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Zur Freiheit von Forschung und Lehre – ein Briefwechsel mit der Hochschulleitung Von: Thomas Vogtherr [Thomas.Vogtherr@rz.UniOsnabrueck.DE] Gesendet: Donnerstag, 19. April 2007 10:42 An: Klaus Gilgenmann Cc: Claus Rollinger Betreff: Ihre Bedenken gegen die Veranstaltung der KHG am 8. Mai 2007 Wichtigkeit: Hoch Sehr geehrter Herr Kollege Gilgenmann, in einer Mail, die mir zugegangen ist, fragen Sie: "Wie kann es sein, dass Vertreter einer Glaubensgemeinschaft, die in Polen dabei ist, einen Gottesstaat einzurichten, sich an der Universität Osnabrück als Verteidiger der Freiheit von Forschung und Lehre darstellen? Eine Frage an die Hochschulleitung. Klaus Gilgenmann". Ich will in der gebotenen Differenzierung versuchen, auf Ihre Frage zu antworten, auch wenn ich sicherlich nicht allein der Adressat dieser Frage bin: 1. Zunächst sollte man festhalten, dass als Organisatoren der in Rede stehenden Veranstaltung die Katholische Hochschulgemeinde, die Evangelische Studierendengemeinde und die hiesige Synagogengemeinde gemeinsam auftreten. Ich nehme an, dass sich Ihre Kritik ausschließlich auf die KHG bezieht, nicht aber auf die beiden Mitveranstalter. Ich hätte mich gefreut, wenn auch Sie diese Differenzierung deutlich vorgenommen hätten. 2. Man wird sicherlich auch innerhalb der Katholiken dieser Welt differenzieren dürfen: Die Errichtung eines vermeintlichen "Gottesstaates" in Polen dürfte nicht einmal unter den polnischen Katholiken unumstritten sein, ja wahrscheinlich auch dort nur als Vorstellung einer besonders exponierten Minderheit verbreitet sein. Katholiken außerhalb Polens dafür gewissermaßen in Kollektivhaftung zu nehmen, ist für mich als Argument zu undifferenziert, als dass eine ernstliche Auseinandersetzung damit lohnte. Gerade auch als Protestant, der ich bin, empfehle ich einen gelegentlichen Blick auf Äußerungen des derzeitigen Papstes zum Thema Kirche und Politik/Staat/Gesellschaft. 3. Wir sind uns sicherlich einig, das jedenfalls nehme ich an, dass Sie und ich und die Organisatoren der Veranstaltung ein gleiches Ziel verfolgen: an der Schaffung bzw. Erhaltung gesellschaftlicher Umstände interessiert zu sein und mitzuwirken, unter denen die Freiheit des akademischen Lebens eine Selbstverständlichkeit ist. Wenn uns dies eint, was ich annehme, sollte diese Einigkeit das tragende Fundament darstellen, nicht die Kritik an gedanklichen Fehlleistungen anderweit, die Sie und ich sicherlich auch teilen. Differenzierung im Argument sollte, denke ich, eine der Selbstverständlichkeiten unseres Umgangs miteinander sein und bleiben. Mit besten Grüßen Ihr Thomas Vogtherr

Von: Klaus Gilgenmann [klaus.gilgenmann@uniosnabrueck.de] Gesendet: Donnerstag, 19. April 2007 16:01 An: 'Thomas Vogtherr' Betreff: AW: Ihre Bedenken gegen die Veranstaltung der KHG am 8. Mai 2007 Sehr geehrter Herr Vogtherr, danke für Ihre unerwartet ausführliche Rückmeldung. Ich hatte die Bemerkung in meiner Antwort-mail ja gar nicht ausdrücklich an die Hochschulleitung addressiert - aber doch mit Weiterleitung gerechnet. Nun war das ja eine spontane Reaktion auf ein (im Namen der Hochschulleitung verbreitetes) Rundschreiben - und da liegt manchmal der Reiz in der Zuspitzung und nicht in der berufstypisch differenzierten Stellungnahme. Der Auslösepunkt dieser Reaktion war der Umstand, dass der Aufruf zu einer Veranstaltung, die an die Bedrohung der Freiheit von Forschung und Lehre in der Vergangenheit erinnern soll, von der Hochschulleitung in die Hände einer Religionsgemeinschaft gegeben worden ist, die damit für sich als Wächter der Wissensfreiheit wirbt. In dem Schreiben (das mir im Moment nicht mehr vorliegt) erschien prominent die Katholische Hochschulgemeinschaft. Dass auch die Evangelische Hochschulgemeinschaft und die Jüdische Gemeinde beteiligt ist, ändert übrigens prinzipiell nichts an meiner Kritik: die Freiheit von Forschung und Lehre ist ja auch keine Angelegenheit der Ökumene. Ich brauche Ihnen ja nicht zu erklären, dass es sich dabei um eine kulturelle Errungenschaft handelt, die im Prozess der europäischen Aufklärung auch und vor allem gegen die Macht der religiösen Organisationen erkämpft (und nicht erst vom Faschismus bedroht) worden ist. Wir unterscheiden uns vermutlich nur in der Einschätzung, wieweit diese Bedrohung auch heute und auch in Europa noch ganz real ist. Natürlich ist es politisch immer ratsam zu differenzieren und positiv zu würdigen, wenn im Lager Derjenigen, die Galilei zum Widerruf seiner wissenschaftlichen Ansichten gezwungen haben, ein Umdenken zu beobachten ist. Aber dies kann mich nicht dazu bewegen, sie nun als Wächter der Wissenschaftsfreiheit zu feiern. Ich kann jedenfalls die wissenschaftsfreundlichen Worte des gegenwärtigen Oberhaupts der Katholiken solange nicht beim Nennwert nehmen, wie Bischöfe seiner Kirche - ohne deshalb exkommuniziert zu werden - die wissenschaftliche Gleichbehandlung von Schöpfungslehre und Evolutionstheorie in unseren Schulen verlangen.* Ich hoffe, dass Ihnen diese Bemerkungen differenziert genug erscheinen, um zu verstehen, warum ich meine, dass die Hochschulleitung die Verantwortung für die geplante Veranstaltung selbst übernehmen oder aber die Mitglieder der Universität nicht zur Teilnahme aufrufen sollte. Mit freundlichen Grüssen Klaus Gilgenmann * Dass ich mit dieser Befürchtung nicht allein stehe, zeigt die folgende Stellungnahme des Kulturausschusses des Europarats http://assembly.coe.int/main.asp?Link=/documents/workingdocs/doc07/edoc11297.htm

s. auch die Glosse von J.Kaube über Kultursministerin Wolff in der FAZ vom 30.6.07 und den Kommentar von C.Schwägerl über Bischoff Mixa in der FAZ vom 14.7.07

Freiheitforschunglehre  
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