Page 1

ISBN 978-3-00-033816-8

Unterwasserwelt.indd 2

28.2.2011 9:34:11 Uhr


Opas Geschichten aus dem Meer von Jochen und Svenja Doering

Unterwasserwelt.indd 3

28.2.2011 9:34:14 Uhr


Unterwasserwelt – Opas Geschichten aus dem Meer – 2011 www.opas-geschichten.de

Text Illustrationen Fotos Gestaltung

Jochen Doering, D-53343 Wachtberg Svenja Doering, D-50996 Köln Sea Life, D-53639 Königswinter deux-piece werbeagentur GmbH, CH-8803 Rüschlikon

Dieses Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Sea Life Königswinter

ISBN 978-3-00-033816-8

2

Unterwasserwelt.indd 2

28.2.2011 9:34:15 Uhr


Inhalt Fünf Geschichten aus dem Meer:

Vom kleinen Seeigel

Seite 4

Von den drei kleinen Krebsen und dem Rochen

Seite 10

Vom kranken Rochen und der Wasserschildkröte

Seite 16

Vom albernen Kalmar

Seite 24

Von den kleinen Wasserschildkröten und den Quallen

Seite 32

Was die Meerestiere so alles können

Seite 38

3

Unterwasserwelt.indd 3

28.2.2011 9:34:18 Uhr


Die erste Geschichte:

Vom kleinen Seeigel

Philippa war den ganzen Nachmittag mit dem Opa im Aquarium gewesen. Dort gab es alle möglichen Tiere und Pflanzen anzusehen: Barsche und Karpfen, Haie und Rochen, aber auch Krebse, Hummer und Langusten, Seepferdchen, Seeanemonen und Seeigel und noch viel mehr. Philippa war gerne im Aquarium. Manchmal fand sie es allerdings etwas unheimlich in den dunklen Gängen zwischen den einzelnen Becken, in denen die seltsamsten Tiere lebten. Dann musste der Opa sie sicherheitshalber an die Hand nehmen. Jetzt waren sie wieder zu Hause, und Philippa war ein bisschen müde. Sie sass mit Opa auf dem Sofa und fragte: „Kannst du mir eine Geschichte vom Seeigel oder vom Seepferdchen erzählen? Und der Opa erzählte:

4

Unterwasserwelt.indd 4

28.2.2011 9:34:21 Uhr


Ein kleiner Seeigel liess sich von den Wellen auf dem Meeresgrund treiben. Ihm war etwas langweilig, und deshalb wollte er die Gegend erkunden. Er freute sich an den schönen Seeanemonen und all den anderen bunten Meerespflanzen. Er schaute hierhin und dahin und sah auch unter allen Steinen nach, ob es vielleicht irgendwo einen vergrabenen Schatz gab. So ging das eine ganze Weile, und auf einmal merkte der kleine Seeigel, dass er sich verirrt hatte und nicht mehr wusste, wie er zurück nach Hause kommen sollte. Er wurde ganz traurig und hatte auch ein wenig Angst. Er wollte eigentlich tapfer sein, aber dann musste er doch ein bisschen weinen. Da kam ein grosser, schöner Rochen angeschwommen. Der Rochen fragte den kleinen Seeigel: „Warum weinst du denn so?“ „Ich habe mich verirrt, und ich finde den Weg nach Hause nicht mehr“, schluchzte der kleine Seeigel. „Ich will zu meiner Mama.“ „Du musst nicht weinen“, sagte der Rochen. „Wenn du dich auf meinen Rücken setzt, dann können wir zusammen deine Mama suchen. Wir werden sie schon finden.“

5

Unterwasserwelt.indd 5

28.2.2011 9:34:24 Uhr


Der kleine Seeigel kletterte mühsam auf den Rücken des Rochens, und schon ging es los. Der Rochen schwamm ganz behutsam dicht über dem Meeresgrund. Beide schauten aufmerksam in alle Richtungen, ob sie die Seeigel-Mama sehen konnten. Plötzlich hörten sie ein lautes Geschrei: „Hilfe! Ich will hier raus, ich will hier raus. Hilfe!“ „Was ist denn da los?“ fragte der kleine Seeigel. „Ich weiss auch nicht“, meinte der Rochen. „Am besten ist es wohl, wenn wir mal nachschauen.“ Und so schwamm der Rochen mit dem kleinen Seeigel auf dem Rücken vorsichtig immer weiter, bis die beiden schliesslich sahen, was los war. Ein Seepferdchen hatte sich zwischen einigen Steinen eingeklemmt und kam nicht mehr vor und zurück.

6

Unterwasserwelt.indd 6

28.2.2011 9:34:27 Uhr


„Bitte helft mir, ich bin hier eingeklemmt“, rief es. Da war guter Rat teuer, bis der Rochen sagte: „Ich habe eine Idee. Wir fragen den Hummer, ob er mit seinen grossen Zangen helfen kann.“ Und tatsächlich schaffte es der Hummer mit seinen grossen Zangen, einige Steine zur Seite zu räumen. Kurz darauf war das Seepferdchen befreit und machte erst mal einen Freudentanz. Dann bedankte es sich bei dem Hummer und fragte den Rochen: „Was macht ihr eigentlich hier?“ „Wir suchen meine Mama, ich habe mich nämlich etwas verirrt“, erklärte der kleine Seeigel.

7

Unterwasserwelt.indd 7

28.2.2011 9:34:30 Uhr


„Ach so“, meinte das Seepferdchen,“ aber da kann ich euch helfen. Ich habe vorhin eine Seeigel-Mama gesehen. Die war ziemlich traurig und hat nach ihrem Kind gesucht. Folgt mir einfach. Ich zeige euch den Weg.“ Das Seepferdchen schwamm los. Und der Rochen mit dem kleinen Seeigel auf dem Rücken schwamm hinterher. Der Hummer hatte Mühe, mitzukommen, aber mit seinen vielen Beinen schaffte er es doch noch. Kurz darauf trafen sie auf die Seeigel-Mama. Aufgeregt erzählte der kleine Seeigel seiner Mama, was alles passiert war. Die war natürlich sehr froh, dass sie ihr Kind wieder hatte und sagte „Ganz herzlichen Dank, dass ihr mir mein Kind wieder gebracht habt. Das wollen wir feiern, und deshalb mache ich jetzt für alle einen ganz besonders leckeren SeetangSalat.“

8

Unterwasserwelt.indd 8

28.2.2011 9:34:33 Uhr


„Jetzt ist die Geschichte zu Ende.“, sagte der Opa. Aber Philippa war fest eingeschlafen und träumte von dem kleinen Seeigel, dem Rochen, dem Seepferdchen und dem Hummer.

9

Unterwasserwelt.indd 9

28.2.2011 9:34:35 Uhr


Die zweite Geschichte:

Von den drei kleinen Krebsen und dem Rochen

Einige Tage später kam Philippa wieder zu ihrem Opa. Nachdem die beiden den ganzen Tag zusammen gespielt hatten, war Philippa etwas müde. Sie kuschelte sich an den Opa und fragte: „Im Aquarium habe ich neulich einen Krebs gesehen. Der ist seitwärts gekrabbelt.“ Dann fragte Philippa: „Kennst du denn auch eine Geschichte vom Krebs?“ Und der Opa erzählte:

10

Unterwasserwelt.indd 10

28.2.2011 9:34:38 Uhr


Drei Krebse spielten am Strand. Die Sonne

stand am Himmel, und das Wasser am Strand war herrlich warm. Die Krebse flitzten zwischen den Steinen und Muscheln hin und her. Sie spritzten sich ab und zu gegenseitig nass und hatten viel Spass. Besonders lustig sah es aus, wenn alle drei gleichzeitig seitwärts krabbelten. Nach einer Weile sagte ein Krebs zu den beiden anderen: „Wisst ihr was? Wir sollten mit einem grossen Anlauf um die Wette von dem runden Stein da vorne ins Wasser springen. Wer am weitesten springt, hat gewonnen.“

11

Unterwasserwelt.indd 11

28.2.2011 9:34:41 Uhr


Die beiden anderen Krebse fanden auch, dass das eine gute Idee war, und los ging es. Der erste Krebs sprang weit ins Wasser, tauchte unter und kam prustend wieder an Land. Der zweite Krebs sprang hinterher, und ich glaube, er kam ein Stückchen weiter. Dann sprang der dritte Krebs ganz weit. Als er aber durch das Wasser auf den Meeresgrund traf, war es, als ob der Strand explodierte. Wasser und Sand spritzten in die Höhe, und das Meer sprudelte wie verrückt. Die drei Krebse waren furchtbar erschrocken und wussten gar nicht, was da los war. Voller Angst rannten sie ans Ufer und versteckten sich unter einem grossen Stein. „Was war denn das?“, fragte der erste Krebs. „Ich weiss es auch nicht“, sagte der zweite. Und der dritte Krebs sagte „Lasst uns doch einfach mal nachsehen. Aber wir müssen ganz vorsichtig sein“. Und so krabbelten die drei Krebse ganz langsam ans Wasser. Dort sahen sie den Rochen, der sie böse anschaute. „Wer ist da eben auf meinen Rücken gesprungen? Ich habe gerade in dem warmen Wasser meinen Mittagsschlaf gemacht, und da hat mich jemand aufgeweckt. Da bin ich vor Schreck aufgesprungen. Deshalb habe ich den ganzen Sand und das Wasser so aufgewirbelt.“

12

Unterwasserwelt.indd 12

28.2.2011 9:34:44 Uhr


„Entschuldige bitte, lieber Rochen“, sagte der dritte Krebs. Wir haben ein Wettspringen gemacht. Wir haben nicht gesehen, dass du da im Wasser gelegen hast. Ich wollte dir auch nicht weh tun.“ „Ihr konntet mich auch nicht sehen, weil ich mich fest in den Sand eingegraben hatte. Das mache ich immer, wenn ich nicht gestört werden will. Aber wenn ihr das nicht extra gemacht habt, ist es ja gut. Weil ihr euch so erschrocken habt, mache ich euch einen Vorschlag: Wenn ihr Lust habt, könnt ihr euch auf meinem Rücken setzen, und wir schwimmen etwas spazieren.“ „Sind wir dir denn auch nicht zu schwer?“ „Ach was, gestern bin ich sogar ganz weit mit einem kleinen Seeigel auf meinem Rücken geschwommen. Da werde ich doch wohl noch drei kleine Krebse tragen können. Seid nur bitte vorsichtig, damit ihr mich nicht mit euren Krallen auf dem Rücken kitzelt.“

13

Unterwasserwelt.indd 13

28.2.2011 9:34:46 Uhr


Also kletterten die drei kleinen Krebse auf den Rücken des Rochens, und der schwamm ganz vorsichtig los. Vom Rücken des Rochens hatten die drei kleinen Krebse eine wunderbare Aussicht. Sie konnten die Seeanemonen am Meeresgrund sehen, und sie trafen viele bunte Fische. Auch das Seepferdchen kam vorbei und fragte „Wen hast du denn heute auf deinem Rücken? Haben die drei auch ihre Mama verloren?“ „Nein“, sagte der Rochen. „Das sind meine neuen Freunde. Die drei habe ich vorhin am Strand kennen gelernt, und nun machen wir zusammen einen Ausflug. Aber jetzt schwimmen wir wieder zurück. Ich muss mich nämlich wieder in den Sand eingraben und meinen Mittagsschlaf fortsetzen. Hoffentlich springt mir nicht wieder jemand auf meinen Rücken.“

14

Unterwasserwelt.indd 14

28.2.2011 9:34:49 Uhr


„Jetzt ist auch diese Geschichte zu Ende.“, sagte der Opa. Aber Philippa war wieder fest eingeschlafen. Diesmal träumte sie von den drei kleinen Krebsen, dem Rochen und dem Seepferdchen.

15

Unterwasserwelt.indd 15

28.2.2011 9:34:51 Uhr


Die dritte Geschichte: Vom kranken Rochen und der

Wasserschildkröte

Philippa telefonierte mit dem Opa und fragte: „Können wir noch mal ins Aquarium gehen?“ „Natürlich.“, sagte der Opa, und so verabredeten sich die beiden für den nächsten Tag. Diesmal schauten sie sich besonders das grosse Becken an, in dem die Rochen schwammen. Manche von ihnen waren so zutraulich, dass Philippa sie sogar streicheln konnte. Zuhause meinte Philippa: „Jetzt würde ich gerne noch eine Geschichte vom Rochen hören?“ Und der Opa erzählte:

16

Unterwasserwelt.indd 16

28.2.2011 9:34:55 Uhr


Dem kleinen Seeigel war sooo langweilig, und deshalb war er wieder einmal

auf der Suche nach einem interessanten Abenteuer. Er dachte sich: „Es wäre doch schön, wenn ich noch einmal mit dem Rochen einen Ausflug machen könnte.“ Vor einiger Zeit hatte der Rochen ja auf seinem Rücken den kleinen Seeigel mitgenommen, und die beiden waren zusammen durch das Wasser geschwommen. Also machte sich der kleine Seeigel auf den Weg, um den Rochen zu suchen. Unterwegs traf er den Hummer. „Hast du vielleicht den Rochen gesehen?“, fragte der kleine Seeigel. „Ich würde gern mit ihm zusammen schwimmen.“ „Nein“, antwortete der Hummer. „Aber wenn du willst, komme ich mit, und wir können ihn gemeinsam suchen. Der Hummer lief flink über den Meeresgrund, und der kleine Seeigel schwamm hinterher. Da kam das Seepferdchen vorbei. „Weisst du, wo wir den Rochen finden können?“ „Nein, leider nicht“, meinte das Seepferdchen. „Aber ich helfe euch gerne suchen.“ Zu dritt zogen sie weiter, aber sie konnten den Rochen nicht finden. Nach einer Weile sahen sie die drei kleinen Krebse, die eifrig hin und her krabbelten und etwas zu essen suchten. Der kleine Seeigel fragte wieder: „Wisst ihr, wo der Rochen sein könnte?“ Die Krebse dachten nach, und der erste Krebs sagte: „Nein, wir haben ihn heute noch nicht gesehen.“ Doch der zweite Krebs meinte: „Vielleicht hat er sich ja wieder im Sand eingegraben und hält seinen Mittagsschlaf.“ „Das ist gut möglich.“, sagte der dritte Krebs. „Wollen wir nicht zusammen nachschauen? Wir können euch den Weg zeigen.“ Und so zog die ganze Gesellschaft los. Die drei kleinen Krebse flitzten vorweg, danach kam der Hummer und der kleine Seeigel, und am Schluss schwamm das Seepferdchen.

17

Unterwasserwelt.indd 17

28.2.2011 9:34:57 Uhr


Und tatsächlich sahen sie nach kurzer Zeit den Rochen, der ganz still im Sand lag und die Augen geschlossen hatte. Der erste Krebs ging zum Rochen und rief: „Hallo Rochen, da ist Besuch für dich.“ Der Rochen aber antwortete nicht. Die anderen kamen näher, und der kleine Seeigel sagte: „Hallo Rochen, kennst du mich noch? Ich bin der kleine Seeigel. Du hast mich vor einiger Zeit auf deinem Rücken mitgenommen. Ich würde gern wieder einmal mit dir schwimmen.“ Der Rochen hielt seine Augen immer noch geschlossen und murmelte ganz leise: „Lasst mich in Ruhe, ich bin krank. Ich glaube, ich muss sterben.“ „Das ist ja ganz entsetzlich.“, meinte das Seepferdchen, und der Hummer knurrte: „So ein Quatsch. Wenn du krank bist, dann musst du halt wieder gesund werden.“ „Aber wie soll das denn gehen?“, wimmerte der Rochen. „Schaut doch nur, ich habe mir meine Flosse an den scharfen Korallen verletzt. Jetzt kann ich nicht mehr schwimmen und finde deshalb nichts zu essen. Ich bin schon ganz schwach.“ Und tatsächlich konnte man an der Flosse eine ziemlich grosse Wunde sehen.

18

Das war ja nun wirklich schlimm. Die Krebse, der Hummer, der Seeigel und das Seepferdchen überlegten, was man denn tun könnte, um dem Rochen zu helfen. Sie redeten alle gleichzeitig, aber keiner hatte eine gute Idee. Da sagte schliesslich der Hummer: „Wenn hier alle durcheinander reden, finden wir bestimmt keinen Weg, dem Rochen zu helfen. Wir sollten meine Freundin, die alte Wasserschildkröte, um Rat fragen. Die ist sehr klug und hat schon viel erlebt. Vielleicht hat sie ja einen Vorschlag. Ich gehe mal los und hole sie. Ihr anderen bleibt hier und passt auf den Rochen auf.“

Unterwasserwelt.indd 18

28.2.2011 9:35:01 Uhr


Alle waren einverstanden, und der Hummer zog los. Nach einiger Zeit kam er zurück. Hinter ihm schwamm gemächlich die grosse, alte Wasserschildkröte. Sie sah sich den Rochen an, überlegte eine Weile, und sagte dann: „Ich glaube, es gibt nur eine Möglichkeit, dem Rochen zu helfen. Ihr müsst ihn so lange füttern, bis seine Wunde geheilt ist und er wieder zu Kräften gekommen ist.“ „Aber wir wissen doch gar nicht, was er isst.“, meinte das Seepferdchen. „Muscheln und Krebse mag ich am liebsten.“, flüsterte der Rochen. Die Krebse erschraken und brachten sich erst einmal in Sicherheit. „Nein, ich esse doch nur klitzekleine Krebse. Und ausserdem seid ihr doch meine Freunde. Euch würde ich natürlich niemals etwas antun.“, wisperte der Rochen mit letzter Kraft.

19

Unterwasserwelt.indd 19

28.2.2011 9:35:04 Uhr


Und so beschlossen die Tiere, den Patienten mit kleinen Muscheln zu füttern. Der Hummer pflückte die Muscheln mit seinen grossen Zangen von den Steinen. Die Krebse brachten sie dann zu dem Rochen, und das Seepferdchen steckte sie ihm vorsichtig nacheinander ins Maul. Die Wasserschildkröte passte auf, dass die anderen auch alles richtig machten. So ging es einige Tage, bis der Rochen ganz langsam wieder zu Kräften kam und die Wunde wieder verheilte. Schliesslich versuchte der Rochen, ob er wieder schwimmen konnte. Nach einigen weiteren Tagen war er wieder so gesund, dass er sich selbst etwas zu essen besorgen konnte. Da meinte der kleine Seeigel: „Eigentlich wollte ich dich ja fragen, ob ich noch einmal auf deinem Rücken schwimmen darf.“ „Wir hätten dazu auch Lust.“, riefen die drei kleinen Krebse. „Du hast uns ja schon einmal mitgenommen.“ „Prima“, sagte das Seepferdchen. „Ich komme auch mit. Auf deinem Rücken ist bestimmt noch Platz für mich.“

20

Unterwasserwelt.indd 20

28.2.2011 9:35:07 Uhr


Die alte Wasserschildkröte schüttelte den Kopf und sagte: „Habt ihr denn alle den Verstand verloren? Der Rochen ist zwar schon wieder fast gesund, aber er ist doch noch ziemlich schwach. Wir müssen ihn noch schonen. Ich mache euch deshalb einen anderen Vorschlag. Der Rochen kann das leichte Seepferdchen auf seinem Rücken tragen. Die drei kleinen Krebse dürfen auf meinem Panzer reiten, und der Hummer kann den kleinen Seeigel tragen.“

21

Unterwasserwelt.indd 21

28.2.2011 9:35:09 Uhr


Alle waren begeistert und bewunderten die Wasserschildkröte, weil sie so klug war. Das Seepferdchen setzte sich vorsichtig auf den Rücken des Rochen, die Krebse sprangen auf den grossen Panzer der Wasserschildkröte, und der Hummer hob sich den Seeigel mit seinen Zangen auf den Rücken. Vorsichtig zog die Gesellschaft los. Das Seepferdchen drehte sich um und sah, wie die Krebse auf dem Panzer der Wasserschildkröte balancierten. Das sah so lustig aus, dass das Seepferdchen zu kichern anfing. „Wir sind schon eine merkwürdige Gesellschaft. Wenn ich meinen Freunden erzähle, wie wir hier durch die Gegend ziehen, glaubt mir das bestimmt keiner.“ Die anderen sahen sich an, und nacheinander mussten sie auch kichern und lachen – zuerst der Rochen, dann die Krebse, dann der Hummer und der Seeigel, und am Ende musste sogar die Wasserschildkröte ein wenig schmunzeln. Vor lauter Gekichere rutschten die Krebse vom Panzer der Wasserschildkröte, und schliesslich purzelten alle fröhlich durchs Wasser. Da rief der Rochen: „Aufhören, aufhören! Ich habe vor lauter Lachen schon einen Schluckauf bekommen.“ Als alle genug getobt und gelacht hatten, gingen und schwammen sie nach Hause. Der kleine Seeigel erzählte seiner Mama, was er so alles erlebt hatte und träumte dann davon, wieder einmal einen Ausflug mit seinen Freunden zu machen.

22

Unterwasserwelt.indd 22

28.2.2011 9:35:13 Uhr


„Die Geschichte ist jetzt zu Ende.,“ sagte der Opa. Philippa freute sich: „Wie gut, dass die anderen Tiere den Rochen gesund gepflegt haben. Jetzt kann er sich wieder selber sein Essen holen.“

23

Unterwasserwelt.indd 23

28.2.2011 9:35:16 Uhr


Die vierte Geschichte:

Vom albernen Kalmar

Als Philippa abends die Zähne geputzt und einen Schlafanzug angezogen hatte, sagte sie zu dem Opa: „Kraken sind doch komische Tiere. Die schwimmen immer rückwärts und wackeln dabei mit ihren vielen Armen.“ Dann bat Philippa: „Könntest du mir noch eine Gutenacht-Geschichte von einem Kraken erzählen?“ Und der Opa erzählte:

24

Unterwasserwelt.indd 24

28.2.2011 9:35:19 Uhr


Ein Kalmar schwamm über dem Meeresgrund

dahin. Nun ist es ja so, dass ein Kalmar sich nicht wie die meisten Fische mit Bewegungen seines Schwanzes oder seiner Flossen fortbewegen kann, weil er ja keinen Schwanz und keine Flossen hat. Wie alle Kraken stiess er zum Schwimmen deshalb einen kräftigen Schwall Wasser aus und schoss dann mit einem Ruck ein Stück voran. Dann saugte er neues Wasser an, um es gleich wieder auszustossen. Und schon ging es noch ein Stück weiter. Und so bewegte er sich rasch fort – mit seinem hinteren Ende voran. Er schwamm also eigentlich rückwärts. Mit seinen acht Armen balancierte und steuerte er dabei, damit er auch immer in die richtige Richtung schwamm. Die anderen Meerestiere, der Hummer, die Krebse, das Seepferdchen, der Rochen und die Wasserschildkröte beobachteten den Kalmar eine Weile. Schliesslich meinte der Rochen: „Das sieht aber wirklich sehr elegant aus. Komisch ist nur, dass du immer rückwärts schwimmst. Da kannst du ja gar nicht richtig sehen, wo es lang geht.“ „Das stimmt“, antwortete der Kalmar. „Aber das macht nichts. Alle Kalmare schwimmen so. Seht doch nur, wie schön ich meine acht Arme im Wasser bewegen und damit steuern kann.“

25

Unterwasserwelt.indd 25

28.2.2011 9:35:22 Uhr


Der Kalmar war an diesem Tag etwas übermütig und albern. Er schwenkte seine acht Arme hin und her, seitlich und nach oben und unten. Dann schlug er einige Purzelbäume und schwamm mehrere Kurven. Die Arme bewegte er dabei im Takt. Mal spreizte er sie auseinander, dass er aussah wie ein gewaltiger Stern, mal legte er sie eng aneinander, mal liess er sie einfach nur durcheinander baumeln. „Ich bin ein grosser Akrobat“, rief er. „Schaut nur, was ich für Kunststücke machen kann.“ Und dann schlug er schnell noch einen doppelten Salto. Die Zuschauer waren ganz begeistert, und die Krebse und der Hummer klatschten mit ihren vorderen Beinen Beifall, wenn der Kalmar ein besonders schönes Kunststück zeigte. „Bravo, bravissimo“, riefen alle und konnten gar nicht genug bekommen. Der alberne Kalmar war natürlich sehr stolz, dass den anderen seine Vorführung so gut gefiel. Er wurde immer übermütiger, und seine Kunststücke wurden immer verwegener. Auf einmal aber, als der alberne Kalmar nicht gut aufgepasst hatte, stiess er mitten in einem Purzelbaum mit seinem hinteren Ende heftig gegen einen

26

Unterwasserwelt.indd 26

28.2.2011 9:35:27 Uhr


mächtigen Stein, gerade als er seine Arme besonders elegant gespreizt hatte. Der Kalmar wurde kräftig durchgeschüttelt, und seine acht Arme verhedderten sich mit ihren Saugnäpfen. Jetzt sah der Kalmar aus wie ein dicker Kopf mit einem grossen Knoten daran. „Oh je“, rief das Seepferdchen. „Hoffentlich hast du dir nicht weh getan.“ „Nein“ sagte der Kalmar, „aber meine Arme sind etwas durcheinander geraten. Ich denke, die haben sich verklemmt.“ Er versuchte, seine Arme wieder ordentlich zu sortieren, aber je mehr er zog und zerrte, desto fester verknoteten sie sich. „Ich glaube, ihr müsst mir helfen. Ich bekomme meine Arme nicht alleine frei.“ „Vielleicht können die Krebse und der Hummer mit ihren Zangen die Arme auseinander ziehen und so den Knoten lösen“ schlug die Wasserschild-kröte vor. Aber als die Krebse und der Hummer mit ihren scharfen Zangen an den Armen zogen, schrie der Kalmar entsetzt auf. „Autsch, das tut fürchterlich weh, bitte hört sofort auf. Ihr zwackt mir ja sonst noch meine Arme ab.“ Die Tiere waren ratlos. Die Wasserschildkröte schwamm ganz dicht an den Arm-Knoten heran, um sich die Sache von nahem anzusehen. Sie dachte lange nach, was da wohl zu tun sei, aber sie hatte auch keine Idee. Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe im Lauf meines langen Lebens ja schon allerhand erlebt, aber so etwas Verrücktes habe ich noch nie gesehen. Ich fürchte, da ist nichts mehr zu machen. Du wirst wohl für immer ein Kalmar-Knoten bleiben müssen.“

27

Unterwasserwelt.indd 27

28.2.2011 9:35:29 Uhr


Während die Tiere noch beratschlagten, wie sie dem verknoteten Kalmar helfen könnten, kam ein grosser Schwarm Barsche heran. Die schnellen Barsche waren auf der Suche nach einem guten Platz, an dem sie ihre Eier ablegen konnten, und deswegen hatten sie es besonders eilig. Das war ein Gesause und Gebrause, als die vielen Barsche heranrasten, und der Hummer, die Krebse, das Seepferdchen, der Rochen und die Wasserschildkröte versteckten sich ganz schnell unter dem Stein. Nur der Kalmar, der ja seine Arme nicht bewegen und deswegen nicht steuern konnte, trudelte hilflos durchs Wasser. „Weg da, weg da, wir haben es eilig“, brüllten die Barsche. „Aus dem Weg, damit wir dich nicht über den Haufen schwimmen.“

28

Unterwasserwelt.indd 28

28.2.2011 9:35:33 Uhr


„Ich kann euch nicht aus dem Weg schwimmen. Meine Arme sind verknotet, und ich kann nicht mehr steuern“, jammerte der Kalmar verzweifelt. Der Kalmar war plötzlich von so vielen schnellen Barschen umgeben, dass ihm ganz schwindelig wurde. Sie sausten an ihm vorbei, über, neben und unter ihm, und sie versuchten, so gut es ging, um den Kalmar herumzuschwimmen. Der Schwarm wollte gar kein Ende nehmen, weil so viele Barsche unterwegs waren. Ein besonders dicker Barsch schaffte es dann doch nicht, dem Kalmar auszuweichen. Die beiden stiessen so heftig zusammen, dass der Kalmar ein grosses Stück durchs Wasser geschleudert wurde. „Du hast selbst Schuld, wenn du mir nicht aus dem Weg schwimmst“, knurrte der dicke Barsch verärgert, und schon war er weg.Doch was war das? Durch den kräftigen Zusammenstoss mit dem dicken Barsch hatten sich die verknoteten Arme des Kalmars mit einem Ruck gelöst. Auf einmal konnte er wieder richtig steuern, und er brachte sich zuerst einmal mit einigen kräftigen Wasserstössen in Sicherheit. 29

Unterwasserwelt.indd 29

28.2.2011 9:35:36 Uhr


Als der Schwarm endlich vorbeigerast war, kamen die Tiere vorsichtig wieder unter dem Stein hervor. „Bist du verletzt?“, fragte der Rochen besorgt den Kalmar. „Du hast jetzt bestimmt einen grossen blauen Fleck von dem Zusammenstoss“, meinten die Krebse. „Ein Kalmar bekommt doch keine blauen Flecke. Ich habe nur etwas Kopfschmerzen, aber das ist nicht so schlimm. Die Hauptsache ist doch, dass ich meine Arme wieder richtig bewegen kann.“ Der Kalmar schwamm behutsam ein wenig hin und her und probierte, ob er seine Arme wieder ordentlich bewegen konnte. Alles klappte tatsächlich einwandfrei, und der Kalmar war nicht mehr albern. Er sagte erleichtert: „Was für ein Glück, dass ich meine Arme wieder richtig bewegen kann. Aber für heute ist die Vorstellung trotzdem geschlossen. Ich muss mich von dem Schrecken erst mal erholen. Und in Zukunft muss ich bei meinen Kunststücken wohl etwas besser aufpassen.“ Die anderen Tiere waren froh, dass dem Kalmar nichts Ernsthaftes passiert war. Sie waren aber auch ein wenig traurig, weil es jetzt keine Kunststücke mehr zu sehen gab. Der Kalmar als Wasser-Akrobat hatte ihnen doch zu gut gefallen.

30

Unterwasserwelt.indd 30

28.2.2011 9:35:39 Uhr


„Die Geschichte ist nun zu Ende.“, sagte der Opa. Philippa setzte sich auf den Teppich und verschränkte ihre Arme hin und her. Nach einer Weile meinte sie zufrieden: „Ich glaube, mir kann es nicht passieren, dass sich meine Arme verknoten.“

31

Unterwasserwelt.indd 31

28.2.2011 9:35:42 Uhr


Die fünfte Geschichte: Von den kleinen

Wasserschildkröten und den Quallen

Der Opa hatte Philippa vom Kindergarten abgeholt. Die Kinder hatten den ganzen Vormittag draussen gespielt, und Philippa war hungrig und durstig. Philippa sagte nach dem Mittagessen zu dem Opa: „Neulich hast du mir die Geschichte mit der alten Wasserschildkröte erzählt. Hast du auch eine Geschichte von Schildkröten-Kindern?“ Der Opa dachte eine Weile nach und sagte dann: „Ja, da kenne ich eine Geschichte von kleinen Wasserschildkröten. In der kommen auch Quallen vor.“ „Quallen finde ich eklig. Die sind so glibberig, und an denen kann man sich verbrennen wie an Brennnesseln.“, schüttelte sich Philippa. „Eigentlich sind Quallen ja sehr schön.“, meinte der Opa. „Sie sind ganz durchsichtig und treiben elegant auf dem Wasser. Das sieht aus, als ob da bunte Glocken schwimmen. Man sollte sie nur besser nicht berühren.“ Jetzt fand Philippa die Quallen doch interessant und gar nicht mehr so eklig. Sie erzählte dem Opa, dass sie in den letzten Ferien eine Feuerqualle gesehen hatte. „Die sah wirklich wie eine Glocke aus. Jetzt könntest du mir doch deine Geschichte von den kleinen Wasserschildkröten und den Quallen erzählen.“ Und der Opa erzählte: 32

Unterwasserwelt.indd 32

28.2.2011 9:35:46 Uhr


Die alte Wasserschildkröte kroch langsam und bedächtig am Strand entlang. „Laufen ist für mich mit dem

schweren Panzer schon sehr mühsam“, dachte sie. „Schwimmen finde ich doch viel angenehmer.“ Sie war ans Ufer geschwommen und aus dem Wasser gekrochen, weil sie gespürt hatte, dass es wieder an der Zeit war, ihre Eier zu legen. Es war Nacht, und der Mond war hinter dicken Wolken versteckt. Nun suchte sie sich ein schönes, geschütztes Plätzchen im Sand, das ein bisschen versteckt war. Nachdem sie dort ihre Eier abgelegt und mit Sand zugedeckt hatte, machte sie sich wieder auf den beschwerlichen Weg ins Wasser. Eine Möwe war wach geworden und sah sich die Sache an. Sie legte den Kopf schräg und krächzte: „Du kannst doch nicht einfach deine Eier allein lassen. Eier muss man ausbrüten. Und überhaupt ist das gefährlich. Was ist, wenn jemand kommt und deine Eier stibitzt?“ Die Schildkröte knurrte die Möwe an: „Was geht dich das denn an? Meine Eier sind zwar sehr hart, aber wenn ich mich mit meinem schweren Panzer zum Brüten darauf setzen würde, würden sie trotzdem zerbrechen. Die Sonne wird sie schon genügend wärmen. Ausserdem sind es so viele, da macht es nichts, wenn ein paar gestohlen werden. Aber wenn du nichts anderes zu tun hast, kannst du ja auf die Eier aufpassen.“

33

Unterwasserwelt.indd 33

28.2.2011 9:35:49 Uhr


Nach einiger Zeit war es soweit. Die kleinen Wasserschildkröten schlüpften eines Nachts aus ihren Eiern. Die Möwe hatte gut aufgepasst, und so waren nur wenige Eier von anderen Vögeln gestohlen worden, und es waren noch viele übrig. Der Mond und die Sterne schienen klar am Himmel, und die frisch ausgeschlüpften Wasserschildkröten machten sich sofort auf, um im Wasser Schutz zu suchen, solange die Vögel noch schliefen. Das sah sehr lustig aus, wie die vielen Schildkröten auf ihrem Weg ins Wasser durcheinanderpurzelten. In der langen Zeit in ihren Eiern war es ihnen doch recht eng geworden, und nun mussten sie erst einmal lernen, wie sie ihre Beine richtig bewegen konnten. Endlich waren sie alle glücklich im Wasser angekommen und waren froh, dass ihnen unterwegs nichts passiert war. Die alte Wasserschildkröte kam angeschwommen und besah sich ihre Kinder. „Da seid ihr ja endlich. Das hat ja lange gedauert. Ich habe schon befürchtet, dass in diesem Jahr alle meine Eier gestohlen worden wären. Aber im Gegenteil, diesmal seid ihr ja besonders viele kleine Wasserschildkröten. Da hat die Möwe wohl gut auf euch aufgepasst. Ich werde euch jetzt einmal beibringen, was ihr so alles wissen müsst.“

34

Unterwasserwelt.indd 34

28.2.2011 9:35:52 Uhr


Und dann mussten sich die kleinen Wasserschildkröten in vier Reihen aufstellen. Die alte Wasserschildkröte erklärte ihnen, wo sie etwas zu fressen finden konnten und vor welchen Feinden sie sich besonders in acht nehmen mussten. „Solange ihr klein seid und euer Panzer noch weich ist, gibt es überall Gefahren für kleine Wasserschildkröten. Ihr müsst vor allem so lange vorsichtig sein, bis euer Panzer fest und hart geworden ist. Dann seid ihr gut geschützt, und niemand kann euch etwas antun. Aber solange ihr noch so weich seid, ist das Leben ziemlich gefährlich. Und jetzt schwimmt alle hinter mir her.“ Die kleinen Wasserschildkröten staunten nicht schlecht über das, was ihnen die alte Wasserschildkröte zeigte. Die Seeanemonen und die vielen kleinen, bunten Fische gefielen ihnen besonders gut. Dann kamen sie an die Wasseroberfläche. In einiger Entfernung sahen sie viele bunte Quallen, die im Wasser umhertrieben und im Mondschein schillerten und leuchteten. „Seid vorsichtig“, warnte die alte Wasserschildkröte. „Das sind Quallen. Die solltet ihr nicht berühren, denn an denen könnt ihr euch verbrennen.“ 35

Unterwasserwelt.indd 35

28.2.2011 9:35:55 Uhr


Aber einige besonders neugierige kleine Wasserschildkröten waren schon losgeschwommen, um sich die Quallen näher anzuschauen. Sie hatten die Warnung der alten Wasserschildkröte nicht mehr gehört. „Wer seid ihr denn?“, fragten die kleinen Wasserschildkröten die Quallen, aber die Quallen antworteten nicht. Da kam eine kleine Wasserschildkröte mit ihrem linken Hinterbein an einen Tentakel von einer roten Qualle. „Autsch, das brennt.“, schrie sie auf. Die anderen kleinen Wasserschildkröten kamen näher, um zu sehen, was da los war, und sofort verbrannten sich einige von ihnen ebenfalls. Das gab natürlich ein ziemliches Geschrei und Gejammere. „Ich hatte euch doch gewarnt, dass ihr die Quallen nicht berühren sollt.“, schimpfte die alte Wasserschildkröte. „Aber das Brennen hört nach einiger Zeit wieder von selber auf. Ihr dürft euch die Quallen nur anschauen und nicht berühren. Seht doch nur, wie schön die im Mondschein leuchten. Aber wenn ihr erst grösser seid, könnt ihr euch nicht mehr an Quallen verbrennen. Dann sind sie für euch ein ordentlicher Leckerbissen.“ Die kleinen Wasserschildkröten, die sich nicht verbrannt hatten, fanden die Quallen auch sehr schön. Alle staunten, wie elegant die Quallen gemeinsam durchs Wasser trieben. Sie hielten aber jetzt vorsichtshalber einen grossen Abstand. „Nun habt ihr genug Zeit mit den Quallen verbracht.“, sagte die alte Wasserschildkröte nach einer Weile. „Wir müssen weiter, denn ich habe euch noch viel zu erklären.“

36

Unterwasserwelt.indd 36

28.2.2011 9:35:58 Uhr


Und so zog die Schar der kleinen Wasserschildkröten hinter der alten Wasserschildkröte her. Sie hielten gelegentlich an, wenn die alte Wasserschildkröte ihnen etwas erklärte, und sie passten auch immer gut auf, damit ihnen bei ihren Erkundungen nicht wieder etwas Unangenehmes passieren konnte. Die drei kleinen Krebse sassen am Meeresgrund und beobachteten die Wasserschildkröten. „Die kleinen Wasserschildkröten sehen aber lecker aus.“, meinte der erste Krebs. „Ich habe Hunger und hätte Lust, mir eine zu greifen.“ „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“, sagte der zweite Krebs. „Die alte Wasserschildkröte würde bestimmt furchtbar wütend, wenn wir ihre Kinder fangen. Mit ihrem schweren Panzer ist sie ja auch ziemlich stark.“ „Und ausserdem“, sagte der dritte Krebs, „ist die alte Wasserschildkröte doch unsere Freundin. Wir haben schliesslich mit ihrer Hilfe den kranken Rochen gesund gepflegt. Da werden wir doch wohl ihren Kindern nichts antun. Wir sollten uns lieber etwas anderes zu fressen suchen.“

„Leider ist jetzt auch die letzte Geschichte zu Ende.“, sagte der Opa. „Wir sollten bald wieder einmal ins Aquarium gehen und die Tiere besuchen.“

37

Unterwasserwelt.indd 37

28.2.2011 9:36:02 Uhr


Was die Meerestiere

so alles können

Als Philippa das nächste mal den Opa besuchte, hatte sie lange über die Geschichten von den Meerestieren nachgedacht. Jetzt hatte sie viele Fragen: „Wie kann ein Seeigel denn sehen? Wo hat der denn seine Augen? Und warum heisst das Seepferdchen so? Und wie können Kalmare mit ihren vielen Armen zurecht kommen?“ So ging es eine ganze Zeit, bis der Opa sagte: „Du kannst mir ja richtige Löcher in den Bauch fragen. Aber wenn du so neugierig auf die Meerestiere bist, kann ich dir ja ein wenig über sie erzählen.“ „Au ja“, freute sich Philippa und setzte sich zum Opa auf das Sofa.

38

Unterwasserwelt.indd 38

28.2.2011 9:36:03 Uhr


Seeigel

Es gibt viele verschiedene Seeigel. Die kleinsten sind etwas kleiner als deine Faust, die grössten sind so gross wie ein Fussball. Ein Seeigel hat an seiner Unterseite ein Maul mit fünf Zähnen. Er frisst Seetang mitsamt den kleinen Tieren, die im Seetang leben. Der Seeigel kann seine Stacheln einzeln bewegen, als ob es Beine wären. Zwischen den Stacheln hat er Saugnäpfe, mit denen er sich überall festsaugen kann. Wenn ein Seeigel sich verstecken will, kann er sich mit seinen Stacheln sogar kleine Muscheln auf den Rücken legen. Über seinen Körper ziehen sich fünf Streifen, in denen er ganz viele Augen hat. Wenn du am Strand einmal einen Seeigel siehst, musst du mit seinen spitzen Stacheln gut aufpassen. Wenn man sich damit sticht, ist das nämlich sehr unangenehm und tut ziemlich weh. Seeigel sind mit den Seesternen verwandt. Weil sie beide eine stachelige Haut haben, nennt man sie „Stachelhäuter“.

Seepferdchen

Der Kopf vom Seepferdchen erinnert ein wenig an ein Pferd. Deshalb hat es seinen Namen bekommen. Ein Seepferdchen ist aber ein Fisch. Es hat keine Schuppen, sondern ganz kleine Knochenplättchen, mit denen es vor grossen Raubfischen geschützt ist. Seepferdchen fressen kleine Krebse und Larven. Ein Seepferdchen schwimmt aufrecht und kann seine Augen getrennt so bewegen, dass es gleichzeitig nach vorne und nach hinten schauen kann. Wenn ein Seepferdchen müde ist, klammert es sich mit seinem Greifschwanz an einer Wasserpflanze fest und ruht sich erst einmal aus. Ein Seepferd-Männchen und ein Seepferd-Weibchen leben ihr ganzes Leben lang zusammen. Das Weibchen legt ganz viele Eier in die Brusttasche des Männchens, und das Männchen brütet dann die Eier aus. Es gibt viele verschiedene Arten von Seepferdchen. Das kleinste ist nur so gross wie Opas Daumennagel, und das grösste ist mit 30 Zentimetern ungefähr so lang wie ein Lineal.

Krebs

Es gibt ganz viele verschiedene Arten von Krebsen. Die meisten bewegen sich nur seitwärts, weil sie andere Beingelenke haben als wir und damit nicht vorwärts laufen können. Wenn ein Krebs ein Bein verliert, zum Beispiel in einem Kampf mit einem anderen Tier, dann wächst das Bein wieder nach. Krebse haben kräftige Scheren. 39

Unterwasserwelt.indd 39

28.2.2011 9:36:06 Uhr


Mit denen zerschneiden sie ihr Fressen, aber sie benutzen die Scheren auch zum Kämpfen. Manchmal geben sich die Krebse mit ihren Scheren auch untereinander Zeichen. Wenn du mal am Strand einen Krebs fangen willst, musst du aufpassen, dass er dich nicht mit seinen Scheren zwickt. Wenn kleine Krebse gross werden, müssen sie von Zeit zu Zeit ihre Schale abwerfen, weil es ihnen darin zu eng wird. Dann wächst eine neue, grössere Schale nach. Manche Krebse sind so klein, dass man sie kaum sehen kann. Andere werden riesengross. In Japan gibt es sogar Riesenkrebse, die fünf Meter gross werden können. Das ist ungefähr so gross wie ein kleines Auto. Ein besonderer Krebs ist der Einsiedlerkrebs. Er hat keinen Panzer und sucht sich deshalb eine schöne Muschelschale. Da krabbelt er dann rückwärts hinein und klemmt sich mit zwei Beinen so fest, dass ihn keiner herausziehen kann. Wenn er irgendwo eine schönere Muschel findet, verlässt er die alte Muschel und kriecht in die neue. Ein Hummer ist auch ein Krebs. Er kann ungefähr 50 Zentimeter gross werden. Das ist so gross wie dein Bein lang ist.

Rochen

Weil die Rochen so flach sind, können sie sich gut im Sand eingraben. Ausserdem können sie mit ihrem flachen Körper mit den seitlichen Flossen besonders elegant schwimmen. Dass ein Rochen so schön schwimmen kann, liegt auch daran, dass er keine Knochen hat. Seine Wirbelsäule besteht aus ziemlich weichen Knorpeln, und die sind viel biegsamer als deine Wirbelsäule. Manche Rochen können sogar aus dem Wasser springen und dann wie ein Segelflugzeug ein Stück über dem Wasser schweben. Auch von den Rochen gibt es viele verschiedene Arten, und sie kommen in allen Meeren vor. Einige Sorten leben auch in der Ostsee und in der Nordsee. Die grössten Rochen können sieben Meter breit werden. Das ist so gross wie unser Wohnzimmer. Diese grossen Mantarochen fressen keine Fische, sondern Algen und klitzekleine Tierchen, die im Wasser umhertreiben. Andere Rochen haben einen harten Giftstachel im Schwanz, mit dem sie ihre Beute betäuben. Wenn sich irgendwo ein Tier im Meer bewegt, kann der Rochen das schon aus weiter Entfernung auf seiner Haut spüren. So findet er seine Beute. Wenn du im Aquarium die Unterseite eines Rochens betrachtest, sieht es aus, als hätte er dort ein Engels-gesicht. Das, was wie Augen aussieht, sind aber eigentlich seine Nasenlöcher. Die Augen hat der Rochen auf seiner Oberseite. Die meisten Rochen sind neugierig, und sie sind gern in Gesellschaft mit anderen Rochen.

40

Unterwasserwelt.indd 40

28.2.2011 9:36:11 Uhr


Wasserschildkröte

Wasserschildkröten können 60 Jahre alt werden, fast so alt wie der Opa jetzt ist. Andere Schildkröten können sogar bis zu 100 Jahre alt werden. Das ist noch älter als die Uroma. Um die Eier zu legen, kriecht das Weibchen an Land und sucht sich ein schönes sonniges Plätzchen. Sie lässt das Nest allein, und die Eier werden dann von der Sonne gewärmt. Das Schildkröten-Weibchen legt immer sehr viele Eier, damit noch welche übrig bleiben, wenn Vögel Eier stibitzen. Wenn die Schildkröten-Kinder aus den Eiern schlüpfen, ist ihr Panzer noch ganz weich. Sie müssen dann schnell ins Wasser flitzen, damit sie nicht von den Vögeln gefressen werden. Das machen sie immer nachts, weil dann die Vögel noch schlafen. Solange die Wasserschildkröten noch klein sind, fressen sie nur Pflanzen. Später fressen sie dann auch kleine Meerestiere, und sie mögen dann gern Quallen. Wenn jemand eine Plastiktüte ins Wasser wirft, kann es vorkommen, dass die Wasserschildkröten denken, dass das eine Qualle ist. Das ist dann für die Wasserschildkröten sehr gefährlich, weil sie an der Plastiktüte leicht ersticken können.

Qualle

Wenn man sich Quallen einmal näher anschaut, dann sieht man, dass sie eigentlich sehr schön sind. Es gibt viele verschiedene Arten, grosse und kleine, in allen möglichen Farben. Die meisten Quallen sind durchsichtig und haben lange, ganz dünne Arme, die man Tentakel nennt. Die sehen aus wie Fäden. Ganz grosse Quallen können mit ihren Tentakeln länger als 30 Meter werden. Das ist so lang wie vier Omnibusse hintereinander. Ausgewachsene Quallen erzeugen Larven. Die heissen „Wimpernlarven“ und setzen sich am Meeresgrund fest. Sie wachsen zu einer Polypenkolonie heran. Das sieht dann so ähnlich aus wie ein dicker Schachtelhalm. Wenn die Polypenkolonie ausgewachsen ist, teilt sie sich in mehrere Teile auf. Das sind dann die fertigen Quallen. Quallen können unterscheiden, ob es hell oder dunkel ist. Sie können nicht sehen und ihre Bewegungen nicht selber steuern. Sie werden deshalb von der Strömung und den Wellen hin- und hergetrieben. Sie fressen Eier und Larven anderer Fische. Wenn sie auf das Land getrieben werden, dann vertrocknen sie und sterben. In den Tentakeln haben viele Quallen ein Gift, mit dem sie kleine Tiere betäuben können. Wenn man mit dem Gift in Berührung kommt, brennt das wie bei einer Brennnessel. Deshalb fasst du besser keine Qualle an, auch keine, die tot am Strand liegt. 41

Unterwasserwelt.indd 41

28.2.2011 9:36:15 Uhr


Krake (Tintenfisch)

Kraken sind ganz besonders interessante Meerestiere. Es gibt so viele verschiedene Sorten, dass man sie gar nicht zählen kann. Eine Art ist der Kalmar. Manche Kalmare können sogar leuchten und sich so besser im dunklen Meer zurechtfinden. Kraken sind recht schlau und können so viel lernen wie ein Hund. Sie fressen Fleisch und ernähren sich am liebsten von Krebsen und anderen kleinen Tieren. Kraken nennt man Kopffüssler. Sie haben einen grossen Kopf mit einem mächtigen Mund. Am Kopf sind meistens acht Arme mit vielen Saugnäpfen. Es gibt aber auch eine Sorte mit fünfzig Armen. Die heisst „Nautilus“. Du hast ein Gehirn, aber die achtarmigen Kraken haben neun Gehirne. Jeder Krakenarm hat sein eigenes kleines Gehirn, und deshalb kann jeder Krakenarm unabhängig von den anderen Armen nachdenken und gleichzeitig etwas verschiedenes tun. So kann sich ein Krake zum Beispiel mit zwei Armen irgendwo festhalten, mit dem dritten und vierten Arm steckt er sich etwas zu Fressen ins Maul, und mit den anderen Armen sucht er schon mal nach neuer Beute. Das neunte Gehirn passt auf, dass der Krake mit seinen anderen Gehirnen nicht durcheinander kommt. Kraken sind sehr kräftig, aber wenn es gefährlich wird, flüchten sie lieber und stossen Tintenwolken aus, damit die Feinde sie nicht mehr sehen können. Wenn sie auf der Flucht sind, können sie sich ganz dünn machen und durch die engsten Ritzen schlüpfen. Zum Schwimmen stossen die Kraken Wasser aus, um sich fortzubewegen. Ihre Arme benutzten sie dabei zum Steuern. Die grössten Kraken können 18 Meter lang werden, wenn sie ihre Arme ausstrecken. Das ist ungefähr so lang wie zwei Omnibusse hintereinander. Ganz früher hatten alle Kraken ein Gehäuse wie du es von den Schnecken kennst. Das kannst du im Aquarium noch sehen, wenn du dir den Nautilus betrachtest. Er hat auf seinem Kopf eine feste Platte, und wenn er sich in sein Gehäuse zurückzieht, wirkt die Kopfplatte wie eine Haustür. Eine andere Krakenart ist die Sepia. Sepien können ihre Farbe wechseln. Wenn sie sich im Sand verstecken wollen, sehen sie sandfarben aus, und wenn sie sich auf

42

Unterwasserwelt.indd 42

28.2.2011 9:36:21 Uhr


Kieselsteine legen, haben sie ein Muster wie die Steine. So können ihre Feinde sie nicht finden. Sepien haben unter ihrem Rücken eine flache Schale aus Kalk. Manchmal sieht man eine solche Schale in einem Vogelkäfig. Die Vögel können daran ihren Schnabel schärfen wie der Opa seine Messer an einem Wetzstein schärft.

Philippa fragte den Opa: „Woher weisst du eigentlich so viel über die Tiere im Meer? Bei uns gibt es doch gar kein Meer.“ Der Opa musste lachen und antwortete: „Das meiste über die Meerestiere haben mir die freundlichen Leute vom Sea Life Aquarium erklärt, damit ich dir in meinen Geschichten nichts Falsches erzähle.“ Da meinte Philippa: „Das war aber nett von den Leuten im Aquarium. Wenn die dir nicht geholfen hätten, dann hätten wir jetzt keine schönen Geschichten gehabt.“ „Das stimmt.“, sagte der Opa. „Ausserdem tun die Leute vom Sea Life Aquarium auch eine ganze Menge für die Meerestiere. Die kümmern sich um Wale und Delphine und helfen mit, dass das Meer ein sauberes und sicheres Zuhause für die Tiere ist. Leider gibt es ja im Meer viel Müll und Schmutz, und das ist für die Tiere schädlich. Manchmal werden Tiere, vor allem Wasserschildkröten, auch von Schiffsschrauben verletzt. Die kommen dann in ein Tierkrankenhaus und werden da behandelt.“ Philippa wurde ganz nachdenklich und versprach dann: „Ich werde nie eine Plastiktüte ins Wasser werfen, damit die Schildkröten nicht denken, das wäre eine Qualle.“ 43

Unterwasserwelt.indd 43

28.2.2011 9:36:25 Uhr


Von den selben Autoren ist das Buch „Opas Geschichten-Kiste“ erschienen:

von Jochen und Svenja Doering

Opa hat eine Kiste. Da sind immer neue Geschichten drin. Die Kiste ist eigentlich unsichtbar, aber wenn ein Kind die Augen ganz fest schliesst und auch richtig an die Kiste glaubt, dann kann der Opa die Kiste doch sehen. Wenn der Opa die Kiste öffnet, findet er eine Geschichte. Die nimmt er dann heraus und verschliesst die Kiste wieder. Am nächsten Tag ist eine neue Geschichte in der Kiste. In der Kiste findet der Opa die Geschichten vom Hund, der mit dem Igel Fussball spielen will, und vom grünen Papagei, der sich in Opas Garten auf dem Ahornbaum verirrt hat. Dann gibt es noch die Geschichten vom frechen Marder und vom Fuchs, der sich eine Gans fangen will. Und schliesslich findet der Opa die Geschichte vom Mäusebussard, der auf seiner Jagd einen Maulwurf mit einer Maus verwechselt.

34 Seiten im Format 21 x 21 cm, durchgängig farbig illustriert ISBN 978-3-00-033817-5 Erhältlich unter www.opas-geschichten.de

44

Unterwasserwelt.indd 44

28.2.2011 9:36:27 Uhr


Das ist Philippa. Sie geht gerne mit dem Opa ins Aquarium und drückt sich auch schon mal die Nase an den Glasscheiben platt. Manchmal findet sie die Meerestiere etwas merkwürdig. Aber wenn der Opa ihr Geschichten von den Tieren erzählt, dann staunt sie, was die so alles können.

Das sind Philippas Opa und Philippas Mama. Der Opa hat die Geschichten aufgeschrieben, und die Mama hat die Bilder dazu gemalt.

45

Unterwasserwelt.indd 45

28.2.2011 9:36:30 Uhr

Unterwasserwelt  

Spannende Tiergeschichten zum Vorlesen für drei- bis sechsjährige Kinder

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you