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Gertrud Heise ( Hrsg.)

Der Ernst des Lebens Fast Biografisches aus dem K端nstlerleben von Ernst Heise


Gertrud Heise (Hrsg.)

Der Ernst des Lebens Fast Biografisches aus dem K端nstlerleben von Ernst Heise


Gertrud Heise (Hrsg.)

Der E Ernst des Lebens Fast Biografisches aus dem KĂźnstlerleben von Ernst Heise

Das Buch zum HĂśren Mit drei CDs, zusammengestellt von Peter Gotthardt

B&Z-Verlag Leddin


CD 1

Ernst Heise Der Sänger

1. Interview mit Rudolf Krickow (Berliner Rundfunk) . . . . . . . . . im Volkstheater Rostock 2. Ein jeder kennt die Lieb auf Erden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . aus Eugen Onegin“ von P. I. Tschaikowsky 3. O Isis und Osiris aus Zauberflöte von W.A. Mozart . . . . . . . . . . 4. Palermo-Arie Mitschnitt eines Konzertes . . . . . . . . . . . . . . . . . . i. d. Komischen Oper Berlin v. 13. 10. 1962 aus „Sizilianische Vesper“ von G. Verdi 5. 5000 Taler Mitschnitt einer Live-Aufführung . . . . . . . . . . . . . . . am Theater Nordhausen aus „Der Wildchütz“ v. A. Lortzing 6. La Mer M.: Charles Trenet/dt. T.: Hans Fritz Beckmann . . . . . . 7. Die Sonne malt Zeichen 15. 7. 1972 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Martin Hoffmann/Horst Hoffmann 8. Ich linse mit der Linse M.: Rolf Kuhl, T.: Andreas Anden . . . . 9. Ich brauch’ ein Mädchen für den Sonnenuntergang . . . . . . (mit Bianca Cavallini) M.: Rolf Kuhl, T.: Anderas Anden 10. Gigi, war ich verschlafen oder blind* . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26. 10. 1965 in Leipzig aus „Gigi“ von Frederick Loewe/Alan Jay Lerner 11. Man sagt, Verliebtsein, das wäre wundervoll . . . . . . . . . . . . Live-Mittschnitt eines Konzertes vom 5. 12. 1965 in Leipzig mit Bianca Cavallini aus „Annie Get Your Gun“ von Irving Berlin 12. Eine Rose kauf ich dir vom letzten Geld . . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Martin Hoffmann, T.: Dieter Schneider

3:47 5:20 2:50 3:59

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13. Alles, was du kannst, das kann ich viel besser . . . . . . . . . . . . Mitschnitt eines Konzerts „Alte Liebe rostet nicht“ mit Dagmar Frederic aus „Annie Get Your Gun“ 14. Mein Freund Bunbery (mit Lutz Jahoda) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mitschnitt eines Konzerts „Alte Liebe rostet nicht“ aus „Mein Freund Bunbery“ von Gert Natschinsky/Jürgen Degenhardt 15. Ich bin allein (Ich sitze im Schatten)* 26. 10. 1965 in Leipzig . . . aus „Gigi“ von Frederick Loewe/Alan Jay Lerner 16. Zwei Schnecken gehen zum Begräbnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Josef Kosma, T.: Jacques Prévert, dt.: Wilhelm Neef 17. Zwei Frösche haben Angst vor dem Storch . . . . . . . . . . . . . . M.: Josef Kosma, T.: Jacques Prévert, dt.: Wilhelm Neef 18. As Burlala geboren was** Traditional . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19. Vedder Michel** Traditional . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20. Auf Matrosen, die Anker gelichtet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Christian August Pohlenz, T.: Wilhelm Gerhard 21. Ich muß mal wieder Seeluft schnuppern . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Siegfried Schäfer, T.: Dieter Schneider 22. Außen rauhe Schale, innen weicher Kern . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Joachim Dannenberg, T.: Ulrike Kronberg, Dieter Schneider 23. Schlußwort von Peter Bosse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24. Ernst Heise war 1936 acht Jahre alt (Lilli Marleen) . . . . . . . . M.: N. Schultze Spieldauer *

Lizenzübernahme aus dem „Deutschen Rundfunkarchiv ** Übernahme von NDR 1 – Radio MV

3:41

3:30

2:35 2:39 1:09 2:31 1:12 1:38 2:16 3:03 0:55 2:03 72:12


CD 2

Ernst Heise Der Schauspieler

1. Aus der Etüde E-Dur von Fréderic Chopin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0:38 (Klavier: Peter Gotthard) 2. Ernst Heise rezitiert Wilhelm Busch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11:42 3. Ernst Heise spricht Peter und der Wolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34:08 von Sergeji Prokoffjeff, Mitschnitt eines Live-Konzerts in Prenzlau vom 22.4.1993, Nordostdeutsche Philharmonie unter der Leitung von Ovidiu Christea Gedicht und Fabeln aus seinen Rundfunksendungen „Ihre Morgenmelodie“ des Berliner Rundfunks 4. Moderation und „Athmosphärische Konflikte“ . . . . . . . . . . . . . . (Erich Kästner) 5. Aus der Etüde E-Dur von Fréderic Chopin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Moderation und „Frühlingsgefühle“ (Hans Krause) . . . . . . . . . . 7. Aus der Etüde E-Dur von Fréderic Chopin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Moderation und „Frühling ist schön“ (Erich Brehm) . . . . . . . . . 9. Moderation und „Manchmal“ (Heinz Kahlau) . . . . . . . . . . . . . . . 10. Aus der Etüde E-Dur von Fréderic Chopin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Moderation und „Fabel vom Esel und vom Löwen“ . . . . . . . . . . . (Gotthold Ephraim Lessing) 12. Moderation und „Die Esel und die Nachtigallen“ . . . . . . . . . . . . . (Gottfried August Bürger) 13. Moderation und eine Fabel von Wilhelm Busch . . . . . . . . . . . . . . 14. Aus der Etüde E-Dur von Fréderic Chopin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15. Aus Ernst Heises letztem Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16. Aus Ernst Heises Schwanengesang (9.6.1990) . . . . . . . . . . . . . Auszüge aus Ernst Heises letzter Sendung „Ihre Morgenmelodie“ im Berliner Rundfunk (206. Sendung) 17. „Der Mensch“ (Matthias Claudius) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18. Ernst Heise verabschiedet sich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . mit einer Volksweisheit Spieldauer

1:12 0:16 1:32 0:56 1:35 1:15 0:40 0:48 0:37 0:54 0:19 1:27 14:13

0:48 0:15 73:15


CD 3

Ernst Heise Der Entertainer

1. Anmoderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. The Bank of Sacramento Traditional . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Maria Maraya . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . aus „Paint Your Wagon“ von Frederick Loewe/Alan Jay Lerner 4. Anmoderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Tango Jealousy M.: Jacob Gade, T.: Winifried May . . . . . . . . . . 6. Moderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Ein Regenschirm geht wandern 1972 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Gerhard Siebholz, T.: Heiner Jahnke, Dieter Schneider 8. Vielleicht 1972 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . M.: Gerhard Siebholz, T.: Andreas Walter, Dieter Schneider 9. Moderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. War ich verschlafen oder blind 26. 10. 1965 in Leipzig . . . . . . . aus „Gigi“ von Frederick Loewe 11. Die Frau meiner Träume 1. 9. 1965 in Leipzig . . . . . . . . . . . . . . . . aus „Annie Get Your Gun“ von Irving Berlin/Robert Gilbert 12. Moderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13. Die Reise um Cap Horn T./M.: Klaus Prigge . . . . . . . . . . . . . . . . 14. Dat Leed von Grog (Das Lied vom Grog) . . . . . . . . . . . . . . . . . . T./M.: Klaus Prigge 15. Wenn meine Sehnsucht ein Seewind wär . . . . . . . . . . . . . . . . (T./M. konnten nicht ermittelt werden) 16. Moderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17. Und in dem Schneegebirge Traditional (Schlesien) . . . . . . . . . 18. Moderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19. Hoch auf dem gelben Wagen 1967 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rudolf Baumbach/Heinz Höhne 20. Winde weh’n, Schiffe geh’n Traditional (Finnland) 1967 . . . . . Rudolf Baumbach/Heinz Höhne 21. Abmoderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22. De ole Schipper Traditional 4. 7. 1968 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1:02 2:50 2:41 0:20 3:12 0:20 2:44 2:56 0:39 2:50 1:11

0:22 1:11 2:14 2:10 0:12 1:42 0:52 3:10 1:31 1:02 2:06


Gertrud Heise (Hrsg.): Der Ernst des Lebens Alle Autorenrechte liegen beim Herausgeber Alle Abbildungen entstammen dem Nachlaß von Ernst Heise CD-Herstellung: VERLAGSHAUS GOTTHARDT

© 2004 B&Z-Verlag Leddin, 1. Auflage Verantwortlich für den Inhalt: SR Dr. Dr. Gertrud Heise Redaktion: SR Dr. Dr. Gertrud Heise, Peter Bosse Umschlaggestaltung u. Märchenillustration: Claudia Kreile Layout u. Satz: Burckhart Seifert Lektorat: Erika Becker Management: Lutz Hebig, Tom Leddin Gesamtherstellung: B&Z-Verlag Leddin, PF 58 04 19 Berlin, Telefon +49 30 257699-76, Telefax +49 30 257699-65 Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN 3-935900-10-4


Inhaltsverzeichnis Teil 1 – Wortbeiträge Weißt Du noch . . . Gerti Heise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mein Freund Ernst Hubert Schmidt-Gigo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auszüge aus der Familienchronik der Heises . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erinnerungen Freunde Ernst Heises . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vietnam Tourneetagebuch Ernst Heises . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefwechsel mit Konrad Wolf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hörerzuschriften Harald Riedel-Taschner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefe vom Kater an das Igelchen Ernst Heises Briefe an Gerti . . . . . . Vom Igelchen und seinem Kater Märchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernst Heise in den Medien Zeitungsausschnitte . . . . . . . . . . . . . . . . .

         

Teil 2 – Bilder Jugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kostüme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Radio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Veranstaltungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wilhelm Busch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Silberhochzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geburtstag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernst Heise privat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Portraits . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

           

Anhang Lebensdaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 


. . . Danksagung . . . . . . für jeden Beitrag zum Gelingen dieses Buches mit drei CDs, besonders an Julia Axen, Peter Bause, Hans-Jürgen Beyer, Peter Bosse, Hans Ullrich Brandt, Wolfgang Bredow, Feli Brünn (Greiner Pohl), Bianca Cavallini, Christian Ewald, Dagmar Frederic, Hannelore Freudenberger-Steiner, Achim Fröhlich, Jürgen Frohriep, Hilde Gölles, Peter Gotthardt, Lothar Grosse, Manfred Grund, Mary Halfkat, Jörg Hammerschmidt, Tina Hensch-Schitto, Michael Hansen, Bernd Hauswurz, Harald Heinke, Jochen Heinrichs, Margarete Herzberg-Enders, Martin Hoffmann, Peter Holzner, Heinz Igel, Asta Jachimowski, Wolfgang Jaeger, Lutz Jahoda, Günter Klein, Sybille Klein, Anne Köhl, Eleonore König, Ingeborg Krabbe, Karl Kraffczyk, Irmelin Krause, Claudia Kreile Hilz, Joachim Kurzweg, Julian Lehnecke, Wolfgang Lippert, Maja Lopatta, Renate Lülsdorf, Alfred Lux, Dietmar Mammitsch, Andreas Marschallek, Winfried Müller, Karl Heinz Neumann, Beate Nolte, Klaus Nowodworsk, Achim Petry, Achim Pukaß, Gerd Puls, Ingrid Raack, Uve Regensburger, Ursel Reinck, Harald Riedel-Taschner, Wolfgang Rödiger, Jörg Rohleder, Paul Rohr, Heinz Roßberg, Heinz-Rüdiger Rudka, Eberhard Rudolph, Jürgen Rummel, Siegfried Schäfer, Sabine Jörg-Scharlau, Hans R. Scheibe, Hubert Schmidt-Gigo, Vera Schneidenbach, Annelore Schulze, Harry Seeger, Burckhart Seifert, Hilde Simon, Ingrid Stierandt, Herbert Sturm, Hermann Tesch, Regina Thoss, Ellen Tiedtke, Siggi Trzoß, Lajos Turi, Franz Viehmann, Rudi Werion, Matthias Windelschmidt, Konrad Wolf, Ingrid Wuthe, Wolfgang Ziegler, Jochen Zunker . . . für die engagierte Hilfe bei Recherche, Beschaffung und Produktion an Frau Nottmeier von SFB Werbung Berlin, Frau Brandenstein, Herrn Teige vom Deutschen Rundfunkarchiv Berlin, Herrn Dr. Oehme vom Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig/Halle, Herrn Orchestervorstand Reinhard Riedel sowie seinem MDR Studioorchester, Herrn Chorvorstand Thomas Ratzak sowie seinem MDR Studiochor, Herrn Stephan Mitschke vom Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern – Schallarchiv/Presse, Frau Brandt vom Archiv des NDR, Herrn Ovidiu Christea sowie der Norddeutschen Philharmonie, Herrn Johannes Warns vom Warns Tonstudio Berlin


Ernst Heise Ăœber sein Leben


. . . Weißt Du noch . . . . . . Ernst Heise, was ich mit Dir erlebt habe? Hallo Ernstl’! Ich muß mal wieder mit Dir telefonieren! Da sitzt Du nun auf deiner Wolke Sieben und kannst heute nicht mehr tun, als nur mir zuhören. Das war ja früher nicht dein Ding, denn Du warst ja immer eine „Quatsche“, wie Du dich oft selbst bezeichnet hast, und ich habe dir zugehört! Die schönste Stunde des Tages war für mich die „Tea-Time“-Stunde, nachmittags so gegen 17 Uhr. Ich komme aus dem Dienst, und Du bist entweder schon wieder oder noch zu Hause, mußt aber gewöhnlich bald weg und hast schon den Earl Gray oder deinen geliebten Chinesischen Schwarztee aufgebrüht. Und dann erzählst Du mir deine Tageserlebnisse. Du hast jeden Tag eine Geschichte erlebt, die Du mir berichten wolltest. Du hattest immer etwas zu erzählen, und ich habe dir so gerne zugehört. Es wurde mir nie über. Alles, was Du zu sagen hattest, war so interessant und spannend, daß ich davon nie genug bekommen konnte, selbst wenn es sich um ein neues Kochrezept handelte, das unbedingt bei nächster Gelegenheit ausprobiert werden sollte. Kochen war ja deine große Leidenschaft. Du gingst noch nicht zur Schule, als Du schon deine Mama beim Kochen in der Küche gestört und ihr auf die Finger geguckt und gefragt und gefragt hast. Mit großen Augen hast du beobachtet, was die Mama da so alles macht; denn was sie schließlich auf den Tisch stellte, das schmeckte immer phantastisch – trotz der sehr schmalen Haushaltskasse. Dein Vater hatte in der Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre seine lukrative Stellung bei der Pharmafirma BykGulden in Oranienburg verloren und versuchte nun, durch Buchhalter-Arbeiten in verschiedenen Oranienburger Geschäften – u. a. bei Fleischermeister Stöpel – das Nötigste für die Familie zusammenzubringen. Und deine Mutter Der Radiokoch als Hobbykoch stickte fremden Leuten Monogramme zu Hause gerti heise

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in die Wäsche. Das hatte sie als wohlbehütete Tochter einer angesehenen Leipziger Familie erlernen dürfen. So hast Du als Jüngster der beiden anderen Heise-Geschwister, die wesentlich älter waren und „bessere Tage“ erlebt hatten, eine eigentliche Not nicht kennenlernen müssen. Du fandest es sogar wunderbar, daß die Mama dir erlaubte, die fertige Näharbeit auszutragen. Denn weil Du, wie man hörte, ein hübscher lieber kleiner Kerl warst, bekamst Du so allerhand kleinere Geschenke zugesteckt. Kochen war also eine deiner großen Leidenschaften. In deiner Rundfunksendung „Ihre Morgenmelodie mit Ernst Heise“ – alle 14 Tage sonnabends auf „Stimme der DDR“ – gab es regelmäßig ein erprobtes Kochrezept, derart faszinierend vorgetragen, daß die Zuhörer sofort Appetit verspürten. Der Sender mußte sogar eine Mitarbeiterin einstellen, um die daraufhin stapelweise eingehende Post mit wunderbaren Rezepten aus der gesamten Zuhörerschaft – soweit die „Stimme“ eben zu empfangen war – bewältigen zu können. Einmal führte die Begeisterung einer Hörerin zu Ärger: Sie rief direkt beim Sender an und klagte: „Also bei dem Ernst Heise weiß man ja gar nicht, ob man einen Ost- oder Westsender eingeschaltet hat!“ Du wurdest ob dieses „Kompliments“ zum Intendanten zitiert! Kommentar überflüssig. Ja, nun wirst Du mir wohl noch eine Weile zuhören müssen, denn ich möchte mir bei dieser Gelegenheit einiges von der Seele reden – das ist gut für uns beide. Danke, daß es dich gab für mich, daß Du mich 33 Jahre hindurch in meinem Leben begleitet und beschützt hast. Es war ein wunderbares Leben mit dir. Alle Höhen und Tiefen, die man sich nur vorstellen kann, haben wir durchlebt. Eben privat ein eigentlich ganz normales und erfülltes Leben, wie ich es jedem auf der Welt wünsche und gönne. Dabei soll die Politik ausgeklammert bleiben. Es geschah im Sommer 1960, als Du in meine Welt einkamst. An einem Sonntagvormittag hatte ich als Assistenzärztin der Universitäts-HNO-Klinik Dienst am Volkstheater Rostock. In einer Matinee sangst Du. Du sangst die Gremin-Arie „Ein jeder kennt die Lieb’ auf Erden“ aus „Eugen Onegin“. Du und dein sehr emotional vorgetragener Gesang, deine unwahrscheinlich klangvolle Baßstimme hatten mich wie niemand zuvor beeindruckt. Und nun kam einige Tage später diese „Neuerwerbung“ des Volkstheaters als Patient mit einem für einen Sänger beängstigenden Problem zu mir in die HNO-Klinik! Du wußtest nämlich nicht, daß der plötzliche Hörverlust während der Probe zu „Carmen“ auf ein durch harmloses Ohrenschmalz verstopftes Ohr verursacht worden war. Und ich konnte helfen! Als Dank wurde ich zum Abend ins „Intime Theater“ eingeladen, wo uns deine agierenden Kollegen in der ersten Reihe entdeckten, uns Zeichen machten, grinsten und offenbar Vermutungen anstellten, wen sich denn 14

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der „Neue“ als Begleitung mitgebracht hätte. Allerdings war ich ihnen teilweise sogar bekannt, da Schauspieler und Sänger immer mal Bedarf beim HNO-Arzt haben. Und die HNO-Klinik lag ja auch so bequem direkt neben dem Volkstheater in der Doberaner Straße. Ja, und dann ging alles sehr schnell. Ich sollte deine Traumfrau sein. Du hättest dich gerade erst von deiner Marion S., immerhin Solotänzerin vom Ballett in Plauen, in gegenseitigem Einvernehmen innerhalb eines „Probejahres“ getrennt. Nachdem Du dich jetzt schon entschieden hättest, sollte so rasch wie möglich geheiratet werden! Ich erbat Bedenkzeit und sagte mir, so ein gutaussehender Mann vom Theater mit einer so tollen Stimme . . . den hast Du doch niemals allein, das gibt es doch gar nicht. Ich war skeptisch. Meine Eltern, die ich sehr liebte und verehrte, paßten im Charakter überhaupt nicht zueinander. Sie ließen sich scheiden und heirateten dann ein zweites Mal der beiden Kinder wegen. Sie bekamen dann noch einen Sohn, aber die unglückliche Ehe belastete uns Kinder sehr. Nun wollte ich vorsichtig sein! Du aber, Ernstl’, meintest treuherzig, Du würdest mir in meinem Leben niemals Kummer machen, das müsse ich dir glauben. Und ich glaubte dir nur allzu gerne. Dazu muß ich sagen: In all den 33 gemeinsamen Jahren hast Du dein Versprechen gehalten und mich niemals ernsthaft verletzt. Wir waren beide Versöhnler, hielten nichts vom Streiten und haben alle Problemchen bald wieder in die Reihe gebracht. Ich bin dir im Nachhinein so dankbar für dein großes Verständnis meinem Beruf gegenüber und für deine Toleranz! Ostern 1961 war die Verlobung. Deine Musikanten H. J. Frohriep, Pitt Lange und A. Kloß spielten überraschend für uns beide in der „Storchenbar“ in der Langen Straße – den Ort unserer Verlobung hatten sie nämlich herausbekommen. In den Theaterferien sollte dann geheiratet werden, und zwar am 28. August, an Goethes Geburtstag, und gleich nach den Rügen-Festspielen, in denen man dich als singenden Bootsmann in dem großartigen StörtebekerEpos von KUBA (eigentl. Kurt Barthel) besetzt hatte. Vorher wurdest Du jedoch in die Intendanz bestellt. Man wollte dich aufklären, welche Art Subjekt Du im Begriff warst zu ehelichen: Drei Jahre „Knast“ – von 1956 bis 1958, nach zwei Jahren vorzeitig auf Bewährung entlassen. Du hast nur gelacht: „Das hat Festspielbühne in Ralswiek . . . gerti heise

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. . . mit Ernst Heise als Bootsmann

sie mir schon alles berichtet – ich nehme sie trotzdem!“ Na ja, inzwischen bin ich – nach der Wiedervereinigung – rehabilitiert worden. Circa sechs Wochen vor dem Hochzeitstermin unternahm ich mit meiner Schul- und Studienfreundin Karla B. eine seit langem geplante Reise in die Sowjetunion – Kiew, Odessa, Suchumi, Sotschi – Du konntest es nicht fassen, daß ich diese Reise nicht absagte! Nun warst doch Du präsent in meinem Leben, und wolltest immer präsent sein! Du brachtest Karla und mich zum Zug im Ostbahnhof und stecktest mir einen hübschen gelbroten Wachstuchkater zu. Der sollte nun an deiner Stelle auf mich aufpassen und mich beschützen. Dieses kleine liebe Katerchen gibt es noch heute; es hat einen gut sichtbaren Ehrenplatz in meiner Schrankwand. Dann kam der 13. August 1961 – für uns beide ein Schwarzer Tag. Du warst während der Rügenfestspiele in Ralswiek im „Rosengarten“ in Putbus stationiert; einmalige herrliche Erlebnisse, auf der Freilichtbühne für Tausende begeisterte Zuschauer zu spielen und zu singen. Der Komponist Günther Kochan hatte für dich sogar noch eine zweite Rolle als Priester eingebaut und für deine schwarze Baßstimme er eigens ein wunderschönes Kyrie Eleison komponiert. Und nun dieses! Der Mauerbau, die Grenzen absolut dicht! Bei deinem Telefonanruf aus Putbus spürte ich deine Verzweiflung. Eine Welt war für uns zusammengebrochen. Du konntest jetzt nicht mehr zu deinem verehrten Gesangslehrer Paul Neuhaus nach Berlin-Charlottenburg fahren. Er hatte ja deine normale Jünglingsstimme, die fast jeder von Hause aus mitbringt, durch seine spezielle 16

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Gesangstechnik zu ihrem jetzigen Volumen aufgebaut und gestärkt. Sein berühmtester Schüler war Josef Metternich. Paul Neuhaus versuchte, dich telefonisch zu trösten: „Mein lieber Ernst Heise, Sie haben eigentlich alles gelernt, was es bei mir zu lernen gibt und sind auch in der Lage, es weiterzugeben. Mozart, Beethoven oder Verdi werden auf der ganzen Welt gespielt, die Musikkultur ist international.“ Was mich betrifft, galt ja mein Anliegen, Patienten zu helfen, gleichermaßen für Ost und West. Außerdem ging es so vielen Freunden ganz ähnlich; schließlich konnte nicht die gesamte DDRBevölkerung auswandern. Ganz besonders hinderte uns daran der Gedanke, Paul Neuhaus unsere Heimat verlassen zu müssen. Die geplante Hochzeitsreise zu unseren Verwandten nach drüben – als Erstes zu meinem Lieblingsonkel Pastor Karl Stegemann in Bad Laasphe im Sauerland, der unsere Trauung übernommen hatte – fiel ja nun ins Wasser. Und damit auch unsere Zukunftspläne, denn wir wollten dort bleiben und uns mit Hilfe der Verwandten ein neues gemeinsames Leben aufbauen. Darin waren wir uns beide einig. Die schon genehmigten Reisepässe wurden zurückgezogen und wir bekamen von Harry Tisch, dem damaligem Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Rostock und späteren Gewerkschaftsboß in Berlin, als „Ersatz“ eine Reise nach Friedrichroda ins Schloß Reinhardsbrunn, ein sogenanntes Intelligenz- und damit PrivilegiertenHeim, geschenkt. Zum Polterabend beziehungsweise -tag wurde mit den engsten Verwandten ein Ausflug nach Rheinsberg gemacht. Am eigentlichen Hochzeitstag, dem 28. August, gab es dann doch noch eine Panne. Die Feier nach dem Standesamt hatte Schwager Horst daheim in Oranienburg mit einem Hotelservice organisiert. Das seinerzeit erste Haus am Platze, der „Oranienburger Hof“, schickte einen großen Lieferwagen mit Bedienungspersonal für uns neun Personen. Vom Aufdecken über das Fünf-Gänge-Menue mit Getränken und Bedienung bis zum Abdecken für uns Luxus pur und für Emma und Horst Heise senior keinerlei Arbeit. Aber bis es dazu kam – oh Schreck! Schwager Horst holte den für das Standesamt bestellten Brautstrauß hervor: Weiße Nelken! Ich erblaßte, mit weißen Nelken zu meiner Hochzeit hatte ich nicht gerechnet. Das konnte ja kein Glück bringen, da war ich abergläubisch. Also Ernstl’, Du wolltest gerti heise

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die Situation retten, sprangst ins Auto und hin ging’s zum Blumenhaus, umtauschen. Gut gesagt. Die Blumenläden waren damals voller Grünpflanzen, Blumen zu ergattern war ausgesprochene Glücksache. Und Du hattest Glück . . . Zufällig war das schöne Blumenmädchen eine ehemalige Schülerin von dir und Fan deiner Sangeskunst. Sie ging nach hinten und holte einen großen Strauß Rote Nelken – etwas anderes gab es nun mal nicht. Auf dem Rückweg wurdest Du von einer „Weißen Maus“, also der Verkehrspolizei, gestoppt, weil Du eine Ampel bei Rot überfahren hattest. Auf deine strahlenden Worte: „Ich habe jetzt wirklich keine Zeit, ich heirate in circa zehn Minuten!“ bekamst Du grünes Licht und wir waren dann doch noch pünktlich auf dem Standesamt. Mir war nun auch schon alles egal; dann mußte eben mit roten – ausgerechnet den sozialistischen – Nelken geheiratet werden, aber bloß nicht Weiß! Nach dem „Festmahl“ kletterten wir in unseren „Wartburg“- PKW und landeten nach einem Abstecher in den Wörlitzer Park in unserem Hochzeitsreise-Domizil im schönen Thüringer Wald, mitten im Grünen Herzen Deutschlands. Gerade die Thüringer sind ja für ihre gastfreundliche, liebe und freundliche Art bekannt, auch in komplizierten Zeiten. Wir saßen zu den Mahlzeiten in einem großen vornehmen Saal, separat an einem Tischchen mit Tischkarten: Dr. Dr. Heise. Der vornehme ältere Ober: „Haben Sie Wünsche, Herr Doktor Heise?“ Du, freundlich korrigierend: „Der Doktortitel kommt mir nicht zu, der gebührt meiner Frau.“ Bei der nächsten Mahlzeit hieß es wieder: „Bitte, Herr Doktor Heise . . .“ Du unterbrachst höflich: „Ich sagte Ihnen doch schon, diesen Titel führt meine Frau.“ Darauf er: „Ach lassen Sie mich doch, vielleicht werden Sie es ja doch noch einmal.“ Du, lachend: „Ich könnte es höchstens bis zum Titel Kammersänger bringen, mehr ist nicht drin!“ In gewisser Weise waren wir natürlich durch unsere Berufe privilegiert. Weniger finanziell – wenn ich so an deine circa eintausend Mark Monatsgage als vielbeschäftigter seriöser Baß denke – aber durch unsere gesellschaftliche Position. Wir hatten beide angesehene Berufe, die uns viel Freude bereiteten. Unser Lebensmotto war: Mit dem Schlimmen, von dem sicherlich keiner auf Dauer verschont bleibt, fertig werden, es nicht als so wichtig bewerten und sich ansonsten an dem Guten und Schönen im Leben erfreuen. Und so haben wir uns stets bemüht, aus allem das Beste zu machen. Du hast mir später immer wieder gesagt, es wäre das größte Glück in deinem Leben, mir begegnet zu sein und es mit mir zu teilen. Von Zeit zu Zeit hast Du mir zu verstehen gegeben, daß ich für dich die schönste Frau sei, die Du kennst – und das mir, die ich mich selbst eigentlich nie besonders schön und attraktiv gefunden habe! Das hat mir immer wieder neue Kraft und erstaunliche Energien verliehen. Einmal war ich einfach platt, als Du vor Gästen aus dem Nähkästchen 18

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plaudertest: Vor dem Einschlafen hätten wir häufig Kochbücher studiert, oder Du hättest dich mit Vorliebe in irgendeinen Schmöker vertieft. Dann wäre ich plötzlich gesprächig geworden, hätte dich beim Lesen gestört, um dir irgendeine belanglose Kleinigkeit zu erzählen, die mich gerade beschäftigte. Etwas unwillig legtest Du deine Lektüre beiseite und hörtest dann sehr aufmerksam zu. (Von mir war das unbedacht, taktlos, egoistisch. Bei meiner unbekümmerten Art war es ja für dich als aufmerksamen Gatten mit gepflegten Manieren manchmal mit mir wirklich nicht einfach.) Dann deine Äußerung zu den Gästen: „Na klar habe ich das Buch beiseite gelegt! Da will der liebste Mensch, den ich auf der Welt habe, mein Mensch, mir etwas erzählen. Das ist doch alles viel, viel wichtiger als so ein Schmöker!“ So warst Du eben, Ernstl’. Das habe ich mir aber dann gemerkt. Siehst du, Ernstl’, so hatten wir doch noch eine schöne private Zeit mit viel Spaß und netten Leuten. Zum Beispiel haben wir einige Male deine reizende Schauspielkollegin Senta Bonacker vom Rostocker Theater auf Waldwanderungen und Ausflügen mitgenommen. Sie urlaubte allein, war über 50 und hatte so schreckliche Angst vor bösen Räubern, die sie im einsamen Wald überfallen und ihr die Handtasche rauben würden. Sie und auch Dr. Theile vom Volkstheater haben dir übrigens ein hervorragendes Plattdütsch beigebracht, das Du dann später bei verschiedensten Gelegenheiten gut anwenden konntest. Deine Theaterzeit brachte dir schöne berufliche Anerkennung und Freunde mit wunderbaren Aufgaben. Du warst zwar vertraglich als seriöser Opernbaß engagiert, aber durch deine Vielseitigkeit mehr und mehr auch anderweitig eingesetzt – im Schauspiel, bei Nachtrevuen und Theaterbällen, in der Jugendarbeit. Zum Beispiel denke ich an deine sehr beliebten Opern-Einführungen in Betrieben wie dem Fischkombinat Rostock und der Neptun-Schiffswerft. Plötzlich gehörten zu eurem Opernpublikum erstaunlich viele junge Leute, die nach einer solchen Opern-Einführung Interesse gefaßt hatten und die Thematik auch aus unserer modernen Zeit heraus verstanden. Es gab Matineen, es gab Lehrtätigkeit an der Schauspielschule Rostock, Du hattest Gesangsschüler. Auch von außerhalb des Theaterbetriebes kamen immer wieder verlockende Angebote: Funk und Fernsehen, Hafenkonzerte, Jugendweihen, Betriebsfeste. Viel Spaß machte dir die regelmäßige Radio-Sendung „Guten Tag, Sonntag“ beim Ostseestudio. Da zogst Du mit einem Reportergerät durch den Bezirk, machtest lustige Interviews mit Mecklenburgern und stelltest dann selbst die dazu passende Musik im Archiv des Senders zusammen. Wenn ich Zeit hatte, durfte ich helfen und war stolz, wenn Du mit meiner Musikauswahl zufrieden warst und mich dafür lobtest. Der damals schon bekannte Opernregisseur Götz Friedrich kam im gerti heise

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Auftrag des noch bekannteren Walter Felsenstein nach Rostock und wollte dich für die Komische Oper in Berlin abwerben, denn Du hattest bei einem dortigen Sängerwettbewerb zusammen mit G. Kaschl mit Deiner PalermoArie immerhin den 2. Preis zuerkannt bekommen. Aber Vertrag ist Vertrag – es klappte damals nicht mit dem Sprung nach Berlin, H. A. Perten gab dich nicht frei. Trotzdem strebtest Du einen beruflichen Wechsel an und begannst, dafür die Weichen zu stellen, als sich nach mehreren Jahren in Punkto Wiedervereinigung nichts bewegte, eher im Gegenteil. Wir waren davon ausgegangen, daß diese widernatürliche Trennung von Ost und West nicht lange dauern könne. Die beiden deutschen Staaten, die da entstanden waren, konnten kein Dauerzustand und erst recht keine endgültige Lösung sein. Obwohl in Rostock mit seinem internationalen Hafen als Tor zur übrigen Welt eine relativ großzügige Lebensqualität möglich war, fühltest Du dich doch mehr und mehr durch den anstrengenden Theaterbetrieb in deinen Möglichkeiten und Wünschen eingeengt. Mindestens drei Häuser – Oper, Musical und Schauspiel – waren zu bespielen, dazu die Jugendarbeit und die „Sondereinsätze“ usw. Du wolltest wieder zurück in die heimatlichen Gefilde, wieder in Berlin ansässig werden, dem Mittelpunkt eines Deutschlands, wie Du es immer gesehen hattest. Für euch junge Rand-Berliner gab es ja nach 1945 keine Probleme, in den Westsektor, der als vorübergehende Einrichtung betrachtet wurde, zu gelangen und beispielsweise in Frohnau – nur fünf S-Bahnstationen entfernt – tanzen zu gehen. Daß es dir schließlich doch gelang, im Guten aus den Rostocker Verträgen zu scheiden, empfand jeder, der die Theatersituation unter H. A. Perten kannte, als ein – wenn auch kleines – Wunder. Das war vor dir noch keinem Künstler gelungen! Hanns Anselm wußte um deine Vielseitigkeit und deine vielen Facetten. In einem Gespräch zeigte er großes Verständnis für dich, sah deine Zukunft als Entertainer und nicht auf einer Opernbühne. Er borgte sich immer wieder mal dein Benny-Goodman-Schallplattenalbum aus, das Du zur Hochzeit von unseren Westverwandten – damals eine Kostbarkeit und Rarität – als Geschenk erhalten hattest. Ja, das war auch seine Welt, und er wollte deiner weiteren Entwicklung nicht im Wege stehen. Man nannte dich zu dieser Zeit sogar den „Zonen-Sinatra“. Auch ich hatte bei dem mächtigen Theatergott einen guten Stand, mußte ich ihm doch von Zeit zu Zeit die Ohren ausspülen; ich war sozusagen seine HNO-Leibärztin. So wagtest Du also 1967 als „Freier Unternehmer“ den Sprung in die Unterhaltungskunst, die seinerzeit streng von der Ernsten Kunst getrennt wurde. Da hieß es dann oft: „Der Ernst Heise, der macht ja alles! Der weiß ja nicht, was er will.“ Es wurde nur zunächst nicht akzeptiert, daß er eben vieles – und manchmal sogar alles – konnte, und zwar perfekt. Es machte 20

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dir einen Riesenspaß, dich immer neuen Anforderungen und Aufgaben zu widmen, sie mit großer Qualität zu absolvieren und dein Publikum mit teils sehr unterschiedlichen Farben zu überraschen und zu begeistern. Was Geschmack und Stilrichtung anbelangt, warst Du immer deiner Zeit voraus. Und ich höre dich noch sagen: „Diese Trennung von U- und E-Kunst gibt es nur in Deutschland. International ist es ein Gewinn, alle seine Möglichkeiten auszuschöpfen, wenn man das gut kann. Das beste Beispiel dafür ist Amerika.“ Sehr gern hörte man dir zu, wenn Du mit deiner kräftigen Baßstimme Seemannslieder gesungen hast. Davon war man so angetan, daß viele Rundfunkaufnahmen entstanden und Du immer wieder zu Hafenkonzerten engagiert wurdest. Die Deutsche Seereederei – man nannte sie gern Seeräuberei – wurde auf dich aufmerksam und engagierte dich häufig als Entertainer auf ihrem Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“. Einmal durfte ich sogar auf einer solchen Urlaubsreise nach Kuba mitfahren. Ich hatte inzwischen einen Job beim Medizinischen Dienst des Verkehrswesens in Rostock und wurde so auch einige Male als Schiffsarzt eingesetzt. In diesem Fall hatte ich an Bord noch eine kleine Nebenbeschäftigung. Unser Chefsteward hatte eine „Dicke Backe“, verbunden mit fürchterlichen Zahnschmerzen. Es mußte etwas passieren. Wir kamen sonnabends gegen zwölf Uhr mittags in Havanna an und erfuhren, daß es vor Montag keine Möglichkeit gab, einen diensthabenden Zahnarzt aufzutreiben. Also war ich am Zug und extrahierte den schuldigen Bösewicht. Danach waren Patient und ich erheblich erleichtert. Einfach herrlich und unvergeßlich war die Äquatortaufe auf Hoher See. Bei dieser lustigen Zeremonie wurdest Du wegen deiner Baßstimme auf den Namen „Knurrhahn“ getauft und erhieltest laut Urkunde die offizielle Erlaubnis, „auf allen Gewässern der Erde – Meeren und Flüssen – nach Herzenslust zu fahren und zu schiffen“. Ich kann auch nicht den charmanten Kapitän Thiemann vergessen, der mir am Ende dieser vierwöchigen Traumreise als Dank für meine selbstverständlichen Hilfeleistungen galant eine Riesen-Bonboniere der Marke „Mon Cherie“ überreichte. Das war Spitze, denn in normalen Geschäften der DDR konnte man seinerzeit solcherart Konfekt nicht erstehen. Von einer ebenso bemerkenswerten Story hast Du mir berichtet, wie mir eben einfällt. Anläßlich einer anderen Kuba-Reise wart ihr gerade zum Jahrestag der DDR-Gründung, also einem 7. Oktober, in Havanna. Fidel Castro hatte euch schon zuvor auf dem Schiff besucht und jedem von euch einen kubanischen Strohhut und eine Flasche Weißen Kuba-Rum geschenkt. Nun solltest Du zusammen mit Angela Davis in HavannaStadt vor Fidel Castro auftreten und auf einer großen Festveranstaltung singen. gerti heise

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Baß-Taufe am Äquator auf den Namen Knurrhahn

Auf dem Wege dorthin streikte das Taxi und mußte repariert werden. Die Zeit wurde knapp, Du mußtest dich notgedrungen auf offener Landstraße hinter der Autotür umziehen. Schon im weißen Oberhemd, aber noch in Unterhosen, wurdest Du von einer vorübergehenden Kubanerin laut schreiend als Sittenstrolch verdächtigt! 22

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Die Flasche Rum wurde lange als Souvenier gehütet, „vertrocknete“ aber schließlich. Der Strohhut spielte eine wichtige Rolle in deinem Programm „Musik aus dem Hut“ und lebt immer noch. Zum 750. Geburtstag der Hafenstadt Stralsund hast Du im Rundfunkfrühschoppen und in einem großen internationalen Festkonzert als Hafenkapitän moderiert und gesungen. Da war auch ich glücklich dabei, denn Stralsund ist schließlich meine Heimatstadt, in der ich auch die Schulbank gedrückt habe. Was haben deine Stimmbänder alles leisten müssen! Weil Du eine normale Sprechstimme hattest, war es schwer vorstellbar, daß Du einerseits kräftige Baßarien schmettern und andererseits auch wieder zarte und weiche Chansontöne oder Schlager und Volkslieder produzieren konntest. In Deiner Personality-Show „Musik aus dem Hut“, die Du in den 70er Jahren

1984 – 750-Jahr-Feier in Stralsund

entwickelt hattest, hast Du als erster in unserem Lande über 20 Titel live zu den aus den Lautsprechern erklingenden Orchesteraufnahmen gesungen. Die Zuhörer glaubten, es handele sich um das sogenannte Play-back, also nur um Lippenbewegungen des Sängers, wie man es bisher gewöhnt war. Dann die Verblüffung, wenn Du das Tonband abgeschaltet und deine Lieder live vorgetragen hast. Zunehmend hast Du dich auch als Wortkünstler präsentiert, u. a. mit deinem über alles geliebten Wilhelm Busch, mit dem Du dich in gewisser Weise als Mensch und Philosoph seelenverwandt gefühlt hast. Für circa gerti heise

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drei Stunden Rezitation hattest Du seine Verse auswendig im Kopf, und es bereitete dir unbändige Freude, sie zu passenden Gelegenheiten – thematisch gegliedert – je nach Anlaß und Publikum in kabarettistischer Form zu präsentieren. Deine Mama, Emma Heise, hatte dich bereits als Kind mit „Max und Moritz“ bekanntgemacht, so daß Du schon vor deiner Schulzeit alle sieben Bubenstreiche auswendig konntest. Unzähligen Menschen hast Du deinen Lieblingsspruch von Wilhelm Busch mit auf den Weg gegeben: „Will das Glück nach seinem Sinn dir was Gutes schenken, sage Dank und nimm es hin ohne viel Bedenken. Jede Gabe sei begrüßt, doch vor allen Dingen: Das, worum Du dich bemühst, möge dir gelingen.“ Verblüfft bist Du gewesen, als Du einmal für deine Wilhelm-Busch-Interpretation von einer begeisterten Dame ein „Trinkgeld“ in die Hand gedrückt bekamst. Sie wollte sich unbedingt persönlich mit einem Händeschütteln bei dir bedanken. So etwas war dir in deinem Leben noch nicht passiert, und Du empfandest es irgendwie beschämend. Es geschah im Frühjahr 1989 im Devisen-Hotel „Metropol“ – jetzt umgebaut zum „Maritim“ – an der Berliner Friedrichstraße. Anläßlich eines „Arbeitsessens“ von Vertretern der Wirtschaft aus Ost- und Westdeutschland hattest Du die Gäste in den Pausen mit passenden Wilhelm-Busch-Versen unterhalten und allgemein Freude und Heiterkeit ausgelöst, was für den weiteren Verlauf dieser Veranstaltung nur günstig sein konnte. Die Gäste bedankten sich überschwenglich und meinten, sie müßten sich schon sehr anstrengen, um bei dem nächsten Treffen in Köln eine etwa gleichwertige Kulturdarbietung auf die Beine zu stellen. Ich hatte den Vorfall so zwischen Tür und Angel mitbekommen, weil ich mit Freunden aus dem Ausland auf dem Gang wartete. Wir hatten anschließend eine kleine Stadtführung geplant. Also – 50 „Westmark“ hattest Du plötzlich in der Hand. Was tun mit dem Geld? Für meine Idee, es am besten sofort wieder loszuwerden, bot sich im Intershop im gleichen Hause die dazu passende Gelegenheit. Deine Mama war eine verhinderte Sängerin mit einer sehr hübschen Stimme. Als junges Mädchen sang sie z. B. im Kneipp-Verein zur Laute und wäre zu gern mit einer gastierenden Künstlertruppe gezogen, aber schon der Gedanke daran war „impossible“. Sie war sehr gesellig und kontaktfreudig. Wenn Du – Klein Ernstl’ – manchmal auf dem Tisch postiert wurdest und Gästen Verse oder Liedchen vortragen durftest, sagte Mutter Emma stolz: „Der Junge bekommt mal einen ‚Schnauzenberuf‘ – entweder wird er Lehrer, Pfaffe, Schauspieler oder Sänger!“ Sie hatte ja so recht. Sieben Jahre warst Du junger Lehrer der ersten Stunde, wechseltest dann in die Laufbahn als Sänger, und Priester oder Pfaffen hast Du als Schauspieler des öfteren interpretiert. Auf Wunsch deiner Nichte hast Du nach der Wende sogar zu ihrer Hochzeit in einer Kirche 24

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im Westerwald gesungen; ebenfalls in der wunderschönen ältesten Kirche Berlins, der Taborkirche, in Hohenschönhausen zur Hochzeit deiner Schülerin Irmelin K.: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ von Beethoven und „Ich liebe dich so wie du mich am Abend und am Morgen . . .“ Sehr böse war deine sonst so friedliche und liebevolle Mama auf deinen Musiklehrer, wie sie es mir berichtet hat. Bei einem Vorsingen bekamst Du von ihm die schlechteste Note, weil er sich offenbar über den von dir dafür gewählten Zahra-Leander-Titel „Kann denn Liebe Sünde sein . . .“ geärgert hatte. Dieser Schlager hatte dir eben damals besonders gut gefallen, und in Fragen des Geschmacks warst Du schon als kleiner Knirps sehr sicher. Es gab eine Aussprache mit dem Lehrer, die natürlich nicht viel genützt hat, da man ja bekanntlich über geschmackliche Dinge nicht streiten kann. Viele Jahre nach der Schulzeit – Du warst bereits 25 und hattest gerade deine ersten großen Erfolge als Bacculus im „Wildschütz“ erlebt – gab es in der S-Bahn eine zufällige Begegnung zwischen euch. Er sieht und erkennt dich: „Ah, der Ernst Heise, wie geht es denn so? Ja, was ist er denn geworden? Laß mich mal raten: Zahnarzt vielleicht, oder Rechtsanwalt?“ Darauf du: „Ich bin Opernsänger geworden, zur Zeit am Kreistheater in Nordhausen.“ Stille. Der S-Bahnzug hält, der Lehrer steigt ohne ein weiteres Wort aus und Du siehst ihn in das nächste Abteil einsteigen. So kann sich auch ein Lehrer mal irren, der es üblicherweise gewohnt ist, stets Recht zu haben und es möglichst behalten zu können. Etwas mehr Selbstbeherrschung hätte ihm gut angestanden. Dieser Musiklehrer hatte also keinen Geschmack an deiner Sangeskunst gefunden. Ansonsten warst Du wohl ein gut zu leidender und gelehriger Schüler mit guten Noten. Deshalb lautete der einhellige Beschluß von Eltern und Lehrerschaft: Der Junge ist begabt, er kommt auf eine Lehrerbildungsanstalt. Das war momentan die beste Lösung, weil es auch der häuslichen Finanzmisere entgegenkam. Du warst 14 Jahre alt, der Krieg bereits zweieinhalb Jahre. Der neue Wohnsitz war nun Dahme (Mark). Auch dort hast Du – unter anderen Vorzeichen und Symbolen – die Musik mit Singerei und Instrumentalunterricht als Pflicht und als Hobby weiter betrieben, erst recht natürlich als angehender junger Lehrer. An deine zweite große Leidenschaft brauche ich wirklich nicht zu erinnern: Autos, Autos, Autos! Als Dreijähriger kanntest Du sämtliche gängigen Typen, die in Oranienburg herumfuhren. Was sich im Vergleich zu heute bescheiden ausnimmt, aber immerhin. Vielleicht auch deshalb gehörte deine Vorliebe den Oldtimern. Für deine ersten Ersparnisse während der Theaterzeit hattest Du dir schon 1958 in Nordhausen einen „DIXI“ zugelegt und bist mit diesem Veteranen-Vehikel etwa alle vier Wochen nach Berlin-Charlottenburg zu deinem Gesangspädagogen Paul Neuhaus gefahren. Das verlief nicht immer ohne Pannen, aber meistens gerti heise

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gab es viel Spaß und auch nette, hilfsbereite Leute. 1960 wechseltest Du auf ein tolles Geschoß: Einen „Adler Trumpf Junior“, ein Cabrio mit gelben Ledersitzen. Mit diesem Gefährt hast Du in Rostock auch mich beeindruckt, denn es brachte immerhin noch einhundert Stundenkilometer auf die Straße. Allerdings warst Du dann doch recht überrascht, als ich dich mit der Existenz meines PKW vom Typ „Wartburg“ bekannt machte. Der sportlich-schicke „Adler“ mußte bald verkauft, besser: fast verschenkt werden, und zwar an einen Theaterkollegen, der eine Garage besaß. Es war uns für Geld und gute Worte nicht gelungen, eine aufzutreiben, und Du erlittest fast körperliche Schmerzen, wenn Du entdecken mußtest, daß die lieben Nachbarkinder Hupe, Spiegel und anderes wunderbares Originalzubehör abgebaut bzw. schlicht geklaut hatten. Schweren Herzens hast Du dich von deinem Liebling getrennt, aber Du hast entschieden: Ein Auto genügt schließlich erst einmal für uns beide. Du stiegst um auf ein Zweirad, einen Motorroller der Marke „Troll“. Das fandest Du sportlich und speziell für den Sommer auch sehr praktisch. Im Dezember 1966 war dein Papa nach einem Unfall an einer inneren Blutung verstorben. Zu seiner Beisetzung am 23. Dezember warst Du in der Premiere „Ein Feigenblatt auf ihrem Hut“ besetzt und bekamst nicht frei. Erst früh am 24. Dezember fuhren wir mit unserem „Wartburg de Luxe“ Richtung Oranienburg zum Trauerhaus. Bei Teterow gerieten wir auf der B 108 – die Autobahn gab es damals noch nicht – in Glatteis und hatten, wie man es in der Presse lesen konnte, einen Totalschaden. Als fette Überschrift: „Und das am Heiligabend.“ Sodann: „Der Opernsänger Ernst Heise . . .“ usw. Trotz meiner leichten Gehirnerschütterung fuhren wir dann doch zwei Tage später mit der Bahn zur Familie. Endlich war es auch eine Gelegenheit, Schwager Herbert aus München kennenzulernen. Wir durften wegen der strengen Paßgesetze ja nicht nach Bayern. Es dauerte ein halbes Jahr, bis unser Auto wieder einsatzbereit war. Die Versicherung hatte aber nur den Aufbau einer Standardausführung genehmigt – Ersatzkarosserien waren eben knapp. Seit dieser Zeit haben wir dann immer zwei Autos besessen. Mußte mal eines in die Werkstatt, konnte die Reparatur wegen der Ersatzteile lange dauern. Jedem von uns stand eine Anmeldung für einen PKW zu, teils mit Wartezeiten von bis zu zehn Jahren. Manchmal konnte man einen Bekannten finden, der seine Anmeldung nicht benötigte. Oder es gab eine Sonderlieferung ohne Anmeldung wie den neuen „Moskwitsch“ aus der Sowjetunion. Schließlich hatten auch wir mal Glück mit einem alten, neu aufgebauten „Trabant“, der uns gute Dienste geleistet hat. Er fuhr und fuhr fast ohne Reparaturen. Leider wurde er uns bald nach der „Wende“ von Kindern vom Parkplatz weg gestohlen. Wir haben ihn sogar noch selbst wieder aufgespürt: ausgeschlachtet auf Eisenbahngelände. Aber das ist eine andere Geschichte. 26

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In den 80er Jahren hattest Du das ganz besondere Glück, von einer Sonderlieferung in die DDR einen schwedischen „Volvo“ abzubekommen. Wir kratzten alle unsere Moneten zusammen – und es reichte gerade. Ohne diesen zuverlässigen wunderbaren Wagen mit seinem großräumigen Kofferraum, in dem deine Musikanlage für das Tourneeprogramm „Musik aus dem Hut“ ausreichend Platz fand, hättest Du deine vielen Einsätze in unseren Landen gar nicht bewältigen können. Unser „Volvi“ hat uns wirklich niemals im Stich gelassen, auch nicht während unserer vielen Auslandsreisen, die nach der Wiedervereinigung nun auch privat möglich wurden. Dein letztes Auto war 1993 die Erfüllung aller deiner Autoträume überhaupt: ein englischer „Rover Luxus Cabrio“ – sportlich, schick und schnell. Ich habe ihn immer sehr in Ehren gehalten und gut gepflegt, als Du ihn nicht mehr fahren konntest. Inzwischen ist er dir im vorigen Jahr nachgefolgt – die Sehnsucht war vielleicht zu groß . . . Und deine dritte große Leidenschaft war der Wassersport. Schon als Jungens habt ihr mit Luftmatratzen und Stullenbrettern auf dem Lehnitzsee gepaddelt. Eine ganze Clique traf sich regelmäßig im Bootshaus, frönte dem Bootssport und Camping, es war eine tolle Freundschaft und Kameradschaft zwischen euch. Später in Rostock bestand Gelegenheit zum Segeln. Dein alter Oranienburger Kumpel Dr. Tuschi S. besaß ein Segelboot und nahm uns mal auf einen Törn mit. Oder Kollege Dr. Ecki T. aus Waren. Seine Frau Uschi mußte zu Hause bleiben, wenn er Bereitschaftsdienst hatte und trotzdem mit uns eine kleine Segelpartie machte. Es war ja damals meist nicht viel los im HNO-Bereitschaftsdienst. Kam ein Patient, blies Uschi in ein Horn, und wir eilten so schnell wie möglich herbei. Für solche Fälle gab es natürlich einen Motor an Bord. Kaum wieder im heimatlichen Berlin ansässig geworden – zwei Jahre hatten wir benötigt, um alle möglichen Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden und eine geeignete Wohnung mit Telefonanschluß zu ertauschen, denn es mußte ja auch arbeitsmäßig für uns beide alles stimmen – da schenktest Du mir – das heißt: eigentlich dir! – zu meinem Geburtstag ein Faltboot der Marke „Exquisit“. Sämtliche erreichbaren Gewässer wurden abgepaddelt. Wir fuhren mit dem verpackten Boot an irgendeinen See und bauten es auf. Mit zunehmender Übung und Geschwindigkeit stellten wie dabei regelrechte Rekorde auf. Und los ging es. Abends wurde alles wieder eingepackt und dann ab nach daheim in Berlin-Mahlsdorf. Bald legten wir uns einen kleinen Bootsmotor der Marke „Tümmler“ zu. Und die Entwicklung ging weiter mit dem Erwerb eines bereits abgelegten hölzernen Sport-Motorbootes mit Wartburg-Motor unseres Freundes M. H. Unser letztes Boot war ein schönes großes MotorSportboot, in das wir statt des üblichen Wartburg-Motors einen leisen „Dacia“-Viertakter hatten einbauen lassen. Damit haben wir in Schmöckgerti heise

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Ernst Heise mit Boot und Boots-Hausherrn Martin Rietz

witz viele erholsame Stunden erlebt, zunächst im Bootshaus Weck und dann nebenan im Bootshaus Rietz. Besonders bei Familie Rietz war immer etwas los. Man traf sich dort mit Freunden, es wurden viele Sommerfeste organisiert. Und bei solchen Anlässen war es dir immer eine Freude, mitzutun mit Wort und Ton. Für mich war diese Art Wassersport unbekannt, und ich bin dir sehr dankbar für die wunderschöne Zeit, die wir gemeinsam im Bootshaus, auf dem Wasser und im Wasser verlebt haben. Ganz besonders hast auch Du die Möglichkeiten genossen, auf dem Wasser zu entspannen und gleichzeitig an neuen Programmen zu arbeiten oder Texte zu lernen. In irgendeinem stillen Winkel im Schilf; da störte dich keiner. Nach einer anstrengenden Tournee, verbunden mit ausgedehnten Autofahrten, war das gerade das richtige für dich. Bei „Bootswetter“ kam ich dann gerne nach Dienstschluß gegen 17 Uhr dazu. Meist schaffte ich es, in 15 Minuten schon am Bootssteg zu sein. Da wartetest Du bereits, und wir konnten noch einen herrlichen Abend genießen. Jetzt ist dieses schöne Boot in guten Händen und wird von deinem letzten Lieblingsschüler J. H. liebevoll gepflegt. Und für mich ist es nicht aus der Welt, mein Ernstl’ . Da fällt mir ein Bootsabenteuer ein – zum Glück mit einem guten Ausgang. Es gab noch das hölzerne Motorboot mit dem Wartburg-Motor, der mit dem Anspringen seine Tücken hatte. Wir planten trotzdem längere Touren, einmal auch durch mehrere Schleusen hindurch zum Storkower See und über den Dolgener See. Dort geschah das erste Malheur: Nach unserem Baden und Mittagspicknick löste sich beim Hieven des Ankers die 28

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Schnur – und weg war das gute Stück. Also mußten wir weiterhin mit dem zweiten, noch verbliebenen Anker auskommen. In der Storkower Schleuse gab es wieder Probleme – der Motor wollte und wollte, auch mit gutem Zureden, nicht anspringen. Wir paddelten aus der Schleuse auf den See hinaus und versuchten es erneut, schließlich mit Erfolg. Ich am Steuer, Du hinten am Motor zur Kontrolle: Zieht er Wasser oder läuft er trocken? Immer mal Klappe auf und Klappe zu. Die Dämmerung bricht herein, es wird dunstig. Wir hatten uns für eine Nacht auf dem Boot mit entsprechendem Gepäck, Schlafsäcken, Verpflegung et cetera eingerichtet. Ich schaue wieder mal nach hinten, ob alles o. k. verläuft, da gibt es einen Rums – ich habe einen kleinen grauen Angelkahn gestreift, den ich im Dämmerlicht übersehen hatte! Auf meinen Ruf, ob was passiert sei, antwortet eine Männerstimme: „Nee, bei mir nicht, was ist mit euch?“ Unser Boot hatte vorn links ein Leck bekommen und war am Sinken, weil ich das Gas und damit die Fahrt weggenommen hatte, so daß das Boot vorn tiefer lag und Wasser eindringen konnte. Schnell gab ich noch einmal Vollgas, und wir sprangen sozusagen noch ein paar Meter in Richtung Ufernähe. Aber dann folgte der unaufhaltsame Untergang Nun wußten wir, daß der Storkower See teilweise bis zu 80 Meter Tiefe mißt. Mit hochgereckten Armen, das Notwendigste in den Händen – vor allem die Tasche mit den Papieren – schrie ich so laut es ging: „Hilfe, Hilfe, wir versinken!“ Aus dem Schilfgürtel am Ufer lösten sich einige Fahrzeuge, Wassertreter, Motorboote, die offenbar für die Nacht schon ein Ruheplätzchen aufgesucht hatten, um uns beizustehen. Gott sei Dank waren wir schon so weit in Ufernähe gelangt, daß das Boot nur circa einen halben Meter unterhalb des Wasserspiegels auf Grund lag. Ich stakte, naß wie ich war, in meinem Bikini an Land. Zufällig gehörte, wie sich später herausstellte, das Ufergrundstück dem Ministerium des Innern der DDR. Nach erfolgter Ausweisung gegenüber dem Offizier vom Dienst – meine Tasche hatte ich ohne Wasserschaden bei mir – wurde sofort eine Rettungsaktion gestartet. Wir Schiffbrüchigen wurden mit Wolldecken und Wodka versorgt, die ertrunkenen Siebensachen geborgen und ein Taxi bestellt. Unsere Bootshauseltern, Familie Rietz, staunten nicht schlecht, als man uns naß und erschöpft bereits an diesem Abend und in diesem Zustand anlieferte. Unsere Retter haben dann alles, was mit der Bergung des Bootes zusammenhing, zügig geregelt. Bei unserem Dankeschön-Besuch hieß es: Wenn sie mal wieder mit ihrem Boot in der Gegend sind – bitte schauen sie herein auf eine Tasse Kaffee. So ging alles doch wirklich kulant vorüber. Etwa zwei Wochen nach diesem Abenteuer waren wir mit dem Orchester Jo Kurzweg zu einer Veranstaltung unterwegs. Die Musikanten kennen ja meist die neuesten Klatschgeschichten. Er (Jo): „Habt ihr schon gehört? Da ist doch vor circa 14 Tagen so ein Scheich mit seiner Ische, einer Ärztin, gerti heise

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auf dem Storkower See auf seinem Motorboot beim Bumsen. Dabei haben sie ein anderes Boot gerammt, sind untergegangen und mußten gerettet werden.“ Wir klärten den Fall auf. Das wären wir gewesen; und von wegen Bumsen! Mit Martin Rietz, unserem Bootshauschef, konnte man Pferde stehlen. Einmal planten wir kurz entschlossen einen Camping-Ausflug in unser polnisches Nachbarland, das von uns bevorzugt wurde, weil man für unsere DDR-Mark so viele Zloty eintauschen konnte wie man wollte. Um in die anderen Ostblock-Länder reisen zu können, benötigte man teilweise – beispielsweise nach Ungarn – ein Visum, und der Geldtausch war auf tägliche 30 Mark begrenzt. Wenn man also mit eigenem PKW fahren wollte, war es wichtig, dort Freunde zu haben, um entsprechend „flüssig“ zu sein. Für die Camping-Fahrt nach Polen hatten wir für uns beide eine neue komplette Zeltausrüstung. Für unseren mitfahrenden Freund Martin fand sich zu Hause noch dein erstes Zelt aus der Jugendzeit, bereits mit einem wasserdichten Zeltboden, den es sonst noch nicht gab. Deshalb konntest Du dich bisher nicht davon trennen. Für unseren Martin kam dies gerade recht, und wir hatten eine herrliche gemeinsame Zeit am Busen der Natur. Bei schönstem Sommerwetter erkundeten wir zum Beispiel die berühmten Wanderdünen von Leba, in denen man sich tatsächlich durch die Verwehungen verlaufen kann, wenn man sich nicht an die Markierungen hält. Weitere Ziele waren Zoppot, Danzig, Elbing, die Marienburg und große Teile des ehemaligen Ostpreußens mit seiner herrlichen Wald- und Seenlandschaft. Jeden Abend hatten wir Spaß an einem Lagerfeuer. Das war damals in Polen noch erlaubt und wurde weidlichst ausgenutzt, auch um vom Bauern beschaffte Kartoffeln und Eier darin genießbar zu machen. Wir haben es genossen, Freunde in Ungarn zu haben, die uns am liebsten jedes Jahr bei sich in Budapest oder auf ihrem Anwesen am Balaton gesehen hätten. Lajos Turi, das Allround-Talent mit seiner großartigen, unverwechselbaren Stimme, Barsänger und Barbesitzer in Budapest – ihn hattest Du bei einer internationalen Estrade in Ulan Bator in der Mongolei kennengelernt, wohin man dich, zusammen mit Hannelore Breiten, als Vertreter der DDR entsandt hatte. Einige Jahre vor eurer Begegnung hatte Lajos als Musiker und Sänger mit der Gruppe Galaxis in der DDR gearbeitet und konnte sich jetzt ganz gut verständlich machen; etwa so: „Ich bin Lajosch, der kleine ungarische Jude aus Budapescht und spreche deutsch – kann ich helfen?“ – er konnte! Es war eine wunderbare Zeit für die ganze Truppe. Lajos wurde dein Freund und ermöglichte uns viele schöne erholsame Urlaubstage in seiner ungarischen Heimat und bei seiner Familie in Aliga. Wir erlebten ihn in Budapest als Barsänger und als „Mephisto“ mit seiner großartigen Stimme in dem Musical „Cats“. Außerdem war er ein vielbeschäftigter Künstler bei Funk und Fernsehen. 30

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Apropos Fernsehen. Auch Du hattest bis Ende der 70er Jahre eine erfolgreiche Fernseh-Karriere erlebt, bis ein kleiner einflußreicher Mann – ein Kollege – erklärte, daß dein Typ und deine Ausstrahlung für das Fernsehen der DDR nicht zu vertreten seien. So schloß sich dieses Kapitel, zumal deine ideale Gesangspartnerin Bianca Cavallini, mit der im Ostseestudio Rostock mehrere hübsche Filme, schöne Duette, Musicalund Solo-Aufnahmen produziert worden waren, in die Bundesrepublik übersiedelte. Alle Aufnahmen landeten natürlich im Giftschrank, und da dürften sie wohl heute noch liegen. Lajos Turi aus Budapest Die Liga für Völkerfreundschaft hat dich oft und gerne mit bunten Programmen ins Ausland geschickt. Du kamst mit deinen Liedern, deinem gewandten und verbindlichen Auftreten immer gut an. Du verstandest es, ein Sektglas zu halten, wie man so sagt. In allen Ländern, in die man dich als Künstler entsandte, hattest Du gute Freunde gewonnen. Natürlich hattest Du auch Feinde, speziell unter den Kulturfunktionären der DDR, die dir dein Ansehen, dein Können, deine Erfolge beim Publikum neideten. Es war in einem Betrieb in Döbeln bei einer bunten FrauentagsVeranstaltung. Du hast moderiert und gesungen. Der zuständige Kulturfunktionär, ein Alkoholiker, hätte gern selbst diese Veranstaltung durchgeführt und erzielte mit einer Beschwerde über dich ein Auftrittsverbot bei den weiteren geplanten Einsätzen eures Tournee-Programms. Du hättest mit deiner Anrede: „Meine sehr verehrten Damen“ die Würde der werktätigen Frauen beleidigt. Außerdem wärst Du wie ein Deckoffizier auf dem westdeutschen Traumschiff herausgeputzt gewesen. Alle anderen KünstlerkolErnst Heise moderiert Mode, legen weigerten sich, die weiteren 1969 für das Modehaus geplanten Einsätze ohne dich fortzuBormann in Österreich gerti heise

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setzen. Bei der Aussprache meintest Du: „Ich kenne kein Traumschiff. Muß ich mir eine Serie aus dem westdeutschen Fernsehen ansehen?“ Offiziell war ja Westfernsehen bei uns verboten. Schließlich entschuldigte sich ein Vertreter der vorgesetzten Dienststelle honigsüß und die Angelegenheit wurde unter den Tisch gekehrt. Eine andere Episode passierte in Gera. Von einer Polizei-Einheit wurdest Du mit deinem Wilhelm-Busch-Programm in den neuen Kulturpalast eingeladen, nachdem Du gerade zuvor bei der Einweihung des Palastes mit deinem Show-Programm „Musik aus dem Hut“ brilliert hattest. Bei einem Kulturfunktionär erregtest Du Anstoß wegen deines goldgefaßten Monokels – ich hatte es dir wegen der verschiedenen Sehschärfen beider Augen anfertigen lassen. Auf eine diesbezügliche kritische Bemerkung hast Du schlagfertig gekontert: „Wie Sie es gerade draußen in den Schaukästen auf den Plakaten sehen können, trug auch unser hochverehrter Karl Marx ein Monokel!“ Absoluter Höhepunkt aller Auslandsgastspiele war eure Tournee nach Südostasien, nach Vietnam, im November 1970. Vor vielen Tausenden kleinen Vietnamesen habt ihr gesungen und gespielt; aber darüber hast Du ja selbst ausführlich in der Zeitschrift „Unterhaltungkunst“ berichtet. Die höchste vietnamesische Auszeichnung, der „Orden für Völkerfreundschaft“ in Gold, den Du dort verliehen bekamst, hat dir viel bedeutet. Ihr hattet weiterhin Kontakt mit eurem vietnamesischen Reisebetreuer, und er hatte dich und Vera Schneidenbach inzwischen schon zweimal in Berlin besucht. Einmal sollte es zum Weihnachtsfest mit einer Band und Anne Börd zur Baustelle an der Erdöltrasse „Freundschaft“ in der Sowjetunion gehen, um unsere Arbeiter dort etwas aufzumuntern. Gern hättest Du mich auf diese Reise als betreuenden Doktor mitgenommen, denn es herrschte ein strenger Winter. Man mußte mit Erkältungen rechnen. Und dann über Weihnachten . . . Bei ähnlichen Anlässen hatte ich schon öfter geholfen. In unserer Rostocker Zeit hatte man darauf Wert gelegt, daß ich zur Sicherheit das Theaterensemble bei Gastspielen nach Stettin oder Danzig begleite. Speziell in Danzig war es offenbar anläßlich eurer „Fledermaus“-Aufführung zu einem Treffen der ehemaligen Reichsdeutschen im Theater gekommen. Die Ovationen galten ganz besonders immer wieder dir als Prinz Orlofsky in deinem lila Samtfrack, mit blonder Perücke. Auf einem Spaziergang wurdest Du erkannt und von einem älteren Herrn in deutscher Sprache um ein Autogramm gebeten. Du: „Sie dürfen hier deutsch sprechen?“ Er, stolz: „Immer noch!“ Auch die Polen schickten bei ihren Gastspielen in Rostock immer einen HNO-Kollegen als Betreuer mit. Ich hatte mir also für die Sowjetunion ein paar Tage frei genommen. 32

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Prinz Orlofsky Dann kam die Absage: Im Flugzeug wären alle Plätze restlos besetzt. Realität war, wie sich dann herausstellte, daß ihr mit einer Sondermaschine geflogen wurdet, die zur Hälfte leer war. Meine Anwesenheit und Mitwirkung war also von Oben nicht genehmigt worden. Jedenfalls habe ich mich riesig gefreut, daß es dir und deinem kleinen Team offenbar ausgezeichnet gerti heise

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gelungen war, als Berliner Künstler in diese tiefste Einsamkeit ein wenig Heimat zu bringen – und dies gerade extra zum Fest in schickem Anzug mit Krawatte und in Lackschuhen. Da fällt mir noch eine ähnliche Begebenheit ein. Meine Schulfreundin Maria K. war kurz vor dem Mauerbau mit der gesamten Großfamilie aus Eixen/Rostock unter abenteuerlichen Umständen nach Westfalen übergesiedelt. Sie schafften es, sich eine neue Existenz aufzubauen. Selbst den Rassepferden ihres pferdezüchtenden Bruders war die Republikflucht gelungen. Maria hatte dich bei einem Besuch in Eixen kennengelernt, kannte dich als Künstler und wollte uns unbedingt wiedersehen. Anläßlich der Europa-Woche im Mai 1988 in Verne „20 Jahre Verne-Bailleul“ organisierte sie also ein Gastspiel für dich mit mehreren Veranstaltungen in Verne und in Drensteinfurt, ihrem Wohnsitz im Westfälischen, und zwar als Wilhelm-Busch-Interpret. Nach vielen bürokratischen Schreibereien war es dann so weit: Du durftest reisen, wurdest mit großer Begeisterung aufgenommen. Aber meine Begleitung, der eigentliche Anlaß für Marias Bemühungen, war abgelehnt worden. Für eine Beschwerde war es zudem terminlich zu spät. Nach dem Gesetz war die Genehmigung einer Besuchsreise nur bei dringenden Familienangelegenheiten möglich. Anders lag der Fall im Frühjahr 1986. Mein Paten-Neffe in Hamburg sollte konfirmiert werden. Trotz Einladung und kirchlicher Unterlagen erhielt ich die Ablehnung meines Antrags mit der Begründung, eine Konfirmation wäre im Gesetz nicht als dringende Familienangelegenheit vorgesehen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und beschwerte mich an höherer Stelle – mit Erfolg! Du mußtest zu Hause bleiben. Im Frühjahr 1989 bekamst Du eine Einladung, zusammen mit der Gruppe Barbara Kellerbauer zum 1. Mai im Saarland aufzutreten. Es waren mehrere Einsätze vorgesehen, so auch in Schwäbisch Hall, in Ludwigsburg und Völklingen. Bis zuletzt klappte es nicht mit deinen Papieren. Die Gruppe war schon unterwegs, als doch noch der Anruf kam, die Reiseunterlagen abzuholen. Es war ja alles soweit vorbereitet, also hinterher mit deinem Volvo. Den Grenzübergang nach Bayern hatte die Gruppe gerade passiert. Nun warst Du an der Reihe – Zollkontrolle. Auf deinem Zettel hattest Du eingetragen: SP Silbermann-Orgel. (Für Deinen Neffen Roderich, man hoffte, sich in München zu treffen.) Da sagte doch der Zollbeamte: „Öffnen Sie bitte mal den Kofferraum und zeigen Sie mir die Silbermannorgel.“ Du hast dir auf die Zunge gebissen und dann freundlich erklärt, es handele sich um eine Schallplatte mit Aufnahmen von einer SilbermannOrgel. Der Zöllner verlegen und errötend: „Dann entschuldigen Sie man, das kann unsereiner ja nicht so genau wissen.“ Eure Konzerte wurden mit viel freundlichem Beifall aufgenommen. Du warst sehr stolz, daß besonders Du im Saarland um so viele Autogramme gebeten wurdest. Deine 34

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Rundfunksendung „Ihre Morgenmelodie“ war hier zu empfangen, und Du warst durchaus populär. Eine Nacht habt ihr euch beide um die Ohren geschlagen und seid gemeinsam nach München und wieder zurück gefahren – Du, um deine Schwester samt Familie zu treffen und um auch deinem Neffen Roderich, der ja nun seit zwei Jahren Kreuzkantor in Dresden ist, die bewußte Schallplatte zu übergeben – Barbara, um ihren Vater wiederzusehen, von dem sie seit Jahren getrennt war. Auf der Rückfahrt wunderte sich diesmal der Zöllner über all die leeren Getränkeflaschen im Kofferraum. „Pro Flasche bekomme ich dreißig Pfennige – das ist doch bares Geld.“ Das hat er verstanden. Während der Theaterjahre in Rostock kam es zu mehreren Gastspielen in Bremerhaven, Hamburg und Mannheim. Nach einer Aufführung des „Marat“ von Peter Weiß gab es einen festlichen Empfang. Eine elegante Dame äußerte sich dir gegenüber: „Ach, Sie kommen aus Rostock? Dafür sprechen Sie aber bei den Polacken ein sehr gepflegtes Deutsch.“ Für den Mann aus dem Osten gab es damals noch weitere erstaunliche Begegnungen. Eine Dame fuhr in einem Luxusauto ganz langsam, als sie dich sah, und rief einladend: „Hast Du Zeit?“ Eine andere Dame, der Du als höflicher Mann die Hoteltür offen hieltest, zischte: „Mach’ mich nicht an.“ Von solchen Erlebnissen hatte man ja in der DDR bis dato nichts erfahren. Eure knappen Spesen habt ihr sehr wählerisch für Mitbringsel ausgegeben, die damals auch Erstaunen bei den Zöllnern an der Grenze auslösten. Du mußtest deine Taschen öffnen: „Was haben Sie da in den großen Flaschen?“ – „Saucen.“ – „Saucen?“ Der Zöllner konnte es nicht fassen, so etwas als Mitbringsel? In der DDR waren sie aber nicht zu bekommen! Alkohol gab es dagegen genug, den brauchte man sich nicht mitzubringen. West- und Ostkünstler hatten sich bei allen Begegnungen eigentlich immer hervorragend verstanden und eine gemeinsame Sprache gefunden. Vor dem Mauerbau durften ja West-Schauspieler von Ost-Theatern engagiert werden. Dadurch ergab sich deine Freundschaft mit Achim P. aus Westberlin. Ihr wart am Kreistheater Nordhausen zusammen, und diese Freundschaft überdauerte sogar die Jahre der Trennung durch die DDR. Zu deinem 60. Geburtstag saßen wir zu einer Nachfeier gemütlich mit ihm in kleinem Kreis in den Domstuben am Gendarmenmarkt. Für deinen Geburtstags-Empfang direkt am 6. Juli 1988 wäre dieses Etablissement zu klein gewesen. Da war der Club „J. R. Becher“ in der Otto-Nuschke-Straße gerade richtig, um die vielen Gratulanten zu versorgen. Eine Freundin hörte, wie ein Ober zu einem anderen bei der Ablösung sagte: „Das muß hier wohl ein bekannter Mann sein. Ich habe soeben das hundertste Glas Sekt zur Begrüßung ausgeschenkt.“ Dein Freund Achim P. bekam einige Zeit danach Besuch von seinem gerti heise

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Freund Casper Ludwig Wagner, seines Zeichens Kameramann beim New Yorker Sender ABC. Er rief dich an: „Casper möchte mal in den Osten ’rüber und schauen, wo schon sein Vater am Deutschen Theater gewirkt hat; hast Du Zeit?“ Du hattest, machtest dich eben frei. Achim und Du warteten am Grenzübergang Friedrichstraße – eine Stunde, zwei Stunden . . . Schließlich tauchte Casper auf, leichenblaß und völlig geschafft. Man hatte ihn ausgiebig gefilzt, Leibesvisitation. Als Ami konnte er mit seiner Kamera ja ein Agent oder Spion sein! Ihr habt also erst einmal im Pressecafé Friedrichstraße einen starken Caspar Ludwig Wagner Kaffee zu euch genommen. Und dann bei seiner Ankunft im Osten wurde es doch noch ein wundervoller Tag. Besonders toll fand es Achim im Briesekrug im schönen Briesetal bei Oranienburg, wo ihr schließlich einkehrtet. Dort wurde er nämlich als Sprecher der SFB-Abendschau erkannt und mußte viele Autogramme geben. Mit Casper hattest Du wieder einen neuen Freund gewonnen. Seiner Einladung, die Familie in New York zu besuchen, konnten wir dann leider nicht mehr Folge leisten. Das Schicksal hatte anders entschieden. Daß wir privilegiert waren, merkten wir u. a. daran, daß wir einige Male Urlaubsreisen nach Jugoslawien machen konnten. Das erste Mal als Ersatz für deinen Theaterkollegen Ralph Borgward, der anderweitige Verpflichtungen hatte. Es wurde ein Traumurlaub an der Adria in Ulcine in Montenegro. Da wir im Gegensatz zu einigen anderen ebenso privilegierten DDR-Bürgern wie bekannten Künstlern der Staatsoper und der Distel brav nach Hause zurückgekehrt waren, also quasi den Test bestanden hatten, schienen wir in die Kategorie der Reisekader aufgestiegen zu sein. Noch zweimal gelang es uns, eine solche Reise zu ergattern. Dabei lernten wir 1986 an Strand von Trogir Gabi und Franzi aus Graz kennen, sie eine junge Lehrerin, er Kunstschlosser, spezialisiert auf Oldtimer. Sie schickten uns 1987 eine Einladung zur Verlobung – das klappte nicht. Also dann unbedingt zur Hochzeit im Sommer 1988! Der erforderliche Papierkram wurde immer umfangreicher: Kulturminister, Gesundheitsminister und Verkehrsminister mußten ihre Einwilligung geben, denn ich war beim Medizinischen Dienst des Verkehrswesens tätig – und da hatte ein Herr Kramer schon ein Wörtchen mitzureden. Und dann war sogar noch die Unterschrift vom Oberboß Kurt Hager notwendig! Bei mir schien es 36

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besonders kompliziert, denn angenommen, sollte ich in Österreich bleiben, so wäre ja die medizinische Versorgung der Bevölkerung gefährdet gewesen! ! Dabei muß man sich vergegenwärtigen, daß ich nach den Gesetzen der DDR sowieso ein Jahr später in die Rente gehen mußte. Da lag dein Fall entschieden einfacher: Du erhieltest den Auftrag, in der Steiermark die Volksmusik für deine berufliche Weiterentwicklung zu studieren. Es war uns fast die Reiselust vergangen. Als wir uns dann schließlich in einem Schlafwagenabteil 1. Klasse in dem fast leeren Zug Berlin – Wien wiederfanden, war Ende gut – alles gut. Wir unterhielten uns nett mit der Schlafwagenschaffnerin, der ich als Ärztin des Medizinischen Dienstes ein Begriff war. Sie hatte viel Zeit, denn wer durfte damals schon groß von Berlin aus der DDR nach Österreich fahren?! In Wien wurden wir von deinem Stammhörer Herrn Kanzleirat Harald Riedel-Taschner von der Universität Wien erwartet. Seine Frau und seine drei Kinder wollten das Ereignis nicht verpassen und hatten ihn begleitet. Sachkundig zeigte man uns das schöne Wien, nachdem wir im Café Landmann neben dem Opernhaus einen Kleinen Braunen spendiert und uns beschnuppert hatten. Höhepunkt der Führung war in zweifacher Hinsicht die Besteigung des Stephansdomes. Das einmalig herrliche Panorama von Wien lag im schönsten Sonnenschein unter uns, die Aussicht war prächtig. Als Mitglied in einem Eisenbahn-Club verfügte Herr Riedel-Taschner noch über einige Freifahrkarten und begleitete uns mit der berühmten Semmering-Bahn bis nach Graz, um die Landschaft zu erläutern. Bei der Ankunft in Graz empfängt uns unser strahlendes Hochzeitspärchen. Wir beide strahlen plötzlich überhaupt nicht mehr, als wir das Paket mit dem Hochzeitsgeschenk übergeben wollen. Ich war so stolz, dafür sechs kostbare Kognak-Schwenker in einem Kunstgewerbeladen entdeckt zu haben. Aber diese Kostbarkeit hatten wir in einem Paket schlicht in Wien in unserem Abteil liegen lassen. Sofort wurden alle möglichen Stellen angerufen – vergebens. In Anbetracht der wunderbaren Hochzeitsfeier mit über einhundert Gästen und einem tollen Programmablauf – Du hast natürlich auch wieder mit Deinem „Wilhelm Busch“ abgesahnt – haben wir dann den Verlust verschmerzt. Für’s Erste tat es auch ein schöner Blumenstrauß. Aber welch ein Wunder erlebten wir nach der Rückkehr?! Im Dienst erwartete mich schon das unversehrte Paket. Die nette Schlafwagenschaffnerin hatte es unter ihre Fittiche genommen und persönlich in meiner Dienststelle abgegeben. Gabi und Franzi blieben uns weiterhin treu. Sie wurden sogar bei ihrem Gegenbesuch im Frühjahr 1989 zu Berlin-Fans, schwärmten besonders für die vielen Seen der Berliner Umgebung und die Fahrten mit unserem Motorboot. Nach der Wende haben wir dann als engste Freunde der Familie Gabis eineinhalb Jahre jüngere Zwillingsschwestern – zuerst Ute und gerti heise

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dann Elke – nacheinander unter die Haube gebracht. Gott sei Dank hatten wir nun keine Probleme mehr, zu den Hochzeitsfeierlichkeiten nach Graz zu gelangen. An eine Traumreise vor der Wende möchte ich dich doch noch erinnern, mein Ernstl’. Es war Anfang 1986. Beim ersten Badeball im Sportund Erholungszentrum (SEZ) Berlin war ich dabei, als uns W. Patig von der Künstleragentur ansprach, ob wir eine Ferienreise nach Finnland machen wollten. Er hätte Finnland erstmalig im Angebot. Wir wären ja sozusagen Reisekader, schon älter, immer wieder zurückgekommen und hätten doch in diesem Jahr Silberhochzeit. Das stimmte soweit, von Republikflucht unter irgendwelchen dubiosen Umständen hielten wir nämlich nichts. Wir schenkten uns also die sehr teure exclusive Reise – und bereuten keinen Pfennig. Es waren vierzehn Tage im Juli. Wir ließen uns von Helsinki begeistern, dieser herrlich sauberen und gepflegten Stadt. Wir fuhren Hunderte von Kilometern durch einen großen Teil des wunderschönen grünen waldreichen Landes mit seiner weiten Seenlandschaft, die uns ein kleines bißchen an unsere stillen Brandenburger und Mecklenburger Seengebiete erinnerte. Hier war alles größer, weiter, imposanter. Bis St. Mickely fuhren wir und wohnten dort in einem sehr gepflegten Ferienhotel, natürlich an einem großen und weiten See. Und überall Rosen, Rosen, Rosen. Unser Reiseleiter Karli, ein Studienrat, der in den Schulferien gern Touristengruppen betreute, erklärte uns: „Das kommt, weil hier der Sommer so kurz und so intensiv ist. Das sind die Rosen des Nordens – wir lieben sie und können nie genug davon haben.“ Zu deinem Geburtstag am 6. Juli hatten wir Karli zu einer Flasche Sekt eingeladen. Die zweite mitgebrachte bekam er sowieso. Alkohol war hier in Finnland etwas ganz Besonderes und sehr teuer. Damit konnten wir unserem Karli also eine kleine Freude bereiten. Er war wirklich ein idealer Reiseleiter, machte alle Sonderwünsche möglich. Während der Busfahrt plauderte er über alles Wissenswerte zu Kultur, Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen. Durch ihn bekamen wir eine ganz wunderbare Beziehung zu seinem geliebten Heimatland Finnland. Und er ließ sich immer wieder neue Überraschungen für uns einfallen. Wir erlebten hier die „Hellen Nächte“. Die Sonne verspürte offenbar keine Lust, sich auch mal auszuruhen. Am Vorabend meines Geburtstages, also am 11. Juli, meinte sie es wieder besonders gut. Wir hatten für den 12. einen großen Tagesausflug im Plan und beschlossen, schließlich doch noch eine Mütze voll Schlaf zu nehmen. Kaum habe ich die Augen zu und versuche, ruhig und regelmäßig zu atmen, um Schlaf vorzutäuschen, schleichst Du dich ganz leise aus dem Zimmer und kommst nach einer halben Stunde zurück, im Arm einen großen, selbst gepflückten, wundervollen Strauß mit blühenden Blumen und Gräsern. Ich war gerührt – die schönste Geburtstagsüberraschung, die 38

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ich je erlebt hatte. Dann zum Frühstück eine neue Überraschung: Karli gratuliert mir mit einer langstieligen, zartrosa Rose in einer mit Wasser gefüllten Plastiktüte, die mich den ganzen Tag auf dem Ausflug begleitet hat. Das war Karli, ein wahrer Menschenfreund. Ja, Ernstl’, in unserer Reiselust waren wir uns beide einig. Wir haben immer alle Möglichkeiten, die sich für uns als Bürger der DDR boten, wahrzunehmen versucht und den für uns erreichbaren Teil der Welt, also Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Ud SSR, kennenzulernen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und viele als Freunde zu gewinnen. Wenn man die Menschen nur zueinander läßt, so finden sie auch im Gespräch zueinander. Das haben wir immer wieder erlebt. Nun also das Jahr 1989. Wir hatten fast die Hoffnung auf ein einheitliches, wiedervereinigtes Deutschland ohne trennende Grenzen aufgegeben. Nach den Paßgesetzen bestanden jetzt allerdings Aussichten, auf Antrag offiziell ausreisen zu können, wenn man das Rentenalter erreicht hatte. Das war nun unser Ziel, wir würden uns drüben noch einmal ein neues Rentnerdasein aufbauen. Die paar Jahre bis zu deinem 65. Geburtstag, also dem dann wirklich offiziellen reisefähigen Alter, müßten doch zu schaffen sein. Nach dem neuen Paßgesetz durfte ich bereits ab dem 12. Juli 1989 für 30 Tage nach Westdeutschland reisen, was ich natürlich sofort ausgenutzt habe. Auch Du bekamst sogar die Reiseerlaubnis für eine Studienreise auf den Spuren von Wilhelm Busch. Auf diese Weise haben wir dann in etwa 20 Tagen gemeinsam unsere Hochzeitsreise, die 1961 nicht zustande gekommen war, nachgeholt. Zu unserem Glück hatte sich Wilhelm Busch in seinem Leben nur einmal auf dem Gebiet der DDR aufgehalten, und zwar in Berlin. So haben wir dann die Reise teils durch Mitnahme von reichlichen Lebensmittelvorräten, teils durch mehrere randvolle 20-LiterBenzinkanister finanziert – alles im großen Kofferraum unseres Volvi verstaut. Da hat ein freundlicher Grenzer die wegen Brandgefahr verbotenen Kanister doch glatt übersehen und uns bei der Kontrolle auch noch eine Gute Reise gewünscht! Natürlich lagen das Wilhelm-Busch-Museum, der Geburtsort, die historische Mühle aus dem Max-und-Moritz-Buch und die Grabstätte mit dem schlichten Feldstein auf unserer Route. In München, der langjährigen Stätte seines Wirkens, haben wir aber lediglich in einem Vorort einen Wilhelm-Busch-Weg entdecken können. Das Museum mit zwei kleinen Ölbildern von ihm war gerade wegen Renovierung geschlossen. Kosten durch diverse Übernachtungen waren nicht angefallen, es fanden sich immer in der Gegend liebe Freunde oder Verwandte, die uns aufnahmen. Nach der Wiedervereinigung haben wir dann überglücklich und endgültig unsere Ausreisepläne aufgegeben. Wir liebten unsere Heimat und gerti heise

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unseren Kietz und würden uns schon zurechtfinden. Ein herrliches neues Lebensgefühl ergriff uns. Endlich nach einem Blick über den Zaun keine Beklemmung mehr. War es vielleicht das letzte Mal? Kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, weil man eventuell etwas Verbotenes getan hatte. Man war ja nie ganz sicher, ob aus irgendeiner Ecke geschossen wurde. Wochenlang hattest Du nach der vorletzten Wahl in der DDR eine Durststrecke; keine Veranstaltungen von der Konzert- und Gastspieldirektion (KGD), keine Angebote, bei Bällen oder bunten Programmen aufzutreten. Bei Rückfragen gab es offensichtliche Ausflüchte. Ganz zufällig kamen wir dahinter, weil eine Sekretärin geplaudert hatte. Am Wahlsonntag solltest Du nach einem Krankenhausaufenthalt wegen einer Operation im Klinikum Berlin-Buch eigentlich in unserem Stadtbezirk wählen. Man bat dich jedoch, an diesem bewußten Sonntagvormittag noch die Visite abzuwarten und dort in den vorbereiteten Listen zu wählen. Also gut, so wurde es getan. Ich ging allein in das Wahllokal, wählte und ließ deinen Namen von der Liste unseres Stadtbezirks streichen mit der Erklärung, daß Du deiner Wahlpflicht im Krankenhaus Buch nachgekommen seist, und dachte natürlich, alles sei o. k. Mitnichten! Du wurdest versehentlich als Nichtwähler geführt, und das hatte man dir als öffentlicher Person übelgenommen. Die Sache ließ sich zu deinem Glück rasch klarstellen. Nun erlebten wir frei einen Teil der Welt, der uns bisher unerreichbar schien. Im Nu waren die losen Kontakte zwischen West und Ost wieder enger und wurden gepflegt. Endlich konnten wir die Familie meines Bruders, der seinerseits treu immer Verbindung mit uns gehalten hatte, für unser Geld ein paar Tage in ein Spitzen-Ferienhotel nach Sellin auf Rügen einladen, jetzt unter dem Namen „Cliff-Hotel“ für alle Bürger erreichbar, vormals als Gästehaus der Regierung für Normalbürger tabu. Mein Bruder schickte uns als damaliger Geschäftsführer eines bekannten Hamburger Reiseunternehmens für eine Woche nach Paris. Die Stadt – wie konnte es anders sein – faszinierte uns derart, daß sie auch in den folgenden Jahren mehrfach unser Reiseziel blieb, zumal im Austausch mit dem Sohn einer Freundesfamilie. Frederic war Student der Germanistik, er wurde seinerseits ein Berlin-Fan. Seine Sommerferien durften wir mit der gesamten Familie im privaten Ferienhaus in Savoyen am Fuße des Mont Blanc verbringen. Die Gastfreundschaft dieser französischen Familie war einzigartig. Mein Bruder überredete uns 1991 zu einer Bali-Reise, einer Spezialstrecke seines Reisebüros. Zunächst schien uns Bali, in einer Entfernung von 23 Flugstunden gelegen, doch sehr, sehr weit weg. Schließlich waren wir einverstanden und glaubten uns dann circa 14 Tage in der Nähe vom Paradies. Als Folge der Vereinigung beider deutscher Staaten waren nun plötzlich die Einladungen von Verwandten und Freunden zu Geburtstagen, Jubiläen 40

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und Hochzeiten realisierbar. Du konntest berufliche Angebote u. a. bei der Firma Maria Gallànd in München, in der Schauspielschule Zerbony, im Kurtheater Bad Wörishofen, in Frankfurt/M., in Hamburg etc. annehmen. Ich wurde zum 1. Gesamtdeutschen HNO-Kongreß nach Münster eingeladen. Auch das ließ sich jetzt realisieren, es kam zu wunderbaren Begegnungen. Auf der Rückfahrt – Du hattest es möglich machen können, mich abzuholen – war sogar noch Zeit für einen Abstecher nach Drensteinfurt, um die Familie zu begrüßen, die uns beide seinerzeit zur Europa-Woche eingeladen hatte, wozu ich aber keine Reisegenehmigung bekam. Ganz großen Kummer habe ich dir, wie Du ja weißt, natürlich ungewollt im November 1990 anläßlich deines USA-Gastspiels an der DukeUniversity in North Carolina bereitet. Es war ja jetzt so einfach geworden, dich als Ehefrau zu begleiten. Ich bekam plötzlich einen schweren Herzanfall. Mit sofortiger Hilfe deines Freundes Herbert S. aus Jena, der das Gastspiel auf Einladung der Universität veranlaßt hatte – er brauchte dich als Partner in seinem Zwei-Personen-Stück „Zellenwechsel“ – wurde ich in das dortige Herzzentrum eingeliefert. Dort mußte ich mich mit einem Herz-Katheter behandeln lassen, nachdem innerhalb von 14 Stunden alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren. Gott sei Dank war doch noch alles wieder im Lot und ich wurde nach drei Tagen mit guten Wünschen entlassen. Du verschwiegst mir jedoch, daß unsere Ausreise an circa 10.000 Dollar Schulden gekoppelt war, die wir vorher zu begleichen hätten. Mit gutem Grund hast Du wohl einen Rückfall bei mir befürchtet. Jedenfalls war der Dekan, Prof. Hillerbrand, ein Wilhelm-Busch-Fan. Er wünschte sich auf einem Studentenfest von dir die Geschichte von der Witwe Bolte mit dem Sauerkraut. Nichts tatest Du lieber, als diesem Wunsche sofort nachzukommen. Er regelte alles dergestalt, daß wir ungeschoren nach Berlin zurückreisen konnten. Einige Wochen später bekamen wir von ihm den schriftlichen Bescheid, die Angelegenheit sei als erledigt zu betrachten. Aber wir sollten bitte nicht vergessen: Auch das ist Amerika. Wie könnten wir so ein Ereignis und seinen glücklichen Ausgang jemals vergessen! Wir waren unwissenderweise in eine derartige Lage geraten, weil wir zu dem Reisezeitpunkt nicht mehr sozialversichert waren und die neue versicherungsrechtliche Situation noch nicht abgeklärt war. Neben deinen regelmäßigen Radiosendungen, für die man dich als Autor und Moderator nach der Wende bald wieder geholt hatte – zunächst zur Antenne Brandenburg/Sender Frankfurt ins „Live Klatschcafé“, später zum Sender Radio 50 plus, jetzt Spreeradio 105,5 – fand sich genügend Zeit, um Kurzreisen in Gegenden zu unternehmen, die uns reizten und deren Kunstschätze oder herrliche Landschaften wir gern persönlich unmittelbar und nicht nur aus Kino und Fernsehen oder Bilderbüchern und Reisebegerti heise

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schreibungen erleben wollten. So waren unsere Ziele Belgien, Holland, Dänemark, Spanien, Portugal mit der Algarve und die türkische Riviera. Auch Genf mit seinem herrlichen See, an dessen Ufer wir zum Beispiel im August 1992 anläßlich des Jahrestages einer „Freien Schweiz“ Teilnehmer eines großen Volksfestes mit Hunderten von illuminierten Schiffen auf dem spiegelnden Wasser und einem Riesenfeuerwerk wurden. Sehr beeindruckt hat uns auch die „Ewige Stadt“, der Vatikan mit dem Papst, zur Audienz aus dem Fenster schauend und Segen erteilend. Oder die antiken Hadrian’schen Gärten in der Umgebung von Rom. Beruflich konntest Du auch nicht klagen, denn neben dem Rundfunk war ja der Film seit Jahren auf dich aufmerksam geworden. Man hatte dich allerdings ziemlich festgelegt auf Bösewichter, vornehmlich Offiziere. So als Generalfeldmarschall von Bock in „Schlacht um Moskau“ und „Schlacht um Stalingrad“, als General Alexander [Haig] in „Vera Lenz“ oder als Generaloberst von Hölzendorf in „Europa tanzt Walzer“. Die Interpretation des Präsidenten Roosevelt im „Einstein“-Film war für dich eine spannende Herausforderung. Nach der Wende gabst Du dein Debüt unter Regie von Vadim Glowna im „Brocken“ als ein etwas trotteliger Bundeswehr-General, der nicht weiß, wo auf der Generalstabskarte die Insel Rügen liegt – endlich mal was zum Schmunzeln. Noch zu DDR-Zeiten hast Du dich beklagt: „Warum muß ich immer nur die Bösewichter spielen, man könnte mich doch auch mal als Guten einsetzen, zum Beispiel als Bau-Brigadier.“ Der anwesende Regisseur Wolfgang Luderer: „Das kann man mit dem Ernst Heise nicht, dem schaut ja selbst in Jeans immer der Herr über die Schulter.“ Von den zahlreichen Filmgeschichten möchte ich dich an eine erinnern, die Du gern im Freundeskreis zum Besten gegeben und damit jedesmal große Heiterkeit ausgelöst hast. Ein Drehtag in Babelsberg für den Film „Schlacht um Moskau“ unter Regie von J. Oserow. Die Umkleideräume bzw. die Maske befinden sich einige Kilometer vom Spielort entfernt und die Schauspieler werden bereits in Kostüm und Maske mit einem Bus in das Studio gefahren. Du hast bis zu deiner Szene als Generalfeldmarschall von Bock noch etwas Zeit und erklärst dich, da der Bus voll besetzt war, auf Anfrage bereit, mit deinem Volvo langsam hinterher zu fahren. Direkt gegenüber vom Studio befand sich eine Kaserne mit einer russischen Einheit. Die Soldaten hatten wohl gerade Freizeit, viele lehnten aus dem Fenster. Der Wachhabende sah den Volvo und dich in Prachtuniform mit allen Orden und Ehrenzeichen daraus aussteigen, gab ein kurzes Signal, nahm Haltung an und machte seine Ehrenbezeugung. Schlagartig waren die Soldaten von den Fenstern verschwunden. Dir fiel momentan nichts Besseres ein, als den Uniformrock auszuziehen, über den Arm zu legen und die Mütze abzunehmen, also den „Privatmann“ zu demonstrieren und gemes42

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senen Schrittes in das Studio zu schreiten. Mit dieser Reaktion hast Du den jungen Russen aber absolut außer Fassung gebracht, der dich offensichtlich für einen hohen DDR-Offizier hielt, der zu einer Visite vorgefahren war – die Uniformen ähnelten sich ja schließlich. Möglicherweise glaubte er nun, Du hättest schon am frühen Morgen dem Alkohol zu kräftig zugesprochen. Ich muß noch etwas zu dem großartigen russischen Filmregisseuer Jury Oserow sagen, einer mit vielen Titeln und Preisen ausgezeichneten, international anerkannten Persönlichkeit von Format. Er war ein Heise-Fan. Als es mit „Schlacht um Stalingrad“ um die Fortsetzung von „Schlacht um Moskau“ ging, wollte man deinen Part, den Generalfeldmarschall von Bock, anderweitig besetzen. Als er davon erfuhr, soll er sehr energisch geworden sein, mit dem Fuß aufgestampft und gerufen haben: „Ich will Heise!“ Das hatte dann ja auch funktioniert. Jedenfalls hatte sich Jury zum Abschluß der Dreharbeiten in Berlin bei uns zu Hause zu einem Kaffeestündchen eingeladen. Mit Kameramann und beider Ehefrauen. Zu diesem Anlaß präsentierte ich einen selbstgebackenen gedeckten Apfel-Streuselkuchen nach bewährten Rezept des Hauses. Wir hörten von seiner Frau, einer wunderschönen dunklen, schlanken Armenierin, daß Jury gewöhnlich keinen Kuchen ißt, unter anderem wohl auch wegen seiner Leibesfülle, aber diesen wolle er nun doch probieren. Und ich hatte wohl seinen Geschmack getroffen, denn – oh Wunder – er verlangte noch ein zweites Stück. Die holde Gattin ließ sich sofort das Rezept geben. Das war ein echtes Erfolgserlebnis für mich! Aus dem Stündchen wurden mehrere Stunden. Wir wurden gebeten, unsere Gäste doch in ihr Hotel in Potsdam zu begleiten. Wir sagten gerne zu und bewunderten die schöne Suite im Barockstil, die sie dort bewohnten. Es wurde russischer Tee und wundervolles russisches Konfekt serviert. Die Nacht war kurz, aber für uns unvergeßlich. Übrigens hast Du ja doch einmal einen Guten spielen dürfen. Das war 1988 bei der ersten Koproduktion der DDR mit Österreich im „Johann Strauss“-Film. Obwohl es sich nur um einen Drehtag mit einem klitzekleinen Auftritt als Zeremonienmeister handelte, reizte dich die Zusammenarbeit mit dem bekannte Regisseur Karl Antel und der Starbesetzung Oliver Tobias, Rolf Hoppe, Zsazsa Gabor und Mary Crosby. An das Datum des Drehtages, den 28. August, erinnere ich mich so genau, weil es unser Hochzeitstag war und ich dich an den Hof in Gotha „beurlaubte“. Auch Synchronstudios beschäftigten dich gern. Man holte dich auch für Werbespots. Zum Beispiel entstanden in Köln Aufnahmen zusammen mit der in der DDR sehr beliebten und auch nach der Wende viel beschäftigten Antje Garden für die CeBIT in Hannover. Damals ging es um das noch in den Kinderschuhen steckende Bildtelefon. Bei den Aufnahmen hattet ihr gerti heise

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trotz vieler technischer Pannen zum Erstaunen der „Macher“ sogar großen Spaß. Mit deinen Programmen bespieltest Du viele Schlösser – Wiepersdorf, Groß Kochberg, Berlin-Friedrichsfelde, Barockschloß Rammenau, um nur einige Adressen zu nennen – oder tratest vor Patienten in Bädern und Kureinrichtungen auf. Bevorzugt wurden beispielsweise Heiligendamm, Bad Liebenstein und, vor allem auch mit seiner Kinderstation, das Sanatorium Wandlitz bei Berlin. Bekannte Orchester arbeiteten gerne mit dir und holten dich immer wieder. Ich nenne nur Heinz Igel mit seinem Neubrandenburger Orchester, der späteren Nordostdeutschen Philharmonie unter Rudolf Nötzel. Oder Holger Scheller mit seinem großartigen Eberswalder Orchester. Unvergessen sind auch deine vielen Konzerte mit Musikern der Leichten Muse. Manfred Haker war meist der musikalische Chef bei zahlreichen Tierpark-Konzerten, zu denen dich Prof. Dathe immer wieder holte. Meines Wissens hat Manfred dich letztmalig im September 1994 beim Frühschoppen zum Fest der Nationen auf dem Prager Platz in BerlinWilmersdorf begleitet bei deinem Erfolgstitel „100 bunte Bänder“, der dir einen sehr beachtlichen Applaus einbrachte. Der Verlag der zweibändigen Ausgabe von „Who’s Who?“ nahm mit dir Kontakt auf und plazierte dich in seiner 1992er Ausgabe mit einer ausführlichen Eintragung. Auch mit deinen seinerzeit heiß geliebten „Schlaraffen“, denen Du in Nordhausen beigetreten warst und die in der DDR streng verboten waren, hattest Du nach der Wende wieder guten Kontakt. Ich durfte mal mit zu einem Berlin-Abend, ansonsten müssen die „Burgfrauen“ zu Hause bleiben und den Herd hüten. Ja, mein Ernstl’, das Versprechen, mir niemals Kummer zu machen, hast Du eingehalten. Das Leben mit dir war niemals langweilig, sondern immer spannend, interessant und voller bunter Überraschungen. Sorgen machte ich mir trotzdem wegen deiner Raucherei. Vierzig Zigaretten pro Tag in allem Streß in der Rostocker Zeit! Du wurdest ja nicht nur vom Theater stark gefordert, sondern darüber hinaus gab es so vieles, was dich lockte, aber auch sehr viel Kraft beanspruchte. Ich dachte als HNO-Arzt: Das kann auf die Dauer nicht gut gehen, für einen Sänger schon gar nicht. Aber ich habe nichts gesagt, sondern wie zufällig immer mal Zeitschriften und Artikel, die sich mit der Schädlichkeit des Rauchens befaßten, herumliegen lassen. Das hat gewirkt; in den letzten 20 Jahren unseres Zusammenseins hast Du keine Zigarette mehr angerührt. Das waren dir deine Stimmbänder wohl wert. Und was war mit dem Alkohol? Dieses Problem reduzierte sich von selbst, weil Du ja immer irgendwie mit dem Auto unterwegs warst und deinen Führerschein nicht aufs Spiel setzen wolltest und konntest. Mal ein Gläschen Sekt zum Anstoßen oder einen guten schottischen Whisky und bei Gelegenheit ein Glas trockenen Wein zu einem guten Essen. Manchmal, 44

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wenn Du eine lange Nacht vorhattest, um eine Moderation oder Sendung in Ruhe auszuarbeiten, schenktest Du dir einen Kognak ein. Morgens, wenn ich ins Wohnzimmer kam, hattest Du gerade mal am Glase genippt. Du warst ein Vollblutmensch und liebtest das Leben und die Menschen. Deine Welt war die Musik. Dein Benny-Goodman-Plattenalbum hast Du wie einen wertvollen Schatz gehütet. Deine Lieblingssänger waren Neil Diamond und Jennifer Rush. Du hast mir niemals viel Arbeit gemacht. Manchmal sagtest Du zu Freunden: „Schließlich habe ich eine Ärztin geheiratet und keine Hausfrau.“ Und so wolltest Du ständig deinen Anteil an den anfallenden Hausarbeiten mit bestreiten, damit wir dann füreinander mehr gemeinsame Zeit hätten. Neben dem Kochen war deine Spezialstrecke das Abwaschen. Anscheinend war es das Planschen mit Wasser, das dir gefiel. Deine Schuhe hast Du dir immer alleine geputzt, das war Familientradition. Auch deine Mama durfte Vaters Schuhe nicht putzen, das hat er immer selbst besorgt. Deine Koffer für die vielen Reisen hast Du immer selber gepackt – ich hätte ja womöglich etwas Wichtiges vergessen können. Diese beiden Dinge, also Schuhe putzen und Koffer packen, wurden übrigens auch immer von Walter Scheel, unserem Alt-Bundespräsidenten, selbst erledigt, wie er in einer Talkshow verkündete. Wie stehst Du eigentlich zu Gott? Wir haben niemals darüber gesprochen, das hat jeder mit sich abgemacht. Dein Vater war evangelisch, deine Mutter katholisch. Obwohl Mutter Emma streng gläubig war, kam sie mit der katholischen Kirche nicht klar und ist ausgetreten. Als Du dann als Zweijähriger doch noch evangelisch getauft wurdest, konntest Du schon selbst in die Kirche spazieren. Ich glaube, Du warst ein zutiefst gläubiger Mensch. Kirchgänger waren wir ja beide nicht. Als Du schon im Krankenhaus Steglitz lagst, wolltest Du immer in den Gottesdienst mit der wunderbaren Pastorin Verena Heß. „Ihr zuliebe würde ich mich sogar noch einmal trauen lassen“, habe ich noch in Erinnerung. Und dann, in deinen letzten Wochen, riefst Du mich plötzlich zu dir und sagtest: „Laß uns zusammen beten.“ Ich fing vernehmlich an: „Lieber Vater im Himmel . . .“ „Nein, nicht so“, hast Du mich zurechtgewiesen, „natürlich jeder für sich.“ So warst Du eben, Ernstl’. In dieser Zeit stand uns Pastor Carl Schreiter von der Christus-Kirche Berlin-Mitte hilfreich zur Seite. Er war es auch, der uns half, nachdem Du uns verlassen hattest, in der Trauerhalle des Zentralfriedhofs Friedrichsfelde zusammen mit deinen Freunden Peter Bosse, Peter Gotthard und Fred Gigo Abschied zu nehmen. Dein Neffe Roderich Kreile kam extra aus München geflogen, um für dich auf der Orgel zu improvisieren. Unser Schöpfer hat es gut mit uns gemeint und dich mit einem Füllhorn seiner Gnade überschüttet. Du hast deine Kunst voll ausleben und die Menschen damit erfreuen, ihnen wieder Kraft und Lebensmut geben köngerti heise

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nen. Das war dir wohl so bestimmt, denn nicht nur einmal warst Du in früheren Jahren noch nicht dran, wie Du es mir selbst erzählt hast. Kurz vor Kriegsende wart ihr als ein Teil der Schüler der Lehrerbildungsanstalt Dahme zum Schanzen nach Festenberg in Schlesien und dann nach Breslau gekommen. Durch eine List gelang es euch, der kurz vor der Einkesselung stehenden Stadt zu entkommen. Ihr bekamt die Erlaubnis, frische Wäsche aus der Heimatstadt Oranienburg zu holen! Einmal daheim, wurdest Du erneut wegen deiner Englisch-Kentnisse „gezogen“, diesmal in eine Villa bei Teplice (Teplitz-Schönau). Offensichtlich mit dem Vorhaben, bei einer SSTruppe unter dem berüchtigten Skorzeny bei sogenannten „verdeckten Aktionen“ eingesetzt zu werden. Gott sei Dank war der Russe schneller. Alle Unterlagen wurden verbrannt, ihr Jungen solltet euch allein in die Heimat durchschlagen. Natürlich wurdest Du aufgegriffen und durch die Wälder in die russische Gefangenschaft getrieben. Du hattest versucht, den nagenden Hunger durch Trockengemüse zu stillen, das in Plastebeuteln, von Flugzeugen abgeworfen, herumlag. Wegen der durchschlagenden Wirkung dieser Behelfsnahrung erlaubte dir dein russischer Begleiter einen Seitensprung in die Büsche, währenddessen die übrigen Mitgefangenen mit dem Wegräumen einer Straßensperre beschäftigt waren. Da krachte es – die Sperre war vermint. Und Du hattest wieder überlebt. Du nutztest die Verwirrung und ranntest in ein nahes Gehöft, die Verfolger auf den Fersen. Plötzlich gab der Holzboden unter deinen Füßen nach – Du bist in eine Jauchegrube gefallen. Das muß schon ein seltsamer Anblick gewesen sein. Jedenfalls lachte der Russe, verspürte keine Lust mehr auf deine Armbanduhr, streckte dir vielmehr sein Gewehr entgegen und half dir heraus. Wohl weil Du so entsetzlich gestunken hast, ließ er dich laufen. Gleich nach Kriegsende wurdest Du in Oranienburg von der Straße weg erneut aufgegriffen, um im KZ Sachsenhausen Aufräumungsarbeiten zu leisten. Wegen Typhus hat man dich einige Tage später nach Hause entlassen. Du wurdest aber später gesucht, weil – wie Du mir sagtest – Du dort zu viel gesehen hättest. Man hat dich bei Freunden auf dem Land versteckt und aufgepäppelt. Deinen alten Vater hat man an die Wand gestellt mit der Drohung, ihn zu erschießen, wenn er dein Versteck nicht preisgibt. Er hat dicht gehalten. Noch einige Male suchte man nach dir, aber es gelang, mit Hilfe von Freunden zu entkommen. So bist Du erstaunlicherweise des öfteren von Freund Hein verschont worden. Mein Ernstl’! Ich glaube, Du hast mir jetzt lange genug mit großer Geduld zugehört, denn Neuigkeiten habe ich dir ja nicht erzählen können. Und so enthältst Du dich des Kommentars. Wir hatten ja oft die gleichen Themen, wenn wir Gäste hatten oder mit Freunden zusammen waren. Kam ich dazu und wollte etwas Interessantes berichten, so hieß es: „Das haben wir gerade schon vom Ernst gehört.“ Oder auch umgekehrt. Nun 

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Das Lied des Lebens Flüchtiger als Wind und Welle Flieht die Zeit, was hält sie auf? Sie genießen auf der Stelle, Sie ergreifen schnell im Lauf: Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben, Hält die Flucht des Tages ein, Schneller Gang ist unser Leben, Laßt uns Rosen auf ihn streun. Rosen, denn die Tage sinken In des Winters Nebelmeer; Rosen, denn sie blühn und blinken Links und rechts noch um uns her. Rosen stehn auf jedem Zweige, Jeder schönen Jugendtat. Wohl ihm, der bis auf die Neige Rein gelebt sein Leben hat. Tage, werdet uns zum Kranze, der des Greises Schlaf umzieht und um sie in frischem Glanze Wie ein Traum der Jugend blüht! Auch die dunkeln Blumen kühlen Uns mit Ruhe, doppelt süß; Und die lauen Lüfte spielen Freundlich uns ins Paradies!

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will ich dich also in Ruhe lassen. Als Du schon sehr krank und traurig warst: „Was soll denn bloß aus mir werden, so kann ich doch nicht vor mein Publikum!“, versuchte ich dich zu trösten: „Du hast dir in deinem Leben immer etwas Neues einfallen lassen müssen; ging eine Tür zu, dann öffnete sich eine andere. Wir schreiben jetzt zusammen ein Buch, das ist eine neue Herausforderung für dich. Und wir nutzen die Zeit, bis Du wieder gesund bist.“ Da leuchteten deine Augen schon wieder – ein neuer Plan, eine neue Aufgabe! Mit diesem Buch, das jetzt mit Hilfe deiner vielen Freunde zustande gekommen ist, möchte ich dir noch einmal Dank sagen für das wunderbare, spannende und interessante Leben an deiner Seite. Es war mir ein Bedürfnis, mein Versprechen dir gegenüber einzulösen, und ich habe viele Freunde angesprochen, ob sie dabei mittun würden. Die meisten wollten von dir erzählen, Du bist bei ihnen nicht vergessen worden. Alle konnte ich nicht ansprechen, es wären zu viele geworden und das Büchlein zu umfangreich. Deinen Freund Gigo brauchte ich nicht zu bitten, er hatte von sich aus das Bedürfnis, über seinen Freund zu schreiben. Allen, die deiner mit einem Beitrag gedacht haben, sei hiermit herzlich gedankt. Sie sollen nacheinander zu Wort kommen, als erster natürlich dein Freund Gigo. Und ich möchte schließen mit dem „Lied des Lebens“ () von Gottfried Herder, das Du so geliebt hast.

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Mein Freund Ernst Hubert Schmidt-Gigo erzählt Ernst Heise Geboren am 6. Juli 1928 Gestorben am 6. Mai 1996 Ich hatte einen Freund, mit dem ich eine Reihe von Jahren in künstlerischer und vor allem menschlicher Verbindung stand. Diese Verbindung hat für mein Leben so viel bedeutet, daß ich den Wunsch habe, über die Zeit, die wir uns kannten, miteinander freuten und auch miteinander stritten, zu seiner Erinnerung zu berichten. Es waren einunddreißig Jahre, die uns vergönnt waren, und ich weiß noch, wie es anfing. Natürlich hatte es mit dem Beruf und der Bühne zu tun. Da gab es in Rostock an der Ostsee ein Marine-Orchester der damaligen Volksmarine in der DDR. Mit diesem Orchester war ich ein paar Jahre schon durch meinen Beruf als Conferencier herzlich verbunden. Eines Tages im Jahre 1961 kam ein Mann zu einer großen Konzert-Veranstaltung, den ich noch nicht vom Namen her kannte. Er sah sehr vornehm aus, schlank, edler Kopf, schmales Profil, sehr korrekt und höflich, und der sagte zu mir: „Ich bin Ernst Heise vom Volkstheater Rostock, und Sie sind wohl Herr Gigo?“ „Ja,“ sagte ich, „ich mache hier die Programmfolge und die dazugehörige Ansage“ – damals hieß das noch nicht „Moderation“. „Aber unter Kollegen bin ich nicht ‚Herr‘, sondern der ‚Gigo‘“, antwortete ich. „Na hören Sie,“ meinte Ernst Heise, „ich kenne Sie vom Fernsehen mit Ihren Sendungen über Motorsport und Autoverkehr. Ich bin zwar auch am Auto und am Motor interessiert, aber deswegen werden Sie mich nicht kennen, ich bin bloß vom Theater in Rostock.“ „Bloß vom Theater.“ Bescheiden, wie er das sagte, traf es mich im ersten Augenblick. Wir standen uns gegenüber. Ich wußte damals nicht, was er vorher geleistet hatte, wie viele Stufen er vom singenden jungen Lehrer bis zum vielseitigen Opernsänger in verschiedenen Theatern erarbeitet und damit erklommen hatte. Das war aber an dem ersten Abend, an dem wir gemeinsam auf der Bühne standen, auch ganz unbedeutend, denn der Mann war mir vom ersten Augenblick an sympathisch. Kein Angeber, eben ein Sänger, der als erstes nur nach dem Orchesterwart und der Musikprobe fragte: Wann bin ich dran? Platz im Konzert, und wann darf ich probieren? „Darf ich . . .“ – das war für mich die zweite Überraschung und der Augenblick, in dem es bei mir funkte. fred gigo

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Von diesem Moment an war es mir vergönnt, über mehr als drei Jahrzehnte nicht nur Künstlerkollege, sondern auch Freund und Bewunderer seiner Vielseitigkeit und seiner menschlichen Art zu sein. Ich bin stolz, im Laufe der Jahre Freund – und manches mal auch Ratgeber – eines Mannes geworden zu sein, der mit seiner Lebensart und Berufsauffassung ungezählten Menschen, dabei vielen Künstlern und Künstlerinnen, Hilfe und damit Erfolg und Freude am Beruf und im Leben gegeben hat. Heute, nachdem sich sein Leben vollendet hat, will ich versuchen, mit den Erinnerungen an meinen Freund Ernst dem gerecht zu werden, was aus vielen Geschichten der Erinnerung und Dankbarkeit in diesem Buch spricht. Selbstlos, kritisch, aber auch humorvoll – das war er eben. „Ich bin vom Theater in Rostock!“ – so fing es an, als wir uns kennenlernten. Mehr hat er nicht gesagt. Das Theater in Rostock, damals von Hans-Amseln Perten beherrscht, war in unserem Lande das modernste Theater, das ich kannte und natürlich auch bewunderte. Ich hatte dort auch von einem HEISE auf dem Waschzettel gelesen, ihn in verschiedenen Rollen singend und vor allem agierend erlebt, denn das gehörte zu seiner Art, auf der Bühne zu stehen und einen Part zu spielen, aber sich dabei stets mit der Figur zu identifizieren. Auch in dem winzig kleinen Theater in der Mitte der alten Stadt mit höchstens sechzig Sitzplätzen, also ganz intim, habe ich ihn erlebt. Er war schon ein Künstler. Aber jetzt kam dieser Sänger ohne Starnamen einfach so zur Freilichtveranstaltung; und das Erste, was er wissen wollte, war: Wann ist Probe? Das erste Lied, das ich außerhalb einer Theaterrolle von ihm hörte, war ein weltbekannter Song, den man von vielen berühmten Sängern kannte: „Ol’ Man River“. Damals gab es neben der farbigen Elite in den USA auch in Deutschland einen Bassisten, Jörn Bergen, der für mich der beste Interpret unseres Landes war. Aber da ging Ernst auf die Bühne und an das damals beste Mikrofon. Ich erinnere mich noch heute an die Erregung in seiner Stimme, die mich ebenso wie das Publikum zum atemlosen Hörer machte. Ich fühlte, das ist nicht nur einer, der ein Lied singt, das ist ein Sänger, ein Künstler, der sich in einem einzigen Lied völlig verausgaben kann. Im Laufe der Jahre habe ich das bei so vielen ganz unterschiedlichen Interpretationen bewundern können. Vom Programm „Musik aus dem Hut“ bis zum unwiederholbaren „Wilhelm-Busch-Abend“, bei dem er nicht nur rezitierte, sondern die Welt der Gedanken und lebensklugen Texte von Wilhelm Busch mitreißend erlebbar machte. Dennoch suchte er bei Freunden stets ehrliche Kritik an seiner Arbeit. Glauben Sie mir, es war nicht einfach, so einem Freunde Ratschläge zu geben, Kritik an dem einen oder anderen Auftritt zu üben. Er wußte mit 50

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dem Wort umzugehen, schon durch die Arbeit in seinen Rundfunkprogrammen im Deutschlandsender, der dann lange Zeit „Stimme der DDR“ hieß und dessen Sonnabendvormittags-Sendungen die Handschrift – oder besser: die Wortschrift – von Ernst Heise trugen. Aber es hat mir Freude gemacht, daß ich das eine oder andere kritische Wort sagen durfte. Er unterzog solche Tips einer heiteren und auf sich bezogenen Auswertung mit viel Humor und entwickelte nicht selten dabei eine wunderbare und schöpferische Gegenkritik. Sehr oft schaukelten wir uns so einander in den Ansichten über Inhalt und Wortwahl, über Humor, Spaß, Niveau und Geschmack hoch. Im Lauf der Jahre gab es auch sehr nette Episoden, an die ich gerne denke, und die unvergessen sind. Ein Beispiel: Wir hatten eine Freilichtveranstaltung in Volkenshagen, einem Dorf zwischen Rostock und Ribnitz-Damgarten. Es war Sommer, die Zeit der Internationalen Ostseewochen. Man kannte Jane Swärd aus Schweden, John Norman mit seinen „Silverclouds“ aus Norwegen und Jan Rohde mit den Melody-Sisters aus Helsinki. Die füllten die große Freilichtbühne in Rostock mit vierzehntausend Plätzen, und mit denen sang auch mein Freund Ernst Heise. Ich durfte das alles conferieren. Was passierte? Es dämmerte schon, als „der Heise“ auftrat und nun zwei Seemannslieder sang. Ernst war erfreut über den Erfolg, den er in einem Programm mit den berühmten Skandinaviern hatte. „Gigo, sieh mal, wie sie jubeln, applaudieren und mit den Händen winken! Sogar im Takt der Musik! Und ich bin bloß einer aus Rostock und kein Skandinavier!“ Ich mußte nach ihm, der tatsächlich einen schönen Applaus hatte, wieder auf die Bühne. Und da sah ich: hinter der Volkenhagener Zuschauerwand hing eine Menge Wäsche auf der Leine, lauter weiße Hemden und andere Wäscheteile. Die waren an den Ärmeln oder Beinen aufgehängt und wedelten im abendlichen Ostseewind und im Gegenlicht der Abendsonne. Ich sagte: „Gejubelt haben die Leute, aber mit den Armen und Beinen gewedelt hat die weiße Wäsche!“ Ernst meinte: „Ja ja, die weißen Hemden haben sich nur den Leuten vor der Bühne angeschlossen. Da kannst du mal sehen, wie gut es ist, wenn du eine schöne weiße Weste hast!“ Ernst gefiel mir immer mehr, und ich ihm wohl auch, sonst wäre er wohl kaum trotz seiner Theaterarbeit zu den Konzerten gekommen, in denen ich der „Ansager“ war. Da war aber auch ein großes Konzert in der Marienehe-Sporthalle, das Original Glenn-Miller-Orchester mit Tex Benecke, Pauly Kelly und den Modernaires. In der ersten Reihe saß ein beliebter Jazz-Pianist und Sänger, Wolfgang Sauer, neben meiner Frau. Und daneben Ernst mit seiner Frau Gerti, die wir an diesem Abend endlich kennenlernten. Ernst verehrte als Freund der Jazz-Musik natürlich nicht nur den Wolfgang, sondern auch die swingende Bigband Glenn Millers. Tex fred gigo

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Benecke war der Meinung, es genüge, wenn ich die Musikanten der Band vorstelle, dann mache ich „the show going“. Alles in englisch. In Rostock sprachen damals nur sehr wenige Leute in Publikum Englisch oder gar das amerikanische Musiker-Englisch. Als mich der Tex dann bald auf die Bühne rief und wir beide simultan das Programm ansagten, hatte ich in der ersten Reihe des viertausender Publikums einen ganz besonders fröhlichen Applaudierer, aber keinen Claqueur: ERNST! Ich war verdammt stolz, daß er, der Künstler Ernst, mir applaudierte, der selbst seit vielen Jahren Applaus gewohnt war. Was ich bedauere ist, daß ich meinen Ernst weder bei seinen ersten Bühnenerfolgen in Plauen im Vogtlande noch in Nordhausen gesehen habe. In Plauen hatte ich in der großen Halle und im Theater bei heiteren Gastspielen schöne Erfolge, aber ohne Ernst. In Nordhausen hatte ich für meine Fernsehfilme als Teufel im Harz mit dem Maskenbildner Rödiger enge Freundschaft. Es stellte sich heraus, daß er meinen Freund in vielen Rollen, vor allem für die Oper, „mumifizieren“ mußte, obwohl Ernst doch ein schöner Mann war. Ich hätte ihn so gerne in diesen Rollen, Masken und Kostümen und in seiner Verwandlungsfähigkeit erlebt. Es war mir nicht vergönnt. Aber ich habe es durch viele Freunde erfahren, die diesen Opernsänger in seinen Rollen und bei Konzerten erlebt haben. Da ist der Musikdirektor Heinz Igel, Konzertmeister, Arrangeur und auch Jazz-Interpret, der mir in Erinnerung an Ernst sagte: „Das war einer, der in jedem Auftritt, ob es eine große Arie war oder ein Seemannslied,

Ernst Heise mit Heinz Igel und Orchester am 1. Mai 1977 in Berlin-Mahrzahn

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immer der Gleiche blieb, exakt, auf die Note genau. Und wenn er als Unterhalter in solchen Programmen mit meinem Unterhaltungsorchester Neubrandenburg in Prenzlau auftrat und das Programm servierte, da war es eine Wonne, diesem Mann mit seiner kultivierten Sprechweise und seinen eigenen Texten zuzuhören. Meine Musikanten liebten ihn deshalb ganz besonders, aber auch ich.“ Ich sprach mit dem Orchesterleiter Jo Kurzweg und seiner rechten Hand, Herrn Mammitzsch. Sie erklärten: „Der Heise war ein Phänomen, der kam immer weit vor der Probenzeit. Die Musikanten hatten manches Mal noch nicht aufgebaut, da legte er schon seine Arrangements hin. Im Kleidersack die Bühnenmontur, alles piekfein gebügelt und die Hosen mit einer scharfen Falte. Ich habe ihn weder bei der Probe, der Generalprobe im Kostüm noch während der Vorstellung jemals sitzen sehen. Der Heise legte einen großen Wert auf tadellose Form des Bühnenanzuges. Daß er seinen Part beherrschte, daß es bei den Proben keinen Ärger mit den Musikanten gab, denen er seine Noten vorlegte, war für ihn und für uns, die wir ihn kannten, selbstverständlich.“ Ich könnte noch mehr Stimmen zitieren, aber sie kommen in den folgenden Beiträgen selbst zu Wort. Wie hat er denn angefangen? So fragt man, wenn man jahrelang Arm an Arm – oder besser: Ellbogen an Ellbogen – Gemeinsames überstanden hat. Was haben wir über unseren Beruf diskutiert, geschimpft oder uns gefreut. Ja, es muß bei meinem Freund schon durch seine Eltern angefangen haben, die seinen Weg auf künstlerischem Gebiet förderten. Sein Vater Horst, den ich nicht mehr kennenlernen konnte, war der Kunst und der Musik von Herzen zugetan. Ich erfuhr, daß er – wie auch ich – als kleiner Knabe gerne redete, Worte fand und Sätze formte und so manches Mal beim Spaziergang der Familie voraneilte und sprach und sprach und sprach. Das Sprechen hat sich in seinem Leben immer wieder als Lebensinhalt herausgebildet, schon lange, bevor er seine Sprache als Sänger entdeckte und die kulturvolle Sprache im Gesang zur Kunst entwickelte. Damals gab es noch kein Fernsehen, aber schon den Rundfunk. Was hat der Ernst als Knabe gebastelt und versucht, überall im Hause Drähte zu ziehen, Lautsprecher zu montieren und aus den verschiedensten Zimmern zu „senden“. Ernst hat mir erzählt, er habe versucht, aus dem Badezimmer zu reden – mit der Schallbadewanne sozusagen einen Raumton zu erzielen. Heute ist dies alles mit jedem Halleffekt-Gerät zu erreichen. Wir beide haben in den Jahren nach den Kriege mit den damals erreichbaren Tonbandgeräten versucht, eigene Sendungen aufzunehmen. Er dort, ich da. Unser Einfallsreichtum ist uns später bei vielen Gelegenheiten und beruflichen Anforderungen, die unsere Ideen verlangten, zugute gekommen. fred gigo

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Wer kann schon aus dieser Zeit sein Konterfei als Titelbild einer Zeitschrift nachweisen?

Ich habe ihn gefragt, wie er denn Sänger geworden sei. Ernst lachte nur und erklärte: „Gleich nach den Kriege mußte jeder sehen, auf die Beine zu kommen, und so gab es 1946 für mich nur eine Möglichkeit, einen Beruf zu 54

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ergreifen, und zwar die, Lehrer zu werden. Meine frühere Ausbildungsstätte war die Lehrerbildungsanstalt Dahme (Mark), und alle ihre Absolventen hatten damals den Willen, als junge Lehrer die Kinder für das Leben vorzubereiten, zu erlernen, wie man nicht nur Wissen weitergibt, sondern vor allen Dingen Regeln für das neue Leben miteinander und füreinander vermittelt, ohne die alten Wege der Schule zu gehen. „‚Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.‘ Hast du auch diese uralte Forderung gelehrt bekommen? Ich habe sie mir zum Leitfaden gemacht, als ich dann die ersten Schulklassen vor mir hatte.“ So hat er mir oft erzählt, als es um seine Schulzeit – nicht als Schüler, sondern als Lehrer – ging. Was ich aus dieser Zeit weiß, in der er als Junglehrer von den Schülern verehrt und von den Schülerinnen angehimmelt wurde, ist sozusagen „urkundlich“ festgehalten, denn es geht aus Briefen von damaligen Schülerinnen der Grundschule in Sachsenhausen hervor. Als dieser hübsche junge Mann sogar das graue Fach der Mathematik unterhaltsam zur Freude machte, war in seiner Klasse als Schülerin eine heute beliebte Sängerin, nämlich Christel Lubbe, die heute Julia Axen mit Künstlernamen heißt. Sie hat mir oft erzählt, daß er der Schwarm der Mädchen war. Er leitete auch den Schulchor, führte die Zöglinge an die Musik heran, indem er sie anspornte, aktiv mitzumachen. So kam es, daß alle Schülerinnen sich in ihre besten Kleidchen warfen,

Auch die Knabenklassen verehrten ihren Lehrer fast wie ein Idol. Im Bild die Klasse 7c in Sachsenhausen, die er von 1947 bis 1949 leitete.

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als bekannt wurde, daß ihr Lehrer in einer Matinee in Filmpalast in Oranienburg auftreten und singen würde. Es wurde sein erster Erfolg als Musiklehrer und Sänger. Viele Jahre später stand er bei einem Radiokonzert gemeinsam mit Julia Axen auf der Bühne und vorm Orchester. Julia hat nie vergessen, daß sie einfach zu ihrem früheren Lehrer „Du“ und kollegial „Na, wie war ich?“ sagen durfte. Damals nach der Lehrerzeit begann er auch, sich mit Gefühl, Achtung und vor allem Höflichkeit allen, vorwiegend aber jüngeren Kollegen zu widmen, die sich auf dem so oft nicht leichten Weg zum Bühnenkünstler befanden. Aus dieser Zeit gibt es liebevolle Zeugnisse von hoffnungsvollen jungen Menschen, die künstlerisch begabt zu ihm kamen und eine kluge Ausbildung erfahren durften. Eine Reihe solcher Namen sind in diesem Büchlein enthalten. Ich kenne sie alle: Michael Hansen aus Rostock, Regina Thoß aus Zwickau, Jürgen Hammerschmidt aus Berlin und Siegfried Valendy aus Karow, der übrigens mehr im Ausland als in seiner Heimat gastierte und bekannt war. Ernst und Siegfried – beide waren begeisterte Autofreunde, und Valendy hat als „Fachmann“ seinem Freund vor allem bei dessen vorletztem Auto, auf das Ernst stolz war und das er hunderttausende Kilometer fuhr, immer geholfen, daß es rollte. Es war ein Volvo aus Schweden. Ich springe wieder in der Zeit zurück, weil sich für mich immer wieder Erinnerung und Gegenwart überschneiden. „Weißt du“, hat er nicht nur einmal zu mir gesagt, wenn wir über unsere Arbeit und unser Publikum sprachen, „es fängt mit der Höflichkeit an und hört damit auf. Die Menschen, die uns zuhören und womöglich, ich meine hoffentlich, applaudieren, haben ebenso das Recht auf Höflichkeit und Achtung von uns Künstlern. Dabei ist es ganz gleich, ob wir den einen oder anderen von ihnen im Publikum kennen oder nicht. Ich bin der Meinung, wir müssen jedem Besucher danken, daß er zu uns kommt, denn wir können nicht zu jedem hingehen.“ In vielen Gesprächen, in denen wir uns unserer gleichen Auffassungen und Einstellungen in bezug auf das Publikum bewußt wurden, entstand Schritt für Schritt unsere Freundschaft. Nicht nur im Beruf, sondern vor allen im Leben. Daß sich unsere beiden Frauen auch aneinander „gewöhnten“, trug zur Harmonie bei. Nach der Rostocker Zeit haben wir – auf Grund seiner vielseitigen Engagements und Gastspiele im Ausland – nur noch ab und zu durch die obligaten Ansichtspostkarten oder durch heitere, aber kurze Briefe Kontakt gehabt. Schließlich war Ernst bei solchen Gastspielen meist nicht nur als Künstler, sondern auch als Reiseleiter tätig. Damals hatte er Konzerte und Programme in Polen, in der Sowjetunion, in der Tschechoslowakei, in 56

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Ungarn, Österreich und im damaligen Westberlin. Worum ich ihn, der ich zehn Jahre wegen „Sperre“ nicht außerhalb der DDR auftreten durfte, beneidete, waren seine eindrucksvollen Tourneen in der Mongolei. Ach, das war seit meiner Jugend immer mein Traumziel gewesen. Um so mehr mußte er mir nach Rückkehr ausführlich berichten. Er war für mich der beste Reisereporter. Was hat er mir für Erlebnisse am Rande der Auftritte erzählt! Dann kamen Italien, Irak, Syrien, Ägypten, Libanon, Libyen und Algerien, wo damals eine besonders freundliche Atmosphäre zu uns Deutschen verbreitet war, auch Marokko und – natürlich – Cuba. (Ich habe die Briefmarken heute noch.) Die größten Reisen aber führten ihn nach China und Vietnam. Was mein Freund dort erlebt hat, ist in einer langen Reihe von Berichten in der Künstler-Zeitschrift „Unterhaltungskunst“ wie ein spannendes Buch zu lesen. In heiteren Berichten hat er uns über diese tolle, atemberaubende Tournee in lebendiger Darstellung soviel erzählt, daß ich manches Mal glaubte, dabeigewesen zu sein. Ich kannte ja auch alle, die zum Programm gehörten: Jürgen Pippig-Walter und Vera Schneidenbach (Gesang), die Artisten Valettis mit ihren Glas-Balancen, Charles Fistkorn auf dem schwingenden Seil, die schöne Ungarin Editz – groß und superschlank auf dem Einrad, das Duo Rubin – die Luftnummer unter der Bühnenkuppel, Geschwister Schubert-Alona und Frank Kerry. Daß die musikalischen Begleiter der Silver-Combo mit Manfred Maywald und dem überlangen Dizzy am Schlagzeug sowie den anderen Musikern, die alle so groß und schlank wie Ernst waren, eine Sensation für die zarten und kleinen Vietnamesen darstellten, hat Ernst, der das Programm vorstellte und mit Gesang und Conference brillierte, besondere Freude bereitet. Ich habe alle Berichte, die in seiner humorvollen Art geschrieben waren, verschlungen. Wie haben sich mir die Reisestationen Moskau, Omsk, Irkutsk bis Peking und vor allem die Eisenbahnfahrt nach Hanoi und zu den anderen Tourneestädten durch seine Schilderungen eingeprägt. Es war gerade die Zeit im November und Dezember 1970, als diese Städte so oft von den US-Amerikanern bombardiert und beschossen wurden. Für den Mut und die Bereitschaft, überall dort aufzutreten und mit den Mitteln der heiteren Kunst Hoffnung und Hilfe zu bringen, wurde er mit dem „Goldenen Orden der Völkerfreundschaft“ vom Präsidenten Vietnams geehrt. Das war alles in allem für uns beide, zumal ich ja den zweiten Weltkrieg als Soldat miterlebt hatte, Gesprächsstoff über lange Zeiten. Beide wollten wir mit unserer Arbeit für das Verständnis der Menschen untereinander und damit für ein friedliches Zusammenleben wirken. Ich kann diese zwei Monate dauernde Reise, die über 52 000 Kilometer führte und mit vielen herzlich aufgenommenen Vorstellungen gespickt fred gigo

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war, nicht nachzeichnen. Aber was uns beide besonders bewegte, war die Arbeit für Kinder, hier und dort. Vor allem weil wir beide besonders Wege für die Gestaltung von Kinderprogrammen suchten. Ernst hatte ja seinerzeit als junger Lehrer Gelegenheit, für Kinder sein Herz zu öffnen. Ich habe viel von ihm gelernt. Was hatte er nicht alles für Ideen, als es für einen Junglehrer noch schwer war, auf seine Art zu unterrichten und sich damit gegen die althergebrachten Methoden durchzusetzen. Bis aufs Kleinste versuchte er den Unterricht freundlich zu gestalten und die „Wilde Bande“, die er in den ersten Stunden vor sich hatte, mit pädagogischem Geschick zu zähmen. Er war der Kamerad und gleichaltrige Freund für alle ohne Ausnahme. Eine seiner ehemaligen Schülerinnen, Ingrid Wuthe, die auch als erwachsene und angesehene Frau mit ihrem Gatten freundschaftliche Beziehungen zum Ehepaar Heise pflegte, hat mir erzählt, daß er die Jungen unermüdlich aufforderte, die Mädchen als junge Frauen aufmerksam, höflich und hilfsbereit zu behandeln und sich als werdender Mann kavaliersmäßig zu zeigen. Mit einer gepflegten Erscheinung müsse man den Mädchen gegenübertreten. Das hatte zur Folge, daß sich die meisten Knaben kleine Manikür-Täschchen für saubere Finger wünschten. Und meist auch bekamen. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler sich besonders höflich im Unterricht benahm, durften sie als Belohnung gemeinsam mit dem Lehrer die Tafel abwischen. Gern erinnert sich die Schülerin Ingrid Wuthe, heute noch verbunden mit Ernsts Frau Gerti, an diese Schulzeit. Mit ihrem Gatten, der als Leiter der Stadtplanung beim Senator für Stadtentwicklung in Berlin seinem Beruf nachging, aber außerdem ein wunderbarer einfühlsamer Musiker ist, besteht heute noch eine harmonische Verbindung, von der auch ich zehren darf. Ich durfte ein Violinkonzert im Schloß Friedrichsfelde, zusammen mit Ernst, erleben, bei dem sich der Herr Wuthe als Violin-Solist selbst ein Geschenk machte. Daß unsere Frauen dabei waren, brauche ich nicht besonders zu betonen. So verweben sich Erinnerungen von früher mit Erlebnissen von heute. Durch hunderte Schreiben von Künstlerkollegen, Jugendfreunden, Theaterkollegen und Rundfunkmachern zieht sich die Achtung und Verehrung für meinen Freund. So manche Zeile in diesem Büchlein wird dies bestätigen. Was ich aber nicht schreiben oder besser nicht erzählen oder verraten kann, sind die heute so üblichen Künstler-Skandalgeschichten, intime und private Geheimnisse mit Frauen oder Alkohol und Intrigen. Das tut mir aber durchaus nicht leid, sondern darauf bin ich als Freund sehr stolz. Dafür kann ich aber wieder mit einer kleinen Episode dienen. Anläßlich der Verleihung der Berliner Ehrenplakette an die Künstlerin Inge Meysel, zu der Ernst eingeladen war, wurde er dem Regierenden Berliner Bürger58

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meister Eberhard Diepgen vorgestellt. Der fragte Ernst: „Was für ein Künstler sind Sie bitte?“ Ernst sagte: „Ich mache als Unterhalter auf Bühne und im Rundfunk etwa das Gleiche wie der große Entertainer Harald Juhnke aus Ihrer Stadthälfte. Aber ich trinke Joghurt!“ Diepgen lachte von Herzen. Wochen vergingen. Als wir beide zusammen in der berühmten Bölschestraße in Friedrichshagen ein großes Volks-, oder wie es heute heißt: Straßenfest präsentierten und mit der Hermlin-Band auf der Freilichtbühne standen, kam der „Regierende“ als offizieller Gast mit seiner Begleitung ebenfalls auf unserer „Zeile“ entlang. Da sah er auf der Bühne neben mir meinen Ernst. „Sind Sie nicht der Ostberliner Künstler, der sich mit Joghurt betrinkt? Heise, nicht wahr?“ Daß er meinen Freund Ernst nicht vergessen hatte, ermunterte mich, die wirklich gute Band von Andrej Hermlin-Leder, Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin, loslegen zu lassen – und wir beide sangen ihm als Dank für sein Kommen „We can’t give you anything but love, no money, it’s the only thing we have besides yoghurt. Thanks for comimg here, Mister Diepgen“. Der so improvisiert im Text Angesungene winkte zum Abschied herzlich lachend zurück. Solche spontanen Sachen konnte ich mit Ernst ohne Vorabsprache machen. Das haben wir oft ausprobiert. Ende der achtziger Jahre waren wir von Dr. Schreiter, einem Bekannten von Ernst, nach Salzwedel eingeladen worden, einen „Bunten Abend“ zu zweit zu machen. Wir nahmen an, daß der Abend in einem Klub stattfinden würde. Deshalb wollten wir mal ohne Spielbuch loslegen. Von uns beiden war das als Versuch gedacht. Angekommen, trafen wir auf einen Kulturhaussaal mit etwa 400 Gästen, also ein volles Haus. Die Spielstätte lag an der Grenze der DDR zur Lüneburger Heide. Da wir uns in den letzten Jahren sehr gut kennengelernt hatten, waren wir dennoch voller Hoffnung, auch vor so vielen Leuten bestehen zu können. Daher setzten wir uns der Gefahr aus, auf aktuelle Situationen, auf Fragen oder Zwischenrufe aus dem Publikum einzugehen und dabei auch Wünsche zu erfüllen, die wir beide vorher nicht wissen konnten. Ich startete mit einer kurzen heiteren Ansage, bei der ich auf die Lage der Stadt hart an der Grenze einging. Dann stellte ich meinen Freund vor, der von der Opernarie über das Volkslied und den Schlager bis zum Jazzgesang auf alles eingehen würde. Oper! Na – ein guter Einstieg. Ernst sang als Auftakt den Radames aus Aida. Damals gab es noch kein Halbplayback fertig zu kaufen. Also mit Klavierbegleitung. Unser Pianist war sehr versiert. Dann ein kurzes Gespräch direkt in den Applaus hinein über Theater und Oper. Plötzlich fragte Ernst mich: „Und du, singst du auch?“ Meine Antwort: „Nur wenn es nötig und nicht zu umgehen ist, aber ich habe andere fred gigo

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Töne zu bieten.“ Aus dem Publikum: „Bitte die Rennsport-Reportage!“ Na gut. Die Reportage-Parodie kam sehr gut an. Jetzt konnte ich den Ernst bitten, seine Stimmbänder brillieren zu lassen. Tenor, Bariton und Baß kann er bieten – darf es etwas für die Damen sein? Also sein Rosenlied, dann Zugabe. So wechselte die Folge mit Glossen über das Lutherjubiläum und Honecker als Schirmherr, der seine Kirchensteuer nachbezahlen müßte. Darauf Ernst mit Passagen aus seinem Wilhelm-Busch-Programn. Dann wieder Gesang im Wechsel, ich durfte sogar mit Ernst’s musikalischer Hilfe mein „Blueberry Hill“ in Armstrongmanier bringen. Ich kann nicht mehr alles aufzählen, aber wir beide hatten in Handumdrehen zweieinviertel Stunden „im Kasten“. Und dem Publikum gefiel es sehr. Nur: Wir zwei verließen schweißgebadet die Bühne. Es blieb bei diesem Versuch. Doch nun wieder zurück in jene Zeit, als wir beide beim gleichen Radiosender waren. Ernst fand mit seinen jahrelang so geliebten und weit über die Grenzen bis Österreich zu empfangenden Sonnabend-Sendungen Gehör bei einer riesigen Hörerschar, zu der auch ich zu rechnen war. Er brachte heitere, besinnliche, kluge und aktuelle Texte aus eigener Feder, dazu war er an der musikalischen Gestaltung sehr aktiv beteiligt. Seine Kochkunst, die er auch zu Hause für Gerti und vor allem für seine Gäste einsetzte, hatte einen festen Platz in der Sendereihe. Dabei waren die Texte, mit denen er seine Rezepte darbot, stets zu der Speise, die er empfahl, mit Augenzwinkern auf die jeweilige Versorgungslage gewürzt. Wissen Sie noch, wie die Reihe hieß? „Ihre Morgenmelodie mit Ernst Heise“. Das war ein klug gebauter Abschluß der Woche und machte fröhlichen Mut für die kommende. Ich hatte da eine Sendereihe mit einem Ratespiel internationaler Art im Rahmen der neun RGW-Staaten: „Alle Neune“. Mein Freund half mir auf meine Bitte bei einer Folge, in der Antarktisforscher und ein Tierprofessor beteiligt waren, mit einem Lied, das einen etwas komplizierten Text hatte, aber sehr gut passen würde. Ernst hat es mir zuliebe sofort gelernt. So intensiv, wie er immer lernte. Unser Dirigent Martin Hoffmann vom Rundfunktanzorchester Berlin sagte nach der Probe: „Das geht schon ganz gut, nur müßtest du vor dem Auftritt ein oder zwei ‚Kurze‘ trinken, dann läuft das besser, vor allem der Text. Das bringt die Lockerheit, die noch fehlt.“ Der Titel begann „Der erste Mensch, der mit Tieren spricht, stellt Euch das mal vor, der zebraisch wie ein Zebra kann . . .“ und so weiter. In der Sendung vor Publikum war plötzlich mittendrin der Text weg. Ernst, der nie einen Zettel in der Hand hatte, wenn er auftrat, mußte abbrechen. „Entschuldigen Sie bitte . . .“, wollte er sagen, da war ich schon am Mikrofon. „Verzeihung, mein Freund hat mir und auch Ihnen zuliebe diesen heiteren Text studiert, weil er in die Sendung paßt. Darf er noch einmal beginnen und dann – das einzige Mal in seiner Bühnenlaufbahn – mit einem 60

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Textzettel singen?“ Freundliches Nicken. Es wurde eine mit viel Beifall aufgenommene Passage in der Sendung. Dann war es vorbei . . . große Freude. Aber es war das einzige Mal in den vielen Jahren, die ich ihn kannte, wo durch zwei Weinbrände die Luft für ihn gebrannt hat. Das hat es wirklich nur einmal gegeben; er hatte mir eine Freude machen wollen. Womit wir wieder bei unserer Freundschaft sind. Was hat der Kerl alles geleistet, wieviel eigene Ideen verwirklicht! Das Programm „Musik aus dem Hut“ und das Wilhelm-Busch-Programm, bei dem er stundenlang vollkommen frei rezitierte und die Texte mit ihrem aktuellem Bezug auf das Zusammenleben der Menschen kommentierte. Seine Wortgestaltung war hinreißend, und ich, der wie alle Zuhörer an seinem Munde hing, habe vieles an Erfahrung in der niveauvollen Satzund Wortwahl von ihm übernommen. Seine Vortragsabende auf den Reiseschiffen – viele Tage lang immer das gleiche Publikum vor sich – hat er so vielseitig gestaltet, daß alle Gäste und vor allem auch die Besatzung hingerissen waren. Auch das hat zu freundschaftlichen Kontakten über lange Zeit geführt. Die vielen Jahre, in denen er an Theatern aller Art spielte, in vielen Rollen mit gedichteten Texten voller Leben, haben ihm wohl die Sicherheit gegeben, erfolgreich nur er selbst zu sein. Ich erwähnte schon, daß der immer pünktliche Ernst stets rechtzeitig vor der Vorstellung da war, im Gegensatz zu mir. So gab es immer wieder zwar freundschaftliche, aber von seiner Seite her klare Diskussionen. Ernst berücksichtigte zwar manchmal, daß ich etwas älter als er war, so daß die Kritik sehr taktvoll, aber dennoch unerbittlich auf mich wirkte. Er hatte ja so recht! Ich zog mich manches Mal schnell noch in Auto um. Daß ich, auch bei Freilichtveranstaltungen, immer einen Smoking bevorzugte, gefiel ihm sehr. Er war modebewußt, legte Wert auf korrekte Kleidung – nicht nur auf der Bühne – und saß oft recht unbequem in der Garderobe oder im Künstlerkasino, damit die Bügelfalte seiner Hose nicht litt. Alles mußte an der Kleidung tiptop sein. Ich habe ihn auch niemals unrasiert gesehen. Nochmals zu dem Thema: In letzter Minute kommen. Ich hatte damals einen alten VW, bei dem ich nur hinten in den Motorraum zu fassen brauchte, um eine Ausrede beim Vorzeigen der Hände zu haben, wenn ich knapp vor der Vorstellung ankam. Aber Ernst, der das natürlich merkte, und der in seiner Anfangszeit einen damals unter seinen Kollegen bekannten „DIXI“ fuhr, machte mir klar, daß auch ein altes Auto nicht nur repariert, sondern auch gepflegt und gewartet werden mußte. Das half mir oft als Tip bei der inhaltlichen Vorbereitung meiner Fernsehreihe, die sich mit Verkehr auf der Straße, höflichem Verhalten der Autofahrer und Motorsport befaßte. Wenn man bei Regen fährt und an der Straßenseite stehen fred gigo

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Leute, dann fahre ich langsamer, oder wenn sie über die Straße wollen, gebe ich ihnen die „Vorfahrt“, denn ich sitze trocken in Auto und sie werden naß. Sein vorletztes Auto war – ich erwähnte es schon – ein „Volvo“. Der wurde von ihm etwas übertrieben gepflegt, denn noch einen solchen konnte er sich nicht leisten. Ich erinnere mich, wie er eines Tages einen Briefumschlag aus der Tasche zog und mir vier Tausendmarkscheine „West“ zeigte, die er von Verwandten geschenkt bekommen hatte. Für einen teuren Satz neuer Hinterreifen. „Dir kann ich das zeigen“, sagte er, „weil du verstehen wirst, daß ich aus Sicherheitsbedürfnis das Geld nur für das Auto ausgeben werde“. Ach, was haben wir beide über Motoren, Autos und über die Art, sie zu fahren, damit sie lange durchhielten, gefachsimpelt. Wir kannten beide schon als Schulkinder lustigen Reime über Autos und alle ihre Markenzeichen und Namen. Ich kannte noch den in Brandenburg hergestellten Brennabor: „Eine Kiste und ein Rohr – fertig ist der Brennabor“. Da konterte er mit „DKW – das kleine Wunder – außen Blech und innen Plunder“. Ich wieder: „Mercedes fährt nicht jedes“. „Das reimt sich nicht,“ meinte Ernst, „aber: Opel fährt jeder Popel!“ Da konnte ich ihn schlagen: „Etwas Blech und etwas Lack – fertig ist der Hanomag.“ Den konnte er nicht kennen, denn er war ja jünger als ich, und die Marke gab es schon lange nicht mehr. Autos waren immer ein beliebtes Thema für uns, und ich konnte im Gegenzug oft seine Neugier befriedigen, wenn es um technische Fragen oder um Motorsport ging. Diese „Benzingespräche“ gab es schon in den sechziger Jahren, als ich meine Fernsehserie hatte. Damals und später habe ich mich immer wieder gefragt, weshalb kommt dieser fotogene und interessante Typ, der seine vielfältigen Bühnenerfahrungen und seine Sprachkultur einsetzen konnte, nicht auf den Bildschirm. Ich habe es dann sozusagen hinter vorgehaltener Hand erfahren. Der damals die Unterhaltungsszene im Fernsehen beherrschende Künstler, der bei der großen „Bitterfelder Kulturkonferenz“ in einer umfangreichen und langen Rede die Kulturpolitik der DDR-Führung bejubelt hatte, befand meinen Freund als ungeeignet, im Fernsehfunk gefördert zu werden. Er meinte: Dieser Typ paßt nicht auf den Bildschirm. Dabei spielte Ernst so viele verschiedene Rollen in den großen Häusern wie dem Friedrichstadtpalast. In der Inszenierung von „In achtzig Tagen um die Erde“ gab er überlegen den Phileas Fogg, und auch in großen Unterhaltungsprogrammen von Rostock bis Suhl habe ich ihn bei Inszenierungen und Pressefesten vor Tausenden von Zuschauern erlebt. Er gestaltete immer wieder neue, geschmackvolle und bewunderte Abwandlungen seiner Rollen, stets in seiner persönlichen Art. Das habe ich besonders an ihm geschätzt und bewundert. Als ich von 1964 bis 1974 von Rundfunk und Bildschirm verbannt wurde, also auch von unserem gemeinsamen 62

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Radio, dem Deutschlandsender, der späteren „Stimme der DDR“, machte er mir immer wieder Mut und half mir über diese schlimme Zeit. Er besuchte manches meiner Konzerte mit internationalen Gruppen und Orchestern und stand mir als kritischer Freund helfend zur Seite. Ich hatte in ihm auch ein Vorbild für meine Arbeit mit jungen Künstlern, Disc-Jockeys, damals noch „Schallplattenunterhalter“ genannt, und auch mit Artisten, Wortkünstlern und Parodisten. Ich wiederhole an dieser Stelle noch einmal seine Devise: Höflichkeit ist die Schmiere der Gesellschaft. Du mußt dein Publikum mit Achtung gewinnen, ohne in primitiver Weise durch Wort, Gestik und Auftreten billigen Augenblickserfolg erzielen zu wollen. Was mich immer wieder froh machte, war, daß er mit Freude und berechtigtem Stolz von seinen Filmrollen berichtete. Da waren anspruchsvolle Rollen wie im Film „Schlacht um Moskau“ unter Regie von Jury Oserow, der Ernst besonders gerne hatte und immer wieder zu Aufgaben diffiziler Art holte. Auch bei Vadim Glowna als Regisseur gestaltete er eine Nebenrolle so umwerfend, daß man sie bei einer Preisvergabe berücksichtigte. Ich denke, ich darf auch mal über eine gemeinsame Reise schreiben, die unsere beiden Ehepaare nach London führte. 1992 konnte und durfte ja jeder nach London oder sonstwohin fliegen, am leichtesten, wenn man, wie Ernst’s Frau Gerti, einen Bruder in Hamburg hatte, der ein Reisebüro betrieb. Nach der Wende sind die beiden glücklich hinaus in die Welt, sogar bis zum Traumland Bali, geflogen und haben uns an den Erlebnissen fröhlich beim Erzählen und entsprechend selbst gekochtem Essen teilhaben lassen. Aber uns kam es damals auf eine gemeinsame Reise an. Ab HamburgFuhlsbüttel nach London. Am späten Abend trafen wir im Hotel Senator nahe der bekannten Paddington Street ein. Die Paddington-Station war ja mal in einem berühmt gewordenen Roman, besser Krimi, Mittelpunkt der Story. Ernst hatte ein riesiges Sight-Seeing-Programm vor. Da mußte neben den lustigen Fahrten in den berühmten Londoner Bussen viel gelaufen werden. „Zu Fuß erlebst du alles intensiver. Nicht nur alles sehen, auch alles verarbeiten“, meinte er. Und was Ernst meinte, das wurde auch zu Fuß geschafft. Ernst wußte genau Bescheid, wo liegt Harrods, wo die bekannte Carneby-Street, wo soviel geschieht, der Covent-Garden, China-Town, Westminster-Abbye und schließlich das Parliament. Das mußte man neben so manchen Museen und Kunsthallen auf jeden Fall erlebt und gesehen haben. Wir hatten Glück, mußten nicht Schlange stehen und durften rein. Erst Kontrolle und Belehrung, daß wir uns fair, also anständig zu benehmen hatten, nicht reinreden sollten, wenn eine Rede uns nicht gefiel und fred gigo

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keine Wurfgegenstände oder Obst mitnehmen sollten, sondern an der Garderobe, bitte sehr, abgeben sollten. Das Unterhaus – gerade Debatte –, und dann das House of Lords, ebenfalls mit sehr temperamentvollen, kurzen Reden und teils humorvollen Diskussionen mit scharfem Witz, teils sehr seriöse Debattenbeiträge. Und alles ohne jedes Manuskript! Wir hörten überrascht zu und Ernst meinte: Stell dir mal vor, so was hätte es in der Volkskammer gegeben. Etwas will ich nicht vergessen. Ich hatte am 4. Juni Geburtstag, wie jedes Jahr. Nach den langen Wanderungen durch London, die für mich wegen einer Kniegeschichte oft recht schmerzvoll waren, meinte Ernst, daß wir in einen echten Pub mit Musik fahren sollten. Unsere Hoteldame empfahl uns den „a little bit far away, but fine ‚Od Montague-Pub‘“. Nach einer Stunde Bahn- und Busfahrt waren wir da. Ein richtiges verräuchertes Pub mit Patina, aber auch drei Musikern. Am Synthesizer Peter John, der ehemalige Bandleader von Tom Jones. Es war ein schöner gemütlicher Abend mit Musik, Ale-Beer ohne Schaum und warmem Whisky. Ernst gab der alten Wirtin einen Wink: Mein Freund „has birthday“. Da kam natürlich von dem Trio das unumgängliche „Hipp-Hipp-Hurra“ und „Happy Birthday to you“. Dann holte mich Peter John zur kleinen Bühne: „Would you get in tune with us? What will you sing, if you can?“ Ich bin kein Spielverderber. Also „Helloh Dolly“, „Blueberry Hill“ und „I can’t give you . . .“ So verdankte ich meinem Freund mein eigenes Geburtstagsständchen. Wenn ich all den Whisky und das Ale, was mir die applaudierenden Pubgäste spendieren wollten, getrunken hätte, wäre ich ohne Hilfe nicht mehr zum Senator-Hotel gekommen. Ernst und unsere beiden Frauen hätten mich rollen müssen. Und der Weg war weit! Und noch etwas sollte jeder Leser wissen: Ernst und seine privaten Briefe und manch Briefwechsel – das zu lesen ist eine besondere Freude, seine Art, Briefe zu schreiben. Aktuell, frech und meist, wenn politische Situationen beschrieben sind, auch klug politisch satirisch. Dafür haben wir viele Beispiele. Da sind sehr alte Briefe aus der Zeit in Plauen, in Nordhausen, in Rostock. An Freunde wie Konrad Wolf, Komponist und Arrangeur, der früher als verantwortlicher Redakteur beim Berliner Rundfunk arbeitete und speziell für den Jazz eingesetzt war. Aber damals sang Ernst noch die großen Arien der Opernszene, das gab ein herrliches Hin und Her zwischen den beiden. So gibt es viele lesenswerte Briefe. Und dann die liebevoll geschriebenen Geschichten wie das sanfte Märchen von dem „Igelchen und seinem Kater“, das er selber als eine erfundene, aber fast wahre Geschichte – mit autobiographischen Bezügen – für große und nicht kleine Leute betitelte. 64

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Flug-Blatt zum Start des Senders Radio 50 plus mit Wim Thoelke und Peter Bosse

Ich erinnere mich, wie wir den Inhalt einer Rede für junge Menschen zur Jugendweihe durchgearbeitet haben. Er wollte, wenn er schon eine solche Rede halten sollte, dann seiner Art entsprechend und nicht mit dröhnenden, politisch aufdringlichen und oft hohlen Worten – heute sagt man dazu Worthülsen – seine Gedanken ausdrücken. Er wägte lange ab, wir loteten jeden Satz aus, bis er zufrieden war und vor die erwartungsvollen Jungen und Mädchen treten konnte. Ich erinnere mich auch, wie bedrückt er war, als nach der von uns so von Herzen begrüßten „Wende“ – das Wort wollte er, weil es ihm zu herzlos war, nie in den Mund nehmen – plötzlich seine Arbeit für die Hörer beendet war. „Gemühlfenzelt“ war seine Worterfindung für die Situation, die uns alle betraf, die wir am Rundfunk hingen. Und wir hatten damals etwas Lustiges gemeinsam, wir hatten jeder einen einzelnen Stammhörer, der immer hörte und schrieb. Ich einen in Bayreuth, er einen in Wien. Der hieß Harald Riedel-Taschner. Er verpaßte keine Morgenmelodie, schrieb an Ernst seitenlange Briefe und sandte ihm Witze aus Österreich, auch die alten, vom Klassiker „Graf Bobby“. Ernst war der Meinung: Und wenn es ein einziger Hörer in Wien ist, der sich unseren Sender und unsere Sendung sucht und auch weiß, wann wir  

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dran sind, dann dürfen wir das nicht übergehen, weil es „nur einer“ ist. Jeder, der aus weiter Ferne schreibt, daß er mich hört, ist einer Antwort würdig. Etwas fern liegt auch ein Land, das eine internationale Gesellschaft in Deutschland hat, das ist unter vielen auch Portugal. Ich hatte die Ehre, bei einer Festveranstaltung der Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft geladen zu sein. Das war im Neuen Schauspielhaus, das heute Konzerthaus heißt, am Gendarmenmarkt in Berlin. Im Festprogramm mit Anne Köhl am Pianoforte und Paulo Alves Perreira, der rezitierte, sang und rezitierte auch Ernst in deutscher Sprache. Danach erfuhr ich erst, daß mich der Vizepräsident der Gesellschaft, Herr „Ernst Heise-Señor“, eingeladen hatte. Da habe ich gestaunt und war stolz auf meinen Freund. Wieder Mal. Jetzt mache ich einen Sprung ins Jahr , September. Damals machte er eine kurze Zeit eine unterhaltsame Nachmittagsreihe bei dem neuen Sender „Antenne Brandenburg“. Ich war auch zweimal in der Sendung als aktiver Gast, wie seinerzeit in Köpenick. Da hatte er eine Reihe Gäste; ich nenne nur Jessy Rameik und John Hendrik, der zwei Jahrzehnte der beliebte Reporter des „Zweiten Frühstücks“ im Sender RIAS, aus dem Bierpinsel in Steglitz gesendet, war. Ernst freute sich, daß Hendrik, der schon mit mir bei den „Quasseleien aus Köpenick“ auftrat, mitsamt dem Hauptmann wieder zu ihm gekommen war. Plötzlich wurde mein Freund ausgebootet. Der Stil von Heise ist zu privat, zu gefühlvoll, wir brauchen flottere, gewagtere Texte und Inhalte! Ich habe angehört, was danach im „Kaffeeklatsch“ abgehandelt wurde und über den Sender ging. Ich erspare mir Inhalt, Sprechstil und den Umgang mit dem Gästen vor und hinter dem Mikrofon zu kritisieren. Wozu auch. Ernst war wiederum „draußen“. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, denn diese neue Lage ging nicht auf sein Konto. Ich wußte doch, was er kann, und daß es jetzt mehr um finanzielle und im Kampf der Sender um Hörerquoten und nicht mehr um niveauvolle Inhalte der zu produzierenden Programme geht. Dann kam ein Abend, bei dem ich conferierte und Ernst ansagen durfte. Das war in der alten Klosterruine Chorin bei Eberswalde am Sonnabend, dem . Oktober . Ein erwartungsvolles Völkchen war dort zusam mengekommen. Die Halle war gefüllt bis auf den letzten Platz. Vor dem Publikum stand ein Kopftisch, an dem wie zu einer Versamm lungsleitung einige Künstler Platz genommen hatten. Da saßen Ingeborg Krabbe neben Peter Bosse und der Direktor des Panoptikums, Rainer Miklisch. Was werden wir da erwarten dürfen? Rainer Schmuck, der Komponist, eröffnete mit einer eigenen Melodie das Programm. Dann sagte ich Ernst an. Nach seinem Eröffnungslied stellte ich Peter Bosse vor, indem ich ihn bat, eine sehr erfreuliche, wichtige und unerwartete Bekanntmachung zu zelebrieren. Ich wählte diese etwas klingenden Worte, weil es für uns eine Stunde der Hoffnung und Freude war. 

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Schwester Hilde Gölles mit Fred Gigo

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Peter Bosse: Heute vormittag haben wir in Berlin unsere Sendefrequenz , MHz erhalten. Gemeinsam mit Wim Thoelke, der leider nicht anwesend sein kann, aber durch Herrn Miklisch mit dessen Panoptikum-Konterfei vertreten wird, wollen wir den Sender, der den Namen „50 plus“ führen wird, eröffnen! Jetzt kam ein großer Überraschungsapplaus. Ernst krönte diese Erklärung in dem Augenblick, als der Panoptikum-Kopf von Wim Thoelke gezeigt wurde, mit dem alten Hazy-Osterwald-Lied vom Panoptikum des Lebens! Ja, auch das konnte der Sänger, der von der Opernarie bis zum Seemannslied, vom Gospelsong bis zum verschmitzten Chanson und zum Jazz seinen Bogen spannte. Wir beide waren glücklich, wieder Rundfunk zu haben, und den mit einem alten Freund: Peter Bosse. Was Ernst voller Freude, wieder Radio machen zu können, in einer eigenen Reihe und im Zwiegespräch mit Peter Bosse in der Serie „Plausch auf Plüsch“ bot, war ein Labsal für ihn und auch für mich. Ernst war wieder „auf dem Sender“. Das waren die letzten Arbeiten für sein Publikum, die von einer tückischen Krankheit jäh abgebrochen wurden. Es gab noch einmal ein Aufflackern, das uns Hoffnung machte, aber alle Freude trog. Am . Mai  kam die entsetzliche Nachricht, als seine – und heute unsere – Gertrud, die er immer liebevoll mit dem Kosenamen Gerti rief, am Telefon sagen mußte: „Mein Ernst’l hat sich heute verabschiedet!“ Ich durfte mit Peter Bosse, seinem Rundfunkfreund, und Peter Gotthard, seinem vertrauten Musikfreund, bei der Beisetzungsfeier meinem Gefühl Ausdruck geben. Der Abschied war schmerzvoll. Ich habe meinem Freund versprochen, ihn nicht zu vergessen. Hier ist mein Versuch, seinem so erfüllten Leben mit allen, die ihn kannten, gemeinsam ein Denkmal zu setzen. Es sollen außer mir viele zu Wort kommen. Ich danke dir, mein Freund Ernst.

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Für alle Amateur-Genealogen folgen hier

Auszüge aus der Familienchronik der Heises Ernst Heises Eltern: Emma Heise, geb. Plomer, geboren am 23. September 1891 in Tetschen (Deˇcˇín)-Bodenbach in Böhmen, verstorben am 17. August 1983 in Oranienburg b. Berlin. Carl Horst Heise, geboren am 17. April 1879 in Leipzig, verstorben am 17. Dezember 1966 in Oranienburg b. Berlin. Die Familie Heise kam circa ein bis zwei Generationen vor Carl Horst aus Hamburg nach Leipzig. Ernst Heises Großvater Friedrich Carl Heise (1820–1890) war Privatbankier, seine vier Kinder bekamen alle eine gute Schulbildung. Agnes war die Älteste der vier Kinder und einzige Tochter. Es folgte ein Bruder, der in Forbach/Saargebiet Chemiker wurde und kinderlos blieb. Der nächste Bruder litt an einem Nervenleiden und ist nicht alt geworden. Carl Horst, 16 Jahre jünger als Agnes, sang gerne und war im Thomanerchor. Ernst Heises Großmutter Alwina war eine geborene Freyer. Ihr Bruder besaß in Leipzig den Musikverlag Ernst Freyer, er konnte sehr gut Geige spielen, woran sich Ernst gerne erinnerte. Nach dem Tode von Großvater Friedrich Carl im Jahre 1890 hatte Großmutter Alwina bis zu ihrem Tode 1896 von dem hinterlassenen Vermögen gelebt. Eine Schwester und ein Bruder von Friedrich Carl gingen als Hofpianisten für einige Jahre nach Persien und kamen reich beschenkt zurück. Aus dieser Zeit fanden sich viele Jahre später noch diverse Schmuck- und Möbelstücke in Agnes’ Besitz, die leider im Laufe der Zeit verlorengegangen sind. Carl Horst hatte sich zusammen mit seinem behinderten Bruder ein möbliertes Zimmer gemietet. Die Vermieterin und deren Tochter unterstützen ihn. Später heiratete Carl Horst sogar diese acht Jahre ältere Tochter aus Dankbarkeit, nachdem er eine sehr gut bezahlte Anstellung als Prokurist bei der Firma Byk/Gulden in Wittenberg-Piesteritz erhalten hatte. Diese gute Position verdankte er seinen ausgezeichneten Sprachkenntnissen in Wort und Schrift, die er sich, neben der deutschen Sprache auch in Englisch, Französisch und Italienisch, nach Abschluss des Gymnasiums erworben hatte. Seinen gesanglichen Ambitionen ist Carl Horst sein ganzes Leben hindurch treu geblieben, so hat er z. B. in Wittenberg im Kirchenchor gesungen. Tragischerweise erlitt in den ersten Ehejahren die junge familienchronik

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Frau Heise eine Fehlgeburt, als sie beim Fensterputzen von der Leiter stürzte. In einer durch dieses Ereignis bedingten Depression erhängte sie sich. Schwester Agnes bekam viele Jahre bei Robert Schumanns Witwe Clara Wieck-Schumann Klavierunterricht. Auch die Familien verkehrten untereinander. Für die damalige Zeit hatte Agnes eine sehr gute Schulbildung genossen. Allerdings hat sie unter der unglücklichen Liebe zum Sohn von Robert Blum*) gelitten: Diese Liebe war gesellschaftlich nicht tragbar; Agnes ging für mehrere Jahre als Erzieherin nach Baltimore in Nordamerika. Eine Cousine von Carl Horst und Agnes, Tante Elli, hatte den Arzt Dr. Thomson in Baltimore geheiratet, der jedoch nach Ende des zweiten Weltkrieges an einem unbeschrankten Bahnübergang vom „Ohio-Express“ überfahren worden ist. Tante Ellis Sohn Prof. Dr. Raimond Thomson, ein Gehirn- und Rückenmarksspezialist, der unverheiratet und kinderlos blieb, kam alle zwei Jahre auf Besuch nach Europa. Etwa um 1890 kam Agnes zurück aus den USA und eröffnete in Leipzig ein Handarbeitsgeschäft. Emma Plomers Vater Franz, ein Bauernsohn, war als Jüngster vom Erbe ausgenommen. Er ging beruflich an den Zoll bei Tetschen-Bodenbach. Dort beobachtete er immer wieder, wie Vieh nach langen Transporten und Wartezeiten an der Grenze verendete. Er rechnete sich gute Chancen aus für eine kleine Leimfabrik, die er nach seiner Dienstzeit als Zöllner gründete, und die auch seine Familie gut ernährte. Außerdem war er aktives Mitglied im Bodenbacher Kneipp-Verein. Die kleine, knapp zehnjährige Emma sang zur Laute auf Veranstaltungen dieses Vereines Kneipp-Lieder wie: Die Kneippkur Couplet aus den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts All ihr Kranken und Gesunden stimmt mit ein und jubiliert, denn man hat ein Kraut gefunden, das vom Tode uns kuriert. Podagra und Rheumatismus sind für uns ein leerer Wahn Seit der Heilungsfanatismus sich bricht Bahn. Eine Gießkanne im Hause ist der ganze Apparat. Strömend aus der kalten Brause winkt im Eimer uns das Bad. Oh wie wonnig, kühl und nass und wie kräftig macht uns das! Drum ertön’ ein Lob der Kneippschen Methode!

*) Robert Blum (1807–1848), liberaler Radikalpolitiker und Sozialist, wurde 1848 in Wien standrechtlich erschossen.

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Refrain: Ohne Stiefel, ohne Strümpfe, alles muss jetzt barfuß geh’n, und die Menschheit überall lobt und preist den Wasserstrahl. Denn durch die Methode Kneipp Wird man gesund an Seel’ und Leib. Drum ertön’ ein Lob der Kneippschen Methode! Im Theater, auf der Bühne, welch ein Vorteil, welche Gunst, wenn man barfuß dort erschiene, um zu zeigen seine Kunst. Auch die Nörgelei’n der Diva tun dem Schuster nicht mehr weh und man kennt den Tenoristen am hohen Zeh. Ja, es sagt sogar die Fama, dass man dann auch jedenfalls Im französ’schen Sittendrama barfuß geht bis an den Hals. Welch ein Anblick – s’ ist zu toll, jeden Abend die Bude voll! Drum ertön’ ein Lob der Kneippschen Methode. Refrain: Ohne Stiefel, ohne . . . Emma träumte davon, Sängerin zu werden. Beinahe wäre sie mit einer gastierenden Künstlertruppe mitgezogen, die ihr Angebote machte, aber für ein Mädchen aus gutem Hause war das völlig unschicklich und kam nicht in Frage. Emmas Mutter Johanna Dorothea, Tochter des Böttchermeisters Johann Christian Waschmann aus Schönebeck/Elbe, sang bei allen Festivitäten zur Gitarre, hatte einen großen Freundeskreis, kochte bei Familienfeiern die Mahlzeiten und war überhaupt ein sehr lustiger, betriebsamer und sehr fröhlicher Mensch. Die Familie verzog später nach Leipzig, wo allerdings Kneipp-Gesellschaften behördlich verboten waren. Dennoch wurden Damenkränzchen abgehalten, die sich u. a. mit gesunder Ernährung befaßten, und Johanna fuhr von Zeit zu Zeit nach Berlin, um ihren Wissensstand zu aktualisieren und die erfahrenen Neuigkeiten ihrem Bekanntenkreis weiterzuvermitteln. Sie verstand es, das Leben von der lustigen Seite zu nehmen. Sie starb 1933 im Alter von 80 Jahren, die Gitarre über dem Bett. Klein Ernstl hatte die schönsten Erinnerungen an seine geliebte Oma, wenn ab und zu ein Besuch nach Leipzig unternommen wurde. In Leipzig hatte auch Emmas Vater Franz die Kneippsche Lebensweise fortgeführt, indem er sich beispielsweise bei Erkältungen einen langen, nassen Schal um den Hals wickelte oder beim ersten Schneefall die Kinder zur Abhärtung barfuß ums Häuserviertel laufen ließ. familienchronik

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Emma durfte ihren Wunsch, Sängerin zu werden, also nicht realisieren, sondern bekam eine Stelle im Handarbeitsgeschäft von Agnes Heise und lernte dort Monogrammsticken. Agnes nahm Emma des Öfteren mit nach Wittenberg/Piesteritz zu ihrem Bruder Carl Horst, der zu diesem Zeitpunkt schon verwitwet war und sich in Emma verliebte.  wurde geheiratet. Emma war damals  Jahre alt.  wurde Sohn Horst geboren,  erblickte Tochter Hilde und  Nachkömmling Ernst das Licht der Welt. Schwester Hilde erinnert sich an einzelne Episoden aus der Kindheit: Am ersten Ferientag, dem . Juli , lag Mutter Emma im Bett, das war für die Kinder Horst und Hilde unbegreiflich. Tante Agnes überbrachte ihnen die Einladung zur Familie Dr. Herrmann. Nachmittags wurde dort ein Bilderbuch angeschaut und Frau Dr. Herrmann fragte die Kinder: „Was wünscht ihr Euch?“ Hilde hätte sich ein Fahrrad gewünscht, Frau Dr. Herrmann aber zeigte auf eine Puppe, die bedeutete ihnen Ernsts Geburt. Horst bekam sein eigenes Zimmer, Ernst und Hilde teilten sich eins. Ernst schrie ständig, so daß Hilde immer befürchtete, ihm täte etwas weh! Ernst brauchte viel Zärtlichkeit. Als  Großvater Franz Plomer in Leipzig gestorben war, sangen in Wittenberg die Kinder Horst und Hilde „Ach, wie schön, Großvater ist tot, Mutter fährt nach Leipzig“, denn für sie bedeutete das: Jetzt bekommen sie von der Frau Raum, des Kutschers Ehefrau, so schöne „handfeste Sachen“ verabfolgt, mal was anderes als bei Muttern. Die Firma Byk und Gulden in Wittenberg/Piesteritz arbeitete mit afrikanischen Hölzern (Quebratscha-Holz), aus denen Extrakte entzogen wurden, die der Weiterverarbeitung zu pharmazeutischen und Färbereizwecken dienten. Die Importe erfolgten über den Hafen Brest in Nordfrankreich, daher waren französische Sprachkenntnisse wichtig. / wurde die Firma verkauft. Carl Horst sollte erst nach Frankreich, entschied sich dann aber doch für Oranienburg, wo eine neue Firma Byk/Gulden aufgebaut werden sollte. So zog die Familie Heise mit Tante Agnes, die ihren Handarbeitsladen aufgab, nach Oranienburg. Tante Agnes war durch eine kleine Leibrente weiterhin finanziell unabhängig. Die alten Verträge aus Wittenberg wurden nicht eingehalten, Carl Horst bekam neue Verträge zu sehr ungünstigen Konditionen. Während der Wirtschaftskrise in den Jahren / kam es zum finanziellen Ruin der Firma. Die Familie zog  aus der Direktionsvilla in der Lindenstraße in ein ehemaliges Gutshaus in der Havelstraße, das schon damals unter Denk-malschutz stand. Carl Horst erkrankte schwer, mußte etwa ein halbes Jahr das Bett hüten, immer wieder kam Dr. Katerbow zum Krankenbe such. Während dieser schwierigen Zeiten ernährte Emma die Familie mit 

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Die Eltern Emma und Carl Horst Heise mit ihrem großen Sohn Ernst

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Näharbeiten, speziell mit dem Sticken von Monogrammen. Ernstl musste meistens die Wäschepakete an die Kundschaft ausliefern und bekam, weil er ein so freundlicher und hübscher kleiner Kerl war, manchen zusätzlichen Groschen zugesteckt, wie er sich später noch erinnerte. Nachdem sich Carl Horsts Gesundheitszustand wieder etwas stabilisiert hatte, konnte er die Buchhaltung von diversen Geschäftsleuten in Oranienburg übernehmen, u.a. auch die der Fleischerei Stöpel, so daß besonders in den Kriegs- und Nachkriegszeiten die Ernährung gesichert war. Der kleine Ernst wird als zartes Bürschchen beschrieben – mit einem blonden Lockenkopf, ein lieber Kerl. Sein Vater Carl Horst war evangelisch-lutherisch, seine Mutter Emma katholisch, aber keine Kirchgängerin, da sie – unabhängig von ihrem Glauben – mit der Institution Kirche nicht einverstanden war. Als Ernst bereits zwei Jahre alt war, spazierte er mit der ganzen Familie in die evangelische Kirche, um getauft zu werden. Bei Familienspaziergängen lief der kleine „Ernine“, wie Ernst von allen liebevoll genannt wurde, ungefähr fünfzehn Meter vorneweg und redete unentwegt, sodass seine Mutter Emma Freunden gegenüber bereits äußerte, Ernst bekäme sicher einmal einen Sprechberuf: Entweder wird er Pauker, Pfaffe oder Komödiant. Noch im Vorschulalter entwickelte er ein erstaunliches Interesse an Autos, konnte jeden Typ erkennen und benennen. Ganz speziell interessierte er sich für Radios und hatte in der ganzen Wohnung, in den Zimmern, im Flur, in der Küche, sogar in der Toilette Leitungen verlegt, damit man das Rundfunkprogramm überall empfangen konnte. Zum Geburtstag seiner Mutter überraschte Ernst einmal die ganze Familie mit einer besprochenen Schallplatte, die er mit einer Gratulation über Lautsprecher ertönen ließ. Für Schwester Hilde war das sehr eindrucksvoll: Draußen vor dem Fenster brachte Ernst sein Ständchen, während drinnen die Platte auf einem Grammophon mit großem Trichter lief.  wurde Ernst an der Hans-Schemm-Schule in Oranienburg eingeschult. Im Alter von  Jahren kam Ernst nach Dahme/Mark ins Internat auf die Lehrerbildungsanstalt. Er fand dort gute Freunde und wunderbare Lehrer. Der Unterricht ist sehr vielseitig gewesen, viel Sport, sogar Segelfliegen stand auf dem Programm. Während der Kriegsjahre unterrichteten sehr gebildete Lehrer aus Berlin, die nicht mehr oder noch nicht im kriegsdienstfähigen Alter waren. Sie vermittelten ein hervorragendes Allgemeinwissen bis zum Notabitur. Ernst aber wurde von der Kriegsmaschinerie eingeholt und musste sein Lehrerstudium unterbrechen. Seinen weiteren Lebensweg versucht dieses Buch nachzuzeichnen.

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Ernst Heise – seine Freunde erinnern sich Julia Axen Eigentlich war in der Grundschule von Birkenwerder nichts besonderes los. Das änderte sich, als der Junglehrer Ernst Heise an unsere Schule kam. Selbst das graue Fach Mathematik bekam einen sonnigen Anstrich, denn alle in meiner Mädchenklasse schwärmten für diesen hübschen jungen Mann. Manchmal übernahm er auch in Vertretung die Leitung unseres Schulchores, in dem ich, die Christel mit den langen Zöpfen, die 3. Stimme sang. In einer großen Hofpause erwischte er mich einmal an meinen Zöpfen und sagte: „Christel, du hast etwas, wofür andere ein jahrelanges Studium brauchen“. Was er wohl meint?, dachte ich. Aufregung herrschte an unserer Schule, als unser Lehrer eines Sonntags zu einer Matinee im Kino „Filmpalast“ in Oranienburg sang. Wir Mädchen schlüpften in unsere Sonntagskleider und fuhren mit Erwartung und nicht ohne Stolz auf unseren Lehrer dort hin. Wie immer hat alles zwei Seiten. Wir verloren unseren Lehrer. Sein Werdegang führte ihn auf größere Bühnen, auch in Theater und Opernhäuser. Als ich die Schule verließ und anschließend meine Nase für längere Zeit in die Journalistik steckte, ebnete sich nebenbei mein Weg hin zur Sängerin. So ergab es sich nach Jahren, daß wir uns beruflich wieder begegneten. Das war eine große Freude, hatten wir doch gemeinsam ein schönes Erinnerungspäckchen. Und nun brauchte ich zu meinem ehemaligen Pauker auch nicht mehr „Sie“ zu sagen. Julia Axen Peter Bause Mit Ernst verbinden sich bei mir nur fröhliche Gedanken. Unsere Begegnungen – die erste Tingelei in Rostock per Motorroller und der wunderschöne Geburtstag im Klub der Kulturschaffenden! Da war ich ganz stolz auf Ernst, daß so viele Menschen gekommen waren, um Ernst zu gratulieren, um dem unermüdlichen Arbeiter des Frohsinns zu danken! Mit Ernst haben wir einen zutiefst optimistischen Menschen verloren, einen Menschen, der von innen her seinen Frohsinn, seinen Optimismus, seine Freude mitteilen konnte! Ohne Arg, ohne Häme! erinnerungen

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Ernst war ein Mensch der seltenen Art, die sich selbst nie im Vordergrund sehen und gesehen haben, sondern immer den Wert einer Sache benannt haben. Ernst konnte einem Gedanken dienen, voller Zuversicht. Es ist ungemein traurig, daß Ernst nicht mehr da ist, aber er hat Spuren hinterlassen. Er hat uns, die wenig jünger sind, hinterlassen, daß man nichts hoffnungslos anzusehen hat, daß überall noch ein Funke ist, den man anblasen könnte. Ein erfolgreicher, fröhlicher Mensch hat uns verlassen, aber über Ernst werden noch viele Gutes zu sagen haben. Das ist gut, das ist tröstlich! Hans-Jürgen Beyer Ab 1980 war Ernst mein Gesangslehrer. Ich ging sehr gern in seinen Unterricht, denn nachdem ich meine Gesangsübungen und Lieder vorgetragen hatte, sprachen wir oft und sehr lange miteinander. Wir hatten auch einen gemeinsamen Freund: Wolfgang Patig, meinen Manager. Ernst, seine liebe Frau Gerti und ich waren nun zum 50. Geburtstag von Wolfgang eingeladen. Wir plauderten, aßen und tranken gemeinsam. Und plötzlich kam Wolfgang mit der Bitte zu mir, ich möge doch ein Ständchen zum Besten geben. Vielleicht lag es allein daran, daß ich so unvorbereitet gebeten wurde und außerdem schon einiges getrunken hatte, so daß ich der Bitte nicht nachkommen wollte. Heute bin ich auf solche Situationen vorbereitet. Damals war ich Ernst wirklich sehr dankbar, daß ich Rückendeckung von ihm bekam. Er sagte: „Richtig, Junge, laß das jetzt mit dem Singen.“ Zu Wolfgang aber sagte er: „Auch ein Sänger hat das Recht, bei einer Einladung einfach nur mitzufeiern. Keiner kommt auf die Idee, bei einer Feierlichkeit den eingeladenen Elektriker gleichzeitig alle Steckdosen, Lampen und Leitungen reparieren zu lassen.“ Wie recht er hatte, habe ich oft im Berufsleben mitbekommen. Peter Bosse Für Ernst Heise war es gut, in einer Zeit zu leben, in der die Grenzen zwischen der sogenannten U- und E-Kunst immer mehr eingerissen wurden. Der Sänger großer Opernliteratur und Schauspieler bemerkenswerter Rollen, der „singende Schauspieler“ Ernst Heise konnte sich zunehmend auch auf der Bühne der Unterhaltungskunst als Solist in bunten Veranstaltungen oder als Einmann-Unterhalter mit seinen Solo-Abenden dem Publikum stellen; und er stand auch hier bravourös seinen Mann. Unzählige Engagements brachten uns so zusammen, und ich lernte bei diesen Auftritten seine Bandbreite künstlerischer Gestaltungskraft wie auch seinen ausgeglichenen persönlichen Charakter immer mehr kennen und vor allem schätzen. Durch diese Arbeit begann zwischen Ernst und mir Freundschaft zu keimen und zu wachsen. Unsere Familien wurden in 76

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die privaten Kontakte einbezogen, manch unbeschwerte Stunden sind mir tief in der Erinnerung geblieben. Vor allem war ich total überrascht, wie Ernst zu meinen Kindern von der ersten Stunde an ein liebevolles Verhältnis aufbaute, das Vertrauen und Respekt atmete und jedesmal Jubel bei den Trabanten auslöste, wenn der nächste Treff vereinbart wurde. Eine andere Überraschung, die scheinbar mit dem soeben Erzählten nichts zu tun hat, muß ich aber hier anfügen. Thema: Auto – und das in der bekannten Mangelwirtschaft unseres Landes. Unterhaltungskünstler müssen ein eigenes Auto fahren, sie brauchen auch einen zuverlässigen Untersatz und sollten umsichtige Fahrer sein. Unser Ernst kannte da keine Schwierigkeiten. Er hatte zuverlässige Autos, konnte fahren wie ein junger Gott und pflegte Lack und Unterboden, Polster und Motor wie ein Profi. Als wie ein warmer Regen eines Tages ein paar Nobelkarossen per Bezugsschein verteilt wurden, konnte sich Ernst auch einen „Volvo“ aus dem Autohaus abholen. Und nicht nur ich beneidete ihn um diesen bequemen komfortablen Reisewagen. Ich sehe ihn heute noch chauffieren – mein Gott, was war er stolz und glücklich mit diesem Auto. Und dann passierte es. Ein Vertrag verpflichtete uns gemeinsam nach dem Süden, eine lange Fahrt stand also den Herren ins Haus, und wir vereinbarten, nur einen Wagen zu benutzen. Seinen – meiner konnte geschont werden. Soweit ist das auch noch nichts Ungewöhnliches, aber als Ernst mir dann, ganz nebenbei, erklärte, ich solle seine PS zügeln, verschlug es mir fast die Sprache. Mein Zögern wurde nicht anerkannt – er wolle sich auch mal im Auto entspannen –, und so schrubbte ich auf dem grauen Betonband der Veranstaltung entgegen. Nach einer angemessenen Fahrzeit hatten wir Rast für ein Freiluft-Frühstück vereinbart. Tausend Leckereien, teils sogar in Kühltaschen, waren an Bord. Und als die Köstlichkeiten endlich ausgepackt vor uns lagen, begann ich mit kaum zu überbietenden Worten vom Auto zu schwärmen, einem Wagen, den ich mir hätte nie leisten können, denn er war nicht gerade preiswert. Und genau in dieser schwärmerischen und vielleicht auch ein wenig traurigen Stimmung überraschte mich Ernst. Er meinte: „Laß gut sein, Peter, du bist viel besser dran als ich. Dein ‚Volvo‘, das sind deine Kinder.“ – Das hat mir sehr gut getan. Wolfgang Bredow Ich erinnere mich noch genau, daß im Jahre 1962 eine Veranstaltung mit monatlichen Treffen – besonders für junge Leute – am Volkstheater Rostock ins Leben gerufen wurde, die einen Einblick in die Arbeit des Rostocker Theaters geben sollte. Dazu zählte auch, daß sich die Künstler dem Rostocker Publikum vorstellten. Viele junge Besucher kamen oft nur, um den Auftritt von Ernst Heise zu erleben. Es waren schon nachhaltige Eindrücke, wenn Ernst – groß und schlank im Auftreten – mit wohlklingender Stimme aus seinem Leben und von seiner Arbeit am Theaerinnerungen

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ter berichtete und wenn man ihn gar auf der Bühne als Opernsänger, Schauspieler oder Chansonier sehen und hören konnte. Ein sehr nachhaltig wirkendes und lustiges Ereignis aus dieser Zeit war folgendes: Ernst machte – nachdem er meine Freunde kennengelernt hatte und erfahren konnte, daß wir alle für die Musik sehr aufgeschlossen waren – den Vorschlag: „Wir machen eine kleine Fete bei dir in Dierkow, und ich werde kochen.“ Wir waren anfänglich sehr skeptisch, was die Kochkünste von Ernst betraf. Wir konnten ja nicht ahnen, daß er in Insiderkreisen „TINO, der singende Koch“ genannt wurde. Als wir aber alles nach Anleitung vorbereitet hatten, waren wir doch sehr überrascht. Ernst kochte wie ein Profi. Es gab Spaghetti – eigentlich nichts Besonderes. Aber Ernst’s Beigabe war super. Wir alle waren nur die profane Tomatentunke gewohnt. Nun aber gab es „Spaghetti Bolognese“ – eigens von Ernst kreiert. Dazu tranken wir weißen Cinzano aus dem „Delikat“-Angebot. Alle 14 Gäste langten kräftig zu. Anschließend war gemeinsames Singen mit Ernst angesagt. An diesem Abend machte er uns auch mit der Musik der „West Side Story“ bekannt – für uns ein Novum. Wie ihr Nachhauseweg nach dieser Feier verlief, erfuhr ich erst am nächsten Tag von meinen Freunden. Sie waren bei mir gegen zwei Uhr nachts aufgebrochen. Und da keine Straßenbahn mehr fuhr, ging es also zirka 40 Minuten zu Fuß Richtung Rostock Zentrum. Man mußte auch in der Langen Straße an der Baustelle des damals im Rohbau befindlichen Hotels Warnow vorbei. Da fiel jemandem ein, er benötige doch noch einen Balken für seine Gartenlaube. Gesagt, getan. Ehe es Ernst sich versah, lag der Balken auf seiner Schulter. Und dann ging es nicht gerade lautlos weiter. Ernst versuchte zwar, die fröhliche und leicht angetrunkene Tragegruppe mit „Pst!“ und „Nicht so laut“ zu beschwichtigen, aber mit Gesang ging es bis zum Saarplatz weiter. Dort mußte Ernst zu seiner Wohnung am Ulmenmarkt abbiegen. Sichtlich erleichtert wurde er die Last des Balkens los, aber ganz wohl ist ihm bei dieser Aktion sicher nicht gewesen. Vergessen haben wir, die wir nun in alle Winde verstreut sind, dieses Erlebnis auch nach 30 Jahren nicht. Dagmar Frederic In meinem Leben haben ja Männer immer eine ziemlich große Rolle gespielt – Gott sei Dank auch. Als junges Mädchen mit Bengels gespielt, später mit Männern, und das ist auch so geblieben. Also jetzt spielen sie mehr mit mir. Bei „Alte Liebe rostet nicht“ waren wir sehr gern gesehene Gäste, Peter Wieland, Ernst Heise, alle, die wir live singen konnten. Und für eine Sendung hatte der Regisseur die großartige Idee: Dagmar Frederic singt mit Ernst Heise „My Fair Lady“, was natürlich sehr schön war. Und vor Ernst hatte ich damals noch richtig Respekt, er war ein ausge78

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bildeter, wunderbarer Sänger, von dem ich wußte, daß er auch anderen Sängern als Lehrer dient – zum Beispiel Henkler war bei ihm damals Schüler. Und er kommt zu mir nach Hause, wir probieren also „Alles was du kannst, das kann ich viel besser“ und was es so für Duette gibt, „Es grünt so grün . . .“ Wir sind fertig und sitzen auf dem Teppich, plaudern und plaudern und finden alles sehr witzig. Und plötzlich bricht es aus Ernst heraus, daß es da einen Sänger gibt im Land, der ihm eben alles verdirbt, weil er kommt überhaupt nicht an die Medien ’ran, nicht ans Fernsehen und nicht an den Rundfunk, weil, der singt ihm alles weg, nur weil er studierter Opernsänger Chorin 1994 – ist. Und er redet und redet. Mir schwant Dagmar Frederic, Tochter schon Schreckliches. Ich wußte, wen er meint, denn es gab damals eigentlich nur zwei Baritone, die Musical sangen in der Unterhaltungsszene. Und richtig: Der Grund seines Ausbruches war Peter Wieland. Jetzt konnte er aber nicht wissen, daß ich damals mit Peter Wieland schon ’ne ganze Weile heimlich und geliebt zusammen war, hab’ natürlich auch nichts weiter gesagt. Wir alle haben ja so unsere Lieblingsfeinde, in Anführungsstrichen natürlich. Wenn ich Lieder höre im Radio und denke: Ooch, schade, also ich würde sagen: O Sch. . . ! (als Dame), das hättest du auch gerne gesungen ... Und da hab’ ich es natürlich total verstanden, daß er sich den Wieland als Lieblingsfeind ausgeguckt hat. Aber so ist das Leben. Schön war aber, daß er hat gucken lassen, daß er nicht immer nur der Liebe und Ausgeglichene ist, sondern daß er auch Wut haben kann, und daß er danach noch dazu gestanden hat, als er merkte: Das wird sie ihm bestimmt wiedererzählen. Wir haben dann später zu dritt sehr darüber gelacht. Hannelore Freudenberger-Steiner Es ist lange her. Gut 35 Jahre. Eine kleine freundliche Erinnerung an Rostock. Ich war damals als junge Schauspielerin mit meinem Mann am Volkstheater engagiert. Die meisten Kollegen dort schätzten wir nicht besonders, sie krochen zu sehr um den Generalintendanten herum. Aber einen mochten wir sehr, einen Kollegen aus der anderen Sparte, einen Opernsänger, den Ernst Heise. Ich spielte am Theater viele und schöne Rollen, doch traf mich ein Verhängnis. Ein von mir sehr geschätzter Regisseur erinnerungen

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besetzte mich in dem Kinder-Musical „Aljoscha und das Zirkuspferd“, in dem ich einen Auftritt mit Gesang und ganzem Orchester hatte. Als ich das Textbuch las, war ich vernichtet. Ich muß dazu sagen, daß ich seit meiner Kindheit ein gestörtes Verhältnis zur Musik hatte. Als Kleinkind sang ich gern und laut, bis meine Eltern es mir untersagten, weil sich die Nachbarn beschwert hatten. Als Sechsjährige in der Schule durfte ich bei einer Schulaufführung das Blümchen nicht singen, mit dem ich besetzt war, weil ich nach Ansicht des Lehrers zu falsch sang. Für ein kleines Mädchen, das danach lechzte, Theater zu spielen, ein Trauma. Ich wurde vorsichtig und hielt künftig den Mund. Gott sei Dank war Singen damals in der Schauspielschule kein Pflichtfach. Es gab ja noch keine Musicals, und ich machte mein Manko anderweitig wett. Und nun? Da war guter Rat teuer. Einen Musical-Auftritt kann man nicht streichen. Die Rolle war wunderbar: Eine energische, kinderliebe Tante, genau das Richtige für mich. Das meinte auch der Regisseur und wollte von einer Umbesetzung, um die ich ihn anflehte, nichts wissen. Der Sänger Ernst Heise wurde zu Hilfe gerufen, um mich umzustimmen. Er reagierte wie alle: „Wir kriegen das schon hin.“ Verzweifeltes Üben, Staunen, Kopfschütteln – wie gehabt. Nun versuchte er, einzelne Töne mit mir zu üben. Mal traf ich den Ton, mal nicht. Es war immer nur Zufall. Dann kam er auf die Idee, ich solle ihm Töne nachsprechen. Und siehe da, alles war anders, sprechend traf ich die kleinste Tonfärbung. Ein sicheres Gefühl für Rhythmik hatte ich auch. „Du bist ein Phänomen, Hanne“, sagte er zu mir. „Es gibt jetzt nur eines – du mußt dein Auftrittslied rhythmisch sprechen, das geht auch mit Orchester.“ So entschied mein lieber Kollege Ernst Heise, und der Regisseur war’s auch zufrieden. Also trat ich zur Premiere vor das Publikum und sprach mit das Orchester übertönender, kräftiger Stimme in schnellem Rhythmus mein: „Ich bin die Tante Natascha – ich passe auf Aljoscha auf – der Junge ist nicht dumm . . .“ usw. Das Ende vom Lied: Ich hatte eine gute Kritik. Ich war die Einzige, die mit ihrer Stimme über das Orchester gekommen war. Die anderen sangen zwar richtig, waren aber leider nicht zu hören. Ich habe die Rolle dann noch sehr gern gespielt. Ja, man muß nur einfallsreiche Kollegen haben. Achim Fröhlich Ernst Heise als Sänger von Seemannsliedern Als in den 50er Jahren beim Deutschlandsender das Hafenkonzert „vom Stapel lief“, gehörte Ernst Heise zu den ersten Künstlern, die dabei waren und dieser bald sehr beliebten Sendung Profil gaben. Mit seiner markanten männlichen Stimme war er geradezu prädestiniert für klangvolle Seemannslieder. 80

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Seinerzeit hieß es für die Mitwirkenden und für die Hörer, früh aufzustehen, denn die Hafenkonzerte des Deutschlandsenders – zumeist original aus dem Yachthafen in Warnemünde oder aus dem Alten Hafen in Rostock – gingen sonntags bereits ab sieben Uhr über den Äther. Ernst Heise ging auch später noch oft, als aus dem Deutschlandsender „Stimme der DDR“ und aus dem Hafenkonzert die „Hafenmelodie“ geworden war, beim Hafenmelodie-Käpt’n Horst Köbbert „vor Anker“. Ich persönlich war aber stets stolz darauf, daß es Ernst Heise war, der dem ersten Seemannslied aus meiner Feder, das beim DDR-Rundfunk produziert wurde, („Wir fahren nach Murmansk“) seine Stimme lieh. PS: Achim Fröhlich war langjährig Stellvertretender Unterhaltungschef beim Rundfunk der DDR und drei Jahrzehnte lang Produzent von Hafenkonzert/ Hafenmelodie.

Jürgen Frohriep Lieber Ernst! Ich will mal bei Dir bleiben, ich will mal nur mit Dir reden. Entsinnst Du Dich noch? Unsere Inszenierung „Terra incognita“? Ich glaube ganz bestimmt, denn Du hast dort etwas angelegt, was zu großer Heiterkeit beigetragen hat. Ich will die Geschichte erzählen. Wir probierten also „Terra Incognita“. Du hattest ein Lied zu singen und standest immer bei uns am Orchester. Wir saßen auf der Seitenbühne und gingen dann zusammen raus, ich hatte dich zu begleiten. Das Lied vom Erdöl – ich weiß es nicht mehr, wie es genau lief. Ich hab’s auch nicht mehr. Ist auch nicht wichtig. Und Du hast unmittelbar miterlebt, wie unser fleißig bemühter Schauspielkapellmeister, der die Aufgabe hatte, für dieses Stück die Musik zu komponieren, ganz schlimm in die Bedrängnis geriet. Drei Tage vor der Generalprobe lehnte der Generalintendant Teile der Musik ab, beschimpfte sogar die Musik und bezeichnete sie als Kakophonie usw. usw. Verlangte von einem Tag auf den andern eine andere Musik. Und unser Schauspielkapellmeister bemühte sich auch, bis es zur zweiten Hauptprobe kam. Ernst stand immer bei mir an der Seite, wie gesagt, und wartete auf seinen Auftritt, der gleich danach kam. Wir hatten vorher eine so genannte Pumpenmusik zu machen, das bezog sich auf das Geräusch von Ölpumpen – „Terra Incognita“ spielte ja in Grimmen. Und Ernst litt also auch mit uns – wir wurden auch indirekt beschimpft, aber wir konnten ja nix dafür, wir haben das gespielt, was da stand. So, nun hatte der Intendant die letzte Frist gesetzt, und unser geschaffter Kapellmeister kam auf die Bühne und hatte keine Noten mehr neu geschrieben. Sagte, mir ist es jetzt egal, macht, was ihr wollt. Und da sagte Ernst in seinem leicht berlinerisch gefärbten Dialekt: „Spielt denen doch det mal von hinten vor!“ Das war eine gute Idee. Wir waren begeistert. Wir wussten ja, wir hatten noch erinnerungen

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nie von hinten gespielt, und unser Schauspielkapellmeister sagte: „Könnt ihr das?“ „Ja, natürlich machen wir das.“ Wir legten los, von hinten angefangen und nach vorne gespielt. Hat riesig Spaß gemacht, muß ich sagen. Und Ende des Stückes Totenstille – was nun wohl kommen würde?! Der Alte, wie wir ihn zu nennen pflegten, sagte: „Na endlich, Herr Kapellmeister, sie haben es geschafft! Das habe ich ja gewußt, daß sie das noch bringen werden.“ Also, wir waren so perplex, daß uns fast das Lachen im Hals stecken blieb. Und trotzdem haben wir gegluckert. Übrigens muß ich noch anfügen: Das Stück ist dann nie mehr umgeschrieben worden, es wurde immer von hinten nach vorne gespielt. Das kam natürlich nie ganz raus; deswegen hieß das Stück bei den Musikern „Hase und Igel“. Peter Gotthardt Lieber Ernst! Es klingt wie Poesie: Als Nachbarn trennte uns in diesem irdischen Leben nur ein Garten. Dazwischen natürlich ein in diesen Landen gesetzlich vorgeschriebener Zaun. Aber Du freutest dich sehr darüber – und Du konntest dich wie ein Kind freuen –, daß ich in diesen Zaun eine kleine Tür einbauen ließ, damit wir auf dem direkten Wege zusammenkommen konnten, wenn – ja, wenn wir wir denn einmal Zeit füreinander fanden, was viel zu selten war! Auch jetzt trennt uns nur ein „Garten“ – und ich spüre, daß Du mir jetzt eine kleine Tür offen gelassen hast, durch die ich zu dir gelangen kann. Dafür danke ich dir! Als Nachbarn wurden wir schnell Freunde, weil wir bald herausgefunden hatten, daß wir in künstlerischen Fragen die selbe Sprache sprachen und uns die selbe Naivität gegeben war, mit der die Muse angesprochen werden möchte. Du – und ich – und einige andere auf dieser Erde wissen das . . . Du – und ich – und einige andere wissen aber auch, daß zu einer künstlerischen Karriere mehr gehört als nur Talent und Fleiß (wovon Du ein groß’ Stück mitbekommen hast). Mein Ernst, deine große Ehrlichkeit, deine Herzlichkeit und Bescheidenheit, die Du so konsequent gelebt hast (und deine Freunde haben besonders diese Tugenden an dir schätzen und lieben gelernt), ausgerechnet diese in der hohen Kunst so gepriesenen Tugenden haben dir auf dieser Erde in diesem Leben bei diesen Menschen nicht den Ruhm und nicht die Anerkennung eingebracht, die Du dir im tiefsten deiner Seele so sehr gewünscht hast und die Du verdient hättest! Ungerechtigkeiten haben dich oft sehr traurig gemacht – nicht zornig, wütend, verzweifelt. Du warst ein liebenswerter, hilfsbereiter Freund! Und Du hast trotz allem mit deinem unverbesserlichen Optimismus und mit deiner Freundlichkeit nicht nur dich selbst immer wieder aus trüben Stunden herauska82

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tapultiert – nein, Du hast deinen Freunden und auch deinen Nicht-Freunden immer gegeben, was Du besaßest: dich selbst. Das ist zweifellos das Wertvollste, was ein Mensch geben kann. Und Du gabst in vollen Zügen, und dies ließ dich zu einer enormen künstlerischen Vielseitigkeit gelangen, die Du schließlich in der Musik entfalten konntest. Auch in diesem Punkt sind wir Nachbarn und, mein lieber Ernst, ich laß’ noch die kleine Tür in dem Zaun, denn unsere Nachbarschaft ist noch längst nicht beendet! Du hast uns von deinem Wirken viele Zeugnisse in Form von Tonbändern hinterlassen, die es zu sichten, durchzuhören und aufzuarbeiten gilt. Das ist für mich Freundespflicht und, lieber Ernst, nimm auf deinem Weg die Gewißheit mit, daß dein Schaffen von uns bewahrt werden wird. Sicher hast Du nichts dagegen, wenn wir deine auf Tonband konservierte Stimme zu unserer Erinnerung an dich erklingen lassen wollen. Du hast uns auf einer Musikkassette dein Vermächtnis hinterlassen, aus dem ich das Lied zitieren möchte, daß Du an den Schluß gestellt hast – wohl schon in der Vorahnung, daß diese Krankheit deinen Körper besiegen wird: Es ist das Lied vom alten Schiffer, der seine letzte Reise antritt. Lothar Grosse Es muß im Sommer 1972 gewesen sein, als ich Ernst Heise kennengelernt habe. Ich war damals Leiter der Zentralen Trainingsstätte der SV Dynamo in Biesenthal bei Berlin, in der die Leistungssportler der DDR in einigen Sportarten vorbereitet wurden, um bei den Olympischen Spielen in München nach Möglichkeit Medaillen zu erreichen. Mein Hobby: Ich spielte damals, ganz privat, auf einer Klingenthaler „Vermona Orgel“ Tanz- und Unterhaltungsmusik in der Trainingsgaststätte zu besonderen Anlässen. Und auch anderswo, was Funktionären, Trainern und Sportlern bekannt war. So traf ich mit Ernst Heise in der Trainingsstätte Biesenthal erstmals zusammen. Ernst war nämlich als Sänger und Unterhalter von der damaligen Leitung des DTSB engagiert worden, auf der Hin- und Rückreise auf der „MS Völkerfreundschaft“ aufzutreten. Das war eine sechswöchige Urlaubsreise nach Kuba als Anerkennung für die MS Völkerfreundschaft ca. 1992 erinnerungen

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Sportler. Mein Auftrag sollte sein, die entsprechende musikalische Unterhaltung zu übernehmen. Ich war natürlich hell begeistert und empfand sofort für Ernst Heise volle Sympathie. Seine kameradschaftliche und einfache Art zu reden, seine Fachkenntnisse und Proben seines Könnens imponierten mir sehr. Es kam der Tag der gemeinsamen Fahrt nach Warnemünde. Um den Weg von Kaulsdorf nach Biesenthal abzukürzen, schlug ich ihm vor, daß wir uns an der Autobahnabfahrt Wandlitz zur vereinbarten Zeit treffen. Pünktlich kam Ernst mit dem Auto angebraust. Ich stieg ein, und ab ging die Fahrt nach Rostock. Nach etwa 300 Metern stoppte uns die Verkehrspolizei. Ernst wurde ganz weiß im Gesicht – „Was ist denn nun los? Unser erstes Treffen fängt ja gut an!“, sagte er laut. Es war allein meine Schuld, denn ich hätte wissen müssen, daß Halten auf der Autobahn – und noch dazu auf der damaligen Regierungsstrecke nach Wandlitz, die ja immer der ständigen Beobachtung unterlag – absolut verboten war. Mit Müh’ und Not und viel Gerede konnte ich gerade so den vorgesehenen „Stempel“ verhindern. Ernst fuhr wieder weiter, sagte minutenlang keinen Ton, bekam allmählich wieder Farbe in sein Gesicht und sagte zu mir ziemlich lautstark: „So ein Mist – verdammte Sch. . . !“ In Rostock angekommen, staunte ich nur. Ernst kannte das Schiff und den Kapitän sowie viele Schiffsoffiziere und Besatzungsmitglieder. Ich hatte von nichts Ahnung, aber er freute sich schon auf die gemeinsame Unterbringung in einer der Matrosen-Kammern unter Deck im Heck des Schiffes. Das erste, was Ernst zu mir sagte, war: „Lothar, schau dir das Schiff erst einmal an, ich muß inzwischen die Kammer saubermachen.“ Na, aber da ging es los! Nur in der Badehose und mit einem bunten Kopftuch bekleidet, schrubbte er die Kammer von der Decke bis zum Fußboden. Als ich dann wiederkam, konnte ich es nicht fassen: Blitzblank bis in alle Ecken und ein Duft von Frühlingsblumen, obwohl es Herbst war. In den Spinden Sauberkeit und Ordnung, denn mit peinlicher Genauigkeit hatte er auch unsere Garderobe ausgepackt und verstaut. Ich war einfach sprachlos und stammelte nur ein freundliches „Dankeschöööön!“ Nun kümmerte ich mich um den Aufbau der Orgel, denn gleich nach Ablegen des Schiffes sollte in der Bar eine Veranstaltung in Form eines Begrüßungs-Umtrunkes mit dem „Oberen Gremium“ stattfinden. Als ich alles stehen hatte, wollte ich die Orgel ausprobieren. Es gab einen fürchterlichen Knall, aber keinen Ton von der Orgel! Forchel vom DTSB sagte nur: „Wenn das Ding bis morgen früh nicht wieder in Ordnung ist, kannst du wieder absteigen!“. Soll denn das alles gewesen sein?, ging es mir gleich durch den Kopf. Meine Hilfe war nur Ernst. Kurzes Gespräch mit ihm; ich bin nach Rostock gefahren, um in eingängigen Geschäften einen passenden Kondensator erwerben zu können. Es war aussichtslos. Ich sah 84

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schon alle Felle davonschwimmen. Ernst aber kam tröstend zu mir und sagte: „Lothar, ich habe schon mit dem Funkoffizier gesprochen. Er hat sich den Schaden betrachtet. Er wickelt dir bis morgen früh eine neue Spule, baut sie in den Kondensator ein und schließt die Orgel an.“ So geschehen. Ursache war, daß mir keiner vorher gesagt hatte, daß in der Bar nur 110-Volt-Anschlüsse vorhanden waren. Der „Fachmann“ verkabelte mir 220 Volt und das Instrument war wieder in Ordnung. Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn die Aufregung war riesengroß und strapaziös für alle Beteiligten. Die gemeinsamen Veranstaltungen aus dem Repertoire „Ernst Heise“, die in der Bar durchgeführt wurden, fanden beim Publikum eine große Resonanz, und es kam zu mehrmaligen Wiederholungen. Der letzte Tag der Hinfahrt war interessant für uns. Sehr angenehmes Klima, fast Windstille bei azurblauem Himmel, ein sehr reger Schiffsverkehr, die Ansicht der Bermudas, und schließlich der herrliche Blick auf die Landstriche der Insel Kuba. Am Kai standen Reisebusse, die uns im Konvoi, begleitet von einer Motorrad-Eskorte der Polizei, nach Varadero brachten. Beeindruckt von der landschaftlichen Schönheit der Insel, erreichten wir nach anderthalbstündiger Fahrt das Hotel am berühmten Strand von Varadero. Schnell wurden den Sportlern, Trainern, Funktionären und Gästen die Quartiere zugewiesen, und so auch Ernst und mir. Wir wurden im angrenzenden Bungalow-Dorf des Hotels untergebracht. Jeder von uns hatte einen tollen Bungalow, dem anderen gegenüberliegend. Kaum, daß ich alles gesehen hatte, klingelte schon das Telefon. Nanu, dachte ich, bist wohl hier verkehrt eingewiesen worden? Tiefe Stimme am anderen Ende: „Hier Ernst Heise – Herr Große, wollte nur wissen, ob Sie gut angekommen und zufrieden sind.“ Ernst war immer zu Späßen aufgelegt, immer humorvoll und stets hilfsbereit. Ich erinnere mich noch heute genau: Ernst hat gern gewaschen, und um ihn herum mußte alles blitzsauber sein. Schon auf dem Schiff hat er sehr oft unter primitivsten Bedingungen in dem kleinen Waschbecken das Nötigste gewaschen – und meines gleich mit. Wenn im Bungalow-Dorf irgend jemand Ernst suchte, hieß es nur: Dort das Haus mit der Wäscheleine ist seines! Es waren herrliche zwei Wochen unter Palmen, tropischen Pflanzen und Blumen in großzügig angelegten Grünanlagen. Die 14 Tage in Varadero waren auch für uns eine Erholung. Es war eine schöne und erlebnisreiche Zeit, und wir versprachen uns ewige Freundschaft und ein baldiges Wiedersehen. Das versprochene Wiedersehen erfolgte nach einem Jahr zur gleichen Zeit in Biesenthal beim „Mini Tropical“. Es wurde ein gemütlicher und erinnerungsreicher Abend. In der Nachfolgezeit gab es zwischen uns und den erinnerungen

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Familien viele Treffen in Berlin, in Biesenthal und auf meinem Grundstück in Wullwinkel, die immer stimmungsvoll, fröhlich und gemütlich verliefen. Manfred Grund Wenn ich an Ernst denke, denke ich an cirka 20 Jahre echte Freundschaft, wie wir sie in der DDR noch kannten, die wohl heute immer seltener wird. Wie konnten ein Künstler und ein Maurermeister eigentlich Freunde werden? Vielleicht dadurch, daß der eine vom Beruf des anderen nichts wußte und kannte, und ich denke, bestimmend dadurch, daß beide es im täglichen Leben mit Menschen zu tun hatten. Der eine mit Publikum, Künstlerkollegen und Obrigkeit, der andere mit ArbeitsManfred Grund und Berufskollegen – und auch mit Obrigkeit. Letzteres war wohl der Punkt, wo wir feststellten, daß unsere Probleme fast identisch waren. Diese Probleme, die uns ständig begleiteten, wo uns auch kein Mensch in unserem jeweiligen Genre half, sie zu überwinden, konnten wir frei und offen diskutieren. Und das tat uns gut. Vielleicht zum Abschluß noch: Vor unserer Silberhochzeit 1994 fragte mich Ernst, was wir uns als Geschenk wünschen. Ich bat ihn um „Wilhelm Busch“. Diesen Wunsch hat er Ines und mir erfüllt. Danke, Ernst! Mary Halfkat Ich erinnere mich gern an Ernst. Wir trafen uns in den ungewöhnlichsten Momenten, in der Stadt, beim zufälligen Einkaufsbummel oder bei Veranstaltungen. Wir hatten uns immer etwas zu erzählen. Ernst schwärmte von seinen neuen Plänen, seinem Wilhelm-Busch-Programm etc. Auch ich weihte Ernst in meine Pläne ein, daß ich gern mit meinem Achim ein Programm starten möchte. Ernst stand uns mit Rat und Tat zur Seite und er arbeitete mit Achim, es war toll. Ich hatte mal ernste Stimmbandprobleme, hervorgerufen durch eine schwere Bronchitis. Ernst merkte es sofort und verhalf mir zu einer guten HNO-Spezialistin, zu Dr. Dr. Gerti Heise, seiner lieben Frau. Sie half mir mit allen Mitteln, die uns damals zur Verfügung standen, und ich konnte zum Interpretenwettbewerb nach Chemnitz fahren. Dr. Dr. Gerti Heise versorgte mich medizinisch und Ernst gab mir Tips, wie ich die Stimme und die Töne ansetzen soll, damit kein Hustenreiz entsteht. Es war einfach schön, so liebe Menschen zu kennen. Auch seine damaligen Rundfunksendungen beim Sender „50 PLUS“ 86

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waren für viele eine Bereicherung, man hörte gerne zu. Er war durch und durch ein guter Sänger, Schauspieler und Pädagoge. Und so wird Ernst Heise auch in unserer Erinnerung bleiben. Jörg Hammerschmidt Die Stimmen berühmter Menschen in ihrer Vokalistik aufzunehmen, faszinierte mich schon von Kindheit an. Besonders nach meinem Stimmbruch ließ ich mich in der Schulklasse feiern, wenn ich den Lehrer stimmlich auf die Rolle nahm. Später folgten Politiker und Filmstars. Nach einem erfolgreichen, stinknormalen Berufsabschluß kam nach zwei Jahren die Wende, und ich machte aus meinem Hobby einen Beruf. Künstlerisch hoch motiviert vermochte ich es, innerhalb kürzester Zeit viele populäre und auch weniger beliebte Prominente auf die Bühne zu holen. Dabei waren auch Sänger von großem stimmlichem Umfang wie Ivan Rebroff und Karel Gott. Der Enthusiasmus, der Erfolg und auch eine Prise Naivität führten dazu, einfach auf meinem guten Stimmaterial herumzusingen. Immerhin zwanzig Stars in sechsundzwanzig Minuten auf der Bühne. Die Dauerbelastungen führten sehr schnell zu einer Abnutzung der Stimme, worüber ich sehr unglücklich war. Damals, im Jahre 1993, machte mich der Sänger-Altmeister Robby Lind auf die enormen pädagogischen Fähigkeiten von Ernst Heise aufmerksam. Das erste Treffen: Kohlisstraße in Mahlsdorf. Im Jahre Drei der Einheit war von elektrischen Türöffnern immer noch nichts zu spüren – denn der Maestro öffnete selbst. Graumeliert, würdevoll, im Seitenprofil dem Karajan ähnlich, war mein erster Eindruck. Im ersten Gespräch empfand ich eine sonore bassige Stimme, geschult sprechend. Selbst die Stuhllehne gab bei seinem Sprechen eine Resonanz wieder. Ich legte meinen bisherigen Werdegang dar, erzählte ihm, was ich zu können glaubte und was ich lernen wollte. „Jörg“, sprach er, „Sie müssen immer wissen, was Sie können. Sie müssen aber auch wissen, was Sie nicht können.“ Ernst machte mir klar, daß er schon viele Sänger unter seinen Fittichen hatte, aber jemanden mit einem Sack voller Prominenter – so wie mich – noch nie. Der Sympathiefunke sprang über, und wir verJörg Hammerschmidt erinnerungen

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einbarten pro Woche eine Gesangsstunde. Ein Newcomer-Parodist und Stimmen-Imitator begab sich in die Hände eines Lehrers, Sängers, Entertainers und Gesangspädagogen. Wie ich später merken sollte, entstand auch eine wunderbare private Freundschaft zur Familie Heise. Im übrigen verlangte Ernst von jedem Schüler vorab eine gründliche HNO-Untersuchung, welche Gerti sehr fürsorglich durchführte. Eine geniale Kombination: Ernst Heise – der Gesangslehrer; Dr. Dr. Gerti Heise – Fachärztin für HNO. Ein komplexer Balsam für die Stimme. Die ersten Gesangsübungen waren Lufthol-Übungen. Meine Stimme wurde dadurch belastbarer, selbst das Phänomen „Sprechen – Singen – Imitieren“ profitierte von dieser neuen Technik. Ich profitierte auch in einer herzlichen und freundschaftlichen Weise von Ernst, denn er war ein lebendes Bühnenlexikon mit Lebensweisheiten von unschätzbaren Ausmaßen. Einmal fragte ich ihn nach einer bekannten Künstleragentur und meinte, es wären ja ganz nette Leute. Ernst erwiderte darauf: „Mit netten Leuten trinkt man Kaffee.“ Die Zeit verging wie im Fluge. Aus Auftritten in Betrieben und Kleingartenkolonien wurden solche in Theatern und Luxushotels, aus Musikeinspielung via Kassette wurde Livebegleitung namhafter Bands. Erfolge und Mißerfolge interessierten Ernst sehr, und ich legte sehr großen Wert auf seine Meinung. Selbst als er im Klinikum Steglitz lag, setzte ich ihm Kopfhörer auf und spielte ihm die Fassung meiner ersten CD vor. Trotz der Kanülen und Schläuche hörte er gebannt und aufmerksam zu, und auf seinem angespannten Gesicht konnte ich ein stolzes Lächeln erkennen. Leider verbesserte sich seine gesundheitliche Lage nicht. Fast ohne Gefühl in den Händen spielte er Klavier und versuchte, mir etwas beizubringen, ohne es sich anmerken zu lassen. Es gelang ihm noch, mich auf Pavarotti vorzubereiten und es entstand eine anspruchsvolle Persiflage nach der Melodie von „Torna a sorriento“. Bis zum heutigen Tage ist es das Highlight in meiner Show. Aus den Unterrichtsstunden wurden Krankenbesuche. In dieser Zeit tobte in Ruanda ein verheerender Bürgerkrieg. Ich plante eine groß angelegte, vom „Tagesspiegel“ gesponsorte Benefiz-Gala zugunsten der Ruanda-Flüchtlinge. Innerhalb kürzester Zeit sagten mir viele namhafte Stars zu, wie beispielsweise Dagmar Frederic, Wolfgang Ziegler und Jürgen Walter. Wir entschieden uns für das Theater am Park in Biesdorf. Viele gute Tips zur Durchführung hatte mir Ernst zuteil werden lassen. Und als ich ihn bat, sozusagen als „Graue Eminenz“ und gestandener Altmeister die entscheidende Eröffnungsrede zu halten, sagte er zu. Nun trug es sich zu, daß durch ungünstige Umstände und einige lokale Nachteile das Theater nur halbvoll war und wir befürchteten, einige Spen88

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deneinbußen zu erleiden. Die Gala unter dem breiten Mantel der Medien begann. Ernst – selbst gesundheitlich angekratzt – betrat die Bühne. Nun wurde mir deutlich, wie seine eigene Bezeichnung, ein Zirkuspferd zu sein, zutraf. Er vermochte sämtliche Schmerzen und Einschränkungen beim Betreten der Bühne schlagartig abzustellen. Jeder im Publikum fühlte sich angeschaut und angesprochen, als er in einer bewegenden Rede bemerkte: „Auch mit einem halbvollem Theater können wir in Ruanda etwas erreichen – und wenn wir heute abend mit unseren Spendengeldern nur ein Kind retten sollten.“ Der Abend wurde zum Erfolg auf allen Ebenen. Ich bin stolz darauf, ein Schüler von Ernst Heise gewesen zu sein. Leider war ich sein letzter Schüler. Tina Hensch-Schitto Man schrieb das Jahr 1983. Am 18. September dieses Jahres sollte ein für mich großes Ereignis stattfinden – die „Heitere Premiere“, eine Art Nachwuchsfestival. Aufgewachsen in Werder/Havel, sang ich damals in einer Band aus Frankfurt/Oder. So fand auch diese „Heitere Premiere“ in Frankfurt statt. Ich muß vorausschicken, daß ich am Vorabend des 18. eine Tanzveranstaltung in Werder/H. hatte und die Proben am nächsten Tag in Frankfurt schon sehr früh begannen. Will sagen: Drei Stunden Schlaf. Ich hatte sozusagen Prüfungsangst und fühlte mich stimmlich nicht so hundertprozentig fit. Trotzdem dachte ich, meine Leistungen wären allemal im „Grünen Bereich“. Dann kam die Auswertung. In der Prüfungskommission saß Ernst Heise. „Nun zu Tina Hensch“, sagte er, und wortwörtlich: „Bandsängerinnen, ein einziger Scherbenhaufen.“ (Ich weiß es so genau, weil ich noch am selben Tag diesen Satz in meinen Kalender schrieb, welcher hier vor mir auf dem Tisch liegt.) Ich saß da wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Schließlich hatte ich fünf Jahre Gesangsausbildung, davon zwei Jahre Klassik, Klavier- und GitarrenUnterricht. Also, ich verstand die Welt nicht mehr. Überhaupt fand ich, daß er nicht eben sensibel mit dem Nachwuchs umging. Ich war damals gerade 23 Jahre alt und sang schon vier Jahre in einer Berufsband. Das Einzige, was er gut fand, war meine Ausstrahlung und Quirligkeit auf der Bühne – na wenigstens etwas Positives. Für mich war es jedenfalls eine „Traurige Premiere“. In den nächsten Tagen und Wochen machte ich mir seit langem wieder Gedanken darüber, ob meine Gesangstechnik doch noch verbessert werden könnte oder meine Stimme ab und an geschult werden sollte. Ich dachte an Jenny Petra oder meine alte Lehrerin Christel Schulze – aber nicht im Traum an Ernst Heise. erinnerungen

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Wie der Zufall es wollte, trafen wir uns knapp zwei Monate später auf einer Veranstaltung wieder. Es war die erste und einzige, in der wir zusammen arbeiteten. „Das hat mir gerade noch gefehlt, dieser Mann, der mich so kritisiert hatte.“ Er war sehr freundlich. Auf einmal dachte ich: Warum nicht die Gelegenheit beim Schopfe packen und mich sozusagen in die Höhle des Löwen begeben? Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach ihn an. Er konnte sich genau an mich erinnern und war völlig verblüfft, daß ich nun bei ihm Gesangsunterricht nehmen wollte. Er sagte mir später einmal, daß ihm dieser Mut imponierte. „In Ordnung, rufen Sie mich an.“ Am 11. Januar 1984 hatte ich meine erste Gesangsstunde. Ich ging regelmäßig zweimal im Monat zu ihm und war ungefähr sieben Jahre in seiner Obhut. Seine Unterrichtsstunden waren interessant. Er setzte Yoga-Übungen ein für die Gesangstechnik – das kannte ich überhaupt nicht. Vor allem hatte er die Fähigkeit, die Technik zu verbildlichen. Das heißt, er baute „Eselsbrücken“, so daß man das, was er vermittelt hatte, auch umsetzen konnte. Ich denke, ich habe noch so einiges von ihm lernen können. Auch über das Leben. Es war immer wieder faszinierend, ihm zuzuhören, wenn er von seiner Arbeit und aus seinem Leben erzählte. Wir hatten ein wirklich sehr freundschaftliches Lehrer-Schüler-Verhältnis. Es wurde zur guten Tradition, daß er erst einmal Tee kochte, Gebäck hinstellte und wir über Gott und die Welt redeten. Ab und an erinnerten wir uns an die „Heitere Premiere“ und ihre Folgen. Ernst Heise war eine Persönlichkeit, die ich sehr geschätzt habe. Und er hat mit Freude und auch mit Stolz die musikalischen Entwicklungen seiner Schüler verfolgt. Ich bin ihm dankbar, daß er mich ein Stück auf meinem musikalischen Weg begleitet hat. Michael Hansen Lange bevor es Michael Hansen & Nancies gab, sind Ernst und ich uns das erste Mal begegnet: In Rostock war es. Er als Solist engagiert für ein Konzert mit dem Universitäts-Chor Rostock, ich als braver Chorsänger eben dort. Dann stellten wir fest, daß wir fast Nachbarn waren. Was lag also näher, als ihn zu bitten, mir bei der Vorbereitung meines Auftritts zum Erringen meines Berufsausweises zu helfen. Das tat er mit seiner Erfahrung und seinem Einfühlungsvermögen und . . . mit Erfolg. Bernd Hauswurz Ich kannte Ernst Heise seit Ende der sechziger Jahre, als ich noch beim Orchester „Schwarz-Weiß“ spielte und wir zusammen auf Pressefest-Tourneen waren. Seitdem waren wir befreundet, und ich habe ihm mit Arrangements zu seinem guten und geschätzten Notenrepertoire verholfen. 90

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Im Jahre 1986 – ich war inzwischen schon elf Jahre bei der Radio-BigBand Berlin als Trompeter und Arrangeur beschäftigt – bekam ich den Auftrag, für die Sendung „Na, denn“ vom Sender „Stimme der DDR“ für Ernst zwei Titel zu arrangieren. Unter anderem auch das Lied „Der erste Mensch, der mit Tieren spricht“ aus dem Musical „Doctor Doolittle“. Beim Schreiben der Partitur stellte ich schon fest, daß bei diesem Titel sehr viel Text vorkam. Für eine einmalige Sendung diese Unmenge Text zu lernen, war eine Herausforderung für den Interpreten. Ich sagte zu Ernst, da es ja eine Rundfunksendung sei, könne er doch ruhig die Noten mit Text in der Hand halten. Aber das ließ sein Ehrgeiz als Sänger und Entertainer nicht zu. Obwohl er sehr aufgeregt war, hat er zur Sendung diesen Titel völlig frei vorgetragen und bis auf einen ganz kleinen Patzer, der dann noch nachgezeichnet wurde, diesen gewaltigen Text bewältigt. Hier hat man gemerkt, daß durch seine Ausbildung und seine Tätigkeit am Theater in früheren Jahren ein fundiertes Können vorhanden war, das er auch durch seine Tätigkeit als Gesangslehrer an den Nachwuchs weitergab. Gelernt ist eben gelernt! Harald Heinke „Chez les enfants du peuple en Algérie“ – bei den Kindern des Volkes in Algerien In Erinnerung an meinen Freund Ernst möchte ich einige kurze Abrisse von gemeinsamen Erlebnissen schildern. Die erste Begegnung: In den frühen Maitagen des Jahres 1974 – die Zeitungen waren voller Meldungen über die „Revolution der Roten Nelken“ in Portugal und die Zeitung „Die Welt“ schrieb: „Erdöl bestimmt das Land Algerien, seine Menschen und sein Geld“ – gelangte ein Telegramm nach Algier. In der Rue Bab Azoun 23, am Fuße der Casbah, befand sich der Sitz der algerischen Kinderwaisen-Organisation E.N.E.P.E. (Etablissement National pour l’Éducation et la Promotion de l’Enfants). Das Telegramm bestätigte das Eintreffen einer Künstlergruppe aus Berlin. Als Fachmann der kulturellen Animation der E.N.E.P.E., Entwicklungshelfer und Kenner des Landes, der die zwanzig Kinderheime mit circa 2300 Kindern schon oft besucht hatte, sollte ich die Künstler der heiteren Muse beraten und begleiten. So kam es zu meiner ersten Begegnung mit dem Entertainer und Sänger Ernst Heise, der die Gruppe anführte. Drei Musiker – der bekannte Pop-Dirigent und Komponist Martin Hoffmann, die Schlagersängerin Anne Mehnert und der Gitarrist Reiner Riedel sowie der Zauberer Lossau-Romanow und seine Assistentin – gehörten zum Team. Ernst Heise zeichnete für das künstlerische Programm verantwortlich. Algier – Airport: Theatralisch redet Ernst beim Verladen der Instrumente und des Künstlergepäcks auf die algerischen Helfer ein, die leider kein Deutsch, aber ihn durch seine Mimik verstehen. Seine große und eleerinnerungen

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gante Erscheinung und seine gepflegte Wortwahl vermittelten zuerst eine gewisse Distanz, die jedoch bei näherem Kennenlernen Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Professionalität sichtbar machten. Ernst Heise war gegen jede Form von Unpünktlichkeit und Schlamperei bei seinen Landsleuten, aber gegenüber Südländern zeigte er Toleranz und Verständnis. Algier – Universitätsgelände: Hunderte Studenten dichtgedrängt, der Saal vollgestopft. In den ersten Reihen saß man auf dem Fußboden und bestaunte die Akteure, als plötzlich bei der Zauberschau die Tauben aus dem Hut des Magiers über die Köpfe der Studenten den Weg durchs offene Fenster suchten. Die Zuschauer verfolgten mit lauten Rufen und frenetischer Begeisterung die Attacken und Fangmanöver einiger sportlicher Kommilitonen. Dank des erstaunlichen Geschicks und Talentes des ehemaligen Neulehrers Ernst und der sporadischen Musikeinlage von Martin H. und seiner Mini-Band konnten die lärmenden Zuhörer wieder in den Bann der Veranstaltung gezogen und die Tauben gefangen werden. Die abenteuerliche Überfahrt Algerien–Marokko: Ausgerüstet mit einer „Ordre de Mission“ der Waisenorganisation „L’Organisation des Orphelins Algériens“ schlängelte sich der Künstlerkonvoi der marokkanischen Grenzstadt Oujda entgegen. Hier wurden die Utensilien umgepackt auf einen Kleinlaster, einen Peugeot 504, und einen Renault 16 zum Weitertransport nach Casablanca und Rabat. An der Grenze gab es einen unfreiwilligen Stop, da ich als Entwicklungshelfer über kein gültiges algerisches Ausreise-Visum verfügte und einen Renault 16 mit Cooperanten-Kennzeichen fuhr. Die Sonne senkte sich schon über die Gipfel des Tell-Atlas, als die „bunte Truppe“ die Situation beriet. Man brauchte den Renault zur Weiterfahrt. In der Not half ein Anruf bei der Bezirksbehörde in der westalgerischen Stadt Tklemcen, bekannt durch ihre erstaunlich gut erhaltenen Ruinen, Überreste der Almoraviden. Vom 11. Jahrhundert an wurde die algerische Kunst vom muselmanischen Spanien (Andalusien) beeinflußt, sichtbar an der Moschee in Tklemcen. Im dortigen „Cabinett“ der Region arbeitete ein ehemaliger algerischer Literaturstudent aus Leipzig – inzwischen leitender Angestellter der Behörde. Er stellte kurzfristig ein algerisches Diplomaten-Visum aus, damit die Veranstaltungen im Nachbarland stattfinden konnten. Die Wartezeit hatten Ernst, Martin und das Ehepaar Lossau-Romanow genutzt, um den marokkanischen Zöllnern und Grenzbeamten Zauberkunststücke vorzuführen. Man balancierte mit Apfelsinen, und einige Geldstücke wurden den Zöllnern aus Augen und Ohren gezaubert. Im Morgengrauen erreichen wir Casablanca. Aber wo befindet sich die Botschaft der DDR, wo wir uns melden sollen? Die düsteren Gestalten auf den nächtlichen Straßen machten keinen Unterschied zwischen Deutschen Ost und Deutschen West – und so gelangen wir zur Botschaft der BRD. Ein 92

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Fenster in der zweiten Etage hat noch Licht. Aufgeweckt vom Schrillen der Nachtglocke gibt uns ein Herr – offensichtlich Botschaftsmitarbeiter – Auskunft, wo man die DDR-Botschaft finden kann. Endlich gefunden, öffnet niemand. Ein Schäferhund bellt uns an. Martin steigt trotz der Hundegefahr über den Zaun ins diplomatische Hoheitsgebiet – und der Hund schwänzelt ihm um die Beine! Nach 20minütiger „Belagerung“ öffnet ein Mitarbeiter und kann uns Auskunft über die Unterbringung und die Veranstaltungen in Marokko geben. Der Aufenthalt in Marokko brachte uns viele Erlebnisse und war der Grundstock unserer persönlichen Freundschaft, denn in den Gesprächen am Rande der Veranstaltungen stellten wir unsere „gleiche Chemie“ als im Sternzeichen Krebs Geborene fest. Wir trafen uns jährlich, meist an Geburtstagen oder bei Martin in Schmöckwitz. Neben den Gesprächen über neue künstlerische Vorhaben wurde über Gott und die Welt diskutiert. Bei unseren „Waldspaziergängen“ unweit des Müggelsees oder in Mahlsdorf kritisierten, lobten und beschimpften wir Politik und Bürokratie oder besprachen, was man besser machen könnte. Die Lebensphilosophie von Ernst Heise war der respektvolle, würdige, freiheitliche und tolerante Umgang der Menschen aus Ost und West, Nord und Süd. In Erinnerung der Mitglieder der Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft bleibt die festliche Veranstaltung anläßlich der Fusion der beiden deutschen Gesellschaften am 27. September 1990. Im Berliner Großen Schauspielhaus gestaltet der Schauspieler und Sänger Ernst Heise ein Programm mit der Pianistin Anne Köhl und dem portugiesischen Theaterregisseur und Schauspieler Professor Paulo Alves Perreira. Die von ihm dargebotenen Gedichte sprachen von inneren Werten, Ungeduld, Ironie, Humor, Veränderung und Freiheit. Übereinstimmend mit den Worten des Nationaldichters Portugals, Fernando Pessoa, und seinen Gedanken über unsere Welt und die Erschließung von neuen Horizonten in Geist und Natur. Ernst Heise ist als Förderer der Deutsch-Portugiesischen Kulturbeziehungen in die Geschichte des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft eingegangen. Jochen Heinrichs

Für Ernst Heise zum 60. Geburtstag am 6. Juli 1988.

Knüttelverse mit fast allen möglichen Reimen auf Heise. Wer Anno Achtundzwanzig begann die Lebensreise, ein solcher Mensch, der kann sich nicht wundern, so was rächt sich, erinnerungen

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beziehungsweise – er wird dies Jahr Sechzig! Der Jubilar: Erst 60 Jahr, und trotzdem schon recht weise, wer kennt ihn nicht, den guten Heise? Denn schließlich ist er ja nicht irgendeener, der Sänger, Mime, Entertainer, und alles, was er tut, das macht er gut, von „Wilhelm Busch“ bis „Musik aus dem Hut“. Er ist bescheiden, er hat keine Meise, legt wenig wert auf nationale Preise, verachtet ausgefahr’ne Gleise und seine allerliebste Speise, die kostet er gern aus: Applaus, Applaus . . . Dann – irgendwann trat Gerti in sein Leben, und Ernst denkt: So was soll es geben, die Doppeldoktorin, nicht aus dem Künstlerkreise, so, wie sie ist, so sei se, am besten ist, ich frei’ se und bleibe immer bei se! Jüngst schlug er in den Unterhaltungswald ’ne Schneise, man rief ihn auf die Filmdarsteller-Reise. Er hatte keinen Einwand. Nun ist er auf der Leinwand. Man hatte um die Moskau-Schlacht ein großes Film-Epos gemacht. Er zieht ihn an, den grauen Rock und spielt den Feldmarschall von Bock. Und sagt man: „Die Befehle sind zu leise!“, meint Otto Mellies: „Ach, ick schrei se!“ So wurde Ernst, gut fotografiert, trotz guter Stimme – gut synchronisiert! Du hast gespielt, Du hast gesungen, hast dich gekümmert um die Jungen, in mancher Kommission gewerkt und die Gewerkschaft stets gestärkt – 94

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Mach weiter so auf allen Wegen, das wünschen Deine Kollegen. Ob heiter, ob ernst, ob laut oder leise – Du bist und bleibst der heit’re Ernst Heise.

Margarete Herzberg-Enders Vor mir steht ein Szenenfoto aus meiner langjährigen Opernzeit – hier zusammen mit Ernst Heise. „Ernst’l“ haben wir ihn genannt. Er war ein liebenswerter, intelligenter Kollege, mit dem ich, wie hier in „Nabucco“, in noch anderen dramatischen Partien zusammengearbeitet habe. Sein Baß-Bariton hatte Fülle und Wärme, seine Gestaltungkraft prägte Charaktere und szenische Vorgänge, an die ich gern zurückdenke. Auch über die gemeinsamen Jahre am Volkstheater Rostock hinaus war sein künstlerischer Weg lange erfolgreich. Als Sänger, Schauspieler, Conférencier in Rundfunk und Fernsehen bot er seinem Publikum stets vergnügliche Stunden, nicht selten sogar als Alleinunterhalter. Mit seiner eleganten Erscheinung und einfühlsamen Ausstrahlung kam er immer gut an. Daß ich durch Zufall seine „Heiratsvermittlerin“ wurde, sei nur am Rande erwähnt. Während einer Probe in Rostock plagte ihn plötzlich eine Hörstörung auf einem Ohr. Ich empfahl ihm, in die Poliklinik zu gehen zu einer jungen Ärztin, die auch ich schon konsultiert hatte. Zum Glück handelte es sich bei der Störung dann „nur“ um überflüssiges Ohrenschmalz. Und was wurde daraus? Die Frau Doktor und Ernst Heise wurden ein glückliches Paar! Martin Hoffmann hat mit Ernst nach Wegen für Auslandstourneen gesucht. Monate waren verstrichen – da passierte es: Martin erzählt. Endlich kam der clevere Ernst auf die Idee, unter dem Motto: „Mensch, wir sind doch Künstler!“, Kontakte zur Liga für Völkerfreundschaft herzustellen, die kleine Künstlergruppen in einige Länder der Erde entsandte, um dort vom sozialistischen zweiten Deutschland zu künden. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber es muß so Anfang 1973 gewesen sein, als das Telefon klingelte. Ernst war dran und verkündete voll Freude: „Du, es hat geklappt, wir machen die erste Tournee durch die arabischen Länder Ägypten, Libanon, Syrien und Irak“. Wir stellten sehr schnell ein kleines musikalisch-artistisches VarietéProgramm zusammen, das auf Anhieb beim einfachen Menschen Sympathie entfachen sollte. Die Mannschaft bestand aus einer Sängerin, einem Sänger und Moderator, einem Zauberer, zwei Artisten und einer BegleitCombo inclusive Instrumental-Virtuosen. Ich nahm eine elektronische erinnerungen

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Orgel und eine große Begleit-Mundharmonika mit, um nicht auf ein Piano angewiesen zu sein. Anfang Mai hob die IL 62 in Berlin-Schönefeld in Richtung Kairo ab; an Bord Ernst Heise mit seinem kleinen „Flohzirkus“ aus der DDR. In Ägypten hatten wir natürlich viele erfolgreiche Auftritte, doch für mich haben sich bis heute andere einmalige Eindrücke im Gedächtnis wesentlich nachhaltiger festgesetzt: Die Pyramiden von Giseh, die Stufenpyramiden von Saqquara, das Ägyptische Museum mit dem goldenen Sarg von Tut-anch-Amun, Alexandria, Abukir, der Nil und das für mich bisher unbekannte Gesicht einer orientalischen Weltstadt. Wir wohnten im bekannten Hotel „Omar Kajan“, welches die internationalen Gäste zur Eröffnung des Suez-Kanals beherbergte, u.a. die englische Königin. Die Tour ging weiter per Flugzeug nach Beirut, von dort aus mit dem Auto über das Libanon-Gebirge nach Damaskus. Wir gaben Konzerte und verbrachten viel Zeit im großen Basar, um von den eingesparten Tagegeldern unseren Angehörigen kleine Andenken mitbringen zu können. Die letzte Station unserer Reise war der Irak, ein Land mit „Antike pur“: Bagdad mit der Goldenen Moschee, Babylon, die Hängenden Gärten der Semiramis, das Ischtar-Tor, usw. Wenn auch die Originale in Berlin zu sehen sind, ist es doch überwältigend, auf historischem Boden zu stehen und die Nachbildungen zu bestaunen. Und das als DDR-Bürger, immer mit dem Gefühl des einmaligen Erlebens im Hinterkopf, denn wer weiß schon, ob man je wieder herauskommt – und dann noch hierhin! In solchen Momenten hatte man schon das Gefühl, ein Privilegierter zu sein. Und dieses Gefühl wurde noch verstärkt, als wir bei einem Empfang in der Botschaft in Kairo von einem tschechischen Diplomaten mit den Worten begrüßt wurden: „Ah, la bourgeoisie rouge d’Allemagne“. Gott sei Dank ist es nun doch so gekommen, daß uns heute wieder die ganze Welt offensteht. Der besondere Kick aber ist leider weg. Daß ich den noch erleben durfte, verdanke ich dir, lieber Ernst! Vielen Dank – dein Martin. Peter Holzner Tausend Fotos hat er gemacht – und ein Mal geschrieben, am 16. Mai 1994. Lieber Ernst! Liebe Gerti! Wir sind alle sehr begeistert und zufrieden mit Deiner schönen Sendung bei 50 Plus. Es macht richtig Freude, Deiner gut ausgewählten Musik zu lauschen. Natürlich ist man auch immer gespannt auf die Grüße über den Sender an die Hörer. Deine Stimme klingt sehr beruhigend und angenehm. Prof. Kirsch und seine gesammelte Abteilung haben sich sehr gefreut, als ich ihnen die Aufnahmen vorspielte. Also, Du merkst schon, daß Du sehr beliebt bist. Christian hat es vom Hocker gehauen, als er die 96

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Tonbandaufnahme von Dir hörte, und er würde natürlich gerne eine der vielen Freundinnen mal sehen, die Du gegrüßt hast. Nun kommt ein Abschnitt in meinem Brief, der für Gerti von Renate eine Überraschung sein soll. Sie möchte gerne die Gerti in Mahlsdorf von Renate aus Marienfelde grüßen, mit dem Lied „Jooh, mir san mi’m Radl do!“ Ich habe einen ganz besonderen Wunsch. Du kennst doch den lieben Herrn Stahl, den Du in einem Interview bei mir kennengelernt hast. Gerhardt Stahl, 83 J., hat mir, sehr geheim natürlich, mitgeteilt, daß er am 25. 4. 1994 wieder heiratet. Die Braut ist Sekretärin bei den Filmstudios Wenzel Lüdecke und 55 J. alt. Ich soll am 25. 5. die Hochzeitsfotos in Charlottenburg machen, und anschließend sind seine Frau, Renate und ich zum Essen im Kempi eingeladen. Es ist also eine kleine Feier. Meine Bitte an Dich ist folgende, erst am Samstag, den 28. 5. einen Musikgruß von der Familie Holzner an das Brautpaar Stahl in Gropiusstadt zu senden mit einem Wiener Walzer. Ich werde dies wieder aufnehmen und Herrn Stahl zum Geschenk machen. Auch der Gruß Mit Ernst auf der von Renate an Gerti kann dann sein. Wir Tropical Party 1993 werden uns ja sicher noch telefonisch hören. Ich hoffe, daß der Termin mit Peter Bosse einmal Wirklichkeit wird, denn er konnte leider noch nicht mit mir sprechen. Wir wünschen Dir, Gerti und dem Sender 50 Plus weiterhin so einen Erfolg wie bisher und grüßen Euch aus Marienfelde. Peter, Renate und Euer Christian Asta Jachimowski Was besonders für unseren Ernst spricht: Er half Freunden immer, wenn er nur irgendwie konnte. Gern und lachend erinnere ich mich an eine kleine Episode an einem Sonnabend, an dem ein gemeinsames Schwimmen angesetzt war. Zuvor muß noch erwähnt werden, daß mein Mann Rudi ein sehr guter Schwimmer war und das Hallenbad in Wildau an schulfreien Tagen gern nutzte, während ich davon Abstand nahm, weil das Becken 1,80 Meter tief war und ich nur 160 Zentimeter groß (oder noch vier Zentimeter kleiner) bin. Gerti und Ernst erzählten uns, das Bad in Fürstenwalde hätte auch ein Nichtschwimmerbecken, woraus ich irrtümlich schloß, daß es so eine Art Übergang vom Nichtschwimmerbecken ins Schwimmerbecken gäbe, wie ich es vom Hallenbad Chemnitz kannte, und ich also so mit Wasserstand Halshöhe hererinnerungen

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umpaddeln bzw. auch schwimmen könnte. Man muß nämlich wissen, daß ich in meinem Leben schon dreimal fast abgesoffen wäre (Folge nach einer Diphterie-Erkrankung mit nachfolgender Lähmung) und immer aus dem Wasser herausgeholt werden mußte. Letztmalig geschah dies in der Ostsee, und da war es etwas sehr knapp. Seitdem habe ich tolle Angst vor tiefem Wasser, wo ich nicht stehen kann. An der See wagte ich mich immer bis zur Halskrause ins Wasser, und dann schwamm ich den Strand entlang. Aber nun stand Fürstenwalde auf dem Plan. Mit dem „Trabi“ ging es bis zur Kohlisstraße nach Mahlsdorf und dann im dicken „Volvo“, dessen Komfort wir genossen, weiter nach Fürstenwalde. Frisch und munter ging es ins Bad, aber, oh Schreck laß nach: Das Becken war genauso tief wie in Wildau, nämlich es begann bei 1,80 Meter und endete bei fünf Metern Wassertiefe. Ein Nichtschwimmerbecken war allerdings im Nebenraum vorhanden – aber dort krochen und planschten nur Kinder herum. Hilfe, war das eine Situation! Alle drei, Gerti, Ernst und Rudi, waren schon beim Schwimmen, nur ich zögerte und meinte, ich muß erst mal probieren. Ich war noch nicht richtig im Nichtschwimmerbecken, da kam schon Ernst um die Ecke und sagte: „Na, nun komm.“ „Jaja, ich komme gleich“, meinte ich verlegen, „muß nur noch ein bißchen probieren.“ Nun ja, man kann auch bei einem Meter Wassertiefe schwimmen. Also was soll’s, war ja auch eine Bewegungsübung. Aber es dauerte keine fünf Minuten, da kam der lange, dünne Ernst wieder um die Ecke, um mich zu holen. Ich vertröstete ihn noch einmal. Keine weiteren fünf Minuten vergingen und Ernst erschien wiederholt. Mir wurde das jetzt richtig peinlich, denn die Mamas der Kinder kriegten so langsam mein Malheur mit. Ich hatte das Gefühl, daß ich mich nicht noch länger blamieren konnte, wäre am liebsten im gefliesten Boden verschwunden, bewegte mich aber in die große Schwimmhalle, stieg mit einer riesigen Verachtung gegen all meine Umwelt in das große Becken und blieb natürlich an der Stange hängen. Und schon war Ernst bei mir und meinte mit seinen pädagogischen Fähigkeiten, daß er mich doch nicht absaufen lassen würde. Gerti und mein Mann schauten aus der Nähe leicht grienend und abwartend zu – also schwamm ich, mich selbst übertreffend, los, und es ging wunderbar. Ich konnte ja schwimmen, war aber nach den unangenehmen Zwischenfällen von panischer Angst geplagt. Ich schwamm sogar in den fünf Meter tiefen Bereich. Und von meinem Erfolg – oder dem Erfolg von Ernstens Überredungskunst – profitierten drei: Ernst, weil er es geschafft hatte, mich zu überzeugen; ich, weil ich mich wieder im tiefen Wasser bewegen konnte und nicht zuletzt Rudi, weil er von nun an mit mir in Wildau gemeinsam schwimmen gehen konnte, was er so sehr gewünscht hatte. Ja, das war Ernst, an den ich mich so gern erinnere. 98

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Lutz Jahoda Wer sich erinnern kann, daß ich einst leidenschaftlich gern Pudding aß, muß mich nicht nur lange, sondern auch gut kennen. Ernst Heise gehörte zu den wenigen. Beruflich wie auch privat sahen wir uns zwar nur selten, doch was besagt schon Häufigkeit. Einmal allerdings, da hatten wir Gelegenheit, uns täglich zu sehen. Das war noch im geschichtsträchtigen alten Friedrichstadtpalast zwischen der Friedrichstraße und dem durch Bert Brecht geadelten Theater am Schiffbauer Damm.

Bühnenbild mit Ernst Heise als Phileas Fogg und seinem Partner Lutz Jahoda als Diener Passepartout erinnerungen

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Bühnenbild mit Ernst Heise in der Hauptrolle und seinem Partner Günther Krause in einer seiner acht Rollen Ernst spielte und sang den Phileas Fogg und ich dessen Diener Passepartout. Angelehnt an den bekannten Jules-Verne-Roman „Reise um die Erde in 80 Tagen“ hatten die Musical-Schreiber Helmut Bez und Jürgen Degenhardt ihrer Bühnenfassung den Titel „Reise um die Erde in 40 Stunden“ gegeben. Alo Koll hatte die Musik geschrieben, und gemeinsam mit den Arrangeuren Hans Barth und Gerhard Kneifel wurde das Ganze in jene Form gegossen, die damals unter dem Begriff „Palastical“ im „Haus der Dreitausend“ Mode war. Regie: Wolfgang Struck. Musikalische Leitung: 100

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Hans Schulze-Bargin. Choreographie: Gisela Walther. Bühnenbilder und Kostüme: Wolf Leder. Ich weiß nicht mehr, wie viele Vorstellungen wir bereits über die Bretter gebracht hatten, als eines Tages das Fernsehen hinzukam und die Show live übertrug. Nun ist ja Fernsehen eine feine Sache, doch leider nichts für eine bereits eingeschliffene Theateraufführung, die sich von heute auf

Programmheft ausdem Friedrichstadtpalast 1970-

morgen gewissen Notwendigkeiten einer Fernsehausstrahlung anpassen und unterordnen muß. Da bringen selbst kleinste Änderungen Nervosität und Unruhe ins Spiel, so daß ein längst festgefügter Ablauf plötzlich wacklig werden kann. Ernst und ich hatten an einem Aktende, kurz bevor der Vorhang fiel, eine gelungene Schlußpointe, die wir stets genossen, weil sie jedesmal mit großer Heiterkeit aufgenommen wurde. An jenem Fernsehabend muß über die beiden Vorhangzieher das große Zittern gekommen sein; denn just kurz vor unserem Schlußgag – anstatt wie sonst immer danach – stemmten sich die beiden in die Kurbelmechanik und der Vorhang rauschte zu. Ich glaubte zu träumen, vergaß meinen wienerischen Charme und bedachte in meiner Enttäuschung die beiden Aktschluß-Vernichter mit einem lautstarken „Ihr Hornochsen!" Das wäre nicht so schlimm gewesen. Doch Hans-Günter Spiegel, der verantwortliche Tonmeister des Friedrichstadtpalastes, genau so übererinnerungen

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rascht wie Ernst und ich, hatte den Regler meines Mikroports noch nicht gezogen. Und so sahen die Menschen zu Hause auf dem Bildschirm den geschlossenen Vorhang, hörten aber noch deutlich meinen nicht gerade freundlichen Ruf. Also, unter den Zuschauern im Saal soll es keine Resonanz gegeben haben. Der Applaus hatte offenbar meine Worte verschluckt. Doch am nächsten Tag gaben sich an meiner Wohnungstür die Telegrammboten die Klinke in die Hand. Und in all den Depeschen fand ich sinngemäß folgende Nachricht: „Lieber Lutz, dein herzlicher Gruß bei uns zu Hause gut angekommen.“ So etwas wie mir wäre Ernst nie passiert. Eine Unbeherrschtheit wie die meine an jenem Fernsehabend hätte sein aristokratisches Wesen niemals zugelassen. Und so kam er auch zu keiner Zeit auf meinen Ausrutscher zu sprechen. Nach diesem Gastspiel sahen wir uns wieder seltener. Doch zwei Begegnungen sind mir noch in bester Erinnerung: Sein „Wilhelm-Busch-Abend“ im Künstlerklub Möwe und jene Veranstaltung – viele Jahre danach – zu der er mir einen selbst gekochten Pudding mitbrachte. Wie wohltuend zu wissen, daß es nicht immer großer Sinfonien und Romane bedarf, um unvergängliche Spuren zu hinterlassen. Manchmal genügt ein schlichter, liebevoll zubereiteter Pudding. Sybille Klein So „liebte“ die Journalistin und Kritikerin Sybille Klein ihren Ernst Heise. Lesen Sie Auszüge aus ihrer Betrachtung im Berliner „Morgen“ vom Freitag, dem 3. Mai 1991. Mit innerer Ruhe und Heiterkeit Es geschah 1981 auf hoher See – auf der Rückfahrt von Kuba in die Heimat, als Ernst Heise erstmals zur Lesung einlud von Versen des Wilhelm Busch, den er seit seiner Kindheit liebt. Wider Erwarten war der Andrang gewaltig und der Erfolg so groß, daß es bei ihm „funkte“. Seitdem läßt ihn der Maler, Dichter, Humorist und auch Philosoph nicht mehr los. Hat Busch uns heute auch noch was zu sagen? Heise beweist es. Geistreich sprühend, Pointen gekonnt setzend als profunder Busch-Kenner (der nicht eine Zeile abliest). Neben Bekanntem finden wir hier viel Neues, Wissenswertes, Interessantes, und es kristallisiert sich das Portrait eines multi-talentierten Künstlers heraus, der in vielen Dingen vorausschauend und weise war, der oft mißverstanden wurde ob seines skurrilen Überwitzes und seiner feinen Ironie. Auch einige seiner weltberühmten Max und Moritz-Verse fehlten nicht – in heutiger Sicht zwei Bengels, die einer Rentnerin einen Broiler aus der Pfanne klauen . . . Vergnüglich dies alles 102

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mit viel Unterhaltungswert. Man staunt, wie viel Wahres und ZeitlosAktuelles uns Wilhelm Busch auch heute noch zu sagen vermag. Heise wandelt unermüdlich auf seinen Pfaden und gastiert mit unterschiedlichem Busch-Repertoire übrigens schon in vielen Städten des deutschsprachigen Raums, und sogar im November letzten Jahres mit großer Resonanz in den USA. Vor allem sind es die innere Ruhe und Heiterkeit des großen Weisen, die Ernst Heise liebt, denn sie entsprechen ganz und gar, wie er sagt, seinem Anliegen, seinem Credo. Anne Köhl Freude und Dankbarkeit erfüllen mich, denke ich an ihn und an unsere gemeinsame Arbeit. Gewinnend sein Lächeln – nachdenklich oft, manchmal verschmitzt, schalkhaft in den Augenwinkeln aufblitzend, immer herzlich offen. Und lachen konnte er – schallend, mitreißend, unwiderstehlich ansteckend! Lange „kannte“ ich Ernst Heise, ehe ich ihn persönlich kennenlernte. Und dies geschah nicht etwa auf der Bühne oder auf gesellschaftlichem Parkett in Abendkleid und Smoking, sondern hüllenlos und ungeschminkt in der Sauna auf Schloß Wiepersdorf, der Künstler-„Arbeitsund Erholungsstätte“, wo er mit seiner Frau Gerti oft zu Gast war. Rasch wurden Gleichklang im Künstlerischen und Übereinstimmung in Grundhaltungen festgestellt, der Wusch nach gemeinsamem Tun ausgesprochen und baldmöglichst realisiert. Aus der Vielzahl sei einiges wenige erwähnt: Unvergeßlich in Erinnerung bleiben mir Ernst Heises beeindruckend pointierte Voltaire-Lesungen zu meinen beiden Cembalo-Abenden mit C. Ph. E. Bachs Friedrich II. gewidmeten „Preußischen Sonaten“, seine amüsant geistvolle Moderation meines Klavierabends „Ein gutes Tier ist das Klavier“ oder sein geradezu umwerfend komödiantischer „WilhelmBusch-Abend“, den ich gelegentlich mit pianistischen Intermezzi versehen durfte. Besonders stimmungsvoll und von kammermusikalischer Transparenz waren unsere Weihnachtskonzerte, wo Ernst Heise oft genug klaglos die tragende Rolle beim Transport meines Spinetts übernahm. Er liebte das Instrument und vermochte es, sich stimmlich optimal darauf einzustellen. Veranstaltungsorte wie Kloster Chorin, Schlösser, Konzertkirchen oder Museen boten das reizvolle Ambiente. Was Wunder, daß wir uns alljährlich auf die Adventswochen freuten. Leider war die Zeit unserer Gemeinsamkeit zu kurz bemessen. Aber ich erlebte sie intensiv und ungetrübt, voller Vorfreude auf die anregenden Proben und die ungezählten spannungsvollen Auftritte und Konzerte. Danke, Ernst Heise! erinnerungen

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Eleonore König An einem sonnigen Augusttag des Nachkriegssommers 1945 marschierten zwei junge Leute – er 17, sie dreieinhalb Jahre älter – die gut vier Kilometer von Oranienburg zur Zentralschule Sachsenhausen, wo ihnen ihre erste Stelle als „Neulehrer“ zugewiesen worden war und deren Rektor sie sich vorstellen sollten. Die Leibesfülle der beiden unterschritt noch die der heutigen Garderobenständer-Models. Hunger war ein Dauerzustand. So erschien es ihnen als eine Art Verheißung, daß ihr zukünftiger Chef mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, auf einem für die Schulspeisung mit Mohrrüben beladenen Pferdefuhrwerk thronend, auf den Schulhof gefahren kam. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Jeder an einer stibitzten Möhre knabbernd, machten sich beide auf den langen Heimweg. Dieser Weg sollte für Ernst Heise und mich jahrelang ein gemeinsamer bleiben und uns zu Freunden werden lassen. Es war eine harte Zeit, nicht nur durch die Entbehrungen nach dem Krieg. Wir mußten neben der schulischen Arbeit noch eine strenge Aus- und Weiterbildung betreiben und unsere 1. und 2. Staatsexamen ablegen. Das schweißte uns zusammen. Alles wurde auf dem Schulweg „bequasselt“, vom neusten Rezept meiner Mutter für falsche Leberwurst, das an Mutter Emma Heise übermittelt wurde, bis zu meiner ersten Liebe für den Rektorsohn, der aus der Gefangenschaft heimkam und von Ernst für „würdig“ befunden wurde. Vieles vertrauten wir uns in dieser Zeit an und bewahrten es in unseren Herzen. Bald kristallisierte es sich heraus, daß Ernst – obwohl gern und ein beliebter Lehrer – in diesem Beruf allein nicht die Erfüllung seines Lebenstraumes sah. Die ersten Gesangsstunden in Westberlin wurden genommen, und ich bekam unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles berichtet. Von da an war seine musikalische Karriere nicht mehr zu bremsen. Obwohl wir dann getrennte Wege gingen, entstand nie Fremdheit zwischen uns. Unsere Ehepartner wurden ganz selbstverständlich integriert und die Stunden, die wir bei Heises oder in unserem Tierarzt-Haushalt auf dem Lande verbrachten, waren immer glückliche. Bei vielen Schulveranstaltungen agierten Ernst und ich voller Enthusiasmus, so in der „Laune des Verliebten“ von Goethe. Als einmal eine Jubiläumsfeier der Schule vorbereitet wurde, sollte ein Volkslied zum Teil auch solo gesungen werden. Ernst, schon in der Gesangsausbildung, übernahm den männlichen Part. Bei der Suche nach der weiblichen Stimme fiel – nachdem jede einzelne vorsingen mußte – die Wahl des Kollegiums auf mich. Ich sang bei der Probe also munter los: „Zogen einst fünf wilde Schwäne . . .“ und glaubte, das wär’s. Aber nicht so der Ernst! Er machte mir klar, so ginge das nicht . Das „Z“ von „zogen“ wäre ja überhaupt nicht zu hören! Also wurde deutliches Z geübt, und am Tage der Aufführung war 104

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Ernst dann ganz zufrieden, denn da zischten meine fünf Schwäne nur so durch den Saal vom Gasthof . . . bis in die letzten Zuschauerreihen hinein. Heute sage ich natürlich dreist: Ich habe schon mit Ernst Heise singend auf der Bühne gestanden. Ingeborg Krabbe hatte das seltene Vergnügen, mit Ernst Heise auf der Bühne tanzen zu dürfen. Sie schrieb dazu: Wenn ich an Ernst denke, sehe ich vor meinem geistigen Auge einen schlanken, hochgewachsenen Mann, stets elegant gekleidet, mit wachen, lebhaften Augen und einer angenehm sonoren Stimme. Wir haben uns des öfteren bei Veranstaltungen oder im Rundfunk getroffen und hatten stets sofort einen guten Kontakt. Leider haben wir nur die Produktion „Achtung Kurven“ – noch im alten Friedrichstadt-Palast – zusammen erarbeitet und monatelang gespielt. Dabei hatten wir zu viert, also Ernst, Robert Hanke, eine Sängerin und ich, einen Titel mit drei Strophen zu bringen. Die Frage war, wie verkaufen wir ihn optisch am besten auf der großen Bühne. Mir kam die Idee: Wir bilden eine „Girl-Reihe“ und vertanzen den Text mit Kreuz-Swing, nach rechts, nach links, und am Schluß frontal in der Mitte. Alle waren begeistert, weil es musikalisch gut aufging. Aber Ernst verhedderte sich öfter mit seinen langen Beinen und sagte scherzhaft zu mir: „Na, meine kleine Krabbe, da hast du uns ja ein richtiges Ei gelegt.“ Jedoch hatten wir alle die gleiche große Einsatzbereitschaft bei den Proben, und Ernst übte mit solchem Fleiß, daß unser vertanztes Quartett bis zur Premiere stand und bei jeder Vorstellung Szenenapplaus erhielt. Karl Kraffczyk Zwei gute Freunde – und eine kluge Entscheidung „Ost-Einsatz“: Es war im Juli 1944, da wurden die 16jährigen „Jungmannen“ Ernst Heise (Ernst’l) und Karl Kraffczyk (Karlchen) von der Lehrerbildungsanstalt zum Einsatz beim Bau des „Ostwalls“ nach Festenberg in Schlesien kommandiert. Bei der Gendarmerie mußten sie ihren Dienst mit Streifengängen und Kontrollen der schanzenden Hitlerjungen und BDMMädchen leisten. Im Dezember 1944 wurden sie völlig unerwartet nach Breslau versetzt, nachdem die Stadt zur Festung erklärt worden war. Als der Kampfkommandant die beiden zum Einsatz kommandierte, wehrte sich Karlchen und sagte: „Wir müssen erst noch Wäsche aus unserer Heimatstadt Oranienburg holen!“. Nach längerer Debatte wurde dazu schließlich die Erlaubnis erteilt. Die Ereignisse überschlugen sich und Breslau wurde umzingelt. So sind wir beide nicht mehr zurückgekehrt und blieben zu Hause. Das war unsere Rettung! erinnerungen

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Irmelin Krause Ein guter Lehrer unterrichtet nicht selten auch noch die Kinder seiner ehemaligen Schüler – so auch bei Irmelin Krause. Vor 40 Jahren fing meine Künstlerlaufbahn an, am 15. Februar 1960 in Rostock. Nach 14 Tagen im Studio des Volkstheaters spielte ich bereits meine erste Rolle. Viele Erinnerungen hängen an dieser Zeit. Ich lernte meinen sehr verehrten und geliebten Lehrer, den Opernsänger Ernst Heise kennen. Viel Ehrfurcht und Respekt hatte ich vor ihm, denn er gab uns Studenten Unterricht in Chanson. Da ich Klavier spielen konnte, kam ich in den Genuß, mehr Stunden zu haben als die anderen; d. h. ich durfte hospitieren und die anderen Studenten auf dem Klavier begleiten. Ich war gebannt von seiner Unterrichtskunst und wollte natürlich alles richtig machen. Da ich vor dem Schauspielstudium bereits ein Musikstudium an der Humboldt-Universität in Berlin absolviert hatte, fiel mir die „Singerei“ nicht schwer, denn ich hatte sehr viel Freude daran. Ich wollte ja auch das Gelernte mit ins Schauspiel einbringen. Später machte ich mein Hobby „Chanson“ zum Beruf und wurde zusätzlich Chanson-Sängerin, so wie mein Vorbild Ernst Heise. Meine Ausbildungszeit in Rostock war zwar nur kurz, aber Ernst’l hatte den Grundstein gelegt. Später, nach circa 15 Jahren, die ich beim Theater verbrachte, traf ich Ernst wieder, und nun sangen wir beide in der Unterhaltungskunst bei vielen Auftritten zusammen in einem Programm. Dabei war ich immer stolz darauf, daß ich einmal Schülerin von Ernst Heise war. Sogar meine Tochter Velia, die auch Schauspielerin und Chansonsängerin geworden ist, hatte bei Ernst’l Unterricht. Und auch sie verehrte ihren Meister sehr. Ihr großer Auftritt – Lehrer und Schülerin – in BerlinWeißensee zur Eröffnungsveranstaltung einer Ausstellung zum Todestag von Marlene Dietrich wird mir stets in Erinnerung bleiben. Julian Lehnecke Auch Verwandte bekamen den schwarz umränderten Brief mit der Nachricht vom Ableben Ernst’ls in die Hand. Woran denkt man beim Lesen zuerst? Julian hat es aufgeschrieben: Nachdenken über Kinder Als ich den Brief, schwarz gerändert, in der Hand hielt, wußte ich: Mein Cousin würde nie wieder ein Wort mit mir reden können. Erinnerungen kamen und traten zu mir herein, ohne vorher anzuklopfen. Ernst und ich hatten über Kinder gesprochen. Eigene Kinder hatte er nicht. Ob er das so gewollt oder bedauert hat, hat er nie gesagt. Aber er gab Kindern und Jugendlichen Gesangsunterricht. Das waren „seine“ Kinder; er liebte sie alle. Eines meiner Gedichte, die er stets mit großem Wohlwollen und manchmal fast peinlicher Aufmerksamkeit zu lesen pflegte, hatte es ihm besonders angetan. Es war das Thema, das ihn faszinierte. Der Titel lautete: 106

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1895 Sechs Jahre ist der Junge jetzt, kann weinen, spielen, lachen, hat sich beim Kinderspiel ergötzt wie’s alle Kinder machen. Er reißt dem Tierchen erst ein Bein, ein zweites, drittes, viertes heraus, stopft Sägemehl hinein (ganz ernsthaft) und studiert es. Wie wißbegierig ist er doch, der – ach! – so süße Kleine! Die liebe Mama freut sich noch und läßt ihn gern alleine. Ein Fremder findet ihn nicht gut, den Trend, sich zu entwickeln, wenn’s einer wie der andre tut, Lebendiges zu stückeln. Er hebt schon Arm und Hand zum Hieb . . . Hochwürden spielt Vermittler: Gott hat doch alle Kinder lieb, auch diesen Adolf Hitler.

Julian Lehnecke (am Fenster) mit Ernst Heises Bruder Horst (rechts) und Schwägerin Jola erinnerungen

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Das Gedicht brachte ich 1980 zu Papier, im Anschluß, glaube ich, an einen Besuch von Bergen-Belsen oder Dachau, zusammen mit einer Besuchergruppe aus Israel. Damals schickte ich Ernst meine Gedichte und Geschichten mit der Post zu; das funktionierte, obwohl wir niemals sicher waren, ob wir nicht ungebetene Mitleser hatten. Beim nächsten persönlichen Wiedersehen kam Ernst sofort auf mein „1895“ zu sprechen. „Weißt du“, sagte er, „durch dich bin ich zum ersten Mal darauf gekommen, daß Hitler einmal Kind gewesen sein muß. Niemand, fürchte ich, ist sich dieser Tatsache wirklich bewußt.“ Ob, wie in meiner Parabel, „Hochwürden als Vermittler“, also am Ende Gott, oder „der Fremde“, also wir mit unserem Wissen um den Lauf der Geschichte, recht hatten, vermag niemand zu sagen. Wir philosophierten miteinander, ob uns unsere Kinder das Fürchten oder das Lieben lehren sollten. Die Frage blieb offen. Aber dann erzählte mir Ernst von seinen kleinen Schülern und Schülerinnen. Er tat es mit Leuchten in seinen Augen, er hatte kein Problem. Die für die Menschheit immer offene Frage hatte er für sich entschieden. Wolfgang Lippert

Lippi zwei Mal – zum einen 1992:

Dankeschön . . .

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Wolfgang Lippert vier Jahre später in seiner Kondolenz: Leider sehr verspätet, aber nicht weniger herzlich übersenden wir Ihnen unser herzliches Mitgefühl zum Tode Ihres Mannes. Für mich war Ernst einer der wenigen charismatischen Entertainer, die Würde, Charme, Geist, Witz und Herz in einer Person vereinten. Ich war immer sehr stolz darauf, daß Ernst stolz darauf war, einer meiner Entdecker und Förderer zu sein. Viele Grüße und Kraft für Sie Wolfgang und Kirsten Berlin, im Mai 1996 Renate Lülsdorf Ich kam eigentlich aus der Konfektionsbranche, war also Mannequin und habe dann gedacht, irgendwann mußt du den Absprung kriegen, und habe mich eben auf Modeberatung gelegt. So habe ich es mit Humor versucht, und siehe da, die Sache klappte und entwickelte sich zu einem Unterhaltungsprogramm beziehungsweise zu einer Modeplauderei mit humoristischem Hintergrund. Ich war damals 38 oder 40, und eigentlich kannte ich aus der Unterhaltungs-Szene kaum jemanden. Ja, und das war dann mal in einem Sommer, ein Sommerfest im „Frankfurter Tor“, so nannte sich damals diese Gaststätte, eine Klub-Gaststätte. Der Klubleiter hatte mich engagiert und sagte, er hätte hier ein volles Programm, und da würde ich mit meiner Modeplauderei wunderschön ’reinpassen. Und die Moderation macht der Ernst Heise. Wer ist Ernst Heise? Ich wußte es nicht, weil ich ja keinen kannte.

Renate Lülsdorf mit Peter Gotthard und Fred Gigo 110

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Es war wahnsinnig heiß, und Ernst Heise verlangte und erwartete, daß alle eine Stunde eher da sind. Da ich ohnehin nie Theatermensch oder irgendwas dergleichen war, dachte ich, na so ein Blödsinn, bei der Hitze sollst du ’ne Stunde eher da sein. Also bin ich sozusagen ohne Farbe aus meinem kleinen Gärtchen am Wald hin. Kollektion war bei mir ein dicker Kleidersack. Den über die Schulter geworfen, eine Seite die Tasche mit Schuhen und Hüten, andere Seite einen transportablen Garderobenständer, so hievte ich da rein, vielleicht fünfzig Minuten früher, nicht eine Stunde. Vorn stand irgend eine junge Frau, und ich erkundigte mich nach dem Umziehraum. Sie stürzte sofort durch den Festsaal nach hinten und muß gesagt haben: „Das Mannequin kommt.“ Während ich nun da in diesen Küchengängen immer noch bepackt, ohne Farbe im Gesicht, mit flachen Schuhen langlief, kam ein Herr von hinten um die Ecke. Stahlblauer Anzug, schlank, graumeliert, smart bis zum Geht-Nicht-Mehr, und rief : „Wo bleibt das Mannequin? Wo ist das Mannequin?“ Ich blieb vor ihm stehen und dachte, das kann nur der bewußte Ernst Heise sein. Ich wagte leise zu sagen: „Hier bin ich.“ Der Blick war erschütternd! „Sie wollen Mode machen? Es kann doch nicht . . . Also sowas kenn’ ich überhaupt nicht, und ich habe Bormann angesagt, ich habe sämtliche großen Modehäuser angesagt, und was soll denn das hier? Und Sie wollen das ganz alleine . . . ? Und was haben Sie da auf der Schulter . . . ?“ Er war nicht zu bremsen in seiner ganzen Aufregung. Da habe ich nur gesagt: „Passen Sie auf. Jetzt gehe ich erst mal hier in den Garderobenraum und dann häng’ ich das alles auf.“ Er folgte, guckte . . . na, es waren ungefähr zwanzig Modelle, die ich aus meinem Kleidersack rausholte. „Was denn, das wollen Sie alles anziehen? Das kann doch nicht wahr sein!“ Er war erregt, bis ich dann sagte: „Also passen Sie auf, Herr Heise, geh’n Sie mal bitte raus und kommen Sie in zehn Minuten wieder rein, oder ich ruf ’ Sie. Ich werf ’ mich jetzt in Farbe und dann reden wir weiter.“ So, und dann habe ich mich erst mal da drin auftrittsfähig gemacht, hab’ mir auch die ersten Sachen angezogen. Er ahnte nicht, daß das nun schon vier Sachen übereinander waren, das hat er in der Aufregung gar nicht so schnell mitbekommen. Es war ja auch so langsam die Anfangszeit – er war sehr mißtrauisch. Na, dachte ich, das wird ja was werden. Aber er hatte mich ganz reizend angesagt, er war der erste Profi, der mich überhaupt ansagte, sonst hatte ich das ja immer alles selbst gemacht. Aber dann hatte ich diesen Saal von 300 Leuten nach fünf Minuten im Griff. Das Programm dauerte ungefähr 25 Minuten, hatte sich verlängert, aber das Ende vom Lied war: Ernst kam und küßte mir die Hand. Und da hab’ ich so bei mir gedacht, der Handkuß, das ist der hartverdienteste. Ja, dieser Handkuß, diese Anerkennung gab erinnerungen

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mir aber auch den Mut, die Prüfung als Sprecherin zu machen. Ich bewarb mich also zum Vorsprechen. Auf einmal Ende März hieß es: Übermorgen Sprecherprüfung. Es ist jemand ausgefallen. Das ist die Chance, sonst müssen Sie wieder ein halbes Jahr warten. Ich habe da dreizehn Mitbewerber angesagt. Und von diesen dreizehn Bewerbern haben der Achim Menzel und ich die Zulassung bekommen. In der Jury saßen unter anderem Peter Bosse, Bobby Böhlke und Ernst Heise, der eigentlich als einziger das gesamte Programm überhaupt mal gesehen hatte, vorher wohl kaum jemand. Ja, das war also der Start: „Wo bleibt denn bloß das Mannequin?“ Das ging mir immer wieder durch den Kopf. Vielleicht noch eine Erinnerung an Ernst. Die Wende lag schon hinter uns, und am 2. Mai 1991 waren wir kurz vor dem Fest auf der Bölschestraße als Ehrengäste im Schöneberger Rathaus zur Ehrung von Inge Meysel eingeladen. Inge Meysel verspätete sich etwas, wir standen da alle etwas herum, und da nahm Ernst die Gelegenheit wahr, uns mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen bekannt zu machen. Der fragte nun gleich sehr interessiert: „Was machen Sie denn als Künstler so?“ Und Ernst meinte: „Naja – ich mache so in etwa das, was der Harald Juhnke in Westdeutschland macht, das mache ich im Osten, in der ehemaligen DDR, aber ich trinke Joghurt.“ Diepgen wollte sich ausschütten vor Lachen. Bei dieser Gelegenheit hat Ernst ihn dann zum Fest in die Bölschestraße eingeladen, und da ist er prompt erschienen mit einem Rattenschwanz von Anhängern und rief schon von weitem: „Ernst Heise, da sind Sie ja wieder.“ Nach dieser Veranstaltung wurde Ernst dann befragt: „Ach, Sie kennen Herrn Diepgen wohl privat?“ PS von Gerti Heise: Übrigens hatten wir dann relativ kurze Zeit später noch einmal die Ehre, Gäste von Herrn Eberhard Diepgen zu sein anläßlich des Jubiläums des Brandenburger Tores, der Jubiläums-Festveranstaltung.

Alfred Lux Die Luftmatratzengruft 1961 wehte mich die Theaterluft nach Rostock ans Volkstheater. Meine Frau schickte mich schon voraus, denn wir hatten eine Wohnung, aber leider klappte es mit dem Umzug noch nicht. Ich hauste also in einem leeren Zimmer, auf einer Luftmatratze, und wartete auf den Beginn der Spielzeit. Da tauchte ein neuer Kollege auf, Sänger, sehr wortgewandt, mit Witz und einer herrlichen dunklen Stimme, wie fast alle großen und schlanken Sänger. Der hatte noch nicht einmal eine Wohnung. Und so besorgten wir uns eine zweite Luftmatratze und warteten gemeinsam. Ernst Heise, er war’s, machte täglich seine Gesangsübungen und 112

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schmetterte sein Repertoire herunter. Bald kannte ich jeden Ton auswendig – und ich sang mit. Ich war lauter, Ernst sang um so schöner, und das versöhnte. Wir schrieben damals Musikgeschichte, denn wo hatte man schon den „Ol’ Man River“, „Granada“ oder sonstige Evergreens zweistimmig gehört? Plötzlich wurde Ernst krank. Nicht wegen meiner Zweitstimme, sondern er hatte was am Hals, oder im Ohr, jedenfalls um den Kopf herum. Er ging zu einer Ärztin, kam wieder und war glücklich. Jetzt sang er nicht mehr – er konnte auch noch nicht – sondern er schwärmte von seiner Ärztin. Mir tat sich aus seinen Erzählungen ein Wunder auf, und auch ich verstummte. Die Spielzeit begann, er bekam eine Wohnung, und die große Liebe zu seiner Gerti ließ ihn in seinen Rollen hell . . . nein, dunkel erstrahlen. Wie es am Theater so ist – unsere Wege trennten sich. Ich ging nach Berlin an die Volksbühne. Als ein gewisser Herr Honecker sich inthronisierte, wurde ich zur Unperson erklärt und für alle staatlichen Kultureinrichtungen gesperrt. Es war hart, aber manchmal auch lustig. Ich trat in Kirchen, Klubs oder auf privaten Feiern auf, die sich meine Auftritte politisch leisten konnten, da sie eh schon verrufen waren. Auch so kann man Karriere machen. Mitte der 80er Jahre schlich ich mich in eine Talkshow im Köpenicker „Maulbeerbaum“. Thema: Alte Berliner Originale. Ich – Maske total und kostümiert – trat uneingeladen als „Otto der Jroße“ auf und stand nun dem Moderator gegenüber: Ernst Heise! Er erkannte mich nicht, und auch ich war verblüfft. Ich spielte meine Nummer, und dann kam das Interview. Ich merkte, wie seine grauen Zellen arbeiteten: Wer war dieser freche Eindringling? Ich gab mich zu erkennen, und dann lagen wir uns in den Armen und heulten dem Publikum gemeinsam etwas vor. Diese Talkshow wurde für uns beide ein besonders starker Erfolg. Danach saßen wir beisammen, schmetterten gemeinsam unser Rostocker Repertoire herunter, und ich lernte endlich Gerti kennen. Das Wunder, das seit langem seine Frau war. Was ich beinahe schon vergessen hatte: Ernst schwärmte von unseren Rostocker Träumen, Verrücktheiten und Gesängen. Aber besonders die Luftmatratze hatte es ihm angetan. Wenig Platz darauf, aber die Gedanken wanderten um die Welt. Er hatte viel erreicht, und so blieb das für ihn freundliche Erinnerung. Er lud mich spontan zum Zusammenarbeiten ein und war voller Pläne. Er meinte es ernst, denn der arme Kerl ahnte nicht, daß es damals besser war, mich nicht zu kennen. Wir trennten uns heiter, denn es war für uns beide ein großer und schöner Tag. Ich ging in meine Einraum-Sozialwohnung, die man mir zugestand, denn Obdachlose wollte oder konnte sich die Regierung damals nicht leisten. Meine Schreibmaschine blieb in dieser erinnerungen

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Nacht unangetastet. Sie war auch so viel Heiteres und Glückliches nicht gewohnt. Und so schlief ich friedlich und gelöst ein . . . auf meiner Luftmatratze. Andreas Marschallek Im Taumel der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten fusionierten auch die beiden Deutsch-Portugiesischen Gesellschaften, die DPG-DDR und die DPG der Bundesrepublik am 29. September 1990 im Schauspielhaus in Berlin. Hier begegnete ich erstmals Ernst Heise; er fungierte als Programmgestalter der DPG-DDR. Zusammen mit Frau Anne Köhl und Herrn Professor Paulo Alves Perreira verstand er es, diesem denkwürdigen Ereignis einen würdigen Rahmen zu geben. Ernst Heise hat mich so beeindruckt, daß ich ihn näher kennenlernen wollte. Schnell fanden wir gemeinsame Ansichten und Einstellungen. Das große sich gegenseitige Beschnuppern folgte knapp zwei Monate später. Die erste Jahreshauptversammlung der vereinten Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft fand am 17. November 1990 auf Schloß Waldeck am Edersee statt. Ernst Heise begeisterte die Menschen aus den alten und den neuen Bundesländern gleichermaßen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde er fast einstimmig in das vergrößerte Präsidium gewählt. Hier konnte auch manch mißtrauischer Wessi feststellen, daß die Menschen aus den neuen Bundesländern ganz normale Erdenbürger sind. Manches Gespräch am Rande erinnerte mich an eine Begebenheit, die mein Vater mir einmal erzählt hatte. Anläßlich des Sängerfestes in den 30er Jahren in Breslau besuchte ihn ein Lektor aus dem Rheinland. Dieser gute Mann soll angefragt haben, ob er einen polnischen Dolmetscher nach Breslau mitbringen müsse. Man hatte zwar nicht erwartet, daß die neuen Bundesbürger eine andere Sprache sprechen, alle anderen Absonderlichkeiten hatte man ihnen aber anscheinend zugetraut. Nach diesem gelungenen ersten Zusammentreffen fuhr sicherlich manches Mitglied um einige Erfahrungen reicher wieder heim. Die Tagesarbeit in einem Verein ist nicht die Jahreshauptversammlung, das sind die Vereinsabende des Landesverbandes. Wenn dann dort Ernst Heise seinen geliebten Wilhelm Busch vortrug, hörten plötzlich alle mehr als nur aufAndreas Marschallek (rechts) merksam zu. War es die Sprache, die 114

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stattliche Figur, der Text, die Stimme oder etwas Unbekanntes? Ich tippe mehr auf das, was dahinter stand: Der Mensch, der vortrug, begeisterte die Zuhörer. Diese Begeisterung, mit der er seine Tätigkeit ausübte, brachte das Vorgetragene „gut rüber“, wie man heute sagt. Dahinter stand der Mensch mit seiner Ausstrahlung. Unsere „Ronda dos Restaurantes“, die „Runde durch die Portugiesischen Restaurants“, wurde bald zu einem festen Begriff in Berlin. Unsere Vereinsabende fanden in wechselnden Restaurants mit stets wechselndem Programm statt. Diese Programmgestaltung hat Ernst Heise meisterhaft organisiert. Sein Meisterstück, soweit es die DPG Berlin betrifft, war sicherlich der gemütliche Teil während der Jahreshauptversammlung am 3. November in Berlin. Was er da mit Irmelin Krause inszenierte, war so beeindruckend, daß Vereinsmitglieder noch nach Jahren schwärmten: „Damals – gleich nach der Wende in Berlin – das war eine unvergeßliche Jahreshauptversammlung“. Es war aber auch ein Feuerwerk der Unterhaltung. Noch Wochen danach kamen Telefonanrufe, in denen man sich für diese gelungene Veranstaltung bedankte. Ernst Heise konnte auch sehr spontan sein. Ich erinnere mich, daß ich eines Sommertages nachmittags bei ihm auftauchte. Ich hatte in der Gegend etwas zu erledigen und stand plötzlich vor seiner Tür. Was tat Ernst Heise? Er packte die Gartenmöbel aus und wir eröffneten in seinem Garten die Saison. An diesem Tag haben wir viel nachgedacht, querge-

September 1990, Festakt der DPG im Schauspielhaus Berlin erinnerungen

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Anne Köhl, Prof. Paulo Alves Perreira und Ernst Heise in der DPG dacht, aber auch, wie ich meine, zu Ende gedacht. Manche dieser besprochenen Dinge verwirklichen sich erst heute, andere haben sich bereits erfüllt bzw. werden sich noch erfüllen. Sowohl die Verwirklichung der Vision der 50er Jahre von einem Europa ohne Grenzen wie auch die Versöhnung der Völker Europas sollte unser Tun bestimmen. Und wir wollten unseren Beitrag dazu leisten. Mit der Liebe zu einem Land wie Portugal läßt sich dieser Gedanke angenehm verbinden. Viele deutschstämmige Schriftsteller haben das Einzigartige an Portugal in Worte zu fassen versucht, offenbar gibt es aber dafür keine Worte. Alle Erklärungsversuche lassen sich vielleicht damit begründen, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Portugal schon einige Jahrhunderte währen und mancher fußkranke Kreuzfahrer seinerzeit Portugal zu seiner neuen Heimat gewählt hat. Mit Ernst Heise habe ich einen Freund verloren, an den ich mich oft gern erinnere. Winfried Müller Anmerkungen – Aufnahmeproben mit dem BG 19 – Ernst und das Fregona-Orchester Welche Umstände mich mit Ernst zusammenführten, kann ich nicht rekonstruieren. Wahrscheinlich kamen die ersten Begegnungen durch Heinz Roßberg, einem 1991 verstorbenen Lehrer an der Berufsschule, um das Jahr 1952 zustande. Sicher ist, daß uns drei das erste in der DDR für die Bevölke116

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rung produzierte Tonbandgerät BG 19 – ein Gerät mit der Bandgeschwindigkeit von 19 Zentimetern pro Sekunde – verband. Unsere Oberschule in Oranienburg erhielt dieses Gerät über den damaligen Volkskammerpräsidenten Johannes Dieckmann, dessen Sohn Friedrich ebenfalls Schüler an unserer RungeOberschule war. Nachdem sich die erste Neugier seitens des Physiklehres gelegt hatte, bereitete es kaum Schwierigkeiten, das Gerät für einige Spielereien und Versuche auszuleihen. Verständlich, daß an dieser Möglichkeit auch die Freunde Heinz Roßberg und Ernst Heise teilhatten. Anläßlich eines Treffens in der Wohnung von Ernst in der Havelstraße 27 wurde das BG 19 vorgeführt. Ernst Ernst Heise am BG 19 sprach ein fiktives Interview und anderes ins Mikrofon. Die sich anschließende Wiedergabe hat uns damals sehr beeindruckt. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden Versuchsaufnahmen mit kleiner Besetzung aus dem Fregona-Orchester in der Wohnung von Heinz Roßberg aufgenommen, einem ausgebauten Behelfsbau für Ausgebombte. Ernst sang u. a. den „September“-Song. Um des akustischen Effektes willen mußte er tief gebückt in eine Badewanne hinein singen. Die Interpretation hatte uns Tontechniker-Laien damals erneut tief beeindruckt. Die Bänder gingen nicht verloren. Inzwischen war Ernst in Rostock engagiert und ich besuchte ihn dort anläßlich einer Dienstreise. Sonst trafen wir uns nur noch zufällig unterwegs. So auch auf dem Bahnhof Alexanderplatz. Ernst berichtete, daß er jetzt selbständiger „Kapitalist“ geworden sei, er arbeite freischaffend und müsse sich um seine Auftritte selbst kümmern. Wo er jetzt wohne? In Mahlsdorf, Kohlisstraße. Für mich als zugewanderten Köpenicker eine Überraschung: Obwohl ich in der Nachbarschaft wohnte, waren wir uns hier noch nie begegnet. Von da an gab es ziemlich regelmäßige Begegnungen. Ich erinnerte mich an die alten Bandaufnahmen und überließ sie Ernst als Zeit- und LautDokumente zur Erinnerung an unsere gemeinsamen Unternehmungen. Klaus Nowodworski Danke, Ernst! Eigentlich war 1970 das Jahr Eins meiner Laufbahn als Sänger, denn ich begann mein Studium an der Musikschule Friedrichshain und Ernst erinnerungen

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wurde mein Gesangslehrer. Was dies einmal für mich bedeuten würde, konnte ich damals noch nicht wissen. Seit 1966 war ich als Amateur-Rocksänger im Lande unterwegs – später dann als Gründungsmitglied und Sänger beim Modern-Sextett, das sich später zur „Modern Soul Band“ mauserte. Die Musik war jazzig/rockig, die einzelnen Titel sehr expressiv. Ich mußte mich ganz schön anstrengen, um einen langen Abend ohne stimmliche Blessuren durchzustehen. Als der Unterricht bei Ernst begann, machte er mir klar, daß er meinen Stil nicht verändern wolle, sondern mir Technik beibringen würde und meine Intonation verbessern werde. Es war mir bekannt, daß Ernst aus dem Opernfach kam und nach einer außergewöhnlichen Methode unterrichtete, die er von seinem Ex-Gesangslehrer übernommen hatte. Er machte immer alle Übungen vor – und das bei vielen Schülern pro Tag! – und entwickelte dabei Töne, die Fensterscheiben zum Klirren brachten. Bei einigen Übungen, die ich abzuliefern hatte, wurde mir schwarz vor Augen – so nahm Ernst mich in die Mangel. Nach einem Jahr war auch ich in der Lage, solch enorme Töne zu produzieren; aber eben auf meine Art, worauf Ernst mit Nachdruck bestand. Nun fiel es mir auch nicht mehr schwer, Soul oder Jazzklassiker zu interpretieren – und das stundenlang in verqualmten Clubs etc. Der Höhepunkt meiner Arbeit mit Ernst war nach drei Jahren die Abschlußprüfung im Kreiskulturhaus Karlshorst. Im Saal saßen nur „erlauchte“ Musiker und Sänger. Mir war mulmig, aber Ernst redete mir gut zu und sang mich gründlich ein – dann raus auf die Bühne! Nach zwei Songs nickte die Jury beifällig, und beim dritten Lied, „The Man’s World“ von James Brown, strahlte Ernst zu mir herauf. Ich wußte, ich hatte es dank seiner unvergleichlich tollen Arbeit an und mit mir geschafft. Bis zu seinem Tode blieben wir in Arbeit und Freundschaft verbunden. Achim Petry erzählt nun eine Geschichte von Ernst, die Ernst als Geschichte über Achim Petry mehrmals erzählt haben soll. Können Sie folgen? Versuchen Sie es doch! Bei den Dreharbeiten zu den Filmen „Schlacht um Moskau“ und „Stalingrad“ hatte ich – Ernst Heise – in der Rolle des Generalfeldmarschalls von Bock natürlicherweise eine Menge mit dem Darsteller des Adolf Hitler – Achim Petry vom Berliner Ensemble – zu tun. Wir hatten auf Anhieb ausgezeichneten Kontakt, eine ähnliche Wellenlänge, zumal er es verstand, trotz der manchmal fast gespenstischen Szenerie (Führerbunker, Beton, Generalstab), Arbeitslicht, anstrengender Proben usw. gelöste Heiterkeit zu verbreiten. Zum Beispiel, wenn er in Maske und Kostüm des A. H. plötzlich während einer sogenannten technischen Probe in den Jargon von Walter Ulbricht, der hochsächselnden DDR-Politiker, verfiel: Ein irrsinniger 118

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Gegensatz! A. P. war übrigens für A. H. etwas zu groß – oder ich zu klein. Jedenfalls stand ich öfter auf Podesten und er in Turnschuhen oder gar auf Strümpfen. Zu Probeaufnahmen mußte er nach Moskau. Sollte am Flughafen abgeholt werden. Kein Wort Russisch – außer vielleicht „Na sdarowje“. Er kommt an die Sperre, schaut umher, wer ihn nun wohl abholt. Kein Erkennungszeichen vereinbart – suchende Blicke gegenüber. Da dringt die Frage in sein Ohr: „Chamberlain?“ Aha, man erwartet also auch den Darsteller des britischen Premierministers. Also antwortet er: „Nein, Hitler!!“ Das Homerische Gelächter daraufhin klärte sich abends im Hotel: Der gesuchte Mr. Chamberlain war ein erwarteter ganz normaler englischer Geschäftsreisender. A. P.s = A. H.s Abreise aus Moskau war dann wieder ein für diese Zeit typischer Vorgang. A. P. trug privat einen Oberlippenbart, der bei der Maskenprobe abgenommen wurde. Hitlers . . .-Bremse sah halt ganz anders aus. Und nun im Paß mit Bart, real aber ohne – wie löst man das Problem? Mit einem Begleitschreiben DIN A 4, einem Begleit-Offizier und über einen separaten Eingang! Merke: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“ (Brecht) Verblüffendes, wenn nicht gar Makaberes, erlebten wir bei den Dreharbeiten in Prag. Wir, also A. P. und ich, gingen zur Maske. Ein langer Gang, an den Wänden Bänke mit Prager Kleindarstellern, teilweise schon in deutschen Uniformen, Soldaten, Offiziere. Als dann A. P. als Hitler aus der Maske kam, sprangen die Kleindarsteller auf und bildeten mit „Deutschem Gruß“ Spalier – und fanden es sehr lustig! In der Kantine mit den typischen Schiebefenstern mußte man sich bükken, um gesehen zu werden. Als „Hitler“ dort auftauchte, kreischte die Mamsell erschrocken auf, wich zurück, lachte und holte den Küchenchef herbei. Und „Hitler“ durfte sich ein Menue zusammenstellen – ohne Bezahlung! PS der begleitenden Buchautoren: Als „nur“-Generalfeldmarschall von Bock durfte sich Ernst kein kostenloses Menue zusammenstellen.

Gerd Puls Auch ein Perfektionist kann mal einen Bühnenauftritt „schmeißen“. So schrieb Generalmusikdirektor Gerd Puls: Im Herbst 1960 stieß ein junger Sänger zum Opernensemble des Volkstheaters Rostock, der sich schon bald als Prinz Orlofski dem hiesigen Publikum erfolgreich vorstellte. Noch in mancher Inszenierung haben wir zusammengearbeitet – ich nenne nur „Arabella“, wo Ernst Heise den Grafen Lamoral sang; oder seinen Bettler in der Uraufführung von Wagner-Régenys Oper „Persische Späße“ (1963). erinnerungen

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Ernst war eigentlich die Zuverlässigkeit in Person, doch ein Dirigent muß stets auf Überraschungen seitens der Bühne gefaßt sein. Und auch in dieser Hinsicht ist er mir in Erinnerung geblieben. 1962 stand Verdis nur selten gespielte Oper „Die Sizilianische Vesper“ auf dem Spielplan. Ernst Heise war besetzt als Le Sire de Béthune und hatte im II. Akt einen Brief des Gouverneurs an einen jungen Sizilianer zu überbringen (Sizilien stand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter französischer Herrschaft) Die Auftrittsmusik umfaßte gerade mal drei Takte, doch danach blieb es still – kein Béthune war zu sehen! Ich weiß heute nicht mehr, wie oft wir diese wenigen Noten wiederholen mußten, bis der Darsteller des französischen Offiziers endlich erschien und die Handlung ihren Fortgang nehmen konnte. Ich hoffe aber, daß Ernstens – besser: Ernst’ls – Versäumnis dem Publikum gar nicht bewußt geworden ist, wie übrigens auch meinem Sänger, dem erst hinterher ein Licht aufging. Man hatte vergessen, ihn in seiner Garderobe „einzuläuten“. Aber er hatte eine innere Uhr und kam unaufgefordert auf die Bühne, hörte die Auftrittsmusik und sang – leider aber doch zu spät. Erst nach der Vorstellung fiel Ernst aus allen Wolken, denn er brüstete sich stolz: „Meine innere Uhr hat meinen Auftritt gerettet!“ Da konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen: „Das schon – aber ein wenig geht sie nach, denn ich mußte das Vorspiel dreimal spielen – immer im Glauben: einmal muß er ja kommen.“ Ingrid Raack Mit Ernst in Italien Es war, glaube ich, im Jahr 1978. Ernst und ich durften in Italien die DDR-Unterhaltungskunst vertreten. Mit uns war ein Pianist, ein BachPreisträger. Die Botschaft hatte alles gut organisiert, Auftritte und Freizeit. Sie sorgte auch dafür, daß wir drei immer zusammen blieben – mit unseren „Betreuern“. Ernst hatte sich auf diese Tournee gut vorbereitet. Er sang u. a. die Arie des Figaro in italienisch, was natürlich überall gut ankam. Einmal sangen wir vormittags in einer Schule, vielleicht in einer Musikstunde. Die Mädchen trugen alle blaue Schleifchen im Haar und sahen uns verschämt, aber doch neugierig an, hörten unsere Lieder, deren Texte sie nicht alle verstanden. Zum Abschied wollten sie uns auch eine Freude machen und sangen – in deutscher Sprache – das Deutschlandlied: Die Nationalhymne des anderen deutschen Staates! Unsere Betreuer erstarrten. Ein gewaltiger Fauxpas! Ernst sah mich an, ich sah ihn an. Ernst blieb ernst, nur in seinen Augen sah ich Kobolde tanzen. Sein Blick sagte mir: Laß mal, Ingrid, es ist nicht unsere Sache, diese freundliche Geste der Gastgeber zu korrigieren! Die Betreuer dachten ähnlich und ließen die Kinder zu Ende singen. Hinterher erklärten 120

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sie uns, daß sowohl Lehrer wie Schüler hier, so weit entfernt von Deutschland, nicht so genau Bescheid wüßten. Wir sollten diesen Vorfall schnell vergessen und nicht darüber reden. Es kam aber noch schlimmer. Eines Tages, als wir mit unseren Betreuern schon in dem kleinen Bus saßen, um irgendwohin zu fahren, war unser BachPreisträger noch nicht da. Ernst erbot sich, ihn zu holen und ging in dessen Zimmer. Nach einigen Minuten kam er zurück, sah die Betreuer an und sagte: „Er ist nicht da, aber Zahnbürste und Rasierapparat fehlen auch.“ Dabei setzte Ingrid Raack und er sein spitzbübisches Lächeln auf, weil Siegfried Walendy er sicherlich der Meinung war, daß er damit den Betreuern den Sachverhalt schonend beigebracht hatte. Später kam aus der Schweiz eine Karte dieses Bach-Preisträgers. Uve Regensburger In den Jahren 1987 bis 1989 arbeitete ich als kultureller Mitarbeiter im damaligen VEB Kulturpark Berlin an der schönen Spree. Riesenrad, Achterbahn, Auto-Scooter, andere Fahrgeschäfte und duftende Buden umgaben meinen Wirkungskreis. Als Mitarbeiter der damaligen Abteilung Kultur war ich für Jugendveranstaltungen mit Blues, Rock, Pop und Reggae, also die ganze musikalische Bandbreite in diesem Bereich, zuständig, erarbeitete aber auch Showprogramme für Familien, konnte Künstler wie die „Puhdys“, „Karat“, „Formel 1“, „Prinzip“ und „Berluc“ sowie andere Bands verpflichten, darunter auch noch „City“ und „Metropol“ mit Manager Jürgen Lewandowski. Auch Uwe Jensen, Frank Liehr, Helmut Spahn mit Band und Solisten, Olaf Berger, K.-H.-HornBand und Sänger (HT1) sowie Helga Hahnemann. Auf einer großen oder kleinen Freilichtbühne ohne große Überdachung fanden diese Veranstaltungen statt. Nach einigen Monaten der Arbeit am Ort erhielt ich eine Offerte von Ernst Heise, Sänger, Moderator und Entertainer sowie Nachwuchsförderer. Na gut – Offerten erhielt ich viele, doch durch Herrn Helmut Spahn von der Konzert- und Gastspiel-Direktion wurde ich darauf aufmerksam gemacht. Also vereinbarte ich einen Termin mit Herrn Ernst Heise, der auch durch Sänger und Drummer Uwe Peschke, damals Gruppe Kreis, empfohlen wurde. Man sagte mir, Ernst Heise sei ein Voll-Profi, auf dessen Mitarbeit ich nicht verzichten sollte. Na okay – von Profis hatte ich schon viel geerinnerungen

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hört, doch dieses Angebot sollte etwas Besonderes sein, wie ich schon beim ersten Telefonat mit Herrn Heise merkte. Es verblüffte mich seine Offenheit, Ehrlichkeit, und wie Herr Heise es verstand, mit jungen Menschen – ich war damals 30 Jahre alt – zu sprechen. Ich begriff sehr schnell, daß da kein Möchtegern-Künstler am Werke war, sondern ein Mensch und Künstler, absolut fair, der das Show-Biz kannte und wohl alle Höhen und Tiefen dieses Geschäfts schon erlebt hatte. Das machte auf mich großen Eindruck, und ich vereinbarte mit ihm sofort einen persönlichen Gesprächstermin. Die Atmosphäre im damaligen Kulturpark war zwar nicht angenehm, doch ließen wir uns von „zwei Ohren zuviel“ nicht beeindrucken. Herr Heise lehnte absolut von Parteiebene geprägte Programme ab, und das war meine Schwierigkeit bei einem durch und durch konservativen Chef, der mir von der Zusammenarbeit mit Ernst Heise abriet. Er hatte wohl gemerkt, daß er mit seiner Meinung bei Herrn Heise und mir nicht ankam. Ich pfiff auf Dogmen und Vorschriften und arrangierte mich mit dem Künstler, was für mich ein absoluter Gewinn werden sollte, auch persönlich. Trotz mehrmaliger Warnungen durch parteitreue Kollegen ließ ich eine Festveranstaltung mit Ernst Heise anlaufen. Der Erfolg sprach für uns, und fortan war er für eine Vielzahl von Veranstaltungen engagiert, deren künstlerischen Gehalt und gedanklichen Inhalt wir auf unsere Kappe nahmen. Durch die Arbeit lernten wir uns immer besser kennen, kamen uns näher und lernten uns schätzen und achten. Zum Ärger der parteitreuen Herrschaften waren unsere Auftritte von Erfolg gekrönt, obwohl Ernst Heise oft spitze Bemerkungen zum ach so tollen DDR-System auf Lager hatte, ohne dabei persönlich zu werden. Seine Pointen waren gut verpackt. Eines Tages bot er mir seine persönliche Hilfe an, denn ich war fest entschlossen, einen Programmgestalter-Lehrgang zu besuchen. Damals war es sehr schwierig, an so etwas heranzukommen. Aber Ernst Heise hatte immer ein offenes Ohr für mich und half mir nach bestem Wissen. So konnte ich den Lehrgang erfolgreich abschließen. Im Laufe der Jahre in kontinuierlicher Zusammenarbeit entwickelte sich eine echte Freundschaft zwischen uns. So war es mir auch vergönnt, seine Ehefrau, SR Dr. Dr. Gerti Heise, kennenzulernen. Im Mahlsdorfer Zuhause der Familie Heise war ich von da an immer willkommen. Auch meine Tochter Sarah besuchte die Familie und konnte zu diesen wunderbaren Menschen ein sehr liebevolles und freundschaftliches Verhältnis aufbauen. Ursel Reinck Aufsehen erregte Ernst mit seinem „Dixi“ – einmal kam es dadurch zur Freundschaft mit meinen Eltern. Vater hatte mit einem Herrn aus der Nachbarschaft in einem Hinter122

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haus gegenüber unserer Wohnung eine große Halle als Garage. Dadurch war viel Platz. Und die Vermieterin von Ernst, Frau Schäfer, wußte davon und schickte ihn zu meinen Eltern, da er eine Unterkunft für seinen „Dixi“ suchte. Meine Eltern waren natürlich begeistert und fanden alles O.K. Der „Dixi“ bekam ein Dach; und da mein Vater zur damaligen Zeit einen alten „Mercedes“ V 170 fuhr, der auch stark gepflegt wurde, aber dennoch diese und jene Reparatur benötigte, kauften sich beide Männer blaue Arbeitsanzüge und lagen viel vor und unter den Autos oder hingen über den Motorhauben. Der große Mann Ernst Heise und das kleine Auto brachten viele Leute zum Schmunzeln. Als diese Freundschaft mit meinen Eltern begann, lag ich in der UniKlinik in Jena und hörte mir all die Berichte bei den wöchentlichen Besuchen an. Zurück in Plauen kam natürlich Ernst bald zu Besuch. Ich hatte viel Scheu, als ich ihn mit einer Dame aus dem Ballett kommen sah – Marion Schurath. Aber der Bann war bald gebrochen, meine Freundinnen beneideten mich, wer in unserem Haus ein- und ausging. Natürlich durfte ich eines Tages auch im „Dixi“ mitfahren, stolz stieg ich ein. Wir fuhren auf regennassen Straßen und ich bekam die Aufforderung, bei großen Pfützen aufzupassen. Da der Boden des Wagens leicht durchlöchert war, könnte es leicht in den Wagen spritzen – das war auch so. Es war natürlich ein riesiger Spaß. Viele Pannen und andere Unzulänglichkeiten mit dem „Dixi“ blieben nicht aus. Der Wagen sprang oft nicht an, und man mußte mit der Handkurbel den Wagen anlassen. Dies war immer eine große Kraftanstrengung für Ernst. Nach den Vorstellungen hatten sich meine Eltern und Ernst noch verabredet. Wer nicht kam, war Ernst – es lag am Auto! Aber meine Eltern waren immer lange auf. Sah Ernst dann noch Licht, klingelte er und meinte: „Im Kreml brennt noch Licht.“ Dann wurde Ernst für lange Zeit krank – eine Stimmbandgeschichte. Er durfte nicht viel sprechen und gar nicht singen. Mein Vater war auch krankgeschrieben, also trafen sich die Männer immer zum gemeinsamen Frühstück bei uns. Es gab Joghurt und Müsli, selbst zusammengestellt. So führten die Männer Männerwirtschaft. Der behandelnde Ohrenarzt wohnte in unserer Nachbarwohnung. Wir waren Freunde, und so wurde Ernst besonders gut behandelt. Es war für uns alle eine wunderschöne Plauener Spielzeit, und wir bedauerten sehr, daß Ernst ein Angebot nach Rostock zum Volkstheater annahm. Meine Eltern sahen Ernst nur ganz selten. Aber herzliche Briefe kamen von der Küste ins Vogtland. Ich selbst arbeitete damals in Greiz, 30 km von Plauen entfernt in Thüringen und hörte immer an den Wochenerinnerungen

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enden von den Rostocker Berichten. Ernst meinte, ein Familienmitglied müsse sich doch in Rostock ansiedeln. „Rostock – das Tor zur Welt!“ Man stellte sich als junger Mensch alles ideal vor. Dazu kam, daß meine Schulfreundin auch Rostock anpeilte. Und in der Humanitas, einer medizinischen Fachzeitschrift, las ich eines Tages eine Annonce: Rostock-Südstadt sucht alle Fachrichtungen an Ärzten und mittlerem medizinischen Personal. So traf ich in meinem Stübchen im Schwestern-Wohnheim innerhalb weniger Stunden meine Entscheidung und bewarb mich in Rostock. Ich ahnte nicht, daß es das Krankenhaus zur damaligen Zeit war, glaubte an ein Vorstadt-Krankenhaus. Der erste Brief kam schnell zurück und mit allen erforderlichen Bewerbungsunterlagen – die Farben der Stadt Rostock schmückten den Umschlag – die Freude stieg. Wie weiter? Lange kam nichts. Im Herbst fuhren eine Schwester aus Greiz, die sich auch beworben hatte, noch eine Bekannte und ich nach Rostock. Wir hatten uns angemeldet und hofften, etwas zu erfahren. Wir fuhren eine Nacht hoch, am Tag waren wir in Rostock, am Abend ging es wieder mit dem Nachtzug zurück. Als wir uns die Stadt ansahen, trennten wir uns. Ich suchte eine Telefonzelle und die Nummer von Heises, erkundigte mich noch nach dem Standpunkt – es war der Doberaner Platz. Ich telefonierte – große Freude bei Ernst. Gerti war noch in der Klinik. Wir machten einen Treff aus. Den Weg in die Klosterbachstraße fand ich schnell, und es war ein herzliches Wiedersehen. Die Müdigkeit war vergessen, ein Mokka, der erste in meinem Dasein, gab mir Kraft. Und dann setzte mich Ernst ins Auto und zeigte mir Rostock. Natürlich alle Theater, die ich „von hinten“ kennenlernte, durfte hinter die Bühnen und in die Garderoben! Das war herrlich! Mein Entschluß „Rostock“ war noch gestärkter – drei Wochen später hatte ich die Zusage. Im Januar 1966 ging ich nach Rostock. Natürlich durfte ich oft zu Heises kommen, wurde viel mit ins Theater genommen, konnte an Premierenfeiern und Geburtstagsfeiern teilnehmen und fuhr auch öfter mit nach Güstrow zu Gastspielen. Lernte sagenhaft viele interessante Menschen im Hause Heise in der Klosterbachstraße und später am Ulmenmarkt kennen. Dies prägte mich, und ich bekam mehr Selbstbewußtsein, denn daran fehlte es mir. Die Freundschaft, die meine Eltern begannen, wurde auf mich übertragen, und dafür bin ich immer wieder dankbar. Schließlich ging Familie Heise nach Berlin. Mir fiel dies gar nicht leicht – hatte ich doch eine Zuflucht verloren. Aber Briefe hielten das Band der Freundschaft und es kam zu Besuchen. Berlin wurde die Stätte für Familientreffen durch Tagesaufenthalte. So fuhr ich oft nach Berlin und durfte auch meinen Besuch mitbringen. Eine Dienstreise per Flug in die CˇSSR begann auch in Berlin. Die Nacht vor dem Abflug durfte ich bei Hei124

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ses in der Kohlisstraße wohnen, wurde von ihnen zum Flugplatz gefahren – es war wie ein zuhause. 1984 war Ernst endlich einmal zu einem Gastspiel im „Intimen Theater“ in Rostock. Selbstverständlich holte ich mir eine Karte. Einen Abend zuvor hatte er einen Bunten Abend in der Gaststätte „Zum Scharren“ in Evershagen. Die lag meiner damaligen Wohnung gegenüber, und ich holte mir auch eine Karte. Der Abend begann. Ich saß mit einer alten Dame nebst Tochter am Tisch, die mir vor dem Auftritt erzählte, woher sie Ernst Heise kenne – durch das Theater in Rostock. Ich sagte kein Wort dazu. Der Auftritt begann. Ernst begrüßte das Publikum, dann aber „Guten Abend, Urselchen!“ Ich bekam einen roten Kopf. Die Herrschaften am Tisch wollten natürlich genau wissen, woher dies kam. Nach dem Ende der Vorstellung unterhielten wir uns noch länger – die Leute am Tisch fanden aus Neugierde kein Ende. Gerne denke ich auch an die herrlichen Busch-Abende. Den in Heiligendamm konnten wir nicht besuchen, aber einen Abend im Rostocker Terrassen-Café „TC“ kann ich nicht vergessen. Da trafen wir uns wieder, die liebe Gerti hatte nämlich ein Gipsbein! Wolfgang Rödiger Auch von mir ein paar Erinnerungen an Ernst Heise. Ich war von 1957 bis 1960 am Stadttheater Nordhausen sein Maskenbildner und habe ihm für so manche Rolle das Antlitz verändert. Mal alt mit Bart und Perücke, mal schön, mal häßlich – wie es die Rolle verlangte. Schnell wurden wir sehr gute Freunde, die auch außerhalb des Theaters häufig zusammen waren. Ernst kam sogar gerne zu uns nach Hause, denn das Geld war knapp – und meine Frau kochte gut. Und Ernst hatte immer Hunger. Das waren schöne Zeiten. Und wir hatten ein gemeinsames Hobby. Jeder von uns besaß ein Tonbandgerät, damals noch etwas seltenes, und da saßen wir oft bis spät in die Nacht oder einen ganzen Tag lang, machten Bandaufnahmen oder überspielten Bänder. Ernst hatte sich 1958 einen „Dixi“-Oldtimer gekauft, den wir bei Bekannten in einer Garage wieder flott machten. Das gelang uns auch und Ernst war ganz stolz auf seinen schönen alten „Dixi“, mit dem wir einige Fahrten zusammen mit meiner Familie machten. Als Dank für meine „anstrengende Arbeit unter dem Auto“ schenkte er mir ein Buch mit dem sinnigen Titel „Meine Gesundheit“ und einer schönen Widmung. Wunderbarste Stunden haben wir auch in der„Nordhusia“ als „Schlaraffen“*⁾ erlebt. Das sind Ereignisse gewesen, die man nicht vergißt! *) Schlaraffia: Lt. „Der Neue Brockhaus“ Bd. 4, 7. Aufl. 1991, S. 577 eine „Vereinigung zur Pflege von Geselligkeit, Kunst und Humor unter vorgeschriebenem Zeremoniell; gegr. 1859 von dt. Künstlern und Kunstfreunden in Prag; als „Allschlaraffia“ in Mitteleuropa,

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Schlaraffen-Paß Amerika und Asien verbreitet, 1937 in Dtschl. aufgelöst, lebten 1947 in der Bundesrepublik Dtschl. und Österreich wieder auf. Heute weltweit verbreitet.

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Jörg Rohleder Es war Dezember 1985. Ich lag krank im Lazarett der NVA in Potsdam. Eines Tages fiel mir ein kleines Plakat mit einer Ankündigung auf: „Musik aus dem Hut“ mit Ernst Heise – Musik und Anekdoten. Dachte mir, das ist gut. Am 23. Dezember 1985 war es dann soweit, Ernst Heise kam. An diesem Tag war auch die Patienten-Weihnachtsfeier. Während des Programms dachte ich: Spitze, der Mann – da muß man sich mal unterhalten. Dann gab es den Geisterreiter, da stieg bei mir der Puls. Im Anschluß an sein Programm habe ich dann allen Mut zusammengenommen und ihn angesprochen. Wir kamen sehr schnell ins Gespräch, ganz unkompliziert. Ich war an dem Geisterreiter-Text interessiert, er diktierte ihn mir. Dann erzählte ich, daß ich so ein bißchen Musik machte; das fand auch er toll. Noch während er seine Anlage einpackte, unterhielten wir uns weiter. Zum Abschied übergab er mir ein signiertes Foto mit einer Widmung. Paul Rohr Mit Ernst auf See Sommer 1972. In Vorbereitung der Reise für die Medaillen-Gewinner der Olympiaden – Winter und Sommer – erfuhr ich, daß bei den mitreisenden Künstlern auch ein Sänger sei. Ernst Heise, Opernsänger und Entertainer, der sei gut. Mir brauchte man dies nicht zu sagen, ich wußte wer „er“ ist. So war die Freude beim Wiedersehen groß, denn wir kannten uns: Von der gemeinsamen Arbeit im Hause Perten, dem Volkstheater Rostock, der eine als Sänger, der andere als künstlerischer Mitarbeiter. Wir arbeiteten mit bei den Fest-

Erkennen Sie Ernst mit meinem Orchester? erinnerungen

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programmen der Ostsee-Woche und waren beide bei den Rügenfestspielen engagiert! Die Arbeit auf der Reise für die Olympioniken mit Ernst verlief so gut, daß meinerseits dem Kapitän und dem Feriendienst der Gewerkschaften der Vorschlag unterbreitet wurde, diesen Mann, diesen Künstler, auf der kommenden Kuba-Reise mitzunehmen – nur ihn, seine Einsatzmöglichkeit ist so vielseitig – er hat eine sehr breite sängerische Skala, von der Oper bis zur Folklore. Er war wirklich zum Seemann geworden, denn den Begriff „seekrank“ gab es Auch Gerti ist mit ihrer schlichbei ihm nicht. Ernst war immer einsatzten Frisur kaum wiederzuerbereit, und was für eine Seereise nach kennen. In den Pausen saß ich Kuba ganz wichtig war: Es sind zweimal gern neben ihr 13 Seetage, wo 550 Passagiere unterhalten sein wollen. Und was für die Arbeit eines Künstlers äußerst wichtig ist: Es sind an 26 Seetagen und -abenden die gleichen Zuhörer, Besucher . . . In meiner 10jährigen Fahrenszeit habe ich viele Künstlerinnen und Künstler an Bord bei ihrer Arbeit erlebt. Ihr Repertoire jedoch war so „umfangreich“, daß es mal gerade für einen Abend ausreichte. Die Bordkapelle, bestehend aus sechs Musikern, die alle mehrere Instrumente beherrschten, war eine eingespielte Truppe und – wie Ernst meinte – auf gutem künstlerischen Niveau. Einige von ihnen schon zehn bis zwölf Jahre an Bord. Der Pianist, Hermann Ziewitz, und Ernst lernten sich kennen – und „konnten miteinander“. Ernst sagte einmal: „‚Männe‘ ist ein sensibler, hervorragender und einfühlsamer Pianist; mit ihm zu arbeiten, ist für mich eine Freude.“ Männe war auch schon zwölf Jahre an Bord. So sang Ernst bei einem Konzert am Nachmittag, wo die Bordkapelle jeden Tag zweieinhalb Stunden musizierte, oder am Seemannsabend seine entsprechenden Titel – und Ernst hatte davon genügend. Einer der Höhepunkte jeder Reise war auf der Heimreise der „Konzertabend“. Von 20 bis 23 Uhr, natürlich mit Pausen, boten wir den Passagieren ein Programm von der Klassik bis zur Folklore bzw. bis zum Musical. Die Bordkapelle in Frack und Smoking, ebenso der Kulturoffizier, und der Künstler ebenfalls festlich gekleidet. Ernst sang, und der Kulturoffizier führte durch das Programm. 128

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Wir gestalteten eine „Literarische Kramkiste“ mit Texten von Lichtenberg, Kästner, Ringelnatz, Weinert, Tucholsky, Wilhelm Busch und anderen. Diese Kramkiste kam gut an bei den Passagieren, wir mußten sie mehrmals wiederholen. Und Ernst empfand, daß besonders der Busch gefiel! So setzte Ernst sich hin in seiner Kabine und arbeitete, d. h. er war nicht der „Künstler“, der den ganzen Tag bei den Passagieren an Deck in der Sonne lag und dann am Abend sein Programm „ablaufen“ ließ. Ernst arbeitete; und so entstand an Bord des MS „Völkerfreundschaft“ seine erste Fassung von „Wilhelm Busch“! Auf einer Kubareise entstand ein weiteres Programm: „Literatur im Flatterhemd“. Dreimal mußten wir die Darbietung verschieben, weil wir mitten im Atlantik, und auch noch bei den Azoren, tagelang starken Seegang hatten. D. h. so starken Seegang, daß im Clubraum, wo die Veranstaltung stattfinden sollte, Tische und Sessel an der Steuerbordseite in einer Ecke fest verzurrt werden mußten. Dreimal verschieben aus Sicherheitsgründen und für die Besucher, und beiden ging es gut. Vom Kapitän erreichten wir die Zusage: Ihr dürft, wenn . . . und das hieß: Alle sitzen auf dem Teppich, mit dem Rücken an der Wand, um sich gegebenenfalls abstützen zu können und damit kein Unfall passiert. Wir gestalteten unser Programm, und das Publikum war glücklich, über das Erlebnis, unter solchen Bedingungen so ein köstliches Programm erleben zu können. Diesen Abend werden wir nicht vergessen, meinten sie – wir auch nicht! Ich erinnere mich an einen weiteren „Auftritt“ von Ernst. Man sagt doch, der Sänger „trat auf“ . . . ja, in diesem Fall war es ganz anders. Der Kinosaal mit kleiner, schmaler Bühne ist voll – 185 Besucher wollen ein Programm des Sängers Ernst Heise erleben, der vom „Harry Seeger Trio“ begleitet werden soll. Der Kinosaal liegt weit vorn im Schiff, hier empfindet der „normale“ Passagier jede Bewegung des Schiffes wie schlingern – stampfen – überholen usw. besonders intensiv. So auch an diesem Abend. Das Programm lief schon einige Zeit. Ernst sang „Ol’ Man River“, der richtige Titel zu dieser Situation. The Ol’ Man Petrus-Neptun bewegte das Schiff, es holte über . . . nach Steuerbord (rechte Seite). Und alles, was sich auf der Bühne befand – Keyboard, Schlagzeug, Gittarist – bewegte sich nach Steuerbord! Das Publikum hatte sein Vergnügen, denn seine Sitze waren ja fest! Ernst lehnte sich an den Türrahmen, hielt sich dort fest, stand breitbeinig und sang „Ol’ Man River“. Daß inzwischen das Trio wieder im Rutschen war, diesmal nach Backbord, störte ihn nicht – er sang. Sagen wollte ich hiermit: Mit Ernst an Bord, egal ob nach Kuba oder durchs Mittelmeer – die kulturelle Betreuung der Passagiere war gesichert. erinnerungen

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Heinz Roßberg Mit Ernst Heise durch den Samstag Es hat auch Wochenenden gegeben, die Ernst nicht mit Arbeit vollgepackt hat. Aber auch diese Tage waren mit einem vollen Programm gespickt. 27. Mai 1989 – wir kamen früher als erwartet, denn Martin, unser Sohn, kam eher aus der Schule. Na, dann konnte es ja losgehen, mit Martin, meiner lieben Gaby und mir. Abfahrt 11.30 Uhr – durch Berlin, nach 40 Minuten Kohlisstraße. Ernst empfängt uns, Gerti winkt noch, weil wir erst zu 13 Uhr angesagt waren. Rein mit dem Gepäck in den Lada, Leute rein, Gerti ans Steuer, ab geht’s nach Schmöckwitz zur Straßenbahn-Endhaltestelle. Ein kleines Boot „LOTOS“ mit einem Dacia-Motor erwartet uns. Auf geht’s, die Kiste läuft 43 km/h. Große Rundfahrt bei fantastischem Wetter. Erster Halt (ankern) Krossinsee. FKK-Schwimmen von der Badeleiter – herrlich. Mittagessen – Ernstens Spezialnudeln, mit einem EL. Maggi zuzubereiten, und Kaßler, alles im Boot. Weiter geht’s. Ich fahre ein Stück, dann durch den Gosener Graben. Herrliches Stück, dann Müggelspree, furchtbares Stück, schlimmer als F 96. Kleiner Müggelsee, anlanden, baden, Kaffee- und Kuchenpause. Sehr schön. Gerti hat sich mit den Vorbereitungen große Mühe gegeben. Großer Müggelsee, Martin am Steuer, so tobt er bei kabbeligem Wasser mit 43 km/h über die 3,6 Kilometer. Ich umfahre die Fischerinsel in Köpenick. Nach sechs Stunden und 43 Kilometer Fahrstrecke wieder im Hafen. Kohlisstraße – Gartensitze – Abendessen. 22.45 Uhr Abfahrt, um 24 Uhr im Bett. Es war ein wundervoller Tag.

Freunde zu Gast bei Heinz Roßberg: Gerti Heise, Wini Müller, Klaus Hutschreuther und Ernst Heise 130

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Heinz-Rüdiger Rudka In der Zeit meines Wehrdienstes sollte ich Ernst kennenlernen. Dazu bedurfte es meines Bruders, der zu dieser Zeit einen Job auf dem Passagierdampfer der Deutschen Seerederei, der MS „Völkerfreundschaft“ hatte. Während einer dieser Reisen lernte Jens den Ernst kennen; Jens war als Steward angeheuert, Ernst für das kulturelle Wohl der Passagiere engagiert. Von dieser Bekanntschaft erzählte mein Bruder mir, noch bevor ich Ernst selbst gegenüberstehen sollte. Und das hatte seine eigene kleine Geschichte. Im Februar 1975 besuchte mich Jens überraschend in der Garnison. Und welches Wunder: Ich durfte für kurze Stunden mein Quartier verlassen. Da Jens mit dem Motorrad vorgefahren war, ergab sich natürlich eine Spritztour, die dann in Mahlsdorf, Kohlisstraße 94, endete. Ein Blick auf das Namensschild genügte – Dr. Dr. G. Heise, E. Heise. Jens und ich verabredeten, Ernst zu überraschen, indem ich an der Tür klingelte, während dessen er eine halbe Treppe tiefer sich versteckte. Mal sehen, ob unser Schwindel gleich auffliegt. Als Zwillingsbrüder hatten wir zu dieser Zeit noch eine enorme Ähnlichkeit, nur waren meine Haare wegen des Armeedienstes etwas kürzer. Und es klappte, wie wir uns es ausmalten. Ernst öffnete, hieß mich als Jens willkommen und umarmte mich sehr herzlich. Hinter uns schloß sich die Flurtür. Erst dann eröffnete ich Ernst, daß ich nicht der sei, für wen er mich hielt. Natürlich großes Erstaunen, aber da klingelte auch schon mein Bruder. Nun war großes Hallo angesagt. Dies war der Beginn einer tollen Freundschaft, einer außerordentlich wichtigen, sehr persönlichen Seine Anteilnahme an den Problemen in meiner Familie hat mich sehr berührt.

Die Zwillinge Jens-Ullrich und Heinz-Rüdiger Rudka mit dem Ehepaar Gotthard erinnerungen

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Die künstlerische Arbeit von Ernst interessierte mich sehr stark. Ich nahm u. a. Anteil am Werden und Wachsen seines Programms „Musik aus dem Hut“, später am Wilhelm-Busch-Programm und war auch einmal mit ihm auf „Tournee“. Recht spontan sagte ich zu, mit ihm am 17. Januar 1980 in eine mir recht bekannte Ecke mitzukommen. Ernst moderierte und sang in einer Veranstaltung vor Soldaten und Offizieren im Kulturhaus Drögerheide in der Nähe von Torgelow. In diesem Ort hatte ich meine Berufsschulausbildung im Rahmen meiner Banklehre. Mit Ernst sprach ich sehr oft über meinen Job in der Staatsbank, über die Probleme, die ich zunehmend wegen der politischen Lastigkeit meiner Arbeit hatte. Mein Wunsch manifestierte sich zusehends, auch durch die Freundschaft zu Ernst, eine Tätigkeit im kulturellen Bereich finden zu können. Am 23. Februar 1983 hatte ich dazu ein sehr ausführliches Gespräch mit Ernst. Selbst wenn man sich längere Zeit mal nicht gesehen oder gehört hatte, immer stellte sich ein Gefühl der Vertrautheit ein, wenn ich ihn traf, wenn ich mit Ernst über auch ganz persönliche Dinge sprach. Da war nicht der in der Öffentlichkeit stehende Künstler, nein, ich hatte immer Ernst zuerst als Mensch neben mir. Er war stolz auf seinen Beruf, er war auch besessen, beklagte das Abhandenkommen der in seinem Beruf so wichtigen Professionalität, und auch das war er: der Förderer des Nachwuchses. Über ihn hatte ich z. B. eine von mir sehr verehrte Künstlerin kennengelernt, Uschi Brüning. Auch nach der Wende in der DDR haben wir uns nicht aus den Augen verloren. Schon fast traditionell gab es zu Jahresbeginn immer ein Treffen. Und im Jahr 1990 hatte mein Bruder sein Ereignis: Die Eröffnung seiner Gaststätte „Zum Alten Steuerhaus“ am 14. Juni. Und natürlich den 65. Geburtstag für Ernst, gefeiert am 10. Juni 1993. Das Steuerhaus war gerammelt voll, viele Kolleginnen und Kollegen von Ernst hatten sich eingefunden und Überraschungen organisiert. Ob Leierkastendarbietung, ob Fred Gigos Rede oder die Travestie-Darbietung eines Freundes von uns. Die Crew vom Steuerhaus hatte vorzüglich für das leibliche Wohl gesorgt. Auch hier trafen meine Eltern und er aufeinander, ebenso später bei einem Besuch des Wilhelm-Busch-Programms in Kloster Chorin. Das letzte Mal sah ich den Ernst dann im Krankenhaus in Steglitz, wo wir die Hoffnung hatten, daß er wieder voll genesen kann. Doch leider trog diese Hoffnung. Eberhard Rudolph Die erste Begegnung, die ich mit Ernst Heise hatte, erfolgte kurz vor Weihnachten des Jahres 1981. Und ich gebe zu, sie verlief nicht gerade vielversprechend. Ich kannte ihn zwar als Interpreten und Unterhalter, aber nicht als Autor. Und er mochte gerade mal meinen 132

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Namen gehört haben. Durch die Einführung einer ganzen Reihe von Sendungen am Samstag vormittag in unserem Programm war ich ohne unser beider Zutun nicht nur sein Redakteur, sondern zugleich sein Zensor geworden, den er – so rauh waren die Sitten damals – vorgesetzt bekam, ohne gefragt zu werden. Trotzdem: Die Erstsendung fand recht gute Zustimmung. Ernst Heise aber war mit sich nicht zufrieden. Bei unserer gemeinsamen Auswertung, vor der nächsten Folge also, gestand er mir: „Was Sie mir neulich über Ihren und Eberhardt Rudolph meinen Enthusiasmus sagten, hatte mich zunächst innerlich etwas empört. Aber es wurde mir klar, als ich mir die Tonaufnahme dieser Morgensendung zu Hause vornahm. Ich muß meine Gefühlsäußerungen noch weiter zurücknehmen. Das Mikrofon verstärkt dies alles ums Vielfache, und man wird ganz unglaubwürdig, wenn man überzieht. Radio machen ist doch etwas ganz anderes als Theater spielen, empfindlicher als ein Filmdialog oder gar singen. Man muß sich knallhart auf das jeweilige Medium umstellen.“ Als wir in der Sendereihe noch eine Ecke „Koch-Rezepte“ integrierten – was damals noch weniger Mode war –, nahm mich unser kochender Sprecher noch fester in die Pflicht. „Wenn Sie schon mein Zensor sind, müssen Sie wenigstens bei Tisch ausprobieren, was ich unseren Hörern zumute.“ Und so geschah es: Meine Frau und ich haben manche gute Stunde im Hause und bei Tisch Ernst Heises und seiner lieben Frau Gerti zugebracht und nicht nur die Speisen geprüft, sondern auch die Genüsse des Kellers begutachtet. „Man nehme zwei Löffel gekörnte Brühe“, sollte das Rezept beginnen. „Halt!“, rief ich, „hier müssen wir ändern.“ Denn gekörnte Brühe war von Thüringen bis zum Ostseestrand nicht nur Mangelware, sondern effektiv „vergriffen“. „Man besorge sich rechtzeitig ein Kilo Rinderknochen“, ließ ich den Anfang der Rezeptur korrigieren, und wir waren uns einig, daß die so entstehende Brühe einen dazu passenden klangvollen französischen Namen verdiene: „Retour à la nature“ – „Zurück zur Natur“! Jürgen Rummel Ja, ich bin mittlerweile nun auch schon 59 Jahre alt geworden – oh mein Gott, man sollte es gar nicht für möglich halten – und bin jetzt seit fünf Jahren bei „Spree-Radio 105,5“ als Moderator tätig, bin von Hause aus Schauspieler und habe mit meinem Partner Lutz Riediger erinnerungen

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über viele, viele Jahre das Genre der Travestie beackert. Wir waren, glaube ich, das erfolgreichste Travestie-Duo. Jetzt habe ich mich auf die Sprecherei geschmissen, was ja eigentlich meine Heimstatt ist. Aber ich wollte ja ein paar Worte zu Ernst Heise sagen. Ich glaube, von fast allen Berliner Kollegen, die Ernst kennen, bin ich derjenige, der ihn am längsten kennt. Als ich nach meiner Armeezeit in Rostock auf die Schauspielschule kam – das ist 1962 gewesen – fing ich dort an, und da hatten wir auch das Unterrichtsfach Gesang. An Musical dachte man damals eigentlich noch gar nicht. Man sagte, Schauspieler sollten auch so’n bißchen singen können. Und da hatte die Schauspielschule den Ernst Heise gewonnen, und der nahm sich dann diese Schauspielschüler vor und hat mit denen dann geackert wie ein Kaputter. Er hat das mit sehr viel Liebe, mit sehr viel Einfühlungsvermögen und mit sehr viel Ausdauer getan, war also als gelernter Pädagoge ein As. Und ich habe von Ernst eine ganze Menge gelernt. Nun war ja im Volkstheater allgemein bekannt: Wenn die Schauspieler und Sänger ein kleines Wehwehchen mit den Stimmbändern hatten, wo gingen sie hin? Logischerweise? Ernst sagte, also bitte schön, dann zu meiner Frau, der Gerti, Dr. Dr. Heise, gleich nebenan, neben dem Theater. Einfacher ging’s ja auch gar nicht. Und sie hat uns alle immer kuriert. Später, als wir beide in Berlin freiberuflich arbeiteten, entwickelte sich unsere Freundschaft. Man hat sich gegenseitig eingeladen, vor allen Dingen die Spezialität von Ernst: Spaghetti! Das waren Berge, die aufgetischt wurden, und man ging dann völlig genudelt wieder aus der Wohnung von Ernst und von Gerti. Und dann ist Ernst ja viel durchs Land gefahren, wir haben dann auch die eine und andere Talkshow gemacht. Und dann kam Ernst zum „Radio 50 Plus“ als Moderator. Da haben wir ein Jahr sehr eng zusammengearbeitet. Er hat jede Woche eine Sendung gehabt und hat die selbst zusammengestellt. Das hat er auch mit sehr viel Liebe und mit sehr viel Ehrgeiz gemacht, das muß ich sagen. Hat sich da hineingekniet und auch versucht, immer möglichst die Wünsche der Zuhörer zu erfüllen, was nicht immer leicht war. Ernst war für mich auch so ein bißchen Vorbild; ich hab immer mal geguckt, er war immer einer der am elegantesten angezogenen Männer, die ich kannte. Sehr sportlich elegant, aber auch super elegant. Und er hatte also ein richtiges Faible für gute Mode. Wenn ich mit ihm mal unterwegs war, guckten natürlich hauptsächlich die Frauen, aber auch die Männer guckten . . . ein stattlicher Mann. Und das Schöne war ja, er sagte immer zu mir: Ich weiß gar nicht, ich bin immer so festgelegt auf diese herrschaftlichen Rollen. Ich muß immer die Generäle spielen, die Deutschen. Wir spielten zusammen – das werde ich nie vergessen, diesen Satz, den fand ich 134

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so . . . wir waren zusammen engagiert zu einem Film von Helmut Sakowski: „Wege übers Land“. Und wir drehten in der Gegend von Neubrandenburg. Wir spielten richtig dreckig angezogene Bauern auf dem Feld. Und abends saßen wir dann in der Kantine nach den Dreharbeiten. Und da sagte Ernst: „Eigentlich sind wir hier völlig verkehrt im Film. Das ist gar nicht unser Metier, wir sind ja mehr für’s Boulevard geboren.“ Das fand ich so köstlich. Er hat auch damit recht gehabt. Siegfried Schäfer Es war in den siebziger Jahren: Spargelfest in Beelitz mit dem Berliner Rundfunk, Günter Gollasch mit dem Rundfunk-Tanzorchester (RTO) und meinen Mannen, der Siegfried-Schäfer-Combo. Unter anderen als Solist Ernst Heise, den ich begleiten durfte. Die ganze Sendung ging live über den Sender. Vor Ernst mit meiner Combo war Günter Gollasch dran, „Die kleinen Finken“, ein Solostück für vier Trompeten und Band. Wie das nun so üblich war, saßen die Trompeter gestaffelt ganz oben. Leider hatte Petrus schlechte Laune. Es stürmte mächtig, als es losging, und ein Musiker nach dem anderen verschwand im Fahnenstoff, krabbelte sich mühsam wieder unter der Bühne hervor, aber es entstanden Ausfälle. Zuerst die Posaunen, dann die anderen Bläser. Die Nichtbetroffenen lachten hemmungslos, auch dann, als das gesamte Orchester verstummte. Der Tonmeister Manfred Schlegel und der Musikredakteur Hermann Klar riefen aufgeregt: „Heise – los, singe! Siggi – fang’ an zu spielen! !“ Aber auch meine Jungs krümmten sich vor Lachen, so daß Ernst und ich am Piano fünf Minuten lang immer wieder dasselbe Lied in x Variationen interpretierten. Schließlich wurden wir erlöst, indem wegen einer „Technischen Störung!“ Bandmusik eingespielt wurde. Man kann sich vorstellen, wie fix und fertig Ernst war und daß er nie mehr in einer „Scheiß-Original-Sendung“ mitwirken wollte. Kommt Zeit, kommt Rat. Ernst hat noch Hunderte Live-Sendungen gesungen, und er konnte sogar später über dieses Debakel lachen. Sabine Jörg-Scharlau Der Tod ist groß! Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen wagt er zu weinen mitten in uns. (Hermann Hesse) oder: So eine Art Sinatra . . . !

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Lieber Ernst, wenn ich an dieser Stelle dich in Erinnerung rufe, dann will ich dich nicht als den begnadeten Künstler, der den Wilhelm Busch so meisterlich interpretierte, wie ich keinen anderen getroffen habe, würdigen. Diese Aufgabe werden die Mit-Autoren sicherlich zur Genüge erfüllen. Du warst, bist und bleibst einer meiner besten väterlichen Freunde, die ich hatte und je haben werde. Ernst, ich habe immer das Multitalent in dir geschätzt. Deine alten Aufnahmen von der Oper in Rostock haben mich ebenso begeistert wie Filmausschnitte, in denen du die verschiedensten Rollen interpretiert hast; oder deine Live-Auftritte. Deine herrlich markante Stimme ist mir heute noch im Ohr und wird es immer sein. Ich würde sie unter vielen Tausenden heraus hören. Überhaupt: Deine ganze Erscheinung! Für mich warst du der Gentleman schlechthin. In dem sonst trüben Erscheinungsbild der DDR-Herrenwelt bist du immer ein Lichtblick gewesen, du warst immer elegant. Ich hatte es schon damals im Gespür und es auch häufig zu dir geäußert: Ernst, du bist im falschen Land. Du gehörst mit deinen Fähigkeiten und Fertigkeiten in eine andere Welt. Man nimmt dich beim Film und Fernsehen der DDR oft nicht, weil dein ganzes Erscheinungsbild mit dem eines typisch sozialistischen Mannsbildes so gar nichts gemein hat. Du paßt hier nicht rein. Manchmal kommt es mir so vor, als sei es gestern gewesen. Ich muß an die vielen Abnahmen in der Bezirkskommission für Unterhaltungskunst in Berlin denken, deren Vorsitzende ich ja war. Sicher war dieses System, heutige Verhältnisse betrachtend, total altmodisch, antiquiert und diktatorisch. Aber wir hatten kein besseres. Es mag sein, daß die Zahl derjenigen aus dem ehemaligen Osten nicht gering ist, die meint, daß unser Bewertungsschema unsinnig war. Ich glaube jedoch fest daran, daß unsere Arbeit in der Bezirkskommission nützlich war. Denn welcher junge Künstler erhält heute kostenlos Ratschläge oder Hinweise, wie wir sie erteilt haben? Du warst einer der Gutachter für Sänger und Schauspieler. In diesem Genre gab es viele Einstufungen. Nicht selten nahmst du mich in deinem „Volvo“ mit, und wir fuhren gemeinsam an die Spielorte. Du kamst aus Mahlsdorf und ich aus Marzahn. Wir hatten keine leichte Aufgabe damals. Es wurde viel gestritten um Gerechtigkeit. Ich erinnere mich an eine Abnahme, nach der wir auf der B 1 parkend fast vier Stunden nächtens geredet haben. Unser Thema war allumfassend, hauptsächlich ging es aber um die Politik. Für mich warst du nach dem Tod meines Vaters eine ganz wichtige väterliche Bezugsperson. Ich hatte so viele Fragen und keine Antworten. Wen denn konnte ich schon fragen? Wem konnte ich trauen? 136

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Du warst weit und breit die einzige ernst zu nehmende, wissende Person. Unser langes Gespräch damals, als Gerti wohl mit Unruhe auf dich gewartet hat, war sehr wichtig für mich. Wohl auch für dich. Als eine Person, im öffentlichen Dienst der DDR beschäftigt und noch dazu in der Partei, durfte ich ja keine Fragen haben. So konnte ich bei dir meine Zweifel, Sorgen und Nöte abladen. In dieser Nacht stellten wir beide fest, daß wir mit unserer Meinung eigentlich übereinstimmten. Ich weiß noch, daß wir beide zu dem Schluß gekommen waren, daß es so nicht weitergehen würde. Das jedenfalls hat sich bewahrheitet, lieber Ernst. Es war wirklich nicht mehr lange so weitergegangen. Ernst, was ich dir sagen will: Beim Nachdenken über dich, über die gemeinsame Zeit damals, ist mir einmal mehr schmerzlich bewußt geworden, wie du – nicht nur mir – fehlst. Es wird wohl immer so bleiben, die wichtigen und lieben Menschen verlassen uns zuerst. Hans R. Scheibe [Text und Musik] „Keiner weiß, wer der erste Berliner war . . .“ Zur 750-Jahr-Feier Berlins wurden viele neue Berlin-Titel produziert. Wer da aus der Masse herausragen wollte, mußte schon einen besonderen Aufhänger finden. Wir nahmen die Geschichte der Stadt zur Grundlage und sollten damit Glück haben – Jürgen Herrmann arrangierte den Titel, das Rundfunktanzorchester spielte ihn ein und gesungen wurde das BerlinLied von . . . na, von wem? Richtig: von Ernst Heise. Und als Anfang Oktober 1987 der große Festumzug startete, spielte über alle Tonsäulen der Stadt der Berliner Rundfunk (Studio „7–10, Sonntagmorgen in Spree-Athen“) zur parallel laufenden Fernsehübertragung den Titel ein: Refrain: Keiner weiß, wer der erste Berliner war, ob es ein Slawe war, ob’s ein Askanier war? ? Daß es kein Spanier war, war allen klar, doch wunderbar wär’s, wenn man wüßte, wer der erste von uns war! Man weiß nur eins, er war – so scheint’s – ein wirklich duftes Exemplar!

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Vers 1: Berlin ist eine schöne Stadt, wie man sie nicht sehr häufig hat, mit Wäldern, Flüssen, Bergen, Seen –: ein echtes Spreeathen. Vor langer Zeit sprach man hier „platt“ die Worte Icke-dette-wat, und schon war er entdeckt, der Berliner Dialekt. Die Sprache ist das eine, da wissen wir Bescheid, doch wer sprach sie als Erster? Da entbrennt der Streit! Refrain: Keiner weiß, wer . . . Vers 2: Man kennt sich in Geschichte aus: weiß, wo stand dies’ und jenes Haus, wann Gustav Adolf mit Geschick besetzte Köpenick. Weiß, wann die letzte Pest einst war, wann’s erste Friedensfest hier war: Das alles und noch mehr, das weiß man so ungefähr. Auch, wann’s das erste Bier gab im Heilig-Geist-Spital: Doch wer hat es getrunken anno dazumal? ? Refrain: Keiner weiß, wer . . . Epilog: Mal Dichterwort, mal Narrenspossen, dem Neuen immer aufgeschlossen, so zog er seine Kreise: Ob Solo-Schau, Ensemble-Spiele, ein Vorbild war er oft für viele – der Ernst Heise. 138

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Ob Witz, Satire, Evergreen: Was nur erfolgversprechend schien bot er auf seine Weise ; und übersprudelnd voll Ideen hat er stets auf Gehalt gesehen – der Ernst Heise. Er rezitierte, moderierte: Was immer er vollführte nichts warf ihn aus dem Gleise! Er hatte meist uns was zu sagen und stellte manchmal unbequeme Fragen – der Ernst Heise. Er hat sein Bestes stets gegeben, in Rampenlicht wie auch im Leben auf seiner Erdenreise: Der letzte Vorhang ist gefallen, er wird uns sicher fehlen allen – der Ernst Heise. Vera Schneidenbach Ernst war mit mir in zahlreichen Veranstaltungen – Palast der Republik etc. Was mir immer in Erinnerung bleiben wird, sind unsere gemeinsamen Tourneen in andere Länder. Dazu eine lustige Geschichte aus Vietnam. Unter Kriegseinwirkung traten wir am 17. Breitengrad in der Provinz Quangh Binh auf. Wir bewohnten Baracken und Zelte, des öfteren streikten die Notstromaggregate. Unser Ernst war als vollendeter Gentleman bekannt, immer piekfein angezogen vom Scheitel bis zur Sohle. Als Vera Schneidenbach und Ernst nun am dritten Tag nach kein Strom zu Heise in der Ha.-Long-Bucht erwarten war, verzweifelte unser Ernst. Ein Gesicht schob sich durch die Tür, umkränzt von zahlreichen Bartstoppeln. Zuerst stutzte ich – und dann wollte ich mich ausschütten vor Lachen. Unser Ernst sah aus wie ein Landstreicher und stand mit einem elektrischen Rasierapparat ratlos in der Tür. erinnerungen

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Sehr erfolgreich war unser Auftritt 1989 in Hamburg zum Hafengeburtstag mit Jo Kurzweg in der ehemaligen Fischmarkthalle. Die Grenze existierte noch, und ich mußte wie eine Ausländerin die Autobahn verlassen und zu einer gesonderten Grenzübergangsstelle fahren. Der Rundfunk war mit dabei, und Ernst und ich feierten große Erfolge. Annelore Schulze Erinnerungen an die gemeinsame Arbeit mit Ernst Heise an der Zentralschule in Sachsenhausen Kreis Nordbahn. 5. November 1945 – 9.00 Uhr. Unterrichtsbeginn für alle in Sachsenhausen polizeilich gemeldeten schulpflichtigen Kinder. So lautete die amtliche Mitteilung der Gemeinde-Verwaltung des Ortes. Es war ein schöner Novembertag, die Sonne schien auf das Schulgebäude, sie konnte aber die Lufttemperatur, die sich nachts bis auf den Gefrierpunkt abgekühlt hatte, nur langsam erwärmen. Vor der Schultür standen Hunderte von Kindern und Jugendlichen. Viele von ihnen betraten zum ersten Mal dieses Schulgelände, da die Eltern erst nach den Wirren des Krieges in Sachsenhausen eine neue Heimat gefunden hatten. Diese Schüler waren besonders gespannt auf die Lehrer, ihre Mitschüler und die Räume. Aber auch die Schüler, die bis April 1945 in diesen Räumen die Schulbank gedrückt hatten, waren auf diesen Neuanfang gespannt. Alle beschäftigten besonders folgende Fragen: – Welche Lehrer werden uns unterrichten? – Welchen Unterrichtsstoff werden wir behandeln? – Wird es neue Schulbücher geben? – Worauf werden wir unsere Schulaufgaben schreiben? Nur wenige Schüler besaßen noch Hefte, Schreibpapier und Bleistifte. – Werden die Klassenräume geheizt sein? Viele Schüler hatten auch keine Schulmappen mehr; als Ersatz nutzten sie Beutel, Netze oder andere Behältnisse. Wenige Kinder hatten ein Frühstücksbrot oder / und einen Apfel / Kohlrabi in ihren Taschen. Viele trugen trotz der kalten Witterung nur leichte Sommerschuhe und -bekleidung. Über dem Schuleingang hing ein selbstgefertigtes Plakat mit der Aufschrift: Wir lehren und lernen für den Frieden. Das Wort Frieden hatte damals für alle Menschen eine große Bedeutung. Neben erfahrenen Lehrern begannen an diesem Tag noch vier damals so genannte „Neulehrer“ ihren Dienst in Sachsenhausen. Sie alle waren davon beseelt, ihre Schüler zu friedvollen Menschen zu erziehen und ihnen die Schrecken des gerade erst beendeten Krieges überwinden zu helfen. Auch Ernst Heise gehörte zu dem Kreis der jungen Kollegen im Alter von 18 bis 23 Jahren. Er war der Einzige unter ihnen, der bereits eine 140

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pädagogische Ausbildung absolviert hatte, die er aber vorfristig durch die Kriegsereignisse abbrechen mußte. Und zu diesem Kreis gehörten noch zwei Kolleginnen, die im Herbst 1944 kurz vor dem Abitur zum ReichsArbeitsdienst (RAD) eingezogen wurden. Wir alle hatten an der NeulehrerAusbildung in Oranienburg teilgenommen, wo wir uns die ersten theoretischen Kenntnisse der Pädagogik und Psychologie aneigneten. Am meisten haben wir aber durch die Arbeit mit den Schülern gelernt. Ernst Heise trug besonders dazu bei, ein musisches Klima an der Schule zu entwickeln. Er sang viel mit den Schülern, hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte, achtete aber auch auf Ordnung, Fleiß und Disziplin. Innerhalb kurzer Zeit wurde er von den Schülern aller Klassen und ihren Eltern geachtet und verehrt. Dies wurde erneut bei einem Klassentreffen Anfang der 90er Jahre deutlich. Außer den Klassenlehrern hatten die ehemaligen Schüler nur ausgewählte Fachlehrer eingeladen. Ernst wurde gebeten, an diesem Treffen teilzunehmen, und er kam auch, obwohl er beruflich sehr eingespannt war. Erstaunlich war, wie Ernst Heise sich noch an sein Wirken an der Schule erinnern konnte. Es wurden nicht nur Erinnerungen ausgetauscht, sondern auch unter seiner Leitung gesungen. Man erinnerte sich, wie er täglich von Oranienburg, wo er wohnte, zu Fuß zur Schule in der Friedrichstraße kam. Da dieser Weg zur Hälfte durch den Ort Sachsenhausen führte, traf er fast immer an der Schule in Begleitung von Schülern ein. Unterwegs wurde diskutiert und viel gelacht. Ich verließ 1951 die Schule, um ein Direktstudium aufzunehmen. So verlor ich den Kontakt zu Ernst Heise, wußte aber, daß er nun seinen eigentlichen Berufswunsch realisiert hatte. Hilde Simon Es war im Juni 1946. Ich nahm an einem Lehrgang für Neulehrer teil, und zu diesem Gremium gehörte auch Ernst. Er fiel mir von Anfang an auf, weil er die anderen in seiner Länge überragte. Und wenn ich ihn so sah, habe ich immer gedacht: Mein Gott, den halten bloß noch die Knochen zusammen. Jedenfalls sah er ungeheuer verhungert aus. Wir alle hatten ja nichts, aber bei ihm fiel es ganz besonders stark auf. Und ich habe immer so mütterliche Gefühle für ihn gehegt und dachte, dem möcht’ ich mal so richtig was zum Essen geben. Und dazu wurde ich tatsächlich dann auserkoren, das hat mir sehr wohl getan. Und das war eigentlich der Anfang. An einem Sonnabend während des Unterrichts stürmten bei uns russische Soldaten herein und riefen bloß „Dawai – Dawai!“, und alles mußte Dawai machen. Wir wußten gar nicht, was los ist, wurden auf einen LKW verladen und erfuhren, daß wir nun in das benachbarte Dorf Freienhagen gefahren wurden, um dort in der Ernte zu helfen. Aber damit die Sache auch richtig fundamentiert war, wurde uns versprochen, wir kriegten auch gut zu essen. erinnerungen

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Und das war natürlich der Angelpunkt, daß wir alle sagten: Also lieber gehen wir jetzt in die Ernte, als daß wir auf den Wegen von Diesterweg wandeln. Wir kamen dort an, wurden auf das große Territorium verstreut. Zu mir gehörte dann ein Mann, der auch Garben mit auflas, und noch eine junge Frau, von den anderen sah ich nicht viel. Ich hörte bloß manchmal reden und erzählen. Als es nachmittags um 6 Uhr war, packte mich dann doch ein bißchen der Zorn, und ich sagte: „Ich finde es unerhört. Da holt man uns hierher und verspricht uns, daß wir was zu essen bekommen, und nichts tut sich.“ Worauf dieser Mann neben mir – der allerdings sehr zielstrebig arbeitete, das muß ich feststellen, während ich die Garben auspuhlte und die Körner aß –: „Wieso, haben Sie noch nichts bekommen?“ – „Nein!“ – „Na dann kommen Sie mal mit mir mit.“ Es stellte sich heraus, er war der Bürgermeister von Oranienburg. Er ging zuerst mit mir zum Konsum. Dort bekam ich zehn halbe Pfund Butter. Ich war über diesen Schatz herrlich fröhlich. Dann gingen wir zum Bäcker, und da bekamen wir zwanzig Brote. Danach gingen wir zur Gaststätte, die wohl gleichzeitig eine Schlächterei war. In dem großen Schlachthaus erfuhr ich, daß extra für uns ein Kalb geschlachtet worden war. Das sollte es aber erst dann zum späten Abend geben. Und jetzt wurden noch zwei Milchkannen mit frischer Milch gefüllt, dann wurde von einem Bauern eine Kutsche geholt, und ich fuhr freudestrahlend mit meinen Schätzen in großen Körben aufs Feld. Mit meiner nicht gerade sehr leisen Stimme trommelte ich alle zusammen. Als ich sagte, ich hätte was zu essen, kamen sie wie die Mäuse aus ihren Löchern und umstanden mich. Ich sah nur die großen hungrigen Augen von Ernst und dachte, jetzt soll der Junge mal was zu essen kriegen. Ich habe es möglich gemacht, andere haben sich daran beteiligt, von den Schätzen auszugeben, die wir in unseren Körben hatten. Ich habe mir Ernst vorgenommen und ihm gegeben, was ich konnte. Ich habe ihm auch mehr Milch gegeben, als die anderen bekommen hatten. Und habe mich gefreut – ich glaube, er war heute seit langer Zeit zum ersten Mal satt und fröhlich. Ja, damit hat es angefangen. Und ich habe ihn bei seinem weiteren Werdegang nicht mehr aus den Augen verloren, obwohl er nach kurzer Zeit die Berufung als Lehrer aufgab und Schauspieler wurde. Jahre später, Ernst gestaltete in Berlin-Marzahn sein Programm „Musik aus dem Hut“, konnte ich ihn wiedersehen. Als eine Pause war, ging ich zu ihm. Und das war auch so charakteristisch: Wir hatten, als er noch Lehrer war, bei ihm hospitiert. Da war er mit der Disziplin seiner Kinder gar nicht zufrieden und ließ dann eine tolle Drohung los, indem er sagte: „Wenn ihr jetzt nicht gleich ganz ruhig seid, dann stecke ich euch alle in die Ofenröhre!“ Wir haben uns hinten auf unseren Bänken köstlich amüsiert und uns vorgestellt, wie er die neunundzwanzig Kinder in die Ofenröhre kriegen will. Darum also ging ich jetzt auf ihn zu 142

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in der Pause und sagte: „Ich steck’ dich gleich in die Ofenröhre!“ Er schaute mich erstarrt an und meinte: „Sind sie eine Lehrerin von mir gewesen?“ Ich sagte: „Nein.“ – „Ja, wer sind Sie?“ Ich sagte: „Ich erinnere dich an Freienhagen, an die Milch und an die Butterstullen.“ – „Hilde Simon!“ Ein Leuchten ging in seinen Augen auf. „Oh komm, warte mal, ich stell’ dir gleich mal meine Frau vor. Hier, sie ist Hals-Nasen-Ohren-Ärztin.“ Ich sagte: „Das hast du ja geschickt gemacht, da bist du gleich an der Quelle. Da ist es ja kein Wunder, wenn du dich so schön halten kannst.“ Aus dieser Begegnung, aus dieser neuen, wurde dann eine wunderschöne Freundschaft. Rundfunk-Hörerin Ingrid Stierandt 100 Tage gibt es unseren Sender für Erwachsene! „50 PLUS“ 100 Tage seid Ihr bei mir zu Haus, schaltet alleine Euch ein und aus. Bringt täglich so viel Interessantes und frohen Sinn. Man hört einfach gerne bei Euch ’rin. Ich könnte nicht sagen, wer mir am besten gefällt Musike, ob ernst oder heiter, ist meine Welt. Auch Plausch auf Plüsch und Jürgen zur Nacht hat 100 Tage, bzw. entsprechend, viel Spaß gemacht. Sehr lieb ist mir der tägliche Kontakt zu Volker und Kalle, wir Anrufer kennen uns ja bald alle. Vielleicht lernen wir uns noch besser kennen wenn wir zur Schatzsuche rennen. Gerne wäre ich Sonntag für Sonntag beim Kuß, doch da ich dann weit mit der Bahn fahren muß, die Sonntags früh noch verwaist und leer, ich Euer Radio mit Freude hör’. Ernst Heise am Samstag, Hans Eisenfeld am Tage darauf legen stets die tollsten Bänder und Platten auf. Michael bringt uns die neuesten Schlager ins Haus. Beim Plattenschrank, den Ringelsocken, schalten wir auch nicht aus. Na, und Kalles Hitparade, denke ich, bringt einige vergessene Melodien ans Licht. „Menschen, Meilen, Melodien – unterwegs“ – das Reisemagazin, Tierisch Ernst und Swingingpool – alles einfach wonderful! Die Technik und die Rasenden Reporter im Übertragungswagen, Editha Kloster und am Empfang die Damen, Lutz Jahoda, Barbara, Manne, Helga und Uwe – erinnerungen

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ich kann nicht alle nennen. Unseren Enkeln sagt Maria „Gute Nacht“ – Das hat sie 100 Tage prima gemacht. Doch denkt nur nicht, ich schwimme so seicht und leicht ganz oben. Politik und Sport, Berliner Geschichten, den „Stammtisch“, Wissenschaft kann ich nur loben. Auch wenn ein Herr mal eben sagt: „Wer kennt denn heut’ noch Bersarin?“ Der weiß nichts von ihm, oder ist nicht aus Berlin. Denn Bersarin gab uns die ersten Stullen. Und alle, für die ein Denkmal steht, waren Menschen, und keine Nullen. Der eine verehrt das Luftbrückendenkmal, den Adenauerplatz, ein anderer eben Bersarinstraße und Luxemburgplatz! Erst wenn man die Geschichte der anderen achtet und kennt ist Deutschland bald nicht mehr durch Gräben getrennt. Euch allen sage ich Dankeschön – Auch nach 10 mal 100 Tagen werden wir uns wiederseh’n. Erleben weiter viele schöne Stunden. Und wenn sonst nirgends, bei Euch zu seh’n, wie toll sich Ost und West versteh’n. Ein Dankeschön nach dieser Posse von mir an Euren Peter Bosse! Eure Hörerin Ingrid Stierand. Fünfundzwanzig Mal die schönsten Weisen zu hören bei „50 PLUS“ mit Ihnen, Herr Heise(n). Jeden Sonnabend, kann es kaum erwarten, bis Sie endlich Ihre Sendung starten. Ein Viertel vom Hundert schon haben Sie uns erfreut, viele Wünsche gibt es Woche für Woche erneut. Ich hoffe, Sie müssen sich nicht zu sehr plagen, um unsere Musikträume zusammen zu tragen. Auf die nächste 25 stoßen wir an, das Datum ist so schnell heran. Noch viele, viele Sendungen von „Sie und Wir“! Das wünschen sich Ihre Hörer – also wir! Herbert Sturm ließ es sich als guter Freund Heises nicht nehmen, fünf Kurzgeschichten für das Buch beizusteuern. Hier die Erste. Ich krieg’s nicht ins Maul! In Jena sollte zur Wende das erste Stück mit der Problematik des aktuellen Geschehens auf die Bühne des Stadttheaters gebracht werden. Ernst Heise wurde eine der beiden Rollen angetragen. Engagiert und risikobereit 144

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wie er war, sagte er sofort zu. Die andere Rolle in „Zellenwechsel“ spielte in Ermangelung eines eigenen Schauspiel-Ensembles ich, also der Autor, selbst. Natürlich hatte dieser, da der Text aus seiner Feder stammte, einen gewissen Lernvorteil, und so stotterte er weniger, während sich Ernst Heise mit den Sätzen furchterregend abmühte. Seine Frau Gerti kam aus dem Kopfschütteln kaum noch heraus, die Frau des Autors soufflierte, als gelte es einem Riesen-Ensemble den Text einzublasen. „Ich krieg’s nicht ins Maul!“ – rief Ernst Heise bei erneuten Versprechern immer wieder aus. Und: „Wie kann man sich nur so dämliche Sätze einfallen lassen“, so daß den Verfasser arge Zweifel um seine dramatischen Fähigkeiten plagten und er zaghaft andeutete, doch bestimmte Passagen neu zu schreiben. „Kommt nicht in Frage“ dröhnte Heise mit seiner unverkennbaren und sehr gut geschulten Baßstimme zurück, und stotterte sich weiter durch die langen Monologe. Am Abend der Uraufführung kam der Text von ihm wie gestochen und es wurde ein Erfolg. Nur einen Wermutstropfen gab es dennoch. Nun stotterte der Autor. Herbert Sturm – die Zweite Krach aus dem Hut Jahrelang hatte Ernst Heise ein Programm in seinem umfangreichen Repertoire, welches als „Musik aus dem Hut“ Tausende von Zuschauern erfreute. In Gera sollte eine neue kleine Bühne namens „Treffpunkt“ eingeweiht werden, und die Wahl fiel auf ihn. Während der Proben löste sich sein Hauptrequisit, der Chapeau Claque, bis zur völligen Unbrauchbarkeit auf Guter Rat war teuer. Der damalige Leiter Herbert S. hatte ein solch seltenes Stück in seinem Besitz, holte es von zu Hause und übergab es zur

„Zellenwechsel“ 1990

Durham 1990 erinnerungen

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Benutzung. Die Proben gingen weiter, und beim schwungvollen Öffnen dieser historischen Kopfbedeckung, welches durch leichtes Aufschlagen auf den Handballen erreicht wurde, machte es auch ordentlich „Klack!“. Ein wenig zu ordentlich, denn es war einem Pistolenschuß nicht unähnlich. „Was macht denn der Hut für einen Krach?“ fragte Heise verstört. „Ich kann doch die Leute nicht erschrecken! – Gibt es denn keinen leiseren Hut? – Es heißt doch nicht Krach aus dem Hut!“ Seine Frau Gerti, die ihn oft auf seinen zahlreichen Gastspielen begleitete und eine behutsame und umsichtige Kritikerin war, näherte sich ihm mit den weisen Worten: „Vielleicht haust du beim Öffnen nicht so auf das Mikrofon! ?“ Ernst sah sie groß an, drehte sich etwas zur Seite, öffnete den Hut ohne den bisherigen Donnerhall. Und so wurde wieder „Musik aus dem Hut“. Und aus diesem Hut, den er natürlich behalten durfte, entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Herbert Sturm – die Dritte Die Muse ist überall Familie Heise besuchte eine befreundete Familie in Thüringen. Ernst machte sich gern in der Küche zu schaffen, er konnte kochen. Daß er als ausgebildeter Sänger gern beim Hantieren mit Töpfen und Pfannen seine Stimme ertönen ließ, daran hatten sich nicht nur seine Gerti, sondern auch die Nachbarn längst gewöhnt. Auch der Ehemann der befreundeten Familie hatte einmal vor langer Zeit eine Gesangsausbildung, und er wurde von seiner Frau unablässig bedrängt zu singen, was er nie tat. Ernst, dessen gute Stimmung andere anzustecken pflegte, schmetterte eine Arie zum Lammkotelett, und bald fiel der Freund ein – zur großen Freude und Verwunderung seiner Ehefrau. „Noch nie habe ich ihn singen hören“ sagte sie entzückt. „Ja“ entgegnete Heise, „die Muse ist überall!“ Dabei warf er mit kühnem Schwung eine Handvoll Gartenkräuter in den Soßentopf. Und beide schmetterten das Duett aus „Die Entführung aus dem Serail.“ Mit: „Ha, wie will ich triumphieren . . .“, plazierte Ernst das fertige Gericht auf den Speisetisch. „Er ist wie ein guter Kriminalist, er bringt den verstocktesten Sünder zum Singen!“ Und es hat vorzüglich geschmeckt. Herbert Sturm – die Vierte Sie wird doch noch einen Knopf drücken können ! Ernst Heise wurde im November 1989 zu einem Gastspiel von einem 146

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befreundeten Ehepaar nach North Carolina in die USA eingeladen. Ohne Zögern packte er seine Gerti an der Hand, flog mit ihr, sein Textbuch unter dem Arm, in die Staaten. Sein Freund und Kollege, welcher eine Gastprofessur an der Duke University hatte, holte beide vom Flughafen in Raleigh-Durham ab. Und kaum aus der Maschine gestiegen, verkündete Heise mit Stentorstimme: „Daß du es weißt, meinen Text kann ich!“ Er konnte ihn wirklich, obwohl das Zweipersonenstück mehrere Monate nicht gespielt wurde. „Er hat den ganzen Flug über bis Washington gelernt“, fügte seine Frau Gerti hinzu, und: „Die Passagiere wurden schon unruhig, sie verdrehten ihre Hälse, so daß wir von der Stewardess gefragt wurden, ob ihm etwas fehle.“ „Ha,“ sagte Heise, „den Fischen im Atlantik hat es nicht geschadet, wir flogen zu hoch!“ Tagsüber Ausflüge in einem alten, aber riesigen Chevrolet, abends wurde dann geprobt. Als das Theater besichtigt wurde, stellte sich heraus, daß die Tonanlage zur Überholung ausgebaut war. „Ohne die Musik von Peter Gotthardt geht das nicht – det is wie ’ne Weiße ohne Schuß!“ Die Musik war zwar da, aber keine Anlage. Einer der Studenten schleppte am nächsten Abend eine dementsprechende Anlage in das Appartement, ein Band wurde zurechtgeschnitten und das gesamte Instrumentarium in das Theater befördert. Da der Student am Abend eine Prüfung hatte, ergab sich die Frage: Wer macht den Ton? Ja, wer? Aller Augen wanderten zu Gerti. Zaghaft versuchte diese, einen Einwand vorzubringen, und daß sie doch in Theatertechnik nicht bewandert sei. Heise entschieden: „Wir beede stehen auf der Bühne, Barbara souffliert, also bleibst nur du! Det Stück kennste“. Und an die anderen gewandt: „Mit zwee Doktortiteln wird sie doch noch eenen Knopp drücken können!“ – Es waren übrigens einige Knöpfe mehr. Das Theater war nicht nur ausverkauft, sondern übervoll, und als der kaum enden wollende Beifall noch nicht ganz verebbt war, nahm Heise seine Gerti hinter der Dekoration liebevoll in den Arm und flüsterte ihr zärtlich, aber wie ein verlegener Schulbub ins Ohr: „Meine Kleene.“ „Hab ich den richtigen Knopf gedrückt?“ fragte sie mit leiser Aufregung zurück „Det haste,“ entgegnete er, „jetzt drücke ich erst mal – und zwar dich!“ Herbert Sturm – die Fünfte Die Kampflieder von Winston Salem Noch bevor Ernst Heise in North Carolina ankam, wurde er von seinem erinnerungen

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Freund für ein Programm an die Wake Forrest University nach Winston Salem empfohlen. Sein Erfolgsprogramm „Ein Abend bei Wilhelm Busch“. Durch einen telefonischen Übermittlungsfehler wurde zunächst angekündigt: „Ernst Busch“ und „Wilhelm Heise“! Vorsichtig wurde bei Professor Sturm in Durhaman angefragt, um welche Kampflieder es sich handle, da man diesbezüglich das entsprechende Publikum ansprechen müsse und man nicht wisse, ob der Saal auch gefüllt würde. Als man erfuhr, daß es sich u. a. um „Max und Moritz“ handle, die bekanntlich keine Arbeiterkampflieder gesungen haben sollen, wurde das Plakat erneuert, was zur Folge hatte, daß der Saal am Abend nach Thanksgiving voll besetzt war. „Auf, auf zum Kampf !“ rief Heise, betrat die Bühne und konnte sich zum Schluß vor lauter Zugaben der Witwe Bolte kaum retten. „Ein Glück,“ sagte er erleichtert auf der Heimfahrt, „daß niemand eine rote Fahne geschwenkt hat – das wäre vielleicht in die Hose gegangen!“ Hermann Tesch Aus dem Bündel einer Vielzahl von Erinnerungen an vorwiegend jugendliche Gemeinsamkeiten möchte ich drei beschreiben, die sich beim Gedanken und Gedenken an Ernst Heise zurecht in den Vordergrund drängen. Da ist der Beginn, die erste und entscheidende Begegnung, 1942 an der Lehrerbildungsanstalt in Dahme (Mark), Schulgebäude und Internat für 120 Brandenburger und Berliner Jungens – bezeichnet als „Jungmannen“ – im Alter von 14 bis 17 Jahren. Ein Ernst Heise vom jüngsten Jahrgang hat „Verdunkelungsdienst“ und stört damit in einem der „Tagesräume“ den einen Jahrgang älteren Hermann bei der PflichtLektüre des „Mythus des 20. JahrhunHermann Tesch 1950 derts“, verfaßt vom Nazi-Chef-Ideologen Alfred Rosenberg. Man kommt ins Gespräch, über Rosenberg und seine Ansichten zu Religionen und Christentum. Es finden sich bald Gemeinsamkeiten in den Anschauungen, nicht nur zu diesem Thema, aber doch irgendwie hinsichtlich „Gott und die Welt“. Und auch musische Gemeinsamkeiten in Form von Musik fanden sich bald danach, als wir in einem unbeachteten Winkel des weiträumigen 148

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Schulgebäudes auf ein mechanisches Koffergrammophon und nicht weit davon auf einige ältere Schellack-Platten stießen. Darunter befand sich auch eine Aufnahme von „You are my Lucky Star“ aus der „Broadway-Melodie“ 1936, seinerzeit ein gängiger Schlager mit „Du sollst mein Glücksstern sein“, jetzt aber, da aus dem Feindesland Amerika stammend, auf dem Index. Wissend um die Illegalität unseres Tuns, setzten wir Plattenspieler und eben diese Platte eines nachts, lange nach dem Zapfenstreich, in einem, wie wir glaubten, sicheren Raum in handgekurbelte Bewegung. Aber der in dieser Nacht diensthabende Erzieher, ein sehr „dunkelbrauner“ Ostpreuße, stöberte uns dabei auf. Weshalb Hermann Tesch zählt seit diese defaitistische Unternehmung ohne seiner Jugend zur Familie Folgen blieb, ist bis heute unklar. Dieses Gespräch und sein Inhalt sowie ähnliche mehr oder weniger verwerfliche Taten sind vergänglich, ebenso wie der vier Jahre danach als Kriegsverbrecher gehenkte Autor und der nach Kriegsende in Buchenwald ums Leben gekommene Erzieher. Geblieben sind von diesem Abend an Freundschaften, die sich auch auf die beiderseitigen Elternhäuser ausdehnten, wie das folgende Ereignis beweist, das ich in der vorliegenden etwas verfremdet angepaßten Form Ernst anläßlich der letzten weihnachtlichen Begegnung auch vortragen und damit gewissermaßen autorisieren durfte. Eine wahrhaftige Weihnachtsgeschichte Das 1. Kapitel. 1. Es begab sich aber zu der Zeit, als sich das Jahr 1943 im letzten großen Kriege dem Ende zuneigte, daß ein Gebot ausging, in der Reichshauptstadt nur geteilte Weihnachtsbäume zu verkaufen. 2. Und dieses Gebot war das allererste seiner Art und erfolgte zur Zeit, da ein gewisser Goebbels Landverwüster in Berlin war. 3. Und jedermann eilte zwischen den Fliegeralarmen, daß er möglichst ein Oberteil erwischen könnte bei einem Weihnachtsbaumhändler in dieser Stadt. 4. Da stieß auf großes Mißfallen bei einem Berliner, der an einem Orte erinnerungen

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namens Dahme weilte und gewohnt war, Weihnachten in einem am Spreeflusse gelegenen älteren Sechs-Familienhause zu verbringen. Denn daselbst gab es sehr hohe Zimmer. 5. Und siehe, ein Schulkamerad namens Ernst trat zu ihm und sprach: Fürchte dich nicht, denn ich verkündige dir die Möglichkeit, einen normalen Weihnachtsbaum zu erhalten. 6. Nämlich da ich in Oranienburg wohne und dort der Herr (Goebbels) keine Macht über die Weihnachtsbäume hat. Und das hab’ zum Zeichen: Wie groß soll er denn sein? 7. Und sie verabredeten miteinander, daß der Baum wohl vier Meter in der Höhe messen sollte. Das 2. Kapitel. 1. Und als der Berliner daheim war, kam die Zeit, daß der Baum beschafft ward und von Oranienburg nach Berlin gebracht werden mußte. 2. Dies geschah am Tage vor dem Heiligen Abend nachmittags. Das hinterste Traglastenabteil der S-Bahn war geeignet, die beiden Träger Ernst und Hermann und den Baum mit seiner stattlichen Länge von fünf Metern raumdiagonal aufzunehmen. Weitere Fahrgäste mieden darob das Abteil. 3. Die Fahrt verlief über Friedrichstraße nach Schöneweide. Dortselbst angekommen, mußte mit der Straßenbahn der Weg fortgesetzt werden. Da aber die Ausmaße des Baumes denen der damaligen Berliner Straßenbahnwagen nicht gerecht wurden, ward der Himmel um Rat angefleht. 4. Und da die Straßenbahnen vor ihnen davonfuhren, kam die Erleuchtung, und es sprachen die Träger untereinander: Lasset uns den Baum auf die Hinterplattform stellen und das Weichenstellerfenster öffnen, auf daß der Baum in voller Höhe sich ins Freie recke. 5. Als dies so geschehen und die Bahn mit Baum und Trägern etwa die Hälfte der Strecke bewältigt hatte, ertönten vom Himmel die lieblichen Klänge der Sirenen und verkündeten also: Es ist Voralarm, und jeder hat die nächsten Luftschutzräume aufzusuchen. 6. Die beiden mißachteten die Zeichen des Himmels und trugen statt dessen den Baum über zwei weitere Kilometer zu seinem Bestimmungsort neben dem damaligen Freibad Oberschöneweide, wo – heute noch – nahebei eine Eisenbahnbrücke Straße und Spree überquert. 7. Der hilfsbereite Engel aus Oranienburg verabschiedete sich, nicht ohne den Dank der also mit einem normalen Weihnachtsbaum versehenen Familie erhalten zu haben und versprach: An einem der Weihnachtsfeiertage, da komm’ ich her! 8. Und da der Tag sich neigte, begab sich jedermann zur Ruhe in Erwartung des Heiligen Abends 1943. 150

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Das 3. Kapitel. 1. Und es begab sich am nächsten Morgen um vier Uhr, daß die Sirenen wieder vom Himmel tönten und Gerechte wie Ungerechte aufriefen, sich in die Luftschutzkeller zu begeben. 2. So versammelten sich auch die Bewohner des hinteren Hauses An der Wuhlheide 240 im Keller, müde und ärgerlich ob der Störung der Ruhe kurz vor dem Fest der Freude, des Wohlgefallens und des Friedens. 3. Ein himmlischer Gruß unterbrach die frommen Reden der also Versammelten. Eine mittlere Luftmine verpaßte die nahegelegene Eisenbahnbrücke und bohrte sich statt dessen in zehn Metern Entfernung in die Uferböschung der Spree, dadurch einiges an ihrer Kraft verlierend, aber ausreichend, das Haus in eine halbseitige Ruine zu verwandeln. Weitere Verluste: sechs Hühner, eine schwarze Katze (die unbedingt in den Keller wollte, aber nicht eingelassen wurde) und ein fünf-MeterWeihnachtsbaum aus Oranienburg, der im Treppenhaus auf seine Ausschmückung wartete, jetzt aber nur mit Kalkstaub überzuckert war. Die Brandbomben im vorderen Haus konnten ins Freie geworfen werden. 4. Also hatten am Morgen des 24. Dezember 1943 englische Brand- und Sprengbomben von Oberschöneweide bis Friedrichshagen allüberall Lichtlein angezündet. Vor dem Forsthaus lag ein Blindgänger offen auf der Straße, von einem Polizisten bewacht, aber nur bis zu seiner (des Blindgängers) Explosion. 5. Mit Bombenschaden C bekam man einen Bezugsschein, ein Notquartier und einige von der NSV geschmierte Stullen. Aufräumen und wo nötig und möglich auch löschen mußte man allein. Mit alledem wurde das Weihnachtsfest nun begangen. 6. Der freundliche Weihnachtsbaum-Beschaffer erschien auch wie versprochen zum Besuch. Er nahm zum Andenken an diesen auch für ihn denkwürdigen Tag außer dem Entsetzen eine Kaffeemühle mit, die sonst niemand aus den Trümmern aufgelesen hatte. Man sagt, daß diese Kaffeemühle noch viele Jahre dienstbar gewesen sei und durch ihren Erinnerungswert ein Teil dieser Weihnachtsgeschichte ist. Epilog Geschrieben wurde diese wahrhaftige und – wie manchmal auch üblich – etwas untertriebene Geschichte aber auch und vor allem mit dem Gedanken an denjenigen, der damals an ihrem Zustandekommen einen wesentlichen und trotz aller widrigen Umstände einen – wie mir scheint – erwähnenswerten Anteil hat: Mein Jugend- und Schulfreund Ernst Heise. Epilog-Nachtrag Ernst sagte mir gelegentlich, daß er sich stets bei seinen Auto-Fahrten erinnerungen

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zwischen dem Rundfunkhaus in der Nalepastraße und seinem Mahlsdorfer Heim – und deren Zahl war durchaus nicht gering bemessen – beim Passieren dieses Ortes an jenes Weihnachten erinnert hat. Der Rest der Kriegs- und die Nachkriegszeit trennten uns für mehrere Jahre, in deren Verlauf die Treffen spärlich, aber wenn, dann wie immer vom Ausgangspunkt des Jahres 1942 geprägt waren. Die Wirkungskreise – hier der Künstler, dort der Ökonom – waren zu unterschiedlich. Dazu kam die fortwährende territoriale Trennung. Aber thematisch fügt sich die dritte Episode in diesen Reigen der Erinnerungen ein. Ein früher Sonntagvormittag in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Leipziger Straße Ecke Grotewohl-, ehemals und jetzt wieder Wilhelmstraße. Das „Haus der Ministerien“ – auch früher: Görings Reichsluftfahrtministerium. Ich komme mit meinem „Trabi“ noch vor der allgemeinen Absperrung auf dem Parkplatz gegenüber dem früheren „Ehrenhof“ unter. Und in diesem Ehrenhof mit dem für Göring und seine Paladine reservierten Sondereingang ist man dabei, die letzten überdimensionalen Hakenkreuzfahnen aufzuhängen. Fahnen einer Größe, wie ich sie zwischen 1933 und 1945 niemals zu Gesicht bekommen habe und wie sie auch wohl nie zuvor an einem Ort wie diesem gehangen haben mögen, selbst nicht, als hier 1942⁄43 die großen Trauerparaden für das Jagdflieger-As Werner Mölders und den Selbstmord-Feldmarschall Udet vorbeizogen. Aber was soll’s, der Anlaß für diesen heutigen Aufwand rechtfertigt sowohl Realitäten als auch Übertreibungen. Eine Filmsequenz soll vor einer annähernd historischen Kulisse gedreht werden: Juri Oserow führt Regie in seinem Film „Stalingrad“. In Berlin begibt sich dazu der Generalfeldmarschall von Bock in dieses (während des Krieges!) überreich mit Fahnen geschmückte Gebäude und trifft beim Herauskommen auf den Widerständler Oberleutnant Harro Schulze-Boysen alias Günter Junghans. Dazu An- und Abfahrt des Feldmarschalls mit PKW. Ernst hatte mich von dem Vorhaben ganz allgemein informiert und damit mein ebenso allgemeines Interesse geweckt. Also nahm ich meine 6 x 6-Kamera und einige Filme sowie „Trabant“ und Zeit, um einerseits an diesem Ereignis teilzunehmen und andererseits für Ernst einiges von dem Drumherum auf den Film zu bannen. Naturgemäß hatte Ernst vorrangig mit sich und den Filmfritzen zu tun, so daß ich als einer unter vielen im Hintergrund blieb. Aber dieser Hintergrund hatte es in sich. Da war einmal der gewesene Wehrmachts- und nachmalige NVA-Offizier Job von Witzleben, ein Neffe des im Zusammenhang mit dem Attentat von 1944 hingerichteten Generalfeldmarschalls gleichen Namens. Er fungierte als militärtechnischer Berater. Daß ihm dabei nicht auffiel, woran ich als einfacher Wehrmachts-Muschkote An152

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stoß nahm, ist mir bis heute nicht klar. So standen am Eingang des bewußten Gebäudes als Ehrenposten nicht Wehrmachtsangehörige, sondern Männer in schwarzen SS -Uniformen mit weißem Koppelzeug und Stahlhelm, ähnlich den von Leni Riefenstahl so raffiniert ins Bild gesetzten Paradierenden auf Nürnberger Parteitagen. Noch dazu waren sie zwar groß, aber etwas krumm in der Körperhaltung. Sie nahmen auch keine Notiz von einem vorfahrenden Feldmarschall, nicht von seinem Betreten und Verlassen des Hauses, obwohl die Heeresdienstvorschrift für solche Ereignisse wenigstens den Präsentiergriff verlangt haben dürfte. Und in diesem Hintergrund wuselten diverse Kamera- und BeleuchterAssistenten und Requisiteure herum. Einer von letzteren war für die Bereitstellung eines PKW zuständig und hatte, wohl mit Mühe und Not, einen „Mercedes 200 D“ jener Jahre aufgegabelt. Niemand hatte ihm wohl gesagt, daß weit geringere Dienstgrade als ein Feldmarschall die Beförderung mit einem Auto dieser Klasse als Zumutung empfunden hätten. Und das Auto muß das gewußt haben, denn es versagte mehrmals den von ihm verlangten Dienst. Der Hintergrund war auch belebt von zumeist jungen Männern, denen keine eindeutige Funktion im Zusammenhang mit einer Filmaufnahme zuzuordnen war. Einer von ihnen nahm sich meiner an, als ich Anstalten machte, meiner Anwesenheit den beabsichtigten Effekt zu verschaffen – sprich: Als ich mich in die unmittelbare Nähe der sich langsam entwickelnden Szenerie begeben wollte und meine Legitimation dafür mit einer bewußten Präsentation der Kamera-Ausrüstung demonstrierte. Ich war veranlaßt, dem sich aufdrängenden Gesprächspartner drei Dinge klar zu machen. Erstens hatte ich Hakenkreuzfahnen, SS-Leute und Wehrmachtsoffiziere schon so oft in meinem Leben gesehen, daß ich nicht um ihretwillen sonntagmorgens an diesem Ort weilen würde. Zweitens wäre ich auf ausdrücklichen Wunsch des Hauptdarstellers dieser Schau hier und würde drittens ausschließlich für seinen Gebrauch fotografieren. Was ich dann auch tun durfte und tat. Der junge Mann zeigte sich später sehr umgänglich, aber in Geschichte nicht sehr gut informiert. So behauptete er, daß es keinen unterirdischen Gang zwischen dem Reichspräsidentenpalais und dem Reichstag gegeben habe, obwohl Leute seiner Fakultät diese existente geheime Verbindung zwischen Ost und West seinerzeit stillgelegt hatten. Ernst bot dann noch die Möglichkeit zur Nah-Aufnahme in vollem Wichs mit allen Orden. Dieses Foto sehe ich unter zweierlei Aspekten. Einerseits amüsiert es mich, daß ein Nicht-Soldat in das Kleid eines höchstrangigen Militärs schlüpfen konnte, und andererseits sehe ich darauf einen Jugendfreund, der Freude an der Darstellung menschlicher und musischer Charaktere hatte und dies viele Jahre lang mit Eifer und Erfolg tun konnte. Dafür und für so vieles hier nicht Gesagte: Danke, Ernst! erinnerungen

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Regina Thoss Mit Ernst verbinden mich vor allem Erinnerungen und Gedanken, die den Beginn meiner Karriere betreffen. Gerade den Berufsausweis in der Tasche, 1. Preis beim Internationalen Schlagerfestival in Rostock. Da waren wir oft in gemeinsamen Veranstaltungen zusammen. Ich werde nie vergessen, wie er mir – ich war voller Ängste, Unsicherheit und Lampenfieber – immer Mut gemacht hat. Wie er begeistert war von meiner Stimme und immer mit wohlmeinenden Ratschlägen und Tips, zum Beispiel, mich nicht verbraten zu lassen oder eine Ausbildung zu nutzen, geholfen hat.

Regina Thoss

Ellen Tiedtke Wir haben keine großen Kleinkunst-Schlachten zusammen geschlagen – eigentlich sind wir uns zu wenig in diesem Leben begegnet, haben zu wenig miteinander gearbeitet. Aber die seltenen Begegnungen mit dir bleiben unvergessen. Du gehörtest zu der Handvoll Kollegen, von denen ich sofort wußte: da ist einer, dem kannst du vertrauen, der ist integer, der läßt sich nicht gleichschalten. Dieses Verstehen wurde die Brücke, die uns jahrzehntelang verband. Der Kreis meiner Freunde ist um eine Farbe ärmer geworden. Franz Viehmann Ich bin Schauspieler, und habe leider den Ernst zu spät kennengelernt, muß ich sagen. Unsere Begegnung fand statt mit dem Film – Anfang der 80er Jahre war das – „Schlacht um Moskau“ bei dem Regisseur Juri Oserow, und da begegnete ich wie gesagt dem Ernst. Er war eine faszinierende Persönlichkeit, und ich habe ihn eigentlich zu spät kennengelernt, aber das liegt in der Natur der Dinge. Er ist mehr aus der Unterhaltungsbranche gekommen, ich war am Theater. Einmal sind wir in Moskau gewesen. Juri Andropow, der damalige Generalsekretär, war ganz plötzlich gestorben. Es war Staatstrauer angesetzt, und wir konnten nicht drehen. Es war eisekalt. Wir sind über eine große Brücke über die Moskwa gegangen, die Leute mit hochgeschlagenen Mantelkragen, in Pelze gehüllt. Ernst sagte dann fast ganz empört zu mir: „Sag mal, du, es hat keiner auf meine ‚Moonboots‘ geguckt.“ (Das waren damals diese so modernen Schuhe, diese dicken, gefütterten – die waren wahrscheinlich aus dem Westen – jedenfalls hatte er die an.) Es waren ganz 154

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tolle Stiefel, nur die Leute hatten sicherlich ihre eigenen Gedanken. Und Ernst war ganz entsetzt, daß niemand auf seine Moonboots geguckt hatte. Das ist eigentlich eine liebenswerte Eitelkeit vom Ernst gewesen, daß er diese Moonboots trug, es war köstlich. Aber, ich sage es noch einmal: Es war bitterkalt, es war Februar. Und es waren, glaube ich, so 17, 18 Grad minus. Jedenfalls, der kleine Wagen, in dem wir saßen – so eine Art Bauwagen – war zugefroren. Wir sind also in diesen Bauwagen geklettert und, kurz und gut, es ging nicht mit dem Drehen los. Es ging damit los, daß Juri Oserow, der ein an sich angenehmer Mensch war, seinen „Diplomatenkoffer“ aufmachte, in dem Speck, etwas Brot und eine wunderbar große Flasche „Moskauer“, ein ganz ausgesuchter Wodka für Diplomaten – deshalb der Diplomatenkoffer – lagen. Wir saßen zusammengequetscht in diesem kleinen Bauwagen, und es wurde Runde um Runde geschüttet, geschüttet, geschüttet; wir tranken. Nach russischer Sitte mußte man das Glas leeren, und das tat dann der Ernst auch. Und da er nicht ganz so gefestigt war in diesen Gepflogenheiten, war es dann eine leichte – wie soll ich mich jetzt diplomatisch ausdrücken – eine leichte . . . er war etwas angesäuselt. Jedenfalls in diesem angesäuselten Zustand wollte ihn Herr Oserow nicht haben, und eine Assistentin wurde damit beauftragt, mit Ernst draußen ein bißchen spazieren zu gehen. Und so stellte es sich dar: Wir saßen im Bauwagen, guckten raus, durch dieses mittlerweile aufgetaute Fenster, und draußen im Schnee ging jetzt wie an der Longe im Zirkus die Assistentin mit Ernst an der Hand immer im Kreis an der frischen Luft – es war ein Bild für die Götter. Und nun kommt folgendes: Es wurde dann endlich gedreht, und wir hatten den Turm eines Klosters zu besteigen. Er als Generalfeldmarschall von Bock sollte in der Ferne Moskau erblicken, das brennende Moskau, wo ja die Granaten schon eingeschlagen waren. Wir sind also auf diesen Turm gehastet, mehrere Male, und im Eifer des Gefechts und auch durch die Nachwirkungen des Alkohols – der Zuschauer wird’s später gesehen haben – saß seine Generalfeldmarschallsmütze etwas verschoben. Aber das hat dann der Juri Oserow doch sehr positiv gewertet. Schließlich war der General aufgeregt, Moskau vor sich zu sehen, so daß ihm im Eifer des Gefechts die Mütze ganz leicht verrücken konnte. Nur ich wußte in dem Falle: es hatte eine andere Ursache, es war die Folge von etwas ganz anderem. Aber im Grunde war die Szene ja so viel besser, als wenn der Schirm gerade gesessen hätte. Es war eben genau der Touch, den es brauchte. Soweit also die Vorgeschichte zu dieser Szene, die im Film die Zuschauer auch nicht lächelnd aufgenommen haben oder lachend, sondern genau in dieser Tragik, die eben diesen Augenblick ausdrücken sollte. erinnerungen

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PS von Gerti Heise: Auch nach der Wende zog Ernst für einen Film Generalsuniform an, diesmal als Bundeswehrgeneral. Franz Viehmann spielte einen Ex-DDR-Parteisekretär. Beide wurden von Vadim Glowna in dem Film „Der Brocken“ besetzt. Diese Generalsfigur war für Ernst ein schauspielerisches Kabinettstück. Er bewies sein komisches Talent, besonders in der Szene, in welcher der Herr General verzweifelt Umfrage hält, wo denn Rügen liegt. Der Film wurde auf der Berlinale gezeigt und brachte Ernst eine Berlinale-Auszeichnung ein.

Matthias Windelschmidt Wie ich zu meinem zweiten Vater kam. Am besten, ich beginne mit meiner Geschichte ganz am Anfang. Von meinen Eltern bekam ich vieles mit auf den Weg, zwei Dinge davon waren: Interesse für Musik, und – ich denke – auch etwas musikalisches Talent. Als Kind lernte ich das Piano zu bedienen, später erfreute ich die nähere (und etwas weitere) Umgebung mit Schlagzeug spielen. Zusammen mit meinem Bruder Martin, der sehr gut Gitarre Matthias Windelschmidt spielt, und zwei Freunden vergrößerte ich die akustische Reichweite noch durch den Einsatz von zwei E-Gitarren und einem Baß und gründete meine erste Rockband. Mein Vater war von unserer Wahl der Musikrichtung sehr angetan, war er doch gehörlos und konnte so unsere Musik sehr gut fühlen. Aber im September 1983 kostete ihn seine Gehörlosigkeit bei einem Verkehrsunfall das Leben. Danach folgte, musikalisch gesehen, eine „schöpferische Pause“ , und meine Aktivitäten beschränkten sich auf Musikhören und lautstarkes Mitsingen. Dann wurde ich von meinem Bruder „entdeckt“. Wie der Zufall so spielt, lernte ich auf einer Silvesterparty eine Hardrock-Band kennen, die einen Sänger suchte, und stieg sofort ein. Die Haare wurden immer länger, und wir probten für unsere ersten Konzerte. Das Sängerdasein war sehr angenehm, man hatte sich ja um kein Instrument zu kümmern. Oder doch? Na ja, ich kam jedenfalls auf die Idee, das Handwerk richtig lernen zu wollen, und machte mich auf die Suche nach dem geeigneten Meister. Und, wie das so ist, man kennt einen, der einen kennt, und so kam es, daß sich meine Frau Reinhild an meiner Stelle (ich tourte mal wieder in der Gegend herum) mit einem gewissen 156

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Wolfgang „Lippi“ Lippert traf. Dieser war so freundlich und gab ihr die Adresse, die für mich zum Glücksfall werden sollte, nämlich die von Ernst Heise. Also machte ich mich mit einigen Tonaufnahmen von mir auf den Weg zu ihm. Als ich an seiner Tür klingelte, war ich schon etwas aufgeregt. Es öffnete ein großer, schlanker und sehr sympathischer Herr, der mich mit einer beeindruckenden Stimme fragte, was mich zu ihm führte. Ich sagte ihm, daß ich Gesangsunterricht nehmen wolle. Er bat mich herein und erklärte mir, daß er augenblicklich keine Schüler ausbilde, hörte sich aber trotzdem mein Band an. Dann passierte etwas Unerwartetes. Er fragte mich nämlich, ob ich in dieser oder in der nächsten Woche anfangen wolle. Wir begannen sofort mit dem Unterricht. Zum Glück waren es immer Doppelstunden, denn wir verbrachten auch viel Zeit mit Tee trinken, Musik hören und Debatten über Gott und die Welt (auf hochdeutsch, was für einen gebürtigen Berliner nicht immer einfach ist). Dabei stellten wir fest, daß wir auf eine gewisse Art verwandt waren. Es war aber auch erstaunlich, was man alles lernen mußte, wenn man Sänger werden wollte. Neben dem richtigen Einsatz der Stimmbänder waren das zum Beispiel Sachen wie Gesichtsakrobatik, Singen ohne Luft oder hemmungsloses Lachen. Wir versetzten uns auch gegenseitig in Erstaunen, er mich mit tiefen Tönen und ich ihn mit hohen. Eines Tages fragte Ernst seine Frau Gerti, die sich als HNO-Ärztin mit der menschlichen Stimme sehr gut auskennt, ob ein Mann überhaupt so hoch singen könne. So hatten wir beide sehr viel Spaß und bekamen für einige Zeit das, was der eine nicht und der andere nicht mehr hatte, er einen Sohn und ich einen Vater. Daß Ernst Heise das genauso empfand, macht mich sehr stolz. Ingrid Wuthe Ernst Heise – mein Lehrer in der Grundschule Sachsenhausen Ernst Heise begann knapp 18jährig gemeinsam mit weiteren jungen Kollegen seine erste Anstellung als Schulhelfer in der Grundschule Sachsenhausen, einer Vorstadt der damaligen Kreisstadt Oranienburg. Er wurde mein Klassenlehrer. Die Prügelstrafe war inzwischen verboten, wurde jedoch besonders von älteren Lehrern gelegentlich noch praktiziert. Ernst Heise hingegen war der freundliche, geduldige, erklärende Erzieher, mit klaren Zielvorgaben und konsequenter Beharrlichkeit, uns Schüler zu guten Leistungen in allen Fächern zu motivieren. Eigeninitiative und Verantwortungsbewußtsein waren wichtige Anliegen: die Leistungsstarken gaben den weniger guten Mitschülern Nachhilfe. erinnerungen

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Ernst Heise hat mit seinen Kollegen für uns Theater gespielt, und auch wir Schüler haben unter seiner Anleitung singen, musizieren, Theater spielen dürfen. Wenn wir nicht im Kino- oder Tanzsaal des Ortes aufgetreten sind, wurden in den Behelfsbaracken, die als zusätzliche Schulräume aufgestellt waren, die Trennwände herausgenommen, um Platz zu schaffen für unsere Darstellungen. Ich hatte eine vergnügliche, interessante Schulzeit, in der mir Welten eröffnet wurden! Viele meiner Mitschüler haben damals, so jung sie waren, tatkräftig bei der Arbeit auf dem Hof und in der Hauswirtschaft Hand angelegt. Ich weiß von einer Achtjährigen, die hat gelegentlich alleine ein Heugespann nach Hause gebracht oder den Stall ausmisten müssen. Morgens, vor dem Schulunterricht. Bei Schularbeiten half das Kollektiv (gelegentlich wurde dafür ein Essenspaket mitgebracht und verteilt), und der Klassenlehrer bestand auf reinlicher Kleidung und gewaschenen Händen vor Schulbeginn. Hausbesuche der Lehrer waren üblich. Ich erinnere mich an einen Weg mit Ernst Heise zu meinen Pflegeeltern, auf dem ich, nachdem alles gesagt und geplappert war und noch ein längerer Fußweg vor uns lag, spontan meine Hand in seine schob. Mein vertrauensvolles Verhältnis zu ihm war wie zu einem freundlichen VerIngrid Wuthe wandten. Ich bin jährig Ernst Heise als Lehrer noch einmal in einer anderen Schule begegnet, wo er uns angehenden Kaufleuten die korrekte briefliche Anredeform (außer dem damals üblichen „Kollege“ oder „Genosse“) und die gesellschaftlichen Umgangsformen beibrachte. Noch heute profitiere ich von diesem „Anstandsunterricht“. Später lebte ich in Berlin. Der Bau der Mauer im Jahre  hatte alle Verbindungen zu den Gefährten meiner Kindheit, auch den Lehrern, unterbrochen. Ich glaubte, Ernst Heise wäre Opernsänger geworden und hatte vor Jahren vergeblich den mit meiner Familie befreundeten Intendanten eines Berliner Hauses gebeten, mir bei der Suche nach meinem Lehrer behilflich zu sein. Um so erfreuter war ich, als ich im Jahr  seinen Namen auf einem Plakat entdeckte. So fuhr ich an einem heißen Samstagnachmittag zu einem Wilhelm-Busch-Programm mit Ernst Heise ins Schloß Friedrichsfelde. Die Fotokopie eines Spruches von Tagore aus meinem Poesie-Album, den er mir damals als seiner Schülerin gewidmet 

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Ernst Heise zusammen mit Lutz Jahoda (links) auf der Bühne

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hatte, zeigte ich ihm nach der Vorstellung. Ernst hat später des öfteren mit großer Rührung von dieser Wiederbegegnung gesprochen. Wolfgang Ziegler Ernst Heise, ein verehrter und guter Freund. Wir lernten uns kennen, als ich als jähriger einen Gesangslehrer suchte. Über das Volkstheater Rostock, wo ich als Statist ein wenig jobte – ich spielte einen Sklaven im „Lukullus“ – lernten wir uns kennen. Ich lebte damals in Rostock in der Klement-Gottwald-Allee – heute wieder Parkstraße – und mußte nur  Minuten bis zum Ulmenmarkt laufen, wo Ernst damals wohnte und Gesangsunterricht gab. Wir lachten viel, wenn wir unsere Gesangsübungen machten. Dazu gehörten auch so lustige Übungen wie „Hecheln wie ein Hund“. Ernst Heise war für mich ein väterlicher Freund bis hin zu dem einen oder anderen persönlichen Rat. Wir verloren uns nie aus den Augen.

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Tournee bei fernen Freunden Aus dem Reisetagebuch von Ernst Heise: Die Reise Berlin–Hanoi Wissen Sie, wenn mir im Januar 1970 jemand gesagt hätte, daß ich im November des gleichen Jahres über 32 000 Kilometer reisen, am 17. Breitengrad in Vietnam meine Lieder unter dem Gedröhn amerikanischer Bomber singen, am Nikolaustage im Stillen Ozean baden und am 3. Adventssonntag in Peking als Gast unserer DDR-Botschaft am berühmten „Peking-EnteEssen“ teilnehmen würde – ich hätte bestimmt ungläubig dreingeschaut und im Stillen den Propheten für nicht ganz beieinander gehalten. Na ja, und dann tauchten auch schon die ersten Fragen auf. Welche Art Lieder sollen wir bringen, und überhaupt, was zieht man an auf dieser Reise? In Sibirien ist tiefer Winter und in Vietnam für unsere Verhältnisse Sommer! Und dann das Essen . . . ? Vielleicht nimmt man lieber einen halben Zentner Kartoffeln mit und Bockwürste, denn wenn das wirklich stimmt – immerzu nur Reis, na danke . . . Wir trafen uns und telefonierten miteinander, meine Kollegen Vera Schneidenbach und Jürgen Pippig und die Musikanten von der „SilverCombo“ mit ihrem Chef Manfred Maywald, mit Siegfried Westphahl, dem Baß-Mann Gustav Lapaver an der Orgel, dem langen „Manne“, Manfred Drews, Schlagzeuger und Band-Sänger, dem langen „Dizzy“ Günter Wendler, Schlagzeug, Posaune und ebenfalls singend (sogar vietnamesisch) und dem langen blonden Christian Kardaetz mit seiner Gitarre. Was meinen

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Die Reiseroute 162

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Sie, wie man in Vietnam über so viele „lange Musikanten“ aus der DDR gestaunt hat. Wir diskutierten und sammelten Erfahrungen von ehemaligen Vietnamreisenden. Aber schließlich klärten sich Repertoire- und Garderobe-, Gepäck- und Essensfragen, und die ersten Ereignisse warfen ihre Schatten voraus. Das sah dann so aus, daß alle erst mal zur Festigung ihrer Gesundheit die verschiedensten Körperteile: Arme, Brust und Achtersteven mehrmals durchpiekt bekamen, um gefeit zu sein gegen Ansteckungen; denn es ging ja in die Tropen, und da gibt’s nicht bloß Bomben werfende Amis, sondern auch ortsansässiges, giftiges Viehzeug, das mit Bissen und Stichen einem armen Europäer manche böse Krankheit an den Hals zaubern kann. Dann am 6. November war es soweit. Wohl keiner schlief in der letzten Nacht, es wurde eingepackt, ausgepackt, umgepackt; um 7 Uhr war Treffen auf dem Zentralflughafen Berlin-Schönefeld. Dann der Abschied und das übliche: Zoll- und Passkontrolle und danach – Warten im Transitraum Schönefeld und Warten auf den Abruf zur Maschine. Endlich 9.40 Uhr, Gepäck und auch wir sind verladen, hebt die IL 18 der Interflug ab nach Moskau. Von dort geht’s mit Aeroflot über Omsk und Irkutsk direkt nach Peking. Der Flug über Sibirien ist kurzweiliger, als man bei diesen großen Entfernungen zunächst glaubt. Bereits nach drei Stunden sehen wir das Lichtermeer von Omsk unter uns, der großen Industriestadt in Westsibirien. In Irkutsk wird groß gefrühstückt, inzwischen ist der neue Tag, der 7. November heraufgedämmert. Wir kommen ein wenig durcheinander mit unserem Zeit- und Müdigkeitsgefühl, doch was macht das. Nach dem Aufstieg

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liegt unter uns der (wirklich wunderbar anzusehende) Baikal, dann wird Kurs auf Peking genommen. Die Wüste Gobi gleitet unter uns vorbei, die Mongolische VR, und um 12.45 Uhr setzt die Maschine in Peking zur Landung an. Am Abend gibt die DDR-Botschaft uns zu Ehren einen Empfang mit echt chinesischem Essen. Wir staunen! Die Genossen zeigen uns das Essen mit „Stäbchen“, und nachdem wir uns redlich abquälen und mancher Brocken auf dem Tischtuch landet, macht’s Spaß und schmeckt phantastisch. Wir essen Gerichte, die uns unbekannt sind, wie Bambusspitzen und Lotuswurzeln, Seegurken und „faule“ Eier von hauchdünnen Porzellantellern und aus zierlichen Näpfen. Dazwischen wird fleißig heißer Reiswein getrunken, so daß die Stimmung schon nach dem dritten Gang recht munter ist (und zwölf Gänge sind es!). Fast zum Schluß wird die Suppe serviert, und nach drei bis vier Stunden appetitlichen Essens und angeregtester Unterhaltung bekommt jeder noch einen heißen, feuchten Frotteelappen als Gesichtskompresse und zum Reinigen der Hände. Der 8. November findet uns bei einem Besichtigungsrundgang durch Peking. Immer wieder staunen wir über die historischen Bauwerke der Kaiserstadt und des ehemaligen Sommerpalastes, jetzt Volkspark. Am Abend treten wir erstmalig mit einem bunten Abend in der Botschaft auf. Der Erfolg ist groß, denn hier hat man nur Musik vom Band, die jeder schon kennt, und unsere Genossen freuen sich riesig, Musik wieder einmal „original“ zu hören. Auch am 9. November besichtigen wir historisch interessante Bauten in Peking: den Himmelstempel, in dem früher jedes Jahr der Kaiser um eine gute Ernte flehte, die „Flüstermauer“, eine bauliche Kuriosität. Tatsächlich wird der geflüsterte Schall um das große Rondell getragen und kommt deutlich am anderen Ende beim Hörer an. Am Nachmittag spielen wir für die Kinder unserer Botschaftsmitglieder und all ihre Freunde, und das Erlebte bietet viel Stoff am nächsten Tage für den Schulunterricht. Am Abend des 10. November dann läutet und hupt um 20.55 Uhr auf dem Pekinger Hauptbahnhof der Zug zur Abfahrt nach Vietnam. Mitglieder der DDR-Botschaft bringen uns zur Bahn. Dann rollen wir in die Nacht und in das eigentliche große Erlebnis unserer Reise. Am nächsten Tag überqueren wir die großen Flüsse Hoangho und Jangtsekiang, Flüsse, die so breit sind, wie wir es noch nie sahen. Mit großer Gewalt rollen ihre lehmgelben Wassermassen dem Meere entgegen, ein gewaltiger Anblick. Schließlich erreichen wir nach über 2000 Kilometer Fahrt südwärts am 12. November die Stadt Nanning und bald danach die chinesische Grenzstation. Nach den üblichen Kontrollformalitäten steigen wir um in den vietnamesischen Zug, der eine schmalere Spur hat. Dann geht es schon bei Dunkelheit (die Dämmerung ist hier farblich sehr schön, aber auch sehr 164

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kurz) weiter über die Grenze. Gegen 19 Uhr erreichen wir Dông-Dang. Wir sind in Vietnam! Überall laufen die Menschen zusammen, um uns zu begrüßen. Eine Welle rührender Herzlichkeit umfängt uns. Als wir auf die Frage, ob wir schon etwas zu essen bekommen hätten, verneinen, wird die Weiterfahrt verschoben und erst mal ein Hängebauchschweinchen für uns geschlachtet. Die Reisenden warten, bis wir gegessen haben. Vera schlägt sich, gemeinsam mit Gustav, unserem Organisten, tapfer gegen eine große Gruppe flinker Jungen im Tischtennis, und eine kleine, anfängliche Scheu weicht bald fröhlicher Herzlichkeit. Obwohl keiner der Sprache des Anderen mächtig ist, versteht man sich schnell: wir sind bei Freunden, bei guten Freunden angekommen. Rasch vergeht dann die nächtliche Fahrt bis Hanoi. Das ist am Morgen des 13. November. Während der Fahrt nach dem Süden wurde es im Zug immer stickiger und heißer, das Thermometer zeigt 31 Grad. Auch zu so früher Morgenstunde ist es sehr warm und sommerlich angenehm. Vor dem Bahnhof haben sich viele Menschen versammelt, winkend und lachend begrüßen sie uns. Die ganze Stadt scheint von unserer Ankunft informiert zu sein. Im Hotel, einem alten französischen Kolonialbau, beziehen Jürgen Pippig und ich unser Zimmer. Unsere erste Tätigkeit ist das Arrangieren der vielen herrlichen Blumen. Draußen ist es inzwischen hell geworden, die Sonne scheint, Vögel singen; vor unserem Fenster stehen blühende Bäume, die einen fremdartigen, süßen Duft herübersenden, und in deren Zweigen unzählige, wunderschöne Schmetterlinge gaukeln. Der große Ventilator an

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der Decke muß eingeschaltet werden. Das alles: strahlende Sonne bei offenem Fenster, blühende Bäume, Schmetterlinge und Berge schönster Blumen im Zimmer – ist für uns „kühle“ Europäer schier unfaßbar, denn wir schreiben ja den 13. November! Von Hanoi bis Vinh 13. November 1970 – und 30 °C Wärme in Hanoi! Früh gegen 5 Uhr sind wir eingetroffen und nehmen all das Fremde und Neue staunend auf. Ein erster Spaziergang bietet uns das Bild asiatischer Farbigkeit. Das Leben scheint sich vorwiegend auf der Straße abzuspielen. Die Handwerker arbeiten in offenen Ladenständen, an den Straßenrändern hocken unzählige ambulante Händler, die von der Fahrradklingel bis zur Bambuswasserpfeife alles anbieten – sogar Luft aus Luftpumpen für die Radfahrer. Viele geduldige Überzeugungsarbeit ist notwendig, bis diese Erscheinung aus alten Kolonialzeiten in der neuen Gesellschaftsordnung verschwunden sein wird, so sagte man uns. Überall fahren Unmengen von Radfahrern, denn das Fahrrad ist das Hauptverkehrsmittel und hat stets Vorfahrt. Das ist recht schwierig für die Kraftfahrer, die sich langsam und fortwährend hupend ihren Weg durch das Gewirr bahnen müssen. Mit dem Fahrrad werden Personen (oft ganze Familien) und große Mengen von Lasten transportiert. Bis zu sechs Zentner lädt man auf ein Rad und schiebt es dann mit einer am Lenker befestigten Schubstange vorwärts. Am 14. November findet der erste offizielle Empfang beim Stellvertretenden Präsidenten des Komitees für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland „Vu Quoc Uy“ statt; ein typisch vietnamesischer Empfang, bei dem immer der obligatorische Grüne Tee, Bananen, Mandarinen und Apfelsinen gereicht werden. Am Nachmittag die Probe auf der Freilichtbühne „Volkstheater“, und schon gibt es viele Zaungäste. Die Abendvorstellung bei 31 °C wird zum ersten Erfolg in Hanoi. Wir wundern uns über den relativ dünnen Klatschapplaus, bis man uns erklärt, daß das eigenartige Schnalzgeräusch, das aus zehntausend Kehlen dringt, die höchste Form der Anerkennung und des Lobes bedeutet. Nach der Vorstellung umringen uns Tausende und geben uns zungenschnalzenderweise das Geleit zu den Bussen. Heute, am Sonntag, dem 15. November, findet unsere Vorstellung im Kongreß-Saal des Parlaments der DRV statt. Der Abend wird zu einem triumphalen Erfolg. Nachdem ich das letzte Lied unseres Programms, den Marsch der FNL in einer Nachdichtung von Kuba gesungen habe, bricht ein ungeheurer Jubel aus. Die Mitglieder des Ensembles haben mit den Fahnen der DDR und der DRV auf der Bühne Aufstellung genommen, der Minister für Kultur und der Außenminister kommen auf die Bühne und 166

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beglückwünschen uns überaus herzlich. Während die Zuschauer taktklatschend in den Sitzreihen stehen, geht ein Blumenregen über uns nieder. Am 16., 17. und 18. November spielen wir im Zelt des Staatszirkus in Hanoi. Alle Vorstellungen sind überfüllt und bringen den gleichen Jubel wie die vorhergehenden. Am 17. ist das ganze diplomatische Corps anwesend. Nichts trübt die Stimmung, auch als Vera Schneidenbach in unserem Volkslied „Im schönsten Wiesengrunde“ gerade singt: „Dich, mein stilles Tal, grüß‘ ich tausendmal . . .“ und bums, das ganze Licht ausfällt. Man ist großzügig, geduldig und dankbar und wartet, bis das Notaggregat einsetzt, und Vera endlich dazu kommt, ihr „stilles Tal“ zu Ende zu grüßen. Am Morgen des 19. November starten wir. Eine Expedition beginnt! Wir fahren auf der Staatsstraße Nr. 1, die früher Hanoi und Saigon verband. Schon nach 60 Kilometern sehen wir die ersten totalen Zerstörungen: Überall liegen an der neben der Straße verlaufenden Bahnlinie zertrümmerte Waggons, Lokomotiven und Gleisgerippe ragen gegen den Himmel. Alle Ortschaften zeigen große Zerstörungen, zum Teil wohnen die Menschen in Notunterkünften; aber sie lachen und winken, wenn sie uns sehen. Das Landschaftsbild ist tropisch, mit Bananenstauden, Bambushainen, Lotusteichen und Reisfeldern. Graue Wasserbüffel ziehen die Bearbeitungsgeräte durch den zähen Schlamm, knietief waten die Männer und Frauen hinter dem Pflug her, auf dem Kopf den typischen vietnamesischen Spitzhut, der sechs Eigenschaften hat: Als Schutz gegen Sonne, gegen Regen, zum Wasserschöpfen, als Schutz gegen den Wind, als Fächer; und man kann sich dahinter verbergen beim – Küssen. Durch den Wasserreich-

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tum gibt es unzählige Flußläufe, das Wasser ist schlammig gelb, und mittelalterlich anmutende Dschunken ziehen ihre Bahn. Bis zu unserem ersten Ziel, der Provinzstadt Vinh, müssen wir 245 Brücken passieren, oder besser das, was die Amerikaner davon übrigließen, denn 243 von ihnen sind zerstört und mußten bis zu 15 Mal wieder aufgebaut werden! Notbrücken. Wir schaffen zehn bis zwölf in einer Stunde, denn nun, weiter im Süden, ist auch die Straße durch jahrelange Bombenangriffe völlig zerstört. Immer wieder sehen wir Beispiele für den praktischen Sinn und den zähen Lebenswillen des Volkes: in den Ortschaften liegt über weite Strekken der Straßen Reisstroh, eine einfache und doch gute Methode, mit Hilfe der Autoräder den letzten Reis aus dem Stroh zu dreschen. Oder: Bombentrichter werden zur Fischzucht benutzt, denn bei der großen Feuchtigkeit laufen sie sofort voll Wasser; sie dienen auch als Wasserstellen für die umliegenden wieder hergestellten großen Reisfelder (Reisfelder müssen genau waagerecht angelegt sein, damit das Wasser alle Teile des Ackers gleichmäßig benetzt). Für die Wasserbüffel sind die „Trichterteiche“ willkommene Badegelegenheiten. Die Flußdurchfahrten bei zerstörten Brücken werden durch Behälter amerikanischer Kugelbomben (einer besonders brutalen Waffe gegen die Zivilbevölkerung) markiert, und aus den Metallteilen abgeschossener amerikanischer Flugzeuge verfertigt man Gebrauchsgegenstände, ja sogar Souvenirs. Nach circa 300 Kilometer beschwerlicher Fahrt kommen wir, schon bei Dunkelheit, nach Vinh, einer ehemals 80 000 Einwohner zählenden Stadt. Heute ist Vinh völlig zerstört. Mit unbeschreiblicher Mühe und Sorgfalt hat man uns im Haus der Bezirksleitung Quartier vorbereitet. Das Haus liegt am Rande der ehemaligen Stadt und ist eines der wenigne erhaltenen. Alle Büroräume wurden extra ausgeräumt und mit Betten versehen, damit wir schlafen können. Wir werden großartig empfangen und verpflegt, wie liebe, alte Freunde, obwohl wir in Vinh nur eine Nacht schlafen und nicht einmal eine Vorstellung geben können. Morgen nun erreichen wir unser Ziel, Dông-hoi, Hauptstadt der Kampfprovinz Quang-binh, wenige Kilometer vor dem 17. Breitengrad. Von Vinh nach Dông-hoi Bei Vinh setzen wir mit einer Fähre über, einem abenteuerlichen Monstrum, das voll Menschen (mit Fahrrädern natürlich) und Autos gepackt, jedem Wasserschutzpolizisten bei uns Alpträume und graue Haare bringen würde. Man berichtet uns, daß zur Zeit der Bombenangriffe junge Mädchen mit Angeln, an denen Metallplatten befestigt waren, singend am Ufer saßen und nach den heimtückischen Magnetbomben fischten, um so die wichtige Wasserstraße wieder frei zu bekommen. Junge Burschen fischten 168

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von Booten nach den Bomben. Sie setzten freiwillig ihr Leben aufs Spiel. Das war auch die Zeit, wo die Bauern mit Messingsicheln und -geräten aufs Feld gingen, weil eiserne Werkzeuge die im Kraut der Äcker versteckt liegenden Magnetbomben schon bei leisester Berührung zur Explosion gebracht hätten. Auf halsbrecherisch schmalen Dämmen durchqueren wir breite Gewässer, kahle, rundkuppige Hügel steigen wie Pfropfen aus der Ebene. Schmal ist hier der Flachlandstreifen zwischen den laotischen Bergen und den Wassern des Ozeans. Endlich, gegen 14 Uhr, taucht das Meer auf: mit großem Jubel von uns begrüßt. Und, obwohl die Vietnamesen sich schütteln vor Entsetzen (für sie ist ja „tiefer Winter“), rasen wir mit Freudengeheul hinunter zum nahegelegenen, herrlichen weißen Sandstrand und sind im Handumdrehen im Wasser. Wir schätzen: mindestens 24 °C warm. Erfrischt und in allerbester Stimmung erleben wir den letzten Teil der Strecke, eine Serpentinenfahrt, immer mit dem Blick aufs schäumende Meer. Dann erreichen wir Dông-hoi. Von dieser Stadt steht buchstäblich keine Mauer mehr, nur die Reste zweier Stadttore zeigen, wo einst fast 80 000 Menschen ihre Heime hatten. Alles, aber auch alles, ist in über sechsjährigem (!) Bombardement zerstört worden. Wir sehen die Reste einer ehemals großen, schönen Freilichtbühne, hier hätte man gut spielen können . . . Gespenstisch ragen die Skelette des Wasserturmes und der katholischen Kirche aus der Trümmerwüste. Wir, die wir als Kinder den zweiten Weltkrieg erlebt haben, werden an unsere Kindheitserlebnisse erinnert. Schrecklich!

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Pünktlich um 9 Uhr am nächsten Morgen, dem 21. November, stehen wir auf dem Platz, auf dem abends Vorstellung sein wird. Schon kündigen uns schwungvolle und sehr bunte Plakate an. 40 000 Karten wurden für die zwei Vorstellungen verkauft. Während der Besprechung fegt plötzlich ein Düsenflugzeug in geringer Höhe über uns hinweg, es fliegt einen Bogen und kehrt zurück. Ganz offensichtlich gilt die Neugier des Piloten uns. Zunächst glauben wir, ein vietnamesisches Flugzeug zu sehen, denn USMaschinen waren ja zum letzten Male vor zwei Jahren, 1968, hier. Doch die Vietnamesen schreien: „Amerikanisches Flugzeug“ und treiben uns zur Eile an. Also sind diese Burschen wieder da! Beim dritten Überflug „wackelt“ der Vogel sogar mit den Tragflächen, bekanntlicherweise der internationale Fliegergruß: „Guten Tag, da bin ich!“ Dieser an sich freundschaftliche Gruß wirkt hier wie beißender Spott. Schnell zurück in die Quartiere, und da geht es auch schon los! In wenigen Kilometern Entfernung krachen pausenlos die Bomben. An jedem Bungalow wird ein Splittergraben ausgehoben, und die Vorstellung wird abgesagt: Die Zuschauer und wir wären zu gefährdet. Wir fluchen. Da fliegen, fahren und rütteln wir um die halbe Welt, die Leute freuen sich wie die Kinder auf unser Kommen und dann, am Ziel, kommen diese Luftgangster und wollen uns vertreiben, sollen sie sich doch endlich nach Hause scheren! Und jetzt beginnt es auch noch zu regnen. Völlig ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit bringt ein Taifun einen Wolkenbruch mit sich. Es wird die feuchteste Nacht meines Lebens im Bett, das heißt, seit meinem zartesten Kindheitsalter. Jedenfalls ist unser Schlaf so konkret vollgeregnet, unterstützt vom monotonen Rauschen, daß ich am Morgen doch recht verlegen werde, als in meinem Bett regelrechte Wasserlachen stehen. Von Dông Hoi nach Hanoi Am Morgen des 22. November regnet es immer noch! Der Fluß ist über die Ufer getreten, der tiefer gelegene Teil des Ortes wird geräumt, die Menschen waten, zum Teil bis zur Brust, durch gurgelndes schlammiges Wasser. Zum Glück liegen unsere Bungalows etwas höher. Wir erfahren, daß die Amerikaner in der vergangenen Nacht sechs Angriffe allein auf die Provinz Quang Binh geflogen haben. Das ist brutalstes Verbrechen. Und doch heißt es: Wir spielen heute, im Kulturhaus. Abends waten wir mit hochgekrempelten Hosenbeinen, den Bühnenanzug überm Arm und einer Plasteplane auf dem Kopf, durch Schlamm und Regen zum Kulturhaus. Hier wird der braune Schlamm in einer Waschschüssel von den Füßen gespült, dann geht’s rein in die Lackschuhe und raus auf die Bühne. Wenn uns die Kollegen zu Hause sehen könnten … ein Bild für Götter. Und so lacht sich dann auch alles, vietnamesischer und deutscher Zunge, 170

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halb schief über unsere „Modderschau“ hinter der Bühne. Aber wir sind richtig froh, nun doch spielen zu können, und auch als das Stromaggregat einmal in „die Knie“ geht, wird die Vorstellung, nach geduldigem Warten und geradezu atembeklemmender Bastelei doch zu einem unbeschreiblichen Jubelerfolg. Am nächsten Morgen nehmen wir Abschied von der Provinz Quang Binh und ihren Menschen. Abenteuerlich und lang ist die Fahrt, häufig ist die Straße noch überschwemmt, und nach Einbruch der Dunkelheit geht es fast ohne Licht weiter, die Gefahr ist zu groß. Unsere Kraftfahrer sind tollkühne „Transportkünstler“. Wir bewundern sie immer wieder, und dabei entschuldigen sie sich auch noch fortwährend, denn es sei „ein bißchen schwierig“. Hastig wird in völliger Finsternis der breite Fluß der „Tagestränen“ mit der Fähre überquert, Scheinwerfer geistern in der Ferne am Ufer durch die Nacht und suchen emsig den samtblauen Tropenhimmel nach den Tod und Verderben bringenden Flugzeugen des Feindes ab. Ehrlich: uns ist ein bißchen mulmig zumute, und wir atmen auf, als es nach 20 Kilometern Fahrt heißt: Abendessen aus den Picknickpaketen. Fast hätten wir den Hunger vergessen. Doch kaum haben wir den ersten Bissen genommen, da kommen aufgeregte Vietnamesen aus der Dunkelheit und rufen: „Fahrt rasch weiter, gleich hier unterhalb der Küste, in unmittelbarer Nähe liegen amerikanische Flotteneinheiten. Wenn die Licht sehen, eröffnen sie sofort das Feuer.“ Kauend und mit vollem Munde schimpfend raffen wir unser Essen zusammen, stürzen in die Busse und jagen davon. Es geht nach Ta

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Tinh. Dort spielen wir am 25. und 26. November vor über 32 000 Zuschauern dieser Provinz. Die Rückfahrt am 27. November nach Hanoi erleben wir schon als „alte Hasen“. Angefüllt mit vielen Erlebnissen und reif für Badewanne und Waschmaschine kehren wir „heim“ in die DDR-Botschaft. Der Empfang ist großartig, unsere Genossen haben mit einiger Besorgnis unseren Weg durch Angriff und Naturkatastrophe verfolgt. Auf unseren Wunsch hin läßt der Botschafter für uns einen zünftigen heimatlichen Eintopf mit Würstchen und Pilsner servieren. Was glauben Sie, wie gut Kartoffelsuppe mit Würstchen schmecken kann nach einem solchen wochenlangen Trip durch fremdes Land. Einen Tag sieht uns die Hauptstadt, wir geben einen Klubabend für die Mitarbeiter der Botschaft der DDR, dann geht’s schon weiter in den Norden der DRV. Auch dort erwartet man uns mit Ungeduld, und auch wir sind erneut voller Erwartungen und Spannung. Von Cao Bang zur Ha.-Long-Bucht Wir sitzen im Gästehaus von Cao Bang, dem nördlichsten Ziel unserer Tournee durch die DRV; ein interessanter Reisetag liegt hinter uns, von Hanoi nordwärts ins Land. Hier sind die Straßen besser, denn die Zerstörungen sind nicht ganz so furchtbar wie im Süden. In Cao Bang erleben wir in einer Bambusverarbeitungsfabrik, wie unsere Skistöcke und Angelruten entstehen. Meist sind es Frauen, die diese recht schwierigen Arbeiten mit erstaunlicher Geschicklichkeit verrichten. Der Bambus wird erst getrocknet, dann gekocht, gereinigt, von Ast-Enden befreit, gerichtet und fein bearbeitet. Auf einem großen Sportfeld in Cao Bang ist die Bühne für uns errichtet. Abends wieder 20 000 Menschen vor uns. Erwartungsvoll sehen uns unzählige Augenpaare an: Was bringen uns die Freunde aus der DDR? Bis zu 30 Kilometer sind manche Familien über die Berge, durch den Urwald gelaufen; die kleinen Kinder sitzen bei der Mutter auf dem Rücken, und viele Menschen kamen schon am Vortage und haben am Ort übernachtet. Alles ist improvisiert. Am 2. Dezember rollen wir von Cao Bang nach Lang Son. Immer noch nieselt es, und das geht einem in Vietnam genauso auf ’s Gemüt wie zu Hause. Wir durchqueren regenverhangene, imponierende Gebirgslandschaften mit verzweigten Tälern, breiten, sehr gewundenen Flüssen und kleinen geduckten Ansiedlungen. Doch der größte Teil der Strecke führt durch dichten, alles überwuchernden Dschungel; er wirkt unheimlich, weil man fast den Eindruck bekommt, die grüne Woge wolle einen verschlingen. Die einsamen Gehöfte stehen auf Pfählen als Schutz gegen wilde Tiere, denn hier „tigert“ einiges herum. Schon am Vorabend sagte man uns bei 172

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einer blasenbedingten Rast: „Geht nicht so weit vom Bus weg ins Dunkle, hier gibt es Tiger!“ Wir erreichen Lang Son, den früheren Sitz des französischen Gouverneurs. Hier gibt es eine Eisenbahnlinie und -station. Die Verbindung zur „großen Welt“ ist deutlich erkennbar. Breite, schöne Alleen durchziehen die Stadt. Viele Gebäude wurden durch Bomben zerstört. Daneben stehen große protzige Villen und Paläste aus der Franzosenzeit in palmenreichen Gärten. Wir wohnen in einem solchen Haus und schlafen in dem ehemaligen Festsaal. Der Raum ist riesig groß und kühl. Mit Platz und Baumaterial sparten die Franzosen nicht. Es regnet noch immer; dennoch beginnt um 19 Uhr auf einer überdachten und mit geschlossenen Nebenräumen ausgestatteten Freilichtbühne unsere Vorstellung. Wieder haben 15- bis 20tausend Menschen Platz genommen; sie hocken in dem aufgeweichten Lehm und warten geduldig auf den Beginn. Die meisten sind Kinder. Dann verstärkt sich der Regen. Plötzlich, wieder während eines Volksliedes, das Vera Schneidenbach singt, passiert ein Unheil. Einer der Scheinwerfer verliert durch den Wind ein Kabel, das herunterfällt und den Boden unter Strom setzt. Die Kinder stürmen, erschrocken schreiend, auf die Bühne. Wir brechen ab, und unsere Kollegen greifen sich ein Kind nach dem anderen, heben es auf die Bühne, bringen alle in Sicherheit. Und der Jubel kennt keine Grenzen, als wir am nächsten Tage, dem 3. Dezember, eine Nachmittagsvorstellung nur für die Kinder geben. Nach einem herrlichen vietnamesischen Mahl heißt das Motto „Lu

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Moi“. Das ist dort der populärste Schnaps. Er hat eine ungeheure Wirkung; vielleicht ist er auch gut als Flugzeugsprit zu gebrauchen. Na, jedenfalls kommt Ilse Valetti auf die rettende Idee, leere Flaschen mit einfachem Wasser zu füllen. Nun können wir hemmungslos trinken. Man möge uns diesen kleinen Trick verzeihen, aber morgen müssen wir wieder fit sein. Reich beschenkt klettern wir am nächsten Tag in unsere Busse und diese mit uns wieder durch den Bergurwald. Wie dicke grüne Polster sieht er von der Bergstraße her aus. Alles ist dicht verwachsen. Wir sind ja jetzt jeden Tag durch Urwald gefahren, aber immer ändert er sein Gesicht. Trügerisch ist dieses friedliche Grün, denn das ist sie, die „Grüne Hölle“. Endlos scheint die Fahrt, und es ist schon tiefschwarze Nacht, als endlich viele Lichter aufblinken, Wasser neben der Straße glitzert, und wir am Ziel sind: am Meer! Wir sind in der (wie die Vietnamesen sagen) schönsten Bucht der Welt, der Ha.-Long-Bucht, die früher Bucht von Tonking hieß. Zikaden zirpen, wir sitzen auf kiesbestreuten Terrassen unter Pinien, das Meer rauscht, und über uns wölbt sich ein tiefblauer Himmel mit den Sternbildern des Südens. Von der Ha.-Long-Bucht über Hanoi zurück nach Berlin Ein diesiger, warmer 5. Dezembermorgen empfängt uns in der HalongBucht. Fremdartig schön hat die Natur hier in einer 60 Kilometer tiefen Bucht sektpfropfenartige Inseln aufgebaut. Im Dunst, hinter dem der Sonnenball mehr zu ahnen als zu sehen ist, wirkt das Bild wie eine Märchenkulisse. Zwischen den Inseln tauchen die Dschunken mit ihren bizarren Segeln auf, gleiten vorüber und verschwinden lautlos im Nebel. Wir tuckern mit einem kleinen Boot kreuz und quer durch dieses Paradies. Der Himmel reißt auf, die freundliche Sonne kämpft für uns den Blick frei: unübersehbar ist die Anzahl der Inseln; über 3000 sollen es sein. Ganz neu ist für mich das Schauspiel der eintretenden Ebbe. Die Felsen wachsen schier aus dem grünen Wasser, unterirdische Tore und Bogen tauchen auf, und als wir anlegen, liegen die Schiffe, die bei unserer Abfahrt am Kai schaukelten, mit ihren Kielen auf dem Schlick, in dem es von Muscheln, Einsiedlerkrebsen, Strandläufern und anderem fremdem Getier nur so wimmelt. Wir laufen durch das Watt, sammeln farbenprächtige Schnecken und Muscheln und kehren mit nassen Füßen und von Muscheln angefüllten Taschen zurück ins Hotel. Am nächsten Tag läuft unsere letzte Vorstellung in der DRV. Und gerade diese Vorstellung wird uns noch einmal zu einem besonderen Anliegen, denn die Zuschauer im „Kleinen Dramatischen Theater“ in Hanoi sind südvietnamesische Kämpfer, die zur Erholung oder Genesung in der DRV weilen. Radio Hanoi macht einen Mitschnitt zur Erinnerung an unser 174

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Gastspiel und um später in die von uns nicht bespielten Gegenden unser Programm auszustrahlen. Am Abend treffen wir uns mit vielen prominenten vietnamesischen Künstlern, die uns auf ihren originellen und uns zum Teil unbekannten Instrumenten Proben ihrer hohen Kunst zeigen. Der 9. Dezember ist der Tag der Abreise und des Abschieds. Mit : „Muß i denn, muß i denn . . .“ dampfen wir ab. Ein großes Erlebnis menschlicher Verbundenheit geht zu Ende. Glücklich und doch nachdenklich rollen wir gen Norden, wo uns in Peking die Freunde der DDR-Botschaft schon erwarten. In Peking herrschen: sechs Grad Kälte! Wir schlottern und werden schnell ins Hotel verfrachtet. Alles ist bestens organisiert, man überreicht uns einen festen Programmplan, alles wunderbare Vorhaben. An den Abenden spielen wir für das gesamte diplomatische Corps. Botschafter, Räte und Attachés von über 30 Nationen sind unsere Zuhörer. Einige davon sind zum ersten Male Gast in der DDR-Botschaft! Interessante Bekanntschaften werden gemacht, viele Gespräche geführt. Ungezwungen und fröhlich ist das Beisammensein, das bis fast zum Morgen dauert. Auch hier in Peking hat man große Überraschungen für uns vorbereitet. Ein „Peking-Ente-Essen“ an Ort und Stelle wird zum unvergeßlichen Erlebnis, und dann aber, am 15. Dezember, kommt der Ausflug zur „Großen Mauer“ als Höhepunkt unseres Peking-Aufenthaltes. Ist das ein Gefühl, wenn man seine „Berliner Beene“ auf dieses erhabene Bauwerk aus der Weltgeschichte setzt. Ebenso der Besuch der Ming-Gräber; es gelang

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Die Freundschaft wurde offiziell: Verleihungsurkunde des Ordens für Völkerfreundschaft erst vor zwölf Jahren, eines zu öffnen. Wir staunen über die fremde Pracht, stehen mit Schaudern vor einem massiv goldenen Teeservice, das der Kaiser nur benutzte, wenn einem Untertanen der Kopf abgeschlagen wurde. Kostbarkeiten über Kostbarkeiten, doch alle unsichtbar behaftet mit dem Blut vieler Generationen einfacher Menschen. Am 16. Dezember soll es heimgehen, aber der Winter erschwert die Landemöglichkeiten in Sibirien, und so verbringen wir noch eine Nacht im Pekinger Hotel. Dann aber, am 17. Vormittags, hebt die Maschine von der Rollbahn ab. Über 32 000 Kilometer liegen hinter und viele unvergeßliche Erlebnisse und Eindrücke stecken in uns, als wir in Berlin-Schönefeld landen. Und – eigenartig – alles so Vertraute scheint im ersten Moment fremd zu sein. Hier steht schon alles im Zeichen der Festvorbereitungen; schnell nehmen Heimat und Familie wieder voll von uns Besitz. Wir verabschieden uns voneinander, bis uns berufliche Wege wieder einmal zusammenführen.

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Briefwechsel mit Konrad Wolf Konrad Wolf – Komponist, Arrangeur Mitterfels, 8. Januar 1998 Liebe Gerti, ich habe mich sehr über Ihren Anruf gefreut. Wie versprochen, bin ich gleich an meinen Aktenschrank gegangen – ein Griff, und schon hatte ich das Gesuchte. Es handelt sich hierbei um einen, zugegebenermaßen auf den ersten Blick einseitigen (weil nur Ernsts Zeilen überliefert sind, bei denen seine Gedanken nur so sprudelten), aber m. E. doch hochinteressanten Schriftwechsel. Das war genau in dem Jahr, nämlich 1959, in dem ich ungefähr ein Jahr lang beim Berliner Rundfunk in der Nalepastraße als Programmgestalter bzw. Redakteur angestellt war. Ernst hatte sich erhofft, ich könne dort einiges für ihn tun. Leider war ich auf einem etwas anderen Gebiet tätig, und zwar in der ausgesprochenen Jazz- und Schlagerszene, weniger in der Opern- und Unterhaltungsmusik-Abteilung. Die sogenannte UMusik, heute eine Dachbezeichnung für jedwede musikalische Unterhaltung, war damals noch als reine, klanggemäldeverheißende und vor allem anspruchsvolle und auf keinen Fall durchgehend rhythmisch sein „gedurft habende“ (au weia), dafür aber höchst anspruchsvoll sein „gemusst habende“ (ebenfalls au weia) musikalische Kunstrichtung zu verstehen. Ehe ich dem Ernesto, wie zumindest ich ihn immer nannte (ich weiß nicht, wer noch), klarmachen konnte, daß ich an meinem Schreibtisch in Oberschöneweide nicht viel würde machen können, wobei ich dann doch einige Türen in den entsprechenden Abteilungen für ihn öffnen konnte, war ich nicht mehr im Sender. Es hatten sich zwischenzeitlich einige, nicht nur für DDR-Begriffe sensationelle, Erfolge für mich ergeben, wodurch man dann auch im Goldenen Westen auf mich aufmerksam wurde, und ich produzierte auf Deibel komm ’raus bei der Amiga und war inzwischen – neben meiner freien Tätigkeit – wieder im Musikverlag „VEB Lied der Zeit“ beschäftigt. Hier hatte ich Musikverlagskaufmann gelernt und kehrte nun als Cheflektor zurück. Nicht nur das: Just in der Zeit hatte Gott Amor grade bei mir zugeschlagen. Eine 17jährige Sängerin aus dem Nachwuchsstudio des Staatlichen Rundfunkkomitees hatte es mir angetan, vielleicht auch umgekehrt. Das mit dem Nachwuchsstudio müssen wir dann aber mißverstanden haben. Es kündigte sich nämlich im Frühsommer 1960 Nachwuchs an. Es folgten Heirat, Flucht in den Westen, Neuanfang. Und wir sind heute, mit einer kurzen Unterbrechung, noch immer zusammen. So blieben Ernstls Briefe aus dem Jahr 1959 eine Episode. Als er hörte, daß ich nicht mehr im Sender war und ich offenbar in einem ganz anderen briefe

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Metier Höhenflüge vollführte, bei dem es kaum die Möglichkeit einer Zusammenarbeit gab, versiegte der Briefverkehr genauso unvermittelt, wie er begonnen hatte. Hingegen telefonierten wir des öfteren in 1960, genau wie Ernst stets Anteil an meinem Werdegang genommen hatte, seitdem ich auf der Oberschule in Oranienburg in der 10. Klasse 1952 meine erste Kapelle oder auch Band gründete, dem Jahr, als ich Ernst bei dem legendären Ferienlager in und an der Wesendahler Mühle kennenlernte. Längst hatten wir (meine Frau, deren Eltern und meine Mutter) vor, abzuhauen. Das konnten wir aber niemandem sagen, auch den engsten Freunden nicht. Innerhalb einiger Monate trugen wir alles, was nicht nietund nagelfest oder zu schwer war, in der Aktentasche mit der S-Bahn oder sonstwie in den Westen zu meiner Tante und zur Oma meiner Frau. Dort waren schon die reinsten Warenlager eingerichtet. Die Mauer kam ja erst 1961. Ich habe es geahnt. Darum war höchste Eile geboten. Am Schluß durfte niemand mehr zu uns nach Hause kommen, es waren z.T. nicht mal mehr Gardinen dran. Klar, daß ich in dem Stadium nicht mehr ein Theaterstück schreiben wollte und konnte, wegen der Zeit und der Gewißheit, daß es im Osten nach meinem Weggang sowieso nicht gespielt werden würde. Und warum sollte ich andere mit hineinreißen, wenn sie mit mir was geschrieben hatten und dann womöglich ins Fadenkreuz gerieten. Meinem damaligen Textdichter, den ich natürlich ebenfalls nicht einweihen konnte, blieb das allerdings nicht erspart. Er mußte sich später öffentlich von mir distanzieren. Meine Schallplatten wurden dann auch vollkommen vom Markt genommen, eingestampft, die Noten makuliert, sämtliche Tonbänder mit meinen Aufnahmen gelöscht. Ja, die waren schon konsequent. Unsere Flucht war, nachdem wir noch meinen Moskwitsch verkauft und sämtliche Konten und Sparbücher ohne Hindernis abgeräumt hatten, wie durch ein Wunder Anfang September 1960 über die Bühne gegangen. In dem besagten „Warenlager“ befanden sich auch einige Aktenordner, darin unter anderem die Briefe von Ernst, an denen ich wegen ihrer Originalität, ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung, aber auch aus Sentimentalität hing. Ich mußte sie ganz einfach mitnehmen. Solche Schriftwerke, fand ich, müssen der Nachwelt erhalten bleiben. Außerdem wollte ich sie den Ostbehörden nicht überlassen. Wer weiß, was Ernst sonst vielleicht für Nachteile erwachsen wären. Und darum bin ich jetzt in der glücklichen Lage, Ihnen die Briefe feierlichst überreichen zu können, zunächst als Kopie. Abgesehen davon, daß Sie daraus vielleicht einiges für die Biographie entnehmen können, werden Sie sicher auch persönlich schmunzeln oder auch gerührt sein. So ist es mir zumindest ergangen, als ich die Zeilen soeben nach längerer Zeit wieder las. 178

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Ich kann bestimmt noch das eine oder andere weitere Detail aus der damaligen Zeit beitragen. Im Moment bin ich allerdings für etliche Wochen mit verschiedenen Projekten befaßt. Daher wäre es mir lieber, wenn wir das einmal in einem persönlichen Gespräch versuchen an die Oberfläche zu bringen. Darauf freue ich mich schon heute. Manchen Sie’s gut inzwischen, und seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem KONRAD

Ernst Heise Nordhausen, am 3. 3. 59 Lieber Conny! Heute schrieb mir Heiner Roßberg, daß er Dich besucht hätte, um unter anderem auch über mich mit Dir zu sprechen. Er hat mich schon lange damit angepiekt, mich mal an Dich zu wenden, aber meine Zeit – jroßer Jott! Ich bin ja in den Jahren, die wir uns nicht gesehen haben, ganz hübsch voran gekommen, so schnell es bei einer Opernlaufbahn überhaupt möglich ist, wenn man nicht gerade als Stern am Opernhimmel aufgeht, sondern hübsch langsam Stückchen für Stückchen hinaufklettert. Sicher erzählte Dir H., daß ich für die nächste Spielzeit als seriöser Baß an die Plauener Oper gehe. Ich habe hier in dieser Spielzeit sehr schöne Aufgaben gehabt, die meinen „Leumund“ in Fachkreisen ganz nett stärkten. Nur mein heimlicher Traum, der Funk, ging noch nicht in Erfüllung. Es boten sich schon des öfteren Chancen, aber dann saß ich immer dick in der Theaterarbeit und konnte nicht los. Einmal, vor 2 Jahren etwa, sang ich im Leipziger Funk vor und geriet leider Herrn Donnerhack in die Pfoten, der mich mit einem Packen „bewußte Lieder aus der Unterhaltungsmusik“ nach Hause schickte, die ich dann später vorsingen und produzieren sollte. Ich habe es nicht gemacht, lieber Conny, es war mir zu dämlich. Siegfried Bethmann hatte einiges verbrochen zu Texten, die von MTS und Schweinezucht erzählten. Heidideldei, wir machen dick auf neue Kultur, Tiralltirall! ! ! Nee, ohne mich! Später ließ sich der Leipziger Funk den Quark wiedergeben und jetzt hat sich, so vermeinte ich zu hören, (verzeih, ich höre den „dem. Rundfunk“ noch weniger als früher!) wohl Herr Alf Pörschmann dazu hergegeben. Na scheen! Dann aber saß ich wieder bis zu den Ohren in meinen Theaterpartien und träumte stille weiter, mal Funk zu machen. Nebenbei singe ich (heute mehr denn je) meine viel(ge-) und -beliebten Schnulzen; ernsthaft: ich singe auf vielen Veranstaltungen und Konzerten meine Titel, mit denen, das darf ich Dir doch sagen, ich immer wieder briefe

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enormen Erfolg habe. Meist muß ich so etwas wie: „Ol’ Man River“ zwei-, sogar dreimal wiederholen. Und da sage ich mir immer dann, wieso sollte es nicht einmal bei Euch klappen können, zumal ich ja nun durch meine stimmliche und berufliche Arbeit logischerweise versierter bin als vor 5 Jahren. Das dürfte ja klar sein. Weniger klar sind ganz andere Dinge. Ich habe eine ungefähre Vorstellung dessen, was ich bieten könnte oder möchte. Ich bin Opernsänger. Das schreibe ich nicht, um Dir zu sagen, daß ich mit der staatlichen Erreichung dieses Berufstitels nun etwa ein seriöser Mensch geworden bin . . . Igittegittegittegitt! Das Seriöse ist bei mir nur Fach. Sonst trete ich wohl jetzt gerade in meine etwas verspäteten, dafür aber recht intensiven halbstarken Jahre ein, – oder ich werde nie erwachsen, kann auch sein. Was wollte ich jetzt eigentlich? Ach so, ja, also ich bin Opernsäger, und meine damit, daß bei der Auswahl eines passenden Titels aus der Reihe der Schlager daran gedacht werden müßte. Fein gesagt, nich ? Kürzer: Ick kann nich allens mehr säuseln! Det würkt denn nich! Was mir vorschwebt ist eine gesunde Mischung aus Bruce Low, Laurenc Winters und vielleicht Willyleinchen Schneider, der rheinische Volkssänger mit dem Wonnebibber auf der Schalmei. So, mein lieber Conny, nachdem Du nun überhaupt nicht mehr weißt, was ich eigentlich will, könnte ich aufhören oder weiterschreiben. Da Du aber als schöpferischer Köönstler (ich schöpfe ja nur nach), immer auf Anregungen versessen sein mußt und es unhöflich wäre, nur eine Seite dieses ohnehin schon nicht sehr dekorativen Briefpapiers zu betippen, schreibe ich also weiter. Um Deine kostbare Zeit nun nicht weiter zu verbrauchen, werde ich wie „am Eingang“ wieder etwas sachlicher. Mir gefällts, wenn Winters mit Harry Herrmann „Begin the Beguin“, „Drei Münzen im Brunnen“, „Charmaine“ u. ä. singt. Oder: Hans Petersen (der ja übrigens auch Opernsänger ist) seine Sachen wie „Cordoba“ (oder wie das hieß) macht. Du verstehst jetzt sicher, auf welche Masche ich hinaus will, den ausgesprochen gesungenen Schlager. ’n bißchen schwer zu erklären, aber ich denke, Du verstehst mich! ? So weit ich nämlich informiert bin, gibt es für diese Art Schlagergesang bei uns niemanden (in meinem Fach als Baß, meine ich natürlich). Nun suche ich schon seit Zeiten einen neuen Schlager oder jemanden, der mir einen schreibt. Ich habe aus Oranienburg einen mitgebracht, der ganz nett ist, aber wohl auch noch nicht das Richtige ist. Das müßte man ausprobieren. Vielleicht hast Du aus Deiner Kiste was Passendes? Das wäre schon eine Schau. Weiter müßte man in aller Ruhe ausprobieren, ob die Stimme wirklich „kommt“, denn ein Bühnensänger braucht noch lange kein guter Mikro180

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Interpret zu sein, aber das weißt Du ja ebensogut. Meine Bandaufnahmen, die ich hier von mir habe (Opernpartien, die mitgeschnitten wurden), klingen allerdings ganz nett. Falls Du also gewillt bist, Möglichkeiten siehst, Interesse und Bedarf verspürst, wäre ich Dir für Hilfe und Rat sehr dankbar. Am allerschwierigsten sieht es mit der Zeit aus. Ich glaubte, jetzt bis Ende der Spielzeit Luft zu bekommen, aber gerade heute hat man mir etwas Außerfachliches aufgehängt, eben, weil ich mit meinen Schlagern immer gut beim Publikum ankomme. Es ist eine Rolle in einem Musical von Jochen Allihn (Magdeburg): „2 mal Madelaine“. Da das nicht in mein Fach fällt, wird es natürlich bestens honoriert. Ich freue mich auf diese neue Aufgabe sehr, leider nimmt sie mir viel Zeit weg. Ich denke, in der zweiten Hälfte März nach Oranienburg zu kommen, wenn Du bis dahin an mich geschrieben hast, werde ich mich bei Dir anmelden, und wir können alles bekakeln. Schönen Dank für Deine Geduld und 1000 Mal Vergebung bitte für die irren vielen Tippfehler, erstens kann nicht schreiben (System Adler: kreisen und zustoßen), zweitens ist es schon weit nach Mitternacht und ich etwas abgespannt, denn ich hatte heute abend Vorstellung. Wenn Du Hartmut Eichler triffst, grüß’ ihn bitte recht herzlich von mir. Ich verfolge ihn schon lange und freue mich sehr mit ihm über seinen Weg. Ich habe ihn immer sehr gern gemocht, er war ein netter, anständiger Junge. Wenn er Zeit hat, soll er mir ruhig mal schreiben; ich freue mich darüber. Nun langt’s, ich ziehe mich zurück und harre der Dinge, die da (von Dir) kommen werden. Laß es Dir gut gehen und nimm schöne Grüße von Deinem ERNST HEISE PS: Bei nächster Post bitte einen dicken Gruß an Lupus, Dein Bruderherz. d. O. PS ii: Hast Du schon einen „Blues“ komponiert? Mach’ mal, das reizte mich – aber bleib’ mir weg mit „Lipsi“. (Verzeih’ die Anmaßung, aber solchen „Sachsenhot“ mag ich nicht.) Nochmal d. O.

Fa. Heise & Kleopatra Nordhausen/Harz. Dimitroffstr. 9 daselbst, am 24. 4. 59 Lieber Bundespräsidentspostenanwärtervornamenauchträger! ! (= Konrad [Adenauer]) Wäre ich doch lieber am vergangenen Montag zu Dir gekommen, statt briefe

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mich der Sache hinzugeben, derentwegen ich bei Dir absagte, und die mir ein Herz voll bitteren Kummers schaffte. Im Sonstigen war diese Woche so, daß man dafür ein schlichtes deutsches Wort verwenden muß, das sowohl den Wert einer Angelegenheit klar mißt und in seiner lautmalerischen Ausdrucksform dem Gefühlsmoment des Sprechers passendst entspricht: SCHEISSE ! ! Der einzige Lichtblick war eben der Besuch bei Dir, der ja eigentlich mehr einem brutalen Einfall in die gerade stark konzentrierte geistige Atmosphäre Deiner Tätigkeit darstellte (siehe das auf dem Boden wartende Arrangierbrett, das ich so meuchlings verschob, – ich wasche mir seither diesen Fuß aus Andacht nicht mehr –) und mir dementsprechend peinlich war, weswegen mich eine nicht zu unterschätzende Verlegenheit befiel, die mein Mundwerk durch erhöhte Tätigkeit immer in solchen Fällen zu überschatten sucht. Daher det ville Jequatsche von mir. Ich weiß, daß Du das nicht glaubst (Du wärest auch der erste Mensch), aberst ich bin immer ein bißchen schüchtern und verlegen. Lach nich, Du Dussel, das ist wirklich so. (Darum habe ich es wohl auch noch nicht in der Öffentlichkeit so weit gebracht, wie ich gerne wäre.) Aber sehr gefreut habe ich mich, daß Du an meinem 36stiindig übernächtigten Singsang noch was fandest. Wenn Du so angetan, wie mir schien, (entschuldige bitte, ich bin nicht mißtrauisch, aber schon einige Jahre am Theater, wo man Erfahrungen macht, vor allem solche, die man am liebsten gar nicht machen möchte), dann könnte ich vielleicht doch nochmal beim Funk landen. Nun, warten wir ab. Ich schreibe Dir, vor allem eben desterwejen, weil ich mich entschuldigen will, wegen des besagten Überfalles. Büßen mußte ich es sowieso, denn „Kleopatra“ versagte ja völlig, das Schwein. Ich war am selben Abend noch einmal mit meinem Bruder per Roller an Eurer Behausung und hätte um ein Haar meine Autobatterie über Nacht eingestellt, wenn ich mich getraut hätte zu bimmeln. Aber ich wollte Dich nicht nochmal stören, wenn Du Dich arrangierender Weise über den Teppich wälzt. (Im übrigen auch mein Lieblingsplatz.) Es wäre ja auch ein bißchen ulkig gewesen; jahrelang sehen wir uns nicht, dann ballere ich Dir plötzloch den Sonntagabend kaputt und lege Dir schließlich mein pannendes Auto stückchenweise auf den Bettvorleger. Heise, das ist zu stark, drum ließ ich es. Am nächsten Morgen holte ich die Dame dann mit Gerhards Wagen ab. Hast Du „Kleopatra“ gesehen, als Du morgens gingst? Ein wildes Geschoß, was? Nun aber in medias res: Den Mai-Spielplan habe ich noch nicht, aber er soll mager für mich sein, so daß bestimmt Vorsingezeit bleibt. Ich schicke ihn Dir. Daß gestern die Sache nicht klappte, war sehr gut, man rief mich näm182

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lich zu gestern telegrafisch zurück, um wieder mal meinen staatlich konzessionierten, vertraglich erkauften und gagenmäßig stark unterbesoldeten Charm centimeterweise auf das hoch geschätzte Publico zu schichten. Sehr schön wäre es, wenn wir uns beide vor diesem Vorsingen nochmal in aller Ruhe, (ohne drängendes Brett auf dem Boden und kaputtes Auto vor der Türe) zusammensetzen würden, teils besprechender, teils probierender Natur. Ich verlasse mich dabei ganz auf Dein fachmännisches Urteil und Deinen Rat. Ich wäre Dir auch dankbar, wenn Du mir einige auf dem gesunden, zukunftsträchtigen, demokratischen Boden unserer neuen, optimistischen, sozialistischen Gesellschaftsordnung stehende Schlager besorgen würdest, denn mein, wenn auch außerordentlich beliebtes Repertoire weist doch starke Züge des gesellschaftlichen Verfalls einer überholten Klassenordnung auf. Nun das: Ich bin noch immer hell begeistert von dem Bruce-Lowe-Titel, den Du mir vorsangest. Das ist genau die Masche, die ich mag. Wobei auszuprobieren bleibt, ob es auch die Masche ist, die mir am besten gelingt, verstehn? Es ist klar, daß man Stücke, die man gern hört, auch gern singen möchte, es kann aber durchaus sein, daß etwas anderes einem mehr liegt! ’N bißchen kraus, aber Du kapierst mich schon. Jedenfalls möchte ich das Ding gern haben und bitte Dich sehr, es mir zu besorgen und per Nachnahme oder irgendwie zu schicken. D a n n : Komponiere doch mal ein paar Sachen. Etwas für mich und auch Kollegen. Ich habe in Plauen nachher bestimmt noch mehr Möglichkeiten, Titel zu verkloppen, siehe Bad Elster. Und wenn Du ein Geschäft dabei machen kannst, warum nicht? Weiter: hast Du einen guten Texter? Oder schmiedest Du selber, was Du brauchst? Ich biete mich als Amateursieger des Unterwulfingeröder Kaninchenzuchtvereinswettdichtens an. Wenn Du Texte von mir vertonst, werden sie sehr passabel, besonders als reine Orchesternummern. Also, da lieferte ich Dir auch, wenn Du brauchst. Ich weiß nicht, irgendwie müssen wir doch auch schaffen, was anderen gelingt. Und wenn ich höre, daß die Sänger der Staatsoper mit Gagen bis teilweise 20.000 DM im Monat nach Hause gehen, g e h t mir der Hut hoch. Mal ohne Flachserei, lieber Conny, bitte laß Dir meine Vorschläge mal durchs Gehirn kreisen. Vielleicht ist alles Quatsch, vielleicht aber ist doch etwas zu verwenden. Ich habe sogar vor (ganz entre nous, bitte) mal so etwas wie ein Musical zu schreiben, denn ich kliere so ein bißchen in meinen freien Zeiten. Denn wenn ich sehe, wie bombig „2 mal Madelaine“ ankommt und wie simpel im Grunde das Buch ist, warum sollen wir da nicht? ? Bloß einen Komponisten hatte ich bis jetzt noch nicht. briefe

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Die Theatereigenheiten, also in Bezug auf Bühnenbild, dramaturgischen Ablauf und Besetzung kenne ich als Theaterfritze genau. Ich habe schon einmal vor Jahren an Dich deswegen gedacht, aber wir hatten ja keine Verbindung. Du müßtest darin für die musikalische Arbeit sorgen. Und Abnahmeschwierigkeiten bestehen kaum, denn bei dieser Lage sind ja die „Henscheler“ froh, wenn etwas angeboten wird. Es muß ja auch nicht heute und morgen sein. Aber überdenk’ das mal. Vielleicht will es wirklich das Glück, daß wir näher zusammen zu tun bekommen, dann könnte man getrost einmal an solche Dinge denken. Nur bitte, erst einmal nichts verlauten lassen. Das war alles, was ich auf dem Herzen habe. Ich denke ja, mal etwas von Dir zu hören, auf alle Fälle bekommst Du meinen Mai-Plan, um mit mir rechnen zu können. Für Deinen Aufenthalt im schönen Jenensis wünsche ich Dir bon Wetter und so das Übliche. Falls Dich Dein Weg in meine Gegend führt, bitte sei willkommen auf das Beste. Eine Unterkunft, Verpflegung und einen genußreichen Abend eines mäßigen Stückes bei falscher Besetzung und schlechten Darstellern habe ich immer zur Verfügung. Machs gut und laß Dich grüßen von Deinem singenden Überfall am Sonntagabend ERNST PS: Ach, noch etwas ganz Wichtiges! Wenn Du heute ins Bett gehst, vergiß nicht, ächte die Atombombe!

Nordhausen, am 29. 5. 59 Lieber Conny! Heute kurz und sachlich. Ich bin vom 6. bis 9. Juni in Oranienburg. Es wäre schön, wenn ich am 8. Juni vorsingen könnte bei Euch. Bitte gib mir umgehend Bescheid, ob überhaupt und wenn ja, dann bitte wo und bei wem. Deine Rufnummern habe ich noch. Willst Du mich vorher (etwa Samstag oder Sonntag) noch einmal sehen und hören? Ich hielte das für günstig, überlasse es aber Dir. Ich danke Dir und erwarte Deinen Bescheid; mit herzlichem Gruß Dein ERNST

Nordhausen, am 11.6.59 An Meister Konrad, den Bartlosen! Du bist ja ein Fast-Genie. Kaum 24 Stunden in Nordhusias Mauern, bim184

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melte mich heute die Eilpost mit einem DS-Briefchen heraus. Herr Rüsimg läd mich zum Mittwoch (17.6.) um 16 Uhr ein. Mein Dank schleicht Dir nach für Promptheit und gute Fürsprache. Wenn Du jetzt den restlichen Zeitraum benutzt, um gleich einem geistigen Narkotikum kraft Deiner Sprachintensität und dramatischen Überzeugungsmacht (ich denke an Deine hervorragende Interpretation g’schamiger und brutaler Witze), dann wird es Dir gelingen, das Prüfungsgremium einzulullen und denkbar günstig zu stimmen. Überzeuge sie von der weitgespannten (bitte nicht überspannten) Potenz meiner Person; der künstlerischen natürlich. Das heißt, wenn Frauen mit im Bunde sind, kannst Du das Wort „künstlerischen“ beruhigt fortlassen. Ein wollüstiges Aufstöhnen wird Dir und mir Recht geben. Mal etwas ernsthafter: ich habe „THE END“ (Jede Straße hat ein Ende) nicht bekommen können, es ist noch gar nicht gedruckt. Ich habe es bestellt, aber das dauert (Bote & Bock) mindestens 10 Tage. Statt dessen kaufte ich das von Dir sehr empfohlene „Der Schleier fiel“ ( LES FEUILLES MORTES ). Ich glaube damit einen guten Griff getan zu haben. Das liegt mir sehr gut, ich singe es schon und hatte heute eine Probe im Theater damit. Leider ist auch dieser Titel getragen und sogar resignierend. Auch die rote Lampe und die eingedrückten Kissen sind nicht drin, eher eine neblige, regnerische Nacht und zertretene Blumen. Mir jedenfalls gefällt es. Ich wußte nicht, daß es schon soo alt ist, ich kannte es wohl, aber eigentlich fiel es mir erst in letzter Zeit wirklich auf. Nun habe ich also: „OL’ MAN RIVER“, „CHARMAINE“, „BEGIN THE BEGUIN“ und „DER SCHLEIER FIEL“. Etwas Flottes fehlt leider, tut mir leid. Werde ich Dich am Mittwoch sehen? Bist Du dabei oder darf ich Dich anschließend besuchen in Deinem Büro? Ich rufe Dich an, wenn ich ins Haus komme. Nun nochmals schönen Dank, ich freue mich mächtig, hoffentlich klappt es ein bißchen. Viele schöne Grüße bis dann von Deinem ERNST. PS: Du kennst jetzt meine Stimme und ihre Möglichkeiten, denk daran, daß Du mir etwas komponieren wolltest; nicht heut’ und morgen, aber ich trete Dich dauernd, tschüs, d. O. Und im übrigen: Kennst Du den Unterschied zwischen einem reizenden, sehr kurvenreichen, jungen Mädchen und einer Telegrafenstange? ? Nein? Kletter’ mal rauf, dann wird er Dir klar! ! !

Nordhausen, am 2. Pfingstfeiertag (1959) Bei Regen, Blitz und Donnerschlag Liebwerter Kunstjünger auf streng demokratischer Ebene, obwohl Du Dich in Schweigen hüllst, briefe

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dicht wie das Dunkel, das mich in annähernd 23 Minuten umgeben wird, greife ich zur Taste, Dir zu vermelden, daß ich noch lebe. Ich weiß nicht, ob Dich mein letzter Erguß erreichte und ob wir bei Abgesprochenem verbleiben –? Ich war jetzt fast drei Wochen in Oranien– usw., wohl gerade die Zeit, in der Du Deinen Jünglingskörper durch jenensische Frühlingslüfte transportiertest. Das ist kurz gesagt schade, denn nunmehr habe ich im Mai keine Zeit mehr, sondern muß unsere bzw. meine Transaktion auf den Juni verschieben. Sowie der Spielplan heraus ist, melde ich mich wieder. (So schnell wirst Du mich nicht wieder los. Es ist wirklich ein Jammer, daß das jetzt nicht klappte, denn ich hätte vielfach Zeit und Gelegenheit gehabt, vorzusingen. Aber da ich nun auch von Dir nichts höre, tappe ich einigermaßen im Dustern. Du wolltest so nett sein, mir vielleicht ein paar Osttitel zu verschaffen, ich habe ja nur dekadent beliebtes Zeug. Ich habe Dir umfassende Angebote aus meiner dichterischen Werkstatt gemacht, aber mein Ruf verhallte ungehört. Ich nehme den Mai als Quasi- und Summa-Summarum-Entschuldigung für Dich. Das war an sich das, was ich Dir sagen wollte. Ich bin wieder kurz vor der Vorstellung „Madelaine“, die nach wie vor noch mit Bombenerfolg läuft. Neulich in der Bahn traf ich Hartmut Eichler, er fuhr gerade (ebenso wie ich) zu einer Veranstaltung am ersten Mai. Ich muß mich verziehen, die Pflicht ruft! In der Hoffnung Ihrer geschätzten Antwort baldigst entgegensehen zu dürfen, erlaube ich mir, Sie mit vorzüglicher Hochachtung zu begrüßen . . . sonst kriegste einen auf ’n Hut – Tschüs und Gruß, Dein E H. PS: Leg’ das Ohr an die Masse! !

Nordhausen, am 25. 6. 59 Lieber Conny, hast Du schon einmal ein Mittag- bzw. Abendessen, noch besser gesagt, ein am Abend gegessenes Mittagessen so runtergeschlungen, daß die darauffolgende Nacht stark unter dem Einfluß erheblicher Verdauungsstörungen stand? Vielleicht? Na, dann weißt Du, wie mir gestern war. Und warum? Deinetwegen – da staunste, was? Mit sehr viel Glück hatte ich in dieser Woche eine Funkzeitung erwischt und las per Zufall, daß gestern (Sonntag) in einer Sendung „Wer ist hier jung, wer hat noch Schwung“ ein Titel von Dir angekündigt war. Neugierig wie ich nun mal bin, wollte ich unbedingt Dein Musenkind hören. Dieweilen ich aber tagsüber auf der Freilichtbühne Altenbrak mit „Madelaine“ zu tun hatte, konnte ich erst abends essen gehen. Und das fiel eben genau mit 186

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der Sendung zusammen. So kam es denn –. Heute ist mir schlecht davon. Trost in meiner unverdauten Lage (es war auch noch Rehkeule –, war mir, oder ist mir jedoch, daß ich den Titel trotz wilder atmosphärischer Störungen (den B. R. hier zu empfangen ist reine Glücksache) gut hören konnte. Und jetzt ohne Flachs: Conny, das gefiel mir ausgezeichnet, zumal das eine Art Rhythmus (ich weiß ehrlich gar nicht einmal wie man ihn nennt) ist, die mir ganz besonders gefällt. Auch Hartmuts Gesang sehr geschmackvoll. So, das war es, was ich im Grunde nur wollte, nicht wesentlich, aber vielleicht freut es Dich doch ein bißchen. Hätte es mir nicht gefallen, hätte ich nichts geschrieben, ich bin sehr ehrlich. Anfang Juli komme ich vorbei, wann, erfährst Du genau. Schön wäre es, wenn ich vorher etwas von Dir hörte. Schönen Gruß (an wen ist mir wurscht) von Deinem ERNST

Plauen, am 1. 9. 59 Das ist keine Kriegerklärung! Lieber Connyknabe! Du Wirker im Stillen, wohlgemerkt: „Wirker“, – nicht „Würger“. Der für mich ereignisreiche 30. 8. ist nun vorbei, und da gedenke ich in fast stiller Stunde Deiner, der Du mich kommen ließest, so daß es geschah, was geschehen. Du siehst es, daß ich mich auf der höheren Ebene der Kulturveranstaltungen des Demokratischen Rundfunks zu bewegen lerne. Ich hatte ja die ganz stille Hoffnung, Deiner in der Wühlwühlheide ansichtig zu werden, aber Du bist eben ein im Stillen Wirkender, wie oben erwähnt. Ich denke, daß alles ganz gut geklappt hat, ich sang im Vereine mit Frau Stein, Corelli, Herrn Herbert Ernst Groh und Herrn Schiemann unter der Redaktion von Herrn Liedke und der Stabführung von Herrn Grellmann um 19 Uhr auf Bühne iv die Schnulzen „Laß Dir Zeit“ und das „Steinweinwirtlied“. So, das war es in gedrängter Form. Vorher interfiefte mich sogar die Red. Kultorpoletek, um mich den Berliner Publikümmern vorzustellen. Man führte mich, also ihn, ein. Nun habe ich an Herrn Neugebauer geschrieben, auf daß er mich (hoffentlich) weiter holt, warten wir es ab. Im übrigen habe ich hier am Plauener Theater auch einen Herauszögling Neugebauers kennengelernt (nach drei einträchtigen Bierreisen): Manfred Drescher, Dir sicher nur namentlich ein Begriff. Wir grellmannten beide am Sonntag und fuhren gemeinsam frierend wieder gen Plauen, obwohl er hier nur noch Gast ist. Sehr nett war ein zufälliges Treffen mit „Spatzi“ Ingeborg Falk, einer ehemaligen Schülerin von mir, der jetzigen Verlobten von Reimund Erbl. Über Hartmut habe ich mich mächtig gefreut, er ließ briefe

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alles steh’n und freute sich so herzlich, na also daß ich mich eben auch freute, wie er sich freute. Freut Dich das, äh, ich meine verstehst Du das, nein, na, nicht so schlimm. Wir klönten inmitten all der Menschen riesig dufte mit Spatzi in H.’s Auto. Was mich besonders erfreute (schon wieder) war, daß H. ganz natürlich und ohne jede Flausen ist. Alle die Geschichtchen, die man über ihn im Lande erzählt, sind Spinne, ich hatte sie immer mit großem Bedauern vernommen und mir keinen rechten Vers machen können, na ja, es ist wohl so, viel Ehr, viel Neider. Ich erzählte ihm auch von diesen Gerüchten, er wußte darum und sagte mir, es ärgere ihn oft. Im übrigen hätte er mir das gar nicht zu sagen brauchen, man merkt ihm genau an, daß er auf dem Teppich geblieben ist. Lieber Conny, das alles war sehr sehr schön für mich, und ich denke, auch nicht ganz ohne Aussichten. Dir in erster Linie verdanke ich den Anstoß, ich schulde Dir (mit Freuden) eine Flasche Sekt, das war abgemacht, wobei ich allerdings noch nicht weiß, wann und wo wir den kübeln. Horch doch mal herum, Hartmut hat die Absicht, wenn er wieder in Zwickau ist, mich zu besuchen, komme doch ruhig mal ein paar Tage her, Du bist mein Gast, erholst Deine Nerven im herrlichen Vogtland und Du kehrst voller Schaffensdrang an Deine Kartotheken zurück. Es sei, Telegramm genügt. Das hieseiger (ich kann nicht mehr schreiben) also: das hieseim – klappt nicht: zum Dritten: das hiesige Theater ist zwar ein großer Haufen Dingsda, aber es existieren hier einige ganz dufte Kollegen. Vielleicht rufe ich Dich bald mal an, denn ich will ja Neugebauer systematisch den Nerv töten. Laß Dir nochmal danken, nee, nee, nich zu bescheiden, ich bin Dir wirklich dankbar, und laß Dich herzlich grüßen von Deiner Entdeckung ERNST PS: Nimm in die Linke eine Postkarte, in die Rechte einen Stift und schreib mir einen Gruß; ich freue mich dann sehr. PS ii: Für eine enge Zusammenarbeit mit allen fortschrittlichen Kräften auf dem Dorf.

Heise, Plauen, Samstag, 7. 10. (1959) Tag der großen Oktoberrevolution: Hurrrra, hurrra, hurrra! ! Connycünstler, liebwerter Freund und (hoffentlich) Mitgestalter weltbewegender Dramen! Dein mich sehr erfreuender Anruf hat mich eine halbe schlaflose Nacht gekostet, weil der gute Junge auf Grund der Tatsache, daß für seine blöden 188

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Ideen ein eventueller Mitblödeler da ist (das bist Du!), sofort versuchte, seine ehemaligen Gedanken zusammenzunehmen. Sofort wollte ich schreiben, aber wie überall, hält auch mich die Arbeit von den besten Dingen ab. Daß ich nachts denke, darf Dich bei Kleinem gar nicht kratzen, ich habe in der Nacht meine fruchtbarsten Momente (literarisch auch!) Wenn ich zur textlichen Untermauerung Deiner Kompositionen so befähigt bin wie für die Sache begeistert, so wird es gout, (nicht Ragout, sondern schlicht gut)! Hier klingelte es, ich öffnete, und vor mir stand die süße TiehnäetschVerkäuferin aus der Milch-HO gegenüber. Sie legte mir (unaufgefordert! ! ! !) das Kostbarste ihrer 17 ⁷⁄₈ Lenze mit anmutigem Erröten zu Füßen: Ein halbes Pfund Butter! ! ! SiehstedasisPopolaretäte! So, nachdem meine Wirtin mich nun noch mit Kenijsbarjer Klabsen vollgefüllt hat, bin ich eigentlich müde, aber nein, es geht weiter! Eisern. Nach dieser einleitenden Ausführung (ausführenden Einleitung geht auch), werde ich jetzt mal ganz sachlich Dir meine bisherigen Gedanken tippweise übermitteln. Da fällt mir ein: hast Du Dein Tonbandgerät noch? Das läuft aber wohl noch auf 19er Geschwindigkeit? Sonst könnte ich mir die ganze Tipperei ersparen und Dir meine Mitteilungen „rübersprechen“. Mein KB 100 hat aber nur 4,75 und 9,5 Geschwindigkeit. Ist in Deiner Bekanntschaft solches Tempo vorhanden? Laß es mich wissen, dann komme ich nächstens tönend zu Dir. Ich bin ja kein Anfänger mehr am Theater und habe die 7 Jahre auf den Brettern viel gesehen und abgeguckt. Die musikalischen Lustspiele, die ich gegenwärtig habe (und die im Prinzip hier an den Bühnen laufen), sind: „Das andere Ich“ (ganz nett!) „Ostseestrand und List und Liebe“ (Käse) „Der Aushilfsgatte“ (ich finde es nicht doll) „2 x Madelaine“ (sehr schön) „Feuerwerk“ (ausgezeichnet) Kennst Du ja wohl: O mein Papa … Mehr oder weniger sind die Handlungen ähnlich, bis auf Feuerwerk, das ja tatsächlich im gewissen (und gekonnten!!) Sinne eine Gesellschaftskritik in sich birgt; es kommt ja auch aus der Schweiz. An folgendes dachte ich zuerst: Das Stück soll möglichst ein „Durchsteher“ sein, das ist nicht eine sexuelle Dauerpotenz, sondern ein Stück mit e i n e r Dekoration, das ist theatertechnisch günstig. Wenig Personen (ich dachte an höchstens sieben). Gags und Situationen, die bislang noch nicht auf der Bühne waren. (Das ist die weitaus schwerste Forderung.) Um dieser Forderung und der Tatsache, daß Schadenfreude die reinste ist, zum Erfolge zu verhelfen, dachte ich an etwas, was bestimmt noch nicht briefe

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auf der Bühne war: als Mittelfigur agiert ein junger Zahnarzt. Das gibt unendlich viele Möglichkeiten, da Gags, Songs, Nachtänze usw. einzubauen. Die letzte Forderung ist eine dufte Musik, die endlich mal (ohne die Gesetze der Bühne zu vergessen) schmissig und ganz modern ist. Das ist Deine Sache, und dazu bist Du ohne Schmus genau der richtige Mann. Im übrigen wird die Forderung in den oben genannten Stücken nur in „Feuerwerk“ und teilweise in „2 x Madelaine“ erfüllt. Ich wollte mal ganz anders beginnen. Das Stück beginnt mit einem jungen Ehepaar beim Frühstück. Sagen wir mal Brigitte und Andreas Beier (die Namen fallen mir jetzt nur zur besseren Erläuterung ein). Jung verheiratet ist Brigitte der Typ der modernen jungen Frau, Anfang 20, fesch, intelligent (vielleicht berufstätig), sportlich, verliebt in ihren Andreas. Er ist der entsprechende Partner. Modern, aber nicht ohne Reife, Beruf weiß ich noch nicht. Beide haben einen Freund (es ist Andreas‘ Freund aus der Studienzeit oder dem Sportclub Tennis, Boot, Baseball oder was weiß ich). Rolf (so nenne ich ihn mal hier) ist ein tüchtiger Zahnarzt und wohnt mit Beiers in einem Hause. Er ist die Kernfigur des Stückes (Buffo bzw. jugendlicher Komiker). Rolf ist Junggeselle. Er ist ein ungemein sympathischer netter Junge. Tüchtig und lustig, sportlich und klug. (Das sportliche Moment will ich immer wieder haben, denn ich sehe in den jungen Leuten typische Vertreter der heutigen Jugend, was ja auch wir beide, Conny, sind.) Das ist nicht im Scherz gemeint, sondern sind Beobachtungen und Überlegungen. Rolf ist überall beliebt, jeder mag ihn, besonders die Frauen. Verstehst Du mich? Ein großer Junge mit „seelischen blue jeans“ möchte ich mal sagen. Aber nicht halbstark (oder halbseiden), sondern gerade, offen, freundlich, modern, studentenhaft. Stell’ Dir vor, unsere heutigen Studentinnen und Studenten in 6 –10 Jahren. Guck Dich an, guck mich an. Nicht elegisch sentimental, sondern patent, doch nicht oberflächlich. Ich hoffe, Du verstehst. Ich glaube auch, das gefällt, denn erstens schreiben wir das Stück vornehmlich für junge Leute, und zweitens befolgen wir ein altes Theatergesetz: die Zuschauer wollen s i c h sehen, sich identifizieren mit der gesehenen Figur. (Mal privat: ich bekomme heute noch Schreiben über meinen Knut Storm in „2 x Madelaine“ von Oberschülern und Studenten, die mich so „studentenhaft“ fanden und begeisterte Briefe schreiben. Das gibt mir recht!) Rolf hat fleißig studiert und keine Zeit für private Dinge gefunden außer seinem Sport und ab und zu einer kleinen Studentenliebschaft. Er hat auch jetzt nicht viel Zeit, noch nicht mal soviel, um sich mal seine ganz reizende Sprechstundenhilfe, Susi soll sie mal heißen, genauer anzusehen. Susi ist auf eine Annonce hin zu ihm gekommen. Sie ist stiller als Brigitte, aber kein Weibchen, sondern ein natürliches, nettes junges Mädchen, 190

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anmutig und mit Ansätzen zur jungen Dame. Grinse nicht, ich meine charakterliche „Ansätze“. Auch sie macht hin und wieder, genau wie Brigitte Beier, einen heimlichen Handschlag mehr für ihn (Einkaufen oder was Nähen oder solche kleinen Liebesdienste, die er (Rolf) mitunter gar nicht bemerkt. Susi mag ihren Chef sehr und ist ein wenig in ihn verliebt. Er merkt überhaupt nichts, außer daß sie eine gute Hilfskraft für ihn ist. Er ist überhaupt unmöglich. Seine Behausung ist reichlich jung“gesellig“. Conny, denk an Dich oder – mich! Nicht schmutzig oder lotterig, aber typisch Bude, immerhin ist er ja Zahnarzt. Er und Andreas sind übrigens etwa gleich alt, ich dachte so 29–34 Jahre. Jünger dürfen sie nicht sein, sonst sind sie zu „unerwachsen“. Entschuldige, Du bist jünger, aber eine „reife“ Ausnahme. Außerdem wäre es auch zu unwahrscheinlich. Wenn Andreas und Brigitte frühstücken, „dreht“ sich irgendwie verrückt der Rolf ins Zimmer, über den sie gerade sprachen. Er läßt wieder ein paar typisch smarte Gags los (die ich noch nicht habe) und geht „zahnarzten“, ein freundschaftliches Kopfschütteln zurücklassend. Da beraten beide Beiers, wie sie Rolf zu einer (dringend benötigten) Frau verhelfen können und kramen in ihrer Bekanntschaft nach Freundinnen, die in Frage kommen. (Bei dieser Gelegenheit horcht Brigitte ihren Andreas gleich mal nach „Ehemaligen“ aus.). Er rückt mit einem Mannequin heraus (Yvonne, ganz Weibchen, Gegensatz zu Susi!!) und sie mit einer ehemaligen Kollegin von der – na meinetwegen – Kunstschule, einer Graphikerin oder Photographin oder so etwas, Tanja (ganz hyperintellektuell, ganz supermodern, mit Brille und tiefer Existentialistenstimme (Inge Döhmer! ! ! fällt mir gerade ein! !) Auch sie steht im Widerspruch (bühnenaussagemäßig) zu Susi. Ich meine die Tanja, nicht die Döhmer. Nun hetzen sie diese beiden Frauen zu dem ahnungslosen Rolf, es ergeben sich verwickelte Situationen in der Praxis (Zweites Bild!), da er immer glaubt, Patientinnen vor sich zu haben und sie behandelt, ohne daß sie es wollen. Ich habe schon einige Gags im Schädel, über die ich alleine erstmal schon ganz hübsch gejiibbelt habe. Im übrigen hat Rolf eine alte Verehrerin in Susis Tante (Komische Alte!). Sie hat damals Susis Anstellung vermittelt und mit Rolf verhandelt. Dabei hat sie (etwa 39–45 Jahre alt) sich in den „jungen Doktor“ verknallt und kommt nun regelmäßig (viel zu oft) zur Zahnbehandlung weil sie (Witwe) ihn sich kapern will. Sie geht dabei im wahrsten Sinne „ran“, was den armen (schüchternen) Rolf zu allerlei Abwehrmaßnahmen und Lausbübereien veranlaßt, um sich ihrer zu erwehren. Susi beobachtet ihre Tante mit Mißtrauen, und da beide (wenn auch aus verschiedenen Gründen: Susi aus Eifersucht, Rolf um sich zu wehren), die liebestolle Tante piesacken, muß die ihr Liebeswerben als ein fürchterliches Martyrium auf dem bewußten Stuhl ertragen. Rolf tut in seiner unbekümmerten (etwas gedankenlosen) Jungenhaftigkeit auch Dinge, die die „seriöse“ Tante tief empören. (Zum briefe

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Beispiel klingelt, als einmal gerade die Tante auf dem Stuhle sitzt, das Telefon, Rolf, der gerade den Fußhebel betätigte, um die Tante „hochzuwinden“, Du kennst das ja Conny, telefoniert abgewandt vom Stuhle, während er ständig weiter tritt, so daß die Tante etwa einen Meter hoch im Raume schwebt. Sich zu ihr zurückwendend erschrickt er über das, was er gemacht hat, läßt plötzlich los und die Tante saust mit einem Ruck wieder runter, dann empört die Praxis verlassend.) Solche und ähnliche Knüllerleinchen müssen natürlich rein. Eine Soloszene für Rolf muß hinein, in der er Zahnschmerzen hat und versucht, weil er Angst vor einer Zahnbehandlung hat, sich mit Spiegel und gutem Zureden sich selbst zu behandeln. Das kann für einen guten Buffo ein Kabinettstück werden.(Nebenbei bemerkt gibt es solche Zahnärzte!) Ein Konflikt entsteht irgendwie, ich weiß noch nicht wie, etwa durch ein verdächtiges Indiz, und Susi schnappt ein. Brigitte bringt das wieder in Ordnung, während Andreas den (inzwischen helle gewordenen und nun völlig verzweifelten und darum trunkenen) Rolf wieder seelisch aufrichtet. Die Tante versteht jetzt, verzichtet und gibt als vernünftige Frau ihren Segen, dem sich die beiden mißhandelten und mißverstandenen Freundinnen denn dann auch anschließen. Der Schluß soll nicht mit großem Finale sein, sondern (wieder im Zimmer der Beiers) sieht man die beiden Paare: Andreas und Brigitte und Rolf und Susi beim Packen ihrer Campingausrüstung, zu der die Tante und die beiden Freundinnen noch ein kleines Präsent beisteuern. Sie machen eine Urlaubs- bzw. Verlobungsreise an die Ostsee. Dabei wird ein zünftiger Song losgelassen, und während alle packend am Boden knien oder in Schränken wühlen, winken sie in die Zuschauer und der Vorhang fällt. Uff! ! Das wäre in ganz ganz rohen Zügen etwa, was mir im Kopfe rumspukt. Bitte schreibe mir sofort Deine Meinung darüber. Frage auch andere geschmackvolle Leute nach ihrer Ansicht und bringe mir jede neue Idee, ob Du sie für gut oder weniger gut hältst. Über Art der Songs oder Duette, Chansons, Tänze, Zwischenspiele usw., also das ganze Musikalische in seiner Anordnung zur Handlung und den Inhalt der einzelnen Musiktitel müssen wir uns genau, am besten mündlich, auseinandersetzen. Ich harre Deiner Antwort. Ich habe noch eine Idee, allerdings ohne jede klare Vorstellung bis jetzt, eine musikalische (beinahe) Kriminalkomödie auf einem Ozeandampfer. Eine Gelegenheit, um Shantys und so etwas einzubauen, auch neu im musikalischen Lustspiel. Mich ruft schon wieder die Pflicht, bzw. ehe ich ins Theater rase, will ich mir schnell noch die Perry-Como-Show im Fernsehen ansehen, dann muß 192

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ich wieder „bettelstudenten“ – leider, das ist ein restlos überholter Käse! Conny, tschüs, auf hoffentlich bald, antworte mir, und im übrigen bin ich höchstwahrscheinlich um den 18., 19., 20. 11. in Berlin. Eine Gelegenheit, sich zu treffen. Grüß’ rund herum (auch Neugebauer, wenn Du es für gut und richtig hältst) und nimm selber die besten Grüße von Deinem ERNST

Ernst Heise kein Lektor (traditionsgemäß hochmusikalisch) nur Opernsänger ( traditonsgemäß unmusikalisoh) – daselbst in Plau.en (zwangsweise ollendörflich!) Eisenacher Str. ZWO, am 16. 10. im Jahre des HERRN 1959 Nein! Neieenn! ! Die Freude läßt die Type stocken, kann man auch Freien . . . . . ., aber das gehört ja nicht hierher! ! DU schreibst mir! Ein Lichtstrahl von den Höhen der Kultur trifft jäh in diese kleine Künstlerklause. Mein Dank eilt mit prompter Antwort Dir zu! Ümmerhün ist es eine postalische Großtat sozialistischen Ursprungs, daß mich Deine Sendboten antrafen, denn ich weile fort, hoch oben. Wenn Du vor Dein trautes Heim trittst und weit über Dir weiße Wölkchen segeln siehst, dann wisse Freund, da oben schwebt seit sechs Tagen der liebwerte, holde, minnedurchnäßte usw. Sänger Heise, unter sich einen Riesenhaufen Scheiße lassend, der Plauen heißt. Ja, so gut der Ruf des hiesigen Theaters (aus alter Tradition) ist, so schlecht der Kasten verputzt ist, so „scharf“ ist der ganze Laden. Fülle, fiehlzufülle Arbeit, dofes Volk, wenig Urlaub und einen sich ewig vergrößernden Berg „Fortschritt“. Wochen böser Enttäuschung, des großen Klagens und gewaltigen Schuftens liegen hinter mir. Itze merk auf! Plötzloch flatterte mir ein Wisch ins Haus, dem ich stikum, Plauen lag in träger Ahnungslosigkeit, vermittels der immer noch unpünktlichen Reichsbahn (auch aus Tradition) folgte und der mich weit fort führte. Zurück segelte ich auf besagten Wölkchen der Wonne, Freude und damals des Geistes einiger Gefäße „Zeller schwarze Katz“. Herr Generalintendant Nationalpreisträger Nationalpreisträger Hanns Anselm Perten hat mich für würdig und qualitativ gut genug befunden, mich als Vertreter des 1. Faches meiner Unstimmlage mit einem Zweijahresvertrag an sein Haus Rostock zu verpflichten, das im nächsten Jahre ob seiner Bedeutung in die Sonderklasse rutscht und damit den Opernhäubriefe

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Konrad Wolf 

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sern Berlin, Leipzig, Dresden gleichgestellt wird. Das ist es! ! ! Zwar liegt Rostock auch noch in der Provinz, aber das ist eine solche, die auch in Berlin beachtet wird, und die Zeit der „Schmiere“ ist für mich mit  Jahren vorbei. Wenn auch Plauen schon keine Schmiere mehr ist, das wäre zu hart, so ist aber der Sprung an die Küste ein Trepprauffall, der hier wie eine Bombe einschlug und die Neider und bösen Zungen wach werden ließ (Es gibt davon mehr als gut tut). Ohne Flachs, lieber CKonny, freue Dich mit mir, im Theatermaßstab bin ich für mein Alter schlicht „oben“. Mehr kann ich jetztum noch nicht verlangen, denn die nächste Stufe heißt ja nur noch Berlin. Nun verstehst Du wohl auch die Wölkchen! Da das . Fach in Rostock, übrigens eine imponierend moderne und lebensvolle Stadt mit Zukunft, da also dort das besagte Fach doppelt besetzt ist wie an allen großen Häusern, werde ich Zeit haben zu funken, wenn man in Berlin will. Ich lasse mit diesbezüglich eingeflochtenen Randbemerkungen allernächstens einen Schreibebrief an Mr. Neugebauer los, er wird (der Brief), so denke ich, seine Wirkung nicht verfehlen. Hoffe ich! Im übrigen tut sich funkalistisch in Rostock auch einiges, wie ich vernahm. Wenn Du Harty triffst, grüß ihn natürlich von mir, ich habe ihm auch zweimal geschrieben, aber Euch muß man ja erst zehnmal schreiben, ehe Ihr (allerdings gekonnt) einmal antwortet! Batsch, wie war’n der? Erzähle ihm von meinem Nordlandtrip, ich denke, es wird ihn genauso wie Dich erfreuen. Und wehenn Ihr um den . herüm hier ins goldige Sachsenland skodat, dann laßt es mich wissen, wenn ich Zeit und Mechlichgeeten habe, bin ich mit am Mischen. Ich verlasse mich auf dieses! Nun schnall’ ich ab, Du kannst verdauen, ich spiele Gummi: ziehe mich zurück! Every yours ERNST . PS: Schreibe mir doch mal endlich auch eine Superbaßschnulze, so etwa „ Herzen möcht’ ich haben“. Mein Libretto schmort in Hinblick auf „seetüchtige“ Perschpecktiewn. Aberverjissetnich! . PS: Anbei eine Neustiftung am linken Sockenhalter zu tragen! . PS: Der Betrunkene war einige Male um den Platz gewankt und verschwand dann im U-Bahnhof. Eine halbe Stunde später kam er zwei Stationen weiter wieder ans Tageslicht und lief einem Freund in die Arme, der ihn gesucht hatte. „Wo um Himmels Willen hast du denn die ganze Zeit gesteckt?“ „Bei irgendwem im Keller“, erwiderte der Betrunkene. „Die Eisenbahn hättest du sehen sollen, die der da hat!“ Wie is’n der? Bin am . . wieder da! 

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Freitag . [Uhr], die Nacht vor der Abfahrt (Bitte gestalte die Wut über meine Klaue um in Ehrfurcht vor „Handgeschriebenem“!) Lieberster Meister (L. f. M.)! Zwei Tage weilte mein Musenkörper wieder in diesem Lande! Zwei Tage versuchte ich, – vergeblich – Dich, Teurer, zu erreichen! Teils fehlte die Zeit, teils das Telefon, teils Du selber (wie heute, Schnöder!) Es war gegen  h zu früher Morgenstunde! Nichts ist geschehen! Deswegen wollte ich Dich sprechen. Da die „Stichtage“ in letzter Zeit bei mir recht häufig lagen, sozusagen dichter, so konnte ich nicht dichten. Nunmehr, nach wiedererfolgtem Eintritt der normalen Impotenz werde ich mein Roß satteln zu geistigem Höhenflug. Nach Silvester! Nur die beiliegenden „Pamphlete“ entstanden! Nach erfolgter „poetischer Selbstentleibung“ (ich habe mir mit musischen Rasierklingen meterweise die poetischen Adern aufgeschlitzt), lege ich Dir die Ergebnisse zu Füßen! Das Werk „Susanne“ ist eine Gemeinschaftsdichtung der gesamten Plauener Tanzgruppe (zu deutsch: Ballett). Du erkennst daran deutlich meinen Einfluß (bitte nicht wörtlich nehmen!) auf die Mägdelein. Mach’ Dir eine lustige Stunde und dann Feuer damit! Ich werde Dich weiterhin mit zahnllosen Ergebnissen meiner Feder überschütten. Solltest Du wider Erwarten etwas davon verkomponieren, umarmt Dich im Voraus Dein Dich ewig liebender E H. PS: Ich bin nicht besoffen, sondern müde! Augenblicklich soll ein Text für Deinen Teenager entstehen: Wenn der Conny nach der Schule mich nach Hause bringt –! Frohes Fest – ich melde mich wieder! Lebt Neugebauer noch? Schön gruß! PS. Ich habe im Januar viel! Zeit zum Funkproduzieren! (als Wink mit dem Zaunpfahl.)

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Briefe eines Hörers Harald Riedel-Taschner Wien, den 25. 1. 1983 Lieber Herr Heise! Wieder war ein Samstagmorgen fast zwei Stunden lang besonders schön und unterhaltsam dank Ihrer netten, munteren Plauderei; diesmal ganz feurig! Ich bin immer ganz „Feuer und Flamme“, wenn ich „Stimme der DDR“ empfangen kann, und wenn es dann noch heißt: „Ihre Morgenmelodie von und mit Ernst Heise.“ Damit Sie sich nicht wieder an einem Kerzerl die Finger verbrennen, möge Ihnen das Kerzenschweinderl Glück bringen: 1983 und immer! Vor allem aber möge es Sie vor dem Sich-Verbrennen bewahren. Endlich habe ich doch noch ein Hüterl auftreiben können. So kann ich nun beides in einem Packerl an Sie absenden in der Hoffnung, daß Sie beides unbeschädigt erreicht, so wie vielleicht schon in der Zwischenzeit der „feinste Tee der Welt“ im Dezember des Vorjahres. Wie ich immer wieder erfahren muß: Mit der Post zwischen Wien und Berlin muß man viel Geduld haben! Gut’ Ding’ braucht halt lang’ Weile! Alles möge Ihnen ein bisserl Freude bereiten. Vielleicht kann Ihnen das eine oder andere Stück Maskottchen für Ihr Arbeitszimmer bzw. für den Studioraum sein. Das würde mich freuen. Anbei zwei photokopierte Abbildungen aus einem Bücherl: Vorschläge für den Fall, daß Sie eventuell auch einmal der Eisenbahn eine Plauderei widmen, garniert mit Musik. Mit vielen herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen ein Wiener Zuhörer HARALD RIEDEL-TASCHNER PS.: Wir haben jetzt eine neue Schreibmaschine erstanden; für unsere 15jährige Tochter; sie lernt in der Schule das Schreibmaschinenschreiben. Bei der Auswahl entschieden wir uns für eine Olympia „Regina de Luxe“ aus der DDR ! Vielleicht haben Sie die Buchstabentypen erkannt. Man trifft hier viele solche Maschinen; sie sind gut, und man ist mit ihnen sehr zufrieden. Hörertreffen mit Taschners in Wien briefe

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Wien, 22. 6. 87 Lieber Herr Heise! Wieder einmal viele herzliche Grüße aus Wien – somit ein Lebenszeichen von mir. Ich höre nach wie vor oft auch in Ihre so unterhaltsamen Morgensendungen hinein, so auch letztes Mal, als Sie den Storch thematisch „behandelt“ haben, und da paßt gerade die Grußkarte vom Burgenland, Österreichs östlichstem Bundesland, wo auch der Neusiedlersee gelegen und der Storch beheimatet ist. Siehe auch photokopierten Kurzartikel, die Storchenstadt Rust betreffend. Damit verbinde ich viele herzliche Urlaubsgrüße an Sie, lieber Herr Heise, sowie an Ihre werte Frau Gemahlin. Ich verbringe diesmal aus verschiedenen Gründen meinen Urlaub in Wien, und wie man von der Wetterseite her feststellen darf, habe ich gar nicht so unkIug gehandelt und kann während der kurzen „Sommereinlagen“ mit etwas Sonne unseren Garten gleich hinter unserer Wohnung besser und dankbarer genießen als sonst. Eine Moderatorin der „Bunten Welle“ von „Stimme der DDR“ hatte vorige Woche schon recht, als sie zum Meteorologen von einem „grünen Winter“ sprach. Vor allem will ich die medizinisch-physikalische Therapiebehandlung meines linken Fußes nach einem Bandscheibenvorfall im Jänner (beleidigter Nerv/fühlte sich gefühllos, bamstig etc, an), verbunden mit heilgymnastischen Übungen, auf die ich recht gut anspreche, nicht unterbrechen. Am 18. Juni, Donnerstag vergangener Woche, einem Feiertag im katholischen Österreich (Fronleichnam), machten wir einen Autobusausflug in den Seewinkel am Neusiedlersee und fuhren auch am See spazieren, bis hart an die ungarische Grenze – zu Ungarn gehört der Südzipfel des Sees (= ⅓ des ganzen), der aber in ca. 80 Jahren ganz mit Schilf zugewachsen sein soll. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts war der See schon einmal ganz ausgetrocknet, und man hatte mit Getreideanbau begonnen, als das Wasser wieder zurückkehrte. Dieser 18. Juni war ein AusnahmeSommertag. So will ich mich für die Urlaubsgrüße auch einer Wiener Ansichtskarte ganz besonderer Art bedienen: denn auf dieser können Sie mich entdekken: der stehende, etwas dickbäuchige Herr vor der Jugendstilkulisse und bei einer alten Tram. In dem ausrangierten Stadtbahnpavillon kann man jetzt Kaffee trinken, was ich mit den Herren Fröhlich und Köbbert 1984, als sie im Juli zur Hafenmelodie hier waren, auch schon gemacht habe. – Ich habe gar nichts davon gewußt, daß ich auf einer Karte drauf bin, ein Bekannter hatte mich entdeckt und mich davon verständigt. Vor ein paar Jahren entdeckte ich mich, festgehalten auf der Titelseite zu einem Buch: Ich als ca. neunjähriger Bub im ersten Jahr meines Wiener Großstadtlebens, 1939 in Gloggnitz an der Semmeringbahn, woher meine Liebe zur Eisenbahn/Dampflok herrührt – Beginn der Gebirgsstrecke – als 198

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Aus Wien in alle Welt: Harald Riedel-Taschner auf einer Postkarte

ich viel verwundert herumstrawanzt bin, um diese für mich neuen Stadtvehikel = Straßenbahn zu schauen. Unweit dieser Stelle wohnten wir. Ich erkannte sofort meine Jacke und den Einkaufskorb. Nun, das Leben kann schon auch lustige Momente haben. Soviel für heute. Mit vielen herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr Zuhörer in Wien HARALD RIEDEL-TASCHNER Wien, den . .  Lieber Herr Heise! Spät, aber doch noch in diesem Jahr (!) schicke ich mein herzliches „Prosit !“ an Sie, lieber Herr Heise und Ihre liebe Frau Gemahlin, ab. Das war eine ganz liebe Überraschung, Ihre lieben Grüße und guten Wünsche zum Jahreswechsel zu erhalten, wofür ich Ihnen herzlichst danke. Schon gute  Wochen liegt dieses, Ihr so liebes Schreiben bei mir. Und erst heute komme ich dazu, Ihnen zu antworten. Bitte verzeihen Sie mir. Selbstverständlich sind Sie noch nach wie vor mein Begleiter durch den Samstagmorgen. Ich habe meistens, so ich kann, eingeschaltet: dann begleiten Sie mich aus den Bettfedern ins Bad zur Dusche und zur Naßrasur und dann zum Frühstückstisch etc. . . . Die Zeit nach  Uhr am Sams

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tagmorgen war ja bis vor einem Jahr traditionellerweise vom lieben HHH recht schön, witzig und mit Charme gestaltet. Er geht mir schon sehr ab, er hat es gut verstanden, das Interesse für die „Stimme der DDR“ bei mir zu wecken und wach zu halten. Sie haben ja seit unserem letzten Briefkontakt viele weitere Themen interessant und unterhaltsam behandelt und Sie ließen auch österreichische Musik für Ihre Zuhörer erklingen, vom Strauß bis zur „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“, „Küß’ die Hand, schöne Frau . . .“ – nun zumindest dieser Titel konnte oft auch über die Wellen von Sti. d. DDR schon gehört werden, einmal an einem Tag gleich 2 x ! Seit vielen Wochen schreibe ich in Gedanken Briefe an Sie – ich bin ja in unserem Zeitalter einer der wenigen, der noch Brief schreibt („Wer schreibt heute noch Briefe?“ wurde einmal kürzlich in einem Leitartikel unserer Zeitung gefragt), und das heute beigelegte Material wartet nun schon recht lange darauf, an Sie endlich abgeschickt zu werden. Ich darf begründetermaßen annehmen, daß es für Sie von Interesse sein könnte; z. B. was das Kochen und die Rezepte betrifft, wofür Sie ein feines G’spür zu haben scheinen und dies auch gerne als Beschäftigung haben. Etwas über Hüte ist auch dabei – wäre ein Thema wert; doch glaube ich, daß Sie dieses Thema schon einmal behandelt haben; andererseits sind manche Themen unerschöpflich und vertragen eine Art Fortsetzung und: wer merkt sich schon so alles über einen längeren Zeitraum, ohne daß er sich beim Wiederhören fadisieren müßte. Ein anderes Thema für Ihre Morgenmelodie wäre: Ärzte – Heilmittel; Ihre liebe Gattin könnte Ihnen Assistenz leisten. „Der Brief“, „Die gute Nachricht“ wäre auch MM-Thema, oder? Ehegatten wäre ein weiteres Thema – Treue, Kameradschaft durchs Leben … Am historischen 7. xii. (auch 1987) feierte ich mit meiner Dietlinde die „Silberne“! Daß nicht alles schon früher an Sie abgegangen ist, liegt am zu raschen Lauf der Zeit – am Umstand, daß man zu viel macht und sich zu zuvielem einspannen läßt aus diesem oder jenem edlen Grund. Und ein weiterer Grund war ein unerwarteter Besuch: nämlich der von Madame Grippe, ein eitriger Zahn und andere so „liebe“ Peinigerbesuche. Und der Besuch dieser bösen Dame fand gerade zu den Weihnachtsfeiertagen statt – wie meistens natürlich zu ungelegener Zeit – wenn es erwiesenermaßen recht schwer ist, Ärzte zu konsultieren, Spezialisten obendrein . . . . Wenn sich viele rote Kalendertage häufen, so werden eben gerne dann die dazwischenliegenden schwarzen Tage dazu zum Urlauben genommen (bei uns war der 6. 1. auch ein roter Feiertag!) Nun, diese Madame verursachte bei mir so arge Kopfschmerzen, wie ich sie in meinem Leben noch nicht gehabt habe, und das strapazierte Hirn begann das Unsinnigste zu 200

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erdenken ... schwarze, makabre Phantastereien wie z. B. in der Grub’n liegen und den Pfarrer Worte des Abschieds sprechen hören (freilich bedingt durch zu viele Begräbnisse im vergangenen Jahr). An solche Stunden kann ich mich nicht zurückerinnern, während der rund 57 Lenze meines Lebens (im April). Und so stand anfangs nicht fest, daß es auch die Grippe gewesen sein könnte, denn das Fieber war nicht so ausgeprägt (37,8) und die Schüttelfröste deutete ich anders. (Verursacher eher die Halswirbel, der eitrige Zahn u. a. m.) Nun aber dürfte es soweit geklärt sein, und als Andenken gilt es nun, einen Tubenkatarrh auszuheilen. Der gute, treue Hausarzt (prakt.) war es, der darauf tippte, als ich so beiläufig vom vielen schüttelnden Kaltsein sprach. Bei uns ist der Arzt ein freier Beruf (Ärztekammer die Standesvertretung). Man spricht immer von einer sogen. „Ärzteschwemme“ und will die Jugend vom so beliebten Medizinstudium abhalten – auch ein Problem der Ausbildungsstellen dann nach der Promotion. Man macht ein großes G‘schrei um die Ärzteschwemme, wenn man auch in den Wartezimmern oft bis zu 3 Stunden warten muß, um in 2 Minuten dann angehört, Diagnose gestellt zu erhalten und Rezept verschrieben zu bekommen – in „Sternstunden“ können es auch ein bisserl mehr Minuten sein!

Wien, den 23. Nov. 1988 Meine lieben Freunde in der DDR ! Mein lieber Ernstl und meine liebe Frau Doktor! Für Ihren sehr lieben und ausführlichen Brief vom 1. d. M. sage ich Ihnen vielen herzlichen Dank. Ich habe mich sehr gefreut, auch über das beigelegte Bahnbücherl „Links und rechts der kleinen Bahn“, das Sie mir liebevoll ausgewählt und Ihrem Brief beigefügt haben. Im Sinne von Wilhelm Busch will ich handeln (des deutschen Busch, und nicht des kommenden US-Bush) und „sage Dank und nimm‘ es hin, freudigst begrüßt!“ Mit dieser Eisenbahnfreude haben Sie mich froh gestimmt in nebelig trüben Herbsttagen, die allerdings schon von echten Wintertagen mit klirrender Kälte, Eis und Schnee gefolgt sind! Vor der Uni, dort wo unser Bild vor der Votivkirche – im weiteren Hintergrund – von einem holländischen Touristen gemacht wurde, hat sich eine riesige Eisplatte gebildet, über die man geschickt jonglieren muß, will man nicht zu Fall kommen, ganz wie ein Seiltanzkünstler im Zirkus. Und das alles nur rund 3 Monate nach Ihrer sommerlichen Durchreise. Ein bisserl Schnee, und schon bricht der Verkehr in Wien zusammen, alles und jeder ist sich da irgendwie im Wege. Die Autos natürlich noch im Sommerlook, sprich Sommerreifen. briefe

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Doch die Ungarn lassen sich von einem Sturm auf die Wiener Kaufläden der Mariahilferstraße nicht abhalten und kommen in Scharen mit Autobussen und PKWs nach Wien. An ihrem Nationalfeiertag Anfang November verursachten sie in Wiens Straßen das totale Chaos bis gegen Mitternacht. Wie sich doch die Zeiten ändern! 1956 bis 1988, 32 Jahre: eine lange Zeit schon, aber hat man sie durchlebt, dann wiederum eher eine kurze Spanne. Vor 32 Jahren Heerscharen von Flüchtlingen, jetzt geldausgebende Touristen und Retter der „kapitalistischen“ Geschäftswelt OstÖsterreichs. Tempora mutantur! Nun will man für diese PKW- und Businvasion Parkplätze im Prater schaffen und eine eigene Tramlinie in die Mariahilferstraße einrichten: die Linie „E“ (ich glaube, da dürfte „E“ für „Eljen“ Pate gestanden sein oder gar nur schlicht E = Einschub?). Ich lege Euch auch einen Artikel über einen Filmschauspielerkollegen bei, der sich auch als Politiker betätigt und kraftvolle Ausdrücke schätzt – er hat seinen Goethe gut gelernt! Ich habe auch wieder Ihre Sendungen gehört, z.B. über die Schreibutensilien. Nach dem Abgang von HHH von „Stimme der DDR“ vor nahezu 2 Jahren sind nun Ihre 2wöchigen Sendungen mein Jour-fix und samstäglicher Zuhörsport – die richtige Einstimmung in ein frohes, gemütliches Wochenende. Nach dem großen Erfolgs- und Aha-Erlebnis eines Mickymouse-Heftes werde ich mir erlauben, Ihnen wieder ein solches zuzuschicken. Man soll die Seele, das kindliche Gemüt, das schönste und reinste und beste an uns Menschenwesen, nicht verdursten lassen, einverstanden? ! Tochter Ingrid dankt für den nun schriftlich festgehaltenen WilhelmBusch-Spruch. Was Sie da über die Suchaktion des vergessenen Hochzeitsgeschenks bei der Rückreise berichtet haben, klingt toll und abenteuerlich für das plötzlich herrenlos gewordene Geschenk. Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder auch in unserer heutigen Zeit, man muß nur die Augen dafür offenhalten. Da sage noch einer etwas Nachteiliges über unsere Bahnen, seien es die ÖBB oder sei es die DR ! Jedenfalls haben Sie beide meisterhaft die Ruhe bewahrt, Nerven geschont, fest vertraut auf das Gute im Menschen, und solches in dieser Welt, und haben sich die Gnadenzeit eines Österreichaufenthaltes nicht verderben lassen. Ob ich das so zusammengebracht hätte, bezweifle ich; aber wenn man eine so liebevolle Ärztin zur Frau hat, die gewiß die notwendige nervenschonende Therapie in solcher Situation zu verordnen weiß, kann ja nichts schief gehen. Ich hätte mich sicher auf meine Weise ziemlich alteriert und meine Frau, auch ein Engel, hätte geduldvoll beruhigend auf mich eingewirkt. „Jo, so san’s, die oilten Wieners Leut’!“ 202

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Ich denke noch viel an die schönen Stunden unseres netten Beisammenseins zurück und möchte diese nicht missen. Mit vielen herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen bis zu einem nächsten Mal Euer Harald in Wien

Wien, den 3. xi. 89 Lieber Herr Heise! Na und ob Sie und Ihr Sender nicht gut waren zu uns Hörern der „Morgenmelodie“! Vielen Dank für die gute Unterhaltung! Ich spürte auch Ihre symbolhafte Verneigung zu uns Wiener Hörern her. An alles wurde gedacht – sogar lachen durfte man bei der Witzszene von der Rennbahn. Ich habe sie zwar schon einmal, bei „Spaß am Spaß“ glaube ich, gehört, aber über so etwas kann man immer wieder neu lachen. Und dann zum Ausklang: der Fehrbelliner Reitermarsch, ein Lieblingsstück meiner Frau; für sie verbindet sich damit eine nette Kindheitserinnerung. Ihr Vater ging – sie auf seinem Rücken gleichsam reiten lassend – so mit ihr, diesen Marsch summend, durch den Wiener Prater. Vor etlichen Jahren nannte ich diesen Marsch beim HHH als Wunsch für Sie; Herr Hildebrand erfüllte ihn und er verband damit in lieben Worten auch diese Story! Ein Pferd diesmal, bzw. Wein (wegen der schwierigen Versandweise) vom letzten Mal, kann ich nicht schicken, aber Ansichtskarten zu diesen Themen sowie „Graf-Bobby“-Witze, die zu dem Pferd in Beziehung stehen. Kennen Sie diese Art von Witzen? Graf Bobby – näselnde Aussprache? ! Die Spanische Hofreitschule war ja auch auf dem Tellerchen, das ich Ihnen im Frühjahr geschickt habe, abgebildet. Ich habe mich über Ihren lieben Anruf vor rund zwei Wochen sehr gefreut und ich danke Ihnen sehr dafür, vor allem für die Durchgabe des Ringelnatzgedichtes. Auch ich bin froh zu wissen, daß alles gut im Laufe der Zeit angelangt ist. Herzliche Empfehlungen an Ihre werte Frau Gemahlin und die liebe „DR“! Liebe Grüße an Ihre werte Kollegenschar. Es grüßt Sie aus Wien sehr herzlich ein zufriedener Zuhörer von „Stimme der DDR“ und besonders Ihrer Sendung – in der weiten Ferne Ihr ergebener HARALD RIEDEL-TASCHNER PS: Das Wiener Fischerlied wird g’wiß auch Ihren Landsleuten von Thüringen bis zum Ostseestrand inkl. Berlin gefallen haben!

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GRAF BOBBY-WITZE, die mir anläßlich der heutigen Sendung „Ihre Morgenmelodie“ eingefallen sind, weil sie einen Bezug zum Thema „Pferd“ haben. rudi: Ja Servus Bobby! Ja, wie kommst’ denn du daher? Reichlich müd’, was? bobby: Ah, hör’ mir auf! Weißt’, was mir gestern passiert ist? r.: Nein, wie sollt’ ich das wissen … aber erzähl schon, Bobby! b.: Also paß’ auf: I’ war am Rennplatz – will den Grafen Feuchtenstein besuchen. Er war g’rade bei seinen Pferden hinter der Rennbahn. I geh’ also in Richtung Stall. Ah, schrecklich, schrecklich! r.: Ja, was war denn so schrecklich daran? b.: Also – plötzlich kommt der Jockey Istvan entgegen. r.: Der Istvan, der Kurzsichtige? Der mit der dicken Brillen? b.: Brillen? Der siacht fast überhaupt nix mehr! r.: Aha, und da seid’s z’sammeng’rasselt. was? b.: Aber woher! Viel was Furchtbareres! Ich wollt an ihm vorbei. Da packt er mich am G’nick Ich spür’ plötzlich einen Sattel im Kreuz – und schon sitzt der Istvan auf mir drauf – stell’ dir vor! r.: Na und? b.: Dritter bin i’ worden – Dritter! rudi: Servus Bobby! bobby: Servus Rudi! r.: Ja, sag’ a’mol, Bobby, warum schaust’n so verstört d’rein? Es könnt’ an ja Angst und Bang’ werd’n. b.: Ach Rudi, wenn du wüßtest, was mir heut’ nacht passiert is’! r.: Gott’s Will’n! Was denn? b.: Ach, ganz was Schreckliches! r.: Also komm, erzähl’ schon – es wird schon net so arg sein! b.: Net so arg! – Du bist gut, net so arg sein! r.: Was is’ passiert? b.: Also stell’ dir vor, Rudi, i’ hab’ ’träumt, i’ woa a Pferd! r.: Das is’ ja unter Umständen a ganz schöna Traum! b.: Na, unter Umständen schon, aber mir hat ’träumt, i’ hab’ die ganze Nacht Gras g’fressen, die ganze Nacht g’fressen! Schrecklich . . . r.: Also schön, dir hat ‘träumt, du hast Gras g’fressen. Na und? b.: Und wia i’ aufwach’, da fehlt die halbe Matratze!

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Briefe vom Kater an das Igelchen 2. Pfingstfeiertag 1961 20.20 [Uhr] kurz vor der Abfahrt in Oranienburg Mein liebes, liebes Igelchen! Nun bist Du fast 24 h fort, und den ganzen Tag haben wir Dich in Gedanken begleitet. Es war ein herrlich strahlender Sonnentag, und wir drei „Hinterbliebenen“ waren vormittags in der Kongreßhalle und nachmittags im Kino: „Das schwarze Schaf“ – eine echt „Rühmannsche“ Köstlichkeit. Wir waren begeistert. Onkel Wöller, der Gute, verabschiedete sich dann um 18 h mit vielen herzlichen Wünschen und lieben Grüßen, auch an Dich! Was magst Du wohl die erste Teilstrecke erlebt haben? Viel, viel Spaß und Vergnügen wünschen wir Dir. Horst und Hanni grüßen Dich und Mäuschen hängt sich noch an. Nachher rauschen wir los, ich schlafe in Stralsund und fahre morgen früh dann nach Rostock. Für heute diesen „Zwischenbericht“ und mit vielen vielen herzlichen Grüßen (2793) und auch an Frau Dr. B. Ich bin Dein KATERCHEN

Rostock, am 24.5.61 Mein liebes kleines Igeltier! Heute komme ich per Luft zu Dir und hoffe nur, daß Dich eines von meinen ganzen Geschreibseln wirklich irgendwo in der Steppe erwischt. Brav und regelmäßig gehe ich in das HNO -Theater und sehe nach allem. Das Auto ist bei der Durchsicht, und sonst hat sich bis auf das wieder scheußlich gewordene Wetter gar nichts getan. Im Theater auch nicht, und mit der Singerei der „Zauberflöte“ wird es übermorgen auch noch nichts. Ich bin gespannt, wann das mal klappt. Nun ja, gut Ding will Weile haben. Ich denke den ganzen Tag an Dich und überlege immer, was Du gerade machen magst. Jetzt ist es abends gegen 6 Uhr, und ich sitze frisch „gesaunt“ in meinem Wilhöft-Palast. Nachher muß ich noch einmal raus: zur „Fledermaus“. Das Polengastspiel ist für den 13.– 16.6. festgelegt, aber an Dich hat sich noch nichts gerührt. Jedoch fällt mir gerade eben ein Schreiben ein, daß ja vielleicht Post für Dich bei Eurem Pförtner liegt, ich werde nachher gleich dort fragen, unter Umständen ist der Brief unseres Chefs dabei. briefe

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Ich bin wirklich gespannt, ob das noch klappen lernt. Genug davon! Wenn ich Dich nicht jeden Tag sehen kann, habe ich das Gefühl wie ein in Gedanken stehengelassener Regenschirm überhaupt nirgends hinzugehören. Es geht eben nicht mehr ohne Dich – – – –! Du hast ja mehr Abwechslung, und sicher ist Eure Reise bannig interessant. Grüße bitte Deine Reisekammergefährtin von mir. Morgen früh um acht fahren wir nach Stralsund, um dort ein Schiff zu besteigen, das uns dann nach Rostock bringt. Auf diesen Schiff sind Journalisten, und wir (Herzberg, Rehm, Heise) singen vor ihnen. Ich werde mich kurz vor der Abfahrt im Stralsunder Hafen mit dem Mäuslein treffen, dann hat es wieder eine Abwechslung und freut sich. Aus München ist ein lieber Brief von der Oma angekommen mit herzlichen Grüßen für Dich und einer Verlobungsanzeige meiner Nichte Heidrun, die einen jungen Erben eines Großhändlers ehelichen wird. Sie geht nach Mitterteich, das liegt in der Nähe vor Weiden/Obpf. Ich werde, auch in Deinem Namen, Glückwünsche schicken. Du siehst, die Sippe wächst! Wenn jetzt der Onkel Wöller auch noch auf die Freite geht, sind wir alle dann stark genug, Europa aus den Fugen zu heben. Allen voran das Mäuslein, das die Rotte dann anführt. Ich sprach kurz mit Frau Schreiter, die voller Erlebnisse wieder gelandet ist. Sie möchte spontan ins Gebirge ziehen. Nur mir ist ein sonniger Badestrand in Warnemünde auch ganz recht. Sicher aber wartet Petrus, bis Du wieder hier bist und schickt jetzt allen aufgesparten Sonnenschein zu Euch. Wöller mußte ein bißchen später aus Berlin weg als er wollte, seine Lichtmaschine ging entzwei und mußte erst repariert werden. Inzwischen aber ist er sicher längst wieder in Hamburg. Am 3. 6. habe ich abends um 22 Uhr im Funkhaus Probe. Ich werde mit dem Mäuslein fahren und es dementsprechend in Oranienburg absetzen. Sonntag ist dann die Veranstaltung, danach geht es wieder nordwärts. Der Funk will das Lied von Schreiberlein und Schneiderlein von mir gesungen haben. Keine dolle Sache, aber was hilft es, ich tue es natürlich. Nun muß das Katerchen noch bissl zu Abend essen, und dann ruft die Pflicht.. Bald schreibe ich wieder, und bis dahin viele ganz liebe (3427 Stck.) Grüße und einen dicken Kuß von Deinem KATERCHEN PS: Lebt das Katerchen noch – – –?

Motto: Lieber reich und gesund als arm und krank! 25. v. 61 – 20 h in der Garderobe. „Lebender Leichnam“ Mein liebes, liebes Igelchen! 206

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Das ist nun mein 4. Steppenbrief, der Dich grüßen soll auf Deinem Trip. Katerchen benutzt die Zeit während der Vorstellung, um an sein Igelchen zu schreiben. Heute mußte das Katerchen ganz besonders lieb und nett ans Igelchen denken, denn früh ging die Fahrt in einer Riesentaxe nach Stralsund, wo um 9.30 h das Mäuslein mit dem (wirklich entzückenden) Gärtner-Baby am Kai stand. Kurzes, freudiges Wiedersehen, dann spielte eine Marinekapelle „Muß i denn, muß i denn . . .“ Danach stach unser „Ozeanic“ in See mit vielen Reportern, Journalisten, Redakteuren, Fernseh-, Funk- und sonstigen Leuten. Im Salon fand Katerchen auf seinem Platz Getränke, Broschüren, Reklametübchen und -flakons von Kosmetikfirmen usw. Vor der Hafenausfahrt von Stralsund, an der das Mäuslein lange, lange winkte, sahen alle dann Vorführungen neuer Motorboottypen an, der Rügendamm-Neubau wurde beäugt, danach nahm das Schiff Kurs auf Hiddensee. Die Sonne brach durch und Katerchen bald zusammen, nicht vor Seekrankheit, sondern vor – Hunger. Mittlerweile zeigte die Uhr Mitttagszeit, und ein Kaltes Buffet wurde serviert. Das allein zu beschreiben wäre einen Roman wert. Nur so viel, daß ich derartiges weder in der DDR noch (ohne jede Übertreibung) je in meinem Leben gesehen oder gar genossen habe. Der Tag verging mit Essen, Decksspaziergängen, Singen und anderem Unsinn. Um 17 h machten wir dann im Rostocker Hafen fest. Apropos „fest“: Katerchen blieb ganz seefest, ohne nur im Geringsten unter dem Schaukeln zu leiden. Kater sind eben mutige Tiere! Nun aber müdet sich Katerchen noch durch die Vorstellung und geht dann in die Heia! Und nun zum Igelchen! Immer kalkuliere ich, wo Du jetzt wohl gerade sein mußt. Diesen Brief werde ich schon nach Suchumi schicken. Weißt Du, wenn ich jeden Tag in Dein Zimmerchen gehe (ich mache das nicht nur der Ordnung halber, sondern weil ich etwas von Dir um mich haben muß), dann ziehe ich immer erst einmal die Uhr auf, sonst ist es so schrecklich still. Und wenn ich dann allein im Sessel sitze, meine ich, gleich wird es klopfen und dann kommt mein Igelchen im weißen Mantel herein gewandert. Aber es poltert nur Frau Schreiter mit ihren Windeltöppen auf dem Flur. Dann schleiche ich ganz still wieder davon und schicke viele Gedanken an Dich. Gestern war ich gerade beim Singen und mit den Gedanken darauf konzentriert. Plötzlich mußte ich ganz doll und lange an Dich denken. Ob Du gerade an Dein Katerchen gedacht hast im Augenblick –? Sicherlich. Heute auf der Dampferfahrt hätte ich so gerne Dich bei mir gehabt. Lauter fremde doofe Leute, und die dämlichen Fotomodelle vom „Magazin“ girrten um das Katerchen wie die Motten. Sie sind alle unausstehlich. Ich will von denen nichts wissen, will lieber mein Igelchen haben, und das Alleinsein schmeckt mir auch nicht. Ob Dich meine Briefe überhaupt erreichen, weiß ich nicht, aber ich briefe

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muß Dir doch über die vielen Kilometer folgen und Dir dick und groß aufschreiben, daß ich Dich so sehr lieb habe und Dir nur wünsche, daß Du immer glücklich sein mögst und mir, daß ich mit Dir zusammen bleiben kann. Es ist in der kurzen Zeit, die wir zusammen sind, alles so wunderbar selbstverständlich und schön gewesen, daß ich immer denke, es muß wohl so sein, daß Du, sowohl wie ich, bis jetzt nicht den Menschen fandest, mit dem man sich richtig und gut versteht. Ich bin Dir gegenüber so rücksichtslos offen und vertrauensvoll wie nie zu jemandem, und ich verspreche Dir, alles zu tun, was Dir Freude machen wird. Nur bitte ich Dich, immer daran zu denken, daß ich all das für Dich und ausschließlich für Dich tue und beginne. Ich mache das alles deswegen auch so gerne. Und wenn ich Dir mein ganzes Leben schenke und mich Dir ganz erschließe, dann tu auch bitte Du das, denn wir wollen doch einen Weg und zusammen gehen, nicht jeder den seinen und irgendwo innerlich allein. Ich empfinde gerade jetzt, wo Du nicht da bist, das so beglückend, daß Du da bist und daß es Dich gibt, und ich sehne Dich wieder herbei. Verzeih, genieße Deine Reise dennoch, sie ist wie ein Prüfstein für uns beide. Empfindest Du ebenso wie ich, dann ist unsere Liebe schön und ehrlich. Empfindest Du anders, dann bitte sage es mir ganz offen und ehrlich, denn sonst würdest Du mich, vor allem aber Dich selbst belügen. Und das wäre tragisch fürs Leben und für beide. Genug für heute und davon! Ich schicke wieder viele viele liebe Grüße und einen dicken dicken Kuß! Ich bin Dein KATERCHEN

Rostock, Samstag 27. v. 61 – 17.30 h An das Igelchen im weiten Rußland! Heute ist Samstag und dem Kalender nach ist das Igelchen ganz im Süden bei den Bananen und Zitronen. Katerchen hockt im kalten Norden und läßt die Watschelöhrchen alle hängen, weil es glaubt, das Igelchen hat sein Katerchen schon vergessen. Jeden Tag marschiert das Katerchen zur Poststelle und guckt: Alle schreiben: Mäuslein und Onkel Wöller und die Oma und der Horst, nur das Igelchen stiebt durch die Steppe und hat vor lauter Angucken keine Zeit zum Schreiben. Vorgestern war Katerchen in Stralsund und traf sich kurz mit dem Mäuslein am Hafen. Dann ging eine schöne Fahrt mit Journalisten nach Rostock los. Auch das Fernsehen war dabei und interviewte, und gestern konnte man das Katerchen in der Aktuellen Kamera sehen, und heute 208

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erzählten es viele Leute. Nur das Igelchen konnte natürlich nicht so weit gucken. Es war eine herrlich schöne Fahrt bei Sonne und den erlesensten Gerichten, die das Katerchen noch nie in seinem Leben gesehen oder gar gegessen hatte. Wie ein Traum oder Film. Am 1. Juni ist nun der große Tag, an dem das Katerchen den Sarastro singen wird. Alles ist bekanntgegeben und man erwartet die Vorstellung in Kollegenkreisen mit Spannung. Wie schön, wenn mein Igelchen dabei wäre. Katerchen wird fest daran denken, daß es in Gedanken zuhört und beide Daumen hält, ja? Am Samstag geht es mit Mäuslein und Gabor Gaal nach Berlin, alles ist auch da perfekt, die Veranstaltung steigt und das Katerchen singt das Lied vom „Schreiberlein und Schneiderlein“. Vielleicht wird es erst gesendet, wenn das Igelchen wieder da ist. Das wäre schön! Katerchen kann sich gar nicht vorstellen, was sein Igelchen jetzt eigentlich macht, ganz abgerissen ist die Verbindung, und wo Igelchen nun jetzt gerade herumgondelt. Sicher ist der Postweg auch sehr schwierig und weit, da dauert das dann sicher so lange. Es ist ja auch eigenartig, daß man eine Reise zuläßt, so abgeschnitten von jeder Verbindung. Alle Leute sagen, das Katerchen sei gereizt und fauchig, das ist aber gar nicht wahr, es hat bloß eine dolle Sehnsucht nach seinem Igel und hat ihn von Tag zu Tag viel mehr und mehr lieb. Ist denn alles beim Igelchen in Ordnung? Ganz gesund und munter? Man kann sich hier gar kein Bild machen, nur Sorgen. Für ein einigermaßen fürsorgliches Katerchen eine Höllenstrafe. Es weiß nur so recht gar nicht, wofür es bestraft wurde. Heute abend läuft im Theater zum nun wirklich letzten Male „Der stille Don“. Katerchen singt ihn und Igelchen überschreitet ihn an der Spitze seines Perlon geladenen Gepäcks. Morgen fährt Katerchen zu Sigi, erstens, weil ein Zahn kaputt ist und zweitens, weil ihm sonst die Wände auf den Kopp fallen. Hier ist polare Meeresluft, die Sonne scheint zwar ab und an, aber die Höchsttemperaturen betragen nur 13°. Ein bißchen zu frisch zum Sonnen. So fährt Katerchen zum Sigi und abends gehen alle Sigis in die „Fledermaus“, die auch zum letzten Male in dieser Spielzeit läuft. Die Bilder mit Mäuslein und Wöller sind sehr schön geworden, ich schicke aber keine, Igelchen kann sie hier angucken, sonst gehen sie vielleicht in der Taiga verloren. Heute abend, ganz spät, denkt Katerchen noch ganz fest an sein Igelchen und daran, daß er es sehr liebt und sich freut, wenn es wieder da ist. Das Frl. Dr. Bl. bekommt einen herzlichen Reisegruß, das Igelchen 4367 Stck. briefe

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ganz liebe dicke Grüße und den schönsten Sonntagskuß, den es gibt von seinem KATERCHEN

Rostock, am 12. vii. 62 Mein liebes, liebes Igelchen, meine kleine Frau! Ganz herzlich willkommen in der (noch so kühlen) Heimat! Ich bin sehr traurig, daß ich gerade fort bin und kann die Zeit nicht abwarten, Dich wieder zu haben. Laß Dir vom Mäuslein erzählen, wie man mich hier durch die „Mühle“ gedreht hat, fast bis an den Rand des Krankenlagers. Wenige Stunden privat (mit Peter) mußte ich mir stehlen. Und als I-Punkt auf die Hetze den „Figaro“. Du hast mir sehr gefehlt, ich brauche Dich viel mehr als ich ahnte, weil ich ohne Dich nicht weiterweiß. Alle (guten und auch miesen) Kleinigkeiten erzählen wir uns. Sie stoßen uns nicht um. Manchmal war ich sehr verlassen, trotz der vielen Arbeit. Ich habe doch nur zwei Menschen, die ich (wenn sie auch verschieden sind) ganz innen drin lieb habe: Dich und nur Dich, meine liebe (kluge) Frau und Peter, meinen kleinen Freund (als „Sohnersatz“). Bald sind wir wieder zusammen; ich freue mich –! Ich habe Dich sehr lieb –! Dein Katerchen

HSIN CHIAO HOTEL PEKING CHINA Peking, 9. 11. 70 abends vor der Abreise

Ihr Lieben! Hier ist herrlicher Spätsommer. Die Stadt ist faszinierend: 5 Millionen Menschen. Wir staunen, und man bestaunt uns. Der Flug war sehr angenehm mit vielem Essen und Schlafen. In Sibirien waren nur – 8° und etwas Schnee. Das Hotel (bitte den Brief aufheben!) ist peinlichst in Ordnung, alles ist höflich, intakt und angenehm. Wir haben schon in der DDR-Botschaft gespielt mit sagenhaftem Erfolg. Die chinesische Küche ist eine wahre Gaumenfreude: Bambussalat, faule Eier (phantastisch; ich bringe 2 Stck. mit!), Baumpilze, 1000 Gemüse-, Fisch- und Geflügelgerichte. Wir 210

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essen mit Stäbchen (ein Essen dauert 2–3 Stunden!) und trinken aus winzigen Porzellanschälchen heißen Tee. Gestern besichtigten wir die alte Kaiserstadt und den Sommerpalast – märchenhaft! Heute waren wir beim Himmelstempel und morgen geht es noch in den Zoo. Dann kommen 3 Tage Bahnfahrt nach Hanoi. Mein Rücken ist völlig o. k., das Bäuchlein auch! Prima! Herzliche Grüße an alle (auch im Hause) Euer Ernst.

zu Hause, 9. 2. 76 Mein liebes Igelchen! Es ist Montag, 17 Uhr, und ich will Dir ein Briefchen losschicken mit herzlichen Grüßen von mir (und den andern). Hoffentlich macht Dein Pfötchen „greifbare“ Fortschritte und bist Du in der Lage, Dein Kurprogramm wenigstens zum größten Teil mitzuackern, aber ich werde das ja bald hören. Jedenfalls gute Besserung für Dich und viel Spaß beim „kuren“. (Hast Du schon einen „Schatten?“). Ich habe ein ganz wunderschönes Wochenende verlebt: Freitagabend fuhr ich also zu den Hoffis, die mich „Hallo“ begrüßten, besonders Gudrun war umwerfend herzlich, na Martin und die Kinder sowieso. Wir sahen viel fern (farbig!) und ich schlief dort. Samstag wollte ich eigentlich wieder nach Hause oder mal zu Oma, aber man quälte mich, zu bleiben. So ging ich vormittags zu Rietz’ mit Bea und Addi, die Schlittschuh liefen, während ich einen Gewaltmarsch mit Fanny durch den Wald machte. Wir rannten beide um die Wette und tollten uns so, daß wir mittags ganz fertig waren. 2½ Std. liefen wir am Oder-Spree-Kanal entlang, wechselten dann über zum Intercamping und strolchten durch Rauchfangswerder am Zeuthener See entlang wieder bis zur Rietz’. Inzwischen hatten Gudrun und Martin Zeit, in Ruhe zu arbeiten. Beim Essen tauchte Meister Welkisch auf, (sehr zum Leidwesen Gudruns) und wollte das ganze Tagesprogramm zu seinen Gunsten auf den Kopf stellen, aber man ließ ihn abblitzen. Gudrun legte sich ein bißchen hin, Martin, Bea, Addi und Bernhard fuhren mit mir nach Fürstenwalde zum Schwimmen. Das war ganz große Klasse. Ich riss wieder meine 1000 m runter, dann reichte es für diesen Tag. Abends spielten alle Hoffis mit mir „Monopoly“. Ein Mordsspiel, das mir ungeheuren Spaß macht. Wir spielen das unbedingt mal mit Dir zusammen. Danach sahen Martin und ich noch einen Film, und wieder schlief ich dort. Sonntagvormittag machten wir Erwachsenen mit Fanny wieder einen großen Spaziergang, der uns bis zu Dean Reed führte. Ich mußte mir das ganze (sehr hübsch zurechtgemachte) Häuschen ansehen und soll Dich vielmals grüßen. Mittags trafen wir uns mit allen Ritzis in der „Palme“, auch Wefis briefe

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waren dort und noch Musikerkollegen vom Gollasch-Orchester. Schon ein bißchen unter Druck kam ich nachmittags zu Hause an. Da war alles saukalt (offene Kellertüren!!) Ich heizte und begann mit den Vorbereitungen fürs Abendessen. Dann kamen (gestern also) meine Gäste: Laartz mit Frau und Nowodworski mit Frau. Sie schaufelten (!!) sich in Etappen bis gegen Mitternacht (!) voll Spaghetti. Jeder hatte sich einen Teller auf die Gasheizung gestellt und langte immer wieder zu. (Ein Glück, so habe ich wenigstens keine großen Reste). Dazwischen sahen wir uns Filme an. Gerhard Laartz ist ja ein perfektionierter Schmalfilmoperateur und hat einige ganz hübsche Sachen gedreht. Auf alle Fälle war es ein netter, ruhiger Abend ohne Fernsehen und ohne Musik. Alle waren hoch befriedigt und zogen sage und schreibe erst um ½ 3 Uhr nachts los. Ich ließ alles stehen und liegen und ging ins Bettchen. Heute nun fuhr ich zu Frau Baer und schloß eine 17 Jahre lange Versicherung ab, pro Monat 100.– M. Und bis jetzt habe ich abgewaschen und aufgeräumt. Heute abend fahre ich in die „Große Melodie“ und höre mir ein Jazz-Konzert an, in dem Laartz mit seiner „ModernSoul-Band“ spielt und Nowodworski singt. Ich fahre aber per Bahn, denn unser Wetter ist diesig glitschig, und es soll laut Funk Glatteis geben. Morgen abend fahre ich wieder zu Hoffis zum Haareschneiden und werde noch einmal dort nächtigen. Gudrun ist wirklich ganz lieb. Unsere Art gefällt ihr eben doch besser als die mancher Großschnauze, die dort auftaucht. Ich soll Dich von allen ganz herzlich grüßen. An Kätchen habe ich heute ein herzliches Telegramm geschickt, genügt das? Ich denke. Mittwoch unterrichte ich wieder und um 15 Uhr gehe ich zu Frau Dr. Klein. Wenn die Zeit dann noch ausreicht, möchte ich mal nach den Oranienburgern sehen. So vergeht die Zeit. Schwester Regine habe ich angerufen und berichtet. Alle freuen sich mit Dir und lassen Dir mit den besten Grüßen gute Besserung wünschen. Am Samstag will ich dann zu Dir kommen, sicher aber rufst Du vorher noch einmal an, falls ich Dir etwas von Deinen Sachen mitbringen soll. Also hüte Dein Vorderbeinchen, damit es bald wieder o. k. ist und laß’ es Dir gut gehen bis wir uns sehen. Tschüß, viele liebe Küßchen und ganz herzliche Grüße von DEINEM KATERCHEN !

Berlin, den 4. 7. 78 Mein liebes Igelchen! Heute ist Dienstag, – Vormittag –, ich sitze in der Küche, da ist es am hellsten, denn draußen regnet es, wie meist, seit Du abgefahren bist. Im 212

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Augenblick warte ich auf meine Schüler, die Organisation geht auch dabei ziemlich durcheinander, dazu kommt, daß das Telefon wieder gestört ist und ich nicht erreichbar bin. Aber das weißt Du ja schon durch mein Telegramm, – hoffentlich hat wenigstens das Dich erreicht. Laß Dir erzählen! Vor einer Woche, am Dienstag in aller Frühe zog ich also ab gen Salzwedel. Ich hatte eine ganz glatte Fahrt und war recht zeitig dort. Ein bißchen suchte ich, dann stand ich vor Schreitters Praxis. Große Freude und Überraschung, ohne Widerspruch mußte ich mich bei ihnen einquartieren, im Souterrain, wunderbar. Ich war dort ganz mein eigner Herr. So etwas von Herzlichkeit hatte ich gar nicht erwartet, und um es gleich vorwegzunehmen, wir haben uns ausgedacht, unsere Freundschaft in Zukunft ein bißchen enger zu fassen, es sind ja ganz liebe Menschen. Jo, der alte Autonarr, bekam gleich Stielaugen beim Anblick des „Volvi“ und ließ alles liegen und stehen. Ich absolvierte erst einmal die Orchesterprobe, wobei es einen Riesenschreck gab, sämtliche Noten, die ich hingeschickt hatte zum Vorprobieren, waren weg, nicht angekommen. Große Aufregung, und nun aus Vorhandenem ein Notprogramm zusammengestoppelt. Zum Glück hatte ich, warum weiß ich auch nicht, alle meine anderen Noten mitgebracht. Und um auch das gleich vorwegzunehmen: die Noten fanden sich nach mehrmaligem Anfragen des Herrn Hopp bei der Post und auch mehrmaligen patzigen Antworten und Unterstellungen wie: sicher falsch adressiert, schlecht verpackt (ich!!), zu spät abgeschickt, gar nicht abgeschickt, um mir eine Nachlässigkeit anzuhängen, – dann doch in einer Ecke des Postamtes, wo sie nun schon über 8 Tage schmorten und mit einer unwirsch gemurmelten Entschuldigung an uns ausgegeben wurden. Aber da war ja nun inzwischen ein anderes Programm entstanden. Zustände!! Am Abend war dann das erste Konzert in Tangerhütte. Jo hatte seine Sprechstunde abgekürzt, die Edith zum Elternaktiv geschickt und fuhr mich! Hopp natürlich auch in meinem Wagen, so gondelten wir ab. Jo war ganz selig, er hat mich dann drei Tage lang gefahren. Seine Arbeitszeit teilte er so ein, daß er mitkonnte. Für ihn war das ein Mordserlebnis, jetzt will er natürlich auch einen „Volvo“ haben und setzt alles dran, einen zu bekommen. Tangerhütte wurde ein Riesenerfolg für mich mit Zugaben und herzlichem Beifall vor 36 (!!) Personen. Natürlich keine Werbung, und hinterher wieder das übliche Bekenntnis, na ja, wenn wir das gewußt hätten, wir kannten sie ja nicht, und beim nächsten Mal, na dann . . . usw, usw. Du kennst ja diese Sprüche der Kulturfunktionäre zur Genüge. Immer dasselbe in 30 Jahren. Mittwoch dann in Osterburg wurde das Konzert gleich von vornherein abgesagt, keine Besucher! So hatten wir, (ich bei voller Gage), einen freien Abend. Den verlebten wir sehr angeregt mit einem Neurologen und Frau, Herrn und Frau Hopp bei Schreitters. Es war wunderbar. Hauptthema war natürlich: Auto! briefe

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Donnerstag war dann das Hauptkonzert in Salzwedel in einem wunderschönen neuen Clubhaus. Auch das wurde ein großer Erfolg für mich vor wenigen Besuchern. Vielleicht waren es 150. Auch da dasselbe Lied, jaaa, wenn wir das gewußt hätten, usw, usw. wem sage ich das, Du weißt ja am besten Bescheid. Ach so, Mittwoch Nachmittag fuhren wir einmal in einer Regenpause nach Arendsee in Schreitters Häuschen, das ganz reizend liegt und wohin wir herzlichst eingeladen sind. In Arendsee, einer entzückenden kleinen Stadt, besorgte mir Edith, die ja in dieser Gegend dort überall bekannt ist, in jedem Geschäft noch ein hübsches „Zusatzgeburtstagsgeschenk“ für Dich, aber das verrate ich jetzt nicht. Donnerstag vor dem Konzert fuhren Hopp und ich allein in der Gegend herum, er zeigte mir ein Dorfmuseum und ich lud ihn in eine Gartengaststätte zu einem guten Essen ein. Er wollte natürlich auch mal „Volvo“ fahren, was er auch sehr gut absolvierte. Dafür schenkte er mir einen großen Korb speziell großer und schöner Erdbeeren. Ich habe sie auf Ediths Anraten eingefroren und hebe sie auf, bis Du wieder da bist, ebenso wie den schönen frischen Baumkuchen, den Edith mir für Dich besorgte. Freitagnachmittag dann war das Konzert in Arendsee in einem Klosterhof im Freien. Bis zum letzten Lied hielt das Wetter, so daß wir wenigstens drei von vier Konzerten durchführen konnten. Dann seppelte ich wieder in strömendem Regen nach Berlin zurück, kam spät und müde an, fand Dein Telegramm und Deine Karte, ich danke herzlich für beides, und fand auch das Telefon tot. Erst glaubte ich, es sei gesperrt, weil unter der Post eine Mahnung lag, Du hattest die Rechnung 5 Tage später bezahlt, aber auf unserem Postamt sagte man mir, die ganze Gegend wäre wieder lahmgelegt vom Regen. Wie oft das noch so gehen soll? Ob man nicht da mal etwas Grundsätzliches erneuern könnte, ich verstehe das nicht. Samstag dann hatte mir Hans Scheibe 4 (!) Veranstaltungen übergebraten. Früh und Mittag an der Wuhlheide bei der Energieversorgung, abends im „Ahornblatt“ (dem Vielgeliebten) und anschließend zur Nacht noch einmal so an der Wuhlheide. Dann war ich platt vor Müdigkeit, mußte aber Sonntag früh um halbsechs nach Gera mit Peter Bosse, seiner Kollegin Karin Schwarz und einem jungen Journalisten von der „Berliner Zeitung“, Hartmut Schulz. Das wurde eine sehr lustige Truppe und Fahrt. Peter hatte wieder Unmengen Verpflegung eingesteckt, und da im Süden schönes Wetter war, rasteten wir an der Autobahn. Diese ganze Fahrt konnte ich hin und zurück hinten im Wagen der Ruhe pflegen, Peter kutschte mit großem Vergnügen den „Volvi“. Wenn das so weitergeht mit fahrwütigen Freunden und Kollegen, verlerne ich noch selber das Autofahren. Na, mir war das natürlich mehr als lieb. Es sind ja alles perfekte und versierte Fahrer. Wir hatten zwei Veranstaltungen (mit diesen schlechten Musikern, die auch die anderen Solisten ganz schön hängen ließen: Marita und Reiner und Julia Axen) 214

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in Gera und in AItenburg. Julia läßt Dich ganz herzlich grüßen, Peter natürlich auch! Abends schaffte ich dann noch den „Volvo“ zu Andy, heute bekomme ich ihn zurück. Gestern nun am Montag ging mein Unterricht kaputt, weil im Haus der Lehrer kein Raum war, und ich mußte nach Hause. Es war aber wiederum ganz gut, so konnte ich mich in Ruhe auf meine Premiere in „Spaß am Montag“ vorbereiten. Und dann war es soweit. Vor sehr gut besuchtem Haus lief nun erstmalig „Musik aus dem Hut“ in Berlin mit dem Gast Jochen Petersdorf, dem Chef von der „Funzel“. Ich bin mit dem Ablauf und Erfolg zufrieden. Zunächst waren die Zuschauer etwas verdutzt, denn eigentlich geht da immer Kabarettpublikum hin, aber nach anfänglicher Zähigkeit machten und sangen sie dann doch mit. Hier waren es besonders die internationalen Lieder und Shanties, die besonders gut ankamen. Christiane und Werner Büthe waren auch da, sogar Hans Werner Schlase sah mal kurz ein. Ich merke und sehe beim Durchlesen des vorherigen Blattes, daß meine „Schreibmaschinenkonzentration“ schon wieder nachläßt, ich bin auch noch ganz schön zerschlagen von den Anstrengungen der letzten Tage. Aber noch dies: Schreitters lassen natürlich ganz ganz herzlich grüßen, wir sollen unbedingt mal kommen, und ihre Kinder sind ja prima. Frauke (17) war nicht in Salzwedel, sie lernt in Görlitz, aber Antje und Sven-Peter waren da. Ich wollte mich für die überaus herzliche Gastfreundschaft revanchieren und lud die Kinder ein paar Tage zu uns ein. Anfang August wird eines dann mal zu uns kommen. Gestern kam ein Telegramm mit der Bitte, dringend bei Martin Hoffmann anzurufen. Ich konnte aber nur von der Post Bea erwischen, sie sagte mir, die Eltern wollten wohl bei sich eine Geburtstagsfeier für mich ausrichten. Das finde ich sehr nett, zumal, wenn mein Telefon nicht geht, ich doch nicht erreichbar bin. Ich will nachher gleich einmal anrufen. Heute Nachmittag bin ich bei Hlinomaz und werde vielleicht gegen Abend mal nach Oranienburg fahren. Ach so, geht ja nicht, ich muß ja zu Andy, den Wagen holen. Dann fahre ich sicher morgen mal, doch da will ich auch die Wohnung aufräumen und Wäsche waschen, denn am Freitag geht es ja wieder nach Schwerin. Soweit meine bisherigen Erlebnisse. Du hast also nette Zimmergenossinnen? Na, Gott-sei-Dank! Und wie ist das Kurprogramm? Ich warte auf Deine erste Post und bin gespannt. Warst Du denn mal bei Ediths Eltern? Du sollst sie unbedingt in Breitenbrunn besuchen, ich schrieb das ja auf der Karte aus Arendsee. Sie waren kurz vorher in Salzwedel gewesen. Kurt Blei in Breitenbrunn. Das soll, laut Edith, nur ein Spaziergang bis dorthin sein. Sie werden sich sehr über Deinen Besuch freuen, verreisen aber am 10. 7. Wenn Du von dort mal an Schreitters schreiben willst, hier ist die Adresse: Edith und Jo Schreitter, 356 Salzwedel, Auf dem hohen Felde 34. briefe

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Nun „genieße“ Deine Kur, mir fehlst Du sehr, das alles hätte ich viel lieber zusammen mit Dir gemacht, aber die Kur ist ja ganz wichtig, hoffentlich auch gut und wirksam, daß Du wieder ganz auf Deck kommst. Laß Dich umarmen, mein Liebes, ich denke jeden Abend vor den Einschlafen fest an Dich und freue mich, wenn Du wieder da bist, dann feiern wir ein großes Fest. Jetzt aber „kure“ erst mal schön. Soll ich denn mal kommen, und ist das überhaupt möglich? Und ich kann Dir zu Deinem Geburtstag etwas schicken, ist die Adresse einwandfrei? Also, ich werde ja sehen. Viele liebe Grüße und ein dickes Küßchen vom KATER

zu Hause, am 16. 7. 78 Ach, mein liebes Igelchen! Es ist schon immer komisch mit mir: Nun habe ich endlich mal einen Tag frei, und da hocke ich absolut lustlos in der Ecke, sehe ein bißchen fern und mache im Grunde gar nichts. Eigentlich müßte ich aufräumen, schreiben, Noten sortieren usw, usw. Aber ich bin so müde und auch ein bißchen allein. Gestern am Sonnabend war ich in Frankfurt/O. zu einem Nachmittagskonzert, das – wie manche Freilichtvorstellung in diesem komischen Sommer – ausfiel. Das war schon das zweite Konzert mit Max Reichelt in dieser Woche, das bei voller Bezahlung nicht stattfand, na ja . . . . ! Mein Vorteil dabei wurde, daß ich Siegfried Siara wieder traf, und er sich außerordentlich interessiert zeigte, im nächsten Jahr mit mir zusammenzuarbeiten. Er will sogar als neuer Leiter des Orchesters das von Egon Aderhold geschriebene und von Max in der Schublade versteckte Programm „Autogramm nach Noten“ mit mir nun doch machen, sogar als Beitrag zum 30. Jahrestag. Von mir aus gern. Nur habe ich mir ausgebeten, nicht gar so deutlich den Max beiseite zu schieben, sondern ihm dabei eine Art „Trostfunktion“ zukommen zu lassen. Aber schließlich ist unser Job hart und jeder muß sehen, wo er bleibt. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht so ausführlich schreiben, obwohl ich weiß, daß es Dich interessiert. An sich hatte ich mich sehr auf eine alleinige Bootstour heute gefreut, nur das Wetter ist gräßlich hier, so kalt und trübe, kaum Regen, aber so kalt, und ich habe sogar (voll) geheizt. Ich kann vor Rückenschmerzen kaum kriechen, mir geht es echt dreckig. Dieses Wetter wird noch mal mein Untergang. Bei dieser Temperatur könnte ich stundenlang jaulen vor Schmerzen wie ein Hund. Nichts hilft: kein Bad, keine Gymnastik, kein Liegen, Stehen, Sitzen oder sonstwas. Deswegen bin ich auch nirgendwo hingegangen. Erst meinte ich, ich könnte ja mal ausgehen oder so, aber wenn dann die Zeit ’ran ist, 216

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Musik aus dem Hut, plakativ behütet von Werner Klemke

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bin ich immer ohne Mumm. Ohne Dich mache ich gar nichts gerne. Fremde Leute öden mich an. Inzwischen ist hier ein wunderbares Päckchen von Julian und Friedel eingetroffen, und auch Wöller und Erika Reinecke haben an Dich gedacht. Ich freue mich schon auf Dein Gesicht, wenn Du alles überreicht bekommst. Morgen läuft nun schon zum dritten Male „Musik aus dem Hut“, und Dienstag fahre ich mit Gudrun zu Martin Rietz’ Geburtstag. Renate rief heute an und sollte Dir durch mich gratulieren, ich gebe es weiter, ebenso Gratulationsgrüße von Familie Schlöttcke. Schön, daß Ihr zusammen Deinen Geburtstag verleben konntet, wir haben bei Springers genau um Mitternacht alle auf Dein Wohl und Deine Gesundheit getrunken. Wir werden ein Fest feiern, wenn Du wieder da bist. Ich kann die Zeit gar nicht mehr erwarten. Das merkst Du wohl daran, daß ich etwas idiotisch immer wieder dasselbe schreibe. Ich wünsche ja nur, daß Du Dich recht wohl fühlst, daß diese Sommerkur Dir wirklich hilft. Das ist ja schließlich die Hauptsache. Ich könnte nicht mehr allein leben. Du hast richtig ein großes Stück von mir okkupiert und gefressen, alleine würde ich bald völlig verkommen – nicht äußerlich, nein, nein, aber es geht eben nicht ohne Dich, mein Lieb. Weißt Du das eigentlich genau, wie zwingend das für mich ist?? Vielleicht ist das sogar eine Art Egoismus, was weiß ich, aber ich gehöre nun mal zu Dir. Ich schreibe alles so ein bißchen durcheinander, so wie es mir einfällt. Am Freitag war ich mal kurz in Oranienburg, das war wieder Zeit. Oma macht wieder einen etwas besseren Eindruck. An meinem Geburtstag war ich etwas erschrocken, sie wirkte so angestrengt und sehr mager. Ich hatte mir Sorgen gemacht. Alles was außer der täglichen Ordnung ist, ist zuviel für sie. Dabei sind die Untersuchungsergebnisse, wie ich höre, gar nicht mal schlecht, nur altersbedingt. Donnerstag bin ich mal rasch zu Werions nach Strausberg gefahren, sie freuten sich sehr. Wir aßen zusammen zu Abend und sie lassen Dich herzlich grüßen. Jedenfalls geht es ihnen wieder recht gut, aber sie sind noch immer Rekonvaleszenten und leben völlig diät. Wir werden uns mal mit ihnen treffen, sie sind sehr herzlich. So, mein Igelchen, nun will ich mich verabschieden, hier sind noch einmal zum Schluß Deiner Kur ganz liebe Grüße und viele Küßchen von Deinem KATERCHEN PS: Wenn ich Dich abgeholt habe, essen wir schön und feiern Deinen Geburtstag erst mal allein, ich habe alles abgesagt und Zeit für Dich: Freitag, Sonnabend und Sonntag, tschüß!

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Vom Igelchen und seinem Kater Eine erfundene Geschichte für große Leute, die eines Tages wahr wurde. Hinter dem großen Walde biegt der Weg in die weite Wiese, an deren Ende der schöne klare See schimmert. Viele wandern sommers diesen Pfad, erfreuen sich am grünen Walde, rasten im weichen Grase der Wiese zwischen den vielen tausend Blumensternchen und tummeln sich wohl auch im Wasser des freundlichen Sees. Dort in der Gegend lebte vor Zeiten ein schöner, junger Kater, schlank und biegsam, mit einem herrlich weichen Fellchen, stolz und elegant nach Katzenart, den alle Tiere kannten. Er war freundlich und lustig, und wenn etwas los war unter den Tieren, holte man ihn, denn er konnte die Tierdamen durch seine galante Art hoch entzücken und erfreuen. Manches Katzenfräulein schnurrte mehr als zufällig um das Katerle, um es zu gewinnen, und manch’ Katzendame hätte seine Freundlichkeiten gerne ganz alleine für sich gehabt. Doch das Katerchen ließ sich nicht fangen und nicht binden. Es hatte eine ganz besondere Bewandtnis mit ihm: Der Katzengott hatte ihm eine gar schöne Stimme geschenkt. Und als unser Kater erwachsen war und die Tiere seinen schönen Gesang entdeckt hatten, mußte er überall singen und Freude bringen. So zog das Katerchen durch die Lande, und wo es auftauchte und sich verweilte, versammelten sich sogleich viele Tiere und baten es, doch für sie zu singen. Musikanten fanden sich immer zur Begleitung ein. Und so kam es, daß dort, wo das Katerchen blieb, immer Frohsinn und Lustigkeit herrschten. Es sprach sich bald in allen Tierreichen herum, und die großmächtigen Herrscher und Tierfürsten veranstalteten festliche Galakonzerte, auf denen unser Katerchen herrlich sang. So ging es einige Jahre. Das alles machte dem Katerchen viel Spaß und Freude, es wurde geehrt und mit Geschenken überhäuft. Doch nach einiger Zeit fühlte es sich zwischen all dem Trubel und Erfolg immer einsamer und mehr und mehr allein, weil es zwar viele Tiere, große und kleine, junge und alte erfreute, aber doch kein liebes Herzchen für sich fand. Da wurde das Katerchen ganz furchtbar traurig und sang nur noch selten, und dann ganz leise und wehmütige Lieder. Eines Jahres, im Winter, lag es wie so oft in seinem Häuschen im Reich hinter den Bergen, das dessen Fürst eingerichtet hatte, und grübelte nach. Draußen tobte ein gräßlicher Schneesturm und die Welt war kalt und stumm; ein Wetter, wie es Katzen gar nicht lieben, denn sie leben lieber im hellen, warmen Sonnenschein. Da dachte das Katerchen über sein einsames Los nach und wurde immer trauriger und trauriger. märchen

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Plötzlich polterte es am Tor und reitende Boten des Fürsten drangen ins Haus. Sie schleppten das arme Katerle durch die eisige Nacht zum Schloß, wo der Fürst gerade ein Fest gab, auf dem das Katerchen singen sollte. Völlig durchnäßt und zitternd vor Kälte begann es zu singen. Und da – mitten im Lied versagte ihm das Stimmchen, und kein Ton kam mehr aus der Kehle. Die Stimme war gebrochen. Es herrschte große Bestürzung am Hofe und den Fürsten packte tiefe Reue, daß er das Katerchen brutal gezwungen hatte, zu singen . . . ! Doch es war zu spät, das Katerchen war stumm! Unbemerkt, ohne Freunde und Begleitung, verließ es noch in der gleichen Nacht die Stadt und das Reich hinter den Bergen und zog dorthin, wo seine alte Mutter wohnte. Und wie alle Mütter auf der Welt wußte auch die Katzenmama guten Rat. Sie kannte einen Weisen, der mit großer Kunstfertigkeit und Geduld das Katerchen wieder heilte und das Stimmchen reparierte. Nicht lange, da erscholl erneut der frohe Gesang unseres Freundes! Das Katerle war so glücklich über die wiedergefundene Stimme, daß es Mut faßte und wieder vor vielen, vielen Tieren sang. Und welche, die es früher gekannt hatten, meinten jetzt, nach der Krankheit sänge es durch die wundersamen Heilung noch viel schöner als früher. So kam es eines Tages, als die Sonne besonders hell und warm schien und die Blümlein besonders blankgeputzt waren, in die schöne Gegend am großen See. Nun lebte dort als Herrscher des Landes ein gewaltiger Löwe, der von dem schönen Gesang des Katerchens hörte. Er ließ es vor sich kommen und gebot ihm zu singen. Zaghaft begann das Katerle, aber bald hatte es seinen Mut gefunden und schmetterte sein Liedchen in den Sonnenmorgen. Und siehe da, das Lied gefiel dem König so sehr, daß es ganz gerührt wurde, alle Strenge ablegte und das Katerle bat, an seinem Hofe zu bleiben. Mit Freuden sagte das Katerchen zu und sang fortan für all die Tiere am See und ihren Löwenkönig. Doch eines Tages geschah ein schreckliches Unglück! Das Katerchen hatte gerade wieder vor dem großen Löwen gesungen, als es plötzlich bemerkte, daß es immer schlechter und schlechter hörte und schließlich ganz taub war. Völlig verzweifelt, wieder so krank zu sein, lief es an das Ufer des großen Sees und klagte dem hellen Monde sein Leid. Und da es gerade eine von den geheimnisvollen Nächten war, die besondere Kräfte bergen und freimachen können, hörte der Mond den Jammer des Katerchens und beschloß, ihm zu helfen. Der Mond ist ein kluger alter Bursche, der über alles hinwegsieht und alles kennt und versteht. Er dachte in dieser Nacht, wie er dem Katerchen nicht nur helfen, sondern ihm und noch jemand anderes eine große Freude machen kann. Als er mit dem heraufdämmernden Morgen zur Ruhe ging, war sein Plan fertig. 

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Das Katerchen aber hatte in der nächsten Nacht einen wunderbaren Traum. Ihm erschien eine schöne Fee, die nahm es beim Pfötchen und führte es weit vor die Stadt in den Wald. Mitten im finsteren Walde hielt sie an und zeigte auf eine riesige alte Eiche. Dann verschwand sie so plötzlich, wie sie gekommen war. Am Morgen erwachte das Katerchen und mußte immerzu an den Traum denken. Ganz deutlich sah es den Weg und den Wald und schließlich den Baum vor sich, so daß es beschloß, ihn zu suchen. Es wanderte über die Wiese in den Wald und war nach einem Weilchen richtig erschrocken, als es urplötzlich vor der dicken alten Eiche stand. Es betrachtete die starken Äste und vielen Zweige und entdeckte am Fuße zwischen den Wurzeln eine Öffnung wie einen Zugang. Vorsichtig schlich es mit klopfendem Herzen hinein und stand in einer großen weißen Halle, in der es ganz still war. Plötzlich wurde es im Genick gepackt und an die Wand gedrückt! Entsetzt und bebend vor Angst und Schrecken fuhr es herum und sah vor sich eine gewaltige alte Eule, die es mit blitzenden Augen anstarrte. Es glaubte, das letzte Stündlein hätte geschlagen, und kroch zitternd in eine Ecke. Dabei stotterte es dauernd Entschuldigungen und sah die Eule flehend an. Die Eule sagte etwas, aber das Katerchen verstand doch nichts mit seinen kaputten Ohren. Schließlich machte es der Eule klar, daß es nichts höre, und setzte dabei ein so klägliches Gesichtchen auf, daß die Eule wahrhaftig anfing zu lachen. Sie kam ganz dicht an des Katers Ohren und erklärte ihm, sie habe ihn schon oft singen hören und nur nicht gleich erkannt. Das wäre alles gar nicht so schlimm, und sie werde gleich einmal der Herrscherin in diesem großen Baum Bescheid sagen. Sie sei ja nur die Anwärterin, aber ihre Gebieterin sei wundertätig, klug und könne helfen. Damit verschwand sie. Dem Katerchen war es jetzt doch wohler, denn so ganz war es seine Angst nicht losgeworden angesichts der riesigen Eule. Nun guckte es sich – neugierig wie alle Kätzchen – erst einmal um, wo es sich eigentlich befand. An den hohen Wänden der weißen, großen Halle standen wunderbare Apparate herum, und in hohen Schränken lagen seltsame und fremdartige Gerätschaften und kleine Instrumente. Das Katerchen sah sich alles genau an und schlich auf seinen weichen Pfötchen von einem Schrank zum anderen. Auf einmal kam eine kleine Igel-Dame zur Tür herein. Sie kam ganz leise und schnell auf ihren flinken Igelbeinchen. Ihre Igelhaare standen wichtig und unternehmungslustig nach allen Seiten gespreizt und ihre blanken Knopfäugelchen blitzten lustig aus dem kleinen Gesichtchen, dem voran die kecke Igelnase eilte. Das Igelfräulein – denn es war ein Fräulein – begrüßte unseren Sänger so nett und freundlich, daß ihm ganz warm ums Herz wurde und er rote Ohren bekam. Dann drückte es den verlegenen Burschen in einen Stuhl und guckte ihm flink in die Watschelöhrchen. 

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Danach nahm es ein schönes silbernes Stöckchen, tauchte damit in eine klare Flüssigkeit und steckte das Silberstäbchen dem Katerle einfach in die Ohren. Nach einem Weilchen holte das Igeldoktorchen den Stab wieder hervor – und nun konnte unser kleiner Kater wieder ganz richtig hören! Oh, wie glücklich und dankbar er da war. Igelchen brachte ihn noch bis zur Tür, dann trollte er sich. Aber in der nächsten Nacht konnte er wieder nicht schlafen, diesmal aber nicht vor Kummer, sondern weil er immer und immerzu an das hübsche Igelfräulein denken mußte. Und ehe der Morgen anbrach, war es ihm klar: er hatte sich ganz gewaltig in seine kleine Wohltäterin verliebt. Gleich am nächsten Tag lief er zum großen Baum und sang unter ihrem Fenster sein allerschönstes Lied. Dann schrieb er einen langen Liebesbrief und schickte ihn mit einem Vögelchen zu ihrem Fenster. Gespannt wartete er auf die Antwort . . . und sie kam! Das Katerchen putzte und schniegelte sich und führte die kleine Igeldame zum ersten Male aus. Sie war gar lieblich anzuschauen, und das Katerchen verliebte sich immer mehr und mehr in seine kleine Dame. Die aber war im ganzen Königreiche bekannt und berühmt durch ihre guten Taten, denn sie hatte schon vielen geholfen, wieder gesund zu werden. Fortan sang unser Katerle noch weit schöner als bisher. Die Liebe schenkte ihm die allerschönsten Melodien, so daß sogar der große Löwe es merkte und sich oft vorsingen ließ. Jeden Tag, wenn das Katerchen sein Pensum gesungen hatte, lief es stracks über die Wiese zum Walde bis zur Wohnung seines Igelchens. Dann waren sie vergnügt zusammen, gingen wohl im Walde spazieren oder wanderten am Ufer des großen Sees entlang. Aber was sie auch immer taten, die Liebe war ihr stetiger Begleiter und schwebte wie ein guter Geist auf allen ihren Wegen mit ihnen. Eines Tages eilte das Katerchen wieder zur großen Eiche, um sein liebes Igelchen zu besuchen. Da sah es vor der Eingangspforte eine wunderbare, prächtige Karosse stehen. Sie war mit Gold und Silber beschlagen und ihre Polster waren aus weichem, schwellenden Samt. Die Räder waren elfenbeinern und mit kostbaren Blüten umwunden. Dem Katerchen stockte das Blut, denn diese herrliche Karosse gehörte dem reichsten Adler im ganzen Lande. Er war so reich, daß er sogar silberne Federn auf seinem Haupte trug. Und man munkelte, er hätte mehr Dukaten und Schätze als der gewaltige Löwe. Zaghaft trat unser Katerle ein und ging langsam die Treppe zur Wohnung seines Igelchens hinauf. Es wußte, warum der feine Herr gekommen war. Er wollte das Igelchen überreden, mitzuziehen in sein Schloß und seine Frau zu werden. Dann könnte das Igelchen jeden Tag reine, süße Milch trinken und bekäme immer frische, duftende Blumen und überhaupt alles, was es sich nur wünschte. Im Sommer würde der vornehme 

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Adler eine große Reise auf seinem stolzen Schiff machen und alle würden staunen und sagen, wie gut es die beiden haben. An all das dachte unser Katerle, setzte sich auf die Treppe und fing ganz bitterlich an zu weinen. Nun war es so glücklich gewesen, hatte sein Igelchen gefunden und hatte es so lieb wie nichts weiter auf der Welt. Jetzt sollte es nun seine Liebe begraben und wieder alleine bleiben. Sein kleines Katerherz krampfte sich zusammen; und es jammerte, warum es denn so arm wäre und nicht auch eine feine Karosse, ein großes Schloß und viele Diener hätte. Es hatte nur sein Stimmchen, mit dem es so viele, viele glücklich und froh machen konnte, und war selbst so arm und traurig. Da hörte es plötzlich Schritte und der feine Herr kam die Treppe herab, allerdings allein und langsam. Schnell versteckte sich das Katerchen hinter einer großem Wurzel und sah, wie der Adler traurig zur Tür hinaus ging. Rasch sprang unser Freund die Treppe hinauf und fand sein Igelchen ganz ruhig und lieb wie immer. Ängstlich fragte er nach dem Besuch und erzählte von seinen Sorgen. Da lachte die kleine Igeldame ganz laut auf, nahm ihren Kater in ihre weichen Ärmchen und hatte ihn noch lieber als bisher. Sie wollte kein Schloß, kein Schiff, und eine Karosse würden sie sich selber kaufen. Wenn auch nicht mit Elfenbein und Silber, aber auch mit vier Rädern. Überglücklich stürmte unser Katerchen die Treppe hinab und kam bald mit zwei schönen Ringelein wieder. Einen, den kleinen, steckte es dem Igelchen ans Pfötchen und einen, den großen, streifte es über seine Pfote. Und da gerade das Osterfest vor der Tür stand, läuteten alle Glocken, und die Osterhasen und alle Tiere lachten und lachten, weil die beiden so ganz glücklich waren. Und was gilt die Wette: Ehe noch das Jahr verging, heirateten sie, blieben glücklich zusammen für immer. ENDE

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Ernst Heise in den Medien Einige Ausschnitte Rostocker Neueste Nachrichten, 1963 Künstlerportrait Auf dem Namensschild an der Tür steht: „Dr. Dr. Heise“. Voller Ehrfurcht vor so viel Wissenschaft drückst du auf den Klingelknopf. Aber wenn du später nach den Disziplinen fragst, sagt die kleine blonde Frau, die dir gerade duftenden Kaffee vor die Nase stellt: „Das bin ich bloß“. ‚Bloß‘ ist gut. Hut ab vor diesem jungen doppelten Doktor der Medizin. Und beinahe vergißt du, wen du besuchen kamst. Sofern du ein Mann bist. Ich bin keiner. Und halte mich darum weiter an ihn, den stimmgewaltigen jungen Baß unseres Volkstheaters, Ernst Heise. Bei dem Wort „Interview“ verzieht er die Nase. Und wir handeln das Offizielle kurz ab: Groß (im wahrsten Sinne des Wortes) geworden im Berliner Raum, man hört’s. Musische Veranlagung, wie bei Goethe, vom Mütterlein. Angefangen als Lehrer, ohne große Lust. Nebenbei Musikunterricht – jetzt wird er lebhaft – bei Paul Neuhaus, dem seine ganze Hochachtung und Dankbarkeit gilt. Zwei Jahre Chor. Daß ihm der Sprung ins Solofach gelang, spricht von ebenso viel Begabung wie Zähigkeit. 1960 aus Plauen nach Rostock gekommen, hängen geblieben, per Standesamt. Singt am liebsten Mozart, Verdi und die Modernen: Dessaus „Lukullus“ oder jetzt „Persische Späße“. Schließlich ist er im Hauptberuf Opernsänger – Wo es ein „Haupt“ gibt, gibt es auch „Neben“. Was ist „Neben“? Gottseidank, der offizielle Teil ist beendet. Erlöst springt er auf, kramt zwischen seinen Tonbändern und hockt sich auf den Teppich, vor das Bandgerät. Und da läuft das Band und Ernst Heise singt im Hafenkonzert des Senders Rostock den neuen Shanty „Ich möchte fahren, fahren ohne Ende“. „Neben“ ist die Arbeit mit dem Rundfunk, für die er, nach seinen amüsanten „Guten Tag, Sonntag“-Sendungen zu urteilen, eine ausgesprochene Ader hat. Sollte eines Sonntagmorgens, kurz noch 8.00 Uhr, das Telefon bei Ihnen klingeln, so müssen Sie darauf gefaßt sein, daß am anderen Ende der Strippe Ernst Heise hängt und Ihnen putzige Fragen stellt. Ob Sie, verehrter Herr, gern kochen, zum Beispiel. Die Antwort sollten Sie sich dann gut überlegen, es könnte sein, daß Ihre Frau am Lautsprecher sitzt. Er selbst kocht übrigens sehr gern. „Und gut“, wie die Frau Dr. Dr. versichert. Gestern habe es raffinierterweise Schmorgurken mit Zitronencremesauce gegeben . . . Basteln tut er auch noch und erledigt sämtliche Reparaturen, vom Wartburg bis zum Staubsauger. Ein wahres Küchenwunder, dieser seriöse Baß mit der großen Liebe für Jazz und heiße Musik. medien

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In der er ebenso viel Geschmack beweist wie an den Kochtöpfen. Überzeugen Sie sich selbst davon, am kommenden Sonntagmorgen um 8.00 Uhr. Der humorvolle Plauderer, der sich dann mit jungen Leuten aus dem Fischkombinat unterhält und zwischendurch eine „tolle Musikschaffe abzieht“, ist niemand anders als der Bettler aus den „Persischen Späßen“ und der künftige Rocco aus „Fidelio“: Ernst Heise. Ostseezeitung, 1966 Mit einer literarisch-musikalischen Veranstaltung „Das Wort, das nicht verzeiht“ – Gedichte, Chansons gegen den Krieg – wurde gestern Vormittag im Kultursaal des „Ostsee-Druck“ in Rostock die Woche des Buches festlich eröffnet Die Festansprache hielt der Stadtrat für Kultur, Genosse Pommerenke. Er sprach über die Bedeutung der Literatur bei der Formung des sozialistischen Menschenbildes und verband seine Rede mit dem Dank an die Schriftsteller, die Bibliothekare, die vielen ehrenamtlichen Helfer in den Bibliotheken unseres Bezirkes, an den Hinstorff Verlag und die Fachverkäufer im Volksbuchhandel. Die musikalischen Darbietungen des Sängers Ernst Heise vom Volkstheater Rostock, der von Hans-Jürgen Frohriep auf der Gitarre begleitet wurde, und die Rezitationen der Mitglieder des Rostocker Studententheaters gaben der Veranstaltung einen festlichen Rahmen. Rostocker Neueste Nachrichten, 1966 Von der ersten Rostocker Hootenanny „Frieden soll sein auf der Welt“ – sangen sie gemeinsam den Refrain jenes Liedes, mit dem die erste Rostocker Hootenanny ihren Abschluß fand. Es war jedoch gleichzeitig Bekenntnis von Künstlern und Teilnehmern – ein Bekenntnis für den Frieden in der Welt, gegen den schmutzigen Krieg in Vietnam. Darin drückte sich auch der Charakter dieser Veranstaltung aus, aus diesem Anlaß war man zusammengekommen. Ergriffen lauschten Mädchen und Jungen, als Ernst Heise ein Lied gegen die Bombe sang, in dem gesagt wird, welch schreckliche Folgen Bombenabwürfe auf friedliche Städte und Dörfer haben, in dem aber ein jeder aufgerufen wird, gegen die Bombe alles zu tun, was er kann Von brennender Aktualität waren die Lieder gegen den Krieg in Vietnam, aus aktuellen Anlässen geboren. Hervorgehoben sei auch das Lied gegen solche Mörder wie Kongo-Müller, ebenfalls von Harald Cornelius komponiert und gesungen, in welchem von Menschen erzählt wird, die gern lachen, die aber angesichts der grinsenden Visage Kongo-Müllers das Lachen verloren. Und Harald Cornelius ruft daher auf, dafür zu sorgen, daß das Lachen am Leben bleibt. Es ist nicht möglich, über alle Lieder zu schreiben. Gesagt sei nur, daß 226

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sie alle den Beifall der Anwesenden fanden, seien es die Protestlieder gegen den Vietnam-Krieg oder die Volks- und Scherzlieder. Dank und Anerkennung den Mitwirkenden dieser ersten Hootenanny: Ursula Figellus, Ernst Heise, Dr. Harald Cornelius und Hans-Jürgen Frohriep. Und damit ist auch verraten, daß die nächste Hootenanny nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Wer jung ist, gern singt, kann dabei sein. Freie Welt, 1967 Wer nach einem Opernsänger sucht, der auch Chansons interpretiert, der sollte nach Rostock fahren. Dort nämlich, am Ulmenmarkt 1, wohnt Ernst Heise, Opernsänger und Chansonnier zugleich. Seit 1960 gehört er dem Opernensemble Rostock an. Er sang den Sarastro in der „Zauberflöte“, den König im „Lukullus“ und den Bettler in den „Persischen Späßen“. Darüber hinaus interessierte er sich schon seit langem für den Song, mit dem er sich seit nunmehr zehn Jahren neben der Interpretation von Volksliedern und Chansons auch beruflich beschäftigt. Seine sängerische Vielseitigkeit, die er täglich auf der Opernbühne beweist, ließ ihn zum Mitinitiator der Chanson-Veranstaltungsreihe am Intimen Theater in Rostock werden. Er übernahm auch sängerische Aufgaben im „Marat“. Seit einiger Zeit leitet er außerdem die Chansonklasse im Schauspielstudio des Rostocker Volkstheaters. Sein größter Wunsch ist es, recht bald mit dem Chanson-Programm auch in anderen Städten der DDR zu gastieren. Unterhaltungskunst, 1970 Das Portrait [. . .] Ernst Heise ist keiner von den ganz Großen, kein Liebling der Teenager und Fans. Er will es auch nicht sein, obwohl seine Erscheinung sicher manch Frauenherz höher schlagen läßt. Elegant, schlank, gepflegt und mit außerordentlich guten Manieren ist er ein männlicher Cocktail aus etwa 1⁄8 Seemann, 2⁄8 Sportsmann, 1⁄8 britischer Oberhausabgeordneter mit sportlichen Ambitionen (wie wir ihn aus dem Kino kennen) und 4⁄8 jugendlich-reifer Herr mit grauen Schläfen. Dazu je eine Prise „Don Quichote“, „Naturbursche“ und „Oberlehrer“ [. . .] Demokrat, Rostock, 1973 Vom engagierten Song bis zum Seemanns-Shanty . . . reicht die Programmpalette Ernst Heises Sie ist heute eine unserer eigenwilligsten Interpretinnen: Uschi Brüning. Und eben diese Uschi Brüning nahm bei ihm Gesangsunterricht. Für die meisten Rostocker kein unbekannter Name: Ernst Heise, Sänger, Pädagoge, Moderator und Schaumedien

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spieler in einer Person. Fünf Jahre gehörte er damals dem Ensemble des Volkstheaters an. Ein Angebot des Ensembles für Unterhaltungskunst ließ ihn von der Warnow an die Pleiße übersiedeln. Von Leipzig zog es ihn an die Spree. Er nahm Schauspiel- und Sprechunterricht und war fortan freischaffend tätig. Ernst Heise sang seine Lieder auf Pressefesten, KGDVeranstaltungen, im Fernsehen und im Rundfunk. Der engagierte Künstler war nicht nur Bote unserer Unterhaltungskunst, sondern auch politischer Agitator im kapitalistischen Ausland. Ernst Heise scheute sich nicht, 1970 an den Kriegsherd nach Vietnam zu reisen. Im Dickicht des Mekong-DeItas – in der Ferne krachten amerikanische Bomben nieder – sang er von einem Frieden auch für Vietnam. Ernst Heise wurde mit dem „Orden für Völkerfreundschaft“ in Gold geehrt. Zu seinen nachhaltigsten Erlebnissen zählt eine Begegnung aus dem vorigen Jahr. Ernst Heise begleitete eine Delegation DDR-Sportler nach Kuba. Völlig überraschend hatte sich Fidel Castro angesagt. In seiner Begleitung befand sich die amerikanische Friedensrechtlerin Angela Davis. Ein improvisiertes Sonderprogramm vereinte Gäste und Gastgeber in gemeinsamer Runde und ließ diesen Abend für alle unvergeßlich werden. Zur Zeit bereitet der Baßbariton ein Liederprogramm vor, das ihn mit dem Harry-Seeger-Quartett durch alle Bezirke führen soll. Die Palette des Programms reicht vom engagierten Song über die Folklore bis zum Seemanns-Shanty. Natürlich gastiert Ernst Heise auch im Rostocker Bezirk, denn „nach all den Jahren hänge ich doch noch ein bißchen an der Stadt an der Waterkant“, meinte der jetzige Berliner am vergangenen Sonntag nach dem „Hafenkonzert“ im Neptun-Bernsteinsaal. Ron Zwischenstation, Rostock, 1973 Ernst Heise beim Hafenkonzert Uschi Brüning, eine unserer interessanten Entdeckungen der letzten Jahre auf dem Gebiet der leichten Muse, bezeichnete Ernst Heise kürzlich als den modernsten Gesangspädagogen der DDR. Lobende Worte aus erster Hand über einen ehemaligen Rostocker. Langjährige Theaterbesucher werden Ernst Heise noch als Ensemblemitglied des Volkstheaters kennen. Heute ist Ernst Heise, den es von der Warnow an die Spree zog, Sprecher und Moderator, Interpret und Gesangslehrer, Schauspieler und Komponist. Sein Repertoire umfaßt Lieder, Chansons, Schlager, es reicht von der Folklore bis zum internationalen Seemannslied. 1970 gastierte Ernst Heise in der DRV, im Herbst 1972 führte ihn eine Reise mit Olympiateilnehmern nach Kuba, wo er Fidel Castro und Angela Davis kennenlernte. Erst in diesen Tagen kehrte Ernst Heise braungebrannt von einer Tournee durch Syrien, Ägypten und Irak zurück. Mit von der Partie waren u. a Christel Schulze und Komponist Martin Hoffmann. 228

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Motto der Tournee: Vorbereitung der X. Weltfestspiele. lnteressant war für den politisch-engagierten Interpreten die Resonanz der Menschen nach der weltweiten Anerkennung der DDR. Zur Zeit bereitet Ernst Heise ein Lieder- und Chansonprogramm mit dem Harry-Seeger-Quartett vor. Erstmalig wird dieses Programm in den südlichen Bezirken vorgestellt. Er hofft, damit eines Tages auch in Rostock aufzutreten, denn „so ein bißchen Sehnsucht nach der Woterkant habe ich heute noch immer“, betonte der Sänger, als wir mit ihm am letzten Sonntag nach dem „Hafenkonzert“ in Waremünde sprachen. Teleturm, „Spaß am Montag“, 1978 Behutsam in Sachen Lachen Ernst Heise, der singende Schauspieler, hält‘s nicht mit Schillers „Tell“: „Siehst du den Hut dort auf der Stange?“ Er hat dort mehr als ein halbes Dutzend davon hängen – vom Homburger bis zum Sombrero. Er verpaßt auch dem Publikum welche zum „Spaß am Montag“, kommende Woche nochmals. Einer jungen Frau gestern ein Revue-Utensil aus der Familie der Florentiner Hüte, mit ‘ner Seeoffiziersmütze. Dafür sollte ich definieren, was ein Hut ist . . . Nun, Ernst Heise weiß Unterhaltsames rund um die Mode zu plaudern, die Leute zum Reden und Singen zu bringen, so wohlbehütete Atmosphäre zu schaffen. Wenn „Musik aus dem Hut“ kommt, klingt vor allem das OrchesterUrband von der Tonmaschine, mit Glacehandschuhen und mancher Kopfbedeckung bedient von Hans-Ulrich Brandt. Auch einiges Gesungene, vor allem Shanties. Verhüten sollte man ein Überstrapazieren der Stimmbänder. Trefflichen trockenen Humor steuerte „Funzel"-Chef Jochen Petersdorf bei. Klaus Klingbeil Der Morgen, 1979 Fünf Versuche eines Porträts Parteifreund Ernst Heise hat sich als Sänger der anspruchsvollen Unterhaltungsmusik verschrieben Man stelle sich einen Herrn in der Mitte des Lebens vor. Hochgewachsen, schlank, leicht angegraute Schläfen, markantes Gesicht, sonore Stimme. Eine Erscheinung von sportlicheleganter Nonchalance, dynamisch, kultiviert. Dieser Mann mit Witz und brillantem Redefluß ist Sänger. Genauer gesagt, ein singender Schauspieler. Oder besser noch, ein sprechender Sänger. Oder – nein, so kann man diese Geschichte nicht anfangen. Versuchen wir es so: Ernst Heise, geboren in Oranienburg, stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Das musische Klima im Elternhaus ermunterte den jungen Mann, nachdem er sich sieben Jahre als Lehrer medien

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für Deutsch und Musik erprobt hatte, die Sängerlaufbahn einzuschlagen. Über Bühnenhäuser wie Dessau, Nordhausen und Plauen kam er an das Volkstheater Rostock, wo er als profunder Baß rund fünfzig Opernpartien sang. Gleichwohl gehörte sein Herz der heiteren Muse. Er trat in Fernsehsendungen, Nachtrevueprogrammen und Musicals auf, bis er vor zwölf Jahren beschloß, sich freischaffend ganz und gar der Unterhaltungskunst zu widmen. Seither ist Ernst Heise als „fahrender Sänger“ zwischen Erzgebirge und Ostseestrand bekannt. Darüber hinaus bewährte er sich auf internationalem Parkett. Gastreisen durch mehr als zwanzig Länder führten ihn von Havanna bis Ulan-Bator. Sein Repertoire umfaßt Schlagerlieder, Chansons, Evergreens, Folklore, kurz – gehobene anspruchsvolle Unterhaltungsmusik. Seit zwei .Jahren präsentiert er sich als Entertainer und fand damit zu einem neuen, ganz persönlichen Stil. Für sein 90-Minuten-Ein-Mann-Programm „Musik aus dem Hut“, das gewürzt ist mit augenzwinkernder Plauderei, benötigt er nicht mehr als einen Tisch, eine Steckdose, den am Tonband agierenden Assistenten Hans-Ulrich Brandt und . . . ? Genug der Aufzählung. Ein Porträt bedarf vieler Farbtöne. Dritter Versuch: Parteifreund Heise ist ein engagierter Künstler, dem nicht nur die eigenen Belange, sondern auch die der Gesellschaft am Herzen liegen. Neben seiner Tätigkeit als Sänger gibt er seine 25jährige Bühnenerfahrung als Gesangspädagoge (hier tritt wieder der ehemalige Lehrer in Aktion) weiter, u. a. an Uschi Brüning, Hannelore Breiten, Angelika Mann, Sänger vom Michaelies- und Cantus-Chor. Er gehört außerdem der Arbeitsgruppe für Aus- und Weiterbildung bei der Bezirkskommission für Unterhaltungskunst sowie der Berliner Gewerkschaftsleitung für freischaffende Künstler an, wo er sich mit Rechtsfällen und Honorarproblemen befaßt. Die LDPD bezeichnet er als eigentliche politische Heimat. Hier engagiert er sich streitbar und temperamentvoll, fühlt sich beraten und verstanden und gibt seinerseits als Mitglied des Kreisvorstandes BerlinMarzahn Anregung und Unterstützung auf kulturpolitischem Gebiet. Doch auch damit trifft man nur einen Ton und nicht den vollen Akkord eines Sängerlebens. Als vierte Variante könnte man häusliche „Idylle“ einfangen. Das hieße: Der Sänger Ernst Heise ist mit einer zweifach promovierten, aus Mecklenburg stammenden Ärztin verheiratet. Da der Lebensanspruch der beiden Ehepartner normal ist, haben sie trotz häufiger Trennung recht viel voneinander. Sie sind per Fahrrad oder Boot unterwegs, tun etwas für die Gesundheit, indem sie schwimmen oder durch den Wald laufen. Ihre Wohnung verrät Geschmack und Gemütlichkeit. Buntgeblümte Vorhänge harmonieren mit weißlackiertem Klavier und Schaukelstuhl. Die „einfallslosen Rezepte der Mecklenburger Küche“ schätzt 230

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der Feinschmecker Ernst Heise wenig, folglich verwöhnt er seine Frau mit französischer Zwiebelsuppe oder Spaghetti mit pasta sciuta. Bliebe als Versuch Nummer fünf das Kapitel künstlerische Aussage: Ernst Heise hält viel von Aufrichtigkeit und Selbstkritik. Unterhaltung im besten Sinne bedeutet für ihn, sich dem Publikum liebenswürdig, gesellig, anspruchsvoll und möglichst variabel zu stellen. Wo immer es sei, ob bei Rentnertreffs, vor FDGB-Urlaubern, im Palast der Republik, während einer Schiffsreise der „Völkerfreundschaft“, ja, selbst bei einem Konzert auf den Ruinen von Babylon – Ernst Heise bemüht sich, sein Publikum zu informieren, zu unterhalten, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. 1970, anläßlich einer Vietnam-Tournee mit Vera Schneidenbach und Jürgen Walter geschah das besonders überzeugend. Als kleine Geste der Freundschaft hatte man ein Vietnamesisches Kampflied einstudiert. Da Wortbegriffe im vietnamesischen von bestimmten Tonhöhen abhängig sind, servierten die drei Sänger aus der DDR ungewollt einen für das Hanoier Publikum urkomischen Sprachsalat. Der Erfolg: Riesenapplaus, eine Sympathiekundgebung herzlicher Verbrüderung. Ende gut – alles gut? „Was Reporter für Fragen stellen!“ meint Parteifreund Heise kopfschüttelnd. „Schreiben Sie doch einfach: Ernst Heise ist noch da. Er wohnt in Mahlsdorf in einem Vierfamilienhaus der KWV. Seine Ehe stimmt, sein Freundeskreis auch. Er hat Spaß an seinem Beruf, hat ein neues Programm und kann sich noch immer von Herzen freuen wie ein Kind. Trotz aller Höhen und Tiefen – sein Leben hat sich bis jetzt gelohnt.“ Auf solch eine treffende Charakteristik hätte unsereins eigentlich gleich kommen können. Anna-Luise Zimmermann Betriebzeitung Transformatorenwerk Oberschöneweide, 1987 Musik aus dem Hut . . . zauberte Ernst Heise am 27. Februar im Klubhaus bei seinem gleichnamigen Programm. Dies war gleichzeitig die gelungene Auftaktveranstaltung für die Reihe „TRO -Extra-Tour“, die neben dem ebenfalls neueröffneten „Kulturladen“ für die jüngeren Semester nun das spezielle Programm für die etwas reifere Jugend werden soll. Gut behütet zeigte Ernst Heise ein kurzweiliges Programm mit viel Charme, Witz und internationalem Flair, das das Publikum nicht nur ansprach, sondern direkt mit einbezog. So hatten einige Gäste kurzerhand „den Hut auf“ – der Künstler hatte Dutzende Exemplare mitgebracht. Und wer nicht „auf der Hut“ war, bekam einen solchen aufgesetzt, entweder einen Sombrero, Zylinder, Cowboy-Hut oder gar eine Schapka, Melone oder Kreissäge. Ein kurzweiliger Spaß, der mit viel Beifall aufgenommen wurde. Ein geglückter Start für die nächste „TRO-Extra-Tour“. medien

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Mindelheimer Zeitung, 7. Mai 1993 [. . .] Ein Charmeur und Plauderer, der sein Publikum souverän im Griff hat: Der Berliner Schauspieler Ernst Heise erwies sich als ein bühnenerfahrener Unterhalter mit gepflegter Sprechkultur, professionell geschulter Körpersprache und einem Charme, den er sehr bewußt, aber dennoch sympathisch und ohne sich anzubiedern einzusetzen wußte. Der Berliner Sänger, Schauspieler, Rundfunksprecher und Entertainer war und ist in den neuen Bundesländern ein Begriff. Unaufdringlich, aber unüberhörbar focht er kabarettistische Seitenhiebe auf „unsere frühere Gesellschaftsordnung“ ins Programm ein (,‚Das einzige, worum’s mir nach der Wende wirklich leid tut, sind die Witze über den Sozialismus"), versäumte aber nicht festzustellen: „Es gab auch vor der Wende bei uns schon Leute, die gingen aufrecht und konnten ihren Namen schreiben“. Nach seinem Auftritt hinter der Bühne wirkte Heise keineswegs erschöpft, sondern höchst angeregt und vergnügt – ganz nach Wilhelm Buschs Motto: „Das Reden tut dem Menschen gut / besonders, wenn er’s selber tut!“ Eva-Maria Frieder Welt am Sonntag, 5. Juni 1994, von Tamara Show Ernst Heise – freche Busch-Texte in Wandlitz-Klinik Talkmaster Wim Thoelke und Schauspieler Peter Bosse, der in den 30er Jahren bereits als Kinderstar glänzte, engagierten für ihren Sender 50 Plus am Marstall in Berlin-Mitte Ernst Heise als Moderator der Musik-Wunsch-Sendung „Sie und wir“. Der auch als bedeutender Wilhelm-Busch-Rezitator bekannte Mime aus Köpenick wurde von Lutz Hildebrandt, dem Kurdirektor der früheren SED-Siedlung Wandlitz, gebeten, in der dortigen Waldklinik aufzutreten. Im Kursaal, wo früher DDR-Politgrößen Sozialismus predigten, soll Heise nun freche Busch-Texte vortragen. Charakterdarsteller überraschte im „Nachtfalter“, 21. August 1994 Ernst Heises rasante Reimrevue mit Versen von Wilhelm Busch Wittenberg (wg). Angekündigt für das traditionelle Donnerstagabendprogramm auf der Kleinkunstbühne im „Nachtfalter“ war ursprünglich die Berliner Schauspielerin und Sängerin Carola Opitz und ihr Soloprogramm „Ich bin die fesche Lola“. Doch kurzfristig wurde die freischaffende Künstlerin für eine Fernsehproduktion verpflichtet und mußte ihren Auftritt auf den Spätherbst verschieben. Umso erfreulicher, daß der schon lange von den „Nachtfalter"-Machern avisierte Ernst Heise sofort bereit war, einzuspringen. Der unverwechselbare Charakterdarsteller, der in zahlreichen DEFA-Spielfilmen mitwirkte, begeisterte das Wittenberger Publikum mit einer rasanten Reimrevue aus dem Gesamtwerk von Wilhelm Busch. Eine 232

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besinnlich-heitere Auslese von Versen, die noch immer so bahnbrechend komisch, so klug und böse sind wie vor hundert Jahren. Ein Programm, das bis ins letzte Detail überzeugte, nicht zuletzt wegen der perfekten theatralischen Formgebung, in die Heise seine Verse zu verpacken wußte. „So kommt es denn zuletzt heraus, daß ich ein ganz famoses Haus“. Ernst Heise kann dieses Lob aus Wilhelm Buschs Gedicht „Selbstkritik“ mit Fug und Recht auf sich beziehen. In einer bemerkenswerten Textcollage hat er mit viel Sorgfalt und Liebe die Wortkünste vom Altmeister des Humors zu einem abendfüllenden Programm zusammengeschmiedet. Mit augenzwinkerndem Charme riskierte der erfolgreiche Opernsänger („seriöser Baß“) und Schauspieler so manche kesse Lippe. Seine Kunst des Rezitierens lebt, hat Seele mit allem Furioso. Die kräftige, distinguierte Stimme wird durch eine zwar sparsame, aber präzise Gestik unterstrichen – von der ersten bis zur letzten Minute hält der Akteur deshalb die Spannung und beweist: Gute Texte werden einfach nicht alt. Für Generationen war Wilhelm Busch nicht mehr als ein unterhaltsamer Spaßmacher, ein humorvoller Verseschmied und witziger Zeichner. In seinem gut 90minütigen Wortprogramm verstand es Ernst Heise auch, den Menschen und Künstler Busch transparent zu machen: den modernen Maler, der den Impressionismus vorwegnahm, den eigentlichen Erfinder des Comics, den tiefgründigen Poeten, den Philosophen und doppelbödigen Gesellschaftssatiriker. Charmant moderierend stellte Ernst Heise die geistreichen Reime Buschs in einen vergnüglichen Gegenwartsbezug, ob es sich dabei um so unterschiedliche Themen wie angebliche Tugend, unerträgliche Bürokratie oder die Liebe handelte. Heiter-frivol gelten die Seitenhiebe den Biedermännern und Neunmalklugen, angriffslustige Bissigkeiten, die durch allerlei groben Unfug und Blödsinn immer wieder eine Auflockerung erfahren. Wer kennt sie nicht, den verhinderten Dichter Bählamm, die gar nicht fromme Helene und den gescheiterten Maler Klecksel oder die geflügelten Worte aus den Bildergeschichten wie „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ und „das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man läßt“. Ernst Heise bot in der ihm eigenen Diktion einen bunten Querschnitt aus Buschs Werken. Who’s who, 1992 B.: Entertainer, Sänger, Schauspieler, Freiberufler, Sprecherzieher, Gesangslehrer, Rundfunkmoderator. PA.: 1147 Berlin-Mahlsdorf, Kohlisstraße 94. G.: Oranienburg b. Berlin, 6. Juli 1928. V.: SanR. Dr. med. Dr. dent. Gertrud, geb. Jaeger. El.: Horst u. Emma. S.: 1944 LBA, 1948‒61 Gesangsmedien

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ausbild. u. Weiterbild. b. Paul Neuhaus Berlin, 1955 Bühnenabschluß an d. Staatl. Musik-HS „Hanns Eisler“ Berlin, 1956 Solistenprüf. in Berlin. K.: Ang. an mehreren Theatern als Seriöser- u. Charakterbaß, z. B. Nordhausen, Plauen u. Rostock, ca. 40 Fachpartien, ab 1961 Mitwirkung in ca. 600 Fernseh- u. Rundfunksendungen u. Filmen, seit 1962 Gastspiele in über 20 Ländern, b. 1990 Autor u. Moderator d. Rundfunksendung „Ihre Morgenmelodie“ b. Deutschlandsender, seit 1965 Gesangsausbilder f. viele prominente Künstler. E.: Johannes R. Becher-Med. M.: Dt.-Portugies. Ges. (VPräs.), Berliner Praterver., seit 1957 Schlaraffe. H.: Schwimmen, Radfahren, Kochen, Reisen, Wassersport. (B. K.)

Presseinterview am 29. Juni 1979 in der Berliner Wohnung für den Morgen 234

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Ernst Heise Sein Leben in Bildern

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Vor seinem Theater-Leben

Seine Eltern Emma und Horst

„Dieter, icke und Ilona“ auf schiefer Bahn

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Ernst und Nichte Winnie, 1942 . . .

. . . und 14 Jahre sp채ter

1939 238

1942 jugend

1946


Bei der Eröffnung des Kreistheaters Borna am 12. August 1956 sang Ernst hochoffiziell Erste Abstecher in künstlerische Gefilde (1947/48)

Ernst mit seinem hochverehrten Lehrer Dr. Krüger

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So schloĂ&#x; er stolz seine jugendliche Entwicklung ab (Plauen 1959) 240

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Auf der Bühne nach der Prüfung

Dessau 1955 – als ungarischer Edelmann in der Oper „Bank Ban“

Borna 1957 – als Collin“ in „La Bohème“

Borna 1957 – als“ Sparafucile in „Rigoletto“ Dessau 1956 – in „Marietta“ theater

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Nordhausen 1958 – Baculus im „Wildschütz“ mit Margarete Baeger-Helmert . . .

. . . und als Stelina in „Krutnava“ von Eugen Suchou 242

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Nordhausen 1959 – in der Operette „2 x Madelaine“ mit Gerlind Ahnert . . .

. . . und als Sarastro in der „Zauberflöte“ am Volkstheater Rostock 1961 theater

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Als Baal in „Nabucco“ 244

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Rostock – als Zacharias in „Nabucco“ theater

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Titelrolle im „Figaro“ mit Erika Wustmann

Als Eremit im „Freischütz“

Rechte Seite: Als Le Sire de Béthune in „Die Sizilianische Vesper“

Rostock 1961 – als Surin mit Helmut Rehm in „Pique Dame“ 246

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Nordhausen 1958 – als Basilio im „Barbier“ / Die „Verleumdungsarie“

1965 als Bettler in „Persische Späße“

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Plauen 1959 – als Pimen in „Boris Godunow“

Als Rocco in „Fidelio“ 248

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Rostock – als Grenvil in „La Traviata“

Rostock – als Peter Funk im Musical „Ein Millionär wider Willen“ theater

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Rostock – als Kohol in „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“

Rostock 1966 – Erste ChansonInterpretationen im Intimen Theater Rostock, Ernst Heise mit HansJürgen Frohriep (Klarinette) und Pitt Lange (Gitarre)

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Aus Kleidern macht Ernst Leute

Ernst, der König – in „Lucullus“ (oben) und als Banquo in „Macbeth“ (links) sowie als Lunas Vasall im „Troubadour“ (rechts)

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Heiter auf dem „Maskenball“ als Graf Ribbing

Tausendsassa und Oberst im „Bettelstudent“ 252

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Fürst in „Eugen Onegin“

Frauenheld Leutnant Zuniga in „Carmen“


Mißtrauisch in den „Lustigen Weibern von Windsor“ als Dr. Cajus kostümschau

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Mr. Roosevelt hält Kriegsrat im Film „Einstein“

Nato-General Alexander Haig studiert Dokumente in dem Film „Vera Lenz“ 254

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Generalfeldmarschall von Bock spielte er sogar in zwei Filmen: in „Stalingrad“ . . .

. . . und in „Schlacht um Moskau“ – der Lametta-General mit dem Teppichbeißer . . . kostümschau

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. . . erblickt in der Ferne das brennende Moskau

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Inszenierungen für die Gute Stube

Ermüdeter Tänzer auf dem Kongreß: als General Albrecht Graf von Holtzendorff in dem Film „Europa tanzt Walzer“, 1988

Fernsehstudio Rostock 1964 als Pfarrer in „Der schlaue Maler“ mit Johannes Zech (verdeckt), Hilla Theis und Hans Hofer fernsehen

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„Die beiden Blinden“ – von der Brücke ...

... in den Ring 258

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Mit der Kamera ganz nah dran am Strand

Ernst Heise und Gerry Wolf schauen in den „Melodienspiegel“ von Ellen Tiedtke fernsehen

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„Ode an den Frühling“, gesungen in einem Fernsehauftritt im Mai 1968

Emöke im Arm = Ein Fünfer im Lotto ...

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... und das wurde geb端hrend gefeiert ... fernsehen

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... aber was kommt dann?

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Eine Stimme, mit der er malte

Hafenkonzert zum Hamburger Hafengeburtstag am 2./3. September 1989 mit dem Veranstalter Günter Glatz und den Sängern Vera Schneidenbach und Ernst Heise – im Rundfunk war seine Stimme Labsal für die Ohren, sei es als Conferencier ...

... oder als Moderator radio

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Ernstzunehmende Gespräche mit Georg Gaffron und Fred Gigo

Fröhliches Lachen mit Wim Thoelke ... 264

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... und Fachsimpeleien mit Peter Bosse aus Anlaß des 40. Bühnenjubiläums

Der Reporter Ernst Heise interviewt Kalle Neumann und Max Raabe, Hörerin Ingrid Stierand hört zu radio

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Der Interviewer mit dem Gründer des heutigen Senders „Spree-Radio“ und ...

... dessen Chefredakteur Manfred Matzke 266

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Die kleine Rubina sang unbekannt in sein Mikrofon ...

... und Kalle Neumann lieĂ&#x; sich gern in Gold verpacken radio

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Von Mann zu Mann, von Freund zu Freund – als Zeugin Inge Callies-Schäfer

Und dann lief die Sendung, assistiert von Frau SR Dr. Dr. med. Gertrud Heise 268

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Kaleidoskop eines BĂźhnendarstellers Drei Konzerte, wie man sie nur ein Mal im Leben hat:

November 1981, Metropoltheater Berlin – Estrade der Freundschaft (oben)

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1967, Ostseewoche – Chansons, gemeinsam gesungen mit Feli Brünn

Rechte Seite: 1981 in Warschau – mit Fritz Dechow und Marianne Wünscher Rechte Seite: 1986 bei Charlotte von Mahlsdorf (rechts) im Gründerzeitmuseum

1966 – Hootenany, eine Veranstaltungsform, die Mitte der sechziger Jahre in der DDR zunehmend an Beliebtheit gewann. Ernst beteiligte sich gern, wie hier am 16. Mai in Rostock im Zusammenspiel mit Jürgen Frohriep und Dr. Harald Cornelius 270

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veranstaltungen

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Manfred Korth auf den Kรถpenicker Quasseleien als Hauptmann von Kรถpenick

Ernst quasselt mit Jessi Rameik und John Hendrik im Kรถpenicker Ratskeller 272

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1990 in der Kongreßhalle mit Brigitte Grothum

Club Romantik – mit Adeli Richter und Anne Köhl veranstaltungen

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1992, Weißensee – Marlene-Vernissage mit Lotti Huber im Publikum

1992, Weißensee – Marlene-Programm, Ernst Heise mit Velia Krause 274

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15. Dezember 1992, Ernst Heise. mit Gertrude Müller, der ältesten. Drehorgelspielerin. Deutschlands. Sie blieb es bis ins Alter. von 92 Jahren. im Juli 1996.

1992, Berliner Panoptikum – Ernst Heise mit Mörder Hamann und Direktor Rainer Miklisch veranstaltungen

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1992, Einweihung der Pflegestation Pistorius – Ernst Heise mit der Leiterin und Peter Holzner

1992, Kloster Chorin, Kulturscheune – Ernst Heise mit Jochen Smeck, Wilfried Schmuck und Irmelin Krause

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1993 im Verlagshaus Gotthard – Ernst Heise im Gepräch mit Ministerin Regine Hildebrand

1994, Köpenicker Sommer mit Peter Gotthard veranstaltungen

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1994 im Kรถpenicker Sommer mit Henry de Winter 278

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Ernst Heise als Meister der Rezitation

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1988 in Werne in Westfalen . . .

. . . aus AnlaĂ&#x; der Europawoche 280

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1993 in Bad Wรถrishofen

1991 vor medizinischem Personal in Berlin-Steglitz wilhelm busch

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1992 im Harnack-Haus, Berlin-Steglitz

1992 im SchloĂ&#x; Berlin-Friedrichsfelde mit Achim PukaĂ&#x; und seiner Frau Christel 282

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1992 im Hydropysikalischen Institut in Berlin-Steglitz

1994 in Oberursel wilhelm busch

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1994 im Stadtteil Preungesheim, Frankfurt/Main vor Allgemein-Medizinern 284

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F端nfundzwanzig mal zwei

Nach 25 Jahren jung und gl端cklich silberhochzeit

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Ernst bittet um die n채chsten 25 Jahre 286

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Vorige Seite oben: Christa Müller, Marion Meißgeier, Herbert Rösler, Gerti Heise, Siegfried Meißgeier und Ernst Heise

Jürgen Rummel bei der Arbeit als Liza Minelli

Mitte: Margarete Herzberg-Enders, rechts Herbert Rösler silberhochzeit

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Martin Hoffmann fachsimpelt mit dem Ehepaar MeiĂ&#x;geier

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Das Überschreiten der Rentnerschwelle Mit jugendlichem Schritt ging es in das „Alte Steuerhaus“ ...

... und alle kamen sie zu seinem 65. Geburtstag

65. geburtstag

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Lockere Pressegespräche mit Yvonne Leonhardt von der Berliner Zeitung gab es ...

... wie auch einen kessen Seitenblick auf Orgel-Riekes SchĂśnheit ... 290

65. geburtstag


... die sich aber spontan umzog, um mit Peter Gotthardt zu fachsimpeln

Vom Mikrofon zum Jubilar, hat sich Peter Bosse in Unkosten gestürzt . 




Ehepaar Zunker am端sierte sich . . .

... und verfolgte kritisch jede Darbietung 292

65. geburtstag


Aus dem privaten Bilderbuch

Halb zog sie ihn ... . . . halb sank er (sie) hin

Schwager in spe . . . privat

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. . . und die Crew der HNO-Klinik Rostock, Die Drs. Weber, Tamm, Lehnhardt, Hesse, Gerull, Ristow, Heise sowie ein Hospitant (v.l.n.r.)

Statt Polterabend Tagesausflug nach Rheinsberg

Flitterwochen in Friedrichsroda 294

privat


Wörlitzer Park

Kyffhäuser privat

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Kost端mfest in K端hlungsborn mit Chic und guten Freunden

Gefeiert wurde immer . . .

. . . und gefaulenzt wurde in Bulgarien 296

privat


Mit Gerti in Jugoslawien . . .

. . . und mit Schwager und Schw채gerin in Bad Doberan privat

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Ulcine, Jugoslawien

Donaufahrt durch Rumänien

Vor groĂ&#x;en Tieren war er furchtlos 298

privat


Die Verteidigung ĂźberlieĂ&#x; er Gerti . . .

. . . und beim Wandern ging er gern zu dritt

Tanken in der Hollywoodschaukel privat

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. . . oder in Freundesrunde (mit Schulfreund Heiner RoĂ&#x;berg)

Im Winter in Moskau . . .

. . . im Sommer im Spreewald 300

privat


Wolfgang „Wöller“ Jaeger, Gertis Bruder

Zu Ernsts ., gab es einen Empfang im Club Ernst Becher . . .

. . . und zum . von Gerti ging es aufs Wasser . . .

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


. . . auf einen Kahn der fröhlichen Leute

Gertis „Runder“ und Ernst mit Selters

Ein Fest bei einem guten Freunde – Fred Gigo wird 70 302

privat


Ernst interessierte sich weniger für Fußball, dafür umso mehr für Pferdestärken auf heißen Reifen

So war er rasch beweglich, zunächst auf zwei Rädern

„Pauline“ rollte schon auf vier Reifen und stammte aus der Familie der „DIXI s“ . . .

... aus der auch „Cleopatra“ kam, höchst luxuriös als Cabriolet/Limousine

Der Traum war natür lich das Cabrio aus dem Stall „Adler“ fahrbare untersätze

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DKW – „Das kleine Wunder – außen Blech und innen Plunder“, sagte der Volksmund. Ernst prüfte das Sprichwort

Mit Gerti kamen auch die „Wartburg“-Typen in die Garage

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ˇ . Der hochmoderne Skoda MB 1000 aus der CSR Erster Importwagen der Heises

Der zweite Import: Ein „Polski-Fiat“

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Hier unsere Volvos „en face“ und mit Winni Müller Rechte Seite: Ernst bei Werbeaufnahmen auf einem seiner Lieblingsplätze – am Lenkrad

Der Zweitwagen – eine „Rennpappe“ als Einkaufstasche 306

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„IBM“ – Ich bin Millionär – die Familie auf großer Fahrt in Savoyen

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Er war sein letzter Begleiter. Wieder ein Rover, aber diesmal ein Cabrio

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Ernst Heise in den Augen seiner Anh채nger

Hiervon konnten seine Fans nicht genug kriegen . . . autogrammbilder

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. . . und dieses haute Gerti um! 314

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Anhang Daten eines K端nstlerlebens

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Ernst Heise Sänger – Entertainer – Schauspieler * 6. 7. 1928 † 6. 5. 1996 1949‒1953 1954‒1967

Ab 1960

Seit 1961

Seit 1962

Ab 1967

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Ausbildung als Opernsänger und Schauspieler, 1956 Abschluß mit Bühnenreife Engagements als seriöser Baß an verschiedenen Theatern, zuletzt Volkstheater Rostock, circa 40 Fachpartien in Opern, Operetten und Musicals, Theatergastspiele in Hamburg, Lübeck, Bremerhaven, Köln, Dortmund, Mannheim, Stettin, Danzig Rundfunk- und Fernsehtätigkeit – im Rundfunk u. a. „7 bis 10 Spreeathen“, „DDR Ferienwelle“, „Lampenfieber“, „Alte Liebe rostet nicht“, „Wir sagen Dankeschön“, „Zauber der Musik“, „Concerto Ritmico“, „Das müßte doch zu machen sein“, „Hafenkonzert“ (circa zwei Jahre), sowie andere zahlreiche Produktionen von Musicals, Folklore, Schlagern und Chansons, z. B. „Küssen verboten“, „Annie Get Your Gun“, „Gigi“; im Fernsehen u. a. Hafenkonzerte „Vom Binnenland zum Ostseestrand“ (als Sänger und Moderator), „Klock 8 achtern Strom“, „Musik uns Snacks vom Hafen“, „Zar und Zimmermann“, „Der schlaue Maler“, „Die beiden Blinden“, „Da liegt Musike drin“, „Nußknacker-Suite“, „Musikspiegel“ (Sänger und Moderator), „Wünsch dir was“, „Weinfest im Prater“, „Chansonboutique“, „Köpfchen, Köpfchen mit Profil“, „Überall Musik“, „Von Melodie zu Melodie“, „Reiseziel unbekannt“, „Eine Melodie geht um die Welt“, „Melodienspiegel“, Schlagerwettbewerb 1967 mit „Herbstlied“ und „Ode an den Frühling“ Ausbildung und Beratung junger Künstler, u. a. Angelika Mann, Wolfgang Ziegler, Hannelore Breiten, Uschi Brüning, Jörg Hammerschmidt Gastspiele in mehr als 20 Ländern, u. a. Polen, Rußland, China, Ungarn, Bulgarien, Kuba, Österreich, Italien, Jugoslawien, Irak, Syrien, Ägypten, Algerien, Marokko Freischaffender Sänger für Musical, Chanson, Schlager, Folklore und Stimmungslieder; erstes eigenes Programm: „Chanson International“ bilder


1969 1969‒1975 1970‒1975

1976 1980‒1992

3. 9. 1989 1981‒1990 1990‒1991

Seit 1990

1990

Ab 1992

Seit 1994

Übersiedlung nach von Rostock nach Berlin Leiter der Spezialkasse für Schlagergesang an der Musikschule Berlin-Friedrichshain Eigene Kleinprogramme, u. a. „Für jedes Jahr ein Lied“, „Sag ja zum Leben mit dem Harry-Seeger-Trio; Mitwirkung an drei Produktionen des Friedrichstadtpalastes Berlin, u. a. als Phileas Phogg in „Die Reise um die Erde in 40 Stunden“; Mitwirkung in „Zentrag“-Pressefestprogrammen „Weinfest im Prater“ (Sänger und Moderator) Mitwirkung in mehr als zwölf Spiel- und Fernsehfilmen, insbesondere in „Schlacht um Moskau“ als Generalfeldmarschall v. Bock, „Schlacht um Stalingrad“, „Einstein“ als Präsident Franklin D. Roosevelt, „Vera Lenz“ als General Alexander Haigh, „Tandem“ als Professor, „Der Brocken“ als Bundeswehr-General, „Johann Strauß“ als Zeremonienmeister Schloss Gotha sowie in Musikfilmen – teils durchgehende Rollen, mehrfach zusammen mit Bianca Cavallini Rundfunkhafenkonzert in Hamburg (Hafengeburtstag), Hafenball 1990 Autor und Moderator der Rundfunk-Serie „Ihre Morgenmelodie“ beim Deutschlandsender Gastgeber der „Tea Time“, in Talkrunden wie „Eulenspiegeleien“, „Köpenicker Quasseleien“ und „Klatsch-Café“ bei der Antenne Brandenburg Mit der Pianistin Anne Köhl literarisch-musikalische Programme, „Preußische Sonaten und Voltaire“, „Ein gutes Tier ist das Klavier“, „Der Frühling hat sich eingestellt“, „Guten Abend, schön’ Abend, es weihnachtet schon“ Gastspiel in den USA mit dem Zwei-Personen-Stück „Zellenwechsel“ und dem Wilhelm-Busch-Programm „Er stellt sich vor sein Spiegelglas“ Honorardozent an der Musikschule Berlin-Köpenick; Sprecher beim Preußischen Kammerorchester Prenzlau und beim Kammerorchester Eberswalde; ständige Gastspiele im gesamten deutschsprachigen Raum mit seinem Wilhelm-Busch-Programm „Er stellt sich vor sein Spiegelglas“ – Bad Wörishofen, Kurklinik Wandlitz, Werne Autor und Moderator der Gruß- und Wunschsendung „Sie und wir“ bei Radio 50 plus (Spreeradio, unter damaliger Intendanz von Wim Thoelke und Peter Bosse) bilder

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Gertrud Heise (Hrsg.)

Der Ernst des Lebens Fast Biografisches aus dem Künstlerleben von Ernst Heise

Ernst Heise war ein typischer Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Er wußte alle künstlerischen Sparten von Bühne, Film und Fernsehen zu bedienen, obwohl sich Atelierarbeiten für die Leinwand von der abendlichen Tätigkeit auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erheblich unterscheiden. Für manche Darsteller bedeutete schon in den frühen 30er Jahren die Umstellung von Stummfilm zum Tonfilm das Ende der Filmkarriere. Ernst Heise hätte auch damit keine Schwierigkeiten gehabt, denn er war ein hervorragend ausgebildeter Mime und Sänger - und dazu so phantasiebegabt, daß seine Wandlungsfähigkeit zu seinem Markenzeichen wurde. Dieses Buch hat keinen roten Faden, dennoch steht im Mittelpunkt jedes Kapitels die Persönlichkeit Ernst Heises. Freunde und Kollegen skizzieren nicht nur ihre Begegnungen mit Ernst Heise, sondern versuchen im Gedenken an einen verlorenen Lebensgefährten vor allem auch Dank zu sagen. Dieser liebenswürdige Künstler war ständig für die anderen da, gab stets ab und verstand es, die Wärme in den Herzen festzuhalten. Ob Ernst Heise auch im 21. Jahrhundert glücklich geworden wäre, wird allerdings niemand klar beantworten können. Vielleicht war er dazu zu menschlich.

B&Z-Verlag Leddin

ISBN 3-935900-10-4


B&Z

Der Ernst des Lebens Fast Biografisches aus dem K端nstlerleben von Ernst Heise


Ernst Heise