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Klaus Gilgenmann

Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences1 1. Vorbemerkung zu den Fachdisziplinen des Studiengang Social Sciences Was unterscheidet die drei Disziplinen, die im Studiengang Sozialwissenschaften curricular verknüpft sind?

Der Studiengang Social Sciences kombiniert drei Fachdisziplinen mit verschiedenartigen Theorietraditionen. Die Politikwissenschaft setzt bei dem kollektiven Willen zur Gestaltung sozialer Ordnung an. Die Wirtschaftschaftswissenschaft setzt bei den kollektiven Effekten des Zusammenwirkens individueller Handlungen an. Die Soziologie setzt bei den latenten Voraussetzungen kollektiven und individuellen Handelns an. Wenn man als ein gemeinsames Moment der Sozialwissenschaften die Suche nach Lösungsansätzen für Probleme sozialer Ordnung ansieht, dann lassen sich für Politwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Soziologie typisch verschiedene Ansatzpunkte erkennen: 1. Die Politikwissenschaft setzt ihre Überlegungen typischer Weise in einer Dimension an, in der das willentliche Gestalten sozialer Prozesse und die Rückwirkung kollektiver Willensbildungsprozesse auf die Ordnung der Gesellschaft möglich erscheint. Ihr wichtigster Gegenstand ist daher der Staat. 2. Die Wirtschaftswissenschaft setzt ihre Überlegungen typischer Weise in einer Dimension an, in der das ungesteuerte Zusammenwirken der Handlungen vieler Einzelner Lösungen für Ordnungsprobleme möglich macht. Ihr wichtigster Gegenstand ist daher der Markt. 3. Die Soziologie setzt ihre Überlegungen typischer Weise in einer Dimension an, die sich sowohl dem kollektiven Gestaltungswillen wie auch dem individuellen Austauschverhalten entzieht und Beidem in gewisser Weise vorausgesetzt erscheint. Ihr wichtigster Gegenstand sind daher Institutionen. Wissenschaftliche Fachdisziplinen sind historische (also nicht nur logisch konstruierte) Gebilde. Obwohl sie Namen tragen, die auf bestimmte Gegenstände ( „Politik“, „Ökonomie“, „Sozialität“) verweisen, ist es kaum möglich, sie anhand einfacher Gegenstandsbezüge angemessen zu unterscheiden. Wenn man das tut, gerät man leicht in ein unübersichtliches Feld mehr oder weniger zufälliger Entwicklungen und Varianten, die im Widerspruch dazu stehen (und mit denen sie z.T. im Bezug auf denselben Gegenstand miteinander konkurrieren). Als Grundlage für die Beschreibung der jeweiligen Disziplinen muss wohl eher der in ihnen angesammelte Vorrat an Theorien und Methoden angesehen werden. Die Lehre an Universitäten

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ist selbst ein wichtiger Bestandteil dieser Form der Traditionsbildung.

2. Was unterscheidet Theorie und Praxis? Bevor ich auf die Besonderheit soziologischer Theorien eingehe, will ich noch eine Vorfrage ansprechen: Was sind eigentlich Theorien? Was unterscheidet Theorie und Praxis in Bezug auf Probleme sozialer Ordnung?

Theorien sind Mittel der kognitiven Distanzierung gegenüber den in der Alltagspraxis institutionalisierten sozialen Handlungsalternativen. Distanzgewinne mittels theoretischer Abstraktion werden gebraucht, um neue Handlungsmöglichkeiten zu erschliessen, wenn Probleme sozialer Ordnung mit den vorhandenen Mitteln nicht zu lösen sind. Bewertungen müssen zu diesem Zweck zurückgestellt werden. Theorien kommen nicht nur in der Wissenschaft vor, sondern auch in berufs- und alltagspraktischen Zusammenhängen. Was unterscheidet theoretische von praktischen Einstellungen im sozialen Zusammenhang? Der Unterschied lässt sich verdeutlichen in der Abgrenzung zu bestimmten Operationen, die wir im Alltag fortlaufend vollziehen, und ohne die weder privates noch berufliches Alltagsleben auskommen kann, nämlich Wertungen. Typisch für theoretische Einstellungen (die wir ja auch schon in Alltagssituationen einnehmen können) ist der Umstand, dass Bewertungen zurückgestellt werden, um zunächst das Problem selbst genauer (und evtl. aus einem anderen, bisher ungewohnten Blickwinkel) zu betrachten. Es handelt sich dabei um eine Zurückhaltung der Wertung, mit dem Ziel zu einer besseren Bewertung der Handlungsalternativen zu kommen. In den Organisationsformen der wissenschaftliche Theoriebildung ist dieser Kunstgriff gesteigert und i.S. eines Verzichts auf Wertung zugunsten einer methodisch objektivierten Beschreibung institutionell verankert.

3. Wozu dienen Theorien?

Theorien dienen der Beschreibung komplexer Gegenstände. Sie verhalten sich zu ihren Gegenständen so ähnlich wie Landkarten zum Territorium. Ihr Nutzen besteht in der Vereinfachung. In der Lehre haben wir es oft mit dem umgekehrten Effekt zu tun: Die Aneignung von Theorien erscheint als (unnötige) Erschwerung.

Skript zu dem am 2. Nov. 2006 gehaltenen Vortrag in der Einführungsveranstaltung für Erstsemester des Bachelor-Studiengangs Social Sciences


K.G.:Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 2.11.05) Theorien sind Instrumente der Wahrnehmung, die uns helfen, die übergroße Komplexität der empirischen Welt auf ein Maß zu reduzieren, das wir mit der beschränkten Kapazität unserer Wahrnehmung verarbeiten können. Theorien müssen also vereinfachen. Wie kommt es dann aber, dass wir häufig – insbesondere in den Sozialwissenschaften - den umgekehrten Eindruck gewinnen: dass Theorien zu kompliziert sind, komplizierter als das, was sie uns erklären sollen? Ich sehe vor allem zwei Gründe dafür: Der erste ergibt sich aus dem Umstand, dass wir in eine soziale Welt hineingeboren sind, mit der wir in langen Lernprozessen so gut umzugehen gelernt haben, dass uns durchaus komplexe Zusammenhänge höchst einfach erscheinen, und dass es für alltäglichen Bedarf nicht nötig ist, darüber zu reflektieren, wie kompliziert diese Zusammenhänge in Wirklichkeit sind. Der zweite Grund ergibt sich aus dem Umstand, dass wir den Umgang mit den Theorien, die uns die Kompliziertheit der Welt erschließen sollen, erst erlernen müssen, und dass diese Theorien, gerade weil sie vereinfachen müssen, miteinander konkurrieren und keine abschließende Gewißheit über die Gegenstände bieten können, auf die sie sich beziehen.

4. Gegenstandsbereich soziologischer Theorien Bevor ich auf Besonderheiten soziologischer Theorien eingehe, noch ein paar Bemerkungen zur Soziologie im Vergleich mit anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen.

Die Soziologie beschränkt sich nicht auf bestimmte Gegenstandsbereiche oder Dimensionen des Sozialen. (Damit unterscheidet sie sich allerdings nicht eindeutig von anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen.) Die Soziologie differenziert sich intern in Allgemeine Soziologie und Spezielle Soziologien. In den Speziellen Soziologie konkurriert die Soziologie mit anderen Disziplinen. In der Allgemeinen Soziologie konkurriert die Soziologie (wenn man so sagen darf) mit sich selbst. Unter den verschiedenen Disziplinen der Sozialwissenschaften erscheint die Soziologie als die allgemeinste (dh. am wenigsten spezialisierte) Disziplin. Das verschafft der Soziologie jedoch im Außenverhältnis (im Publikumsbezug, in der Adressierung möglicher Leistungsempfänger) keineswegs zwingend ein höheres Ansehen im Vergleich mit anderen Disziplinen. Oft ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn man fragt, wem das in der Soziologie erarbeitete Wissen nützen könnte, gerät man leichter in Verlegenheiten als zB. in den Wirtschafts- und Politikwissenschaften, den Erziehungswissenschaften oder den Rechtswissenschaften. Nur dort, wo sich (noch) keine Spezialdisziplin für die Betreuung der betreffenden Institutionen herausgebildet hat, konnte die Soziologie sich auch als Beratungsdisziplin etablieren – zB. in der Familiensoziologie, einer der vielen sog. speziellen Soziologien – aber auch dann meist

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in der Kooperation mit Vertretern anderer Fachdiszplinen. (In solchen Teams sind die Soziologen dann aber wiederum häufig zuständig fürs Allgemeine.) Der Allgemeinheitsanspruch der Soziologie kommt in der inneren Ordnung des Fachs nicht nur in einer großen Spreizung möglicher Themen zum Ausdruck, sondern auch in der Unterscheidung zwischen Allgemeiner Soziologie und Speziellen Soziologien. Spezielle Soziologien befassen sich mit verschiedenartigen sozialen Gegenständen und konkurrieren dabei oft mit anderen Disziplinen, die sich für diese speziellen Gegenstandsbereiche (Politik, Recht, Wirtschaft, Wissen, Sprachen, Kulturen etc.) ausdifferenziert haben. Die Nachfrage nach soziologischen Erkenntnisleistungen bezieht sich normalerweise auf Untersuchungen, die in speziellen Soziologien gemacht werden. Für Allgemeine Soziologie gibt es keine entsprechende Nachfrage. Sie erscheint insofern eher nutzlos – allenfalls als eine Art Bildungsgut. Die Allgemeine Soziologie ist aber für den inneren Zusammenhalt des Faches zuständig. Sie liefert die übergreifenden Theorieangebote, mit deren Hilfe die Ergebnissse spezieller soziologischer Untersuchungen miteinander vergleichbar und anschließbar gemacht werden können. An dieser Stelle ist schon hinzuweisen auf die Konkurrenz der Theorieangebote, die - zum Leidwesen vieler Studierender – in der Soziologie besonders ausgeprägt ist. Deshalb werden in unserem Curriculum auch mehrere (wenn auch bei weitem nicht alle) Theorieansätze behandelt, die in der Soziologie gegenwärtig konkurrieren.

5. Theorien verschiedener Reichweite

Auch in der Soziologie konkurrieren nicht alle Theorien miteinander. Die Konkurrenz wird dadurch beschränkt, dass es Theorien verschiedener Reichweite und verschiedenen Spezialisierungsgrades gibt. Im Groben lassen sich drei Ebenen des Sozialen unterscheiden, auf die sich soziologische Theorien beziehen: eine Mikroebene, eine Makroebene und eine Mesoebene. Die Unterscheidung zwischen Mikround Makroebene ist vor allem für Fragen der Theoriekonstruktion relevant (top down vs. bottom up). Die meisten Phänomene, die von Soziologen untersucht werden, liegen irgendwo auf der mittleren Ebene zwischen Mikro- und Makroebene. Der Allgemeinheitsanspruch der Soziologie kommt in der Theorietradition auch darin zum Ausdruck, daß – stärker als bei den anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen – zwischen verschiedenen Ebenen unterschieden wird, auf denen die Objekte sozialwissenschaftlicher Beobachtung und Beschreibung angesiedelt sind. In der Unterscheidung von Ebenen des Sozialen – mit zunehmender Abstraktion und abnehmender empirischer Kontrollierbakeit der diesbezüglichen Theorien – bilden Interaktion unter Anwesenden einerseits und Gesellschaft andererseits die Extrempole. Die meisten empirischen Untersuchungen liegen jedoch auf der mittleren Ebene dazwischen.


K.G.:Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 2.11.05) Mikroebene Schon auf der Mikroebene herrscht eine soziale Komplexität, die in der Alltagsperspektive so nicht wahrgenommen wird. Auf dieser Ebene der Beschreibung ist jedoch nicht nur eine ungeheure Vielfalt der Erscheinungen und Prozesse angesiedelt, die wir normalerweise schon vorgefiltert wahrnehmen. Hier muß sich der Soziologe auch entscheiden, was er als kleinste soziale Einheit, als Elementarform des Sozialen betrachtet – zB. soziale Handlungen oder kommunikative Operationen - und was er als nicht dazugehörig ausscheidet. Hierzu zählt zB. der menschliche Körper, der in den Gegenstandsbereich der Biologie oder noch praktischer, der Medizin fällt. Oder das menschliche Bewußtsein, das in den Gegenstandsbereich der Psychologie fällt. Oder auch die Schwerkraft der Erde, die ja auch das menschliche Handeln und Erleben beeinflußt, die aber in den Gegenstandsbereich der Physik fällt usw. Sofern eine soziale Situation nur unter Bezug auf solche nichtsozialen Gegebenheit aufklärbar ist, kann die Soziologie kraft eigener Theorien und Methoden nichts dazu beitragen. Sie kann sich dann aber mit Anfragen bei anderen Diszplinen helfen. Makroebene Auch auf der anderen Seite des Spektrums sozialer Ebenen, auf der Makroebene, geht es um eine Grenzziehung: die Summe aller sozialen (oder soziokulturellen) Ereignisse im Unterschied zum Rest der Welt. In vielen (nicht allen) soziologischen Theorien wird diese Abgrenzung mit dem Begriff der Gesellschaft vollzogen. Der Gesellschaftsbegriff bezeichnet dann die Gesamtheit aller sozialen Phänomene und grenzt damit den Gegenstandsbereich der Soziologie gegenüber der nicht sozial konstituierten Welt ab so wie der Handlungs- oder Kommunikationsbegriff auf der Mikroebene der elementaren Ereignisse. Obwohl der Begriff der Gesellschaft in vielen sozialwissenschaftlichen Disziplinen (und bekanntlich auch in vielen Varianten in der Alltagssprache) vorkommt, ist er doch für keine so wichtig als gemeinsamer Bezugspunkt für ganz verschiedene Teilbereichsanalysen, wie für die Soziologie. (Für die Wirtschafts- oder Politikwissenschaften spielt die Definition des Gesellschaftsbegriffs keine so wichtige abgrenzende Rolle. Sie reden daher auch heute noch eher von Gesellschaft im Plural – als gewissermaßen externe Bedingung.) Mesoebene Was zwischen den beiden Extrempolen liegt und Anlaß für wissenschaftliche Beobachtung bietet: das Verhalten von Kollektivakteuren, konkurrierenden Organisationen (ein spezifisch modernes Phänomen, was den Verbreitungsgrad und die Relevanz für die Gesellschaft betrifft) bietet den weitaus größten Bereich für die Anwendung spezieller soziologischer Theorien (in den sog. Bindestrichsoziologien). Auf dieser mittleren Ebene konkurrieren die Beiträge der Soziologie mit wissenschaftlichen Beratungsangeboten anderer Disziplinen. Die meisten dieser Angebote beziehen sich ja ausschließlich auf Organisationen und die

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damit verknüpften Berufspositionen. Hier kann sich die Soziologie gegenüber anderen Disziplinen profilieren, indem sie nicht von dem je besonderen Organisationstyp her beobachtet sondern die Wechselwirkung mit anderen Organisationstypen und die übergeordnete Perspektive der Gesellschaft ins Spiel bringt.

6. Theorien und Methoden

Theorien beziehen sich auf Gegenstände, über die wir mehr wissen wollen. Sie stellen also nicht unser Wissen sondern unser Unwissen dar. Für die Transformation von Unwissen in Wissen benötigen wir Methoden. Mit jedem neuen Wissen vermehren wir unser Unwissen, also den Stoff für neue Theorien. Es gibt mindestens zwei konkurrierende Herangehensweisen der Sozialwissenschaften an Wissensprobleme, die in der sozialen Welt auftauchen. Die eine Herangehensweise ist empiriebezogen und besteht darin, neue Daten über Phänomene zu erheben, die in theoretischer Hinsicht keine Probleme aufwerfen. Dh. dass die vorhandenen Alltagstheorien als ausreichend angesehen werden. Das ist zB. der Fall bei der laufenden Sozialstatistik. Die andere Herangehensweise ist theoriebezogen und besteht darin, Probleme mithilfe einer Theorie besser zu verstehen, verborgene Aspekte ans Licht zu bringen etc. Die Theorie wird vor dem Hintergrund schon bekannter Daten überprüft. Auch in diesem Fall kann es angebracht erscheinen, neue Daten zu erheben. Dies ist jedoch keine notwendige Bedingung der wissenschaftlichen Erklärung. Die Soziologie betrachtet jedes konkrete soziale Ereignis im Lichte anderer Möglichkeiten, womit sie mehr soziale Komplexität aufzeigt, als es die unmittelbar Beteiligten tun könnten – sie kämen sonst ja nicht zum Handeln. Das Aufzeigen von Alternativen kann manchmal zur entscheidenden Beratungsleistung werden. Jedenfalls fragt ja nur um Rat, wer mit den selbst wahrgenommenen Handlungsalternativen nicht zufrieden ist. Jedoch dient diese Methode oft rein theoretischen Zwecken. Die vergleichende Methode sollte nicht mißverstanden werden als Behauptung der Beliebigkeit von Handlungsmöglichkeiten (wie es manchmal in der Managementliteratur aussieht: Hauptsache anders). Vielmehr dient die hypothetische Konstruktion von Alternativen gerade dazu, besser zu verstehen, warum in einer konkreten historischen Situation eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde. Die vergleichende Methode soll also die Wahrnehmung schärfen für die einschränkenden Bedingungen, die in einer bestimmten Situation andere Möglichkeiten nicht zugelassen haben. Diese Bedingungen werden in der Soziologie auch als Strukturen, auf der allgemeinsten Ebene als Strukturmerkmale von Gesellschaft, bezeichnet. Diese Bemerkungen zum Verhältnis von Theorien und Methoden sind selbstverständlich viel zu allgemein gehalten, um das methodische Handwerkzeug von Soziologen und anderen Sozialwissenschaftlern zu beschreiben. Dies ist Thema der Methodenveranstaltungen.


K.G.:Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 2.11.05)

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7. Die Theorie-Module im Bachelor Social Sciences Abfolge und Wahlmöglichkeiten der Theorieveranstaltungen (aus: Studienverlaufsplan Major / Minor Soziologie) STUDIEN BEREICH SOZIOLOGISCHE THEORIEN

Module

Soziologische Theorien I (Pflicht)

1. Sem. 2. Sem. 3. Sem. 4. Sem. 5. Sem. (WS) (SS) (WS) (SS) (WS)

Seminare Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 1

2 (6)

Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 2

6 (2)

Soziologische TheoHandlungstheorien rien II (Major: Pflicht / Minor: Wahlpflicht*) Systemtheorie Soziologische Theorien III (Wahlpflicht**) SOZIALSTRUKTUREN GEGENWÄRTIGER GESELLSCHAFTEN

Sozialstrukturen gegenwärtiger Gesellschaften I (Pflicht)

2 (6) 6 (2)

Kritische Theorie der Gesellschaft Rational ChoiceTheorien Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur

2 (6) 6 (2) 2 (6)

Theorien sozialer Differenzierung

* Minor: Soziologische Theorien II oder III (in der Tabelle nicht klar ausgewiesen) ** Soziologische Theorien III oder Sozioökonomie III oder Projektor. Kompaktkurs Methoden (POK „plus“)

Hinweis auf gewisse Inkonsistenzen: Die LVen „Entstehung und Entwicklung ...“ wären auch dem Studienbereich Sozialstrukturen zuordnbar. Die LV „Theorien sozialer Differenzierung“ wäre wiederum auch dem Bereich Theorien zuordnbar. Diese Inkonsistenzen lassen sich zum Teil aus Mehrdeutigkeiten des Gegenstands erklären, zum anderen aus den Zwängen der Modulbildung.

7.1: Modul Soziologische Theorien I

7.1.2 Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 2 In dieser Veranstaltung werden verschiedene theoretische Ansätze der Soziologie und ihre historischen Voraussetzungen behandelt. Damit soll ein Zugang zur theoretischen Reflexion zentraler Begriffe der Soziologie eröffnet werden: Individuum und Gesellschaft, soziale Integration, soziale Differenzierung, soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Rationalisierung, Handlungsorientierung und Interaktion. Der Schwerpunkt liegt auf der vergleichenden Darstellung der Entwicklung in England, Frankreich, Deutschland, den USA und Japan.

- Modulbeschreibung Soziologische Theorien I Studienbereich

Soziologische Theorien

Modulbezeichnung

Soziologische Theorien I

Zugeordnete Veranstaltungen

Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 1 Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 2

Das Modul besteht aus zwei Lehrveranstaltungen: Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 1 Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 2

7.1.1 Entstehung und Entwicklung moderner Gesellschaften 1 Der Gegenstand dieser Veranstaltung ist die Rekonstruktion sozialer Prozesse, die zur Herausbildung der modernen Gesellschaft geführt und ihre Entwicklung bestimmt haben, sowie gesellschaftstheoretische Interpretationen dieser Prozesse.

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Stellung des Moduls im Curri- Pflichtbereich culum Sciences 1. Studienjahr Qualifikationsziele

BA

Social

Vermittlung grundlegender Kenntnisse der Entwicklungsbedingungen moderner Gesellschaften Vermittlung grundlegender Kenntnisse über moderne Gesellschaftsformen im Vergleich und vergleichende Analysen


Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 15.11.04) Lehr- und Lernformen

Seminar mit Arbeitsgruppen

Voraussetzung für die Teil- Keine nahme Dauer des Moduls

4 SWS: 2 Semester à 2 SWS

Angebotsturnus

Jährlich (SS) Jährlich (WS)

Arbeitsaufwand (Workload)

200 Stunden: Kontaktzeit: 30 Std. pro Veranstaltung; Veranstaltung 1): Vor- und Nachbereitung einschließlich einer kleineren schriftlichen oder mündlichen Leistung (Teilnahmenachweis): 40 Std.; Veranstaltung 2): Vor- und Nachbereitung einschließlich einer schriftlichen und/oder mündlichen Studienleistung (Leistungsnachweis): 100 Std.

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7.2.2 Systemtheorie In Abgrenzung zu methodisch-individalistischen Handlungstheorien knüpft die Systemtheorie innerhalb der Soziologie an jene Theorietradition an, die von der emergenten Eigenständigkeit des Sozialen ausgeht. Dieser interdisziplinäre Theorieansatz ist nicht nur in benachbarten sozialwissenschaftlichen Fächern, sondern auch in den Natur- und Technikwissenschaften anschlussfähig. In dieser Veranstaltung soll neben einem Rekurs auf das Programm einer allgemeinen Systemtheorie ihre soziologische Fassung in der Theorie von Talcott Parsons und ihre Weiterentwicklung in der Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann behandelt werden.

- Modulbeschreibung Soziologische Theorien II Studienbereich

Soziologische Theorien

8 LP insgesamt, davon 2 LP TNS 6 LP LN

Modul

Soziologische Theorien II

Zugeordnete Veranstaltungen

Handlungstheorien Systemtheorie

Teilnahmeschein

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie 2-stündige Klausur

Stellung des Moduls im Curri- Pflichtbereich culum Sciences 2. Studienjahr

Leistungsnachweis

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie Referat mit schriftlicher Ausarbeitung

Qualifikationsziele

Anrechnung Prüfungsnote auf Ja Endnote

Vermittlung von Grundbegriffen und Grundfragen gesellschaftstheoretischer Ansätze Vermittlung grundlegender Kenntnisse im Hinblick auf die Erklärungsreichweite und den Theorievergleich

Lehr- und Lernformen

Seminar mit Arbeitsgruppen

Teilnahmebegrenzung

Voraussetzung für die Teilnah- Keine me

Leistungspunkte

Art der Studien begleitenden Klausur Prüfungen Referat mit schriftlicher Ausarbeitung

Max. 90 TeilnehmerInnen

Social

Dauer des Moduls

4 SWS: 2 Semester à 2 SWS

Angebotsturnus

Jährlich (SS) Jährlich (WS)

Arbeitsaufwand (Workload)

200 Stunden: Kontaktzeit: 30 Std. pro Veranstaltung; Vor- und Nachbereitung, in Veranstaltung 1) einschl. einer kleineren schriftlichen oder mündlichen Leistung (Teilnahmenachweis): 20 Std. pro Veranstaltung; Leistungsnachweis: weitere 100 Std.

Leistungspunkte

8 LP insgesamt, davon 2 LP TNS 6 LP LN

Teilnahmeschein

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie Übernahme einer kleineren schriftlichen Arbeit

Leistungsnachweis

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie Referat (15-20 Minuten) mit schriftlicher Ausfertigung (6-

7.2: Modul Soziologische Theorien II Das Modul besteht aus zwei Lehrveranstaltungen: 1. Handlungstheorien 2. Systemtheorie 7.2.1 Handlungstheorien Diese Veranstaltung fragt nach der Elementareinheit wissenschaftlicher Beobachtung und Beschreibung sozialer Wirklichkeit. Die paradigmatische Konkurrenz zwischen der utilitaristischen Handlungsauffassung und der Betonung normativer und sinnhaft-symbolischer Voraussetzungen des Handelns in der soziologischen Theorietradition kehrt in veränderter Form wieder in der Differenz zwischen den Handlungswahltheorien des methodologischen Individualismus und dem Kommunikationskonzept des systemtheoretischen Konstruktivismus. Die Veranstaltung gibt außerdem einen Überblick über die wichtigsten Prämissen und Anwendungen der Rational Choice-Theorie, die Handeln als sozial verursacht betrachtet und in ihm zugleich das Explanans für soziale Prozesse sieht.

BA


Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 15.11.04) 8 Seiten) oder Hausarbeit (auf Anfrage) oder mündliche Prüfung (auf Antrag)

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Stellung des Moduls im Curriculum

Wahlpflichtbereich BA Social Sciences 3. Studienjahr

Qualifikationsziele

-

Lehr- und Lernformen

Seminar mit Arbeitsgruppen

Voraussetzung für die Teilnahme

1. Kritische Theorie der Gesellschaft 2. Rational Choice-Theorien

Erfolgreiche Teilnahme am Modul „Soziologische Theorien I“

Dauer des Moduls

4 SWS: 2 Semester à 2 SWS

Angebotsturnus

1) 2)

7.3.1 Kritische Theorie der Gesellschaft

Arbeitsaufwand (Workload)

200 Stunden:

Art der Studien begleitenden Referat mit schriftlicher AusPrüfungen arbeitung oder mündliche Prüfung (auf Antrag) Anrechnung Prüfungsnote auf Ja Endnote Teilnahmebegrenzung

Max. 45 TeilnehmerInnen

7.3 Modul Soz. Theorien III Das Modul besteht aus zwei Lehrveranstaltungen:

Diese Veranstaltung behandelt die Herausbildung der kritischen Theorie und ihre Weiterentwicklung. Die Gründung des Instituts für Sozialforschung spielt ebenso eine Rolle wie die Zeit der Emigration in den USA, der Einfluss der kritischen Theorie im Nachkriegsdeutschland, die Konzepte einer Kritik der instrumentellen Vernunft, der „Dialektik der Aufklärung“ sowie der „Negativen Dialektik“, schließlich der Rekonstruktionsversuch einer kritischen Theorie von der Gesellschaft durch Jürgen Habermas in Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftstheoretischen Entwürfen und Konzeptionen und die Analyse spätkapitalistischer Gesellschaften von Herbert Marcuse.

- Modulbeschreibung Soz. Theorien III

Jährlich (WS) Jährlich (SS)

Kontaktzeit: 30 Std. pro Veranstaltung; Vor- und Nachbereitung, in Veranstaltung 1) einschl. einer kleineren schriftlichen oder mündlichen Leistung (Teilnahmenachweis): 20 Std. pro Veranstaltung; Leistungsnachweis: weitere 100 Std. Leistungspunkte

8 LP insgesamt, davon 1) 2)

2 LP TNS 6 LP LN

Teilnahmeschein

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie Übernahme einer kleineren schriftlichen Arbeit

Leistungsnachweis

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie

7.3.2 Rational Choice-Theorien Neben dem klassischen mikroökonomischen Akteursmodell, dessen Rationalität (Kosten/Nutzen-Orientierung) kollektives Handeln auch bei gegebener Nutzenverstärkung beispielsweise über selektive Anreize eher unwahrscheinlich erscheinen lässt, werden neuere soziologische Akteurskonzepte diskutiert, die Probleme des Präferenzwandels, die Ausbildung von Metapräferenzen und pluralen Akteursidentitäten sowie typische Rationalitätsfallen und Möglichkeiten der Strategiefähigkeit thematisieren. Die Erklärungsreichweite wird u.a. im Hinblick auf Probleme kollektiven Handelns und der Organisation überprüft.

Vermittlung von Grundbegriffen und Grundfragen gesellschaftstheoretischer Ansätze Vermittlung grundlegender Kenntnisse im Hinblick auf die Erklärungsreichweite und den Theorievergleich

Referat (15-20 Minuten) mit schriftlicher Ausfertigung (68 Seiten) oder Hausarbeit (auf Anfrage) oder mündliche Prüfung (auf Antrag) Art der Studien begleitenden Prüfungen

Referat mit schriftlicher Ausarbeitung oder Hausarbeit oder mündliche Prüfung (auf Antrag)

Anrechnung Prüfungsnote auf Endnote

Ja

Teilnahmebegrenzung

Max. 45 TeilnehmerInnen

Soziologische Theorien Studienbereich Modulbezeichnung

Soziologische Theorien III

Zugeordnete Veranstaltungen

Kritische Theorie der Gesellschaft

7.4: Modul Sozialstrukturen gegenwärtiger Gesellschaften I


Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 15.11.04) Das Modul besteht aus zwei Lehrveranstaltungen:

Sozialstruktur Theorien sozialer Differenzierung

1. Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur 2. Theorien sozialer Differenzierung

Stellung des Moduls im Curriculum

Pflichtbereich Sciences 1. Studienjahr

Qualifikationsziele

-

7.4.1 Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur Im Rahmen dieser Veranstaltung werden sowohl die theoretischen Konzepte zur Analyse sozialer Ungleichheit als auch deren Ausprägung in den Sozialstrukturen verschiedener Gesellschaften behandelt. Neben relevanten Begrifflichkeiten wie beispielsweise Stände, Klassen, Schichten, Lagen, Milieus und Lebensstile wird im Rahmen eines historischen Überblicks die Entwicklung sozialer Ungleichheit in ihrem jeweiligen Entstehungszusammenhang betrachtet. Ausgewählte theoretische Konzepte bilden die Grundlage für die Untersuchung sozialstruktureller Entwicklungen in Gegenwartsgesellschaften. Durch die vertiefende Beschäftigung mit einzelnen Aspekten von sozialer Ungleichheit sollen die Rollen der verschiedenen Akteure bei der Entstehung und Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheiten verdeutlicht und mögliche Entwicklungsperspektiven aufgezeigt werden.

7.4.2 Theorien sozialer Differenzierung Differenzierung ist seit der Entstehung der Soziologie eines ihrer Themen. Sie findet sich schon bei den soziologischen Klassikern des letzten Jahrhunderts, wird selbst ausdifferenziert in konkurrierende Theorieansätzen und zieht sich jenseits aller Kontroversen durch bis in aktuelle Versuche der Beschreibung gesellschaftlichen Wandels. Das Konzept der Differenzierung erlaubt es, Unterschiede mit Mitteln der Strukturanalyse zu begreifen und damit soziale Einheiten und Differenzen als Resultate von Prozessen aufzufassen. In differenzierungstheoretischer Perspektive werden Formen der Arbeitsteilung und korrespondierender moralischer Solidarität, die Veränderung und Rationalisierung von Lebensordnungen, die Ausdifferenzierung von ungleichartigen Teilsystemen und die Herausbildung des modernen Individualismus analysierbar. Die Veranstaltung hat das Ziel, verschiedene in der Soziologie im Verlauf ihrer Geschichte bedeutsam gewordene Theorien sozialer Differenzierung auf Basis der Lektüre von Textausschnitten zu erarbeiten.

-

-

-

-

Sozialstrukturen gegenwärtiger Gesellschaften

Modulbezeichnung

Sozialstrukturen gegenwärtiger Gesellschaften I

Zugeordnete Veranstaltungen

Soziale

und

Social

Vermittlung grundlegender soziologischer Begriffe und ihrer Anwendung Vermittlung grundlegender soziologischer Analysemethoden und Herangehensweisen Vermittlung grundlegender sozialstruktureller und differenzierungstheoretischer theoretischer Ansätze Darstellung von grundlegenden gesellschaftlichen (Veränderungs-)Prozessen Anwendung der theoretischen Kenntnisse in der Analyse gesellschaftlicher Teilbereiche

Seminar mit Arbeitsgruppen

Voraussetzung für die Teilnahme

Keine

Dauer des Moduls

4 SWS: 2 Semester à 2 SWS

Angebotsturnus

1) 2)

Arbeitsaufwand (Workload)

200 Stunden:

Jährlich: 2 SWS (WS) Jährlich: 2 SWS (SS)

Kontaktzeit: 30 Std. pro Veranstaltung; Vor- und Nachbereitung, in Veranstaltung 1) einschl. einer kleineren schriftlichen oder mündlichen Leistung (Teilnahmenachweis): 20 Std. pro Veranstaltung; Leistungsnachweis: weitere 100 Std. Leistungspunkte

8 LP insgesamt, davon 1) 2)

2 LP TNS 6 LP LN

Teilnahmeschein

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie Übernahme einer kleineren schriftlichen Arbeit

Leistungsnachweis

Regelmäßige und aktive Teilnahme sowie Referat (15-20 Minuten) mit schriftlicher Ausfertigung (68 Seiten) oder Hausarbeit (auf Anfrage) oder mündliche Prüfung (auf Antrag)

Ich erläutere nur die 2. Veranstaltung wegen des Theoriebezugs Studienbereich

BA

Lehr- und Lernformen

- Modulbeschreibung Sozialstrukturen gegenwärtiger Gesellschaften

Ungleichheit

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Art der Studien begleitenden Prüfungen

Referat mit schriftlicher Ausarbeitung oder Hausarbeit oder mündliche Prüfung (auf Antrag)

Anrechnung Prüfungsnote auf

Ja


Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 15.11.04) Endnote Teilnahmebegrenzung

Max. 90 TeilnehmerInnen

8. Differenzen in methodologischer Hinsicht

Materielles Sein Makroebene

Kritische Theorie (Neomarxismus)

Mikroebene

Rational ChoiceTheorien (Utilitarismus)

Symbolischer Sinn Systemtheorie (Strukturfunktionalismus) Handlungstheorien (Phänomenologie)

Ich greife an dieser Stelle die Module Theorien II und III heraus und skizziere (in stark vergröberter Weise) Unterschiede der in diesen Modulen behandelten Theorien, die sich aus ihren methodologischen Ansatzpunkten ergeben. Ich verwende zu diesem Zweck die Kombination von zwei Unterscheidungen in einem Vierfelder-Schema: 1. die Unterscheidung von Makro- und Mikroebene (die ich schon oben erläutert habe) und 2. die Unterscheidung von materiellem Sein und symbolischem Sinn (die an soziokulturellen Phänomenen immer zusammengehört). Die Einordnung der vier Theorieansätze in den vier Innenfeldern soll nicht bedeuten, dass Diese sich in ihrem Gegenstandsbereich auf dieses Feld beschränken. Es ist also nicht so zu verstehen, als ob sich z.B. die Rational Choice Theorie auf materielle Mikrophänomene oder die Systemtheorie auf symbolische Makrophänomene beschränkten. Alle hier angeführten Theorieansätze beziehen sich auf den gesamten Gegenstandsbereich des Sozialen, also auf materiale und symbolische Aspekte von Phänomenen verschiedener Ebenen. (In Bezug auf die Bezeichnung Handlungstheorien ist anzumerken, dass die Einordnung in das Feld im strengen Sinne nur für phänomenologisch-interaktionistische Ansätze gilt. Der Terminus Handlungstheorien wird auch als Sammelbegriff für alle Ansätze – ausser der Luhmannschen Systemtheorie - verwendet und lässt sich dann methodologisch nicht so klar einordnen.) Der hier skizzierte Unterschied bezieht sich auf die voneinander abweichenden methodologischen Ansatzpunkte dieser Theorien: Kritische Theorie und Systemtheorie setzen bei ihren Erklärungen sozialer Phänomene bestimmte Makrostrukturen der Gesellschaft voraus. Ihre Erklärungen erfolgen insofern top down. Rational Choice Theorien und phänomenologische Handlungsttheorien setzen dagegen bestimmte Strukturen auf der Mikroebene voraus. Ihre Erklärungen erfolgen insofern bottom up. Andererseits setzen Systemtheorie und phänomenologische Handlungstheorien in ihren Erklärungen bei Sinn als symbolischer Steuerungseinheit sozialer Prozesse an, während Kritische Theorie und Rational Choice Theorie

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in ihren Erklärungen primär auf materielle Bedingungen abstellen. Das skizzierte Schema zeigt somit vier deutlich voneinander verschiedene Erklärungsstrategien, die innerhalb der soziologischen Theorietradition miteinander konkurrieren. Dies ist allerdings nur eine für die Lehre getroffene Auswahl. Die soziologische Theorielandschaft ist – leider oder zum Glück – vielfältiger als in dem skizzierten Schema darstellbar.

9. Zum Lesen wissenschaftlicher Literatur

Das Studium der Soziologie verlangt sehr viel Lektüre wissenschaftlicher Literatur. Da niemand alles lesen kann, ist es umso wichtiger, die richtige Auswahl zu treffen. Bei der Literaturauswahl gilt es, typische Fehleinschätzungen zu vermeiden: z.B. die Unterschätzung älterer und die Überschätzung neuerer Texte. Wie bei vielen anderen Angelegenheiten, ist es auch in Lehre und Forschung in den Sozialwissenschaften wichtig, die richtige Dosis zwischen Bekanntem und überraschenden Wendungen zu treffen. Mit Bezug auf den Gebrauch wissenschaftlicher Literatur sind zwei – in gewisser Weise komplementäre - Fehleinschätzungen zu vermeiden: 1. die durch den Wissenschaftsbetrieb selbst nahegelegte Überschätzung neuerer Literatur. Um Anregungen zu gewinnen, lohnt es sich häufig mehr, ältere Texte (wieder) zu lesen. 2. den durch die unüberschaubare Masse der Literatur (wie auch durch die anspruchsvolle Selbstdarstellung der Autoren) vermittelten Eindruck, eigentlich sei alles Wichtige schon gesagt. Selbst bei viel diskutierten Themen lohnt es sich meistens, das Ganze noch einmal unter einem veränderten bzw. distanzierteren Blickwinkel zu betrachten.

Anhang:

Literaturempfehlungen der Theoriesektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Aus: Leselisten der Sektionen und Arbeitsgruppen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in: Soziologie Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Heft 1, 1999, Opladen: Leske+Budrich

für eine evtl. aktualisierte Liste s. http://www.fernuni-hagen.de/SOZ/SOZ2/TheorieSektion/

1. Klassische Texte der Sozialtheorie


Soziologische Theorie-Angebote im Osnabrücker Bachelor Social Sciences (Einf.-LV 15.11.04) Durkheim, Émile (1893): Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt 1992 (frz.: De la division du travail social) Durkheim, Émile (1895): Die Regeln der soziologischen Methode, Frankfurt 1984 (frz.: Les règles de la méthode sociologique) Horkheimer, Max & Theodor W. Adorno (1944): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt 1988 Mannheim, Karl (1929): Ideologie und Utopie, Frankfurt 1985, 7. Aufl. Marx, Karl & Friedrich Engels (1867): Das Kapital, 1. Band; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 23, OstBerlin 1988, 17. Aufl. Mead, George Herbert (1934): Geist, Identität und Gesellschaft (aus der Sicht des Sozialbehaviorismus), Frankfurt 1991, 8. Aufl. (engl.: Mind, Self and Society. From the standpoint of a social behaviorist) Schütz, Alfred & Thomas Luckmann (1975/79): Strukturen der Lebenswelt, Band 1 und 2, Frankfurt 1991/ 90 Simmel, Georg (1908): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Bd. 11, Frankfurt 1992 Tönnies, Ferdinand (1887): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Darmstadt 1991 Weber, Max (1920): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 1988, 9. Aufl. Weber, Max (1922a): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, 7. Aufl. Weber, Max (1922b): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, 5. Aufl.

2. Zentrale Texte moderner Sozialtheorie Axelrod, Robert (1984): Die Evolution der Kooperation, München 1987 (engl: The Evolution of Cooperation) Bourdieu, Pierre (1980): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt 1987 (frz.: Le sens pratique) Coleman, James S. (1990): Grundlagen der Sozialtheorie, München 1991, 3 Bände (engl.: Foundations of Social Theory) Elias, Norbert (1939): Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Frankfurt 1990, 15. Aufl. Elster, Jon (1979): Ulysses and the Sirens. Studies in rationality and irrationality, Cambridge 1984 Foucault, Michel (1972): Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt 1991, erweiterte Ausgabe (frz.: L'ordre du discours) Garfinkel, Harold (1967): Studies in Ethnomethodology, Cambridge 1984

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Giddens, Anthony (1984): The Constitution of Society. Outline of the Theory of Structuration, Cambridge 1986 Goffman, Erving (1974): Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience, Boston 1986 Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt, 2 Bände Habermas, Jürgen (1992): Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt, 2 Bände Parsons, Talcott (1937): The Structure of Social Action, New York 1968 Parsons, Talcott (1966): Gesellschaften. Evolutionäre und komparative Perspektiven, Frankfurt 1986 (engl.: Societies. Evolutionary and comparative perspectives) Schelsky, Helmut (1965), Auf der Suche nach Wirklichkeit, München 1979

3. Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Soziologie und Einführungen in die Sozialtheorie Albert, Hans (1968): Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 1991, 5. verbess. u. erweit. Aufl. Bohman, James (1991): New Philosophy of Social Science. Problems of Indeterminacy, Cambridge Habermas, Jürgen (1970): Zur Logik der Sozialwissenschaften, Frankfurt 1985, erweiterte Ausgabe Outhwaite, William & Tom Bottomore (Hg.) (1997): The Blackwell Dictionary of Twentieth-Century Social Thought, Oxford Popper, Karl R. (1935): Logik der Forschung, Tübingen 1989, 9. verbess. Aufl. Rabinow, Paul & William M. Sullivan (Hg.) (1986): Interpretive Social Science, Berkeley Ritzer, George (1992): Sociological Theory, New York Turner, Bryan S. (Hg.) (1996): The Blackwell Companion to Social Theory, Oxford

4. Ausgewählte Texte soziologischer Zeitdiagnose Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt Bell, Daniel (1973): The Coming of Post-Industrial Society, New York Bourdieu, Pierre (1979): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt 1989 (frz.: La distinction. Critique sociale du jugement) Luhmann, Niklas (1986): Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, Opladen 1990, 3. Aufl. Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/ New York

Kg 2005 lehrsoztheorien