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Die Weltgesellschaft als Projekt der soziokulturellen Evolution1

1. Ausdehnung der Gesellschaft als evolutionäre Strategie - Ebenenunterscheidungen - Genotypische und phänotypische Einheiten - Rekursivität evolutionärer Mechanismen

2. Technisierung als Mechanismus der Variation und Ausdehnung - Natürliche und kulturelle Variation - Die Rückwirkung von Technik auf soziokulturelle Tradition - Technisierung als Organisation der Gesellschaft

3. Wettbewerb als Mechanismus der Selektion und Generalisierung - Natürliche und kulturelle Umweltselektion - Organisation, Wettbewerb und soziokulturelle Differenzierung - Die Instabilität soziokultureller Selektionen

4. Identifikation als Mechanismus der Restabilisierung und Abgrenzung

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- Natürliche und kulturelle Mechanismen der Restabilisation

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- Identifikation in traditionellen und modernen Gesellschaften - Identifikation über Personen

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5. Tradierung als Mechanismus der Replikation und Kompatibilität

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– Kulturelle und natürliche Replikation

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- Organisation intergenerativer Tradierung - Ausdehnung und Beschränkung

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Literatur Zusammenfassung

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1 Es handelt sich hier um den ersten Entwurf eines Beitrags für einen Sammelband zum Begriff der Welt gesellschaft, der 2005 erscheinen soll. Dieser Entwurf ist nicht publikationsreif ausformuliert sonderndurch eine kürzere Version ersetzt worden, die stärker auf die Kritik am Luhmannschen Konzept der Weltgesellschaft focussiert ist.


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„Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern. .... Wir sind humanitär und edel, wir wollen die anderen Rassen nicht unterwerfen, wir wollen ihnen nur unsere Werte übermitteln und, als Gegengabe, ihrer aller Erbe annehmen.“ Stanislaw Lem, 1975, Solaris, S. 86f „Politische Identität aber, im Unterschied zur kulturellen, ist ... kein Erbe und auch kein Besitz, eher schon das Ausschlagen einer Erbschaft. Sie ist ein Projekt und ein sozialer Produktionsprozeß.“ Thomas Meyer, 2004, Die Identität Europas, S.233

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat kürzlic h eine „Mars-Mission“ angekündigt. Dafür ist ihm eine „Vision“ zugeschrieben worden. 2 Da der materielle Nutzen einer solchen Mission für Wähler kaum zu erkennen ist, muß es sich um etwas Anderes handeln, das in der Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft gesehen wird. Anthropologisch versierte Beobachter vermuten, dass es sich bei den Ausfahrten in den Weltraum um ein tief in der Menschheitsgeschichte angelegtes Motiv handelt.3 Im Folgenden soll der Vermutung nachgegangen werden, dass es sich um dasselbe Motiv handeln könnte, das auch den Prozessen der Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft auf dem Heimatplaneten zugrunde liegt. Die Beobachtung von Prozessen der Ausdehnung der Gesellschaft, die heute v.a. als Folge wirtschaftlich-technischer Innovationen unter der Bezeichnung Globalisierung diskutiert werden, bezieht sich gewöhnlich auf einen sehr kurzen Zeithorizont. Auch in Beiträgen, die die Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft nicht nur als Effekt neuester Kommunikationstechniken ansehen4 sondern sie auf den Beginn der Moderne datieren, wird unterstellt, dass es einen globalen Zusammenhang der Menschheit vor dieser Zäsur nicht gegeben habe.5 Paläontologische Forschung hat gezeigt, dass alle heute besiedelten Bereiche des Planeten bereits vor mehr als 10.000 Jahren besiedelt waren (also keine terra incognita) und dass alle Besiedlungen dieselbe genetische Abstammung (Exemplare der aus Afrika stammenden Gattung homo sapiens) aufweisen.6 Damit soll natürlich nicht behauptet werden, dass Alles schon dagewesen ist, was im Hinblick auf globale Prozesse sozialwissenschaftlich interessieren könnte. Es fällt jedoch auf, dass die zunehmende Aufmerksamkeit für die Verdichtung der Kommunikations- und Verkehrsverhältnisse im globalen Maßstab die Sozialwissenschaften auf eine Fragestellung zurückverweist, mit der sie (zumindest in ihrer europäischen Theorietradition) einmal gestartet war: nämlich auf die Frage, ob Probleme sozialer Ordnung etwas mit den Größenverhältnissen menschlicher Sozialsysteme zu tun haben. Größe war in dieser Fragestellung allerdings meist schon vorausgesetzt. Um Probleme der modernen

2 Unter dem Titel „Große Visionen essen kleine auf“ schreibt Günter Paul in der FAZ vom 15. Januar 2004 : „’I had a dream’, rief einst der schwarze Menschenrechtler Martin Luther King aus, der die Gleichheit aller Menschen, insbesondere von Schwarz und Weiß, forderte. Derselbe Ausruf - wenngleich aus anderen Gründen - wäre auch Präsident Bush zuzutrauen gewesen, als er am Mittwoch im Hauptquartier der Raumfahrtbehörde Nasa seine Vorstellungen von der Zukunft der bemannten Raumfahrt der Vereinigten Staaten ausbreitete. Man spürte, wie überzeugt er davon ist, daß die Amerikaner zwangsläufig zunächst zum Mond und später zum Mars aufbrechen müssen, wie sie einst in den Wilden Westen gezogen sind und große Gebiete kolonisiert haben.“ 3 Zu Raumfahrt als einer Form der Ausdehnung und zugleich Eingliederung der „Weltgesellschaft“ in die naturale Welt s.Joachim Fischer, 2003. 4 Etwa als Internet-basierte Netzwerkgesellschaft s. Castells 2001 5 So in der Gesellschaftstheorie von Luhmann, s. nur 1971, 1997 – ausführlicher zu den damit verbundenen Abgrenzungsproblemen im Folgenden und schon bei Firsching 1998. 6 Zahlen bei Cavalli-Sforza, 1999 .... vgl. entsprechende Arg. bei Mennell, 1990 im Anschluß an Elias


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Gesellschaft zu erklären, hat die Theoriebildung sich vergleichend auf kleinere soziale Einheiten bezogen, ohne den Größenunterschied selbst noch zum Gegenstand der Erklärung zu machen. In der funktionalistischen Theorietradition waren diese Vergleichseinheiten die sogenannten Primärgruppen7 oder ältere und einfachere Gesellschaftsformen8 , die auf Strukturen und Mechanismen abgesucht wurden, die sozialen Zusammenhalt herstellen bzw. die Bedingungen der Möglichkeit sozialer Ordnung erklären können. 9 Erst in jüngerer Zeit ist diese Fragestellung verändert und dadurch erneuert worden:10 Gefragt wird nicht mehr nur allgemein nach den Bedingungen der Möglichkeit sozialer Ordnung,11 sondern nach den spezifischen historischen Bedingungen, die die Ausdehnung menschlicher Sozialitäten erklären können. 12 In diesem Beitrag soll mit sozialwissenschaftlichen Mitteln die These entfaltet werden, dass Tendenzen zur Ausdehnung der Gesellschaft, wie sie gegenwärtig unter Begriffen wie Globalisierung und Weltgesellschaft beschrieben werden, eine lange Vorgeschichte in der soziokulturellen Evolution des Menschen haben. Die kosmologische Idee der Weltgesellschaft als geordnete Welt soll als Leitidee einer evolutionären Strategie der Ausdehnung interpretiert werden, die unter bestimmten historischen Umständen zur Bildung einer globalen soziokulturellen Population führen könnte.13 Der symbolische Traditionsgehalt dieser kulturellen Ordnungsvorstellung soll aufgenommen und als Teil eines latenten Verhaltensmusters der soziokulturellen Evolution interpretiert werden, das den realen Prozessen zugrundeliegt, die gegenwärtig unter der Bezeichnung Globalisierung diskutiert werden. Diese relativ allgemein gehaltene Ausdehnungsthese muss gegen den – angesichts einiger theoretischer Übertreibungen14 naheliegenden - Einwand unzulässiger Verallgemeinerung verteidigt werden: Es geht hier um eine „Realabstraktion“, deren Beschreibung sich der historischen und empirischen Überprüfung ja keineswegs entzieht. Die Abschnitte der folgenden Darstellung stellen allerdings selbst keine historische Entwicklung – etwa vom Neolithikum zur Moderne – sondern eher analytische Aspekte eines evolutionstheoretischen Modells mit historischen Bezugspunkten dar. In jedem Abschnitt wird ein anderer Aspekt – ein anderer Mechanismus im evolutionären Zirkel rekursiv verknüpfter Mechanismen - dargestellt, mit dem die evolutionär unwahrscheinliche Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft erklärt werden soll. Die Ausdehnungsthese wird im 1. Abschnitt unter dem Aspekt der Parallelen zwischen natürlicher und kultureller Evolution theoretisch rekonstruiert: als spezifisches Verhältnis zwischen selbstreplikativen genotypischen Einheiten und ihrer Ausbreitung vermittels phänotypischer Einheiten. Die Tradierung von Institutionen wird als grundlegender 7 Vgl. die Entwicklung der Parssonsschen pattern variables mit Bezug auf Cooleys Konzept der Primärgruppe. 8 S. den methodologischen Bezug auf Stammesgesellschaften bei Durkheim, der dann zur Ausdifferenzierung der Ethnologie als eigener Disziplin führte. 9 Die methodologische Alternative zu diesem Vorgehen ist der Bezug auf menschliche Individuen als kleinste soziale Einheiten mit der Analyse ihrer Handlungsmotive und Bewußtseinsstrukturen als kausalem Erklärungsansatz. 10 Hinweis auf Richerson/Boyd, 1998a, 1998b 11 Die Abstraktion von der historischen Ausdehnung soziokultureller Einheiten erscheint typisch für phänomenologische Ansätze: „In alle verschiedenen Gesellschaften und zu allen sehr unterschiedlichen theoretischen Auffassungen des eigentlichen Wesens der Wirklichkeit hat bis auf den heutigen Tag zur praktischen, alltäglichen Orientierung in der Welt das selbstverständliche Wissen gehört, daß es „da draußen“ Dinge gibt, die ohne unser Dazutun so sind, wie sie sind und die sich unserem Tun entgegenstellen. Jeder weiß, daß Wirklichkeit Widerstand leistet. ... Die Unterscheidung zwischen einer auferlegten und einer verfügbaren Schicht der Wirklichkeit gehört, wie gesagt, zum Wissen aller; also zu den, von den Besonderheiten einer bestimmten Sprache und Kultur verhältnismäßig unabhängigen, Hintergrundannahmen der natürlichen Einstellung schlechthin.“ s. Luckmann, 1992 (Abschnit 2.1) vgl. dagegen Max Webers „okzidentaler Rationalismus“ und Parsons „instrumenteller Aktivismus“ als Zeichen der Ausdehnungstendenz. 12 Wenn die Größe der Gesellschaft nicht nur vorausgesetzt sondern selbst zum Gegenstand der Erklärung gemacht wird, ist die Ordnungsfrage natürlich nicht vom Tisch - sie wird nur von einer anderen Seite aufgerollt. 13 In diesem Sinne schon Luhmann, 1975, S. 55 s. auch FN 15 S.67 unter Bezug auf die historische Gestalt des „bürgerlichen Subjekts“ bei der „Überleitung von Gesellschaften mit projektiv konstituierter Welteinheit zur Weltgesellschaft mit real konstituierter Welteinheit“. 14 Ich beziehe mich hier v.a. auf die theoretisch zugespitzte Annahme der Luhmannschen Gesellschaftstheorie, wonach bereits seit Beginn der Moderne von der „Vollrealisation einer Weltgesellschaft“ i.S. funktionaler Differenzierung auszugehen sei. Vgl. schon Luhmann, 1971, und an vielen Stellen – ausführlich s. Luhmann 1997, S. 145ff


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Mechanismus der soziokulturellen Evolution beschrieben, aus dessen Wirkungsweise sowohl die Besonderheit der soziokult urellen Evolution wie auch ihre Eingebettetheit in die Evolution des Lebens abzuleiten ist. Im 2. Abschnitt wird die Ausdehnungsthese unter dem Aspekt der Beschreibung des Variationsmechanismus der Technisierung spezifiziert, der den Take-off der soziokulturellen Evolution in den frühen Hochkulturen, die enorme Beschleunigung der Institutionenevolution erklären kann. Im 3. Abschnitt wird die Ausdehnungsthese spezifiziert im Hinblick auf den Selektionsmechanismus der soziokulturellen Evolution und die phänotypischen Einheiten, an denen er ansetzt: als Wettbewerb, der nicht nur zur Ausdehnung der Populationen sondern auch zu einer Angleichung des Institutionenpools der Populationen führt. Im 4. Abschnitt wird die Ausdehnungsthese eingeschränkt und die durch Technisierung und Wettbewerb ausgelöste Globalisierung der Populationen als eine prinzipiell riskante evolutionäre Strategie bezeichnet, die sich nur im Rekurs auf Mechanismen stabilisieren kann, die eine unaufhebbar partikularistische Grundtendenz aufweisen und in Konflikt mit der universalistischen Tendenz zur Weltgesellschaft treten können. Im 5. und letzten Abschnitt wird die Ausdehnungsthese noch einmal eingeschränkt und zugleich abgesichert im Rekurs auf die Engpassfunktion der intergenerativen Tradierung, die den Mechanismus der Replikation soziokultureller Institutionen zurückbindet an die beschränkten kognitiven Potentiale lebender Individuen.

1. Ausdehnung der Gesellschaft als evolutionäre Strategie In großen Teilen sozialwissenschaftlicher Literatur wird über die kulturellen Formen des Zusammenlebens von Menschen so gesprochen, als ob Sozialität an sich schon ein Merkmal wäre, das Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet.15 Da nun aber aus jedem Handbuch der Biologie zu entnehmen ist, dass Sozialität kein Alleinstellungsmerkmal von Menschen ist,16 kann dieses Merkmal auch nicht zur Erklärung dafür herangezogen werden, dass Menschen in so unwahrscheinlich großen sozialen Einheiten leben. Was käme stattdessen in Frage? Im Folgenden soll die Ausdehnung menschlicher Populationen als das auffälligste Merkmal betrachtet werden, das die Lebensweise von Menschen von der anderer Lebewesen unterscheidet. 17 Wenn man die Formen des Soziallebens von Menschen mit denen anderer Lebewesen vergleicht, fallen zunächst die Größenunterschiede auf. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die andauernde Größenzunahme menschlicher Gesellschaften in einem anderen Licht. Daher liegt es nahe, Erklärungen zu suchen, die in evolutionstheoretische Ansätze eingebettet sind. In paläoanthropologischen Beschreibungen der soziokulturellen Evolution des Menschen werden zwei Phasen unterschieden: 18 1. die sehr lange Periode von den Australopithecinen bis zum Auftreten des homo sapiens, für die angenommen wird, dass Kultur (dh. v.a. Werkzeuggebrauch, Sprache und soziale Organisation) und biologische Ausstattung in einem koevolutionären Prozess eng verflochten waren.19

15 Menschliche Sozialität wird also mit Kultur gleichgesetzt und insofern vergleichender Betrachtung entzogen. 16 Die Darwinsche Evolutionstheorie ist ohne Bezug auf das soziale Zusammenleben von Individuen einer Art in Populationen gar nicht denkbar. Insofern ist Evolutionsbiologie immer schon Soziobiologie – und nicht erst dort, wo sie Rückschlüsse auf die menschlichen Sozialformen zu ziehen versucht. 17 Menschliche Gesellschaften übertreffen inzwischen zahlenmäßig die größten Einheiten sozial lebender Tiere, die bei den Insekten zu finden sind. Hinweise bei Richerson-Boyd ... E.Mayr, ... Wilson ..., 18 Die hier im Anschluß an Hallpike, .... referierte Zeitangabe ist die kürzeste Angabe diesbezüglich. Nach anderen paläontologischen Schätzungen hat sich die kognitive und motorische Ausstattung menschlicher Lebewesen in den letzten 70.000 Jahren nicht geändert (so Gould 1998, im letzten Kap.). Die Archäologen Klein und Edgar, 2003, vertreten die These, dass die letzte Veränderung in der genetischen Grundausstattung des Menschen vor etwa 50.000 Jahren stattgefunden habe und mit einer Steigerung seiner kognitiven Fähigkeiten die soziokulturelle Sonderevolution des Menschen ermöglicht habe. 19 S. dazu auch Cavalli-Sforza, 1999, ….


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2. die viel kürzere Periode von den Anfängen des Neolithikums (um 16.000 v.u.Z.) bis heute, die durch die Domestikation von Tieren durch Jäger und Sammler, Herausbildung von Landwirtschaft, Entstehung von schriftlichen Aufzeichnungen, staatliche Organisation der Gemeinschaften, spezialisiertesWissen etc. gekennzeichnet ist. Ein wesentlicher Unterschied der zweiten Phase gegenüber der Ersten ist darin zu sehen, dass keine Koevolution von Kultur und genetischer Ausstattung des Menschen mehr stattgefunden hat. Die mit dem Beginn der zweiten Phase vorliegende Ausstattung des Menschen war an das Leben in relativ kleinen sozialen Einheiten angepasst. Der menschliche Organismus (und insbesondere sein neuronales System) hat sich seitdem nicht mehr verändert. Die Frage ist also: wie ist es zu erklären, dass die soziokulturellen Einheiten des Menschen – trotz unveränderter biologischer Ausstattung – sich so stark veränderten und insbesondere immer größer wurden? Biologische Antworten laufen auf die relativ unspezifische Aussage hinaus, dass die menschliche Natur flexibel genug ist, eine solche Veränderung ihrer sozialen Umweltbedingen zu ermöglichen. Wir müssen also nach sozialwissenschaftlichen Antworten suchen, die diese Aussage spezifizieren können. Sozialwissenschaftliche Erklärungsangebote lassen sich zunächst danach unterscheiden, ob sie vorrangig an Phänomen der Technik oder der Kultur interessiert sind. 20 Ansätze zur Erklärung qualitativer Aspekte soziokultureller Verhältnisse – insbesondere zur inneren Ordnung ihrer Einheiten – finden sich vorrangig in Kulturtheorien. 21 In diesen Ansätzen werden allerdings quantitative Aspekte und damit die dynamische Seite häufig vernachlässigt. 22 Ansätze zur Erklärung der quantitativen Aspekte soziokultureller Verhältnisse – insbesondere die Ausdehnung soziokultureller Einheiten - sind vorrangig zu finden in Techniktheorien. In diesen Ansätzen werden wiederum die institutionellen Voraussetzungen technischer Entwicklungen häufig vernachlässigt. 23 Wenn Antworten auf die Frage nach dem Größenwachstum soziokultureller Einheiten in Techniktheorien und Antworten auf die Frage nach ihrer Stabilität in Kulturtheorien zu finden sind, dann liegt es nahe, diese Ansätze zusammenzuführen. Zu diesem Zweck bieten sich ein evolutionstheoretischer Ansatz an. Evolutionstheoretische Ansätze zeichnen sich dadurch aus, dass sie kausal voneinander unabhängige Ereignisketten unter den Aspekten der Variation und Selektion miteinander verknüpfen. Das Problem evolutionstheoretischer Ansätze besteht 20

Es geht hier um die Abgrenzung des Größen- und Ausdehnungproblems von dem in Kulturtheorien bevorzugt behandelten Komplexitäts- und Beschleunigungsproblem. Es geht nicht darum, die Bedeutung von Komplexität und Temporalität für soziokulturelle Evolution zu bestreiten, sondern nur darum sie mit erstgenannten Problemen zu verknüpfen. – In der kultur- und geisteswissenschaftlichen Theorietradition kommen Veränderungen vorrangig in der Zeitdimension - als gesteigertes Tempo soziokultureller Veränderungen - in den Blick. Veränderungen in der Raumdimension sind erst unter dem Stichwort Globalisierung wieder in den Blick gekommen, und dann vorrangig unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Verflechtungen bzw. unter Bezug auf die neuen Kommunikationstechniken, die globale Vernetzungen ermöglichen. Wobei in manchen Theorien – wie zB. in der Luhmannschen Gesellschaftstheorie – gerade unter Bezug auf diese Ausdehnung geleugnet wird, dass der Raumdimension überhaupt noch eine Relevanz für die Beschreibung moderner Verhältnisse zukommt. Die Mehrzahl der Globalisierungsliteratur optiert hier anders – s. zB. Hermann Lübbe, 1996, Castells, Manuel, 2001 21 Als Kulturtheorien bezeichne ich hier summarisch Erklärungsansätze, die von besonderen, historisch kontingenten Ordnungsmerkmalen der Gesellschaft ausgehen und diese als bestimmend für alle Ereignisse betrachten, die in den jeweiligen sozialen Einheiten möglich sind. Die Bestimmungsgründe können eher in normativer Hinsicht übergeordnet erscheinen wie im mainstream der Soziologie (Durkheim, Parsons) oder in kognitiver Hinsicht übergeordnet wie in der Luhmannschen Systemtheorie und neueren kulturtheoretischen Ansätzen (Reckwitz). Als kulturtheoretischer Entwuf, der die räumliche Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft wieder in den Mittelpunkt rückt, s. die Sphären-Trilogie von Sloterdijk, 1999. 22 Ansatzpunkte zur Erklärung der unwahrscheinlichen Ausdehnung menschlicher Sozialsysteme fehlen vor allem in solchen kulturtheoretischen Ansätzen, die sich historisch vorrangig auf die Differenz zwischen traditionellen und modernen Gesellschaftsformen beziehen. (Die Tendenz zur räumlichen Ausdehnung der menschlichen Sozialität ist in der sozialwissenschaftlichen Theorietradition möglicherweise auch deshalb wenig beachtet worden, weil traditionelle hochkulturelle Sozialitäten wie zB. das Heilige römische Reich deutscher Nation zumindest an ihren Rändern bereits eine größere Ausdehnung aufwiesen als moderne Nationalstaaten.) Deutliche Ansatzpunkte finden sich in kulturtheoretischen Ansätzen, die sich vergleichend auf primitive und vorgeschichtliche Gesellschaftsformen beziehen. Allerdings gilt auch hier einschränkend, dass das kulturtheoretische Interesse einseitig auf Fragen der sozialen Ordnung fixiert ist und die Frage nach den Quellen der Veränderung selbst weitgehend ausgeklammert bleibt. 23 Als Ausnahmen in dieser Hinsicht wird im Folgenden auf Popitz, 1995, Bezug genommen [s. evtl. auch nochmal Landes].


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allerdings in der Schwierigkeit, eine den methodologischen Ansprüchen der Evolutionstheorie entsprechende kausale Unabhängigkeit evolutionärer Mechanismen unter soziokulturellen Bedingungen aufzuzeigen. Ansätze zur Beschreibung soziokultureller Evolution müssen sich v.a. mit zwei Einwänden gegen die Übertragbarkeit des biologischen Evolutionsmodells auseinandersetzen: 1. mit dem Einwand, dass für die evolutionären Funktionen der Variation und Selektion keine kausal unabhängig voneinander wirkenden Mechanismen angegeben werden könnten. 24 2. mit dem Einwand, dass für die grundlegende Funktion der Replikation der basalen Einheiten kein Mechanismus angegeben werden könnte, der in vergleichbarer Weise geschützt vor Umwelteinflüssen abläuft.25 Beiden Einwänden soll mit dem im Folgenden skizzierten Modell Rechnung getragen werden. Zunächst wird versucht, die Unterscheidung von genotypischen und phänotypischen Einheiten auf soziokulturelle Verhältnisse zu übertragen, sodann kausal voneinander unabhängige Mechanismen zu bezeichnen, deren rekursives Zusammenwirken soziokulturellen Wandel erklären kann. Die große Entdeckung Darwins bestand zunächst in der Unterscheidung der Funktionen der Variation und Selektion und der Bezeichnung der entsprechenden Mechanismen in der Entwicklung der lebenden Arten. Ihre Reproduktion war dabei stillschweigend vorausgesetzt. Aufgrund der Entdeckungen der Molekularbiologie des 20. Jahrhunderts ist der Darwinschen Evolutionstheorie die genetische Replikation als grundlegende Funktion hinzugefügt worden. Obwohl die Integration der Genetik als große Syntheseleistung der neodarwinistischen Theorie bezeichnet (und orthodox ausformuliert) wurde, ist die Auseinandersetzung zwischen Vertretern einer eher molekular-genetischen und einer eher organisch-ökologischen Ausrichtung der Evolutionsbiologie bisher nicht zum Stillstand gekommen. 26 In den Kultur- und Sozialwissenschaften sind Anschlusspunkte bei Vertretern beider Richtungen gesucht worden. 27 Wenn man die Anwendung von Evolutionstheorie auf die soziokulturellen Verhältnisse beim Menschen nicht nur als eine Analogiekonstruktion verstehen will, liegt es nahe, die theoretischen Anschlusspunkte eher bei den Vertretern der organischökologischen Ausrichtung zu suchen. Denn nur, wenn eine relative Eigenständigkeit der Operationen lebender Organismen im Umweltkontakt behauptet werden kann, können die soziokulturellen Entwicklungen, die durch die besondere organische Ausstattung von Menschen ermöglicht werden28 , als emergenter Teil der Evolution des Lebens interpretiert werden. 24 Steven J. Gould (1998 S....) meint, dass in der soziokulturellen Evolution zuviel Intentionalität im Spiel sei. Luhmann ersetzt aus dem selben Grund die Unterscheidung kausal unabhängiger Wirkungsketten durch die eher analytische Unterscheidung von Operationen, Strukturen und Systemen. Obwohl Luhmann viele Hinweise auf die Auslösefunktion technischer Kommunikationsmittel für Variation gibt, bevorzugt er als Erklärung für Umbrüche der Gesellschaft die strukturlogische Erklärung im Rekurs auf immanente Problemverarbeitungsgrenzen bestimmter Differenzierungsformen. 25 Die Unterscheidung genotypischer und phänotypischer Einheiten, die in der neodarwinistischen Evolutionstheorie betont wird, wird in vielen Theorien der soziokulturellen Evolution (zB. bei Luhmann) vernachlässigt. In Anderen erscheint die Schwierigkeit, eine basale operativ geschlossene Replikationseinheit zu identifizieren, ausdrücklich als Hindernis für die Anwendung von Evolutionstheorie auf die soziokulturelle Verhältnisse von Menschen. – s. Hinweise bei Stichweh, 1999 S.9 auf konkurrierende Lösungsversuche für Probleme bei der Identifikation eines funktionalen Äquivalents für die genetische Replikation in der soziokulturellen Evolution. 26 Für die genetische Ausrichtung steht hier R.Dawkins mit seiner popularisierten Darstellung der Gene als aktive Selektionseinheiten („The Selfish Gene“ 1982, theoretisch erweitert in „The Extendend Phenotype“ 1999) – für die ökologische Ausrichtung E.Mayr mit seiner Verteidigung des Darwinschen Ansatzpunktes der Selektion bei den phänotypischen Formen mit eigenständiger Umweltwahrnehmung. (s. u.a. Proc. Natl. Acad. Sci. USA Vol. 94, pp. 2091–2094, March 1997.) 27 So haben Vertreter methodologisch individualistischer Ansätze bevorzugt Anschlusspunkte in Dawkins Theorie der „egoistischen Gene“ gesehen, die geeignet ist, die Beschreibung menschlicher Individuen auf eine basale Nutzenfunktion zu reduzieren - s. zB. Esser... Vertreter der funktionalistischen Theorietradition bevorzugen stattdessen Anschlußpunkte bei der ökologischen Richtung. In Luhmanns systemtheoretischer Adaption der Evolutionstheorie wird sogar der explizite Bezug auf einen Mechanismus der genetischen Replikation vermieden. 28 Diesbezüglich wird in der Evolutionsbiologie (im Unterschied zu der älteren Anthropologie mit ihrer MängelThese) das menschliche Gehirn als besonders leistungsfähiges Organ herausgestellt. Mit Bezug auf dieses Zentralorgan wird auch einem genetischen Reduktionsimus widersprochen Wieser spricht vom Gehirn als „autonomer Partner und Konkurrent des Genoms“ s. Wieser, 1998, S...


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Andererseits könnte sich gerade vor dem Hintergrund einer solchen Interpretation die Konstruktion eines soziokultuellen Gen-Äquivalents bewähren, wie es Vertreter der molekularbiologischen Ausrichtung vorgeschlagen haben. 29

- Ebenenunterscheidungen In der Biologie und in den Sozialwissenschaften wird die Unterscheidung verschiedener Ebenen zur Lösung von Problemen der Beschreibung ihres Gegenstands verwendet. Für die Sozialwissenschaften gilt, dass nicht ohne Weiteres von der Beobachtung von Phänomenen der Mikroebene auf Phänomene der Makroebene geschlossen werden darf, weil jeweils verschiedenartige Wirkungen zu beobachten sind. Was auf der Ebene der Interaktion unter Anwesenden als gut und nützlich gilt, kann auf der anderen Ebene falsch und schädlich sein (z.B. altruistisch motivierte Entwicklungshilfe oder auch umgekehrt politischer Machiavellismus). Der sozialwissenschaftlichen Methodenstreit bricht dann an der Frage auf, wie die theoretische Verknüpfung der Ebenen herzustellen ist.30 Für die biologische Evolutionstheorie ist die Unterscheidung kausal unabhängiger Mechanismen, die auf verschiedenen Ebenen wirken, von grundlegender Bedeutung. Sie hat es anscheinend auch leichter, eine solche Ebenenunterscheidung zu vollziehen, da sie die Wirkungsmechanismen auf verschiedene Einheiten – Gene und Organismen – beziehen kann. In der Evolutionsbiologie ist die Annahme (inzwischen) unumstritten, dass die Gene der Organismen informationell geschlossene Einheiten in dem Sinne darstellen, dass lebensgeschichtliche Erfahrungen der Organismen darin nicht eingehen und weitergegeben werden können. Daher werden Veränderungen von Populationen lebender Organismen durch Umweltselektion auf der Grundlage zufälliger Variation erklärt. Mechanismen der Selektion wirken auf die Einheit des Organismus, Mechanismen der Variation auf die Einheit des Genoms. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass mit Bezug auf die soziokulturellen Phänomene bei Menschen eine ähnlic h klare Abgrenzung der Einheiten, auf die evolutionäre Mechanismen einwirken, getroffen werden kann. 31 Als phänotypische Einheiten werden menschliche Individuen und mittels Kommunikation erweiterte Einheiten der menschlichen Gesellschaft bezeichnet, die der (inneren und äußeren) Umweltselektion ausgesetzt sind. Als genotypische Einheiten werden dagegen Institutionen bezeichnet, die als latente Voraussetzungen der Kommunikation repliziert und der Variation ausgesetzt werden. Institutionen sind innerhalb der Kommunikation geteilte also erwartbare (symbolisch generalisierte) Erwartungen. 32 Sie werden hier als basale Einheiten betrachtet, die in ähnlicher Weise informationell geschlossen gegen Umwelteindrücke operieren wie die Gene der Organismen. 33 Das Problem der Übertragung der evolutionsbiologischen Unterscheidung auf soziokulturelle Verhältnisse des Menschen wird also nicht in mangelnder operativer Geschlossenheit der basalen Einheiten gesehen sondern eher darin, dass sich die Unterscheidung genotypischer und phänotypischer Einheiten nicht in gleicher Weise auf verschiedene Beobachtungsebenen übertragen lässt wie in der Biologie. Ausgehend von der in den Sozialwissenschaften eingeführten Unterscheidung zwischen einer Mikro- und einer Makroebene sozialer 29 Hinweis auf die Analogiekonstruktion der Meme bei Dawkins, 1996. 30 Die Antwort hängt dann auch davon ab, ob die Unterscheidung selbst nur als Konstrukt der wissenschaftlichen Beobachtung oder im Objektbereich selbst verankert angesehen wird. 31 Dies wird sowohl aus der Perspektive der biologischen Evolutionstheorie bezweifelt – vgl. Gould (1998) mit Bezug auf die Intentionalität menschlichen Handelns, Technik etc. – wie auch aus soziologischer Perspektive – vgl. Luhmanns Vorschlag für die eher analytische Unterscheidung zwischen Kommunikationen, Strukturen und Systemen (Luhmann, 1997, ... Evolutionskap.). 32 Luhmann spricht von „Erwartungserwartungen“ im Bezug Systemstrukturen. Er unterscheidet jedoch nicht zwischen phänotypischen und genotypischen Einheiten und verwendet auch den Institutionenbegriff nicht. 33 Die Auffassung von Institutionen als operativ geschlossenen Einheiten verlangt, dass Diese – i.S. der älteren sozialwissenschaftlichen Theorietradition und im Gegensatz zu dem heute üblichen Gebrauch in den Wirtschaftsund Politikwissenschaften – strikt unterschieden werden von Organisationen u.a. Formen des intentionalen Handelns.


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Phänomene, müssen nämlich phänotypische und genotypische Einheiten auf beiden Ebenen berücksichtigt werden. 34 Aus diesem Grunde wird im Folgenden mit der Kombination der beiden Unterscheidungen in einer Vierfelder-Tafel gearbeitet, die es erlaubt, die Unterscheidung der Einheiten auch in der horizontalen Dimension abzubilden.

Makroebene Mikroebene

Phänotyp 2 Organisationen (Staaten, Kirchen, Firmen, Schulen etc.) Phänotyp 1 (Sozialisierte) Individ uen

Phänotyp 3 Gesellschaften (Populationen mit Instititutionenpool) Genotyp (Tradierte) Institutionen

Die Unterscheidung verschiedener Ebenen und Einheiten der soziokulturellen Evolution ist selbst als ein Produkt der Evolution zu betrachten. Kommunikation ist auf einer primordialen Ebene immer schon vorausgesetzt. Alle Phänomene der Kommunikation sind handlungsgestützt. Sie basieren auf Handlungen, die in der physisch gegebenen und sinnlich wahrnehmbaren Welt wirken. Alle Institutionen der Kommunikation sind erlebensgestützt. Sie basieren auf der rekursiven Verknüpfung von Kommunikation mit vergangener Kommunikation, die in der menschlichen Wahrnehmung hergestellt wird. Die Unterscheidung und Bezeichnung von Phänomenen und Institutionen der Kommunikation wird aber historisch erst möglich aufgrund der realen Verselbständigung von Handlungs- und Erlebenskomponenten der Kommunikation auf der Makroebene. Ebenenendifferenzierung ist damit als eine historisch steigerbare Größe vorausgesetzt. Die Verselbständigung von Handlungs- und Erlebenskomponenten in asymmetrischen EgoAlter-Konstellationen der Kommunikation ist Teil der evolutionären Veränderungen, die die Ausdifferenzierung verschiedener Ebenen (Mikro- und Makrophänomene) wie auch verschiedener Einheiten (genotypische und phänotypische) begleiten. Diese doppelte Differenzierung ist nicht nur als hypothetischer Ausgangspunkt der soziokulturellen Evolution zu betrachten, sondern auch als Teil eines andauernden Prozesses, in dem sich soziokulturelle Differenzen verstärken und weitere Differenzierungen erzeugen können. Die Ausdifferenzierung der Makroebene soziokultureller Phänomene - als Differenzierung gegenüber der Mikroebene wie auch als institutionelle Binnendifferenzierung - wird im Folgenden auf die soziokulturelle Ausbreitungstendenz der Institutionen zurückgeführt. - Genotypische und phänotypische Einheiten Die evolutionäre Funktion genotypischer Einheiten ist in der Bewahrung der Programme zu sehen, die bei der Konstruktion phänotypischer Einheiten verwendet werden. Die evolutionäre Funktion phänotypischer Einheiten besteht in der Produktion und Reproduktion dieser Einheiten unter Verwendung von Ressourcen aus ihrer Umwelt. Phänotypische Einheiten sind daher operativ geschlossene Einheiten ohne Umweltkontakt. Sie reproduzieren sich gewissermaßen „blind“ als Bestandteile der Phänotypen. Phänotypen sind schon aus Gründen der Ressourcenabhängigkeit umweltoffen operierende Einheiten. Wie offen sie sind, hängt von der Evolution ihres kognitiven Potentials ab (das jedoch immer beschränkt ist angesichts der Komplexität der Welt). Genotypische Einheiten kognitiv geschlossen und gewissermaßen unsterblich, weil sie sich in (immer neue) Phänotypen kopieren (einschließlich evtl. Kopierfehler, den Mutationen). Dass phänotypische Einheiten sterben können, ist eine evolutionäre Errungenschaft, die die laufende Erneuerung der Phänotypen (die Neukonstruktion des Organismus aus der Eizelle) auch unter gleichbleibenden Umweltbedingungen garantiert.35 34 Im Vergleich mit evolutionstheoretischen Ansätzen in der Ökonomie, der Psychologie und in Teilen der Soziobiologie, besteht der spezifisch soziologische Ansatz hier darin, die individualistischen Unterstellungen aufzulösen, die zB. in der vielzitierten Metapher vom „egoistischen Gen“ (Dawkins) durchdringt. Gene sind weder egoistisch noch altruistisch, sondern per se transindividuelle (wenn man so will: kollektive) Einheiten. Die Operationsweise der Gene ähnelt insofern mehr der von Institututionen als der von Individuen. 35 Wieser, 1998, S. ... – In diesem Sinne muß also der Fall des Sterbens infolge von Umweltselektion vom organisch programmierten Tod unterschieden werden.


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Vertreter der genetischen Fundierung betonen, dass die genotypischen Einheiten nicht nur passive Informationsträger der Organismen sind, deren genetisches Potential sie enthalten. Diese Einheiten bedienen sich vielmehr aktiv der Organismen als „Vehikel“ ihrer eigenen Reproduktion. 36 Sie können dabei unter besonderen Umständen sogar zwischen verschiedenen Organismen wählen und kommen in der Entwicklung des Lebens auch in (phänotypisch) ungebundener Form vor. Demgegenüber verweisen Vertreter einer (relativen) Autonomie der Organismen, dass die Evolution auch das Überleben von Arten ermöglicht, deren Reproduktionserfolg auf der Grundlage eines hochkomplexen Organismus, in dem eine Vielzahl genetischer Moleküle integriert und auf die Produktion spezialisierter Zellen programmiert ist, zustande gekommen ist. Es geht der ökologischen Argumentation nicht darum, die eigenständige Bedeutung der genetischen Replikationseinhe iten in der Evolution des Lebens zu bestreiten. Sie bezieht sich nur darauf, dass der relative Reproduktionserfolg verschiedener Arten nicht aus dem (prinzipiell „blinden“) Replikatio nsverhalten ihrer Gene sondern nur aus der Angepasstheit der Organismen und Populationen an ihre jeweiligen Umweltbedingungen erklärt werden kann. Aufgrund der Interaktion der Organismen mit ihrer Umwelt kann mit dem Gehirn sogar ein Organ evoluieren, das hinsichtlich des Variations- und Steuerungspotentials für den Organismus in Konkurrenz mit den Genen tritt (ohne deshalb die evolutionären Wirkungen der Umweltselektion entscheidend zu vermindern.) Geht man von einer genetischen Fundamentalsteuerung aus, dann muss erklärt werden, warum die Replikator-Moleküle es im Hinblick auf ihren Reproduktionserfolg als vorteilhaft „ansehen“, sich kooperativ zu verhalten und Organismen zu bilden. Dieses Verhalten ist ja für lebende Organismen evident, obwohl es auch hier keineswegs unproblematisch ist, wie an Krankheiten, Überreaktionen des Immunsystems u.ä. leicht zu sehen. Es ist jedoch auch für einfache Sozialitäten (sogar Pflanzengesellschaften) nachweisbar. Der Reproduktionserfolg in einer gegebenen sozialen Umwelt kann offensichtlich gesteigert werden durch arbeitsteilige Kooperation. Die Organismus-Analogie, die in der soziologischen Theorietradition häufig gebraucht und zurückgewiesen worden ist 37 , gilt insofern bereits für Tiersozialitäten. Die biologische Ausgangslage muss für Menschengesellschaften nicht noch einmal neu begründet werden. Es muss aber gefragt werden, warum sie in der soziokulturellen Evolution des Menschen, die zu einer enormen Ausdehnung der Sozialität geführt hat, immer prekär erscheint. In vieler Hinsicht passt das evolutionsbiologische Modell, in der die evolutionäre Funktion der Selektion je nach den Umweltbedingungen bei den Individuen und höher aggregierten Einheiten – jedenfalls nur bei den phänotypischen Einheiten – ansetzt, besser zur Beschreibung der soziokulturellen Verhältnisse beim Menschen als das Dawkinssche Modell, das die Phänomene auf genotypische Programme reduziert. Andererseits bestreiten auch die Vertreter der ökologischen Selektionstheorie nicht die grundlegende Bedeutung operativ geschlossener genotypischer Einheiten für die Kontinuität evolutionärer Prozesse. Es ergibt sich also für jede Theorie der soziokulturellen Evolution, die den methodologischen Ansprüchen der modernen Evolutionstheorie gerecht werden will, das Problem der Identifikation einer genotypischen Einheit, die in der Lage ist, sich selbst (und damit ihr genetisches Potential für die Bildung von Phänotypen) innerhalb der soziokulturellen Evolution zu replizieren. Das Problem besteht nicht in der Beschreibung eines Mechanismus der Replikation – dafür lassen sich viele Ansatzpunkte finden – sondern darin, innerhalb der soziokulturellen Verhältnisse Einheiten zu identifizieren, die eine vergleichbare operative Geschlossenheit gegen Umwelteinflüsse aufweisen, wie das Genom bei lebenden Arten. Der Mechanismus der Replikation selbst kann historisch variieren. Es muß jedoch eine Einheit identifizierbar sein, durch die er wirksam wird, und zwar so, dass diese Einheit dadurch normalerweise (abgesehen von Replikationsfehlern, den Mutationen und umweltunabhängigen Phänomenen wie meiotische Drift) nicht verändert wird. Die Identifikation einer solchen operativ geschlossenen basalen Replikationseinheit ist auch dann nötig, wenn man der Auffassung folgt, dass im Verlaufe der Evolution eine zunehmende Autonomie der Phänotypen gegenüber den Genotypen zu beobachten ist. 38

36 Dawkins, 1982, .... 37 Zuerst wohl bei H.Spencer, zurückgewiesen schon bei Durkheim. Sie wird m.E. auch im Begriff des funktional differenzierten Systems der Gesellschaft noch fortgeführt. 38 Vgl. Wieser, 1998.


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Dawkins hat für die funktionalen Äquivalente von Genen in der soziokulturellen Evolution die Bezeic hnung Meme vorgeschlagen39 , die z.T. auch in den Sozialwissenschaften aufgegriffen worden ist. 40 In gewisser Weise kann jeder sprachlich oder aussersprachlich fixierte symbolische Ausdruck als funktionales Äquivalent zu Genen betrachtet werden.41 Auch die offenkundigen Parallelen in der evolutionären Verbreitung von Genen und Sprachen können (trotz der Tempounterschiede) eine solche Analogie stützen. 42 Allerdings ist bei sprachlichen und symbolischer Einheiten eine mit den Genen vergleichbare operative Geschlossenheit gegen Umwelteinflüsse nicht gegeben. Ausserdem wird der Bezug auf einzelne Symbole oder Meme den Makrophänomenen nicht gerecht, um deren Erklärung es in einer Theorie der soziokulturellen Evolution (zumindest auch) gehen muss. Schon in der Evolution der natürlichen Arten bei den höheren Lebewesen sind es nicht einzelne Gene sondern immer schon ganze Gen-Komplexe,43 die zur Erklärung herangezogen werden. Angesichts der Ausdehnung und Komplexität der soziokulturellen Evolution müsste nicht nur von Mem-Komplexen sondern sogar von Mega-Memen gesprochen werden. 44 Im Anschluss an ältere Theorietraditionen der Sozialwissenschaften erscheint es angemessener, die basalen (operativ geschlossenen) Einheiten der soziokulturellen Evolution als Institutionen zu bezeichnen. 45 Wenn der Begriff der Institution im Folgenden zur Bezeichnung der basalen (genotypischen) Einheiten der soziokulturellen Evolution verwendet wird, kommt es allerdings auch darauf an, seine operative Geschlossenheit als latenzgeschütztes Verhaltensmuster zu rekonstruieren und ihn gegenüber Verwendungen (insbesondere in den neueren Politik- und Wirtschaftswissenschaften) abzugrenzen, in denen die Grenze zu phänotypischen Einheiten (Firmen, Regierungen o.ä. ) verwischt (die operative Geschlossenheit aufgelöst) wird.

– Organisationen Der Streit zwischen genetischer und ökologischer Ausrichtung in der biologischen Evolutionstheorie ähnelt in mancher Hinsicht dem Streit zwischen markt-individualistischer und hierarchisch-funktionalistischer Ausrichtung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Parallelen werden noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass es in der Evolutionsbiologie neben der genetischen und der organischen Ebene noch eine dritte Ebene gibt, auf der die evolutionäre Funktion der Selektion ansetzen kann: das ist die Ebene der Population insgesamt, die alle Formen des Zusammenlebens der Organismen (einer Art in einer bestimmten Umwelt) umfasst. Bekanntlich gibt es im Tierreich Populationen von Organismen, die in den Formen ihres Zusammenlebens eine Art Organismus zweiter Ordnung bilden (Eusozialität). Hierbei sind es nicht nur die einze lnen Zellen des Organismus, die auf den größten Teil des in den genetischen Basiseinheiten verankerten Potentials zugunsten arbeitsteiliger Spezialisierung verzichten, sondern die individuellen Organismen in der sozialen Organisation selbst. Diese Art organischer Spezialisie rung der Individuen ist bekanntlich besonders ausgeprägt bei einigen Insektenarten. Bei Säugetieren und Primaten gibt es keine solche Spezialisierung der Organismen, dafür aber eine kognitive Ausdifferenzierung ihrer Verhaltensmuster, die einen entsprechenden Organismus zweiter Ordnung (kulturelle Eusozialität oder Ultrasozialität46 ) ermöglicht. In den 39 S. das Egoistische Gen, ... 40 Dawkins Redeweise vom „egoistischen Gen“ von methodologischen Individualisten ist innerhalb der Sozialwissenschaften als eine Art biologischer Fundierung ihrer methodologischen Position aufgenommen worden. Dabei taucht ein instruktives Mißverständnis in der sozialwissenschaftlichen Rezeption auf. Zwar lehnt sich Dawkins mit der Formel vom „egoistischen Gen“ metaphorisch an Alltagsbeschreibungen des Individualverhaltens an. Sein Vorschlag zielt jedoch im Kern auf eine Wirkung transindividueller Einheiten. In gewisser Weise charakterisiert dies auch das Individualitätsverständnis des methodologischen Individualismus, das mit der Reduktion des menschlichen Verhaltensspektrums auf Nutzenmaxmierung ja eher eine black box umschreibt. 41 In dem Vorschlag von Dawkins zur Beschreibung von „Memen“ als soziokulturellen Äquivalenten der Gene gibt es allerdings keinen Hinweis auf einen entsprechenden Schutzmechanismus gegen Umwelteinflüsse. 42 Vgl. Cavalli-Soforza, 1999 43 Es handelt sich typischerweise um Komplexe, die ein evolutionär tradiertes Arsenal an Bausteinen der Evolution mittransportieren, die keineswegs alle i.S. der Umweltanpassung nützlich sein müssen. 44 Im Hinblick auf die hierarchischen Aspekte der soziokulturellen Ordnung könnte auch von Meta-Memen gesprochen werden. 45 Vgl. Durkheim, … M.Douglas; vgl. die diversen Neoinstitutionalismen … 46 So die von Richerson und Boyd, 1998a, bevorzugte Bezeichnung.


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soziokulturellen Ordnungsstrukturen von menschlichen Populationen wird der Verzicht auf totipotente Phänotypen („allseitig entfaltete Persönlichkeit“) durch Mechanismen der Bestrafung und Belohnung sanktioniert und durch Mechanismen der intergenerativen Tradierung internalisiert. Je weiter entfernt der evolutionäre Mechanismus der Umweltsele ktion von den einzelnen Individuen einer Population ansetzt und innergesellschaftlich durch symbolisch generalisierte Selektionsmuster ersetzt wird, desto ungehinderter kann das in den genotypischen Einheiten verankerte Programm der selektiven Replikation, ihre Tendenz zur Selbstausbreitung, sich durchsetzen. Damit kann in zweiter Linie dann auch der besondere Reproduktionserfolg bestimmter Institutionengebilde (mit universalistischer Ausrichtung) erklärt werden, die eine solche Ausdehnung der Populationen ermöglicht haben. Die hier skizzierte Ausdehnungsthese besagt zunächst, dass innerhalb der soziokulturellen Evolution, vermittels Technisierung und Organisation immer höher aggregierter sozialer Einheiten (Organismen zweiter Ordnung) die Umweltbeschränkungen hinausgeschoben und damit die Ansatzpunkte der materiellen Umweltselektion auf immer höher aggregierte Einheiten – eben tendenziell auf eine globale soziokulturelle Population - verlagert werden. In dieser Perspektive erscheint die Weltgesellschaft nic ht nur als ein Sinnkonstrukt, der innere Horizont, den menschliche Sozialsysteme immer schon mit sich herumtragen, sondern als Ordnungsvorstellung und Leitidee einer evolutionären Strategie, die zur Bildung sehr großer phänotypischer Einheiten der soziokulturellen Evolution geführt hat und die Tendenz zur Bildung einer einzigen soziokulturellen Population enthält. Der Begriff der evolutionären Strategie wird hier ohne die spieltheoretischen und methodologisch individualistischen Voraussetzungen verwendet, die unter der Bezeichnung „evolutionär stabile Strategie“ in die Evolutionstheorie eingeführt worden sind. 47 Als evolutionäre Strategie soll ein bestimmtes Verhaltensmuster beschrieben werden, das an Phänomenen der soziokulturellen Evolution beobachtet und auf die kausale Wirkung evolutionärer Mechanismen zurückgeführt werden kann. Phänotypische Einheiten der Beobachtung können menschliche Individuen aber auch Kollektivakteure (zB. Staaten) sein. Für das hier behandelte Thema kommen vorrangig die quantitativ größten sozialen Einheiten – staatförmig organisierte Gesellschaften - in Betracht. Im Sinne dieser Überlegungen könnte Dawkins These von den Genotypen als aktiven (also letztlich entscheidenden) Selektionseinheiten – der die Mehrheit der Evolutionsbiologen bisher nicht folgt 48 – zumindest für den Binnenraum der soziokulturellen Evolution doch eine zutreffende Beschreibung liefern. Die Ausdehnung der Gesellschaft selbst erzeugt den Spielraum für die ungehinderte Ausbreitung der genetischen „Replikationsmaschine“ und diese sorgt wiederum für ihre weitere Ausdehnung. Allerdings handelt es sich nicht um die Erfindung eines „perpetuum mobile“. Die evolutionäre Strategie der Ausdehnung der menschlichen 47 Nach einem Vorschlag von Maynard Smith (1974, 1982) wird eine Spielstrategie, die unter gegebenen Rahmenbedingungen von keiner Anderen dauerhaft unterwandert werden kann, als evolutionär stabile Strategie (ESS) bezeichnet. Für Auseinandersetzungen von der Art des „iterierten Gefangenendilemmas“ (Axelrod, ...), bei der Spieler zwischen egoistischen und kooperativen Optionen wählen können, lässt sich eine ESS in der Form einer Wahrscheinlichkeitsaussage angeben. Dabei gelten folgende Bedingungen: Die Spieler sind entscheidungs- und lernfähig, sie werden aufgrund ihrer Entscheidungen bestraft oder belohnt, zur Bewertung ihrer Entscheidungen gibt es eine „Auszahlungsmatrix". s. auch Wuketits, S.43-49 48 In „The Selfish Gene“ hat Dawkins vorgeschlagen, die vererbbaren Einheiten des Genoms zugleich als die einzigen Objekte der evolutionären Selektion zu betrachten und individuelle Organismen nur als passive Trägereinheiten („Vehikel“) dieser Objekte. Dieser Vorschlag ist von der Mehrheit der Evolutionsbiologen nicht übernommen und z.T. heftig kritisiert worden (vgl. E. Mayr, S.J.Gould). Dawkins hat seinen Theorievorschlag in „The Extended Phenotype“ verteidigt durch Ausweitung der Phänotypik über den Kreis lebender Individuen hinaus auf alle – insbesondere auch soziale - Phänomene, die durch genetisch verankerte Programme beeinflusst werden. Dahinter steht die Überlegung: je mehr soziale Phänomene – einschließlich ihrer parasitären Ausnutzung - als genetisch verursacht erscheinen, desto schwächer erscheint die evolutionäre Funktion der individuellen Organismen im evolutionären Szenario, und desto plausibler erscheint die These von der durchschlagenden Kraft der Gene. Tatsächlich hat Dawkins auch mit dieser Erweiterung die Mehrheit der Evolutionsbiologen nicht davon überzeugen können, dass die Darwinsche Evolutionstheorie für die Beschreibung kausal unabhängiger Mechanismen der Variation und Selektion nicht auch weiterhin den Bezug auf eigenständige (mit selbstgesteuerter Umweltwahrnehmung ausgestattete) Organismen als Objekte der Umweltselektion bedarf.


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Gesellschaft ist in hohem Maße riskant. Sie stößt einerseits auf die globalen Grenzen der natürlichen Umweltressourcen, die für die Reproduktion der menschlichen Populationen auf dem Planeten benötigt werden. Diese kommen u.a. in der Diskussion über Ressourcenprobleme und zunehmende Verteilungskonflikte zum Ausdruck. Die evolutionäre Strategie der Ausdehnung stößt aber auch auf natürliche Grenzen in der inneren (organischen) Natur des Menschen selbst, seiner Soziabilität i.S. der sozialisatorischen Einpassung in einen globalen Superorganismus. 49 – Individuen Die Vorstellung, dass die komplexen Strukturen der menschlichen Gesellschaft nur funktionieren, weil sie immer wieder zurückgeführt, belebt und angetrieben werden durch Motive, die im Erleben und Handeln individueller Exemplare der menschlichen Art verankert sind, erscheint so zwingend, dass es naheliegt, daraus eine allgemeine Methode sozialwissenschaftlicher Erklärungen zu machen. Ob die entsprechende Methodologie aber als „individualistisch“ oder (sogar umgekehrt) als „kollektivistisch“ (oder „holistisch“) zu kennzeichnen wäre, ist in den Sozialwissenschaften umstritten. Im Rahmen eines evolutionstheoretischen Ansatzes spricht Vieles dafür, eine methodologische Festlegung in dieser Alternative zu vermeiden. Die bei menschlichen Individuen beobachtbaren Antriebe und Motive sind einerseits auf ihre genotypische Verankerung in genetisch-organischen Prozessen und andererseits auf ihre phänotypische Verankerung in individuellen und kollektiv geteilten Umwelterfahrungsprozessen zurückzuführen. Schon hinsichtlich der genotypischen Verankerung von Handlungsmotiven ist nur schwer zu erkennen, welche Anteile dem einzelnen Individuum (trotz seiner genetischen Einzigartigkeit) zuzurechnen sind. Der bei weitem überwiegende Anteil muss als gemeinsames genetisches Erbe der jeweiligen Population betrachtet werden. Hinsichtlich der phänotypischen Verankerung von Handlungsmotiven ist es nicht einfacher, zwischen den individuell erworbenen und den von Anderen übernommenen Erfahrungen zu unterscheiden. In Prozessen der menschlichen Nahwelt mag der Anteil individuell gemachter Erfahrungen noch relativ hoch sein, im Bezug auf Prozesse der Fernwelt (der ökologischen Nische insgesamt) nimmt dieser Anteil jedoch rapide ab. Jedenfall überwiegt auch hier bei weitem der Anteil an Erfahrungen, die innerhalb einer Population geteilt und dh. von der jeweiligen Gesellschaft dem einzelnen Individuum überliefert werden.50 Die Existenz und Reproduktion soziokultureller Strukturen kann ohne Bezug auf die Beteiligung lebender Individuen nicht erklärt werden. Daher erscheint es durchaus zweckmäßig, menschliche Individuen als kleinste Einheiten der Beobachtung zu wählen. Für die Methode der Sozialwissenschaften folgt daraus aber nicht, dass sie mit einem Modell vom Menschen arbeiten könnte, das im Kern nur ein einziges Handlungsmotiv unterstellt, nämlich das der individuellen Nutzenmaximierung. Denn selbst dann, wenn man mit biologischen Mitteln nachweisen könnte, dass dies das einzige genetisch verankerte Verhaltensmuster darstellt 51 (primordialer Verwandtschaftsaltruismus also z.B. darin eingeschlossen wäre) bleibt immer noch der Umstand unbestreitbar, dass menschliche Individuen offen sind für die biographische Aneignung kulturell erweiterter Handlungsmotive, die zur Erklärung ihres Verhaltens in bestimmten, strukturell wiederkehrenden Situationen ebenfalls herangezogen werden müssen. Da nun diese biographisch verankerten Handlungsmuster selbst in den kulturell erweiterten Strukturen der Sozia lwelt erworben werden, endet die methodologische reductio ad hominem in einem Zirkel. Um diesen Zirkel für die Erklärung soziokultureller Verhältnisse fruchtbar zu machen, bedarf es seiner Entfaltung im Rahmen eines evolutionstheoretischen Modells. Wenn methodologisch-individualistische Ansätze sich auf Evolutionsbiologie berufen, dann geschieht dies normalerweise nicht unter Bezug auf die genetisch verankerten 49 Darauf wird im Folgenden noch wiederholt und ausführlich im letzter Abschnitt eingegangen. 50 Hieraus hat Durkheim sein Argument für eine Art methodologischen Kollektivismus gemacht. 51 Biologische Forschungen sprechen eher dafür, dass es sich auch bei den im Genom verankerten Antrieben um eine tradierte Vielfalt phylogenetisch erworbener Bausteine handelt, deren Wirksamkeit je nach Umweltbedingungen ein- oder ausgeschaltet werden kann. Vgl. C. Vogel, 2000, ... mit Bezug auf ein Flickwerkmodell der genetischen Grundausstattung in der evolutionären Psychologie [s. auch Immermann ...]


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Sozialkompetenzen von Individuen sondern unter bezug auf deren genetisch verankerten Egoismus bzw. Bestreben zur Maximierung des eigenen Nutzens. Ihre Sozialität soll ganz und gar aus den (in nutzenmaximierender Perspektive) unbeabsichtigten Nebenfolgen ihrer Bestrebungen erwachsen. Diese Auffassung stimmt aber mit den Forschungen der Evolutionsbiologie nicht überein. Der spezifische Reproduktionserfolg sozial lebender Populationen, insbesondere von Menschen, wird auf ihre soziale Bindungs- und Organisationsfähigkeit zurückgeführt. Individuelle Exemplare von Populationen, die mit besonderen Fähigkeiten der Orientierung an und Kooperation mit anderen Exemplaren ihrer Art ausgestattet sind weisen eine höhere Verbreitung auf, da sie sich anscheinend besser an verschiedene ökologische Bedingungen anzupassen vermögen. Gerade weil die Individualität dieser Lebewesen in hohem Maße sozial konstituiert ist, macht es Sinn, bei der Analyse der Sozialität dieser Arten, die Individuen selbst (und nicht nur soziale Handlungsketten oder rekursiv verknüpfte Kommunikationen) als kleinste soziale Einheiten der Analyse zu betrachten. Daraus folgt in methodologischer Hinsicht zunächst ein Dualismus: in phänotypischer Hinsicht ist von menschlichen Individuen als kleinsten Einheiten der Beobachtung auszugehen, die in genotypischer Hinsicht eine Doppelnatur aufweisen, nämlich genetisch und kulturell verankerte Motive. Die Bezeichnung menschlicher Individuen als kleinste Einheiten der Beobachtung bedeutet natürlich nicht, dass diese Einheiten nicht weiter aufgelöst werden könnten. Nicht nur die Institutionengebilde der soziokult urellen Evolution sondern auch menschliche Individen sind offensichtlich Einheiten, die schon aus anderen Elementen zusammengesetzt sind. Ihre Bezeichnung als kleinste Einheiten soll nur besagen, dass es für die Zwecke einer Untersuchung von Phänomenen der soziokulturellen Evolution ausreicht, von diesen Einheiten auszugehen, und es nicht notwendig ist, noch weiter aufzulösen. Ihre Bezeichnung als kleinste Einheiten der Beobachtung besagt aber auch, dass es für viele Zwecke dieser Untersuchung ausreicht, die Beobachtung an größeren phänotypischen Einheiten der soziokulturelle Evolution anzusetzen. Die kulturell verankerten Handlungsmotive sind nicht nur unter dem Mikroskop der Erforschung individueller Biographien sondern auch an den technisch und organisatorisch erweiterten Einheiten der soziokulturellen Evolution ablesbar. 52 Wenn man die Beschreibung evolutionärer Kreisläufe auf der Mikroebene der Kommunikation beginnt, hat man es zunächst mit zwei (sehr verschiedenen) Mitteln zu tun, die zur sozialen Ordnungsbildung beitragen: Interessen und Institutionen. Die Wahrnehmung der Interessen autonom agierender Individuen führt in vielen Situationen zu spontaner Ordnungsbildung. Dies funktioniert unter zwei Voraussetzungen: relativ kleine Sozialitäten mit häufig wiederkehrenden Teilnehmerbegegnungen und relativ feststehenden Präferenzen der Interessenwahrnehmung. Beide Voraussetzungen sind aber in kulturell erweiterten Formen der Sozialität so nicht mehr gegeben. Sie müssen also durch erweiterte Mechanismen der Ordnungsbildung (institutionalisierte Formen der Hierarchie und des Wettbewerbs) ersetzt werden. Der natürlich gegebene Präferenzrahmen (etwa die genetisch verankerte Verwandtschaftsselektion) wird deshalb bereits auf der Mikroebene erweitert und ersetzt durch institutionalisierte Präferenzen, die in primären und sekundären Sozialisationsprozessen von Individuen internalisiert und auf diese Weise tradiert werden. Mit dem Bezug auf individuelle Interesssen ist jedoch keine Festlegung auf bestimmte Inhalte verbunden. Der Rekurs auf eigennützige Handlungsentscheidungen legt nicht fest, welche Nutzenerwartung - materielle Vorteile, soziale Anerkennung, Befriedigung aggressiver Motive o.a. - damit konkret verbunden verbunden wird. 53 Der Spielraum dafür ist sicher nicht beliebig sondern aufgrund der

52 Häufig wird zur Begründung einer individualistischen Methodologie Max Webers „verstehende Erklärung“ angeführt. Wenn M.Weber in seinen Grundbegriffen formuliert „’Erklären’ bedeutet also für eine mit dem Sinn des Handelns befaßte Wissenschaft soviel wie: Erfassung des Sinnzusammenhangs, in den, seinem subjektiv gemeinten Sinn nach, ein aktuell verständliches Handeln hineingehört.“ dann zwingt dies jedoch nicht zum Rekurs auf individuelle Handlungsmotive, es genügt der Bezug auf einen in der Population geteilten Sinnvorrat, an dem die Individuen partizipieren. (1972 ...) 53 Ökonomische Wahlhandlungsmodelle suggerieren, dass eine relativ simple Bedürfnisstruktur zugrundeliegt, führen dies aber normalerweise nicht aus. Soziologische Ansätze (wie Coleman, Esser, Lindenberg) versuchen dies


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gattungsgeschichtlichen Primärausstattung menschlicher Organismen beschränkt. Er ist jedoch so groß, dass aus der Aussage, dass Menschen eigeninteressiert handeln, wenig abgeleitet werden kann im Hinblick auf das Zustandekommen bestimmter sozialer Strukturen.

- Rekursivität evolutionärer Mechanismen Um das Erklärungsmodell der Darwinschen Evolutionstheorie auf die besonderen Verhältnisse menschlicher Populationen und ihrer kulturellen Entwicklung zu übertragen, muss zwischen evolutionären Funktionen und historischen Mechanismen (i.S. von Ereignisketten, in denen diese Funktionen sich ausprägen) unterschieden werden.54 Diese Unterscheidung markiert keinen grundlegenden (methodologischen) Unterschied, da auch schon für die biologische Anwendung der Theorie gilt, dass die evolutionären Mechanismen, deren Wirkung in der Entwicklung der lebenden Arten beschrieben wird, selbst der Evolution ausgesetzt sind, also als historische Mechanismen identifiziert werden müssen. 55 Die Besonderheit der soziokulturellen Evolution ist zunächst darin zu sehen, dass die Evolution der evolutionären Mechanismen in viel kürzeren Zeiträumen passiert. Dadurch erhält die Unterscheidung zwischen den theoretisch formulierten evolutionären Funktionen und den historisch identifizierbaren Mechanismen an Gewicht. - Hier noch einmal ein Vergleichsschema biosozialer und soziokultureller Einheiten i.S. der bisher skizzierten Ausführungen Naturale Mechanismen

Biosoziale Einheiten

Sekundäre Variation (sexuelle Rekombination) und Umweltselektion

Phänotypen: Individuelle Organismen, Verwandtschaftsgruppen

Genetische Replikation + Variation (Mutation)

Genotypen: Gene (Genpool der Population)

Kulturelle Mechanismen

Soziokulturelle Einheiten

Variation (durch Technik) und kulturelle Umweltselektion (Wettbewerb)

Phänotypen: kulturalisierte Individuen, kulturell erweiterte Gruppen, Gesellschaften

Replikation (i.S. primordialer Variation und Selektion)

Genotyp: Institutionen (Institutionenpool der soziokulturellen Population)

Zur Entfaltung der skizzierten Ausgangsthese kommt es zunächst (in einem historisch sehr grobkörnigen Sinne) darauf an zu zeigen, unter welchen Ausgangsbedingungen eine evolutionäre Strategie zum Zuge kommen kann, in der die Replikation (der genotypischen Einheiten) soziokultureller Institutionen die Tendenz zur Bildung einer globalen soziokulturellen Population (als phänotypische Einheit) hervorbringen kann. Im Folgenden geht es darum, die Mechanismen näher – dh. als historische Variablen - zu bezeichnen, die die Funktionen evolutionärer Mechanismen in der soziokulturellen Evolution einnehmen. Ich verwende zu diesem Zweck ein theoretisches Modell, in dem die maximale Ausdehnung der Populationen als latentes Grundmuster des Verhaltens soziokultureller Einheiten fungiert. Das folgende schematische Modell der spiralförmigen Ausdehnung soziokultureller Populationen wird spezifiziert durch die Unterscheidung von (einer) genotypischen und (drei) phänotypischen Einheiten und vier evolutionären Mechanismen, die auf sie einwirken: 1. ein aufzubrechen, in dem sie alle möglichen ererbten und lebensgeschichtlich erworbenen Motive – als frames – in die Interessenstruktur einbauen. 54 Terminologisch würde ich es vorziehen, anstelle der physikalischen Metaphorik der Bezeichnung als evolutionärer „Mechanismus“ die offenere Bezeichnung als (evolutionäres) Medium zu verwenden. Um Mißverständnisse zu vermeiden, bleibe ich jedoch bei der eingeführten Bezeichnung für diese evolutionstheoretischen Unterscheidungen. 55 Hier ist hinzuweisen auf das Selbstverständnis der Evolutionsbiologie als historische Wissenschaft bei E. Mayr oder S.J.Gould ...


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symbolischer Vererbungsmechanismus 2. ein technisch-intentionalisierter Variationsmechanismus 3. ein auf symbolisch generalisierte Umweltbedingungen bezogener Selektionsmechanismus und 4. ein Restabilisationsmechanismus, die symbolisch generalisierten Selektionen der Makroebene auf die Handlungs– und Erlebenspotentiale der Kommunikation auf der Mikroebene zurückführt. Systeme

Selektion ⇒

Umwelten

Makroebene

Organisationen

Wettbewerb

Populationen

Makroebene

⇑ Variation

Technisierung

Ausdehnungsmodell

Identifikation

Restabilisation ⇓

Mikroebene

Individuen

Tradierung

Institutionen

Mikroebene

Handeln

⇐ Replikation

Erleben

Um die unwahrscheinliche Ausdehnung sozialer Einheiten beim Menschen zu erklären, setze ich im Folgenden vier kausal unabhängig wirkende, nur rekursiv verknüpfte Mechanismen in das oben bezeichnete Vier-Felder-Schema der Ebenen und Einheiten soziokultureller Evolution ein. Die Doppelbezeichnung „sozio-kulturelle“ Evolution56 steht in diesem Modell für die Kombination von zwei verschiedenen Merkmalen: Solchen, die die Lebensformen von Menschen mit anderen Lebewesen gemeinsam haben, und Solchen, die sie von den Lebensformen anderer Lebewesen unterscheiden. Die Gemeinsamkeit besteht in der Form des sozialen Zusammenlebens in Populationen. Die Differenz besteht in der Schaffung kultureller Sonderumwelten in der Form von Institutionen. Die Bezeichnung „sozio-“ steht in dem hier skizzierten Kreislaufschema für die aufsteigende Linie: die auf dem Gebrauch materieller Ressourcen basierende, expansive Strategie menschlicher Akteure, die Bildung immer größerer sozialer Einheiten in der Konkurrenz mit gleichartigen und andersartigen Akteuren in derselben ökologischen Nische. Die Bezeichnung „kulturell“ steht hier für die absteigende Linie – die materielle Ressourcen sparende Steuerung sozialer Einheiten mit symbolischen Mitteln – und damit für das dominante Merkmal, die Besonderheit dieser Evolution, die Ausdiffererenzierung kultureller Sonderumwelten. Das Leben menschlicher Populationen wird durch das Merkmal der Kultur, die Ausdifferenzierung institutioneller Umwelten modifiziert und spezifiziert. Es bleibt jedoch auch dabei an seine ökologische Nische und damit an die in der Biologie beschriebenen Mechanismen der Evolution gebunden. 2. Technisierung als Mechanismus der Variation und Ausdehnung Ein gewichtiger Einwand gegen die Anwendung der Darwinschen Evolutionstheorie auf soziokulturelle Verhältnisse, der in wissenschaftlichen Beiträgen zu lesen ist,57 bezieht sich auf die prominente Bedeutung der Technik in der Geschichte menschlicher Sozialitäten. 58 Dieser

56 S. zur Verwendung dieser Terminologie zuerst Campbell, 1965 57 Ich sehe hier ab von außerwissenschaftlichen, moralisch und ethisch begründeten Einwänden, die wohl zu den am häufigsten zu lesenden Einwänden gegen Evolutionstheorie gehören. Dazu gehört nicht nur die Verteidigung des Schöpfungsglaubens, sondern auch die Kritik an der kompromittierenden Verbindung der Darwinschen Theorie (als „Sozialdarwinismus“) mit rassistischer Politik. 58 Innerhalb der Sozialwissenschaften vermeidet zB. Norbert Elias aus diesem Grunde evolutionstheoretische Begrifflichkeit. Innerhalb der Naturwissenschaften formuliert den Einwand z.B. S.J.Gould, 1996, S. 268ff. „Kultureller Wandel vollzieht sich nach Mechanismen, die einen allgemeinen angetriebenen Trend zum technischen Fortschritt beinhalten – und das ist etwas ganz anderes als der kleine, passive Trend, den darwinistische Vorgänge im


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Einwand läuft darauf hinaus, dass für die evolutionären Funktionen der Variation und Selektion keine im strengen Sinne kausal unabhängig voneinander wirkenden Mechanismen angegeben werden können, 59 weil dafür in den soziokulturellen Entwicklungen zuviel Intentionalität – im Sinne von technischem Fortschritt - im Spiel ist. Dieser Einwand soll hier aufgenommen und die Möglic hkeit einer Theorie der soziokulturellen Evolution zugleich verteidigt werden. Der Einwand verweist auf einen wesentlichen Unterschied zwischen der natürlichen und der soziokulturellen Evolution. Der Hinweis auf diesen Unterschied ist zugleich geeignet, die Verselbständigung soziokulturellen Evolution, den historischen Ausgangspunkt der unwahrscheinlichen Ausdehnung soziokultureller Populationen zu rekonstruieren. 60 Als Auslöser von epochalen Umbrüchen in der Geschichte der soziokulturellen Verhältnisse des Menschen – den Übergängen von Stammesgesellschaften zu traditionellen Hochkulturen wie auch von diesen zur modernen Weltgesellschaft - kann die Rückwirkung des Variationsmechanismus der Technisierung auf den Vererbungsmechanismus der soziokulturellen Evolution bezeichnet werden. Veränderungen der Gesellschaft können nicht durch die Wirkung eines evolutionären Mechanismus allein erklärt werden. Der Mechanismus der Technisierung wirkt auf den Replikationsmechanismus der soziokulturellen Evolution zurück und ist seinerseits Objekt der Rückwirkung des Selektionsmechanismus. Wenn hier Technisierung als auslösende Variable bezeichnet wird, so wird damit zugleich festgehalten, dass die unwahrscheinliche Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft evolutionstheoretisch nur durch die rekursive Verknüpfung aller Mechanismen erklärt werden kann, deren (kausal unabhängige) Wirkung im Bereich der soziokulturellen Evolution identif iziert werden kann.

- Natürliche und kulturelle Variation Viele historische Untersuchungen zeigen, dass technische Innovationen in der Menschheitsgeschichte schubweise zur Steigerung der räumlichen und zeitlichen Reichweite, der Verdichtung und Verflechtung der menschlichen Kommunikation geführt haben. 61 Daher liegt es nahe, Techniktheorien an erster Stelle zur Erklärung der Ausdehnung menschlicher Gesellschaften heranzuziehen. Techniktheorien sind allerdings nur an einem bestimmten Modus sozialer Veränderung interessiert. Es sind zumeist theoretische Ansätze, die sich auf das praktische Handeln von Menschen, ihre Intentionen und Nutzenerwägungen beziehen. Soweit kommunikations- und verkehrstechnische Verflechtungen zur Erklärung soziokulturellen Wandels herangezogen werden, werden die institutionellen Mittel der Integration dabei schon vorausgesetzt, ihr Wandel also nicht oder nur indirekt in die Erklärung einbezogen. 62 Techniktheorien sind oft in Kulturtheorien eingebettet, die nicht zureichend expliziert werden. Dabei wird das instrumentelle Verhältnis zur Welt, das in der Präferenz für bestimmte Technisierungen der Kommunikation zum Tragen kommt, auf bestimmte kulturelle Muster Bereich der natürlichen Evolution zulassen.“ S. 274 – In scharfem Kontrast dazu spricht Dawkins .... auch hinsichtlich der kulturellen Genäquivalente von einer „Replikationsbombe“. 59 Luhmann ersetzt deshalb die Unterscheidung kausal unabhängiger Wirkungsketten durch die eher analytische Unterscheidung von Operationen, Strukturen und Systemen. (1997, ... Evolutions-Kap.) 60 Der orthodox formulierte Einwand gegen Theorien der soziolulturellen Evolution zieht m.E. zu wenig Konsequenzen aus dem Umstand, dass es auch in der Naturevolution nicht nur den Typ von Zufallsvariation gibt, der durch genetische Mutationen ausgelöst wird, sondern einen sekundären Variationsmechanismus, der durch das Verhalten der Phänotypen in der Sexualität intentional beeinflußt wird. Für eine Theorie der soziokulturellen Evolution ist der Unterschied zwischen Variationen, die durch Technisierung ausgelöst werden und Solchen, die primordial (als Mutationen) im Kontext der Replikation von Institutionen durch Tradierung passieren, von grundlegender Bedeutung. - Ich komme auf diesen Unterschied im Kontext der Beschreibung des Replikationsmechanismus im letzten Abschnitt zurück. 61 So schreibt Michel Serres: „Schon vor einem halben Jahrhundert belegte eine Studie, daß für die gesamte Menschheitsgeschichte das Gesetz des exponentiellen Wachstums der Technologien gilt. Dieses Gesetz läßt sich bis in die Zeit zurück verfolgen, als die Menschen begannen, Steine zu behauen. Da das exponentielle Wachstum eine Konstante in der geschichtlichen Entwicklung ist, sollte dieser Tatsache nichts Beunruhigendes anhaften. Die Studie, auf die sich Serres im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19. Oktober 2000 (S. 53) bezieht, ist von J.D. Bernal, Science in History, London 1954 (deutsch: Die Wissenschaft in der Geschichte, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1957) 62 Vgl McLuhan, ... Lübbe, 1996, Castells, 2001 u.a.


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zurückgeführt, die den Handlungsentscheidungen der Individuen zugrunde (oder in einem methodologischen Sinne: voraus) liegen. Technik- und kulturtheoretische Aspekte können im evolutionstheoretischen Ansatz besser verknüpft und entfaltet werden, indem sie kausal voneinander unabhängigen Ereignisketten zugeordnet werden. Um eine solche Verknüpfung zu erreichen, ist allerdings zunächst die Paradoxie der Beschreibung aufzulösen, worin gerade jene menschlichen Lebensäußerungen, die als höchster Ausdruck von Rationalität, des planvollen Handelns etc. erscheinen, nämlich seine technischen Handlungsverknüpfungen und Artefakte in evolutionstheoretischer Hinsicht als ein blinder Mechanismus der Variation aufzufassen sind. Als „blind“ ist die soziokulturelle Technikentfaltung natürlich nur in einer Hinsicht anzusehen, nämlich der Voraussicht auf veränderte Umweltbedingungen. Da diese Veränderungen aber innerhalb der soziokulturellen Nische laufend – und verstärkt durch Binnendifferenzierungen63 vorkommen, hat Technisierung stets unbeabsichtigte Nebenfolgen und Rückwirkungen auf den Institutionenpool der Population. Die Geschichte der Technikentwicklung kann in diesem Sinne als Illustration blinder Variationseffekte gelesen werden.64 Ein hervorragendes Beispiel ist die überlieferte Absicht des Erfinders des Buchdrucks, eine „gottwohlgefälligere“ Form der Bibel zu ermöglichen. 65 Die Zufälligkeit der durch Technik ausgelösten Variationen im Institutionenpool der jeweiligen Population steht keineswegs im (logischen) Widerspruch zu der unbestreitbaren Beobachtung, dass die Technikentwicklung eine Richtung aufweist, die als „Fortschritt“ gedeutet werden kann. 66 Die Richtung dieser Entwicklung kann aber nicht kausal auf die an der Technik beteiligten Handlungsintentionen zurückgeführt werden. Sie ähnelt vielmehr eher der Richtung, die sich im Paarungsverhalten zweigeschlechtlicher Lebewesen durchsetzt: sie dient der Vermehrung bzw. Ausdehnung der jeweiligen Population. So wirkt Technisierung als Zufallsgenerator der soziokulturellen Evolution. Eine Richtung ist darin – jenseits der Intentionen einzelner Akteure – ebenso angelegt: auch sie dient der Vermehrung bzw. Ausdehnung der jeweiligen soziokulturellen Population. Biologische Populationen bestehen aus zusammenlebenden Individuen derselben Art mit demselben Gen-Pool. Ihr konstituierendes Merkmal ist die geographische Isolierung, auf grund deren der Gen-Pool den gleichen Umweltfaktoren ausgesetzt ist. Veränderungen im Genpool können entweder durch zufällige Mutationen über sehr lange Zeiträume oder durch Wanderung (also Überschreitung der geographischen Beschränkungen) und sexuelle Vermischung passieren. Kulturelle Populationen bestehen aus zusammenlebenden Individuen mit demselben Institutionen-Pool. Auch hier wirkt zunächst die geographische Isolierung konstituierend. Auch Veränderungen im Institutionenpool können durch zufällige Mutationen über sehr lange Zeiträume oder durch Wanderung (also Überschreitung der geographischen Beschränkungen) und sexuelle Vermischung passieren. Da die Wirkungen von Variation und Umweltselektion auf natürliche und kulturelle Populationen ähnlich (mit ähnlichem Tempo) verlaufen, ist es insoweit für lange Perioden der Evolution von Menschengesellschaften kaum möglich, natürliche und kulturelle Faktoren auseinanderzuhalten – obwohl die basalen Einheiten der Replikation, auf die die Mechanismen der soziokulturellen Evolution zurückwirken, von denen der natürlichen Evolution bereits grundverschieden sind. 67 Technisierung wirkt als Mechanismus der Zufallsvariation auf die institutionellen Strukturen des soziokulturellen Netzwerks der Kommunikation in ähnlicher Weise beschleunigend wie die Zweigeschlechtlichkeit in der Evolution der Organismen. In beiden Fällen kommt das

63 Auf Differenzierung als Folge des institutionellen Wettbewerbs wird im nächsten Abschnitt ausführlicher eingegangen. 64 „Es mag überraschen, daß in die Kategorie der Erfindungen, deren Zweck am Anfang keineswegs feststand, die meisten großen technischen Errungenschaften fallen, vom Flugzeug und Automobil über den Verbrennungsmotor und die elektrische Glühbirne bis hin zum Grammophon und Transistor.“ schreibt J. Diamond S. 291f 65 Beleg bei Giesecke, .... Weitere Beispiele für die Blindheit der Technik-Entwicklung in Aufsatz von Castells: Internet als Netzwerkgesellschaft - zB. die Auffassung des IBM -Chefs, dass niemand ein Interesse an Computern im Wohnzimmer haben könne u.ä. 66 Vgl. Popitz, 1995, zit. eingangs 67 Vgl.in diesem Sinne die historische Parallel-Rekonstruktion von genetischen und linguistischen Strukturen bei Cavalli-Sforza, 1999


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intentionale Verhalten der Individuen in ihrer sozialen Umwelt ins Spiel: bei der Sexualität das Wahlverhalten in Bezug auf attraktive Sexualpartner – bei der Technik das Wahlverhalten in Bezug auf die Reichweite des eigenen Handelns und Erlebens in der Konkurrenz mit Anderen. In der Beschreibung der Wirkungen von Technisierungen der Kommunikation auf den Institutionenpool soziokultureller Populationen ist zu berücksichtigen, dass dieser Variationsmechanismus nicht nur zufällig wirkt (wie Mutationen im Genom) sondern immer auch schon „pfadabhängig“ (i.S. der Bevorzugung bereits institutionalisierter Pfade der Technikentwicklung). Dies gilt aber in ähnlicher Weise auch für die genetischen Variation durch sexuelle Rekombination. 68 Deshalb ist festzuhalten, dass der evolutionäre Effekt von Technisierung sich unabhängig von allen Intentionen und insofern als Zufallsgenerator im Institutionenpool der Gesellschaft darstellt.

- Die Rückwirkung von Technik auf soziokulturelle Tradition Der Ursprung der soziokulturellen Evolution des Menschen muss in der Genese eines Mechanismus der symbolischen Tradierung gsehen werden, mit dem die Gattung homo sapiens sich auf der Ebene ihrer phänotypischen Entfaltung einen zweiten, soziokulturellen Replikationsmechanismus verschafft.69 Die Genese dieses Mechanismus ist jedoch im Dunkel der Vorgeschichte der Menschheit verborgen. Hier ist auch nicht allgemein von einem Ausgangspunkt der soziokulturellen Evolution die Rede, sondern vom historischen Ausgangspunkt der Tendenz zur Ausdehnung der Gesellschaft, in dem sich ihre eigenständige Entwicklung gegenüber der naturalen Evolution verfestigt. Der Ausgangspunkt der Verselbständigung der soziokulturellen Evolution – der Zeitpunkt, an dem die enorme Beschleunigung des Wandels im Binnenraum menschlicher Gesellschaften einsetzte – soll hier aus der Rückwirkung des Variationsmechanismus der Technisierung auf den grundlegenden Replikationsmechanismus der soziokulturellen Evolution erklärt werden. Das über lange Perioden der Menschheitsgeschichte mit der natürlichen Evolution (einschließlich Wanderung und sexueller Vermischung) gleich laufende Tempo der Produktion soziokultureller Variationen wird durch den Mechanismus der Technisierung in dem Moment beschleunigt, in dem die Technisierung nicht mehr nur den Gebrauch von Werkzeugen im Umgang mit der äußeren Natur sondern auch die symbolisch generalisierten Formen der Tradierung erfasst – durch Technisierung der Kommunikationsmittel. Der Take-off der soziokulturellen Evolution wird deshalb in vielen Ansätzen - auch ohne evolutionstheoretische Instrumentierung - mit dem Übergang von schriftlosen Stammesgesellschaften zu hochkulturellen Gesellschaften mit schriftlicher Tradierung angesetzt.70 Der springende Punkt, der aus Zufallsvariationen den Ausgangspunkt einer Sonderevolution soziokultureller Populationen macht, ist die Technisierung der Mittel der Tradierung. Durch die Erfindung von Schrift u.a. Speichertechniken der Kommunikation wird aus der bis dato mündlichen (Person-zu-Person) Überlieferung ein personunabhängig konstituiertes Instrument der soziokulturellen Entwicklung. Aus der oral-sprachlich-memetisch konstituierten Replikationseinheit wird eine „Vervielfältigungsmaschine“,71 die umwälzende Veränderungen auslöst.

68 Evtl. Hinweis auf E.P.Fischer, 2003, S.... der in seiner popularisierenden Darstellung der Darwinschen Theorie das weibliche Wahlverhalten (im Rahmen sexueller Selektion) als Einfallstor für die soziokulturelle Sonderevolution herausstellt, insbesondere hinsichtlich der Relevanz ästhetischer und fürsorglicher Kriterien bei der Entstehung des homo sapiens. 69 Dies wird als Lamarckismus der soziokulturellen Evolution bezeichnet, weil der Biologe Lamarck den Fehler machte, diesen vom Phänotyp ausgehenden Replikationsmechanismus auch auf die natürliche Evolution zu projizieren. 70 In Luhmanns Gesellschaftstheorie sind viele Hinweise auf die Auslösefunktion technischer Kommunikationsmittel für Variation zu finden, obwohl für Umbrüche der Gesellschaft letztlich keine evolutionstheoretische sondern eine strukturlogische Erklärung im Rekurs auf immanente Problemverarbeitungsgrenzen bestimmter Differenzierungsformen gegeben wird. 71 Dawkins spricht in diesem Zusammenhang - allerdings ohne theoretischen Bezug auf Technik - auch von einer „Replikationsbombe“. R.Dawkins, 1996b, S. 153ff


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Technisierungen der Kommunikation wie die Erfindung der Schrift nehmen eine Sonderstellung zwischen technischen und institutionellen Innovationen der Gesellschaft ein. Einerseits gilt auch hier, wie für alle Technik, dass sie nicht in jeder Population neu erfunden werden sondern übernommen, das heißt als Technik kopiert und für die eigenen Zwecke (die jeweiligen Umweltbedingungen) adaptiert werden kann. Andererseits gilt für Gesellschaften mit technisch erweitertem Gedächtnisspeicher, und insbesondere für die moderne Gesellschaft, mit ihren enorm ausgedehnten Netzwerken der Kommunikation, dass der Gebrauch erweiterter Elementartechniken der Kommunikation in jeder Generation neu gelehrt und gelernt werden muss.72

- Technisierung als Organisation der Gesellschaft In der bisher skizzierten Entfaltung der Ausdehnungsthese mit Bezug auf die Rückwirkung des Variationsmechanismus der soziokulturellen Evolution auf ihren Replikationsmechanismus ist eine Definition dessen, was unter Technisierung und Technik zu verstehen ist, weitgehend vermieden worden. Tatsächlich schwanken die einschlägigen techniksoziologischen (historischen und -philosophischen) Ansätze in dieser Hinsicht zwischen sehr engen (auf Apparatechnik beschränkten) und sehr weiten (auf die Gesellschaft ausgedehnten) Technikbegriffen, die je nach Erkenntniszweck ihre Berechtigung haben. 73 Für evolutionstheoretische Zwecke wird zweifellos eher ein weiter Technikbegriff gebraucht, der jedoch nicht so weit ausgelegt werden darf, dass er (wie bei Popitz) mit der Beschreibung der Gesellschaft zusammenfällt. Im Rahmen eines weiten Technikbegriffs wird unterschieden zwischen natürlichen und sozialen Objekten, auf die Prozesse der Technisierung sich beziehen. Gewöhnlich wird der technische Umgang mit der äußeren Natur – also Sammeln und Jagen oder Ackerbau und Viehzucht - als historisch primär betrachtet. Aus den auf diese Weise erzielten Wirkungen – etwa Nahrungsmittelüberschüsse, wachsende Bevölkerung – werden Rückwirkungen auf die Organisation der Gesellschaft abgeleitet. Der Begriff der Technik wird in dieser Perspektive zunächst durch die Beschreibung der Werkzeuge geklärt, die im Umgang mit der äußeren Natur gebraucht und in diesem Umgang mehr oder weniger zufällig entdeckt und weiterentwickelt werden. Es bedarf auch keines großen theoretischen Aufwandes, diese Entdeckungen und Entwicklungen auf die besonderen kognitiven Fähigkeiten74 , und ihre Verbreitung auf die besonderen kommunikativen Fähigkeiten von Menschen zurückzuführen. Die in dieser Perspektive gewonnenen Beschreibungen helfen jedoch nicht viel weiter, wenn man danach fragt, wie es zu der Technisierung der Kommunikationsmittel – zur Entstehung von Schrift – gekommen sein könnte. Es ist offenkundig, dass man zur Erfindung der Schrift nicht durch Beobachtungen im Umgang mit der Natur kommen konnte.75 In einer Darstellung von Damerow u.a. über die frühen kulturellen Entwicklungsstufen in Mesopotamien und Nachbargebieten wird argumentiert, daß sich bereits über vier Jahrtausende immer höhere Organisationsformen des Zusammenlebens entwickelt hatten, bis schließlich – aus der Sicht der Autoren als „geradezu zwangsläufige“ Folge dieses steigenden Organisationsgrades - am Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends die Schrift entstand. 76 Auch J. Diamond verweist auf die Länge des Entwicklungszeitraums und versucht die Erfindung der Schrift aus den Funktionen abzuleiten, die ihr in den frühen Hochkulturen zukamen.

72 Ich komme auf diesen Punkt im letzten Abschnitt unter dem Gesichtspunkt der Engpassfunktion des Replikationsmechanismus für die soziokulturelle Evolution zurück. 73 Ein enger (auch historisch verengter) Technikbegriff wird naheliegender Weise verteidigt im Kontext einer anwendungsbezogenen Techniksoziologie (Technikfolgenabschätzung) zB. von Rammert .... Bei weitgefasstem Technikbegriff zB. bei Popitz ist häufig zu beobachten, dass die Grenze zum Institutionenbegriff unscharf wird. 74 Vgl. die anthropologischen Hinweise auf Hirn-Auge-Hand-Koordination bei Popitz, 1995, S. 44-77 – ausführlicher dazu Leroi-Gourhan 1988. 75 Ein Argument von Diamond, 1999, S. 308. der annimmt, dass es sich hier um eine Entwicklung handelt, die an mehreren Orten gleichzeitig und unabhängigig voneinander zur Erfindung der Schrift führte 76 Damerow, Peter; Robert K. Englund und Hans J. Nissen, 1988


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„Die beschränkten Anwendungsbereiche und Anwenderkreise früher Schriften lassen ahnen, warum die Schrift in der menschlichen Evolution erst so spät auftauchte. Alle mit hoher oder gewis ser Wahrscheinlichkeit eigenständigen Erfindungen der Schrift (in Mesopotamien, Mexiko, China und Ägypten) sowie alle frühen Adaptationen jener Systeme (z.B. auf Kreta, im Iran, in der Türkei, im Industal und in der Maya-Region) waren eingebettet in Gesellschaften mit sozialer Schichtung und komplexen zentralistischen politischen Institutionen. ... Die ältesten Schriftsysteme waren ganz auf den Bedarf jener politischen Institutionen zugeschnitten (z.B. Buchhaltung, Lobpreisung des Herrschers), und die Schreiber waren hauptamtliche Bürokraten, die von Nahrungsüberschüssen mit ernährt wurden, die bäuerliche Untertanen erarbeiteten. Von Jäger-Sammler-Kulturen wurde die Schrift dagegen niemals entwickelt oder auch nur übernommen, da bei ihnen weder der institutionelle Bedarf noch die sozialen und landwirtschaftlichen Mechanismen zur Erzeugung von Nahrungsüberschüssen, deren es zum »Durchfüttern« von Schreibern bedurfte, vorhanden waren.“ 77

Wenn man das funktionalistische Argument in eine historisch-genetische Beschreibung übersetzt, dann müsste gezeigt werden können, wie die Technisierung der Kommunikationsmittel durch Selbstbeobachtung sozialer Organisation zustande gekommen ist. Analog zur Ableitung der Werkzeugtechnik aus der Beobachtung des Umgangs mit der äußeren Natur wäre also die Entstehung der Kommunikationsmitteltechnik aus der Beobachtung des Umgangs mit der sozialen Natur des Menschen – seiner kooperativen Praxis – abzuleiten. Zugleich ändert sich in dieser Perspektive aber auch der – zunächst am Umgang des Menschen mit der äußeren Natur gewonnene – Technikbegriff. Seine Anwendung auf soziale Objekte kann nicht mehr als Übergriff – als ein in normativer Hinsicht zurückzuweisender Herrschaftsbegriff 78 – sondern muß als ein konstitutives Moment der soziokulturellen Evolution interpretiert werden. Die Technisierung der Kommunikationsmittel entsteht aus der Beobachtung der Kommunikation und wirkt auf Diese zurück. Sie wirkt als ein Mittel zur Organisation der Gesellschaft:79 als Organisationsmittel nicht nur in dem beschränkten Sinne, in dem von technischen Mitteln Gebrauch zum Zwecke der Erreichung bestimmter Ziele gemacht wird sondern in dem unbeschränkten Sinne einer Erweiterung des kommunikativen Netzwerks der Gesellschaft. Einzelne Individuen, Gruppen und höher aggregierte Einheiten sind Teile dieser Organisation zweiter Ordnung. 80 Durch Technisierung der Kommunikationsmittel werden nicht nur größere Reichweiten der Kommunikation in räumlicher und zeitlicher Hinsicht erreicht, sondern Handlungs- und Erlebenskomponenten der Kommunikation aufgespalten und gegenüber den Handlungs- und Erlebenspotentialen der Individuen verselbständigt. Diese Komponenten der Kommunikation werden in veränderten Konstellationen rekombiniert, die eine andere Ebene der Kommunikation mit höher aggregierten Formen ermöglichen. Die für oral kommunizierende Gemeinschaften typischen Verlaufsmuster der Kommunikation – mit ihrem fließenden Wechsel zw ischen Alterund Ego-Rollen und der Nichttrennbarkeit von Handlungs- und Erlebenskomponenten – werden dadurch nicht aufgelöst, aber als Beschränkungen der Kommunikation durchbrochen und in einen soziokulturell erweiterten Kontext gestellt.81 Sie lassen sich als mit technischen Mitteln verselbständigte und symbolisch generalisierte Ego-Alter-Konstellationen der Kommunikation auf der Makroebene beschreiben. Das zu diesem Zweck verwendete Schema rekurriert auf vier

77 Diamond, 1999, S. 283f 78 S. die Argumentation in der Frankfurter Schule von der Dialektik der Aufklärung bis zum Strukturwandel der Öffentlichkeit. 79 In dem Sinne des programmatischen Titels von Jack Goody, 1986, The Logic of Writing and the Organization of Society, auf deutsch 1990. 80 Wenn hier i.S. der Organismus-Analogie der älteren Differenzierungstheorie von der Gesellschaft als Organisation gesprochen wird, dann ist damit natürlich nicht gemeint, dass die Gesellschaft insgesamt als eine formale, zweckrationale Organisation zu verstehen sei. Der Frage, warum die Verwendung der Organismus-Metapher im Begriff der Organisation heute nicht mehr auf die größte soziale Einheit sondern vorzugsweise auf Subeinheiten angewandt wird, die im Verhältnis zu einander eher eine segmentäre (also nicht organismus-ähnliche) Differenzierung aufweisen, kann hier nicht nachgegangen werden (vgl. Kieserling, 2003, S. 212-243). 81 Im letzten Abschnitt wird dieser Vorgang in umgekehrter Perspektive unter dem Aspekt der Engpassfunktion des Replikationsmechanismus der Tradierung i.S. einer Wiedereinbettung zu betrachten sein.


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rekursiv verknüpfte Komponenten der Kommunikation, die zunächst das normale Verlaufsmuster auf der Mikroebene umschreiben. 82 : Handeln

Erleben

Alter

Mitteilung ⇒

Information ⇓

Ego

⇑ Anschlusshandeln

⇐ Anschlussverstehen

Die entscheidende Wirkung von Technisierungsprozessen muss in der systematischen Dekomposition und Rekomposition von Bestandteilen der Kommunikation gesehen werden. Zwei Grundmuster technisch verselbständigter Formen der Kommunikation sind in diesem Kontext vorrangig zu beobachten (und in den folgenden Abschnitten ausführlicher zu behandeln): Zum Einen die technisierte Form der Teilnahme menschlicher Individuen an sozialen Einheiten der Kooperation (in der modernen Form als Zwecke rationalisierende Mitgliedschaftsorganisation) und zum Anderen die technisierte Form der Teilnahme menschlicher Individuen an kollektiven Identifikationsprozessen (in der modernen Form als Werte rationalisierende Öffentlichkeit). 83 Schon die Differenzierung dieser beiden Formen der Kommunikation, deren Anfänge bis in die frühhochkulturelle n Gesellschaften zurückverfolgt werden können, ist ein Produkt der Technisierung. Die Ego-Alter-Konstellationen dieser beiden Formen weisen in konträrer Weise asymmetrisierte Verteilungen der Handlungs- und Erlebenskomponenten auf: Alters Handeln Egos Handeln

Alters Erleben

Zweckorientierte Kooperation Wertorientierte Übereinstimmung

Egos Erleben ⇓

Organisation

Öffentlichkeit

In den Formen zweckorientierter Kooperation schließt Egos Handeln an Alters Handeln in einer Weise an, in der der Zugang zum eigenen Erleben i.S. von möglichen Motiven, die die Handlungskette unterbrechen könnten, durch technische Vorkehrungen ausgeschlossen ist. Solche Vorkehrungen lassen sich von den frühen Formen bürokratischer Herrschaftsverwaltung in den traditionellen Hochkulturen bis zu den funktional ausdifferenzierten Formen moderner Mitgliedschaftsorganisationen beobachten. In den Formen wertorientierter Übereinstimmung schließt Egos Erleben an Alters Erleben in einer Weise an, in der der Zugang zum eigenen Handeln i.S. von möglichen Wirkungen, die die Übereinstimmung des Erlebens stören könnten, durch technische Vorkehrungen ausgeschlossen ist. Solche Vorkehrungen lassen sich von den frühen Formen priesterlich-theokratischer Herrschaftslegitimation bis zu den funktional ausdifferenzierten Formen moderner (massenmedialer) Öffentlichkeit beobachten. Technisierung kann in dem skizzierten Sinne als das primäre Mittel einer evolutionären Strategie der Ausdehnung der Kommunikation beschrieben werden. Diese Strategie zielt auf Erfolg in einer gegebenen natürlichen und kulturellen Umwelt durch Abkoppelung von störenden Einflüssen dieser Umwelt. Da jedoch die in dieser Strategie vorausgesetzten Umweltbedingungen sich ändern können – und dies unter soziokulturellen Umständen sogar in 82

Das hier verwendete Schema stellt eine Variante des Kommunikationsbegriffs der Luhmannschen Systemtheorie dar, in der die Einheit der Kommunikation aus der rekursiven Verknüpfung von Information, Mitteilung und Verstehen abgeleitet wird. Ebenso wie Information und Mitteilung sind auch Verstehen und Anschlusshandeln nur analytisch unterscheidbare Komponenten. Aufgrund seiner systemtheoretisch-konstruktivistischen Prämissen wird die vierte Komponente von Luhmann aus dem Begriff der Kommunikation ausgeklammert. Vgl. Luhmann 1997 .... 83 Auf die umfängliche Diskussion über Max Webers Unterscheidung von Zweck- und Wertrationalität kann hier nur verwiesen werden. Viele Aspekte dieser Diskussion sind für den hier verfolgten Ansatz nicht relevant. Der eingeschränkte Sinn dieser Unterscheidung geht aus den folgenden Ausführungen hervor.


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verstärktem Maße – handelt es sich zugleich um eine riskante Strategie, deren Erfolg jederzeit hinfällig werden kann. Dies gilt auch – und vielleicht sogar in höherem (katastrophenträchtigeren) Maße – für die auf Objekte der äußeren Natur gerichtete Technik. Auch sie ist von Anfang an bestimmt von der sozialen Organisation menschlicher Populationen und verändert sich in diesem kulturellen Kontext.84 Anstelle von Zufallsentwicklungen in der Interaktion mit der äußeren Natur oder anderen Menschen tritt mit der Verfügbarkeit technisch erweiterter Kommunikationsmittel zunehmend methodisch kontrollierte Beobachtung und gedächtnisgestützte Reflexion. Am (vorläufigen) Ende dieser Entwicklung werden die Werkzeuge der Naturbearbeitung in funktional verselbständigten Prozessen der wissenschaftlichen Kommunikation zu künstlichen Organismen entwickelt und dann erst für praktische Zwecke „freigesetzt“. Diese Veränderung, die unser heutiges Verständnis von Technik bestimmt, konnte jedoch erst auf der Grundlage der Verallgemeinerung der Schriftkultur – durch Buchdruck und Schulorganisation – in der modernen Gesellschaft stattfinden. Man wird kaum behaupten können, dass Menschen generell ein Interesse daran haben, in großen sozialen Einheiten zu leben. Allerdings lässt sich zeigen, dass Menschen (und insbesondere organisierte Gruppen von Menschen) ein Interesse daran haben, die Reichweite ihrer Handlungen (räumlich und zeitlich) zu steigern. Bereits auf der Mikroebene kann beobachtet werden, wie eine räumliche und zeitliche Ausdehnung der Sozialität mit technischen Kommunikationsmitteln passiert. Dies ist immer dann der Fall, wenn Akteure in einer gegebenen Umwelt um knappe Ressourcen konkurrieren. Es gibt demnach ein durch Wettbewerbssituationen begründetes Interesse an Technik. Die Bildung großer sozialer Einheiten kann insoweit als ein unbeabsichtigter Nebeneffekt der Handlungsentscheidungen konkurrierender Individuen erklärt werden.85 Technisierung bewirkt zunächst nur Variationen im kommunikativen Netzerk der Gesellschaft, die die soziokulturelle Umwelt zu Anpassungsoder Abstoßungsreaktionen zwingt. Durch rekursive Verknüpfung des Variationsmechanismus der Technisierung mit dem soziokulturellen Mechanismus der Replikation entsteht ein neuer Typ von ReplikatorMolekülen – die schriftliche Überlieferung von Institutionen. Damit ist allerdings zunächst nur die technische Möglichkeit der Expansion genotypischer Einheiten zu erklären, nicht ihre tatsächliche Verbreitung und die entsprechende Ausdehnung der Gesellschaft. Ihre wirkliche Ausdehnung setzt die Bewährung der genotypischen Einheiten vermittels phänotypischen Einheiten unter Bedingungen der Umweltselektion voraus. Die technische Replikationsmaschine mag noch so schnell funktionieren: die Replikationsmoleküle der soziokulturellen Evolution können sich nicht einzeln sondern nur in organisierter Form reproduzieren und verbreiten. Sie müssen sich in phänotypisch aggregierten Formen der Kommunikation gewissermaßen einnisten, um unter gegebenen Umweltbedingungen zu überleben.

3. Wettbewerb als Mechanismus der Selektion und Generalisierung In Abgrenzung zu den materiellen, raum-zeitlichen Bezügen im Begriff der Globalisierung ist in soziologischen Theorie -Beiträgen herausgestellt worden, dass der Begriff der Weltgesellschaft 84 Die Annahme eines historischen Primats der auf Objekte der äußeren Natur gerichteten Form der Technisierung wäre also i.S.. einer Wechselwirkung zu korrigieren. Das muß hier aber wohl nicht betont werden. 85 Menschliche Interessen können die Dynamik, nicht jedoch die Richtung soziokultureller Veränderungen erklären. Methodologisch individualistische Theorieansätze in den Sozialwissenschaften behaupten, sie stimmten mit der Darwinschen Evolutionstheorie überein, wenn sie von einer „Grundregel der Selektion des Handelns“ sprechen und damit die evolutionäre Selektivität in die Operationen lebender Individuen verlegen. (Esser, ...) Es würde jedoch besser zur Darwinschen Theorie passen, wenn die Operationen lebender Individuen als Mechanismen der Variation (und eben nicht der Selektion) betrachtet würden (auf biologischer Ebene zB. das Balzverhalten des Pfaus als Mittel der genetischen Variation). Ich betrachte Interessen – im Folgenden dann insbesondere das Interesse von Menschen an der Steigerung der Reichweite ihrer Beiträge zur Kommunikation mit technischen Mitteln – im Blick auf die Evolution soziokultureller Institutionen als kausale Ursachen (Antriebskräfte) von Prozessen der Variation und nicht der Selektion. –


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eine symbolische Dimension aufweist, die gewissermaßen auch schon auf viele ältere Formen der menschlichen Sozialität zutrifft.86 Als nicht überschreitbarer Sinnhorizont des jeweiligen Sozialsystems, im Sinne einer kosmologischen Ordnungsvorstellung, wäre demnach jede menschliche Gesellschaft schon Weltgesellschaft – nicht erst die Moderne mit ihren verdichteten Kommunikationsnetzen und ihrer Geschichte der Kolonisierung, sondern bereits Stammesgesellschaften und traditionelle Hochkulturen, die sich ja häufig selbst als Mittelpunkt der Welt bezeichnet haben. Eine solche retrospektive Ausdehnung des Konzepts der Weltgesellschaft muss dann allerdings auch die Mechanismen der Abgrenzung von Andersartigen, die Differenzierungen von Innenwelt und Außenwelt, in sich aufnehmen, die zum Kulturerbe der Menschheit gehören. 87 Als entscheidende Differenz zwischen solchen tradierten kosmologischen Konzepten von Gesellschaft und der modernen Weltgesellschaft erscheint dann der Umstand, dass in der Moderne keine andere Gesellschaft mehr zu entdecken ist, die in diesem Konzept noch als soziale Umwelt zu betrachten wäre. Hier fällt die Außengrenze der Gesellschaft mit den Grenzen der Kommunikation zusammen. Dies entspricht dem Gesellschaftsbegriff Luhmanns, der für die moderne Gesellschaft von der „Vollrealisation einer Weltgesellschaft“ ausgeht. 88 Die Frage, welche evolutionären Mechanismen diese Ausdehnung bewirkt haben könnten, wird dabei jedoch nur pauschal behandelt: „Eine weitere Annahme, für die wir empirische Evidenz in Anspruch nehmen, lautet, daß im Laufe der Evolution die auf dem Erdball zu findende Biomasse und ebenso, seitdem es Sprache gibt, die Menge der kommunikativen Ereignisse zugenommen hat. Dies ist zunächst eine rein quantitative und insofern leicht verifizierbare Feststellung. Will man den Befund erklären, führt das zu der Annahme, daß Mengensteigerungen dieser Art nur durch Differenzierungen möglich sind. ... Hinter der Annahme eines quantitativen Wachstums steht also die Voraussetzung 89 struktureller Differenzierungen nichtbeliebiger Art.“

Mit dieser Formulierung schließt Luhmann einerseits an evolutionstheoretische Bezüge der älteren Differenzierungstheorie an. Er schließt damit aber zugleich auch die in dieser Theorietradition enthaltenen Bezug auf Mechanismen der Umwelselektion aus seiner Betrachtung aus.90 Seine Fomulierung lenkt die Betrachtung von der Annahme eines quantitativen Wachstum soziokultureller Populationen sogleich um auf die dahinter stehende Voraussetzung struktureller Differenzierung. Im Vordergrund steht damit die strukturelle Verarbeitungskapazität soziokultureller Systeme, ihre Stabilität, und nicht mehr die dynamische Seite des Phänomens. In diesem Abschnitt soll die Ausdehnungsthese unter bezug auf den soziokulturellen Mechanismus der Selektion spezifiziert werden. Wettbewerb wird als ein Mechanismus beschrie ben, der nicht nur zur Ausdehnung der Gesellschaft sondern auch zur symbolischen Generalisierung i.S. einer Angleichung ihrer institutionellen Strukturen beiträgt. Die Existenz und Stabilität großer Sozialsysteme muss in evolutionstheoretischer Perspektive aus ihrer Funktion für den Reproduktionserfolg der Population in ihrer ökologischen Nische 86 Vgl. Luhmann, 1975, S. 64ff vgl. Stichweh u.a. 1999 87 Im Sinne des Eingangszitats aus dem Roman Solaris wird im Folgenden auch die aggressive Seite der Ausdehnungstendenz mit Konflikten im Inneren, Kriegen im Außenverhältnis staatlich organisierter Gesellschaften herausgestellt. Luhmanns auf die moderne Gesellschaft bezogene Diagnose: „Faktisch sind die universelle Kommunikationsmöglichkeit und, mit periodischen und regionalen Ausnahmen, der universelle Weltfriede hergestellt“. (Luhmann, 1972, S.333) würde heute wohl kaum wiederholt werden. 88 Vgl. Luhmann 1997, S. 806. - Luhmanns Gesellschaftstheorie stellt auf das Prinzip der kommunikativen Erreichbarkeit mit technisch erweiterten Kommunikationsmitteln ab und ist insofern mit der evolutionstheoretischen Betrachtungsweise von Gesellschaften als isolierten Populationen gut vereinbar. Die Behauptung einer strengen Zäsur zwischen moderner Weltgesellschaft und vormodernen Gesellschaften im Sinne einer unverbundenen Pluralität von Gesellschaften wirft jedoch viele methodologische Fragen auf. (Wie ist der Schwellenwert zu bestimmen, ab dem von kommunikativer Erreichbarkeit und nicht mehr von kulturell isolierten Populationen gesprochen werden kann?) Firsching weist zu Recht darauf hin, dass sich Luhmanns systemtheoretische Prämisse, wonach es keine Kommunikation außerhalb der Grenzen der Gesellschaft geben kann, für ältere Sozialformen nicht durchhalten lässt (Firsching, 1998). In den folgenden Ausführungen wird darüberhinaus in Frage gestellt, dass für die moderne Gesellschaft bereits von der realen Konstitution einer Weltgesellschaft i.S. einer nur noch nach Innen – also funktional – differenzierten Gesellschaft die Rede sein kann. 89 Luhmann 1997, S. 416 90 Vgl. Spencer, Simmel, Max Weber u.a., zu Konkurrenz und Wettbewerb - s. zusammenfassend den ideengeschichtlicgen Lexikon-Artikel von Rammstedt 1976


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erklärt werden. In einer funktionalistischen Analogie zur soziobiologischen These von der Selbstausbreitungstendenz der Gene 91 könnte man von einer Tendenz der Institutionen sprechen, die sich der Technik und Organisation zu ihrer eigenen Ausbreitung bedient. Unter dieser Prämisse müsste dann allerdings auch erklärt werden, wie es zu dem auffälligen Tendenz zur Bevorzugung abstrakt-universeller Institutionengebilde m i Gefolge der Ausdehnung sozialer Systeme kommt. Die Erklärung für diesen Wandel kann nicht in der Eigendynmik der Instititutionen, sondern muß in Umweltselektionen gesucht werden. Sie verweist auf Selbstverstärkungsprozesse der soziokulturellen Evolution, die zur selektiven Bevorzugung allgemeiner und dekontextualisierter Institutionen (i.S. funktionaler Differenzierung) geführt haben, die unter den Bedingungen der Ausdehnung soziokultureller Einheiten zu sehr verschiedenen Umweltbedingungen passen.

- Natürliche und kulturelle Umweltselektion Die meisten Einwände gegen die Anwendung von Evolutionstheorie auf die soziokulturellen Verhältnisse des Menschen beziehen sich auf die Beschreibung von Mechanismen für die evolutionäre Funktion der Selektion 92 und haben damit zu tun, dass nicht sorgfältig unterschieden wird zwischen natürlicher und kultureller Umwelt. Natürlich ist es nicht damit getan, zu behaupten, dass kulturelle Selektion etwas ganz Anderes sei, das sich eben durch seine Wertmaßstäbe von natürlic her Selektion unterscheide. Das Problem liegt darin, in der Beschreibung der Selektionsmechanismen nicht nur den Unterschied zwischen natürlicher und kultureller Umwelt sondern auch ihre Einheit zu berücksichtigen, also den Umstand, dass die soziokulturelle Evolution sich in den Formen ihres Prozessierens nur soweit verselbständigen kann, wie es die Ressourcen der natürlichen Evolution erlauben. 93 In der soziokulturellen wie in der natürlichen Evolution kommen kooperative und kompetitive Strategien gleichze itig vor. Es gibt keinen natürlichen Primat von Wettbewerb vor Organisation oder umgekehrt. Innerhalb von artgleichen Populationen hängt das Überwiegen kooperativer oder kompetitiver Strategien von den jeweiligen Umweltbedingungen ab. 94 Allerdings sind lebende Organismen und kulturelle Organisationen, deren Angepasstheit ihrer Existenz in gewisser Weise ja schon vorausgesetzt ist95 , durch das Überwiegen kooperativer Strategien im Inneren gekennzeichnet. Soziokulturelle Evolution kann aus biologischer Perspektive als ein Extremfall von Gruppenselektion betrachtet werden.96 Insofern kommt Strategien der (Sicherstellung von) Kooperation für die Beschreibung soziokultureller Einheiten doch ein Primat zu. Wettbewerb ist insofern ein Phänomen, das von soziokulturell organisierten Einheiten (für ihren Binnenraum) zugelassen, also zugleich ermöglicht und institutionell 91 S. Dawkins, 1996a 92 Die meisten dieser Einwände sind allerdings nicht wissenschaftlich sondern politisch begründet. Sie beziehen sich auf den legitimationsideologischen Mißbrauch der Darwinschen Theorie für eine vermeintlich auf biologische Erkenntnisse gestützte Politik. Zur Widerlegung dieser Annahmen in der Evolutionsbiologie selbst s. Cavalli-Sforza, 1999 93 Bei der empirischen Bestimmung des Spielraums der soziokulturellen Evolution handelt es sich bekanntlich um ein umstrittenes Forschungsfeld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (s. z.B. die von Gehirnforschern angezettelte Debatte über den freien Willen). Für die hier verfolgten Zwecke kommt es nur darauf an, keine enge Annahmen über den Spielraum der soziokulturellen Evolution zu machen, die natürlichen Gegebenheiten aber auch nicht zu ignorieren. 94 Zu Kooperation und Konkurrenz in der natürlichen Evolution s. Ausf. bei Wieser, 1998, wg. seiner Betonung der ökologischen Aspekte, des Organismus als evolutionärer Errungenschaft für eine revidierte Fassung der Organismus-Analogie. Das Gehirn als „autonomer Partner und Konkurrent des Genoms“ – s. auch die „major Transitions in Evolution“ bei Maynard Smith und Szathmary 1995 i.S. einer Hierarchie der phänotypischen Einheiten, die zum Angriffspunkt der Selektion werden können. – Wuketits spricht vom „Expansionswettbewerb“ als einem „Wettbewerb, der zu einer größeren Ausdehnung einer Gruppe führt“ Wuketist, S. 195 95 Auf dieser Voraussetzung – die aber zeitlich immer nur beschränkte Geltung beanspruchen kann - basiert die Ausklammerung natürlicher Umweltselektion in der Luhmannschen Evolutionstheorie. Am Beispiel von Märkten spricht Luhmann von der „inneren Umwelt“ der Wirtschaft, der dann aber keine äußere Umwelt entspricht. 96 Die Frage, ob und inwieweit die natürliche Selektion auch bei phänotypisch höher aggregierten Einheiten als den individuellen Organismen ansetzen kann, ist innerhalb der Evolutionsbiologie umstritten. Der ökologisch orientierte mainstream der Neodarwinisten bejaht dies unter bestimmten Voraussetzungen. Vgl. E. Mayr, The objects of selection, Proc. Natl. Acad. Sci. USA Vol. 94, pp. 2091–2094, March 1997 - Ich komme im nächsten Abschnitt auf natürliche und kulturelle Voraussetzungen der Gruppenselektion zurück.


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beschränkt wird. Dieses Phänomen ist strikt zu unterscheiden von dem ungeregelten Konkurrenzkampf, der in der Evolutionsbiologie beschrieben wird und eine natürliche Bedingung der soziokulturellen Evolution bildet.97 Wie sehr auch immer die soziokulturell evoluierten Einheiten sich im Inneren durch Organisation von der natürlichen Umwelt unterscheiden: ihre jeweils größte soziale Einheit – auch eine global zur „Weltgesellschaft“ ausgedehnte Population – bleibt dem Druck der natürlichen Umweltselektion ausgesetzt.98 Wenn hier Wettbewerb als Selektionsmechanismus innerhalb der soziokulturelle Evolution bezeichnet wird, dann handelt es sich um einen Mechanismus , der gesellschaftliche Organisation schon voraussetzt und der nach kulturellen Maßstäben funktioniert, die im kommunikativen Netzwerk der jeweiligen Population implementiert sind. Für die in den vorhergehenden Abschnitten skizzierte Tendenz zur Ausdehnung der Gesellschaft kommt dem soziokulturellen Mechanismus des Wettbewerbs eine entscheidende Bedeutung zu. Erst die Konkurrenz um dieselben Ressourcen in einer gegebenen Umwelt macht Technik zu einem Angebot, das man nicht ablehnen kann. Technische Innovationen können die natürlichen und sozialen Umweltbedingungen in einer Weise verändern, die (für Erstnutzer) Vorteile im Wettbewerb darstellen. Insbesondere technisch erweiterte Kommunikationsmittel sind für konkurrierende Akteure Angebote, die sie kaum ablehnen können. Von diesem Umstand kann zunächst eine starke Rückwirkung des Wettbewerbs als Selektionsmechanismus auf den Variationsmechanismus der soziokulturellen Evolution i.S. der Bevorzugung von Innovationsbereitschaft und (in der Moderne dann organisierter Förderung) technischer Innovationen abgeleitet werden. In der Ausführung der Ausdehnungsthese wurde Gesellschaft zunächst weitgehend gleichgesetzt mit einem Netzwerk der Kommunikation, dessen Reichweite und Komplexität durch technisch erweiterte Kommunikationsmittel gesteigert werden kann. Diese Definition muß nun expliziert und im Hinblick auf weitere historische Voraussetzungen spezifiziert werden. Es handelt sich bei dem der Ausdehnungsthese zugrundeliegenden Gesellschaftsbegriff um eine Anleihe bei der Luhmannschen Systemtheorie, in der Gesellschaft über den Begriff der kommunikativen Erreichbarkeit definiert wird. 99 Diese Definition weist für eine Theorie der soziokulturellen Evolution mindestens zwei Vorzüge auf. Sie ist erstens kompatibel mit einer populationsökologischen Argumentation, weil der entscheidende Bezugspunkt für kommunikative Erreichbarkeit der Bezug einer Gruppe von Individuen derselben Art auf eine gemeinsame Umwelt ist, die zugleich die Grenze der Population bildet. Sie weist zweitens den Vorzug auf, durch den Bezug auf technisch erweiterte Kommunikationsmittel ein erhebliches Variationsmoment in die Definition der Umweltbedingungen einzubringen. 100

97 In dieser Weise hatte bereits Max Weber unterschieden und sich von biologisch-deterministischen Ansichten seiner Zeit distanziert. Die diesbezüglichen Formulierungen von Weber in § 8 der soziologischen Grundbegriffe erscheinen aus heutiger Sicht jedoch als für den mainstream der Soziologie untypische Berücksichtigung biologischer Bedingungen: „Nur wo wirklich Konkurrenz stattfindet, wollen wir von »Kampf« sprechen. Nur im Sinn von »Auslese« ist der Kampf tatsächlich, nach aller bisherigen Erfahrung, und nur im Sinn von biologischer Auslese ist er prinzipiell unausschaltbar. »Ewig« ist die Auslese deshalb, weil sich kein Mittel ersinnen läßt, sie völlig auszuschalten. Eine pazifistische Ordnung strengster Observanz kann immer nur Kampfmittel, Kampfobjekte und Kampfrichtung im Sinn der Ausschaltung bestimmter von ihnen regeln. Das bedeutet: daß andere Kampfmittel zum Siege in der (offenen) Konkurrenz oder – wenn man sich (was nur utopistisch-theoretisch möglich wäre) auch diese beseitigt denkt – dann immer noch in der (latenten) Auslese um Lebens- und Ueberlebenschancen führen und diejenigen begünstigen, denen sie, gleichviel ob als Erbgut oder Erziehungsprodukt, zur Verfügung stehen. Die soziale Auslese bildet empirisch, die biologische prinzipiell, die Schranke der Ausschaltung des Kampfes. .... Zu scheiden von dem Kampf der Einzelnen um Lebens- und Ueberlebenschancen ist natürlich »Kampf« und »Auslese« sozialer Beziehungen.“ Max Weber, 1972, S. .... 98 Auch gesellschaftstheoretische Konstruktivisten müssen sich umstellen, wenn die Ölreserven zuende gehen. 99 Vgl. Luhmann, 1997, Kap. 1 - s. insbes. Abschnitt X Die Weltgesellschaft 100 Populationsökologische Argumentation verwendet Luhmann nicht explizit, zitiert aber entsprechende Ausführungen von Hannan und Freeman zur Organisationstheorie. Der Bezug auf technisch erweiterte Kommunikationsmittel spielt eine erhebliche Rolle in Luhmanns Evolutionstheorie, obwohl nicht explizit mit dem Variationsmechanismus verknüpft.


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Der Umweltbezug des Gesellschaftsbegriffs ist im doppelten Sinne konstitutiv für die Beschreibung phänotypischer Einheiten der soziokulturellen Evolution: Die Individuen selbst beziehen die Ressourcen zu ihrem eigenen Überleben aus ihrer Umwelt und konkurrieren insofern gegeneinander innerhalb derselben ökologischen Nische – dies ist der Ansatzpunkt für Phänomene der Individualselektion. Zugleich definiert diese gegebene Umwelt aber auch die Bedingungen, die für eine arbeitsteilig-kooperative Lösung kollektiver Überlebensprobleme zur Verfügung stehen – also die Ansatzpunkte für soziokulturell erweiterte Phänomene der Gruppen- bzw. Institutionen-Selektion (Institutionenwettbewerb). Vorhochkulturell wird diese Abgrenzung hauptsächlich durch die natürliche Umwelt i.S. von Isolierung/Insulierung geleistet. Auch in traditionell-hochkulturellen Gesellschaften wirken räumlich-geographische Beschränkungen in diesem Sinne noch beschränkend, aber hier werden die natürlichen Beschränkungen zum ersten Mal symbolisch überschrieben, gewissermaßen institutionell zweitcodiert und dadurch zugleich befestigt und überschreitbar. Daher kann schon für diese Gesellschaften nicht mehr von kommunikativer Unerreichbarkeit in einem materiellen Sinne gesprochen werden.101 In modernen Gesellschaften wird der Schwellenwert kommunikativer Unerreichbarkeit mit umwälzenden Folgen herabgesetzt durch Buchdruck und Massenmedien. Gegenwärtig erleben wir eine erneute Herabsetzung dieser Schwellen, in der die Grenzen der segmentären Differenzierung der modernen Gesellschaft in Nationalstaaten – wiederum auf der Grundlage neuer Kommunikationsmittel - durch Tendenzen der Ausdifferenzierung einer globalen soziokulturellen Population in Frage gestellt werden. Wie ist nun vor diesem Hintergrund die – im Prinzip aus der Wirtschaftstheorie bekannte 102 – These zu verstehen, dass Wettbewerb zu einer Angleichung institutioneller Strukturen innerhalb einer soziokulturellen Population führt? Die gängige Meinung über Wettbewerb behauptet ja eher das Gegenteil und sieht als wesentliches Ergebnis zunehmende soziale Ungleichheit. Die Annahme einer symbolischen Generalisierung institutioneller Strukturen durch Umweltselektion (und damit auch Angleichung der innergesellschaftlichen Lebensbedingungen) ist mit der Annahme zunehmender sozialer Ungleichheit im evolutionstheoretischen Modell durchaus vereinbar. Dafür müssen allerdings die historischen Voraussetzungen der kulturellen Organisation – wenigstens in groben Umrissen i.S. der Funktionen des Staates in frühen Hochkulturen und in der modernen Gesellschaft – spezifiziert werden. Vorauszusetzen ist in diesem Erklärungsmodell zunächst, dass individuelle und kollektive Akteure technisch erweiterte Kommunikations- und Verkehrsmittel benutzen, um ihre Erfolgschancen gegenüber konkurrierenden Akteuren in einer gegebenen Umwelt zu verbessern. Auf diese Weise findet – soweit die Akteure nicht durch natürliche oder kulturelle Beschränkungen gehindert werden – eine Ausdehnung der ökologischen Nische statt, innnerhalb derer diese Konkurrenz stattfindet – bis zur (vorläufig) größten denkbaren Ausdehnung: der globalen Weltgesellschaft. Institutionen, die sich in einer so ausgedehnten – praktisch äußerst vielfältigen und wechselhaften - Umwelt dauerhaft als passend erweisen sollen, müssen eine sehr allgemeine, universalistische Orientierung aufweisen. Daraus folgt zugleich, dass nur diejenigen Akteure in der Konkurrenz erfolgreich sein können, die sich zugleich als phänotypische Träger von Institutionengebilden erweisen, die zu der ausgedehnten Umwelt passen. An die Stelle kosmologischer treten kosmopolitische Ordnungsvorstellungen. Die Annahme einer vollständigen Ausdehnung – ohne raum-zeitliche Beschränkungen – ersetzt die Annahme einer vollständigen (durch keine materiellen oder kulturellen Mobilitätsbeschränkungen behinderten) Konkurrenz im ökonomischen Modell. Sie enthält jedoch kein zwingendes Argument für die tatsächliche Durchsetzung symbolisch generalisierter, 101 Vgl. den Einwand von Firsching (1998) gegen den auf kommunikative Erreichbarkeit gestützten Gesellschaftsbegriff Luhmanns, Vgl. auch die hier eingangs im Anschluß an Cavalli-Sforza, 1999, erwähnte Besiedlung des Planeten durch Wanderungsbewegungen, die ja auch schon eine Form der Kommunikation darstellen. 102 Diese Angleichungsthese ist zunächst in wirtschaftswissenschaftlichen Modellen und mit Bezug auf Märkte entwickelt worden. J. Berger hat kürzlich eine entsprechende Argumentation unter Berufung auf zentrale Theoreme der ökonomischen Theorietradition noch einmal vorgeführt. Mit evolutionstheoretischen Mittel kann man zu demselben Ergebnis kommen. Allerdings sind evolutionstheoretische Ansätze auch gezwungen, den historisch kontingenten Umstand zu berücksichtigen, dass staatliche Organisation und Beschränkungen der Konkurrenz schon vorausgesetzt sind, wenn innerhalb soziokultureller Einheiten von Wettbewerb die Rede ist. Vgl. Berger u.a. 2003


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tendenziell universalistischer Strukturen in der Weltgesellschaft. Die Wirklichkeit menschlichen Lebens auf dem Planeten weist nicht nur die auffällige Tendenz zur Bildung immer größerer soziokultureller Einheiten sondern vielfältige Gegentendendenzen auf. Das hier skizzierte Modell kann jedoch klarmachen, dass der Fortbestand ungleicher Lebensverhältnisse und partikularistischer Instititutionengebilde nic ht im Mechanismus des Wettbewerbs sondern in seinen Voraussetzungen zu suchen ist. Strategien des Wettbewerbs und der Koooperation verhalten sich komplementär zueinander. In evolutionstheoretischer Perspektive ist davon auszugehen, dass sich auf der Ebene von Populationen niemals die eine Strategie vollständig auf Kosten der Anderen durchsetzen kann. Auch dort, wo die Formen der Konkurrenz in einem soziokulturellen Organismus eingehegt (staatlich reguliert und befriedet) sind, bleibt ja die Abhängigkeit des Reproduktionsprozesses von natürlichen Umweltressourcen erhalten. Deshalb können bei steigender Nachfrage oder sinkender Verfügbarkeit der Ressourcen die Mechanismen natürlicher Umweltsele ktion auf die innergesellschaftlichen Verhältnisse durchschlagen. Aus dieser Rückwirkung natürlicher auf soziokulturelle Umweltbedingungen folgt aber nicht zwangsläufig ein Kampf Aller gegen Alle (im Sinne von Hobbes) sondern zunächst die Suche nach Institutionengebilden, die zu den veränderten Umweltbedingungen passen. Je größer die Vielfalt konkurrierender Akteure mit einer gemeinsamen Umwelt, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine passende Lösung im Institutionenpool gefunden werden kann. Nur wenn im Institutionenwettbewerb keine Lösung für die Reorganisation der Gesellschaft gefunden wird, droht der Rückfall in archaische Formen des Konkurrenzkampfs unter einzelnen Gruppen und Individuen einer Population. Es gibt keinen Wettbewerb ohne Organisation i.S. eines staatlich pazifizierten Raums, der ihn ermöglicht. Andererseits steht hinter dem staatlich regulierten Wettbewerb die „nackte“ (ungeregelte) Konkurrenz der Regulatoren – und zwar nicht nur in dem Sinne eines friedlichen Institutionenwettbewerbs (die ja einen globalen Regulator voraussetzen würde) sondern auch in dem Sinne des Kampfes um die entsprechenden Ressourcen in der ökologischen Nische auf dem Planeten.103

- Organisation, Wettbewerb und soziokulturelle Differenzierung 104

Zur Rekonstruktion der Vorgeschichte soziokultureller Evolution im engeren Sinne (in dem hie r skizzierten Sinne ihrer Verselbständigung und Beschleunigung) lassen sich grob drei Formen der Ausbreitung soziokultureller Populationen unterscheiden: demische Wanderung, militärische Expansion und schließlich kulturelle Weitergabe. Alle drei Formen sind bekanntlich auch gegenwärtig noch zu beobachten. Demische Migration ist zunächst die typische Form der Ausbreitung von Stammesgesellschaften. Auf dieser Grundlage sind bereits vor mehr als 10.000 Jahren alle heute besiedelten Gebiete des Planeten besiedelt worden. 105 Als entscheidende Ursache der Wanderung wird das Knappwerden der Nahrungsmittel auf der Grundlage extensiven Reproduktion durch Jagen und Sammeln angenommen. Nahrungsmittelknappheit kann aber auch sekundär durch ein überproportionales Bevölkerungswachstum auf der Grundlage von Landwirtschaft und Viehzucht zum Auslöser von Migration werden. Die Folge dieser natürlichen Beschränkungen ist die Bildung neuer sozialer Einheiten unter anderen Umweltbedingungen – also segmentäre Differenzierung.

103 In eben diesem Sinne (eines Wettbewerbs jenseits staatlich pazifizierter Binneräume) war Krieg stets die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. 104 Hinweis auf den europäischen Staatsbildungsprozess bei Norbert Elias, ... – vgl. Mennell 361f „The European state-formation process, to the understanding of which Elias (1939, Vol. II) insightfully contributed in his discussion of such component processes as the 'elimination contest' between competing territorial magnates, the 'monopoly mechanism', the 'royal mechanism', and the transformation of private into public monopolies, is only one small and relatively local instance of the overall trend in world history towards bigger survival units incorporating more people and more territory.” 105 Vgl. Carvalli-Sforza, 1999, ….


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Militärische Expansion ist zunächst die typische Form des Zusammenstossens später Jäger- und Sammler-Gesellschaften, die über eine überlegene Waffentechnik und Organisation verfügen, mit frühen Ackerbau- und Viehzucht-Gesellschaften, die aufgrund ihrer intensiven Nahrungsmittelproduktion reich, sesshaft und relativ wehrlos sind. 106 Aus diesem Zusammenstoß können die Anfänge stratifikatorischer Differenzierung erklärt werden. Die Eroberer werden zur Oberschicht eines neuen Gesellschaftstyps. Segmentäre Differenzierung kann als materielle Lösung des Problems der materiellen Ressourcenknappheit erklärt werden. Durch die Teilung und Abwanderung einer Population entsteht kein neuer Gesellschaftstyp sondern immer nur Derselbe unter veränderten Bedingungen. Unterschiede der Populationen lassen sich auf dieser Grundlage allein aus der raum-zeitlichen Isolierung der Populationen voneinander erklären. Stratifikatorische Differenzierung kann dagegen bereits als materielle Antwort auf ein symbolisches Ressourcenproblem – nämlich die Integration großer (durch Agrartechnik gewachsener) sozialer Einheiten betrachtet werden. Hier ist schon eine durch Instititionen konstitituierte Umwelt ausschlaggebend, und das Problem besteht darin, die größeren sozialen Einheiten mit den gattungsgeschichtlich ererbten Mitteln (der Verwandtschaftsselektion, Reziprozität und Sanktionierung) zusammenzuhalten. 107 Zumeist wird stratifikatorische Differenzierung deshalb von einer abgeschwächten Form der räumlichen Differenzierung zwischen Zentrum und Peripherie begleitet. Die militärisch-technischen Mittel der Oberschichten bilden entscheidende Ressourcen für die Entstehung eines staatlichen Gewaltmonopols, das zur Pazifizierung des Binnenraums der Gesellschaft be iträgt. Die Ausdehnung der Population geht einher mit innerer Differenzierung, der Zulassung von mehr sozialer Ungleichheit als sie in Stammesgesellschaften toleriert werden konnte. Wie ist nun aber die Umstellung auf kulturelle Weitergabe als dritte (und für den take-off entscheidende) Form der Ausbreitung soziokultureller Populationen zu erklären? Jared Diamond stellt in seinem evolutionstheoretischen Ansatz zur Erklärung der Entstehung hochkultureller Gesellschaften eine spezifische Verbindung zwischen Stratifikation, Technikentwicklung und ihrer Diffusion durch äußeren Wettbewerb her. Der Beschränkung des Wettbewerbs im Inneren der Gesellschaft durch stratifikatorische Differenzierung steht ein gesteigerter Wettbewerb im Äußeren gegenüber, der sich nicht mehr nur auf den Kampf um die natürlichen Ressourcen bezieht sondern auch schon einen Wettbewerb um kulturelle Ressourcen (Institutionenwettbewerb) der Nachbargesellschaften einschließt: „Abgesehen davon, daß sie die seßhafte Lebensweise und so auch die Anhäufung von Besitztümern ermöglichte, markierte die Landwirtschaft aus einem weiteren Grund einen Einschnitt in der Geschichte der Technik. Zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte konnten nun ökonomisch differenzierte Gesellschaften entstehen, in denen bäuerliche Untertanen eine Schicht von Spezialisten miternährten, die selbst keine Nahrung produzierten. ... Wie ich in diesem Kapitel ... gezeigt habe, wird der Stand der Technik an einem bestimmten Ort nicht nur von lokalen Erfindungen bestimmt, sondern auch von der Diffusion von Techniken fremder Herkunft. Aus diesem Grund entwickelte sich die Technik tendenziell auf jenen Kontinenten am schnellsten, auf denen ihrer Diffusion die geringsten geographischen und ökologischen Hindernisse im Wege standen. Zudem wächst die Wahrscheinlichkeit der Erfindung und Annahme neuer Techniken mit der Zahl der Zivilisationen auf einem Kontinent, da sich Gesellschaften aus vielerlei Gründen in ihrer Innovationsfreudigkeit unterscheiden. Unter sonst gleichen Umständen entwickelt sich die Technik somit in großen, fruchtbaren und bevölkerungsreichen Regionen mit einer Vielzahl potentieller Erfinder und etlichen konkurrierenden Gesellschaften am schnellsten.“ 108

Diamond hebt die Bedeutung der Vielfalt konkurrierender Akteure in einer relativ ausgedehnten Umwelt hervor und beschreibt evolutionären Erfolg als eine Funktion des ungehinderten Wettbewerbs in räumlicher Hinsicht. 109 Diese Beschreibung läßt sich ergänzen durch den 106 Vgl. Popitz, 1995, ... 107 Die Integrationsmittel, die den verschiedenen Gesellschaftstypen zur Verfügung stehen, werden im folgenden Abschnitt ausführlicher behandelt. 108 Diamond, 1999, 317 f 109 Auch Norbert Elias hat in seiner Studie über den „Prozess der Zivilisation“ die Herausbildung moderner Staaten aus einer Wettbewerbskonstellation mit einer großen Vielfalt konkurrierender Ausgangskonstellationen in Europa abgeleitet Darauf verweist Menell, 1990, S. 362 in: Theory, Cultur and Society: “The European state-formation


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Hinweis von Popitz auf die verdichtende Funktion der Städte in frühen Hochkulturen als Brutstätten einer Spirale von technisch-organisatorischen Veränderungen, die die Ausdifferenzierung soziokultureller Sonderumwelten exemplarisch vorangetrieben haben. 110 In beiden Hinsichten ist die mit technischen Mitteln erweiterte Einheit der Gesellschaft schon vorausgesetzt. Die Ausbreitung evolutionärer Errungenschaften nicht nur durch Wanderung (dem primären Fall bei der Ausbreitung der Sprachen111 ) sondern durch Kommunikation bei stationärem Verbleib der Population setzt eine elaborierte Kommunikationstechnik – den Gebrauch von Schrift - voraus. Die Tendenz zur Verallgemeinerung dieser Technik durch Buchdruck, Massenmedien und allgemeine Schulorganisation kann durch den Wettbewerb konkurrierender Akteure noch innerhalb stratifikatorischer Gesellschaften erklärt werden. Diese Tendenz erzeugt jedoch Orientierungsprobleme, für die es innerhalb stratifikatorischer Gesellschaften keine Lösung gibt. Funktionale Differenzierung kann vor diesem Hintergrund als symbolische Lösung für ein symbolisches Ressourcenproblem interpretiert werden. Dieses Problem und die evolutionäre Strategie zu seiner Lösung sollen im nächsten Abschnitt im Rekurs auf einen weiteren Mechanismus der soziokulturelle Evolution beschrieben werden. Zuvor ist hier jedoch funktionale Differenzierung als eine weitere Form der inneren Differenzierung soziokultureller Einheiten vor dem Hintergrund von Organisation und Wettbewerb näher zu bestimmen. Der Rekurs auf die Entstehung hochkultureller Gesellschaften durch Stratifikation und staatliche Organisation hat deutlich gemacht, dass Differenzierung historisch primär als eine Form der Beschränkung des Wettbewerbs im Inneren soziokultureller Einheiten zu verstehen ist. Dies gilt im Prinzip auch noch für funktionale Differenzierung im Inneren moderner Gesellschaften, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hier der Wechsel von einer primär an Personengruppen orientierten zu einer primär an institutionellen Funktionen orientierten Differenzierung vollzieht. „Primär“ heißt in diesem Zusammenhang, dass die Ungleichheit von Personengruppen in dieser neuen Form sozialer Ungleichheit nicht verschwindet, sondern gerade aufgrund der mangelnden Übereinstimmung besonders auffällig wird. Der Bezug auf institutionelle Funktionen bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Wettbewerb der Akteure begrenzt wird auf der Ebene funktionsspezifischer Meta-Orientierungen. Der mit der Moderne aufbrechende Kampf der konkurrierender Institutionengebilde wird durch funktionale Differenzierung pazifiziert. 112 So wird z.B. sichergestellt, dass Akteure der Wirtschaft mit denen der Politik, Akteure der Politik mit denen der Religion, der Bildung etc. nicht mehr konkurrieren. Der wesentliche Effekt dieser Umstellung der Differenzierungsform, die umwälzende Innovation, liegt aber nicht in dieser Konkurrenzbeschränkung sondern gerade darin, dass in einem historisch zuvor ungekanntem Maße Wettbewerb im Inneren der Gesellschaft zugelassen wird. In dieser funktionsspezifischen Freisetzung von Wettbewerb liegt das besondere Variationspotential, das die Dynamik der modernen Gesellschaft ausmacht, und das insbesondere die Tendenz zur symbolischen Generalisierung, zur Angleichung der soziokulturellen Umweltbedingungen erklären kann. Funktionale Differenzierung muß zugleich als Resultat und einschränkende Voraussetzung von evolutionären Selektionsprozessen113 betrachtet werden, die eine staatliche Organisation von process, to the understanding of which Elias (1939, Vol. II) insightfully contributed in his discussion of such component processes as the 'elimination contest' between competing territorial magnates, the 'monopoly mechanism', the 'royal mechanism', and the transformation of private into public monopolies, is only one small and relatively local instance of the overall trend in world history towards bigger survival units incorporating more people and more territory. Elias recognizes that a full study of this tendency would have to deal with the great variety of competitive figurations in different continents at different stages of the development of society.” 110 Popitz, 1995,... 111 Cavalli-Sforza, 1999, 112 Offensichtlich war dieser Kampf noch nicht ausgestanden, funktionale Differenzierung noch nicht stabilisert, als Max Weber in dem berühmten Vortrag über Wissenschaft als Beruf 1919 seine Studierenden warnte: „Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf.“ (... S. 547) 113 Zu den in soziologischen Differenzierungstheorien vernachlässigten Aspekt des Wettbewerbs s. den Hinweis bei Hannan und Freeman, 1995, S. 202 auf die Interpretation territorialer und funktionaler Differenzierungsformen als Folge bzw. letztes Stadium des Wettbewerbs durch A.H. Hawley, 1950, Human Ecology. A Theory of Community Structure NY.


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Gesellschaft voraussetzen. 114 Als ihre wichtigsten historischen Erscheinungsformen sind die Angleichung der kulturellen Umweltbedingungen auf der Makroebene (Universalismus) und die Freisetzung von Wettbewerb auf der Mikroebene (Individualismus 115 ) anzusehen. Beides ist aber offenkundig im globalen Maßstab (noch) nicht durchgesetzt. Daher stellt es m.E. eine historisch unhaltbare Überverallgemeinerung dar, wenn funktionale Differenzierung schon als Strukturmerkmal der Weltgesellschaft bezeichnet wird. 116 Wenn Luhmann behauptet, die Konstitution der Weltgesellschaft sei „die Konsequenz des gesellschaftlichen Differenzierungsprinzips — genauer gesagt: die Konsequenz der erfolg reichen Stabilisierung dieses Differenzierungsprinzips.“117 dann verweist diese Aussage eher auf die anhaltende Instabilität (macht sie unfreiwillig deutlich), die mit der weltweiten Durchsetzung dieses Prinzips verbunden ist. 118

- Die Instabilität soziokultureller Selektionen Die Steigerung der räumlichen und zeitlichen Reichweite der Kommunikation mit technischen Mitteln ist offenkundig eine entscheidende Variable für die Bildung großer sozialer Einheiten, die in Medien und Formen des Wettbewerbs gefördert und selektiv verstärkt wird. Diese Beobachtung könnte i.S. der ökonomischen Theorietradition durch eine Nachfragetheorie erklärt werden: Techniken werden unter Nutzengesichtspunkten nachgefragt. Andererseits könnte man auch i.S. einer Angebotstheorie behaupten, dass neue Techniken sich ihre Nachfrage selbst schaffen. In diesen Erklärungsalternativen wird allerdings schon vorausgesetzt, was in evolutionstheoretischer Perspektive erst noch zu erklären wäre: wie es überhaupt möglich ist, dass im Institutionenpool soziokultureller Populationen die Mittel vorhanden sind – oder sich in passender Form neubilden – die geeignet sind, die erweiterten Formen der Sozialität zu stabilisieren. Innergesellschaftlicher Wettbewerb stellt immer nur einen vorläufigen Bewährungstest für die in einem soziokulturellen Organismus gefundenen institutionellen Lösungen dar. In diesem Sinne konkurrieren kulturelle Organismen auf mehreren Ebenen – auf der untersten Ebene als (immer schon kulturell sozialisierte) Individuen, auf der obersten Ebene als große, nationale oder transnationale Einheiten. Für jede dieser Einheiten sind andere Umwelten selektionsrelevant. Das Funktionieren institutionell regulierten Wettbewerbs als Mechanismus der innergesellschaftlichen Selektion kann die Wirkung äußerer Umweltselektion nur insoweit ersetzen, wie auch genügend natürliche Ressourcen zur Reproduktion der soziokulturellen Population verfügbar sind. Anderenfalls lassen sich die institutionellen Ergebnisse der innergesellschaftlichen Selektion nicht stabilisieren – sie werden aufgrund des äußeren Umweltdrucks wieder kassiert. Die funktionale Ordnung moderner Gesellschaften kann als ein Ergebnis von Umweltselektion verstanden werden, das ein höheres Anpassungspotential gegenüber Veränderungen der Umwelt aufweist als stratifikatorische Ordnungen, weil es mehr Wettbewerb im Inneren zulässt. Funktionale Differenzierung ist in diesem Sinne auch ein Beitrag zur Erhöhung der Stabilität großer soziokultureller Einheiten. In evolutionstheoretischer Perspektive kann die soziale Binnendifferenzierung jedoch nicht als eine zureichende Bedingung der Stabilisierung soziokultureller Einheiten verstanden werden. Dafür fehlt ihr – als Ergebnis von Umweltselektion – zunächst die kausale Unabhängigkeit als evolutionärer Mechanismus. Es 114 Dass funktionale Differenzierung auf die technisch-organisatorische Absicherung durch Politik und Recht angewiesen ist, ist zB. an den Schwierigkeiten bei der Durchsetzung von Korruptionsverboten – insbes. im internationalen Kontext - zu beobachten. 115 Die kulturelle Hervorhebung des Individuums wird in den beiden folgenden Abschnitten noch ausführlicher zu behandeln sein.. 116 Interessanter Weise stimmt Habermas, der im Gegensatz zur Luhmannschen Theorie funktionaler Differenzierung an der normativen Integration einer gesellschaftsübergreifenden Identitätskonstruktion festhält, Luhmanns Diagnose in Bezug auf die reale Konstitution von Weltgesellschaft (ohne die Voraussetzung eines Weltstaats und international durchgesetzten Rechts) ausdrücklich zu. Vgl. Habermas 1974, S.57 FN 22 117 Luhmann, 1972, S. 335 118 Luhmanns Verknüpfung des Prinzips funktionaler Differenzierung mit der evolutionären Funktion der Restabilisierung muss daher nicht nur aus evolutionstheoretischen Gründen – wg. mangelnder kausaler Unabhängigkeit – sondern auch aus empirischen Gründen zurückgewiesen werden.


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fehlt aber auch der Bezug auf lebendige Individuen als phänotypische Träger institutioneller Merkmale, um einen Mechanismus zu bezeichnen, der für die Wiedereinbettung makrostruktureller Veränderungen in die natürliche Lebenswelt sorgen kann. Nicht nur auf der höchsten Aggregationsebene phänotypischer Einheiten der soziokulturellen Evolution kommt ihre Eingebettetheit in natürliche Lebenskreisläufe erneut ins Spiel, sondern auch schon auf der Mikroebene. Durch funktionale Differenzierung wird der Wettbewerb der Institutionen auf der Makroebene begrenzt und auf der Mikroebene erweitert. Mit der Ebenendifferenz wächst auch das Problem der kulturellen und kognitiven Verarbeitung dieser Differenz durch die konkurrierenden Akteure auf der Mikroebene. Der kulturelle Aspekt des Problems verweist auf Mechanismen der kollektiven Identifikation, die im folgenden Abschnitt betrachtet werden. Der kognitive Aspekt des Verarbeitungsproblems verweist auf Mechanismen der intergenerativen Tradierung, die im letzten Abschnitt betrachtet werden. 4. Identifikation als Mechanismus der Restabilisierung und Abgrenzung Charles Darwin hat uns eine sehr pathetische Begründung der (über die Grenzen natürlicher Gemeinschaften hinausgehenden) Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft hinterlassen: As man advances in civilisation, and small tribes are united into larger communities, the simplest reason would tell each individual that he ought to extend his social instincts and sympathies to all the members of the same nation, though personally unknown to him. This point being once reached, there is only an artificial barrier to prevent his sympathies extending to the men of all nations and races. If, indeed, such men are separated from him by great differences in appearance or habits, experience unfortunately shews us how long it is, before we look at them as our fellow-creatures. Sympathy beyond the confines of man, that is, humanity to the lower animals, seems to be one of the latest moral acquisitions. It is apparently unfelt by savages, except towards their pets. How little the old Romans knew of it is shewn by their abhorrent gladiatorial exhibitions. The very idea of humanity, as far as I could observe, was new to most of the Gauchos of the Pampas. This virtue, one of the noblest with which man is endowed, seems to arise incidentally from our sympathies becoming more tender and more widely diffused, until they are extended to all sentient beings. As soon as this virtue is honoured and practised by some few men, it spreads through instruction and example to the young, and eventually becomes incorporated in public opinion. 119

Möglicherweise hat Darwin diese Formulierung über die Ausdehnbarkeit der „moralischen Gefühle“ der Menschen seinen Lesern nur zum Ausgleich für die Zumutung ihrer animalischen Abstammung mitgeteilt. Dennoch ist zu bemerken, dass Darwin an dieser Stelle auch zwei Bedingungen für diese Ausdehnung der Gefühle spezifiziert – nämlich dass sie „in der öffentlichen Meinung verkörpert“ und „durch Erziehung verbreitet“ werden. (Auf Ersteres soll in diesem, auf Letzteres im nächsten Abschnitt eingangen werden.) Als Gegenstück zu dem Darwin-Zitat greife ich eine anthropologisch begründete Formulierung des Soziologen Popitz auf, in der er den gattungsgeschichtlich ererbten Partikularismus soziokultureller Einheiten zur Grundlage der Definition seines Gesellschaftsbegriffs macht: „Gesellschaften im hier gemeinten Sinne sind soziale Einheiten. ... Vergesellschaftung gehorcht einem zellenbildenden Prinzip. Soziale Einheiten sind leicht zu erkennen, weil sie Wert darauf legen, sich erkennbar zu machen. Sie ziehen Grenzen zwischen Innen und Außen, Drinsein und Draußensein. Wer als Zugehöriger anerkannt wird, muß über bestimmte Qualitäten verfügen, angeborene wie Geschlecht oder Herkunft, oder erworbene wie bestimmte Leistungen oder Bewährungen. ... Das zellenbildende Prinzip der Vergesellschaftung ist ein Prinzip der Grenzziehung.“ 120

In diesen beiden Zitaten wird die Ambivalenz zwischen Ausdehnungs- und Abgrenzungstendenzen, universalistischen und partikularistischen Orientierungen soziokultureller Populationen erkennbar, die das Problem charakterisiert, das in diesem Abschnitt behandelt werden soll.

119 Charles Darwin (1871) The Descent of Man Chapter 4 - Comparison of the Mental Powers of Man and the Lower Animals I Continued) 120 Popitz, 1995, S. 126f - s. auch die erweiterten Aspekte der Gesellschaftsdefinition von Popitz mit Bezug auf intergenerative Tradierung, auf die ich am Ende dieses Abschnitts Bezug nehme.


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In dem hier skizzierten Ansatz zur Erklärung der unwahrscheinlichen Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft ist zunächst davon ausgegangen worden, dass diese einem ähnlichen Muster folgen könnte, wie es in der Evolutionsbiologie für Populationen von Lebewesen in der Selbstausbreitungstendenz ihrer Gene behauptet worden ist. 121 In einer funktionalistischen Analogie kann das Muster in einer Selbstausbreitungstendenz der Institutionen gesehen werden, die sich der partikularen Interessen menschlicher Akteure (an der Steigerung der raumzeitlichen Reichweite ihrer Kommunikation) nur bedient. Die Ausdehnung der Kommunikation mit technischen Mitteln könnte so als Vehikel der kulturellen Ausbreitungstendenz und symbolischen Generalisierung ihrer Institutionen interpretiert werden. Wenn an dieser Überlegung etwas richtig ist, dann beschreibt sie allerdings eine evolutionär riskante Strategie. Die Ausdehnung menschlicher Sozialsysteme kann damit nur erklärt werden, wenn (und soweit) neue und technisch erweiterte Formen der Kommunikation als umweltkompatibel selegiert und in die tradierte soziokulturelle Umwelt wieder eingebettet werden können. Die Ausdehnung der menschlichen Sozialsysteme stellt auch deshalb keine evolutionär stabile Strategie dar, weil die gattungsgeschichtlich verankerte Ausstattung der Menschen (die nur an das Leben in relativ kleinen sozialen Einheiten angepasst ist) dafür nicht ausreicht. In diesem Abschnitt soll skizziert werden, wie erweiterte Mechanismen der Stabilisierung im Verlauf der soziokulturellen Evolution entstanden sein könnten, die diese Ausdehnung nicht nur ermöglichen sondern auch stabilisieren. In der Ausdehnung menschlicher Sozialsysteme durch Technisierung und hierarchische Organisation ist ein grundlegender Konflikt angelegt. Je größer die sozialen Systeme werden, desto mehr wächst auch die Verschiedenheit der Umweltbedingungen, an die das kommunikative Netzwerk angepasst sein muß. In der Ausdehnung ist eine Tendenz zur Bevorzugung formaler und universell verwendbarer Institutionen angelegt, die aber mit der gattungsgeschichtlich ererbten Tendenz zur Bevorzugung partikularer Institutionen kleiner sozialer Einheiten kollidiert.122 Die Tendenz zur Universalisierung kann sich nur soweit evolutionär durchsetzen, wie eine Rückkoppelung an die (ererbten) Präferenzen gelingt. Die Tendenz zur Bevorzugung universalistischer Institutionen dominiert gewissermaßen nur in der aufsteigenden Linie des evolutionstheoretischen Modells. Mit Bezug auf den gesamten Kreislauf der Instititutionen schließt das hier skizzierte Modell damit auch die institutionelle Regeneration und Wiederverwendung partikularer Orientierungen auf der Mikroebene ein.

121 Die These von der Selbstausbreitungstendenz der Gene ist bekanntlich von Richard Dawkins (1982, The extended phenotype) vertreten worden und von anderen Vertretern der Soziobiologie (Wilson, Vogel) übernommen worden. Ich sehe hier ab von Einwänden E.Mayrs u.a. gegen Dawkins Bestimmung der Gene (auch) als Selektionseinheiten, die sich gegen zu weitreichende Folgerungen und die Vernachlässungung ökologischer Faktoren richten. 122 Die anschaulichsten Beispiele für den fundamentalen Partikularismus soziokultureller Institutionen sind in der Vielfalt der menschlichen Sprache(n) zu finden. Ob in der Sprache überhaupt universelle Strukturen ausgebildet sind, ist in den einschlägigen Disziplinen hingegen immer noch umstritten. - Die Suche nach einer in der neuronalen Ausstattung des Menschen verankerten Universalgrammatik der Sprache (Chomsky) stützt sich auf das Argument, dass anders das Tempo der Tradierung sprachlicher Kompetenzen (das Erlernen der native speach) nicht zu erklären wäre. In evolutionstheoretischer Hinsicht wäre aber zu fragen, woher der Selektionsdruck gekommen sein soll, der zur genetischen Verankerung universell verwendbarer Strukturen der Sprache geführt haben könnte.


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Systeme

Selektion ⇒

Umwelten

Makroebene

Universalismus erweiterter Umweltbedingungen

Wettbewerb

Universalismus funktionaler Differenzierung

Makroebene

⇑ Variation

Technisierung

Identifikation

Restabilisation ⇓

Mikroebene

Partikularismus situativer Handlungskontexte

Tradierung

Partikularismus ontogenetischer Beschränkungen

Mikroebene

Handeln

⇐ Replikation

Erleben

Das technisch vermittelte Größenwachstum soziokultureller Einheiten hat unmittelbar zur Folge, dass deren Institutionen sich unter erweiterten Umweltbedingungen bewähren, sich also von konkreten (substantiellen) Umweltbezügen weitgehend ablösen und symbolisch generalisieren müssen. Dies schließt eine in der Ausdehnung soziokultureller Einheiten angelegte Tendenz zur Universalisierung ihrer Institutionen ein. Funktiona le Differenzierung wurde in diesem Sinne als eine Form der Nischenbildung beschrieben, die den Institutionenwettbewerb auf der Makroebene beschränkt, also Selektionsdruck verringert durch die symbolisch generalisierte Vermehrung von Umweltbezügen. Im Hinblick auf einen Restabilisationsmechanismus der soziokulturelle Evolution geht es nun darum zu erklären, wie es (im absteigenden Verlauf des evolutionstheoretischen Modells) zur Wiedereinbettung der spezifisch ausdifferenzierten Institutionengebilde in den geteilten Sinnvorrat kommen kann, den Individuen als selbstverständlich voraussetzen und in ihren kommunikativen Operationen auf der Mikroebene verwenden.

- Natürliche und kulturelle Mechanismen der Restabilisation In der Luhmannschen Gesellschaftstheorie ist Differenzierung das entscheidende Mittel zur Erklärung der unwahrscheinlichen Ausdehnung der menschlichen Gesellschaft im Sinne der Bezeichnung von Bedingungen ihrer Stabilität. 123 In Luhmanns Bestimmung von Differenzierung als Restabilisationsmechanismus der soziokulturellen Evolution steckt zwar implizit die Annahme eines Größenproblems. Dieses wird jedoch zugleich als schon gelöst unterstellt. Die Lösung dieses Problems wurde in älteren Ansätzen am Falle der Verarbeitung von Bevölkerungswachstum durch segmentäre Differenzierung beschrieben. 124 Die Frage ist hier also, ob sich dieses Muster der Erklärung von Stabilität auf alle Formen menschlicher Sozialität, insbesondere auch auf die moderne Gesellschaft übertragen lässt. Die soziologische Theorietradit ion hat dies zunächst anders gesehen und in den Differenzierungsformen der modernen Gesellschaft zunächst vor allem deren Selbstgefährdungspotential herausgestellt. 125 Wenn man die Stabilität großer sozialer Einheiten durch ihre Binnendifferenzierung erklären (und dabei tautologische Beschreibungen vermeiden will) dann muss das angesprochene Größenproblem als ein Komplexitätsverarbeitungsproblem aufgefasst – also aus einem Problem

123 „Hinter der Annahme eines quantitativen Wachstums steht also die Voraussetzung struktureller Differenzierungen nichtbeliebiger Art“ schreibt Luhmann in der Einleitung des Evolutionskapitels seiner Gesellschaftstheorie. S. das. ausf. Zitat im vorigen Abschnitt - Luhmann, 1997, S.416 124 Vgl. Spencer ... , Durkheim, ... Durkheim ist es bekanntlich nicht gelungen, eine Lösung für die Differenzierungsprobleme der modernen Gesellschaft i.S. einer Koevolution von Verhaltensmustern „organischer Solidarität“ zu beschreiben. 125 Literaturhinweise Tönnies, Durkheim, Weber ...


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der materiellen Ressourcen in ein Problem symbolischer Ressourcen umgewandelt - werden.126 Die Problemlösung bestünde dann also darin, dass durch die Zerlegung großer Einheiten in kleinere Sub-Einheiten Kompatibilität mit den tradierten Mitteln der symbolischen Komplexitätsverarbeitung, die an kleinere soziale Einheiten angepasst sind, wiederhergestellt wird. 127 Wenn dies der Weg zur Erklärung für die Stabilität großer sozialer Einheiten ist, dann erscheint es zweckmäßig, den Mechanismus der Restabilisierung nicht in der sozialen Differenzierung zu sehen, sondern in den Prozessen der symbolischen Komplexitätsverarbeitung durch Identifikation, die in den verschiedenen Formen sozialer Differenzierung zur Wirkung kommen.Mechanismen der Identifikation128 müssen als andere Seite der Differenzierung soziokultureller Einheiten betrachtet werden.129 Um den Restabilisationsmechanismus der soziokulturellen Evolution in diesem Sinne zu rekonstruieren, wird im Folgenden auf kultur- und paläoanthropologische Untersuchungen rekurriert. Zur evolutionstheoretischen Erklärung der unwahrscheinlichen Ausdehnung menschlicher Gesellschaften muss in kausaler Hinsicht unterschieden werden zwischen antreibenden, selektiven und stabilisierenden Faktoren. Die Kulturanthropologen Richerson und Boyd sind – ähnlich wie Luhmann und im Sinne der soziologischen Theorietradition - vorrangig interessiert an der Frage der Stabilität. Sie haben die für die soziokulturelle Evolution des Menschen typische Sozialform als „Ultrasozialität“ bezeichnet und damit die Frage nach den Stabilitätsbedingungen so großer Sozialsysteme aufgeworfen.130 Im Focus ihrer Überlegungen steht die Suche nach Mechanismen, die die Stabilisierung von Menschengesellschaften jenseits der genetisch verankerten Mechanismen der Verwandtschaftsselektion und interaktiven Reziprozität ermöglichen. Sie sehen einen solchen Mechanismus angelegt in der idiosynkratischen Gruppenidentifikation vorhochkultureller Stammesgesellschaften und folgern, dass alle weiteren Größen- und Komplexitätssteigerungen menschlicher Sozialität auf kulturellen Weiterentwicklungen dieses Identifikationsmechanismus beruhen müssen. Richerson und Boyd verweisen zunächst darauf, dass die phylogenetisch ererbten Mechanismen der sozialen Selektion, die die Bildung kleiner sozialer Einheiten abstützen, nicht geeignet sind, um die Stabilität so großer sozialer Einheiten zu erklären, wie sie in der soziokulturelle Evolution des Menschen anzutreffen sind. Die Mechanismen der Verwandtschaftsselektion, der Reziprozitätsorientierung und der (spontanen) Sanktionierung von Abweichungen, die z.T. schon in Tie rgesellschaften zu finden sind, seien zweifellos auch im menschlichen Sozialleben wirksam, reichten allerdings nicht aus, um deren „Ultrasozialität“ zu erklären. 131 Die Sozialformen der menschlichen Gattung müssten durch einen kulturell erweiterten Mechanismus der Vererbung erklärt werden, der geeignet ist, die genetisch verankerten Mechanismen - der Verwandtschaft, Reziprozität und Dominanz - zu ersetzen oder zu 126 In diesem Sinne hat Luhmann das Größenproblem der Theorietradition auf ein Komplexitätsproblem reduziert und zugleich die selektive Relevanz der äußeren Umwelt bestritten. Er fährt an der bereits oben zitierten Stelle fort: „Man kann dies auch auf die übliche Formel der Komplexitätssteigerung bringen, etwa mit Darwin auf die Formel der Differenzierung und Spezialisierung der Teile, sofern man nur die Zusatzannahme fallen läßt, daß höhere Komplexität einer besseren Anpassung der Systeme an ihre Umwelt dient.“ S. 416 127 „Man kann überhaupt die Bildungen, die dem großen Kreise als solchem eigentümlich sind, zum wesentlichen Teil daraus erklären, daß er sich mit ihnen einen Ersatz für den personalen und unmttelbaren Zusammenhalt schafft, der kleinen Kreisen eigen ist. ... Zu diesem Zweck erwachsen Ämter und Vertreter, Gesetze und Symbole des Gruppenlebens, ...“ Simmel, 1968, S.38f 128 Soziale Identität im hier skizzierten Sinne gibt es nur als Objekt von soziokulturellen Prozessen der Identifikation. Ich verwende den Prozessbegriff, auch um Missverständnisse substantieller Identitätsunterstellungen zu vermeiden. Der Bezug auf tradierte Mechanismen der Identifikation dient auch dazu, das Mißverständnis zu vermeiden, kollektive Identität könne aus den personbezogenen Identitätskonzepten abgeleitet werden, die sich in der modernen Gesellschaft entwickelt haben. Vgl. Habermas, 1974 129 Man könnte diese andere Seite auch als blinden Fleck in Theorien funktionaler Differenzierung bezeichnen. 130 Die Autoren beziehen sich damit zunächst nur auf die – im Vergleich mit anderen lebenden Populationen, einschließlich menschlicher Populationen bis zum Neolithikum – auffälligen Größenunterschiede. Im Hinblick auf den in diesem Kontext zu betrachtenden evolutionäre Mechanismus wäre es allerdings besser, von „Ultrastabilität“ zu sprechen - ein Ausdruck aus der kybernetischen Systemtheorie, den auch Luhmann im Kontext funktionaler Differenzierung verwendet hat 131 Auf die von Richerson und Boyd (1998) herausgestellten evolutionären Formen kinship, reciprocity and punishment beziehen sich auch Ansätze des methodologischen Individualismus zur Erklärung menschlicher Sozialität.


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überformen. 132 Nach Auffassung von Richerson und Boyd wird die Bildung großer sozialer Einheiten v.a. ermöglicht durch symbolische Grenzziehungen. Die symbolischen Markierungen, mit denen Ingroups von Outgroups unterschieden werden, sind demnach die entscheidenden Wirkungsfaktoren für eine kulturell erweiterte Gruppenselektion, die Empathie und Altruismus weit über die Grenzen der Verwandtschaft und der Interaktion unter Anwesenden hinaus reguliert. Richerson und Boyd sehen den Ursprung dieses Mechanismus in den ethnolinguistischen Institutionen von Stammesgesellschaften des Pleistozäns, mit denen die Grenzen von Jäger- und Sammler-Gesellschaften gesprengt wurden. Wenn einmal die durch Verwandtschaft und Reziprozität auferlegten Beschränkungen durch kulturelle Gruppenselektion aufgelöst sind, gebe es keine natürlichen Grenzen mehr für die Evolution der menschlichen Koooperation. Große hierarchisch organisierte Einheiten erwuchsen in den letzten 10.000 Jahren zunächst in Agrarregionen und darüberhinaus, ohne dass bisher Anzeichen für die Erreichung eines abschließenden Gleichgewichtszustandes zu erkennen wären. Im Hinblick auf Formen der segmentären Differenzierung ist auf die in der Menschheitsgeschichte lange dauernde Parallelentwicklung von genetischer und sprachlicher Differenzierung bei den menschlichen Populationen zu verweisen. 133 Nicht nur die Abstammungs- sondern auch die Sprachgemeinschaft ist ein grundlegendes Identifikationsmittel, das – wie Richerson und Boyd pointieren: zur Überraschung vieler Sozialwissenschaftler – auch in der modernen Gesellschaft noch heftig nachwirkt. Richerson und Boyd verbinden ihre Hypothese über den Ursprung soziokultureller Evolution in den stammesgesellschaftlichen Identitätszuschreibungen des Ple istozäns mit der Erwartung, dass zu den bekannten Konflikten zwischen dem genetisch verankerten Kleingruppenaltruismus und dem ethnolingual verankerten Großgruppenaltruismus neue Konflikte mit Verhaltenserwartungen treten, die aus der Ausdehnung sozialer Einheiten in der Moderne erwachsen und weder zu den angeborenen noch zu den kulturell erworbenen sozialen Verhaltensmustern passen. Der springende Punkt in der Beschreibung des Mechanismus der ethnolingualen Gruppenselektion – die Erklärung des soziokulturellen Take-offs134 – muss darin gesehen werden, dass dieser Mechanismus zur Ablösung von den genetisch verankerten Bindungsmechanismen beiträgt und als solcher für kommunikative Überformungen offen ist. Die Argumentation von Richerson und Boyd setzt evolutionstheoretisch die Möglichkeit von „Gruppenselektion” voraus 135 und fragt nach den spezifischen Erweiterungen, die dieses Phänomen durch die soziokulturelle Evolution erfährt. Ihre Bezeichnung des Phänomens als “kulturell erweiterte Gruppenselektion” zieht allerdings zwei Vorgänge (vorschnell) zusammen, die in evolutionstheoretischer Hinsicht zu unterscheiden wären. Die Frage, an welchen Einheiten die Funktion der Selektion ansetzt, muss unterschieden werden von der Frage nach den Mechanismen, die erweiterte Einheiten möglich machen. Im Sinne des hier skizzierten Modells handelt es sich bei dem von Richerson und Boyd bezeichneten Mechanismus nicht um Umweltselektion - weder i.S. des kulturell geregelten Wettbewerbs noch des ungeregelten Konkurrenzkampfs. Es handelt sich um einen Mechanismus, dessen Selektivität im Inneren soziokultureller Einheiten bei den institutionell verselbständigten Erlebenskomponenten der Kommunikation ansetzt und eine Abgrenzung gegenüber anderen soziokulturellen Einheiten vollzieht. Die Identität der jeweiligen Einheit wird durch Operationen der Identifikation und Abgrenzung bei den individuellen Teilnehmern der Kommunikation konstruiert. Die Selektionen, die in diesen Identifikationsprozessen kognitiv und affektiv vollzogen werden, sind zunächst als kausal unabhängige Ereignisse der Kommunikation zu betrachten. Sie wirken allerdings auf die Bedingungen der soziokulturellen Umweltselektion zurück und verändern seine Voraussetzungen (i.S. des spiralförmigen Verlaufsmodells gewissermaßen in der nächsten Runde, als erneute Beschränkung des Wettbewerbs). Diese Rückwirkung kann einerseits (i.S. 132 “Thus human ultra-sociality arose by adding a cultural system of inheritance to a genetic one that normally supports small-scale societies based on kinship and reciprocity.” Richerson and Boyd, 1998 S. …. 133 S. Carvalli-Sforza, 1999 … 134 Vgl. zur Beschreibung dieses Take-offs – die diesbezüglichen Erklärungsansätze der Soziobiologie zusammenfassend – Wieser, 2003 135 S. meine FN im 2. Abschnitt zu dieser innerhalb der Evolutionsbiologie umstrittenen Frage mit Verweis auf die mainstream-Position bei E.Mayr, 1997


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der Wiedereinbettung der Ergebnisse der Selektion in tradierte kommunikative Strukturen) als Restabilisierung betrachtet werden. Sie muss aber auch (im Hinblick auf die Ausdehnung der Gesellschaft und die Universalisierung ihrer Institutionen) als Beschränkung betrachtet werden. Viele Mechanismen der kulturell erweiterten Gruppenidentifikation schließen symbolisch an den genetisch verankerten Mechanismus der Verwandtschaftsselektion an. Sie erzeugen semantische „Wahlverwandtschaften“ wie „Brüderschaften“, „Vaterländer“, „Muttersprachen“ etc.. Die Ausdehnung des Wirkungsgrades wird über organisatorische Maßnahmen - wie Inklusion und Exklusion auf organisatorischer Ebene, Strafen, Schutz- und Teilhaberechte etc. abgestützt. Ihre Wirkung auf die Institutionengebilde der Populationen bleibt jedoch in irreduzibler Weise an partikulare Strukturen, insbesondere die Abgrenzung von anderen sozialen Einheiten in ihrer Umwelt gebunden. 136 Kulturell erweiterten Mechanismen der Gruppenidentifikation können scheitern an dem Größenwachstum der Einheiten, auf die sie sich beziehen. Dies kann dann als Überdehnung beschrieben werden. Z.B. treten Probleme der Anomie 137 auf, wenn in einer Population (einem Staatsvolk oder einer anders konstituierten sozialen Gruppierung) keine zureichende Identifikation mit dem System (dem Staat oder einer anderen Einrichtung als Inhaber des Gewaltmonopols) gegeben ist. 138 Die Beschreibung von Varianten des Mechanismus der kulturellen Gruppenidentifikation (der sich in segmentär differenzierten Gesellschaften herausgebildet hat) erscheint relativ unproblematisch im Bezug auf stratifikatorisch differenzierte Gesellschaften. Denn auch hier beruht die Differenzierungsstruktur noch ganz auf der Abgrenzung von Personengruppen. Die restabilisierende Funktion des Identifikationsmechanismus kann sich hier darauf stützen, dass kleinere Objektbezüge innerhalb der größeren Einheiten ausdifferenziert werden. Eine vergleichbare Abstützung des Identifikationsmechanismus ist unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung in den Formen des modernen Nationalstaats zu erkennen, in dem noch einmal die Metaphorik der Verwandtschaftsgruppe Verwendung findet. Auch hier bildet die segmentär ausdifferenzierte Form der Nationalstaaten noch einmal kleinere Objektbezüge innerhalb einer größeren Einheit. Als Identifikationsangebot der funktional differenzierten Gesellschaft weist der Nationalstaat jedoch den grundlegenden Mangel auf, dass seine (räumlich-territorial bestimmten) Grenzen mit denen der größeren, funktional differenzierten Einheit nicht zusammenfallen, während andererseits die Stabilität der Strukturen funktionaler Differenzierung in vieler Hinsicht von Vorleistungen des Staates abhängen. 139 Wenn man mit Richerson und Boyd davon ausgeht, dass auch für die Stabilisierung sehr großer sozialer Einheiten im Prinzip nur der Mechanismus der kulturell erweiterten Gruppenidentifikation zur Verfügung steht, dann erscheinen die über den territorialen Nationalstaat hinausweisenden Formen funktionaler Differenzierung damit nur schwer vereinbar.141 Gruppenidentifikation erzeugt personale Bindungen um den Preis der Ausgrenzung von sozial Andersartigen (Angehörigen anderer sozialen Einheiten). Funktionale 136 Dass sich genetisch verankerte Programme in der soziokulturellen Evolution reproduzieren und mit symbolisch generalisierten Formen in hochriskanter Weise verbinden können, lässt sich vielleicht am Beispiel der katholischen Kirche demonstrieren: Eine Funktionselite, die sich selbst aus technisch-organisatorischen Gründen von der Fortpflanzung dispensiert, setzt die Fortpflanzungsverpflichtung der Gläubigen als Vehikel der Ausbreitung ihrer Institutionen ein und steigert damit Übervölkerungstendenzen in der Weltgesellschaft. 137 s. Durkheims Formel 138 Beispiele sind Vielvölkerstaaten, Einwanderungsländer. Auf ein Überdehnungsrisiko verweisen zB. die Beiträge der Historiker Wehler und Winkler, die vor einem Beitritt der Türkei zur EU warnen. Hier ist offensichtlich die Frage, ob das Identifikationspotential eher in der Tradition der europäischen Aufklärung oder des Christentums gesehen wird. 139 Dies gilt offensichtlich nicht in jeder Hinsicht, wie die globalen Verflechtungen in den Funktionsbereichen der Wirtschaft und der Wissenschaft zeigen. Die Stabilität funktionaler Differenzierung ist jedoch – wegen der Nichtsubstituierbarkeit der funktionsspezifischen Leistungen - auch im globalen Maßstab auf eine einigermaßen gleichgewichtige Ausdifferenzierung angewiesen. 140 Den Begründern der US-Verfassung galt „als "natürliche" Grenze eines Staates ... die Entfernung, die es den Volksvertretern gerade noch erlaubte, sich so oft zu treffen wie für die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten nötig. Es war damit klar, daß es eine der Hauptaufgaben der Union sein würde, Straßen zu bauen und auszubessern. Straßenbau bekam Verfassungsrang.“ So H.Ritter in seinen Ausführungen zu den „Federalist Papers“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2003, Nr. 274 / Seite 10 141 Luhmann hat deshalb in seiner Begründung der realen Konstitution der Weltgesellschaft auf ein übergreifendes Identifikationsangebot verzichtet und die Restabilisierungsfunktion in der funktionalen Differenzierung selbst gesehen.


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Differenzierung erzeugt kulturelle Homogenitäten um den Preis der Externalisierung von sachlich Andersartigem (Themen, die zu anderen Arten der Kommunikation gehören). In beiden Vorgängen wird Einheit durch Differenz erzeugt, aber auf eine prinzipiell inkompatible Weise. Im Folgenden muss deshalb die Frage behandelt werden, wie kulturell erweiterte Prozesse der Identifikation unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung möglich sind. Im Prinzip stehen als Kandiaten für diese Funktion – diesseits und jesenseits der Grenzen von Nationalstaaten – nur die Medien und Formen moderner Öffentlichkeit zur Verfügung. Wer die Strukturen menschlicher Sozialität in der Gegenwart beschreiben will, ist nicht gezwungen anzunehmen, dass die Bildung einer globalen soziokulturellen Einheit – i.S. der realen Konstitution von Weltgesellschaft – nur möglich ist auf der Grundlage global erweiterter Identifikationsmechanismen (i.S. einer Weltkultur). Wenn man aber auf die Annahme global wirksamer Identifikationsmechanismen verzichtet, muss man einräumen, dass eine solche globale Gesellschaft nicht ähnlich stabil – dh. nicht nur nach Außen angepasst sondern auch nach Innen befriedet – sein kann wie kleinere soziokulturelle Einheiten (v.a. moderne Nationalstaaten). Funktionale Differenzierung kann dies – trotz ihrer gesteigerten Flexibilität im Umweltbezug – aus zwei Gründen nicht leisten: erstens, weil sie angewiesen ist auf organisatorische Vorleistungen (Recht und staatliche Durchsetzungsmacht 142 ) die global zumindest noch - nicht gegeben sind, und zweitens, weil sie – in dieser Hinsicht anders als stratifikatorische Differenzierung – keinen unmittelbaren Bezug mehr aufweist zu primordialen Mechanismen der Gruppenselektion, die in den kognitiven Strukturen der individuellen Teilnehmer am Netzwerk der Kommunikation (phylogenetisch und ontogenetisch) verankert sind. Die folgenden Ausführungen sollen in groben Umrissen skizzieren, in welcher Richtung die Suche nach kulturell erweiterten Mechanismen der Gruppenidentifikation gehen könnte, die die Funktion der Restabilisation innerhalb der soziokulturellen Evolution erfüllen.

- Identifikation in traditionellen und modernen Gesellschaften Für einfache (primordiale) Formen der Sozialität lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen dem sozialen Netzwerk der Kommunikation und einem institutionellen Kern annehmen, der sich der Beobachtung innerhalb der Kommunikation entzieht und als latente Voraussetzung ihres Gelingens fungiert. Für (technisch) erweiterte Sozialitäten bedarf es offensichtlich zusätzlicher (technisch-intentional) organisierter Vorkehrungen, um das Gelingen der Kommunikation im erweiterten Netzwerk sicherzustellen. Diese Vorkehrungen – Konzentration der Sanktionsmittel, hierarchische Kontrolle etc. – müssen ihrerseits legitimiert werden im Rekurs auf Institutionen, die sich auch hier der (direkten) Beobachtung innerhalb der Kommunikation entziehen. Im Folgenden sollen zunächst Mechanismen sozialer Ordnungsbildung typisierend beschrieben werden, die bereits in einfachen Formen der menschlichen Sozialität anzutreffen sind, und die im Verlaufe der soziokulturellen Evolution zu Mitteln der kulturell erweiterten Gruppenselektion umgebildet worden sind.

142 Es fehlt offensichtlich eine „Differenzierungs-Polizey“ - wie ein Beobachter der Luhmannschen Differenzierungtsheorie einmal formulierte.


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Makroebene

Systeme

Selektion ⇒

Umwelten

Bestrafung durch Agenten (Staat)

Wettbewerb

Bestrafung durch Öffentlichkeit (Skandal)

Makroebene

Identifikation

Restabilisation ⇓ Mikroebene

⇑ Variation

Technisierung

Mikroebene

Reziprozität (Interessenkalkül)

Tradierung

Verwandtschaftsaltruismus (primordial)

Handeln

⇐ Replikation

Erleben

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Verwandtschaftsaltruismus ist der einzige primordiale Mechanismus sozia ler Ordnung, dem eine genetische Verankerung zugeschrieben wird. Eine kulturell erweiterte Form dieses Mechanismus ist die Übertragung des Status von Verwandten auf Nichtverwandte durch Adoption. 143 Inwieweit der Mechanismus der Verwandtschaftsselektion die ontogenetische Grundlage für alle kulturell erweiterte Formen der Gruppenselektion – i.S. eines prinzipiell erweiterbaren Identifikationspotentials – bildet, ist umstritten. 144 Es ist allerdings kaum zu bestreiten, dass dem Mechanismus der Verwandtschaftsselektion auch in seiner ursprünglichen Form noch eine weichenstellende Funktion für soziokulturelle Tradierungsprozesse, nämlich in der Primärsozialisation der nachwachsenden Generation zukommt. 145 In den daran anschließenden Sozialisationsprozessen entscheidet sich, welche der symbolisch generalisierten Institutionen der Kultur im Wechsel der Generationen tradiert oder vergessen werden. 146 Die reziproken Interaktionen auf der Mikroebene bilden eine primäre Erfahrungsgrundlage für erweiterte Formen der Kommunikation jenseits der Verwandtschaftsgruppe im Sinne von „Wahlverwandtschaften“. Wegen ihrer binären Verzweigungsstruktur - kooperieren / defektieren - lassen sie sich gut in spieltheoretischen Modellen beschreiben. 147 Für die Beschreibung dieser Formen ist es wichtig zu sehen, dass Reziprozität nicht mit Empathie, Solidarität oder anderen „altruistischen“ Orientierungen gleichzusetzen ist. Auch konflikthaltige Interaktion (wie Blutrache) folgt dem Reziprozitätsmuster. Auf der Ebene reziproker Interaktionen kann gelernt werden, dass Rücksicht auf das Verhalten und Nachsicht mit Fehlern Anderer den eigenen Interessen dient. Andererseits sind Strategien der Reziprozität als Mittel der Ordnungsbildung in ihrer Reichweite beschränkt auf kleine soziale Einheiten mit der Chance zu häufig wiederkehrender Interaktion derselben Personen. 148 „Tit for Tat“ ist also keine erfolgversprechende Strategie für große soziale Systeme.

143 Diese traditionell in Herrschaftshäusern geübte Praxis ist bekanntlich bis in die Moderne auch als eine Form der Loyalitätssicherung bei Wirtschaftsagenten verwendet worden. 144 S. die oben referierte Argumentation von Richerson und Boyd mit Bezug auf die Funktion der kulturell erweiterten Identifikation bei der Bildung großer sozialer Einheiten. Bezugspunkte sind Familie, Schule, Altersgruppe (street gang) Verein, Region („Heimat“), Nation („Vaterland“) Religionsgemeinschaft („Ursprung“) etc. Kritiker sehen in der alltagssprachlichen Verwendung von Identifikationsbegriffen nur Metaphorik. 145 Im Hinblick auf die naturale Eingebettetheit der soziokulturellen Evolution ist als Besonderheit der Primärsozialisation ihr „unfreiwilliger“ Charakter hervorzuheben. In der Perspektive des Nachwuchses gibt es hier noch keine „Wahlhandlungen“. 146 Erst jüngst haben die international vergleichenden Untersuchungen von Schulleistungen (PISA) erneut gezeigt, dass der Einfluss der familialen Primärsozialisation durch sekundäre Sozialisationsinstanzen nicht ersetzt werden kann. 147 Es gibt natürlich keinen Nullpunkt der Evolution, an dem Individuen, die nicht mehr von ihren Genen gesteuert werden, nur durch ihre Interaktion zu sozialen Normen finden. Spieltheoretische Modelle der Normentstehung sind insofern nur unter bestimmten Voraussetzungen realistisch, die sie nicht mitbeschreiben. Die Entstehung von sozialen Normen muss als sukzessive Verstärkung institutioneller Orientierungen unter Bedingungen beschrieben werden, in denen genetische Steuerung durchaus noch für sozialen Zusammenhalt wirkte. 148 S. Axelrod, ... und Glance/Huberman, ...


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Das primäre Mittel der soziokulturellen Evolution, das die Bildung größerer sozialer Einheiten ermöglicht, ist die Bestrafung abweichenden Verhaltens. Die primordiale Form dieses Mechanismus (die allerdings nur wenig Ausdehnung ermöglicht) ist zunächst in den reziproken Sanktionsformen der interagierenden Gruppe selbst zu sehen. Die Bildung erweiterter Einheiten wird erst durch die (kostensparende) Delegation der Bestrafung an einen Agenten (Staat) möglich. 149 Dass die Etablierung staatlicher Sanktionsregime historisch stets besonderer Anstrengungen zur Stabilisierung bedurfte, zeigt sich u.a. an den vielfältigen Formen staatlicher Prachtentfaltung, Imponierbauten etc. die aus heutiger Sicht als wenig effizient und kostensparend angesehen werden.150 In der modernen Gesellschaft werden offensichtlich andere Mechanismen benötigt und vorausgesetzt, um soziale Ordnung zu garantieren. Das staatliche Gewaltmonopol bleibt auch hier eine notwendige Voraussetzung für die institutionelle Lösung von Kooperationsproblemen. Die pazifizierende Wirkung des Gewaltmonopols (bzw. jeder Sanktionsmacht im Zusammenspiel opportunistisch betrugsbereiter Akteure) ist nicht an universalistische Prinzipien gebunden. Allerdings wird die Idee, dass überlegene Sanktionsmacht eine zureichende Bedingung für Stabilität wäre, durch den Gang der soziokulturellen Evolution widerlegt. Diese Bedingung ist dauerhaft nur gegeben, wenn auch die machtunterlegenen Akteure Angebote finden, um sich mit der institutionellen Ordnung zu identifizieren. 151 Dass in der schriftlichen Überlieferung der Menschheit (rückblickend) die Anfänge der soziokulturellen Evolution im Neolithikum als Sündenfall, als Vertreibung aus dem Paradies beschrieben werden, hat wesentlich zu tun mit der sozialen Ungleichheit, die zum Bestandteil hochkultureller Sozialitäten wurde. Tatsächlich unterscheiden sich die einfachen Stammesgesellschaften von den frühen Hochkulturen vor allem in dem bis dato ungekannten Maß an Ungleichheit, das sie im Binnenraum der Gesellschaft zulassen. Neben der Sicherung des staatlichen Gewaltmonopols nach Innen und Außen – Spezialaufgabe einer Militärkaste – ist deshalb ein erheblicher Teil der kulturellen Anstrengungen auf die Legitimation sozialer Ungleichheiten – Spezialaufgabe einer Priesterkaste - im Inneren der Gesellschaft gerichtet. Diese Ungleichheit einschließlich der Versorgung dieser Sondergruppen wurde erst möglich auf der technischen Grundlage von Überschussproduktion. 152 Die Auflösung natürlicher Beschränkungen der Sozialität durch technisch erweiterte Kommunikationsmittel verweist - in der rekursiven Verknüpfung evolutionärer Mechanismen zugleich vor und zurück - auf kulturell erweiterte Mechanismen der Ordnungsbildung. Reichen die natürlichen räumlichen und zeitlichen Beschränkungen der Sozialität nicht mehr aus, um sie zu gewährleisten, erscheint hierarchisch-stratifikatorische Differenzierung als erste Wahl. Die Mittel der wechselseitigen Kontrolle, die in kleinen Gemeinschaften spontan zur Verfügung stehen (zB. Klatsch) werden an einen gemeinsamen Agenten delegiert, der mit einem Sanktionsmonopol ausgestattet soziale Ordnung unter den erweiterten Bedingungen wiederherstellt. Da die Sanktionsmechanismen, die unter diesen Bedingungen soziale Ordnung garantieren, sich weder durch situative Interessenübereinstimmung plausibilisieren noch schon als „natürliche“ - dh. durch intergenerative Tradierung prästabilisierte - Institutionen darstellen, ergibt sich für die gewählte Ordnung in erweiterten Formen der Sozialität ein andauernder Legitimationsbedarf, der zunächst durch eine Priesterklasse befriedigt wird, die bestimmte Institutionenkomplexe „heilig“ spricht (zu Heilsgütern macht). Religion als symbolischer Rekurs auf einen geteilten, über jeden Zweifel erhabenen Ursprung, erscheint als natürliche Erweiterung der abstammungsorientierten Gruppenidentifikation in Stammesgesellschaften. Die religiöse Orientierung bildet das primäre Muster der kulturell 149 Für viele andere hier der Verweis auf Service, ... und Wimmer, 1996,. 150 Sie scheinen deshalb mit einer evolutionstheoretisch-selektionistischen Erklärung zu kollidieren. So z.B. die Arg. bei Hallpike, ... mit bezug auf magische Praktiken in Stammesgesellschaften und Prachtentfaltung in traditionellen Hochkulturen. 151 Die Frage, inwieweit diese Voraussetzung unter den Bedingungen sehr großer, tendenziell globaler, soziokultureller Einheiten überhaupt erreicht werden kann, kann hier nicht beantwortet werden. Der Test auf global wirksame Rechtsstrukturen ist bisher nur in Ansätzen gemacht worden. 152 Menell: “Marx was right to point out that not until a food surplus was produced could there emerge a specialist class of warriors who took no direct part in the production of food. Nor for that matter could there be priests sp ecializing in the deployment, development and transmission of knowledge.” Mehr zur transmission of knowledge im letzten Abschnitt.


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erweiterten Gruppenidentifikation. Dieses Muster ist prinzipiell partikularistisch, da es die Abgrenzung von Anderen immer schon voraussetzt. Die Abgrenzung von Denen, die den eigenen Ursprungsglauben nicht teilen, wird als affektive Absicherung des Glaubens nach demselben Muster eingesetzt, nach dem die genetisch verankerte Abgrenzung von Denen funktioniert, die die eigene Abstammung nicht teilen. Diese Innen-Außen-Unterscheidung wird jedoch im Kontext erweiterter Sozialitäten zunehmend problematisch. Der Partikularismus religiöser Identifikationsangebote steht deshalb in einem prinzipiellen Spannungsverhältnis zu dem durch die globale Ausdehnung der Gesellschaft ausgelösten Bedarf an universalistischen Orientierungen, 153 wie er etwa in der Diskussion über Menschenrechte zum Ausdruck kommt.154 In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, ob Mechanismen der kulturell erweiterten Gruppenidentifikation prinzipiell an eine dominierende Innen-Außen-Unterscheidung gebunden sind 155 oder ob sie davon ablösbar sind im Sinne einer Pluralisierung der diesbezüglich relevanten Unterscheidungen. Um diese Frage zu beantworten, ist zunächst noch einmal genauer auf die Form der Kommunikation einzugehen, in der Identifikationsangebote in soziokulturell erweiterten Sozialitäten zur Wirkung kommen. Die Restabilisierung sozialer Ordnung durch Bildung einer latenzgeschützten Zone von nichthinterfragbaren Strukturen vollzieht sich in Formen der Kommunikation, die eine prinzipiell asymmetrische Struktur in der von Handlungs- und Erlebenskomponenten aufweisen. Die Mitteilung nimmt traditionell die außeralltägliche Form einer Offenbarung an, die keine Antwort erwartet. Die Empfänger der Botschaft sind nur in der Position des Erlebens und zwar normalerweise eines kollektiv geteilten Erlebens. Die Unmöglichkeit der Nachfrage verfestigt die mitgeteilte Information und erleichtert ihre Verbreitung. 156 Diese Form der Kommunikation, die schon in oral kommunizierenden Gesellschaften durch dafür besonders ausgezeichnete Personen (Medizinmänner, Orakel auslegende Priester etc.) wahrgenommen wird, wird in traditionellen Hochkulturen verfestigt durch Überlieferung auf der Grundlage von Schrift. Alle Hochreligionen sind Schriftreligionen. Die Monopolisierung der schriftlichen Überlieferung (und die damit verbundene Legitimation sozialer Ordnung) wird aufgelöst durch Buchdruck und Alphabetisierung der Massen. Im Übergang zu modernen Gesellschaft scheint es zunächst so, als ob noch einmal die Legitimationsfunktion zum Monopol einer besonderen Klasse zu werden: der Klasse der wissenschaftlichen Aufklärer. Jedoch wird die Aura der Wissenschaft als einer besonderen Legitimationsinstanz durch die funktionale Differenzierung der Gesellschaft selbst auf- und abgelöst durch Formen medialer Öffentlichkeit, die sich Monopolisierungsstrategien weitgehend entziehen. 157 Die hier zur historischen Spezifizierung des Restabilisierungsmechanismus skizzierte Substitution religiöser durch medial-öffentliche Legitimation stellt natürlich eine starke Vereinfachung des tatsächlichen Institutionenwandels dar, der andere (stärker organisationsbasierte) evolutionäre Errungenschaften der modernen Gesellschaft einschließt. Hinzuweisen ist v.a. auf positives – also ohne religiöses Fundament auskommendes - Recht und repräsentative – also Hierarchie nicht religiös „von oben“ sondern mikrofundiert legitimierende - Demokratie als Parallelentwicklungen. Beide weisen ja auch funktionsspezifische Teilöffentlichkeiten auf. 158 153 Dies gilt trotz ihrer kulturell erhöhten Toleranz auch für die sogenannten Weltreligionen. Ihre vielfältig formulierten Friedensbotschaften sind noch stets mit der Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterlegt. 154 S. nur den gegenwärtig in Europa ausgetragenen Streit über die Frage, ob es bei dem symbolischen Tragen von Kopftüchern um ein schützenswertes Individualrecht auf Religionsausübung oder um ein gegen die Menschenrechte verstoßendes öffentliches Bekenntnis zur Ungleichbehandlung der Geschlechter handelt. 155 Dies behaupten Sozialtheoretiker des Kommunitarismus s. ... 156 Auf die asymmetrische Ego-Alter-Konstellation werterationalisierender Kommunikation habe ich in idealtypischer Gegenüberstellung mit zweckrationalen Formen der Organisation im 2. Abschnitt schon hingewiesen. 157 Die Beispiele staatlich monopolisierter oder zensierten Medienöffentlichkeiten zeigen, dass sie auf diese Weise auch ihre restabilisierende Funktion weitgehend einbüßen. 158 Dass es hier letztlich um dieselbe institutionenbildende Funktion geht, wird bereits in den programmatischen Formulierungen Kants deutlich, wenn er „den Hauptpunkt der Aufklärung, die des Ausganges der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, vorzüglich in Religionssachen“ setzt und den Staat lobt, der es seinen Untertanen erlaubt, „von ihrer eigenen Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen“. (Kant-Werke Bd. 11 S. 60 f.) Die Funktion von Publizität besteht für Kant in der «Vereinigung der Zwecke aller» zu einem kollektiven Gesamtwillen des Publikums als Staatsbürgergesellschaft, eine Funktion, die der Genese eines Gemeinwesens aus Gewalt-


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Diese umwälzende Bedeutung der Verlagerung der Legitimationsfunktionen in Medien der Öffentlichkeit ist besonders von Jürgen Habermas herausgestellt worden159 : „Kommunikationstechnologien, wie zunächst Buchdruck und Presse, dann Radio und Television, machen Äußerungen für beinahe beliebige Kontexte verfügbar und ermögIichen ein hochdifferenziertes Netz von lokalen und überregionalen, von literarischen. wissenschaftlichen und politischen, von innerparteilichen und verbandsspezifischen, von medienabhängigen oder subkulturellen Öffentlichkeiten. In Öffentlichkeiten werden Prozesse der Meinungs- und Willensbildung institutionalisiert. die, so so spezialisiert sie sein mögen, auf Diffusion und wechselseitige Durchdringung angelegt sind. Die Grenzen sind durchlässig; jede Öffentlichkeit ist zu anderen Öffentlichkeiten hin auch geöffnet. Ihren diskursiven Strukturen verdanken sie eine kaum verhohlene universalistische Tendenz. Alle Teilöffentlichkeiten verweisen auf eine umfassende Öffentlichkeit, in der die Gesellschaft im ganzen ein Wissen von sich ausbildet."

Die restabilisierende Wirkung moderner Öffentlichkeit beruht u.a. darauf, dass sie die in den innergesellschaftlichen Selektionsprozessen entstandenen Unterscheidungen zugleich fortlaufend thematisiert und transzendiert. Habermas irrt allerdings, wenn er ihre legitimatorische Funktion in normativer Absicht an Strukturen der Kommunikation nach dem Muster der Interaktion unter Anwesenden bindet. Die modernen Formen öffentlicher Kommunikation weisen (nicht zufällig) die gleiche asymmetrische Struktur auf wie die traditionalen Formen religiöser Offenbarungskommunikation. Die Asymmetrisierung der Kommunikation in modernen Massenmedien ist kein Ausdruck ihres Verfalls – der Abweichung vom Ideal der Reziprozität in der Diskussion unter Anwesenden160 – sondern Bedingung ihrer Wirksamkeit als moderne Form der kulturell erweiterten Gruppenidentifikation – wie im Folgenden zu zeigen. Es erscheint als typisches Merkmal der modernen Gesellschaft, dass der Latenzschutz ihrer Instititutionengebilde sich in den Formen der öffentlichen Kommunikation lockert. Institutionen werden laufend beobachtet, beschrieben und damit der Selektion in einem Wettbewerb (zweiter Ordnung) ausgesetzt. Dieser Wettbewerb der Institutionen wird auf der Makroebene begrenzt und auf der Mikroebene erweitert durch funktionale Differenzierung. Funktionale Differenzierung erscheint auf der Makroebene als eine neue Form des Latenzschutzes, die sicherstellt, dass z.B. Organisationen der Wirtschaft mit denen der Politik, Instititionen der Politik mit denen der Religion etc. nicht mehr konkurrieren sondern eine funktionale Autonomie erlangen. Der auf der Mikroebene freigesetzte Wettbewerb ist – wegen seiner Ungleichheit fördernden Wirkungen – in hohem Maße legitimationsbedürftig. Diese Legitimation erfolgt in der modernen Gesellschaft selbst unter Berufung auf das Prinzip funktionaler Differenzierung und innerhalb funktionsspezifischer Teilöffentlichke iten. Wenn die Konkurrenz individueller und kollektiver Akteure um knappe Ressourcen durch staatliche Regulierung in (die pazifizierten) Formen des Wettbewerbs gebannt wird, dann stehen dafür die tradierten Mittel der Legitimation durch Identifikation mit der jeweiligen sozialen Einheit selbst (ihrer „gerechten“ Ordnung etc.) nicht zur Verfügung. Legitimität muss durch institutionelle Vorkehrungen legitimiert werden, die sich auf die Definition der jeweils funktionsspezifisch im Wettbewerb erbrachten Leistungen beziehen. Diese Definitionen verwenden einen generalisierenden Bezug auf Leistungen, deren letztlich immer partikulare Substanz durch ihre Verrechtlichung als eine neue Form des Latenzschutzes verborgen bleibt. Die Legitimationswirkung beruht immer noch auf der unterstellten Substanz. Diese substantielle Oruientierung kommt in den autonomisierten Positivwerten der Funktionsbereiche (Eigentum und Zahlungsfähigkeit in der Wirtschaft, demokratisch legtimierte Macht in der Politik, Wahrheit in der Wissenschaft etc. ) zum Ausdruck. Operativ wird jedoch die Legitimation durch

verhältnissen aber nicht zuwiderläuft, sondern es zur moralischen Anstalt weiterbilden soll. - So L. Hölscher im Artikel „Öffentlichkeit“ des Hist. Wörterbuchs der Philosophie (Ritter u.a.) unter bezug auf Kants Schrift über den ewigen Frieden. 159 Zunächst 1962 in Strukturwandel der Öffentlichkeit und dann in modifizierter Form in Habermas 1996, aus dem das Zitat. S. 417 stammt. Zu Formen der Öffentlichkeit in der Weltgesellschaft s. Stichweh 2002 [und Eder ...] 160 Dass interaktive Reziprozität die Orientierungsfunktion der Öffentlichkeitsmedien eher gefährdet, wird heute vielfältig beobachtet, seit in den neuen digitalen Medien auch Interaktivität mit technischen Mitteln herstellbar ist.


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Verfahren,161 und auf diese Weise der Partikularismus substantieller Orientierungen durch universell verwendbare Institutionen ersetzt. Diese Subsitution der institutionellen Orientierungen erfolgt in einem Institutionenwettbewerb, der in den Medien und Formen moderner Öffentlichkeit stattfindet. Das formale, nur auf Konsistenzanforderungen gebaute Recht ersetzt ältere lokal gebundene Rechtstraditionen. Bezogen auf den Staat als Inhaber des Gewaltmonopols tritt anstelle theokratischer Legitimation die Population selbst als Quelle kollektiv bindender Entscheidungen. 162 Andererseits werden viele Entscheidungen – einschließlich der Entscheidung über die politische Herrschaft selbst – dem Wettbewerb in funktionsspezifisch ausdifferenzierten Teilöffentlic hkeiten überlassen. Symbolisch generalisierte Medien wie Geld, Macht, Wahrheit etc.163 entfalten ihre Steuerungswirkung für die moderne Gesellschaft in Märkten der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft etc. durch spezifische Formen der Publikumsbeteiligung, die ohne die technischen Mittel der Massenkommunikation nicht möglich wären. Die Dezentrierung staatlicher Regulierungsmacht in funktionsspezifische Formen des Wettbewerbs kann sich institutionell nur stabilisieren unter der Voraussetzung, dass jenseits der staatlichen Sanktionsregime sich neue Formen der Sanktionierung herausgebildet haben. Diese Formen zeigen sich insbesondere in den Formen der öffentlichen Billigung und Mißbilligung. Der Kontrollkosten sparende Effekt von Öffentlic hkeit lässt sich auch darauf zurückführen, dass diese Form der Sanktionierung an die primordialen Formen der Bestrafung abweichenden Verhaltens in kleinen Einheiten wiederanknüpft. 164 Auch die moderne Form der Öffentlichkeit bezieht ihre legitimierende Kraft nicht aus reziproken Interaktionen (i.S. basaler Wechselseitigkeit 165 ) sondern aus Identifikationen (i.S. basaler Einseitigkeit). In diesem Sinne ist Öffentlichkeit die moderne Form der kulturell erweiterten Gruppenidentifikation. Der institutionenbildende Effekt von Öffentlichkeiten beruht auf einer in hohem Maße asymmetrischen Konstellation der Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern. 166 Die Behandlung von Themen ist dabei selbst als ein Wettbewerb (zweiter Ordnung) veranstaltet, in dem das Publikum (bei sehr geringer Investition auf seiten der anonymisie rten Einzelnen) entscheidet, welche Beiträge angenommen oder abgelehnt werden. Mit der Annahme und Ablehnung von Themen ergibt sich wie von selbst der Gebrauch der damit transportierten (kognitiven und normativen) Unterscheidungen, die sich zu Institutionen der soziokulturellen Umwelt verfestigen. Der in Medien und Formen der Öffentlichkeit ausgetragene Wettbewerb der Institutionen erscheint als ein quasi-natürliches, nämlich Kontrollkosten sparendes Mittel, um den Legitimationsbedarf zu stillen, der durch den Wettbewerb der Akteure auf der Mikroebene ausgelöst wird. Die Formen des Wettbewerbs (erster und zweiter Ordnung) sind auf diese Weise rekursiv miteinander verknüpft. In den Medien und Formen moderner Öffentlichkeit hat sich ein Typ von Beobachtungen (zweiter Ordnung) herausgebildet und zu Institutionen verdichtet, der sich deutlich unterscheidet von älteren Strukturen der Kommunikation auf der Makroebene und der in erheblichem Maße auch die Formen der Kommunikation auf der Mikroebene verändert. Die typische Wirkung von Institutionen auf der Mikroebene lässt sich beschreiben als implizites Wissen, das in Handlungen zum Tragen kommt, den Handelnden selbst aber normalerweise reflexiv gar nicht verfügbar ist. Dieser Latenzschutz der Institutionen wird jedoch auf der Makroebene aufgebrochen: das implizite Wissen wird reflektiert, in öffentlicher Diskussion expliziert, und dabei verfestigt oder aufgelöst. Die Richtung der Veränderung (die 161 S. Luhmanns vielzitierte Formulierung .... 162 Theokratische Legitimationsmuster sind leichter zu vereinbaren mit den unbeabsichtigten Nebenfolgen politischer Entscheidungen. 163 Vgl. die Medientheorien von Parsons und Luhmann, die jedoch weitgehend ohne Bezug auf die Funktion der Öffentlichkeit und die Medien der Massenkommunikation formuliert wurde. 164 Das primordiale Muster der wechselseitigen Sanktionierung in Interaktionskontexten kehrt unter den Bedingungen der mediengestützten Massenkommunikation – etwa in den Formen der Skandalisierung – als asymmetrisches Sanktionsregime wieder. [s. Imhoff ...] 165 Die Fundierung in reziprok-interaktiver Kommunikation wird von Habermas kontrafaktisch behauptet s. zuletzt 1998, S. ... 166 Sie ist gerade wegen dieser Asymmetrie auch kompatibel mit der Annahme eigennütziger und opportunistischer Handlungsentscheidungen der Rezipienten.


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universalistische Tendenz) besteht zunächst in dem gesteigerten Anteil symbolisch generalisierter, funktionsspezifischer Unterscheidungen mit Bezug auf die innergesellschaftliche Umwelt. Die kulturellen Institutionengebilde lösen sich in einem historisch nie zuvor gekanntem Maße von der raum-zeitlichen Situiertheit der Populationen, von ihren natürlichen Umweltbeschränkungen ab: sie werden dadurch dekontextualisiert, symbolisch generalisiert und sachlich respezifiziert. Die Entwicklung von kulturell erweiterten Form der Identifikation hat in evolutionstheoretischer Hinsicht die Funktion, die funktional verselbständigten Strukturen der Makroebene mit den eingelebten Strukturen der Mikroebene zu verknüpfen. Die Gemeinsamkeit des Identifikationsmechanismus von Stammesgesellschaft über traditionelle bis zur modernen Gesellschaft ist in der konstitutiven Asymmetrie der Ego-Alter-Konstellation und dem Latenzschutz für institutionelle Erwartungen zu erkennen. Die Differenz zwischen traditionellen und modernen Formen der kulturell erweiterten Gruppenidentifikation ist in der technisch erweiterten Basis der Massenmedien und in der reflexiven Durchdringung der Traditionsbestände zu sehen. Der wichtigste Schritt auf diesem Weg zur modernen Gesellschaft ist die Ablösung des Institutionenpools der Population von transzendenter religiöser Fundierung zugunsten der Selbstvererehrung der Gesellschaft in der Form der Nation (des nationalen Staatsvolks). Ist dieser Schritt ins Diesseits einmal vollzogen, kann sich kein Institutionengebilde mehr dem „Säurebad“ der Öffentlichkeit entziehen. Der Latenzschutz für bestimmte kollektiv institutionalisierte Erwartungen gilt nur noch unter dem Vorbehalt, dass der Traditionsbestand nicht ins Visier der öffentlichen Überprüfung gerät. Dies kann jedoch niemals für den Instititutionenpool insgesamt geschehen. Dafür ist der Institutionenpool soziokultureller Populationen zu komplex geworden. Komplexität wird zu einer sekundären Form des institutionellen Latenzschutzes.

- noch zu Universalismus und Partikularismus, Konvergenz und Divergenz Talcott Parsons hat in seiner strukturfunktionalistischen Theorie der modernen Gesellschaft für die Beschreibung der kulturellen Orientierungen ein Konsistenzpostulat aufgestellt, aus dem sich eine Tendenz zur Bevorzugung universalistischer Wertmuster in der Moderne ableitet. Es gibt bei Parsons allerdings keine evolutionstheoretische Erklärung für diese Tendenz. 167 Die

167 Zitat aus Talcott Parsons, 1958, S.282-301 „Allgemeine Aussagen über die Rolle von Normen im Zusammenhang mit der Stabilität von Systemen sozialer Interaktion sind in zweifacher Hinsicht möglich: erstens im Hinblick auf die Konsistenz des Normensystems, das den Interaktionsprozeß steuert. Wichtigster Bezugspunkt für die Behandlung dieses Problems sind die Ziel-Orientierungen der Einzelmitglieder. Soll das Normensystem konsistent sein, so brauchen die Mitglieder innerhalb ziemlich weiter Grenzen zwar nicht die gleichen Ziele zu verfolgen, aber sie dürfen auch nicht in zu großem Ausmaß nach Zielen streben, die - hinsichtlich ihrer Realisierung - miteinander unverträglich sind. Ein Normensystem, das die Stabilitätsbedingungen eines Interaktionssystems wirksam festlegen soll, muß auch die von den im System interagierenden Einheiten zu verfolgenden Ziele festlegen - zumindest insofern, als es Grenzen hinsichtlich der gegenseitigen Vereinbarkeit dieser Ziele setzt. Doch ist die Konsistenz nicht nur abhängig von den durch die Einheiten verfolgten Zielen: sie hängt auch mit den Aktionen zusammen, die diese Einheiten im Verlauf der Verwirklichung ihrer Ziele im Verhältnis zur Umwelt des Systems oder anderen systemzugehörigen Einheiten unternehmen. Die normativen Definitionen der Situation - dazu gehören Zielbestimmungen, adaptive oder instrumentelle Verfahrensweisen sowie integrierendes oder zwischen Einheiten stattfindendes Handeln - müssen folglich in ihrer Zuordnung ganz allgemein konsistent sein. Das gemeinsame Wertsystem eines Verhaltenssystems besteht nach meiner Definition aus einem derartigen allgemeinen Normensystem, das all diese mannigfaltigen funktionalen Zusammenhänge von Relevanz einschließt. Ich habe meine Aussagen hier im Hinblick auf ein Interaktionssystem, d.h. ein Sozialsystem formuliert, aber sie gelten gleichermaßen für jedes Aktionssystem, d.h. auch für Persönlichkeitssysteme. Die Spezifizierung erlernter Ziele, spezielle Normen und die allgemeingültigen Wertstrukturen, die Normen und Ziele umfassen, sind Kernbestandteile der gemeinsamen Kultur eines Systems sozialer Interaktion. Doch selbst diese drei bilden noch nicht die Gesamtheit dessen, was man gewöhnlich unter gemeinsamer Kultur versteht. Geht man allerdings von ihren Funktionen für das Interaktionssystem aus, so bilden sie ihren Kern.“ In späteren Passagen dieses Textes bezeichnet Parsons das Konsistenzpostulat i.S. der Funktion der „Strukturbewahrung“ als eine von zwei Quellen des Wandels – wenn sich die (normative Struktur der) Umwelt wandelt, muß um der Konsistenz willen auch ein Wandel im Teilsystem erfolgen. Die zweite Quelle des Wandels sieht P. im Persönlichkeitssystem, in der persönlichen Fähigkeit zur Kontrolle von Spannungen, die durch Rollenkonflikte ausge-


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Unterscheidung zwischen universalistischen und partikularistischen Orientierungen wird von ihm (im Anschluss an Beobachtungen in Kleingruppen) als analytische Unterscheidung eingeführt. Im Rahmen der hier skizzierten Argumentation wird diese Unterscheidung auf die evolutionäre Tendenz zur Ausdehnung der Gesellschaft selbst zurückgeführt. Auch wenn Universalismus als historisch dominante Linie innerhalb der soziokulturellen Sonderevolution erscheint, geht es bei dem Thema Universalismus versus Partikularismus um eine prozessierende Einheit, eine Dichotomie, die aus Gründen der Eingebettetheit der soziokulturelle Evolution nicht aufgelöst werden kann. Die Frage, wie weit sich die für funktional differenzierte Gesellschaften typische Tendenz zur Angleichung der kulturellen Ordnung - global und unter Berücksichtigung ihrer natürlichen Bedingungen auf dem Planeten – durchsetzen kann, muß in evolutionstheoretischer Perspektive offengelassen werden. Der Geltungsanspruch universalistischer Institutionen kann stets nur staatlich befriedeten und regulierten Rahmen durchgesetzt werden. Jenseits dessen konkurrieren die Institutionen-Komplexe ganzer Staaten. In diesem nur schwach – weil ohne zentrales Gewaltmonopol – regulierten Wettbewerb sind sowohl Tendenzen der Angleichung der Institutionenkomplexe aber auch Gegentendenzen zu beobachten. In der sozialwissenschaftlichen Diskussion über die Entwicklung transnationaler Strukturen und Institutionengebilde stehen Analysen, die zunehmende Konvergenz erwarten, anderen (Analysen) gegenüber, die zumindest ebenso starke Divergenzannahmen stützen. Je ausgedehnter die Bezugseinheit (europäische oder globale Entwicklungen) desto schwerer erscheint es, die diesbezüglichen theoretischen Annahmen empirisch abzusichern. Hier wird vorgeschlagen, die Erklärung von Konvergenzen und Divergenzen auf verschiedene Ursachenketten – also kausal von einander unabhängig wirkende Mechanismen der soziokulturellen Evolution zu beziehen: Konvergenz auf Mechanismen des Wettbewerbs und Divergenz auf Mechanismen der Identifikation. Die in funktional differenzierten Gesellschaften dominierende Tendenz zur Konvergenz der Umweltbedingungen muß als eine evolutionär hochriskante Entwicklung, i.S. der Entfernung der soziokulturelle Evolution von ihren Voraussetzungen in der Evolution der Lebewesen betrachtet werden. Die Reproduktion und Regeneration divergenter partikularistischer Orientierungen auch und gerade unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft ist empirisch nicht zu bestreiten. In evolutionstheoretischer Perspektive könnte dies als eine Entwicklung interpretiert werden, in der die evolutionären Risiken der in der modernen Gesellschaft dominanten Tendenz zur Konvergenz der institutionellen Strukturen abgebremst und aufgefangen werden. Im Vordergrund der Betrachtung muss jedoch zunächst das durch die gleichzeitige Gegebenheit von universalistischen und partikularistischen Orientierungen gesteigerte Konfliktpotential moderner Gesellschaften stehen. Die Frage, ob den Identifikationsangeboten des Verfassungspatriotismus, des Wertepluralismus u.a. Formen der „Zivilreligion“ der Charakter universalistischer Institutionenkomplexe zugesprochen werden kann, und ob sie als solche auch tragfähig sind, ist umstritten. In evolutionstheoretischer Perspektive kann wohl nur gesagt werden, dass entweder ein - mehr oder weniger friedlicher - Ausgleich zwischen universalistischer und partikularistischer Tendenz gefunden wird oder eben nicht. Krieg - bis hin zur Auslöschung der jeweils Anderen (Andersartigen) - bleibt eine Option der modernen Weltgesellschaft, solange es keinen durch ein zentrales Gewaltmonopol abgestützten Weltrechtsstaat gibt.

- Identifikation über Personen Je mehr sich eine Makroebene der menschlichen Kommunikation mit sehr großen sozialen Einheiten gegenüber einer Mikroebene des Handelns und Erlebens verselbständigt, desto abstrakter und komplexer werden die Institutionengebilde, die das Funktionieren des Netzwerks der Kommunikation ingesamt sichern. Um die Wirkung der Medien und Form der löst werden. Hierauf ist im letzten Abschnitt unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Organisation von Bildungsprozessen zurückzukommen.


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Öffentlichkeit als Restabilisationsmechanismus zu verstehen, bleibt noch eine (allerdings entscheidende) Frage zu klären: wie es zur Wiedereinbettung der Institutionengebilde in den geteilten Sinnvorrat kommen kann, den Individuen als Teilnehmer am kommunikativen Netzwerk der Gesellschaft als selbstverständlich voraussetzen und in ihren kommunikativen Operationen auf der Mikroebene verwenden.. Wie in der bisherigen Beschreibung der rekursiven Verknüpfung evolutionärer Mechanismen gilt auch für den hier skizzierten Mechanismus der Restabilisation (dessen Bezeichnung schon auf Rekursivität verweist) dass durch seine Wirkungen auch die Bedingungen für die anderen Mechanismen sich nachhaltig verändern. Eine wichtige Wirkung von Medien und Formen der Öffentlichkeit in der modernen Gesellschaft ist in der rückwirkende Veränderung des Selektionsmechanismus durch den Mechanismus der Restabilisierung zu sehen. Öffentlichkeit wird zu einer konstitutiven Voraussetzung des Wettbewerbs innerhalb soziokultureller Umwelten. Die durch Öffentlichkeit erweiterten Formen der Identifikation ermöglichen eine bisher ungekannte Entschränkung von Wettbewerb auf der Mikroebene der Kommunikation. Eine (hier nicht zu vernachlässigende) Folge dieser Entschränkung ist der wachsende Wettbewerbsdruck, der auf die einzelnen Individuen innerhalb ihrer soziokult urellen Umwelt ausgeübt wird. Menschliche Individuen sind in der modernen Gesellschaft einem doppelten Druck ausgesetzt: Auf der Mikroebene werden sie unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung einem zunehmenden Wettbewerbsdruck ausgesetzt und damit als Personen vereinzelt. Auf der Makroebene werden ihnen zugleich die traditionellen Mittel der Gruppenidentifikation entzogen. Funktionale Differenzierung wirkt hier als Entzug der traditionell durch die Bildung kleinerer sozialer Einheiten innnerhalb der Population gebotenen Identifikationsmöglichkeiten. Die individuellen Teilnehmer am kommunikativen Netzwerk der Gesellschaft müssen sich in funktionsspezifisch ausdifferenzierten Teilnehmerrollen an verschiedenen Teilsystemen zugleich orientieren. 168 Sie werden auf diese Weise gezwungen, sich sich selbst als Einheit zu verstehen, die diese verschiedenen Funktionen integrieren kann. 169 Wie ist es aber möglich, sich selbst als Einheit, als unteilbar zu verstehen, wenn die Gesellschaft, in der man agiert und die soziokulturelle Umwelt, an der man sich orientiert, in ganz verschiedenartige Teile zerfällt? Die Funktion der Medien und Formen moderner Öffentlichkeit könnte gerade in Formen der Kommunikation bestehen, an denen sich (selbst- und fremdbezüglichen) Einheitsvorstellungen der Individuen orientieren und entfalten können. 170 Auch wenn diese Beschreibung zunächst paradox erscheint: Die kleinste soziokulturelle Einheit bilden unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung nicht mehr Gruppen sondern Individuen. 171 Wenn hier bisher – in Anlehnung an die Formulierungen der Kulturanthropologen – der Restabilisierungsmechanismus mit Bezug auf erweiterte Formen der „Gruppen“-Identifikation bezeichnet wurde, so muß diese Bezeichnung im Hinblick auf die mediengestützten Formen der Identifikation in der modernen Gesellschaft korrigiert (von der historischen Spezifikation auf Gruppen abstrahiert) werden, da hier in zunehmendem Maße 168 Vgl. die Formulierung zu Überlebensvorteilen durch „Hybridität“ bei Carvalli-Sforza S. 62. Unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung sind es aber nicht die Völker sondern die Individuen, die hinschtlich ihrer institutionellen Merkmalsausprägungen hybridisiert werden. Das verweist darauf, dass Individualität in der soziokulturellen Evolution selbst zur Institution geworden ist. 169 Dieses Phänomen ist in der Luhmannschen Differenzierungstheorie als Individualisierung durch Exklusion bezeichnet worden. Es fehlt allerdings eine Beschreibung des damit verbundenen Identifikationsmechanismus. 170 Das Argument, dass die Öffentlichkeitsmedien eine realitätsverbürgende Funktion für die Gesellschaft insgesamt haben, findet sich bei Luhmann, ... Die Realität der Massenmedien. Hier anschließend, aber integrative Funktionen herausstellend Hellmann, .... 171 Ein Umstand, auf den bereits Simmel verwiesen hat: „Die numerisch einfachsten Gestaltungen, die überhaupt noch als soziale Wechselwirkungen bezeichnet werden können, scheinen sich zwischen je zwei Elementen zu ergeben. Dennoch gibt es ein äußerlich angesehen noch einfacheres Gebilde, das unter soziologische Kategorien gehört; nämlich – so paradox und eigentlich widerspruchsvolll es scheint – den isolierten Einzelmenschen.“ Simmel, 1968, S.55 - Simmels Bezeichnung von Individuen als soziale Einheiten kann auch als methodologische Prämisse verteidigt werden, wenn man die historische Dimension darin berücksichtigt, also die soziale Genese der Individualität nicht nur abstrakt vorausssetzt sondern i.S. der historischen Entwicklung von Selbst- und Fremdwahrnehmungen (im Anschluss an G.H.Mead) entfaltet. Diese historische Dimension der Individualität gilt – bei allen Unterschieden im Zeithorizont – auch schon für die Betrachtung von Individuen als organische Einheiten - vgl. in evolutionsbiologischer Perspektive Wieser, 1998.


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nicht mehr die Merkmale von Gruppen sondern die Merkmale einzelner Personen zu Objekten der Identifikation werden. 172 An die Stelle der Gruppe als phänotypischer Träger von Merkmalen des Institutionenpools tritt zunehmend das einzelne Individuum als soziokulturelles Konstrukt. Dies schlägt sich auch in den Medien und Formen der Öffentlichkeitskommunikation – auf beiden Seiten ihrer asymmetrischen Struktur – nieder. Die restabilisierende Identifikation erfolgt über - gewissermaßen medial vergrößerte - Personen. Funktionale Differenzierung verringert zwar den Institutionenwettbewerb der Akteure auf der Makroebene durch Ausdifferenzierung funktionsspezifischer Sonderumwelten. Sie steigert aber auch die materielle und kognitive Belastung der Individuen durch erhöhten Wettbewerbsdruck und die Vermehrung der symbolischen Umweltbezüge. Nicht alle Probleme, die aus der doppelten Belastung der Individuen in der modernen Gesellschaft erwachsen, können durch den Restabilisierungsmechanismus der soziokulturelle Evolution aufgefangen werden. Das Risiko wird manchmal abgemildert, häufig aber auch in konfliktiver Weise verschärft durch den Fortbestand (und die fortgesetzte Verwendung) von älteren Identifikationsmustern im Institutionenpool der Populationen, die noch aus segmentären und stratifikatorischen Formen der soziokulturellen Umweltdifferenzierung stammen. Die Anforderungen des modernen Wertepluralismus und die Überforderung kognitiver Verarbeitungskompetenzen durch seine unvollständige Implementation führen zur Regression auf ältere Differenzierungsformen i.S. ethnisch und religiös motivierter Konflikte. Dies zeigt noch einmal, dass die Ausdehnung der Gesellschaft eine evolutionär riskante Strategie darstellt. Das Risiko der hier skizzierten Entwicklung wird allerdings auch reduziert durch Weiterentwicklungen des basalen Replikationsmechanismus der soziokulturellen Evolution. Für die auf der Makroebene emergierenden Institutionengebilde findet in den Prozessen ihrer Replikation – in den Medien und Formen der intergenerativen Tradierung - auf der Mikroebene ein ständiger Kompatibilitätstest statt, der über ihre Fortsetzbarkeit entscheidet. Die Weiterentwicklung des Replikationsmechanismus ist das Thema des nächsten und letzten Abschnitts.

5. Tradierung als Mechanismus der Replikation und Kompatibilität Dass das menschliche Leben zu kurz ist, um alles zu lesen, was man wissen müsste, ist eine Klage, die mit der Verbreitung des Buchdrucks aufgekommen und seitdem nicht mehr verstummt ist. Sie bezeichnet zugleich die soziokulturelle Seite des evolutionären Engpasses, um den es bei der Beschreibung von Tradierung geht. Die Beobachtungen und Beschreibungen zweiter Ordnung, die auf der Makroebene der Kommunikation gebraucht und in Medien und Formen der Öffentlichkeit verdichtet werden, gewinnen die für Institutionenbildung erforderliche Selbstverständlichkeit von Voraussetzungen der Kommunikation erst durch ihre Einbettung in Strukturen des Erlebens und Handelns auf der Mikroebene. Im Sinne einer Mikrofundierung des evolutionstheoretischen Ausdehnungsmodells kann also gesagt werden, dass die symbolisch generalisierten Konstruktionen der Makroebene abhängig bleiben von ihrem Gebrauch in Alltagsstrukturen der Kommunikation auf der Mikroebene. Über ihre Einbettung in den geteilten Institutionenpool durch kulturell erweiterte Formen der Identifikation hinaus müssen die soziokulturellen Selektionen auch an das ontogenetisch verfügbare Potential menschlicher Individuen angepasst (i.S. pädagogischer Terminologie „kindgerecht“ gemacht) werden. Unter diesem Aspekt kommt hier noch einmal173 der für die soziokulturelle Evolution grundlegende Mechanismus der Replikation ins Blickfeld. Der Mechanismus der Replikation durch Tradierung setzt mit der Restabilisation institutioneller Differenzierungen auf der Makroebene koevolutionär das Individualisierungspotential bereits voraus, das sich aus der Teilnahme von Individuen an den hochvariablen Prozessen der Kommunikation auf der Mikroebene und aus der Exklusion von Individualität in der Teilnahme

172 Dies ist eine Tendenz, die in den Medienwissenschaften als zunehmende Personalisierung (zB. in Bezug auf Vertrauensbildung durch „anchormen“) beobachtet und in kulturkritischer Absicht häufig als sachlich unangemessen („Starkult“ und „Verfall“ der Öffentlichkeit) bewertet wird. 173 Vgl. die entsprechenden Ausf. im 1. Abschnitt


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an den hochselektiven Prozessen der Kommunikation auf der Makroebene ergibt. Tradierung kann den Wechsel von der Makro- zur Mikroebene nur dadurch vollziehen, dass Institutionen in vielfältig verschiedenen Formen der Kommunikation auf der Mikroebene aus der individuellen Teilnehmerperspektive reaktualisie rt werden. Das Erleben der Kommunikation wird hier selektiv gefiltert durch vergangenes (biographisch verankertes) Erleben und durch die Handlungskontexte, in die die Individuen gleichzeitig involviert sind. Deshalb wird schon in der massenmedialen Organisation von Öffentlichkeit die lokale Handlungsrelevanz von Nachrichten berücksichtigt, und deshalb wird in der pädagogischen Organisation von Bildungsprozessen empfohlen, am (raum-zeitlich beschränkten) Handeln der Individuen anzusetzen. Die Replikation von Institutionen setzt also eine Reaktualisierung der institutionell verselbständigten Formen des kollektiven Erlebens in (primordialen) Formen der Kommunikation voraus, die ihre Handlungs- und Erlebenskomponenten noch in unmittelbarer Verknüpfung aufweisen. Am Thema der intergenerativen Tradierung ist sowohl die Einheit der natürlichen und kulturellen Evolution wie auch die spezifische Differenz ihrer Mechanismen zu entfalten: Das gemeinsame – und ihre Einheit verbürgende – Moment besteht in dem Engpass-Charakter der Replikationsfunktion: der Weitergabe der Molekulareinheiten von Generation zu Generation, die den Engpass der Geburt und Erziehung neuer Individuen passieren muß. Die Unterschiede (insbesondere des Tempos evolutionärer Veränderungen) ergeben sic h aus der grundlegenden Verschiedenheit der Mechanismen der Vererbung von Genen und der Vererbung von Institutionen. Ebenso wichtig sind aber auch die andauernden Abhängigkeiten der kulturellen Evolution von natürlichen Gegebenheiten, die sich in der Replikationsfunktion in besonderer Weise zu erkennen geben. Vor diesem Hintergrund lassen sich die kulturellen Errungenschaften der menschlichen Sozialität als Mittel zur Erreichung der „Ziele“ der genetisch-organischen Evolution – der Selbstausbreitung von Populationen unter Umweltbeschränkungen – interpretieren. Diese Eingebettetheit kann auch als der Grund dafür angesehen werden, dass die in der Evolutionsbiologie entwickelten Beobachtungsinstrumente sich in plausibler Weise auf Phänomene der soziokulturellen Entwicklung des Menschen anwenden lassen.

– Kulturelle und natürliche Replikation Der Umstand, dass Menschen nicht nur in höherem Maße als andere Lebewesen dazu fähig sind, aus Umwelterfahrungen zu lernen sondern auch die Ergebnisse ihrer Lernprozesse an nachwachsende Generationen weiter zu geben, wird häufig als ein Unterscheidungsmerkmal der soziokulturellen Evolution angesehen. Es soll die Entkoppelung der soziokulturellen Phänomene von den Bedingungen der organischen Evolution anzeigen. Eine solche Interpretation verkennt jedoch, dass derselbe Umstand auch die andauernde Abhängigkeit der soziokulturellen Evolution von den Bedingungen der organischen Evolution markiert. Denn gerade in den Prozessen der intergenerativen Tradierung ist ein Filter eingebaut, in dem organische und genetische Beschränkungen des ontogenetischen Lernpotentials wirksam werden. So haben nicht alle Erweiterungen des Institutionenpools der Populationen die gleiche Chance in individuellen Sozialisationsprozessen tradiert zu werden. Die ontogenetisch verankerte Lernkapazität ist beschränkt – insbesondere hinsichtlich der Aneignung universalistischer Orientierungen, die für das Größenwachstum sozialer Einheiten so sehr benötigt werden. In evolutionstheoretischer Perspektive ist Tradit ion nicht nur als gegebener Wissensvorrat sondern vor allem als Vorgang der Überlieferung zu betrachten. Hier steht also nicht der Inhalt, das Was des kulturellen Gedächtnisses sondern das Wie seiner Überlieferung im Vordergrund. In der intergenerativen Form der Tradierung liegt – wegen der naturalen Beschränkungen in der ontogenetischen Aneigung der Institutionen – ein Test der kulturell erweiterten Gruppenselektion auf ihre Rückkoppelbarkeit an einfachere und primordiale Mechanismen der soziokulturellen Evolution vor. Es handelt sich bei der hier beschriebenen Funktion der Replikation nicht nur um einen grundlegenden sondern in gewisser Weise auch primordialen Mechanismus der soziokulturellen Evolution. Ich bezeichne den Replikationsmechanismus der intergenerativen Tradierung als


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primordial, weil die in den vorhergehenden Abschnitten beschriebenen Mechanismen der Variation, Selektion und Restabilisation kausal voneinander unabhängig wirken, während in diesem Mechanismus Variations- und Selektionseffekte im selben kausalen Zusammenhang zu beobachten, also noch nicht als gesonderte Mechanismen ausdifferenziert sind. Diese Wirkungsweise des Replikationsmechanismus zeigt sich auf der Mikroebene der Kommunikation im Bezug auf die kognitiv-emotionalen Ressourcen der individuellen Teilnehmer. Die dominante Wirkung ist selektiv i.S. der kopiergetreuen Weitergabe institutionellen Wissens von Generation zu Generation. Jedoch passieren hier – ähnlich den Mutationen im genetischen Code individueller Organismen – Kopierfehler, Variationen, die durch abweichende Sozialisationsprozesse in der Form der Teilhabe am kommunikativen Netzwerk der Populationen ausgelöst werden. Der Vorgang der Tradierung wirkt als primordialer Selektions- und Variationsmechanismus im Medium der kognitiven Strukturen der individuellen Teilnehmer. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis der Kommunikationsteilnehmer - einschließlich des Gebrauchs, den sie von technisch externalisierten Gedächtnisspeichern machen – bilden knappe Resourcen, die zu Umweltbeschränkungen der Kommunikation werden. Replikation vollzieht sich als Reproduktion vorausgesetzter Institutionen in jeder Teilnahme von Menschen an Kommunikation – sowohl in ihrer Nahwelt wie in ihrer Fernwelt. Sie vollzieht sich im Wettbewerb der Akteure auf der Mikroebene und auch in den medialen Formen der Öffentlichkeit. Unter dem Gesichtspunkt ihrer Konkurrenz mit den interaktionsgestützten Medien der Pädagogik werden insbesondere Letztere in der modernen Gesellschaft eher mißtrauisch beobachtet. Die operative Geschlossenheit von Institutionen als Verknüpfungen der Kommunikation wir d durch die primordiale Variation in Prozessen der Sozialisation nicht berührt. Diese Variation erfolgt ja nicht aufgrund intentionaler Prozesse infolge lebensgeschichtlich erworbenener Erfahrungen, sondern auch in dieser Hinsicht „blind“. Aber auch die Intentionaliserung von Bildungsprozessen durch pädagogische Organisation hat den Zufallscharakter der Sozialisationseffekte und den Spielraum für Abweichungen bekanntlich nur gesteigert. Auch hier entscheidet die Umwelt, ob die mutierten Institutionen passen. Die Variationseffekte, die in diesem Zusammenhang zu beobachten sind, können analog zum Modell der genetischen Evolution als Mutationen von Institutionengebilden bezeichnet werden, die als Folge des natürlichen Widerstands der menschlichen Natur gegen seine Sozialisation durch intergenerative Tradierung passieren. In der stark auf Integration durch normative Sozialisation abstellenden Gesellschaftstheorie von Parsons erscheint diese Abweichung sogar als eine autonome Quelle sozialen Wandels.174 Während eine solche Auffassung für die natürliche Evolution zweifellos zutrifft – Gen-Mutation als entscheidende Quelle und das phänotypische Verhalten nur als sekundäre Form der Variation – muss dieser Efekt innerhalb der soziokulturellen Evolution jedoch als primordial bezeichnet werden. Er wird erweitert durch 174 [evtl. dafür noch bessere – kürzere - Stelle raussuchen] „Die Internalisierung bildet die hauptsächliche Bindung zwischen der Persönlichkeit und den Erfordernissen eines Sozialsystems. Diese Verbindung ist jedoch niemals vollkommen, und sie ist auch nie isoliert anzutreffen. Die Persönlichkeit ist ein genuin unabhängiges System kraft ihrer Verknüpfung mit dem speziellen biologischen Organismus, kraft der Einzigartigkeit ihrer Lebensgeschichte und auf Grund einer gewissen Inkongruenz zwischen der Konstellation ihrer Umfelderfordernisse und sozialen Rollen und den Konstellationen, denen die anderen Individuen sich gegenübersehen. Es besteht immer eine gewisse Spannung zwischen der Persönlichkeit und den Erwartungen, die in der sozialen Interaktion an sie herangetragen werden - eine Spannung, die ihrerseits internalisiert werden kann. Überdies ist das internalisierte Wertsystem niemals mit "dem" gemeinsamen Wertsystem identisch; es tritt immer spezialisiert und individualisiert auf und kann in mannigfaltiger Weise und in unterschiedlichem Ausmaß verformt sein. In diesen Umständen dürften die wesentlichen Ursachen dafür zu suchen sein, daß die Realisierung der Rollen in einem Sozialsystem niemals nur von den internalisierten Wertsystemen seiner Mitglieder abhängt, und daß sich jede Persönlichkeit ständig mit Handlungen anderer auseinanderzusetzen hat, die nicht einfach durch das allgemeingültige Wertsystem bestimmt sind. Auf der Ebene der sozialen Interaktion dient uns die Wechselbeziehung von Leistung und Sanktion als allgemeines begriffliches Schema für die Analyse von Aktion und Reaktion bei der Anpassung an Zwänge in der Situation, die auf Variation der Normen und Abweichung von den Normen drängen. S. Talcott Parsons, "Some Highlights of the General Theory of Action" in Approaches to the Study of Politics, Hg. Roland Young. Evanston, Ill.: Northwestern University Press, 1958, S.282-301 zit. nach H.Hartmann, 1967, in: Moderne amerikanische Soziologie, Enke V. Stuttgart (dtv) S. 216263


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organisierte Formen der Nachwuchssozialisation. Hier sind also Rückwirkungen der Technisierung auf den basalen Replikationsmechanismus zu beobachten.

- Organisation intergenerativer Tradierung Um die evolutionäre Bedeutung (und das Risiko) der technisch-intentionalen Rückwirkung soziokultureller Populationen auf ihren Vererbungsmechanismus besser zu verstehen, wäre deren historische Entwicklung seit den Anfängen hochkultureller Gesellschaften zu rekonstruieren. Eine entsprechende Geschichte der pädagogischen Erfindungen liegt allerdings nicht vor. In der anthropologisch fundierten Defin ition des Gesellschaftsbegriffs von Popitz gibt es einen expliziten Bezug auf den Mechanismus der intergenerativen Vererbung: „Nicht jede beliebige soziale Einheit soll Gesellschaft heißen. Wir beschränken diesen Begriff auf intensive soziale Zusammenschlüsse von vitaler Bedeutung. Als abgrenzendes Kriterium bietet sich an: soziale Einheiten, in denen Kinder geboren und aufgezogen werden. Als Einheiten dieser Art gelten nicht nur familien- und sippenartige Gebilde, sondern auch die überformenden Zusammenschlüsse von Stämmen und Verbänden, ein schließlich polit ischer Verbände.“ 175 Aufgrund dieser Definition liegt es nahe, an dem Merkmal, dass in der jeweiligen Einheit Kinder geboren und aufgezogen werden, auch die Erklärung für den take-off der soziokulturelle Evolution – in Popitz Terminologie: die Entstehung der Artifiziellen Gesellschaft – festzumachen. Der Punkt der Verselbständigung der soziokulturellen Evolution gegenüber ihren Ausgangsbedingungen in der Naturevolution ist in der Technisierung der Kommunikationsmittel zu erkennen, die eine grundlegende Veränderung des Vererbungsmechanismus ermöglichen und erzwingen. Popitz verweist zunächst auf die langen Perioden vollkommener Stagnation der technischen Entwicklung im Paläolithikum und zählt als Grund dafür auf, „daß es häufig nicht gelungen ist, erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten zu tradieren. Die intergenerativen Brücken sind eben doch wohl ziemlich schmal und brüchig gewesen.“ Er führt die Erfindung organisierter Formen intergenerativer Tradierung auf die technischen Innovation des Ackerbaus bzw. die Bedürfnisse sesshafter Gesellschaften zurück.176 Popitz macht damit den Umbruch, der zur „Artifiziellen Gesellschaft“ führt, primär an der Umstellung von Techniken der Nahrungsmittelsuche zu Nahrungsmittelproduktion fest. Die Technisierung der Kommunikationsmittel wird eher beilä ufig eingeführt. 177 Die Bedingungen der Nachwuchssozialisation erscheinen somit zwar durch den Wechsel von Wildbeuter- zu Agrikultur respezifiziert aber nicht als eigenständiger Kausalfaktor der soziokulturellen Evolution. 178

175 Popitz, 1995 S. 127 - s. den Hinweis auf das Prinzip der Abgrenzung in Popitz Gesellschaftsdefinition im 4. Abschnitt. 176 „So entsteht ein neuer Horizont der Zeit. Der Bauer investiert in die Zeit. Er braucht die Zeit als Transporteur seiner Anstrengungen. Daher ist die Zukunft in dem, was er tut, immer präsent. Präsent als Ungewisse, als besorgte Zukunft. Was kommt, steckt voller Risiken. Das macht einen Charakterzug verständlich, den wir bis heute als typisch bäuerlich empfinden: die Hochschätzung des Erhaltens, Bewahrens, der Beständigkeit. „Es darf nichts dazwischen kommen". Daher die Abneigung gegen alles Unvorhergesehene, Unregelmäßige, NichtTraditionsgesicherte. Bauern sind konservativ, konservierend, erhaltend, durchhaltend. Sie sind Kontinuitätsinteressenten.“ 177 So die Einführung der Figur des Schreibers als Ahnherr der Dienstleistungsberufe Popitz 1995 S. 107 – In Popitz Liste der sieben fundamentalen Technologien (1995, S. 14f ) ist aber die Technisierung der Kommunikationsmittel nicht enthalten. Das Definitionsmerkmal der Gesellschaft, dass darin „Kinder ... erzogen werden“ wird von ihm daher nicht historisch sondern als ein anthropologisch-universelles Merkmal eingeführt. 178 Diese Blindstelle ist wohl typisch für die milieutheoretische Denktradition der Sozialwissenschaften. Norbert Elias, der in seiner grossen Studie über den „Prozess der Zivilisation“ die Herausbildung moderner Staaten aus einer Wettbewerbskonstellation mit einer großen Vielfalt konkurrierender Ausgangskonstellationen in Europa abgeleitet hat, stellt die Rückwirkung dieses Zentralisierungsprozesses in den Mikrostrukturen höfischen Lebens auf den Prozess der intergenerativen Tradierung heraus: In einer Organisation der Gesellschaft, die den Gesamtnutzen ihrer Mitglieder vermehrt, indem sie deren individuelle Freiheiten beschränkt, werden demnach Autonomiegewinne der Individuen durch die Verwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge erreicht. Natürliche Grenzen dieser Transformation werden hier nicht erkennbar.


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Technische und institutionelle Errungenschaften der soziokulturellen Evolution werden häufig gleichermaßen auf das besondere Potential von Menschen zur Steuerung ihrer Kommunikation mit symbolischen Mitteln zurückgeführt. In Institutionentheorien wird deshalb oft kein Unterschied zwischen technisch-organisatorischen und institutionellen Errungenschaften in der Gattungsgeschichte des Menschen gemacht.179 In evolutionstheoretischer Hinsicht ist hier jedoch auf einen auffälligen Unterschied hinzuweisen: Probleme der intergenerativen Tradierung soziokultureller Instititutionengebilde stellen sich nicht in gleicher Weise auch für Technisierungen. Die Replikation und Ausbreitung technischer Innovationen wird dadurch erleichtert, dass der enorme Aufwand, der zur Entwicklung der Innovation geführt hat180 , den Engpass der intergenerativen Tradierung nicht – bzw. nur in einer organisatorisch beschränkten Weise - durchlaufen muss. Typisch für technische Innovationen ist, dass der Aufwand für ihre Entwicklung ungleich größer ist als der Aufwand für ihre Anwendung. Man braucht die technische Konstruktion des Telefons nicht zu verstehen, die Erfinderleistung nicht zu wiederholen, um Nutzen aus seiner Anwendung ziehen zu können. Entsprechend klaffen Entwickler- und Anwenderperspektive kognitiv auseinander. Die Aufwandserpsarnis, die aus der Arbeitsteilung zwischen Entwicklern und Anwendern entspringt, ist ein zureichender Grund für die Replikation und Ausbreitung technischer Innovationen. Bei institutionellen Innovationen ist die Unterscheidung zwischen Entwicklern und Anwendern so nicht anwendbar - auch wenn Sozialwissenschaftler manchmal das Gegenteil behaupten, weil sie in bezug auf Institutionen quasi eine Entwic klerperspektive einnehmen. 181 Institutionen können jedoch nicht erfunden sondern nur in ihrer Anwendung vorgefunden werden. Ihre Veränderung vollzieht sich durch Selektionsprozesse in einer intentional gar nicht erreichbaren (innergesellschaftlichen) Umwelt. Für technische Innovationen gilt der Engpass der intergenerativen Tradierung nur in eingeschränktem Umfang (in dem Sinne des Erlernens der Anwendungstechniken), für institutionelle Innovationen gilt er hingegen uneingeschränkt. Zwar kann Beides im Generationswechsel gelehrt und gelernt werden. Aber zwischen dem Lehren und Erlernen institutioneller Orientierungen steht der Engpass, dass ihr Nutzen sich in der Lebenswelt jeder Generation neu erschließen und bewähren muss. Dieser Umstand schützt den Institutionenpool soziokultureller Populationen in gewissem Umfang davor, Institutionengebilde, die zu veränderten Umweltbedingungen nicht mehr passen, auf Dauer mitzuschleppen. In der soziologischen Theorietradition ist aus diesem Umstand auf den Vorrang normativer Orientierungen, die in Prozessen der Nachwuchssozialisation verankert werden, in der theoretischen Rekonstruktion kulturell erweiterter Sozialität geschlossen worden. Eine klassische Formulierung, in der zugleich die Ausdehnungstendenz deutlich zum Ausdruck kommt, findet sich in Durkheims Vorlesungen über Erziehung, Moral und Gesellschaft: „Damit der Mensch ein moralisches Wesen sei, muß er an etwas anderem als an sich selbst hängen; er muß mit einer, wenn auch noch so bescheidenen Gesellschaft, solidarisch sein oder sich mit ihr solida risch fühlen. Die erste Aufgabe der Moralerziehung ist darum, das Kind an die Gesellschaft zu binden, die es augenblicklich umgibt, d. h. an die Familie. Aber wenn, auf allgemeinere Art, die Moralität mit dem sozialen Leben beginnt, so gibt es trotzdem verschiedene Grade der Moralität, aus der einfachen Tatsache heraus, daß nicht alle Gesellschaften, von denen der Mensch ein Teil ist oder sein kann, den gleichen Moralwert haben. Es gibt aber eine, die einen wirklichen Vorrang vor den anderen hat, und das ist die politische Gesellschaft, das ist das Vaterland, allerdings unter der Bedingung, daß es sich nicht als eine gierig egoistische Individualität versteht, einzig und allein darauf ausgerichtet, sich zu erweitern und zu vergrößern zu ungunsten von ähnlichen Staaten, sondern als die fortschreitende Verwirklichung der Idee der Menschheit. Die Schule hat hauptsächlich 179 Das gilt sowohl für ältere anthropologische Institutionentheorien s. Gehlen u.a. (auch Plessner?) wie auch für die neoinstitutionalistische Theoriebildung in den Wirtschafts- und Politikwissenschaften, nicht jedoch für die soziologische Theorietradition im Anschluß an Durkheim und Parsons. 180 Man vermutet, dass die Erfindung der Schrifttechnik bei den Sumerern und den Mexikanern einen experimentellen Vorlauf von Jahrtausenden hatte – Diamond, 1999, S.269 181 Manche Sozialwissenschaftler sprechen deshalb auch (metaphorisch) von der Erfindung von Traditionen – [s. Dahrendorf]


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die Aufgabe, das Kind an diese Gesellschaft zu binden. Was die Familie anbelangt, so genügt sie, im Herzen ihrer Mitglieder die nötigen Gefühle zu ihrer Erhaltung wachzuhalten. Was dagegen das Vaterland im oben genannten Sinn betrifft, so ist die Schule der einzige moralische Ort, wo das Kind es methodisch lernen und lieben lernen kann. Hier liegt die eigentliche Bedeutung der Rolle, die heute der Schule in der Moralerziehung des Kindes zukommt.“ 182 In den pädagogischen Einrichtungen, die im Verlauf der soziokulturellen Evolution für die Zwecke der intergenerativen Tradierung entwickelt worden sind, wird als Organisationsziel vorausgesetzt, dass es darum gehe, die individuellen Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen auf den jeweiligen Stand der Kultur bringen und sich dafür dann schulisch organisierten Prüfungen unterziehen. In evolutionstheoretischer Perspektive muss derselbe Vorgang jedoch eher umgekehrt aufgefasst werden: als Prüfung auf Kompatibilität der soziokulturellen Evolution (einschließlich ihrer Effekte auf die natürlic hen Umweltbedingungen) mit der natürlichen Ausstattung des Menschen (als Teil der Evolution des Lebens). 183 Die in der pädagogischen und sozialisationstheoretischen Literatur – z.T. unter dem Einfluss der Forschungsergebnisse Piagets - beschriebenen Formen der spontanen Entwicklung institutioneller Orientierungen – die Mechanismen der Perspektivenübernahme 184 und der Entwicklung des moralischen Urteils etc. – sind in typischer Weise gebunden an Formen der Interaktion in sehr kleinen sozialen Einheiten – also gerade nicht (spontan) kompatibel mit den evoluierten Strukturen großer sozialer Systeme.185 Es handelt sich darum, die gattungsgeschichtlich ererbten Formen für die Zwecke der kulturellen Ausdehnung der Gesellschaft zu instrumentalisieren. Der pädagogische Rekurs auf die interaktionsgestützten Formen kognitiv-moralischer Entwicklung ist selbst schon eine intentionalisierte Form der Rückwirkung auf den basalen Replikationsmechanismus der intergenerativen Tradierung, der damit auch alle Risiken der Abweichungsproduktion in sich trägt.186 Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist in der Theorietradition häufig als Paradoxie aufgefaßt worden, die entweder zur einen Seite - der freien Entfaltung des Individuums - oder zur anderen Seite - der Einordnung in die Gemeinschaft - aufgelöst werden muss. Während die Soziologie sich (i.S. Durkheims) überwiegend der Ordnungsseite verschrieben und die Abhängigkeit der Individuen von Strukturen der Gesellschaft herausgestellt hat, ist es in der

182 Durkheim S.128 (5. Vorlesung) – Hervorhebung der auf Ausdehnung der Gesellschaft bezogenen Passage kg) Entsprechende Ausführungen in pädagogischer Absicht sind auch bei Habermas zu lesen: „Und wenn nicht die Menschheit im ganzen oder eine Weltgesellschaft, wer sonst könnte der Platz einer übergreifenden kollektiven Identität einnehmen, an der sich postkonventionelle Ich-Identitäten bilden?“ Habermas, 1974, S. 33 im Anschluss an die schon im vorigen Abschnitt zitierte Stelle. S. auch seine anschließenden Ausführungen zu einer entsprechenden Reform der schulischen Curricula S. 72ff. 183 Diese Perspektivenumkehr kommt in Piagets Kritik an der Durkheimschen Gesellschaftstheorie (in seiner frühen Studie über die Entwicklung des Moralurteils) zum Ausdruck, die auf die entsprechenden Annahmen im mainstream der soziologischen Gesellschaftstheorie bezogen werden können: „Durkheim argu mentiert, als seien die Alters- und Generationsunterschiede ohne Bedeutung. Er spricht von homogenen Individuen und sucht die Auswirkung der verschiedenen möglichen Typen der Gruppe auf ihr Bewußtsein festzustellen. Alles, was er hierbei entdeckt, ist durchaus richtig, bleibt jedoch unvollständig: es genügt, sich für einen Augenblick eine in Wirklichkeit natürlich unmögliche Gesellschaft vorzustellen, in der alle Individuen das gleiche Alter hätten, eine Gesellschaft, die aus einer einzigen, sich ins Unendliche fortsetzenden Generation bestehen würde, um die ungeheure Bedeutung der Alters-Beziehungen und insbesondere der Beziehungen von Erwachsenen zu Kindern zu erkennen. Hätte eine solche Gesellschaft jemals einen zwangmäßigen Konformismus gekannt? Würde sie die Religion oder zumindest die Religionen, die einen transzendenten Glauben voraussetzen, kennen? Würde man bei solchen Gruppen eine einseitige Achtung und ihre Auswirkungen auf das moralische Bewußtsein feststellen können? Wir beschränken uns darauf, diese Fragen zu. stellen.“ Piaget 1973, S. 114 184 G.H.Mead u.a. 185 Deshalb sind auch allgemeine Stufen- und Phasentheorien – über die Effekte der Sozialisation qua Sprache und sprachlich transportierten Bedeutungen und Bewertungen hinaus – wenig plausibel, die einen koevolutionären Entwicklungsprozess kognitiver und sozialer Strukturen von der frühen Kindheit bis in das hohe Erwachsenenalter beschreiben, in dem gewissermaßen Phasen der Menschheitsentwicklung sich wiederholen - vgl. Habermas ... unter Bezug auf Erikson, Piaget, Kohlberg u.a. 186 „Die Curriculumplanung versucht, eine wesentliche Leistung der Tradition, nämlich aus der Menge der zugänglichen Überlieferungen eine Auswahl zu treffen, nun selbst zu übernehmen.“ schreibt Habermas und bemerkt die daraus resultierenden Legitimationsprobleme. 1974, S. 73


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modernen Pädagogik immer wieder als Selbstwiderspruch thematisiert worden, das Ziel des autonomen Individuums mit den Mitteln externer Eingriffe befördern zu sollen. Während sich die selektive Funktion moderner Öffentlichkeiten u.a. darin zeigt, dass in der Form der Themensetzung – im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums – schon eine prinzipielle Bevorzugung von Neuem angelegt ist, gilt für die institutionelle Form von Bildungsprozessen umgekehrt die Bevorzugung des institutionell Bewährten. Entscheidend für die Betrachtung von Bildungsprozessen im hier skizzierten Modell ist das Problem der Tradierung erworbener Eigenschaften der Kommunikation (die Lamarcksche Besonderheit soziokultureller Evolution). Die folgenden Ausführungen zu Bildungsprozessen in der moderne Gesellschaft bleiben in diesem evolutionstheoretischen Kontext: 1. Der strukturelle Konservatismus des Bildungssystems wird zunächst aus der Einbettung der dynamisch-selektiven Veränderungen der Akteure und Akteurskonstellationen in übergreifende Erwartungsstrukturen der Gesellschaft (Umweltdifferenzierung) abgeleitet. Ein wesentliches Moment von Bildungsprozessen wird deshalb in der Übersetzung dieser Strukturen von der Makroebene auf die Mikroebene bewußtseinsgesteuerter Individuen gesehen. Der Übersetzungsvorgang selbst ist konservativ i.S. der Replikation prästabilisierter Strukturen. 2. Vom replikativen Charakter der Bildungsprozesse (als kausal unabhängig) zu unterscheiden sind die Variationseffekte, denen das Bewußtsein der Individuen auf der Mikroebene der Kommunikation ausgesetzt ist infolge des laufenden Wandels kommunikativer Strukturen auf der Makroebene. Diese Variation kann innerhalb der pädagogischen Kommunikation nicht geplant und organisiert werden (i.S. einer pädagogischen Vorwegnahme sozialer Veränderungen187 ). Sie kann innerhalb der pädagogischen Kommunikation nur berücksichtigt oder nicht berücksichtigt werden i.S. einer irreduziblen Freiheit der Individuen bei der Annahme pädagogischer Angebote. Ihre Nichtberücksichtigung verringert die Annahmebereitschaft. Der üblichen (temporalen) Auflösung der pädagogischen Paradoxie – die Autonomie des Individuums durch Eingriffe in seine Entwicklung fördern zu sollen – wird im hier skizzierten evolutionstheoretischen Modell eine andere Beschreibung gegenübergestellt: Aufgabe der Pädagogik ist es gar nicht, die Autonomie der sich entwickelnden Individuen zu fördern – die sich ohnehin ihrer Steuerung entzieht – sondern eben nur, die Replikation evolutionärer Errungenschaften der Kommunikation auf der Ebene der Individuen zu fördern. Nach einschlägiger Auffassung wird Kultur definiert durch die „Übertragung von Wissen, Werten und anderen verhaltensrelevanten Faktoren vermittels Lehre und Nachahmung von einer Generation auf die nächste“. 188 Diese Auffassung legt es nahe, in der Tradierung von Institutionen auch den für soziokulturelle Evolution grundlegenden Replikationsmechanismus zu sehen. 189 Gegen eine solche Auffassung spricht jedoch die offenkundige Widerspenstigkeit der an diesem Prozess beteiligten menschlichen Individuen gegen ihre Verwendung als Replikationsagenturen. Menschen sind keine „Trivialmaschinen“. 190 Wenn Tradierung als eine Art Implementation und Renaturalisierung der Institutionen betrachtet wird, erscheinen die Formen der Individualisierung als paradoxer Effekt. Die Auflösung dieser Paradoxie ergibt sich aus der Differenz zwischen phylogenetisch Tradiertem und ontogenetischem Rezeptionspotential. Sie findet ihre institutionelle Form in der Rekombination von Handlungs- und Erlebenskomponenten auf der Mikroebene: • Die evolutionäre Unterbrechung ergibt sich aus der natürlichen Differenz des individuellen Erlebens gegenüber den (gegebenen) Institutionen des kollektiven Handelns. Das individuelle Erleben findet darin umso weniger Anschlusspunkte je ausdifferenzierter sich die Institutionen auf der Makroebene darstellen.

187 Vgl. S. Bernfelds Klage über den strukturellen Konservatismus der Pädagogik, Bernfeld, 1973 188 S. Boyd und Richerson 1985, 2 189 Vgl. die im 1. Kap. referierte Diskussion innerhalb der Humanwissenschaften, ob es überhaupt möglich sei, für die soziokulturelle Evolution einen solchen basalen Mechanismus anzugeben. S. dazu auch Henrich, Boyd, Richerson, 2002. 190 So Luhmann in Anlehnung an einen Begriff von Heinz von Foerster (1991) formulierte Hypothese zur Beschreibung von Erziehungsproblemen. Luhmann (1987) S.179. „Den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln“ hatte schon Kant (Aufklärungsschrift) verlangt.


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Die institutionelle Rekombination ergibt sich schon (primordial) aus der Gegebenheit eines geteilten symbolischen Horizonts der Kommunikation. Jede Form der Teilnahme an Kommunikation ist sozialisationswirksam und bewirkt insofern schon eine Tradierung von Institutionen. Mit der institutionellen Ausdifferenzierung der Kommunikation auf der Makroebene entstehen Beschränkungen sozialisatorischer Vollinklusion auf der Mikroebene. Mit der Replikation von Institutionen qua Sozialisation wird auch die Differenz zwischen den generalisierten Formen der Kommunikation auf der Makroebene und dem individuellen Erfahrungskontext der Kommunikation auf der Mikroebene repliziert. Damit wächst der Spielraum für Variationen i.S. der Abweichung von institutionalisierten Sozialisationspfaden. Die Variation, die durch individuelle Abweichungen auf der Mikroebene passiert, kann durch intentionale Handlungen nicht (oder nur eingeschränkt und oft kontraintentional) gesteuert werden. Sie kann jedoch selbst als bewahrenswertes Gut – in der Form von Individualität – institutionalisiert werden und dadurch eigenständige Bedeutung erlangen. Gesteigerte Individualisierung als Ergebnis von kausal zufälliger Variation kann zur Teilnahmevoraussetzung an den (durch funktionale Differenzierung) komplexitätsgesteigerten Formen der Kommunikation werden.

- Ausdehnung und Beschränkung In diesem Abschnitt wurde die eingangs formulierte These zur Ausdehnung der Gesellschaft als evolutionär riskante Strategie noch einmal eingeschränkt im Rekurs auf die Engpassfunktion der intergenerativen Tradierung, die den Mechanismus der Replikation soziokultureller Institutionen zurückbindet an die natürlich beschränkten kognitiven Potentiale lebender Individuen. Dies ist der Punkt, an dem die Kräfte des Take-off und des Re-embedding der soziokulturellen Evolution zusammenstoßen und weitere Drehungen der Ausdehnungsspirale ermöglichen oder verhindern. Die generalisierten Institutionen der Gesellschaft werden im Prozess der intergenerativen Tradierung einer Art Dauertest unterzogen, in dem diejenigen Teile des Institutionenpools, die sich nicht mit dem ontogenetisch verankerten Potential kognitiver Entwicklung – also mit Mechanismen der Kommunikation auf der Mikroebene einschließlich primordialer Formen der Integration wie Verwandtschaftsaltruismus, Reziprozität und Sanktionierung - vereinbaren lassen, nicht übernommen bzw. wieder vergessen werden. Vielleicht ist dies ein Umstand, der die Risiken der soziokulturellen Sonderevolution reduziert. Zukunftserwartungen in einem erwünschten Sinne lassen sich jedoch aus evolutionstheoretischen Überlegungen nic ht ableiten. Der soziokulturelle Mechanismus der Replikation durch intergenerative Tradierung ist historisch schon vielfach rekursiv verknüpft mit dem Mechanismus der Variation qua Technisierung. Dadurch ist zunächst ein neuer Typ von Replikator-Molekülen entstanden, durch den die enorme Beschleunigung der soziokulturellen Evolution erklärt werden kann. Ähnlich wie in der Evolution lebender Arten haben es die Replikator-Moleküle der soziokulturellen Evolution erneut mit einem spezifischen Engpass191 zu tun, der die Replikationsfunktion ie.S. konstituiert: So wie die Replikatormoleküle des Organismus durch den Engpass ihrer embryonalen Wiedergeburt, müssen die Replikatormoleküle der menschlichen Kultur durch den Engpass der Erziehung und organisierten Ausbildung der nächsten Menschengeneration. Dieser Engpass ist es, der den Take-off der kulturellen Evolution i.S. der symbolischen Generalsierung ihrer Molekulareinheiten und der Bildung einer globalen soziokulturellen Population zugleich ermöglicht und beschränkt, in dem er die Replikationsfunktion an das Vorhandensein naturalistisch-partikulärer Institutionen im Institutionenpool rückkoppelt. Die soziokulturelle Evolution bleibt auf diese Weise in die biologische Evolutionsgeschichte des Menschen eingebettet.

191 Die Bezeichnung dieser Funktion als „Engpass“ habe ich bei Dawkins, 1996, S.408-416 gefunden.


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Mit der Beschreibung des Replikationsmechanismus kehrt die Darstellung des evolutionstheoretischen Ausdehnungsmodells an ihren Ausgangspunkt zurück. Ich fasse in diesem Sinne noch einmal zusammen: 1. Ausgangspunkt ist die Bezeichnung der spezifischen Replikationseinheiten: Institutionen als symbolisch generalisierte Erwartungsstrukturen, die intergenerativ (also nicht genetisch geschlossen sondern unter Einschluss von Umwelterfahrung) tradiert werden könnnen. Tradierung ist der basale Replikationsmechanismus der soziokulturellen Evolution, der in der rekursiven Verknüpfung mit den Mechanismen der Variation und Selektion die Veränderung und Erweiterung des Institutionenpools der kulturellen Populationen ermöglicht. 2. Intergenerative Tradierung bildet nicht nur den Ansatzpunkt für kulturelle Erweiterung sondern – wegen der unauflösbaren Abhängigkeit von der organischen Ausstattung menschlicher Individuen – auch einen spezifischen Engpass der soziokulturellen Evolution: Ansatzpunkt für primäre (oder primordiale) Mechanismen der Variation i.S. abweichender Formen der Tradierung: Mutationen, Kopierfehler im Prozess der intergenerativen Weitergabe kultureller Errungenschaften, die zur Mikrodiversität im Instititutionenpool der Populationen beitragen. 3. Hiervon zu unterscheiden sind sekundäre Mechanismen der Variation durch Technisierung i.S. der asymmetrischen Verknüpfung von Handlungskomponenten (und Ausklammerung individueller bzw. stillschweigender Voraussetzung generalisierter Erlebenskomponenten) der menschlichen Kommunikation. Der Gebrauch von Technik im Selbst- und Umweltbezug soziokultureller Populationen muss auf eine latente Ausbreitungstendenz ihrer Institutionengebilde zurückgeführt werden. Der typische Effekt von Technisierung besteht in der Ausdehnung der soziokulturellen Populationen über die Grenzen natürlicher Gemeinschaften und der Verselbständigung einer institutionell geregelten Makrosphäre. Im Unterschied zu den primordialen Mechanismen der Variation greifen die sekundären Mechanismen der Variation in diese Makrosphäre ein. 4. Die Unterscheidung von primären und sekundären Mechanismen der Selektion innerhalb der soziokulturellen Evolution muss als Folge der Ausdehnung ihrer Populationen (bzw. der Ausdehnungstendenz ihrer Institutionengebilde) interpretiert werden. Der Take-off der soziokulturellen Evolution ist schon verbunden mit der internen Verarbeitung von Umweltselektion durch Identifikation mit einer kosmologischen Ordnung. In den Frühformen menschlicher Gesellschaften dominieren Formen der Umweltselektion, die kulturell unter Bezug auf das Handeln von Naturmächten (konkurrierenden Göttern) verarbeitet werden. In den traditionell-hochkulturellen Gesellschaften dominieren Formen der Umweltselektion, die organisatorisch durch Zentralisierung und Stratifikation beschränkt und institutionell durch (monotheistische) Religionen legitimiert werden. Typisch für diese intern pazifizierte Form der Verarbeitung von Umweltselektion ist die Reproduktion ungeregelter Konkurrenz der Populationen (Kriege) in den Außenbeziehungen. 5. Erst in der modernen Gesellschaft führt die Unterscheidung zwischen Umweltselektion und kulturinterner Verarbeitung (i.S. der Identifikation mit der sozialen Ordnung) zur Ausdifferenzierung eines zweiten Mechanismus der Selektion i.S. der Institutionalisierung von Wettbewerb. Der Mechanismus der Selektion durch Wettbewerb muss jetzt von dem Mechanismus der Identifikation unterschieden werden, der (obwohl der kulturell ältere Mechanismus) die Funktion eines zweiten restabilisierenden Selektionsmechanismus innerhalb der soziokulturellen Evolution erhält. Die Anpassung dieses Mechanismus an die funktional ausdifferenzierten Formen des Wettbewerbs besteht in der Umstellung von außerweltlicher auf innerweltliche Legitimation der Ordnung (durch Publikumsentscheidungen). Die älteren Mechanismen der Selektion verschwinden allerdings nicht, sondern koexistieren (gewissermaßen als evolutionär bewährte Muster) mit den neueren Formen im Institutionenpool der Populationen.

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Zusammenfassung In diesem Beitrag wurde die These entfaltet, dass Tendenzen zur Ausdehnung der Gesellschaft, die gegenwärtig unter dem Begriff der Globalis ierung beschrieben werden, eine lange Vorgeschichte in der soziokulturellen Evolution des Menschen haben. Die „Weltgesellschaft“ als Sinnhorizont soziokultureller Populationen kann als Leitidee einer evolutionären Strategie der Ausdehnung interpretiert werden, die zur Bildung einer globalen soziokulturellen Population mit einem universalistischen Institutionenpool tendiert. In den konfliktreichen Auseinandersetzungen mit partikularistischen Gegentendenzen kommt zum Ausdruck, dass es sich hierbei um eine evolutionär riskante Strategie handelt.

Systeme

Selektion ⇒

Umwelten

Makroebene

Organisationen

Verlagerung hierarchischer Regulierungsmacht in funktionsspezifisch ausdifferenzierte Formen des Wettbewerbs.

Populationen

⇑ Variation

Steigerung der raum zeitlichen Reichweite der Kommunikation durch Technisierung und hierarchische Organisation

Evolutionstheoretisches Ausdehnungsmodell

Individuen

Intergenerative Tradierung der kulturell erweiterten Mechanismen der Identifikation und der im publikumsbezogenen Wettbewerb akkreditierten Institutionen

Institutionen

Handeln

⇐ Replikation

Erleben

Mikroebene

Makroebene

Verwendung kulturell erweiterter Mechanismen Restabider lisation Gruppenidentifikation, insbes. in den modernen ⇓ Formen der Öffentlichkeit.

Mikroebene


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