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freisliil

TIME TU GEl UP tri pie action (layout/pies/text) by randdom.knowledge.net. Es war wohl einer der letzten trockenen Tage in Hamburg. Kurz bevor es richtig los ging und man in den Strassen fast ertrinkt. Haben wir uns auf's Rad geschwungen und sind runter zu den Elbbrücken gefahren um mit den Machern vom Getting Up·Atelier zu sprechen. Das Atelier konzipiert und realisiert Projekte im Graffiti·Bereich, sowie freie Arbeiten. Das Atelier von Getting Up liegt an den Elbbrücken, irgendwo im dritten Stock. Hohe Decken, grosse Räume, tricky Podeste und eine wirklich nette Ecke mit Blick auf die City. Eve und ich sind derbe gestoked. In der Chill·Ecke machen wir es uns mit den Jungs gemütlich, rauchen eine Sportzigarette und steigen ganz unverkrampft in einen informations-

freudigen Abend ein. Und hier die Essenz ...


Namen sind Schall und Rauch? Die Zeiten scheinen vorbei , als die Jungs noch mit ih ren Pseudon ym en gea rbeitet haben. Jetzt arbeiten sie auf Lei nwä nden und unterschreiben mit ihren bürgerl ichen Na m en. Denn die Pseu donym -G eschi chte is t ja auch eher in der ill ega len Ecke übli ch u n d ersc hwert nur di e Zuo rdn u n g der Werke z u ihren Malern. Doch das e in e is t für di e offizie lle Id entifika tio n u nd das andere für di e Wurzeln. Denn in der Graffiti-Subkultur gibt es eine klare und recht tiefe Verbund e nh e it zu Pseudon ymen. Ein Vergleich: Christoph Hässler klingt etwas hart , rustika l und so gar ni cht nach e inem d erben Graffiti-Artist. Da s Pseudon ym STOH EA D rock t da sch on um e iniges m eh r! Trotzdem stellt auch er bei Ausstellungen sein e Werke unter seinem bürgerlichen Namen aus. Schließlich so llen di e Leute ru hi g wissen, wer da s se ine Bil der im Kopf auf die Le inwand verew igt h at. All erdin gs könn en nicht wenige Leute nur schwer nachvoll ziehen , was für ein finan zieller u nd organ isator isc h er Krafta kt es üb e rhaupt is t, große Graffiti Ausstellun gen erst ein m al auf di e Bein e zu s tellen . So geschehe n im Sommer 2000 und 2001 in Hamburg.

Passend pl'äsenbiel'en Doc h TASEK ist es ga r nicht wichtig , a u f Auss te llu ngen de n Erwartungen gerecht z u we rd en. Li eber l ässt er sic h unvoreingenommen von se in e r Um we lt st imuli e ren. Nic ht s is t lan gwe il iger, als imm e r nur in be k ann t en Gewässe rn h eru m zu schippe rn . Der Geis t w ill geöffn et, der Horizont erweite rt werden ! Man so ll te kei ne An gst davor ha ben , m it se in em e ige n e n Stil zu brechen. Das Einnehmen neuer Betrach tun gs -Pos itionen , das ist es, was di e Gett in g Up Mannen fördern. Keine Mac h t de m Kon ven tionellen, her mit den neuen Ideen! Auch auf die Gefahr hi n, ers t ei nmal ga r ni ch t von de n anderen vers ta nd en z u werden. Di e vier n ette n ju nge n He rren von Get ting Up möchten durch se lb st organ is ie rte Ausstel lun gen e in e adäqu ate Präsentat ionsebe n e auch für an dere Kün s tl er scha ffe n. Und dafür muß e iniges getan we rd en. Sch ließ li ch si nd das Ku n st- und Kulturere igni sse und nicht HipHop Jams, bei denen quasi als schmückendes Beiwerk ein paar Le inwän de ge malt werden, di e n ach zwe i Stu nd en sowieso wiede r weggekarrt werden. Getting u p Ausstellungen s ind m eh r als nur di e Mögli chkeit für Sponsoren, ihre Banner und Logos all ü bera ll a nzubringen. Auch wen n m a n de ren Koh le brau cht, um s ich Location und Mate ri al ie n 102

leisten zu kön nen . Dabe i legt man locker den Gegenwert von ein bis zwei Kle in wagen auf den Ti sch. Doch mehrere hun dert Quadratmeter Holzp latten und e in e gee ignete Locatio n sind kein Luxus , sondern sc hli ch tweg e in Mu ss für eine angemessene und professionelle Au sste ll ung. Da s nötige Geld dafür m öc h te man aber n icht durch di e Auftrags-A nnahm e vo n Firm e n rein h o le n. Firmen , die sich den ken , dass e in paar bunte Bild e r be i der Betriebsfeie r ganz nett s ind. Auf so Deko -Style -Job s geht man erst gar n ich t weiter ein , sondern bl e ib t s ich lieber treu und verfolgt seine ga n z e igenen Ziele bl ei bt man s ich li eber treu u nd verfolgt se ine eige nen Ziele. Und die möchte m an so professionell wie möglich erreic h en. Da zu gehört lei der auch die ganze Palette an Bu si ness-Scheiss, de n man als sein eigene r Manager checken muss, bevor man s ich an die Leinwand hängt und malt . Da s ga n ze geh t be i de r Visite nkarte los , we iter mit Websites und en det m it dem ga nze n trockenen, todes langwe iligem Bürokram . Der ganze Stress ha t d en Vorteil, dass man relativ unbefange n und a uf di e e ige n e Ar t und We ise an neue Sachen rangehen kann. Und zwar stra ight, focussiert und ohn e irgendwelche Um wege. Gan z n ac h dem MiniMax- Pr inzip: Minim ie ren, um das Maximal e rau szuh ole n. Da ss so etwas ga n z unab h äng ig und autark funktioni eren ka n n, lässt s ich am Beispie l der vier Ate li e r-B es itzer gut bewe isen .

Go SUPPOl'b Durch seine Connections hat Getting U p fä hi ge Kün s tler s upporten können. Ke ra mik und Di sco m au s Ös terreich konnten scho n davon pr ofiti e ren . Di e be id e n n a h ez u Unbeka nn ten bekamen die Möglichkeit, ih r Könn en unter Beweis und in e in e Exh ibi tion zu s tell en. Fü r di e H amburger is t damit der ers te Kontakt in s Don auNach barl and entstan den . Ähnlich verhie lt es s ich vor drei Jahren mit OSGEMOS au s Bra s ilie n. Di e kan nte e ige ntli ch auch kei n Schwein. Doch with a Iittl e he lp from th eir fri en ds si nd s ie mittle rwe il e Stars. Wer jetzt meint,Getting Up würden irgendwelche kün stlichen Hypes initii eren , is t voll au f de r Geisterfah re r-Spur un te rwegs. Es werden e in fac h ec hte Tal en te e ntd ec kt und bestmög li c h s t gefö rd ert , be is pie lsweise durch Prä sen tation en. Di ese setzten Zeitzeichen und di e s ich in ei ne r konsequenten Entwi cklun g befind en de Kun stfo rm wird für e ini ge Tage in Ausstellungs rä um e eingefangen. Dad urch


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Collaborazione wird s ie für alle offene n und nicht offenen Leu te da draussen festgehalten und erlebbar gemacht. Doch bei all er Förderung und Aktivität ist Getting Up eines bestimmt nicht: eine Event-Agentur oder ein Graffitikünstler-Management.

Makin' a Living Auf der an deren Seite stehen di e Auftra gsa rbeiten, welche imm er noch ei nen grossen Teil des Lebens der vier Kün stler bei Getti ng Up bestimmen. Die Zeiten der unbequemen Aufträge ist for god's sake vorbe i. Au ftra ggeber in spe treten meist mit Ahnung und Achtung an di e Atelier-Gemeinschaft heran. Das war nicht immer so. Früher ga b es Auftragsarbeiten mit Limitationen. Diese Jobs hat man dann als echte Challenge angesehe n. Es wurde vers ucht, ein redu ziertes, aber für beide Seiten angenehmes Ergebnis zu erzielen. Manche Leute wollten ei n fach nur' ne New York Skyline haben. Ist ja auc h gut so. De nn während man so e in paar hundert Fe nster auf die Wolkenkratzer malen muss , kann man fett ans einer Technik fei len . Doch auc h damit ist nach dem x-te n mal schluss. Irgendwann mal hat man einfach keinen Bock mehr auf NY Skylines. Als es dann soweit wa r, dass die vier Getting Upper sich ihre Aufträge aussuchen konnten , wussten sie, dass sich verdammtnochmal alle Anstrengungen bis eben dahin gelohnt haben. Wobei noch gesagt werden muss , dass man durch Auftragsarbeiten von Leuten, die ga r keinen Pl an von Gra ffiti ha tte n, komplett neue Ideen, Intention en und Sichtweisen bekam. Denn die „Unwisse nden“ wu ssten über ganz andere Dinge bescheid - each one teach one!

Know your RoobS Ist es noch Graffit i oder nicht ? Ist es e in e Ausstellung oder Kommerzieller Sellout? Gute Frage, se tzen. Eins ist sich er, di e vier Herren wissen welcheRoots s ie haben. Chri stoph , Gerr it, Heiko und Mirko haben einfach nach eine r Möglichkeit gesucht, in Ruhe ihrer wirk lich en Leid ensc haft nachgehe n zu können , um so ihr Leben bestreiten zu könn en Wa s Gett ing Up praktizi ert, ist eine logische Entwi ck lun g auf de m Fund a m ent Gra ffiti. Di e su bkultur e ll e Kun stformwi rd auf neue Ebenen und Wege gebracht.

De r Zusammenschluss de r vie r Kün st ler erö ffn e t viele neue Perspektiven , welche im einzelnen wahrscheinlich gar nicht checkbar wären. Projekte, von dene n man alleine noch nichtmal s träumt. Träumen tut man eh meist von ganz anderen Zeugs. First of all geht es um die Bündelung der vorhanden Kräfte. May the force be with you ... Gemeinsam arbeitet man an grossen Projekten, welche ihrer Professionalität wegen clean über die Bühne gehen. Dabei bleibt der Focus aber immer auf dem Malen. Und trotz aller Kooperation hat aber jeder der vieren immer noch seine eigenen Projekte laufen. Für deren Realisierung zieht man sich dann auch schneckenhausmässig zurück. Erreicht einer der vier einen neuen Punkt, so dient dieser neue Level allen und vvird mit neuen Komponenten weiter und zurück gegeben. So pusht man sich gegenseitig zu neuen Styles und hält so den Energie- und Ideenaustausch im flow, was sich auf alle Arbeiten , ob Auftrag oder Frei, auswirkt. Diese Dynamik ermöglicht es erst, von so etwas zu Leben und einen eigenen Weg zu beschreiten . Erst dann, wenn m an alles selber in der Hand hat, kann man frei agieren.

Work in Progress Di ese r Frieden und di e Freiheit bringen auch logischerweise den Fortschritt, welcher nötig ist, um neue Wege zu betreten. Sicher gibt es genug Hardliner und Headz, die mit Graffiti in der bekannten Form zufrieden sind und Graffiti auch so mit ins Grab nehmen . Es gibt auch Leute, die konkret etwas gegen eine neue Form haben , wie Getting Up sie vormacht und lebt. Aber nach wie vor kann man hier den Fortschritt und di e Entwicklung nicht aufhalten. Checkt m an Graffiti in Deutschland über die letzten r8 Jahre, sieht man, da ss bestimmte Trends und Moden sich die Klinke in die. Hand drücken. Genauso erkennt man auch die Entwicklung, welche die Subkultur durchgemacht hat. Mit all den schönen und beschissenen Aspekten. Sollte es in zehn oder zwanzig Jahren auch so sein , dass man auf die 90er und 2000 zurückblickt und die Arbeiten ihrer Zeit zuordnen kann - und sie alt aussehen? Ja, und wir freuen uns auf die Sachen die kommen. Man soll sich nicht damit aufhalten, das Leben zu kritisieren, sondern es leben ! For the love of art.

www.gebbing-up.org


"getting-up" - Brett Magazin (2002)  

Artikel über die Hamburger Ateliergemeinschaft "getting-up" im Brett Magazin | 2002 | Language: German

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