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Persönlich. Echt. Lebensnah. D 12013 ISSN 0939-138X

2/2018 sfr 5,60  4,10 (A)

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Freundinnen fürs Leben Ich heirate eine Schwiegermutter Zerbrochene Herzen heilen langsam

Mia Friesen

DOSSIER

Träume kennen kein Alter

Lieder und Liebesbeweise


Adlergedanken Im Sturm ziehen sie vorbei, am Rand der Klippe. Unter mir ein Meer an Herausforderungen, Ungewissheiten, Gefahren. Ob ich den Absprung wagen kann oder doch lieber auf dem sicheren Felsen sitzen bleibe? Über mir die Luft. Mein Element, in dem ich mich täglich bewege. Aber wie oft ermüden meine Flügel, wie oft zieht mich die Erdkraft zum Felsen zurück! In mein Zögern, in meine Verzagtheit hinein spüre ich den Wind. Leise, nicht so, dass ich unweigerlich mitgerissen werde. Einladend, daran erinnernd, dass er mich schon oft getragen hat. Vorsichtig öffne ich meine Schwingen. Überlasse mich ihm mit all meinen Sorgen, Ängsten und Fragen. Und darf einmal mehr erleben, dass seine Kraft über die Abgründe heben und für den Flug reichen wird. ANDREA BRICKEY


Ganz persönlich Ellen Nieswiodek-Martin Wir haben füreinander gebetet, uns unseren Kummer von der Seele geredet und gemeinsam um wichtige Entscheidungen gerungen.

Wertvolle Freundinnen Vor Kurzem saß ich mit einer Freundin zusammen. Wir freuten uns, dass wir es endlich geschafft hatten, uns zu treffen. Unvermittelt sagte sie: „Weißt du, wie lange wir uns schon kennen? Ich überlegte und meinte: „Dreißig Jahre?“ Wir hatten uns als junge Frauen mit dem ersten Kind kennengelernt. Beide grundverschieden – sowohl von der Vorgeschichte als auch von den Interessen. Sie liebt Tatort, Krimis und Star Trek, ich laufe lieber stundenlang in der Natur herum. Ich bin gerne kreativ, sie mag nicht mal Fotos ins Album kleben. Dennoch verbindet uns ein unsichtbares Band. Wir haben gegenseitig unsere Kinder gehütet und sie aufwachsen sehen. Wir haben uns unterstützt bei Umzügen, beruflichen Neustarts, Krisen, Zweifeln und zahlreichen Veränderungen im Leben. Wir haben füreinander gebetet, uns unseren Kummer von der Seele geredet und gemeinsam um wichtige Entscheidungen gerungen. Zeitweise haben wir uns aus den Augen verloren – aber immer wieder gefunden. Egal, wie lange wir uns nicht gesprochen hatten, wir konnten den Faden schnell wieder aufnehmen. Echte Freundschaft ist für mich etwas Besonderes, denn durch viele Umzüge und Ortswechsel in meiner Kindheit hatte ich keine langjährigen Schulfreundinnen. Ich war es gewohnt, allein klarzukommen. Tatsächlich wusste ich nicht, wie Freundschaft funktioniert. Das habe ich erst als Erwachsene gelernt. Dabei fiel es mir nicht leicht, mich zu öffnen und verletzlich zu machen. Je nachdem, welche Erfahrungen wir gemacht haben, welche Verletzungen wir davongetragen haben, versuchen wir uns zu schützen.

Aber Gott hat uns nicht als Einzelgänger geschaffen. Er stellt uns Menschen zur Seite, die uns dabei helfen, unsere Bestimmung zu leben und unseren Alltag zu meistern. Der jungen Maria hat er während ihrer Schwangerschaft die ältere Elisabeth zur Seite gestellt. Noomi hat in ihrer Schwiegertochter Ruth eine Freundin gefunden. Als Hiobs Freunde von seinem Leid hörten, wollten sie ihn trösten. Weil sie spürten, dass sein Schmerz zu groß war für Worte, saßen sie schweigend zusammen. Sieben Tage und sieben Nächte lang. Dass wir auch in Freundschaften Fehler machen, über andere urteilen oder meinen, es besser zu wissen, passiert leider auch. Das hat zum Beispiel Hiob erfahren, als seine Freunde dachten, sie wüssten, warum Gott ihm so viel Leid zumutet. Sie waren überzeugt davon, dass Hiob sich Gott gegenüber falsch verhalten hatte, aber damit irrten sie sich (siehe Hiob 42,7). Freundinnen dürfen auch mal kritische Anmerkungen machen und falsche Denkmuster und Verhaltensweisen ansprechen. Und manchmal liegen sie mit ihrer Einschätzung falsch und verletzen uns. Solche Dinge passieren. Das ist das Risiko der Freundschaft. Lassen Sie uns daran arbeiten, selbst eine gute Freundin zu werden. Weniger urteilen, mehr zuhören. Mitfühlen und beten. Einfach für die andere da sein. Dazu wünsche ich Ihnen Gottes Segen! Ihre Ellen Nieswiodek-Martin

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Lieder und Liebesbeweise Interview mit Mia Friesen

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{inhalt}

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Glaube & Lebenshilfe

Beruf & Gesellschaft

18 Wort-Schätze der Bibel Buße Karin Schmid

12 Freundinnen fürs Leben Brigitte Pacitto

64 Von Gott als Team berufen Billy und Ruth Graham. Eine Würdigung ihres gemeinsamen Lebens Hanspeter Nüesch

14 Herzensfreundinnen Kornelia Kretz, Shirien Pfitzer und Melanie Pongratz

68 Meine Geschichte Um mich Stille, in mir Gott – Diane Comer

Der Hochzeitstag

Lydia

72 Heilige heute Du weißt es besser als ich Sieglinde Koch • Die Angst hat nicht das letzte Wort Irene Miserez • Der lange Weg zur Berufung Esther Lieberknecht

54 „Ich glaube an morgen!“ Weil sie sich für Jesus interessierte, wurde Foruzan im Iran mit dem Tod bedroht – Christina Bachmann 57 „Flüchtlinge werden kommen – ob es uns gefällt oder nicht“ Welche Chancen und Herausforderungen die Zukunft mit sich bringen wird – Interview mit Patrick Johnstone


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Das Papa-Kleid

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Ehe & Familie

Körper & Seele

{ In jeder Ausgabe }

20 Meine Meinung Wie sollte sich eine gute Schwiegermutter verhalten?

16 Was macht mich stark? Resilienz entdecken und fördern Dorothée Timm

3 Ganz persönlich Wertvolle Freundinnen – Ellen Nieswiodek-Martin

22 Plötzlich Schwiegermutter Heike Malisic 24 Ich heirate eine Schwiegermutter Melanie Jung

36 Zerbrochene Herzen heilen ... langsam Verlassen und betrogen: Es gibt einen Weg zurück ins Leben – Roswitha Wurm

43 Entspannt Mutter sein Annemarie Pfeifer

40 Geliebt kommt vor gesund Jenifer Girke

46 „Was soll Gott jetzt tun?“ Mit Kindern das Alte Testament verstehen – Katrin Schmidt 50 Zwischendurchgedanken Mitten im Feuer – Saskia Barthelmeß 51 LYDIA-Familientipp: Das Papa-Kleid – Katrin Schmidt

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Dossier

Träume

kennen kein Alter

29 Älter werden – aber nicht alt sein Ellen Nieswiodek-Martin 31 Wechseljahre sind Chancenjahre – Birgit Fingerhut 34 Studentin mit fünfzig Erdmuthe Knauß

53 Schmunzeln mit LYDIA 60 LYDIA kreativ – Imke Johannson 62 Für Sie entdeckt 66 Liebe Leser 76 Gut informiert. Neu inspiriert. 80 Leserbriefe 81 Impressum 82 Nachgedacht Perspektiven zur Lebensmitte – Esther Schneider

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Um mich Stille, in mir Gott Lydia 02/2018

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Interview mit Mia Friesen

Lieder und Liebesbeweise Mia Friesen hat schon als Kind im Gottesdienst gesungen. Die 35-jährige Sängerin der „Outbreakband“ will anderen helfen, durch Musik mit Gott in Verbindung zu kommen. Sie selbst erlebt Gottes Nähe besonders beim Singen von Anbetungsliedern. LYDIA hat mit ihr und ihrem Mann Juri darüber gesprochen, wie Lobpreis ihr Leben prägt. Außerdem verrät Mia, warum sie viele Jahre gebraucht hat, um Frauenfreundschaften in ihrem Leben zuzulassen.

Mia: Mit dreizehn Jahren habe ich angefangen, in unserer Gemeinde im Lobpreisteam zu singen. Ich habe auch Gitarre gelernt, aber das nutze ich nur privat. Heute singen Sie in der „Outbreakband“, einer deutschen Lobpreisband. Woher kommt der englische Name?

Mia: Bei der Bibelschule, auf der Juri und ich waren, gab es einen Jugendtag, das „Outbreak“. Dafür brauchten sie eine Band. Da Juri als Musikverantwortlicher angestellt war, gründeten wir mit sechs Leuten eine

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Band, die auf dieser Veranstaltung spielen sollte. Den Namen haben wir dann adoptiert. Haben Lobpreismusiker eine engere Verbindung zu Gott als andere Menschen? Ich stelle mir vor, wie aus einer Begegnung mit Gott ein tiefgehender Songtext fließt …

Mia: Songwriting ist nicht so romantisch, wie viele es sich vorstellen. Ich erlebe es als harte Arbeit. Die meiste Inspiration kommt aus dem Wort Gottes, der Bibel. Dann versuche ich, meine Erfahrungen, meine Gedanken und meine Sicht auf Gott einzubringen. Kreativität

F OTO : T I M O S C H E V E N

Mia, wie lange machen Sie schon Musik?


LY D I A

Interview

ist gefragt, aber auch Handwerk. Man muss sich hinsetzen und dran arbeiten. Kennen Sie auch Zeiten, in denen Sie sich weit weg fühlen von Gott?

Mia: Eine schlimme Phase hatte ich als Jugendliche. Damals hatten mich Freunde aus der Gemeinde sehr verletzt und ich habe mir gesagt: Wenn ich von christlichen Freunden so enttäuscht werde, dann baue ich lieber auf die in der Schule. Das war der erste Schritt weg von der Gemeinde. Ich kam mit Dingen in Kontakt, die nicht gut für mich waren.

Aber Gott hat mir vergeben, und deshalb kann ich ohne schlechtes Gewissen durchs Leben gehen. Diese Erfahrung hat mir zum ersten Mal bewusst gemacht: Mein Glauben, meine Heilsgewissheit sind unverdient. Es ist allein Gnade, die mich hierhergebracht hat. Ich glaube, ohne diese Phase hätte ich das Gefühl gehabt, das habe ich mir verdient. Ich glaube, Menschen, die seit ihrer Kindheit gläubig sind oder denken, immer alles richtig gemacht zu haben, müssen aufpassen, dass aus dem Glauben keine Gesetzlichkeit wird und ihre Beziehung zu Gott lebendig bleibt.

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Alltags-Aufheller und Glaubens-Ermutiger

melanie jung

Vor 22 Jahren heiratete ich meine Schwiegermutter. Sie gehörte zum All-inclusive-Paket meines Mannes dazu. Doch da wir keinen Ehevertrag abschlossen, wurde sie nicht einmal im Kleingedruckten erwähnt.

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m Rückblick hätte diese Beigabe durchaus eine gesonderte Frage des Pfarrers bei der kirchlichen Trauung verdient. Meine noch unerfahrene, aber herzlich-ehrliche Antwort: „Ja, mit Gottes Hilfe“ wäre passend gewesen. Und einen Extra-Segen des Pfarrers hätte diese Beziehung auch verdient. So startete ich also jungfräulich in meine Schwiegertochter-Karriere. Ich habe bis heute viele Erfahrungen gesammelt, Herausforderungen angenommen, bin über manchen Schatten gesprungen, habe gelacht und geweint. Und habe heute ein gutes Verhältnis zu meiner Schwiegermutter!

Lieder, die in den Herzen vieler Menschen verankert sind – es gibt sie. Und viele davon befinden sich auf dieser Doppel-CD, einer hochkarätigen Zusammenstellung von 30 deutschsprachigen Lobpreisliedern. Enthalten sind Klassiker wie Das, was mich atmen lässt, Dein Wort und Du hast Erbarmen. Als Interpreten dabei: Anja Lehmann, Sara Lorenz, Michael Janz, Lars Peter, Anni Gräb, Benjamin Gail und Yasmina Hunzinger. Eine wunderbare Zusammenstellung, die den Alltag aufhellt und im Glauben ermutigt. Doppel-CD • Nr. 946473 • € 20,–

Wie sich das anhört? www.gerth.de Erhältlich im Handel, telefonisch unter 0 64 43 - 68 32 oder unter www.gerth.de

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Ein bisschen Abstand Mit 21 Jahren habe ich meinen damals 22-jährigen Mann geheiratet, der nach seinem Studium im elterlichen Weingut eingestiegen ist. So war der Wunsch der Schwiegereltern, dass wir mit auf ihrem Hof wohnen sollten, naheliegend und verständlich. Ich wusste nicht viel, außer dass ich eine gute Schwiegertochter sein wollte. Vermutlich wäre ich ihrem Wunsch nachgekommen. Mein Mann war in diesem Punkt sehr weise und lehnte den Wunsch entschieden ab. Ihm war klar, dass diese räumliche Nähe unserer Ehe und vor allem mir als Schwiegertochter nicht guttun würde. Heute weiß ich: Er hatte recht. Und ich war weise genug, mich dem Willen meines Mannes und nicht dem der Schwiegereltern unterzuordnen. So mieteten wir vier Kilometer entfernt vom Weingut der Schwiegereltern ein Häuschen im Nachbarort. Wir ließen uns den räumlichen Abstand etwas kosten. Das war die erste gute Investition in unsere Ehe und gleichzeitig in die Beziehung zwischen mir und meiner Schwiegermutter. Ich konnte mich als Hausfrau ausprobieren. Das tat gut. Meine Schwiegermutter ist eine sehr tüchtige und gewissenhafte Hausfrau mit Selbstversorgergarten und hohen Ansprüchen an eine gesunde Ernährung. Wie hätte ich da meinen eigenen Stil entwickeln und gleichzeitig ihren Sohn angemessen versorgen können? Ich nahm ihre Erwartungen diesbezüglich deutlich wahr. Zeitweise waren diese auch nicht zu überhören. Und die Tatsache, dass mein schlanker Mann in den ersten zwei Ehejahren sein Gewicht reduzierte, sprach nicht gerade für mich. Aber wir waren glücklich. Es ging uns gut, wir wurden immer satt, und fast immer schmeckte es lecker. Und mein Mann verglich mich nicht einmal mit seiner Mutter.


Ehe & Familie

Ich heirate eine Schwiegermutter

Köstliche Freiheit Auf dem Weg, mich selbst frei zu machen von den Erwartungen an meine Haushaltsführung, gab es immer wieder Meilensteine. An einem Freitag hatten wir wenig Zeit und viel Hunger, als mein Mann und ich in unserem Dorf an der geschlossenen Bahnschranke warten mussten. Neben unserem Auto stand just in diesem Moment ein Hähnchengrillwagen. Der Hähnchenduft stieg durch das geöffnete Fenster in unsere Nasen. Wir parkten neben dem Hähnchengrill und stiegen aus. Nie zuvor hatte ich an einem so ungesunden, unhygienischen und unökologischen Platz Essen gekauft. Aber in diesem Moment entschied ich mich dazu, bewusst gegen die Prinzi-

pien und Erwartungen meiner Schwiegermutter zu handeln. Trotzdem hoffte ich insgeheim, unerkannt zu bleiben – was mir nicht gelang. Es schmeckte so gut. Der Geschmack nach Freiheit war noch viel besser als der des saftig-gebratenen Hähnchens! Eigentlich war das nur eine Kleinigkeit. Aber das Grundprinzip, mir die Freiheit zu nehmen, die Prinzipien und

Gewohnheiten meiner Schwiegermutter infrage zu stellen, war etwas Großes und Wichtiges. Ich wollte eine gute Schwiegertochter sein. Ich wünschte mir die Bestätigung meiner Schwiegermutter. Dabei versuchte ich, ihren Wünschen gerecht zu werden. Doch das schaffte ich nicht. Trotz meiner Bemühungen kam nicht die Bestätigung von ihr, nach der ich mich sehnte. Und obwohl ich mich anstrengte, hörte ich immer wieder Verbesserungsvorschläge, die ich als Kritik aufnahm. Ich bin nicht so fleißig wie sie. Ich bin auch nicht so schnell und exakt wie sie in Haushalt und Garten. Und ehrlich gesagt will ich auch nicht so sein wie sie, denn das passt nicht zu mir.

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Körper & Seele

Roswitha Wurm

Zerbrochene

Herzen

heilen ... langsam Verlassen und betrogen: Es gibt einen Weg zurück ins Leben

Wohl jede Frau trifft es irgendwann in ihrem Leben – entweder wird ihr eigenes Herz gebrochen oder das ihrer Freundin, Nachbarin, Mutter oder Schwester. Wie können Frauen nach einer so schmerzlichen Erfahrung Heilung finden und anderen beistehen, die Zerbruch erlebt haben?

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ls meine Freundin Liane um Mitternacht weinend vor der Tür stand, wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Und so war es auch: Ihr Ehemann hatte ihr von heute auf morgen erklärt, er würde sie nicht mehr lieben und sie und die Kinder verlassen. Diese Nachricht traf sie – wie so viele Frauen – aus heiterem Himmel. Auch wenn sie im Nachhinein manche Warnsignale erkennen konnte, fühlte sie sich, als würde „eine Tasse in tausend Stücke zersplittern“. Das Bild des Zerbruchs findet sich auch in der Bibel. Voller Trost ist die Aussage, dass Gott „heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden“ (Psalm 147,3). Bald schon bemerkt eine betroffene Frau, dass die Wunde, die ein solches Verlassen-Werden aufreißt, trotz Verbinden eine lange Zeit zum Heilen benötigt. Zeit zum Heilen Zerbrochene Herzen heilen nicht so rasch wie ein aufgeschlagenes Knie. Zerbruch wird teilweise sogar schlimmer als Tod empfunden. „Wenn er gestorben wäre, dann wäre es endgültig und ich hätte nicht das Gefühl, so ungeliebt zu sein!“ Meine Freundin brachte es auf den Punkt, was in ihrem Inneren vorging. Nach Todesfällen geben wir Trauernden die Zeit, die Phasen der Trauer zu durchleben. Erleidet jemand allerdings einen Beziehungsbruch, versuchen wir oft, die Freundin oder Schwester abzulenken und ihr zu vermitteln: „Vergiss diesen untreuen oder hartherzigen Kerl doch einfach! Er hat so eine tolle Frau wie dich nicht verdient!“ Aber so funktioniert Trauerarbeit um das Verlorene nicht. Denn auch bei dieser Art von Verlusterfahrung gibt es bestimmte Phasen der Heilung. Der erste Schock: „Morgens, wenn ich aufwache, denke ich, alles sei nur ein böser Traum! Aber der Blick auf das leere Bett neben mir zeigt, dass es wahr ist.“ Claudia drückt aus, was viele Frauen in der Phase des Verlassen-Werdens empfinden. „Ich konnte es einfach nicht glauben, dass der Mann, der über zwanzig Jahre an meiner Seite war und von dem ich glaubte, ihn in- und auswendig zu kennen, in der Lage war, neben mir eine neue Beziehung aufzubauen und mich von heute auf morgen alleinzulassen!“ Die Phase des Schocks kann sehr lange dauern. Liane beschreibt die ersten Wochen als „Schockstarre, in der ich funktionierte, aber den bitteren Vertrauensbruch noch nicht in seinem ganzen Ausmaß realisiert hatte. Ich fühlte mich wie von einem dicken Wattepaket umhüllt. Es schützte mich, weil meine Seele noch nicht bereit war, die ganze Wahrheit zu ertragen.“

Eine verletzte Frau benötigt eine gute Freundin, die sie in dieser Zeit auffängt und umarmt, die stundenlang zuhört. Dabei sollte man auf unangebrachte Kommentare verzichten wie „Ich finde, er war immer schon sehr eigenartig“ oder „Ich habe das kommen sehen“. Verletzte Frauen erleben häufig, dass sich Freundinnen zurückziehen, weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Da ist es wichtig zu wissen: Man kann eigentlich nichts Wesentliches falsch machen im Umgang, außer wenn man die Freundin in dieser schlimmen Zeit alleinlässt. Allzu radikale Veränderungen sind in der Anfangsphase schwer zu ertragen. Es gibt ohnehin genügend unliebsame Neuerungen im Leben der verletzten Frau. Kleine Umstellungen können jedoch wahre Wunder in zerbrochenen Herzen bewirken. Eine Freundin trug ihr Keyboard ins Schlafzimmer und stellte es auf die leere Bettseite. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, spielt sie sich den Schmerz von der Seele. Liane versah die leere Bettseite mit einer hübschen Tagesdecke, Kissen und ihrem Lieblingsteddy aus Kindheitstagen. „Anstatt jeden Abend und jeden Morgen den Verlust zu sehen, blicke ich jetzt in fröhliche Knopfaugen!“ Emotionen brechen auf: Diese Phase ist wohl die intensivste und heftigste. Es sind die Wochen und Monate, in denen der eigene Charakter am meisten unter Beweis gestellt wird. „Am liebsten möchte ich ihn auch so sehr verletzen, damit er weiß, wie weh das tut!“, „Wie konnte er uns das antun?“ oder „Warum hat er mich so schrecklich belogen?“ Gedanken wie diese überschlagen sich im Kopf des verletzten Partners. Verlassen-Werden kann ähnliche Symptome bei den Betroffenen auslösen wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist eine Zeit voller Trauer, Wut und Angst. Eine emotionale Achterbahnfahrt. Es ist auch die Zeit des Weinens. „Ich habe so viele Tränen vergossen, dass ich manchmal meinte, keine mehr zu haben“, drückte es eine Freundin aus. In jener Zeit tröstet die Zusage in der Bibel, dass Gott unsere Tränen in einem Krug sammelt (Psalm 56,9). Keine davon geht verloren. Gott versteht die Betrogenen und Verlassenen. Er weiß um jede im Verborgenen geweinte Träne und ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind. Verletzte Menschen stehen in der Gefahr, zu Alkohol und anderen Suchtmitteln zu greifen, damit „es nicht mehr so wehtut“. Liane hat ein gutes Gegenmittel gefunden, das auch anderen Frauen hilft: Überall in der Wohnung hat sie stark duftende Seifen mit ihrem Lieblingsaroma griffbereit liegen. Wenn der Schmerz zu groß wird, riecht sie daran. Der Veilchenduft beruhigt sie und sie steht nicht in Gefahr, zum Alkohol zu greifen, der auf

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Ehe & Familie

Katrin Schmidt

„Was

soll Gott jetzt tun?“ Mit Kindern das Alte Testament verstehen

Sintflut, Tod und Gewalt – das Alte Testament ist selbst für viele Erwachsene schwer verdaulich und nicht immer leicht zu verstehen. Wie können Kinder einen Zugang zu diesem Teil der Bibel finden, ohne dass sie überfordert sind oder Angst vor Gott bekommen?

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ach einer längeren Babypause steige ich wieder in die Kinderstundenarbeit unserer Gemeinde ein. In der Gruppe meines Sohnes werden noch Mitarbeiter gesucht. Er freut sich, dass ich dort mitarbeiten werde. Als ich das Material bekomme und die Themen des Jahres überfliege, wird mir ganz flau im Magen: Altes Testament, das ganze Halbjahr lang. Wir steigen schön ein mit Schöpfung, Garten Eden, tollen Tieren, wunderbar geschaffenen Menschen, Gott als liebendem, versorgendem, ganz persönlichem Freund. Wunderbar, darauf freue ich mich! Doch ab der dritten Lektion stehen andere Themen auf dem Programm: Sündenfall, der Brudermord bei Kain und Abel, Sintflut, Turmbau zu Babel, die ersten Kriege, die Einnahme Jerichos. Halsbrecherische Unternehmen, gefährliche Schlachten – auch ein Gott, der durch alles hindurchführt und treu ist, aber letztendlich Mord und Totschlag, Horrorszenarien, Fluten von Hass und Gewalt. Meine Freude löst sich in Luft auf. Die Kinder sind doch noch so klein! Ich denke an meinen Sohn, er ist erst sechs Jahre alt! Eine neue Sicht Seit mein Sohn auf der Welt ist, betrachte ich alles mit anderen Augen. Wo mir früher kein Baum zu hoch war, um bis in die Krone hinauf zu klettern, habe ich heute mit Höhenangst zu kämpfen. Hatte ich bisher mit der Überzeugung gelebt, dass Schwierigkeiten zum Leben dazugehören, uns stark machen und reifen lassen, möchte ich diese jetzt von meinen Kindern fernhalten. Wo ich als begeisterter Bücher- und Geschichtenfan meinen Schülern Märchen und Fabeln als deutsches Kulturgut vermittelt habe, erschrecke ich heute über die Grausamkeit in diesen Erzählungen und halte meine Märchenbücher im Keller versteckt, weil es immer noch zu früh ist, mit solcher Art Lektüre auf meine Kinder loszugehen. Mittlerweile habe ich mir zwar einige Erklärungen für die wirklich schwierigen Bibelpassagen zurechtgelegt, mit denen ich selbst klarkomme, aber jetzt merke ich, wie der Kloß in meinem Hals immer dicker

wird und mir die Kehle zuschnürt, wenn ich diese Dinge mit Kindern besprechen soll. Da das Unterrichtsmaterial in den Kinderstunden aufeinander aufbaut, kann ich mich nicht einfach für andere Themen entscheiden, ohne alles durcheinanderzubringen. Irgendwann ringe ich mich durch und setze mich an die Ausarbeitung der ersten Lektion. Schöpfung, super! Es macht mir Spaß, ich male und gestalte ein Wandbild, mit dessen Hilfe ich die Geschichte erzählen werde. Ich habe viele Ideen. Als ich die Stunde halte, geht es mir gut. Es ist schön, Kindern etwas aus der Bibel zu vermitteln! Die meisten machen gut mit, sie kennen die Geschichte und bringen ihr Wissen begeistert ein. Nach der Stunde fühle ich mich bestätigt in der Aufgabe. Mutig voran Als ich nach drei Wochen wieder ins Material schaue und mein neues Thema sehe, bin ich halbwegs erleichtert: Es geht um die Arche Noah. Eigentlich ein grausamer Stoff – die ganze Menschheit ertrinkt elendig in den Fluten. Außer einer einzigen Familie und je einem Pärchen ausgewählter Tiere von jeder Art wird alles vernichtet. Mein Vorteil: Die Geschichte ist bekannt. Mit meinem Sohn Noah haben wir insgesamt drei Noahs in der Gruppe. Mein Noah hatte die Arche schon auf seiner ersten Babydecke, liebevoll von der Uroma bestickt. Ich setze den Schwerpunkt der Geschichte auf Noahs Beziehung zu Gott, seinen Gehorsam und sein Vertrauen. Am Ende, als der Regen fällt, komme ich nicht umhin zu erwähnen, dass die Flut die ganze Erde bedeckte. Es kommen diesbezüglich kaum Nachfragen. Die Kinder haben die Geschichte geschluckt oder schon so oft gehört, dass sie keine weiteren Fragen haben. Ich bin erleichtert. Bei der nächsten Vorbereitung bin ich ratlos: Turmbau zu Babel, Sprachverwirrung, gestörte Kommunikation. Wie erkläre ich das den Sechsjährigen? Ich entscheide mich, es einfach zu tun, frei heraus. Ich will Vorbehalte ablegen und davon ausgehen, dass ich keine kleinen Seelen zerstören werde, sondern intelligente, mitdenken-

de, wissbegierige Menschen vor mir habe, denen ich durchaus etwas zutrauen und zumuten kann. Ich bete, dass die nächsten Lektionen den wunderschönen, naiv-kindlichen Glauben meiner Schutzbefohlenen nicht zerstören werden und sie nicht an Gott verzweifeln mögen. Strafe oder Erbarmen? Später bin ich verwundert, auf welch kluge Art und Weise die Kinder in die Geschichte eintauchen, gute Fragen stellen und Schlüsse ziehen. Diese Geschichte ist längst nicht allen geläufig und weckt umso mehr das Interesse der Gruppe. Ein Junge erinnert an die Sintflut und an Gottes große Enttäuschung über die Entwicklung der Menschheit, die ich gar nicht so betont hatte, weil ich die Kinder ja schonen wollte. Empört äußert er sein Unverständnis, dass diese doofen Menschen schon wieder so einen Mist bauen. Wie können sie nur darauf kommen, einen Turm bauen zu wollen, der höher als Gott ist, wo Gott sie doch geschaffen hat und sich um alle Menschen sorgt und kümmert? Bevor ich es schaffe, die Geschichte zu Ende zu erzählen, kommt im angeregten Gruppengespräch die Frage auf: „Was soll Gott jetzt nur tun? Was soll Gott mit diesen Menschen nur anfangen? Wie soll er auf diesen erneuten Ungehorsam reagieren?“ Empörung und Sprachlosigkeit. Ein anderer Junge durchbricht die Stille und sagt nur zwei Worte: „Eine Sintflut.“ „Na klar, es muss wieder eine Sintflut geben. Das kann Gott sich nicht bieten lassen!“ Ich bin höchst erstaunt, hatte ich doch Sorge, die Kinder könnten Angst vor Gott bekommen. Stattdessen trauern sie mit Gott um seine gefallene Schöpfung und suchen nach Lösungen. Ein anderes Kind entgegnet: „Nein, das geht nicht. Gott hat doch versprochen, nie mehr eine Sintflut zu schicken. Und was er verspricht, das hält er auch.“ Ganz großes Kino. Die Kinder sind ratlos. Was jetzt? Was wird Gott nun tun? Ich erzähle die Geschichte zu Ende, die Kinder sind keineswegs geschockt, finden die Strafe eher mild und sind erstaunt, dass durch den Turmbau zu Babel die verschiedenen Sprachen entstanden sind.

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Diane Comer

Um mich Stille, in mir Gott Als ich mein Gehör verlor, lernte ich, mit dem Herzen zu hören

Diane Comer war 26 Jahre alt und Mutter von drei kleinen Kindern, als sie die Diagnose „Fortschreitende Schwerhörigkeit“ erhielt. In einem Wirbelwind aus Emotionen geriet ihre Beziehung zu Gott in eine tiefe Krise – bis Gott ihr voller Liebe begegnete. Obwohl er sie nicht heilte, führte er sie in eine Gemeinschaft mit ihm, die sie vorher nicht gekannt hatte. Heute kann Diane mithilfe eines Cochlea-Implantats hören. Für LYDIA erzählt sie von den Schätzen, die sie in der stillen, oft dunklen Zeit entdeckt hat. Diane, wie fingen Ihre Hörprobleme an?

Das Erste, was mir auffiel, waren die leicht verzerrten Geräusche am Telefon. Wenn das Telefon klingelte und ich dranging, wusste ich nicht, wer am anderen Ende war. Alle Stimmen klangen irgendwie gleich. Ich konnte noch nicht einmal männliche und weibliche Stimmen unterscheiden, oder die von Erwachsenen und Kindern. Das beunruhigte mich. Zudem hörte ich das Klingeln des Telefons nur, wenn ich direkt danebenstand. Einmal war ich mit einer Gruppe junger Mütter im Park und eine von ihnen erkundigte sich nach meinen Hörproblemen. Ihre offensichtliche Besorgnis brachte mich dazu, die Sache ernst zu nehmen und zum Arzt zu gehen. Was hat der Arzt gesagt?

Einfach ausgedrückt: Die Flimmerhärchen in meinem Innenohr hatten begonnen, sich zu zersetzen. Diese Härchen verwandeln mechanische Laute, die in das Ohr dringen, in elektrische Impulse. Diese wiederum werden über ein Bün-

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del von Nervensträngen zum Gehirn geleitet, das dann die Laute wahrnimmt. Doch aufgrund der zerstörten Flimmerhärchen wurde bei mir die Verbindung unterbrochen, bevor der Klang mein Gehirn erreichte. Die Ärzte wussten nicht, warum sich die Härchen zersetzten – nur, dass der Prozess unaufhaltsam war. Ich würde immer weniger verstehen und schließlich taub werden. Wie haben Sie auf diese Diagnose reagiert?

Ich war empört! Wie kann es sein, dass eine 26-jährige Frau taub wird? Meine erste Reaktion war Verleugnung. Dann bekam ich Angst. Große Angst! Und schließlich wurde die Angst zur Wut. Ich war so wütend auf Gott! Wie sollte ich mit meinen Kindern kommunizieren, wenn ich sie nicht hören konnte? Ich betete und betete – aber da war nur Stille. Ich zweifelte nicht daran, dass Gott mich heilen konnte, schließlich hatte er meine Ohren gemacht. Es wäre ihm ein Leichtes, das Problem zu lösen! Als er das jedoch nicht tat, steigerte ich mich in wütendes Selbstmitleid hinein. Gott hatte mich im Stich gelassen!


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Meine Geschichte

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D 1 2 0 1 3 / Post ver triebsstück/Gebühr bezahlt/Lydia Verlag/Ger th Medien GmbH/Dillerberg 1/D -35614 Asslar-Berghausen

Impressionen am Meer Kraft verschwendet sich um Kraft.

Aus dem Überfluss schlagen weiße Schaumkronen. Nimmermehr wird es müde, das Meer. Niemals findet es Ruhe.

Ich sehne mich nach Stille und schließe die Tür. Gehe in mich.

Der mich erdachte, bereitet mir eine Ruhe. Er gebot Wind und Wellen, still zu sein. Seinen Händen überlasse ich mich. Frieden erfüllt meine Seele.

Ich sammle Kraft, um mich erneut zu verschwenden. Wie das Meer, das sich niemals erschöpft. Aus Liebe. Jutta Berg

Lydia (Ausgabe 2/2018) - 448911  

Sehnen Sie sich nach Leben voller Liebe und Sinn? Trauern Sie um eine Beziehung oder zerbrochene Träume? Gehen Sie durch eine finanzielle Kr...

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Sehnen Sie sich nach Leben voller Liebe und Sinn? Trauern Sie um eine Beziehung oder zerbrochene Träume? Gehen Sie durch eine finanzielle Kr...