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Dokumentation der Lehrveranstaltung Ausgewählte Kapitel des Wohnbaus im Wintersemester 2013/14 herausgegeben am Institut für Gebäudelehre | TU Graz, 2014 Institut für Gebäudelehre Lessingstraße 25/IV 8010 Graz Leitung: Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Architekt Hans Gangoly www.gl.tugraz.at www.facebook.com/Gebaeudelehre Lehrveranstaltungsleitung: DI Markus Bogensberger Mag. Robert Temel Studienassistent: Philipp Gasser


AK Wohnbau WS 2013/14 ∂ Bogensberger | Temel ∂ TU Graz

Styria’s Last Top Model - Ausgewählte Kapitel des Wohnbaus Für etwas mehr als zehn Jahre, von 1980 bis etwa 1991, fand in der Steiermark ein Architektur-Experiment statt, das international Aufsehen erregte und ein entscheidender Impuls für die Entwicklung der lokalen Architekturszene war – die Entstehung einer „Grazer Schule“ ist eng damit verbunden. Aufbauend auf umfangreiche Vorarbeiten und einen für die damalige Zeit einzigartigen Meinungsbildungsprozess wurde unter dem Titel „Modell Steiermark“ ein bemerkenswertes Wohnbauprogramm initiiert. Mit breiter Unterstützung durch Landespolitik und Verwaltung konnte eine große Zahl von Projekten realisiert werden. Projektauswahl durch Wettbewerbe, Partizipation der BewohnerInnen, Prüfung der raumplanerischen Qualität, Vielfalt an Wohngrundrissen oder die Beauftragung der Architekturbüros mit der vollen Büroleistung wurden als Rahmenbedingungen festgelegt und auch weitgehend praktiziert. Die experimentellen und innovativen Wohnbauten ermöglichten den oft sehr jungen (und heute meist renommierten) Architekturbüros, ihre Zugänge zu erproben und Referenzprojekte umzusetzen. In AK Wohnbau sollen diese Entwicklung sowie der heutige Zustand der Projekte ermittelt werden, um als Grundlage für eine aktuelle Wohnbaudiskussion zu dienen: Was lässt sich aus diesem Programm lernen? Was würde man heute anders machen? Das „Lernen von“ bestehenden Kontexten ist ein mittlerweile etabliertes Narrativ der architekturtheoretischen Literatur mit einer ersten Hochblüte in den 1970er Jahren: Vom herausragenden Learning from Las Vegas (Venturi, Scott Brown, Izenour 1972) über Chicago à la carte. The City as an Energy System (Boyarsky 1970), Los Angeles. The Architecture of Four Ecologies (Banham 1971), Die Stadt in der Stadt. Berlin das grüne Stadtarchipel (Ungers 1977) bis zu Collage City (Rowe 1978) und Delirious New York (Koolhaas 1978). Das „Learning from“-Projekt zum Modell Steiermark versucht, diese Perspektive leicht zu verschieben. Wir lernen nun nicht mehr von einzelnen Städten, sondern von Programmen, die durchaus an verschiedenen Orten umgesetzt worden sein können. Weitere Beispiele für solche (politischen, sozialen oder kulturellen) Programme sind etwa die Siedlerbewegung, Hausbesetzungen, Baugruppen oder das Parkprogramm in Paris in den 1980er Jahren.

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Arbeitsaufgabe Jede Arbeitsgruppe (5 Studierende) dokumentierte und analysierte ein gebautes Beispiel – einen Wohnbau, der im Rahmen bzw. unter dem Einfluss des Modells Steiermark errichtet wurde, und zwar in Graz oder in der nahen Umgebung von Graz. Zu jedem Projekt wurde ein Interview mit einem der beteiligten Architekten geführt. Zusätzlich führte jede Arbeitsgruppe ein weiteres Interview mit einem wichtigen Akteur des Modells Steiermark, das nicht direkt projektbezogen war, sondern Informationen über das Programm insgesamt liefern sollte. Die Interviews und die Dokumentationen der Projekte wurden in schriftlicher und grafischer Form festgehalten. Weiter hat jede Gruppe einen fünf minutigen Film zu Ihrer Arbeit erstellt. Mit herzlichem Dank an Wolfdieter Dreibholz und die Interviewpartner.

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009 Wohnbau Alte Poststraße - Szyszkowitz /Kowalski 022 Interview Michael Szyszkowitz 025 Interview Eugen Gross 029 Gerlitzgründe Puntigam - Huth/Windbichler 041 Interview Eilfried Huth 044 Interview Irmfried Windbichler 047 Kernhaussiedlung - Schuster/Peyker/Nussmüller 060 Interview Herfried Peyker 065 Interview Hansjörg Luser 069 Wohnbebauung Esserweg - Croce/Klug 080 Interview Ingo Klug 084 Interview Gunther Hasewand 087 Revitalisierung Kielhauser - Martin Strobl 098 Interview Martin Strobl 103 Interview Bernd Schilcher 109 WIST Studentenheim - Klaus Kada 120 Interview Klaus Kada 133 Wohnbebauung Seiersberg - Manfred Wolf-Plottegg 142 Interview Manfred Wolf-Plottegg 145 Interview Hermann Schaller 149 Casa Nostra - Riegler/Riewe 164 Interview Florian Riegler 167 Interview Hansjörg Tschom 171 Fasangartengasse - Hubert Rieß 185 Interview Hubert Rieß 189 Interview Siegfried Kristan


Wohnbau Alte Poststraße Szyszkowitz /Kowalski Dreierschützengasse 28-40 8020 Graz STUDIERENDE Grill Gideon Jakober Lukas Merkl Eva-Maria Postl Markus Vossen Philipp


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn:

Geburtsjahr ArchitektIn Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn: Modell Steiermark: Direktbeauftragung Planung: Ausführung:

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Dreierschützengasse 28-40 8020 Graz Arch. Dipl. Ing. Michael Szyszkowitz O. Univ. Prof. Arch. BDA Dipl. Ing. Karla Kowalski 1944 1941 Dipl. Ing. Gieselbrecht Dipl. Ing. Riegler Rottenmanner Siedlungsgenossenschaft, 43 Wohnungswerber ja ja 02/1981 11/1982 – 11/1984

Mitbestimmung ja/nein, Kurzja / freie Wahl der Wohnungslabeschreibung der Art der Mitbe- ge/-größe, individuelle Ändestimmung rungswünsche wurden umgesetzt, fortlaufender Dialog Geschoßanzahl 3-5 Wohnungszahl, Wohnungen/ha 43 WE, 70 WE/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen 1 / 100% geplant/realisiert Grundstücksfläche: 6.168 m2 Bruttogeschoßfläche: 5.043 m2 Nutzfläche: 3.414 m2 Bebaute Fläche: 1.665 m2 Bebauungsdichte: 0,8 Bebauungsgrad: 0,27 Umbauter Raum in m3: 16.041 m3 Baukosten (o. MwSt., inkl. Aus37.900.000 ATS (2.754.300 EUR) stattung und Baunebenkosten): Baukosten pro Quadratmeter 7.515 ATS (546 EUR) BGF:


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Erschließungstyp (1- bis 4-Spänner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen (Wohnen, Handel, Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum Grünflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Verkehrsflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Spielplatz m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche) Fahrradstellplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche)

2-Spänner Wohnen, Gewerbe

Eigentum 65 m²/WE, ca. 2.800 m2 (45%) 21 m2/WE, ca. 900 m2 (15%) 16 m2/WE, ca. 700 m2 (11%) Tiefgarage; Fahrradkäfige unter den Stiegenhäusern

Anteil Wohnungen/andere Nutzungen Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr)

Tiefgarage: 928 m2

4 WE: 50-60 m2; 16 WE: 70-80 m2; 18 WE: 80-100 m2; 5 WE (Maisonetten): 110-120 m2 Materialwahl (Konstruktion, Fas- Massivbauweise: Ziegel, Beton; sade, Dach, Außenraum) Außenraum: Stahl, Glas, Sichtbeton; Fassade: verputzt; Innenraum: Putz und Holz Publikationen Darstellung zweier Wohnbauten - Szyszkowitz, Michael, 1944 Szyszkowitz + Kowalski - Szyszkowitz, Michael,1944-, Gleiniger, Andrea, 1957Zeitschrift Parametro - Glauco Gresleri Preise und Auszeichnungen Sonderpreis des Großen Österreichischen Wohnbaupreises 13


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Beschreibung Das Projekt Wohnbau Alte Poststraße wurde in den Jahren 1981 bis 1984 in Graz, Dreierschützengasse errichtet. Das Projekt wurde innerhalb des Modells Steiermark als Beteiligungsmodell im Geschosswohnbau ausgeführt und von der Rottenmanner Siedlungsgenossenschaft als Bauherr initiiert. Das Objektgrundstück befindet sich an der Alten Poststraße, welche die Stadt Graz in Nord-Süd Richtung durchzieht. Aufgrund der schwierigen Lage entlang dieser dicht befahrenen Straße und der damit verbundenen Lärmbelästigung war eine besonders komplizierte Ausgangsposition vorhanden. Nach mehreren Anläufen, in welchen der Bauherr versuchte eine architektonische Lösung für einen Wohnbau auf dem Grundstück zu finden entschloss er sich das damals noch junge Architekturbüro Szyszkowitz Kowalski mit dem Bau zu beauftragen. In der Publikation 14

Wohnbau in der Steiermark 1980 bis 1986 spricht das Büro von einer Wettbewerbsrealisierung, obwohl es sich seitens der Bauherren um einen Direktauftrag gehandelt hat. Dies ist mit dem Hintergrund zu erklären, dass der Auftrag aus dem Wettbewerb für das Projekt Wienerbergergründe hervorgegangen ist und mit den notwendigen Modifikationen nun an einem neuen Standort realisiert werden konnte. Da es sich wie oben bereits erwähnt um einen Beteiligungswohnbau handelte und in einem solchen die Wohnungswerber in einem intensiven Dialog mit den Planern stehen ist auch die Arbeit der Mitarbeiter Florian Riegler und Ernst Gieselbrecht hervorzuheben. In einem sehr arbeits- und zeitaufwändigen Prozess wurde auf diese Weise die Architektur des Wohnbaus Alte Poststraße entwickelt. Der Dialog mit den 43 Wohnungswerbern wurde

das ganze Projekt hindurch geführt und ist nun am fertiggestellten Objekt und dessen heterogener Architektursprache eindeutig sichtbar. Aus städtebaulicher Hinsicht befindet sich der Bau in einer Zone mit hauptsächlicher Wohnnutzung. In nördlicher und östlicher Richtung sind mehrgeschossige Wohnbauten in Blockform vorherrschend. Richtung Westen schließt ein Gebiet mit niedrigerer Dichte und Einfamilienhausstruktur an. In südlicher Richtung ist teilweise Blockrandbebauungen vorhanden. Diese sind unterschiedlich ausgeprägt und die Baustruktur ist teilweise unterbrochen und nicht durchgängig, sodass sich zwar Innenhöfe ergeben, diese jedoch einen verstärkten Bezug zur Außenwelt erhalten. Diese Hofsituation wurde auch beim Projekt


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Alte Poststraße aufgenommen. Der Baukörper ist U- förmig und seine offene Seite weist Richtung Osten und bildet eine Art Schutzwall vor der dicht-befahrenen Alten Poststraße und deren Verkehrslärm. Auf diese Weise ergibt sich eine Innenhofsituation welche nach dem Architekturverständnis der planenden Architekten eine ganz besondere Funktion im Bereich des Übergangs vom öffentlichen in den privaten Bereich innehat. Besonders markant sind in diesem Zusammenhang die Treppenaufgänge, die bis weit in den Innenhofbereich hineinragen und so interessante räumliche Beziehungen ermöglichen. Durch das Hineintragen des Privaten in das Öffentliche ergibt sich so eine Situation welche die Funktion des klassischen Treppenhauses als vertikale Erschließungsmöglichkeit stark erweitert. Und dabei ist die Materialität dieser Treppenanlagen in keinem Fall so entscheidend wie deren Verhältnis zum Innenhof.

Ein weiteres markantes architektonisches Merkmal ist die Fassade. Durch das Konzept der Planer bedingt, welches den Bewohnern einen Zugang zu privatem Außenbereich ermöglichen sollte, sowie durch die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten im Grundrissbereich entstand ein sehr stark fragmentiertes Fassadenbild mit zahlreichen Vorund Rücksprüngen. Die besonderen Wünsche der Bewohner kommen hier in eindeutiger Weise zur Geltung. Durch diese Fassadensituation, sowie durch den teilweisen Materialwechsel in den oberen Geschoßen gelingt es dem Gebäude viel niedriger zu wirken als es tatsächlich ist. So wirken die 5 Geschoße die das Gebäude an mehreren Punkten erreicht in keinem Fall so massiv wie bei Projekten der standardisierten Wohnbauproduktion.

chitekten außerdem wichtig die Wohnungen „durchgesteckt“ zu gestalten und eine Ausrichtung nach mindestens 2 Seiten zu erhalten. Weiters sollte es immer einen großen Raum geben, welcher mehrere Funktionen aufnehmen kann und daran angeordnet mehrere kleine Räume welche dienende Funktionen beinhalten sollten.

In Bezug auf die Grundrisse war es den Ar15


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Plandokumentation

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Plandokumentation

Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.30

Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.27

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Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.18

Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.22

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Plandokumentation Plandokumentation

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Plandokumentation

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- Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz:S.22 1987, S.22 12 PlandokumentationSzyszkowitz

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Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.22-23

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Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.22-23

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Plandokumentation

Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.21

Gleiniger Andrea: Szyszkowitz+Kowalski 1973-1993, Berlin: Wasmuth 1994, S.78

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Szyszkowitz - Kowalski: 2 Wohnbauten. Graz: 1987, S.31

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Fotodokumentation

Außenansicht des Wohnbaus - Südseite 20

Eingangsbereich in den Innenhof

Nordseite des Wohnbaus


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Außenseite im Süden - Gartenbereich

Innenhof des Wohnbaus

Eckaufgang - Südwest

Außenseite des Wohnbaus - Norden

Nordseite des Wohnbaus 21


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Michael Szyszkowitz 6.12.2013 Graz - Elisabethstraße Dauer: 45 min Geführt von: Lukas Jakober # Geb. 1944 in Graz, Österreich # Architekturstudium, TU Graz # 1970-1971 Mitarbeit bei Domenig & Huth # Seit 1973 Zusammenarbeit mit Karla Kowalski, gemeinsames Architekturbüro in Graz # 1984–1991 Vizepräsident der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs # 1987-1993 Mitbegründer und Vizevorsitzender und 1994-1999 Präsident des Hauses der Architektur, Graz # 1998-2012 Univ. Prof. an der Technischen Universität Braunschweig # 2003-2005 Dekan # 2005-2007 Prodekan des Fachbereichs Architektur der TU-Braunschweig 22

„Es ist ja nicht eine Architektursprache die man a priori als Architekt machen würde,“ so Michael Szyszkowitz auf die Frage nach der Resonanz des Projekts in der Öffentlichkeit. Das Projekt wurde nur durch die intensive Integration der zukünftigen Bewohner zu dem was es heute ist. Das System funktioniert indem der Planer ein architektonisches Vokabular zur Verfügung stellt und die Wohnungswerber sich selbst ihren Lebensraum zusammenstellen. Es gibt ein Grundsystem an Größen von Räumen die vom Architekten schon vordimensioniert werden und zwischen welchen man wählen kann. Dieses System ging sogar soweit, dass sich die Bewohner ihre ideale Positionen innerhalb des Gebäudekomplexes mit den dazugehörigen Freiflächen aussuchen sollten, damit jeder seiner Idealvorstellung nach wohnen konnte. So bringt das Wohnen in den verschiedenen Geschoßen unterschiedliche Möglichkeiten

in Bezug auf den Außenraum mit sich. Im Erdgeschoß ist es möglich den Garten direkt zu betreten; im ersten Stock kann dies mittels einer Außentreppe ebenfalls noch erreicht werden, während man im Zweiten Obergeschoß schon eine Terrasse benötigt um in den Genuss eines Außenraumes zu kommen und sich im Dritten Obergeschoß bereits der Weg aufs Dach anbietet. „Total anders!“ entgegnet Michael Szyszkowitz auf die Frage wie den das Projekt Alte Poststraße aussehen würde, wenn es im Jahr 2013 entstehen würde. Gleichzeitig relativiert er jedoch seine Aussage und spricht einige Grundprinzipien an, welche damals wie heute ihre Gültigkeit hatten und weiterhin haben. Eines dieser Grundprinzipien ist das Verhältnis von öffentlichem Raum zu privatem Raum. Durch die Gebäudeform welche auf den ersten Blick den Innenhof wie ein Schutzwall von der dicht befahrenen Straße trennt lässt sich


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dieses Prinzip leicht erklären. Der Straßenraum fällt ganz eindeutig in den Bereich einer öffentlichen Zone und man versucht diese gezielt in den Innenhof, einer Zone mit einem höheren Grad an Privatheit zu erweitern. Es entstehen dadurch Orte welche halb öffentlichen und halb privaten Charakter vorweisen und dadurch ein interessantes Spannungsfeld dieser beiden Pole darstellen. Besonders ist in dieser Hinsicht auf die Treppen hinzuweisen welche im Hinblick auf deren Interaktion eine besondere Rolle vorweisen. Auf die Frage nach einer Neuauflage des Modells Steiermark fordert Michael Szyszkowitz potentielle Investoren dazu auf sich wieder verstärkt in diese Richtung zu bewegen. Weiters hebt er Bemühungen der Politik, in diesem speziellen Fall der Stadt Graz heraus, der architektonischen Qualität der gebauten Umwelt wieder mehr Platz zu geben. So ist es

bei Wohnbauten mit einer verbauten Fläche von über 2000m2 nötig, das diese einem Gestaltungsbeirat vorgelegt werden, was nach Ansicht von Herrn Szyszkowitz zu einer Qualitätssteigerung beitragen kann. Weiters führt er an, dass es in erster Linie um politische Willensbildung geht und sollte sich eine politische Institution dazu entschließen wieder Wohnbauten in gesteigerter Qualität zu fordern, könnte seitens der Architekten auf alle Fälle darauf reagiert werden. Als Mittel zur Qualitätssteigerung sieht er den Wettbewerb, welcher jungen Architekten gleichzeitig die Chance bieten kann, auf sich aufmerksam zu machen und sich im Feld der experimentellen Architektur zu betätigen. Dieser experimentelle Zugang zur Architektur fehlt nach Einschätzung von Herrn Szyszkowitz heute völlig. Heute werde „alles verkauft bevor der erste Spatenstich passiert“; es gehe um eine möglichst schnelle Baufertigstellung und um

Risikominimierung. „Keiner überlässt sich dem Risiko experimentell zu bauen und dann kommt vielleicht niemand“, so Michael Szyszkowitz im Wortlaut. Über die Entstehung des Projekts gefragt weist Michael Szyszkowitz auf die entscheidende Position von Landesrat Schaller zurück, der in seiner Person wesentlich zum Entstehen des Modells Steiermark beigetragen hat. Weiters wird die damalige gesellschaftliche Aufbruchstimmung mit als Grund für die Projekte in dieser Zeit genannt. Nach der massenhaften Wohnbauproduktion in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wollte das Modell Steiermark das Wohnen und die Architektur in einer neuen Qualität miteinnander verbinden. Als besondere Eigenschaft weist Michael Szyskowitz erneut auf das Partizipationsmodell der Bewohner hin, welches seiner Meinung nach besonders im Projekt Alte 23


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Poststraße von Bedeutung war, da es sich hier um Eigentumsmodelle handelte. Das Thema der Mitsprache stellte für das junge Architekturbüro eine große Belastung dar, denn eine zu große Anzahl an Personen nahm an den Gesprächen mit den Architekten teil und diese wurden dadurch erschwert. Sollte in Zukunft eine ähnliche Situation entstehen würde man diesen Prozess anders organisieren und die Anzahl an Ansprechpersonen auf ein Mindestmaß reduzieren. Ein Modell eines Haussprechers sollte seiner Meinung nach angedacht werden um so einen Teil der Themen schon vorab innerhalb der Bewohnergruppe abzuklären um im Gespräch mir dem Architekten effektiver bearbeiten zu können. Was Michael Szyszkowitz besonders hervorhob war die Heterogenität in der Architektursprache die sich dadurch ergab: „Die Sprache der Architektur wurde sehr stark von der Mitsprache beeinflusst.“ Weiters war die Zusam24

menstellung der Bewohnergruppe eine sehr Vielschichtige und bestand aus Juristen, Lehrern, Steuerberatern und Grafikern. In Bezug auf Vorbilder des jungen Architekten Szyszkowitz wurde außerdem die Terrassenhaussiedlung in St. Peter der Werkgruppe Graz besprochen, welche seiner Meinung nach in einzigartiger Art und Weise mit dem Thema Verdichtung in der Höhe umgeht und in dieser Form einzigartig in Europa ist. In einer allgemeinen Reflexion zum Thema Modell Steiermark führt Michael Szyszkowitz außerdem den besonderen gesellschaftlichen Wandel zu jener Zeit vor Augen. „In Zeitungen ist Architektur wieder von der Wirtschaftsseite in den Kulturteil gerutscht.“ Er führt dies in besonderem Maße auf die Umstände der Erhöhten Wertschätzung des Wohnbaus zurück, wobei es nicht mehr bloß um eine schnelle und billige Art und Weise ging Wohnraum zu erzeugen, sondern auch

um eine qualitative Architektur mit Wiedererkennungswert. Auch die politischen Verantwortungsträger hätten in jener Zeit erkannt, das man mit gutem Wohnbau gute Politik machen könne und deshalb verstärkt auf diesen Weg gesetzt. Im Hinblick auf das gesamte Interview, welches ca. 45 min gedauert hat und aus 13 Fragen aufgebaut war ist die besondere Präzision mit der Michael Szyszkowitz auf die Fragen geantwortet hat hervorzuheben. Auch bei Fragen, die sehr ausführliche Antworten erforderlich machte war es zu jedem Zeitpunkt möglich seiner logischen Folge von Argumenten, Beschreibungen und Beispielen zu folgen. Wurde die primäre Fragestellung des Interviewers nicht oder nicht genügend beantwortet, war es möglich in diesem Bereich noch einmal nachzuhaken und eine genauere Darstellung des Sachverhaltes zu fordern.


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Eugen Gross 4.12.2013 Graz - Tribeka Leonhardstraße Dauer: 50 min Geführt von: Eva-Maria Merkl # geb.31.5.1933 in Bielitz, Ost-Schlesien # Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Graz # Nach Studienabschluss Tätigkeit beim Amt der Stmk. Landesregierung # 1971 Gastprofessor an der Washington University, St. Louis, Missouri # Von 1982 an Arbeiten im In- und Ausland in Projektgemeinschaft PLANCONSULT AUSTRIA # Ab 1987 Tätigkeit in eigenem Büro # 1990/91 Vorsitzender des Landeskulturbeirates Steiermark # 1989-1999 Lehrer an der Grazer Ortweinschule, Höhere Technischen Bundesanstalt für Bau, Kunst und Design

In erster Linie war es für uns eine Ehre, so einen bekannten Architekten zu einem Interview zu bewegen. Vorrangig zu sagen ist, dass das Interview um die 70 Minuten gedauert hat. Das Thema, welches wir anhand der Fragestellung bearbeiteten, war die Konstituierung des Modells Steiermark um 1980. Warum Eugen Gross? Er und die Werkgruppe Graz waren Vorreiter der partizipativen Architektur in Graz. Die Terrassenhaussiedlung im Speziellen ist ein gebautes Beispiel, wie man mit unterschiedlichen Denkweisen und mit Unterstützung der Politik Wohnraum schaffen kann, in dem es möglich ist, den Raum zwar zu verdichten, jedoch für jeden einzelnen Bewohner einen individuellen Bereich zu erzeugen und diesen dann auch gestaltbar und adaptierbar für die unterschiedlichsten Bewohner und deren Nutzungen zu machen. Auf die Fragestellung was die persönlichen Intentionen bei der Terrassenhaussiedlung

waren, gab uns Herr Gross einen kurzen Überblick über die Parameter, die sie damals für die Bewohner der Häuser aufgestellt haben. Ein wichtiger Punkt war es, dem Bewohner das Gefühl zu geben, als ob sie in einem eigenen Haus leben würden. Die Terrassenhaussiedlung hatte auch zu dieser Zeit eine sehr große internationale Resonanz. Herr Gross schilderte uns auch, dass er selbst gerne noch in der Siedlung ist. Vielleicht ist die architektonische Konzeption nicht mehr zeitgemäß, doch das soziale Gefüge dahinter ist nach wie vor stimmig und funktioniert. Wir fragten wie das Modell Steiermark entstand. Er antwortete, dass der Name vom Modell Steiermark ein ursprünglicher Begriff für die Weiterentwicklung von Architekturbestimmungen der Grazer Stadtpolitik im Wohnbausektor war. Dieses Modell war ein politisches Programm, 25


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welches vom Landeshauptmann Krainer ins Leben gerufen wurde. Herr LH Krainer war sich bewusst, dass er ein Zukunftsprogramm im Wohnbau für die Steiermark entwickeln und ins Leben rufen muss. „Wir waren Mitträger dieses Modells Steiermark, im Grund genommen haben wir diesen Begriff „Modell Steiermark“ in die Welt gesetzt und zwar haben wir es verstanden als Entwicklungsmodell Steiermark im speziellen Aspekt der Umwelt. Das stand damals im Vordergrund, weil die Städte durch sehr starke Zersiedelung gekennzeichnet waren.“ In Folge dessen wurden für kleine Diskussionsgruppen Architekten eingeladen um deren Vorstellungen darzulegen. Bei den Diskussionen stellte sich heraus, dass man Städtebau und Wohnbau zukunftsweisend behandeln muss, da das Modell der Wohnbauten in der Nachkriegszeit ausgedient hat und Wohnbauten mit sozialen sowie ökonomischen Aspekten gefordert wurden. Der An26

satz war es, möglichst viele Wohnungen oder Wohnbauten zu schaffen. Erstmalig wurde auch das Verständnis von Seiten der Politik geschärft. Ein wichtiger Punkt bei dem Modell Steiermark war auch die ökologische Betrachtung jenes Konzeptes. Es sollten keine Ressourcen verschwendet werden und mehr Bezug zur Umwelt hergestellt werden. Auf die Frage welche Programmbedingung es für die Wohnbauten vom Modell Steiermark gab, antwortete Herr Gross, dass die Stadt Graz im Wohnbausektor keine Hochhäuser errichten wollte. Da die Qualität des Wohnens für Familien nicht gut sei und da der Bezug zur Natur und des Garten fehle. Daraus folgte, dass der Geschosswohnbau in Graz nicht höher als fünf bis sechs Geschosse sein sollte. Die Partizipation war sowohl für die Terrassenhaussiedlung als auch für das Modell Steiermark ein wichtiges Thema um den Mietern die Möglichkeit zu geben, sich selbst den

Wohnraum nach eigenem Ermessen zu konfigurieren. Die Bewohner konnten im Vorhinein die Grundrisse mit vorgegebenem Parameter verändern. Jedoch wurde die Frage der Partizipation nur anhand der Terrassenhaussiedlung von Herrn Gross erklärt und nicht anhand des Modells Steiermark. Die Werkgruppe Graz übernahm auch das Werkzeug der Mitsprache für andere Projekte – zum Beispiel, wie das Haus Schwarz. Auf die Frage ob das Werkzeug der Mitsprache in der gegenwärtigen Wohnbauplanung noch vorhanden ist, entgegnete uns Herr Gross, dass die Intensität der Einbeziehung gegenwärtig nicht mehr so im Vordergrund steht wie damals. Er meinte, dass die Genossenschaften und Wohnbauträger unterschiedliche Objekte planen und sich der Mieter dann aussuchen kann, wo er gerne leben würde. Herr Gross schrieb einige Texte und Kritiken zu den unterschiedlichsten Bauten. Unter


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anderem war das Projekt von Szyszkowitz/ Kowalski (Alte Poststraße) auch dabei. Bei diesem Projekt sei der Einfluss der Bewohner ein wichtiger Punkt gewesen. Auch die Architekten hätten eine formale Leitidee gehabt, womit sie die Partizipation sowie die Gemeinschaftlichkeit nach vorne gebracht hätten. Herr Gross meinte, dass das Büro von Szyszkowitz und Kowalski eine sehr skulpturale Architektur baut, was auch unter anderem ein Teil der Grazer Schule ist. Wichtiger Punkt bei dem Modell Steiermark ist, dass sich die Bewohner sehr stark mit deren Bauten identifizieren, da sie ein Teil des Planungsprozesses waren und sie mitgestalten konnten. Herr Gross meinte, dass hauptsächlich Architekten der Grazer Schule am Modell Steiermark beteiligt waren. Die Architekten dieser „Schule“ strebten mit dem Werkzeug der Beteiligung eine starke soziale Identifikation an, was sicher einer der wesentlichen Punkte war, weshalb das Modell Steiermark über die

Grenzen hinaus bekannt wurde. Auch Architekten vom nationalen Zirkus kamen nach Graz um solch ein Programm der Mitbestimmung und formalen Ausprägung in das eigene Repertoire zu übernehmen. Jedoch war sehr viel Überzeugungsarbeit der Architekten nötig. Auch ein starker Lernprozess in der Politik und von Behörden war unumgehbar um so etwas zu ermöglichen. Das Ende des Modells Steiermark wurde durch das politische Programm abgeschwächt, da nicht mehr entsprechende Grundstücke dafür zur Verfügung gestanden sind um solche experimentellen Bauten zu errichten. Ein Aspekt war auch jener, dass Privatwohnbauträger ins Geschäft einstiegen und somit die Vorgaben der Wohnbauten vom Modell Steiermark an Bedeutung verloren. Wettbewerbe wurden auch kaum mehr im Wohnungssektor in Graz durchgeführt. Der Aufwand der Durchführung solcher Projekte war sehr hoch, weshalb sich das Architektenteam vom Modell Stei-

ermark gefragt hat, ob sich dies überhaupt lohnt. Die Architekten wurden nicht zusätzlich honoriert, sie mussten, obwohl ein erheblicher Mehraufwand für sie entstand, mit der gleichen Entlohnung zufrieden sein. Dies minderte sicher auch die Lust und die Anzahl der beteiligten Architekten. „Es hat schon am Engagement der Architekten gelegen. Und es haben einige Architekten, welche sehr engagiert waren, erfahren müssen, dass der Aufwand zur Durchführung solcher Projekte sehr groß war. Wir haben uns damals schon oft gefragt: „Können wir uns das überhaupt leisten?“ - so Eugen Gross.

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Gerlitzgr端nde Puntigam Eilfried Huth, Irmfried Windbichler Am Leopoldsgrund 8055 Puntigam STUDIERENDE Nikolina Curic Marie Theres Baumgartner Camillo Rezieri Marina Novaes de Camilo Lucas Castro


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn

Am Leopoldsgrund 8055 Puntigam Eilfried Huth 1930

Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn:

Irmfried Windbichler Interessentengruppe Stadt Graz

Planungsumfang beim Architek- Alles inkl.: Entwurf, Einreichung, ten/bei der Architektin: Bauleitung Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Planung: Ausführung: 32

Nein Direktbeauftragung

1975-1977 1977-1983

Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art der Mitbestimmung Geschoßanzahl Wohnungszahl, Wohnungen/ha BewohnerInnenzahl, BewohnerInnen/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen geplant/realisiert

Ja, Fassade und Raumanzahl

Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche:

150 m2 130 m2

Bebauungsdichte:

0,5

Umbauter Raum in m3:

450-500 m3

2-3 66, 33/ha 3,5/ha 2


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Baukosten pro Quadratmeter BGF:

2.200,00 Schilling

Erschließungstyp (1- bis 4-Spän- 1-Spaenner ner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen (Wohnen, Handel, Wohnen Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum Eigentum Spielplatz m2/WE, m2 absolut 10 m2/WE (Anteil Grundstücksfläche) Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl 1 (Anteil Grundstücksfläche) Fahrradstellplätze pro Whg, 1 Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche)

Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr) Anteil Singles, Paare, Familien, WGs

3-4 Zimmer Jungfamilien

Energiesysteme, EnergiesparFernwaerme, Gastherme, Vollmaßnahmen waermeschutz Materialwahl (Konstruktion, Fas- Ziegel, Eternith-Dach, VWS sade, Dach, Außenraum) Publikationen Preise und Auszeichnungen

Steirische Berichte steir. Architekturpreis 1983

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Beschreibung „Gerlitzgründe“ ist ein Versuch dem sozialen Wohnbau in freier Entscheidung durch Beteiligung und Mitbestimmung – anstelle der Zuweisung von Mindestnormwohnungen für sozial und materiell schlecht gestellte Jungfamilien – gerecht zu werden.1 Der Architekt Eilfried Huth hat wohl zweifellos den risikoreichsten und auch umstrittensten Weg eingeschlagen. Er hat in den realisierten Mitbestimmungs- und Mitbeteilungsmodellen die historische Rolle des Architekten geradezu „existentiell“ in Frage gestellt. Trotzdem dürfte in den entscheidenden Weichenstellungen die Stimme des Architekten gehört worden sein, das heißt, der Entscheidungsprozess, vor allem was die gemeinsamen Probleme betrifft zB Dachform, Material, Außengestaltung, usw. ist sicher ohne die Leistung des Architekten undenkbar. Der wichtigste Beitrag dieser modellhaften Arbeit liegt aber zweifellos im „Quantensprung“ von der üblichen individuellen Betreuung des „Klienten“ durch den Architekten zur Gruppe, wobei gerade durch die Eigendynamik der Gruppe eine neue Qualität erreicht und das Engagement des Architekten um ein Vielfaches gesteigert wurde. Auch das „architektonische Produkt“ erhält dadurch einen neuen Stellenwert, vor allem was die Möglichkeiten der Selbstdarstellung in und der Identifikation mit der Gruppe betrifft. Jedenfalls zeigt das Mitbestimmungsmodell Graz-Puntigam, 34

dass auch im unteren Bereich der sozialen und ökonomischen Schichten und unter den eingeschränktesten wirtschaftlichen Bedingungen architektonisches Handeln möglich ist und dass es heute vielleicht noch eher am Rezipienten liegt, die damit verbundene „Alltagsästhetik“ in ihrer Substanz zu erkennen und zu bewerten. Wenn es heute in der Steiermark bereits eine auch international vergleichbar große und lebendige Szene der Auseinandersetzung mit solchen Wohnmodellen gibt, dann ist zweifellos Eilfried Huth daran entscheidend beteiligt. Das Projekt wurde von der Stadt Graz auf stadteigenen Gründen initiiert (Stadtrat Edegger und Stadtrat Pammer). Die Jungfamilien, ausgewählt aus der großen Zahl der Wohnungssuchenden, informieren sich zuerst und werden beraten. Dann folgen die Bildung einer Interessengemeinschaft mit gewähltem Bauausschuss zur Selbstverwaltung und die Betreuung der Beteiligungsplanung durch den Architekten. Der Gemeinderat der Stadt Graz erteilt dem Projekt auf der Grundlage des Konzeptes des Architekten Eilfried Huth – nach dem Vorbild der Schensiedlung in Deutschlandsberg – seine Zustimmung. Über Vorschlag der Fraktionen wird proportionsgemäß die ÖVP-nahe GWS-Heimstätte dem 1. Bauabschnitt und die SPÖ-nahe Ennstal-Neue Heimat dem 2. Bauabschnitt zugeordnet. Die Realisierung der Wohnun-

gen beginnt im Herbst 1977 (1. Bauabschnitt) nach jahrelangem, mühevollem Weg der kleinen Schritte und der angepassten Strategien. Frühjahr 1979: Baubeginn für den 2. Bauabschnitt. Fertigstellung und Bezug der Wohnungen ab Mitte Mai 1981. Die Beteiligungsplanung bestand aus Einzelgesprächen mit Entwicklung der räumlichen Organisation der Wohnungen und Gruppengesprächen, um Nachbarschaftsanliegen und Einsprüche diskutieren zu können, bis hin zur Erstellung eines Farbkonzeptes. Wöchentlich fanden Gesprächsrunden des Bauausschusses und oft Versammlungen aller Familien statt. Die Mietwohnungen eskalieren zum anonymen Hausherrn, zum „großen Bruder“, und bedrohen mit ihrem Milieu die Selbstverwirklichung. Miete, hierarchisch organisiert, erhöht Fremdbestimmung und parteipolitischen Einfluss und widerspricht sozialdemokratischen Ansprüchen. Die Wohnung im Eigentum,, ohne Sozialbindung und Einordnung ins Kollektive, artet in Egoismus aus und führt zu Privilegien. Gesamt gesehen entsteht so ein deutlich sinnlich wahrnehmbarer Unterschied zur Monotonie üblicher Norm-Wohnbauten.


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Plandokumentation Lageplan

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EG

1. OG

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Fotodokumentation

Sued-Ost-Ansicht Foto: Marie Theres Baumgartner 38

Die Gartenhuetten sind spaeter gebaut worden Foto: Marie Theres Baumgartner

Sued-West-Ansicht Foto: Marie Theres Baumgartner


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Ansicht vom Spielplatz Foto: Marie Theres Baumgartner

Westansicht Foto: Marie Theres Baumgartner

Beispiel fuer neue Fassade eines Hauses d. Gerlitzgruende Foto: Marie Theres Baumgartner

Tiefgarage Foto: Marie Theres Baumgartner 39


AK Wohnbau WS 2013/14 ∂ Bogensberger | Temel ∂ TU Graz Erschließung KFZ Erschließung Fußgänger

Erschließung des Komplexes Fotos: Google Maps / Marie Theres Baumgartner 40


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Interview I Ort: Opernring 14 Dauer: ca. 1 Stunde Geführt von: Marie Theres Baumgartner, Nikolina Curic Kurzbiographie Eilfried Huth Huth besuchte für drei Jahre die Nationalpolitische Erziehungsanstalt Sponheim, welche im Stift St. Paul im Lavanttal untergebracht war. Er studierte von 1950 bis 1956 an der TU Graz und hatte von 1963 bis 1975 eine Bürogemeinschaft mit Günther Domenig in Graz und München. Von 1971 bis 1972 hatte Huth eine Gastprofessur an der Gesamthochschule Kassel inne, 1985 bis 2002 war er Professor an der Hochschule der Künste in Berlin.

Die Siedlungen mit Mitbestimmung und Mitbeteiligung waren initiiert von Klauser mehr oder weniger aber auch meine Ideen. Es fand ein Gedankenaustausch statt und ich habe ihm die Idee anbringen können. Die Eschensiedlung in Deutschlandsberg war das erste Projekt damals in 1979. Das Modell Steiermark war sozusagen eine Reaktion darauf, initiiert von Schaller, Kreiner und Treibholz. Das war erst 1975, 1976. Domenig und ich haben 1974 die steirische Akademie beauftragt bekommen und das hat Baukultur geheißen und damals haben wir schon den Schwerpunkt auf Mitbestimmung gelegt. Wir haben freie Hand gehabt. Damals war es auch ein Anstoß, wo Absolventen auch interessiert waren, wie zum Beispiel Janosch, der später nach Weimar ging, um Professor zu werden. Es waren viele Leute, die damals aktiv waren um dieses Thema Mitbeteiligung herum. Schaller und Treibholz haben es dann definiert und es ist damals

nicht nur um Mitbestimmung gegangen, sondern auch um die Neuordnung von Raumordnung. Das Raumgesetz 1974 ist noch einmal überarbeitet worden. Der Großteil der Wohnbauleistungen waren zu 1/3 Eigenleistungen nach dem Krieg. Die Eschensiedlung war die Erste, wo die Stadtgemeinde das verhindern wollte und hat ein großes Grundstück zur Verfügung gehabt um es für Häuslbauer zur Verfügung zu stellen. Der Bürgermeister war gegen und wollte eine verdichtete Flachbebauung. Durch den Kontakt von früher hatte ich ein Konzept erstellt im Laufe von 20 Jahren. Etappenweise sind 100 Wohneinheiten entstanden. Da das möglich war, ist es Klauser gelungen, dass die Wohnbauförderung auch für den verdichteten Flachbau gewährt wurde. Das entscheidende bei den Gerlitzgründen war, dass sie ohne Genossenschaft entstan41


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den sind. Das war unser Slogan damals, weil die gemeinnützigen Wohnbauträger haben wir als eigennützig und gemein empfunden. Die Betreuungsgebühr war damals relativ hoch, zusätzlich gab es immer wieder Verluste auf Seiten der Bauträger. Es gab immer die Möglichkeit, dass Gemeinden auch als Wohnbauförderungsträger auftreten, das haben allerdings die wenigsten gemacht. Die Ennstaler haben aber bei der Eschensiedlung mitgearbeitet, zufrieden waren wir aber nicht damit. Daher hatte die Gemeinde die Oberaufsicht. Jeder Bauabschnitt war ein eigener Förderungskörper. Diese waren verantwortlich, dass das Geld richtig umgesetzt wird. Ohne Genossenschaft in einer Gruppe zu bauen scheiterte dann an der Politik welche darauf bedacht war, dass die Genossenschaften auch weiterhin involviert bleiben und die Betreuung über haben. Und damals gab es nun das Projekt Gerlitz42

gründe in Puntigam und dass das alles so verlaufen ist, verdanke ich dem damaligen Vizebürgermeister Edegger, der offen für neue Ideen war. Wir hatten bei Besprechungen den Stadtrat überzeugt, auch mitzumachen. Es ist gelungen in Puntigam für 66 Wohneinheiten so etwas zu machen. Dann sind die roten und schwarzen Genossenschaften gekommen und da sagte ich, dass wir einen Bauabschnitt rot und den einen schwarz machen. Ich habe gehofft, dass sie sich dadurch gegenseitig kontrollieren, wobei sie sich dann zusammengetan haben. Die Obmänner und die Presse und das TV waren sofort eingeschalten. Es wurde in den Zeitungen gemeldet. Einer der Obmänner der roten Genossenschaft wurde dann aber suspendiert. Damit haben wir aber viel Spielraum gehabt um zu planen. Windbichler hat bei mir gearbeitet und hat dann den Wettbewerb in Bad Hartmannsdorf

gewonnen, wo er das Mitbestimmungsrecht weitergeführt hat. Inzwischen ist es grüner geworden und die Häuser haben Gartenhäuser dazu gebaut. Es hätte eine Bauhütte entstehen sollen, Baufirmen hätten ihre Einrichtung nicht mobil, sondern fest installieren müssen in Form von Container, die dann dort erhalten bleiben als Siedlungszentrum. Dieses Thema habe ich in Deutschlandsberg gemacht und die Bauhütte hatte dann auch später funktioniert, bis die Leute zu laut bei Partys wurden und die Hütte wurde dann abgerissen. In der Planungsphase durften wir im Gemeindeamt machen. Wir haben es kund gemacht, dass Häuslbauer in Reihenhäuser untergebracht werden. Und dann haben sich die Leute gemeldet, die interessiert waren. Kamen ins Gemeindeamt und erfuhren, was wir vor hatten.


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Der soziale Charakter geht aber ein bisschen verloren. In Puntigam waren es lauter Familien, die auf der Liste waren, haben damals in Kellerwohnungen gewohnt. Jungfamilien, die nicht materiell nicht gut gestellt waren. Es war keine Miete, sondern Eigentum bei den Gerlitzgründen. Und das wirft wieder Probleme mit dem Baugrund, man musste das sinnvoll regeln. Es gab viele Hürden. In Graz haben wir erreicht, dass es eben ein Baurecht gibt. Es gibt keine rechtliche Formulierung für Baurecht, haben wir damals herausgefunden und somit haben es die Leute mit niedrigem Preis gekauft, was die meißten gemacht haben, die Grundstücke waren ja auch klein. In der Eschensiedlung kauften die Leute ebenfalls die Gründe, die Stadtgemeinde hat es zum Selbstkostenpreis weitergegeben, hatten keinen Profit daraus. Das sind die Gründe, die ein solches Projekt schwierig machen. Ich denke aber, dass die Mitbestimmung sehr

wichtig ist, auch im Geschoßbau. Zum Beispiel in Ragnitz und Deutschlandsberg. Mitbestimmung engt sich ein beim Geschoßbau. Aber auch hier gibt es Rahmenbedingungen. Projekt muss fix und fertig erstellt eingereicht werden. Aus der Mitbestimmung sind Zwischenelemente gekommen. Im Geschoßbau ging es weniger um formale Sachen, im Gegensatz zu Puntigam, wo die Leute auch Kamine wollten. Zu Domenig: Eschensiedlung war 1975 der Grund, warum wir uns getrennt haben. Domenig baute mehr expressionistisch.

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Interview II Ort: Bischofplatz 1 Dauer: ca. 30 Minuten Geführt von: Marie Theres Baumgartner, Nikolina Curic Kurzbiographie Irmfried Windbichler Studium an der technischen Universität Graz Praktikum/ Mitarbeit in den Büros von: Team a Graz Eilfried huth Selbständig seit 1982 Mitglied bei: Vorstand Haus der Architektur bis 2005 HDA Vorsitzender 2004-2005 2005 – 2008: Kuratorium Haus der Architektur Grazer Altstadtsachverständigenkommission 1994-1999 Vorstand Architektenkammer Graz 1995 – 1999 44

In den 68er Jahren, ging es um die Selbstbestimmtheit, dass man sich eben beteiligt, und das Ganze als demokratischen Prozess sieht. Wohnbaugenossenschaften haben das nicht so gut aufgenommen. Die Stadt Graz hat aber damals versucht, für Jungfamilien, die finanziell schlechter gestellt waren, Wohnraum zu schaffen. So ist das Projekt entstanden. Genossenschaften haben prophezeit, dass das Ganze scheitert, weil das natürlich sehr arbeitsintensiv war. Wir haben alle für sehr wenig Geld gearbeitet. Eilfried Huth hat damals wirtschaftlich sehr knapp überlebt, um dieses Projekt zu machen. Was man als Belohnung hat sind die zufriedenen Besitzer. Es waren wirklich junge Familien, die damals kein Geld hatten und somit den Wohnraum aber bekamen. Der Trick war, dass sie den Grund für die Häuser nicht kaufen mussten, sondern im Baurecht übertragen bekommen haben, sozusagen eine Miete für 99 Jahre, ein juristischer

Trick den Eilfried Huth damals ausgegraben hat. Mit diesem Trick ist es möglich gewesen mit Wohnraumförderung und Ersatzkrediten usw. in dieses Projekt einzusteigen. Wir hatten ein einfaches System, nämlich 7m breite Einzelgrundstücke, 5 Häuser in einer Reihe, dazwischen die Tiefgarage. In diesen 7 Metern war alles möglich im Rahmen der Wohnbaugröße, die damals 130m2 betrug. Wir haben eine Art Splitlevelsystem gehabt, so dass mit der Erschließung wenig Verkehrsfläche verbraucht wurde. Die Häuser sind nur teilweise unterkellert, was auch billiger war. Mit der Dachform war es möglich das Haus mit Dachboden zu versehen. Es entstanden sehr viele, sehr individuelle Entwürfe. Wir setzten uns mit den Familien zusammen und mit leerem Blatt Papier angefangen ungefähr zu fragen „Was brauchts ihr? Wie viel seit ihr? Wie wohnt ihr?“, mit jeder Familie einzeln, in wöchentlichen Abständen. Die Familien kamen dann immer


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wieder, es wurde weiter besprochen und weiter entwickelt. Wir haben alles Mögliche ausprobiert, nämlich den Splitlevel einmal längs, einmal quer. Es war alles in den Baukosten drinnen, jedes Haus ist ein individuelles Haus, etwas was sich die Leute in ihrem Leben hätten nie leisten können, dass sie sich ein Haus bauen, welches auf ihre Wünsche zugeschnitten ist. Sie sind dann immer wieder zur Baustelle gekommen, um zu sehen, wie weit das Ganze ist und konnten es sich das erste Mal auch räumlich vorstellen. Dann haben sie angefangen, Eigenleistungen zu machen, was auch Teil des Systems war, dass die Leute möglichst viel selber machen, weil es Geld spart. Es war damals gegen die Regeln, was aber auch zu dieser Zeit erlaubt war. Heute hat jeder Angst vor Normen. Auch bei der Farbgebung haben sie alle mitgearbeitet. Modelle in 1:50 wurden auf der Baustelle aufgestellt, es wurden die originalen Fassadenfarben besorgt und mit

einem Pinsel wurden die Modellhäuser dann auch angemalt. Es wurde dann auch realisiert, was die Nachbarn damals ziemlich aufgeregt hat, weil die Häuser sehr bunt geworden sind. Es gab dann im Projekt zwei Baustufen. Die erste Baustufe waren Handwerker, Leute die wussten, man muss was selber tun, um auch etwas zu bekommen. In der zweiten Stufe, hat sich das dann auch herumgesprochen, wie man zu diesen Wohnungen kommt. Lehrer und Beamte haben dann angefangen Briefe zu schreiben, die Briefe habe ich aber alle weggeschmissen und gesagt, wenn sie was von ihm haben wollen, dann sollen sie zu ihm kommen. Ich wurde 10 Jahre später zu einem Fest der Bewohner eingeladen worden, sowie zu einem Fest in Thal, wo das Nachfolgeprojekt gebaut wurde. Diese Häuser waren dann für die besser gestellte Schicht gebaut worden. Es ist schön, dass sich die Bewohner nach so langer

Zeit erinnern, was man für sie damals gemacht hat. Frage: Was war Ihre Rolle? Meine Rolle war eine ganz tolle, ich war frisch vom Studium, hab ein Jahr gearbeitet und der Eilfried Huth hat mich dann für dieses Projekt geholt. Ich bin sozusagen ins kalte Wasser geschmissen worden. Es war damals die Konstellation, die es möglich gemacht hat, in dieses Projekt einzusteigen. Damals wurden 5 cm Styroporplatten verwendet, heute fängt man bei 15 cm an und damit waren wir die Vorreiter, da es damals nicht bzw. nicht oft gemacht wurde. Frage: Gab es irgendwelche größeren Probleme? Es gab ein paar kleinere Konflikte, an die ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Es hat 45


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sich innerhalb der Gruppen alles geregelt. So was wie erweiterte Arbeitskreise. Mit den ausführenden Firmen hat es auch keine Probleme gegeben. Frage: Was würden Sie heute anders machen bei so einem Projekt? Schwierige Frage. Ich denke, dass wir das damals sehr gut gemacht haben. Das wichtigste war die Begeisterung auf allen Seiten und ich glaube, so eine Begeisterung trägt jedes Projekt und das braucht man immer zum Arbeiten. Unter Einhaltung der Vorschriften, könnte man so ein Projekt nie so fertigstellen. Frage: Eschensiedlung ein Vorbild für dieses Projekt? Ja, die Eschensiedlung war der Vorläufer, das erste Projekt von Huth in dieser Art. Die Eschensiedlung hat den Weg bereitet für so eine Art von Planung. 46

Frage: Haben Sie etwas mitnehmen können, was sie in Ihrer restlichen beruflichen Laufbahn begleitet hat? Da gab es das Modell Steiermark, da hat man versucht neue Ideen umzusetzen. Da gab es diesen ersten Wettbewerb für einen Wohnbau in Bad Hartmannsdorf. Ich entschied, freier Mitarbeiter zu sein und nicht mehr fest angestellt zu sein, denn für die Ziviltechniker-Prüfung musste man damals fest angestellt sein. Dann wurde mir dieser Wettbewerb auf den Tisch gelegt. In zwei separaten Räumen wurde dann am Entwurf gearbeitet und zum Schluss gab es eine knappe Entscheidung zwischen Huth und mir, die ich gewonnen hab. Frage: Haben Sie sich wieder in den Kreisen vom Wohnmodell Steiermark bewegt? Ja, es gab dann neue Wohnbauwettbewerbe gegeben.

Architektur ist sozusagen öffentliche Kunst, welche die Gesellschaft beeinflusst. Politik und die gesellschaftlichen Strukturen, der Städtebau, all dies spielt in der Architektur mit. Architektur ist ein umfassendes Denken und man muss immer alles im Fokus haben. Frage: Wie empfinden Sie die heutige Situation im Wohnbau? Es gibt vereinzelt diese Wohngruppen, die versuchen das ein bisschen wieder in ihre Hand zu nehmen. Was jetzt wichtig wäre, auf die neuen Familienmodelle zurückgreift. Damals baute man für die klassische Familie mit ein paar Kindern. Es muss sich und es wird sich noch sehr viel tun in Betracht auch auf das Wohnen & Arbeiten, es muss nicht eine Art Riesenmaschine sein, um zu arbeiten, sondern es soll auch im anderen Umfeld möglich werden. Die Stadt lebt davon, dass sich alles vermischt und verschneidet und von möglichen Konflikten.


Kernhaussiedlung Gruppe 3: Nikolaus Schuster, Herfried Peyker, Werner NussmĂźller Rettenbacher StraĂ&#x;e 5 8044 Graz STUDIERENDE Purkarthofer Stefan Sachs Ennio Maximilian Garcia Cora Lackner Christian Bernard Matthias


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Datenblatt Adresse: Architekten:

Geburtsjahr Architekten

Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn: KonsulentInnen: Planungsumfang beim Architekten/bei der Architektin: Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Wettbewerb: 50

Rettenbacher Straße 5 8044, Graz Gruppe 3: Nikolaus Schuster, Herfried Peyker, Werner Nussmüller Peyker 1947; Schuster ; Nussmüller Privat Entwurf, Grundstücksuche, Ausführungspläne ja Gründung eines Vereins -

Planung: Ausführung: Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art der Mitbestimmung

1982-1983 1983-1984 ja, durch Gründung eines eigenen Vereins wurde das Projekt von den Bauherrn geleitet und mitbestimmt Geschoßanzahl 4 Wohnungszahl, Wohnungen/ha 10, 16/ha BewohnerInnenzahl, Bewohner- ~ 4/Haushalt, insgesamt 40-45 Innen/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen 1/10/10 geplant/realisiert Grundstücksfläche: Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte:

5435 m2² Bauland & 893 m2² Teich

225m2/WE 56,25m2/WE 2,42


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Bebauungsgrad: Umbauter Raum in m3: Baukosten: Baukosten pro Quadratmeter BGF:

0,1 421,9m3/WE -

Erschließungstyp (1- bis 4-Spän- zentrale Treppe um Heizturm ner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen (Wohnen, Handel, Wohnen Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum 1/9 Grünflächen m2/WE, m2 absolut 372,25m2/WE, 3722,5m2 (Anteil Grundstücksfläche) Verkehrsflächen m2/WE, m2 ab- 10m2/WE, 100m2 solut (Anteil Grundstücksfläche) Spielplatz m2/WE, m2 absolut 15 m2/WE, 150m2 (Anteil Grundstücksfläche)

Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche) Fahrradstellplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche) Anteil Wohnungen/andere Nutzungen Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr) Anteil Singles, Paare, Familien, WGs

1,5/WE, 15 -

Alle 4–5 Zimmer Nur Familien

Energiesysteme, EnergiesparHypokaustenheizung maßnahmen Materialwahl (Konstruktion, Fas- STB, Ziegel, Holz sade, Dach, Außenraum) Publikationen Preise und Auszeichnungen

architektur.aktuell 1985 51


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Beschreibung Die Kernhaussiedlung befindet sich im Nordosten von Graz, im Bezirk Mariatrost. Als das Projekt zwischen 1982 und 1984 realisiert wurde, war die Nachbarschaft und die nähere Umgebung in Mariatrost ein sehr dünnbesiedeltes und eher günstigeres Baugebiet. Seit damals hat sich bezüglich Wohnbau in diesem Bezirk sehr viel getan und auch die Mariatroster Straße entwickelte sich immer mehr zu einer stark frequentierten Pendlerschleuse nach Graz. Die Kernhaussiedlung befindet sich nicht direkt an der Mariatroster Straße, sondern, liegt gut geschützt von Abgasen und Lärm in einer Seitenstraße, der Rettenbacher Straße. Neben dem Grundstück verläuft noch die Straßenbahn, die eine ideale Anbindung in die Stadt bietet. Ebenfalls befinden sich noch ein Fitness Center, ein Supermarkt und eine Tankstelle in unmittelbarer Nähe. Auch eine Schule und die Basilika von Mariatrost sind nicht sehr weit vom Wohngebiet entfernt. 52

Begonnen hat alles damit, dass die Wohnbaugenossenschaft bereits Pläne mit dem Grundstück hatte und darauf einen gewaltigen Wohnblock darauf stellen wollte. Doch im Stadtentwicklungskonzept war es vorgesehen, den bestehenden Teich, der sehr zentral im Grundstück liegt, bestehen zu lassen, da dieser als sehr schützenswert und naturbezogen galt. Somit konnte die Genossenschaft nichts mehr mit dem Grundstück anfangen und die junge Architektengruppe mit Peyker, Nußmüller und Schuster alias Gruppe 3 kauften das Grundstück. Da sie das Projekt ohne Genossenschaft abwickeln wollten mussten Bauherrn gefunden werden, die bereit waren, das Wohnprojekt eigenständig zu finanzieren. Es dauerte nicht lange bis sich welche gefunden hatten und das Grundstück wurde inklusive Teich zu zehn gleich großen Parzellen geteilt und jeder bekam sein Grundstück. Es wurde ein Verein gegründet, der über dem Ganzen

stand und so konnten auch vom Land Fördermittel für das Projekt lukriert werden. Die Gruppe 3 entwickelte einen einheitlichen Grundriss für die Wohnbauten und legte somit die Tragstruktur und Hauptform fest. Gedacht war nach dem Billigbau Prinzip zu arbeiten, aber es entwickelte sich zu einem ziemlich hochwertigen Projekt. Ursprünglich war eine Holzständerbauweise gedacht, doch aus baupolizeilichen und brandschutztechnischen Gründen musste man auf andere Materialien zurückgreifen. Der Würfel misst 7,5m x 7,5m x 7,5m. Es handelt sich um eine Massivziegelbauweise mit 30cm Ziegel und 5cm Dämmung. In der Mitte befindet sich ein Heizturm, der mithilfe von Luftbodenheizung die Räume wärmt und um diesen die Treppe angeschlossen worden ist. Die Geschoßdecke besteht aus einer Stahlbetondecke, dann folgt die Trittschalldämmung, darauf die Homogenplatten und dann zum Schluss das Parkett. Dazwischen ver-


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läuft die Luft, welche die Räume beheizt. Jeder Grundriss konnte von den Bauherrn selber gestaltet und mitbestimmt werden und somit entstanden verschiedene Möglichkeiten diesen Würfel zu bespielen. Es war auch möglich an das Gebäude anzubauen und somit den Wohnraum später zu erweitern. Bei manchen ist diese Erweiterung passiert, wie wir bei der Begehung des Grundstückes feststellen konnten. Es entstanden zehn Wohnwürfel, die u-förmig um den Teich angelegt worden sind. Dadurch ergibt sich eine gemeinsame Ruhezone in der Mitte, die mit dem Teich aufgewertet wird. Es wurde noch ein eigener Spielplatz neben dem Bach errichtet und ein Gemeinschaftsraum für die gesamte Wohnanlage. Der Gemeinschaftsraum wurde mehr aus Not dazu gebaut. Es war damals nämlich vorgesehen einen Luftschutzbunker in jedem Haus zu errichten, das wollte die Gruppe aber nicht! So entschied man sich für einen Gemeinschaftlichen und baute da-

rauf den Gemeinschaftsraum, der heute für interne Feste und Veranstaltungen genutzt wird. Noch ein paar Worte zum Heizturm. Dieser funktioniert nach einem alten Prinzip welches die Römer schon verwendet haben. Der Turm besteht aus Beton und kann daher die Wärme bis zu acht Stunden speichern. Es wird Warmluft in den Turm geblasen und durch Klappen, die sich dann individuell öffnen können, wird die Luft in den Fußboden geschleust und somit der Raum geheizt. Der große Vorteil an der ganzen Sache ist, dass es für das Haus nur eine Leitung gibt und es nicht zu einem Transmissionsverlust kommt. Alle Grundstücke haben direkten Zugang zum Teich und auf dem gesamten Wohngebiet gibt es keinen Zaun. Das war von der Gruppe 3 so vorgesehen, da sie diese Trennungen nicht wollten. Und es passt nicht in das Gesamtbild der Wohnanlage, da die Natur im Vordergrund stehen soll und die Wohnwürfel mitten im Grünen platziert worden sind. jeder

hat die Möglichkeit den Teich zu benützen und sich frei zu bewegen. Es wurden dann später an den Eingängen zur Anlage Hinweistafeln und Absperrungen errichtet, da Passanten und Fremde plötzlich in den jeweiligen Gärten sich aufhielten und durch spazierten. Die Fassade der Würfel ist heute noch die Originale aus den 80ern, es handelt sich um Fichtenholz. Doch jeder einzelne Bewohner konnte seinem Haus eine eigene Farbe geben. Das wollte man auch nicht vereinheitlichen. Es ist ein sehr gelungenes, kleines Wohnbauprojekt, das durch seinen starken Bezug zur Natur, die Ruhe und die perfekte Aufteilung etwas ganz Besonderes ist. Man fühlt sich dort wirklich sehr wohl und auch der Teich trägt einen großen Teil dazu bei. Dass hier noch immer die Bauherrn von damals wohnen, lässt auch darauf zu schließen, dass es ein wirklich hochwertiger, natürlicher und einzigartiger Lebensraum ist, den man nicht mehr hergeben möchte. 53


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Plandokumentation

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Fotodokumentation

Gemeinschaftshaus 58

Sicht nach Westen

Sicht nach Norden


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Sicht Straßenseitig nach Osten

Sicht nach Osten

Sicht nach Süden

Haus 5d

Sicht nach Osten 59


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Interview I: Herfried Peyker Datum: 2. Dez. 2013 Ort: : Grabenstraße 23, 8010, Graz Dauer: 48:17 Geführt von: Ennio Sachs, Stefan Purkarthofer Kurzbiographie: X 7. Juni 1947, Unterbergen, Kärnten X Ausbildung: Studium TU Graz 1Jahr Assistent der technische Hochschule Leibach und im Büro Professor Edo Ravnikar X 1976-1981 Werkgruppe Graz X 1982 Gründung Gruppe 3 X 1995 Selbstständiger Architekt mit Schwer punkt auf Städtebau X Weiter Bauwerke: -T-Mobile Gebäude Wien, Businesspark Innsbruck, Gebäude und Logistik der Nordischen, Schi-WM Ramsau, Holzbausiedlung Klagenfurt X Ehrungen: Österreichischer Wohnbaupreis 1985, Geramp-Rose für Gutes Bauen, 4x Steirischer Holzbaupreis, Kärntner Holzbaupreis, Plecnik-Medaille

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Die Gruppe 3 ist zustande gekommen als Peyker selbstständig geworden ist. Mit Klaus Schuster hatte er schon während des Studiums gemeinsame Projekte gemacht, dann ist Schuster nach Wien gegangen. Peyker, Schuster und Nussmüller waren Studienkollegen. Peyker war der Größte und hatte mehr Erfahrung. Der erste Auftrag der Gruppe 3 war eine Seilbahn zur Ski-WM 82 in Schladming, dann gab es ein Blockheizkraftwerk in Knittelfeld , dann die Sanierung vom Schloss in Piber, aber natürlich lag das größte Interesse auf dem Wohnbau, weil es damals eine Aufbruchsstimmung gab: „der Schaller hat gesagt: wir wollen eigentlich die Qualität des Wohnbaus verbessern, [....]“ . Damals wurde dieses Prinzip nämlich über Wettbewerbe, Sondermodelle usw gefordert. Seiner Meinung nach geht heutzutage der Wohnbau noch einmal in dieser Richtung.

Vor der Kernhaussiedlung hatten sie auch kleinere Wohnbauten entworfen. Die Kernhaussiedlung war aber ihr erstes Projekt, das mit dem Modell Steiermark verbunden war, obwohl es eigentlich nicht direkt aus diesem Modell entstanden ist. Es war einerseits ein gewisser Eigennutzen, weil die Architekten selbst Wohnversorgung gesucht haben, andererseits wollten sie ein Pilotprojekt bauen. Es hatte damals im Modell Steiermark die Möglichkeit des Gruppenwohnbaus gegeben, was aber in letzter Zeit noch vorkommt. Bei dieser Siedlung wollten sie vor allem einen Demonstrativbau errichten, wobei sie selbst Teilnehmer waren. Man wollte dabei eigentlich eine soziale Durchmischung von verschiedenen Schichten der Gesellschaft und keine Akademikersiedlung schaffen, es hat aber leider nicht so gut funktioniert. Der Auswahl des Grundstückes in Maria Trost


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war nur ein glücklicher Zufall. Damals hat das ganze 300 Schilling/ m2 gekostet, waehrend 10 Jahre spaeter der Supermarkt gegenubeber fuer 1000 Schilling /m2 gekauft hat. Jedoch haben die Architekten in weiterer Folge ziemlich eine Auseinandersetzung mit der Genossenschaft gehabt. Die OeWG hatte nämlich darauf schon ein Vorkaufsrecht gehabt, aber natürlich war ihr Projekt sehr beschränkt: sie wollten einfach den Teich auslassen, eine Tiefgarage bauen und dann 3 Blöcke drüber setzen. Der Teich war aber schon damals im Stadtentwicklungskonzept als Schuetzenswert betrachtet, deswegen musste es erhalten bleiben. Aus diesem Grund hat die Genossenschaft nicht anfangen können und somit ist die Gruppe 3 auf dem Plan getreten. Nach dem Ankauf des Grundstückes haben sie mit der Genossenschaft verhandelt. Das einzige lästige war, dass man es genossenschaftlich betreuen musste, sonst

wären sie vom Vorkaufsrecht zurückgetreten. Eine Voraussetzung war, dass man einen gemeinnützigen Verein gründen musste, um in den Genuss der Fördermittel zu kommen. Aus der Erfahrung mit anderen Projekten, hat Peyker sofort behauptet „man muss ein paar strenge Richtlinien geben, weil es geht auch darum, der Architekt muss einfach die Gestaltung in der Hand haben[...]“. Aus diesem Grund haben die 3 Architekten einen Vereinsvertrag aufgestellt (Obmann, Stellvertreter und Kassier) und jeder der eingetreten ist , musste diese Satzung unterschreiben, wo die Freiheiten sowie klare Richtlinien vorgegeben waren. Beim Entwurf gibt es immer eine Pionierphase, wo jeder „mit Feuer und Flamme dabei ist“, dann beginnt die Individualisierungsphase. Sie haben dann weitere Projekte gemacht, wo es ganz klar war, das jeder sein Haus individualisieren möchte. Es hat dann auch Konflikte

gegeben, aber diese sind dann ausdiskutiert worden. Das spannende bei der Entwicklung der Kernhaussiedlung war nach Peykers Erzählung der mitteleuropäische Eigentumsbegriff. Es wurde schon im Vereinsvertrag ausgeschlossen, dass es nur Anteilseigentum gab: das Grundstück hatte eine Fläche von 6300m2 und jeder hatte dann einen 10%-Anteil davon. Um die Widerstände dagegen überwinden zu können, wurde ein Nutzungsvertrag geschrieben: jeder hatte eigentlich nicht 630m2, sondern die Hälfte war allgemeine Fläche (das ist der Teich Prinzipiell, mit Ausnahme der Quadratmeter dann die Bereiche der Gemeinschaft, die Kinderspielflächen und gewise Zonen um dem Teich). Das wurde von den Bewohnern sehr bewertet, obwohl diese Offenheit auch gewisse Disziplin verlangt. Wenn es Probleme gibt, werden diese gemeinsam im Verein besprochen. 61


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Nach einem Jahr waren alle Bauträger bereit, dann wurde der partizipative Prozess begonnen, was zu einer gewissen Gemeinschaftsfunktion führt. Dabei wurden auch große Modelle verwendet- im Maßstab 1:50, wo jeder seinen unterschiedlichen Niveaus definieren konnte. Nachdem die Siedlung ohne Genossenschaft gebaut wurde- nur mit Betreuung, haben sie sich besonders für das Projekt interessiert und haben Fehler gesucht. Bei der Einreichplanung wurde Peyker zum Leiter geholt, da die Häuser seiner Meinung nach nicht einrichtbar waren. Außerdem gab es noch einige Konflikte mit dem Bauphysiker, obwohl alle Probleme schon gelöst waren. Ein Beispiel dafür war folgendes: „als wir eine kleine Nische in eine Wand mit einem 30 cm Ziegel, 8 cm Dämmung und einer hinterlüfteten Fassade geplant haben, war das dem Bauphysiker überhaupt nicht recht. Seiner Meinung nach würde diese Nische „alles ka62

putt machen“. Seiner Meinung nach, sollte man die Systeme in Frage stellen, obwohl derzeit die politischen Ansprechpartner fehlen. Ein anderes Projekt vom Arch.Peyker, wo Missverständnisse mit den Behörden entstanden sind, ist eine Holzsiedlung in Kärnten. Der Landesrat wollte noch mal so eine Siedlung, was der Genossenschaft gar nicht gepasst hat. Auch bei diesem Projekt hat sich das System als träge erwiesen. Aus seiner Sicht könnte so ein Projekt mit unterschiedlichen Bauherren noch heute realisierbar sein, wenn man eine zielführende Idee vorher definiert. Auch die Politik sollte Interesse daran haben. Peyker sagt auch, dass die Motivation nicht das Problem ist, aber man muss auch die förderrungswürdigen Rahmenbedingungen schaffen. Das Konzept des Billigbaus war bei der Kern-

haussiedlung eigentlich nie das Thema, die energetische Frage stand nämlich im Vordergrund. Das hat auch die Form der Häuser in der Planung beeinflusst, da der Würfel im Verhältnis Innenvolumen zu Außenfläche der zweitbeste geometrischer Körper ist. Ein weiterer Punkt für die Form des Grundrisses war, dass es eigentlich Stadthäuser sind und die Zonen zwischen den Häusern eigentlich schon gewidmet worden sind. Man konnte also dank dieser Form eine Einliegerwohnung anbauen. Daher waren die Häuser relativ kompakt in ihrer Grundstruktur. Außerdem waren damals die Häuser förderfähig, wenn sie maximal 150 m2 hatten. In der Entwurfsphase war vor allem der Teich ein wichtiger Punkt. Einerseits war etwas entfernt, andererseits stand man direkt daran. Nach dem Ankauf des Grundstücks stand außerdem im Stadtentwicklungskozept, dass zwischen der Straßenbahn und unserer Stra-


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ße der Kanal mit einem Bauverbot von 10m verlief. Ein wichtiges Element des Projektes ist natürlich der Heizturm, das auch der Siedlung den Namen gegeben hat. Jedes Haus besitzt einen Turm, welcher als Kern und gleichzeitig als Heizsystem dient. Es handelt sich um eine Hypokaustenheizung, welche die klassische Heizung der Roemer war. Dagegen wurde auch Einspruch erhoben, worauf die Gruppe 3 nach Linz zur obersten Behoerde gegangen ist und mit ihrem Vorschlag durchgekommen ist. Der Aufbau besteht aus einer STB Decke, Dolsterhoekxer und der Trittschalldaemmung. Darauf befinden sich die Homogenplatten und oben das Parkett, während dazwischen die Luft in Kanälen verläuft. Die wird durch den Beton eingeblasen, daraus ergibt sich eine Speicherzeit der Heizenergie von ca. 8h. Mit Tauchsieder wird das System gesteuert. Das

Heizungssystem wurde zusammen mit dem Institut für Fenstertechnik entwickelt und es funktioniert bis heute noch . Es gibt nur eine Leitung und somit hat man keine Transmissionsverlust. Die anderen Leitungen laufen meistens in den Wänden. Man hat auch probiert diese System in anderen Projekten anzuwenden, aber die Leute waren zu konservativ. Die Bewohner sind sehr zufrieden mit den Häusern, in der Gemeinschaft verstehen sich alle trotz der Unterschiede sehr gut . Dr. Peyker sagt, dass sie bei der Planung Gemeinsamkeiten zulassen wollten und gleichzeitig Möglichkeiten des Rückzugs. Die Bewohner sind noch heute die gleichen, ausgenommen von einem Haus, wo eine neue Familie eingezogen ist. Dr. Peyker ist mit der Siedlung als Bewohner selbst sehr zufrieden, er würde in Graz nirgendswo anders leben wollen und würde auch nichts ändern. Auch den Kolle-

gen des Modells Steiermark hat das Projekt gefallen. Die Atmosphäre im Komplex ist sehr gemütlich, im Teich kann man im Sommer auch schwimmen und die Straßenbahn stört überhaupt nicht, sondern sie stellt eine ideale Anbindung dar. Bei der Entwicklung des Entwurfes gab es keine konkreten Vorbilder. Die Idee der Gruppe 3 war es, eine parkähnliche Situation zu erreichen was gut gelungen ist. Das Gemeinschaftshaus ist aus technischen Gründen entstanden: statt einen Luftschutzbunker pro Wohneinheit zu bauen, wurde ein gemeinschaftlicher für die ganze Anlage gebaut. Deswegen hat man ein Gemeinschaftshaus errichtet, das dann zu einem Treffpunkt für die Kinder geworden ist. Technische Probleme in dieser Siedlung sind nur mit der Wasserhaltung des Teiches aufgetreten, wurden aber schließlich gelöst. Der 63


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Teich reinigt sich selbst und braucht theoretisch keine Geräte, obwohl später eine Vorkläranlage installiert wurde. Die Sanierung der Häuser wird jedem selbst überlassen. Das einzige Problem ist, dass es nur 2 Parkplätze gibt und mittlerweile stehen die Autos zum Teil schon vor dem Haus. Im Vereinsvertrag wurden nur 1.5 Parkplätze pro Haus geplant, was heutzutage zu wenig ist. Was das Modell Steiermark betrifft, hat Dr. Peyker sonst nicht viel zu sagen. Er hat diese Zeit positiv erlebt, obwohl es auch einige Diskussionen mit politischem Hintergrund gab. Ohne das Modell Steiermark hätten viele Gebäude, wie die Terrassenhaussiedlung, so überhaupt nicht gebaut werden können.

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Interview II: Hansjörg Luser Datum: 29. Nov. 2013 Ort: Stainzergasse 2, 8010, Graz Dauer: 51:07 Geführt von: Ennio Sachs, Stefan Purkarthofer Kurzbiographie X Geboren 1944 in Bregenz X Studium der Architektur an der TU-Graz X Seit 1979 staatlich befugter Architekt Lehrtätigkeit an der TU- und KF-Universität Graz X 1981 Eintritt in Stadtverwaltung, seit 1993 Leitung des Amtes für Stadtentwicklung und Stadterhaltung X Seit 1996 Arbeitsschwerpunkt im Bereich von EU geförderten integrierten Stadt(teil)entwicklungs-Programmen X Seit 2005 Wiederaufnahme der Tätigkeit als freier Architekt X 2006 Gründung von HoG architektur mit Martin Emmerer und Clemens Luser

Hansjörg Luser kam im Jahr 1981 zum Magistrat Graz. Ausschlaggebend war der damalige Politiker Edegger, der sich fachlich sehr mit den Schwerpunkten Bauen und dem Kampf gegen das Hochhaus auseinander setzte. Später rückte der Schwerpunkt von Herrn Edeggers Arbeit mehr Richtung Verkehrswesen, trotzdem lag ihm die Entwicklung des Stadtwesens in Graz sehr am Herzen, da er sich selbst als eine Art „Innenstadtbürger“ sah. Zu dieser Zeit gab es sogenannte „Anschläge gegen die Innenstadt“-Projekte. Diese kennzeichneten sich dadurch, dass sie sich architektonisch in einem sehr starken Kontrast zu der bestehenden Innenstadt standen. Infolge dieser Projekte trat das „Grazer-Altstadt-Erhaltungs-Gesetz“ in Kraft. [Im Interview erwähnt Luser hier einen Vergleich zur jetzigen Situation]. Edegger wurde bei einer Bürgerveranstaltung auf ihn aufmerksam und holte ihn in das Magistrat zur Stadtplanung. Später richte-

te Edegger das Stadtentwicklungsreferat als Zwischenkonstruktion zwischen politischen und fachlichen Sekretariaten ein und dort wurde Luser in sein Berater-Team eingesetzt. Dadurch bot sich ihm ein starker Einfluss im Entscheidungsprozess für die künftigen Projekte und arbeitete er nun im Zwischenspiel von fachlicher Kompetenz, politischer und wirtschaftlicher Durchsetzbarkeit. Seit jeher regt Herr Luser ein großes Interesse in diesem Gebiet. Später erfolgte eine Entwicklung zu einer Abteilung auch genannt „Halbamt“ damals unter der Nachfolgerin des verstorbenen Erich Edegger, Ruth Feldgrill-Zankel, wobei sie mehr wirtschaftlich interessiert am Thema der Stadtentwicklung war. Zu den entstandenen Abteilungen gehörten nun die Stadtentwicklung und die Stadterhaltung. Die Stadtentwicklung lag stets im Spannungsfeld mit 65


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der Stadtplanung: Die Stadtentwicklungsabteilung sah sich als projekteinleitende Abteilung, welche sich an gewisse Hotspots orientiert hatte, wobei die Stadtplanungsabteilung mehr eine regulierende Funktion anstrebt (Flächenwidmungspläne, Raumordnungspläne...). Dadurch entstanden Schnittstellenprobleme. Die Stadterhaltungsabteilung nahm sich des weltkulturerbe und dessen Instandhaltungen für die innere Stadt an. Von 1983 bis in die 90er hielt Luser die Leitung des Amtes für Stadtentwicklung inne. Nach seiner Amtszeit wurden die verschiedenen Abteilungen wieder zusammengelegt. Durch diese Schnittstellen wurde bei den Projekten sehr auf die Richtlinien der Europäischen Union geachtet. Meldung bei der Stadtentwicklungsschiene der Förderungen und dadurch neue Bewegung in eine Richtung mit großen Vorteilen. Zum einen der Vorteil, dass durch 66

die Förderung seitens der EU sich die Politik nicht mehr Projekte abschirmen konnte oder diese verzögern, da dadurch ein erhebliches Kapital liegen gelassen würde. Dieses Fremdkapital und die verschärfte baurechtliche Regelung von außen waren unter anderem grundlegend für eine aktive Stadtentwicklungspolitik tragend. Bevorzugt hierbei wurden von der EU urban schwachentwickelte Gebiete. Das Model Steiermark war eine besondere Institution vom Land Steiermark, in dem 10% der Fördermittel für „Modelprojekte“ reserviert wurden. Diese waren stark politisch abhängig und das Ziel war unter anderem den Wohnbau architektonisch und nutzungsbedingt auf ein höheres Niveau zu bringen als es vorher unter den Genossenschaften war. Kriterien zum Erhalt der Förderungen waren das Abhalten eines Wettbewerbs, ab einer gewissen Größe des Projektes, ein Thema

(z.B. Generationenübergreifendes Wohnen, Architekturthemen, verdichtetes Wohnen,...) [hierbei wird ein Bezug zur Kernhaussiedlung als verdichteter Flachbau ab 10 Wohneinheiten erwähnt]. Die Schaffung einer Einfamilienhaus Qualität in einer verdichteten Bauweise. Bekämpfung von Nutzung des eingeschränkten Raumes bebauen. Der Flächenwidmungsplan war erst in den 80er Jahren fertig, anschließend war es Ziel bestehende Freiflächen zu reduzieren. Dabei war es eine Gradwanderung von dem Benutzer entsprechende Wohnqualität zu bieten und viel von der Fläche aktiv zu nutzen. Das Model Steiermark passte hierzu sehr gut dazu. Wie war die Zusammenarbeit zwischen Stadtentwicklung und den Experten des Modell Steiermark? Die Zusammenarbeit zwischen Stadtentwicklung und den Experten des Model Steiermark war mehr personenbezogen und im regen


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Kontakt mit den einzelnen Personen, wobei ein starker gegenseitiger Informationsfluss bestand auf recht informeller Basis. Weder das Stadtentwicklungs- noch das Stadtplanungsreferat haben stark in das System Model Steiermark eingreifen können. Man hat zwar in dieselbe Richtung gearbeitet, jedoch waren es zwei getrennt arbeitende Institutionen, als eine eng zusammen arbeitende. Die Stadt war zwar darauf aus Wettbewerbe auszustellen, war aber im Bereich des Wohnbaues sehr zurückhaltend und hat dies mehr über Genossenschaften abgewickelt. Von dem Begriff „Grazer Schule“ wird eher weniger gehalten, da nie ein gemeinschaftlicher Stilbegriff aufkam. „Grazer Schule“ hat jedoch eher den Beigeschmack als Marketing-Begriff unter welchem unterschiedliche Architekturstile sich ansiedelten, aber kein gemeinsames System. Die Kernhaussiedlung war eine der vielen verdichteten Flachbauwohnungen, die es zu der

Zeit gab, wurde aber durch den Baugrund in Erinnerung gehalten. Durch große Anstrengungen des Architekten, wobei Sondierungen an vielen Positionen des Grundstückes vollzogen wurden, konnte der als bis dato unbebaubare Grund als Baufläche verwendet werden. Deshalb wurde schon früh in der Planungsphase Augenmerk auf das Projekt gerichtet. Spannend dabei war das rechtliche Neuland, dass durch die Gegebenheiten des Grundstückes betreten wurde (z.B. Teich im Zentrum des Grundstückes,...). Herr Luser war bei diesem Projekt bei der Diskussion um die Machbarkeit und dessen Wirtschaftlichkeit zuständig, zusätzlich hatte er sich mit den auftretenden Gefahren beschäftig. Das Projekt selbst entstand durch die örtlichen Rahmenbedingungen und war eine Art Pilotprojekt. Der Nachteil des zentralen Teiches wurde zu einem Vorteil gewandelt, da

das Grundstück recht billig erworben werden konnte und durch eine Billigbauweise zu sehr günstigen Wohneinheiten wurde. Das Model Steiermark wirkte mehr, wie in der Architektur üblich, als Versuchsmodel und nicht als klares System. Es gab zwar eine breite Palette an architektonischen Schöpfungen, aber es wurde nie ein Objekt als Basis genommen und versucht dieses Konzept zu verbessern. Dies ist auch auf das Gesamtkonzept des Modells Steiermark pojizierbar. Es wurden viele Richtungen eingeschlagen, aber keine weiter verfolgt. Möglich ist, dass dies auch nur daran lag, weil es erst in einer anfänglichen Phase war und nur mehr Zeit gebraucht hätte. Dabei ist jedoch zu betrachten dass sehr viele persönliche Einwirkungen auf das Model Steiermark ruhten. Zurzeit fehlt leider ein Projekt wie das Modell Steiermark völlig. Nicht als politisches Instrument sondern als Ideenschaffung zur Entwicklung des modernen Wohnens mit 67


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den entsprechenden Mittel. In der heutigen Zeit besteht eine Lücke im Wohnbau, da die Wohnsituation langsam standardisiert wird (Rasenstall). Wenige Ausnahmen bilden sich bei dem Wohnstil nur durch ein entsprechend hohes Kapital. Durch die Anforderungen, eine Wohnung und dessen gesucht minimaler Fläche, kristallisiert sich zudem eine standardisierte Gebäudeform heraus. Der Konsument hat hierbei nicht mehr viel Auswahl und gibt sich dementsprechend mit dem raren Angebot zufrieden.

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Wohnbebauung Esserweg Croce Klug Esserweg 4-12 8010 Graz STUDIERENDE Hutter Eva Korten Tilo Kubinger Eva Ma탑uran Morana Pansy Karl


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn

Esserweg 4-12 8010, Graz Helmut Croce, Ingo Klug 1940/1943

Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn: KonsulentInnen:

ÖWG Planungsumfang beim Architek- Entwurf - Einreichung - Polierten/bei der Architektin: planung Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Wettbewerb: Planung: Ausführung: 72

ja Wettbewerb 1985 1986-1990 - 1993

Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art der Mitbestimmung Geschoßanzahl Wohnungszahl, Wohnungen/ha BewohnerInnenzahl, BewohnerInnen/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen geplant/realisiert

Möglichkeit des Selbstausbaus der Dachterrassen zu Wohnräumen 2-(3) 45,4/ha 60

Grundstücksfläche: Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte: Bebauungsgrad: Umbauter Raum in m3: Baukosten:

5290 m2 2444 m2 (ohne Selbstausbau) 2030 m2 1222 m2 0,46 0,23 7332 m3 1,93 Mio €

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Baukosten pro Quadratmeter BGF: Erschließungstyp (1- bis 4-Spänner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen (Wohnen, Handel, Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum Grünflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Verkehrsflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Spielplatz m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche) Fahrradstellplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche)

790 €/m2 2-Spänner / Laubengang Wohnen

Anteil Wohnungen/andere Nutzungen Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr) Materialwahl (Konstruktion, Fassade, Dach, Außenraum)

-

Publikationen

Wohnbau in der Steiermark 1986-1992 -

50/50 % 60-100 m2/WE (im EG) 25 m2/WE, Preise und Auszeichnungen

30% 2-Zimmer 70% 3-Zimmer Mauermassenbau, weiß verputzt, konv. Flachdach Flugdachkonstuktionen mit Trapezblech

240 m2 1,25 / 30 vor den Wohnungen

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Projektbeschreibung Die Wohnanlage wurde auf einem schmalen, straßenbegleitenden Grundstück erbaut. Sie besteht aus sechs gekoppelten Reihenhäusern, welche als Geschossbau ausgeführt sind. Dadurch entstehen 24 Wohneinheiten, die über Freitreppen und Laubengangerschließunge erreichbar sind. Der Wohnbau ist ein Mauermassenbauwerk mit einer Mauerdicke von 38 cm. Die Wohnungen selbst haben tiefe, wirtschaftliche Grundrisse mit geringen Deckenspannweiten von maximal vier Metern. In der Wohnung selbst hat man die nötigen Oberflächen auf ein Minimum reduziert. Dabei liegen die Sanitärräume und die Küche auf der dem Esserweg zugewandten, Nordwestseite. Um hier möglichen Schall möglichst optimal abzuschirmen, findet man auf dieser Seite nur schmale Oberlichten zur Belichtung. Auf der Straßen abgewandten Seite hat man etwas 74

großzügigere Fenster, die einen Blick auf das dahinter liegende Feld bieten. Es handelt sich um einen 2-geschossigen Wohnbau, bei dem immer zwei Wohneinheiten übereinander liegen, dabei liegen immer die Sanitärblöcke bzw. Schlafen und Wohnen übereinander. Diese Wohneinheiten haben je nach Wohnungstyp 55-95 m2. Es gibt prinzipiell zwei Wohnungstypen: einen kleinen mit einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, Küche, Bad und WC bzw. einen Großen mit einem Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern, Küche, Bad und WC. Wohnungen des selben Typus unterscheiden sich untereinander nur durch die Grundrissgröße. Die Wohnungen sind generell zweiseitig orientiert, dass heißt Südost- oder Südwestorientierung. Die Wohnungserschließung erfolgt über einen Eingangshof. Über solch einen Hof kön-

nen vier Wohneinheiten erschlossen werden, außer bei den Wohnungen am Rand. Hier werden über so einen Eingangshof nur zwei Wohnungen erschlossen. Von so einem Hof aus kommt man über eine geschützte Freitreppe in einem geschlossenem Laubengang zu den Obergeschosswohnungen. Die seitliche Begrenzung der Treppe und des Laubengangs schützt die Bewohner mit Glasflächen gegen Wind und Regen. Das Dach ist aus geneigtem Wellblech gebaut. Der Raum unter der Treppe wurde von Anfang an von den Architekten als Abstellplatz für Kinderwägen, Fahrräder, etc. geplant, da bei dieser Wohnanlage auf aufwendige Großunterkellerungen verzichtet wurde. Der Zugangsbereich der Erdgeschosswohnungen bildet einen überdachten, aber offenen Laubengang, wobei hier die Überdachung durch den darüber liegenden Erschließungsgang gebildet wird. Um nicht nur einen Blick ins Freie, sondern


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auch einen Möglichkeit zu haben, ins Freie zu gehen, besitzen die Erdgeschosswohnungen im Südosten einen direkten Zugang zu einem eigenen Garten. Bei den Obergeschosswohnungen ist ein Garten natürlich nicht möglich, dafür bekamen diese je eine teils überdachte Dachterrasse. Diese werden über eine Treppe aus den einzelnen Wohnungen erschlossen. Sie erstrecken sich über den gesamten Wohnungsgrundriss, man kann daher in alle Himmelsrichtungen blicken. Das besondere an dieser Wohnanlage - neben der Erschließung - ist, dass die Dachterrasse der Obergeschosswohnungen von den Bewohnern im Selbstausbau zu einem weiteren Wohnraum ausbaubar ist und somit die Wohnfläche erweitert werden kann. Allerdings wurde diese, von den Architekten, angeboten Ausbaumöglichkeit kaum genutzt, nur vier Bewohner haben diese Möglichkeit

in Anspruch genommen. Sie haben nur den überdachten, südöstlichen Teil der Terrasse ausgebaut, dadurch blieb ihnen noch eine große Fläche der Terrasse übrig, die weiterhin als Dachterrasse genutzt wird. Diese Dachausbauten wurden je nach Bewohner individuell gestaltet und verändert das gesamte Aussehen der Wohnanlage. Wie in der Terrassenhaussiedlung der Werkgruppe Graz, gestalteten auch hier die Bewohner die Dachterrassen nach persönlichen Geschmack. Dies kann man an den unterschiedlich ausgeformten Absturzsicherungen erkennen. Aber durch diese unterschiedlichen Farben und Formen wirkt die Wohnanlage erst belebt und erhielt so seinen eigenen Charakter.

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Plandokumentation

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Plandokumentation

EG

1OG

DG

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Fotodokumentation

Gesamtanlage von Süden 78

Erschließung Nordseite

Zugang zu den Häusern


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Westfassade mit Erschließung

Nahaufnahmen Südseite mit Garten

Spielplatz

Gartenanteile

Teilausschnitt Südfassade 79


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Interview I Ingo Klug Datum: 03.12.2013 Ort: : Architekturbüro Croce Klug Dauer: ca.45 min. Geführt von: Gruppe 05 Kurzbiographie Ingo Klug

Ingo Klug begann Mitte der 60er Jahre an der TU Graz zu studieren. Er und sein Kollege Helmut Croce erhielten ein Stipendium und gingen in europäische Staaten. Klug nach Amsterdam und Croce nach Brüssel und Paris. 1980 gründeten Sie Ihre Bürogemeinschaft in Graz.

1943 in Graz geboren 1963-1970 Studium der Architektur an der Techn. Universität Graz 1971-1972 Stipendium der Stmk. Landesreg. Amsterdam, Holland Bürogemeinschaft seit 1980 mit Helmut Croce

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Die Situation damals in der Steiermark, den Wohnbau betreffend beschreibt Klug als „nichts besonderes“. Der Wohnbau lag bereits damals - wie heute, in den Händen der Baugenossenschaften. Zu Zeiten seines Auslandsaufenthaltes befasste sich Klug ausschließlich mit Wohnbau und dem Städtebau und seiner Entwicklung. „Ich habe dort Schnitte durch Amsterdam gelegt“, mit dieser Methode konnte er die verschiedenen Entwicklungen der Stadt analysieren und nachvollziehen. In Richtung Wohnbau sei in dieser Zeit sehr viel passiert berichtet er und erwähnt das viele positi-

ve, aber auch einige negative Entwicklungen stattgefunden haben, wie zum Beispiel die Satellitensiedlungen, die aber wieder abgerissen wurden. Diese beschreibt er als Fehlentwicklungen, die aber nur einen geringen Teil des Ganzen ausmachen. Der Auslandsaufenthalt habe für ihn persönlich „sehr gute Studien“ mit sich gebracht. Kurz nach Gründung der Bürogemeinschaft mit seinem Kollegen Helmut Croce, 1980, kam es zu einer Initiative in der Steiermark, unterstützt von Wolfdieter Dreibholz. Die Genossenschaften wurden gesetzlich verpflichtet, die geförderten Wohnbauprojekte als Wettbewerbe auszuloben. Diese Szene begann ungefähr zeitgleich mit der Bürogründung und hörte 1992 dann abrupt auf und auch das Interesse daran war verschwunden. Klug erwähnt, dass es damals um einiges


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leichter war ein Architekturbüro zu gründen. Es war seiner Meinung nach viel einfacher Fuß zu fassen. Die Anzahl vorhandener Büros zu damaliger Zeit war überschaubar. Als junges Büro lebte man fast ausschließlich von Wettbewerben. Die Gründung der Gemeinschaft und das Modell Steiermark waren von dennoch von zufälliger Begegnung. Das Projekt Esserweg war ein Wettbewerb der ÖWGS. Die städtebauliche Situation war dort vorgeschrieben und von Anfang an klar, so Klug. „Das Einzige, was wir dort getan haben war eine Aneinanderreihung des Reihenhaustypus, der aber trotzdem ein Geschossbau mit zwei übereinanderliegenden Wohnungen ist.“ Die Wohnungen verfügen trotz Mischung dieser beiden Wohnformen über einen eigenen Eingang. Zusätzlich gab es, je nach Wunsch des späteren Bewohners, die Möglichkeit im

Dachgeschoss die Terrasse zu einem Innenraum umzubauen. Auf die Frage, wie die Genossenschaft zu dem Thema Selbstausbau steht, antwortet Klug, das es diese Art der Bauweise in Ansätzen im Modell Steiermark zwar gegeben hat und erwähnt jeweils ein Projekt von Günther Domenig und Eilfried Huth. Diese Art der Errichtung sei jedoch kaum realisierbar, da es meist nicht erwünscht sei. Vor allem wäre da immer die Frage: Wer übernimmt die Verantwortung für das Tun und Handeln des Eigentümers oder des Mieters? Andererseits läge das Problem mit der fehlenden Flexibilität der Genossenschaften auch darin, dass diese Organisationsform viel zu restriktiv sei und sich diese in den letzten 50 Jahren nicht geändert habe. Zum Projekt Neubaugasse erzählt er, dass es kein Wettbewerb gewesen sei und es ein „städtisches Reihenhaus über mehrere Geschosse“

sei. Die Genossenschaft hätte dort ausnahmsweise flexibel gehandelt und ließ Croce/Klug dort mehr oder weniger freie Hand, was die Gestaltung, vor allem auch im Bezug auf die separaten Eingänge, wie sie auch am Projekt Esserweg vorzufinden sind. Es sei ein gutes, einzigartiges Projekt auf Wohnungseigentümerbasis gewesen, in dem diese auch Früh mit in die Planungsphase einbezogen worden wären. Die Wettbewerbe von den Baugenossenschaften seien und sind immer den aktuellen Förderungsbedingungen für Geschossbau angepasst worden und änderten sich stetig, wenn „solche Objekte“ erschienen. Ein Geschossbau sei wie folgt definiert gewesen: „Es müssen 30 % der Wände Kontakt miteinander haben.“ Kurze Zeit später hieß es: „Es müssen mindestens drei Wohnungen übereinander sein.“ 81


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Ansonsten wäre es ein reines Reihenhaus, was mit anderen Förderbedingungen verknüpft sei. Wie Klug und sein Kollege aus dem Bereich Wohnbau zum Spitalbau gekommen sind begründet Klug damit, dass sie es sich „mit den Genossenschaften verscherzt hätten.“ Entweder sind sie der Genossenschaft zu teuer gewesen oder sie waren dieser zu unflexibel. So hätten sie in den Bereich Spitalbau gewechselt indem sie auch heute noch tätig seien. An einigen Wohnbauwettbewerben hätten sie allerdings schon noch teilgenommen. Sie gewannen einen Wettbewerb in Wien, das Projekt „Neubau und Remise Ottakring“, welches sogar ihr größter Auftrag im Bereich Wohnbau war. Klug zeigt einige Modellfotos an deren er erläutert, dass es im Wettbewerb noch Dreispän82

ner waren, die aus Kostengründen dann zu Vierspännern wurden. Unter den Wohnungen befindet sich die Straßenbahnremise, „Das Remisendach ist sozusagen der Freiplatz für die Wohnungen.“ In Wien erledigten zum Großteil Siedlungsgenossenschaften den städtebaulichen Teil der Planung. „In Graz gibt es keinen Städtebau, weil man immer dort baut, wo grad ein Grundstück frei wird.“ Die Chance in den Reininghausgründen sei auch schon vergeben, da diese Grundstücke bereits an Genossenschaften vergeben worden seien und jeder würde irgendwie bauen. Um Potenziale im Wohnbau und Städtebau zu entwickeln sieht Klug nur die Möglichkeit, eines politischen Willens, der sich für Dieses interessiert, doch so einer sei zum jetzigen Zeitpunkt weder in der Stadt , noch auf dem Land zu finden. Seiner Meinung nach müsste es ei-

gene Abteilungen in der Wohnbauförderung geben, die hierfür zuständig sind geben und nicht nur solche, die das Geld auf Wohnbaugesellschaften verteilen. Ansätze hat es in den 70er Jahren wohl gegeben. Er erwähnt erneut Eilfried Huth, der sich damals viel mit dem Thema Wohnbau beschäftigt hat und schon damals gesagt hat: „Die Stadt muss Grundstückbevorratung machen!“ In Wien wurde es damals so gemacht, in Graz wurde darauf verzichtet. Auch für die Grundstücke entlang der Bahn auf der Eggenberger Seite wurden Wettbewerbe ausgelobt und einer seiner Kolleginnen ein Teil der Gestaltung des Gebietes versprochen. Doch die auch daran interessierte Baugenossenschaft hat dieses letztendlich verhindert. „Das Wohnen ist eine Geldfrage. Also Mieten,


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Eigentum, da ist natürlich der Wohnungsschlüssel, den in diesen Zeiten auch die Genossenschaften einhalten müssen. Anders als in Graz ist bei den Wettbewerben in Wien ausgeschrieben, wie viel der Quadratmeter für den letzten Mieter am Ende kosten darf. In diesem Rahmen muss man sich im Wohnbau bewegen. Das ist auch die Zwangsjacke mit der Architekt letztendlich leben muss. Jeder der im Wettbewerb die Kosten übersteigt wird zuerst aussortiert.“ Klug nach, ist es aber auch mit geringen finanziellen Mitteln möglich, eine vernünftige Arbeit abzugeben und eine ordentliche städtebauliche Situation zu schaffen. Die Aufgabe der zukünftigen Architekten ist den Umraum für die zukünftigen Bewohner zu gestalten und positiv zu verändern, nicht nur das äußere Erscheinungsbild des eigenen Gebäudes. 83


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Interview II Gunther Hasewend Datum: 05.12.2013 Ort: : TU Graz Dauer: ca.70min. Geführt von: Gruppe 05 Kurzbiographie Gunther Hasewend *1942 in Arnfels, Südsteiermark Bauingenieurstudium an der TUG, Vertiefung Stahlbau und Bauwirtschaft Fa. Stahlbau Binder, EDV-Organisation 1969 Referatsleiter der EDV in der Baudirektion des Landes Steiermark 1975-1991: Vorstand der Fachabteilung 1b für örtliche Raumplanung, ab 1977 zusätzlich für Landes- und Regionalplanung 1991: Landesbaudirektor der Steiermark Ende 2007: Ruhestand 84

Im Interview hat Günter Hasewend angefangen über seine Studienzeit zu sprechen. Er erklärte wie sein Professor im gesagt hat, dass das einzig Akademische im Bauingenieurwesen die Statik ist. Deswegen hat er Statik und dann alle anderen dazu gehörigen Ausbildungen als Wahlfächer genommen. Er ging im letzten Sommer seines Studiums nach Wien und hat dort die gesamte EDV (damals noch als die Lochkarte bekannt) gelernt, um sie beim Stahlbau Binder in Gleisdorf zu integrieren. So war er einer der ersten, die Statik auf eine neue Weise berechnen konnten. Sein Ausgangspunkt war damals der Wunsch nach einem geordneten und logischen System bei Stahlbau Binder. Er erklärt, dass er zunächst nicht zum Land gehen wollte, weil er sich da gegen seinen Willen entweder als Schwarzer, oder als Roter deklarieren müsste. Später ist er ins Land gekommen, da ihm versprochen wurde, dass er

das nicht tun müsste. Nach einigen Jahren, mehreren Kündigungen und Wiederversöhnungen, wurde ihm die Raumplanung zugeteilt. Damals wusste Hasewend überhaupt noch nicht was Raumplanung bedeutet und hat sich vorgestellt es sei eine Art der Inneneinrichtung im Bereich der Architektur. Wegen dieser Unkenntnis, hat ihm ein Freund in nur drei Wochen den gesamten Raumplanungsbereich beigebracht. Er kriegte die Aufgabe, eine neue Denkensweise im Planungswesen den Menschen zu vermitteln, um in der Stadt eine Ordnung des Bauens zu integrieren. So wurde er mit 32 Jahren, am 1.1.1975 Abteilungsleiter für Raumplanung. In der Architektur kam es in dieser Zeit zu vielen Nachahmungen (nach seinen Worten sogar zum Diebstahl) von Entwürfen, die die Raumplanung – wenn es so geblieben hätte - sinnlos gemacht hätten (Hafnerriegel, Ber-


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liner Ring). Diese Situation brauchte eine Gegenidee, die unter anderen auch Gunther Hasewend vertreten hat, um die Raumplanung zu „retten“ (als Alternative haben sie die Idee des Reihenhauses weiterentwickelt). Diese „Gegenbewegung“ hat fünf Jahre später dazu geführt, dass Wohnbauförderungsmittel vergeben werden nur wenn ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Wegen diesen Wettbewerben hat man Qualität in der Raumplanung gesichert. In die Gemeinden wurde auch die Entwicklungsplanung langsam integriert. Das bedeutet, dass der Gemeinde zugeteilt wurde, ob sie zum Beispiel als ein Standort für die Industrie darstellen sollte, oder eine Tourismusgemeinde werden sollte. Die Entwicklungsplanung dient so als Vision für die nächsten 10 Jahre der Gemeinde. 1975-79 wurde es gesetzlich vorgeschrieben, dass alle Gemeinden Flächenwidmungspläne

haben müssen. Hasewend setzte im Wohnbau den Schwerpunkt an den Flächenwidmungsplan, weil es gerade da geschieht, dass man sich überlegt wie eine Gemeinde gestaltet wird und dass gerade die Flächenwidmungsplanung zu weiteren Entwicklungen im Planen und generell zum Enwicklungsbewusstsein von Gemeinden geführt hat. Als ein Beispiel für ein solches Bewusstsein nannte er die Stadt Leoben. 1991 ist Hasewend zur Baudirektion umgestiegen, wo der Straßenbau, der Wasserbau und die Umweltrestrukturierung in den Vordergrund getreten sind. Für die Jahre nach 2000 erwähnte er eine neue Direktion der Planung – die Nachhaltigkeit. Und da hat er erneut bemerkt, dass die Wohnbauträger denselben Wiederstand gegen die neue Entwicklung hatten wie früher bei anderen Planungsnovitäten. 85


Revitalisierung Kielhauser Architekt Arch. D.I. Martin Strobl Sparbersbachgasse 55 8010 Graz STUDIERENDE Eva Ploy Emilian Hinteregger Josef M. Tischler Andreas F. Rosian Wolfgang Windisch


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn Mitarbeit Architektur:

AuftraggeberIn: KonsulentInnen: Planungsumfang beim Architekten/bei der Architektin:

Sparbersbachgasse 55 8010 Graz Martin Strobl 1945 Statiker: DI Sgustav Elektroplaner: Ing. Urdl HKLS-planer: DI Skreiner GGW Name Name Entwurfs- und Detailplanung

Modell Steiermark: ja Direktbeauftragung/Wettbewerb Geladener Wettbewerb (7 Teilnehmer) Wettbewerb: 1986 90

Planung: Ausführung: Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art Geschoßanzahl Wohnungszahl, Wohnungen/ha BewohnerInnenzahl, BewohnerInnen/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen geplant/realisiert

1986-1988 1988-1990 ja Mitgestaltung der Grundrisse 3 33 Eigentumswohnungen 60

Grundstücksfläche: Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte: Bebauungsgrad: Umbauter Raum in m3:

1920 2880 Wohnnutzfläche: 2.400 m2 960 1,5 0,5 15.000 m3

1 / 33 / 33


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Baukosten: Baukosten pro Quadratmeter BGF: Erschließungstyp (1- bis 4-Spänner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen Anteile Miete/Eigentum Grünflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Verkehrsflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Spielplatz m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche) Anteil Wohnungen/andere Nutzungen

43 Millionen Schilling netto 17.916 Schilling pro m2

Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr)

1- bis 2 Spänner wohnen 100% Eigentum 10m2/WE, 330m2 absolut, 33% der Grundstücksfläche 4,5m2/WE, 150m2 absolut, 15% der Gesamtfläche nicht klar definiert, Teil der Grünsowie Verkehrsfläche- Rampe 0,79 Pp. pro Whg, 26 Tiefgaragenplätze 100% Wohnungen

Anteil Singles, Paare, Familien, WGs Energiesysteme, Energiesparmaßnahmen Materialwahl (Konstruktion, Fassade, Dach, Außenraum)

Publikationen

42,5 % 21,2 % 27,3 % 9,0 %

Garconnière < 50 m2 3-Zimmer-Whg 70 m2 4-Zimmer-Whg 90 m2 5-Zimmer-Whg 100 m2 Atelierwohnung Singles 42,5% Paare 25 % Familien/WGs 32,5 % Entkoppelung der Balkonkonstruktion Ziegelmassenbau (verputzt) Satteldächer und Pultdächer (gedeckt mit Ziegel und Titan-Zinkblech) Wohnbau in der Steiermark 1986-92

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Analyse Situation: Die Fabrikgebäude im Innenhof sowie das Wohnhaus an der Sparbersbachgasse, Bauwerke aus der Gründerzeit, sollten in Wohnungen umfunktioniert werden, wobei der Gestaltung des Innenhofs und der Schaffung von Grünflächen zusätzliche Bedeutung zukam. Entwurfskonzept: Funktionelles Hauptkriterium stellte die geforderte Tiefgarage (26 Plätze) sowie deren Zufahrt dar. Die Zufahrt wird leicht verdreht zur Hofeinfahrt als überdeckte Rampe ausgebildet, deren Überdachung Spielaktivitäten ermöglicht. Die Teile des Bestandes, die keine akzeptablen Wohnungen zulassen, werden abgebrochen. Dadurch ist überdies eine großzügige Hofgestaltung erreicht, neue Bauteile wie Wintergärten, Loggien, Erker und Balkone werden aus statischen Gründen auf vorgestellte Trag92

gerüste gelagert, um komplizierte Tragkonstruktionen zu vermeiden. Die Baukörper in ihrer Grundstruktur, Dächer, äußere Form, Fassadenrhythmen bleiben weitgehend erhalten. Da die bestehende Bausubstanz vornehmlich einseitige Belichtung zulässt und um einen gewissen Sichtschutz zu erreichen sind in den unteren Geschossen vorwiegend zweigeschossige Wohnungen angeordnet. Die Wohnungen im ungünstig gelegenen nordöstlichen Bereich sind durch großzügige Lichtgalerien aufgewertet.

Kritik: Das Gebäude liegt im Zentrum eines doppelten Gründerzeitblocks. Durch eine bewusst gewählte Öffnung im Westen verbinden sich die Höfe und der eigentlich sehr kleine Innenhof erfährt eine Aufwertung. Die Grundrissgestaltung sowie das Erschließungskonzept ist sehr gut gelungen, da diese eine Flexibilität in der Nutzung erlauben. Heute befinden sich nicht nur Wohnungen, sondern auch kleinere Dienstleister in dem Gebäude.

Quelle: Wohnbau in der Steiermark 1986-92, S. 152

Die bunt gestalteten Tragglieder sollen dem Gebäude mehr Identität geben, wirken jedoch vorwiegend albern. Die einstigen Fabrikgebäude sind als solche noch an dem Fassadenrhythmus zu erkennen und mit dem Erhalt des alten Schornsteins bekommt das Objekt einen Bezug zu seiner Geschichte.


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Plandokumentation

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Fotodokumentation

Ansicht von der Sraße 96

Zugang / Zufahrt Sparbersbachgasse

Zufahrt von Innen


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Detailausschnitt Erkerkonstruktion

Innenhof

Tiefgaragenrampe / Spielplatz

Tiefgarageneinfahrt, Zentral im Hof

Baulücke im Gründerzeithof

vorgesetzte Balkonkonstruktion 97


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Interview I Datum: 06.12.2013 Ort: : Architekturbüro Strobl Dauer: 35min Geführt von: Emilian Hinteregger, Josef M. Tischler

der Architekten Österreichs–Landesverband Steiermark Auszeichnungen

Geramb-Medaille für Gutes Bauen in der Steiermark, 1990, für Wohnbau Solo V, Deutschlandsberg

Die Idee war es das Industriegebäude als solches erkennbar zu lassen. Der Fassadenrhythmus und die Fenster der Industriehalle wurden möglichst beibehalten, auch ein Erker. Außerdem wurde der bestehende Kamin revitalisiert und als Tiefgaragenentlüftung verwendet.

Architekturpreis des Landes Steiermark, für „dm Passage“ Plüddemanngasse Graz, 1992

Welche Ansprüche Wohneinheiten?

Aluminium-Architektur-Preis 1998 Wohnhaus am Steinberg b.Graz

Ziel war es die Qualitäten zu maximieren, das heißt wir hatten bei verschiedenen Gebäuden nur einseitige Belichtung, wohl aus Süd-West, aber gegenüber der südlichen Bauzeile ist ein Nachbargebäude positioniert, also hat man nicht die Möglichkeit hier die Belichtung einzuholen und da haben wir uns

Geramb-Medaille für Gutes Bauen in der Steiermark, 1989, für Volksschule Strallegg

Architekt DI Martin Strobl 1945 geboren in LandeckZams,Tirol,Österreich 1957 – 1965 Bundesrealgymnasium Landeck 1966 – 1973 Architekturstudium an der TU Graz 1973 Diplom Mitarbeit in Architekturbüros in:Düsseldorf (70–73), Innsbruck (74) und Graz (75–80) Seit 1981 selbständige Tätigkeit als freier Architekt in Graz Seit 1981 Mitglied der Ingenieurkammer für Steiermark und Kärnten Seit 1983 Mitglied der Zentralvereinigung 98

Was waren die Ziele und Entwurfsaspekte der Revitalisierung Kielhauser?

für

Steirischer Holzbaupreis 2011 für Kinderkrippe Schönbrunngasse Graz

gab

es

an

die


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mit Maisonetten beholfen, sodass möglichst viel Licht in die Wohnungen gebracht werden konnte. Es sind auch in der eigentlichen Industriehalle schöne Kellerräume vorhanden gewesen und da haben wir durch diese Maisonetten Ateliers in den Keller eingeplant, die damals alle gut angenommen wurden - zu unserer Verwunderung. Das ist so eine Mischnutzung; was jetzt allerdings darin stattfindet weiß ich nicht, aber die sind auf jeden Fall alle reissend weggegangen.

Tragstruktur hat es einfach gegeben, aber zum Beispiel bei Loggien oder anderen Elementen, hat es durchaus Mitbestimmung gegeben, wo wir auch entgegen gekommen sind.

War Mitbestimmung ein Thema?

Wie hat das Modell Steiermark das damalige Architekturschaffen geprägt?

Leute die sich früh entschieden haben, die haben auch ohne Weiteres mitgewirkt. Es hat einige Sitzungen gegeben mit den Mietern und da sind wir durchaus auf einige Wünsche eingegangen, aber im Großen und Ganzen war natürlich nicht sehr viel Spielraum. Die

Inspiration damals Architektur?

für

Ihre

eigene

die Ideen anderer rasch kennen zu lernen. Ich kann nur wieder reflektieren, ich habe in Innsbruck damals auch gearbeitet, da hat es das nicht gegeben, Ausstellungen und diesen Austausch. Man hat zwar erfahren, dass wieder was gebaut wird und hat es sich dann selbst angeschaut, aber man hat zwar innerhalb der Büros diskutiert, aber nicht innerhalb der Stadt.

Was bei uns damals immer noch im Hinterkopf mitgeschwungen ist, war Corbusier und seine Wohnphilosophie.

Ich glaube durch den regen Austausch, ständige Wettbewerbe, Ausstellungen war es, obwohl es damals die Kommunikation nur in der Diskussion gegeben hat (weniger über die Medien), schon sehr befruchtend 99


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Ziele bzw. Entwurfsaspekte des Projektes Kielhauser: Erstes Projekt, das einen Industriebau in Wohnbau umwandelte. Kriterium war den Industriebau erkennbar zu lassen (Fassadenrhytmus, Erker, Kamin als Tiefgaragenentlüftung), die Struktur der gusseisernen Säulen maximal zu erhalten - Problem der Schallübertragung wurde mit schalldämmenden Materialien gelöst. Anliegen war die Qualität der Wohnungen zu maximieren, aufgrund der einseitigen Belichtung der Gebäude wurde ein Maisonettwohntyp gewählt um den Lichteinfall zu erhöhen. Verwaltungsgebäude, Industriegebäude und Vorbereitungshallen der ehemaligen Seifenfabrik wurden in Wohnungen umgewandelt. Die tragende Struktur wurde komplett erhalten. Die Balkone wurden auf vorgestellten Stahlgerüsten gelagert, da es keine Möglichkeit gab diese 100

an die bestehenden Dübeltramdecken anzubinden. Tiefgarage war ein großes Thema, daher wurde diese unterirdisch in den Innenhof geplant (27 Stellplätze). Kellerräume der Industriehalle wurden als Ateliers ausgebaut.

gab jedoch Schwerpunkte. Wer sich früher beworben hat, konnte in einigen Sitzung mitreden. Es gab jedoch wenig Spielraum (Tragstruktur), doch bei Loggien und Dachgeschossen konnte man auf Wünsche eingehen.

Hatte die Farbgebung der Traggerüste der Balkone einen tieferen Sinn? Gab den Wohnungen ihre eigene Identifikation, expressiver Ansatz, man wollte das Grün mit Farbe hinterlegen.

Wurde die Grundstruktur der damaligen Seifenfabrik komplett erhalten? Ja, die gusseisernen Säulen und tragende Wände wurden erhalten. Im südlichen Trakt wurden einige nichttragende Wände entfernt. Das war auch eine Grundbedingung für den Wettbewerb. Daher wurden die großen Wohnungen auch als Maisonetten ausgebildet.

Waren sie von anderen Architekten (Vorbildern) dekonstruktivistisch beeinflusst? Ja es gab genügend Beispiele dieser Zeit. War Mitbestimmung der Bewohner ein Thema? Ja, nicht so extrem wie bei Eilfried Hut, es

Durch wen wurde es für Sie möglich bei dem geladenen Wettbewerb mitzumachen? Kann man nicht genau sagen, davor war ein Wettbewerb für Zeltweg (Steiermarkweit)


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und Egidygasse. Wahrscheinlich durch die Stadtplanung zu dieser Möglichkeit gekommen. Ist diese Revitalisierungsidee vom Bauherren (GGW) ausgegangen? Ja und die Stadtplanung gab einen zusätzlichen Impuls, es war ein Pilotprojekt das auch in der Förderung untergebracht werden konnte. Unterschiede Wettbewerbe Damals/Heute? Damals gab es viele geladene Wettbewerbe, heute gibt es eher europaweite Wettbewerbe mit unzähligen Teilnehmern. Natürlich ist die Digitalisierung ein wesentlicher Unterschied, damals wurde alles von Hand gezeichnet – man versuchte gleich den großen Entwurf zu machen da die Ausarbeitung sehr träge verlief, heut alles mit dem Computer – daher probiert man mehr Ansätze, schnelle 3D Modelle. Die Ausarbeitung geht heute mehr

in die Tiefe. Damals wie heute wurde/wird in Teams gearbeitet. Wie empfanden Sie die internationale Sichtweise auf Graz aus Düsseldorf? War das Modell Steiermark so porminent? Modell Steiermark war nicht nur im Sektor der Architektur tätig, Krainer wollte die Steiermark in die Auslage stellen. Damals noch viel Kontakt zu Tirol – die haben damals neidvoll nach Graz gesehen. Heute sieht man, dass sich das Blatt gewendet hat – Vorarlberg holte schnell auf. Architektur war damals wie auch heute auch ein politisches Thema. War das für Sie ein Grund wieder nach Graz zurückzukehren? Es war ein Grund zu bleiben, in Innsbruck war die Hochschule noch nicht in Betrieb. Klima in Graz war damals unvergleichlich. In Düsseldorf gab es auch viele große Wettbewerbe, aber die

Kollegenschaft und die Breite der Diskussion war nirgendwo so wie in Graz (Ausstellungen waren ein Aushängeschild des Modells). Gegenseitiger Ideenaustausch. Wurden sie von anderen Architekten (Vorreitern Bsp. Werkgruppe) beeinflusst beim Modell Steiermark mitzuwirken? Natürlich war die Werkgruppe durch die Terrassenhaussiedlung bekannt (Umsetzung aus Beton), aber weniger beeinflusst. Eher beeinflussend war Le Corbusier und seine Wohnphilosophie (Werkbundsiedlung) Wie ist Ihre Haltung heute zur damaligen Architektur? Architektur hat sich weiterentwickelt (Nachhaltigkeit, Kosten). Im Modell Steiermark war Idee, Qualität und neue Wohnformen wichtig. Heute viele Vorschriften dadurch klarere Wohnformen, damals indiviueller, verspielter – es gab mehrere Typologien. 101


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Heute sollten maximal drei unterschiedliche Wohntypen (50, 75, 90 m²) vorgeschlagen werden. Wie wurde das Thema der Barrierefreiheit zur Zeit des Modell Steiermark handgehabt? Es hat keine genaueren Vorgaben gegeben, hatte auch wenig Stellenwert. Im Erdgeschoss wurden barrierefreie Wohnungen entwickelt – 10 % waren gefordert. Wie stehen sie zur heutigen Situation, dass ein Wohnhaus zu 100 % barrierefrei sein muss? Es müsste ausreichend sein, dass 50 % der Wohnungen barrierefrei erreichbar sind, ein Wohnungstausch kein großes Thema. Wie wird sich der Wohnbau in Zukunft entwickeln? Die Variabilität der Wohnungen wird einen hohen Stellenwert bekommen, man soll 102

für sich selbst die Wohnung umgestalten können – freie Struktur, weniger tragende Wände. Innerhalb der Wohnung ein Kern (unverrückbar), der Rest frei gestaltbar. Wie hat die Arbeit im Modell Steiermark Ihre Karriere beeinflusst? Durch Wettbewerbe, Ausstellungen, regen Austausch konnte man die Ideen anderer rasch kennenlernen. In Innsbruck hat es das nicht gegeben, man hat in Büros diskutiert jedoch nicht innerhalb der Stadt. War das im Vorhinein schon ein Thema, dass im Projekt Kielhauser auch Ordinationen untergebracht werden? Ja, wurde damals schon als Ordination bezogen. War auch bezüglich Widmung kein Problem, da sich Wohnen und Arztpraxen gut miteinander verbinden lassen. Gibt es Ihrerseits noch Erwähnenswertes

zum Projekt Kielhauser oder dem Modell Steiermark? Hätte es gerne wieder. Wär es sinnvoll/denkbar, dass das Modell Steiermark wieder zustande kommen würde? Als Architekt kann man das nur befürworten (Durchmischung in Wettbewerben). Heute gibt es, wenn, nur große Wettbewerbe und damals gab es auch für kleine Bauaufgaben Wettbewerbe. Es wäre wünschenswert, dass auch wieder junge Architekten die Möglichkeit bekommen bei kleineren Wettbewerben mitzuwirken. Welche Elemente Ihrer damaligen Architektur haben sie bis heute beibehalten – was hat sich weiterentwickelt? Die Klarheit und das Ordnungsdenken sind noch immer stark verankert. Das Formale hat auch mehr Klarheit gewonnen.


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Interview II Datum: 09.12.2013 Ort: : Parkhotel Graz Dauer: 40min Geführt von: Eva Ploy, Wolfgang Windisch Dr. Bernd Schilcher geboren am 22. Juli 1940 in Graz zuerst Studium der Medizin, dann der Rechte an der Universität Graz 1964 Promotion zum Doktor jur. 1975 Habilitation für Privatrecht seit 1978 Ordinarius für Bürgerliches Recht an der Universität Graz Mitarbeiter am Salzburger Programm der ÖVP und am Modell Steiermark 1976 bis 1991 Abgeordneter zum Steiermärkischen Landtag, davon 1985 bis 1989 Klubobmann 1974 bis 1991 Vertreter der Steiermark im ORF Kuratorium

seit 1976 in zahlreichen Vertretungs und Aufsichtsratsfunktionen tätig, u.a. Mitglied des Aufsichtsrats der Forschungsgesellschaft Joanneum, Mitglied und Vorsitzender des Aufsichtsrats der KAGes 1989 bis 1996 amtsf. Präsident des Landesschulrates für Steiermark 1996 bis 2001 Vorstand des Instituts für Bürgerliches Recht, Universität Graz 1999 bis 2001 Vize-Studiendekan Mitglied des Europäischen Zentrums für Rechtspolitik (EZP)/Bremen; Academic Director IMADEC University International School of Law/Vienna; Mitglied des Beirats evolaris/Graz; Präsident der International Business School of Styria. Von 2007 bis 2009 Vorsitzender der Expertenkommission von Unterrichtsministerin Schmied.

Was war Ihre Rolle im Modell Steiermark? Naja, wir haben das Modell in Anlehnung an die amerikanische Politik gemacht. Das war die Zeit, da wo der Kennedy gewählt wurde und der hatte “Think-Tanks“ eingeführt. Und hat für eine wissenschaftlich fundierte Politik plädiert. Und das war für uns ein Signal – wie überhaupt er als Person ein Signal war – und wir haben daraufhin gesagt, wir wollen solche Sachen auch hier machen. Es hat dann in Wien eine Initiative des damaligen Bundeskanzlers Klaus gegeben. Der hat sich da umgeben mit einigen Wissenschaftlern und hat einen Versuch gestartet eine “Evidence based“ Politik zu machen. Evidence war einfach, wir reden über Fakten und sollten diese Fakten haben. Und da sind wir drauf gekommen, das die Politik der Nachkriegsjahre eigentlich nur eine Kopie der Politik davor war – das sich überhaupt nichts geändert gehabt hat – im 103


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wesentlichem, sondern eher nach Blick und Gefühl gelaufen ist. Eine sehr emotionale Politik, die auch sehr ideologisch formuliert war. Nicht. Die Parteikirchen die sich da gegenüber gestanden sind. Und wir haben gesagt ja bitte das kann doch nicht die ganze Wahrheit der Politik sein. Glauben Sie, dass etwas wie das Modell Steiermark wieder entstehen kann? Ich glaube nicht. Ich glaube nicht, dass sich etwas kopieren lässt. Die Zeit ist nicht danach. Die Zeit ist differenzierter. Die Zeit ist fortgeschritten, es gibt neue Modelle internationaler Art – ich habe gesagt – Nicht. Die etwa bei den simplen, schämeligen Ziele setzten – außer Streitstellen, Kompatanten finden für diese Ziele - dann Wege ausmachen und Evaluierungen machen und Korrekturen – also “Tryland Area“ in einem gewissen Ding. Das 104

wird wahrscheinlich ein verbindlicheres Modell sein können als unser damaliges, das ja noch viel handfester war und und und – ja, wie soll ich sagen – “Hausbacken“ – es war ja noch nicht... Aber heute durch die vielfältigen Zugänge der Wissenschaft zu diesen Dingen und die vielen Varianten die Soziologie, der Politikwissenschaften – was weiß ich – ist das sicher eine feinere Geschichte geworden. Und da kann man nicht eins zu eins sagen wir haben das Modell Steiermark jetzt in der 17. Auflage noch einmal überholt... das wird nichts. Wie gesagt Ideen erschöpfen sich auch – und müssen neuen Platz machen.


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Das Interview mit Dr. Bernd Schilcher fand am 09. Dezember 2013 im Foyer des Parkhotels Graz statt. Mit Hilfe dieses Interviews wollten wir mehr über das Modell Steiermark, die Arbeit und Ziele des Modells und speziell zu unserem Interviewpartner wollten wir seine Sicht auf das Programm erfahren. Bei der Begrüßung interessierte sich Herr Schilcher wie wir zu diesem Thema gekommen sind und wie viele Studenten sich damit beschäftigen. Es schien ihn zu freuen, dass sich auch heute noch viele für das revolutionären Denken von damals interessieren. Auf die Frage, was seine Rolle im Modell Steiermark war, holte er ein bisschen weiter aus und erklärte wie es überhaupt zu diesem Modell gekommen ist. Ein Signal für sie war Kennedy, der sich für eine wissenschaftlich fundierte Politik einsetzte. Daraufhin hat der damalige Bundeskanzler in Wien Dr. Josef Klaus den Versuch gestartet eine Evidence-

Based-Politik zu machen. Eine Politik, wo Fakten besprochen werden, Ziele gesetzt und diese Ziele auch überprüft werden konnten. Man wollte weg von der ideologisch formulierten emotionalen Politik, die sich nach Blick und Gefühl gerichtet hat. Josef Krainer Junior machte sich dann dafür stark, dass so ein Modell, wie in Wien, auch in der Steiermark eingeführt wird. Es sollte ein mittel- bis langfristiges Modell sein, dass nicht nur eine Periode lang hält. Herr Schilcher, Dr. Gerfried Sperl, Dr. Erwin Zankel und Helmut Strobl fielen dem Landeshauptmann Krainer auf und sollten in seinem Auftrag das neue Modell entwickeln. Durch den großen Bekanntschaftskreis von Krainer Junior im Bereich der Architektur, Landwirtschaft, Wissenschaft und vielen weiteren wurde der Kontakt für die Zusammenarbeit hergestellt. Zusammen mit Hofrat Tropper hatte Herr

Schilcher die Aufgabe die Endredaktion für das Modell Steiermark vorzunehmen. „Da sind wir tagelang gesessen. Er war ein sehr rechts stehender Konservativer und ich war damals eher links liberal. Da haben wir versucht auf einen Nenner zu kommen und dieses Modell Steiermark gebührlich zu präsentieren.“(04:40) Außerdem hat er schon immer bei Themen wie Schule, Bildung oder Forschung mitdiskutiert. Anschließend erklärte er uns wie die Arbeitweise im Modell Steiermark war, beziehungsweise wie die Arbeitskreise entstanden sind. Es gab Arbeitskreisleiter die sich Personen für ihren Arbeitskreis gesucht haben. Innerhalb dieser Arbeitskreise wurden die vorgegebenen Themen bearbeitet. Dabei war es wichtig, dass es keinerlei Einfluss seitens der Politik gab und die einzelnen 105


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Arbeitskreise wirklich in völliger Freiheit arbeiten konnten. So war es möglich völlig neue Dinge auszuprobieren. Ein wichtiges Element des Modell Steiermarks ist laut Schilcher ernsthaftes Wollen zu demonstrieren. Sie hatten damals eine Vision. „Hinter dem Modell Steiermark steht ein Gestaltungswille - wir möchten gewisse Dinge ändern und wir möchten gewisse Ziele erreichen. Ich habe heute nicht das Gefühl, dass das passiert.“ (09:00) Seiner Meinung nach fehlt heute genau dieser Gestaltungswille. Heute ist es wichtiger seine Macht zu erhalten und so wenige Wählerstimmen wie möglich zu verlieren. Egal wie viele Wählerstimmen man mit bestimmten Beschlüssen oder Änderungen gewinnen könnte. Danach wollten wir etwas mehr über den 106

Stellenwert der Architektur beziehungsweise des Wohnbaus im Modell Steiermark erfahren. Seiner Meinung nach war der Wohnbau bei tollen Architekten, wie der Werkgruppe, Strobl oder Treibholz sehr gut aufgehoben. Vor allem Treibholz hat viel Wert auf die Qualität gelegt und viel bewirkt. Weiters befürwortete er, die enge Zusammenarbeit der Architekten mit der Verkehrsplanung, da so eine schlüssige Erschließung gewährleistet wurde. Ein großes Problem für sie war die rapide abnehmende Qualität der Architektur am Land. „Diese Architektur, die wir am Land oft haben, die ist ja derart scheußlich [...] Es kann kein Bauwerk mehr entstehen, ohne einen Architekten. Wir möchten einen Verantwortlichen haben der dafür sorgt, dass das noch etwas gut aussieht.“ (13:00) Auf die Frage, wie wichtig die Qualität im

Sozialen Wohnbau ist, meinte Herr Schilcher, dass gerade dieser Bau im Vordergrund steht und somit sehr wichtig ist. Bis heute ist eine Wellenbewegung in der Qualität des Wohnbaus ersichtlich. Vor dem Krieg entstanden wirklich gute Bauwerke wie zum Beispiel der Karl Marx Hof, doch danach kam ein tiefer Einbruch. Die sozialen Wohnbauten waren sowohl von der Materialität, der Ästhetik als auch von der Funktionalität sehr schwach. Dann kam ein Aufschwung mit dem Modell Steiermark oder auch in Vorarlberg und in den letzten 20 Jahren nahm die Qualität wieder rapide ab. „Ich bin unglücklich über die letzten 20 Jahre.“ (21:00) Bei dem Thema, in wie weit die Architektur die Politik beeinflusst, verwies er auf diverse starrköpfige Architekten wie zum Beispiel DI Volker Giencke. Dieser hat seine Vorstellungen einfach umgesetzt und die Politik hat sich in einem gewissen Ausmaß an ihm orientieren


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müssen. Natürlich machte er sich so nicht sehr beliebt bei den Beamten, doch genau dies war der Grund wieso er umso öfter vom Modell Steiermark engagiert wurde. Auch Adolf Loos war ein Architekt der seine Linie durchgezogen hat und ohne solche Architekten hätte sich die Architektur nicht weiter entwickelt. Weiters wollten wir wissen wie die Bilanz des Modell Steiermarks aussah und in wie weit Herr Schilcher seine persönlichen Ziele erreicht hat. Sein oberstes Ziel war die Bildungspolitik, die beim Modell Steiermark geistig erreicht worden ist, da alle Parteien liberaler waren als anderswo. Damals haben sich alle Parteien im Haus Krainer getroffen und dort gestritten und ihre Meinungen vertreten. Es herrschte ein Klima der Offenheit. Auch heute erinnert man sich noch gerne daran.

Straße – mein Gott das waren noch Zeiten als wir gestritten haben im Krainer Haus und das Modell Steiermark gemacht haben.“ (25:30) Doch Irgendwann erschöpfen sich Ideen, wie beim Modell Steiermark nach 25 Jahren. Die Arbeit im Modell Steiermark hat sich auf Schilchers Karriere insofern ausgewirkt, als er einige Bücher geschrieben hat und oft in den Medien genannt wurde. 1974 gab es dann eine offene Vorwahl für den Landtag, bei der auch einzelne Personen, die keiner Partei angehörten, gewählt werden konnten. Da er über die Medien relativ bekannt geworden ist, wurde er durch diese Wahl Landtagsabgeordneter, obwohl er nicht bei der ÖVP war. Abschließend fragten wir ob er sich vorstellen kann, dass etwas wie das Modell Steiermark wieder entstehen kann.

„Ich treffe heute noch alte Senatsräte auf der

„Ich glaub nicht, dass sich etwas kopieren

lässt. Die Zeit ist nicht danach. Die Zeit ist differenzierter. [...] Wie gesagt Ideen erschöpfen sich auch – und müssen neuen Platz machen.“ Herr Schilcher ist ein Mann der sehr viel bewirkt hat und noch immer bewirkt. Er kämpft mit vollem Einsatz und mit Leidenschaft für die Dinge die ihm wichtig sind, allem voran die Bildungspolitik. Derzeit bereichert er die Bildungsdebatte mit seinen pointierten Aussagen und Reformvorschlägen. Aber auch bei Themen wie Architektur und Wohnbau, die ihm ferner liegen, hat er eine klare Position was verbesserungswürdig ist und wie er dabei vorgehen würde. Nicht umsonst bezeichnet ihn LHVize Schützenhöfer als „chronisch Reformbegeisterten“ und „echten Liberalen“.

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WIST Studentenheim Architekt DI Klaus Kada WienerstraĂ&#x;e 58a 8020 Graz STUDIERENDE Lina Doseva Oliver Neulinger Paul Randig Desiree Salzmann Mina Zivokvic


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn

Wienerstrasse 58a 8020 Graz Dipl.-Ing. Klaus Kada 1940

Mitarbeit Architektur: Dipl.-Ing. Gerhard Mittenberger AuftraggeberIn: Neue Heimat KonsulentInnen: Planungsumfang beim Architekten/bei der Architektin: Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Wettbewerb: Planung: Ausführung: 112

ja geladener Wettbewerb 1987 1988 Juli 1989 - Sept. 1991

Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art der Mitbestimmung Geschoßanzahl Wohnungszahl, Wohnungen/ha BewohnerInnenzahl, BewohnerInnen/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen geplant/realisiert

nein

Grundstücksfläche: Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte: Bebauungsgrad: Umbauter Raum in m3: Baukosten:

6433 m2 9400 m2 8800 m2 1888 m2 1,4 0.3 28 900 m3 ATS 73 500 000 ,-

5 48 224


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Baukosten pro Quadratmeter BGF:

ATS 7 820 ,-

Erschließungstyp (1- bis 4-Spän- Laubengang ner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen (Wohnen, Handel, Studentenwohnheim Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum Miete Grünflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Verkehrsflächen m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Spielplatz m2/WE, m2 absolut (Anteil Grundstücksfläche) Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche)

Fahrradstellplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche) Anteil Wohnungen/andere Nutzungen Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr) Anteil Singles, Paare, Familien, WGs Energiesysteme, EnergiesparÖl Heizung maßnahmen Materialwahl (Konstruktion, Fas- Massivbauweise, verputzt, Besade, Dach, Außenraum) tondach mit Kies Publikationen Preise und Auszeichnungen

Piranesi Preis 1992

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Analyse An der Peripherie der Stadt, etwas abseits vom unmittelbaren Verkehrslärm, wurde in den Altbestand eine Hofrandbebauung eingefügt. Sie ist von städtebaulichen Kriterien, der äußeren und inneren Verkehrserschließung sowie von einer möglichst gleichmäßigen Belichtung und Besonnung geprägt. Zwei zueinander parallele Baukörper bilden in nordöstlicher Richtung den Abschluß des Hofes. Die Verlängerung des bestehenden siebengeschoßigen Wohnhauses in Form eines gestuften Anbaues teilt das Grundstück in einen öffentlichen und in einen eher privaten Grünbereich. Entlang dieser Baukörper wurde die Haupterschließung als städtische Achse für alle Gebäude gelegt. An ihren Schnittpunkten mit den Querachsen der Trakte befinden sich Treppen und Aufzüge als senkrechte Verkehrsverbindungen. 114

Die horizontale Erschließung in den oberen Geschoßen erfolgt über Laubengänge. Sie stellen ein halb öffentliches und halb privates System dar, welches als Wohnungserweiterung zu einer zwanglosen Integration des privaten Bereichs in den Gesellschaftsbereich führt. Die Wohneinheiten in den Gebäuden sind meist zweigeschoßig. Die Einzelzimmer orientieren sich zur ruhigen, vom Laubengang abgewandten Seite und bilden abgeschirmte Arbeitsbereiche. Die Sanitärbereiche sind den einzelnen Zimmern direkt zugeordnet und verdeckt erreichbar. Das Konzept der Zweigeschoßigkeit bietet überdies die Möglichkeit der Separierung innerhalb einer Wohngemeinschaft. Jede Wohneinheit hat mindestens eine gedeckte Freifläche oder Terrasse, wobei

die „Sitzbalkone“ in Kombination mit den vorgeschriebenen „Flucht-Leitern“ statt konventioneller Fassaden eine charakteristische, innovative Raumstruktur darstellen. Diese „bewohnbare“ Fassade und die Begehbarkeit der Gebäude ergeben mit der gesamten Gestaltung der Baukörper ein heterogenes, urbanes Nebenund Miteinander. Ein großes Angebot an Gemeinschaftsräumen und Freizeiteinrichtungen im räumlichen Zentrum und am Knoten aller Fußwege vervollständigen das Konzept.


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Plandokumentation

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Erschließungskonzept

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Fotodokumentation

Balkone/Feuertreppen 118

Balkone/Feuertreppen

Treppe


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Theater

Haus 2

Laubengang

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Interview I Datum: 10.12.2013 Ort: : Architekturbüro Kada Dauer: 70 min Geführt von: Paul Randig

Herr Kada, was sind die ersten Assoziationen, wenn nach doch einigen Jahren wieder einmal das Thema Studentenwohnhaus Wienerstraße auftaucht?

Kurzbiographie Klaus Kada

Das ist jetzt schon bald ein Viertel Jahrhundert alt. Das war damals einer der ersten öffentlichen Bauten, wo die Erfahrung von der Beteiligung, die wir erfunden haben, die Partizipation im sozialen Wohnungsbau, des war… das haben wir gemacht seit 1970 - Bist du deppert, seids ihr jung! Also 1970, da haben wir uns fast 20 Jahre mit der Beteiligung auseinandergesetzt.

1940 geboren in Leibnitz, Österreich 1961-1971 Technische Hochschule Graz 1971 Diplom in Architektur 1971-85 Partnerschaft mit Gernot Lauffer 1976-2002 Gründung des Büros in Leibnitz 1988 Gründung des Büros in Graz, Österreich 1992 President von EUROPAN Österreich seit 1996 Ehrenmitglied des BDA 1996 Gründung des Büros in Aachen seit 1999 Partnerschaft mit Gerhard Wittfeld 2002-2004 Vorsitzender des Salzburger Gestaltungsbeirates seit 2002 Mitglied des Architecture Academic Advisory Committees der Chinesischen Universität in Hong Kong 120

Wie hat das ausgeschaut? Das, was jetzt wieder relevant wird nach 30 Jahren, das haben wir damals schon gemacht. Wir haben Siedlungen gebaut, also nicht nur Wohnungen, sondern Siedlungen, da war der

Städtebau relevant, da war die Unzufriedenheit mit den Bauträgern. Damals haben sie noch Genossenschaften geheißen, und heute heißen sie auch noch so. Die Steiermark war ja bekannt als das korrupteste Land in der Wohnbaugenossenschaftslandschaft. Und wie wir nachgewiesen haben, dass wir um 20% billiger bauen sind wir draufgekommen, dass die Direktoren und Chefs von den Genossenschaften gepackelt haben mit den Parteien. Das war eine stille Parteienfinanzierung. Den Betroffenen, also denen, die gebaut haben, haben sie 20% weggenommen und damit die Parteien finanziert. Die Schwarzen und die Roten. Die Gegenleistung war Werbung, so wie jetzt. Genauso wie jetzt. Die korrupten Partien, die Netzwerke passen zusammen. Wir haben jetzt wieder das gleiche Problem wie vor 30 Jahren: Dass der Steuerzahler die Beiträge zahlt, das ist ja Steuergeld, das wird in Österreich dann verteilt auf Parteien. Und wir


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haben gesagt, da tun wir nicht mit und haben sie aufgeblättert. Und das war im Osten am ärgsten, im Westen weniger. Die Vorarlberger haben da nie mitgemacht. Und aus dem ist sogar eine Forschungsarbeit entstanden, und das berühmte Vokabel vom Kirchschläger, „Wir werden die Sümpfe trockenlegen“, das kommt auch daher. Geschichte ist nicht nur als Hobby interessant, sondern Geschichte ist Bauen. Am Bauen kann man das lesen, was da passiert ist. Und so wird heute auch noch gebaut. Und da müssen wir halt genau schauen, was wird gebaut, warum wird das so gebaut und warum schaut das so aus? Das wäre einmal eine grundsätzliche Einstellung zur Architektur. So, das ist die Vorgeschichte, und dann kommt die Rote Partie zu mir, das … Wirtschaftsinstitut für Studentenhilfe… Wirtschaftshilfe für Studenten

…oder so ähnlich heißt das; und das war ein Wettbewerb, und den haben wir gewonnen. obwohl der Herr Professor, der damals Wohnbau gemacht hat, dagegen war. Als der gesagt hat, der Rohbau sieht anders aus als geplant, hab ich mit gedacht: Schau schau, der kann nicht einmal einen Plan lesen, der Herr Professor! Das Haus ist nämlich entstanden in einer Nacht (schlägt mit der Handfläche auf den Tisch). Da habe ich Studenten gehabt, die haben herumgebastelt und herumgebastelt und nie etwas zusammengebracht. Am Freitagabend sehe ich das, was die da haben, und Dienstag hätten wir abgeben müssen. Da habe ich gesagt: Das geht nicht, ihr bleibt da, wir machen den Wettbewerb. Und um halb sieben in der Früh war das fertig, das Haus. Die haben um acht angefangen zum Stricheln, und wir sind gerade fertig geworden am Dienstag in der Früh und

sind dann von Leibnitz nach Graz gefahren. Das war der erste und letzte Wettbewerb, der eins zu eins umgesetzt worden ist, da haben sogar alle Maße gestimmt. Das haben wir alles in einer Nacht gemacht. Zu viert. Der Städtebau war klar, die Wohnungstypen waren klar, das Konzept war klar, dass das eine kommunikative Einrichtung werden soll. Weil da waren ja nicht nur Architekten, sondern auch Maschinenbauer, Philosophen, Ärzte und was weiß ich alles als Studenten drin. Und wir haben, während ich studiert habe, eine sehr intensive Kommunikation gehabt zwischen Philosophen, Poeten, Literaten, Künstlern,… heute ist das nicht mehr so. Es waren dabei ein Arzt, der heute noch super ist, Rechtsanwälte waren nie dabei bei dieser politischen Einstellung, es war nur der Philosoph, der alte Sauer, der ist jetzt in Pension oder so, der war Dozent damals, und Literaten und eine ganze Menge Künstler. Und aus dem Humus ist eine gesellschaftliche 121


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Einstellung entstanden. Das war halt weitaus linker als alle anderen, als die Konservativen waren. Und es hat wahrscheinlich auch einen Grund gehabt, warum der Herr Professor Seel, der war wirklich ein Seele für das Projekt, das muss ich schon sagen, - kennen Sie ihn? - seine schützende Hand über das Projekt gehalten hat. Das war ein echter Sozialdemokrat noch wie sich‘s gehört hat, das gibt es heute auch nicht mehr, weil jetzt haben wir nur noch Hausmeister als Bundeskanzler, die haben ja von nichts eine Ahnung. Wirklich von nichts. Und die rote Wohnbaugenossenschaft, korrupt bis zum Gehtnichtmehr, das war die Neue Heimat, und die ist heute noch nicht anders, und denen war das natürlich alles zu blöd, und man sieht ja wie man baut, da hinten: Irgendein g‘schissener Grundriss, und der wird dann hochgezogen, schön billig. Wir haben da mehr vorgehabt. Und zwar das Konzept der Kommunikation, 122

also ein Saal, ein Musikraum, wo man Musik machen kann, ein Super Kaffeehaus - das haben die nächsten kaputt gemacht, die Arschlöcher, das war wirklich eines der schönsten Kaffees in Graz. Aber wie sich herausgestellt hat wollen die Studenten nicht daheim ins Kaffeehaus gehen, sondern woanders hin - eh klar. Weil die wollen ja fortgehen. Das war der einzige Irrtum, den wir hatten. Ein Trumm, die Bar, steht jetzt noch in Mürzzuschlag im Kunsthaus. Die WIST hatte ein sehr gutes Raumprogramm, da war ein Musikraum drinnen, eine Sauna, das Theater, das Kaffeehaus, Mutterkind-Wohnungen, das muss man sich vorstellen, das Thema ist erst jetzt wieder gekommen. Dann gibt es Leute, die wollen alleine sein, die wollen zu zweit sein, zu viert oder zu sechst. Für das Hingehen, das Heimgehen, das ist nicht über Treppenhäuser passiert, wo dann drei oder vier Wohnungen hineingehen, ha-

ben wir die Erschließungsflächen benutzbar gemacht. Zum Sitzen, zum Reden, zum Gehen, zum Hineinschauen ins Wohnzimmer. Wir haben das nicht Wohnzimmer genannt, das wäre zu revolutionär gewesen, denn wozu brauchen die Studis ein Wohnzimmer, die sollen ja lernen. Dann haben sie jeweils zu zweit ein Badezimmer gehabt. Wenn es mehr waren, dann zwei Badezimmer. Weil bekanntlich stehen die alle erst um elf auf, und dann ist der Run auf die Duschen. Das ganze Haus war ausgerichtet auf die Zeit zwischen zehn und elf, auch die Besonnung (lacht) Es hat sich dann auch durch die Gebäudesituation ergeben. Und wir haben spekuliert, dass die Wohnungen im Sommer anders verwendet werden, wenn die Studenten nicht da sind. Ich habe diese Hybridlösung klasse gefunden, die damals noch nicht so geheißen hat. Also eine Struktur, die mehrere Funktionen aufnehmen kann.


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Drum bin ich auch dafür Einkaufszentren zu bauen. Denn die können wir dann alle umbauen für Immigrantenwohnungen. Weil die gehen eh alle pleite. Jetzt wäre das nicht schlecht, wenn man Wohnungen daraus macht. Weil Belüftung ist da, Heizung ist da, jetzt braucht man nur mehr Wände aufstellen und ein bisserl Erschließung. Das mach ich aber noch irgendwann, das interessiert mich noch, die scheiß Buden da. Ich habe eigentlich in meiner langjährigen Tätigkeit nur vier oder fünf Villen gebaut. Und das nur, weil mich Verwandte, Bekannte überredet haben, den Schaß zu bauen. Das hat mich jedes Mal eine halbe Million Schilling gekostet. Wenn ich heute ein Einfamilienhaus baue, dann ist das Honorar etwa die Hälfte von dem, was ich im Büro verbrauche. Wenn ich es selbst mache, geht‘s einfacher. Aber im Büro ein Einfamilienhaus zu bauen kostet so viel Geld, das kann sich keiner mehr leisten.

Weiter beim Wist-Heim Die eigentliche Idee war, dass man nicht einfach einen Block baut, sondern dass man das Grundstück von seiner Kapazität und seinen Ressourcen heraus nützt. Daher stehen die Häuser so da wie sie stehen. Im Freien gibt es Bereiche, die Platz bieten zum Volleyballspielen, für Kinder, zum Sitzen. Und dann natürlich die „komfortable“ Sache: Die Parkplätze. Die haben wir noch unten hineingeräumt und die riesen Einfahrt, die sind ja grauenhaft, irgendwie noch ein bisschen versteckt. Und eine Heizung braucht es auch noch und das ganze Zeug. Damals war ja noch, glaub ich, unser Großmeister Städteplaner Rossmann, dem haben sie jetzt Gott sei Dank in Pension geschickt, aber jetzt ist er wieder beim HDA, obwohl er zwanzig, dreißig Jahre die Architekten seckiert hat. Der hat dann wieder von irgendwelchen Dachhöhen erzählt, und daher ist das oben

ein bisserl hereingekippt. Ich habe gesagt, mehr gebe ich nicht her, und jetzt sind oben fast Atelierwohnungen entstanden. Die Einrichtung haben wir auch gemacht, aber trotzdem wäre es zum Wohnen ein super Hotel gewesen. Und das Handling von dem Haus ist eher eine raue Partie. Wir haben uns da nicht auf edlere Materialien konzentriert. Und dann… der Coup war eigentlich, dass sie gesagt haben, dass man für die oberen Geschoße einen Fluchtweg braucht. Wie komme ich da hinunter? Das ganze Projekt wäre zum Wegschmeißen gewesen. Ich habe zwar gesagt, die Studenten sind eh noch jung, die können eh noch rennen, damals war die Behindertensache noch nicht so ausgeprägt… Und dann haben wir gesagt, wir wollten da sowieso immer einen Sitz haben, einen Balkon. Daraufhin haben wir eine Konstruktion entwickelt, die ja wirklich unglaublich gefährlich aus123


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schaut (grinst) und haben gesagt, das wären die Fluchtwege da herunter. Und aus dem hat sich dann eine wirklich lebendige Fassade entwickelt. Ich habe schon einen Balkon geplant, aber dass man da auch hinuntergehen kann von dem Balkon, das war etwas Neues. Wir waren sogar auf einem Bauernhof und haben das in einer alten Tenne probiert ob das gefährlich ist oder nicht. Ist das jetzt wirklich so, dass man da nicht hinuntergeht? Wir haben gesehen: Na, eigentlich müsste das gehen. Und das haben die angenommen, die Baupolizei, die Feuerpolizei - und der Bauherr! Dann haben wir noch ein Modell gebaut, wie das funktioniert, und dann ist das gegangen, und sie haben bemerkt, dass die Fassade ja lustig ausschaut. Wir haben uns bedankt und die Seitenwände geschlossen gemacht, und die waren rot… Das wollte ich ohnehin fragen, wie es dazu gekommen ist… 124

Wenn man hingeht sieht man keine rote Farbe, sondern nur, wenn man ein bisschen auf die Seite schaut, sieht man, dass das ein „rotes“ Studentenheim ist (lehnt sich zur Seite und grinst). Das hat uns Spaß gemacht auch mit der Politik ein bisserl zu spielen. Ist das Rot durchaus auch etwas ironisch zu sehen? Wie auch immer. Und der Saal ist dann auch rot geworden, und wir haben gesagt, da kann die Partei auch gleich ihre Veranstaltungen abhalten, was ja nicht passiert ist. Aber das hat der Seel ganz locker genommen. Städtebaulich - ich meine, ich finde das nie, das Haus, wenn ich von oben schaue, ich finde die Wienerstraße nicht. Die passt sich der ganzen Verhüttelei wohl nicht so schlecht an. Nur eines tut mir leid: Wir wollten da oben eine riesige Behindertenterrasse machen, und dann kommt irgendeiner daher und meint, die könnten im Brandfall nicht flüchten, also

war das eine Luftnummer. Was war da noch, ich muss schauen. Ah ja. Die Treppenhäuser wollte ich nicht so eng machen, aber es ist schon eine raue Angelegenheit, wenn man da hinkommt. Mich wundert es ja, dass keine Graffiti oben sind, aber scheinbar machen die nicht die Studenten sondern andere. Aber das hätte das Haus ausgehalten. Und das steht noch immer! Jetzt ist es dreißig Jahre alt, nein, fünfundzwanzig oder so irgendwas. Und ich war vor zwei Jahren dort, und für das Alter schaut es eigentlich, ein bisschen hergebraucht schon, aber es geht, ganz gut aus. Ich habe mich jetzt seit fünfundzwanzig Jahren über Europan ständig mit Wohnbau auseinandergesetzt, aber es ist witzig, ich habe seit der WIST nichts mehr gebaut, weil ich mir gesagt habe, das tu ich mir nicht mehr an. Eben, weil ich mich nicht ausnützen lasse. Wenn Sie die Verträge anschauen , was die Wohnbaugenos-


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senschaften mit den Architekten machen, das ist jenseits von Gut und Böse, das ist wider den guten Sitten. Und da habe ich gesagt, die können mich - Entschuldigung - am Arsch lecken, ich mache für die nichts. Und jetzt ändert sich das langsam. Es kommen immer mehr Private herein. Das hat natürlich den riesen Nachteil, dass sich die Wohnungen kein Mensch leisten kann. Dort wird viel mehr verdient, denn der Standard ist nicht um so vieles höher, weil sie immer noch die eisernen Türen, die Prügel vom Baustoffmarkt einbauen, billige Kunststofffenster. Die Leute fallen darauf herein. Da sind noch immer diese g‘schissenen billigsten Parkettböden drinnen, nur ist sie halt größer, die Wohnung und hat vielleicht ein paar größere Fenster, damit verkauft man sie teurer. Und jetzt ist immer mehr Wohnbau in Österreich, weil nichts anderes mehr gebaut wird. Die öffentlichen Bauten sind eingestellt, die BIG hat kein Geld mehr, es werden auch kei-

ne Schulen mehr gebaut. Das ist eine ziemliche Katastrophe für die nächsten zehn Jahre. Also könnt‘s euch vorbereiten - zu tun habt‘s nicht viel. Das ist ein bisserl eine klamme Partie… Daher konzentriert sich jetzt alles auf den Wohnbau. Weil Graz legt zu, Wien legt zu. Provinzmetropolen wachsen halt, da gehört ja Wien auch dazu. Sie haben vorher mit den 1970er-Jahren die Partizipationsmodelle erwähnt. Haben Sie das Gefühl, dass das zurück kommt oder mit den neuen Investoren völlig ausstirbt? Nein, das stirbt nicht aus. Denn es gibt nichts Anpassungsfähigeres als den Kapitalismus. Entschuldigung, wenn ich das so sage - ich bin kein Linker oder Kommunist oder was. Ich bin nur gegen den Neoliberalismus, den beschissenen. Es ist nämlich eine ganz hinterfotzige Entwicklung, die wir da haben, denn alle bleiben arm, nur ein paar sind reich. Das hat was mit Bildung zu tun, ja?! (Schlägt auf den Tisch).

In der Steiermark sind jetzt bei der Nationalratswahl 60% FPÖler. Jetzt haben sie die Rechnung gekriegt, die Schwarzen, weil sie seit dem 45er-Jahr ständig gegen die Bildungsreform waren. Weil die blöden Nazi-Buam, die Ewiggestrigen jetzt halt immer noch da sind, das sind die Radikalen. Und die hätten wir mit einer gescheiten Bildungspolitik nicht gehabt. Und jetzt haben sie‘s. Aber sie merken es nicht einmal und geben noch immer so an als wären sie die Kaiser! Dabei haben sie überhaut nichts mehr zu reden, weil sie nur mehr 20% haben. Ich rede jetzt sehr über Politik, weil das für das Bauen das Wichtigste überhaupt ist. Das ist wichtig um das historisch zu begreifen, aber da passiert überhaupt nichts! Weder auf der Hochschule noch im Kindergarten, weil dort fängt‘s nämlich an. Hat sich dann diese Aufbruchsbewegung, 125


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aus der das Modell Steiermark hervorgegangen ist, totgelaufen? Nein, jetzt kommt das wieder. Ich hab ja gesagt, das war dreißig Jahre zu früh. Sozusagen der Zeit voraus. In Wien machen wir ja ganz etwas anderes. In Wien versuchen sie diese endlosen Stangen zu bauen. Und ich wollte ja keinen Wohnbau mehr machen, dann haben sie mich überredet , ich soll in Wien was bauen. Sag ich, in der Hauptstadt der Provinz? - Muss ich nicht, ich bin eh in der Provinz. Außerdem bin ich in der Piefkei auch vertreten, also interessiert mich das ohnehin nicht. In Wien gibt es den Wohnfond, wahrscheinlich wieder eine rote Partie, aber in Wien kennt man sich nicht so wirklich aus, was da läuft. Jedenfalls. Wir hatten früher „Kommunikationsräume“, die sich als total illusorisch herausgestellt haben, weil sie nicht genutzt worden sind. Und wenn sie zwei Jahre 126

nicht genutzt worden sind hat die Genossenschaft Wohnungen daraus gemacht. Eh klar, damit kann sie Geld verdienen. Unser Fehler mit der ganzen Beteiligung war, das merk ich jetzt, dass unsere Sachen nicht moderiert waren. - Nur bei der Planung wurde moderiert, bei der Umsetzung und Realisierung schon weniger, und zum Schluss hat man sie alleine gelassen mit ihren Partizipationsmodellen. Schon gesagt, was nachher kommt, aber nicht gekümmert, wie man das nutzt. Und jetzt hat man halt diese Reihenhäuser, wo einer raus geht und einen Zaun will… Irgendeiner hat in Amerika in einer Siedlung Spiegelwände links und rechts aufgestellt. Das habe ich super gefunden. Und es hat mir richtig leid getan, dass wir das nicht erfunden haben. Weil dann sieht er sich nämlich selber als Nachbar, und das ist das Ärgste, was dir passieren kann. Und jetzt ist es so in Wien, dass es eigene Institute oder Gemeinschaften

gibt, die solche Bauwerke moderieren. Das ist die Vorstufe zum Facility Management. Heute heißt der Hausmeister in Wien Facility Manager, er hat sich aber als Person nicht verändert, er bleibt der gleiche. Da werden die Leute, nicht unbedingt während der Planungsphase, sondern sehr spät mit einbezogen, denn alle die Bestimmungen, Brandschutz, Städtebau, Bauordnung, das ist sehr kompliziert. Im Schulbau wird das jetzt zum Beispiel gemacht. Die Anna Popelka baut im selben Viertel wie wir eine Schule. Oder zwei Schulen. Oder drei Schulen sogar, so in einem Verband. Dort wird mit den Lehrern und den Eltern gemeinsam ein Raumprogramm entwickelt. Es gibt ja auch kein Bildungskonzept. Da wird gestritten ob die Lehrer zu viel arbeiten oder verdienen, zu wenig, aber um ein Bildungskonzept schert sich keine Sau! Es ist wirklich das Letzte! Da wird gestritten mit diesem bladen, schwarzen Gewerkschafter, das ist ja wirklich ein ekelhaf-


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ter Hund, der blockiert das seit ich ihn kenne, seit mindestens zwanzig Jahren. Und daher hat man das in Wien irgendwie verdreht und den Wohnfond eingesetzt, der jetzt darauf schaut, dass die Projekte, die eingereicht werden, auch so gebaut werden. Denn früher hat man eingereicht, alle Genehmigungen geholt und dann hingestellt, was Spaß gemacht hat, nicht nur von der Struktur her, sondern auch von den Materialien. Die verlangen jetzt Materiallisten, was verwendet wird. Jetzt sind die ein bisschen eingezwickt. Denn die Bauträger kassieren sowieso 20% ein. Da gibt es eigene Seminare für Bauträger, da kriegt man das genau erklärt. Ein Kollege von uns ist da kürzlich hingegangen und hat genau die Rezepte gekriegt. Das Ganze ist Geld. Also nur: Geld verdienen, Geld verdienen, Geld verdienen, Geld… - und das auf Kosten aller! (Schlägt mit der Hand auf den Tisch) Ich habe ja nichts dagegen, dass ei-

ner Geld verdient, ich habe auch nichts dagegen, dass einer stinkreich ist, ich beneide ihn höchstens, aber nicht für alles, nur für gewisse Dinge - Hubschrauber brauche ich keinen. Jedenfalls: Der Wohnfond sitzt auch in den Wettbewerbsjurien, damit er die Kontinuität einer Planungsentwicklung mitkriegt und will über den Fortschritt der Planung und der Umsetzung informiert werden. das ist quasi ein Schwert über den Köpfen der Bauträger, damit sie nicht alles machen dürfen, was sie selber glauben, sondern das wird überprüft. Dann gibt es noch die Einrichtung der Moderatoren, die dem Architekten schon im Vorhinein sagen, was sie brauchen. Und witziger Weise bin ich jetzt drauf gekommen, weil mich schon einmal eine Studentin oder ein Student wegen der WIST interviewt hat, dass die WIST gleich ausschaut wie das, was wir jetzt in Wien machen. Wirklich. Auch mit den Brücken und so, das schaut ganz

gleich aus. Nur sind das jetzt Wohnungen, aber die Idee ist die gleiche, und die ist jetzt dreißig Jahre alt, es hat sich nichts verändert! Sag einmal, ist mir nichts eingefallen? Oder: Sind das wirklich die ersten Versuche gewesen damals einen Wohnbau zu machen, der schon die Konzepte und Ideen drinnen hat, so wie es heute verlangt wird? Auf jeden Fall brauche ich heute meine gesamte Energie, damit ich das auf die Reihe kriege, denn es gibt hunderttausend Gegner. Jeder. Aber - sie haben mit mir nicht gerechnet. Obwohl sie eh wissen, dass ich ein Narrischer bin, aber dass ich so narrisch bin, damit haben sie nicht gerechnet. Und das spüren sie jetzt. Ich denke mir, Sie sehen das als Kompliment. Das ist mir so etwas von wurscht. Weil mit denen kann man sowieso nicht reden, und schon gar nicht über Architektur. Ich habe mir das abgewöhnt über Architektur zu reden, weil es hört dir eh keiner zu. Außerdem weiß keiner 127


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was, auch die Architekten nicht. Jedenfalls war die WIST ein Endergebnis der Partizipation und der Beginn einer neuen Wohnbau-Ära. So wie ich das jetzt sehe für uns in unserem Büro. Und wir sehen keine riesigen Fehler, die wir da gemacht haben. Wir waren halt um etliches jünger. Das Haffnerriegel haben wir gekannt, dann - der Giencke hat das zugleich oder knapp davor gemacht am Lendplatz, eine völlig wahnsinnige G‘schicht,… sie haben uns unsere Spielwiese lassen. Das ist halt nur gegangen über das Modell Steiermark, weil der alte Krainer, der Joschi Krainer mit dem Eilfried Huth jeden Tag in der Früh von Deutschlandsberg nach Graz gefahren ist zum Studieren. So war das. Die haben sich gut gekannt, und ich habe ihn dann auch kennengelernt- sehr gut - und der war der einzige Landeshauptmann, der im Ausland studiert hat. Der war in Princeton und in Italien, und der hat noch zumindest einen 128

Intelligenzquotienten gehabt, alle anderen haben das ja nicht mehr gehabt. Er hat dann die Jungen geholt, da gehört der Dreibholz dazu, dann ganz Witzige, die waren politisch irgendwo angesiedelt, an der Hochschule oder in der Politik, dann der Kulturlandesrat, der Strobl, der Sperl, der ist Chefredakteur vom Standard geworden, ein ganzer Haufen wichtiger Leute. Die sind dann in der Steiermark plötzlich aufgetaucht. Die haben nicht nur das Modell Steiermark quasi fixiert, nicht nur ideologisch, sondern vom Konzept her. Er hat gesagt, wenn er zehn holt und einer ist gut, dann ist das super. Heute holt man fünfzehn. Und dreißig sind schlecht. Es war da ein neuer Wind, und er hat das mit ziemlichem politischen Druck durchgebracht. Dazu muss man fast Diktator sein, damit das geht, das war er auch in gewissem Sinn. Damit hat sich die Landschaft entwickelt. Es ist die Literatur entstanden, die Fotografie, Musik, es war alles

wie neu. Der Steirische Herbst war ganzseitig in der „Zeit“, das war das Avant Garde Festival. Zehn Jahre später sind die gleichen Kunstwerke auf der Documenta gehängt! Die sind aber schon vor zehn Jahren in Graz gehängt oder gestanden. Und das ist verschwunden. Graz ist wie leer gefegt. Da ist nichts mehr. Es gibt nur mehr ganz wenige Fassaden. So dicke Dämmungen, das ist eben Ölindustrie, da werden solche Packeln hinaufgepickt, Kunststofffenster, alles billig, billig, billig, und der Druck wird immer größer, weil es keiner kontrolliert. Heute wird alles dem GU übergeben, dem Generalunternehmer. Da bestellt der Bauherr „ein Stück Haus“. Und ganz am Anfang, wenn noch nichts steht, hat er maximal einen Einreichplan, von dem gebaut, ausgeschrieben und vergeben wird. Jetzt kann man sich vorstellen, was zum Schluss herauskommt. Das heißt, die ganze Architektur bedarf einer


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eigenen Organisationsform, die überprüfbar und transparent ist, wo die öffentliche Hand, die ja viel Geld zahlt, permanent die Kontrolle hat, sonst geht das nicht. Weil die -Löcher, die finden ja überall ein Loch, wo sie auskommen. Und das war da [in der Wienerstraße, Anm.] natürlich auch der Fall, aber da haben wir gestritten, dass die Fetzen geflogen sind. Gott sei Dank hat es da ein paar gegeben, die da mitgetan haben, und der Seel hat gemerkt, dass wir nicht das Geld hinauswerfen, das haben wir wirklich nicht gemacht. Und wir hatten eine gewisse Konsequenz, wie das alles planlich umgesetzt wurde. Zum Beispiel eine gute Fassade, die auch etwas aushält. Man muss wissen, wer da drinnen wohnt, und man muss wissen, wie schaut die Umgebung aus. Tu ich keinem weh, keinen behindern? Und wenn man das zur Doktrin macht oder zu einem Einstieg in die Architektur, dann ist das schon 80%. Zum Beispiel in Wien haben wir Grundris-

se gemacht, da gibt es keine Zwischenwände mehr. Irrsinnig mühsam. Erst einmal, dass man die überredet, und dann kostet es was. Aber jetzt haben wir einen Tischler, der lässt in Mazedonien die Möbel machen. In Mazedonien! In Österreich gefördert, und dann wird in Mazedonien produziert, weil da die Arbeitsstunde nur einen Euro kostet. Das ärgert mich ja wahnsinnig, dass da wieder Leute ausgenutzt werden. Die Wände [in diesem Projekt] sind Schränke auf Rädern, die kann man addieren und in der Wohnung herumschieben. Dadurch fällt zum Beispiel die Erschließungsfläche weg. Ich kann alle Zimmer vergrößern und verkleinern. Jetzt haben sie mir eine Wand für das Schlafzimmer abgerungen. Weil die Kinder, die hören dann… Was hören‘s denn? Ja, irgendwann müssen die Kinder das lernen, das ist halt lustig. Net, dass die glauben, dass der Papa die Mama umbringt! Ja, aber das sind lauter Sachen, wo die Wiener eh nicht so prü-

de sind. Die ganze Insel da wird von Nackerten bevölkert, und die Bäder… Da habe ich gedacht, die Wiener sind lockerer, aber nein. Schlafzimmer zu. Aber ich sehe es ja ein. Die haben jetzt schon 50% Migranten. Aber die haben sicher eine Freude damit, dass sie die Schränke verschieben können. Ideal wäre ja das: Da stehen Papa und Mama in der Früh auf, machen die Türe auf und sagen: „Wir sind in der falschen Wohnung!“ Das wäre so ungefähr, was ich mir vorgestellt habe (grinst). […] Anmerkung: Ab hier geschah eine Art Fade-Out des Interviews vom Hauptthema weg zu allgemeinen, teils fachlichen, teils väterlichen Ratschlägen. Ich darf somit das Interview an dieser Stelle für beendet erklären, weil das weitere Gespräch alsbald die Züge einer Gesprächsrunde unter Beteiligung aller Anwesenden, darunter auch einer Flasche Sekt annahm. 129


Wohnbebauung Seiersberg, Steiermark Manfred Wolff-Plottegg Heidenreichstraße 5-5c 8055 Seiersberg STUDIERENDE Balasch Agnès Chen FangYi Crespo Marta Holzer Ines Sarmiento Alberto Tati Idri


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn:

Heidenreichstraße 5-5c 8055 Seiersberg Manfred Wolff-Plottegg 1946

Mascher, Christoph Zechner GGW (Gemein nützige Grazer Wohningsge nossenschaft) Planungsumfang beim Architek- Baukünstlerischer Wettbewerb ten/bei der Architektin: zur Erlangung von Bebauungsvorschlägen für ein Areal von 51.619 m² und Entwürfen für ein Wohnhaus mi 24 Wohneinheiten in der Gemeinde Seiersberg, Steiermark/ competition for obtaining development proposals for an area of 51,619 m² and designs for a residential building with 24 appartements in thecommunity Seiersberg, Styria 134

Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Wettbewerb: Planung:

ja Geladener Wettbewerb / invited competition 1987 Planungbeginn / start of planning: 1988 Ausführung: Baufertigstellung / completion: 1991 Mitbestimmung ja/nein, KurzJa beschreibung der Art der Mitbe- Änderung der Innenausstattung stimmung Geschoßanzahl 4 Wohnungszahl, Wohnungen/ha 24 Wohnung Anzahl Baustufen/Wohnungen geplant / planned: 160 Wohnungeplant/realisiert gen / flats, 65 Reihenhäuser / attached houses realisiert / realized: 24 Wohnungen /flats, 1 Shop


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Grundstücksfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte:

Bebauungsgrad: Erschließungstyp (1- bis 4-Spänner, 5+-Spänner, Laubengang) Nutzungen (Wohnen, Handel, Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche)

Anteil Wohnungen/andere Nutzungen Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr)

gesamt/overall: 51.619 m2 gesamt/overall: 9.345 m2 gesamt/overall: 0,56 Reihenhaus/serial houses: 0,38 Geschoßbau: 0,74 0,18 2-Spänner Wohnen, Handel

Mietwohnungen 159 Parkplätze für 159 Wohneinheiten/159 parking places for 159 appartements 112 überdachte, 47 offene Parkplätze/112 covered, 47 open parking places 24 Wohnungen, 1 Shop

Materialwahl (Konstruktion, Fas- Treppenhaus und Wohnungssade, Dach, Außenraum): trennwände aus Ziegel; Nord- und Südfassade: Skelettbauweise aus Stahlbetonfertigteilen; Balkone: vorgehängte Stahlkonstruktion; Nordfassade: Trapezblechverkleidung unterbrochen von raumhohen, schmalen Fenstern mit verglastem Parapet; Staircase and party walls of brick; north- and southfacade: skeleton construction of precast concrete elements; balkonies: curtain steel constructure; north-facade: Corrugated metal cladding interrupted by narrow windows with glazed parapet

4 x 2-ZiWo (50 m2), 4 x 3-ZiWo (70 m2), 16 x 4ZiWo (85 -100 m2) 135


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Description | Analysis | Review The project in Seiersberg in the south of Graz is located at the junction of the former fringe in Strassgang and the small agricultural parcels of the Grazer feld. The concept was characterized by an extraordinary urban quality, covering an area of 50.000 m². The existing buildings from the 70s are integrated by a park and a new pedestrian system. Overall, an urban structure with exciting spatial relations was created. There should be in the final 160 floor apartments and 65 townhouses arise. The building to analyze is located in Heidenreichstrasse 5-5c, and was designed by the architect Manfred Wolff-Plotegg. It was created as a result of a competition celebrated in 1987 and it was built in 1991. This part of a structure with 24 floor apartments was initially situated just alone at the building site. Only the free-standing staircase in the southwest and the north stairwell showed the connections for the coupling of 136

further parts. The building is east-west arranged and is divided by two staircases, whereby a continuous pedestrian network is formed for the object and the overall system. On the east side of the ground floor there was located a shop. Above the shop two residential floors. Nowadays there are also apartments on the ground floor. On the south side the building is openned by the big three-part glass elements and the continuous balconies. The balconies are suspended from a girder and create a semi-public, semi-private space layer in front of the actual facade. The north side affects closed by the narrow vertical windows. The Access of the building is vía stair that come again and again to the outside, while permeating different layers of space. The floor plans appear unusually generous. Due to the rotation of two axes arise trapezoi-

dal rooms, which appear larger, despite their small depth of the rooms. Structurally the building is reduced to minimum expenditure. The stair case and party walls are of brick, the north and south facades are built in skeleton construction of precast concrete elements. By piers that can support the ceilings inside all partitions are executed in a lightweight construction. The staircases and the curtain south facade are made of steel structures. There is only one type of window for the south and north. The apartaments attach importance to a discrete floor plan, that means, all the rooms can be openned separately. The middle zone between the piers, chimneys and shafts is designed for floor plan variations. The zone between the southern facade and curtain-steel construction is an extension of the internal floor plan.


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Plan documentation

Competition plant/Documentation from the Architect 138

Lageplan and section/Documentation from the Architect


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Up: Plant of one bethroom flat Down: Perspective 3D model

Up: Plant of two bethrooms flat Down: Complete plant of the Building 139


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Photo documentation

Picture description/www.plottegg.tuwien. ac.at 140

Photo of project model from the south / Documentation from the Architect

Photo of project model from the east/ Documentation from the Architect


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North-east Facade/Own picture

North Facade/Own picture

South-east Facade/www.plottegg.tuwien.ac.at

Staircase from the south facade/ www.plottegg.tuwien.ac.at

South-west Facade/Own picture 141


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Interview I Datum: 09.12.2013 Ort:: Büro Arch, Lichtenfelsgasse 13 Dauer: ca. 90 min Geführt von: Ines Holzer Manfred Wolff-Plottegg (Architect, Schöder, Murau, Styria - 1946) He studied at the Technical University of Graz, the Beaux Arts Academie, Paris and Salzburg Summer Academy, graduating in 1974. Running his own architectural practice as registered archit ect since 1983, he has been teaching at various universities, including Graz Technical University, Linz Design School, Innsbruck University and Munich Technical University. Moreover, he has given guest lectures in academies and universities all over Europe and North America. Since 2001 Professor of Building Theory & Design / Vienna University of Technology. He has taken part in numerous exhibitions and competitions and received prices. 142

Welche Bedeutung hatte das Modell Steiermark für Ihre Arbeit? Das Modell Steiermark war eher ein reines Politikum. Von dem her war die Bedeutung für meine Arbeit vernachlässigbar. Hatte das Modell Steiermark überregionale Bedeutung für die Architektur? Die Idee durch das Modell Steiermark experimentelle und revolutionäre Architektur hervorzubringen wurde in der Umsetzung nicht wirklich realisiert. Daher ist meiner Meinung nach eine überregionale Bedeutung des Modells Steiermark nicht erkennbar. Was war die Idee zu Ihrem Entwurf? Das Wohnprojekt Seiersberg wurde komplett interaktiv am Computer generiert. Über den vorgegebenen Lageplan wurden beliebig Linien, Flächen und Netzwerke gelegt. In weiterer Folge wurden den Linien und Flächen - unter anderem mit Hilfe von unzähligen Modellstudien - die benötigten Funktionen zuge-

ordnet. Das Gesamtprojekt entstand dadurch, dass aufgezeichnet und festgehalten wurde was benötigt bzw. was gefordert war. Achleitner hat Ihr Projekt mit den steirischen Arbeiterwohnhäusern des 19. Jh. verglichen. Waren die für Sie eine Inspiration? Die Architektur braucht keine Vorbilder! Der stilistische Vergleich war eine Interpretation von Achleitner. In Arbeiterfamilien gab es viele Kinder und demzufolge den Bedarf nach entsprechend großen Wohnungen. Wenn man sich das Wohnprojekt Seiersberg ansieht, wird man feststellen dass es dort hauptsächlich kleine Wohnungen gibt. Dies wurde vom Bauträger so gefordert. Somit ist der Vergleich zu Arbeiterwohnhäusern schon mal nicht zutreffend. Was war ihr städtebauliches und architektonisches Konzept? Anfänglich gab es kein städtebauliches Konzept. Der städtebauliche Ansatz ergab sich


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erst aus dem Entwurf heraus. Wichtig waren die Durchgängigkeit des Areals, die entstehenden Freiflächen und Ausblicke. Die PKW-Abstellplätze sollten sich in das Gelände einschneiden, um auch im Erdgeschoß Durchund Weitblicke zu ermöglichen. Leider wurde dies dann in der Ausführung nicht umgesetzt. Die Flexibilität der Grundrisse ist ja bis heute ein wichtiges Thema in Ihren Projekten. Wie zeigte sich das im Wohnprojekt Seiersberg? Die Flexibilität in den Grundrissen war schon ein wichtiges Thema bei der Ausarbeitung des Projekts. Die Außenmauern sowie die Zwischenzone mit den gesetzlich vorgeschriebenen Notkaminen waren die Fixpunkte im Grundriss – die restlichen Raumbegrenzungen ergaben sich aus der Möblierung und den Leichtbauwänden. Die Schrankwände sollten je nach Anforderung von beiden Seiten aus benutzbar sein. Wichtig war auch dass jeder Raum einzeln erschlossen werden konnte und

es keine Sackgassen, sondern interne Umläufe gab. Die ursprüngliche Demontierbarkeit der Leichtwände durch Errichtung auf dem Estrich wurde aus bauphysikalischer Sicht abgelehnt. Die angedachte Flexibilität war dann in der Ausführung leider nur mehr in Ansätzen spürbar. Dennoch waren die Ansätze der flexiblen Grundrissgestaltung die für das Projekt Seiersberg entwickelt wurden wegweisend für zukünftige Projekte und wurden in weiterer Folge immer weiter entwickelt. War Mitbestimmung bei Ihrem Projekt ein Thema? Wie wurde sie umgesetzt? Mitbestimmung und Beteiligung der späteren Nutzer war gefordert, allerdings gab es keine echte Mitbestimmung mehr. Den Mietern wurden fertige Pläne vorgelegt und kleinere Änderungswünsche bzgl. Ausstattung wurden vom Bauträger genehmigt, standen für die Benutzer aber immer in Zusammenhang

mit zusätzlichen Kosten. Vom Gesamtprojekt wurde nur der 1. Bauabschnitt von Ihnen realisiert. Wie kam es zur Fremdvergabe der übrigen Bauabschnitte? Ab einer bestimmten Wohnungsanzahl konnten die Bauträger die Planung nicht mehr frei vergeben sondern mussten Wettbewerbe ausschreiben. Um diese Vorschreibung zumindest teilweise zu umgehen wurde dem Wettbewerbsgewinner dann meist nur ein Bauabschnitt oder Teil des Projektes zur Realisierung übertragen – die Realisierung der restlichen Abschnitte ging dann an den vom Bauträger bevorzugten Architekten. Dadurch kam es immer wieder zu katastrophalen Änderungen der ursprünglichen Entwürfe und Konzepte. Wie sehen Sie das Projekt heute? Der Baukörper des 1. Bauabschnittes ist im Großen und Ganzen so realisiert wie geplant und mit dem Ergebnis kann man durchaus zufrieden sein. Da sich die Mietersuche für die 143


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im Erdgeschoß liegende Shopfläche schwieriger herausstellte als gedacht, wurde der Raum inzwischen auch zu einer Wohneinheit umgebaut. Durch die Fremdvergabe der übrigen Bauabschnitte erfolgten allerdings katastrophale Änderungen beim Gesamtprojekt – sowohl aus architektonischer Sicht, als auch aus städtebaulicher Sicht. Zwar wurde die Baukörperstellung noch ungefähr eingehalten, doch bei den städtebaulich wichtigen Ansätze wie der Durchgängigkeit des Areals und der Positionierung der Parkflächen hielt man sich nicht mehr an das Grundkonzept. Auch aus gestalterischer Sicht gab es enorme Einschnitte bei den weiteren Bauabschnitten. Vielfach wurden wichtige gestalterische Elemente aus Kostengründen eliminiert. Das Endergebnis steht in krassem Widerspruch zum ursprünglichen Gesamtkonzept. 144


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Interview II Datum: 10.12.2013 Ort: : Wohnhaus LR i.R. DI Hermann Schaller Dauer: ca. 30 min Geführt von: Ines Holzer DI Hermann Schaller DI Hermann Schaller wurde am 20. Dezember 1932 in der Oststeiermark geboren. Er absolvierte das Studium der Landwirtschaft an der Boku. Bereits mit 33 Jahren ging er in die Politik. In der Zeit von 1965 - 1974 arbeitete er entscheidet an der Entwicklung des Steirischen Raumordnungsgesetzes mit. Er war Vorsitzender des Raumordnungsausschusses und Vorsitzender des Wohnbaubeirates. Von 24. November 1987 bis zum 18. Oktober 1991 war er Landesrat.

Was war Ihre Rolle im Modell Steiermark? Wie war Ihr Weg in das Modell Steiermark? In den 60er Jahren, in der damalig vorherrschenden Aufbruchstimmung war ich in das Modell Steiermark eingebunden. Ich selbst hab den Arbeitskreis 12 zusammen mit Arch. Dr. Dieter Dreibholz in leitender Funktion übernommen. In diesem Arbeitskreis waren einige spannende Leute dabei – sowohl Architekten, als auch Personen aus dem großen Umfeld. Wie ist das Modell Steiermark entstanden? 1965 gab es wirklich eine Aufbruchstimmung, wo man begonnen hat sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. In dieser Zeit hat man wirklich nach Ideen gesucht. Es gab eine Gruppe von Leuten die versucht haben programmatisch Politik zu machen und Politik zu formulieren. Aus dieser ersten Zusammenfassung politischer Grundüberlegungen sind dann Ende der 60er Jahre die Arbeits-

kreise entstanden, die sich dann speziell nach Themen orientiert mit konkreten Gebieten beschäftigt haben. Im Arbeitskreis 12 haben wir dann vor allem für den Wohnbau wichtige Themen entwickelt. Es war wichtig die Dinge am Hintergrund zu sehen. Die Voraussetzung war ein Raumordnungskonzept, für das ich mich persönlich sehr engagiert habe. 1974 konnte ein sehr modernes Raumordnungskonzept verabschiedet werden, das die Grundlage geschaffen hat für Flächenwidmungspläne, wo eine Ordnung in der Raumplanung stattfinden konnte und wo die Bebauung vor sich gehen konnte. Auf der Grundlage dieses Raumordnungsgesetztes war es auch möglich sinnvoll Planungen zu beginnen, zu überlegen, wie bebauen wir dieses Land. Für diese Überlegungen war es ohnehin schon reichlich spät, das Land war reichlich zersiedelt. Im Arbeitskreis 12 ist dann sehr viel und sehr 145


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schön diskutiert worden. Es war eine der produktivsten Phasen an die ich mich erinnern kann. Einige wichtige Punkte bzw. Mindestqualitätskriterien waren: • Mindestgrößen von Wohneinheiten • Lärmschutz • Wärmedämmung • Mitsprachemöglichkeit der Bewohner: Das wurde sehr konsequent praktiziert bei den Modellen die wir über das Modell Steiermark dann durchgeführt haben. Es wurden 25 Projekte durchgeführt – mit Architekten, mit öffentlichen Ausschreibungen – wo diese Grundsätze dann auch praktiziert wurden. • Variable Grundrissgestaltungen: dass man nicht fixe Grundrisse wie bei den Wohnbauträgern hatte. Das waren so eingefahrene Modelle. • Typenvielfalt von sinnvoll geplanten Reihenhäusern bzw. Reihenhaussiedlungen 146

bis hin zu einem sinnvollen schönen Geschoßwohnbau • Verpflichtende Ausschreibung von Architektenwettbewerben bei Geschoßwohnbau von Bauträgern und Gemeinden mit über 100 Wohneinheiten. Leider wurde dies in weiterer Folge nicht immer eingehalten. Diese Kriterien waren damals keine Selbstverständlichkeiten, und konnten dann zum Großen Teil auch in den Richtlinien für die Wohnbauförderung untergebracht werden. Was damals so spannend war und der Grund warum so viele mitgearbeitet haben war das Wissen darum, dass solche Ideen dann auch umgesetzt wurden. Im Wohnbaubeirat konnte vieles von diesen Richtlinien umgesetzt werden. Vom zuständigen Wohnbaulandesrat wurden dann Mittel zur Verfügung gestellt – etwa 10 % der Wohnbauförderungsmittel wurden für solche Projekte und Vorhaben im Rahmen des Modells

Steiermark zur Verfügung gestellt. Der Prozess ging dann so weiter dass mit diesen Arbeitskreisen begonnen wurde und das Ergebnis wurde Ende 1972 im gelben Buch des Modell Steiermarks niedergelegt worden. Damit war der Prozess nicht zu Ende. Einige Gruppen haben gezielt weitergearbeitet. Der nächste Schritt war ein Ratgeber für die Kulturarbeit in den Gemeinden. Dann kommt noch das Modell Steiermark für die 80er Jahre – das ist im Jahr 1981 erschienen. Hier sind die weiteren Ergebnisse der Arbeitskreise publiziert worden. 1989 gibt es noch den Bericht der Arbeitskreise, wo abschließend der ganze Prozess Steiermark niedergeschrieben worden ist. Welche Bedeutung hatte der Wohnbau im Verhältnis zu den anderen Themen im Modell Steiermark? Der Wohnbau war ein wichtiger Arbeitskreis, vor allem auch von der Umsetzung her. Wir


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hatten in der Realisierung viele Möglichkeiten. Hat sich nach den ersten Modellprojekten im Alltag des Modell Steiermarks etwas geändert? Die Ergebnisse hatten nur sehr bedingt Auswirkungen auf die Weiterarbeit. Eine der Zielsetzungen war ja die Abhaltung von Wettbewerben – einzelne Projekte wurden ganz bewusst den Bauträgern angeboten – es werden Mittel für Wohnbauprojekte geschaffen unter der Voraussetzung dass Architektenwettbewerbe abgehalten werden. Die Wettbewerbe haben stattgefunden, die Bauträger haben brav mitgemacht, aber das war es dann. Sehr große Breitenwirkung hatte es bei den meisten Bauträgern leider nicht. Es wurde doch wieder in den alten Schemen weitergebaut. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten und interessantesten Projekte die im Rahmen

des Modells Steiermark entstanden sind? • Alte Poststraße • Markt Hartmannsdorf • Kalwang Das waren die Projekte in die ich persönlich involviert war. Hochinteressant war auch das Holzbauprojekt in Zeltweg. Das Beteiligungsmodell war das herausragendste Merkmal an diesen Projekten – dass die Menschen Ihre persönlichen Vorstellungen einbringen können. Wichtig war auch, dass damals ein Förderungsmodell geschaffen wurde, das auch solche Sachen möglich machte. Gab es einen festgesetzten Zeitrahmen für das Modell Steiermark? Wie lange sollte es laufen? Es gab keinen festgesetzten Zeitrahmen. Es war eine Entwicklung, eine gewisse Dynamik dessen Ende nicht absehbar war. Es war ein sehr dynamischer Prozess, aber ohne voraus-

geplantem Ende. Das hat sich so entwickelt. Gibt es Elemente im Modell Steiermark, die heute wieder eingesetzt werden sollten? Es wäre kein Fehler wenn alle Punkte die damals erarbeitet worden sind auch heute Beachtung finden. Diese Punkte haben sicher heute noch genauso Gültigkeit wie damals

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Casa Nostra Architekt Riegler, Riewe Eichholzerweg 4-24, 8042 Graz

STUDIERENDE Gomes Pedro Reza Veronica Smadi Razan Tzimitikou Fotiola


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn

Eichholzerweg 4-24, 8042 Graz Riegler, Riewe 1954, 1959

Ausführung: Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art der Mitbestimmung

Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn: KonsulentInnen:

Riegler Riewe Architekten IG Casa Nostra, Graz DI Wolfgang Gärtner DI Hanno Kainz Planungsumfang beim Architek- 1989- 1991 ten/bei der Architektin: Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Wettbewerb: Planung: 152

Ja (Geschoßbauförderung für Eigentumswohnungen) geladener Wettbewerb 1988 1989- 1991

Geschoßanzahl Wohnungszahl, Wohnungen/ha

1991-1992 Ja. Die Architekten haben den Gesamtplan (Aufteilung der Häuser am Grund, die Hausformen, Wege, etc.) vorgegeben. Bei den einzelnen waren immer zwei Seiten (Nordseite und Seite zum Gang) fix, beim Rest konnte man Veränderungen vornehmen; so haben zum Beispiel einige einen Erker, etc. Auch die Raumaufteilung war ein offener Prozess Architekt – Bewohner. 2 12 (~ 0,5 ha)


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BewohnerInnenzahl, Bewohner- Ende 1992 (junge Familien)->20 Innen/ha Erwachsene und 23 Kinder (43 Personen) Heute ->18 Erwachsene und 8 Jugendliche (besser Junge Erwachsene) ( 26 Personen) einem steten Wandel unterworfen. Anzahl Baustufen/Wohnungen 1 geplant/realisiert Grundstücksfläche: Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte: Bebauungsgrad: Umbauter Raum in m3: Baukosten: Baukosten pro Quadratmeter BGF:

5029 m2 gem. Kataster, 5183m2 nach Vermessung 1834,6 m2 ca. 1272 m2 ca. 2.430 m2 (davon Zufahrten, Weg, Plätze ca. 1203m2) 0,46 (oberer Grundteil)| 0,33(unterer Grundteil) 0,308 (oberer Grundteil)| 0,176 (unterer Grundteil) ca. 4.600 m3 ca. 3,02 Mio EUR (ca. 41,5 Mio ÖS) ca. 1646 EUR/m2 BGF

Erschließungstyp (1- bis 4-Spän- Die Siedlung ist autofrei; die Auner, 5+-Spänner, Laubengang) tos können nur oben in die TG einfahren, die einzelnen Wohnungen werden über Erschließungswege (1,40m Breite) erschlossen Nutzungen (Wohnen, Handel, Wohnen Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum Eigentum Grünflächen m2/WE, m2 absolut Grünflächen der einzelnen (Anteil Grundstücksfläche) Wohneinheiten zwischen ca. 105m2 - 197 m2 (ca. 1810 m2 gesamt Grünflächen, Terrassen usw.) Verkehrsflächen m2/WE, m2 ab- ca. 1203 m2; davon mit Autos solut (Anteil Grundstücksfläche) befahrbar (Straße + TG + FW Zufahrt) ca. 810 m2, der Rest sind die Fußwege und Plätze Spielplatz m2/WE, m2 absolut Der gesamte untere Bereich des (Anteil Grundstücksfläche) Grundstückes (über 1000 m2) ist gemeinsamer Bereich und hat eine Schaukel, Sandkiste, einen Fußball-/Basketballplatz, Rutsche bzw. Wildnis. (~83,3 m2 pro WE)

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Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl 11 überdachte Tiefgaragen-Park(Anteil Grundstücksfläche) plätze und im Freien 4+2 Zweitbzw. Gästeparkplätz (~1,4 pro Whg) Fahrradstellplätze pro Whg, Fahrradabstellplätze ca. 10 vorne Gesamtzahl (Anteil Grundstücks- bzw. 5 hinten in der Tiefgarage fläche) (~1,25 pro Whg) Anteil Wohnungen/andere Nut- nur Wohnungen, 3 Haustypen zungen Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 4-Zimmer 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr) Anteil Singles, Paare, Familien, 1 WG, 2 Singles, sonst Familien WGs Energiesysteme, EnergiesparTiefenbohrung (160m bzw. bei maßnahmen einigen Häusern 2x 80m) mit einer Solewärmpumpe wobei diese als monovalentes System ausgeführt ist (Heizung und Warmwasser, Niedertemperatur). Jede Eigentumswohnung hat ihre eigene Tiefenbohrung (die Wärme wird nicht quer zwischen den Häusern verteilt).

Materialwahl (Konstruktion, Fas- Keller und der Teil der in den sade, Dach, Außenraum) Hang hineingeht ist Beton; zum Teil zweischalig (außen Beton, innen Ziegel). Der Rest ist Ziegel (38cm) bei den EG, Nordseiten und den Gängen zugewandten Seiten; die Seite zum Garten bzw. nach Süden ist eine Riegelbauweise mit einer Eternitplattenabdeckung außen. Das Flachdach ist als hinterlüftetes Kaltdach ausgeführt. Bis auf ein Haus haben alle Häuser tw. ein Glasdach dabei (Acryl Mehrschichtglas).

Publikationen

Preise und Auszeichnungen 154

*Architecture in Austria- a survey of the 20th century; Brinkhäuser, ACTAR *timebased Architecture editors: Bernard Leupen, René Heijne, Jaspervan Zwol. 010 Publishers, Rotterdam 2005 *Riegler Riewe –Arbeiten seit 1987,Löcker Verlag 1994 Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs 1993


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Casa Nostra Die Wohnsiedlung „Casa Nostra“ befindet sich in einem Randgebiet der Stadt, umgeben von vorwiegend Einfamilienhäusern und Grünflächen. Das Bebauungskonzept reagiert sowohl auf die umgebenden Gebäude als auch auf die Topographie. Das Wohnprojekt war eines der ersten Projekte der jungen Architekten, die versuchten sich in das Architekturleben zu etablieren. Sie zeigten früh klare Grundhaltungen und Einstellungen und entwickelten ihre eigene Architektursprache. Die 11 Einfamilienhäuser reihen sich dicht nebeneinander entlang dem Hang auf. Die Verbindung erfolgt durch schmale, 1,40m breite Wege die durch ihre Anordnung unterschiedliche Qualitäten aufweisen. Die enstehenden Blickbeziehungen sind genauso interessant und erwähnenswert. Der oberste Teil steht mit dem unten liegenden Grünbereich durch eine Treppe in Verbindung. Sie erweitern sich entlang einer langen Achse und werden immer 156

wieder in Querrichtung von anderen Wegen oder Plätzchen durchbrochen. Die Verbindung der drei Reihen, in Querrichtung, schafft auch spannende räumliche Verhältnisse. Man geht durch einen engen Weg, während man die ganze Zeit vor sich eine Wand hat. Am Ende der Stiege öffnet sich der Raum und wird zu einem kleinen Platz. Diese Bereich spielt eine wichtige Rolle da man durch ihn vieles schaffen kann. Man könnte diese Abfolge von engem Raum zu großzügigem Platz auch als Analogie zum Thema „privat- öffentlich“ analysieren. Die Beziehung zwischen privaten und öffentlichen Räumen spielt eine große Rolle. Man soll einen bestimmten Grad an Intimität wahren und auch über öffentliche Bereiche verfügen. Man betritt das Grundstück über einen solchen Bereich, der auch als Spielplatz für Kinder diente. Die engen Wege führen über eine Treppe nach unten zu einem gemeinschaflichen Platz. Dieser ist als Liege-

wiese und Spielplatz gestaltet und wird für gemeinsame Aktivitäten verwendet. Die Häuser verfügen über Atrien, die auf einer Seite geöffnet sind. Man erkennt sofort die Qualitäten dieser Gestaltungselemente und Entwurfsentscheidungen. Man hat das Gefühl die Grenzen der strengen, orthogonalen Wohnkasten werden aufgelöst und eine Verbindung zwischen Innen- und Außenraum wird geschaffen. Die Raumabfolge erweitert sich auch im Innenraum durch eine feine und subtile Art und Weise. Für uns waren die Eingangssituationen besonders attraktiv. Alle Häuser haben relativ großräumige Eingangsbereiche die völlig unterschiedlich gestaltet werden. . Zur Wahrnehmung der Siedlung spielt auch die Wahl der Materialien und Farben eine wichtige Rolle. Durch die Farben grau, grün und blau, die in verschiedenen Nuancen angewendet werden, wirkt die Siedlung kompakt und gleichzeitig leicht.


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Plandokumentation

Grundriss OG 1 M 1:500 158


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Ansicht Süden M 1:500

Ansicht Westen M 1:500

Schnitt M 1:500

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Fotodokumentation

Ansicht Süd-Ost, Wohnsiedlung Casa Nostra 160

Gemeinsamer oberer Bereich, 08.12.2013

Aussicht vom Dach, 08.12.2013


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Materialien und Farbwahl, 08.12.2013

Haushoch auskragende Betonrahmen

Häuser gebaut entlang dem Hang, 08.12.2013 Platz zwischen den Häusern, 08.12.2013

Erschließungswege, 08.12.2013

Ausblick vom unteren gemeinsamen Bereich, 08.12.2013 161


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Eingangssituationen, 24.11.2013 162


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Laienjury, 17.06.1988

„Siedlung Malen“, 1996

Wettbewerb Präsentation, 23.09.1988

Fußballspiel, Sommer, 1997

Bauverhandlung, 17.10.1990

„10 Years After“, 14.06.2003 163


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Interview I Datum: 12.12.2013 Ort: Riegler Riewe Architekten : Graz Dauer: ca. 53 min Geführt von: Smadi Razan Tzimitikou Fotiola Kurzbiographie Florian Riegler 1954

geboren in Mönichwald, Österreich Architekturstudium an der TU Graz 1987 Gründung des Büros Riegler Riewe, Graz 1997 Gründung der Riegler Riewe Dependance, Köln 1991 - ‘97 Vorstandsmitglied der „Österreichischen Gesellschaft für Architektur“ 1994 - ‘97 Mitglied des 5. Salzburger Gestaltungsbeirates 1996 Gastprofessur TU Prag 2001 - ‘03 Gastdozent ETH Zürich 164

Das ausgewählte Projekt zum analysieren, die Wohnsiedlung „Casa Nostra“ wurde von Rigler Riewe Architekten entworfen. Im Rahmen der Lehrveranstaltung haben wir den Architekt Florian Riegler interviewt. Obwohl wir nicht ein sehr langes Interview hatten, haben wir manches erfahren können. Die ersten Fragen waren allgemeine Fragen über die Architekten und deren Arbeiten. Danach haben wir das Wohnprojekt „Casa Nostra“ näher erläutern wollen und schließlich Fragen über das „Modell Steiermark“ und seine Haltung gegenüber dem Programm wissen wollen. Obwohl die Fragen offene Fragen waren und wir erwarteten, dass der Architekt mehr erzählen würde, waren die Antworten manchmal zu kurz. Man musste oft zusätzlich Fragen stellen, oder die Fragen ergänzen. Natürlich hatten wir unsere Erwartungen, die aufgrund der Recherschearbeit enstanden und man kann

sagen wir hatten uns nicht sehr getäuscht. Schon am Anfang des Interviews merkt man feste Haltungen und Meinungen. Man solle sich selbst vertrauen, machen was man will und auf sich selbst verlassen, sagt der Architekt. Er erwähnt als Vorbild seiner Studienzeit Josef Klose, Professor an der TU Graz, der laut Riegler den Studenten sehr viel näher brachte, erklärte, sehr viel über Architektur sprach und neue Dimensionen aufmachte. Architektur selbst beschreibt er als Hintergrund, Hintergrund fürs Leben, die viel möglich machen muss. Sie soll nicht fixiert sein, nicht festgelegt und man soll sie auf eine eigene Art und Weise zur Sprache bringen. „Architektur soll vom Angebot her flexibel nutzbar sein.“ Dem Material weist er eine sekundäre Bedeutung auf. Es soll ein übergeorndnetes Konzept unterstützen. Die Wahl der Materialien sollte wie eine Analogie zum Entwurfsprozess erfolgen: wenn man möglichst flexibel arbeiten will,


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möglichst offen für verschiedene Möglichkeiten, da muss man auch „Materialien verwenden, die möglichst offen sind, die möglichst alltäglich sind; dass sie beiläufig da sind, den Zweck erfüllen und das Konzept unterstützen“. Die Architekten verwenden meistens einfache Materialien, die gleich zeigen, was sie sind und machen können. Als Architekt, so Riegler, solle man ein Gleichgewicht schaffen zwischen dem Grad, den er vorgibt und wie viel von den Nutzern zu entscheiden ist. Wenn man zu viel vorgibt ist der Nutzer überfordet. Das richtige Maß an Kondtionierung zu erreichen isr sehr wichtig für die Architekten. Reserviert gegenüber dem Begriff „Karriere“, den er nicht mochte, beschreibt er die Bedeutung der Wohnsiedlung „Casa Nostra“ als einen der ersten Entwürfe. Seine Wichtigkeit liegt im Fakt, dass er das zweite Projekt war, das realisiert wurde. Der Architekt sieht das als einen wichtigen Schritt

für die Etablierung des Büros. Die Geschichte der Enstehung der Wohnsielung erzählt er ausführlicher. 12 Familien waren auf eigene Initiative zusammengekommen, gemeinsam einen Grundstück gesucht und die ganze Ausschließung durchgesetzt. Sie haben eine bestimmte Vorstellung gehabt, wie die Häuser hätten aussehen sollen, nämlich ein Hofhaussystem. Das von den Architekten durchgeführte Konzept war aber wesentlich anders, abweichend von ihren Ideen: die Häuser reihen sich dem Hang hinunter. Riegler erinnerst sich daran, dass es schwierig war den Bewohnern greifbar zu machen, welche Qualitäten diese Lösung besitzt. Ein gewisses Maß an Intimität und gleichzeitig gemeinschaftliche Bereiche werden vorgeschlagen und angeboten. Es gibt zwei gemeinsame Bereiche, wobei

der unterste als Liegewiese und Spielplatz für Kinder eingerichtet ist. Der Entwurf gibt den Bewohnern die Möglichkeit zu wählen gemeinsam zu sein oder nicht. Die Gebäude sind schließlich Einfamilienhäuser, die nebeneinander geordnet sind und somit wird die Kollektivität betont. Das war ein Statement der Architekten, sowohl als auch ein Wunsch der Bewohnergruppe. Die Häuser haben ein starkes inneres Leben. Die Räume stehen im Mittelpunkt der Architektur und sind vielleicht das Wichtigste. Im Konzept des Entwurfes solten die Erdgeschossräumlichkeiten mit dem Atrium ein Sommerhaus ergeben. Der Außenraum wäre fast als Erweiterung des Wohnzimmers zu sehen. Die Architekten wollten noch radikaler werden und zwei Küchen entwerfen, was die Bewohner aber nicht haben wollten. Das Obergeschoss mit dem Ausblick über den Hügel ist eher für den Winter gedacht. Was nicht 165


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ausgeführt wurde, waren die Wintergärten (aus Kostengründen). Sie hätten wahrscheinlich schöne Blickbeziehungen zwischen Wohnräumen, Atrium und Wintergärten ermöglicht. Weiter erzählt Riegler über das Konzept der Partizipation und wie der Prozess am Fall der „Casa Nostra“ war. Da die Siedlung teil des „Modell Steiermark“ war, war die Mitbestimmung natürlich ein zentrales Thema, „fast mode“ laut ihm. Er beschreibt den Prozess als mühsam, der oft Kompromisse verlangte. „Eine Mitbestimmung ist dann gut, wenn sie die Arbeit von Architekten respektiert; wenn man weiß welche Kompetenz wir haben und wenn man sich da sachlich abgrenzt. Meine Wünsche sind gefragt und ich möchte sie auch wissen, aber dann sollte es jemanden geben, der sich vielleicht schon 20 Jahre lang mit Architektur beschäftigt. Er weiß einfach in dem Gebiet etwas mehr“, sagt Riegler. 166

Der Architekt schätzt mehr die andere Herangehensweise, wo man nicht ganz individuell entwirft, sondern man entwickelt Konzepte, die flexibel sind und somit entstehen andere Angebote, die er als viel interessanter sieht. Die Antwort auf das Thema Mitbestimmung kann man vielleicht im nächsten Entwurf der Architekten sehen, die Wohnbebauung Straßgang, die als „Alcatraz“ von Architektenkreisen in Graz bezeichnet wurde. Riegler sagt, es wurde ziemlich stigmatisiert und danach keine Wohnbauprojekte mehr gebaut. Zum Thema „Modell Steiermark“ hat der Architekt nicht viel gesagt, sondern schon im ersten Moment klar gemacht, dass er im Modell Steiermark nicht involviert war. Er behauptet die Ziele des Programms nicht wirklich zu kennen, außer natürlich, dass versucht wurde über neue Wege eine höhere Qualität in Wohnungsbau zu erreichen. Riegler würde dem „Modell Steiermark“ nicht eine sehr gro-

ße Wichtigkeit zuschreiben und was er am stärksten am Programm kritisieren würde, ist der Fakt, dass sehr subjektive Projekte entstanden sind. Er meint der Grund dafür sei die Manipulation der Mitbestimmung von Architektenseite. Er erwähnt im Gespräch auch den Begriff „Grazer Schule“ und grenzt sich sofort ab und behauptet man könne Riegler Riewe Architekten nicht dazu rechnen.


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Interview II Datum: 10.12.2013 Ort: Institut für Wohnbau, TUGraz : Graz Dauer: 1 h 13 min Geführt von: Smadi Razan Tzimitikou Fotiola Kurzbiographie Hansjörg Tschom 1943 in Zams in Tirol geboren 1962 bis 1969 Studium an der TUGraz, Fakultät für Architektur 1967 bis 1969 Vertiefungsstudium Kranken hausbau 1970 Universitätsassistent am Institut für Städtebau, Fakultät Architektur an der TUGraz. seit 1981 ein Reihe von Wettbewerbserfolgen, Projekten und ausgeführten Arbeiten seit 1987 Universitätsprofessor für Wohnbau an der TUGraz

Einer der führenden Architekten in Sachen Wohnbau, ist der Architekt Hans Jörg Tschom. Die Liste seiner Wohnbauprojekte scheint nicht enden zu wollen und seine Erfahrung und sein Wissen werden durch zahlreiche Forschungsprojekte und Publikationen ergänzt. Zumeist sind es soziale Wohnbauten, die von ihm konzipiert, entworfen und bereichert werden.Es sind Großprojekte, die stets einen städtebaulichen Ansatz verlangen. Obwohl Wohnbau eine schwierige Aufgabe ist, weist Tschom allen seiner Projekt höhere räumliche Qualitäten und Detailgenauigkeit zu. Das folgende Interview befasst sich mit einem Leben das voll und ganz der Architektur, im Bereich der Forschung und Praxis, gewidmet wurde. Es beinhaltet nicht nur sein architektonisches Wissen sondern auch das Wissen über psychologische und philosophische Annäherungsweisen an die Architektur. Es wird, zusätzlich zu den Forschungsaktivitäten, die

den theoretischen Background und die Basis für die Praxis bilden, ebenso das „Modell Steiermark“ angesprochen. Tschoms Meinungen und Kritiken zu diesem Thema sind sehr wertvoll da er zu dieser Zeit Teil des Grazer Architekturlebens war. Das Interview wurde von ihm mit einem Lacher auf die Frage des Geistes der Architektur der 60er Jahre begonnen. „Ein großartiger!“ Die Architekten waren zu dieser Zeit, was, laut seiner Meinung, heute nicht mehr der Fall ist, Visionäre. Er erinnerte sich zurück an die Zeit als er eine schwebende Stadt wie auch eine Unterwasserstadt entworfen hat. Man versuchte die visionären Idee umzusetzen obwohl diese nicht realisierbar waren. Solche die realisierbar waren wurden nach den 60er Jahren nicht mehr weiterverfolgt. Um den Unterschied zwischen heute und den 60er Jahren zu unterstreichen wechselte er mit einem Sprung zum Thema Wohnbau den 167


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er mit einer starken Meinung vertritt. „Ich mag schon gar keinen Wohnbau mehr machen! Es ist so banal das es nicht mehr geht.“ International bezieht man sich auf hofförmige Bauten die einen städtebaulichen Charakter haben. Im Gegensatz dazu findet man in Graz falsch verstandene, punktförmige Energieprojekte die als Wohnbau dienen sollen. Seiner Meinung nach befinden wir uns in Sachen Städtebau wieder in den 70er Jahren wo wir nur Wert auf die äußere Fassade und nicht auf die räumliche Qualität legen. Nach der Erläuterung seines Standpunktes zum Wohnbau gingen wir tiefer in die Geschichte und sprachen über seine Rolle im „Modell Steiermark“ und wie es zur Gründung gekommen ist. Seiner Meinung nach war dieses Programm ein guter Ansatz um aus dieser Gestaltarmut des Wohnbaus herauszukommen. Der Grund zur Entstehung waren die kastenförmigen Bauten, die in den 60er und 168

70er Jahren entstanden sind, obwohl wir diese Bauten heute noch in Graz sehen. „Ich habe nie was im Modell Steiermark gemacht!“. Es gab einen Grund dafür. Es wurde nie etwas an der Wohnqualität selbst geändert. „Es wurde nicht über das Wohnen selbst geforscht, sondern nur über die Kosmetik“ Er war froh darüber aber es war ihm dennoch zu wenig. Er erzählte über seine Arbeit und Forschungen die er im Ausland gemacht hat und dadurch bezeichnete er das „Modell Steiermark“ als „Sandkastenspiel der Eitelkeit“. Weiters sprach er über ein Projekt in Liebenau, dass er gebaut hat, welches im Gegensatz zum damaligen Programm völlig anders war. Tschom hat immer nach seinen Vorstellungen gebaut und ließ sich von niemandem beeinflussen. Er gab sein Wissen in den 70er Jahren an seine Studenten weiter. Diese reagierten mit Empörung, da die ihre Gedanken vom Wohnbau manipuliert waren und sagten:

„Tschom tötet unsere Kreativität durch Wissen“. Dies spiegelt sich sogar in ein paar wenigen heutigen Studenten wider. Durch sein Wissen, das eigentlich gegen das Programm war, hatte er eine Erfolgsquote von 80 Prozent bei seinen Wettbewerben. Auf die Frage hin wie das „Modell Steiermark“ zu Ende gegangen ist eröffnete er das Thema der „Mitbestimmung“. Eine wichtige Fähigkeit eines Architekten sollte die psychologische Analyse des Auftraggebers sein da die Wünsche und Einwendungen seitens der Auftraggeber anfangs für sie sehr toll klingen, sie aber eben diese Wünsche später nicht mehr attraktiv finden. Es ist die Aufgabe des Architekten eine Planung zu gestalten die, anfangs vielleicht nicht den Wünschen der Auftraggebern entspricht aber unterbewusst werden sie immer damit zufrieden sein. „Partizipation heißt nicht das der Benützer des Hauses plant und der Architekt ist nur Begleiter...“ Auch wenn er


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eine unterschiedliche Meinung zur Mitbestimmung hat wurde die Partizipation weitergeführt. Er ging nicht näher auf das Ende des „Modell Steiermark“ ein außer das es in den späten 80er Jahren aus politischen Gründen beendet wurde. International hatte das „Modell Steiermark“ einen guten Ruf gehabt da viele Experimente gemacht wurden die vorher nicht möglich waren. Bevor wir das Gespräch über „Modell Steiermark“ zuende gebracht haben stellten wir eine Frage zu seiner Meinung über die Nachwirkung des Programms. „Hat das Model Steiermark auf den Wohnbau nach dem Ende des Modells gewirkt? Wenn ja, wie.“ Seiner Meinung nach ist die Qualität des Wohnbaus danach stetig bergab gegangen, weil die heutigen Kriterien des Wohnbaus auf Energiestimmigkeit und Preis reduziert werden. Er geht weiter und erzählt über ein paar Pro-

jekte wie z.B. Sandgasse Wohnprojekt das er nach seinem Prinzip gestaltet hat. Die Räume sind besonders hoch um ein Sicherheitsbzw. Wohlgefühl zu gewährleisten. Diese waren seine letzten Projekte bei denen er Wert auf die räumliche Qualität in bezug auf die menschliche Psyche legte ohne einen Energienachweis zu bestätigen oder einen bestimmten Preis zu überschreiten. Um dieses Interview zu beenden sagte er, dass der Wohnbau heutzutage, in seinen Augen die ursprüngliche Bedeutung verloren hat und es an uns liege die wahre Bedeutung des Wohnbaus durch eine „Revolution“ wieder in den Vordergrund zu bringen.

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Fasangartengasse Hubert RieĂ&#x; Fasangartengasse 11 8020 Graz STUDIERENDE Sach Angelika Taumberger Florian Ortner Manuel Unger Robert Guimaraes Jose


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Datenblatt Adresse: ArchitektIn: Geburtsjahr ArchitektIn

Fasangartengasse 11, 8010 Graz Hubert Rieß 1946

Mitarbeit Architektur: AuftraggeberIn:

Architekturbüro Hubert Rieß ehem. Vizebürgermeister Graz Erich Edegger KonsulentInnen: Bauwerber: ÖWGes Bauführer: Kogelmann Baugesellschaft m.b.H Planungsumfang beim Architek- Entwurf, Einreichung, Ausfühten/bei der Architektin: rung Modell Steiermark: Direktbeauftragung/Wettbewerb Wettbewerb: Planung: 174

nein Direktbeauftragung -

Ausführung: Mitbestimmung ja/nein, Kurzbeschreibung der Art der Mitbestimmung Geschoßanzahl Wohnungszahl, Wohnungen/ha BewohnerInnenzahl, BewohnerInnen/ha Anzahl Baustufen/Wohnungen geplant/realisiert

10.06.1991 - 15.09.1992 keine Mitbestimmung

Grundstücksfläche: Bruttogeschoßfläche: Nutzfläche: Bebaute Fläche: Bebauungsdichte: Bebauungsgrad: Umbauter Raum in m³:

2116 m2 1578 m2 1246 m2 753,34 m2 0,75 0,35 5078,4 m3

Vorderhaus 4, Gartenhaus 3 16 Wohnungen 40 Bewohner / 0,2116 ha keine Bauphasen


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Baukosten: Baukosten pro Quadratmeter BGF:

1.527.945 € 968,28 €/m² BGF

Erschließungstyp (1- bis 4-Spän- 2-Spänner beim Vorderhaus ner, 5+-Spänner, Laubengang) direkt über dem überdachten Vorbereich beim Gartenhaus Nutzungen (Wohnen, Handel, Wohnen Gastronomie, Gewerbe, Büroflächen) Anteile Miete/Eigentum nur Mietwohnungen Grünflächen m2/WE, m² absolut (Anteil Grundstücksfläche) Verkehrsflächen m²/WE, m² absolut (Anteil Grundstücksfläche) Spielplatz m²/WE, m² absolut (Anteil Grundstücksfläche) Parkplätze pro Whg, Gesamtzahl (Anteil Grundstücksfläche)

42,7m2/WE, Gesamt 682,76m2 32,3% der Grundstücksfläche 40m²/WE, Gesamt 637,7m2 30,1% der Grundstücksfläche 9,78m2/WE, Gesamt 156,5m2 7,4% der Grundstücksfläche 1 Parkplatz/WE, Gesamt 16 Parkplätze 15,2 % der Grundstücksfläche Fahrradstellplätze pro Whg, 2 Abstellboxen zu je 8,6m2, Gesamtzahl (Anteil Grundstücks- Gesamt 17,2m2 fläche) 0,8% der Grundstücksgrenze Anteil Wohnungen/andere Nut- 16 WE / 16 Abstellabteile zungen durschnittlich 2,5m2

Anteil Wohnungsgrößen (1-, 2-, 3-Zimmer, 4-Zimmer, mehr)

Vorderhaus: -3x 3Zimmer Whg 63m2 -3x 3Zimmer Whg 66-74m2 -2x 3Zimmer Whg + Gallerie 77-91m2 Gartenhaus: -2x 3ZimmerWhg 75m2 -6x 4ZimmerWhg 88m2

Anteil Singles, Paare, Familien, WGs Energiesysteme, Energiesparmaßnahmen Materialwahl (Konstruktion, Fassade, Dach, Außenraum)

Fernwärme, in Wohnungen mit Einrohrheizung Vorderhaus: Ziegelbauweise 30cm, verputzt, Satteldach Gartenhaus: EG Stahlbeton, verputzt OG Holzriegelbau, Blechfassade Domico, Pultdach Außenraum: Terrassen der Reihenhäuser, Plattenbelag

Publikationen

Werkbericht über das städtische Revitalisierungsprojekt Fasangartengasse 11. (MAG Abt.21W - Abteilung für Wohnbau und Wohnbauförderung ÖWGes) Domico Preis

Preise und Auszeichnungen

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Beschreibung Die Fasangartengasse 11 wird in Vorderhaus und Gartenhaus gegliedert. Das Vorderhaus liegt straßenseitig und besteht aus zwei Baukörpern. Diese sind miteinander durch schmale Brücken verbunden. Konstruktiv gesehen ist es ein Ziegelbau. Eigentlich sollte es in Holz errichtet werden, laut damaliger Gesetzeslage jedoch war ein Holzbau mit vier Geschossen nicht erlaubt. Vorderhaus: Die äußere Gestaltung ist bis zu einem gewissen Maß mit den umliegenden Gebäuden abgestimmt. Diese sind in der Zeit des zweiten Weltkrieges entstanden. Sie sind zurückhaltend, verputzt und besitzen keine besondere Qualität. Diese Bescheidenheit ist auch im Vorderhaus ersichtlich. Somit heben sich die Vorderhäuser der Fasangartengasse 11 von der Umgebung nicht ab. Die beiden Trakte liegen in einer Flucht. Es gibt keine Vor- oder Rücksprünge, sowie 176

Balkone straßenseitig. Eine Besonderheit erweist sich durch die französischen Fenster. Mehr Licht und somit mehr Qualität wird hierdurch erworben. Beide Teile besitzen vier Geschoße mit je vier Wohnungen. Das offen gehaltene Stiegenhaus ist am westlichen Gebäudeteil orientiert. Dieses Stiegenhaus wirkt wie eine Weiterführung des Gartenhauses, da es die gleiche Fassadengestaltung besitzt. Zu den Wohnungen im östlichen Teil gelangt man über die einzelnen Brücken. Das dritte Obergeschoß ist als Maissonette-Wohnung konzipiert und mit einer großen Dachterrasse ausgestattet. Die darunterliegenden Wohnungen besitzen ebenso Balkone, im östlichen Trakt südlich und im daneben liegenden westlich ausgerichtet. Jene im Erdgeschoß weisen einen eigenen Gartenbereich auf. Befindet man sich direkt vor dem Gebäude, sieht man den hinteren Teil – das Gartenhaus.

Die Charakteristik dieses Hauses ist komplett gegensätzlich zu dem des Vorderhauses, nicht nur formal. Es ist ein langgezogener flacherer Baukörper. Er zeichnet sich durch eine blaue Blechfassade aus und besitzt nur drei Geschoße. Beziehend auf die Konstruktion wurde das Erdgeschoß in Stahlbeton und das obere Geschoß in einer Holzriegelbauart errichtet. Im Gartenhaus befinden sich 8 Wohnungen, die alle im Typus der Maissonette-Wohnungen geplant wurden. Die Erschließung der einzelnen Wohnungen funktioniert wie folgt: die nördlichste Wohnung wird über das Vorderhaus erschlossen, die südlichste über ein kleines Gebäude, welches ebenso kleine Abstellräume beherbergt. Diese sind für alle Wohnungen gedacht. Zusätzlich gebotener Abstellraum bedeutet mehr Qualität. Beide oben erwähnten Wohnungen befinden sich erst im ersten Obergeschoß. Jene sechs Wohnungen die sich zwischenliegend befinden,


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sind direkt im Erdgeschoß über den Innenhof zu erschließen. Hier wurde das gesamte Erdgeschoß westlich hineingeschoben. Das obere Geschoß wird von schmalen Rundsäulen getragen. Somit findet eine schöne Inszenierung der Eingangsbereiche durch eine Art Säulengang statt. Die inneren sechs Wohnungen besitzen den Charme von Reihenhäusern. Sie sind zweigeschoßig, haben einen öffentlicheren Wohnbereich im unteren Geschoß und einen privaten Bereich im Obergeschoß. Eine Besonderheit findet man im Westen. Jede Wohnung besitzt einen eigenen großen Gartenbereich. Durch die offene Gestaltung der Westfassade werden die einzelnen gut ausgerichteten Räume zusätzlich mit Sonnenlicht durchflutet. Hier findet man erneut französische Fenster im Obergeschoß. Das Dachgeschoß des Gartenhauses ist offen gestaltet. Es befindet sich zwischen den zwei

äußeren Wohnungen. Jede Wohnung hat einen eigenen Zugang dazu. Hier gibt es extra Platz für Aufenthalt- oder auch Abstellmöglichkeiten. Ebenso sind zwei Fahrradboxen im Erdgeschoß zu erwähnen, da es hier die Möglichkeit gibt, Dinge abzustellen und diese zuzusperren. Allgemeine Aufenthaltsflächen gibt es einige auf diesem kleinen Grundstück; zwei überdachte, zwei Wiesenbereiche und einen asphaltierten. Diese dürfen sich mittlerweile mit einem Griller und einem Kinderspielplatz rühmen. Es ist eine Mischung aus privaten und öffentlichen Gärten, die sich rund um das Gebäude befinden. Das Gebäude bietet nicht nur Platz zum Wohnen, sondern auch Platz zum Leben. Es wurde versucht, jedem Bewohner auch einen gewissen Außenfreiraum zu bieten. Dies lässt sich durch jene Tatsache feststellen, dass jeder einen eigenen Garten, Balkon oder Terrasse

aufweisen kann. Einzig die zwei äußersten Wohnungen im Gartenhaus besitzen nichts davon, würde man den Dachboden ausschließen. So gibt es aber um das Gebäude herum genügend Möglichkeit sich draußen in der Sonne aufzuhalten. Kritisch zu sehen ist die Eingangssituation im Gartenhaus. Das gesamte Erdgeschoß wurde nach Westen verschoben, somit weg von der Zufahrtsstraße. Der Gedanke, den Eingang etwas privater zu planen, ist vorhanden. Jedoch wäre es eventuell besser, jene Eingangsbereiche noch privater zu gestalten. Möglicherweise indem man sie noch mehr hineinversetzten würde.

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Plandokumentation

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Grundriss Erdgeschoß 180


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Vorderhaus GR EG

Vorderhaus GR 1.OG

Vorderhaus GR 2.OG

Vorderhaus GR DG 181


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Fotodokumentation

Vorderhaus Nord-West/eigene Aufnahme 182

Gartenhaus Nord-Ost/eigene Aufnahme

Gartenhaus Ost /eigene Aufnahme


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Kinderspielplatz/eigene Aufnahme

Erschließungsbrücke/eigene Aufnahme

überdachter Vorbereich/eigene Aufnahme

Vorderhaus mit Erschließung/eigene Aufnahme

Gartenhaus Erschließung/ eigene Aufnahme

Vorderhaus Ansicht Süd/eigene Aufnahme 183


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Gartenhaus Süd-West/eigene Aufnahme

Vorderhaus Nord-West/ eigene Aufnahme 184

Gartenhaus West/eigene Aufnahme

Erschließungsbrücke/eigene Aufnahme

Gartenhaus Süd mit Abstellabteilen im rechten Gebäudeteil/ eigene Aufnahme


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Interview I Datum: 03.12.2013 Ort: : Architekturbüro Hubert Rieß Dauer: 25 Minuten Geführt von: Ortner Manuel Kurzbiographie Hubert Rieß: 1967-76 Studium an der TU Graz; seit 1975 eigenständige Arbeiten; 1976-77 Assistent von Gastprofessor Jan Gezelius / Stockholm an der TU-Graz; 1978-79 Stipendium in Stockholm und Mitarbeiter von Jan Gezelius; seit 1979 Lektor an der TU-Graz; 1980 Eintritt in das Büro von Ralph Erskine; seit 1985 selbständiger Architekt in Graz; seit 1994 Professor an der Hochschule für Architektur und Bauwesen der Universität Weimar.

Im Zuge unserer Arbeit wurde das Modell Steiermark analysiert – auf eine etwas andere Art. Wir hatten die Ehre uns mit Architekten und wichtigen Personen aus dieser Zeit zu treffen. Diese sollten wir interviewen um ihren Standpunkt zu jenem Thema kennenzulernen. DI Hubert Rieß war unser gegenüber auf der „Architektenseite“. Wir sprachen mit ihm über das Modell Steiermark und welche Erfahrungen er damit hatte. Er erzählte uns, dass er Mitte der 1980er Jahre aus Schweden zurück in die Steiermark kam und ein Land in Umbruchstimmung vorfand. Das Modell, so beschrieb er, dynamisierte nicht nur den Wohnbau, sondern auch viele andere Bereiche. Jene Energie dahinter war damals in etlichen Bereichen, Situationen sehr spürbar. Hubert Rieß selbst verglich das Modell Steiermark mit dem Hoftheater, als Obersten Landeshauptmann Krainer und Hofdirektor Dr. Wolfdieter

Dreibholz, jene Personen, die den Wohnbau beziehungsweise das Zusammenspiel von Politik und Architektur revolutioniert haben. Mit ihnen hat sich einiges drastisch geändert. Hubert Rieß erklärte, im Wohnbau ginge es um Kosten und möglichst wenig Widerstand der Bauträgerschaften auf Seite von Genossenschaften. Diese möchten alles möglichst routiniert haben und ohne Probleme abwickeln – und jener Prozess des „immer fortwährenden“ sollte mit Herrn Krainer und Herrn Dreibholz enden. Diese Auseinandersetzungen, die folgten, haben zu unglaublichen Reibungen geführt. Die Genossenschaften hatten keine Freude daran, dass Architekten in ihr besetztes Metier eindringen und Veränderungen in ihrer Handhabe und in der Architektur vornahmen, so Rieß. Doch das Modell Steiermark schöpfte, vermutlich auch durch all jene Diskussionen, Kraft und das Rad fing an, sich zu drehen. 185


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Durch das Modell Steiermark wurden Projekte in der Durchsetzung flotter und fortschrittlicher ausgeführt. Der Rückhalt der Politik bezogen auf die Architektur war ein sehr starkes, und auch unerlässliches Motiv. Ohne Unterstützung hätte es keine Fördermittel gegeben. Später gab es dann einen besonderen Fördertopf unter Landesrat Schaller, so Rieß. Diese Stimmung führte auch dazu, dass sich die Architektur im Wohnbau stark änderte. Hubert Rieß erklärte das Prozedere der Genossenschaften für den Wohnbau. Im Zuge des Wiederaufbaus in den 1960er wurden gewisse Typen und Pläne für Gebäude entwickelt, die allgemein gültig sein sollten und überall Anwendung finden sollten. Wurde irgendwo ein neues Wohnhaus benötigt, so wurde einfach Plankopf und Adresse geändert. Dies änderte sich natürlich schlagartig mit dem Modell Steiermark. Der Eintrittspreis war zunächst die Mitbestimmung. Die Interessen186

ten für die jeweiligen Projekte haben ihre Vorstellungen äußern können und dementsprechend wurde geplant. Natürlich immer unter einem gewissen vorgesetzten Rahmen. Zusätzliche Veränderungen der Architektur wurden auch damit erreicht, dass Themen vorgeschlagen wurden, die möglichst umsetzbar waren. So waren es zum Beispiel Aufgaben wie Energie, kostengünstig bauen oder auch Holzbau. Hubert Rieß gewann einen Wettbewerb 1985, wo es sich um Holzbau handelte. (Wohnbau in Zeltweg) Geltende Gestaltungssanktionen wurden durch das Modell Steiermark in gewissen Orten auf den Kopf gestellt – Projekt Rieß, Allerheiligen bei Wildon. Es wurde umgedacht, neu gebaut, Ideen umgesetzt. Dies löste unglaubliche Dissonanzen aus, aber der Rückhalt der Politik in Graz war so stark, dass man auch das durchstand. Mit dem Verlust des Landeshauptmann Krainer endete das Modell Steiermark abrupt.

Die Beamten haben wieder die Vorherrschaft an sich gerissen und konnten endliche jene Progressivität abschaffen, die sie sich jahrelang unterwerfen mussten, erzählte und Rieß. „Es war die denkbar beste Zeit der steirischen Architektur.“ Die Fasangartengasse 11 war kein Projekt des Modell Steiermark. Hubert Rieß wurde von Erich Edegger, damaliger Vizebürgermeister, direkt beauftragt. Er erzählte, der Bazillus des Modell Steiermark griff auch auf die städtischen Behörden über. Es sollte ein Projekt für günstiges Wohnen und städtische Sozialfälle werden. Jene Aufgabe war keine neue für ihn. Schon in Schweden, als er mit Ralph Erskine zusammengearbeitet hat, lernte er diese Bauaufgabe kennen. Ralph Erskine hatte kaum Upper Class Wohnungen gebaut. Rieß konnte dort viele Erfahrungen in diesem Bereich sammeln. Er selbst meint, damals waren es


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eher Unbewusstere. Doch mit der Zeit realisierte er immer mehr, was positiv oder auch negativ war. Man wird immer reflektierender. So war auch das Projekt Fasangartengasse kein Schwieriges. Mittlerweile würde er ganz anders bauen, erzählte er. Damals wollte er sich an die Umgebung angliedern. Städtebaulich befinden sich rundherum nationalsozialistische Bauten, eher ländlich und sittlich. Das Gebäude besteht aus zwei Teilen, dem Vorderhaus an der Straße liegend, und dem Gartenhaus dahinter. Mit dem Vorderhaus bezog er sich auf die umliegenden Häuser, keine Balkone straßenseitig, verputzt, zurückhaltend. Gegenteilig dazu steht das Gartenhaus. Dies ist ein langgezogener rechteckiger Bau, blaues Blech und Vorsprünge. Auf die Frage hinweg, warum er sich genau für blaues Blech entschieden hat, gab er lächelnd bekannt, „Blech war damals ein Steckenpferd von mir“. Für dieses

Gebäude bekam er sogar den Domico Preis. Blech ist öfters wiederzuentdecken in seinen Bauten. Doch nicht nur Blech wurde oft verwendet, auch Holz ist immer wieder anzutreffen. Die Fasangartengasse wurde teilweise ebenso in Holz errichtet. Rieß glaubte damals, dass Holz ein dominierender Baustoff in der Branche werden wird. Damalige Zielsetzung in der Planung war, mehr auf Familien und Studenten einzugehen. Er wollte etwas weniger Übliches machen. So entschied er sich für Maissonette-Wohnungen, er wollte Familien eine Art Reihenhaus bieten. Unten sollte es den Bezug zum Garten geben, oben der ruhigere Bereich. Er empfand dies als gute Idee und wohnlich. Der Dachboden wurde offen geplant, vermutlich als zusätzliche Qualität. Rieß hat es mit seiner flachen Architektur gut gemeint. Er wollte die Bewohner auch am großen Hof teilnehmen lassen.

Mittlerweile würde er ganz anders planen. Das Gebiet dort verlange, rufe doch quasi nur noch nach einem „Upgrading“, so Rieß. Er würde auf jeden Fall dichter bauen. Man könnte heute das bestehende Gebäude ein bisschen mehr verdichten, erkannte er. Er würde den oben genannten Dachboden ausbauen. Es würde sehr einfach gehen, man müsse einfach nur ein Flachdach auf das erste Oberschoß setzen, eventuell um Balkone zu schaffen und es würde somit ein bisschen dichter werden. Das Potenzial wäre da. Wenn er neu planen müsste, würde er ein Punkthaus mit sechs bis sieben Geschoßen bauen. Es wäre dichter, effizienter, mehr Personen könnten relativ stadtnah wohnen. Möglicherweise würde er für das ganze Gebiet einen eigenen Typus in Richtung Punkthaus planen, schöne Wohnungen, viel Grün dazwischen und den Verkehr wegschaffen. Damals jedoch, so Rieß, hat es in die Zeitten187


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denz hineingepasst. Erich Edegger hat die Stadt auch nicht so rasant wachsend wie heute miterlebt. Auf die Frage hinweg, ob das Gebäude so geworden ist, wie er es sich vorgestellt hat, nickte er. Es wurde anständig geplant und anständig ausgeführt. Da es nur Mietwohnungen sind, hätte er vielleicht etwas robuster planen sollen, wenn man dann im Nachhinein bemerkt, wie Bewohner damit umgehen. Er selbst war das letze Mal vor zehn Jahren dort. Mittlerweile traue er sich nicht mehr dort hin. Er möchte nicht wissen, wie es sich in der Benützung bewährt.

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Interview II Datum: 13.12.2013 Ort: : Operncafé Graz Dauer: 40 Minuten Geführt von: Ortner Manuel Kurzbiographie Siegfried Kristan:

Jurastudium an der UNI Klagenfurt

1980 Eintritt in den Landesdienst als Sekretär des Landeshauptmannstellvertreters 1991 Stellvertreter in der Abteilung für Wohnbau und Wohnbauförderung 2001 bis 2013 Chef der Abteilung für Wohnbau und Wohnbauförderung

Unser zweiter Interviewpartner war Hofrat Mag. Dr. Siegfried Kristan. Er war ehemaliger Leiter der Abteilung für Wohnbauförderung des Landes Steiermark. Er erzählte uns, dass er 1980 in den Landesdienst eingetreten ist. Er war dort zuerst Sekretär des Landeshauptmannstellvertreters Adalbert Sebastian. Danach kam er als Sekretär zum neuen ersten Landeshauptmannstellvertreter Hans Gross. Dort hatte er das erste Mal mit der Materie des Wohnungswesens und des Mietrechtes zu tun. Der Job war damals auch sehr interessant für ihn, weil der Landeshauptmannstellvertreter zusätzlich zum Wohnbaureferenten einen Vorschlag für 40 - 45% des Wohnbauprogrammes machen durften, da der Landeshauptmannstellvertreter für die Industriegemeinden bzw. die Gemeinden mit einem sozialdemokratischen Bürgermeister zuständig war. Dazu musste Siegfried Kristan natürlich Kontakt mit den jeweiligen Bürger-

meistern bzw. den Bauträgern, welche auch großen Einfluss auf die Projekte hatten, aufnehmen und ihre Wünsche und Anliegen koordinieren und diese mit seinem Chef besprechen. Die Anliegen sind dann von ihm gesammelt und geprüft worden. Er wollte, dass es eine Vielfalt gibt. Also wurde nicht jeder Wunsch eines Bürgermeisters direkt erfüllt, sondern darauf geachtet, dass Projekte den Erfordernissen, wie z.B. auch dem Wohnungsbedarf, entsprechen. Er sagte, dass er zu dieser Zeit damals auch das erste Mal auf das Modell Steiermark aufmerksam geworden ist. Zum Beginn der 80er Jahre ist Arch. DI Dr. Wolfdieter Dreibholz an Herrn Kristan herangetreten und hat ihm einige Dinge über das Modell Steiermark erzählt, wie z.B. dass ein neuer Weg im Bauwesen gegangen werden soll. Er sagte, dass nicht mehr diese Standardisierung welche zur Zeit von den Bauträgern gemacht wurde, weiter un189


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terstützt werden sollte. Im Laufe der Jahre wurde Siegfried Kristan zu vielen Exkursionen von Österreich bis hin nach Amerika und auch zur Weltausstellung von Herrn Dreibholz eingeladen. Dadurch hat er neue Blickwinkel gewonnen und hat versucht, wie beim Modell Steiermark mehr Wohnqualität und andere positive Aspekte zu erreichen. Die Problematik beim Modell Steiermark damals waren, laut Kristan, die sehr geradlinigen Vorgaben für die Gemeinden. Dadurch hatten die Gemeinden kaum Möglichkeiten einer Mitbestimmung. Auch die Einbindung der Bevölkerung war sehr gering. Sigfried Kristan hat zu seiner Zeit bei Wettbewerben in den Gemeinden den Gemeindevorstand zu den Wettbewerben immer eingeladen und er hat jedem Bürgermeister gesagt: „Du brauchst keine Angst haben. Wir werden versuchen das Projekt so zu machen das die 190

Gemeinde mit uns das Problem lösen kann und wir zu einen schönen Projekt kommen und ich versichere dir es wird kein Projekt gebaut, sofern die Gemeinde damit nicht einverstanden ist.“ Somit war der Gemeindevorstand bei der ganzen Prozedur des Wettbewerbes dabei und hat dort die verschiedenen Aspekte der Projekte mitbekommen und verstehen können. Durch die guten Fachgespräche der Jury, der Gemeinden und allen anderen Beteiligten kamen dann letztendlich sehr positive Ergebnisse heraus. Des Weiteren erzählte uns Sigfried Kristan wie es dazu gekommen ist, dass er die Leitung der Abteilung für Wohnbau und Wohnbauförderung bekommen hat. Der Nachfolger von Landeshauptmannstellvertreter Gross war Professor Peter Schachner-Blazizek. Jener fragte Siegfried Kristan im Jahr 1991 ob er nicht in die Abteilung für Wohnbau und

Wohnbauförderung wechseln möchte, da er sich in den letzten 12 Jahren intensiv mit dem Thema Wohnbau in der Steiermark beschäftigt hatte und auch in Wien in den Gremien Wohnbaurecht, Mietrecht und Wohnungseigentumsrecht mit Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz, Wohnbauförderungsbeirat und auch im Raumordnungsbeirat mitwirkte bzw. auch Mitbegründer vom Haus der Architektur war. Also sagte er schließlich zu und wurde zum stellvertretenden Leiter der Abteilung. Abteilungsleiter wurde Hofrat Rauchlatner und politischer Chef wurde damals als Kontrapunkt Landesrat Michael Schmid. Im Wohnbau wurden in den 90er Jahren sehr viele Darlehen zur Verfügung gestellt. Deswegen gab es zu dieser Zeit auch ein Auszahlungsproblem von ca. 6 Milliarden Schilling. Es wurde dann ein neues System weg von den Landesdarlehen zu Bankdarlehen mit Annuitätenzuschüssen entwickelt, welches


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bis heute noch teilweise tragend ist. Als stellvertretender Leiter der Wohnbauabteilung hatte Siegfried Kristan ein hohes Ansehen beim Landesrat Schmid, wurde er doch auch immer zusätzlich von seinem Chef um Meinung gebeten. In der nächsten Regierungsperiode nach dem Jahr 2000 gab es eine weitere absolute Mehrheit der ÖVP und Waltraud Klasnic. Unter der neuen Regierung mussten in der Wohnbauabteilung Einsparungen vorgenommen werden. 2001 ging der damals aktuelle Chef der Wohnbauabteilung in Pension und Siegfried Kristan setzte als provisorischer Chef der Wohnbauabteilung die Reform bis 2003 durch. Danach wurde Siegfried Kristan von der Mehrheit und der Frau Landeshauptmann und auch Herrn Landesrat Hirschmann ohne Hearing von der Regierung als Leiter der Abteilung für Wohnbauförderung bestellt. Diesen Posten hatte er bis zu seiner Pensio-

nierung im August 2013 inne. Über seine Zeit im in der Abteilung für Wohnbau: „Ich hab natürlich sehr interessante Sachen gemacht. Ich habe immer versucht jeden Politiker irgendeine neue Vision aufzubringen. Ich habe mit Visionen gelebt, war auch viel unterwegs, in Dänemark, in Kopenhagen, in Liverpool, in Berlin, in Sevilla, bei vielen Kongressen und habe auch immer neue Ideen mitgebracht. Ich war Sprecher der Wohnbauförderung der Bundesländer. Gemeinsam sind wir stark. Ich habe auch alle geformt zu einem Team, unser Meinungsaustausch war sehr intensiv und wir konnten so doch ein bisschen mitreden, auch in der Gestaltung des Wohnbaus in Österreich und die Fortsetzung des Finanzausgleichs. Wenn man alleine ist, ist man allein, wenn man gemeinsam ist, ist man stark. „

Nachdem Siegfried Kristan über seine Karriere erzählt hatte, stellten wir ihm die Frage, wie denn die Wohnbauförderungen verteilt werden bzw. nach welchen Kriterien ausgewählt werden. Er meinte, dass die Verteilung von zwei Seiten zu sehen ist. Einerseits muss man die Objektförderung sehen, dass heißt das man Wohnraum schafft und saniert und auf der anderen Seite muss man die Subjektförderung sehen, welche die Leute in ihren eigenen Intensionen unterstützen soll. Gegen Ende seiner Amtszeit gab es ein Budget von ca. 400 Mil. Euro. Nach Abzug von Altlasten und Bankrückzahlungen blieben ca. 70 Mil. Euro operatives Geld übrig. Durch die steigenden Belastungen bleibt natürlich immer weniger Geld für das neue Bauen. Die Förderungen teilen sich ca. in 1400 Neubauwohnungen, 1000 Eigenheime, 10.000 Sanierungen, welche in umfassende Sanie191


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rungen, Generalsanierungen, ökologische energiesparende Sanierungen und normale kleine Sanierungen gegliedert wurden. Des Weiteren wurde noch eine neue Förderungsschiene, die Assanierung eingeführt. Mit dieser Schiene kann man bei Sanierungen auch Teile abreissen und durch Neues ersetzen. Mit der nächsten Frage kamen wir wieder auf das Modell Steiermark zurück bzw. auf die Gründe der Beendigung. Siegfried Kristan sieht die Gründe dafür Ende der 80er Jahre bzw. am Anfang der 90 er Jahre. Er sagt das Modell Steiermark hat sich weiterentwickelt. Es ist sehr viel in den Beteiligungswohnbau gegangen. Dabei sind Dinge passiert, die zu Baukostenüberschreitungen von bis zu 40% geführt haben, da ein Laie nicht weiß, was Kosten sind. Somit wünscht er sich natürlich alles was technisch machbar ist. Auf der anderen Seite war es die Unzufriedenheit jener, welche nicht in diese besonderen Kreise ge192

kommen waren, welche sich gebildet hatten. Des Weiteren ist auch ein Grund, dass Schmid als Wohnbaulandesrat eingesetzt wurde. Schmid sagte quasi ‚Weg von den Experimenten‘ und somit reduzierte sich das Modell Steiermark. Auf die Frage hinweg, ob das Modell Steiermark heute wieder möglich wäre, antwortet Siegfried Kristan wie folgt: „ Ja, in einer alternativen Form selbstverständlich. Wir praktizieren quasi heute auch das Modell Steiermark, aber immer auch in wirtschaftlicher Betrachtung im Wohnbau. Und beim Modell Steiermark hat die Auswirkung, dass jeder Wohnbau, wenn eine Bebauung von mehr als 30 Wohneinheiten vorgenommen wird, ein Gutachterverfahren vorgenommen werden muss. Dann kann einfach nicht auf der grünen Wiese irgendwas gebaut werden. Es gibt zwar den Wohnbautisch, der darunter entscheiden kann, ob es noch einen

Direktauftrag gibt, aber im großen und ganzen sehe ich die jetzige Wohnbauqualität und Entwicklung auch eine Entwicklung aus dem Modell Steiermark. Das kann man ohne weiteres sagen, ohne Modell Steiermark wären wir nicht zu dieser Wohnqualität in der Steiermark gekommen. Natürlich hat Wien sehr viel von uns abgekupfert und sie sind jetzt in diesem Bereich federführend mit verschiedenen Modellen. „ Kristan erzählte, die Herausforderungen im Wohnbau vor allem war die Akzeptanz von allen Verantwortlichen zu haben. Bis 1991 wurde diese von der Politik noch mitgetragen aber unter Landesrat Schmid eben nicht mehr. Die größte Herausforderung sieht er noch im Beteiligungswohnbau, welcher seiner Meinung nach vor allem von jungen Menschen und Architekten gewünscht wird. Das Problem dabei ist unter anderem, dass man


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Partner für die Finanzierung benötigt - eine Finanzierung bekommt man von der Bank eben nur, wenn man auch die notwendigen Haftungen mitbringt. Er würde vorschlagen die Projekte selbstständig fertig auszuarbeiten und mit einem gemeinnützigen Bauträger zu realisieren und danach die Eigentumsübertragung an diesem Beteiligungsmodell durchzuführen. Das Modell Steiermark hat auch Sigfried Kristan sehr geprägt, vor allem das Arbeiten mit den verschiedenen Architekten und den anderen Beteiligten. Es war meist alles im gemeinschaftlichen Sinne, auch wenn es immer wieder Individualisten gab. Er hat dadurch einen Blick auf die Vielfalt des Bauens und der Architektur bekommen. Als weitere positive Aspekte am Modell Steiermark sieht er die Schaffung von Wohnqualität, das Setzen von städtebaulichen Akzenten und den baukünstlerischen Innovationen der

80er mit Beton, Stahl, Glas und später auch dem Holzbau. Das Hauptziel für Kristan heute ist es leistbaren Wohnraum für die Leute zu schaffen, was aufgrund der steigenden Baukosten nur durch Reduzierung des Komforts möglich ist „Sozialer Wohnbau soll nicht Luxuswohnbau sein“ Zum Abschluss haben wir Herrn Kristan gefragt, wie das Modell Steiermark ihn und seine Karriere beeinflusst hat: „ Die Beeinflussung war wie gesagt der Blick aufs wesentliche beim Bauen und natürlich, wenn man sich mit diesem Thema Bauen befasst und hier Gespräche sucht. Mit den kreativen Menschen im Lande wird man auch von den kreativen Menschen im Lande akzeptiert. Und so ist es mir gelungen, dass ich eine große Vertrauensbasis aufgebaut habe zu den Architekten, zur Ingenieurskammer und zu allen die Wohnqualität wollen. Auch die Bauträ-

ger haben im Laufe der der Jahre in Erfahrung gebracht, dass sie mit ihren Eigenplanungen bei mir nicht weiterkommen und auf keine Gegenliebe stoßen und wie gesagt, das sind die positiven Auswirkungen für alle in unserer Gesellschaft.“

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"Steirischer Wohnbau 1980-1991" [Elective - Analysis]  

Lehrveranstaltungsdokumentation zur LV Ausgewählte Kapitel des Wohnbaus im WS13/14

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