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Über die studentische Forderung nach selbstbestimmtem Lernen - einige Bemerkungen zu ihrer Berechtigung aus evolutionstheoretischer Perspektive Für die Diskussion mit einer Osnabrücker Studentengruppe am Fr. 4.12. 2009 (14-16 R.01/106) notiert von Klaus Gilgenmann

1. Alles Lernen ist selbstbestimmt – anders ist es gar nicht möglich! Gleichgültig, ob wir aus Erfahrungen Anderer, aus Lehrbüchern oder aus eigenem Handeln lernen – wir müssen es immer selbst und mit den uns eigenen kognitiven Mitteln tun. Damit will ich keineswegs behaupten, dass die Probleme nicht existieren, auf die die Studierenden mit der Forderung nach selbstbestimmtem Lernen reagieren. Aber der Unterschied, den sie damit markieren wollen, muss anders und genauer bestimmt werden. In dieser Hinsicht kann eine historisch-evolutionäre Perspektive helfen. 2. Jeder Mensch, der in der modernen Gesellschaft lebt, muss ein Vielfaches von dem lernen, was in einer Lebensspanne spontan gelernt werden kann! Das menschliche Gehirn ist ein Produkt der Evolution des Menschen in der Steinzeit (der längsten Epoche der Menschheit). Die Orientierungen, über die wir mithilfe dieses Organs spontan (also als angeborenes Inventar) verfügen, sind angepasst an das Leben in Steinzeitgesellschaften. Alles andere müssen wir lernen. Wir verfügen heute im wesentlichen über dasselbe Gehirn wie die Menschen, die in der Steinzeit gelebt haben. Würde ein Steinzeitmensch in unserer Gesellschaft aufwachsen, so hätte er keine Probleme damit, dasselbe zu lernen wie wir. Das menschliche Gehirn ist ein unwahrscheinlich komplexes und höchst anpassungsfähiges Organ. Es ermöglicht menschlichen Individuen in 10 bis 20 Jahren kulturelle Techniken zu erlernen, für deren Entwicklung die Menschheit 100.000 Jahre gebraucht hat. 3. Um derartige Lernprozesse zu ermöglichen, bedarf es pädagogischer Organisation! In der Geschichte der Menschheit sind für diese Zweck spezifische Techniken der Instruktion und pädagogischer Organisation entwickelt worden. Sie zielen darauf, die enorme Kluft zwischen den spontan verfügbaren Orientie-

rungen menschlicher Individuen und dem in der Kulturgeschichte angesammelten Wissensvorrat zu überwinden. Die pädagogischen Techniken funktionieren nach einem Prinzip, das bereits in der Naturgeschichte der Menschheit – in der im Vergleich mit anderen Lebewesen ungewöhnlich langen Entwicklungsphase der Individuen bis zur organischen Ausreifung – angelegt ist: durch Bildung eines kulturell erweiterten Schutzschirms vor dem Selektionsdruck der natürlichen und sozialen Umwelt. Dieser Schonraum – familiale Kindheit und Schule – ist auf die enorme Lernfähigkeit, aber auch Verwundbarkeit des menschlichen Gehirns abgestimmt. In ihm werden Lernprozesse ermöglicht, die sonst in diesem Umfang nicht möglich wären, weil es toleriert wird, aus Fehlern zu lernen. Natürlich finden auch außerhalb dieses Schonraums Lernprozesse statt. Hier lernen die Individuen aber normalerweise nur, Fehler zu vermeiden und sich vor weiterem Lernen zu verschließen. 4. Die gegenwärtigen Reformen an Schulen und Hochschulen vernichten menschliches Lernvermögen! Die kulturelle Tradition der Steigerung des menschlichen Lernvermögens durch Ausdehnung des pädagogischen Schonraums wird durch die gegenwärtigen Reformen im Bildungssystem gebrochen. Die Grundtendenz dieser Eingriffe ist auf Verkürzung der Lernzeiten (Abschaffung des 13. Schuljahres, dreijähriges Bachelorstudium) und die Anpassung der pädagogischen Organisation von Lernprozessen (durch formalisierte Kontrolle, kumulative Leistungspunkte) an die wenig fehlertoleranten Lebensumstände im Berufsleben gerichtet. Insbesondere die zur Aufgabe der Hochschulen gehörende Steigerung des Lernvermögens durch Reflexion wird dadurch eingeschränkt. Im Widerstand gegen diese Tendenz liegt nach meiner Ansicht der tiefere Grund und die historische Berechtigung für die studentischen Proteste.


Kg 2009 selbstbestimmteslernen