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Nachdem uns Thomas Kron bereits fünf verschiedene Differenzierungsfiguren im Werk von Simmel vorgestellt hat, könnte mein Beitrag, in dem ich mich auf einen einzigen Ursachenkomplex konzentriere, ziemlich reduktionistisch erscheinen. Ich hoffe, dass ich diesem Eindruck in der Diskussion noch entgegenwirken kann. Zunächst stelle ich in der hier gebotenen Kürze noch einmal Kernpunkte der in meiner Diskussionsvorlage skizzierten Argumentation heraus: Dass menschliche Gesellschaften in sich differenzierte Einheiten sind, wird in der soziologischen Theorietradition zumeist als Gegebenheit vorausgesetzt. Die Frage nach den Ursachen sozialer Differenzierung wird in den Bereich der Ursprungslegenden verwiesen, die sich wissenschaftlicher Überprüfung entziehen. Gleichwohl sind solche Legenden und Bilder in der vorsoziologischen Tradition europäischer Sozialtheorien vielfältig vorhanden und bis heute in der Deutung sozialer Phänomene wirksam. Die Hobbes zugeschriebene Formel, dass der Mensch des Menschen Wolf sei und es deshalb staatlicher Gewalt bedürfe, um ihn zu zähmen, ist eine der am meisten zitierten Gründungslegenden dieser Art. Über den biographischen Hintergrund bei Hobbes gibt es einige Literatur. Und es steht wohl außer Frage, dass er diese Formel in normativer Einstellung gewählt hat. 1


Die Hobbessche Formel kann als Schlüsselszene der Theoriebildung interpretiert werden, wenn die weitgehend unterbrochene Verbindung zwischen soziologischer Differenzierungstheorie und Darwinscher Evolutionstheorie wiederhergestellt wird. Das evolutionstheoretische Modell der sozialen Selektion ähnelt dem Druckkessel-Modell, das Freud zur Beschreibung menschlicher Antriebe verwendet hat. Nur dass die Operationen hier nicht im Inneren der Psyche, sondern im Inneren der Gesellschaft verlaufen. Externalisierung der Konflikte ist das Ventil für den Überdruck. Der Druck, der hier von der Konkurrenz der Individuen auf die Konkurrenz ihrer Sozialsysteme abgeleitet wird, ist der Selektionsdruck ihrer natürlichen und sozialen Umwelt. Diese Selektion hat uns (das heißt: vor allem die Männer!) mit einer Art Doppelmoral ausgestattet: friedlich nach Innen und kriegerisch nach Außen. Moralisierung bedeutet zwar, dass wir auch anders können: Wenn die Umstände es erfordern, sind wir auch bereit, Konflikte im Inneren auszutragen und uns mit äußeren Feinden zu vertragen. Aber herkömmlich werden Helden der Menschheit nach dem Innen-Außen-Muster gestrickt.

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Problematisch ist dieses Muster erst in der Moderne geworden, weil die menschliche Gesellschaft sich soweit ausgedehnt hat, dass es gar keine konkurrierenden Sozialsysteme – also auch keinen Spielraum für Konfliktexternalisierung – mehr gibt. Alle Konflikte müssen jetzt eingehegt und durch Binnendifferenzierung verarbeitet werden. Dafür hat die moderne Gesellschaft neue, funktionale Formen der Binnendifferenzierung entwickelt. Ältere Formen der Differenzierung verschwinden allerdings nicht, sie werden entweder funktional integriert oder sie bleiben als konkurrierende Formen erhalten. Die Einhegung sozialer Konflikte durch Binnendifferenzierung ist ein grundlegendes Moment der kulturellen Evolution. Die Ausdehnung menschlicher Sozialsysteme geht mit immer raffinierteren Formen ihrer Differenzierung einher. Aber erst in der Moderne erreicht die kulturelle Evolution den Punkt, an dem die Externalisierung sozialer Konflikte keinen Halt mehr in der Welt physischer Objekte findet. Die Konflikte verlagern sich deshalb auf die Meta-Ebene der Sinnkonstrukte, auf der die Differenzierungsformen der Gesellschaft immer schon angesiedelt sind. Der größte anzunehmende Fall von Konkurrenzkonflikten ist zeitdiagnostisch als „Kampf der Kulturen“ beschrieben worden. 3


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