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Jedem Leisten seine Geschichte: Walter Däpp kennt sie alle.

Massanfertigung in Handarbeit: Skizze eines Probe­ schuhs aus Abfallleder.

Kleine Füsse, grosse Füsse, Klumpfüsse, zehenlose Füs­ ti­gung.» Dann gipst Walter Däpp zuerst den Fuss ab, um se, verformte Füsse. In Reih und Glied stehen sie alle daraus einen Leisten aus Kunststoff zu schäumen. Aus nebeneinander. Fein säuberlich sortiert. Ein ganzer einer durchsichtigen Folie fertigt er einen ersten Probe­ Keller voll. Eigentlich sind es nur Fussabdrücke, auf­ schuh. «Streift der Kunde den über, sieht man sogleich geschäumte Fussabbilder, so genannte Leisten. Der die Druckstellen», so Däpp. Mit dieser Erkenntnis näht Schuster, der liebend gern bei er einen richtigen Pro­beschuh seinen Leisten bleibt, heisst aus Abfall­leder. Mit d ­ iesem soll Walter Däpp (43). Er gehört zu der Kunde dann herumlaufen den Menschen, die Füsse mö­ und testen, wo er sitzt und wo gen. Hier im Keller bei seinen es noch Anpassungen braucht. Leisten stehen sie alle vor ihm. «Einmal war ein Kunde so Für jeden Leisten hat er in auf­ glücklich mit dem Testschuh, Walter Däpp, Orthopädiewendiger Handarbeit den pas­ dass er damit in die Ferien schuhmachermeister senden Schuh genäht. «Eine ging. Wir hörten monatelang Orthopädieschuhmacherei ist noch eine echte Manu­ nichts mehr von ihm. Normalerweise ein schlechtes faktur», sagt Walter Däpp nicht ohne Stolz und fährt Zeichen», so Däpp. «Als wir ihn anriefen, war er gerade mit der Hand über das Regal. in Paris auf einem Städtetrip. Und total glücklich mit seinem Abfalllederschuh.» Sowieso freut sich Walter Vom Gipsabdruck zum Massschuh «Sie sind mir schon sehr ans Herz gewachsen.» Seine Hand bleibt gedankenverloren bei einem Leisten hän­ gen. Ein kleiner verformter Fuss, die Zehen fehlen. Wal­ ter Däpp nimmt ihn behutsam aus dem Regal und schon ist da eine Geschichte. Eine Geschichte über die Person, Die Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher oder zur Orthopädieschuh­ zu der die Füsse gehören. Eine Frau, die in jungen Jah­ macherin beinhaltet eine vierjährige Lehrzeit in einem Atelier für Ortho­ ren Kinderlähmung hatte und seither auf verkrüppelten pädie-Schuhtechnik. Sie endet mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeug­ Füssen laufen muss. «Ich versuche, sie trotz dieser nis «Orthopädieschuhmacher/in EFZ». Die schulische Bildung nimmt einen ­Einschränkungen mobil zu machen», sagt Däpp. «­ Meine Tag die Woche in Anspruch und beinhaltet Fächer wie Handwerk und Tech­ Ziel ist, das Gangbild zu normalisieren.» Walter Däpp nologie, Kundenberatung, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz, Umwelt­ ist Orthopädieschuhmachermeister bei Ortea in Bern. schutz oder Werterhaltung. Siehe auch www.fussundschuh.ch «Bei solch schwierigen Fällen hilft nur eine M ­ ass​an­fer­

«Ich versuche jede Person – trotz ihrer Einschränkungen – mobil zu machen.»

Wie wird man Orthopädieschuhmacher?

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2015/2016

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Schweizer Magazin für Ergonomie, Gesundheitsbewusstsein und Wohlbefinden. www.gesundsitzen.ch

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