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STÖRUNG. EINE FRAGE DER KULTUR


EDITORIAL

2 Störung – ein zunehmend intensiv gebrauchter politischer Begriff. Auch ein Begriff, der in allen Systemen notwendiger Teil des Ganzen ist – um Entwicklung, Veränderung, Zusammenbruch und Erneuerung voranzutreiben. Klar ist: ohne Störung gibt es Stillstand. Klar ist aber auch: ein System erträgt nur ein bestimmtes Ausmaß an Störungen bis es kippt, und sich erneut auf die Suche nach seinem Gleichgewicht macht. Es ist also – angesichts von Klimawandel, gefährdeten Demokratien und einem Wirtschaftssystem, das sich seit 2008 grade noch hält – notwendig geworden, einige Fragen danach zu stellen, wie wir selbst uns im Kontext von Störung verorten. Sind wir die Störenden oder werden wir gestört? Ist die Störung einer Ordnung notwendig, wenn diese Ordnung selbst eine Störung von Menschenwürde, Rechtstaatlichkeit und sozialer Sicherheit bedeutet? Lebe ich das Privileg, darüber nachzudenken, ob ich heute mal doch oder lieber nicht störe oder werde ich ungefragt qua Geburt, Geschlecht oder Hautfarbe als störend empfunden? Wer stört mich und warum lasse ich

es zu? Bin ich Teil des fließenden Systems, das sich treiben lässt, und nicht gestört werden will? Oder: lasse ich mich sowieso von nichts und niemandem stören – egal ob Journalistenfragen, Demonstrierenden oder staatlicher Gewaltenteilung? Je intensiver Sie sich fragen, ob Sie überhaupt jemals stören, desto eher sind Sie vermutlich keine Frau, keine Trans* oder Inter*person, nicht nach Österreich geflüchtet, wohl eher keine Feministin und spüren nicht die störenden Auswirkungen von globaler imperialer Lebensweise. Und falls Sie die letzte Frage mit Ja! beantworten, sind Sie entweder der aktuelle österreichische Bundeskanzler oder sein Innenminister. Die beiden kommen hier nicht zu Wort, alle anderen schon. Viel Vergnügen und auch ein paar verstörende Momente mit den Autor*innen und Beiträgen dieser Ausgabe. DANKE allen, die daran mitgearbeitet haben!

Wiltrud Hackl

Chefredakteurin, Geschäftsführerin gfk oö


STÖRUNG #1

»BITTE NICHT STÖREN!« Störung. Kann ein Wort, das so negativen Beigeschmack hat, positiv bewertet werden? Kann es. Wenn wir Störung als eine Form des Widerstands betrachten. Dann ist sie sogar sehr wünschenswert. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Am Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen findet im Parlament eine Gedenksitzung statt. Gastredner der Sitzung im vergangenen Jahr, dem ersten Jahr der schwarzblauen Bundesregierung, war der Schriftsteller Michael Köhlmeier. Seine Rede war kurz. Seine Worte umso deutlicher. Er hat kein Blatt vor den Mund genommen und gesagt, was zur Regierungsbeteiligung der FPÖ gesagt werden muss, die beinahe wöchentlich mit einem so genannten rechtsextremen „Einzelfall“ auffällt. Dass das den Regierungsparteien ÖVP und FPÖ nicht gefallen hat, liegt auf der Hand. Ausgerechnet im Gedenkjahr 2018 wurde das Bild, das mit ganz viel Message Control gezeichnet werden sollte – nämlich den regierungsfähigen und keinesfalls ewiggestrigen Juniorpartner – gestört. Störung erweckt Aufmerksamkeit. Sie bringt Themen in den Diskurs und ermöglicht uns als Gesellschaft, uns weiter zu entwickeln. Vor mehr als 100 Jahren sind Frauen aufgestanden, um für das Frauenwahlrecht zu kämpfen, Gleichberechtigung und Gleichbehandlung einzufordern. Sie haben das traditionelle Frauenbild gestört und sich für ihre Interessen stark gemacht. Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, müssen wir aufstehen, unsere Positionen klar machen. Die gfk will mit ihrem Programm und diesem Magazin einen Beitrag dazu leisten. Die aktuelle Bundesregierung macht Störung notwendig. Stören wir jene, die nicht gestört werden wollen. Stören wir jene, die einen kleinen Schubs brauchen, um aufzuwachen. Leisten wir Widerstand! Sabine Schatz

Vorstandsmitglied der gfk oö, SPÖ-Abgeordnete zum Nationalrat und Bereichssprecherin für Erinnerungskultur

DIE STÖRENFRIEDAS Nina Schedlmayer

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GEFÜHLTES GLEICHGEWICHT Sibylle Hamann

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SEKUNDENKLEBER UND OHRENSTÄBCHEN Kanna Loni

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FEMINISMUS BRAUCHT KRAWALL Gitti Vasicek / Oona V. Serbest

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UNGESTÖRT - GESTÖRT ERSTÖRT Harald Wildfellner

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GARDEN OF DISTURBIA Christoph Wiesmayr

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TANZ DEN SCHLAF Tanja Brandmayr

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DIE FEIERLICHKEIT SOLL NICHT GESTÖRT WERDEN Bruno Schernhammer

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STÖRUNG DER ORDNUNG Tobias Humer

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DYSFUNKTIONALES EUROPA Sabine Gebetsroither

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VERANSTALTUNGEN

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MENSCHEN / IMPRESSUM / TICKETS

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STÖRUNG #1 NINA SCHEDLMAYER

ENTFERNTE GEMÄLDE, PROTESTBRIEFE UND UNTERSCHRIFTENLISTEN: WIE FEMINISTINNEN SAND INS GETRIEBE DES KUNSTBETRIEBS STREUEN UND DAMIT FÜR HEFTIGE KONTROVERSEN SORGEN.

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So lange war dieses Bild schon hier gehangen, das Prachtstück des Saals zum Thema „Schönheit“ in der Manchester Art Gallery: „Hylas und die Nymphen“, ein 1896 entstandenes Gemälde des Künstlers John William Waterhouse. Sieben sehr, sehr junge nackte Mädchen, bis zum Oberkörper in Wasser, umspült von Seerosen, blicken mit großen Augen auf einen Jüngling, den eine von ihnen zu sich zieht.

gangenheit in neuem Gewand – und wenn wir auf diese Tarnung hereinfallen, geben wir alle liberalen Werte auf.“ Stefan Dege, Kulturredakteur der Deutschen Welle, ortete gar einen „Skandal“ und fragte: „Ist es notwendig, sein Bild ins Museumsdepot zu verbannen, weil es gegen Anstand und Sitte verstößt? Müssen wir Kunst – alte wie neue – grundsätzlich auf den moralischen Prüfstand stellen? Nein, denn das wäre gefährlich!“

Doch plötzlich war die Komposition weg: ein Eingriff in die museale Ordnung. Gerade in diesem Moment, Anfang 2018, wurde allerorten über Kunst-Zensur diskutiert. Infolgedessen gewann das Kunstwerk eine globale Öffentlichkeit, die es nie zuvor genossen hatte. Kommentatoren hyperventilierten und sorgten sich um die Freiheit der Kunst. „`Hylas und die Nymphen‘ ist kein Meisterwerk. Aber wenn es aus der Galerie entfernt werden muss, werden die Akte von Tizian und

Was war geschehen? Warum fehlte das Bild plötzlich? Die Künstlerin Sonia Boyce hatte auf wirkungsvolle Weise das üblicherweise Unhinterfragte zur Disposition gestellt. Die temporäre Entfernung des Waterhouse-Bilds war Teil ihrer Retrospektive, wurde begleitet von Performances und einer großen Ausstellung.

Picasso als nächstes dran sein?“ bangte der Kunstkritiker Jonathan Jones im Guardian. „Ich kann so einen Autoritarismus nicht respektieren. Er ist das Schreckgespenst einer repressiven Ver-

Dort, wo zuvor die Komposition war, konnte nun das Museumspublikum Kommentare dazu via Post-It hinterlassen. Nach einer knappen Woche wurde das Gemälde übrigens wieder aufgehängt. Mit ihrer Störaktion setzte Boyce ein Statement gegenüber dem männlichen Blick des späten


STÖRUNG #1

Manchester Art Gallery, Intervention von Sonia Boyce

19. Jahrhunderts. „Es ist eine normale künstlerische Praxis, Werke zu rekontexualisieren und zu fragen, was sie uns erzählen“, sagte sie in einem Interview mit der Kunstzeitschrift Monopol. Es sei ihr darum gegangen, „welche Art von Narrativ in Kunsträumen zu finden ist. Und was wir über sie denken. Welche Beziehung haben Objekt und Betrachter? Wie erschafft oder zementiert man Narrative, indem man Bilder zueinander positioniert?“ Merkwürdigerweise blieb der Umstand, dass die Entfernung des Bilds Teil einer künstlerischen Aktion war meist ebenso unerwähnt wie der Name der Künstlerin. Hätten sich diejenigen, die Zensur diagnostizierten, etwa die

Frage gefallen lassen müssen, ob sie ihrerseits nicht gerade unverhältnismäßig schwere Geschütze gegen eine künstlerische Arbeit auffuhren, diese sinnlos skandalisierten? Eines erreichte Boyce mit ihrem Eingriff jedenfalls: Dass heftig diskutiert wurde. Doch wer den Kunstbetrieb stört, bekommt seinerseits oft Ärger. Oder ihrerseits. Denn in der feministischen Kunst hat sich die kluge Intervention durch Künstlerinnen als Strategie durchaus bewährt. Die bekannteste

– und unverdrossenste – Störenfrieda in der Kunst ist die bis heute aktive US-Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls. Ihr Billboard mit der Frage „Do Women Have to Be Naked To Get into The Met. Museum?“ von 1989 zählt längst zu den Ikonen der Kunstgeschichte. Mit detaillierten Statistiken machen sie seit den 80er-Jahren publikumsträchtig darauf aufmerksam, wie wenige Frauen oder People of Color in Museen und Galerien repräsentiert werden, verweigern sich dabei der Öffentlichkeit durch Gorillamasken – hinter denen dem Vernehmen nach recht erfolgreiche Künstlerinnen stecken. Ihre Kraft ziehen sie auch daraus, dass sie wissen, wo ihr Protest am besten aufgehoben ist. So forderten sie männliche Kollegen per Brief auf,

ihre Galerien zu fragen, warum diese so wenige Frauen vertraten und druckten die Namen dieser Künstler wiederum auf Plakate. 1987 wurden sie zu einer Ausstellung in der Non-Profit-Galerie Clocktower eingeladen, parallel zur Whitney Biennale auszustellen, die im gleichnamigen New Yorker Museum abgehalten wird. Dort deckten sie auf, wie wenige Künstlerinnen im Whitney Museum ausstellten und

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STÖRUNG #1

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zeigten jene Produkte, mit denen deren Sponsoren ihre Umsätze machen – darunter Unterwäsche, Frauenzeitschriften und Kosmetik, also Produkte, für die vor allem Frauen Geld ausgeben. Die Guerrilla Girls taten gut daran, ihre Identitäten zu verschleiern. In ihrem Buch „Confessions of the Guerrilla Girls“ druckten sie einige der Zuschriften ab, die ihnen erzürnte Personen geschrieben haben. „Wenn Frauen sich entschuldigen für das, was sie im Leben nicht gemacht haben, dann wird die Frauenbewegung nichts als eine Entschuldigung für Mittelmäßigkeit“, schrieb ihnen die mächtige Galeristin Mary Boone, die einst selbst keine Künstlerinnen im Programm hatte. „Diese Frauen haben keine Begabung, und sie lassen es Männer büßen“, ließ sie der Künstler Mark Kostabi wissen. „Die feministische Bewegung hat uns kein einziges Talent offenbart, von dem wir zuvor nichts wussten“, beschied ihnen der einflussreiche Kunstkritiker Hilton Kramer. Doch allen heftigen Gegenreaktionen zum Trotz: Die Guerrilla Girls setzten mit ihren Störaktionen Maßstäbe. Wenn heute eine Ausstellung, ein Festival Künstlerinnen weitgehend ignoriert, muss mit Unterschriftenlisten und Petitionen gerechnet werden. So wurden beim Fotofestival Rencontres in Arles im Herbst 2018 von 15 Einzelausstellungen bloß drei von Fotografinnen bestritten. Eine Reihe herausragender Köpfe unterzeichnete eine Forderung nach einem fünfzigprozentigen Frauenanteil, darunter Iwona Blazwick, die Leiterin der Whitechapel Gallery, Susan Collins, Direktorin der renommierten Londoner Slade School of Fine Art sowie der prominente Fotograf Martin Parr. Diese Einmischung blieb nicht folgenlos. Das Fotofestival reagierte zwar mit den üblichen Phrasen: Man achte bei der Auswahl auf die Kunst, nicht auf das Geschlecht, und eine Quote könne Zweifel an der Qualität aufkommen lassen. Doch die Diskussion selbst konnte sich der Kurator, Sam Stourdzé, nicht ersparen. Ebenso ging es zwei deutschen Kollegen von ihm, Alain Bieber und Florian Waldvogel. Sie kuratierten

die Ausstellung „Im Zweifel für den Zweifel – die große Weltverschwörung“ im NRW Forum Düsseldorf, an der kaum Künstlerinnen beteiligt waren. Ein Protestbrief, initiiert von Verena Kaspar-Eisert, Kuratorin des Kunsthauses Wien und der Künstlerin Candice Breitz, wurde von 1200 Personen unterzeichnet. In Deutschland ging plötzlich eine Debatte los: nicht über die große Weltverschwörung, sondern über den Anteil von Künstlerinnen in Ausstellungen. Sonia Boyce‘ künstlerische Intervention, die Proteste der Guerrilla Girls und die simple, aber wirkungsvolle Maßnahme eines offenen Briefs: Störaktionen wie diese reißen den Kunstbetrieb aus seiner Erstarrung, streuen Sand ins Getriebe. Und hinterher kann es durchaus einige geben, die dankbar dafür sind. Die Kunstkritikerin Roberta Smith, die von den Guerrilla Girls selbst einmal der Männerdominanz in ihren Artikeln geziehen wurde, schrieb später: „Sie haben mir sehr stark ins Bewusstsein gerufen, wie meine Berichterstattung aufgeteilt ist.“

Nina Schedlmayer hat in Wien und Hamburg Kunstgeschichte studiert, ist Kunstkritikerin, Journalistin (u.a. profil, Parnass, artmagazine) und betreibt den blog artemisia.blog


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STÖRUNG #1 SIBYLLE HAMANN

GEFÜHLTES GLEICHGEWICHT UND FEMINISTISCHE STÖRUNG 8

BEGINNEN WIR MIT DER NORMALITÄT. BESSER: MIT JENEM ZUSTAND, DEN WIR IN DER ÖFFENTLICHKEIT ALS NORMAL EMPFINDEN.

Wir erinnern uns an die Zeit, in der die Grünen noch im Parlament saßen: Eine Partei, die gleich viele Männer wie Frauen auf ihren Listen hatte, hintereinander angeordnet nach dem Reißverschlussprinzip. Die Partei hatte eine Parteichefin, eine Vizebürgermeisterin, zweitweise eine EUSpitzenkandidatin. Und schon wurden alle ganz unrund. Ja, darf denn das sein? Hat man als Mann bei denen denn bald gar keine Chance mehr? Bei Sympathisanten anderer Parteien war beinahe Mitgefühl mit den benachteiligten, zurückgesetzten, ausgebooteten grünen Männern zu vernehmen. Und als das Desaster folgte, spürten nicht wenige eine versteckte Genugtuung: Kein Wunder, dass es so kommen musste. Eine Partei mit so vielen Frauen – da war ja irgendwie klar, dass ein bitteres Ende folgen musste. Ähnlich die Irritation in der deutschen CDU, nach dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel von der Parteispitze. So viele Jahre hatte Merkel jetzt schon regiert. Eine ganze deutsche Kindergeneration war aufgewachsen mit einer Frau als Kanzlerin. Nach ihrem Abgang, so viel war vielen CDU-Sympathisanten klar, würden der Ausnahmezustand beendet und die Normalität mit einem männlichen Nachfolger wiederhergestellt. Als es anders kam, und auf eine weibliche CDU-Chefin eine weitere Frau als Chefin folgte, war die Irritation nicht nur in der Partei, sondern auch in weiten


STÖRUNG #1

Teilen der Öffentlichkeit spürbar: Konnte das sein? Durfte das sein? War da irgendein Irrtum passiert? In beiden Fällen wurde deutlich: Männer haben ein feines Sensorium für Gerechtigkeit – nicht nur in Parteien, sondern auch in der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Medien. Einen 50:50-Anteil von Männern und Frauen empfindet man in all diesen Bereichen schnell als unerträgliche Benachteiligung. Als Betriebsstörung. Da kratzt es, da zwickt es, da rutscht das Publikum nervös auf den Sesseln, man fühlt sich unrund, weil irgendetwas nicht stimmt im Raum. Erst bei einem Männeranteil von 70:30 oder 80:20 ist die Störung behoben, und es entspannen sich alle. Denn ungefähr hier liegt das gefühlte Gleichgewicht im Geschlechterverhältnis. Sie kennen dieses gefühlte Gleichgewicht aus Sitzungen, Konferenzen, von Podien und aus dem Fernsehen. Solange in einer Männerrunde bloß eine einzige Frau am Tisch sitzt, und sei es die Moderatorin, passt alles. Sobald eine Frau zwei Frauen interviewt, schrecken wir hoch und rätseln, durch welche Verkettung von Zufällen diese auffällige Häufung wohl zustande gekommen sein könnte. Wir haben uns an die dramatische 80:20 Schieflage so sehr gewöhnt, dass sie uns als normal erscheint, und das reale Gleichgewicht als verdächtig. Das verrät, dass wir eine – über Generationen hinweg vererbte - Wahrnehmungsstörung haben. Daraus folgt jedoch, dass wir uns auf unsere Wahr-

nehmung nicht verlassen können, wenn es darum geht, Gerechtigkeit herzustellen. Wir müssen nachmessen und überprüfen, ob unser Gefühl uns vielleicht trügt. Heimwerkern geht es da ähnlich: Wer schon mehrmals versucht hat, nach Augenmaß Regalbretter an die Wand zu schrauben, nimmt beim nächsten Mal vielleicht doch eine Wasserwaage zur Hand; ein simples, hilfreiches Werkzeug, das objektiv zeigt, wie weit man mit seinem Gespür daneben liegt. Im Geschlechterverhältnis heißt dieses Werkzeug “Die Quote”. Diese ist – zugegeben – unelegant, aber gleichzeitig unbestechlich. Sie ist ein nützliches, simples, hilfreiches Messinstrument, das zeigt, wo der Normalwert im Geschlechterverhältnis liegen sollte: bei 50:50 nämlich – und wie groß im konkreten Fall die Abweichung davon ist. In diesem Sinn könnte man sagen: Die Quote ist eine produktive Störung unseres schiefen Gleichgewichtssinns. Es kommt nämlich nicht immer bloß auf Inhalte, Qualität, Qualifikationen oder Persönlichkeiten an (wie häufig gern behauptet wird), sondern oft tatächlich zunächst einmal auf die absoluten Zahlen. Die Zahl Eins ist in vielen Konstellationen höchst problematisch: Die erste Frau, die einzige Frau in einem männerdominierten Studium, an einer männerdominierten Uni, in einem männerdominierten Gremium, in einem Saal voller Männer – das ist eine

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STÖRUNG #1

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ausnehmend schwierige Rolle, die von vornherein nur für ganz besondere Charaktere überhaupt in Frage kommt. Die einzige Frau in einer Männerrunde wird – ebenso wie der einzige Mann in einer Frauenrunde - immer als etwas Besonderes empfunden, als Abweichung von der Norm, als Störung. Sie kann sich sicher sein, dass sie öfter angeschaut wird als andere. Dass sie unter Beobachtung steht. Außerdem wird ihr stets die Last aufgebürdet, stellvertretend für ALLE Frauen am Tisch zu sitzen. Stets muss sie “als Frau” Position beziehen. Kann sich nicht zurückziehen in die schützende Masse. Der einzigen Frau im Aufsichtsrat geht es dabei nicht viel anders als dem einzigen Mann im Kindergarten. Scheitert sie, dann scheitert sie nicht bloß als Individuum, sondern stets auch als Vertreterin ihres Geschlechts. Um diesen Druck weiß man. Den spürt man schon, bevor man eine Position als Pionierin überhaupt angeboten bekommt. Darf man sich tatsächlich wundern, dass viele Frauen zögern, diese Rolle anzunehmen? Erst ab einer gewissen kritischen Masse können Frauen in der Öffentlichkeit so agieren, wie Männer das ganz selbstverständlich zu tun gewöhnt sind: Sie können unauffällig sein. In einem Raum mit vielen Geschlechtsgenossinnen können sie, wenn ihnen danach ist, in der Masse verschwinden und so tun, als seien sie gar nicht da. Sie können sich hintereinander verstecken, ohne dass es auffällt. Sie können einander zustimmen, ohne dass sofort der Verdacht im Raum steht, sie würden ein feministisches Komplott aushecken. Umgekehrt können sie auch unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass dies gleich als „Zickenkrieg“ denunziert wird. Erst eine gewisse kritische Masse von Menschen unterschiedlichen Geschlechts in allen Bereichen des Lebens und auf allen Hierarchiebenen verschiebt das gefühlte Gleichgewicht. Sie erlaubt es Menschen, aus ihrer vordergründigen Rolle als Geschlechtsrepräsentanten herauszutreten und als Individuen wahrgenommen zu werden – in all ihrer Verschiedenheit. So entstehen neue Erfahrungen, neue Wahrnehmungsgewohnheiten, und all das schreibt sich ins kollektive Normalitätsgefühl einer Gesellschaft ein.

Deswegen bleibt diese feministische Störung kein Selbstzweck. Die Quote dient nicht nur dazu, mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Sie dient, ganz nüchtern und kapitalistisch betrachtet, auch dazu, die Qualität des Outputs zu verbessern. In den Führungsetagen amerikanischer Konzerne weiß man das längst, denn man hat nachgerechnet: Je vielfältiger ein Gremium besetzt ist - sei es in Produktentwicklung, Unternehmensstrategie oder Marketing - desto besser sind die Entscheidungen, die es trifft. Dasselbe gilt für Wissenschaft und Politik: Eine Gruppe aus Menschen desselben Geschlechts aus derselben Generation, mit ähnlichem sozialem Hintergrund und ähnlichem Lebensstil, verfügt, kollektiv gesehen, nur über einen sehr mageren Erfahrungsschatz. Das fühlt sich zwar heimelig an, schränkt jedoch die möglichen Blickwinkel ein. Es mindert die Chance, unter tausenden möglichen Fragestellungen die wirklich relevanten zu finden. Und unter tausenden möglichen Entscheidungen die wirklich beste zu treffen. Die feministische Störung unserer Gewohnheiten ist somit höchst produktiv. Es lohnt sich, sie zuzulassen. Auch wenn es sich im ersten Moment ungewohnt und kratzig anfühlt wie ein neuer Pullover.

Sibylle Hamann studierte u.a. Politikwissenschaften in Wien, Berlin und Peking. Seit 2006 freie Journalistin und Autorin (u.a. für Die Presse, Falter und Emma), Chefredakteurin der „Liga. Zeitschrift für Menschenrechte“, Lektorin an der FH Wien.


SEKUNDENKLEBER Dieser Text ist eine leicht bearbeitete Version des Intros zu Kanna Lonis Handbuch Biometrie Hacken, in dem die Berliner Informatikund Gender Studies-Studentin Tipps, Tricks und Hacks verrät, einfach und kostengünstig biometrische Systeme zu überlisten. Die scheinbar so sicheren Systeme sind rasch zu stören – etwa mittels Sekundenkleber & Ohrenstäbchen, wie das Handbuch verrät. Es wird am 8. März im Rahmen von Feminismus & Krawall präsentiert. Alltäglich haben wir mit ihnen zu tun: biometrische Systeme. Ob Gesichtserkennungssoftware im öffentlichen Raum oder Fingerabdrucksensoren auf unseren Smartphones. Biometrische Systeme sind Systeme zur Vermessung gewisser Merkmale von Lebewesen. Diese reichen von bekannteren Merkmalen wie Fingerabdruck, Iris, Gesicht und DNA bis über Handgeometrie, Venenstruktur, Klangfarbe der Stimme und Körpergeruch. Sie können also sehr verschieden sein, sollten allerdings folgende Anforderungen erfüllen: 1. Universalität - Jede Person hat dieses Merkmal 2. Einmaligkeit - keine 2 Personen haben das gleiche Merkmal 3. Erfassbarkeit - das Merkmal muss auf eine Weise messbar sein In der Praxis erfüllen biometrische Eigenschaften nicht unbedingt alle diese Anforderungen. So sind beispielsweise Fingerabdrücke von ca. 4% der Weltbevölkerung nicht eindeutig genug. Biometrie wird sowohl zur Identifizierung als auch zur Authentifizierung genutzt. Bei der Identifizierung handelt es sich um die Frage: Wer ist die Person? Hier wird das vorgelegte biometrische Merkmal mit allen in diesem System gespeicherten Referenzdaten verglichen. Dies wird beispielsweise in Überwachungssystemen verwendet, wie dem Pilotprojekt Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz in Berlin. Bei der Authentifizierung handelt es sich um die Frage: Ist die Person diejenige, die sie vorgibt zu sein? Hierbei prüft das System diese Frage durch eine Übereinstimmung - zwischen dem vorgelegten biometrischen Merkmal und dem im System zur vorgegebenen Person passenden Referenzmerkmal. Dies passiert zum Beispiel jedes Mal wenn Sie Ihr Smartphone mit Ihrem Fingerabdruck entsperren.

TRICKS & HACKS Obwohl biometrische Systeme gerne verwendet werden, gibt es zahlreiche Schwachstellen. Deshalb sind verschiedene Arten und Weisen, biometrische Systeme auszutricksen, anzudenken. Hierbei kann es sich um Unkenntlichmachung eigener biometrischer Merkmale handeln oder auch um Angriffe auf biometrische Systeme. Die Angriffsmöglichkeiten teilen sich in 3 verschiedene Gruppen:

UND OHRENSTÄBCHEN

KANNA LONI

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STÖRUNG #1

1. Angriff unter Verwendung des Sensors - Hier wird dem Sensor vorgetäuscht, dass er das Merkmal der berechtigten Person erkannt hat. Dazu zählen alle möglichen Arten von Attrappen. 2. Angriff auf die Datenkommunikation - Hier zielt der Angriff auf die Verbindung des Sensors zum Computer. Wenn Daten beispielsweise unverschlüsselt übertragen werden, können diese abgefangen und ausgewertet werden. 3. Angriff auf die Templatedaten - Daten, die im System als Referenzdaten gespeichert sind. Zum Beispiel der Fingerabdruck, welcher bei der Registrierung gespeichert wird. Diese Art von Angriff zielt also direkt auf die im System gespeicherten Daten ab, indem diese gelöscht oder ausgetauscht werden.

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Die Tricks & Hacks in meinem Handbuch beziehen sich auf Methoden zur Unkenntlichmachung oder sind Angriffe unter Verwendung des Sensors (Punkt 1). Diese sind oft ohne großes technisches KnowHow durchführbar und benötigen meist nicht sehr aufwendige finanzielle und zeitliche Ressourcen. So let’s get started!

Anna Kraher (Kanna Loni), lebt in Berlin, studiert Informatik und Gender Studies und arbeitet am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU Berlin. Als Aktivistin ist sie bei Feminismus & Krawall (Linz), sowie beim Frauen*streik Berlin und in der queerfeministischen Gruppe she*claim (Berlin) aktiv. Außerdem ist sie von mansplaining genervt und wünscht sich mehr feministische Stimmen in der Technik.

FEMINISMUS BRAUCHT KRAWALL Der Internationale Frauentag am 8. März wird in Linz von einer breiten Allianz getragen und zelebriert. Der Umzug durch die Stadt endet in einer großen gemeinsamen Feier. Ein Interview mit BRIGITTE VASICEK und OONA VALARIE SERBEST über Feminismus, Krawall und Störung. Wann entstand Feminismus und Krawall und aus welchen Beweggründen heraus? 2012 auf die Initiative von Valarie hin. Unser Anliegen war, sichtbar und spürbar zu werden gemeinsam mit unterschiedlichsten Vereinen, Gruppen und Einzelkämpfer*innen und nicht versteckt in Kinos und Veranstaltungsräumen Frauenprogramm abzuwickeln. Unsere Forderungen sollten sichtbar und hörbar in die Stadt getragen werden. Wer sind die Frauen, die sich da am 8. März treffen und durch die Stadt marschieren? Anhand der Teilnehmer*innen von Jahr zu Jahr können wir feststellen, dass Feminismus und Krawall immer grösser wird. Die Demo hat in jedem Jahr ein anderes Thema, dadurch sprechen wir unterschiedliche Frauen* und Gruppierungen an. Letztes Jahr schuf die Künstlerin Starsky ein eigenes Lichtkonzept für den Einzug am Hauptplatz, Christoph Frey eine eigene Demokomposition für den gesamten Zug, das waren echte Herausforderungen. Aber dadurch werden immer wieder neue Leute eingebunden, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und Mitstreiter*innen mitnehmen. Biker*innen zum Beispiel oder eine queere GstanzlTruppe, die wunderbare Breakdancegruppe B-Girl Circle uvm. Der Begriff Krawall ist recht eindeutig definiert und konnotiert – es geht um Stören, Auflehnung,

Illustration Silke Müller


Aufruhr – wie wird das umgesetzt und in der Öffentlichkeit aufgenommen? Krawall zeigt auf und fordert Umbruch - einer bestehenden Ordnung oder von Machtverhältnissen. Krawall ist aber auch eine Form von Warnung und somit eine Störung. Bei uns wird dieser Begriff in erster Linie musikalisch und visuell umgesetzt. Einerseits gibt es Musikinterventionen – Lieder vor Kirchen gegen Abtreibungsgegner*innen etwa oder laute Knallgeräusche, wenn wir Bilder in die Luft schießen, auf denen „my pussy my choice“ steht. Wir bringen Trauergesänge vor dem Landhaus dar, um auf Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich aufmerksam zu machen oder ziehen mit Trommelwirbel auf dem Hauptplatz ein. Krawall funktioniert allerdings nur, wenn es auch Ruhe gibt, und so wird die Demo akustisch dramaturgisch angelegt. Krawall wird auch visuell gedacht, z.B. mit schrillen, queeren Demoschildern, die im Vorfeld für das jeweilige Thema angefertigt werden. Auch Platz einnehmen gehört zur Visualisierung von Krawall. Unser Transparent wurde etwa für die Gesamtbreite der Schmiedtorgasse angefertigt. Auch das Radioballett breitet sich im öffentlichen Raum aus.

Braucht Feminismus Krawall? Braucht Krawall Feminismus? Feminismus braucht auch Krawall und eine Kultur des Krawalls, z.B. #metoo, Flowerrain, Rechtshilfefonds gegen Hass im Netz usw. Weil es immer noch normal ist, dass Frauen diskriminiert und in keiner Form gleichberechtigt behandelt werden. In diesem Sinn ist das Thema Störung zu sehen, das auch wir heuer in den Mittelpunkt rücken – der Begriff hat das Potential zu innovativer Strukturbildung, Entwicklung, Umbruch etc. Mehr können wir noch nicht verraten, schließlich braucht Störung ja auch das Überraschungsmoment. Brigitte Vasicek ist u.a. Künstlerin, Kulturarbeiterin und Universitätsprofessorin für “Zeitbasierte Medien” am Institut für Medien der Kunstuniversität Linz. Für ihre wissenschaftliche Tätigkeit wurde sie zuletzt 2018 mit dem Käthe-Leichter-Preis ausgezeichnet. Oona Valarie Serbest ist Künstlerin, Kulturtäterin und Geschäftsführerin von FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen* in Kunst und Kultur. FIFTITU% wurde zuletzt 2018 mit dem Staatspreis - outstanding artist award für Kulturinitiativen - ausgezeichnet.

FR 08.MAR 19.00

BITTE STÖREN! Abendveranstaltung F.u.K. mit Ester Poly, DJ Tonica Hutner, DJ Chrystallmess, Luzia Oppermann

FEST / KONZERT / PERFORMANCE

im Central / Programm ab 20.30 / frw. Spenden für Frauenvereine

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STÖRUNG #1 HARALD WILDFELLNER

STÖRUNGEN AUS GLOBALER SICHT

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Duarte Pacheco Pereira hatte nur einen Gedanken, als er im Frühjahr des Jahres 1494 die Brücke des Duero-Fluss passierte und zu den Gebäuden der Casas del Tratado der Stadt Tordesillas hinauf blickte: der STÖRUNG der portugiesischen Expansion entschieden entgegen zu treten. Entstanden war diese durch die Fahrt des Christoph Kolumbus nach Westen, der glaubte, den Seeweg nach Indien gefunden zu haben und das Land, das er betrat im Namen der spanischen Krone in Besitz nahm. Der dienstfertige Aragonese, Papst Alexander VI, hatte in einem spanischfreundlichen Akt eine Demarkationslinie zwischen den rivalisierenden Seemächten gezogen, wogegen der portugiesische König Johann II Einspruch erhob. Nunmehr kamen der Papst, die spanischen Abgesandten des Königreichs Kastilien und Pereira mit seinem portugiesischen Gefolge in der kastilischen Hochebene zusammen, um zu verhandeln. Der Geograf, Astronom und Seefahrer Pereira wurde als eloquenter Verhandlungsführer der portugiesischen Seite eingesetzt, um sicher zu stellen, dass die portugiesischen Entdeckungsreisen nach Süden und Osten fortgesetzt werden konnten, wo doch der Erfolg der Suche eines östlichen Seeweges nach Indien – Bartolomeu Diaz sei Dank - unmittelbar vor der Tür stand. Durch die geschickte Verhandlungsführung Pereiras gelang es tatsächlich, ein annehmbares Ergebnis zu erzielen. Von Pol zu Pol verlief die Trennlinie 1.770 km westlich der Kapverdischen Inseln, die den beiden katholischen Länder ein ungestörtes Nebeneinander der jeweiligen Handels-, Expansions- und Machtbestrebungen sichern sollte.

Am 7. Juni des Jahres 1494 wurde also im Vertrag von Tordesillas die Welt aufgeteilt zwischen dem Königreich Kastilien und dem Königreich Portugal – eine Anmaßung, die historisch gesehen seinesgleichen sucht. Alles, was westlich dieser Linie lag (Amerika, außer das Gebiet später „Brasilien“ genannt) wurde den Spaniern zugesprochen, alle Gebiete östlich davon (Afrika und Asien) fielen an Portugal. Dessen Herrscher nannte sich in der Folge „König von Portugal und der Algarve, Herr von Guinea und der Eroberung, der Schifffahrt und des Handels von Äthiopien, Arabien, Persien und Indiens“. Andere europäische Staaten wurden nicht miteinbezogen und erkannten diesen Vertrag nicht an. Und völlig hinweggegangen wurde über die Interessen der Menschen und die Verhältnisse der ökologischen Lebensräume, die da „entdeckt“ und „in Besitz“ genommen wurden. (…) Die Spanier schafften in den Jahren 1503 bis 1660 etwa 300 t Gold und 25.000 t Silber aus den Kolonien nach Europa. Dabei wurden nicht nur Bodenschätze ausgebeutet. Die autochthone Bevölkerung - die sich aber zur „extensiven Arbeitskraftnutzung als zu wenig robust erwies“ und massenhaft starb - sowie aus Afrika verschleppte Menschen schufteten als Sklaven in den Bergwerken und auf den Plantagen. Das alles „zum Wohle“ der europäischen Königshäuser, der Banken (besonders der italienischen, aber auch Fugger, Welser und Vöhlin aus dem deutschen Raum) und einiger Unternehmen (wie in der Folge der Vereinigten Ostindischen Companie/VOC/


NL und East India Company/EIC/GB), die nicht nur die Edelmetalle und Gewürze schätzten. Sowohl Zucker, Indigo, Tabak, Reis, Pelze, Holz, Getreide, Fleisch und Baumwolle als auch neue Pflanzen wie etwa Kartoffel und Mais sollten das Wohlergehen im Abendland fördern. Der liberale Historiker Paul Kennedy weist darauf hin, dass der Handel mit Massengütern sowie die Ankurbelung der Schiffsbauindustrie viele Menschen - vor allem Handwerker, Lieferanten, Händler und auch Versicherungsgesellschaften - in die Häfen von London, Bristol, Antwerpen Amsterdam und vielen anderen Städten zog. „In der Wirkung“, meint Kennedy, „brachte der Handel einem beträchtlichen Teil der westeuropäischen Bevölkerung – und nicht nur einer kleinen Elite – einen dauernden materiellen Nutzen aus den Gewinnen des Überseehandels.“ Um Störungen in größerem Ausmaß zu begegnen („Wettlauf um Afrika“) kam es 1884/85 zur sogenannten Berlinkonferenz, die auch als Beginn der Periode des Imperialismus gilt, bei der die europäischen Staaten „ihre Claims“ in Afrika absteckten. Die Einigung zwischen den 14 Vertragsstaaten (Deutschland, USA, Belgien, dem Osmanischen Reich, Österreich-Ungarn, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal, Russland, Spanien und Schweden-Norwegen) war für Leopold II von Belgien ein großer Triumph. Er erhielt den Kongo (der 80 Mal größer war als Belgien) als Privatbesitz, was für die dortige Bevölkerung desaströs war. Im Kongo wollte er – nach seinen Aussagen – „zum ersten Mal ungestört herrschen“. Geschätzte 5 bis 15 Millionen AfrikanerInnen bezahlten das mit ihrem Leben. Der zur europäischen Expansion forschende Historiker Wolfgang Reinhard vermerkt: „(…) was Kolonialprofite aus Handel und Investition angeht, so waren sie sicher in vielen Fällen ansehnlich, sind aber nur ausnahmsweise Staat und Gesellschaft der Kolonialmächte direkt zugutegekommen (…), sondern wurden hauptsächlich von einzelnen Personen und Firmen gemacht.“ Welche Personen, Gruppen und Organisationen die Nutznießer und Träger der kolonialen und imperialen Expansion waren, wird seit über 200 Jahren diskutiert. Ulrich Brand und Markus Wissen 1) führten den Begriff der imperialen Lebensweise ein, der diesen Diskurs in einen umfassenderen Zusammenhang bringt. Diese sich seit dem 16. Jahrhundert herausbildende Lebensweise im globalen Norden beruht darauf, sich weltweit Natur und Arbeitskraft zunutze zu machen und die dabei anfallenden sozialen und ökologischen Kosten zu externalisieren. Unter dem Gesichtspunkt der Störung betrachtet bedeutet das, die störenden Eingriffe anderswo zu perpetuieren und zu nutzen, die zugrunde liegende

Zerstörung auszublenden, aber reaktive Störungen möglichst abzuwehren, um die notwendige Exklusivität dieser Lebensform zu erhalten. Die aktuellen Flucht- und Migrationsbewegungen sind auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Brand/Wissen verweisen darauf, dass die gegenwärtige kapitalistische Globalisierung auf einem neuen Kompromiss zwischen Eliten und Subalternen – besonders den Mittelklassen – beruht; einhergehend mit einer weiteren Vertiefung der imperialen Lebensweise mit all ihren destruktiven Konsum- und Produktionsbedingungen. Diese Analyse und Begrifflichkeit stellen auch Instrumente für ein gegenwärtiges und zukünftiges zivilgesellschaftliches Handeln in einer Zeit der politischen Substanzlosigkeit dar. 1) Brand, Ulrich / Wissen, Markus: Imperiale Lebensweise – Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, oekom Verlag, 4. Auflage, 2017

Harald Wildfellner, Soziologe, 1987-1990 LinzKultur (Stadtteilarbeit und Sonderprojekte), 1990-2017 in der Erwachsenenbildung (Leiter Sozialwissenschaftlicher Fachbereich), 2004-2018 Geschäftsführer des Vereins Medienwerkstatt Linz; gegenwärtig Vorsitzender des Vereins IAE - „Institut für Angewandte Entwicklungspolitik“

LEBENSWEISE – WEN STÖRT´S? DI 12.MAR IMPERIALE 19.00 VORTRAG / GESPRÄCH Vortrag Ulrich Brand, Gespräch mit Karin Fischer und Sepp Wall Strasser im Central / Eintritt frei

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STÖRUNG #1

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STÖRUNG #1 Danijela Bagaric studiert Malerei und Grafik an der Kunstuniversität Linz, sie zeichnet und malt mit Bleistift, Tusche, Kreiden und Ölfarbe. Manchmal bezieht sie sich dabei auf Traditionen aus Bosnien und Herzegowina, andermal auf Orte wie Krankenhäuser. Ein Klinikum, so die Künstlerin, sei ein Ort der Hoffnung, der Heilung, des Glaubens, der Freude, der Trauer, der Stille - alles zugleich und am selben Ort. Bedingt durch ihre Arbeitszeit im Klinikum – abends bzw. nachts - betrete sie stets ein Haus der Schlafenden, in dem Stille und Ruhe es erzwingen würden, sich nach innen zu kehren, bei sich zu sein, schreibt Bagaric. Gleichzeitig ist Störung in diesem Ruhezustand und ausgedrückt in Bagaric‘ Bildern ein allgegenwärtiger Begriff, der stets unerwünscht und meist unerwartet in Form von Unterbrechung nächtlicher Ruhe, erholsamen Schlafes, gesunden Lebens oder lebenserhaltender Apparaturen auftritt.

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STÖRUNG #1

DYSTOPIA DISTÖRBIA

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Illustration Clara Frühwirth

GARDEN OF DISTURBIA


CHRISTOPH WIESMAYR Eine nachhaltige Entwicklung braucht Störung Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Gesellschaft immer noch am exponentiellen Wachstum festhält ohne die Konsequenzen für eine nächste Generation zu tragen, sich weiterhin im goldenen Käfig vor dem Fernseher bei Cola, Chips und Bier hockend die Fremde fürchtet oder mit Billigflügen sinnlos um den Erdball jettet, den Klimawandel negiert und glaubt, dass Gitterstäbe hungrige Menschen von unserem geraubten Reichtum fernhalten können. Dann, ja dann wäre es längst an der Zeit für eine neue Störkultur! Lob an die rurbane Nische / Buchten für eine Störkultur. Eine Ort-Stadtraumtheorie Die Stadt benötigt durchlässige, atmende, mit Leben durchströmte Räume. Räume im steten Austausch zwischen Innen und Außen. Keine hermetisch nach außen hin abgeschlossenen Raumhülsen. Ihre Hüllen sind weitgehend offenporig, einem Organismus gleich. Das Vorfeld und das Innere regen den (meist zu Monotonie verkommenen) Geist an, indem der Alltag wie der Blick durch ein Kaleidoskop gebrochen wird und somit durch wundersame Weise in andere oder neue Bahnen gelenkt werden kann. Es gibt zu wenige solcher Orte in der Stadt, mit ausreichendem Platzangebot, die unbürokratisch genützt werden können bzw. zum Machen, zum Verweilen oder zum Diskurs anregen. Befindet man sich an solch einem Ort, eröffnet sich ein neuer Blick auf die Dinge, die Umwelt und auf die Stadt selbst. Es ist, als stünde man ein Stück weit entfernt. Eine gewisse „gesunde“ Distanz zur Stadt - ohne ihre alltäglichen Abläufe mitsamt den sich wiederholenden Handlungssträngen. Diese Distanz eröffnet neuen Freiraum. Eine kreative, rekreative Oase, in der man Dinge neu entdecken und beobachten kann. Somit bekommt dieser Ort unbewusst eine gewisse Wertigkeit - für Kunst- und Kulturschaffende als auch für Besucher, Betrachterinnen und einfache Passanten. Rurbane Nischen sind Buchten neben der alles mit sich rei-

NACH DEN LETZTEN ZWEI SEHR ERFOLGREICHEN VERANSTALTUNGEN LADEN GFK UND SCHWEMMLAND IM SOMMER 2019 ERNEUT AUF DAS HOLLABERERANWESEN IM LINZER HAFEN UND NUTZEN DIESEN ORT FÜR KULTIVIERTE STÖRUNG. ßenden, vom Kapitalismus geprägten Hauptströmung. Wird diese Hauptströmung (Mainstream) zu dominant, lässt sie diesen Buchten keinen Platz mehr und reißt sie in die fortwährenden Wirbel des Alltags mit.

PROGRAMM How to disturbe? WORKSHOPS Was stört den Stör? VORTRAG Thomas Friedrich / Life-Sterlet (Wien) Die Störstrategen DISKURS/TALK mit Friedrich Schwarz und Christoph Wiesmayr Schubert-Interpretationen „Ode an den Erdling“ STÖRCONFERENCIERS & KONZERT fruehwirth/gorke (Graz)

Christoph Wiesmayr, Rurbanist. Architekturstudium in Graz, Gründung des Vereins Schwemmland mit Bernhard Gilli im Linzer Hafenviertel. Gründer & Verleger von „TREIB.GUT“ unabhängiges Hafenjournal. Vermittelt und forscht zwischen ruralen und urbanen Phänomenen. schwemmland.net

SA 29.JUN 16.00

GARDEN OF DISTURBIA

FEST / KONZERT / WORKSHOPS Hollaberer Hof, Estermannstr. 11, Linz pay as you wish

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STÖRUNG #1

ÜBER DEN SCHLAF, DIE SCHLAFSTÖRUNG, DAS MOVEMENT DAZWISCHEN UND DIE SUCHE NACH DER INNEREN AUTOPILOTIN SCHREIBT TANJA BRANDMAYR

TANZ DEN SCHLAF 20

Es ist dunkel, es ist Nacht, ich schlafe nicht. Im letzten Jahr habe ich mich im Rahmen einer größeren Projektreihe mit dem Thema Schlaf beschäftigt, in konzeptuell-organisatorischer Funktion sowie mit eigenen Projekten. Während die Reihe gelaufen ist, hatte ich selbst schon länger kaum mehr geschlafen. Eine Freundin erzählt mir später, dass sie mich beim Besuch der laufenden Präsentation dann gar nicht angesprochen habe, weil ich nicht nur sehr eingeteilt gewirkt hatte, sondern geradezu „wie ferngesteuert“ herumgelaufen sei. Jetzt, sozusagen wieder schlaflos in der Nacht, um diesen Text zu schreiben, zeigt sich der Widerspruch erneut: nicht schlafen zu können und einen Text über Schlaf zu schreiben. Nun, ich habe mir einerseits die Konfrontation mit der „Störung im System“ als willkommene Ebene, als willkommene Arbeit mit den vorhandenen Widersprüchen zu sehen angewohnt – in diesem Fall zum Beispiel die Konfrontation mit der eigenen Schlaflosigkeit und etwaigen Gründen, die dahinterliegen. Andererseits schätze ich es, in einer ungeplant schlaflosen Nacht oder in den frühen Morgenstunden noch ganz ohne Störung der Außenwelt vor sich hinschauen, -denken, oder auch -schreiben zu können. Sozusagen mit sich sein zu können. Sich mit solchen Überlegungen gerade noch einmal eingepasst zu haben, hier der doppelten Störung einen inneren Impuls verpasst zu haben, der

sich grade noch einmal ausgeht, ist natürlich absurd –wegen Gedanken zu etwas, die den Schlaf stören, aufzuwachen und dann in diesen gesellschaftlich tolerierten Ruhezeiten noch eine erträgliche Balance der Ungestörtheit finden zu können. Es trifft genau jenen Widerspruch, dass der Schlaf zum Zweck der Ruhe und des intimen Rückzuges in sich selbst einerseits den Aktivitätsmodus unterbricht, andererseits die „wach-aktive“ Außenwelt manches Mal eben bis in den Schlaf hinein einbricht. Soziale und gesamtgesellschaftliche Faktoren spielen immer ins Persönliche und Individuelle. Die Außenwelt transportiert nachgerade die gestörten sozialen Verhältnisse bis in die intimsten Rückzugsgebiete, duldet den selig Schlafenden nicht. Eine lebensweltlich durchökonomisierte Umgebung, die Forderung von Anpassung, die wiederaufkeimende Neukonstruktion abgeschlossener Systeme und Totalitarismen durch alle gesellschaftlichen Instanzen bei gleichzeitiger Überbelastung stören bis ins individuell Emotionale, da oder dort, wo man die bis in die eigene Lebenswelt durchgesickerten Verhältnisse dann antrifft, und stören manches Mal bis ins kognitive Verarbeiten während des Schlafens. Wenn nicht einmal mehr ein Traum hilft, ist Feuer am Dach. Es kursiert der stehende Satz, dass Schlafentzug zum Tod führen kann. Oder grenzenlose Aktivität ein System in den Kollaps führt. Zwei Erkenntnisse, die ich in der Auseinandersetzung mit „Schlaf“ als besonders grundlegend erfahren habe: Schlaf hat etwas zutiefst Egalitäres – jeder schläft, jede hat ganz unmittelbare Erfahrung damit. Und wir sprechen hier noch nicht einmal von Trauminhalten, die ein zusätzliches, ein anderes Kapitel wären, besonders was die Hierarchisierung dieser Trauminhalte anbelangt. Die zweite Erkenntnis ist, dass man als Schlafende eigentlich nicht oder wenn, dann nur ganz anders, auf sich zugreifen kann. Diese Aussage trifft vor allem dann zu, wenn man sich selbst als Subjekt im Wachbewusstsein versteht, was in unseren kulturellen Sphären meist der Fall ist. Ein Schlafender, eine Schlafende ist im Gegensatz dazu aber immer abgeschlossene Entität, ist anderswo unterwegs, entzieht sich: dem Zugriff der Außenwelt, aber zum großen Teil auch sich selbst. Es wirkt sozusagen der große entgegengesetzte Pol, jener der Passivität, der Dunkelheit, des anderen Bewusstseinszustandes – oder des in sich abgeschlossenen Körpers.


STÖRUNG #1

Was ist nun das Vorhaben der Speculative School of Sleep Dance? Wir begeben uns auf die Suche nach dem inneren Autopiloten, der inneren Autopilotin. Menschen verknüpfen besonders im Schlaf weit auseinanderliegende mentale Bewusstseinsspuren. Wir bewegen uns im Schlaf über große Distanzen. Wir begeben uns auf die Suche nach Passivitätszirkeln. Wir simulieren Schlaf. Wir simulieren die Außenwelt. Stellen die abgeschlossenen Entitäten zueinander, mit diesem Anfangspunkt: Ein Körper agiert in reduzierten Bewegungen. Er imaginiert während dieser Bewegungen einen Schlafmodus. Auf eine Abfolge von „müder Bewegung“ erfolgt ein Gehen, Abzirkeln von Raum und ein sich-Hinlegen um zu schlafen. Doch auch dieser Schlaf ist simuliert – nach mehr oder weniger kurzer Zeit beginnt es aufs Neue. Die „Speculative School of Sleep Dance“ ist eine multidirektionale, auseinanderdriftende Fragstellung nach kognitiv-physiologischer Verarbeitung im imaginierten und realen Schlafmodus, ist Bekenntnis zu driftenden Assoziationen, zu reduzierter Bewegungsökonomie und zur inneren Autopilotin sowie Aufruf, sich in Deoptimierung zu erfrischen – wenn man so will, und um ein Zitat des russischen Schlafarchitekten Konstantin Melnikov aus den 1920er-Jahren abzuwandeln, in „washed, ionized, ozoned and ultra-solarized sleep movement“. Expect nothing but sleep mode.

Tanja Brandmayr arbeitet seit vielen Jahren & in unterschiedlichen Zusammenhängen zwischen Text, Inszenierung und Kunst. Kunst- und Kontextresearch Quasikunst. Beschäftigung mit dem Thema Schlaf, involviert in die STWST (z.B. Projektreihe STWST48x4 SLEEP). Redakteurin der Zeitung Referentin und freie Autorin. Lebt in Linz. quasikunst.stwst.at, stwst48x4.stwst.at, brandjung.servus.at, referentin.at

SCHOOL DI 23.APR SPECULATIVE OF SLEEP DANCE 22.00

PERFORMANCE / TEXT- UND BILDFRAGMENTE Tanja Brandmayr supported by Gerlinde Roidinger, Andreas Kaindlstorfer im Central / Euro 7/5


STÖRUNG #1 BRUNO SCHERNHAMMER

DIE FEIERLICHKEIT SOLL BRUNO SCHERNHAMMER ÜBER HINTERGRÜNDE UND ENTSTEHUNGSGESCHICHTE SEINES ROMANS: UND ALLE WINKTEN. IM SCHATTEN DER AUTOBAHN

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Seit 2018 ist die A1 zwischen dem Verkehrsknoten Steinhäusl und dem Voralpenkreuz bei Sattledt dreispurig ausgebaut. Bei jeder Eröffnung eines Teilstückes wurde auf das „österreichische technische Können“ und den „österreichischen Fleiß“ hingewiesen. In der Festschrift „Die Autobahn in Oberösterreich“ (1965) wurden sie als Symbole des österreichischpatriotischen Wiederaufbaus gefeiert. Auf der letzten Seite gedenkt man den „beim Bau der Autobahn tödlich verunglückten Personen“. Ein Gedenken, das die Feierlichkeit nicht stört, sondern das Ausmaß der Aufbauleistung betont. Die Sterbedaten der 15 Männer liegen im Zeitraum 1955 - 1963. Wurde da nicht etwas übersehen? Hinweise auf eine Vorgeschichte beschränken sich auf den Verweis auf „Vorarbeiten“, die nun vollendet werden konnten: „Im Bereich von Enns bis Sattledt, in dem die Arbeiten durch die RAB am weitesten fortgeschritten waren, wurden daher im Wesentlichen die bereits begonnenen … Bauwerke nach den bestehenden Plänen ausgeschrieben und fertiggestellt…“ 1 In der Festschrift 30 Jahre Asfinag wird 2012 der Vorgeschichte sechs Seiten gewidmet und festgestellt: „Dank der bereits während der Reichsautobahnzeit erfolgten Arbeiten … ging der Bau anfangs relativ rasch vonstatten.“ 2 Kein Hinweis auf Zwangsarbeit oder den Tod von Menschen bei diesen „Vorarbeiten“. Von ihnen erzählt mein Roman:

1940/41 - Nebel liegt über dem Fluss. Wie eine graufarbige Geleemasse überzieht er das Wasser und die angrenzenden Wiesen und Sträucher. Einzig die Pfeiler und Kräne ragen heraus. Sie scheinen auf Wolken zu stehen. Tagsüber wird es zeitweise noch angenehm warm, aber jetzt am Morgen fröstelt Stanislaw. Das Raus-schneller-schneller-Raus kommt ihm wie eine Fabriksirene vor, der gleiche Ton zur gleichen Zeit. Wenig später trottet man in Zweierreihen hinaus, sehnt sich unausgeschlafen nach dem nächsten Sommer oder hofft, dass der Winter die Panzer zum Stehen bringt. Andrzej, der neben ihm hinkt, stößt ihn an, schau, der Nebel zeichnet uns ein Bild, wenn du genau hinschaust, siehst du viele P, P wie Polen. Stanislaw blickt auf die sich langsam bewegenden Nebelschwaden. Müde hebt er seinen Kopf und sieht zur Baustelle hoch, auf der sie den ganzen Tag verbringen werden. Viele Blätter haben sich schon verfärbt. Wenn am Vormittag die Sonne von Osten nach Süden wandert, wird der Laubwald an der Steilwand in vielen Farben leuchten. Jetzt am Morgen wirkt der Hang trostlos, nichts Wärmendes kommt von ihm. Stanislaw erschrickt, ein fremdes Gesicht, zwei große Augen sind auf ihn gerichtet. Die Augenbrauen ragen wirr in die Höhe, als wuchere wildes Gestrüpp über den Augen. Ein Gestrüpp ist auch das Haar. Unter den Augen Gräben, dunkle Falten. Stanislaw zuckt kurz zusammen. Er reibt sich die Augen, hebt den Kopf und späht noch einmal nach oben. Dort, wo gestern nur Felsabbrüche und ein paar Eschen waren, ist das Gesicht deutlich zu sehen. Durch die Erschütterungen beim Ausbrechen der Trasse hat sich die Sandsteinformation verändert. Welch riesiger langgezogener Mund, die Nase verbogen, die Gesichtshaut zerfurcht. Das Gesicht starrt ihn unentwegt an. Stanislaw wendet seinen Kopf zu Andrzej, sieht in dessen Gesicht die Schmerzen, die ihm das Knie bereitet. Bei jedem Schritt ein kleiner Stich, hat Andrzej gesagt. Andrzej, flüstert Stanislaw, schau dort oben.

1 OÖ. Landesregierung Die Autobahn in Oberösterreich, Linz 1965, S. 90; RAB steht für „Gesellschaft Reichsautobahnen“ 2 Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG Das Autobahnnetz in Österreich 30 Jahre Asfinag, Wien 2012 S. 27


STÖRUNG #1 Bruno Schernhammer, aufgewachsen an einer Autobahnbrücke in OÖ., Arbeit in der Stahlindustrie in Linz, in den 1980er Jahren Herausgeber der Zeitschrift „Breitmaulfrosch“ und Betriebsrat in der Voest-Alpine. Studium der Philosophie und Soziologie, lebt in Wien.

NICHT GESTÖRT WERDEN Stanislaw deutet mit Kopf und Augen zur Baustelle hin. Ja, das steuern wir leider an, seufzt Andrzej. (…) Den ganzen Vormittag verbrachten sie in der großen Baugrube. Das Geröll der letzten Sprengung wurde in Scheibtruhen aus der Baugrube gefahren, mit Schaufeln und Spitzhacken werkten sie. An den freigeräumten Stellen wurde die Schalung für den Betonkörper gezimmert. Stanislaw richtete sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch der Lärm strengte an, ständiges Hämmern, Schaufeln, Schreien, Bleche schlagen. Ein fremdes Geräusch, das er noch nie vernommen hat, Stanislaw blickt hoch. Kann er seinen Augen trauen? Sie haben ihn schon am Morgen getäuscht. Andrzej, schreit er, oder will es tun. Felsbrocken brechen auf ihn nieder, er bückt sich, will wegrennen, in Deckung gehen, sich hinlegen, die Freunde warnen, um Hilfe rufen, die Schaufel hochheben. Eine Riesenhand greift über seinen Kopf hinweg und fängt die Steine auf, eine zweite Hand umfasst ihn, hebt ihn, wie ein Arm eines großen Kranes dreht sie sich von der Grube weg. Andrzej, will er schreien, lauf, auch den anderen will er zurufen, der Arm schwenkt über den Fluss. Die Gendarmerie nahm einen Unfallbericht auf. „Einsturz von ca. 10 Kubikmeter Erdreich beim östlichen Widerlager der Autobahnbrücke. 4 polnische Kriegsgefangene verschüttet, einer davon getötet, die anderen drei mehr oder weniger schwer verletzt.“ (Heimatarchiv Vorchdorf Auszüge aus der Gendarmeriechronik 11.10.1941). Der Pfarrer hielt in der Pfarrchronik fest: „Vier gefangene Polen beim

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RAB Brückenbau in Mühltal tödlich verunglückt.“ (Pfarre Vorchdorf Pfarrchronik 12.10.1941) Drei Tage nach dem Unfall wurde Stanislaw am späten Nachmittag begraben. Sein Tod beeinträchtigte den Bau der Reichsautobahn nur wenig, eine Handvoll Freunde durfte ihn am Friedhof in die Grube werfen, andere konnten selbst nicht mehr am Grabe stehen. (aus: Und alle winkten. Im Schatten der Autobahn, Wien 2018)

DO 13.JUN 19.00

UND ALLE WINKTEN. IM SCHATTEN DER AUTOBAHN

LESUNG de:central / Ort wird bekanntgegeben / Eintritt frei


STÖRUNG #1 TOBIAS HUMER Seit 2006 werden intergeschlechtliche Menschen mit der medizinischen Diagnose „Störungen der Geschlechtsentwicklung“ (DSD, Disorders of Sex Development) klassifiziert. Dadurch wird klar vermittelt, dass etwas nicht in Ordnung sei, dass eine krankhafte Abweichung vom Normalzustand vorliege, dass diese Menschen nicht gesund seien - und so scheint es für viele weiterhin gerechtfertigt, schwerwiegende Behandlungen vorzunehmen, auch wenn sie medizinisch nicht notwendig sind.

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Im selben Jahr feierte „Tintenfischalarm“ von Elisabeth Scharang Premiere, ein Film, in dem die Regisseurin die Inter*Person Alex Jürgen bei der Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte begleitet. Damit tauchte das Thema bereits zum zweiten Mal in der österreichischen Öffentlichkeit auf - das erste Mal war der Trubel um Schifahrer/in Erik/a Schinegger in den Achtzigern. Der Film macht deutlich, welche Auswirkungen Pathologisierung und Medikalisierung auf Betroffene haben, und er hat vor allem wachgerüttelt. Sieben Jahre lang war dann wieder Ruhe, auch wenn nur an der Oberfläche. In dieser Zeit wurden erste Selbsthilfetreffen organisiert, kritische Texte und wissenschaftliche Arbeiten geschrieben - einige Leute haben sich wohl darauf vorbereitet, kompetente Störenfriede zu werden. Im Jahr 2013 schließlich war es soweit und zwei Geschichten kamen parallel ins Rollen: Die Gründung der Plattform Intersex, mit der ersten Intersex Solidarity Day Veranstaltung in Salzburg, und das erste Treffen zwischen Alex Jürgen und mir - der Auftakt zur Gründung des Vereins Intergeschlechtlicher Menschen Österreich im Februar 2014. Seitdem sind fünf Jahre vergangen, voll von Selbstoffenbarungen, Sichtbar-Werden, Vernetzen, Sensibilisieren, Schärfen der eigenen Standpunkte, Anschreien gegen den Status Quo, langsamem Einfluss-Gewinnen, Identifizieren von Schwierigkeiten, Finden von Mitstreiter*innen, Schaffen von Allianzen. Fünf Jahre organisierter Inter*Aktivismus eben, fünf Jahre Störung der starren Zwei-Ge-

STÖ

RUNG DER ORDNUNG

schlechter-Ordnung und gleichzeitiges Aufklären darüber, dass wir keine Störungen haben, sondern dass wir gesund sind und nur Ausdruck der natürlichen Vielfalt, und dass wir keine Behandlungen brauchen. Es ist für uns also Zeit, unsere Anstrengungen zu feiern (siehe rechte Seite) und uns bei unseren Wegbegleiter*innen und Unterstützer*innen zu bedanken. Alleine schafft mensch ja bekanntlich wenig, und wir können mit Freude sagen, dass wir großartige Unterstützung erfahren haben. Kooperationspartner*innen, Fördergeber*innen, Allies, Spender*innen, helfende Hände und unermüdliche Redner*innen für unsere Sache - gemeinsam haben wir schon viel geleistet.


STÖRUNG #1

„DA MÜSSEN WIR WOHL WEITER STÖREN.“ Festreden gedolmetscht in ÖGS Eintritt: freiwillige Spende Anmeldungen erbeten: www.gfk-ooe.at

Filmscreening: Entre Deux Sexes (FR 2017, OmdU, Regie: Régine Abadia) Torte & Worte Konzert: Lila Lisi (CH, Singer/Songwriter) Janosch (DJ, Hitschleuder)

Die aktuelle Umsetzung des dritten Geschlechtseintrags in Österreich zum Beispiel ist nur eine der Errungenschaften - und für uns gleichzeitig wieder Aufforderung zu handeln, denn laut Erlass des Innenministeriums ist die antragstellende Person verpflichtet, die körperliche „Störung“ mit ärztlichen Gutachten zu beweisen. Das bedeutet eine Fortsetzung der Pathologisierung und Fremdbestimmung, der erneuten Schikane bereits traumatisierter Menschen und des Abdrängens eines sozialen Themas in die Medizin. Da müssen wir wohl leider weiter stören.

Tobias Humer hat den Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich (VIMÖ) sowie die Plattform Intersex mitbegründet und ist dort nun seit mehreren Jahren in unterschiedlichster Form aktiv. www.plattform-intersex.at www.vimoe.at

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Filmstills aus Entre Deux Sexes

SA 23.FEB 18.30

5 JAHRE VIMÖ

FILMSCREENING / TORTE & WORTE / KONZERT Eine Kooperation von VIMÖ und gfk OÖ Central / Eintritt freiwillige Spenden


d.signwerk linz / foto gerhard wasserbauer

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filmfestival linz // 25 – 30 april 2019

www.crossingEurope.at


SABINE GEBETSROITHER

DYSFUNKTIONALES EUROPA

In der Soziologie spricht man im Zusammenhang mit einer Dysfunktion von einer „für den Bestand eines Systems schädlichen Sache“. Versucht man sich an einer Zustandsbeschreibung des heutigen Europas, dann kommen einem sehr schnell so einige „schädliche Sachen“ in den Sinn, die dem Kontinent laufend zusetzen. Geradezu exemplarisch führt der letztjährige CROSSING EUROPE-Siegerfilm der Wettbewerbssektion Dokumentarfilm – A Woman Captured der ungarischen Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter – vor, woran Europa derzeit krankt. Die Protagonistin im Film steht stellvertretend für Tausende von Menschen, die mitten in der EU auf niederträchtige Weise ausgebeutet werden, und der Willkür ihrer ArbeitgeberInnen oder auch der staatlichen Autorität ausgeliefert sind. Profitgier, soziale Kälte und mangelnde Solidarität tun das Ihrige, um im Verborgenen ein Heer von modernen SklavInnen schutzlos der neoliberalen Arbeitswelt auszuliefern. Dass hier im Besonderen Frauen betroffen sind, mag nicht weiter verwundern, angesichts der europaweit grassierenden rückwärtsgewandten Frauenpolitik. Im Film wird schmerzhaft deutlich, wie schwer es ist, sich aus einem langjährigen Abhängigkeitsverhältnis zu befreien – letztendlich schafft die „Haussklavin“ den Befreiungsschlag und baut sich langsam, aber stetig eine neue Zukunft auf. Man ist als ZuseherIn beeindruckt, ob des Mutes dieser Frau zur Selbstermächtigung, aber gleichzeitig auch schockiert über die Zustände mitten in Europa. Es bleiben viele Fragen offen: Sind es die derzeitigen politischen Machtverhältnisse, die zur Verrohung und zur Entsolidarisierung der Gesellschaft führen? Haben wir Wohlstand, sozialen Frieden und die EU – als Wertegesellschaft und Friedensprojekt – als Selbstverständlichkeiten angesehen? Genau hier versucht das Filmfestival Crossing Europe jährlich im April anzusetzen, mit einem Filmprogramm, das der Vielgestaltigkeit Europas gerecht werden und dem interessierten Publikum eine differenzierte Sichtweise auf die europäische Verfasstheit eröffnen möchte, und mit cinephilen Positionen, die ein optimistisches, weltoffenes und vorwärtsgewandtes Europabild liefern und Lust auf das europäische Gegenwartskino machen wollen. Es wäre naiv zu glauben, (Film)Kunst hätte alle Antworten oder Patentrezepte parat, aber Filme können neue Zugänge zur Realität schaffen, Empathie für Fremdes oder Anderes fördern und den Anstoß zu gemeinschaftlichem Diskurs liefern, worin sich das Kino als „sozialer Raum“ schon seit mehr 100 Jahren bewährt. Das CROSSING EUROPE Filmfestival Linz findet von 25.– 30.4.2019 statt. Festivalinformationen auf www.crossingEurope.at

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DI 04.JUN 20.00

SOCIAL AWARENESS PREISTRÄGERINNENFILM

FILM / GESPRÄCH im Central / Eintritt frei

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POLITRATESHOW

WORKSHOP / KONZERT

Profil-Wirtschaftschef Michael Nikbakhsh und Satiriker Klaus Oppitz bringen ihre höchst erfolgreiche Polit-Zitate-Rate-Show aus dem Wiener Rabenhof Theater nach Linz! „Man kann sich am wilden Mix aus Wort- und Bildfetzen der vergangenen Jahre schwer satthören und sattsehen. Manches ist bloß heiter. Etwa die Fallfehler in den Tweets von Kanzler Kurz. KarlHeinz Grassers Versuch, die Tatsache von der Realität zu scheiden. Oder Harald Vilimskys sichtlich schmerzhafter Taser-Selbsttest, der das Premierenpublikum auch beim dritten Abspielen noch amüsiert johlen ließ. Es ist aber auch ein Abend der gezielten Nullsummensätze, semantischen Nebelgranaten und stumpfen Schlagwortgewitter („Entlastung“, ÖVP). Nikbakhsh und Oppitz erfinden als Steigerungsstufe der politischen Außenkommunikation von Message-Control und Image-Control die Out of Control. Wo die Leere Absicht ist und nicht mehr nur Unvermögen, wird sie zur echten Gefahr für die Demokratie.“ (derStandard, Michael Wurmitzer)

Der Wiener Liedermacher und Gewerkschafter Reinhart Sellner und der Linzer Lehrer und Bluesmusiker Timo Brunnbauer erforschen die Kraft, die im solidarischen WIR von Arbeiterliedern, antifaschistisch-demokratischen Liedern, rebellischen Rock-Balladen und bluesigen Protestsongs steckt - und erproben sie im gemeinsamen Singen. Arbeiter*innen-, Friedensbewegung oder Gewerkschaften hatten und haben ihre Kampflieder, Hymnen, Spottlieder, Trauerlieder - die Wirkmacht, die nach wie vor von ihnen ausgeht, hat sich erst vor kurzem im Erfolg einer Electronic Version von „Bella Ciao“ gezeigt. Wie hat sich diese demokratische Kultur nach dem Krieg weiterentwickelt? Wer singt die Kompositionen heute noch, wer kennt die Texte und welche sind die neuen Songs, in denen das illusionslos-optimistische Wir des gemeinsamen Widerstands zum Ausdruck kommt? Im Workshop wird die Tradition des gemeinsamen Singens belebt und entstehen neue Lieder und Texte, die zum Teil ins Konzertprogramm aufgenommen werden. Mitsingen möglich und erwünscht.

SA 16.MAR 20.00

MI 03.APR 17.00

NIEMAND NENNT UNS MITZI!

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NIEMAND NENNT UNS MITZI!

POLITRATESHOW Michael Nikbakhsh & Klaus Oppitz im Central / Eintritt 18/14

DER KLANG DES STÖRENS - WER, WENN NICHT WIR?

DER KLANG DES STÖRENS

WORKSHOP / KONZERT Workshop 17.00 / Konzert 19.00 im Central / Eintritt frei


STÖRUNG #1 FILM

WINNERS´ SCREENING

FR 15.MAR 18.00 linzisfilmfestival.com

SONNTAGSMATINEE

STÖRUNG ALS WIDERSTAND

WEITERE VERANSTALTUNGEN RUND UM DAS GEDENKEN ZUM 12. FEBRUAR 1934 SA 9. FEBRUAR 2019 EBENSEE

Ortsrundgang mit Kathrin Quatember Auf den Spuren des Februar 1934 in Ebensee Treffpunkt Vorplatz Zeitgeschichte Museum

14.00

DI 12. FEBRUAR 2019 LINZ

11.00

EBENSEE

17.45

TRAUN

18.00

EBENSEE

19.30

EBENSEE

20.00

Gedenken u.a. mit EU Spitzenkandidat NR Andreas Schieder, Landesparteivorsitzende LR in Birgit Gerstorfer, Hof Landstraße 36 (ehem. Hotel Schiff) Szenische Lesung (Hannah Höllinger, Thomas Pilgerstorfer) Februar 1934 in Text und Bild Treffpunkt Traunbrücke Gedenkmarsch zum Denkmal für die Opfer des 12. Februar 1934 am Stadtfriedhof St. Martin Treffpunkt GH Leb, Traun

Gemeinsam mit dem Jahoda Bauer Institut, der SPÖ Bildung und den Freiheitskämpfer*innen beleuchten wir den Widerstand in der Zeit zwischen 1934 – 1938. Wer waren die revolutionären Sozialist*innen, wie funktionierte ihre Arbeit? Welchen Stellenwert hatte der Begriff Störung in Zusammenhang mit Widerstand? Es werden Ausschnitte aus Polizeiakten gelesen und historische Fundstücke präsentiert, danach laden wir zu Tischdiskussionen mit Expert*innen.

SO 10.FEB 11.00

STÖRUNG ALS WIDERSTAND

SONNTAGSMATINEE

im Central / Eintritt frei

Vortrag „Wir weichen nicht mehr zurück! Februar 1934 in Ebensee“ Wolfgang Quatember, Arbeiterheim Podiumsgespräch Februar 1934. Geschichte und Auftrag mit Natascha Strobl und Willi Mernyi Moderation: Kathrin Quatember, Arbeiterheim

DO 14. FEBRUAR 2019

EBENSEE

Film „Waldheims Walzer“ Kino Ebensee

20.00

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Gute Zeiten für Nachtschwärmer Mit Bim Bim, Bus und AST sicher durch die Nacht

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Machen Sie die Nacht zum Tag und nutzen Sie am Wochenende und vor Feiertagen die neue „Nachtspur“ der LINZ AG LINIEN für Ihre sichere und bequeme Heimfahrt. Eine Bus- und zwei Straßenbahnlinien stehen für Sie im Halbstundentakt zur Verfügung. Ergänzend bringt Sie das Anruf-Sammel-Taxi (AST) direkt bis zur Haustür – seit über 30 Jahren. Nähere Infos auf www.linzag.at/nachtverkehr


MENSCHEN / IMPRESSUM / TICKETS

KATHRIN QUATEMBER Kultur ist nichts Festes. Nichts durch Eliten Definiertes (idealerweise). Nichts, was von „oben“ (wo auch immer dies ist) nach „unten“ (wo auch immer das ist) durchrinnt ohne Widerstände oder Verwerfungen, Verwandlungen und Widersprüche. Und Kultur ist nicht primär Konsum. Wäre dem so, würde das viele Menschen von Kultur und Kulturpolitik ausschließen. Und das wäre dann doch arg bequem. Bequemlichkeit assoziiere ich mit der GfK OÖ nicht. Geborgenheit wiederum sehr. Als ich vor knapp einem Jahr im Projekt „Kulturpolitik wagen!“ und in der GfK ankommen durfte, fühlte sich das vertraut an. Nach Geborgenheit eben. Mit allem, was mir ebendiese vermittelt: Widerständiges, Kritisches und die Fähigkeit, gemeinsam die bequemen Schichten fein säuberlich abzuziehen,

um das freizulegen, was Kulturpolitik in meinen Augen ist: Einmischung, Intervention, Hinschauen, Nachfragen. Dort, wo es wehtut. Wo gesellschaftspolitisch die Schatten größer werden. Wo progressive Kunst und Kultur bald nicht mehr frei zu sein drohen, weil sie und ihre Akteur*innen bedroht sind von Einschüchterung, Existenzbedro-

MENSCHEN IN DER GFK hung und Hass. Wo all das zur Bequemlichkeit zu werden droht. Ich bin Historikerin, Feministin, Erwachsenenbildnerin, Autorin, Gemeinderätin und Öffentlichkeitsarbeiterin. Ich liebe Sprache, die Auseinandersetzung mit dem Verschwundenen und Störenden.

IMPRESSUM gfk Magazin Ausgabe 01 2019 · Jänner 2019 Herausgeberin (F.d.I.v.): gfk oö. Gesellschaft für Kulturpolitik Landstraße 36/3, 4020 Linz, +43 (0) 5772611 - 710 Chefredaktion: Wiltrud Hackl Korrekturen/Lektorat: Katharina Allram, Annemarie Pils Autor*innen dieser Ausgabe: Tanja Brandmayr, Sabine Gebetsroither, Wiltrud Hackl, Sibylle Hamann, Tobias Humer, Anna Kraher, Kathrin Quatember, Sabine Schatz, Nina Schedlmayer, Bruno Schernhammer, Christoph Wiesmayr, Harald Wildfellner Gestaltung & Layout: honigkuchenpferd Titelbild: Danijela Bagaric · Foto: Reinhard Winkler Bildnachweis: 1, 7, 9, 18, 19, 21, 27, 31 Reinhard Winkler · 3 Volker Weihbold · 6 Thomas Fink · 5 Manchester Art Gallery · 10 Pamela Russmann · 11, 12 Anna Kraher · 15 Harald Wildfellner · 16 Clara Frühwirth · 17 Florian Voggeneder · 23 privat · 24, 25 Ins A Kromminga · 26 Philipp Horak, Claudia Erblehner · 28 crossingeurope Druck: Gutenberg, Linz

Ich blogge und twittere, streite und solidarisiere mich. In der GfK lerne ich so viel, was Kulturpolitik sein kann und muss. Das ist eine Liebeserklärung: An die aufrüttelnde, schöne, widerständige, widersprüchliche, inkludierende Kultur, an die GfK und die Menschen, die ich deswegen treffen darf, weil ich angekommen bin in dieser Geborgenheit.

VORSTANDSMITGLIEDER

der gfk oö.: Barbara Czernecki, Gerda Forstner, Christian Horner, Siegbert Janko, Reinhard Kannonier, Florian Koppler, Michaela Ortner, Thomas Philipp, Kathrin Quatember, Susanne Pollinger, Sabine Schatz, Roland Schwandner, Bettina Stadlbauer

TICKETS Kartenverkauf an der Abendkassa oder nach telefonischer Vereinbarung im gfk Büro Kartenreservierung www.gfk-ooe.at oder per email info@gfk-ooe.at oder telefonisch 05 7726 11 710

Ermäßigung (mit Ausweis) für Pensionist*innen, Studierende, Schüler*innen, Asylberechtigte, Menschen mit Behindertenausweis, LINZ AG Ticket und Aktivpass. Die gfk oö ist Kooperationspartnerin der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur. Veranstaltungsort Central, Landstraße 36, Linz sofern nicht anders angegeben.

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S0 10.FEB 11.00 SA 23.FEB 18.30 FR 08.MAR 19.00

5 JAHRE VIMÖ ENTRE DEUX SEXES LITERATUR / MUSIK

FEMINISMUS UND KRAWALL FEST u.a. mit Ester Poly, DJ Tonica Hunter

VORTRAG / GESPRÄCH

FR 15.MAR 18.00

FILM Linz International Short Film Festival

SA 16.MAR 20.00

POLITRATESHOW Klaus Oppitz & Michael Nikbakhsh

DI 23.APR 22.00 DI 04.JUN 20.00 DO 13.JUN 19.00 SA 29.JUN 16.00

im Central

Eintritt frei Brunch Euro 5

im Central

frw. Spende

im Central

frw. Spende

im Central

Eintritt frei

im Central

frw. Spende

im Central

Euro 18/14

im Central

Eintritt frei

im Central

Euro 7/5

im Central

Eintritt frei

Ort wird bekanntgegeben

Eintritt frei

SONNTAGSMATINEE

DI 12.MAR 19.00

MI 03.APR 17.00

gfk-ooe.at

STÖRUNG ALS WIDERSTAND

IMPERIALE LEBENSWEISE WEN STÖRT´S? WINNERS´SCREENING

NIEMAND NENNT UNS MITZI!

DER KLANG DES STÖRENS WORKSHOP 17.00 / KONZERT 19.00

SPECULATIVE SCHOOL OF SLEEP DANCE PERFORMANCE

CROSSING EUROPE SOCIAL AWARENESS AWARD FILM

UND ALLE WINKTEN. IM SCHATTEN DER AUTOBAHN LITERATUR

GOD - GARDEN OF DISTURBIA EINTAGESFESTIVAL

Hollaberer Hof, Estermannstr. 11

frw. Spende

Österreichische Post / Sponsoring Post SPÖ OÖ Information Nr. 11/2019 S.P. GZ 02Z034277 - VPA 4020

FRÜHLING / SOMMER 2019

Retouren an gfk oö Ges. für Kulturpolitik, Landstr. 36/3, 4020 Linz

Profile for OÖ Gesellschaft für Kulturpolitik

Störung. Eine Frage der Kultur | gfk 2019 #1  

Tanja Brandmayr über Schlaf als Betriebsstörung | Sabine Gebetsroither über ein dysfunktionales Europa | Sibylle Hamann über gefühltes Gleic...

Störung. Eine Frage der Kultur | gfk 2019 #1  

Tanja Brandmayr über Schlaf als Betriebsstörung | Sabine Gebetsroither über ein dysfunktionales Europa | Sibylle Hamann über gefühltes Gleic...

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