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MC: Sucht kann also jeden treffen? Dr. TA: Zumindest ist es äußerst schwierig, die Grenze zwischen dem unproblematischen und dem problematischen Konsum oder Verhalten zu ziehen. Meist ist der Übergang vom gewohnheitsmäßigen Konsum über den Missbrauch und den schädlichen Gebrauch bis zur Abhängigkeit fließend.

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MC: Welche Faktoren verstärken eine Computersucht? Dr. TA: Die Ursachen, die zum pathologischen Computer-Gebrauch führen, können individuell sehr verschieden sein.

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Foto: lassedesignen, fotolia.com

Häufige Auslöser sind Schwierigkeiten im alltäglichen persönlichen Umfeld.

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Dr. TA: Auch psychische Probleme wie Selbstwertdefizite, soziale Ängste oder Depressionen können einer exzessiven Computer-Nutzung zugrunde liegen. Wenn die Betroffenen keine Lösungsstrategien für solcher Art Probleme entwickeln können und sie zugleich eine be-

sondere Vorliebe für Online-Aktivitäten, Internet-Spiele oder Ähnlichem haben, besteht die Gefahr der Flucht in die virtuelle Welt. Denn dort herrschen andere Regeln, der User kann in andere Rollen schlüpfen und erlebt gleichzeitig oft eine kurzfristig sehr positive emotionale Stimulanz, die ihm im normalen Alltag verwehrt ist.

MC: Daraus kann dann eine Art Teufelskreis entstehen? Dr. TA: Genau, denn meist verstärken sich unbemerkt die vermehrte Computer-Nutzung und die Probleme in der realen Welt gegenseitig. Schließlich können auch Züge von Suchtverhalten auftreten. Das alles geschieht zumeist in einem kontinuierlichen Prozess und beginnt in der Regel als unbewusster Rückzug.

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PCs und Smartphones sind vor allem für Jugendliche eine Freizeitbeschäftigung, die intensive emotionale Erlebnisse positiver Art ermöglicht.

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MC: Was sind typische Verhaltensweisen bei Internet-Süchtigen?

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Besonders gefähr-

det sind arbeitslose

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Single-Männer zwischen 14 und 24 Jahren.

Untergewicht, Adipositas sowie körperlich-hygienische Vernachlässigung bis hin zur Verwahrlosung. Laut einer repräsentativen Studie im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung sind mittlerweile per als eine halbe Million Menschen in Deutschland im Alter zwischen 14 und 64 von Internetsucht betroffen, weitere 2,5 Millionen sind suchtgefährdet. Als Abhängigkeit gilt laut dieser Studie eine tägliche Onlinezeit von mindestens vier Stunden. Bislang ist die Internetund Computerspiel-Sucht allerdings noch nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Deshalb werden die Kosten mittlerweile vorhandener Therapien von den Krankenkassen auch nicht immer übernommen. ¢ (PG)

Hier finden Sie Sofort-Hilfe: Schön Klinik Bad Bramstedt Birkenweg 10, 24576 Bad Bramstedt Tel. 04192/ 5040

Dr. TA: Mediensüchtige werden häufig aggressiv oder depressiv und unzufrieden. Die meisten vereinsamen und haben kaum noch Freunde. Als körperliche Schäden können durch das viele Sitzen Rücken- und Kopfschmerzen auftreten und neben Sehnenscheidenentzündungen in den Handgelenken auch Stoffwechsel- und Schlafstörungen,

Bestellen Sie den Elternratgeber zum richtigen Umgang mit den digitalen Medien: http://www.bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung/online-sein-mit-mass-und-spass Weitere Infos der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind abrufbar unter: http://www.bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung

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Dr. Tim Aalderink, Leitender Psychologe der Schön Klinik, Bad Bramstedt

Quelle: Statistisches Bundesamt © Statista 2013

Problemlösungskompetenzen erwerben konnten oder die in Krisen keine Unterstützung durch ihr Umfeld erfahren. Dann kann es sein, dass die vorhandenen Probleme die verfügbaren Lösungsmöglichkeiten der Betroffenen übersteigen und es zu einer zunehmenden Flucht in die virtuelle Welt kommt. Prinzipiell kann eine solche Entwicklung aber in jedem Lebensabschnitt auftreten.

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Medizin Compact, Ausgabe 01/2013  

Medizin Compact, Ausgabe 01/2013  

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