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Schule

Was heißt das konkret? Etwa dies: Ein Team des NDC wurde von einem Schüler mit Hitlergruß begrüßt. O-Ton: „mein Vorbild ist A.H.“ In einer anderen Klasse meinten die Schüler/innen, dass es heute nicht mehr so viele aktive Nazis in der Schule gäbe wie früher. Erstaunlich: denn das Team machte offensiv zur Schau gestellte neonazistische Kleidung und Schmierereien im Schulhaus aus – Vielleicht ist das schon zur Normalität geworden? Ein weiteres Beispiel: die Aussage eines Schülersprechers, der meinte, die Punks und Hip Hopper seien selbst schuld, wenn sie angefeindet werden, sie sollten sich anders kleiden und anpassen.

Schulform keine entscheidende Rolle, an Gymnasien werden die Vorurteile meist nur elaborierter artikuliert, so die Erfahrung. Und die Lehrer/innen? Das NDC bietet auch Fortbildungen für Lehrer/innen an. Mit ihnen werden Argumentationen und Handlungsoptionen an Hand von selbst erlebten Beispielen aus ihren Unterricht reflektiert und eingeübt, so dass sie sicherer mit menschenverachtenden Äußerungen von Schüler/innen umgehen können. Die Erfahrungsabfrage zu Beginn dieser Fortbildungen bestätigt immer wieder den Bedarf eines solchen Angebotes. Lehrer/innen werden täglich mit den Meinungen und Einstellungen ihrer Schüler/innen konfrontiert. Viele haben, laut eigener Aussagen, kaum die Möglichkeit adäquat darauf zu reagieren, da sie entweder keine Zeit haben, weil der Lehrplan demokratie-

Ebenso zur Normalität gehört das Ausgrenzen von Schwarzen Mitschüler/ innen. Keine Einzelfälle, wie die Teams berichten. Dass ein Mädchen, das sich als lesbisch outete, permanent „Seitenhiebe“ aus der Klasse abbekommt, ist bisweilen ebenso normal und ganz offensichtlich nie Gegenstand einer Intervention von Mitschüler/innen und Lehrpersonal. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Einzelfälle, aber keine Ausnahmen. Das belegt auch die Teamevaluation: In Auswertungsgesprächen sind die Teams immer wieder aufs Neue erstaunt, wie unhinterfragt und verfestigt viele Schüler/innen Vorurteile teilen, die im Rahmen der Projekttage angesprochen werden: „Es sollte verboten werden in Deutschland Moscheen zu bauen“, „die Ausländer gehören nicht hierher und brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie angegriffen werden“ oder „die Juden reiten immer auf ihrer Vergangenheit rum“, um nur einige der häufig genannten rassistischen Aussagen zu erwähnen. Bei der Verbreitung solcher Einstellungen spielt die

thüringer zeitschrift 01/2012

fördernde Diskurse nur schwer zulässt, oder sie nicht wissen, wie sie richtig auf solche Aussagen reagieren sollen. Bei der „Qualität“ der von Schüler/ innen im Unterricht getätigten Aussagen sollte man allerdings meinen, dass ein unmittelbarer pädagogischer Handlungsbedarf offensichtlich sein müsste: „Die Juden wollten schon immer einen „Sonderweg gehen!“, „das ist doch schwul“, die Befürwortung von Euthanasie, die Leugnung des Holocaust und das verbreitete Tragen neonazistischer inspirierter Kleidung, Tattoos und sonstiger Symbole. Nichts ist also gut in den Schulen des Freistaats. Ist es vielleicht auch die Scham, einzugestehen, dass man Probleme hat. Wie erwähnt, das NDC reagiert auf Anfragen von Schulen und Lehrer/innen. Häufig nicht weil sie Probleme haben, sondern weil sie diesen

Das NDC besteht seit 2001 in Thüringen und ist in 10 weiteren Bundesländern, sowie in Frankreich und Belgien aktiv. Im Jahr 2011 setzten die circa 60 ehrenamtlichen jungen Menschen knapp 200 Projekttage in ganz Thüringen um. Im Netzwerk engagieren sich viele unterschiedliche Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Schirmherr des Netzwerks ist Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Die Bildungskonzepte beschäftigen sich sechs Unterrichtsstunden methodisch vielfältig aufbereitet mit jeweils einem Thema, zum Beispiel Sexismus oder Rassismus. Sie werden von zwei pädagogisch geschulten Teams, einer Teamerin und einem Teamer intensiv vorbereitet, umgesetzt und ausgewertet. Die Projekttage werden für Schüler/innen ab der 5. Klasse angeboten und wurden speziell für die unterschiedlichen Ziel- bzw. Altersgruppen konzipiert.

auch gezielt vorbeugen wollen. Wie sieht es dort aus, wo nicht so gehandelt wird? Besser? Schlechter? Wie gesagt, wir wissen es nicht, weil die Forschung hierzulande Jugendliche und die Schulwirklichkeit ausspart. Wir wollten aber darauf hinweisen, dass unsere Erfahrungen großen Handlungsbedarf belegen. Bislang steht die Umsetzung des Landesprogramms für Demokratie und Toleranz im Bildungsministerium noch aus. Obwohl offiziell bereits so getan wird, als wäre alles bereits auf dem Weg. Davon kann nicht die Rede sein – trotz dass sich das Ministerium an der Finanzierung des NDC beteiligt. Die Veränderung der „Regelstrukturen“ des Schulalltags lässt auf sich warten. Wie lange noch? Ausführliche Beschreibung und Kontakt zum Netzwerk Demokratie und Courage unter: Netzwerk für Demokratie und Courage c/o Arbeit und Leben Thüringen Auenstr. 54 99086 Erfurt Telefon: 0361-565730 Mail: thueringen@netzwerk-courage.de www.netzwerk-courage.de Sylvia Riemschneider, Uwe Roßbach

Aus der Praxis

Zeit haben diese zu bearbeiten. Die Beschreibungen der Klassen, seitens der Lehrer/innen, sind dann „vorurteilsbehaftet“, „rechtsaffin“ beziehungsweise „Möchte – gern – rechts“ oder „Gewaltbereit“.

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tz 01/2012  

Ausgabe 01/2012 der thüringer zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW

tz 01/2012  

Ausgabe 01/2012 der thüringer zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW

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