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01. 2017

Nichtwissen. Eine Frage der Kultur

SCHWERPUNKT

Nichtwissen


Editorial

Nichtwissen Dem Nichtwissen also frönen wir. Und das mit aller verfügbaren Neugierde. 2017 widmen wir uns dieser Größe, die vielleicht als einzige unendlich ist. So begrenzt und messbar alles andere, so wenig ist es Nichtwissen. Das letzte verbliebene schwarze Loch im Universum, von dessen Rand kein Echo widerhallt. Stets eher missverstanden von der Politik, die meint, es brauche dort schnelle Antworten wo eigentlich das Nichtwissen Betrachtung bräuchte. Als philosophische Herausforderung fast 2500 Jahre alt, auch wenn Sokrates seine Selbsterkenntnis – zu wissen, dass er nichts wisse – eher in Demütigungsabsicht seiner Gesprächspartner als zum Zweck der Reflexion angewandt haben mag. Aktuell tritt Nichtwissen jedenfalls sehr selbstbewusst auf: Menschen hauen sich ihr selbstgebasteltes Wissen um die Ohren, Nichtwissen wird nicht länger als Mangel wahrgenommen, sondern als politische Haltung gegenüber einem als Bedrohung wahrgenommenen intellektuellen Establishment. Ignoranz wird zum politischen Machtinstrument, faktenbasiertes Wissen lästig, alternative Fakten reichen. Uns beschäftigen in den kommenden Monaten und auf den folgenden Seiten aber auch positive Aspekte von aktivem Nichtwissen oder bewusstem Nichtwissen-Wollen – jene Lücken und Verschnaufpausen, in denen Neugierde wachsen kann. Ich bedanke mich herzlich bei allen Autor_innen, die diese Ausgabe zu einer besonders spannenden machen, bei REINHARD WINKLER, dessen Fotografien das Nichtwissen ausnehmend schön begleiten und bei allen Künstler_innen und Kulturschaffenden, die zum Gelingen von Programm und Magazin beitragen. Und natürlich bei Ihnen für Ihr Interesse. Ich freue mich auf Ihren Besuch bei einer unserer Veranstaltungen! Wiltrud Hackl Chefredakteurin, Geschäftsführerin gfk OÖ

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Worte des Vorstands / Inhalt

Von der Angst zum Nichtwissen Intensive Diskussionen und Veranstaltungen prägten unseren vergangenen Schwerpunkt Angst. Ein Highlight war sicher das Kulturkarussell mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano. Ob es ein Luxus ist, Dinge einfach nicht wissen zu brauchen oder zu wollen und welche Facetten das Nichtwissen allgemein hat, finden Sie aufgrund unseres Jahresschwerpunktes in diesem Magazin. Im Nichtwissen möchte ich Sie aber was den Verein gfk OÖ betrifft - auf alle Fälle nicht lassen. Bei der Generalversammlung des Vereins haben wir uns für eine geografische Erweiterung der Tätigkeiten entschlossen. Mehr wissen und erfahren möchten wir als gfk OÖ über die Kulturarbeit außerhalb von Linz. Unter dem Projekttitel Mehr Kultur wagen wollen wir in den kommenden Jahren als Verein selbst regionale Schwerpunkte setzen, kulturpolitische Diskussionen anregen und unsere kulturpolitische Kompetenz weiter ausbauen. Herzlich bedanken möchte ich mich bei unserem ausgeschiedenen Vorstandsmitglied Gernot Kremser für die Mitarbeit und herzlich Willkommen heiße ich unser neues Vorstandsmitglied Florian Koppler. Ein Dank gilt auch den Mitarbeiter_innen der gfk und allen, die zum guten Gelingen unserer Veranstaltungen beitragen. Roland Schwandner

Vorstandsvorsitzender gfk OÖ

02 EDITORIAL 03 WORTE DES VORSTANDS, INHALT 05 WO DAS WISSEN ZERBRÖCKELT

Karin Wagner

07 NICHTWISSEN VS. WISSEN

Harald Wildfellner

10 VOM SEHEN UND GESEHEN WERDEN

Julia Pühringer

12 EIN DETEKTIV, DAS GO UND...

Oliver Schürer, Christoph Hubatschke

14 BREAKING FREE - STAYING BOUND

Karin Harasser

18 VERORDNETES NICHTWISSEN

Ute Maurnböck-Mosser

20 MONSTER IM SAUM DES UN-WISSENS

Dietmar Bruckmayr

22 VERANSTALTUNGEN / INSERATE 25 SCHULE: WAS ALLES GEHT

Peter Arlt

31 IMPRESSUM / MENSCHEN IN DER GFK 32 KALENDER

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Schwerpunkt Nichtwissen

Wo das Wissen

zerbröckelt ÜBER WISSEN, BLINDE FLECKEN UND INTERPRETATIONEN IN BIOGRAPHIEN TEXT: KARIN WAGNER

Biographien mehr oder weniger bekannter Personen reflektieren in Zeiten der Geschichtsinszenierung den Trend, sich über die Historie eines Einzellebens die Präsenz der Vergangenheit in die eigene Vita zu holen. Ich spreche nicht von der in unterschiedlichen Qualitäten vorliegenden literarischen Biographie, deren Schwankungsbreite vom historischbiographischen Roman über freiere Formen mit Elementen von Lebens-Nachdichtungen bis hin zu Auswüchsen der Fiktion reicht, sondern von der an Fakten orientierten, im jeweiligen historischen Umfeld wissenschaftlich konzis verorteten Darstellung: Im Speziellen Biographien von Menschen, die während der NS-Zeit auf Grund ihrer Herkunft, ihrer politischen Einstellung oder ihrer der Doktrin nicht entsprechenden Kunstästhetik exiliert wurden. Als Biographin dabei Wahrheit zu beanspruchen, ist im Vergegenwärtigen dessen, was Wahrheit alles sein oder nicht sein kann, überheblich und zum Scheitern verurteilt. Es erscheint schwierig, den durch die Generationen verzerrten und den Vergessens-Schüben preis-

gegebenen Abstand zur Geschichte möglichst authentisch zu erhalten. Die Autobiographie als Sonderform biographischer Beschreibung kann da einer in jedem Fall unter Anführungszeichen zu setzenden Wahrheit schon näher kommen, doch auch hier verändert die Gegenwart das Vergangene. „Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.“ – so Martin Walser im autobiographischen Roman Ein springender Brunnen (Suhrkamp 1998). Wahrheit und Wissen können daher im Verfassen einer Biographie nicht gleichzusetzen sein und letztlich geht es darum, durch das Sammeln von Fakten einen bestimmten Grad an Wissen anzusteuern, der Formulierungen zulässt, die in Summe ein zwar immer unvollständiges, aber in manchen Aspekten zumindest an die Ränder möglicher Wahrheit reichendes Ganzes ergeben; offen bleibt, ob man das Wissen sprachlich richtig rekonstruieren kann. Grund für meine zögerliche Einschätzung bezüglich der Wahrheit ist die strikte Trennung zwischen Fakten,

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Schwerpunkt Nichtwissen

die sich durch Dokumente oder Schriftstücke belegen lassen, und deren Übertragung auf den Menschen: Denn je höher man die Auflösung auf das zu Betrachtende einstellt, desto feiner können Regungen und Sichtweisen wahr-genommen werden, die nicht mehr simpel unter einer Formulierung zu bündeln sind und die sich schwer vor der eigenen, oft schädlichen Interpretation schützen lassen. In der Großeinstellung mag es Tendenzen geben, die man als wahr bezeichnen kann, die Feineinstellung bringt meist Abweichungen. Anders ist es mit dem Wissen. Dies wird im Verfassen einer Biographie in vielerlei Gestalten wirksam - auch in seinem Negativ als Nichtwissen. Getarnt als Nichtwissen blockierte gesellschaftskonformes Nicht-Wissen-Wollen lange Zeit die Klärung der Vergangenheit und stand der Sicherstellung vieler durch den Geschichtsfelsen Nationalsozialismus gebrochenen Biographien im Wege. Ein „Ihr wisst, wollt es aber nicht wissen“ war symptomatisch für das Schweigen nach dem Krieg. Tatsächliches Nichtwissen über die Vergangenheit ist anders zu bewerten. Wobei hier zu fragen gilt, ob man sich des Nichtwissens bewusst ist oder nicht. Im ersten Fall ist dies ja dann doch wieder eine Form des Wissens. Man könnte es als „das Wissen des Nichtwissens von sich als einem Nichtwissen“ benennen. Für die Biograph_innen ist die Gradualität von Wissen und Nichtwissen genau dort relevant, wo das Wissen zerbröckelt und Irrtum, Fehlinterpretation und Selbsttäu-

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schung sich einschleichen. Man kann sich in der eigenen Arbeit nur wünschen, diese Bruchstellen zu erkennen. Die Umschreibungen blinder Fleck und Leerstelle mögen als Metaphern dienen. Nichtwissen, dessen man sich gewahr ist und dessen Raum mit im Moment noch verborgener Information zu befüllen ist, wäre gleichzusetzen mit einem blinden Fleck. An diesen Punkten existiert noch nicht adaptierte Information; übergeordnete Kategorie: Wissen vom Nichtwissen. Leerstellen hingegen sind völlige Nullstellen, die man nicht thematisieren kann und über die keine Bewusstheit herrscht. Im Dialog mit der Leserschaft spitzt sich der Umgang mit diesen Phänomenen zu. Hier kann schon auch die grundsätzliche Frage auftauchen: Wer weiß, was ich nicht weiß? Sicherlich ist man darum bemüht, die wahrgenommenen aber noch unbesetzten Räume des Nichtwissens über das den Historiker_innen so vertraute Formulieren von Fragen auch für die Rezipient_innen ins


Schwerpunkt Nichtwissen

Nichtwissen versus Wissen TEXT: HARALD WILDFELLNER

Blickfeld zu holen; Fragen, die um das zu besetzende Nichtwissen kreisen und es somit auch erschließen. Im Balanceakt des Umgangs mit Wissen und Nichtwissen zu einem Menschen liegt viel Verantwortung: Den Portraitierten und der Leserschaft gegenüber. Ein Spezialfall wäre jener, wo Wissen zum Nichtwissen deklariert wird, um die Privatsphäre der zu Beschreibenden zu schützen. Es ist legitim, das in unserer Wissensgesellschaft so erstrebte Wissen hier in ein Nichtwissen kippen zu lassen, gesetzt den Fall, das zum Nichtwissen Deklarierte impliziert nichts Unrechtes. Letztlich wissen die Biograph_innen nicht, wie die Protagonist_innen gewollt hätten, dass man mit dem Wissen und Nichtwissen zu ihrer Person umgeht. Und es ist der Kerngedanke jeder biographischen Arbeit, primär der portraitierten Person gerecht zu werden, und - sollte es um Unrecht gehen - den eigenen moralischen und ethischen Grundsätzen. KARIN WAGNER (Pianistin, Musikwissenschafterin, Buchautorin) beendete ihr künstlerisches Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien mit dem Würdigungspreis der Republik Österreich, sie lehrt dort zur Zeit Klavier und klavierdidaktische Fächer. Ihre Dissertation (Musikgeschichte / Zweitfach Zeitgeschichte) erschien als erste deutschsprachige Biographie zum Exilkomponisten Eric Zeisl (Fremd bin ich ausgezogen, Czernin 2005), die Briefedition folgte (... es grüßt Dich Erichisrael, Czernin 2008). Karin Wagner arbeitet an der ersten Biographie zum Exilkomponisten Hugo Kauder.

„De ganzen Bundeskanzler wia s‘ da warn… Der Seip… der Bur...der Scho ...na, da blade... Na helfn’s ma. Sie ham des doch g‘lernt. Na is ja wurscht, aber bein Heirign, do hat‘s Persönlichkeiten geben: der Petzner-Masl, Woitschkerlbuam, Korschinek Vickerl, Nezwerka Pepi...“ aus: Der Herr Karl von Helmut Qualtinger und Carl Merz Politisch - mit den Worten des Kabarettisten Otto Grünmandl – ist dieser Herr Karl vielleicht ein Trottel, aber privat kennt er sich aus… Weiß er damit genug - dieser Herr Karl, der tief in die österreichische Seele eingeschrieben ist - um sein Leben als Opportunist, skrupelloser Profiteur, Drückeberger und Anpasser zu führen? Betrachten wir vorab nicht den Charakter, sondern das Denken. Dann wäre die lapidare Feststellung: Nichtwissen ist immer größer als das Wissen. Das Potenzielle immer umfangreicher als das Aktuelle. Daher läuft die Frage des Wissens und Nichtwissens tatsächlich darauf hinaus, was wir wissen wollen oder was wir wissen sollen. Das eigentlich Wissenswerte wäre im sokratischen Sinn: das Wissen um das Nichtwissen. Es geht mir hier aber nicht um eine philosophische Ausleuchtung dieser Weisheit. Vielmehr geht es darum, dieses Spannungsfeld von Wissen und Nichtwissen aus der Sicht der Erwachsenenbildung zu betrachten, der ja – sofern diese nicht im beruflichen Kontext daher kommt - der Nimbus des Halbwissens und einer gewissen Abschätzigkeit anhaftet.

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Schwerpunkt Nichtwissen

Aber: dieses breite Angebot der Vermittlung von funktionalen Alltagsfähigkeiten, kulturellen Kompetenzen und des selbstoptimierenden Lernens, stellt einen wichtigen Bestandteil des Wissenserwerbs dar, das Menschen gerne annehmen und Zuspruch findet. Unbestritten wird dadurch auch so etwas wie Empowerment betrieben.

Doch um welches Wissen geht es mir dabei?

Nachdem ich viele Jahre in einer Erwachsenenbildungs-Institution gearbeitet habe, die mit der Gründung 1947 einen explizit politischen Bildungsauftrag erhielt – nämlich „Demokratie zu lehren und die Zeit des Nationalsozialismus zu überwinden“, stelle ich hier die Frage ins Zentrum, was wir als Repräsentant_innen des - laut unserer Verfassung - obersten Souverän, wissen sollten und welche Rolle das kontrafaktische Nichtwissen einnimmt. Damit rücke ich dieses zugegebenermaßen schmale Segment in der Erwachsenbildung in den Vordergrund und die Frage danach, welches Wissen dabei relevant ist oder sein sollte. Damit geht ein kritischer Blick auf den gesamten Bildungs-Schrott der fast-food-Bildung einher, der das Nichtwissen perpetuiert und vielleicht nur ablenkt von den eigentlich wichtigen Themen. Das ist aber nicht (nur) vorzustellen als dirigistische Maßnahme. Die Ablenkungen stellen auch eine attraktive Form dar, in der die Selbstunterwerfung stattfindet. Bei so viel Zuckerbrot braucht es die Peitsche nicht mehr. Doch auch das stimmt so nicht, insbesondere was die arbeitsmarktrelevante Bildung betrifft. Die Employability ist eng an das lebenslange (manche sprechen von lebenslänglichem) Lernen geknüpft. Wer da sich nicht einreiht, dem droht Entzug des Arbeitsplatzes und - natürlich selbstverschuldete - Prekarisierung. Die Streichung von Geldleistung bei nicht erfolgtem Lernen, die Bevorzugung von Personen, die sich in ihrer Freizeit Kursmaßnahmen unterziehen – unterwerfen? – u.v.a.m. ist Realität. Das Ganze

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kommt als pädagogisch organisierte Lernzumutung (Erich Ribolitis) daher. Die Restriktionen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess, der meist über die Integration in das Erwerbsleben erfolgt, sind größer geworden. Das neoliberale Konkurrenz- und Leistungssystem hat unmittelbar damit zu tun.

Was kann da politische Bildung leisten?

Ursula Frost, Professorin für Pädagogik an der Universität Köln vermisst Nachdenklichkeit und Widerständigkeit: „Verblödung liegt meines Erachtens schon dort vor, wo man sich unhinterfragt in Systeme einfügt“, meint sie. Wie weit diese Verblödung bereits vorgedrungen ist, wird auch an der Generalisierung der ökonomischen Form ersichtlich, die sprachlich ihren Ausdruck findet. Beispielsweise - und das ist auch so etwas wie ein hidden curriculum gibt es in öffentlichen kommunalen Bildungseinrichtungen nunmehr für die Bildungsmaßnahmen und Teilnehmer_innen Begriffe wie Produkte und Kunden. Nicht nur, dass diese Bezeichnungen in ihrer Anwendung falsch sind, es wird damit auch eine bestimmte Form des Denkens generiert, die den Horizont der Möglichkeiten schon bei den Organisator_innen von Bildungsmaßnahmen reduziert. Der Zahlenfetischismus (wie beispielsweise im Controlling praktiziert), der sein Übriges noch dazu tut, verhindert zunehmend die Beschäftigung mit Inhalten. Damit lässt sich vortrefflich Druck erzeugen: Raube den Menschen, aber auch den Institutionen die existentiellen Grundlagen und sie sind so mit sich beschäftigt, dass Protestbewegungen gegen diese Strukturen, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten gar nicht mehr aufkommen.

Was kann Wissen darüber bewirken?

Zu erkennen, dass das Problem nicht darin liegt, so viel lernen und damit wissen zu müssen. Das große Problem liegt darin, so viel vergessen zu


Schwerpunkt Nichtwissen

HARALD WILDFELLNER, Soziologe, von 1987-1990 tätig bei LinzKultur (Stadtteilarbeit und Sonderprojekte) und von 1990-2017 an der VHS Linz (Bereich Politik und Gesellschaft), seit 2004 Geschäftsführer Medienwerkstatt Linz, ehrenamtliche Tätigkeiten: Vorsitzender von Südwind OÖ sowie dem Institut für Angewandte Entwicklungspolitik.

umfassenden Diktum auf Kosten der Menschen, die dieses Delta-Plus erwirtschaften müssen. Eine Tatsache, die mit Worthülsen wie Freiheit und zunehmend auch wieder mit Volk und Heimat zu überdecken versucht wird. müssen - vor allem sich selbst. Die zentrale Frage ist und bleibt: wer bestimmt, ob und was wir lernen wollen? Sind wir Subjekte der Gestaltung oder Objekte der Anpassung? Und müssen sich die Menschen an das System anpassen oder soll ein angepasstes System, das uns allen ein gutes Leben ermöglicht, gefunden werden? Das ganze Leben wird zunehmend pädagogisiert und stellt eine Einschwörung auf die Logik der Warengesellschaft dar. Damit werden auch Bildungsangebote und Wissen selbst warenförmig und degenerieren zu einfältigen Formen der Chrematistik (Aristoteles bezeichnete damit die „widernatürliche Kunst des Gelderwerbs“, die sich von der Ökonomik der Hausverwaltungskunst unterscheidet). Die Lebenszumutungen und Lösungen werden individualisiert unter dem Motto „verändere dich und du veränderst die Welt“. Dabei wird das problemverursachende Sein ausgeblendet und die Menschen wiederum mit ihrem Anteil am Problem beschäftigt. Die größeren verursachenden Strukturen und Ideologien werden damit sakrosankt gestellt. Das Primat der Verwandlung von Geld in mehr Geld wird zum all-

Worauf zielt dann politische Bildung?

Besteht nicht die eigentliche Fähigkeit und Aufgabe entsprechender Bildungsprozesse in einem vielfältigen Infragestellen, Zweifeln und Nachforschen? Die Befähigung, den Illusionen entgegen zu treten und sie zu beseitigen? Oder wie es Marx ausdrückt: „Die Forderung die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf“. Und abschließend der Gedanke, ob Wissen oder Nichtwissen nicht auch im Kontext von GeWissen gesehen werden kann? Allerdings in der Verwendung vor Luther, denn hier galt Gewissen als ein verstärktes Wissen (Gewissheit) und hatte eher mit Bewusstsein zu tun. Bewusstsein also, aus dem eine bestimmte Einsicht und letztlich auch Weisheit entsteht, wird dem Nichtwissen gegenübergestellt. Wir kommen damit doch wieder auf Sokrates zurück, der als Ziel nicht Bücherwissen (zu ergänzen um Wikipedia- oder Internetwissen) formuliert, sondern Weisheit, die in der Selbstbefreiung, Selbstherrschaft und Selbstgenügsamkeit der sittlichen Persönlichkeit liegt.

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Schwerpunkt Nichtwissen

Vom Sehen und

TEXT: JULIA PÜHRINGER

SIE HABEN DAS KINO MITERFUNDEN, SIE HABEN ES ALS REGISSEURINNEN UND PRODUZENTINNEN GROSS GEMACHT, SIE HABEN ALS DREHBUCHAUTORINNEN SEINE GESCHICHTEN GESCHRIEBEN. DASS FRAUEN 100 JAHRE SPÄTER DIE ZELLULOIDDECKE ERNEUT DURCHBRECHEN MÜSSEN, IST EIN SKANDAL.

„Wos do so rennt, kenn i nua ausn Kino. Wia’s ausgeht, hob i oft gnua gseng!“ Tequila Sunrise, Kurt Ostbahn Das Problem ist hinlänglich bekannt: Es gibt viele Filmemacherinnen, die meisten Kinogeher_innen kennen allerdings ihre Namen nicht. Oscars gewinnen sie einmal in hundert Jahren. Frauenrollen haben oft keine Nachnamen. Wozu auch, so als Freundin von…, Geliebte von…, Frau von… oder gleich als tote Prostituierte. Drehbuchautorinnen haben es schwer in Hollywood (und auch im Independent-Kino), genauso Regisseurinnen und Produzentinnen. Der Zusammenhang ist kein Zufall. Aber er wird gern wegerklärt, mal dümmlich – das Kino spiegelt eben das echte Leben! – mal perfid: Frauen drehen halt nicht so gerne Filme. Was soll man da schon machen.

Kanon-Futter

Der aktuelle Filmkanon ist die Geschichte eines vorsätzlichen Vergessens und sie beginnt weniger mit der Geschichte des Kinos, sondern damit, wie die Erfindung des Kinos erzählt wird – und von wem. Da wird ALICE GUY (1873 - 1968) gern als Pionierin bezeichnet, tatsächlich drehte sie 1896 den ersten Spielfilm überhaupt. Sie ist also nicht eine der ersten Regisseurinnen, sie ist die erste Regisseurin überhaupt. Später wurde sie Produzentin. LOIS WEBER war die bestbezahlte Regisseurin der Stummfilmzeit. Und ja, da sind ihre männlichen Kollegen mitgemeint. Damals

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herrschten Frauen wie WEBER, MARY PICKFORD, FRANCES MARION, ALICE GUY BLACHÉ und DOROTHY ARZNER als Filmmogulinnen über Hollywood. Eine Drehbuchautorin wie ANITA LOOS, übrigens die Verfasserin eines Bestsellers der 1920er Jahre, dem legendären Roman Blondinen bevorzugt (fast drei Jahrzehnte später mit MARILYN MONROE zum Filmklassiker geworden), verfasste zwischen 23 und 25 Jahren insgesamt 105 Drehbücher, von denen gerade einmal vier nicht verkauft wurden. Während 2017 im Filmbusiness an allen Fronten für Geschlechtergerechtigkeit gekämpft werden muss, war die Hälfte aller Filmproduzent_innen vor 1925 weiblich.

Herrscherinnen

Ein Jahrhundert ist für eine Kunstrichtung kein Alter. Zum Glück. Denn 100 Jahre nach der Geburt des Kinos sieht die Lage unschön aus. Die tatsächlich mächtigen Frauen lassen sich an ein, zwei Händen abzählen. Dazu gehören u.a. Produzentin PAULA WAGNER (sie produzierte u.a. die Jack-Reacher-Reihe sowie die ersten drei Mission: Impossible Filme), MEGAN ELLISON,


Schwerpunkt Nichtwissen

gesehen Werden JULIA PÜHRINGER schreibt für diverse Medien über Bewegtbild. Sie sitzt viel im Finsteren und muss sich dort auch des Öfteren aufregen. Letzte Reihe Mitte, bitte. Kann moderieren. 2016´s Need for Female Film Critics: Challenging the canon starts here http://www.tiff.net/the-review/ 2016-in-female-film-critics/ Weitere Links zum Artikel und zum Thema unter gfk-ooe.at

die preisgekrönte Filme wie Foxcatcher, American Hustle, Zero Dark Thirty oder den Kultfilm Spring Breakers auf den Weg brachte. NINA JACOBSON, als Chefin der Walt Disney Motion Pictures Group nach Geburt ihres dritten Kindes gefeuert, machte die Buchreihe Die Tribute von Panem zum Kassenschlagerkino. KATHLEEN KENNEDY ist als Chefin von LucasFilm Herrscherin über das Star-Wars-Imperium, Projekte, die unter ihrer Ägide zustande kamen, erhielten insgesamt über 120 Oscar-Nominierungen. Warum das Namedropping? Weil von diesen Frauen zu wenig erzählt wird, zu selten über sie geschrieben wird.

Vom Erzählen und erzählt werden

Das Nichtwissen (nicht: Die Nichtexistenz!) über Frauen im Film zieht sich durch die letzten hundert Jahre. Wo Filmemachern aus vergangenen Jahrzehnten auch mit den exzentrischsten Vorlieben noch ein plüschiger Lieblingsplatz im Genrekino eingeräumt wird, schreibt man Frauen aus der Filmgeschichte. Sie bekommen bis auf wenige Ausnahmen kaum Retrospekti-

ven in einschlägigen musealen Institutionen für Bewegtbild. Sie werden von Profis nicht gesucht und deshalb auch nicht gefunden. Das heißt: Ihre Filme können auch von einer neuen Generation kaum entdeckt werden, oft sind Filmkopien aus den 1960ern bis 1980ern schlicht verschollen. Hoffnungen auf eine Demokratisierung per Raubkopie werden enttäuscht: Männliche Fans entscheiden, was spannend für den Download ist. Und immer noch gilt, was von Frauen gedreht wird und was von Frauen erzählt, ist ein Frauenfilm, was von Männern handelt, von Männern erzählt wird, ein Film.

Was tun?

Was hilft: Frauen zählen. In Festivalwettbewerben von Venedig bis Cannes. Wenn ihr Anteil - ob im Wettbewerb oder in Nebenschienen - unter dem allgemeinen Frauenschnitt bei der Filmproduktion liegt, spricht das Bände über die Politik eines Festivals (und seiner Leitung). Und ja, Frauen fehlen auch bei der Filmkritik: „Wenn die Welt der Filmkritik im Grunde einer Burschenschaft ähnelt, werden diese unbewussten Vorurteile auch mitbestimmen, über welche Geschichten im Kino geschrieben wird – und ob überhaupt“. Immerhin: Das lässt sich als Konsument_in im Netz leicht steuern. Sei es auf Twitter bei den @FemaleCritics, oder im cléo journal, auch auf imdb.com, der wichtigsten Online-Filmdatenbank, kann man selber entscheiden, ob man den Text eines Kritikers oder einer Kritikerin liest. Doch eines dürfen wir nie vergessen: Richtige Gleichheit herrscht erst, wenn auch schlechte Filme von Frauen bei bekannten Festivals im Wettbewerb laufen. Und wenn eine Regisseurin nach zwei Musikvideos einen Blockbuster-Job landet, weil sie die Produzentin an sich selber in jungen Jahren erinnert.

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Schwerpunkt Nichtwissen

Ein Detektiv, das Go und die Intuition Weltberühmt, übergewichtig und scharfsinnig, so kennt man den Detektiv HERCULE POIROT. Im Film Tod auf dem Nil berät er sich mit seinem Vertrauten Colonel Johnny Race, nachdem der zweite Mord verübt worden war. Um die bekannten Fakten aufzulisten schlägt der Colonel vor: „Fassen wir zusammen, was wir wissen.“ Doch der Detektiv kontert zu seiner Überraschung: „Mein lieber Colonel, fassen wir doch besser zusammen, was wir nicht wissen!“ und entwickelt sofort ein ganzes Diagramm an unzusammenhängenden Beobachtungen und Fragen.

Detektiv

AGATHA CHRISTIEs Roman erschien Ende 1937. Da kann man spekulieren, ohne es wirklich zu wissen, dass ihr der damals jüngst erschienene Gedichtband von T.S. ELIOT bekannt war. Er entwickelt eine Hierarchie zwischen Weisheit und Information, die er mit dem Begriff Wissen balanciert. Lange vor der Zeit digitaler Computer im Verständnis seiner Zeit verfasst, steht Information hier für eine Teilmenge von Wissen. Der dem christlichen Mystizismus zugeneigte Literat schreibt dagegen an, dass einem Teil derselbe Wert zugestanden wird, der klassisch nur vollständigen Wissensbeständen vorbehalten war. Eliot plädiert darüber hinaus für die Kumulation von verschiedensten Wissensbeständen eines Menschen in eine Einheit; für Weisheit, als die selbstverständliche, spontane Aktualisierung von Wissensbeständen durch einen Menschen. Einer verloren geglaubten Einheit mit der Welt durch Weisheit stellt er viele, in Informationen fragmentierte Einsichten als kulturellen Verlust gegenüber. Eliots Verständnis entspricht dem des Colonel. Dieser zeigt sich überzeugt, dass Wahrheit die

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Übereinstimmung einer Liste von geordneten Fakten mit Vorfällen in der Welt ist. Folglich sucht er nach der richtigen Reihung des bisher bekannten noch unvollständigen Wissensbestandes über die Morde. Der Detektiv aber skizziert ein buntscheckiges Bild von Partikeln an Nichtwissen und ihren möglichen Zusammenhang, dem Muster von Mörder und Motiv. Auf diese Weise werden - anders als beim klassischen Begriff von Wissen als wohlgefügte Ganzheitlichkeit - Partikel von sinntragenden Teilen und deren Verbindungen zur Klärung herangezogen. Dies erlaubt viele unterschiedliche mögliche Muster; tatsächlich verdächtigt der Detektiv viele. Für den Colonel ist Nichtwissen das, was in seiner Liste nicht vorkommt oder dort nicht eingereiht werden kann. Für den Detektiv ist es die Vielzahl der Punkte und Verbindungen in einem nach allen Seiten offenen Netzwerk, die er noch nicht bezeichnen kann. Beide sind nicht im Ungewissen. Denn sie wissen mit der Evidenz von Toten, dass sie nichtwissend sind. Doch wo der Colonel Indiz für Indiz zum Mörder durchdringen will, agiert der Detektiv anders. Durch das Auslegen der nichtgewussten Elemente versucht er das wahre Muster zu rekonstruieren. Raffiniert verschiebt er die Informationen zu immer neuen Netzwerkkonstellationen, bis ein beliebiges mögliches Muster entsteht. Beim Durchspielen der Möglichkeiten werden manche Verknüpfungen immer wieder gebunden, andere seltener, manche nie. Dies macht erstere zunehmend wahrscheinlicher und das Muster das diese ausbilden hat einen wachsenden Wahrheitswert. Doch Detektiv Hercule Poirot scheitert nie, aufgrund seiner hyperrationalen Arbeitsweise. Würde solch ein Diagramm an Beobachtungen und Fragen, samt der Regeln für Verknüpfun-


Schwerpunkt Nichtwissen

„Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?“ T. S. Eliot, Choruses from The Rock, 1934

TEXT: OLIVER SCHÜRER, CHRISTOPH HUBATSCHKE gen in einem Computer in Software abgearbeitet, würde man von einer Künstlichen Intelligenz (KI) sprechen. Für die Rekombination von Fakten in einem halbwegs skizzierten Muster sind KI Systeme recht gut geeignet um das (noch) nicht Bekannte zu finden.

Go

Als im März 2016 eine KI mit dem bedeutungsschweren Namen DeepMind einen der wohl besten Go-Spieler, LEE SEDOL, gleich fünfmal besiegen konnte, wurde dies vielerorts als ein enormer Entwicklungsschritt der KI-Forschung gefeiert und gefürchtet. Go im Besonderen galt als eines der komplexesten Spiele überhaupt und nicht zugänglich für KI. Aufgrund seiner Komplexität ist Go selbst für Computer unberechenbar, erfordert langjähriges Training und wird vor allem durch Erfahrung und Intuition gespielt. Go kann folglich nicht durch das Ordnen von am Spielbrett liegendem Wissen gewonnen werden, vor dem Setzen jedes Spielsteins ist man konstant einer Fülle an Nichtwissen ausgesetzt. Erst das Anerkennen der Unmöglichkeit zu wissen ermöglicht zu spielen und neue Muster zu denken. Deep learning Maschinen versprechen genau das: zu lernen, Entscheidungen nicht mehr bloß auf schon Gewusstem basierend zu treffen.

Intuition

Im 37ten Spielzug im zweiten Spiel führte DeepMind einen Spielzug aus, der sowohl Profispieler als auch Programmierer ratlos stimmte. Plötzlich, unerwartet und unverstanden, ein Zug, wie ihn kein Profispieler setzen würde, ein Zug der nicht eingeschätzt werden konnte. Nichtwissend ob dieser Zug genial oder fatal war, brachte die Maschine neue Arten, neue In-

tuitionen Go zu spielen hervor; Intuitionen, die zwar gespeist aus tausenden Trainingsspielen und der gesamten digital aufgezeichneten Geschichte von Go und trotzdem unerwartet, unvorhersehbar waren. Der Zug 37 stellte sich als gewinnbringender heraus, und veranlasste Sedol Go neu zu denken. Konfrontiert mit Nichtwissen erschlossen sich ihm neue Muster.

Das eine Ende; die neue Hierarchie

Heute, gut 80 Jahre nach Eliot, ist Weisheit aus den Diskursen um unsere Wissensgesellschaft eliminiert. Zwei Formen von Nichtwissen hatten Wissen umschlossen: das mystische Nichtwissen der ganzheitlichen Einsicht und das faktische Nichtwissen der fragmentierten Bedeutungen. Aber Wissen ist in der Wissensgesellschaft nicht mehr das Zünglein an der Waage zwischen Information und Weisheit. Diese Mitte wurde an die Spitze der kulturellen Hierarchie verschoben. In der Informationstheorie spricht man heute, im Gegensatz zu Elliot, von einer Hierarchie aus Wissen, Information und Daten. Nun ist das Zünglein an der erneuerten kulturellen Balance die Information. Diese garantiert im Informationszeitalter die kulturelle Balance der Wissensgesellschaft indem sie Wissen ihrem wichtigsten Rohstoff gegenüberstellt, den Daten. Die Frage nach dem Nichtwissen zu stellen ist dabei mehr als die Leerstellen der gesammelten Daten, wie die fehlenden Puzzlesteine zu suchen, diese sind schließlich immer schon – wenn auch als bloße Negativformen – in dem bereits gesammelten Wissen vorhanden. Nichtwissen wie es Poirot vorschlägt bedeutet vielmehr die Ebene des Puzzles zu verlassen.

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Schwerpunkt Nichtwissen

Das andere Ende; Werden

Der französische Philosoph Gilles Deleuze forderte in seinen Schriften immer wieder dazu auf, die Ebene der Information zu verlassen, Informationen seien immer schon Teil der Ordnung, seien das was kommuniziert werden kann. Also ein Teil des Wissenskanons einer Kultur, der immer schon anerkanntes Wissen ist. Es ist das Nichtwissen, welches mit den ewig gleichen Strukturen bricht, das Nichtwissen das rhizomatisch in alle Richtungen neue Verzweigungen, neue Muster aufwirft. Eliots Klagelied verbleibt folglich in einer problematischen Dichotomie, hängt es doch der Idee einer Einheit des Wissens, einer objektiven Wahrheit und intuitiven Weisheit nach, die in Teilgebieten verloren geht. Wissen ist jedoch keine Einheit und nichts Stabiles, sondern stets fragmentiert und in Veränderung begriffen. Statt den Verlust der Weisheit zu beklagen gilt es vielmehr der detektivischen Intuition Poirots zu folgen und nach dem Nichtwissen zu fragen; nach dem was die Einheit des Wissens in

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OLIVER SCHÜRER ist Autor, Kurator, Editor, Senior Scientist Scientist und stv. Leiter der Abt. Architekturtheorie und Technikphilosophie, TU Wien. CHRISTOPH HUBATSCHKE ist Philosoph, Politikwissenschaftler und Stipendiat der Öst. Akademie der Wissenschaften, Projektmitarbeiter am Institut für Philosophie.

Frage stellt, herausfordert und auffordert nach neuen Mustern zu suchen. In der versponnenen Vielfalt des Nichtwissens werden nicht nur Detektive und Go-Spieler fündig, sondern auch künstliche Intelligenzen.


Schwerpunkt Nichtwissen Mitte

Breaking Free Staying Bound EIN ABEND ÜBER HERKUNFTSSCHAM UND DIE SCHAMLOSIGKEIT DES KAPITALS

KARIN HARRASSER HELMUT LETHEN UND STUDIERENDE DER KUNSTUNIVERSITÄT LINZ

Das Narrativ der Loslösung aus familiären Banden war sicher prägend für intellektuelle und künstlerische Biographien von Europäer_innen in den letzten 200 Jahren. Ökonomische Unabhängigkeit war das eine, die Emanzipation aus dem Herkunftsmilieu das andere. Mittel dafür konnte eine popkulturelle, künstlerische, politische Szene sein oder eine Bildungskarriere, die mit ästhetischen und/oder ethischen Vorstellungen des Elternhauses brach. So oder so ging es um den Eintritt in eine Sphäre, in der nicht nur intellektuell, sondern auch emotional andere Verhältnisse herrschten als die gewohnten. Die Konfrontation mit der Herkunft und den Eltern, wenn diese etwa plötzlich an der Universität auftauchen oder in der Firma in der Tür stehen, erzeugte häufig einen schmerzlichen und seltsamen Riss im Selbstbild, dem wir - zum ersten - als einem Effekt der Scham nachgehen wollen. Zum anderen scheint sich die Situation aber derzeit insofern zu verändern, als dass ökonomische Selbstständigkeit nicht mehr so einfach zu erreichen ist; die Refugien eine alternativen Selbstbildung schrumpfen und immer mehr junge Menschen sind dazu gezwungen, entweder bei den Eltern leben zu bleiben oder sich der Schamlosigkeit des Kapitals zu ergeben, etwa für den Arbeitsplatz sämtliche, auch selbstgewählte, soziale Bindungen aufzugeben. In einem intergenerationellen Polylog möchten wir Fragen nach Kontinuitäten und Brüchen in Sozialisierungsmodellen nachgehen.

KARIN HARRASSER ist Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Nach einem Studium der Geschichte und der Germanistik Dissertation an der Universität Wien. Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten war sie an verschiedenen kuratorischen Projekten beteiligt, z.B. NGBK Berlin (Die Irregulären – Ökonomien des Abweichens). Mit Elisabeth Timm gibt sie die Zeitschrift für Kulturwissenschaften heraus. Zuletzt erschienen ist: Prothesen. Figuren einer lädierten Moderne, Berlin: Vorwerk 8, 2016. HELMUT LETHEN war u.a. bis 2004 Professor für Neueste Deutsche Literatur an der Universität Rostock. Zwischen 2007 und 2016 Direktor des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften Wien. Bekannt wurde der Germanist und Kulturwissenschafter auch durch seine Buchveröffentlichungen, u.a. Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen (1994) und Der Sound der Väter (über Gottfried Benn, 2006). 2014 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch/Essayistik für Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit. Lethen lehrt an der Kunstuniversität Linz.

Breaking Free - Staying Bound PHILOSOPHISCHER SALON SPARKASSE OÖ, PROMENADE 11-13, LINZ MI 14.6. / 19.00 / DE:CENTRAL / EINTRITT FREI

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„Der Fotograf David Bailey hat einmal den Musiker Count Basie gefragt, was Jazz sei, was im Grunde dasselbe ist, wie zu fragen: Was ist Kunst? Basie antwortete: Vier Schläge proTakt und keine Mogelei. Und so würde ich gerne immer fotografieren: Mit vier Schlägen pro Takt und ohne Mogelei. Auch diese kleine Serie zum Thema: Nichtwissen. Und mit Hilfe der Schauspielerin GITTI HOFER, die in den Fotos meine Oma im Jahr 1934 darstellt, als sie voller Vertrauen war und an nichts Böses dachte.“ REINHARD WINKLER, Fotograf


Schwerpunkt Nichtwissen

Verordnetes Nichtwissen

(um nicht gaga zu werden)

TEXT: UTE MAURNBÖCK-MOSSER

Es gibt diese Tage, da wird weggeschaltet, ausgedreht, minimiert. Kein Facebook, keine E-Mails, Handy lautlos, Fernseher und Radio bleiben still. Selige Ruhe. Das passiert dann, wenn ich nichts mehr hören kann, wenn ich überfordert bin und mich die Informationen anbrüllen. In jedem Facebook-Posting der unausgesprochene Vorwurf, nichts zum Thema XY zu wissen. Keine überlegte und ausformulierte Meinung zu haben, wenn es um den Tod des ehemaligen kasachischen Ex-Botschafters geht, um die Frage, ob Models auch fett sein dürfen, ob Palmöl jetzt nur schlecht ist oder was die Alternativen sind, was die Russen mit Trumps Wahlsieg zu tun haben und inwieweit Hillary die Vorwahlen manipuliert hat. Ob Bio auch böse sein kann, wann Kinder tatsächlich am glücklichsten sind, warum die Schulreformen bei uns immer scheitern und was politisch das Beste für Aleppo sein könnte. Ich weiß es nicht. Nicht wirklich. Ich müsste mich nämlich vorher umfassend informieren. Das bedeutet: mich einlesen, mehrere Standpunkte zulassen, diese durchdenken, mich mit Menschen meines Vertrauens dazu unterhal-

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ten, ihre Meinungen überdenken, eine eigene Meinung bilden. Diese wachsen und gedeihen lassen und bei Bedarf erneut überdenken und ändern. So in etwa funktioniert Meinungsbildung. Manche User_innen überfliegen Meldungen, beschließen auf der einen oder anderen Seite zu stehen, teilen Postings von Menschen, die ihrer Meinung nach berufen sind, eine Meinung zu haben und fahren im Windschatten des Fremdwissens mit. Das mag ich - für mich - nicht. Das Filtern von Wissen ist notwendig, um nicht überfordert zu werden. Gezieltes Querlesen und Herauspicken von Informationen gehört für viele inzwischen zum beruflichen Alltag. Ob das gut ist, ist eine andere Frage. Am schlimmsten, wenn es in copy and paste ausartet. Aber was die Überforderung angeht: ich bin ein Nachrichtenjunkie und verordne mir immer wieder Pausen. Bewusstes Nichtwissen sozusagen, um nicht gaga zu werden. Es ist ein Segen, manchmal nicht Bescheid zu wissen. Dazu muss ich mich aber bewusst entscheiden: was ist für


Im Schwerpunkt Porträt: Salah Nichtwissen Ammo / Syrian Links

UTE MAURNBÖCK-MOSSER

ist Radiojournalistin, Moderatorin und Sprecherin, vor allem für Ö1. Sie arbeitet zu gesellschaftspolitischen Themen. Schwerpunkte sind Menschenrechtsthemen wie moderne Sklaverei oder Kinderarbeit und manchmal Musik. Über ihr Interesse am New Orleanser Komponisten Louis Moreau Gottschalk (1829-1869) hat sie ihre Liebe zu New Orleans entdeckt. Zwischenstation ist das Enhanced E-Book Creole Kaleidoscope. New Orleanians erzählen ihre Stadt., das im Frühjahr 2017 erscheint.

mich wichtig, was darf ich nicht wissen müssen? Der Nutzen des Nichtwissens geht direkt in die koronalen Erleichterungsganglien. Ich verpasse die Diskussionen um Vor- und Nachteile von digitalen Medien, lese den Blog über cholesterinarme, aber delikate Ernährung eben nicht, versäume die möglichen Testfragen, die Miteltern der Schule auf die Klassenfacebookseite stellen. Und? Is was passiert? Ich kommuniziere immer noch, esse eiweißhaltige Linsen genauso gern wie nicht so eiweißhaltigen Speck und das mit oder ohne einschlägige Lektüre und den Test hat das Kind auch bestens überstanden, ohne vorher von der Mutter gequält worden zu sein. Warum sich Eltern tagelang mit dem Test von 8jährigen beschäftigen, war mir ohnehin nicht ganz klar. Der Luxus des Nichtwissenwollens setzt allerdings eine Sache voraus. Zumindest bei Menschen, die sich gern mit Inhalten beschäftigen. Nichtwissenwollen setzt Wissen voraus. Ein Grundwissen, aus dem man schöpfen kann, bis man beschließt, nicht mehr dazu aufnehmen zu wollen. Und eine Klarheit sich selbst gegenüber. Gut damit zurechtzukommen, eben nicht zu Al-

lem eine Meinung haben zu müssen. Ärztestreik, Kinderarbeit, EPUs, PISA-Studie. Jedes Thema ein kleines Studium für sich. Mit vielen Aspekten und womöglich lauten Meinungsträger_innen, deren Motive man ebenfalls hinterfragen muss. Was wiederum das Investieren der eigenen Zeit bedeutet. Nichtwissenwollen ist in diesem Zusammenhang nicht gleichzusetzen mit Ignoranz. Wenn mir egal ist, wie es Leuten geht, solange es mich nicht selbst betrifft, ist es Ignoranz. Dann will ich keine Fakten, habe kein Interesse, kein Mitgefühl für andere. Nichtwissenwollen hingegen schützt mich vor dem Info-Overkill. Gerade für Menschen, die im Infobereich tätig sind. Sie müssen lernen, es auszuhalten, dass ihnen jemand eine Zahl entgegenschleudert und sie nicht parieren können. „Weiß ich nicht“. Punkt. Wer hält das aus? Vermutlich jemand, der oder die über ein breites Generalistenwissen verfügt, sich auf Gelerntes, Gelesenes und Erfahrenes verlassen kann, daraus eigene Schlüsse zieht und sich bei Bedarf updatet. Nichtwissen spiegelt die eigene Ausgeglichenheit. Ein beruhigendes Gefühl, wenn man sich das zugesteht.

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Schwerpunkt Nichtwissen

Monster

im Saum des Un-Wissens TEXT: DIETMAR BRUCKMAYR

Wissen meint vereinfacht Sammlungen von Tatsachen, Sachverhalten, Theorien, Regeln und Meinungen mit möglichst hohem Wahrheitsgehalt. Nachschlagewerke verweisen auf zahlreiche, in verschiedenen Kontexten einzeln oder als Gegensatzpaare angelegte Wissensbegriffe. Es gibt demnach in unserem kleinen Haus aus Sprachen und Zeichen viele Wahrheiten und Wirklichkeiten. Eigentlich wissen wir recht wenig, glauben aber recht viel, sofern andere auch daran glauben. Wird der Glaube zur Gewissheit, mündet die Durchsetzung der einzigen Wahrheit oder des wahren Glaubens regelmäßig in Massaker. Schläft die Vernunft, kommen die Monster. Die ins Unbewusste verdrängten Gedanken, Ideen, Überzeugungen, Ängste, traumatischen Erinnerungen und geheimen Leidenschaften für Sex, Gewalt, Erniedrigung kehren ungeachtet aller schlauen DIETMAR BRUCKMAYR (*1966) studierte Handelswissenschaften Interpretationen zuan der Wirtschaftsuniversität Wien. rück. Sie bilden das Dissertation an der JKU Linz über Un-wissen, das nicht nationalsozialistische Fürsorgepolitik. Es folgte eine mehrjährige berufliche von sich weiß, aber Forschungstätigkeit in Archiven des ein mächtiger Teil In- und Auslands. Didi Bruckmayr arbeitet als Performance-Künstler, unserer individuelSänger, Schauspieler und Videokünstler. len und kollektiven sozialen, kulturellen und politischen Wirklichkeit ist. Die dunkle Materie unseres Bewusstseins. Wir können und wollen Dinge wissen oder nicht wissen. Zudem wissen wir aber unbewusst Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen. Wir begegnen diesem Un-wissen in wechselnder Gestalt

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in Albträumen, in der Populärkultur, in den asozialen Netzwerken, in den fanatischen Bewegungen, in den neurotischen Führerfiguren, die dann die Sprache des Volkes sprechen. Das Un-wissen meint auch die phantasmatischen Gespenster, auf die Einzelpersonen oder Kollektive ihre imaginierten Möglichkeiten oder verdrängten Ängste übertragen. Die Illusion vom bösen Fremden, dem ich umso Schlimmeres unterstelle, je weniger er tatsächlich existiert. Die Illusion vom großen Führer, in Wirklichkeit eine Karikatur, aber Platzhalter für eine furchteinflößende, autoritäre Vaterfigur, der ich mich zum Selbstschutz oder aus reiner Faulheit gehorsam unterwerfe. Im Gegensatz zur Führerfigur ist der böse Fremde eine reine Erfindung, an die ich und Gleichgesinnte glauben wollen. Mangelt es mir an Glauben, dann glaubt wenigstens die rassistische Glaubensgemeinschaft für mich. Ich kann derweilen die Frage tunlichst unterlassen, was sich denn hinter dem bösen Fremden verbirgt. Diese ins Unbewusste verdrängten Illusionen wirken umso stärker, je mehr wir uns einreden, um die Unsinnigkeit dieser Illusionen zu wissen, weil diese Selbsterkenntnis bereits eine Illusion darstellt. Das Aufspüren und Auflösen der eigentlichen Unsinnigkeit hinter der Unsinnigkeit ist riskant. Es besteht das Risiko, dass von uns sehr wenig überbleibt. Durch Donald Rumsfeld 1 wissen wir seit dem Angriff auf den Irak, dass es auch Dinge gibt, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen und die jeher die freien Staaten am meisten umgetrieben hätten. Diese Dinge begründen

1 vgl. https://en.wikipedia.org/ wiki /There_are_known_knowns


Im Schwerpunkt Porträt: Salah Nichtwissen Ammo / Syrian Links

Aktionstheater in 9 schönen Bildern Performance mit Fuckhead & raum.null OÖ Premiere

„(…) Die herzerwärmende Revue für den Imbezillen von Welt, der einen Hausverstand hat, diesen aber bezweifelt, ohne zu verzweifeln. Mit den tumben Showboys von FUCKHEAD, dem herben raum.null um Fuckhead Begründer CHRIS BRUCKMAYR, dem sentimentalen Bariton KLEMENS KÖLBL, dem flinken Pianisten ANDREAS TEUFEL sowie dem good American BENJAMIN OLSEN als derben Showmaster und Reserve-Trump.“

den Verdacht, dass hinter dem Horizont unseres Bewusstseins wesentlich gefährlichere, supere, geilere, blödere oder billigere Dinge herumliegen. Gegen diese Unmöglichkeit das Außen unserer beschränkten Wirklichkeit zu denken und sich diese Dinge dann zu greifen, helfen nur Bomben und Granaten, um wenigstens in unserer Wirklichkeit aufzuräumen. Und prompt erscheinen wieder die Monster. Die Bilder von Abu Ghraib, oder die professionell inszenierten Gräueltaten des postmodernen Kalifats holen uns ein. Glaubt man arabischen Websites, so lernte der arabischstämmige Regisseur dieser Horrorvideos sein Handwerk in der Traumfabrik Hollywood, wo Kunst und Kommerz den größtmöglichen Nenner finden. Die Kunst ist

aber auch ein wirksames Gegenmittel, weil sie keiner Wahrheit und keiner noch so inkonsistenten Wirklichkeit verpflichtet ist. Sie denkt und handelt emotional und abstrakt durch die Imagination. Sie vermag in einen unbewussten Dialog mit dem Beobachter zu treten und unsere Gespenster ans Licht zu zerren. Wir brauchen sie nur mehr symbolisch zu bestatten. Aber wollen wir das wirklich?

Fuckhead: Un-Known PERFORMANCE DI 28.3. / 20.00 / EURO 18/14 / IM CENTRAL

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Veranstaltungen

Ignorant Garden Garten des Nichtwissens Im aufregendsten Garten, den die Stadt zu bieten hat, frönen wir dem Nichtwissen: Unter anderem erwarten Sie ein Konzert, von dem wir nicht wissen, wann es beginnt und ob es endet, Erzählungen und Lesungen über unbekannte Donaufische und nicht minder unbekannten Pflanzensex, ein Workshop zum Sezieren von Donaufischen, aus deren Gedärmen gelesen wird - schließlich wollen wir wenigstens ein bisschen um unsere Zukunft wissen, wenn schon sonst alles ungewiss bleibt in diesem Garten des Nichtwissens, u.a. mit CHRISTOPH WIESMAYR, FRANZ WIESMAYR, KOLLEKTIV OKABRE, CHMARA.ROSINKE, FRIEDRICH SCHWARZ.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit Schwemmland. Infos auf schwemmland.net

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Tarot for Artists Wer benötigt Wissenschaft, wenn Astrologie ihm alles gibt, was er an Hoffnung zur Bewältigung des nächsten Tages oder des kommenden Lebensjahres braucht? In einer nächtlichen Call-In-Fernsehshow legt ALEX DE ORIÓN Kunstschaffenden die Karten, weist die Zukunft, nährt die Hoffnungen auf ein erfolgreiches Kunst-Dasein. Eine verheißungsvolle Show voller Glitter, Tand und schwarzer Katzen. „Dem Nichtwissen ist ein eigentümlicher Bezug zur Zeit zu eigen. Keine Form der Wissenschaft, auch nicht die Philosophie, kann aus diesem Problem heraushelfen. Die Zukunft bleibt dem Wissen unverfügbar.“ (A. Geisenhanslüke, Dummheit und Witz, München 2011) In Kooperation mit DORF TV

Ignorant Garden

Tarot for Artists

FEST / HOLLABERER-HOF / ESTERMANNSTR. 11 FR 14.7. / AB 16.00 / EURO 10/6 / DE:CENTRAL

TV SHOW IM DORF TV STUDIO FR 9.6. / 22.00 / EINTRITT FREI / DE:CENTRAL


Veranstaltungen

The Cimi Schulz Show

Nobuntu

Der Musiker CHRISTOPH SCHULZ und die bildende Künstlerin CIMI CZIMEK vereinen sich zu einem Crossover aus unterschiedlichsten Maultrommeln, diversen Blasinstrumenten vom Kinderspielzeug bis zur Klarinette, Gedichtgesängen und Frisörfönen. Das dritte Bandmitglied HERR HERBERT - maschineller Repetitor loopt die Klangwelten und erzeugt somit die Grundelemente der Show. Das Resultat ist eine skurrile Promenade in Doppelconference, die dem Experimentaldilettantismus frönt und sich fröhlich-freudvoll unterschiedlichster Genres bedient. Herr Schulz und Madame Cimi stehen zu einem Sein ohne unnötige Perfektion und zu ihren natürlichen Kunstfiguren.

Nobuntu ist die vorerst einzige Frauen-Vokalgruppe Simbabwes. Bislang wurde dieser a-capella-Gesangstil ausschließlich von Männern repräsentiert. Mit eigenen Kompositionen und Texten setzen HEATHER DUBE, JOYLINE SI-

Biowobble

BANDA, DUDUZILE SIBANDA, ZANELE MAHNENGA und THANDEKA MOYO einen wichtigen Impuls

für Veränderungen herkömmlicher Rollenmuster innerhalb ihres Landes und darüber hinaus. So sind die meisten ihrer Lieder auch Ausdruck von und Aufruf für Solidarität, Gemeinschaft, Lebensmut und Bescheidenheit. Und auch ihr Name steht für all diese Werte. Denn in dem Wort Nobuntu steckt der Zulu-Begriff Ubuntu, den man etwa mit Mutter der Menschlichkeit übersetzen kann.

Mit einer Vielzahl archaischer Instrumente, Beatbox und dem klanglich beeindruckenden Wobblephone erschaffen ALBIN PAULUS und PAUL NATTERER einen Sound, den sie - angelehnt an den Wobble Bass im Dub Step - Biowobble nennen.

Cimi Schulz Show / Biowobble

Nobuntu

KONZERT / PERFORMANCE DO 8.6. / 20.00 / EURO 14/10 / IM CENTRAL

KONZERT / DISKURS FR 17.3. / 20.00 / EURO 14/10 / IM CENTRAL

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Veranstaltungen

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Veranstaltungen

Schule: Was alles geht TEXT: PETER ARLT

Die Schule ist im permanenten Gerede. Leider zu recht. Wenn jedem dritten Pflichtschulabgänger die Grundkenntnisse in Lesen oder Rechnen fehlen, dann bekommen wir als Gesellschaft ein Problem. Daher sind sich alle einig, dass sich etwas ändern muss – aber am wie scheiden sich die Geister. So entstehen viele Kompromissreformen, die nicht wirklich helfen. Die Schulen mit ihren Lehrer_innen und Kindern (und deren Eltern) sind die Leidtragenden. Es geht aber auch anders. Es gibt Schulen, also Direktor_innen und Lehrer_innen, die nicht länger auf die große Reform warten wollen und schauen was jetzt schon – im Rahmen der bestehenden Lehrpläne – geht. Und hier geht es nicht um Privatschulen oder um Schulen mit Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern oder um Schulen aus Südtirol oder Finnland. Nein, wir bleiben in der nächsten Umgebung und dürfen uns positiv wundern, wie Schule heute auch sein kann. Ein Nachmittag zum Nach- und Mutmachen.

Schule: Was alles geht DISKURS / FILM FR 10.3. / 15.00 / EINTRITT FREI / IM CENTRAL

Schule: Was alles geht Programm Moderation SIBYLLE HAMANN 15.00 Begrüßung 15.30 JOSEF HÖRNDLER „Es ist Zeit für das Ganze“ (Buchpräsentation) 16.45 SONJA WODNEK Direktorin VS Kematen/NÖ 18.00 Pause 18.15 MARTINA RABL Direktorin NMS 5 (Otto Glöckel Schule) 19.30 SIBYLLE HAMANN im Gespräch mit INGE BAMMER und PETER ARLT Inside VS 33, Filmpremiere, 66 min. 21.00 Ende Idee und Zusammenstellung Programm PETER ARLT

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Film

Europa zwischen Privat und Politik TEXT: SABINE GEBETSROITHER

„Beengtheit, ärmliche Verhältnisse und das Stigma anders zu sein“ – das bedeutet die Stadt Linz für Filmregisseur ÐORÐE CENIĆ. Im Verlauf seines bemerkenswerten Dokumentarfilms Unten erfährt man Details über seinen familiären Background, das Leben einer jugoslawischen Gastarbeiter_innenfamilie in Linz ab den 1970ern und seinen persönlichen Werdegang. Gleichzeitig wird im Film der Krieg im ehemaligen Vielvölkerstaat zu einem albtraumhaften Panorama, das an der südlichen Grenze Österreichs vorbeizieht. Der 2016 mit dem CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary ausgezeichnete Film macht deutlich, dass das Private immer auch eine (sozial)politische Dimension aufweist und steht exemplarisch für die Filmauswahl beim Festival CROSSING EUROPE. Hier wird Filmen mit sozialer Haltung ein besonderes Augenmerk geschenkt. So kommen 2017 zehn handverlesene europäische Dokumentarfilme in der Programmsektion European Competition – Documentary zur Aufführung, die von 25. bis 30. April bei der 14. Festivalausgabe zu sehen sind. Jedes Jahr kürt eine international besetzte Fachjury den PreisträgerInnenfilm, der den CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary zugesprochen bekommt. Dieser Festivalpreis,

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der heuer zum zweiten Mal von der gfk OÖ gestiftet wird, soll besonders jene Arbeiten auszeichnen, die künstlerisch soziale Themenstellungen verhandeln und Bewusstsein bzw. Awareness für gesellschaftspolitische Fragestellungen schaffen. Nach dem CROSSING EUROPE Festival gibt es nochmals die Gelegenheit, einen der prämierten Filme auf großer Leinwand zu erleben. Festivalinformationen auf www.crossingEurope.at

Social Awareness Award

PREISTRÄGER_INNENFILM FILM / GESPRÄCH DI 30.5. / 20.00 / EINTRITT FREI / IM CENTRAL


d.signwerk linz / foto gerhard wasserbauer

filmfestival linz // 25. – 30. april 2017 www.crossingEurope.at vergßnstigter ticketvorverkauf ab 13. april


Matinee

zum 12. Februar

Wissen ist Erinnerung

UNGEBETENE GÄSTE MARCHTRENK FESTIVAL DER REGIONEN 30. JUNI BIS 9. JULI 2017

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12.2./10.00 IM CENTRAL


Menschen in der gfk

Kultur beginnt im Alltag WILTRUD HACKL ÜBER MICHAELA ORTNER

Impressum gfk Magazin Ausgabe 01.2017 · Februar 2017 Herausgeberin (F.d.I.v.): gfk oö. Gesellschaft für Kulturpolitik Landstraße 36/3, 4020 Linz, +43 (0) 5772611 - 710 Chefredaktion: Wiltrud Hackl Lektorat: Inez Ardelt Autor_innen dieser Ausgabe: Peter Arlt, Dietmar Bruckmayr, Sabine Gebetsroither, Wiltrud Hackl, Karin Harrasser, Christoph Hubatschke, Helmut Lethen, Ute Maurnböck-Mosser, Julia Pühringer, Oliver Schürer, Roland Schwandner, Karin Wagner, Harald Wildfellner. Grafisches Konzept: Die Fabrikanten, Andrea Ettinger Gestaltung: honigkuchenpferd.net Titelbild, Bilder Schwerpunkt: Reinhard Winkler Bildnachweis: 1, 2, 4, 16, 17, 24, 28, 29, 31 Reinhard Winkler · 2, 21 Armin Rudelstorfer · 2, 23 Werner Puntigam · 3 Tom Mesic · 6 Margit Harruk · 9 Harald Wildfellner · 10 Julia Pühringer · 14 Adsy Bernart · 14 privat · 19 Ute Maurnböck-Mosser · 2, 22 Christoph Wiesmayr, Alex de las Heras · 23 Cimi Schulz Show · 25 Friends of Franckviertel / Peter Arlt Druck: Gutenberg, Linz

Tickets Kartenverkauf an der Abendkassa oder

nach telefonischer Vereinbarung im gfk Büro Kartenreservierung www.gfk-ooe.at oder per email info@gfk-ooe.at oder telefonisch 05 7726 11 710 Ermäßigung (mit Ausweis) für Pensionist_innen, Studierende, Schüler_innen, Asylberechtigte, Menschen mit Behindertenausweis, Linz AG Ticket und Aktivpass. Die gfk oö ist zudem Kooperationspartnerin der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur.

Veranstaltungsort

IM CENTRAL, Landstraße 36, Linz -

In einer unhübschen Gegend sei sie aufgewachsen, irgendwo zwischen Ferrobetonit und Hilti in Traun, erzählt Michaela Ortner über ihre ersten knapp 20 Jahre. Daran, was sie nach der Zeit am Gymnasium Traun machen würde, verschwendete sie keinen Gedanken, bis die Frage im Rahmen der Maturafeier öffentlich und eher spontan beantwortet werden musste: „Während ich nach einer Antwort rang, fiel mein Blick auf die Zeichenlehrerin. Also sagte ich, ich wolle an der Kunstuni studieren.“ Sie studierte Visuelle Mediengestaltung an der Kunstuniversität Linz, und begann während des Studiums bereits zu arbeiten, u.a. für das Ars Electronica Future Lab. Sie kehrte nach Traun zurück, um als FulltimeProjektmanagerin in der spinnerei zu arbeiten. Danach war sie einige Jahr am Kulturamt Linz für das Linzfest zuständig. Seit 2008 ist Michaela Ortner als Universitätsassistentin am Masterlehrgang Interface Cultures und damit wieder an der Kunstuni tätig. Gremienarbeit hat für die 44jährige einen hohen Stellenwert: neben ihrer Tätigkeit als Vorstandsmitglied der gfk ist sie Senatsmitglied an der Kunstuni Linz und war Vorsitzende des Posthof-Beirates. „Damit es mir gut geht, brauche ich Natur, Menschen und Bewegung“ ist Michaela Ortner sich bewusst – weshalb es sie, wann immer möglich, in die Berge zieht: wobei es dabei in erster Linie ums „auffigehn und obischaun“ geht; wichtiger als Schnelligkeit und irgendwelchen Normen zu entsprechen sind ihr Authentizität und dass sie sich selbst treu bleibe. Vielfalt im Sinne von Genres sowie Ebenen der Auseinandersetzung – das ist Michaela Ortner am Programm der gfk wichtig: „Für mich beginnt Kultur in meinem alltäglichen Sein, nicht erst an der Saaltür oder am Museumseingang.“

Die Vorstandsmitglieder der gfk:

Susanne Blaimschein, Barbara Czernecki, Gerda Forstner, Christian Horner, Siegbert Janko, Reinhard Kannonier, Florian Koppler, Michaela Ortner, Thomas Philipp, Susanne Pollinger, Roland Schwandner.

sofern nicht anders angegeben.

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Retouren an gfk OÖ Ges. für Kulturpolitik, Landstr. 36/3, 4020 Linz

Nichtwissen. Eine Frage der Kultur

So

12.2. 10.00

Matinee zum 12. Februar IM CENTRAL

Diskurs Konzert

Eintritt frei Brunch €5

Diskurs Filmpremiere

Eintritt frei

März Fr

10.3. 15.00

Schule: Was alles geht Innovative Schulen IM CENTRAL

Fr

17.3. 20.00

Nobuntu

Konzert

€ 14/10

IM CENTRAL

Di

28.3. 20.00

Fuckhead: Un-Known

Performance

Ei€ 18/14i

IM CENTRAL

Mai Di

30.5. 20.00

Crossing Europe Filmfestival

Film

Eintritt frei

Konzert

€ 14/10

TV Show

Eintritt frei

Diskurs

Eintritt frei

Fest Konzert

€ 10/6

Preisträger_innenfilme IM CENTRAL

Juni Do

8.6. 20.00

Cimi Schulz Show / Biowobble IM CENTRAL

Fr

9.6. 22.00

Tarot for Artists DE:CENTRAL

Mi

14.6. 19.00

Breaking Free - Staying Bound DE:CENTRAL

Juli Fr

14.7. 16.00

Ignorant Garden DE:CENTRAL

gfk OÖ. Gesellschaft für Kulturpolitik · Landstraße 36/3 · 4020 Linz · gfk-ooe.at · +43 05 77 26 11 710

Tickets online: gfk-ooe.at

Österreichische Post / Sponsoring Post SPÖ OÖ Information Nr. 04/2017 S.P. GZ 02Z034277 - VPA 4020

Februar

Schwerpunkt: Nichtwissen | Teil I  

mit Beiträgen von: Dietmar Bruckmayr, Karin Harrasser, Christoph Hubatschke, Ute Maurnböck-Mosser, Julia Pühringer, Oliver Schürer, Karin Wa...

Schwerpunkt: Nichtwissen | Teil I  

mit Beiträgen von: Dietmar Bruckmayr, Karin Harrasser, Christoph Hubatschke, Ute Maurnböck-Mosser, Julia Pühringer, Oliver Schürer, Karin Wa...

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