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Also Phänomene, wie sie im Exposé der Hg. für die Bereiche der Ökolo­ gie, des Risikos und der Inklusion als Indikatoren für einen Wechsel der Differenzierungsform angeführt werden.

Den Vorteil evolutionstheoretischer Erklärungsansät­ ze in den Sozialwissenschaften sieht Luhmann darin, daß auf ein Zusammenwirken von Ereignissen Bezug genom­ men wird, die kausal nicht miteinander verknüpft sind. Er hebt deshalb die für eine Beschreibung evolutionärer Me­ chanismen konstitutive Unabhängigkeit hervor. Allerdings sieht Luhmann in der sozialen Evolution keine Anhalts­ punkte für eine Separation der Mechanismen entlang ve r­ schiedener Systemarten – vergleichbar etwa der von Zellen, Organismen, Populationen in der biologischen Evolutions­ theorie. Statt dessen schlägt er vor, „die unterschiedlichen Komponenten der Evolution auf unterschiedliche Kompo­ nenten der Autopoiesis des Gesellschaftssystems zu bezie­ hen, und zwar in folgender Weise: (1) Durch Variation werden die Elemente des Systems vari­ iert, hier also die Kommunikationen. Variation besteht in einer abweichenden Reproduktion der Elemente durch die Elemente des Systems, mit anderen Worten: in unerwarteter, überraschender Kommunikation. (2) Die Selektion betrifft die Strukturen des Systems, hier also Kommunikation steuernde Erwartungen. Sie wählt an Hand abweichender Kommunikation solche Sinnbe­ züge aus, die Strukturaufbauwert versprechen, die sich für wiederholte Verwendung eignen, die erwartungsbil­ dend und -kondensierend wirken können; und sie ver­ wirft, indem sie die Abweichung der Situation zurech­ net, sie dem Ve rgessen überläßt oder sie sogar explizit ablehnt, diejenigen Neuerungen, die sich nicht als Struk­ tur, also nicht als Richtlinie für die weitere Kommunika­ tion zu eignen scheinen. (3) Die Restabilisierung betrifft den Zustand des evoluie­ renden Systems nach einer erfolgten, sei es positiven, sei es negativen Selektion. Dabei wird es zunächst um das Gesellschaftssystem selbst im Verhältnis zu seiner Um­ welt gehen. ... Im weiteren Verlauf der gesellschaftli­ chen Evolution verlagert die Restabilisierungsfunktion sich dann mehr und mehr auf Teilsysteme der Gesell­ schaft, die sich in der innergesellschaftlichen Umwelt zu bewähren haben. Dann geht es letztlich um das Problem der Haltbarkeit gesellschaftlicher Systemdifferenzie­ rung.“ (1997, 454) Luhmann bezieht sich auf die Gesellschaft als Gesamtsy­ stem und setzt dessen Ausdifferenzierung als Gegebenheit voraus. Unter dieser Voraussetzung kommt eine Differen­ zierung evolutionärer Mechanismen entlang verschiedener Systemarten – i.S. der Unterscheidung sozialer Systeme in Interaktion, Organisation und Gesellschaft - nicht in Frage. Luhmanns Bezugnahme auf Komponenten des Gesell­ schaftssystems kennzeichnet jedoch keine evolutionären Mechanismen, sondern nur verschiedene Ebenen, auf denen sie zur Wirkung gelangen. Das Problem dieser evolutionstheoretischen Ko n­ struktion liegt m.E. darin, daß eine eindeutige Zuordnung evolutionärer Mechanismen zu den ve rschiedenen Ebenen nicht gelingt. Dies gilt vor allem für Luhmanns Beschrei­ bung der Mechanismen der Selektion und Restabilisierung. Obwohl er betont, daß deren Differenzierung selbst ein Produkt der Evolution ist und erst in der Moderne sich voll entfaltet, fehlt seiner Bestimmung der evolutionären Me­ chanismen die notwendige Trennschärfe, um die Fortset­ zung gesellschaftlicher Evolution überhaupt plausibilisieren zu können (1997, 498).

Auch wenn im Folgenden vorrangig Differenzpunkte markiert werden, basiert doch die ganze Argumentation, das braucht hier wohl nicht wei­ ter ausgeführt zu werden, auf dem Luhmannschen Theorieangebot, ins­ besondere auf dem evolutionstheoretischen Strang der Gesellschafts-

theorie und ihren Verknüpfungen mit Kommunikations- und Differen­ zierungstheorie.

P ROBLEME DER EVOLUTION FUNKTIONALER DIFFERENZIERUNG Zusammenfassung: Der von den Herausgebern der Zeit­ schrift Soziale Systeme vorgeschlagenen Problemdiagnose liegt die Annahme zugrunde, daß der Übergang zu einer funktional differenzierten Weltgesellschaft historisch längst vollzogen und dieser Gesellschaftsform nicht subsumierbare Erscheinungen als ihre Folgeprobleme zu verstehen seien. Diese Ausgangsannahme soll hier ersetzt werden durch die Annahme, daß es sich um Probleme des weltweiten Über­ gangs zu funktionaler Differenzierung handelt. Im Hinblick auf eine solche Deutung werden Umstellungen im evoluti­ onstheoretischen Strang der Luhmannschen Gesellschafts­ theorie vorgeschlagen: der Gebrauch technisch erweiterter Kommunikationsmittel als Variationsmechanismus, die Bildung von Handlungssystemen als Selektionsmechanis­ mus und der Gebrauch symbolisch generalisierter Kommu­ nikationsmittel als Restabilisierungsmechanismus. Die genannten Probleme sollen damit auf globale, aber nicht stabilisierte Veränderungen der System-UmweltBeziehungen kollektiver Akteure in Folge des Gebrauchs neuer Kommunikationstechniken zurückgeführt werden.

1. Beschreibungsprobleme 1 2. Symbolische und technische Medien 2 3. Ausdifferenzierung von Handlungssystemen 3 4. Probleme des Übergangs zur Weltgesellschaft 6 5. Neue Entscheidungsprobleme - neue symbolische

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Generalisierungen? Literatur 8

Ablendendes Gutachten und Kommentar

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1. Beschreibungsprobleme Man kann von Problembeschreibungen, die in eine gut aus­ gebaute Gesellschaftstheorie nicht passen, auf grundlegende Veränderungen der Gesellschaft schließen. Man kann aber auch fragen, ob es sich vielleicht nur um Beschreibungspro­ bleme handelt, die durch Umstellungen innerhalb der Theo­ riekonstruktion gelöst werden können. Luhmann hat das Konzept funktionaler Differenzierung von vornherein auf die Weltgesellschaft bezogen. Wenn statt dessen der Entfal­ tungsbereich funktionaler Differenzierung zunächst auf bestimmte, nationalsprachlich begrenzte Regionen bezogen würde, ließen sich gegenwärtige Phänomene des Mißlin­ gens von Ordnungsbildung als Indikatoren für den Über­ gang zu funktionaler Differenzierung im Weltmaßstab deu­ ten.1 Ein solcher Deutungsvorschlag verlangt einige Um­ stellungen in der Theoriekonstruktion, v.a. im Hinblick auf die evolutionstheoretischen Verknüpfungen des Konzepts funktionaler Differenzierung, die im Folgenden skizziert werden sollen.2 1

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K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung 2. Symbolische und technische Medien Als Mechanismus der Restabilisierung wird in der Luh­ mannschen Evolutionstheorie der Vorgang der Systemdiffe­ renzierung bezeichnet (1997, 485ff.). Mit dem Bezug auf Differenzierung wird zugleich die Form der Gesellschaft bezeichnet.3 Restabilisierung ermöglicht und reagiert auf Selektionen der Kommunikation. Als Mechanismus der Selektion führt Luhmann symbolisch generalisierte Medien an (1997, 473ff.). Aber warum entsteht infolge symboli­ scher Generalisierungen überhaupt ein Restabilisierungsbe­ darf? Für die Beschreibung der symbolisch generalisierten Kommunikationsme dien gibt Luhmann eine historische und eine systematische Bestimmung an: In historischer Perspek­ tive handelt es sich um Mittel der symbolischen Verarbei­ tung gesteigerter Unwahrscheinlichkeit kommunikativen Erfolgs – also von Veränderungen, die aus der Steigerung der technischen Reichweite der Kommunikationsmittel entspringen. In dieser Perspektive werden sie als evolutio­ näre Mechanismen der modernen Gesellschaft betrachtet. Die auf kommunikativen Erfolg bezogene Formulierung legt nahe, daß es sich um den einzigen Selektionsmecha­ nismus handele. Allerdings bezeichnet Luhmann die symbolischen Kommunikationsmedien auch als „Katalysa­ toren“ funktionaler Differenzierung (1997, 358). Diese Formulierung legt ihre evolutionäre Bestimmung weniger fest. Strukturen, die der Restabilisierung unwahrscheinlicher Selektionen dienen, können schon da sein vor den Formen, für die sie in Anspruch genommen werden. Und sie können, wenn sie sich im Kontext eines Funktionssystems bewährt haben, für Andere nachentwickelt werden. Luhmann räumt ein, daß die Ausdifferenzierung der Funktionssysteme keineswegs dem Schema der Medienentwicklung folgt „sondern sich nach den Problemen richtet, die die Gesellschaft auf dem jeweiligen Entwicklungsniveau zu lösen hat“ (1997, 408). Aber worin bestehen diese Probleme? Obwohl der Bezug auf ein Problem der Gesellschaft von Luhmann als konstitu­ tiv für die Ausdifferenzierung von Funktionssystemen be­ zeichnet wird, fehlt eine generalisierte Bezeichnung der Probleme, die durch funktionale Differenzierung gelöst werden. In systematischer Perspektive bezeichnet Luhmann als Aufgabe der symbolischen Kommunikationsmedien, lebensgeschichtlich erworbene Motive und unwahrscheinli­ che Selektionen der Kommunikation zu verknüpfen. Diese Verknüpfung wird v.a. durch die Ausdifferenzierung von auf Handeln oder Erleben fixierten Ego-AlterKonstellationen ermöglicht. (Ich komme darauf im Kontext einer anderen Beschreibung des Selektionsmechanismus zurück.) Die angegebene Verknüpfungsleistung verweist jedoch auf eine zweite Ebene der Selektion und stellt damit Luhmanns evolutionstheoretische Einordnung in Frage. Wenn die Verknüpfung von Motivation und Selektion selbst schon eine Selektion ist – worin besteht dann die zugrunde­ liegende Selektivität der Kommunikation, die mit der Moti­ vationsebene verknüpft wird? Der Beantwortung dieser Frage kommt man näher, wenn man die symbolischen 3

Diese Doppelverwendung legt das Mißverständnis nahe, daß es sich bei funktionaler Differenzierung um eine Abschlußformel aller sozialen Evolution handele. Luhmann weist im differenzierungstheoretischen Strang der Gesellschaftstheorie darauf hin, daß es wichtig sei, zwischen Systemdifferenzierung und Differenzierungsform zu unterscheiden. 1997, 609ff.

2 Kommunikationsmedien in evolutionstheoretischer Per­ spektive nicht als Mechanismen der Selektion sondern der Restabilisierung betrachtet. Ihre Funktion ist es dann, eine zweite Stufe der Selektion einzuziehen unter der Bedingung evolutionärer Problemlagen, die durch einfache Selektionen keine stabilen Lösungen ermöglichen.4 Ein Bedarf für Stabilisierung tritt nur als Reaktion auf Veränderungen auf, und jede Veränderung setzt Stabilität voraus. Variation und Stabilisierung setzen sich als evolu­ tionäre Mechanismen wechselseitig vo raus. Luhmann selbst weist auf eine weitere Unschärfe in dieser Relation hin: der Mechanismus der Restabilisierung erscheint nicht zurei­ chend differenzierbar von dem der Variation. Die moderne Gesellschaft stabilisiert sich durch andauernde Variation. Die für eine Fortsetzung der Evolution konstitutive Diffe­ renz der evolutionären Mechanismen droht dabei zu kolla­ bieren (1997, 499) Die Frage, ob sich an dieser Diagnose etwas ändert, wenn der Restabilisierungsmechanismus an­ ders bestimmt wird, lasse ich hier offen, um zunächst auch in Bezug auf Luhmanns Beschreibung des Variationsme­ chanismus gewisse Umstellungen vorzunehmen. Luhmann unterscheidet drei Arten von Medien Sprache, technische Verbreitungsmedien und symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien – und ordnet der Sprache den evolutionären Mechanismus der Variation zu. Die Bezugnahme auf sprachliche Kommunikation begrün­ det Luhmann mit den ihr inhärenten Negationsmöglichkei­ ten (1997, 456ff.). Er sieht jedoch auch, daß mit dem Bezug auf Sprache allein der Variationsdruck, dem sich die Gesell­ schaft ausgesetzt sieht, nicht erklärt werden kann und gibt zwei Zusatzeinrichtungen an: soziale Konflikte, gewisser­ maßen die ausdifferenzierte Form der Verneinungsmöglich­ keiten, und technisch erweiterte Kommunikationsmittel (1997, 464). Ich beziehe mich im Folge nden allein auf den Gebrauch technischer Kommunikationsmittel als Variati­ onsmechanismus für die Gesellschaft.5 Für die Beschrei­ bung sozialer Evolution hat diese Umstellung den Vorteil, die Zirkularität der evolutionären Mechanismen besser zu entfalten. Stabilität gewinnt die Gesellschaft durch den Gebrauch symbolischer, das erforderliche Variationspoten­ tial durch den Gebrauch technischer Kommunikationsmittel. In der modernen Gesellschaft findet eine Ausdifferenzie­ rung dieser beiden Medienarten statt, die ihre unabhängige Wirkung als evolutionäre Mechanismen entfaltet. Die Ein­ heit der Differenz von symbolischen und technischen Er­ rungenschaften der Kommunikation läßt sich unter diesen Bedingungen als Eigenschaft aller Kommunikation, als ihre latente Doppelstruktur rekonstruieren (Gilgenmann 1997, 33-56). Daß der Gebrauch technischer Kommunikationsmittel mit Veränderungen etwas zu tun haben soll, erscheint zu­ nächst wenig evident. Die einschlägigen Untersuchungen über die Verwendung von Schrift legen die Annahme nahe, 4

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Abkürzend sei hier angemerkt, daß die Zuordnung der symbolisch gene­ ralisierten Kommunikationsmedien zum Restabilisierungsmechanismus alle drei Aspekte ihrer Beschreibung bei Luhmann umfassen soll: 1. ihre Ausdifferenzierung über ein Bezugsproblem (Historizität) 2. ihre Gene­ ralisierung entlang einer Ego/Alter-Konstellation (Verknüpfungsfunkti­ on) 3. ihre Diskriminierung über einen Binärcode (Technisierung) und ihre Respezifikation über austauschbare Programme (Organisations- und Situationsbezug). 1997, 316ff; 332ff; 359ff. Formen des Konflikts lassen sich besser dem Selektionsmechanismus zuordnen, zu dessen Neubeschreibung ich im folgenden Abschnitt komme.


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung daß die primäre Funktion des Kommunikationsmittelge­ brauchs in der Aufzeichnung vergangener Ereignisse, also im technisch erwe iterten Gedächtnis besteht (Luhmann 1997, 270ff.). Von daher liegt die Assoziation mit Stabilität näher als mit Variation. Eine konservative Deutung würde jedoch verkennen, daß alle Kommunikation in der Gegen­ wart stattfindet und insofern Vergangenes nicht wiederholen kann. Die Erweiterung des zeitlichen Horizonts im Rekurs auf gespeicherte Mitteilungen erweitert zwar die Möglich­ keiten der Kommunikation, verringert aber zugleich ihre Annahmewahrscheinlichkeiten. Dieser problematische Ef­ fekt gilt nicht nur für die gegenwärtige Rezeption gespei­ cherter Mitteilungen, sondern für alles Gegenwärtige, denn zwischen Mitteilung und Annahme tritt jetzt die Unterbre­ chung der Kommunikation: die kognitive Kontrolle im Vergleich mit gespeicherten Informationen. 6 Der Vorteil technisch erweiterter Kommunikations­ mittel liegt zunächst in ihrer Technisierung selbst: in der Ersparnis an Reflexion über Umweltbedingungen und an Konsenssuche in sozialen Beziehungen (Luhmann 1997, 517ff.). Wie im Falle anderer Technisierungsbereiche ist es auch im Bereich der Kommunikationsmittel der freiwillige Sinnverzicht, der die Technisierung für die Akteure attraktiv macht. Ein Angebot wird schriftlich formuliert, man kann sich fremder Formulierungshilfe bedienen, die Operation verläuft ungestört und kontrollierbar. Man kann – und muß ­ abwarten, was geschieht. Die andere Seite dieser Technisie­ rungsgewinne liegt in der Unterbrechung der Kommunika­ tion und dem damit gesteigerten Risiko, daß das Mitgeteilte abgelehnt oder einfach ignoriert wird. Durch Technisierung wird die lose Koppelung der Komponenten – die die Stör­ barkeit von Kommunikation auf der Ebene der Interaktion ausmacht - nicht beseitigt, sondern verschoben und gestei­ gert: von der Form der Mitteilung (die die Differenz zwi­ schen Mitteilung und Information einschließt) in die Form des Verstehens, die eine Differenz zwischen Verstehen und Anschlußverhalten eröffnet. Als symbolisch kann i.S. Luhmanns nicht jedes Ze i­ chen gelten, sondern nur jene evolutionär verselbständigte Form von Zeichen, die eine Einheit von Bezeichnung und Bezeichnetem repräsentieren und ihre Differenz verbergen, sich also von der direkten Beziehung auf etwas in der Welt gelöst haben und insofern für sich selbst stehen. Als diabo­ lisch kann in diesem Sinne die Wiederkehr der Differenz von Bezeichnung und Bezeichnetem betrachtet werden, die die symbolische Einheit zersetzt. Diese diabolische Seite, die in jeder Kommunikation mitläuft und aktualisiert we r­ den kann, kann nun gerade auch an jenen symbolischen Generalisierungen beobachtet werden, mit deren Hilfe die Gesellschaft ihre eigenen selektiven Strukturen stabilisiert (1997, 320) Die Bedrohung der durch symbolische Genera­ lisierung latenzgeschützten Strukturen der Gesellschaft erfolgt v.a. durch den Gebrauch neuer Kommunikationsmit­ tel, die die jeweils tradierte Einheit von Bezeichnung und Bezeichnetem durchbrechen und technische Mittel zur Stei­ gerung der kognitiven Kontrolle der Kommunikation frei­ setzen. Luhmann hat selbst darauf hingewiesen, daß die im Anschluß an Parsons verwendete Bezeichnung funktionssy­ 6

Luhmann verweist auf das seit Descartes gesteigerte „Riesengedächtnis“ 1997, 411. Komplexitätsprobleme dieser Art verschwinden nicht mit dem Gebrauch neuer Kommunikationsmittel sondern werden dadurch gesteigert.

3 stemischer Kommunikationsmedien als symbolisch genera­ lisiert nicht sehr treffend ist, weil darin ihr symbolisch­ diabolischer Doppelcharakter nicht zum Ausdruck kommt (1997, 318) Ihre andere Seite steckt v.a. in der Technisie­ rung der Kommunikation durch binäre Codierungen, deren Gebrauch der Sinnreflexion normalerweise entzogen ist. In der Ausdifferenzierung von Funktionssystemen gehören Funktionsorientierung und Mediencodierung aber zusam­ men7: Die fremdreferentielle Bezugnahme auf ein Problem der Gesellschaft verkörpert die Seite der symbolischen Ge­ neralisierungen, die Verwendung systemspezifischer Codie­ rungen im Selbstbezug der Funktionssysteme ihre techni­ sche Seite (1997, 332ff.). In historischer Perspektive kann die symbolische Ge­ neralisierung bestimmter Strukturen der Kommunikation Variation begünstigen oder behindern. Auch wenn prototy­ pische Formen von Geld, Wahrheit etc. bereits in der Antike auftauchen (Luhmann 1997, 330f) handelt es sich bei den hier bezeichneten Medienentwicklungen doch um extrava­ gante Spätformen der Kommunikation, die auf die besonde­ ren Problemlagen der modernen Gesellschaft reagieren, nicht etwa deren Entwicklung initiieren. Solche Medien, die als latente Voraussetzungen unwahrscheinlicher Selektionen der Kommunikation fungieren, können sich aus dem symbolischen Formenvorrat der Gesellschaft nur bilden durch Auflösung strikt geko ppelter Formen. Die medientypische lose Koppelung symbolischer Formen, die Reflexion durch Technisierung freisetzt, wird erst möglich in Folge der Interaktionsunterbrechung mit technisch erweiterten Kommunikatonsmitteln. Wenn mein Vorschlag zur Neubestimmung des Stabi­ lisierungs- und des Variationsmechanismus durch die sich wechselseitig voraussetzenden symbolischen und techni­ schen Kommunikationsmedien einleuchtet, stellt sich auch die Frage nach dem Selektionsmechanismus der Gesell­ schaft neu. Dessen Stellung ist von zentraler Bedeutung, weil damit die Zirkularität von Stabilisierung und Variation durchbrochen und der Evolution eine irreversible Richtung gegeben wird. Erst wenn dieser Mechanismus bestimmt worden ist, lassen sich auch die historischen Grenzen funk­ tionaler Differenzierung i.S. einer Epocheneinteilung bestimmen. 3. Ausdifferenzierung von Handlungssystemen In der Idee funktionaler Differenzierung steckt die Analogie zur arbeitsteiligen Organisation und zum funktional geglie­ derten Organismus (Böckenförde , 1978). In der System­ theorie werden solche Analogiekonstruktionen einge­ schränkt durch die Verschiedenartigkeit der Systemopera­ tionen.8. Die auf der Kombination von Handlungen und kognitiv kontrollierten Entscheidungen basierende Operati­ onsweise von Organisationen kann in die Beschreibung von Operationen der Gesellschaft nicht übernommen werden. Zwischen Organisations- und Gesellschaftsebene klafft eine 7

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Im Begriff der Codierung zeigt sich noch einmal das Problem der man­ gelnden Trennschärfe in Luhmanns Bestimmung der Mechanismen: Bi­ närcodierung wird als Merkmal aller symbolis ch generalisierten Ko m­ munikationsmedien und damit des Selektionsmechanismus – zugleich aber auch – neben Funktionsorientierung – als entscheidendes Merkmal funktionaler Differenzierung und damit des Restabilisierungsmechanis­ mus angeführt. Vgl. die Verwendung dieser Analogie bei Luhmann zB. in 1986, Ökol. Kommunikation, S. 218


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung Differenz, die durch keine Analogie überbrückt werden kann: Funktionssysteme können nicht handeln und sind auch für Handlungen nicht erreichbar. Die Frage ist nun allerdings, wie das Verhältnis dieser beiden Ebenen zuein­ ander positiv bestimmt werden kann. Die Unterscheidung verweist zunächst auf die gemeinsame Grundlage der Kommunikation. In evolutionstheoretischer Perspektive interessiert, welche Rolle diese Ebenendifferenz in der Evo­ lution der Gesellschaft spielt – wie sie selbst evoluiert. Der Vorgang der Systemdifferenzierung, den Luh­ mann in evolutionstheoretischer Perspektive als Restabili­ sierungsmechanismus der Gesellschaft bezeichnet, wird von ihm in systemtheoretischer Perspektive genauer beschrieben als rekursive Systembildung, als Anwendung von System­ bildung auf ihr eigenes Resultat (1997, 595ff.). Luhmann postuliert damit, den Vorgang der Systemdifferenzierung nicht mehr nach dem tradierten Muster einer vom Ganzen gesteuerten Teilung zu verstehen. Die Abgrenzung von alteuropäischen Auffassungen wirkt hier jedoch nicht so überzeugend, weil Luhmann ein Gesamtsystem immer schon voraussetzt, in dem die rekursive Systembildung einsetzt. Systembildung in einem nicht schon durch ein umfassenderes System eingeschränkten Bereich kommt für Luhmann nur im Falle des Gesellschaftssystems vor, und der wird nicht betrac htet. Die Differenzierung zwischen verschiedenen System­ arten bleibt in dieser Behandlung des Vorgangs der System­ differenzierung weitgehend ausgeklammert. Damit bleibt auch das historische Ausmaß des Auseinandertretens von Interaktions- und Gesellschaftsebene in der Moderne weit­ gehend unerklärbar. In seinen Funktionssystemanalysen und in der Gesellschaftstheorie stellt Luhmann funktionale Dif­ ferenzierung immer wieder als Bedingung von Organisati­ onsbildung heraus (1997, 607f.) und vernachlässigt die Umkehrmöglichkeit. Auch Beobachtungen, in denen die umgekehrte Abhängigkeit sich andeutet, werden im Sinne des Primats funktionaler Differenzierung relativiert.9 Eine evolutionstheoretische Rekonstruktion der Un­ terscheidung verschiedener Ebenen und Systemarten der Gesellschaft wäre aber möglich, wenn der Begriff der Sy­ stemdifferenzierung als rekursive Systembildung in umge­ kehrter Richtung angewandt würde: Jedes System - und hier ist primär an die Emergenz von Handlungssystemen zu denken - rekonstruiert seine Umwelt mittels der Unterschei­ dung von System und Umwelt. Es reduziert also seine Um­ weltkomplexität durch die Unterscheidung zwischen einem umfassenderen System, dem es sich selbst und andere Sy­ steme auf der Grundlage gleicher Operationen zuordnet, und dem Rest der Gesellschaft bzw. der Welt, die auch für dieses System wiederum Umwelt ist. Erst in dieser Betrach­ tungsweise, in der das jeweils umfassendere System – bzw. die umfassendere System-Umwelt-Differenz von Gesell­ schaft und Natur - ein Konstrukt des Teilsystems ist und nicht umgekehrt, kommt der evolutionäre Vorgang der Systembildung ohne Koordination durch ein Gesamtsystem 9

Die folgende Stelle verweist auf einen coevolutionären Zusammenhang: „An die Stelle einer hierarchischen Konzeption des Verhältnisses von Funktionssystem und Organisationen tritt mithin eine Art NetzwerkKonzept. Die Organisationen entfalten eine Eigendynamik, die im Funk­ tionssystem mit Verfahren der Beobachtung zweiter Ordnung aufgefan­ gen wird, und dies unter der Bedingung laufender Reaktualisierung — etwa in der Form des Marktes, über die öffentliche Meinung, in laufend neu erscheinenden wissenschaftlichen Publikationen oder Rechtstexten.“ Luh mann 1997, 846.

4 aus. Und erst in dieser Betrachtungsweise wird es möglich, Probleme der Selektion zu identifizieren, die nicht vorab durch die Differenzierung des Gesellschaftssystems schon als gelöst erscheinen. Ein Ansatz für die Erklärung von Systemdifferenzie­ rung, der so verfährt, findet sich in dem von Luhmann im Anschluß an Parsons reformulierten Theorem der doppelten Kontingenz (1984, 148ff.). In Luhmanns Fassung bildet es ein Fundamental theorem für die Emergenz sozialer Systeme schlechthin. Obwohl es um soziale Systeme geht, bleibt in diesem Theorem eigentümlich offen, welcherart die Syste­ me sind (Bewußtseinssysteme, personbezogene Interakti­ onssysteme oder organisierte Handlungs systeme) die durch wechselseitiges Beobachten eine kontingente Situations­ wahrnehmung erzeugen, die dann durch Systembildung aufgelöst wird. Luhmann stellt zwar auch einen Bezug auf Organisationen her, bleibt damit aber nah an der Interaktion unter Anwesenden: „Die Lösung des Problems der doppel­ ten Kontingenz liegt darin, daß die Mitgliedschaft konditio­ niert we rden kann, und dies nicht nur mit Bezug auf den Eintrittsakt, sondern als Bedingung der Aufrechterhaltung des Status.“ (1997, 829). Mit der Mitgliedschaftsrolle ist nur die "Innenseite" der Form, Kontingenzreduktion des Systems nach Innen bezeichnet. Die Unsicherheit, ob die Mitglieder regelgemäß kooperieren oder ob es zum Konflikt kommt, ist ein andau­ erndes Problem der Organisation und wird zu einem Mo­ ment seiner eigenen Reproduktion über laufende Entschei­ dungen. Damit ist aber nur einfache Kontingenz bezeichnet - es sei denn, man faßt das Verhalten von Mitgliedern in Interaktionen als bloße Interaktion auf und abstrahiert damit vom Organisationskontext, der die Kontingenz schon ein­ schränkt. Die andere Seite der Ungewißheit, die die Auto­ poiesis von Organisationssystemen ausmacht, liegt in der Unsicherheit der Publikumsbeziehungen und der Konkur­ renzlage. Luhmann nimmt diesen Aspekt nicht im Theorem der doppelten Kontingenz auf, sondern in der Organisati­ onstheorie mit dem (Simonschen) Theorem der Unsicher­ heitsabsorption über Entscheidungen: „Dieser Modus der Umsetzung von Entscheidungen in Entscheidungen ist die Autopoiesis des Systems. Er transformiert weltbedingte Unsicherheiten in systeminterne Sicherheiten — nicht nur, aber auch in der Form von Akten.“ (1997, 838) Die Probleme, für die funktionale Differenzierung ei­ ne Lösung bietet, sind nicht auf der Ebene der Interaktion unter Anwesenden, sondern auf der Ebene von Handlungy­ stemen zu suchen, die erst mit der Moderne zwischen Inter­ aktion und Gesellschaft einzieht. Das allgemeine Theorem der doppelten Kontingenz ist daher historisch zu spezifizie­ ren durch das der doppelten Entscheidungsprobleme organi­ sierter Handlungssysteme unter den Bedingungen erweiter­ ter Konkurrenz und anonymisierter Publikumsbeziehungen. Am Fall der Ausdifferenzierung der Form von Unter­ nehmen und Märkten der Wirtschaft ist paradigmatisch gezeigt worden, daß eine Seite dieser Form nicht ohne die andere behandelt werden kann, daß man aber jeweils zu anderen Beschreibungen kommt, wenn man von der einen oder der anderen Seite ausgeht. So konkurrieren innerhalb der Wirtschaftswissenschaften Theorien, die die Entstehung von Unternehmen durch Marktversagen erklären, mit Theo­ rien, die die Entstehung von Märkten durch Organisations­ versagen erklären. Gesucht werden deshalb Theorien, die die Einheit dieser Unterscheidung zum Gegenstand der Beschreibung zu machen und Veränderungen aus deren


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung Beschreibung abzuleiten (im Falle der Wirtschaft zB. durch steigende oder sinkende Transaktionskosten). Um diese für die Evolution der modernen Gesellschaft zentrale ZweiSeiten-Form der Kommunikation generalisierend – also nicht nur am Fall der Wirtschaft – zu beschreiben, liegt es nahe, sich der schematischen Unterscheidung der Konstella­ tionen des Handelns und Erlebens in der Ego/AlterDimension zu bedienen, die Luhmann seiner Beschreibung der Ausdifferenzierung symbolisch generalisierter Kommu­ nikationsmedien zugrundegelegt hat.10 Das Problem der Reduktion gesteigerter Entscheidungslasten läßt sich ent­ lang der vier Grundkonstellationen spezifizieren: Alters Erleben

Alters Handeln

Egos Erleben Egos Handeln 2. Ae fi Ee 2. Ae fi Eh Koordination Austausch von Ressourcen des Sy­ zwischen System und Umwelt stems 1. Ah fi Ee 1. Ah fi Eh Konkurrenz Kooperation um Ressourcen der Umwelt durch Mitgliedschaft im System

In diesem Schema werden vier Formen des sozialen Han­ delns und Erlebens auf der Ebene kollektiver Akteure unter dem Gesichtspunkt der Ausdifferenzierung von Handlungs­ systemen als komplementäre Fo rmen eingeordnet.11 Der Gebrauch technischer Kommunikationsmittel, der die Diffe­ renzierung von Handeln und Erleben erst plausibel macht, ist vorausgesetzt. Die natürliche Oszillation zwischen Erle­ ben und Handeln in der Einstellung der Interaktion unter Anwesenden wird auf der Ebene kollektiver Akteure unter­ brochen durch Operationen der Entscheidung und Entschei­ dungsverknüpfung. Die Ausdifferenzierung konkurrierender Akteure zu organisierten Handlungssystemen wird wahr­ scheinlich, wenn durch neue Kommunikationsmittel trans­ lokale Austauschverhältnisse entstehen. Organisationen kombinieren die Vorteile interaktionell-kooperativer Ge­ schlossenheit nach innen (vertragsförmig) mit den Reich­ weitenvorteilen publikumsbezogener Offenheit nach Außen (marktförmig). Organisationsextern ermöglichen die Ko m­ munikationsmittel das Erreichen unbekannter Adressaten ­ organisationsintern erweitern sie die Möglichkeiten kogniti­ ver Kontrolle. In den (im Schema diagonal gegenüberstehe nden) Konstellationen von Kooordination und Kooperation geht es um interne Ressourcen – solche symbolischer und solche physischer Prozesse. In den (ebenso diagonal gegenüberste­ henden) Konstellationen von Konkurrenz und Austausch geht es um externe Ressourcen - Leistungen anderer Syste­ 10

„Im Prinzip muß man ... mit vier verschiedenen Konstellationen rech­ nen, nämlich (1) Alter löst durch Kommunikation seines Erlebens ein entsprechendes Erleben von Ego aus; (2) Alters Erleben führt zu einem entsprechenden Handeln Egos; (3) Alters Handeln wird von Ego nur erlebt; und (4) Alters Handeln veranlaßt ein entsprechendes Handeln von Ego. Wenn wir von ‚Entsprechung‘ sprechen, ist damit keine Ähnlichkeit und erst Recht keine Wiederholung gemeint, sondern nur Komplementarität. Denn eine Kommunikation hat Erfolg, wenn ihr Sinn als Prämisse wei­ teren Verhaltens übernommen und in diesem Sinne Kommunikation durch andere Kommunikationen fortgesetzt wird.“ Luhmann 1997, 336f.

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Diese schematische Einordnung von Kooperation, Austausch, Konkur­ renz und Kooordination im Kontext der Ausdifferenzierung organisierter Handlungssysteme muß die ideengeschichtlich beschriebene Vielfalt dieser Formen ausklammern.

5 me, Mitglieder, Rohstoffe – wiederum sowohl solche physi­ scher wie symbolischer Natur. Interaktion ist nicht nur in den Formen der Konkurrenz sondern auch in der organisati­ onsinternen Koordination - durch Hierarchie - unterbrochen. In dieser Dimension finden jene Kontingenzerfahrungen statt, die Systeme entstehen, Struktur gewinnen oder verge­ hen lassen. In den Konstellationen von Kooperation und Austausch wird aufgrund symbolisch generalisierter Regeln interagiert. Hier finden Entscheidungen statt, die Prästabili­ sierung schon voraussetzen und Restabilisierungsbedarf entstehen lassen. Funktionale Differenzierung erweist sich als Lösungsform der Entscheidungsprobleme von Hand­ lungssystemen - auf ihrer Außenseite (Märkte, relevante Umwelt) wie auf der Innenseite (Mitgliedschaft, Karrieren). Nur eine Entscheidung steht hier nicht zur Dispositi­ on: die Wahl der Kommunikationsmittel. Technisch erwe i­ terte Kommunikationsmittel wirken in der Konkurrenz der Handlungssysteme wie ein Angebot, das man nicht aus­ schlagen kann. Ihr Gebrauch verändert die Bedingungen, unter denen die Systeme agieren: die Reichweite ihrer An­ gebote an ein unbekanntes Publikum; die Konkurrenten, die unter diesen Bedingungen auftreten, und v.a. die kognitive Kontrolle der Entscheidungen, die der internen Handlungs­ verknüpfung und den nach Außen gerichteten Handlungen dienen. Variationen können in der Kommunikation stattfin­ den und unbemerkt wieder verschwinden oder vergessen werden. Die skizzierten Formen der Selektion können je­ doch nicht so leicht wieder verschwinden, weil es Auf­ zeichnungen über die Entscheidungen im System gibt. Die­ se schaffen allerdings zugleich das Problem, das jede Selek­ tion – ob positiv oder negativ – begleitet: die Erinnerung an die nicht gewählte Alternative wird nicht ausgelöscht, son­ dern bleibt zur eventuellen Wiederverwendung gespeichert. Vor allem deshalb wird eine zweite Stufe der Selektion, ein Restabilisierungsmechanismus erforderlich. Symbolisch generalisierte Funktionsorientierungen werden gebraucht, um verschiedene Ebenen der Kommuni­ kation - interaktionsgebundene Motive und organisations­ gebundenes Handeln - zu verknüpfen und die Entschei­ dungslasten in den oben skizzierten Konstellationen im Rekurs auf selbstverständliche Prämissen zu reduzieren. Der Mechanismus der Restabilisierung läßt sich jedoch nicht zureichend beschreiben unter Bezug auf Funktions­ primate, die seit dem 18. Jahrhundert anstelle tradierter Wertorientierungen treten. Als weitere Voraussetzung muß die Ebenendifferenzierung selbst bezeichnet werden, die durch die Emergenz kollektiver Handlungsysteme zwischen Interaktion und Gesellschaft entstanden ist. Denn sie garan­ tiert erst die kausale Unabhängigkeit der evolutionären Mechanismen: Variation findet auf der Ebene der Operatio­ nen einzelner Handlungssysteme statt, Selektion hingegen auf der Ebene von Gesamtheiten, die sich durch gemeinsa­ me Umwelten abgrenzen.12 Restabilisierung kann so im Rekurs auf gesellschaftlich aggregierte Sinnvorräte stattfin­ den, die sich dem Zugriff der Handlungssysteme entziehen. Unter Berücksichtigung dieser doppelten Differenzie­ rung kann man also sagen, daß mit Funktionssystemen 12

In der ökonomischen Organisationstheorie ist zur Markierung der Ebe­ nendifferenz der biologische Begriff der Population auf Handlungssy­ steme übertragen worden. Vgl. Hannan/Freeman 1989. Die interne Zu­ rechnung von Selektion in Luhmanns Evolutionstheorie setzt diese Ebe­ nendifferenz voraus: Was für Akteure und Handlungssysteme Umwelt ist, ist für das jeweilige Teilsystem der Gesellschaft ein Moment seiner operativen Schließung und insofern eine Operation im System.


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung evolutionäre Nischen beschrieben werden, die in der Um­ welt von Handlungssystemen entstehen, durch symbolische Medien stabilisiert und durch technische Medien variiert werden. Der Gebrauch technisch erweiterter Kommunikati­ onsmittel kann auch erklären, wie es zu der für die moderne Gesellschaft typischen Schärfe der Differenzierung zwi­ schen Selektion und Restabilisierung kommen konnte: Er steigert die Mittel kognitiver Kontrolle, läßt die Gedächtnis­ funktionen der Kommunikation anwachsen und ermöglicht damit - komplementär zur Ausdifferenzierung selektiver Strukturen - die Ausdifferenzierung einer Sphäre der Beob­ achtung zweiter Ordnung, die eine definitive Stabilisierung der Entscheidungen hinauszögert und diese für erneute Variation öffnet. 4. Probleme des Übergangs zur Weltgesellschaft Im evolutionstheoretischen Teil seiner Gesellschaftstheorie weist Luhmann darauf hin, daß die entscheidende Differenz zur Geschichtsschreibung in der Konstruktion von Über­ gängen liegt. Die Evolutionstheorie könne nur ein Schema für historische Untersuchungen bereitstellen, das unter gün­ stigen Umständen zur Einschränkung der möglicherweise kausal relevanten Ursachen führen kann. Hypothesen für solche Übergänge müßten im Hinblick auf bestimmte histo­ rische Sachlagen erst noch entwi ckelt werden. Sie könnten aus der Evolutionstheorie nicht abgeleitet we rden, weil das Unterscheidungsschema der Evolutionstheorie "VariationSelektion-Restabilisierung" zirkulär konstruiert ist. (1997, 570). Deshalb kommt man zu verschiedenartigen Epochen­ einteilungen der Gesellschaft je nach dem, ob man Variati­ ons- oder Stabilisierungseffekte zum Ausgangspunkt der Beschreibung nimmt: „Man kann sagen, die moderne Ge­ sellschaft beginne im 15. Jahrhundert mit dem Übergang von den spätmittelalterlichen durchorganisierten Großwerk­ stätten der Manuskriptproduktion zu einer Anfertigung von Texten mit Hilfe der Druckpresse. Oder man kann sagen, die moderne Gesellschaft beginne im 18. Jahrhundert mit der Beobachtung des Zusammenbruchs der Stratifikation und der Neuformierung operativ geschlossener Funktions­ systeme.“ (1997, 516). Möglichkeiten für eine eindeutigere Bestimmung von Epochenzäsuren sieht Luhmann im Zu­ sammenhang mit der Bestimmung des Selektionsmecha­ nismus, der die Zirkularität der evolutionären Mechanismen beschränkt. Die Möglichkeiten, die in dieser Beschränkung liegen, werden allerdings erst deutlich, wenn die für die moderne Gesellschaft konstitutiven Selektionseffekte in der Ausdifferenzierung der System-Umwelt-Beziehungen kol­ lektiver Akteure angesetzt werden. Das allgemeine Problem, für das funktionale Diffe­ renzierung die Lösung ist, kann historisch spezifiziert we r­ den als das Problem der doppelten - im Innen- wie im Au­ ßenverhältnis gesteigerten - Entscheidungslasten kollektiver Akteure. Das Problem entsteht durch den Gebrauch neuer Kommunikationsmittel als Steigerung kognitiver Kontroll­ kapazitäten und es fixiert sich durch das Einziehen neuer Formen der Konkurrenz und Kooperation, des Austauschs und Konflikts auf einer Ebene zwischen Interaktion und Gesellschaft.13 Diese Problemlage entfaltet sich – mit einer 13

Wenn man von dieser Ebenenspezifizierung absähe, liefe die Bezeich­ nung des Selektionsmechanismus mit dem Begriff der Entscheidung auf eine Tautologie hinaus. Bezogen auf die Bildung von Handlungssyste­ men tritt die Differenz zum Restabilisierungsmechanismus hervor.

6 Inkubationsphase zwischen dem Aufkommen der Printme­ dien bis zum Beginn der Ausdifferenzierung der neuen Mesoebene im 18. Jh. – und reproduziert sich mit jedem neuen Entwicklungsschub der technisch erweiterten Kom­ munikationsmittel in der modernen Gesellschaft. In der Einleitung seiner Gesellschaftstheorie grenzt Luhmann den Begriff der Gesellschaft gegen regionalisti­ sche Gesellschaftsbegriffe ab unter Bezugnahme auf „das Ausmaß, in dem die ‚Informationsgesellschaft‘ weltweit dezentral und konnexionistisch über Netzwerke kommuni­ ziert — eine Tendenz, die in einer absehbaren Zukunft durch Computerisierung sicher noch verstärkt werden wird.“ (1979, 31) Das Argument dient, obwohl es auf neue Medien Bezug nimmt, der Begründung eines Begriffs der Weltgesellschaft, dessen historisch-empirische Grundlagen mit der Formierung operativ geschlossener Funktionssyste­ me im 18. Jahrhundert schon realisiert sein sollen. Im diffe­ renzierungstheoretischen Teil der Gesellschaftstheorie ve r­ teidigt Luhmann diese Auffassung wiefolgt gegen empiri­ sche Einwände: „Je mehr man auf Details zugeht, desto auffälliger werden die Abwe ichungen von dem, was die Theorie funktionaler Differenzierung erwarten läßt. ... Of­ fenbar kombinieren, verstärken und behindern sich die Auswirkungen verschiedener Funktionssysteme auf Grund von Bedingungen, die nur regional gegeben sind und folg­ lich sehr unterschiedliche Muster erzeugen. Niemand wird diese Fakten bestreiten.“ Mit Luhmann ist zu fragen, welche Theorie ihnen gerecht we rden kann. (1997, 807) Daß die Wirklichkeit der Weltgesellschaft vom Prin­ zip funktionaler Differenzierung abweicht, zwingt nicht dazu, die Abweichungen als Folgeprobleme zu betrachten, die auf eine neue Differenzierungsform verweisen. Die Theorie muß allerdings auch Kriterien zur Beantwortung der Frage benennen, wann von der Gegebenheit einer Welt­ gesellschaft auszugehen ist: bereits mit der Formierung der Märkte und Publikumsbeziehungen durch Printmedien im Europa des 18.Jh.s oder erst mit dem Aufkommen weltweit synchronisierter Kommunikation im 20. Jh.? Wenn man nicht mit Luhmann schon vom realisierten Primat funktio­ naler Differenzierung ausgeht, lassen sich viele Probleme als solche der Ausdehnung des Prinzips funktionaler Diffe­ renzierung in der Weltgesellschaft beschreiben: als Über­ gangs- und Begleitprobleme einer regional unvollständigen Implementierung und der Erzeugung regressiv­ fundamentalistischer Gegenströmungen. Es handelt sich demnach um Probleme, die ausgelöst werden durch das Aufkommen neuer Kommunikationsmit­ tel, die nationalsprachliche Beschränkungen der Kommuni­ kation auflösen, und sich weltweit fixieren auf der Ebene der System-Umwelt-Beziehungen kollektiver Akteure in noch instabilen Veränderungen. Im Hinblick auf die evolu­ tionäre Unwahrscheinlichkeit ihrer Stabilisierung ist zu betonen, daß das Prinzip funktionaler Differenzierung nicht nur in der Autonomie der Teilsysteme zum Tragen kommt, sondern gerade auch umgekehrt: im Autonomieverzicht, der zB. im Hinblick auf bisherige Formen nationalstaatlicher Politik sich als Souveränitsverzicht darstellen kann.14 Die 14

In der Theorietradition ist zwischen zwei Arten kollektiver Handlungs­ systeme unterschieden worden: Solchen, die auf Märkten konkurrieren und solchen, die sich der Konkurrenz entziehen und über ein staatlich geschütztes Monopol verfügen. In der Folge jener Verlängerung der Reichweite der Kommunikationsmittel, die als Globalisierung bezeich­ net wird, wird erkennbar, daß Staaten selbst Handlungssysteme sind, die miteinander konkurrieren und daß das staatliche Festhalten an Monopo-


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung Luhmannsche Systemtheorie hat zwar – in Anlehnung an die biologische Systemtheorie - immer den Akzent gelegt auf die Steigerung der operativen Geschlossenheit und Au­ tonomie der Teilsysteme. Diese Geschlossenheit gilt jedoch – für lebende Organismen wie für Gesellschaften – nur auf der Ebene ihres jeweiligen Operierens. Mit der Unterschei­ dung von Ebenen kann die Paradoxie aufgelöst we rden, daß funktionale Differenzierung zugleich Steigerung der Auto­ nomie der Teilsysteme und Autonomieverzicht i.S. gestei­ gerter Abhängigkeit von den Leistungen (der Organisatio­ nen) anderer Teilsysteme ist. Wer die gegenwärtige Gesellschaft mit dem Begriff der funktionalen Differenzierung zu beschreiben versucht, kann erkennen, daß diese Beschreibung in der neuen Medi­ enkonstellation, mit der globalen Vernetzung der Organisa­ tionen und des Publikums der Funktionssysteme an empiri­ schem Gehalt gewinnt. Nimmt man Systemdifferenzierung nicht schon als Resultat, das zu einer Gesamtbeschreibung der Gesellschaft kondensiert, sondern als Proze ß der Aus­ differenzierung von Formen in funktionssystemspezifischen Medien, dann wird plausibler, warum es höchst ungleiche Entwicklungen geben kann, ohne daß die Funktionsweise des Selektionsmechanismus davon betroffen ist: Weltweit wirksame Entscheidungen von Handlungssystemen werden unabhängig davon getroffen, ob Funktionssystemprimate zur Verfügung stehen oder nicht. Damit ist noch wenig über neue Strukturen der Gesellschaft gesagt, aber es sind vo r­ handene Theorieinstrumente benannt, die zur genaueren Analyse verwendet und weiterentwickelt werden können. 5. Neue Entscheidungsprobleme - neue symbolische Generalisierungen? Wenn das Problem, für das funktionale Differenzierung die Lösung ist, als das der Entscheidungsprobleme kollektiver Akteure bezeichnet werden kann, dann ist zu fragen, ob sich an der Problemlage Grundlegendes geändert hat. Hier sind zunächst Aspekte der Kontinuität und der Diskontinuität der kommunikativen Strukturen im Vergleich der Medienkon­ stellationen zu unterscheiden. Der wichtigste Aspekt, der auf Diskontinuität ver­ weist, liegt in der Wiedereinführung von Interaktion mit technischen Mitteln. Die uns vertrauten symbolischen For­ men und Medien der Kommunikation sind entstanden (bzw. gegenüber prototypischen Erscheinungsformen ausdifferen­ ziert worden) u.a. als Reaktion auf das Problem der interak­ tiven Unerreichbarkeit von Adressaten der Kommunikation in der Printmedienkonstellation. Diese Umstände ändern sich grundlegend, wenn Möglichkeiten der Kommunikation, die bisher nur in der Interaktion unter körperlich Anwesen­ den zur Verfügung standen, den Akteuren nunmehr im glo­ balen Maßstab zur Verfügung stehen. Also müssen sich auch die hierfür passenden Selektions- und Restabilisie­ rungsmechanismen grundlegend ändern. Kontinuitätsaspek­ len für Wirtschaftsoperationen in dieser Konkurrenz ein Nachteil sein kann. In den Auflösungsprozess tradierter Monopole wird auch die poli­ tische Ordnung selbst hineingezogen. Ethnisch und religiös motivierte Konfliktformen erinnern an Strukturen vor der Herausbildung des mo­ dernen Nationalstaats. – Im Exposé der Hg. werden Probleme aufge­ zählt, an denen sich soziale Bewegungen kristallisieren, jedoch solche ausgeklammert, die sich auf religiöse und ethnische Konflikte beziehen. Aber nur wenn man sieht, daß Gemeinschaftskonflikte auf Probleme verweisen, die die moderne Gesellschaft von Anfang an begleiten – und nicht etwa der Vorgeschichte zuzurechnen sind - läßt sich die Frage stel­ len, warum sie heute verstärkt und weltweit aufbrechen.

7 te zeigen sich demgegenüber in der andauernden Verwe n­ dung der Interaktionsunterbrechung als Mittel gesteigerter kognitiver Kontrolle der Kommunikation. Die mit techni­ schen Mitteln erzeugte Interaktivität nivelliert die Kommu­ nikation nicht i.S. einer globalen Interaktion unter Anwe­ senden. Die enorme Steigerung der Speicherkapazitäten der neuen Kommunikationsmittel läßt eher eine entsprechende Steigerung des Typs von Problemen erwarten, die der Ge­ sellschaft schon in der Printmedienkonstellation aus der Steigerung von kognitiver Kontrolle der Ko mmunikation erwuchsen. Technisierungen der Kommunikation beruhen gene­ rell auf der Isolierung einer Problemlösung gegenüber unbe­ rechenbaren Umwelteinflüssen. Dieses Prinzip gilt in spezi­ fischer Weise auch für den technischen Kern von Hand­ lungssystemen. Hier handelt es sich um die Beseitigung von Störungsanfälligkeit durch operative Schließung und um eine Erweiterung der Reichweite des Handelns um den Preis der Interaktionsunterbrechung. Wird nun dieses in der Printmedienkonstellation evoluierte Muster durch die Wie­ dereinführung von Interaktivität mit technischen Mitteln durchbrochen oder wird es unter veränderten Bedingungen fortgesetzt? Die auffälligsten Aspekte der technischen Inno­ vation bestehen in der Veränderung räumlicher und zeitli­ cher Dimensionen: in der globalen Erreichbarkeit von Kommunikationsteilnehmern. In räumlicher Hinsicht wird v.a. über die Verschärfung des internationalen Wettbewerbs der Handlungssysteme diskutiert.15 Mit den neuen elektroni­ schen Netzen verändert sich die ökologische Nische, in der Handlungssysteme um dieselben Ressourcen konkurrieren. Nicht nur ökonomische, sondern auch politische Entschei­ dungsprobleme verändern sich dadurch, daß Ressourcen­ probleme sich nicht mehr externalisieren lassen i.S. der Verschiebung jenseits der Grenzen territorialer Einheiten, sondern als globale Beschränkungen in den Blick kom­ men.16 In zeitlicher Hinsicht werden v.a. gesteigerte Risiken der Handlungssysteme beobachtet, zu früh, zu spät oder gar nicht entschieden zu haben. 17 Mit der zunehmenden Vernet­ zung und Gleichzeitigkeit der Kommunikation geraten die Grenzen zwischen markt- und organisationsförmiger Hand­ lungskoordination insgesamt unter Variationsdruck.18 Ein Umstand, der kontinuiert, ist die Anonymität der Teilneh­ merrollen im Unterschied zu Mitgliedschaftsrollen. Neu ist jedoch, daß diesbezüglich laufend Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Einbeziehung der neuen Netzwerke in die Entscheidungskommunikation organisierter Handlungs­ systeme macht es zwingend, die elektronische Interaktivität 15

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18

Luhmann sieht in der Diskussion über Globalisierung eher triviale Probleme, weil von der „Vollrealisation der Weltgesellschaft“ immer schon auszugehen sei. 1997, 809 – Vgl. dagegen Lübbe, 1996. Im Exposé der Hg. werden ökologische Probleme nicht der Raumd i­ mension zugeordnet (die in der Luhmannschen Sinntriade nicht vor­ kommt) sondern der Sachdimension. Es geht aber doch nicht nur um die Frage, in welchem System der Gesellschaft diese Probleme thematis iert werden, sondern wie die ökologische Nische der Gesellschaft selbst de­ finiert wird. Im Exposé der Hg. werden Probleme riskanten Entscheidens erwähnt, der Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln aber ausgeklammert – obwohl es in Luhmanns Gesellschaftstheorie kein wichtigeres Indiz für Umbrüche gibt. 1997, 312ff. Das Zauberwort von der Virtualisierung suggeriert die Auflösung aller Grenzen. Jedoch sind auch „virtuelle“ Unternehmen reale Handlungssy­ steme und keineswegs bloß deren Simulationen. Die Veränderung be­ steht in einer verschärften Temporalisierung ihrer Grenzen - nicht in de­ ren Auflösung.


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung zu deanonymisieren, um Entscheidungen nachweisbar und Handlungsereignisse zuordnbar zu halten. Anonymität folgt nicht mehr aus der Wahl der Kommunikationstechnik, son­ dern wird zum symbolischen Bestandteil der Kommunikati­ on. Mit der Einführung von Interaktivität mit technischen Mitteln verändern sich die System-Umwelt-Beziehungen kollektiver Akteure. Weltweit zeigen sich neue Formen der Konkurrenz und Kooperation, des Austauschs und Kon­ flikts. Es ändert sich jedoch damit nichts Grundlegendes an dem für die moderne Gesellschaft charakteristischen Selek­ tionsproblem: Steigerung der kognitiven Kontrolle und der Entscheidungslasten um den Preis gesteigerter Unwahr­ scheinlichkeit kommunikativen Erfolgs. Für diese Problem­ lage bietet die verbreitete Rede von der Informations- oder Wissensgesellschaft schon durchaus passende Formeln.19 Die Theorie funktionaler Differenzierung hatte ihre Vorstellung von der Gesellschaft aus der Ve rschiedenheit und Nichtsubstituierbarkeit der Teile in einem funktionie­ renden Organismus abgeleitet. Heute ist viel von neuen Netzen die Rede – und wenn man nach einem Vorbild sucht, das den verschiedenen Suchbewegungen der Gesell­ schaft nach einer neuen Gesamtbeschreibung entgegen­ kommt, so könnte in der Netzmetapher schon eine symboli­ sche Generalisierung angelegt sein, die die Veränderungen der Kommunikation repräsentiert. Dieses Bild zwingt den theoretischen Beobachter nicht zu einem Bruch mit der Theorie funktionaler Differenzierung, sondern zu Anpas­ sungen der Theoriekonstruktion, die die andere Seite der neuen Möglichkeiten - die diabolischen Verstrickungen der Kommunikation in den neuen Netzen - zum Ausdruck brin­ gen. Erst wenn das Ausmaß des Umbruchs in den Kommu­ nikationsmöglichkeiten einigermaßen klar ist, kann auch geklärt werden, welche Stabilisierungsmöglichkeiten der Gesellschaft zur Verfügung stehen. Noch ist kaum abzuse­ hen, mit welchen Mitteln es der Gesellschaft gelingen kann, die neue Unübersichtlichkeit zu ordnen. Läßt sich die diabo­ lische Seite der Kommunikation, die als Instabilität der neuen Formen der Mesobene zutagetritt, einhegen in neuen symbolischen Generalisierungen? Einerseits ist der Erfolg neuer Kommunikationstech­ niken nur möglich auf dem Hintergrund von Strukturen, die auf deren Verwendung schon „gewartet“ haben. Anderer­ seits geraten mit dem Erfolg neuer Medien auch andere Teilstrukturen der Gesellschaft unter Anpassungsdruck. Eine Form der Anpassung besteht - wie man aus dem Ver­ gleich mit den Folgen des Buchdrucks entnehmen kann - in einer verzögert wirkenden Umstellung der Semantik der Gesellschaft. Die für die moderne Gesellschaft als Weltge­ sellschaft relevanten symbolischen Generalisierungen kön­ nen auf die Semantik des Buchdrucks nicht mehr zurück­ greifen und auf der damit verbundenen Nationalsprachlich­ keit nicht aufbauen. Sie müssen sich damit aber auch nicht mehr auf die Beschränkungen einlassen, die in dem print­ medientypischen Ausschluß von Interaktivität und bewe g­ ten Bildern bestehen. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß die Leitfunktion der nationalen Schriftsprachen in der neuen Medienkonstellation ersetzt wird durch eine Kombination aus bewegten Bildern, Ikonogrammen und einem interna­ tionalen Standard-Englisch (und daß die Schriftsprachen zu

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Für Luhmann werden mit der Bezeichung „Informationsgesellschaft“ eher marginale Probleme benannt. 1997, 1088ff.

8 Reservaten für literarisch anspruchsvolle Kommunikation werden).20 Die skizzierte Beschreibung neuer Formen der Kom­ munikation auf der Ebene organisierter Handlungssysteme grenzt sich ab von Deutungen, die die Veränderung unter Hinweis auf das Vordringen technischer Bilder in der Kommunikation als kognitiven Realitätsverlust beschreiben. Sie grenzt sich ebenso ab von Deutungen, die in der techni­ schen Wiedereinführung von Interaktivität eine Art Rück­ kehr zu einfacheren (präliterarischen) Verhältnissen sehen. Beiden Deutungsarten stehen die neuen Möglichkeiten kognitiver Kontrolle entgegen, die die evolutionäre Un­ wahrscheinlichkeit und Riskiertheit kommunikativer Struk­ turen in dieser Konstellation ausmachen. Hier liegen auch die neuen Entscheidungsprobleme, die die Frage nach der Haltbarkeit der bisher entwickelten Ordnungsmittel der Gesellschaft aufwerfen. Diese Probleme sind jedoch nicht so grundlegend neu, daß sie mit der Theorie funktionaler Differenzierung nicht mehr interpretiert werden könnten. Es handelt sich in evolutionstheoretischer Perspektive um eine epochale Steigerung des gleichen Typs von Problemen, für den sich funktionale Differenzierung im regionalen Maßstab als Lösung schon bewährt hat. Wenn man allerdings die gegenwärtige Ausbreitung funktionaler Orientierungen ­ und ihrer Gegenbewegungen - im Weltmaßstab betrachtet, kann man wohl sagen, daß die Probleme sich gerade erst zu zeigen beginnen. Literatur Böckenförde, Ernst-Wolfgang (1978): Organismus, Organisation, politischer Körper, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Histor i­ sches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland Bd.4 Hg. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, Stuttgart, 1978, S. 519-622 Gilgenmann, Klaus, (1997): Kommunikation – ein Reißver­ schlußmodell, in: Soziale Systeme 3 (97) H.1 S. 33-56 Hannan, Michael T; Freeman, John, (1989): Organizational Ecol­ ogy, Cambridge, Mass. Lübbe, Hermann, (1996): Globalisierung. Zur Theorie der zivilisa­ torischen Evolution, in: R.Biskup (Hg.) 1996, Globalisierung und Wettbewerb, Bern, Stuttgart, Wien, S.39-63 Luhmann, Niklas, (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allge­ meinen Theorie, Frankf.M. Luhmann, Niklas, (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankf.M.

Summary: The problem diagnosis suggested by the editors is based on the assumption that the transition to a functionally differenti­ ated world society has performed historically long ago and phe­ nomena not subsumable to this form of society are to be under­ stood as resultant problems. This primary assumption shall be replaced by the assumption, that it could be problems of a world­ wide transition to functional differentiation. With a view to such an interpretation rearrangements are suggested to the evolutionary theory part of the theory of society of Niklas Luhmann: The use of technically extended communication media as mechanism of variation, the emergence of action systems as mechanism of sele c­ tion, and the use of generalized symbolic media as mechanism of restabilization. The mentioned problems are led back on global, 20

Auch Luhmann spekuliert über gravierende Veränderungen der symb o­ lischen Medien infolge des Gebrauchs neuer Kommunikationstechniken: „Mit all dem ist die soziale Entkopplung des medialen Substrats der Kommunikation ins Extrem getrieben. In unserer Begrifflichkeit muß das heißen, daß ein neues Medium im Entstehen ist, dessen Formen nun von den Computerprogrammen abhängig sind.“ Luhmann 1997, 309f.


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung but not stabilized changes of system-environment relations of collective protagonists resulting from the use of new techniques of communication.

Ablendendes Gutachten und Kommentar Die Hauptschwierigkeit des Textes scheint mir zu sein, daß er mindestens zwei Aufsätze enthält, von denen der eine zur Evolu­ tionstheorie, der andere eher zur Differenzierungstheorie zu rech­ nen ist; und die sinnvollerweise voneinander getrennt werden sollten. Für diese Trennung spricht allein schon, daß der gesamte Text in einem Grade kondensiert und abstrakt ist, daß jedem Leser die Lektüre schwerfallen wird. – Das mit der Lesbarkeit ist leider wahr. Die Redeweise von den 2 Auf­ sätzen suggeriert allerdings darüberhinaus, daß eine Stellungnahme zu der in Luhmanns Theoriearchtiktur vorliegenden Verknüpfung von Dif­ ferenzierungs- und Evolutionstheorie (in einem Aufsatz für einen relativ eingeweihten Leserkreis) prinzipiell nicht möglich sei. Ich versuche im folgenden das Argument zu rekonstruieren und dabei Verbesserungsvorschläge zu machen. Im Teil 2 legt der Autor Alternativvorschläge für die Besetzung der evolutionären Mechanismen in einer Theorie soziokultureller Evolution vor. Vorweg kritisiert der Autor die mangelnde Trennschärfe von Luhmanns evolutionären Mechanismen. Dabei fällt aber auf, daß auch der Autor letztlich nicht klarmacht, was er unter einem Me­ chanismus versteht. – Meine Alternativvorschläge sind eben nicht nur in Teil 2 enthalten. Die wichtigste Umbesetzung kommt in Teil 3, den der Gutachter aber abge­ trennt sehen möchte. – Muß ich begründen, was ein evolutionärer Mechanismus ist, wenn ich in dieser Hinsicht nur an Luhmann anschließe? Rätselhaft finde ich den für den Gang des Arguments aber wichti­ gen 2. Absatz von S.3. Kritisiert wird NLs These, Medien leiste­ ten eine Verknüpfung von Motiven und unwahrscheinlichen Kommunikationszumutungen. Diese Verknüpfungen seien bereits eine Selektion und deshalb sei die Selektivität der Kommunikati­ on nicht zu verstehen. Das leuchtet mir überhaupt nicht ein. Was der Autor an dieser Stelle ignoriert, ist Luhmanns Unwahrschein­ lichkeitsthese: Kommunikationsmedien entstehen dort, wo hoch­ gradig unwahrscheinliche Kommunikationszumutungen formu­ liert werden. Für diese stellt sich die Frage, wie die Annahme­ wahrscheinlichkeit gesteigert werden kann und darauf reagiert das, was Gilgenmann als zweite Sele ktivität versteht, nämlich die selektive Verknüpfung von Kommunikationszumutungen und Motiven. Der Autor macht nicht verständlich, warum ihm dieser Gedanke Schwierigkeiten bereitet. An diesem Argument hängt andererseits die vorgeschlagene Verschiebung der Kommunikati­ onsmedien hin zum Stabilisierungsmechanismus, so daß eine der wichtigen Konstruktionsentscheidungen ohne hinreichende argu­ mentative Pla usibilität erscheint. – Das Argument ist nur rätselhaft, wenn man seinen Zusammenhang beschneidet. Hier versuche ich ja gerade die Verbindung zu Teil 3 (Bil­ dung von Handlungssystemen als von mir favorisiertem Selektionsme­ chanismus) herzustellen mit der Frage, woher denn diese Unwahr­ scheinlichkeit der Kommunikation überhaupt kommt.. Sie erscheint bei Luhmann manchmal wie ein Konstrukt des wissenschaftlichen Beob­ achters, manchm al wie ein universelles Merkmal aller Kommunikation. Es muß aber zunächst einmal gezeigt werden, wie sich diese unwahr­ scheinlichen Strukturen aufbauen, damit ein Mechanismus der Selek­ tion wirken kann, der sie zu überwinden hilft. Darin liegt sowohl histo­ risch wie auch für die evolutionstheoretische Rekonstruktion die erste Selektion. Auf S. 4 werden dann technische Kommunikationsmittel als Varia­ tionsmechanismus des Gesellschaftssystems beansprucht. Dieser

9 Vorschlag kann ja nicht als Alternative zu Luhmanns Konzept (Sprache, Negation, Konflikt), sondern nur als Spezifikation unter bestimmten gesellschaftlichen Randbedingungen verstanden werden. Dieses Verhältnis bleibt aber unerlä utert. – Ich habe mich genau in dieser Weise auf Luhmanns Vorgabe bezogen: nicht alternativ sondern notwendige historische Spezifikation. (Nur Kon­ flikt ordne ich anders ein.) Wieviel Erläuterung ist da in einem Aufsatz gefordert? Auf S. 5/6 erlangt die Unterscheidung symbolisch/diabolisch nicht die Anschaulichkeit, deren es bedürfte, damit man sich darunter etwas vorstellen kann und die Zuordnungsvorschläge des Autors zu beurteilen imstande ist. Größere Ausführlichkeit und Anschau­ lichkeit scheint hier dringend erforderlich. – Zu symbolisch/diabolisch habe ich mir so knappe Formulierung erlaubt, weil es eine Pointe von Luhmann selbst ist und ich daran bereits in So­ ziale Systeme 1/97 angeschlossen habe. Auf S. 6 beginnt dann mit Abschnitt 3 ein neuer Aufsatz; dessen überraschende These ich in kürzest möglicher Form so zusam­ menfassen würde: Funktionale Differenzierung ist ein Resultat der Umweltkonstruktionen, auf die organisierte Sozialsysteme ange­ wiesen sind, und sie ist ein Resultat der doppelkontingenten lnte­ raktion unter ebendiesen organisierten Sozials ystemen. Ich will versuchen, Teile dieser These zu vergegenwärtigen, um sie beur­ teilbar zu machen. – Die Zusammenfassung ist zutreffend - nicht jedoch die Redeweise vom "neuen Aufsatz". Sie ignoriert, daß ich mich auf Luhmanns Beschrei­ bung funktionaler Differenzierung in der Stellung eines evolutionären Mechanismus beziehe. Nur so kann die Abtrennbarkeit dieses Argu­ ments von der vorher eingeleiteten evolutionstheoretischen Argumentation behauptet werden. Zunächst einmal verwirrt die Teminologie Handlungssysteme. Darunter werden die meisten Leser verstehen, was etwa bei Par­ sons action systems heißt, also Systeme, die aus Handlungen bestehen, ohne deshalb nach außen handlungsfähig zu sein. Gil­ genmann aber meint offensichtlich das letztere, spricht also fak­ tisch von Organisationen (Luhmann) Kollektivitäten (Parsons) oder von korporativen Akteuren. Weiterhin fehlt es an sachlicher Spezifität und historischer Präzision in der Identifizierung dieses Typus handlungsfähige Systeme. Das aber scheint bei der weitrei­ chenden These des Autors dringend erforderlich. – Warum muß ich mich von Parsons Systembegriff abgrenzen (wegen Vorbildung des Lesers?) wenn ich mich doch ausdrücklich auf Luh­ manns Begriff von Organisationen als handlungsfähigen Systemen be­ ziehe? – Wenn auf S. 6 Verwirrung beklagt wird, dann ist wohl das Argument, das auf S.7 bemerkt wird, eher entlarvend? S. 7 wird dann deutlich, daß der Autor Systembildung als von unten nach oben (von einfacheren zu komplexeren Systemen) verlaufenden Prozeß des Generierens von Umweltkonstrukten durch Systeme verstanden wissen will. Mir scheint, daß dieses Gedankenexperiment scheitert, wenn man an iterative Verwen­ dung denkt: es wäre dann ja zu fordern, daß ein System, das gera­ de ein System höherer Ordnung konstruiert, sich uno actu als Konstrukt eines Systems niederer Ordnung versteht. lm Resultat führt dies zu einem konstruktivistischen Reduktionismus. Die Verwandtschaft zum sogenannten akteurzentrierten Institutiona­ lismus Kölner Prägung ist hier, wie an anderen Stellen des Aufsat­ zes auffällig und sollte vielleicht reflektiert werden. – Ist es ein logisches oder ein empirisches Problem, sich vorzustellen, daß "ein System, das gerade ein System höherer Ordnung konstruiert, sich uno actu als Konstrukt eines Systems niederer Ordnung versteht"?


K.G.: Probleme der Evolution funktionaler Differenzierung Ich habe diese Beschreibung nicht auf Systembildung schlechthin (ite­ rativer Regreß) sondern nur auf Kollektivakteure bezogen. – Stimmt, daß ich die Nähe zur Kölner Akteurstheorie noch gar nicht reflektiert habe (ich habe eher an Parsons kybernetische Steuerungs­ hierarchie gedacht). Sollte mich die erschrecken? Die Überlegungen auf S.8 gehen letztlich in die Ric htung, daß die Unterscheidung von Ungewißheit und doppelter Kontingenz (ver­ mutlich ja ein Spezialfall von Ungewißheit) aufgegeben wird. Dafür werden aber keine überzeugenden Argumente vorgetragen. – Ist denn Luhmanns Theorem der doppelten Interaktions-Kontingenz (von der sich der Vorschlag absetzt) überzeugender? Das Schema auf S. 9 leuchtet überhaupt nicht ein. Z.B. wird man gegen eine h/h Konstellation als bezeichnend für Kooperation vemutlich nichts einwenden; aber gilt nicht dieselbe Konstellation auch für Konflikt, und ist nicht die vorgeschlagene e/e Konstellati­ on für Konflikt ohne einen inhaltlichen Sinn. – Das Schema ist in der Tat nochmal zu überprüfen vor dem Hintergrund ausführlicherer Darstellung der Emergenz organisierter Handlungssy­ steme. Die eigentliche Schwäche von Teil 3 liegt meines Erachtens darin, daß der Autor gar nicht versucht, die Beweislasten für die von ihm vorgeschlagene These zu tragen, daß er sich vielmehr mit einigen teilweise als beliebig erscheinenden Konstruktionsentscheidungen begnügt. – Hier spätestens gibt der Gutachter seine eingangs angekündigte Linie ("Verbesserungsvorschläge") auf und erspart es sich, die Teile 4 und 5 meines Beitrags (Historizität funktionaler Differenzierung und Weltge­ sellschaft) überhaupt noch zu kommentieren. Es dürfte ersichtlich sein, daß mein Vorschlag nicht in die Ric h­ tung geht, den Aufsatz zu revidieren. Vie lmehr meine ich, man sollte ihn in die entscheidenden argumentativen Schritte zerlegen, die sinnvoll in eigenen Aufsätzen zu behandeln wären. – So zerlegt kann man dann auch keinen Einwand mehr gegen Luh­ manns Theoriearchitektur erkennen. – Wo bleibt nun aber die von den Herausgebern zunächst mutig geforder­ te Auseinandersetzung mit der Theorie funktionaler Differenzierung als möglicherweise schon überholter Beschreibung gegenwärtiger Gesell­ schaftsstrukturen ?

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Kg 1997 problemefunktionaledifferenzierung  
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