Problem. Nach sechs Tagen folgt eine zweite große Operation, bei der die Ärzte mit erwärmten Zytostatika den Bauchraum spülen. HIPEC heißt das Verfahren, hypertherme intraperitoneale Chemoperfusion. Es wird bei Patienten angewandt, bei denen der Krebs bereits Metastasen im Bauchraum gebildet hat und in einer ersten Operation alle sicht- und tastbaren Tumore und Metastasen entfernt werden konnten.

„Das hat mich fast umgebracht. Ich stand mit einem Bein im Grab.

Ich war sehr erschöpft, konnte nicht atmen, nicht essen, überall um mich herum waren Schläuche. Ich lag zwei Wochen lang auf der Intensivstation.“ Als sie endlich wieder auf Normalstation liegt, bereitet der Chefarzt sie auf die kommende Chemotherapie vor, betont bei jeder Visite, dass sie unbedingt sein muss. „Das schaffe ich nicht“, weint Dorota S., doch der Chefarzt lässt das als Argument nicht gelten: „Das haben schon 70-Jährige geschafft, Sie sind stark und jung, Sie schaffen das!“ Dorota S. ist froh, dass ihr Lebensgefährte jeden Tag an ihrem Bett sitzt. „Er hat mir Mut und Kraft gegeben.“ Auch seine Familie, Freunde und Bekannte besuchen sie. „Meine Arbeitskolleginnen, mit denen ich eng befreundet bin, haben mich oft besucht, viel Freude und positive Energie gebracht. Ich war oft resigniert. Eines Tages kamen auch meine Vorgesetzten mit Blumen und Überraschungen vom Arbeitsteam.“ Sie brennt darauf, wieder zu arbeiten, doch der nächste Schritt ist die Chemotherapie. Nach fünf Wochen Krankenhaus wird sie entlassen, dann beginnt die Chemo. Dorota S. weiß nicht, wie sie die Schmerzen, die Übelkeit, die Angst überstanden hat. „Es war eine Katastrophe, mir hat alles wehgetan. Das waren depressive Tage.“ Ihr Partner und seine Familie stehen ihr bei. „Ich habe allergrößten Respekt für meinen Partner, der so viel Liebe und Verständnis gezeigt hat“, sagt Dorota S. „Wir kannten uns ja erst ein halbes Jahr vor der Diagnose.“ Auch ihre vier Arbeitskolleginnen und Freundinnen stehen die Zeit mit ihr durch, zwingen sie zu essen und zu trinken. „Sie haben sich die ganze Zeit so toll um mich gekümmert.“ Und sie übersteht auch das.

„Ich hatte so viele liebe Menschen um mich herum, die mich stärkten und mir Liebe gaben. Das war einfach großartig. Ich bin sehr dankbar für alle, die sich um mich so toll gekümmert haben. Ohne sie wäre ich heute nicht so optimistisch. Die Liebe und die Freude, die sie mir geschenkt haben, waren für mich die beste Medizin. Dadurch bin ich auch wieder stark und selbstbewusster geworden.“ Die Antikörpertherapie im Anschluss, die ein Rezidiv verhindern soll, erscheint ihr demgegenüber fast wie ein Spaziergang. Bald will sie wieder arbeiten gehen. Rente schon mit 36 Jahren: Das ist nichts für sie. Sie hat noch etwas vor im Leben. Wie sieht sie die Krebserkrankung heute?

„Das alles war für mich wie ein Film, in dem ich die Hauptrolle als krebskranke Patientin gespielt habe.“ n

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Dorota S. bekam mit 35 Jahren die Diagnose Eierstockkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Innerhalb von Stunden brachen ihre Welt und alle ihre Zukunftsträume zusammen. Doch sie hat sich nicht unterkriegen lassen: Nach Operationen und Chemo schaut sie nach vorne. (Foto: Keith Gandy)

HIPEC

o f n I

HIPEC steht für hypertherme intraperitoneale Chemoperfusion. Die HIPEC-Methode ist ein Verfahren, bei dem der Bauchraum mit erwärmten Zytostatika gespült wird. Es kann Teil einer mehrstufigen Krebstherapie sein und die Überlebenszeit deutlich steigern. Das Verfahren wird für Patienten mit Darm-, Eierstock- oder Magenkrebs angewandt, wenn im Bauchraum Primärtumore sitzen oder der Krebs dort Metastasen gebildet hat. Weitere Voraussetzungen sind ein guter Allgemeinzustand, die vollständige Entfernung aller sicht- und tastbaren Tumorknoten mit einem Durchmesser von mehr als 2,5 Millimetern durch eine vorangegangene Operation und die Beschränkung der Krebsstreuung auf den Bauchraum, also ohne Fernmetastasen.

Bei der HIPEC-Operation wird eine auf 42 Grad Celsius erhitzte Flüssigkeit über Schläuche in den Bauchraum eingeleitet, die mit Zytostatika angereichert ist, und anschließend wieder abgeleitet. Ziel ist, nicht sicht- oder tastbare Krebszellen abzutöten und so einen nachhaltigen Therapieerfolg zu erzielen. Die Methode ersetzt aber nicht die reguläre Chemotherapie, die zusätzlich erfolgen muss. Die HIPEC-Methode wurde 1980 erstmals beschrieben und wird seit knapp zwanzig Jahren auch in Deutschland angewandt.

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VORSORGE

„Die Familienanamnese bleibt immer Trumpf“ Prof. Sven Becker von der Uniklinik Frankfurt über Gentests und Krebsvorsorge

Gentests erlauben Aufschluss über das persönliche Risiko an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Die Notwendigkeit der Vorsorge aber heben sie nicht auf. Sollten Frauen überhaupt ihr persönliches Risiko testen lassen? Eine Frage, die sich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten lässt. Susanne von Mach sprach mit Prof. Sven Becker, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Goethe-Universitätsklinik Frankfurt, über Chancen und Grenzen von Gentests und Vorsorgeuntersuchungen. Raten Sie potenziellen Trägerinnen einer BRCA-Genmutation zu einem genetischen Test? Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Jede Patientin muss das selbst wissen, ich als Arzt kann nur alle Optionen aufzeigen und ihr darlegen, was sie mit dem Wissen anfangen kann. Andererseits kommen die Patientinnen ja gerade zu mir, um meine Meinung einzuholen. Medizin ist immer Vertrauenssache. Die meisten Frauen wollen ihr Risiko kennen, andere nicht – häufig übrigens mit dem Argument, dass sie ihre Kinder nicht belasten möchten. Ich

persönlich rate zum Test, weil man meiner Ansicht nach mit Wissen besser umgehen kann als mit Nichtwissen. Ich erlebe oft, dass laut Testergebnis doch keine BRCA-Mutation vorliegt. Das ist dann auch eine Entlastung für die Kinder. Meiner Erfahrung nach lassen sich 90 Prozent der Frauen mit entsprechender Indikation testen. Halten Sie die Gentests in ihrer prognostischen Aussagekraft für sicher? Mit den Gentests werden alle bekannten Mutationen abgefragt. Sie sind sehr teuer, und mit ihnen lässt sich sehr viel

Geld verdienen. Man muss deshalb sicherlich aufpassen, welches Institut man mit der Testung beauftragt. Qualitätssicherung und methodische Sauberkeit sind hier von entscheidender Bedeutung. Ein negatives Testergebnis heißt aber nicht, dass die Patientinnen keine Genmutation haben, sondern nur, dass sie nicht die BRCA-Mutation haben, oder? Ja, so ist es. Die Testung nach Mutationen ist außerordentlich komplex, es geht hier um fundamentale Mechanismen der DNA-Reparatur. Die Achondroplasie

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zum Beispiel, die häufigste Form des genetisch bedingten Kleinwuchses, ist auf eine einzige Mutation auf einem einzigen Gen zurückzuführen. Die BRCAGene aber sind riesige Gene mit hunderten von möglichen Mutationen. Wir sind gerade erst dabei, diese zu verstehen. Die Kunst der Humangenetik ist zu unterscheiden, welche Mutation das Krebsrisiko erhöht. Das heißt, die Sequenzierung dieses Gens ist hochkomplex. BRCA1- und 2-Mutationen werden regional in unterschiedlicher Häufigkeit gefunden. Die Ashkenazi-Juden in den USA zum Beispiel weisen zwei bestimmte BRCA1Mutationen und eine BRCA2-Mutation auf, die Studien zufolge zwei Drittel aller Brustkrebsfälle in entsprechend vorbelasteten Familien verursachten. In jeder ethnischen Gruppe gibt es genspezifische Mutationen, die teilweise auch nur in einer einzigen Ethnie vorkommen. Manchmal entdeckt man Mutationen, die weltweit verglichen werden, und manchmal dauert es eine ganze Weile bis man versteht, ob diese Mutation für das Krebsrisiko relevant ist. Die kompetente Beratung durch Humangenetiker ist deshalb absolut entscheidend. Eine Mutation bedeutet also nicht automatisch ein erhöhtes Krebsrisiko? Das festzustellen ist oft nicht leicht. Bei manchen Patientinnen ist das Risiko erhöht, weil sie genau die Mutation aufweisen, die wir schon kennen. Bei anderen ist es das nicht, sie haben eine „variant of unknown significance“, zu deren klinischer Bedeutung nach aktuellem wissenschaftlichen Stand keine Aussage möglich ist. Wie geht es für diese Patientinnen weiter? Die Familienanamnese bleibt hier immer Trumpf. Wenn bei einer Genanalyse herauskommt, dass diese Patientinnen keine Mutation haben … … keine bekannte Mutation … … richtig. Wenn das herauskommt, sollten wir als Ärzte auf diese Patientinnen mit aufmerksamer Vorsorge verstärkt aufpassen.

Hat die Art der Mutation eine therapeutische Konsequenz? Nein. Zunächst einmal ist für die Vorsorge wichtig, wie die Mutation vom Humangenetiker eingeschätzt wird. Je nach Ergebnis wird die Patientin risikoüberwacht.

kassen mit der Finanzierung jeder Testung für jede Frau so zurückhaltend sind. Bleibt die Empfehlung für eine Vorsorge auch nach erfolgter Brustamputation oder Eierstockentfernung bestehen?

Gleichwohl ist die beste Vorsorge keine Garantie, nicht an Krebs zu erkranken …

Ja, denn das Risiko, doch noch zu erkranken wird nicht auf Null gesenkt.

Vorsorge funktioniert in Deutschland schon sehr lange und hat Tausenden von Frauen das Leben gerettet. Es ist Teil unserer Kultur geworden, regelmäßig zur Vorsorge zu gehen und die Bereitschaft ist bei den Frauen sehr hoch. Es ist aber sicherlich ein Problem, dass Ärzte Patientinnen nicht immer die richtigen Fragen stellen. Als Arzt muss man gerade bei familiärer Vorbelastung immer hellhörig werden, auch wenn es im Einzelfall schwierig bleibt im Nachhinein zu sagen, dass das Risiko oder auch der schon manifeste Tumor früher hätten erkannt werden können. Ich sehe häufig Frauen im Alter von Ende 40, Anfang 50, bei denen man jedenfalls darüber hätte nachdenken können, die Eierstöcke zu entfernen eben wegen des genetischen Risikos. Bei jüngeren Patientinnen mit Kinderwunsch wäre man mit dieser Option bei gegebenem Risikofaktor aber sicher äußerst zurückhaltend.

Empfehlen Sie eine medikamentöse Prävention? Sie hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt. Es handelt sich hierbei in der Regel um hormonelle Präparate, die den Zyklus stark verändern, und das passt nicht in das Leben jüngerer Frauen. Doch auch bei älteren Frauen hat sich diese Form der Prävention nicht durchgesetzt. Auch diese Gruppe möchte keine Hormone nehmen, und ich würde darauf auch nicht insistieren, denn eine Medikamenteneinnahme ist immer auch mit Nebenwirkungen verbunden. n

Halten Sie Mammographie, Ultraschall und MRT als Vorsorgeinstrumente für gleichwertig? Die wissenschaftlichen Daten belegen klar den Vorteil der Mammographie bei Frauen zwischen 50 und 70 Jahren. Gerade bei jungen Frauen ist aber das Brustgewebe oft sehr dicht und die Aussagekraft der Mammographie deshalb begrenzt. Für diese jungen Frauen empfehlen die fachärztlichen Konsortien deshalb eine jährliche MRT-Untersuchung, die mit einer halbjährlichen Ultraschalluntersuchung kombiniert wird. Die wissenschaftliche Datenlage, dass damit mehr Frauen das Leben gerettet wird – und das ist entscheidend – sind nicht so belastbar, allerdings ist die zu testende Gruppe wesentlich kleiner. Diese ungünstige Datenlage zu verstehen ist wichtig, sonst ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Kranken-

„Mit Wissen kann man besser umgehen als mit Nicht-Wissen“, sagt Prof. Sven Becker. Der Direktor der Frauenklinik an der Universität Frankfurt rät Frauen aus Risikofamilien deshalb zum Gentest. (Foto: Uniklinik Frankfurt)

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LEBEN MIT BRUSTKREBS

Ich kann über mich selbst

lachen

Stefanie Fröhlich aus Waldaschaff bekam mit 35 Jahren die Diagnose Brustkrebs. Sie schaffte 16 Chemotherapiezyklen und 29 Bestrahlungen, bekam Brust und Eierstöcke entfernt. Was sie erlebt, teilt sie mit anderen auf ihrem Facebook-Blog „Danke – Krebs, Du Arschloch“. Krebs verändert alles, das ganze Leben. Aber er hat mir nicht nur Schlechtes gebracht, im Gegenteil. Ich bin mir bewusst, dass ich die Krankheit mit dem Leben bezahlen könnte, aber ich habe eine neue Einstellung zum Leben, habe den Sinn des Lebens neu überdacht. Ich habe in den drei Jahren seit meiner Erkrankung mehr gelebt als in den 35 Jahren zuvor. Und dafür bin ich dem Krebs dankbar. Wir denken ja immer: Mir passiert nichts, ich habe noch so viel Zeit. Und deshalb verschulden wir uns, arbeiten unendlich viel und schieben vieles auf. Dabei stimmt das so nicht. Meine Meinung ist: Jeder hat eine 50/50-Chance, und zwar nicht nur die, die Krebs haben. Niemand weiß, was morgen ist. Ich habe eine Liste mit 100 Dingen geschrieben, die ich noch erleben will. Und die arbeite ich konsequent ab. Barfuß im Regen laufen. Eine Torte backen. Mich so richtig blamieren. Ein Klassentreffen. Achterbahn fahren. St. Pauli beim Heimsieg zusehen. Ich will Oma werden, und das nicht mit 40. Ich habe mir auch ein Tattoo auf die Brust machen lassen, um beim Blick in den Spiegel etwas Positives zu sehen. Denn zu sehen, da ist keine Brust mehr, erinnert mich täglich an die Vergangenheit. Was ich bei allem Elend heute noch kann: über mich selbst lachen. Ich habe meinen Humor nicht verloren. Die Therapie ist eine ganz harte, schlimme, von Angst überschattete Zeit, aber man darf seinen Humor nicht verlieren,

www. Danke-Kr eb du-Arsch sloch. webnode . com

denn das ist das einzige, was einem hilft, diese Zeit zu überstehen. Während der Therapie ist man fremdgeführt, man steht wirklich unter Schock, unter Strom, und hat auch gar nicht die Zeit, sich über alles Gedanken zu machen, man funkioniert oder leidet nur noch. Aber das eigentliche Problem, was wirklich zur Aufgabe wird, ist mit dem Erlebten nach abgeschlossener Therapie leben zu müssen. Mit der Angst leben zu müssen, dass der Krebs wiederkommt. In Heidelberg habe ich beim Abschlussgespräch eine ganz schlechte Prognose bekommen. Ein Arzt, den ich noch nie gesehen hatte, hat sich meine Akte angeschaut und gesagt, dass ich eine zwanzigprozentige Chance hätte, die nächsten drei Jahre zu überleben. Wenn der Krebs wiederkommen sollte, dann in Form von Metastasen. Sie hätten alles, was sie machen konnten, getan, und mehr könne man nicht für mich tun. Das war natürlich der Supergau. Das hat mir psychisch den schlimmsten Knacks versetzt. Im Hinterkopf immer diese zwanzig Prozent zu haben, das muss man erstmal auf die Reihe kriegen. Mit welchem Recht spricht ein Arzt einfach eine solche Prognose aus? Ich habe nach diesem Gespräch eine tiefe Angststörung entwickelt, ich hatte Panikattacken, denn ich habe natürlich eine ganz andere Körperwahrnehmung als Gesunde. Wenn mir irgendetwas weh tut, kann ich das nicht mehr realistisch einschätzen, sondern ich denke sofort: Jetzt habe ich Metastasen überall.

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Foto: Thomas Fäth

Ich kann mich da unheimlich gut reinsteigern. Das wurde so schlimm, dass es meinen ganzen Tag so beeinflusst hat, dass ich an einen Punkt kam, an dem ich dachte: So möchte ich nicht leben. Eine solche Krankheit zu überstehen, zu überleben und dann mit dieser ständigen Angst leben zu müssen, das war für mich unmöglich. Ich habe mich dann für einen gewissen Zeitraum auf Medikamente eingelassen. Das war sehr schwierig für mich, weil ich mir eigentlich selbst helfen wollte. Aber ich konnte vor Angst nicht mehr denken und die Medikamente haben mir geholfen, meinem Körper eine angstfreie Zeit zu gönnen. Ich habe viele Freunde verloren, die sich nicht mit mir und meiner Krankheit auseinandersetzen wollten. Krebs verbindet man immer mit dem Tod, das passt nicht ins Leben. Aber es sind auch viele Menschen in mein Leben getreten, die mir eine super Stütze waren und ohne die ich verzweifelt wäre. Das sind Freunde, die für immer bleiben, die wirklichen Freunde. Dass ich überhaupt krank geworden bin, war schlimm wegen meiner beiden Söhne. Was wird aus meinen Kindern? Wie soll das alles funktionieren? Dieser Verlust für meine Kinder, die ihren Fels in der Brandung, die Mama, verlieren könnten, das war für mich ganz schlimm. Meine Kinder so leiden zu

sehen, die damit gar nicht umgehen konnten und sich natürlich noch nie mit Krebs und Tod auseinander gesetzt hatten. Und auf einmal war es ein ganz präsentes Thema. Wir haben – viel zu spät – einen Kinderpsychologen eingeschaltet. Ich bin ja selbst auch therapeutisch während der Erkrankung gar nicht begleitet worden, wobei ich es auch nicht für nötig befand. Ich war krank und ich wollte wieder gesund werden. Ich dachte, ich schaffe das alleine, und ich schaffe es auch alleine, das mit meinen Kindern zu regeln. Aber mein Sohn, er war damals 14 Jahre alt, wurde von einer Minute auf die andere ganz aggressiv gegen mich, obwohl wir ein inniges, liebevolles Verhältnis hatten. Ich fragte dann die Psychologin: Warum tut er mir das an? Gerade jetzt? Wo ich doch überhaupt keine Kraft dafür habe? Und sie sagte: „Gerade jetzt. Ihr Kind löst sich schon von Ihnen, weil er denkt, wenn er mit Ihnen Streit und kein gutes Verhältnis hat, dann kann er sich besser lösen, wenn Sie sterben sollten.“ Das war für mich sehr hart, dass ein Kind unterbewusst so handeln kann. Mein kleiner Sohn ist eingebrochen am letzten Tag meiner Therapie, als eigentlich alles vorbei war. Die Schule hat nicht mehr funktioniert, er hatte den ganzen Tag nur noch Mama im Kopf. Es war ein großes Problem, einen Therapeuten zu finden, den ich nicht selbst bezahlen muss, auch für die Kinder. Denn das konnte ich mir einfach nicht leisten. So eine Krankheit ist ja auch richtig teuer, denn vieles, was einem wichtig ist, ist keine Kassenleistung. ➔

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Stefanie Fröhlich: Ihre Geschichte in Kurzfassung BRCA 1: Den Gendefekt kennt die Welt seit Angelina Jolie. Stefanie Fröhlich kennt ihn, weil sie selbst Trägerin ist. Wie auch ihre Mutter, einige ihrer Tanten und Cousinen. Schon lange vor Angelina Jolie hatte sich nach der ersten Brustkrebs-Erkrankten ein Teil der Familie testen lassen. Als BRCA1-Trägerin ließ Stefanie Fröhlich sich in ein Studienprogramm am Deutschen Krebszentrum in Heidelberg zur regelmäßigen Überwachung mit Mammographie, MRT und Ultraschall einschließen. Schon früh empfahl man ihr dort Brustgewebe entfernen zu lassen; sie entschied sich dagegen, weil die Krankenkasse damals zwar die Amputation bezahlte, nicht aber den teuren Wiederaufbau der Brust. „Ich habe es dann später nicht mehr in Betracht gezogen, weil ich ja jedes halbe Jahr in Heidelberg untersucht worden bin. Nach der dritten Untersuchung ohne Befund war ich mir so sicher, dass ich keinen Brustkrebs bekomme, dass ich eine vorsorgliche Entfernung des Brustgewebes nicht mehr in Erwägung gezogen habe. Ich hatte auch nie Angst vor den Kontrollterminen.“ Als eine fast gleichaltrige Cousine an Brustkrebs erkrankt, entscheidet sich Stefanie Fröhlich doch für die Amputation. Beim Besprechungstermin für die Operation – an ihrem 35. Geburtstag – dann der Schock: Die Ärztin entdeckt im Ultraschall einen 1,7 Zentimeter großen und nicht tastbaren Tumor nahe der Rippen, der bei der regulären Kontrolluntersuchung vier Monate zuvor nicht da gewesen oder nicht entdeckt worden war. Die Pathologie zeigt, dass der Tumor als triple negative zu klassifizieren ist. Etwa 75 Prozent der jüngeren Brustkrebspatientinnen mit BRCA1-Mutation weisen laut senolog.de, dem Informationsportal des Mammazentrums Hamburg, triple negativ Tumore auf. Auch zwei Lymphknoten sind bereits befallen. Im Oktober 2013 beginnt die Chemotherapie mit 16. Zyklen in Heidelberg, anschließend 29 Bestrahlungen am Klinikum Aschaffenburg. Beide Brüste werden entfernt, die eine, weil sie befallen war, die andere vorsorglich. Im Januar 2015 lässt sich Stefanie Fröhlich außerdem vorsorglich die Eierstöcke entfernen, da BRCA1-Trägerinnen ein erhöhtes Risiko für Eierstockkrebs tragen und die Ovarektomie das Risiko für Brustkrebs minimiert. Ihre Erlebnisse schildert sie auf einem FacebookBlog „Danke – Krebs Du Arschloch“.

Heiß geliebte Mama: Dass ihre Krebserkrankung ihre Kinder so belastet, war mit das Schlimmste für Stefanie Fröhlich.

Aber die Krankheit war auch für mich selbst schlimm. Denn mir wurde schlagartig klar, dass ich noch so viel erleben wollte. Ich habe immer viel gearbeitet, meine Kinder erzogen, lange Zeit auch alleine, Job und Haushalt geschmissen, und mir waren Sachen wie Reisen nicht wichtig. Ich habe Jahre lang, eigentlich mein ganzes Leben lang, funktioniert. Dann habe ich diese Diagnose bekommen und mein erster Gedanke war: Wenn ich jetzt sterbe, habe ich noch nichts von der Welt gesehen. Ich wollte diese Postkarteneindrücke haben, weißer Strand mit Palmen. Ich hatte das Gefühl, noch gar nicht gelebt zu haben, nicht bewusst, intensiv genug. Ich bin zwei Mal im vergangenen Jahr mit meinen Freunden in den Urlaub gefahren, weil ich eben in den 35 Jahren davor nicht im Urlaub war. Aber da sage ich ganz klar: Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, und deshalb muss ich das jetzt tun. Nicht, um meinem Partner weh zu tun, sondern weil es mir jetzt wichtig ist, weil ich das Gefühl habe, mir rennt die Zeit davon. Mich regen auch Dinge nicht mehr auf, die mich früher aufgeregt haben. Wenn wieder Montag ist. Oder mein Sohn etwas rumliegen lässt. Oder eine Fünf nach Hause bringt. Oder dass es regnet. Das ist schwierig für meinen Mann, denn ein gesunder Mensch, der nie Todesangst hatte, kann manches nicht verstehen. Mein Mann hat eine andere Frau geheiratet, als die, die er jetzt hat. Und das ist ein ganz großes Problem. Erfahrungsgemäß schweißt eine solche Situation nicht unbedingt zusammen, weil man sich so gravierend ändert, dass der Partner damit nicht unbedingt klar kommt. Die Vorstellung vom Leben, die Sexualität. Aber wir arbeiten daran, weil wir an unserer Ehe festhalten wollen. Ich bin jetzt viel lockerer und viel egoistischer geworden. Heute schaue ich, dass es mir gut geht. Früher habe ich zuerst geschaut, dass es anderen gut geht. Ich habe alles geregelt, alles gemanagt.

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LEBEN MIT BRUSTKREBS

Provokant, mutig und schön: Krebs nimmt vieles, aber die Würde darf bleiben. (Fotos: Thomas Fäth)

Heute nehme mich auch mal raus und sage: Heute geht es einfach nicht. Und das sind sie nicht von mir gewohnt, auch meine Kinder nicht. Manchmal finde ich es wichtiger, eine Stunde Sport zu machen und danach in die Sauna zu gehen, als auf der Couch einen gemütlichen Abend zu machen. Die Empfehlung lautet ja gerade gegen die Müdigkeit als Folge der Therapie: drei Mal pro Woche Sport, und dann mache ich das auch. Ich will ja gesund werden, anders leben. Meinen Blog auf Facebook habe ich übrigens nur deshalb angefangen, weil so viele Leute gefragt haben und ich nicht jedem alles erklären wollte. Sobald einer von meiner Erkrankung wusste, wussten es alle. Ich wohne halt in einem Dorf. Ist ja auch in Ordnung, aber ich war jeden Tag nur noch am Nachrichten schreiben, weil jeder wissen wollte, was Sache ist. Also habe ich einen Blog gemacht. Und das hat sich total verselbständigt. Es war mir anfangs gar nicht bewusst, dass täglich neue Leser dazukamen, darunter viele Mütter von krebskranken Kindern, die mir geschrieben haben, dass sie erstmals nachempfinden konnten, wie das für ihr Kind ist, wenn ich zum Beispiel geschrieben habe, dass ich nach der Chemo solche

Knochenschmerzen habe, dass ich mich kaum bewegen kann. Wenn es mir schlecht geht, helfen mir meine Leser aus diesem Loch wieder herauszukommen. Das ist ganz wichtig, sonst verzweifelt man, gerade in der Zeit nach der Therapie. Andere Blogs lese ich aber nicht. Ich suche im Internet auch keine Informationen. Das macht mir ganz viel Angst. Wir setzen uns ja letztlich nicht gern mit Sterben und Tod auseinander. Deshalb ist es ein absoluter Schock, wenn man auf einmal diese Erfahrung machen muss. Wenn ich selbst mit dem Tod im Reinen bin und das auch akzeptieren kann, dass der Tod ganz natürlich zum Leben dazugehört und das annehmen kann, kann ich besser damit umgehen. Was mich aber so erschreckt hat: Man meint, das Leben müsse stehen bleiben. Aber es geht immer weiter. Das Leben läuft trotzdem weiter. Meine Psychoonkologin fragte mich: „Haben Sie Angst vor dem Sterben, dem Sterbeprozess oder Angst vor dem Tod?“ Ich habe dann für mich herausgefunden, dass ich keine Angst vor dem Tod habe, aber Angst vor dem bewussten Sterben. Bewusst Abschied nehmen können vom Leben, von meinen Kindern, sich von allem zu lösen, das ist mein größtes Problem, mit dem ich klarkommen muss. n

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Eine Krebserkrankung fordert den gesamten Menschen heraus: physisch und psychisch, sozial und emotional. Wir lassen Sie mit dieser Situation nicht alleine. Als Ärzte, Krankenschwestern, onkologische Fachkräfte, Study Nurses und Übungsleiter für den Rehasport haben wir uns auf die Krebsbehandlung spezialisiert und bieten Ihnen eine ganzheitliche Versorgung: · Individuelle Gesprächsangebote vor Ihrer Chemotherapie · Speziell auf Sie abgestimmte Sportsprechstunde · Ernährungsberatung mit vielen gesunden Tipps · Psychoonkologische Unterstützung · Möglichkeiten zur Teilnahme an Studien mit Zugang zu noch nicht zugelassenen, neuen Medikamenten

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Dr. Martine Klausmann Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und int. Onkologie

Dr. Silke Schirrmacher-Memmel Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie

Priv.-Doz. Dr. med. Angelika Böhme Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und int. Onkologie

Dr. Carmen Löhr Fachärztin für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie; Ernährungsmedizinerin ÄR ZT ET EA M

Dr. Ulrike Löw Psychologische Psychotherapeutin – Verhaltenstherapie, Psychodiabetologin

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NEUE THERAPIEN

„Die Immunonkologie ist stark im Kommen“ Foto: Patrick Liste

Neue Therapieformen ergänzen die klassischen Säulen der Onkologie. Wie vielversprechend sind diese?

Warum ist es für Patienten wichtig den Unterschied gerade zwischen den jüngeren Therapieoptionen zu kennen? Auf den Medikamenten steht immer „Anti-Tumor-Therapie“, egal ob es sich um Chemotherapie, Antikörpertherapie und Tyrosinkinaseinhibitoren handelt. Häufig bekommen Patienten auch eine Kombination dieser Therapien. Deshalb ist den Unterschied zu kennen extrem wichtig, denn die Angst der Patienten vor der Therapie ist ganz klar die Angst vor den klassischen Zytostatika, die zum Beispiel bei der Behandlung von Brustkrebs oder Leukämien eingesetzt werden. Jeder in der Bevölkerung hat ein Bild vor Augen, was die Folgen dieser Medikamente sind: Mir wird es extrem schlecht gehen, mir werden die Haare ausfallen, ich werde zehn oder zwanzig Kilo an Gewicht abnehmen, ich werde stigmatisiert sein, alle meine Nachbarn sehen, dass ich schwer krank bin. Davon gehen 80 Prozent der Patienten mit

Die Tumortherapie entwickelt sich so rasant wie nie zuvor. Das Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Krebs hat sich in den vergangenen zehn Jahren extrem verbreitert. Für wen ist welche Therapie geeignet? Worauf setzt die Forschung? Susanne von Mach sprach darüber mit der Onkologin Dr. Silke SchirrmacherMemmel. Krebs aus, die erstmals eine Therapie bekommen. Ist die Aufklärung vor Beginn der Therapie nicht gut genug? Studien zeigen, dass Patienten auch nach einem Aufklärungsgespräch noch ihre Erwartung klassischer Nebenwirkungen schildern, obwohl sie zum Teil gar nicht eine Chemotherapie bekommen, bei der diese zu erwarten sind, sondern ganz andere Nebenwirkungen. Trotzdem nehmen sie aus dem Aufklärungsgespräch in Verbindung mit ihrer eigenen Befürchtung die Erwartung klassischer Nebenwirkungen mit. Deshalb ist es für Patienten wichtig zu wissen, welche Therapien es gibt und was diese bedeuten. Der Tumorpatient steht vor einem Wust an Informationen, die hochkomplex sind und die er oft nur ganz schwierig begreifen kann, weil ihm die Kenntnisse fehlen und weil der Arzt häufig nicht realisiert, dass der Patient

ihm gar nicht inhaltlich folgen kann. Man muss leider davon ausgehen, dass gerade im hektischen Krankenhausalltag eine adäquate Aufklärung nicht erfolgt und der Patient sich in der Folge eine Vorstellung macht, die überhaupt nicht der Realität entspricht. Das ist ein Dilemma der Onkologie. Die Immunonkologie ist die jüngste Therapieentwicklung und in vieler Munde. Ist dieser Ansatz wirklich so vielversprechend? Die Immunonkologie ist tatsächlich stark im Kommen, die Zunahme an Wissen in den vergangenen Jahren war enorm – und die internationale Vernetzung an Wissen ist sehr gut. Die international aktiven Studiengruppen leisten hier hervorragende Arbeit, so dass Patienten sehr schnell von Ergebnissen profitieren können. Allein in diesem ahr wird die Markteinführung von Medikamenten unter anderem zur Behandlung von Leberkrebs, Blasenkrebs und bestimmten Formen von Brust- und Magenkrebs erwartet. In Studienphasen befinden sich etwa 0 Medikamente, die auf dem jüngsten Kongress der amerikanischen Krebsgesellschaft vorgestellt wurden, die sich ausschließlich mit Basisforschung beschäftigt. Schätzungsweise ein Drittel dieser Medikamente schafft es auf den Markt. Das Wachstum entwickelt sich also explosionsartig. Haben Sie selbst positive Erfahrungen mit Immuntherapeutika bei Ihren Patienten gemacht? Ich hatte einen Patienten mit malignem Melanom, also schwarzem Hautkrebs, der in Leber, Lunge und Gehirn gestreut

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hatte. Er bekam vier Infusionen mit Immuntherapeutika, reagierte darauf heftigst, weil das Immunsystem angetickert wurde. Die Therapie wurde dann gestoppt, weil die Nebenwirkungen lebensgefährlich waren, doch schon im ersten CT nach der Therapie zeigte sich, dass der Patient nirgends mehr Metastasen hatte. Dieser Zustand hält nun seit mehr als zwei Jahren an. Laut Datenlage profitiert einer von fünf Patienten auf diese Weise von Immuntherapeutika, also zwanzig Prozent der Patienten. Diese Daten sind mittlerweile relativ robust. Wenn man das mit der Wahrscheinlichkeit vergleicht, im Casino beim Roulette zu gewinnen, dann ist die Wahrscheinlichkeit des Ansprechens doch deutlich höher.

Generell gilt: Bei Tumoren mit vielen Mutationen funktioniert die Immuntherapie gut, bei Tumoren mit wenigen Mutationen nicht. Deshalb wird vor der Therapie mit Next Generation Sequencing detektiert, um welche Mutationen es sich bei dem Tumor handelt. Zudem identifiziert die Pathologie mittlerweile Zielstrukturen im Immunsystsem und im Tumor, das PD- und PDL- , die uns bei bestimmten Krebsarten einen Hinweis darauf geben, wie gut das Ansprechen auf die Immuntherapie sein wird. So wird man die Therapie künftig wesentlich genauer festlegen. Es wird nicht mehr jeder Patient die gleiche Therapie bekommen, sondern sie wird individuell auf ihn zugeschnitten. Es bedarf deshalb einer äußerst sorgfältigen Therapieentscheidung und Aufklärung des Patienten, zumal die Entwicklung stetig fortschreitet. Aktuell laufen zum Beispiel Studien zur Kombination von Immuntherapeutika mit Bestrahlung und mit Antikörpern. Im Tierversuch ist schon gut belegt, dass eine Kombination

Wie sieht es mit den anderen 80 Prozent der Patienten aus? Ein Teil der Patienten spricht für einen gewissen Zeitraum auf Immuntherapeutika an, ein weiterer Teil überhaupt nicht.

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von Bestrahlungen und Immuntherapeutika ein extremes Tumorschrumpfen bewirkt. (Zum Next Generation Sequencing siehe auch Hummer statt Krebs 0 20 , Seite , www.hummerstattkrebs.de) Die Immuntherapie ist also nur für einen Teil der Krebspatienten ein Gewinn? Momentan ja. Aber wenn man sich die Möglichkeiten der Datenaufbereitung anschaut, dann wird es vielen Patienten viele Nebenwirkungen ersparen können, weil man sie sehr zielgerichtet behandeln kann. In den Zulassungsstudien konzentriert man sich natürlich auf die Haupt-Tumorentitäten. Andererseits ist das maligne Melanom keine häufige Tumorentität, spricht aber sehr gut auf Immuntherapeutika an und ist deshalb das Paradebeispiel für das grundsätzliche Funktionieren dieser Therapie. Beim Prostatakrebs hingegen hat man bisher keinerlei Zielstrukturen gefunden, anhand derer man mit Antikörpern oder Immuntherapeutika behandeln könnte. ➔

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NEUE THERAPIEN

Neue Therapien im Überblick Chemotherapie. Antikörper. Tyrosinkinaseinhibitoren. Immuntherapien. Therapeutisches Impfen. Was bedeuten diese neuen Therapiemöglichkeiten in der Onkologie? Hummer statt Krebs gibt einen kurzen Überblick.

Gut zu wissen: Chemotherapie

Gut zu wissen: Antikörper-Therapie

Die meisten Substanzen im Rahmen einer Chemotherapie wirken auf die Zellteilung. Die Zellen unseres Körpers regenerieren und teilen sich ständig; Zytostatika (Medikamente der Chemotherapie) wirken auf diese Prozesse ein, um das Wachstum der Krebszellen zu stoppen. Dabei greifen sie aber auch alle anderen Zellen an. Patienten merken das am schnellsten bei Zellen, die sich besonders schnell teilen. Dazu zählen Haare und Zellen im Magen-DarmTrakt, weshalb Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Haarausfall zu den Nebenwirkungen zählen. Das Blutbild ist ebenfalls betroffen; Immunschwäche und Blutarmut bewirken Erschöpfung und Müdigkeit. Aber auch die Nervenscheiden müssen sich regenerieren, so dass bei vielen Patienten eine sich über Monate entwickelnde chronische Polyneuropathie, ein Kribbeln in den Händen und Füßen, entsteht. Das beeinträchtigt die Bewegungsqualität. Mit Begleittherapien sind Nebenwirkungen gut behandelbar.

Antikörper greifen gezielt in das Wachstum von Krebszellen ein. Diese Therapie steht seit etwa zehn Jahren zur Verfügung. Tumor-Antikörper greifen Ziele auf der Tumorzelle oder an der Gefäßwand an und verhindern ein neues Aussprießen der Gefäße.

Wichtig ist deshalb, ein gut geschultes Team zu haben, das mit Nebenwirkungen gut umzugehen weiß. Am wichtigsten ist die Compliance des Patienten: Vorbeugend verschriebene Medikamente gegen Nebenwirkungen müssen eingenommen werden. Studien zeigen, dass nur jeder zweite Patient dies vorschriftsmäßig tut. Damit riskieren sie zum Teil beträchtliche Nebenwirkungen.

Antikörper werden bei einer Reihe von Tumoren in Kombination mit anderen Therapieformen wie Chirurgie und Chemotherapie eingesetzt. Ein klassisches Beispiel mit guten Therapieerfolgen ist das her2 neu-positive Mammakarzinom, das bei gut einem Viertel aller Brustkrebspatientinnen nachgewiesen wird. Auch bei Lymphom-Patienten zeigt die Antikörper-Therapie gute Erfolge. Etwa zwanzig Prozent dieser Patienten bleiben nach einer Antikörper-Therapie ohne Rezidiv, teilweise profitieren auch höchst betagte Patienten. Die Heilungsrate beim diffus großzelligen B-Lymphom liegt bei mehr als 80 Prozent. Bei anderen Lymphomen sind Antikörper in der Erhaltungstherapie zugelassen. Hier können sie die Erkrankung nicht heilen, wohl aber die Zeit bis zum Wiederauftreten eines Rezidivs deutlich verlängern. Dies gilt auch für andere Tumorarten und bedeutet einen Gewinn an guter Lebenszeit für die Patienten. Zugelassen sind Antikörper bei zehn Tumorentitäten. Dazu zählen neben L mphomen und dem her2-positiven Brustkrebs der Dickdarmkrebs, Eierstockkrebs, das nicht mutierte Adenokarzinom

der Lunge, das Plattenepithelkarzinom, das metastasierte Magenkarzinom und Endometriumkarzinom. Der wissenschaftliche Fortschritt scheint hier aber vorerst abgeschlossen. Das liegt zum einen daran, dass zunächst neue Zielstrukturen gefunden werden müssten, auf deren Basis neue Antikörper entwickelt werden können. Zudem hat sich der Forschungsfokus verschoben in Richtung der Immuntherapeutika, bei der man sich schnellere Zulassungen von entsprechenden Medikamenten erhofft – und die alle Antikörper sind, die aber nicht direkt gegen Tumorzellen wirken, sondern gegen Strukturen des Immunsystems und damit eine bremsende Wirkung haben. Gut zu wissen: Tyrosinkinaseinhibitoren Tyrosinkinaseinhibitoren (TKI) sind keine Chemotherapie, sondern eine zielgerichtete Tumortherapie, die Molekülprozesse im Zellinneren nutzen. Tyrosinkinasen spielen bei vielen Signalwegen im Körper eine wichtige Rolle. Geraten sie durch Mutationen oder in Folge anderer Mechanismen außer Kontrolle, tragen sie zu Entstehung und Wachstum verschiedener Krebsarten bei oder fördern dies. TKI versuchen diese Prozesse zu hemmen oder zu stoppen und damit dem Tumor die Möglichkeit zum Wachstum zu nehmen. TKI werden seit etwa Jahren eingesetzt, unter anderem beim Nierenzellkarzinom, ebenso bei einigen Formen des Bronchialkarzinoms. bis 20 Prozent der Patienten mit Bronchialkarzinom haben therapeutisch angehbare Mutationen, die vor der Therapie genetisch detektiert werden können. Diese Patienten können mittels TKI auch in metastasiertem Stadium ein bis zwei Jahre stabil gehalten werden, bevor eine Chemotherapie erforderlich wird. Aktuell sind in Deutschland zehn Substanzen auf dem Markt, die bei weit mehr als zehn Indikationen eingesetzt werden. Dazu zählen auch das Melanom, das Nierenzellkarzinom, die chronischmyeloische Leukämie, die chronischlymphatische Leukämie, Morbus Waldenström und das Mantelzelllymphom, das Schilddrüsen- und Leberzellkarzinom, Gastrointestinale Stromatumore,

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das neuroendokrine Pankreas- und das Mammakarzinom. TKI werden seit 200 eingesetzt, unter anderem bei CML. Die Quote der Patienten, die auf eine Therapie mit TKI ansprechen, liegt e nach Tumort p zwischen 0 und 70 Prozent. Das Problem ist wie bei allen bisher entwickelten onkologischen Therapien, dass die Tumorzellen früher oder später Resistenzen entwickeln können und wieder zu wachsen beginnen. Die meisten Therapien bewirken eine Verbesserung für einen Zeitraum von acht bis zwölf Monaten. Gut zu wissen: Immuntherapeutika Immuntherapeutika richten sich nicht wie bisherige Medikamente direkt gegen den Tumor, sondern wirken auf Zellen in der Tumorumgebung ein. Der Körper soll so dazu gebracht werden, den Tumor selbst anzugreifen. Denn Krebszellen können sich für das Immunsystem unsichtbar machen, indem sie Kontroll-

punkte auf weißen Blutzellen besetzen und damit die Aktivität jener Zellen blockieren, die Tumorzellen als körperfremd erkennen könnten. Diesen Prozess wollen Immuntherapeutika unterbinden. So gelangt ein geringer Teil der Patienten langfristig in eine stabile Phase. Gerade Tumore mit vielen Mutationen scheinen besonders gut auf Immuntherapien anzusprechen, zum Beispiel Haut- und Lungenkrebs oder KopfHals-Tumore. Zugelassen sind bereits Immuntherapeutika gegen das metastasierte Melanom, das vorbehandelte nichtkleinzellige Bronchialkarzinom und das vorbehandelte Nierenzellkarzinom. Durch die bereits etablierten Immuntherapeutika sowie verschiedene immuntherapeutische Kombinationsbehandlungen ist zu erwarten, dass sich die Therapie bei einer Vielzahl von bisher nur schwer beziehungsweise zeitlich begrenzt behandelbaren fortgeschrittenen Tumorerkrankungen deutlich verbessern wird.

Gut zu wissen: Therapeutisches Impfen Therapeutische Impfungen zielen darauf ab, ein Rezidiv zu verhindern. Beim Melanom wird das therapeutische Impfen seit längerem angewandt und hat ein bis vier Prozent der Patienten eine stabile Phase ermöglicht. Neue Impfstoffe in der Entwicklung zeigen vielversprechende Daten. Denkbare Therapieschemata sehen eine Verbindung mit Immuntherapeutika kommen: Im ersten Schritt könnten diese die Blockade des Immunsystems aufheben, dann wird geimpft, eine Immuntherapie angeschlossen und zum Schluss eine Chemotherapie. Möglicherweise werden so auch weit metastasierte Erkrankungen komplett zurückgedrängt. Auch hier gibt es erste Fallbeispiele für das Melanom in internationalen Journalen. (siehe auch „Heilung für alle Zeiten?“ in Hummer statt Krebs 0 20 , S. 2, www.hummerstattkrebs.de) n

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n e h e s r e d e Wi Das

Shafiqa Jamali ist unheilbar an Krebs erkrankt. Die Afghanin floh vor fünf Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland und hat im November mit Hilfe des Schöllkrippener Vereins „Wunsch am Horizont“ noch einmal ihre in China studierende Tochter wiedersehen dürfen.

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LEBEN MIT DEM TOD

Shafiqa Jamali hat Krebs. Erst wurde Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert, 2013 dann ein schon metastasiertes Bronchialkarzinom. Als diese Geschichte geschrieben wird, geht es ihr schlecht. Bisherige Prognosen über die ihr noch verbleibende Zeit strafte sie immer Lügen. Doch gesund wird sie nicht mehr, das ist sicher. Shafiqa Jamali kam vor gut fünf Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Sie spricht kein Deutsch. Shafiqa Jamali hat drei Söhne und zwei Töchter, vier sind mit nach Deutschland gekommen, die älteste Tochter Gati ist verheiratet und studiert in China. Der älteste Sohn arbeitet, er ist Bauingenieur, die anderen drei Kinder gehen aufs Gymnasium und die Mittelschule. Die fünf sind geschätzt zwischen 15 und 28 Jahre alt. „Das Geburtsdatum ist uns Afghanen nicht wichtig“, erklärt Schwiegersohn Mirwais Alizada. Aber im Reisepass muss ein Datum stehen. Also steht bei Shafiqa Jamali als Geburtsjahr 1962, bei Iqbal 2001, bei Gati 1990. Shafiqa Jamali hat ihre älteste Tochter seit der Flucht nicht gesehen. Für Flüge haben die Flüchtlings-Familie in Deutschland und die Studenten-Familie in China kein Geld. Hilfe kommt von unerwarteter Seite.

Shafiqa Jamali und ein Teil ihrer Familie: Tochter Gati mit Ehemann Mirwais Alizada und dem kleinen Sohn Abulrahman, rechts der jüngste Sohn Iqbal. Gati und Mirwais leben in der Provinz Heilongjiang und studieren dort beide Medizin; Mirwais war zuerst dort und hat Gati mitgenommen. Mirwais hat seine Schwiegermutter bis zum November 2016 noch nie gesehen, auch den kleinen Enkel kennt Shafiqa Jamali nur von Fotos. Iqbal geht auf die Mittelschule in Aschaffenburg. Sein Ziel: es aufs Gymnasium zu schaffen. Als es darum ging, Schwester Gati und ihre Familie nach Deutschland zu holen, war er Mittelsmann, Dolmetscher und Mitorganisator. Als „freundlicher, höflicher und zuvorkommender Junge“, wird er gelobt. Der 15-Jährige kennt seine Mutter vor allem krank. „Meine älteste Schwester Gati hat mich wie eine Mutter großgezogen.“ Shafiqa Jamali und ihre Familie stammen aus Urusgan im Südosten Afghanistans. Bekannt ist die Provinz für zweierlei: für anhaltende harte Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und Taliban.

Und für das Geschäft mit dem Opium. Die Vereinten Nationen schätzten den Opium-Anbau im vergangenen Jahr auf 22 Prozent der Landesproduktion. Wegen ihrer strategischen Lage sind die Distrikthauptstadt Tarin Kot und die Standorte der Sicherheits-

kräfte seit Jahren umkämpft, Mitglieder der afghanischen Polizei sind Ziel von Anschlägen seitens der Taliban. „Wir waren dort nicht mehr sicher“, sagt Mirwais Alizada. Shafiqas Ehemann Hayatullah Alakazai arbeitete auf einem hochrangigen Posten bei der Polizei. Laut Associated Press ist die Provinz heute eines der am meisten vom bewaffneten Konflikt zwischen Taliban und Sicherheitskräften betroffenen Gebiete im Süden Afghanistans. Die Nachrichtenagentur zitierte im Juni Provinzgouverneur Abdul Hakeem Khadimzai, wonach die Situation so unsicher wie in den vergangenen 15 Jahren nicht sei. Im Jahr 2011 kommen Shafiqa Jamali und ihre Familie nach Deutschland, nach einer Flucht über den Iran, die Türkei und Griechenland. Über die Flucht mag Iqbal nicht sprechen. Auf Haus, Hab und Gut in Afghanistan passe ein Verwandter auf, sagt Mirwais Alizada.

Ihr ist Shafiqa Jamali ungeheuer dankbar: Barbara Amrhein-Krug. Ohne die Schöllkrippenerin hätte sie ihre Tochter nicht noch einmal sehen können. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie hat vor zwei Jahren den rein spendenfinanzierten Verein „Wunsch am Horizont“ gegründet, der Todkranken letzte Wünsche er➔

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LEBEN MIT DEM TOD

füllt. Noch einmal das Elternhaus sehen, ins Disneyland fahren, zum Konzert von BAP. Oder noch einmal die im Ausland lebende Tochter in den Arm nehmen. Als sie die Geschichte von Shafiqa Jamali hört, sagt Barbara Amrhein-Krug sofort: Wir helfen. Schon zwei Mal hat der Verein unheilbar an Krebs Erkrankten ein letztes Treffen mit der Familie aus dem Ausland ermöglicht. Den Kontakt stellt das SAPV-Team Bayerischer Untermain her, das unheilbar Kranke und auch Shafiqa Jamali palliativ zu Hause betreut. Gut 3.000 Euro kosten die Flüge und Visa für Gati Hayatullah, ihren Mann und den kleinen Sohn, der teuerste Wunsch, den der Verein bisher erfüllt hat. „Wenn man in die Augen der Menschen schaut und sieht, wie gut es ihnen mit der Erfüllung ihres Wunsches geht, dann ist das sehr berührend“, sagt Barbara Amrhein-Krug. Das Wiedersehen von Mutter und Tochter muss überwältigend gewesen sein. Gati Hayatullah weint, als sie daran denkt.

Gut zwei Wochen braucht Barbara Amrhein-Krug, bis die Familie im Flieger sitzt. Die Pässe liegen gerade bei der chinesischen Polizei zur Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung, das kann dauern. Über viele Kontakte, ein gutes Netzwerk und mit ein wenig Glück schafft es die Vereinsvorsitzende, Pässe, Visa und Flüge innerhalb von 16 Tagen zu bekommen, in Deutschland Bürgschaft und Krankenversicherung zu organi-

sieren. „Ohne die Hilfe der CSU-Bundestagsabgeordneten Dr. Andrea Lindholz und ihres Büroleiters Christoph von Ingelheim hätten wir das nicht so schnell geschafft“, sagt sie.

Weiß Shafiqa Jamali, wie es um sie steht? Angesichts einer fremden Sprache, anderen Kultur, Religion und eigenen Familiendynamik hinweg lässt sich die Frage nicht wirklich beantworten. „Aus unserer Erfahrung heraus wissen Schwerkranke das“, sagt Palliativmedizinerin Dr. Almut Föller vom SAPV-Team Bayerischer Untermain. Sie weiß aber auch, dass sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit weiterer Therapie bei weit fortgeschrittener Erkrankung in anderen Kulturen und von Familie zu Familie unterschiedlich stellt, dass nicht immer alle Informationen vom Arzt an den Kranken gedolmetscht werden. Dass in anderen Kulturen ein Aufgeben, Gut-Sein- und Gehen-Lassen nicht in die persönliche Leidensgeschichte eingeschrieben wird. Als Barbara Amrhein-Krug mit der Organisation der Familienzusammenkunft beginnt, steht es augenscheinlich sehr schlecht um Shafiqa Jamali. Doch die fünf Wochen, in denen ihre Tochter in Deutschland ist, erlebt sie stabil, hat Freude an ihrem Enkel. Wer kennt schon die Wege des Schicksals? Shafiqa Jamali stirbt im Februar. (alle People-Abbildungen: Wolfram Eder) n

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„Unbeschreibliche Glücksgefühle“ Bewegung tut Menschen mit Krebs gut Freitag ist Sporttag. Erst geht Maria Bergmann schwimmen, dann eineinhalb Stunden lang trainieren. Ergometer, Bauch, Rücken, Beine – sieben Geräte arbeitet sie nacheinander ab. Wenn sie dann das Cardio & Spine Health Center in Goldbach verlässt, durchströmen sie „unbeschreibliche Glücksgefühle“. Vergessen ist in diesem Moment das „sollst Du, willst Du, kannst Du überhaupt, naja, mach es einfach“. Was zählt, ist das gute Gefühl, es wieder einmal geschafft zu haben. Trotz Osteoporose, trotz Verkalkungen in der Wirbelsäule nach mehreren Bandscheibenvorfällen. Trotz Herzinfarkt. Trotz Krebs.

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BEWEGUNG BEI KREBS

Yogalehrerin Dagmar Sachs vom Cardio & Spine Health Center in Goldbach trainiert mit Maria Bergmann, die vor, während und nach ihrer Brustkrebserkrankung regelmäßig Sport trieb. „Ich habe das einfach gebraucht“, sagt die Daxbergerin. (Foto: Eva Hörst)

„Maria Bergmann ist ein Phänomen“, sagt Diplom-Sportwissenschaftler Volker Wallmen. Die - ährige kommt jede Woche, selbst wenn ihr nicht danach ist. „Manchmal muss ich mich schon überwinden“, gibt sie zu, und nicht immer geht alles. Das ist aber auch nicht schlimm; niemand im Cardio & Spine Health Center verlangt sportliche Leistungen, wenn der Körper schmerzt. In Goldbach arbeiten wie in allen sechs Krassvit-Zentren am Untermain Physiotherapeuten und Diplom-Sportwissenschaftler, die spezialisiert sind auf individuelles medizinisches Gerätetraining, gerätegestützte Physiotherapie und begleitende Maßnahmen wie Atemtherapie, Akupunkturmassagen, Lymphdrainagen und Entspannungstechniken – und die wissen, dass Langsamkeit manchmal besser tut als volle Power. Auch viele Krebspatienten werden täglich betreut,

sei es während einer Chemotherapie, vor und nach Operationen oder nach Genesung im sporttherapeutischen und alltäglichen Bereich. Maria Bergmann war schon lange vor ihrer Krebserkrankung dort in Behandlung. Die Brustkrebs-Diagnose ist nun zwei Jahre her. Obwohl der Tumor nicht einmal einen Zentimeter groß war, forderte er das volle Programm: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. Maria Bergmann ging es, wie den allermeisten Patienten, schlecht in dieser Zeit. Aber: Sie hat weiter Sport gemacht. Auch während der Chemotherapie. Damit ist die Daxbergerin eine Ausnahme – und hat doch instinktiv genau das Richtige getan. „Immer mehr Studien zeigen, dass sich körperliche Aktivität positiv auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität der Patienten auswirkt“,

schreibt der Münchner Onkologieprofessor Michael Schoenberg in seinem Ratgeber „Aktiv leben gegen Krebs“ – und das völlig unabhängig davon, wie viel Sport die Patienten vor ihrer Erkrankung getrieben hätten. Diese Erkenntnis habe zu einem völligen Umdenken bei der Behandlung von Krebspatienten geführt. Gerade körperliche Aktivität wirke wie ein Medikament und sei sowohl während der Therapie als auch bei der nachfolgenden Rehabilitation eine wichtige Therapiesäule, die gleichwohl viel zu selten zum Tragen komme. In verschiedenen Studien hätten Wissenschaftler vielmehr festgestellt, dass „das Aktivitätsniveau der Tumorpatienten nach der Diagnose deutlich absinkt. Nur noch 20 bis 40 Prozent der Betroffenen sind ausreichend körperlich aktiv und ver➔

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BEWEGUNG BEI KREBS

suchen, sich im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten fit zu halten“, so Schoenberg. Maria Bergmann formuliert es ganz lebenspraktisch: „Ich habe das einfach gebraucht. Wenn ich keinen Sport gemacht habe, war ich müde und kaputt. Wenn ich vom Sport müde und kaputt war, wusste ich wenigstens, wieso.“ Die Argumente pro Bewegung sind bei Onkologieprofessor Schoenberg und Sportwissenschaftler Volker Wallmen die gleichen: Krebspatienten, die sich körperlich betätigten, verspüren einen Zuwachs an Kraft, bekommen wieder mehr Zutrauen in ihre Fähigkeiten, empfinden ihren Körper nicht mehr nur als Last. Das Immunsystem wird gestärkt, Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit verbessern sich, Ängste werden kleiner und das Selbstwertgefühl steigt. Und nicht zuletzt: „Geteilte Freude ist doppelte Freude“, sagt Volker Wallmen, Bewegung in der Gruppe oder mit der Familie mache Spaß. Michael Schoenberg verweist auf die gesteigerte Lebensqualität, die gerade für Krebspatienten von entscheidender Bedeutung sei, da bei seelischem Wohlbefinden die zum Teil sehr belastenden Therapien besser vertragen und häufiger erfolgreich „durchgezogen“ werden.

hört Maria Bergmann die aufmunternden Worte des Teams im Cardio & Spine Health Center, die alle um ihre besondere gesundheitliche Situation wissen und das Training auf ihre Tagesform anpassen. Genau darum geht es: die individuell passende Dosis finden. Mehr Sport und mehr Anstrengung brächten „gerade bei Krebs nicht notwendigerweise Vorteile“, sagt Michael Schoenberg. „Gleichwohl stehen Krebspatienten jede Menge

an körperlichen Aktivitäten offen, die sehr wohl förderlich für den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität sind.“ Sportwissenschaftler Volker Wallmen formuliert es so: „Wir gestalten das Trainingsprogramm vor Ort je nach Wohlbefinden und Fortschritt immer wieder neu, passen es zum Beispiel an die Belastungen der Chemotherapie an und optimieren es, um das Allgemeinbefinden zu verbessern, Schmerzen zu lindern, Selbstheilungskräfte zu aktivieren und Spätfolgen zu vermeiden.“ n

Auf das richtige Maß kommt es dabei an. Für Maria Bergmann ist das tägliche Laufen durch die Natur, Schwimmen und moderates Gerätetraining unter therapeutischer Aufsicht. „Ich habe festgestellt, dass mir die Bewegung an der frischen Luft mehr gegeben hat als die wöchentliche Sitzung beim Psychoonkologen. Dort hieß es immer: Der Tod gehört zum Leben. Ja, natürlich. Aber mal ehrlich: Wer will das denn hören in so einer Situation?“ Viel lieber

Diplom-Sportwissenschaftler Volker Wallmen vom Cardio & Spine Health Center überwacht das Training von Maria Bergmann. Patienten mit Krebsdiagnosen sollen durchaus Sport treiben, aber moderat: Das Training muss tagesaktuell an ihre Leistungsfähigkeit angepasst werden. (Foto: Eva Hörst)

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KULTUR

Fühlen, was Du fühlst Die „Tumoristen“ aus Berlin bringen mit Playback Theater Szenen aus dem Leben ihrer Zuschauer auf die Bühne und spiegeln sie in einer improvisierten, neuen Geschichte verdichtet wieder. Oft geht es in dieser besonderen Form des Improvisationstheaters um Krebs.

Die einzige Aufgabe eines Schauspielers ist es, in die Leben von Menschen einzudringen, die anders sind als wir, und euch spüren zu lassen, wie sich das anfühlt. (Meryl Streep bei Golden Globes)

Ich gehe alle drei Monate wegen meiner Blutwerte zur Nachsorge und komme immer zufrieden nach Hause. (Prof. Wolfgang Wendlandt)

Da meine Großmutter väterlicherseits an Brustkrebs verstorben war, habe ich frühzeitig mit Vorsorgeuntersuchungen begonnen. Die Befunde waren immer negativ, da habe ich das irgendwann etwas schleifen lassen. Und dann war der Befund positiv. (Caren Groneberg)

Einer hat mir gestern eine PN auf Facebook geschickt, dass es ihm einfach zu viel sei. Er könne meine Geschichte nicht ertragen und würde deshalb nicht zur Lesung kommen. Wenn jemand Brustkrebs habe, damit könne er seelisch noch fertig werden. Sich dafür interessieren, hinhören und hinsehen. Aber zwei Lungentumore und Gehirntumor und der ganze Kram mit der Chemo und Bestrahlungen und dem UnterleibsKram – nein, das sei einfach zu viel. Das könne man den Leuten nicht zumuten. Tja ehrlich: Ich hätte es mir auch nicht zugemutet, wenn ich es hätte verhindern können. (Conny Eyssen)

Ich war mir so sicher, dass ich das nicht kriege, dass ich den Termin zur Operation-Vorbesprechung für die Masektomie auf meinen 35. Geburtstag gelegt habe. Mein Mann und ich wollten uns danach in Heidelberg einen schönen Tag machen, schön essen gehen. Und dann fragt die Ärztin, die bei der Voruntersuchung zugeschaut hat, ob sie auch mal schallen darf. Und findet diesen 1,7 Zentimeter großen Tumor, ganz nahe an der Rippe und sehr schwer zu entdecken. (Stefanie Fröhlich)

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Am Freitag erhielt ich die Diagnose Nierenzellkarzinom, am Dienstag wurde ich operiert und nach vier Tagen geheilt aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen. Der Krebs war eingekapselt gewesen und konnte vollständig entfernt werden, eine Nachbehandlung war nicht notwendig. Da saß ich dann und dachte: So. Du hattest also Krebs. Und jetzt ist er wieder weg. Das muss man erst mal verarbeiten. Ich habe ein Jahr dafür gebraucht. (Linda Steuernagel)

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Auf die Bühne, fertig, los: Playback Theater ist Improvisation in Reinform. Das will geübt sein. (Alle Fotos: Die Tumoristen)

Wenn Linda Steuernagel und Caren Groneberg auf der Bühne stehen und in das Leben von Menschen eintauchen, ist der Krebs oft ganz nah. „Ich spiele gerne den Krebs“, sagt Caren Groneberg. „Der Krebs ist säuisch. Ich lasse gerne die Sau raus. Aber der Krebs gewinnt nicht auf der Bühne. Nie.“ Und genau darum geht es. Den Krebs verlieren lassen. Aus sich herausgehen, über sich hinauswachsen. Andere berühren und selbst berührt werden. Neues entstehen lassen. Vielleicht ist dies nirgendwo so unmittelbar, so echt und ergreifend möglich wie im Theater. Und in der Musik. Deshalb hat der psychologische Psychotherapeut Professor Dr. Wolfgang Wendlandt, der dem Theater aus tiefster Seele zugewandt ist, vor sieben Jahren in Berlin die „Tumoristen“ als Playback Theatergruppe mit musikalischer Live-Begleitung aus der Taufe gehoben, die den Humor trotz Tumor schon im Namen tragen. Es ist die einzige Playback Theater-Gruppe Deutschlands, in der Menschen mit Krebs spielen. Männer und Frauen zwischen Mitte 0 und über 70 Jahren haben sich hier zusammengefunden, die Krebs und die Lust auf Theater haben, weil der Krebs nicht das Einzige im Leben sein darf, was noch zählt. Als Workshop an der Charit fing die Gruppe an, Wolfgang Wendlandt hatte damals selbst gerade ein multiples Myelom überlebt, eine bösartige Tumorerkrankung von Knochen und Knochenmark aus der Gruppe der Non-Hodgkin-Lymphome, und war sich sicher, dass seine guten Erfahrungen im und mit Playback Theater auch anderen gut tun würden. Playback Theater zwingt ungezwungen zum Zuhören, sowohl die Spieler selbst als auch – natürlich – das Publikum. Zu-

Prof. Dr. Wolfgang Wendlandt hat die Tumoristen gegründet. Er hat die Spieler bühnenfit gemacht und bringt als Spielleiter das Publikum zum Erzählen.

schauer – und in den Proben die Spieler selbst – erzählen auf Einladung eines Spielleiters, der durchs Publikum geht, Szenen aus ihrem Leben, Geschichten, Begegnungen, Erinnerungen, und sehen das Erzählte spontan, unmittelbar im Spiel auf der Bühne. Die Tumoristen treten regelmäßig vor Selbsthilfegruppen, bei Kongressen, Werkstattgesprächen oder auf Einladung von Vereinen und Verbänden auf; immer wieder bieten sie Workshops und offene Proben an. „Bei unseren Auftritten ist es oft so, dass wenn Wolfgang Wendlandt als Spielleiter ins Publikum fragt, wer denn etwas zu erzählen hätte, die Köpfe sich nach unten neigen oder man verlegen in die Runde schaut“, hat Tumoristin Linda Steuernagel schon oft beobachtet. „Kaum sind die ersten Geschichten erzählt und dargestellt, entsteht ein Vertrauen. Im Laufe des Auftritts möchten sich immer mehr Zuschauer mitteilen. Am Ende entstehen innige Begegnungen und Gespräche zwischen Darstellern und Publikum.“ Diese Dynamik entsteht auch bei den Proben. Vielleicht war deshalb gleich der erste Workshop an der Charité ein so großer Erfolg. Es folgte ein zweiter, keiner wollte aufhören, man gründete sich als Selbsthilfegruppe, um die staatlichen Fördermittel zu bekommen, fand mit dem Bühnenrausch ein privates Theater für Proben und Auftritte mitten auf dem Prenzlauer Berg. Übte, übte, übte und wagte sich schließlich auf die Bühne. „Wolfgang Wendlandt hat uns über Jahre ganz sanft zum Auftreten hingeführt. Früher habe ich gesagt: Ich trete niemals auf! Heute bin ich die erste, die Ja ruft“, sagt Linda Steuernagel. „Es hat einfach diese Zeit gedauert, bis ich begriffen habe, dass es auf der Bühne nicht um das „Darstellende“ geht, sondern um das „Eins

werden“ mit dem Erzähler. Selbst ist man unwichtig, es geht immer nur darum, dem Erzähler gerecht zu werden.“, dessen Lebenssplitter spontan auf das Wesentliche zu verdichten. „Beim Zuhören ist es wichtig, die Sinne soweit zu schärfen, dass wir die Essenz des Erzählten erfassen können“, sagt Linda Steuernagel. „Dies erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Respekt und Empathie. Das üben wir in den Proben immer wieder. Wir erzählen uns ja unsere eigenen Geschichten und da kommt es immer wieder darauf an, die Essenz zu erfassen, also die Sensibilisierung des Zuhörens zu schulen. Außerdem trainieren wir, ins Gefühl zu kommen, den Kopf außen vor zu lassen, einem Gefühl Raum zu geben, es ohne Worte darzustellen, sich davon durchfließen zu lassen.“ Als Linda Steuernagel zur Tumoristin wird, hat sie Gefühle durchlebt, die sie erst einmal für sich sortieren musste. Nierenzellkarzinom war ihre Diagnose, alles muss ganz schnell gehen. Die Diagnose ist schlecht, wenn der Tumor schon gestreut hat. „Ihr Leben wird nie wieder so sein wie vorher!“, verabschiedet sie der Urologe aus der Praxis. Doch die Wahl-Berlinerin hat Glück, das Karzinom ist eingekapselt und wird bei der Operation vollständig entfernt. Plötzlich Krebs, plötzlich geheilt. „Mich hat das alles völlig überrollt“, sagt sie heute, sieben Jahre später. „Vor allem der unsensible Kommentar des Urologen hat mich geärgert.“ Sie muss erst wieder lernen ihrem Körper zu vertrauen. Am Anfang will sie so oft wie möglich wissen, ob wirklich alles in Ordnung ist, bezahlt alle zwei Jahre viel Geld für eine PET, eine Positronen-Emissions-Tomographie, die Stoffwechselvorgänge im Körper sichtbar macht. Doch je mehr Zeit vergeht, desto ruhiger wird die ➔

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WAS IST PLAYBACK THEATER?

Die Tumoristen aus Berlin haben sich vor sieben Jahren gefunden. Die knapp ein Dutzend Mitglieder sind sich schon lange treu.

- ährige. „ etzt lebe ich mein geschenktes Leben.“ Diese persönliche Entwicklung kennen alle Tumoristen; und sie haben ihren Anteil daran. „Warum bin ich damals zum Workshop gegangen? Ich weiß es nicht. Ich stand am Ende meiner Erwerbstätigkeit und war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.“ Acht Jahre ist die Diagnose Brustkrebs her, als die Berlinerin Caren Groneberg Wolfgang Wendlandt und das Playback Theater kennenlernt und die Tumoristen mitgründet. „Was

Das Playback Theater wurde in den 70er Jahren in den USA von Jonathan Fox und Jo Salas entwickelt. Es basiert damit auf der Tradition des Geschichtenerzählens. Die US-Amerikaner erdachten ein interaktives Theater mit der Besonderheit, dass Zuschauer über persönliche Erfahrungen sprechen oder Begebenheiten aus ihrem Leben erzählen. Diese Erzählungen werden auf der Bühne in Szene gesetzt. Es bringt damit das Leben von Menschen nahe, von denen man sonst vielleicht nie erfahren hätte. Die Spieler setzen mittels Körperausdruck, sprachlicher und stimmlicher Improvisation und Musik – bei den „Tumoristen“ live gespielt – die Schilderungen der Zuschauer so um, dass der tiefere Sinn ihrer Erfahrungen sichtbar wird. Das Playback Theater basiert also auf einer interaktiven Wechselbeziehung zwischen Spielern und Zuschauern. Eine wichtige Figur ist der Bühnenleiter. Er erfragt die Geschichten, Befindlichkeiten, Stimmungen aus dem Publikum.

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mich so störte: Der Krebs war ein Tabu, auch für mich selbst.“ Dass die Gruppe mit diesem Tabu bricht, „war eine entscheidende Motivation für mich mitzumachen“. Das Spiel tut ihr gut. „Ich therapiere mich in bestimmten Rollen selbst, begegne Empfindungen und Gefühlen, die ich sonst nicht so leicht hochkommen lasse. Und das ist gut. Das Spiel bei den Tumoristen empfinde ich als Teil meiner Heilsgeschichte.“ Für die Zuschauer ist es nicht immer leicht den Krebs – ihren Krebs – auf

der Bühne zu sehen. Manche bedankten sich hinterher, sagt Linda Steuernagel. Andere seien völlig überfordert, weil sie diese Art des Geschichtenerzählens noch nie erlebt hätten, beobachtet Caren Groneberg. „Eine solche Erfahrung muss man erst einmal machen. Die macht man nicht in einer klassischen Selbsthilfegruppe.“ Wer sich aber einlassen kann, wer zuhören, sich einfühlen kann, der kann neue Perspektiven einnehmen, andere Sichtweisen gewinnen – auch auf den Krebs, für sich selbst. n

„Das ist mein Leben und ich lebe mein Leben“ Bei den „Tumoristen“ aus Berlin spielen Menschen mit Krebs für Menschen mit und ohne Krebs Playback Theater. Ziemlich oft geht es in den improvisierten Stücken um Krebs. Psychotherapeut Prof. Dr. Wolfgang Wendlandt (71) hat die Gruppe vor sieben Jahren gegründet. Susanne von Mach sprach mit ihm über die Gruppe und das Playback Theater. Warum gibt es die „Tumoristen“? Ich spiele seit Jahrzehnten Improvisations- und Playback Theater. Im Juni 200 habe ich selbst die Diagnose Krebs bekommen. Ich hatte ein multiples Myelom, einen Knochenmarkkrebs, bekam eine Hochdosis-Chemotherapie mit Stammzelltransplantation und anschließender Bestrahlung. Als ich wieder einigermaßen raus und Theater spielen konnte, war mir klar, dass ich das Erlebte auf der Bühne zeigen möchte – und anderen Betroffenen, wie gut ihnen das Theaterspiel tun kann. Man sieht ja,

wie andere ihre Erkrankung verarbeiten, dass sie sich ihr oft nicht offensiv stellen und nichts dafür tun, ihr Leben zufrieden zu gestalten. Da habe ich mich gefragt, wie ich das unterstützen könnte. Das Playback Theater war meine Antwort. Bei Krebs denkt jeder sofort an ein Todesurteil und man muss deren Entsetzen dann noch mittragen und als Betroffener den anderen beruhigen. Krebs ist zwar gesellschaftlich kein Tabu mehr, aber für den Einzelnen bleibt er eine schwere Bürde, die es gilt, durch Offenheit zu überwinden.

Die „Tumoristen“ sind deshalb Menschen, die Lust haben aus diesem überwältigenden und vereinnahmenden Lebensaspekt ihrer Erkrankung – mit dem Schock der Diagnose, allen Folgen der Chemo, den Fatigue-Syndromen und depressiven Tendenzen – ein Stück weit auszusteigen und zu sagen: Das ist mein Leben und ich lebe mein Leben. Jetzt erst recht. Wie sind Sie selbst zum Impro-Theater gekommen? Über Studenten, die darüber Diplomarbeiten geschrieben haben. Ich war fasziniert von dieser Darstellungsform und nutzte sie sofort für meine Gruppenarbeit mit Klienten und Studenten. Das Playback Theater war für mich nochmals ein Paradigmenwechsel. Denn es geht hier nicht um eine systematische Planung dessen, was passiert oder pas-

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KULTUR

sieren könnte. Sondern die Darsteller ändern sich und ihr Spiel aus dem Moment heraus. Sie müssen lernen, Impulse von anderen aus diesem Moment heraus wahrzunehmen. Sie müssen blitzschnell ihre eigenen Gedanken loslassen, sie dürfen nicht planen, was passiert, denn sonst sind sie nicht offen für die Impulse der Mitspieler. Inwiefern ist das beim Playback Theater nochmals anders? Die Impulse für das Spiel kommen aus dem Publikum. Die Zuschauer geben die Geschichte vor. Die Spieler spulen also keinen auswendig gelernten Text ab und bekommen keine Regieanweisungen. Aus diesen Prämissen ergibt sich ein sehr ernsthaftes sich Befassen mit gesellschaftlichen und persönlichen Themen von Menschen. Die Spieler müssen aus dem Moment heraus in der Interaktion mit ihren Mitspielern kleine Szenen entwickeln die berühren, die aber auch witzig sind. Die Spieler nehmen immer wieder neue, andere Perspektiven ein, stellen ihre eigenen Impulse zurück. Sie müssen mutig sein, Verantwortung übernehmen bei Hängern der Mitspieler, müssen sich trauen, in eine Situation hineinzugehen und mitzugehen, auch, wenn etwas gerade vermeintlich schiefgeht auf der Bühne. Und, ganz wichtig: Man muss seine eigene und die Geschichte der anderen aushalten können, die Konflikte, das Leid, die Ängste, die depressiven Zustände. Man lernt aber auch, mit sich selbst gnädiger umzugehen, angstfreier in die Zukunft zu gehen.

dass man Menschen durch fundierte, systematische Arbeit verändern kann. Und wenn das nicht klappt, muss man nochmals hinschauen, nochmals differenzieren, nochmals neue Literatur lesen. Menschen entwickeln mit Improvisationstheater und Playback Theater Ressourcen. Sie erleben, dass sie mit ungeplanten Situationen fertig werden können. Sie lernen, mit ihrem eigenen Scheitern umzugehen, in unvorbereitete Situationen hineinzugehen und diese frei zu lösen. Es ist spannend etwas zu wagen, was bisher ungedacht war, und zu spüren: Das schaffe ich. Und was können Menschen mit Krebs vom Playback Theater lernen? Das Besondere ist ja, wenn man eine solche Diagnose hat: Dass man Ja zur Krankheit sagt. Es hat keinen Zweck, sich dagegen zu wehren, zu kämpfen. Das ist nur ein kleiner Teil des Lebens mit Krebs. Die Kunst ist es, den anderen, wichtigeren Teil größer werden zu lassen, also reinzugehen ins Leben, gesellschaftliche Teilhabe einzufordern. Wer auf der Bühne steht, wer im Scheinwerferlicht steht, der muss das Licht vertragen, der muss innerlich sagen: Ja, hier stehe ich, mit meiner Glatze nach der Chemo, mit meinen körperlichen Gebrechen. Ich bewege mich vielleicht ziemlich schleppend, aber hier stehe ich und ich habe einen guten Stand auf bei-

den Beinen. Diese Selbstsicherheit über das Spiel auch für den Alltag zu gewinnen ist das Entscheidende, und damit den ja real existierenden Einschränkungen durch den Krebs entgegenzuwirken. Das Spiel in der Gruppe hilft also, die schwere Bürde der Erkrankung durch Offenheit zu überwinden und leistet so einen Beitrag zur Krankheitsbewältigung. Es weckt neues Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Körpers, neue Lebensfreude und die Zuversicht, dass sich die Lebenszeit sinnvoll nutzen lässt. Aber der Krebs steht auf der Bühne im Mittelpunkt? Ja sehr oft natürlich, weil er die Mitspieler und auch die Zuschauer auf die ein oder andere Weise stets beschäftigt. Tatsächlich mag auch der Name „Tumoristen“ etwas merkwürdig klingen. Warum steht der Tumor so im Mittelpunkt, wenn es doch um das Leben gehen soll? Doch wer selbst Erfahrung hat, weiß, dass genau das Gegenteil passiert. Wenn man zu seiner Krankheit und zu einer Krise steht, dann schaut man auf die Gegenwart, auf die Zeit, die man hat im Leben und oft auch auf das, was man noch nicht gelebt hat, auf die Dinge, die man noch erleben möchte. Und dann ist das keine traurige und tränennasse Angelegenheit, sondern das Spiel in der Gruppe gibt Lebensfreude und macht Mut, in die Zukunft zu blicken.

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Jemand, der das tut, der spürt, wie viel Lebensmöglichkeiten und Fantasiemöglichkeiten in ihm stecken. Man ist selbst oft erstaunt über das, was man da so sagt auf der Bühne. Und über die Dinge, die man dann spielt. Es ist faszinierend, was da herauskommt. Inwiefern hilft das Improvisationstheater Menschen ganz allgemein? Ich habe 40 ahre lang Therapie gemacht, ich habe 40 ahre lang gelernt,

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Immer ist

die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist

der wichtigste Mensch der,

der dir gerade gegenĂźbersteht; immer ist

die wichtigste Tat die Liebe. (Meister Eckhart)

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KULTURGESCHICHTE HAARE

Künstliche

Pracht

Woran denken Sie beim Thema „Perücke“? An Krebs? Haarausfall? Alter? Glatze? Oder an Oper? Theater? Fasching? Extensions? Perücken waren lange Zeit Statussymbol und unverzichtbarer Bestandteil der Kleidung.

Napoleons Leibarzt Jean-Nicolas Corvisart des Marets soll 2 seine erste Anstellung als Arzt in Paris nicht bekommen haben, weil er sich weigerte, eine Perücke zu tragen. So berichtet es das „Journal des Luxus und der Moden“ im Jahr 2 . Zu jener Zeit kam die künstliche Haarpracht gerade aus der Mode, zu Revolution, neuer Natürlichkeit und Aufklärung passte der künstliche Look nicht. Doch ein Arzt ohne Perücke schien den Parisern dann doch kein richtiger Arzt zu sein.

Bis dahin hatten Perücken jahrzehntelang bei Oberschicht, Würdenträgern und im wohlhabenden Bürgertum selbstverständlich zur Kleidung gehört. Seit Mitte des . ahrhunderts „fanden sie Eingang in die höfische Mode und wurden schnell zum unverzichtbaren Statussymbol“, schreibt Textilrestauratorin Eva Jordan-Fahrbach in einem Aufsatz für den Band „Herrschermacht und Lockenpracht“, den das Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig im ahr 200 parallel zu einer Ausstellung

über Perücken in der Barockzeit veröffentlicht hat. In Frankreich war kein geringerer als der Sonnenkönig der Trendsetter: Ludwig IV. – macht das Kunsthaar hoffähig. Und das durchaus aus Eitelkeit. Schon früh verliert er seine Haare und versteckt sein Haupt fortan unter einer „perruque“. Allongeperücke als Statussymbol Anfangs lässt er sein spärliches Resthaar durch löchrige Perücken ziehen, später setzt er voll und ganz auf künstliche Haare, die so künstlich natürlich nicht waren: Frauenhaar von Landbäuerinnen war besonders begehrt, blond oder aschgrau vorzugsweise, aus Flandern, Brabant, Holland, Deutschland und den nördlichen Ländern, vermerkt

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heiten waren als Krankheitsursachen für den Verlust der Haare bekannt“, schreibt Susanna Stolz in „Herrschermacht und Lockenpracht“. „Die Verwendung der Quecksilbermedikamente hatte dazu das ihrige beigetragen.“ Die modischen Langhaarfrisuren hätten zudem hohe Ansprüche an das Naturhaar gestellt, die naturgemäß nicht jeder erfüllen konnte. „Qualität, Sitz und modische Form einer Perücke waren wichtig“, stellt Susanna Stolz fest. „Verrutschte Perücken gaben ihren Träger der Lächerlichkeit preis.“ Nicht zuletzt dienten Perücken der Bequemlichkeit – und sie wärmten den Kopf.

Eva Jordan-Fahrbach. Weil Menschenhaar auch damals ein seltenes Gut war, das sogenannte Haarverleger den Frauen auf dem Lande abkauften, ersetzte man es bisweilen auch durch Ross-, Rinder oder Ziegenhaar. Die Allongeperücke wird Ludwig XIV. Statussymbol, das üppige Gebilde aus dichtem, langem Lockenhaar, das sich über die Schultern bis auf den Rücken ergießt, entwickelt sich zur Staatsperücke, das schnell achahmer findet: In des Sonnenkönigs Regierungszeit wird die Perücke zum Kleidungsstück. Ohne lässt sich Ludwig XIV. niemals in der Öffentlichkeit sehen; nicht einmal bei der Morgentoilette – ihr beizuwohnen ist ein besonderes Privileg seiner Untertanen – zeigt er sich ohne künstlichen Kopfschmuck.

Die Allongeperücke verliert nach Ludwigs XIV. Tod an Bedeutung, Perücken aber bleiben bis ins . Jahrhundert hinein Standessymbol für Würdenträger und Berufszweige wie Richter und Professoren und halten sich weit darüber hinaus als Kleidungsstück für die Dienerschaft – auf Schloss Emmeram des exzentrischen Fürsten Johannes von Thurn und Taxis sogar bis zum Tod des Fürsten im Jahr 0, jedenfalls bei besonderen Anlässen. Und die Richter des Commonwealth tragen bis heute Perücken als Teil ihrer Amtstracht. Perücken hatten gleichwohl nicht nur repräsentative Funktion, wie das Beispiel Ludwig XIV. zeigt. Perücken „bedeckten die alters- und krankheitsbedingte Kahlköpfigkeit. S philis, Pocken, Grind, Krätze und Fieberkrank-

Gewaschen wurde das natürliche Haar übrigens nicht, bemerkt Christina Wittig in „Herrschermacht und Lockenpracht“. Wasser galt als schädlich, man war davon überzeugt, dass es den Körper im Allgemeinen und die Haut im Besonderen schwächte. Dies hat der Historiker Georges Vigarello in seinem erschienen Buch „Wasser und Seife, Puder und Parfum. Geschichte der Körperhygiene seit dem Mittelalter“ festgehalten. Was nicht heißt, dass die Menschen nicht versucht hätten sich zu säubern – nur eben nicht mit Wasser. Stattdessen suchte man zum Beispiel sein Eigenhaar mit Puder und Parfum, Wein, Milch oder einem Gemisch aus Asche, Leinsamen, Myrrhe, Rohrzucker und Wein zu reinigen, berichtet Susanna Stolz. Perücken seien beim Perückenmacher entlaust worden. Gegen Juckreiz auf dem Haupt behalf man sich mit Kratzstäben. Kopfschmuck für die Königin Ludwig XIV. war im Übrigen nicht das erste gekrönte Haupt, das Perücken trug. Auch Königin Elisabeth von England - 0 trug wohl ab 2 dauerhaft Perücke. Die Tochter von Anne Boleyn und Heinrich VIII. hatte durch eine Pockenkrankheit ihre Haare verloren, 2 ahre war sie damals alt. Sie habe die Perücke getragen, sagt Historien-Fan Stefanie Norden aus Bremen, „um die Spuren des Alters sowie der Pockenerkrankung zu verstecken, zum anderen, um nach der letzten erfolglosen Werbung ihre Jungfräulichkeit zum Teil ihres Kultes zu machen“. Bei ihrem Tod im Jahr 0 soll die Tudor-Königin ➔

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KULTURGESCHICHTE HAARE

80 Perücken, tausende Kleider und noch mehr Perlen besessen haben. Die Legende will es, dass auch König Karl XII. von Schweden, sonst eher für Askese und Kurzhaarschnitte bekannt, im Jahr 4 auf der Rückreise aus dem türkischen Exil zurück nach Hause eine Perücke trug. Stars und Sternchen nutzen diese Praxis noch heute: Wer nicht erkannt werden will, setzt auf Perücke. Auch im deutschsprachigen Raum habe sich die Perückenmode ab ungefähr der Mitte des . Jahrhunderts verbreitet, schreibt Kristin Knebel in „Herrschermacht und Lockenpracht“. Das Perückenmacherhandwerk in Europa erlebte seine Blütezeit im . Jahrhundert. Doch schon im frühen . Jahrhundert hätten sie eine entscheidende Rolle für die Anfertigung höfischer Frisuren übernommen, die aus Eigenhaar mit Haarteilen kombiniert werden konnten oder aus Vollperücken bestanden, berichtet Christina Wittig. Perückenmacher verarbeiteten Menschenhaar, aber auch Haare von Pferden und Ochsen. Perückenmode war in Europa lange Zeit Herrenmode. Für die Damen waren auf-

wändige Frisuren wichtig, für die in das eigene Haar Drahtgestelle, Hauben, Haarteile und Gaze eingearbeitet wurden. Erst zum Ende des . Jahrhunderts hin entdeckten auch die Damen die künstliche Haarpracht für sich. Da war das Zeitalter der Perücken schon fast vorbei. Doch bis ins 20. ahrhundert hinein war das Anfertigen einer Perücke Teil der Meisterprüfung. Heute werden Perückenmacher fast nur noch im Theater beschäftigt. Statussymbol im alten Ägypten Perücken sind indes keine Erfindung Europas. Schon im alten Ägypten trugen Männer und Frauen Perücken. Als Statussymbol, aber auch aus hygienischen Gründen – in kurzen Haaren fühlen sich Läuse weniger wohl. Perücken seien ein wichtiger Bestandteil der Alltagskleidung gewesen, schreibt Lena Bjerregaard in einem Aufsatz für das journal-ethnologie.de, einem Online-Magazin des Frankfurter Museums der Weltkulturen. „In vielen Gräbern gibt es bildliche Darstellungen von Friseur-Szenen. Es war sowohl für Männer, als auch für Frauen

Perückenmacher gibt es seit Jahrhunderten. In früheren Zeiten gehörte das künstliche Haar in den oberen Kreisen zur Standardbekleidung.

üblich, ihre Köpfe zu scheren, beziehungsweise das Haar sehr kurz zu schneiden, um dann eine Perücke zu tragen.“ Loses Haar (Zöpfe, Locken) und Perücken habe man in ägyptischen Gräbern von circa 2. 00 v. Chr an gefunden. Das trockene Wüstenklima habe die Haare aus dieser Epoche gut konserviert. „In vielen ägyptischen Gedichten wird Größe und Beschaffenheit der Perücke der Angebeteten thematisiert – Haare waren vermutlich ein wichtiges Symbol für Fruchtbarkeit. Das Symbol für Osiris, den Gott der Reinkarnation, ist eine Perücke auf einem Ständer.“ Und sogar im alten Peru trugen die Menschen Perücken aus Menschen- oder Lama- und Alpakahaar, schreibt Lena Bjerregaard. Sie „konnten aus einer Vielzahl von Zöpfen geflochten aus vier Strähnen) bestehen, die an einer wollenen Mütze oder einem Band befestigt waren. Am unteren Ende waren diese Zöpfe oft mit farbigen Wollfäden umwickelt“. Und heute? Tragen als Statussymbol oder zum Spaß vornehmlich Stars wie Lady Gaga sowie Karnevalisten eine Perücke. Die Zeiten ändern sich. n

Früher gehörten Perücken zur Alltagskleidung, heute sind altmodische Modelle ein klarer Fall für die Theaterbühne.

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„Weil wir Menschen lieben“

Warum sollten betroffene Frauen gerade zu ihnen kommen? Es gibt viele gute Zweithaarstudios und alle geben ihr Bestes. Menschen kommen zu mir, weil sie von mir gehört haben, weil Morhard als Friseurdynastie einen unglaublich guten Ruf in der Region genießt, weil meine Kollegen und ich in jeder Situation Mode, Stil und Klasse leben und vermitteln. Was möchten Sie betroffenen Frauen mit auf den Weg geben? Zögern Sie nicht, kommen Sie so schnell wie möglich zu mir. Je eher wir mit Ihren neuen Haaren beginnen, desto schneller können Sie auch von innen heraus genesen. n

Seit mehreren Jahren ist der Friseursalon Morhard in Mainaschaff Spezialist für Zweithaar. Erste Ansprechpartnerin ist Kira Großmann-Morhard, die mit Susanne von Mach über ihre besondere Aufgabe sprach.

Was für einen Stellenwert hat Zweithaar im Hause Morhard?

Ändern Sie den Typ oder bleibt „alles beim Alten“?

Seit etwa fünf Jahren widmen wir uns dem Thema Zweithaar, Perücken und Haarteile. Als Modemacher hatten wir uns bis zu diesem Zeitpunkt nie ernsthaft damit beschäftigt. Als allerdings eine gute Kundin die Diagnose Krebs bekam, änderte sich unsere Wahrnehmung. Wir wollten und mussten hier Hilfestellung leisten. Ich besuchte Seminare, suchte den Kontakt zu Profis und baute ein gut funktionierendes System auf.

Manche Frauen möchten nach Möglichkeit eine 00 ige Kopie ihrer Frisur, ihres Stils. Das ist nachvollziehbar, das ist grundsätzlich in Ordnung. Allerdings steigt die Anzahl der Frauen, die im Rahmen der geänderten Situation auch eine komplette Typveränderung wünschen. Gerade die komplette Veränderung bietet neue Chancen, neue Möglichkeiten.

Was ist für sie als Fachfrau besonders wichtig? Für Frauen, die mit der Diagnose Krebs konfrontiert werden, bricht eine Welt zusammen. Nichts ist mehr, wie es war. Das kann ich nicht ändern. Aber was ich machen kann, ist, die Kundin in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. Ihr die Normalität und den Schutz zu geben, die ihr die Chemotherapie genommen hat.

Wo und wann findet die Arbeit mit den Frauen statt? Wir haben ein eigenes kleines separates Zweithaarstudio. Hier unterhalte ich mich mit der Kundin, erfrage die Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen. Danach werden Vorschläge unterbreitet und die weitere Vorgehensweise erläutert. Die Beratung findet grundsätzlich nach Terminvereinbarung statt. Wir machen diese Arbeit, weil wir Menschen lieben.

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LITERATUR

Ich lebe im und

Hier

Ihre neun Perücken hat Sophie van der Stap immer noch. Die eigenen Haare sind längst wieder lang. Die Niederländerin lebt heute in New York und arbeitet an einem neuen Roman. Ihre Krebserkrankung ist jetzt zwölf Jahre her. (Foto: Sophie van der Stap)

Jetzt

Erinnern Sie sich an „Heute bin ich blond“? Vor neun Jahren war das Buch ein Bestseller, es folgten Kino- und Theaterversionen. Sophie van der Staps offenherzige Schilderung ihrer Krebserkrankung, des Jahrs bis zur Heilung und ihrer Lust, trotz Chemotherapie und Todesangst das Leben auszuschöpfen, berührte Leser und Zuschauer. Was macht die Niederländerin heute? Es ist gar nicht so leicht das „Mädchen mit den neun Perücken“ ausfindig zu machen, trotz sozialer Netzwerke, trotz Buchveröffentlichungen in Deutschland. Der deutsche Verlag hat keine Kontaktdaten mehr, auf die Facebook-Anfrage reagiert Sophie van der Stap nicht. Das Internet weiß, dass ihr erstes Buch vor nicht langer Zeit auf Englisch erschienen ist. Eine hoffnungsvolle E-Mail in die USA bringt – endlich – die ersehnte Adresse, und dann antwortet Sophie van der Stap – hurra! – innerhalb von zwei Tagen. Die 33-Jährige, die vor elf Jahren schwer an Krebs erkrankt war und ihre Erfahrungen in mehreren Büchern verarbeitet hat, lebt seit gut einem Jahr in New York und arbeitet dort an einem Roman, der im Frühjahr 2017 in den Niederlanden erscheinen soll. Im Frühjahr 2016 ist in den USA ihr Buch „Heute bin ich blond“ unter dem englischen Titel „The Girl With The Nine Wigs“ erschienen. Gerade hat sie die Agentur gewechselt. Und, sagt sie,

„in gewisser Weise bin ich ganz froh, dass es nicht so leicht ist mich ausfindig zu machen.“ Eine Zeitlang hat sie ein sehr öffentliches Leben geführt. Das war nicht so geplant, der Krebs hat sie dazu gebracht und das erfolgreiche Buch im Tagebuch-Stil, das sie über ihre Erkrankung geschrieben hat. In den Monaten nach dessen Veröffentlichung ist die Niederländerin häufiger Gast in Talkshows und bei Benefizveranstaltungen in ganz Europa. Sophie van der Stap ist 21 Jahre alt, als die Ärzte einen bösartigen Weichteiltumor an der Lunge entdecken. Man diagnostiziert ein Rhabdomyosarkom, doch „da meine Krankheit in meinem Alter eigentlich nicht vorkommt und meine Probe in mehrerlei Hinsicht von meiner früheren Diagnose abweicht, gehöre ich zur Gruppe der sogenannten

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Sarkome unklarer Herkunft“, schreibt sie unter dem 8. November 2005 in „Heute bin ich blond“. Möglicherweise sei sie überbehandelt worden, vermuten die Ärzte nach fast einem Jahr Chemotherapie, in jedem Fall aber mit dem gewünschten Erfolg. Der Tumor ist weg, und die erst vierteljährlichen, heute jährlichen Kontrollen zeigen bis heute: Er kommt nicht wieder. Auch Sophie van der Staps Mutter ist gesund; ihre Brustkrebsbehandlung war gerade vorbei, als die Tochter erkrankte. In „Heute bin ich blond“ zeigt Sophie van der Stap, dass ihr etwas Außergewöhnliches gelingt; Spaß haben, trotz Chemotherapie und Todesangst Freunde treffen, Schmetterlinge im Bauch und Beziehungskrisen. Dabei helfen ihr ihre neun Perücken, die jede eine eigene Facette ihrer Persönlichkeit betont und eigene Namen tragen: Sue, Blondie, Platina, Daisy.

„Meine Perücken helfen mir zu verbergen, was ich verbergen will, und den Mut aufzubringen, das zu sein, was ich sein will. Mit der Perücke, die ich aufsetze, schaffe ich den Spielraum, den ich dafür brauche.“ In New York promotet sie neben der Arbeit am neuen auch ihr erstes Buch. Zehn Jahre später hat es nichts von seiner Eigenwilligkeit und Frische verloren: Sophie van der Stap ist jung, als sie dieses Buch schreiben muss, und deshalb muss wahrscheinlich auch diese kompromisslose Offenheit und Intimität sein, die manchmal ganz schön aufreibend und überwältigend ist. Aber wie war man selbst mit 21? Die Offenherzigkeit von damals sei Zeit und Umständen geschuldet gewesen, sagt Sophie van der Stap heute. Damals habe es so sein müssen. „Es ist so viel passiert, alles war neu und so schwierig zu verstehen. Ich habe mich wie ein Fremder in meinem eigenen Leben gefühlt. Ich habe genauso wie alle um mich herum lernen müssen.“ Heute sei das anders, es gebe keinen Grund, Privates und Intimes mit Öffentlichkeit und Presse zu teilen. Sie hält sich bedeckt. Nicht ohne Grund muss man sich Mühe geben, Sophie van der Stap zu finden. Es sei eine große Freude, dass ihre Erlebnisse ins Englische übersetzt worden seien, sagt die 33-Jährige. Unter anderem auf Französisch und Italienisch hat ihr Buch schon vor Jahren Leser berührt. Aber:

„ich bin nicht erpicht darauf gewesen, meine persönliche Geschichte mit englischen Lesern zu teilen. Meine Ambitionen sind rein literarischer Natur.“

Zum Weiterlesen: Sophie van der Stap: Heute bin ich blond. Das Mädchen mit den neun Perücken. 264 Seiten; Knaur Verlag München; 10,99 Euro

Es gehe ihr auch nicht darum, sich ständig an das Erlebte zu erinnern. Allerdings, hat sie schon in früheren Interviews gesagt, sei es nicht gut, „bestimmte Sachen zu verdrängen. Meine Erkrankung hat einen festen Platz in meinem Leben. Ich habe mich mit den negativen Gefühlen, die mit dieser Zeit verbunden sind, immer wieder auseinandergesetzt und sie mittlerweile verarbeitet.“ Krebserkrankung und Buch weisen ihrem Leben eine neue Richtung: Sophie van der Stap geht nicht wie mit 20 Jahren angedacht in die Entwicklungshilfe, sondern wird Journalistin und Schriftstellerin. In einem zweiten Roman mit autobiographischen Zügen („Das Jahr, in dem ich wieder leben lernte“) erzählt sie vom Jahr nach dem Krebs, als sie mit sich und dem wieder und neu gewonnen Leben nichts anfangen konnte. Überwältigt von Schuldgefühlen, anders als enge Freunde überlebt zu haben, leer und traurig. Sie reist einmal um die Welt: Buenos Aires, Rio de Janeiro, Uruguay, Granada, Marrakesch, Istanbul, Thailand, Tokio, Hongkong und wieder nach Hause nach Amsterdam. Und versteht: Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden. So hat es der österreichische Psychiater Victor Frankl einmal formuliert. Sophie van der Stap findet ihn in sich selbst und dem Schreiben. Sie verfasst Essays und Romane, die zum Teil nicht auf Deutsch übersetzt sind, arbeitet für Zeitschriften.

„Das Schreiben war für mich ein Weg, um wieder in der normalen Welt existieren zu können. Das war gut.“ sagt sie einmal. „Und es war noch etwas anderes: In dem Moment, in dem man Gefühle und Gedanken in Worte fasst, lässt man sie raus. Und das erleichtert einen, weil man loslassen kann. Das habe ich damals gar nicht begriffen, erst später.“ Große Pläne mache sie aber nicht mehr, sagt sie. „Ich lebe im Hier und Jetzt.“ Einen Wunsch hat sie aber: „Ich würde gerne mit Walen tauchen.“ n

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LITERATUR

Buch-

Mit dem Krebs leben

1

Ein Roman, dessen Protagonistin gerade Krebs überstanden hat: Will man das lesen? Ja! Wenn er so toll geschrieben ist wie Catharina Junks „Auf Null“. Ein tolles Sachbuch ist Dr. Anja Klußmeier gelungen. Sie erklärt, wie eine gesunde Zelle zur Krebszelle transformiert. Hummer statt Krebs stellt diese und weitere aktuelle Literatur rund um den Krebs vor.

Catharina Junk: Auf Null

Gesund, aber nicht geheilt – und jetzt? Lohnt es sich überhaupt zu leben, neue Freundschaften zu schließen, mit seinem Leben etwas anzufangen, wenn doch jederzeit ein Rückfall drohen kann? Die Protagonistin Nina in Catharina Junks autobiographisch orientiertem Roman „Auf Null“ stellt sich genau diese Fragen und findet erst einmal keine Antworten. Nina ist 21 Jahre alt, hatte Leukämie und kommt nach Hause. Und jetzt? Mit der besten Freundin zerstritten, der Bruder fanatisch religiös geworden, die Eltern überbesorgt, und die krebskranke Bekannte aus der Nachsorge-Praxis mit dem kleinen Kind dem Tode nahe. Dann ist da noch dieser junge Mann, den sie so furchtbar nett findet: Sollte sie den nicht lieber mit einer anderen verkuppeln? Autorin Catharina Junk hatte selbst Leukämie und wollte dieses Buch schon lange schreiben. Wie gut, dass sie es gemacht hat. Für die ersten Seiten gewann sie den Hamburger Förderpreis für Literatur. Ihr Roman ist witzig, anrührend, voller Ironie und Sarkasmus, dabei authentisch und spannend mit den Einblicken, die es in das Seelenleben einer jungen Frau gewährt, die neu leben lernen muss. Auch sprachlich überzeugt Catharina Junk. Sie schreibt eigentlich Drehbücher, und adaptiert den frischen, flotten Stil wunderbar ins Romanhafte.

2

Catharina Junk: Auf Null. Kindler Verlag Hamburg 2016; 395 Seiten; 19,95 Euro, als E-Book 16,99 Euro

Dr. Anja Klußmeier: Transformation. Eine Zelle wird zu Krebs Wie wird eine Zelle zu Krebs? Wohl durch Zufall. „Der Krebs hat kein Gehirn, keine Intelligenz, er hat keine Gefühle und auch keinen bösartigen Plan“, schreibt Dr. Anja Klußmeier zum Auftakt von „Transformation. Eine Zelle wird zu Krebs“. Und dann erklärt die Biologin Schritt für Schritt, wie gesunde Zellen zu Krebs entarten, also die „Biologie eines Serientäters“. Dazu erklärt sie im ersten Teil Grundlagen der zellulären Funktionen: wie eine gesunde Zelle aufgebaut ist, wie sie arbeitet. Im zweiten Teil beschäftigt sie sich mit den acht Voraussetzungen für die Transformation einer gesunden zur Krebszelle (darunter die Blutgefäßbildung und das unbegrenzte Vermögen zur Zellteilung), im dritten mit Krebstherapien. Biologische, chemische und medizinische Prozesse sind durchweg verständlich, immer nachvollziehbar. Eine tolle Leistung, ein hervorragendes Fachbuch auf wissenschaftlichem Niveau, das auch interessierte Laien gut verstehen können. Dr. Anja Klußmeier: Transformation. Eine Zelle wird zu Krebs. Tredition Verlag 2016; 228 Seiten; 16,99 Euro (als Taschenbuch), 25,99 Euro (als Hardcover)

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-Tipps Tipps

Sophie Sabbage: Die Krebsflüsterin

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Ein bemerkenswertes Buch mit einem merkwürdigen Titel: Die Bloggerin, Unternehmensberaterin und Coach Sophie Sabbage beschreibt in „Die Krebsflüsterin“ ihren Umgang mit der Diagnose Bronchialkarzinom im Endstadium. Als der Krebs mit Metastasen unter anderem in Knochenmark und Gehirn entdeckt wird, ist sie 49 Jahre alt und Mutter einer vier Jahre alten Tochter. Sie nimmt ihr Schicksal in die Hand, lässt sich auf die Krankheit ein, will aber nicht zum Opfer ihrer Erkrankung werden. Selbstbestimmt leben mit Krebs, in erster Linie Mensch und erst in zweiter Linie Patient bleiben, auf Augenhöhe mit Ärzten kommunizieren, Spezialist der eigenen Erkrankung zu werden: Schnell entwickelt Sophie Sabbage einen „Kompass“, mit dem sie durch die Krankheit navigiert. Wie das auch Dritte schaffen können, zeigt sie in ihrem Buch mit konkreten Handlungsempfehlungen („Ziele setzen“, „den Körper stabilisieren“, „die Behandlung bestimmen“). Entstanden ist es zehn Monate nach der Diagnose; laut ihrem Blog geht es ihr aktuell soweit gut. „Es ist ungeheuer schwierig, das Steuer auf der Krebsreise in den eigenen Händen zu behalten“, sagt sie selbst. Doch es lohne sich – und auch, darüber zumindest nachzudenken. Sophie Sabbage: Die Krebsflüsterin. Der 8-Schritte-Kompass für einen selbstbestimmten Umgang mit der Krankheit; Irisiana Verlag 2016; 223 Seiten; 19,99 Euro, als E-Book 15,99 Euro

Cornelia Eyssen: Wenn ich das Schicksal treffe, kann es was erleben

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Blumen für die krebskranke Kollegin? Die Chefrunde winkt ab. Lassen wir die Frau mal in Ruhe, die will das sicher nicht. Conny Eyssen findet das eigentlich falsch. Blumen schickt sie trotzdem nicht. Heute schüttelt sie über sich selbst den Kopf. Heute hat sie selbst Krebs und weiß, wie wichtig Freunde, Aufmunterung, echte Anteilnahme sind. Doch auch die Münchner Journalistin erlebt: Nach der Diagnose Synchron-Lungenkrebs – sie hat zwei Primärtumore in den Lungenflügeln – wenden sich Kollegen und Agenturen ab, mit denen sie während ihrer Zeit in den Top-Etagen von HochglanzMagazinen eng zusammengearbeitet hat. „Das hat mich traurig gemacht“, sagt die 64-Jährige. Nicht nur, aber auch deshalb geht sie offen mit ihrer Krankheit um und trägt viel Herz auf der Zunge. Wie sie mit ihrem Krebs lebt, erzählt sie seit Jahren auf Facebook. „Um noch mehr Leute zu erreichen“ hat sie darüber ein Buch geschrieben: „Wenn ich das Schicksal treffe, kann es was erleben“. Das Buch mit dem Untertitel „Ich habe Krebs – aber das Leben ist zu schön, um zu sterben“ rekapituliert drei Jahre Krebsleben mit Operationen, Chemotherapien, Bestrahlungen aus mehreren Perspektiven und setzt einem Mosaik gleich zusammen, was Lebensmut und Lebenswillen für Conny Eyssen bei aller Qual bedeuten. Vom Leben mit dem Krebs erzählen nicht nur die Autorin selbst, sondern auch ihr Ehemann, die Stieftochter, Freundinnen und Ärzte. Denn es ist ja so: Krebs wirkt sich immer auf die ganze Familie aus, und jeder hat seine Sicht auf den Lauf der Dinge. „Wir“ sagt Conny Eyssen, wenn sie über den Kampf gegen den Krebs spricht, und das ist wichtig. Das Buch ist offenherzig, ehrlich und humorvoll. Doch es nimmt dem Krebs nicht die Grausamkeit. Ganz Journalistin kämpft Conny Eyssen mit Schulmedizin und Sprachgewalt gegen den Krebs und hat dabei keine Scheu ins Detail zu gehen. „Ich mache mich nackig vor dem Leser.“ Aber sie behält etwas Entscheidendes: ihre Würde. Conny Eyssen: Wenn ich das Schicksal treffe, kann es was erleben. ZS Verlag 2016; 336 Seiten; 14,99 Euro, als E-Book 11,99 Euro ➔

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LITERATUR

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Buch-Tipps Prof. Michael H. Schoenberg: Aktiv leben gegen Krebs

Es ist ein Mantra: Wer gesund lebt, sich regelmäßig bewegt und Sport macht, wer Stress meidet und mit sich im Reinen ist, hat im Leben allgemein und in einer Krebserkrankung im Besonderen tendenziell die besseren Chancen. Wie das konkret aussehen kann, legt der Münchner Professor Michael H. Schoenberg, der frühere Chefarzt der Chirurgie und ärztliche Direktor am Rotkreuzklinikum, in seinem umfangreichen Leitfaden „Aktiv leben gegen Krebs“ dar. Er diskutiert praktische Fragen wie geeigneten Sport, Ernährungsumstellung und Krebsdiät, die Notwendigkeit seelischer Unterstützung und berührt dabei immer die großen Fragen: Wie kann ich mein Leben mit Krebs in der gewohnten Qualität möglichst lange weiterleben? Wie bekomme ich die typischen Müdigkeitsbeschwerden in den Griff? Was kann ich tun, um meine Lebenserwartung zu steigern? Schoenberg beschäftigt sich seit Jahren mit den Möglichkeiten optimierter Krebstherapie, die körperliche Bewegung, gesunde Ernährung und die Verbesserung des seelischen Wohlbefindens durch Psychoonkologie umfasst. In Kombination soll der Patient selbst aktiv etwas für seine Gesundheit tun können und seiner Krankheit aktiv begegnen. Prof. Michael H. Schoenberg: Aktiv leben gegen Krebs. Heilungschancen und Lebensqualität verbessern durch Bewegung, Ernährung und eine stabile Psyche. Piper Verlag München 2016; 352 Seiten; 22 Euro, als E-Book 17,99 Euro

Stefanie Gleising: Meine wundersame Heilung Stefanie Gleising hat ein Wunder erlebt: Ihr Krebs ist weg. „Meine wundersame Heilung“ erzählt „Die Geschichte einer Spontanheilung von Krebs“ und beginnt im Hospiz. Dort will Stefanie Gleising ihre letzten Tage verbringen. Allein: Sie stirbt nicht. Von Tag zu Tag geht es ihr besser, bis sie nach einigen Wochen das Hospiz verlässt und nach Hause geht. Gesund. Kann das wirklich sein? Brustkrebs, Hirnmetastasen, Knochenmarkmetastasen – und trotzdem gesund werden?

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Stefanie Gleising ist einen eigenwilligen Weg gegen den Rat ihrer Ärzte gegangen. Nach der Diagnose und Brustoperation lehnt sie alle Schulmedizin ab, keine vorbeugende Chemotherapie, keine Chemotherapie, als der Krebs wiederkommt, keine Bestrahlungen, nicht einmal Schmerzmittel nimmt sie. Dafür gibt sie viel Geld für alternative und komplementäre Therapien aus. Nicht von allem bleibt selbst sie im Nachhinein überzeugt, und als es für sie schließlich Spitz auf Knopf steht, vertraut sie sich doch der Schulmedizin an. Da ist es dann eigentlich zu spät. Wäre sie überhaupt in diese lebensbedrohliche Situation geraten, wenn sie von Anfang an auch Schulmedizin zugelassen hätte? Hätte es ihrem Körper gut getan, sich mit Schmerzmitteln erholen zu dürfen? Wer vermag das im Nachhinein zu sagen. Fakt aber ist: Stefanie Gleising zeigt einen ungeheuren Lebenswillen und sie räumt systematisch mit ihrem Leben auf. Denn sie führt ihre Erkrankung gezielt auf das traumatische Erlebnis der Geburt ihres ersten Kindes zurück. Jahrelang verdrängt, setzt sie sich nun bewusst damit auseinander und legt so, davon ist sie überzeugt, einen wichtigen Baustein zur Heilung. Mit der Vergangenheit Frieden schließen, unbedingt leben wollen: Das sind zumindest zwei Lehren, die sich aus diesem Buch ziehen lassen.

Stefanie Gleising: Meine wundersame Heilung. Herder Verlag München 2016; 255 Seiten; 19,99 Euro

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Fürsorge für die Menschen in der Region –

EMS steht für soziale Verantwortung

Nur einmal noch das Meer sehen, in die Berge fahren, einfach für diesen einen kostbaren Moment wunschlos glücklich sein: Jeder Mensch hat unerfüllte Träume. Schwer oder unheilbar kranke Menschen wissen, dass sie nicht mehr viel Zeit haben um sie wahr zu machen. Ihnen hilft der vor gut zwei Jahren gegründete Schöllkrippener Verein „Wunsch am Horizont“ und erfüllt Herzenswünsche. Dabei ist er selbst auf Hilfe in Form von Spenden angewiesen. Die Energieversorgung Main-Spessart hat seine Arbeit im vergangenen Jahr mit einer Spende unterstützt, so wie der kommunale Ener-

gieversorger mit Sitz in Aschaffenburg traditionell soziale, karitative, kulturelle und sportliche Initiativen und Events in der Region unterstützt.

mit Strom und Erdgas versorgen, sondern sie auf vielfältige Weise unterstützen“, sagt EMS-Geschäftsführer Thomas Vollmuth.

Vom Mehrgenerationenhaus über den Musikverein bis hin zur Bezirksgruppe Unterfranken – Aschaffenburg – Miltenberg des Blinden- und Sehbehindertenbundes und den Lebenshilfe Werkstätten in Stockstadt profitieren zahlreiche Angebote aus dem Landkreis Aschaffenburg. „Es ist für uns als in der Region verwurzeltes Unternehmen selbstverständlich, dass wir die hier lebenden Menschen nicht nur

Die Energieversorgung Main-Spessart beliefert seit die Region mit Erdgas; Kommunen gehören zu ihrem Versorgungsgebiet. In zahlreiche Kommunen liefert die EMS zudem Strom. Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung sowie Umwelt- und Klimaschutz gehören zu den Kernpfeilern ihrer Unternehmensphilosophie. Kundennähe und Service sind oberstes Gebot. n

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IMPRESSUM

Hummer

statt

Krebs

DAS MAGAZIN FÜR PATIENTEN UND ANGEHÖRIGE RUND UM ONKOLOGIE Herausgeber: Holger Stenger, Sandgasse 30, 63739 Aschaffenburg, Tel.: 0 60 21/2 33 55, Mobil: 0160/96 81 28 45, holger.stenger@t-online.de (Für die inhaltliche Richtigkeit der medizinischen Beiträge ist die Gemeinschaftspraxis Drs. Klausmann, 63739 Aschaffenburg, und nicht der Herausgeber verantwortlich.)

Gestaltung: Die Produktion PrePrint GmbH & Co. KG, Alfred-Delp-Straße 38, 63801 Kleinostheim, sl@die-produktion.de, www.die-produktion.de Redaktion: Susanne von Mach, Strietwaldstraße 18, 63801 Kleinostheim, Tel.: 0 60 27/40 99 43, Mobil: 0175/3 63 37 05, susannevonmach@gmail.com Fotonachweise: Titelseite + S. 5 christophkadur, S. 6/7 John Smith, S. 16 + S. 18 Smileus, S. 20 Marina Lohrbach, S. 22 Angela, S. 25 + 26 corund, S. 28 Eisenhans, S. 36 – 39 ag visuell, S. 40 + 42 picattos, S. 44 Robert Neumann, S. 52/53 Konstiantyn, S. 54/55 Michaël BICHE, S. 56 frugstyle (links) + andrys lukowski (rechts) (alle fotolia), Susanne von Mach Druck: Franz Kuthal GmbH & Co. KG, Johann-Dahlem-Straße 54, 63814 Mainaschaff

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