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A u s g a b e F rü h j a h r 2013

3 Fragen Dietmar Roller im Interview über fairen Handel und blutige Handys Neue Bücher von N. T. Wright, Miroslav Volf, Thomas Weißenborn und Johannes Reimer

Tat. Ort. Glaube. Praxisbeispiele | Interviews | Leseproben

I M P U L S e : Sünde im System | Mediation in der Gemeinde Was ist unsere Perspektive für die Welt?


Transformationsstudien Mit dem Studienprogramm bieten wir in Zusammenarbeit mit der University of South Africa (UNISA) zwei berufsbegleitende und praxisorientierte Studienund Weiterbildungsmöglichkeiten:

Gesellschaftstransformation (MTh) Development Studies & Transformation (M.A.) Unsere Studienprogramme sind: berufsbegleitend: flexibel 3 bis 5 Jahre modular: 5 Module im Jahr plus Forschungstage interdisziplinär: Theologie, Kultur- und Sozialwissenschaften, Entwicklungszusammenarbeit und Diakoniewissenschaft projektorientiert: eigenes Praxisprojekt vor Ort international: internationales Dozententeam

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Mehr Informationen: www.mbs-studienprogramm.de


Editorial Versöhnung Wenn Jesus Menschen begegnet, überrascht er sie immer. Plötzlich eröffnet sich das Geheimnis Gottes, der lebendige Gott wird anschaubar und fassbar. Wer sich auf diese Begegnung einlässt und seine Nachfolge antritt, wird verändert: Sein Herz wird transformiert und lebt nun mit einer neuen Ausrichtung auf das angebrochene Reich Gottes, in dem die Nachfolger mitarbeiten dürfen. Nun können wir unsere Welt verändern. Die Vollendung behält Gott sich selber vor, aber wir sind hier mit unseren Talenten in die Verantwortung gestellt und handeln, bis er diese Welt vollendet.

In diesem Magazin stellen wir eine ganz Reihe von Beiträgen vor, in denen es um diese vielfältige Mitarbeit in Gottes Reich geht, viele verschiedene Akzente ergeben ein Ganzes, wenn es um den »Tat. Ort. Glaube« geht, wenn es eine »Familie fairsucht« oder wenn wir mit N. T. Wright neu auf Jesus schauen. Stöbern Sie und lassen Sie sich inspirieren und transformieren … und lassen Sie uns handeln. Es gibt viel zu tun. Ihr Klaus Meiß (Geschäftsführer)

Inhalt dieser Ausgabe: Editorial3

Interview mit Dietmar Roller

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Dr. Tobias Künkler über Sünde im System 4

Informiert: mbs_studienprogramm

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Reingelesen: »Tat. Ort. Glaube.« 

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Aus der Praxis: Alkis, Knackis, Junkies 19

Interview mit Tobias Müller

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Mediation in der Gemeinde

Aus der Praxis: fairlangen.org

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Von der Ausgrezung zur Umarmung  22

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Rezensionen10

mbs-Übersichtsgrafik

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Unsere Perspektive für die Welt

Impressum

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Hintergrund

»Das Böse nistet nicht nur in unseren Herzen.« Warum man Sünde nicht ausschlieSSlich persönlich nehmen darf Ein Mann spaziert an einem Fluss. Plötzlich hört er Hilfeschreie. Jemand droht zu ertrinken. Mutig springt er in den Fluss, bekommt den Ertrinkenden zu fassen und zieht ihn an Land. Nur wenige Tage später geschieht an der gleichen Stelle dasselbe: Er sieht jemanden ertrinken, springt hinein und rettet auch diese Person. Zwei Wochen darauf geschieht dieselbe Aktion ein drittes, drei Tage später ein viertes Mal. Auch danach wiederholt sich der Vorgang noch einige Male.

Christliches Engagement muss in die Tiefe gehen – und dort verändern Worauf will ich hinaus? Dieser Mann steht symbolisch für die Art und Weise, wie Christen typischerweise ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden. Gemeinden und Einzelpersonen, die verstanden haben, dass im Glauben Wort und Tat untrennbar miteinander verwoben sind, helfen sozial benachteiligten Kindern mit Hausaufgabenhilfe, bringen Obdachlosen Kaffee, spenden bei einer Hungersnot oder fahren gar mit einem Einsatzteam in ein afrikanisches Land und helfen dort Brunnen und eine Kirche zu bauen. Das alles sind wertvolle und gute Taten, zu denen wir aufgerufen sind. Und doch: Wenn unser Einsatz für Gerechtigkeit und unsere Übernahme sozialer Verantwortung als Christen nur in solchen Aktionen besteht, dann agieren wir letztlich wie der Mann, der immer wieder Menschen aus dem Fluss rettet, sich aber niemals fragt: 4

Wer um alles in der Welt wirft die ganzen Menschen in den Fluss? Auf unser Engagement übertragen fragen wir uns nicht: Wie kommt es, dass so viele Kinder in unserem reichen Land so stark sozial benachteiligt sind? Woher kommt das Elend der Obdachlosen in unseren Straßen? Warum kommt es in sogenannten Entwicklungsländern immer wieder zu Hungersnöten? Natürlich gibt es nicht nur eine Person oder eine Personengruppe, die die Menschen in den Fluss schmeißt. Verantwortlich ist vielmehr das, was wir Strukturen und Systeme nennen. Fehler im System Menschen brauchen Strukturen und Systeme, um ihr Zusammenleben als Gruppen und als Gesellschaft zu organisieren. Beispielsweise braucht jede Gesellschaft ein Wirtschaftssystem, das bestimmt, wie knappe Güter (Nahrung etc.) verteilt und menschliche Bedürfnisse somit gestillt


werden. Das Problem jeden Systems ist jedoch: Es kann wie alles in der Welt zum Götzen werden, d.h. es fängt an, sich wie ein Gott zu verhalten. Sind die Systeme zunächst für den Menschen geschaffen, droht jedes System diese Beziehung umzukehren. So sind wir heute recht eindeutig an einem Punkt, wo unser Wirtschaftssystem zu einem Götzen geworden ist. Es scheint immer deutlicher, als seien wir Menschen für das Wirtschaftssystem gemacht und nicht umgekehrt. Hörten Menschen früher mittels eines Orakels auf die Weisungen der Götter, so scheinen heute viele Politiker mit Furcht und Zittern darauf zu horchen, wie »die Märkte« reagieren und führen deren alternativlose Weisungen aus. Ein anderer Aspekt, wo man diese Umkehrung sieht, ist dass in unserer Welt nahezu alles in die Verwertungslogik der Märkte gerät: Fast alles kann mit Geld erworben werden und der Mensch selbst ist in dieser Logik vor allem Humankapital, »unser wichtigster Rohstoff«. Man könnte also sagen: Oft sind nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Systeme »gefallen«. Anders gesagt gibt es nicht nur personale, sondern auch strukturelle und systemische Sünde. Das Böse nistet nicht nur in unseren Herzen, sondern auch in den Strukturen. Sünde hat sich gewissermaßen institutionalisiert. Im Anfangsbild gesprochen stünde strukturelle Sünde für den »Mechanismus«, der die Menschen in den Fluss schmeißt. Persönliche und strukturelle Sünden sind oft zwei Seiten einer Medaille, d.h. sie greifen gut verzahnt ineinander: Auf der einen (persönlichen) Seite gibt es Egoismus, Gier und Sorge, auf der anderen (strukturellen) Seite gibt es Strukturen, die Egoismus, Gier und Sorgen systematisch (aus)nutzen,

fördern und anderes Handeln (z.B. selbstloses) bestrafen. Strukturen identifizieren und verändern Wie sollten wir als Christen darauf reagieren? Erstens gilt es, das prophetische Amt der Kirche wiederzuentdecken. Dieses besteht darin, ungerechte Strukturen und unterdrückende Systeme zu identifizieren und anzuklagen. Und dies in Art und Weise der alttestamentlichen Propheten, also in einer Mischung aus Gesellschaftskritik und Poesie, mit Leidenschaft, analytischer Klugheit, Fantasie und Kreativität. Wir haben den Sieg Christi über alles Böse, über alle Mächte, Gewalten und Systeme zu verkünden. Christus ist Herr nicht nur über Herzen, sondern über die ganze Welt samt ihrer Strukturen und Systeme. Zweitens sind wir aber auch dazu aufgerufen, an der Transformation dieser Strukturen und Systeme mitzuarbeiten. Wir sind dazu berufen, Gottes in Jesus Christus bereits begonnenes Reich nicht nur zu verkünden, sondern auch zu verkörpern. Hier heißt es, Verantwortung zu übernehmen in der Gestaltung dieser Ordnungen, z. B. indem man an der Gestaltung einer gerechteren Wirtschaftsordnung oder eines gerechteren Bildungssystems mitarbeitet. Dies ist eine aktive Mitarbeit an Versöhnung. n

Dr. Tobias Künkler, Studienleiter Gesellschaftstransformation und B. A. Social Work sowie Dozent für Pädagogik und Soziologie am mbs_bibelseminar.

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Reingelesen

Und wie sieht das in der Praxis aus? »Erfolgreich eröffnet« – das kann dankbar nach fünf Jahren über dem Studienprogramm Gesellschaftstransformation am Marburger Bildungs- und Studienzentrum stehen. Gesellschaftstransformation als prozesshaftes Geschehen, das Mission und sozialen Wandel gemeinsam integriert, ist vielerorts gefragt. Manchmal kommt es mir so vor, als suchten vor allem jüngere Menschen diesen Ansatz mit der gleichen Sehnsucht, mit der sich verdurstende Wüstenwanderer nach einer Oase sehnen. Dennoch ist Nachfrage allein nicht alles und so zeigen die sehr ehrlichen und teils auch immens selbstkritischen, bunt gefächerten Praxisbeispiele, dass es gelingen kann, neue, authentische und attraktive »Ausdrucksformen des Glaubens« zu finden. Wer sich von Tobias Faix, Volker Brecht und Tobias Müller in den theoretischen Grundsatzartikeln im ersten Buchdrittel entlang der Theologie als Handlungswissenschaft und einer Einleitung ins Projektmanagement auf den »Weg zu einer Theologie der Tat« führen lässt, ist dann auch gut präpariert, um zu verstehen, mit wie viel Herz und Hirn, mit wie viel Glaube und Reflexion, mit wie viel Geist und 6

Ein Auszug aus dem Vorwort von »Tat. Ort. Glaube«, dem Praxisbuch mit 21 inspirierenden Beispielen zwischen Gemeinde und Gesellschaft Mut hier Wege gegangen werden. Diese Wege mögen uns neu und revolutionär erscheinen, schöpfen dabei aber doch nur aus dem reichen, leider oftmals vergessenen Schatz der christlichen Kirche, nicht zuletzt auch des Pietismus und der Erweckungsbewegungen. Ich habe die einzelnen Beiträge dieses Buchs mit großem Gewinn gelesen. Die darin zutage tretenden Unterschiede in den Ansätzen nehme ich nicht als Unschärfe, sondern als Bereicherung wahr. Menschen sind verschieden und wenn das Licht des Glaubens sich durch sie bricht, dann entsteht nun eben mal ein ganzes Prisma an Farben. Ach, was wären einfarbige Regenbögen so langweilig! In diesem Sinne wünsche ich dem vorliegenden Band eine weite Verbreitung und aufmerksame Leserinnen und Leser, die sich inspirieren lassen, sodass es immer mehr Beispiele dafür gibt, wie Glaube und Leben verheißungsvoll zueinander finden. Dr. Michael Diener Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz


»Glaube ist ein Tatort!«

Tobias Müller, Tobias Faix, Stefan Bösner, Volker Brecht (Hg.) Tat. Ort. Glaube. ISBN 978-3-86827-385-4 · € 17,95

Drei Fragen an Tobias Müller, Praxisdozent und Studienleiter an der mbs_akademie sowie Mitherausgeber von »Tat. Ort. Glaube.« »Tat. Ort. Glaube.« ist »der Praxisband« – welche Theorie steckt dahinter? Das Buch gehört in die Reihe Transformationsstudien. Die beschäftigt sich mit der Frage, wie Christen und Gemeinden relevant sein können, wo sich die Welt doch ständig ändert und Christen in der Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung verlieren. Dies wird in den ersten vier Bänden aus theologischer, diakonischer und sozialwissenschaftlicher Sicht diskutiert. Band 1 entwickelt eine Theorie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus. Die Bände 2 und 3 beleuchten die theologische Bedeutung des Themas »Transformation« und dessen Verhältnis zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen. In Band 4 steht der Bereich der Kontextanalyse im Mittelpunkt und zeigt, wie auf dieser Basis eine Vision und ein konkreter Plan für die eigene Gemeinde entsteht. Im Praxisband fließt all das zusammen und wird in verschiedenen Projekten zum Ausdruck gebracht. Die meisten von ihnen wurden im Rahmen des Studienprogramms Gesellschaftstransformation entwickelt. Wofür stehen die drei Begriffe Tat, Ort und Glaube? Als Herausgeberteam finden wir, dass diese drei Wörter untrennbar zusammengehören. Jakobus schreibt: »Glaube ohne Werke ist tot.« Der Glaube hat also eine Außenwirkung – auf

meinen Nächsten und meine Umgebung. Damit ist der dritte Begriff »Ort« im Spiel. Der Glaube, der sich in konkreten Taten zeigt, ist im jeweiligen Lebensumfeld verankert. Wie Jesus in einer konkreten Zeit an einem ganz konkreten Ort lebte, die Nöte der jeweiligen Menschen wahrnahm und dies Auswirkungen auf sein Handeln hatte, so sind auch wir herausgefordert, unseren Mitmenschen zu begegnen, sie zu verstehen, Leben zu teilen und gesellschaftsrelevant zu sein. So gesehen ist der Glaube ein »Tatort«. Es geht um neue Ausdrucksformen des christlichen Glaubens – was gehört z. B. dazu? Wenn die aus dem Glauben hervorgehenden Taten vom jeweiligen Umfeld abhängig sind, dann führt dies unwillkürlich zu einer großen Vielfalt an Ausdrucksformen. Daher steht im Praxisband die »Talentfabrik« für 10 – 13jährige Kinder, die eine Form von Schulsozialarbeit des Kraftwerks Dresden ist, neben der interkulturellen Jugendarbeit einer Freien Evangelischen Gemeinde in einer bergischen Kleinstadt und den von einer Kirchengemeinde regelmäßig veranstalteten Spiele- und Begegnungsnachmittagen für Kinder auf dem Parkplatz eines Supermarktes in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung. Der Bogen wird weiter gespannt vom Evangelischen Familienzentrum »Face« in Berlin über verschiedene und sehr unterschiedliche Gemeindegründungsinitiativen zu einem Projekt ganzheitlicher pferdegestützter Pädagogik für Behinderte. Die Fragen stellte Ilona Mahel. 7


aus der praxis

fairlangen.org – fair leben in Erlangen (Auszug aus »Tat. Ort. Glaube.«, leicht gekürzte Fassung)

fairlangen.org ist eine Initiative von ELIA, einer jungen, eigenständigen Gemeinde in der Evangelischen Kirche. Die Initiative gibt Menschen im Raum Erlangen Ideen, Tipps und Informationen, wie man nachhaltiger und fairer leben kann.

formationen und Veranstaltungen sollen sie dazu über die Website bekommen. Unsere Motivation ist der Auftrag Gottes zum Einsatz für Gerechtigkeit im Sinne einer »globalen Nächstenliebe« und zur Bewahrung der Schöpfung.

Auf der Website fairlangen.org werden in den Bereichen »sparen«, »einkaufen«, »leben«, »mobil sein«, »aktiv werden« und »informieren« konkrete Vorschläge gegeben, wie jeder Erlanger seinen Alltag nachhaltiger und gerechter gestalten kann. So gibt es z.B. Informationen über Ökostrom, einen umfangreichen Einkaufsführer (fair, bio und regional) und Informationen, wie man sich in Erlangen politisch oder sozial engagieren kann. Darüber hinaus findet man im fairlangen.org-Blog und bei Twitter und Facebook regelmäßig aktuelle Informationen. Dabei ist es uns wichtig, deutlich zu machen, dass es nicht darum geht, das ganze Leben auf einmal radikal zu verändern, sondern mit kleinen Schritten zu beginnen.

Unserer Ziele sind der Einsatz für soziale Gerechtigkeit in der Welt, vor allem für benachteiligte Menschen in armen Ländern (aber auch in Deutschland) und das Engagement für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt. Dazu wollen wir uns und alle Leute im Großraum Erlangen motivieren, bei den genannten Zielen mitzumachen. So werden Menschen in Erlangen eingeladen, sich für Gottes Vision einer gerechten und heilen Welt einzusetzen. Dementsprechend sollen durch Website, Veranstaltungen und Kooperationen Veränderungen in Erlangen bewirkt werden, die sich global auswirken.

Das ist unsere Absicht »Erlangen wird fairer« ist die Kurzfassung der Vision von fairlangen.org. Erlanger Bürger, Unternehmen und Stadtverwaltung sollen motiviert werden, gerechter und nachhaltiger zu leben. Alle notwendigen In8

Das empfehlen wir weiter In der Arbeit mit der Initiative fairlangen.org haben wir einiges gelernt, das auch für Projekte in anderen Städten relevant sein kann: Chancen nutzen: • Wir haben zu einem Zeitpunkt, als es nichts Vergleichbares für Erlangen gab, mit einer Website Informationen über ein faires und


nachhaltiges Leben in Erlangen gesammelt und veröffentlicht. • Wir haben die bei uns vorhandenen Gaben und Interessen genutzt und nicht ein Projekt entwickelt, für das uns wichtige Fähigkeiten fehlten. • Als neuer Akteur in der Stadt bekamen wir positive Reaktionen, vor allem wenn erkannt wurde, dass es uns nicht um eigenen Erfolg geht, sondern darum, schon Vorhandenes zu verbinden und zu fördern. • Außerdem ist Nachhaltigkeit zurzeit ein Thema, das viele Menschen bewegt. Dies haben wir aufgegriffen und ein Angebot für diese Menschen geschaffen. Klarer Fokus: • Mit der Website haben wir einen klaren Fokus auf einen Themenbereich in einer Stadt. Ein ähnliches Projekt ohne lokale oder thematische Begrenzung wäre für uns zu groß gewesen. Aktuelle Medien nutzen: • fairlangen.org nutzt die Möglichkeiten des Internets: Eine Website ist für das Anliegen, umfassend und aktuell über Handlungsmöglichkeiten in einer Stadt zu informieren, optimal. Eine gedruckte Broschüre wäre viel aufwändiger und teurer und kann nur sehr selten aktualisiert werden. • Vor allem von lokalen gemeinwohlorien-

tierten Organisationen und Gruppen werden die Möglichkeiten des Internets kaum genutzt. Wer eine Website gestalten kann, hat daher die Chance, die Aktionen für das Gemeinwohl mit geringem Aufwand zu unterstützen. Denkbar sind hier neben Plattformen wie fairlangen.org z.B. auch Stadtteilführer als Website. Überschaubarer Aufwand: • Die Aufwand für die Aktivitäten von fairlangen.org ist überschaubar. Im Gegensatz zu vielen anderen sozialen Projekten müssen weder täglich mehrere Mitarbeiter einige Stunden Zeit investieren, noch gibt es große Ausgaben. Vernetzung: • Zu dem Erfolg von fairlangen.org haben auch die zahlreichen und intensiven Kooperationen beigetragen. Gemeinsam mit anderen Personen und Gruppen, die für ähnliche Ziele eintreten, und auch in Zusammenarbeit mit der kommunalen Politik und Verwaltung kann eine relativ kleine Initiative einer Gemeinde vieles erreichen, was alleine nur sehr schwer möglich wäre. Daniel Hufeisen arbeitet bei ELIA, der Gemeinde, die hinter fairlangen.org steht.

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rezensionen

Praxisnah, einfühlsam und motivierend »Leben. Rufen. Verändern.« von Johannes Reimer Wie können Menschen in unserer Gesellschaft für die Botschaft des Evangeliums gewonnen werden? Johannes Reimer ist davon überzeugt, dass die Neuevangelisierung Europas gelingen kann, wenn sich die christliche Gemeinde »reformissionieren« lässt. Er lehnt ein verkürztes Verständnis von Evangelisation ab, das sein Ziel erreicht sieht, wenn Menschen im Glauben auf die Verkündigung geantwortet haben. Das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass der Autor sowohl seine jahrelange kulturübergreifende Evangelisationstätigkeit als auch Gemeindeaufbauarbeit und -beratung reflektiert und darüber hinaus sein tiefes Wissen über die diskutierte Fachliteratur darlegt. »Leben, Rufen, Verändern.« ist nicht eine weitere »Theologie der Evangelisation«, sondern eine Handlungstheorie: Evangelisation, so ist Reimer überzeugt, kann nur als gesellschaftstransformierende Evangelisation verstanden werden. Bedeutend ist, dass Veränderungsprozesse nicht bloß linear festgeschrieben, quasi theoretisch-gewollt, dargestellt werden. Reimer beleuchtet die unterschiedlichen situativen, kontext- und persönlichkeitsbezogenen Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen. So kann es nicht um ein »Entweder-Oder« von sozialem Engagement, Dialog, Proklamation und präsentischer Evangelisation durch Vorleben gehen. Reimer entwickelt das in »Die Welt umarmen« dargelegte zyklische Denken und Handeln dieser Dimensionen von Evangelisation weiter zu einer Handlungstheorie. So werden die Ansätze der Mediation, 10

der gemeindeorientierten Diakonie, der Gemeinwesenarbeit, einer Willkommenskultur, die in vielen Gemeinden nicht neu sind, im Kontext der Evangelisation zusammengeführt. »Leben. Rufen. Verändern.« erfindet Evangelisation nicht neu, sondern zeigt, wie an bestehende Angebote in Gemeinden wie Gottesdienste, Netzwerke, Hauskreise, etc. angedockt werden kann. Einfühlsam und motivierend zeigt Reimer, wie ein traditionelles Verständnis von Evangelisation, das einen evangelistischen Aufbruch in einer Gemeinde blockiert, überwunden werden kann. Der Titel ist daher Programm: Nicht »Rufen. Verändern. Leben.«, sondern »Leben. Rufen. Verändern.« n Gabriel Stängle

Johannes Reimer Leben. Rufen. Verändern. ISBN 978-3-86827-356-4 · 288 Seiten € D 15,95


Ein Familie fairsucht’s »anders leben« von Thomas WeiSSenborn Herr, bin ich’s? Diese Frage aus der Geschichte um die Einsetzung des Abendmahls zieht sich als roter Faden durch »anders leben – Eine Familie fairsucht’s« von Thomas Weißenborn. Zum Nachdenken angeregt durch steigende Energiepreise und Lebensmittelskandale sowie den Umgang unserer westlichen Gesellschaften damit, beginnt eine sechsköpfige Familie ihren Lebensstil zu hinterfragen. Die Sorge darüber, was wir eigentlich alles fraglos hinnehmen bei unserer Ernährung weitet sich für die Familie des Autors hin zu der Frage, was für praktische Auswirkungen es hat, im Alltag als Christ zu leben – in Verantwortung vor Gott, dem Nächsten, der Umwelt und sich selbst. Welchen Anteil hat ein ganz normaler Christ möglicherweise an den Missständen auf dem Planeten, den Gott uns anvertraut hat?

oder auf andere gezeigt, die viel verschwenderischer leben. Stattdessen stellt Thomas Weißenborn ehrliche, teils ungemütliche Fragen, ausgehend von Fakten zu materiellen Ressourcen, Arbeitsbedingungen und Umweltfolgen. Natürlich gibt es auch Vorschläge, was jeder dazu konkret beitragen kann, diese Welt für alle Menschen lebenswerter zu machen, allerdings eher zwischen den Zeilen – es wird nichts aufgedrängt. Wer also eine Anleitung zum Fair-Leben in 3 – 5 Punkten sucht, wird mit diesem Buch nicht glücklich, denn es ist ein Buch der kleinen Schritte. Eine unterhaltsame Lektüre und eine anregende Herausforderung, über den eigenen Lebensstil nachzudenken. n Rabea und Philipp Welker

Nach »Christsein in der Konsumgesellschaft« von Thomas Weißenborn liegt hier nun ein Buch mit den ganz persönlichen Erfahrungen der gesamten Familie vor. Der Leser wird mit hineingenommen in die Gedanken und Erlebnisse, die Weißenborns dazu gebracht haben, verschiedene Bereiche ihres (Familien-)Lebens umzugestalten. Oft fängt Veränderung mit Vorbildern an. Deshalb haben Weißenborns sich umgeschaut und nach Menschen gesucht, denen »anders leben« in ihrem Umfeld gelingt. Das führte bis zu den Amisch in den USA. Ein realistischer Vorbildgeber zu sein gelingt auch dem Buch sehr gut. Es wird nirgends drohend der Zeigefinger gehoben

Thomas Weißenborn anders leben – Eine Familie fairsucht’s ISBN 978-3-86827-371-7 · 144 Seiten € D 9,95 11


rezensionen

Wer war Jesus wirklich? »Jesus« von N. T. Wright N. T. Wright ist wieder einmal das gelungen, wofür er bekannt ist: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, tiefgreifende Einblicke in die Welt des ersten Jahrhunderts, biblische Linien und die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Menschen heute in einem packenden Buch zusammenzubinden. In leicht verständlicher Weise nimmt der Autor seine Leser mit auf eine faszinierende Reise in die Vorstellungswelt des ersten Jahrhunderts. Er erläutert Messiaserwartungen, Heilsvorstellungen, nationale Sehnsüchte, politische Konfrontationen, Hoffnungen und Enttäuschungen bei den einfachen Menschen. Ausgehend vom Bild des perfekten Sturms, in dem sich mehrere kleine Stürme zu einem großen Orkan zusammentun, beschreibt er die Welt des ersten Jahrhunderts als eine zutiefst zerrissene, in der die sich auf das Alte Testament berufenden Hoffnungen Israels auf die imperialen Machtansprüche Roms treffen und sich dabei der Plan Gottes entfaltet, der von den Propheten schon vorausgesagt, von Jesus durchlebt und vom Neuen Testament gedeutet wird. Der Bogen ist dabei weit gespannt: N. T. Wright bleibt nicht im ersten Jahrhundert, sondern erläutert anhand dieser Zeit auch, vor welchen Herausforderungen Kirche und Gemeinden auf diesem Hintergrund heute stehen. Denn derselbe Jesus, der aus dem damaligen Sturm als Herr der Welt hervorging, ist es auch heute noch. Wie das in die Gegenwart übersetzt werden kann, zeigt Wright anhand von vier verschiedenen Positionen: Andy glaubt, dass Gott sich ganz von 12

der Welt zurückgezogen hat. Billy sieht ihn nur im Himmel an der Macht, von wo aus er jeden Augenblick wiederkommen kann. Chris findet Jesus überall in den »Kräften des Guten«, löst damit aber das spezifisch Christliche auf. Davie ist fest davon überzeugt, dass die Gemeinde nur als »Gegenkultur« zur Welt erfolgreich sein kann. Alle müssen also ein neues Bild davon bekommen, wie Jesus jetzt schon durch die das Kreuz tragende Gemeinde seine gegenwärtige Herrschaft ausübt, die auf die zukünftige hinweist. »Jesus« ist ein Buch, das für alle interessant ist, die nicht nur einen Einblick in die Zeit des Neuen Testaments bekommen wollen, sondern auch über die Frage nachdenken, was es in den Stürmen unserer Zeit bedeuten kann, sich zu Jesus als dem Herrn zu bekennen. n Dr. Thomas Weißenborn

N. T. Wright Jesus – Wer er war, was er wollte und warum er für uns wichtig ist ISBN 978-3-86827-384-7 · 336 Seiten € D 17,95


Eine anregende Entdeckungsreise »Jesus und der Sieg Gottes« von N. T. Wright Mit »Jesus und der Sieg Gottes« ist das vielleicht wichtigste Werk von N. T. Wright nun endlich auf Deutsch erschienen. Warum es mit der Übersetzung etwas gedauert hat, wird sofort klar, wenn man das gewichtige Werk in der Hand hält. Aber sich vom stattlichen Umfang abschrecken zu lassen, wäre ein bedauerliches Versäumnis. Denn Wrights Untersuchung der Jesusworte und -geschichten aus den ersten drei Evangelien ist im Unterschied zu vielen mehr oder weniger aktuellen Aufgüssen ein mutiger, in sich stimmiger und im Blick auf die Texte ungemein erhellender Neuansatz. Der Neutestamentler aus St. Andrews greift zurück auf Albert Schweitzer, der vor über 100 Jahren erkannte, dass man entweder den Ansatz konsequenter Kritik gehen kann (und dann in der Sackgasse radikaler Skepsis landet), oder in Rechnung stellen muss, dass Jesus als Jude im ersten Jahrhundert ein ganz anderes Bild von Gottes Eingreifen in die Weltgeschichte hatte als wir heute. Wright gibt Schweitzers These eine überraschende Wendung: Während jener noch geglaubt hatte, Jesus habe den Anbruch des Weltendes erwartet, ordnet Wright die Verkündigung vom Reich Gottes in den Horizont der jüdischen Prophetie ein: Nicht das Ende der Geschichte Israels und der Welt, sondern ihr Höhepunkt und die entscheidende Wende nehmen ihren Lauf, und Jesus ist die Schlüsselfigur in diesem göttlichen Drama. Aus dieser Perspektive liest Wright viele Jesusworte, die andere auf Wiederkunft

und Weltende gedeutet hatten, als stimmige Deutungen dessen, was sich durch Jesu Wirken und vor den Augen seiner Nachfolger und Gegner ereignet. Aus dem weltfremden Gottmenschen, der primär mit der Frage befasst zu sein scheint, wie man nach dem Tod »in den Himmel« kommt, wird ein politischer Messias, der damit rechnet, dass Gott durch sein Wirken und seinen Märtyrertod mitten in der »alten« Welt der verheißenen neuen Schöpfung die Tür öffnet. Die 866 (auch für theologisch interessierte Laien gut verständlichen) Seiten sind eine äußerst anregende Entdeckungsreise, und die knapp 40 Euro kann man kaum besser investieren! n Dr. Peter Aschoff

N. T. Wright Jesus und der Sieg Gottes ISBN 978-3-86827-383-0 · 866 Seiten € D 39,95 13


aktuell

Entwicklung Versöhnung Transformation Was ist unsere Perspektive für die Welt? Was ist die langfristige Perspektive für die Welt und was hat diese mit dem Auftrag der Christen zu tun? Diese Fragen beschäftigen die Studierenden des neuen Studienprogramms »Development Studies & Transformation« am mbs. Neben dem Erwerb von Kenntnissen und Methoden für die Mitarbeit in Entwicklungsprojekten und Missionswerken geht es ihnen darum, das Verständnis von Entwicklung aus biblisch-theologischer Sicht zu reflektieren. In diesem Zusammenhang steht die Frage, was die Begriffe »Entwicklung«, »Transformation« und »Versöhnung« miteinander zu tun haben und worin sie sich unterscheiden. Unbegrenzte Entwicklung? Der Begriff »Entwicklungshilfe« entstand in den 1950er- und 60er-Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kolonialismus. Ohne die vielfältigen Unterschiede zu berücksichtigen, wurde die Welt damals in entwickelte und unterentwickelte Länder eingeteilt. Man ging davon aus, dass es einen universalen Entwicklungspfad gäbe, auf dem die Industrieländer Vorsprung haben und den die Entwicklungsländer aufholen müssten. Der Begriff »Entwicklung« kommt zunächst aus der Biologie und bezeichnete die Veränderungen von Lebewesen vom Embryostadium bis zur Reife. Seit dem 18. 14

Jahrhundert wurde damit aber der Gedanke einer ständigen Vervollkommnung und unbegrenzten Weiterentwicklung verbunden. Dieses Konzept wurde ein Teil unseres Weltbildes, das so selbstverständlich ist, dass es kaum hinterfragt werden kann. Dieses Weltbild wurde in Europa und Nordamerika durch die industrielle Revolution gefördert. Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen wurde enorm gesteigert, was zu scheinbar ständig steigendem Wohlstand führte. Es entstand ein Wirtschaftssystem, das darauf beruht, dass immer neue Bedürfnisse geschaffen werden, damit der Anreiz zum Wirtschaftswachstum bestehen bleibt. Was lag näher, als dieses System auf die ganze Welt übertragen zu wollen? Erst in den


1970er-Jahren begann man, über die Grenzen des Wachstums nachzudenken und inzwischen ist man sich einig, dass die industrielle Revolution gefährliche Auswirkungen auf das weltweite Klima hat. Heute steht nachhaltige Entwicklung ganz oben auf der politischen Agenda, aber ob sich Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit vereinbaren lassen, bleibt eine offene Frage. Wiederherstellung von Beziehungen Das biblische Weltbild geht nicht von unbegrenzter Entwicklung aus, sondern von der Wiederherstellung eines ursprünglich guten Zustandes. Der Mensch steht nach 1. Mo 1+2 in einem Geflecht von Beziehungen – zu Gott, zu den Mitmenschen, zur Schöpfung und zu sich selbst. Durch die Sünde sind alle diese Beziehungen gestört. Die gesamte Schöpfung ist dadurch beeinträchtigt. Sünde drückt sich im Verhalten einzelner Menschen aus, aber auch durch Strukturen und Systeme, die Menschen unterdrücken und Gottes Schöpfung zerstören. Gottes »Entwicklungsprogramm« ist Versöhnung – die Wiederherstellung der gestörten Beziehungen. Christus wurde Mensch, um die Trennung zwischen Gott und den Menschen zu überwinden und einen Neuanfang zu ermöglichen. Der Heilige Geist schenkt Erneuerung, die sich in veränderten Einstellungen und Verhaltensweisen ausdrückt. So können einzelne Menschen, christliche Gemeinden und Gruppen Anstöße zur Veränderung geben und zur Versöhnung beitragen: indem Diskriminierung und Konflikte überwunden werden, Menschen ein neues Selbstbild entwickeln können und sorgsam mit

der Schöpfung umgehen. Sie werden damit nicht das Paradies schaffen, aber auf Gottes Herrschaft hinweisen, die Hass, Zerstörung und Leiden überwinden wird. Transformation – auch bei uns Weil der Begriff »Entwicklung« mit der Vorstellung von unbegrenztem Wachstum belastet ist, verwenden viele Christen lieber den Ausdruck »Transformation«. Es geht dabei nicht um das Aufholen eines technischen und wirtschaftlichen Entwicklungsvorsprungs, sondern um Veränderungen hin zu Gottes guten Ordnungen in versöhnten Beziehungen. Anders als »Entwicklungshilfe« und »Strukturanpassungsprogramme« betrifft dies nicht nur Entwicklungsländer, sondern auch uns in den Industrieländern. Der Klimawandel macht deutlich, dass unser Wohlstand auf Kosten der künftigen Generationen geschaffen wurde und vor allem Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika die negativen Folgen tragen müssen. Jesus fordert uns heraus, uns verändern zu lassen (Röm 12,2), damit wir als Licht und Salz unsere Umgebung verändern. Es geht dabei um Versöhnung und Wiederherstellung – Veränderung der Herzen und der Verhältnisse – als Vorgeschmack auf die neue Welt, die Jesus Christus aufrichten wird. n

Dr. Thomas Kröck unterrichtet »Interkulturelle Arbeit« am mbs_bibelseminar und leitet das Studienprogramm »Development Studies and Transformation«.

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aktuell

Ein INterview mit Dietmar Roller Dietmar Roller war lange im Vorstand des Hilfswerks Kindernothilfe tätig und arbeitet jetzt selbstständig in der Entwicklungszusammenarbeit. Im Interview äußert er sich über die Zusammenhänge zwischen unserem Lebensstil und dem Elend von Menschen etwa im Kongo.

Dietmar, Du hast für die Micha-Initiative einen Kurzfilm mit dem Titel »Blutige Handys« gedreht, in dem es um den Coltan-Abbau im Kongo, aber auch um Vergewaltigungen geht. Manche stört der Ausdruck »blutiges Handy«, andere fragen, was unsere Handys mit einer Vergewaltigung im Kongo zu tun haben. Worin besteht der Zusammenhang? Der Film bringt strukturierte Gewalt und unseren Lebensstil in Verbindung – und da besteht auf den ersten Blick natürlich kein Zusammenhang. Aber eben nur auf den ersten Blick. Während auf der einen Seite Gewinn gemacht wird und Luxus gelebt werden kann, zahlen auf der anderen Seite Menschen den Preis dafür. Und die Sache mit den Blutmineralien – Coltan, 16

Gold, Diamanten – ist ein ganz besonders dunkles Kapitel. Nach wie vor werden viele Länder des Südens ausgebeutet – die Mineralien werden regelrecht gestohlen, denn die Regierung, aber vor allem auch die Bevölkerung, bekommt keinen angemessenen Preis dafür. Beispiel Ostkongo: Im dortigen Konflikt benutzen die Rebellen verschiedene Methoden, um leicht und billig an die Mineralien zu kommen. Zum Beispiel die Methode der systematischen Vergewaltigung. Die Vergewaltigungen sind dazu da, die Sozialstruktur des Dorfes zu zerstören und die Gemeinschaft innerhalb der Familie und des Dorfes aufzulösen. Durch eine Vergewaltigung wird das soziale Gefüge der Familien zerstört, die Frauen er-


leben das Brutalste, das ihnen zustoßen kann, die Männer können damit nicht umgehen. Die Frage der Würde spielt hier eine Rolle und so zerbrechen die Familien. Das nutzen die Rebellen aus, weil sie die Menschen so dazu bringen können, fast willenlos in den Minen zu arbeiten. Die Rebellen selbst haben mir das bestätigt. Und damit müssen wir leben, dass in unseren Handys Produkte sind, die aus dieser Region kommen, und wir damit – ob wir wollen oder nicht – Teil dieser Kette sind. Vergewaltigungen werden also bewusst eingesetzt, um Strukturen in den Dörfern zu zerstören, damit hinterher die Männer in den Minen arbeiten müssen, um überhaupt zu überleben, weil die Strukturen des Lebens und des Arbeitens in den Dörfern zerstört sind. Genau. Es gibt in Afrika ja gesunde Familien-Clan-Strukturen, die einen wichtigen Zusammenhalt bieten – manifestiert sogar in dem Sprichwort »Ich bin, weil wir sind«. Man definiert sich über die Gemeinschaft. Auch in der traditionellen Religion spielt das eine ganz herausragende Rolle, man ist immer Teil der Gemeinschaft. Und Teil der Gemeinschaft ist gleichbedeutend mit Sicherheit, Identität, Würde. Wer in so einer aktiven Gemeinschaft leben kann, fühlt sich zu Hause. Wenn in so einem Kulturkreis nun die Gemeinschaft zerstört wird, zerfallen Sozialstrukturen. Der Widerstand gegen Gewalt verschwindet. Und wenn der Widerstand gegen Gewalt weg ist, fällt es den Rebellen sehr viel leichter, Einfluss zu bekommen und Menschen für ihre Zwecke zu benutzen. Und da ist eben eines der Mittel die systematische Vergewaltigung.

Bei so starkem Tobak kommt die Frage auf, was wir tun können. Sind wir nicht völlig machtlos? Ja und nein. Was mein Handy an sich betrifft, kann ich erst mal nichts tun. Ich brauche es ja auch. Aber ich kann aktiv werden. Ich kann zum Beispiel nachfragen: »Woher kommt das Coltan in diesem Handy?« Es gibt ja auch fair gehandelten Kaffee oder fair gehandeltes Gold. Das heißt, man kann nachfragen: Woher kommt was? Und wie wurde es gehandelt? Das wird erst mal noch keinen Unterschied machen, aber wenn viele Leute das machen, wird das genau wie bei fair gehandeltem Kaffee eine Bewegung auslösen. Außerdem ist es wichtig, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen. Wenn keiner etwas sagt, wenn keiner aktiv wird, wird sich auch nichts ändern. Von daher ist die Micha-Kampagne der Bruch eines Tabus und des Schweigens, um das Thema ins Gespräch zu bringen und hoffentlich eine Veränderung anzustoßen. Wenn da jeder mitmacht, ist schon viel gewonnen. Vielen Dank, dass Du solche Anstöße gibst! n Die Fragen stellte Tobias Faix.

Dietmar Roller, M.A. Interkulturelle Studien und Human Ressource Leadership, Consultant, vorher Auslandsvorstand der Kindernothilfe, 11 Jahre Erfahrung mit AIDS-Prävention in Tansania. 17


informiert mbs Studienprogramm:

» Gesellschaftstransformation« und » Development Studies & Transformation« Studienprogramm »Gesellschaftstransformation« In diesem interdisziplinären Studienprogramm werden theologische, sozialwissenschaftliche und missionarischdiakonische Elemente integriert. Das Programm endet mit einem Diplom (GBFE), das von der staatlichen Universität von Südafrika (UNISA) und der Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa (GBFE) anerkannt ist. Aufbauend kann der Abschluss Master of Theology (in den Disziplinen Praktische Theologie, Missionswissenschaft oder Spiritualität) über die UNISA gemacht werden. Dieser ist ein international anerkannter akademischer Grad, der in Deutschland sowie weltweit geführt werden darf. Beide Abschlüsse qualifizieren für gesellschaftsrelevante Gemeindearbeit und gemeinwesendiakonische Projektarbeit. Studienprogramm »Development Studies & Transformation« »Development Studies & Transformation« ist eine internationale und interdisziplinäre Studien- und Weiterbildungsmöglichkeit, die für leitende Aufgaben in Entwick18

Das Marburger Bildungs- und Studienzentrum (mbs) bietet in Zusammenarbeit mit der Universität von Südafrika (UNISA) zwei berufsbegleitende MasterStudienprogramme an, die sich durch interdisziplinäres Arbeiten und einen hohen Praxisanteil auszeichnen:

lungsprojekten sowie in Missions- und Hilfsorganisationen vorbereitet und qualifiziert. Das Studienprogramm vereint Inhalte aus Entwicklungszusammenarbeit, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie Theologie. Darüber hinaus vertiefen Studierende ihre Erkenntnisse in einem eigenen Praxisprojekt, das sich über die gesamte Studienzeit erstreckt. Theorie und Praxis werden so auf besonders intensive Weise miteinander verknüpft. Die Studierenden werden im Studienprogramm für das Berufsfeld der Entwicklungszusammenarbeit (NGOs, Missionsgesellschaften und Regierungsprogramme), aber auch für vernetzende Tätigkeiten zwischen Kirchen/Gemeinden und NGOs und Missionswerken qualifiziert – ein Aufgabenfeld, das in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird. Weitere Informationen: Studienprogramme Gesellschaftstransformation & Development Studies Tobias Müller · Schwanallee 57 35037 Marburg · 06421-912919 Tobias.Mueller@m-b-s.org www.gesellschaftstransformation.de


aus der praxis

Alkis, Junkies, Knackis – unsere Freunde am Bahnhof Micha Evers studiert Gesellschaftstransformation im dritten Semester und kümmert sich im Rahmen seines Praxisprojektes zusammen mit seiner Gemeinde um Menschen am Bahnhof Herrenberg.

Micha, Gemeinde und Bahnhof – wo ist da der Zusammenhang? Das Haus der Süddeutschen Gemeinschaft Herrenberg liegt am Bahnhof und viele der Besucher müssen dort durch die Unterführung. Im Lauf der Zeit kam die Frage auf, wie bei den Alkis, Junkies und Knackis am Bahnhof Veränderung geschehen kann. Im Herbst 2009 haben wir sie dann zu einem Brunch eingeladen und 25 Leute sind gekommen. Und inzwischen sind sie zu unseren Freunden geworden. Was bietet ihr den Leuten an? Zunächst möchten wir ihnen vor allem einfach Gutes tun! Ihnen mit Wertschätzung begegnen und sie dann – wenn möglich – wieder in die Gesellschaft – aber auch mit ihren Gaben in unsere Gemeinde

integrieren und so Veränderung schaffen. Konkret heißt das: Monatlich ein Brunch mit Andacht und persönlichem Gebet, ein monatlicher Spielenachmittag und wöchentlich ein kostenloses Mittagessen am Bahnhof. Was hat sich durch euer Engagement verändert? Veränderung hat auf zwei Seiten stattgefunden: Wir als Gemeinde haben uns geändert, denn wir sind offener geworden. Es ist schön zu sehen, dass Vertrauen entstanden ist zwischen Gemeindemitgliedern und unseren Freunden am Bahnhof. Manche machen jetzt einen Entzug und beginnen eine Therapie. Und manche besuchen den Gottesdienst und arbeiten in unserer Gemeinde mit. n Die Fragen stellte Ilona Mahel. 19


IMPULS

Mediation in der Gemeinde Versöhnung – für christliche Gemeinden ein vermeintlich leicht zu handhabendes Thema. Doch die Kunst der Mediation ist auch hier gefragt – wenn auch öfter eher zähneknirschend … »Wenn wir so etwas nicht einmal alleine schaffen, dann steht es wirklich schlimm um uns.« Entrüstet steht mein Gesprächspartner vor mir. »Nein, wir brauchen keine Hilfe von außen!« In seiner Gemeinde gibt es seit einiger Zeit einen Konflikt, der immer unübersichtlicher wird. Der Vorschlag, jemanden zu holen, der in dieser Situation unterstützen könnte, findet bei meinem Gesprächspartner aber nicht viel Gegenliebe. Allerdings ist für viele nicht ganz klar, wie eine Beratung durch Dritte aussehen kann. Mediation kann eine hilfreiche Möglichkeit sein und zwar dann, wenn zwei sich streiten – durchaus auch zwei Parteien, wenn man in einer Frage gegensätzliche Positionen hat, wenn es also einen »Zankapfel« gibt. Etappe auf dem Weg zur Versöhnung Mediation ist die Fertigkeit (und manchmal auch die Kunst), in einem Konflikt den Konfliktparteien zu neuen Sichtweisen zu verhelfen, einander besser zu verstehen und letztlich Lösungen zu vereinbaren, die für beide Seiten akzeptabel sind. Eine Mediation kann somit zu einem wichtigen Abschnitt auf dem Weg zur Versöhnung sein. Aus Schule, Unternehmen und der internationalen Politik sind Mediationsverfahren nicht mehr wegzudenken. Schüler helfen anderen Schülern, ihre Streitigkeiten 20

ohne Prügeleien zu lösen. Sondergesandte bemühen sich darum, dass verfeindete Länder sich entscheiden zu verhandeln, statt zu schießen. Mediation wird somit sowohl in kleineren als auch in hocheskalierten Konflikten eingesetzt, mit zum Teil hohen Erfolgsquoten. Auch in der Bibel sehen wir, dass Menschen nicht alles alleine können, sondern in bestimmten Momenten Hilfe von außen benötigen. In den Sprüchen Salomos wird sogar derjenige gerühmt, der sich viele Berater holt (Spr. 11,14; 15,22; 24,6). Paulus bittet im Philipperbrief seinen Mitarbeiter Syzygus, den beiden Frauen Evodia und Syntyche in ihrem Konflikt zu helfen (Phil 4,2ff ). In der sogenannten »Regel Christi« (John Howard Yoder) in Matthäus 18,15ff werden weitere Personen hinzugezogen, wenn im persönlichen Gespräch der Konflikt nicht gelöst werden kann. Neue Sichtweise, besseres Verständnis Warum nun tut sich mein Gesprächspartner so schwer damit, jemanden »von außen« zu holen? Warum tut sich manche Gemeinde so schwer damit? Zum Trost sei gesagt, es sind nicht nur Gemeinden, die sich schwer tun, es ist generell nicht einfach, einem Außenstehenden Einblick in die eigenen Konflikte zu gewähren. Die Gründe sind sicher vielfältig:


»Ist der Mediator gerecht?« »Muss ich mich unbedingt mit den Leuten zusammensetzen, die so viel Schmerz angerichtet haben?« »Wenn ich ehrlich bin: Es soll auch nicht jeder meine eigenen Schwächen sehen.« Das sind in der Tat wichtige Fragen. Vielleicht aber hilft es zu wissen, wie eine Mediation funktioniert. Deswegen hier ein (grober und vereinfachender) Überblick. Fünf Schritte sind klassisch: (1) Im ersten Schritt geht es um Gesprächsvereinbarungen und Verfahrensfragen. (2) Im zweiten Schritt – der Konfliktdarstellung – darf jede beteiligte Partei ihre Sicht der Dinge darstellen, ohne von der anderen Partei unterbrochen zu werden. Es wird also sichergestellt, dass jeder einmal bis zum Schluss alles erzählen darf, was ihm oder ihr wichtig ist. Meistens ist dies der Zeitpunkt, bei dem es erste »Aha-Erlebnisse« gibt. (3) Es folgt im dritten Schritt, in der sogenannten Erhellungsphase, ein Gespräch über die Knackpunkte. Und zwar idealerweise so lange, bis sich die Konfliktparteien sicher sind, die Sichtweise des Anderen gut verstanden zu haben. Das kann natürlich einige Zeit dauern, ist aber unerlässlich für den vierten Schritt. (4) In diesem Schritt wird nach einer Lösung gesucht. (5) In einem abschließenden fünften Schritt werden Vereinbarungen getroffen, wie die Lösungen umgesetzt werden und wann man sich gegebenenfalls wieder trifft, um den Fortschritt auszuwerten und, falls notwendig, nach neuen Lösungen zu suchen und neue Vereinbarungen zu treffen. Vorsorgen für Zeiten des Konflikts Wie kann eine Gemeinde nun vorgehen, wenn sie einen Konflikt hat? Das hängt u. A. von der Schwere des Konflikts ab. Be-

sonders in schwereren Konflikten hat es sich in unserem kulturellen Umfeld als hilfreich erwiesen, jemanden zu nehmen, der von außen auf das »System« blickt, sprich: Auf die Gruppe oder Gemeinde. Bei weniger schweren Konflikten ist es durchaus erfolgversprechend, eine informelle Mediation durchzuführen, bei der jemand aus der Gruppe mit den entsprechenden Fähigkeiten das Mediationsgespräch führt; jemand, der das Vertrauen aller Beteiligter genießt. Ein Mindestmaß an Unabhängigkeit ist aber auch für diesen informellen Mediator wichtig. Ist er zu sehr in den Konflikt verstrickt, kann die sogenannte All-Parteilichkeit verloren gehen. Ein Problem in vielen Gemeinden ist, dass man sich in einigermaßen konfliktfreien Zeiten nicht gut überlegt hat, welche Schritte im Falle einer größeren Meinungsverschiedenheit gegangen werden sollen. Es lohnt sich, als Gemeinde eine Vorgehensweise in Konflikten zu beschreiben, damit in der Hitze der Auseinandersetzung nicht das Recht des Stärkeren oder des »politisch« Geschickteren die Oberhand gewinnt. Matthäus 18 ist dabei eine wertvolle Richtschnur. Die Gemeinde Jesu ist dazu berufen, den Frieden, den sie durch Christus hat, zu bezeugen und untereinander zu leben. Christus ist gekommen, um uns Menschen aus unser Unversöhnlichkeit zu erretten und zu einer versöhnten Gemeinschaft mit ihm und miteinander zu führen (2. Kor 5,12; Kol. 1,20). Die Mediation ist auf diesem Weg ein wertvolles Werkzeug. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. n Marcus Weiand ist Pastor und Mediator sowie Mitbegründer des ComPax-Instituts für Konflikttransformation am Theologischen Seminar Bienenberg (CH).

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reingelesen

Das Drama der Umarmung Auszug: »Von der Ausgrenzung zur Umarmung«, Miroslav Volf Was ist eine Umarmung? Inwiefern kann sie als Metapher für Versöhnung dienen und sogar mehr aussagen als der Begriff der Versöhnung selbst? […] Erster Akt: Öffnen der Arme. Offene Arme sind die Geste eines Körpers, der sich nach dem anderen ausstreckt. Sie sind Zeichen der Unzufriedenheit mit meiner in sich abgeschlossenen Identität, eine Chiffre für das Verlangen nach dem anderen. […] Mehr als nur eine Chiffre für Verlangen sind offene Arme ein Zeichen, dass ich in mir Raum für den anderen geschaffen habe, in den er eintreten kann, und dass ich eine Bewegung aus mir selbst heraus vollzogen habe, um den Raum zu betreten, den der andere mir gibt. Um die Arme nach dem anderen auszustrecken, muss sich das Selbst zugleich von sich selbst zurückziehen, sich sozusagen an den äußersten Rand seiner eigenen Grenzen zurücknehmen. Das Selbst, das »von sich eingenommen« ist, kann den anderen weder aufnehmen noch eine echte Bewegung auf ihn zu machen. Indem es die Arme öffnet, macht das Selbst Raum für den anderen und sich auf den Weg zum anderen in ein und demselben Akt. […] Schließlich sind offene Arme eine Geste der Einladung. Wie eine Tür, die man dem Freund offen lässt, den man erwartet, sind sie eine Aufforderung zum Eintreten. Kein Klopfen ist nötig, keine Frage des anderen, ob er hereinkommen darf, erforderlich nur die Ankündigung des Eintreffens und das Überschreiten der Schwelle. […] Anders als die offene Türe sind offene Arme jedoch mehr als nur eine 22

einladende Geste, die den anderen hereinbittet. Sie sind auch ein sachtes Klopfen an der Tür des anderen. Der Wunsch, den Raum des anderen zu betreten wird durch denselben Akt signalisiert, durch den sich das Selbst für den anderen öffnet, sodass dieser eintreten kann. Zweiter Akt: Warten. Die offenen Arme sind ausgestreckt, aber sie halten inne, bevor sie den anderen berühren. Sie warten. […] Das wartende Selbst kann den anderen bewegen, sich auf das Selbst zuzubewegen, aber seine Macht dabei ist die Macht des signalisierten Verlangens, des geschaffenen Raumes, nicht die Kraft, die die Grenzen des anderen durchbricht und die Erfüllung des Verlangens erzwingt. Der andere kann in eine Umarmung nicht hineingezwungen oder -manipuliert werden; Gewalt ist so verschieden von der Umarmung, dass sie jede Umarmung zunichte macht. Wenn eine Umarmung stattfindet, dann immer, weil den anderen so nach dem Selbst verlangt wie das Selbst nach dem anderen. Das unterscheidet eine Umarmung davon, dass man den anderen packt und in seiner Gewalt hält. Warten ist ein Zeichen dafür, dass auch dann, wenn die Umarmung einseitigen Ursprungs ist (das Selbst unternimmt die erste Bewegung zum andern hin), sie ihr Ziel nie ohne Gegenseitigkeit erreichen kann (der andere bewegt sich auf das Selbst zu). Dritter Akt: Die Arme schließen. Das ist das Ziel der Umarmung, eine richtige Umarmung, die nur als eine gegenseitige denkbar ist; »jeder hält den anderen und wird zugleich vom


anderen gehalten, aktiv und passiv zugleich« (Gurevitch 1990, 194). Es braucht zwei Paar Arme für eine Umarmung; mit einem Paar haben wir nur eine Einladung zur Umarmung (wenn das Selbst den anderen achtet) oder ein Klammern (wenn diese Achtung fehlt). In einer Umarmung ist der Gastgeber Gast und der Gast Gastgeber. Auch wenn ein Selbst vielleicht mehr empfängt oder gibt als das andere, muss jeder den Raum des anderen betreten, die Gegenwart des anderen in sich selbst spüren und seine eigene Gegenwart spüren lassen. Ohne solche Gegenseitigkeit gibt es keine Umarmung. […] Vierter Akt: die Arme wieder öffnen. Die Umarmung macht aus »zwei Körpern nicht einen«, indem sie »die Grenze zwischen den Körpern zum Saum macht, der einen Körper zusammenhält«, wie Zygmunt Bauman über das Verlangen der Liebe schreibt (Bauman

1993,94). Nicht ihre verschweißte Grenze hält Körper in einer Umarmung zusammen, sondern die Arme, die den anderen umschließen. Und wenn sich die Umarmung nicht gegenstandslos machen soll, müssen sich die Arme wieder öffnen (Gurevitch 1990, 194). […] Als letzter Akt der Umarmung unterstreicht das Öffnen der Arme, auch wenn der andere in das Selbst eingraviert ist, dass die Andersartigkeit des anderen nicht neutralisiert werden darf, indem beide zu einem undifferenzierten »Wir« verschmolzen werden […]. Man muss den anderen gehen lassen, damit sein Anderssein – seine genuine, dynamische Identität – erhalten bleibt. Das Selbst muss sich in sich selbst zurücknehmen, sodass seine eigene Identität, bereichert durch die Spuren, die die Anwesenheit des anderen hinterlassen hat, gewahrt bleiben. […] Dies nun sind die Strukturelemente der Umarmung; ohne sie gäbe es keine echte Umarmung. n

Miroslav Volf · Von der Ausgrenzung zur Umarmung · ISBN 978-3-86827-355-7 · 464 Seiten · € D 19,95

Im Überblick

mbs_bibelseminar

Staatl. anerkannte Fachschule für Sozialpädagogik & kirchlich anerkanntes Seminar für Gemeindepädagogik B.A. Social Work Kooperation mit der Stenden University (NL)

mbs_akademie

für Fort- und Weiterbildung › Seelsorge › Mentoring › Erlebnispädagogik › Spiritualität › Tiergestützte Pädagogik

mbs_studienprogramm › Gesellschaftstransformation (MTh) › Development Studies & Transformation (M. A.) Kooperation mit der Universität von Südafrika (UNISA)

Forschungsinstitut für Jugendkultur und Religion

Marburger Bildungs- und Studienzentrum

Träger des mbs ist der Deutsche Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD)

IMPRESSUM Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Am Schwanhof 19 · 35037 Marburg E-Mail: info@francke-buch.de www.francke-buch.de Redaktion: Ilona Mahel, Tobias Faix Layout: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH

Bildnachweise: S. 1: cglade (iStockphoto); S. 7: Adrian Hillmann (iStockphoto); S. 8/9: fairlangen. org; S. 14/15: kupicoo (iStockphoto); S. 16/17: CG Textures ; S. 19: nkbimages & duncan1890 (iStockphoto); S. 20/21: grafikerway & amphotora (iStockphoto); S. 24: tunart (iStockphoto) & CG Textures 23


»Von der Ausgrenzung zur Umarmung von Miroslav Volf ist ohne Zweifel das beste theologische Buch, das ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe.« Prof. Dr. N.  T. Wright 464 Seiten · gebunden ISBN 978-3-86827-355-7 · € D 19,95

In einer Welt voller großer und kleiner Konflikte denkt Miroslav Volf über die großen Themen von Versöhnung, Wahrheit und Gerechtigkeit nach. Seine Frage ist weniger die, welche Strukturen nötig sind, um Frieden und Gerechtigkeit voranzubringen, sondern wie Christen ihre Identität neu bestimmen und leben können, dass sie zu Agenten der Versöhnung zwischen Menschen werden. Seine Antwort setzt beim Gleichnis vom verlorenen Sohn an und wird dann sorgfältig auf ganz verschiedene Konfliktsituationen angewandt. Wer im 21. Jahrhundert sein Christsein nicht auf das Private beschränken möchte, findet hier reichlich geistliche Inspiration.

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Tat.Ort.Glaube  

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