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Persönlich. Echt. Lebensnah. D 12013 ISSN 0939-138X

4/2015 sfr 5,60  3,60 (A)

 3,50

SCHWIEGERMUTTER

MARIA PREAN

Mutter werden mit 63 S O N N TA G

12 Tipps, den Ruhetag zu gestalten

Der lange Weg der Versöhnung NICK & KANAE VUJICIC

Was Liebe bedeutet

MUSIK

Heilmittel für Körper und Seele Kim Walker-Smith

„Mein Stiefvater ist mein

Held!“


neu bei francke

Tamera Alexander

Wie die Weiten des Himmels Der Unterricht der neuen Lehrerin, Dr. Molly Whitcomb, kommt nicht nur den Kindern von Timber Ridge zugute, er beeindruckt auch Sheriff McPherson. Doch was geschieht, wenn herauskommt, welches Geheimnis die neue Lehrerin umgibt? 473 S., Pb.; ISBN 978-3-86827-513-1 € D 15,95 / A 16,40 / sFr 23,90

Irma Joubert

Und über uns die Sterne

Südafrika 1932. Kates Eltern fürchten um die Sicherheit ihrer Tochter, als diese zu Forschungszwecken in die Armenviertel des Landes geht. Ein Leibwächter muss her, der zunächst nicht begeistert ist von seinem Job als „Babysitter“. Doch wie lange widersteht er Kates Charme? 288 S., geb.; ISBN 978-3-86827-515-5 € D 14,95 / A 15,40 / sFr 22,50

Lisa Wingate Firefly Island

erlebtes

Dunkle Geheimnisse umgeben die Insel Firefly Island. Aber Mallory Hale, die aus Liebe zur Familie ihre Karriere als Juristin im Kongress aufgegeben hat, verfügt über gute Verbindungen nach Washington. Kann sie Licht in das Dunkel bringen? 361 S., Pb.; ISBN 978-3-86827-517-9 € D 14,95 / A 15,40 / sFr 22,50

Daisy Gräfin von Arnim

Elizabeth Musser Operation Hugo

Algerien 1962, kurz vor der Unabhängigkeit. Der Amerikaner David setzt sich für die Rettung der Flüchtenden ein. Auf der anderen Seite des Meeres kämpft seine Freundin Gabriella für die Integration der Kinder aus Algerien. Lässt der Krieg ihrer Liebe eine Zukunft? 415 S., geb. ISBN 978-3-86827-514-8 € D 14,95 / A 15,40 / sFr 22,50

Bd.1: Das Hugenottenkreuz 384 S., geb. ISBN 978-3-86827-483-7 € D 14,95 € A 15,40 / sFr 22,50

Wunder in meinem Leben

Daisy von Arnim erzählt von großen und kleinen Wundern, von Momenten der Bewahrung und Fürsorge, durch die Gott seit ihrer Kindheit immer wieder sein „Ich bin da“ in ihr Leben hineinspricht. Spannend, inspirierend, mutmachend! 142 S., geb.; ISBN 978-3-86827-525-4 € D 12,95 / A 13,40 / sFr 19,50

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Ganz persönlich Ellen Nieswiodek-Martin

Dann begann der Sabbat mit dem Anzünden der Kerzen, mit Gebeten, Liedern und Segenswünschen. Plötzlich kehrt eine unbeschreibliche Ruhe ein.

Mit Hektik in den Ruhetag?! Vor einigen Jahren verbrachten wir unseren Urlaub in Israel. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse dort war die jüdische Sabbatfeier. Der Sabbat beginnt am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang. Bevor es so weit war, erlebten wir einen Tag voller Hektik und Betriebsamkeit. Es begann mit dem Einkauf im „Shuk“, dem Markt in Jerusalem. Dort wimmelte es von Menschen; wir kamen kaum bis zu den Lebensmittelständen durch. Auf den Straßen eilten die orthodoxen Juden mit Tüten beladen von einem Geschäft ins nächste. Zu Hause wartete viel Arbeit: Die Juden bereiten den Ruhetag so gründlich vor, dass nichts schiefgehen kann. Das Haus wird geputzt und mit frischen Blumen geschmückt. Das Essen für den Abend und den nächsten Tag wird vorgekocht. Ziel all dieser Vorbereitungen ist es, dass am Sabbat so wenige Handgriffe wie möglich ausgeführt werden müssen. Daher gibt es am Sabbat Gerichte, die kalt gegessen werden oder auf kleiner Flamme auf dem Herd warm gehalten werden. Wir Deutsche schauten der Hektik ein bisschen belustigt zu. Und ich gestehe, dass ich ein wenig überheblich dachte, wie gut es doch sei, dass wir aufgeklärten europäischen Christen so etwas nicht brauchen. Ich sah keinen Sinn darin, für einen Ruhetag so viel Aufwand zu veranstalten. Und dann begann der Sabbat mit dem Anzünden der Kerzen, mit Gebeten, Liedern und Segenswünschen. Plötzlich kehrt eine unbeschreibliche Ruhe ein: Die Männer segnen die Frauen und die Kinder. Es folgen zahlreiche Rituale, jedes hat seine Bedeutung. Das Essen findet in mehreren Gängen statt. Anschließend sitzen alle zusammen, manchmal kommen Nachbarn oder Gäste dazu. Der nächste Tag ist eine Zeit der Muße, zum Bibel-

lesen, für Begegnungen und Gespräche – und natürlich das gemeinsame Essen. Der Ruhetag dauert bis zum Sonnenuntergang am Samstagabend und endet mit einem Ritual. Dazu gehört, dass der Wein so lange in einen Becher gegossen wird, bis dieser überläuft. Das gilt als Zeichen der überfließenden Gnade Gottes. Als wir wieder zu Hause waren, habe ich oft an den jüdischen Ruhetag gedacht. Das Thema ließ mich nicht los. Das hebräische Wort „Sabbat“ kommt von aufhören, ausruhen. In 3. Mose 23 steht: „Ihr sollt sechs Tage pro Woche arbeiten, der siebte Tag aber ist der Sabbat, ein Tag vollkommener Ruhe, an dem ihr zum Gottesdienst zusammenkommen sollt.“ Mit dem Sabbat hat Gott uns einen besonderen Tag geschenkt, der sich vom Alltag unterscheidet. Gott hat ihn uns geschenkt – nicht als strenge Regel, sondern um uns etwas Gutes zu tun. Weil wir diesen Ruhetag brauchen. Wir haben uns aus dem Urlaub einen Sabbat-Becher mit nach Hause genommen. Er soll uns daran erinnern, dass wir innere und äußere Ruhe brauchen, um die Gnade und Liebe Gottes wahrzunehmen und ihm dafür zu danken. Auf den Seiten 30 bis 33 finden Sie noch mehr Anregungen zu diesem Thema. Ich wünsche Ihnen gesegnete Ruhetage und viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe! Ihre Ellen Nieswiodek-Martin

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{persönlich} 3 Ganz persönlich Mit Hektik in den Ruhetag?! Ellen Nieswiodek-Martin 16 Liebe ist ... sich gegenseitig in allen Dingen zu unterstützen – Interview mit Nick und Kanae Vujicic 36 Persönlichkeitstraining in der Kommunität Wir brauchen die Gemeinschaft mit anderen, um uns weiterzuentwickeln – Ute Paul 56 Mein Wort in Gottes Ohr ... oder andersherum Natalie Schwarz 64 Aus Liebe Warum ich mich entschlossen habe, in einem philippinischen Bergdorf als Hebamme zu arbeiten – Georgia Macad 68 Meine Geschichte Weiße Lady mit afrikanischem Herzen – Maria Prean 72 Heilige heute Frauen wie wir • Heilige an Weihnachten Sonja Kilian • Morgen, Kinder, wird´s was geben Edelgard Kornelsen • Weihnachtswunder im Kinderheim Rosmarie Ruderisch de Wrann • Weihnachtsstimmung einmal anders Ruza Andlar

„Mein Stiefvater ist mein Held!“

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Der Schatz des Sabbats

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Lydia kreativ: Bratapfel-Cookies

6 Titelinterview mit Kim Walker-Smith T i t e l f o t o : J e s u s C u lt u r e M u s i c

{echt} 12 Musik – Heilmittel für Körper und Seele – Beate Ling 24 Meine Meinung Wie helfen Ihnen Musik, Bilder oder Tanz, Gott näherzukommen? 26 Wofür soll ich denn noch alles beten? Wie Gott mein Herz veränderte – Rebekka Dorn 28 Mein Leben für andere öffnen – Birgit Fingerhut 30 Der Schatz des Sabbats Wie ich in Jerusalem einen neuen Zugang zum Ruhetag fand – Vesna Bühler 54 Das große Fest – Roswitha Wurm 58 Antennen für das Flüstern des Himmels Auf Gottes Stimme hören lernen – Noor van Haaften 81 Sag mal, ... Fragen an die Syrophönizierin 82 Nachgedacht Ein Formular und unverdiente Gnade Mihamm Kim-Rauchholz 4

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Wenn Fremde zu Freunden werden


{inhalt}

Lydia

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Antennen für das Flüstern des Himmels

{lebensnah} 18 Weihnachtspostverschreiberei – Christine Schlagner 20 Nachgefragt Warum sagt mein Sohn nicht mehr Mama zu mir? – Annemarie Pfeifer

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21 Wenn Fremde zu Freunden werden Ein Flüchtlingsfest veränderte unser ganzes Dorf Judy Bailey und Patrick Depuhl

Musik – Heilmittel für Körper und Seele

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Wofür soll ich denn noch alles beten?

40 Tanzen brachte neuen Schwung in unsere Ehe Georgia Busch 42 Gedanken des Friedens und nicht des Unheils Ich wollte unsere Ehe retten – aber mein Mann suchte homosexuelle Kontakte – Felicitas Cresani 46 Der lange Weg der Versöhnung Meine Schwiegermutter drängte sich in unsere Ehe – Lotte Bormuth 48 Überreich beschenkt?! – Luisa Seider 50 Zwischendurchgedanken „Nein!“ – Saskia Barthelmeß 51 LYDIA-Familientipp Adventskalender der guten Taten Beate Simon • Erinnerungsschatzkästchen Prisca Schilling-Seydel 52 „Es war eine riesige Herausforderung“ – Karin Siggelkow

{service} 10 Für Sie gelesen 29 Liebe Leser 49 Schmunzeln mit LYDIA 62 LYDIA kreativ – Imke Johannson 76 Gut informiert. Neu inspiriert. 80 Leserbriefe 81 Impressum

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LYDIA

Interview

Held mit Kim Walker-Smith

„Mein Stiefvater ist mein Held!“ Sie ist es gewohnt, vor vielen Menschen auf der Bühne zu stehen und durch ihre Lieder Gott anzubeten: Kim Walker-Smith ist die Sängerin

und Leiterin der Lobpreisband „Jesus Culture“. Im Juni dieses Jahres hat sie in Nürnberg gesungen. Dort haben wir mit ihr gesprochen. Im Interview mit LYDIA erzählt sie, was Anbetung für sie bedeutet, was

Kim, Sie wirken so gelassen und glücklich. Dabei hatten Sie es als Kind nicht leicht.

Ja, das stimmt. Meine Mama brachte mich zur Welt, als sie 19 Jahre alt war. Als ich vier war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Meine Mutter heiratete danach mehrmals. Daher hatte ich mehrere Stiefväter, einige davon haben mich nicht gut behandelt. Aber dann kam der Mann in Ihr Leben, von dem Sie heute sagen: „Er hat meine Familie gerettet. Er ist unser Held.“

Ich war etwa zwölf Jahre alt, als meine Mutter George kennenlernte. Durch ihn veränderte sich unser Leben. Wir lebten zu dieser Zeit in einem Haus, das so heruntergekommen war, dass Pilze aus dem Fußboden wuchsen. Manchmal hatten wir kein Geld für Essen, also ging ich hungrig ins Bett. Ich trug nie neue Kleider und hatte kein eigenes Zimmer. Ich weiß wirklich nicht, warum George meine Mutter

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geheiratet hat – mit ihrer Vorgeschichte und uns fünf Kindern! Aber er hat sie geheiratet und uns damit gerettet. Er glaubte an Gott und vermittelte uns diesen Glauben. Es war sein Verdienst, dass wir in eine Kirchengemeinde gegangen sind. Er ist mit uns in ein richtiges Haus gezogen, in dem ich mein eigenes Zimmer bekam. Er hat uns neue Kleider gekauft. Ich musste nie mehr hungrig ins Bett gehen. Mein Leben änderte sich von Grund auf. Und doch hatte ich die ersten Jahre Angst vor ihm, wegen meiner Erfahrungen mit den anderen Stiefvätern. Erst als ich erwachsen war, konnte ich eine starke Beziehung zu ihm aufbauen. Ich brauchte einfach Zeit, bis ich ihm vertrauen, ihn lieben und mein Herz wirklich für ihn öffnen konnte. Aber ich bin so froh, dass ich es geschafft habe, denn er war wirklich der Papa in meinem Leben. Und was für einer! Er ist der Grund, warum ich an Gott glaube. Ich würde nicht das tun, was ich tue, wenn er nicht in mein Leben gekommen wäre.

F o t o : J e s u s C u lt u r e M u s i c

sie von ihrem Stiefvater gelernt hat und was sie richtig wütend macht.


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Neue Medien

Weihnachtspostverschreiberei Christine Schlagner

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s hat seine Tücken, Weihnachtsgrüße noch handschriftlich zu verfassen. Da schreibe ich einen freundlichen Gruß unter eine ausführliche und recht hübsch gelungene Weihnachtskarte: „Ihnen und Ihrem Team ein gesegnetes Advents- und Weihnachtsfest!“ Gleich darauf ärgere ich mich über meine Ungeschicklichkeit: Mist! Jetzt kannste die Karte in die Tonne kloppen. Adventsfest – wo gibt´s denn so was? Doch als ich meine Verschreiberei im Papierkorb versenken will, halte ich plötzlich inne. Ihnen und Ihrem Team ein gesegnetes Advents- und Weihnachtsfest? Adventsfest. Das hört sich gut an! Wie wäre es, wenn der Advent ein Fest für mich werden würde? Eine Festzeit der

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Freude auf die Ankunft Gottes in meinem Leben? Bewusst gefeiert durch kleine Andachtszeiten im Alltag, mittendrin in all dem Trubel, der mich bewegt und umgibt. Das hätte doch was! Ist diese Idee zu schön, um wahr zu werden? Vielleicht ist es ja möglich, ein persönliches Adventsfest zu feiern: Was hindert mich, mit geschlossenen Augen ein weihnachtliches Musikstück in mich aufzusaugen und seine Aussage in mir zu bewegen? Was hindert mich, ein adventliches Gedicht als Gebet zu sprechen? Was hindert mich, ein Liederbuch herauszukramen und mir einen altvertrauten Text durchzulesen oder sogar zu singen? Was hindert mich, fünf Minuten lang eine Krippendarstellung auf einer Postkar-

te, auf dem Weihnachtsmarkt oder in einer Kirche zu betrachten und mir zu überlegen, was einzelne Personen wohl gedacht oder empfunden haben, als sie Jesus in der Krippe vor sich sahen … und was ich denke und fühle, wenn ich vor der Krippe stehe? Was hindert mich, eine Kerze anzuzünden, still zu werden und jeden Tag mit Gott zu reden? Was hindert mich, täglich ein kleines Adventsfest in meiner Seele zu feiern? Nichts. „Gott, ich wünsche mir ein von dir gesegnetes Adventsfest! Ich möchte mich auf den Weg machen, dir zu begegnen.“ Christine Schlagner ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern, Oma und arbeitet im Sozialdienst eines Altenheims.


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Nachgefragt „Warum sagt mein Sohn nicht mehr Mama zu mir?“ Unsere vier erwachsenen Kinder haben uns zum Papa. Ein junges Paar konnte es wagen, eine Bezie-

hung ohne das Einverständnis der Eltern einzugehen.

früher immer mit „Mama“ und „Papa“ angespro- Für die damaligen Eltern muss eine Welt zusammengechen, drei tun es immer noch. Doch seit einiger Zeit redet uns einer unserer verheirateten Söhne unaufgefordert und ungefragt mit Vornamen an. Wie sollen wir darauf reagieren? Der Rat von Annemarie Pfeifer: In den heutigen Familien geht es manchmal kunterbunt durcheinander. Trifft man ein Elternpaar, fragt man erst einmal höflich nach den Nachnamen der beiden Elternteile. Junge Frauen entscheiden sich vermehrt, ihren Mädchennamen weiter zu tragen und dem gemeinsamen Kind ihren Namen zu geben. Das war vor 200 Jahren anders: Die Frau heiratete in die Familie des Mannes und die Kinder waren per „Sie“ mit den eigenen Eltern. Was ist besser?

Annemarie Pfeifer

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Familie im Wandel Die scheinbar kleine Veränderung in der Anrede durch Ihren Sohn verbirgt eine lange Geschichte. Gerne nehme ich Sie mit auf einen kurzen Streifzug durch die Veränderungen im Familienleben im Laufe der Zeit. In biblischen Zeiten waren die Menschen in Großfamilien eingebettet. Hochzeiten wurden von den Eltern arrangiert, die Frauen folgten dem Mann in seine Familie. Damals gab es noch keine Sozialversicherungen, man war auf Gedeih und Verderb dem Familienclan ausgeliefert. Dadurch lebten Witwen nicht selten in bitterer Armut. Die Geschichten aus dem Alten Testament führen deutlich vor Augen, dass die Welt damals nicht heiler war als heute. Alles war zwar bestens geregelt, aber das Zusammenleben nicht einfacher. In manchen Teilen der Welt wird diese Gesellschaftsform noch heute so gelebt. Die Kleinfamilie, wie wir sie vor allem in der westlichen Welt kennen, ist erst gut 150 Jahre alt. Damals veränderte die Industrialisierung die Welt tiefgreifend. Männer und Frauen konnten ihren Lebensunterhalt in einer Fabrik erarbeiten und wurden dadurch unabhängiger von ihrer Familie. Das Familienleben wurde intimer und weniger förmlich. Der Herr Vater wandelte sich

brochen sein! Dies war aber erst der Anfang der Veränderungen: Alle Mädchen und Jungen wurden gezwungen, die Schule zu besuchen; vor rund 120 Jahren wurde die erste Frau in Basel an der Universität zugelassen – zum Entsetzen vieler. Vor weniger als hundert Jahren wurden dann die Sozialhilfe und die Altersversicherung eingeführt. Auch dies führte zu mehr Eigenständigkeit. Die letzte Runde zur Bildung der Kleinfamilie läutete die Antibabypille in den Sechzigerjahren ein. Erstmals wurde es möglich, die Anzahl der Kinder und den Zeitpunkt der Empfängnis stärker zu beeinflussen. Ich bestimme selbst Heute leben wir individualistische Familienformen. Die Mehrheit der jungen Menschen erlernt einen Beruf; die Frauen sind gleich gut ausgebildet wie die Männer. Es wird später geheiratet. Pro Paar zählt man durchschnittlich 1,3 Kinder. Eine Umfrage unter 15- bis 25-Jährigen zeigte kürzlich, dass die Mehrheit dieser Altersgruppe davon träumt, später einmal Teilzeit zu arbeiten, um mehr Freizeit zu haben oder um mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen zu können. Heute legen viele Menschen großen Wert auf eine eigenständige, den persönlichen Bedürfnissen angepasste Familienstruktur. Ehrlichkeit statt feste Formen sind gefragt. Dies bedeutet aber auch eine Herausforderung, denn die Rollen sind nicht mehr starr vorgegeben. Jeder gestaltet sein Leben selbst. Auch in Ihrer kleinen Familienwelt scheint der Gedanke an Eigenständigkeit und Nonkonformismus aufzusprießen. Am besten fragen Sie Ihren Sohn einfach, warum er plötzlich zum Vornamen übergegangen ist. Es könnte sogar ein Zeichen von Nähe sein, indem er Sie als Freunde sieht, auf der gleichen Ebene wie er. Dieser Wechsel ermöglicht es Ihnen, ein ganz persönliches Gespräch über die Rollen innerhalb Ihrer Familie zu führen. Herrscht bei Ihnen ein Geist der gegenseitigen Wertschätzung, der Anerkennung, der Partnerschaft, der Vergebung? Dann werden Anreden nur noch Nebensache sein. Annemarie Pfeifer ist psychologische Beraterin und Buchautorin.


¤£ J U D Y B A I L E Y U N D PAT R I C K D E P U H L

Wenn Fremde zu Freunden werden EIN FLÜCHTLINGSFEST VERÄNDERTE UNSER GANZES DORF

¤£

Judy mit junger Mutter aus Pakistan Viel zu lange haben wir gesagt: „Man müsste mal, man müsste mal ...“ Und dann haben wir eines Vormittags einfach zum Telefon gegriffen und den Bürgermeister angerufen: „Wir müssten mal etwas für die Flüchtlinge in unserem Dorf machen!

F o t o s : P at r i c k D e p u h l

Weihnachten zum Beispiel ...“

W

ir vereinbarten einen Termin im Rathaus und luden auch den evangelischen und den katholischen Pfarrer unseres niederrheinischen Dorfes Alpen ein. Um nicht nur theoretisch zu erzählen, fuhren wir ein paar Tage vor dem Treffen zu einer der Flüchtlingsunterkünfte im Dorf. Unse-

Wunderkerzen & Weihnachten vor der Flüchtlingsunterkunft Ahmed lernt Klavier re erste Begegnung begann mit Bonna, die gerade Wäsche aufhängte, und endete am Tisch der kleinen Gemeinschaftsküche bei mazedonischem Kaffee und Limonade für Levi, unseren Ältesten, der mitgekommen war. Als wir gingen, richtig froh über den ersten kleinen Schritt, sagte Levi: „Wow! Eine ganz andere Welt, mitten in Alpen.“ Erste Annäherungsversuche Ein paar Tage später trafen wir einen jungen Afrikaner vor den Containern der zweiten Unterkunft. In einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch, Händen und Füßen fragten wir, ob es Kontakt zu den Nachbarn auf der anderen Seite der Hecke gäbe. „Nein, Alpener kommen nicht hierher“, erklärte er. „Echt?“ Das hatte bis jetzt auch für uns gegolten. Seine Worte waren ein heilsamer Schock. Die Welt hin-

ter der Hecke, wo die Nachrichten zu Nachbarn geworden sind, kommt in unserem Dorfalltag nur als Parallelgesellschaft vor. Wir haben Zeit für Tagesschau und TVDokumentation über die Kriegsschauplätze dieser Welt, für Berichte und Kommentare und Posts zu Leid und Gräuel und Elend. Aber die neuen Nachbarn, die sich zu uns gerettet haben, bleiben hinter der Hecke. Dabei wurden wir bei unserem Erstbesuch auch hier eingeladen und saßen wenig später auf dem Bett in einem kleinen Zimmer zusammen. Wenn die Nachrichten ein Gesicht und einen Namen bekommen, eine Hand, die man schütteln, und ein Lächeln, das man erwidern kann, ändert sich alles. Für diesen Menschen – und für mich! Uns war klar: Das Ziel unseres Treffens im Rathaus sollte ein Weihnachtsfest für alle sein!

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Christen weltweit

REBEKKA DORN

Wofür soll ich denn noch alles

beten? WIE GOTT MEIN HERZ VERÄNDERTE

Endlich ein freier Nachmittag. Ich versuche, mich bei einem Film von den Anstrengungen der letzten Tage und Stunden zu erholen. Nebenher schaue ich auf mein Handy und sehe, dass ich eine neue WhatsApp-Nachricht bekommen habe. Neugierig tippe ich sie an ... und lese, dass es ein Gebetsaufruf für eine spezielle Situation von verfolgten Christen im Irak ist.

I

ch merke ungewollten Ärger in mir aufsteigen. Gerade jetzt, in meiner freien Zeit, die ich mir wohl redlich verdient habe, werde ich gestört. Sofort meldet sich mein Gewissen und meint, dass ich nicht so ein Gefühl verspüren darf, da es mir im Vergleich zu meinen Mitchristen geradezu himmlisch geht und ich gefälligst meiner Pflicht als guter Christ nachzukommen habe, für sie zu beten. Das sei ich ihnen doch schuldig. Außerdem ist es nur die Bitte, eine Minute an sie zu denken. Das werde ich doch wohl hinbekommen. Auch wenn gleichzeitig ein weiterer Gedanke in mir aufsteigt: Für was soll ich eigentlich noch alles beten? Täglich erreichen mich neue Meldungen und Gebetsanliegen. Ist es wirklich meine Aufgabe, für all diese Dinge zu beten? Reicht es nicht, wenn andere, die diese Aufrufe bekommen, sich daran beteiligen? Muss ich überall mitmachen? Na ja, dieser Aufruf hört sich wirklich brennend an. Also gut. Bringe ich es hinter mich. Aber wofür genau soll ich denn beten? Dass Gott eine feurige Mauer von Engeln um die benannten Christen stellt und sie so beschützt, dass sie nicht umkommen? Oder soll ich beten, dass sie dem Tod mutig und frei ins Auge schauen können und somit ein Zeugnis für Gottes Kraft und

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Liebe sind? Soll ich beten, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, und Kinder, die gesehen haben, wie ihre Eltern abgeschlachtet wurden, ihren Feinden vergeben können? Vor Gipfeln und Gebirgen Wieder merke ich, wie das Gebet mich zu überfordern scheint, weil mir die Situation, in der sich diese Menschen befinden, so weit von meinem eigenen Erleben und Nachempfinden scheint. Aber auch, weil ich mir bei der bloßen Vorstellung der Problemfelder – vielmehr Problemgipfel oder sogar Problemgebirge – so unendlich klein und schwach vorkomme. Was kann mein Gebet in so einer Situation schon ausrichten? Ich habe mein Soll erfüllt und bin eine Minute oder so der Bitte des Gebetsaufrufs gefolgt. Nun steht in der Nachricht noch dieser kleine Nachsatz: „Leitet das Gebetsanliegen an viele Christen weiter.“ Super! Jetzt muss ich entscheiden, wem ich diese Nachricht weiterleite, der daran auch noch Interesse hat und nicht davon genervt ist. Denn dass ich sie weiterleiten muss, ist klar. Als guter Christ will ich meiner Pflicht nachkommen und meinen Mitchristen im noch freien Deutschland dazu verhelfen, ebenfalls ihrer christlichen Pflicht nachkommen zu können. Außerdem müssen wir Christen zusammenhalten. Ehrlich eingestehen Ich bin mir bewusst, dass meine Aussagen recht überspitzt erscheinen. Aber – wenn wir ehrlich sind – finden wir uns nicht in einigen dieser Gefühle und Gedanken wieder? Wir versuchen sie vielleicht zu verdrängen, weil wir wissen, dass sie „falsch“ sind, weil wir so nicht denken wollen.

Ich möchte, dass es mich

berührt,

wenn andere wegen des gleichen Glaubens, den auch ich habe, verfolgt, gefoltert und getötet werden.

Ich würde mich selbst als eine Person beschreiben, der das Gebet für verfolgte Christen sehr wichtig ist. Umso mehr war ich von meiner Reaktion auf diesen Gebetsaufruf überrascht. Aber es tat mir gut, diese Fragen und Konflikte anzuschauen, statt sie wegzuschieben, weil sie nicht sein dürfen. Mit offenem Herzen Was mache ich nun mit dieser offengelegten Herzenshaltung? Ich merke, ich kann sie nicht einfach wegpusten, höchstens ein schlechtes Gewissen bekommen, weil ich nicht fähig bin, für verfolgte Christen Liebe zu empfinden und „richtig“ für sie zu beten. Ich kann mich entscheiden, das zu verdrängen und beim nächsten Mal nicht so tiefgründig über meine Reaktion nachzudenken, und einfach meine Pflicht tun ... Oder aber ich halte das Problem Gott hin, der ja bekanntlich „ins Herz sieht“ (1. Samuel 16,7) und Herzen verändern kann (Hesekiel 36,26). Denn ich merke, ich möchte nicht so bleiben. Ich möchte, dass es mich berührt, wenn andere wegen des gleichen Glaubens, den auch ich habe, verfolgt, gefoltert und getötet werden. Ich möchte nicht, dass mich das unberührt lässt und bloß eine lästige Störung in meiner Bequemlichkeit ist. Ich möchte spüren, was Gott dabei empfindet und was er für die jeweilige Situation auf dem Herzen hat. Ich möchte Teil des Leibes sein, von dem es heißt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1. Korinther 12,26). Tränen und Gebete Und prompt, als ich Gott mein Herz hinhalte und es ihm zur Verfügung stelle, empfinde ich kurz darauf ein Gefühl der Traurigkeit und Reue über meine Haltung. Auch darum habe ich Gott gebeten, weil ich es nicht einmal schlimm fand, dass ich so denke und fühle, sondern nur mit dem Kopf begriffen habe, dass sich mein Herz ändern muss. Anschließend fließen bei mir ungehindert die Tränen – für meine Geschwister, die um unseres Glaubens willen verfolgt werden, und die Gebete für sie strömen einfach aus mir heraus. Ich weiß noch nicht, wie ich bei der nächsten Gelegenheit reagieren werde, wenn mich wieder ein Gebetsaufruf erreicht. Aber ich weiß, dass ich meine Gefühle und Reaktionen nicht zur Seite schieben und meine „Pflicht“ tun möchte, sondern mein Herz – so, wie es ist – Gott hinhalten möchte. Ich bitte Gott, dass er mein Herz nach seinem Willen verändert und mir Liebe für andere Menschen schenkt. Rebekka Dorn engagiert sich in der „Lebensgemeinschaft für die Einheit der Christen“ auf Schloss Craheim.

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Ruhetag VESNA BÜHLER

Der Schatz des

SABBATS WIE ICH IN JERUSALEM EINEN NEUEN ZUGANG ZUM RUHETAG FAND

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„Mama, Mama, morgen bin ich Sabbatkönigin!“, ruft meine kleine Tochter Yael begeistert, als ich sie vom Kindergarten abhole. „Ich muss ein hübsches Kleid anziehen und einen Kuchen mitbringen!“ Wie all unsere Kinder besucht auch unsere Jüngste einen messianisch-jüdischen Kindergarten. Da wir als Familie in Israel leben, ist das für uns als gläubige Christen die ideale Einrichtung. Denn unser Wunsch ist es, dass sich unsere Kinder so weit wie möglich in die israelische Gesellschaft integrieren und zugleich eine christliche Ausbildung genießen können.

M

essianische Juden sind Juden, die Jesus als Gottes Sohn und ihren erwarteten Messias anerkennen. Die meisten von ihnen halten die wichtigsten jüdischen Bräuche. Dazu gehört selbstverständlich die Sabbat-Zeremonie. Zum Wochenende hin feiert man in den meisten jüdischen Haushalten und schulischen Einrichtungen als Wochenausklang traditionell eine kleine Sabbat-Willkommenszeremonie, die Kiddush („Heiligung“). Unsere Tochter Yael darf als sogenannte Sabbatkönigin zwei Kerzen anzünden, einen Segen sprechen und Kuchen an die Kinder verteilen, während sie alle zusammen Sabbat-Begrüßungslieder singen. Die Wochentage beginnen in Israel offiziell mit dem Abend des vorherigen Tages. So beginnt auch der Sabbat, der Samstag, am Freitagabend. Der Sonntag ist in Israel der erste Arbeitstag. In unserer Familie feiern wir deshalb den Samstag als Ruhetag.

ist sie nicht religiös. Der gelegentliche Synagogenbesuch und das Kerzenanzünden zum Sabbat-Beginn gehören zu ihrem jüdischen Nationalbewusstsein. Unter religiösen Juden dagegen nimmt der Sabbat neben Speisevorschriften den wichtigsten Stellenwert in ihrem Leben ein. Besondere Beachtung gilt dem Verbot des Feueranzündens am Sabbat. Jegliche Geräte, die in ihrer Funktion einen Feueroder Lichtfunken auslösen können, werden streng gemieden. Dazu gehören Elektrogeräte, Ein- und Ausschaltknöpfe und vor allem die Bedienung von Fahrzeugen. Nicht selten klopft es am Sabbat an unserer Tür und ein religiöser Nachbar bittet uns, an seiner Stelle den Knopf der Klimaanlage oder den Lichtschalter zu drücken, da es für ihn als Juden verboten ist. Man wird auch von Buhrufen begleitet oder sogar mit Steinen beschmissen, wenn man sich zufällig am Sabbat mit dem Auto in einer streng religiösen Gegend verirrt.

Vorbereitungen auf den Ruhetag Wie jeden Freitagnachmittag, so sind auch an diesem die Straßen unserer Nachbarschaft wie leergefegt. Nur wenige Autos hört man von ferne. Der Duft von Braten und Hühnersuppe breitet sich in der Nachbarschaft aus, und die Straßen füllen sich mit Kindergelächter. Während ich meinen Kindern Anweisungen gebe, die Festtafel zu decken, bereite ich mein Lieblingsgebäck, das Sabbatbrot „Halla“ (ähnlich dem deutschen Hefekranz) vor. Meine knapp 100-jährige Nachbarin Sarah, eine Jüdin aus Berlin, die den Holocaust überlebt hat, ruft mich an und bittet mich, sie am Sabbatmorgen zur öffentlichen Thoralesung in der Synagoge zu begleiten, da ihr das Gehen schwerfällt. Genauso wie die meisten unserer Nachbarn

Geschenk statt Zwang Der Sabbat wird als der geheiligte Tag streng von allen anderen Wochentagen getrennt. Pünktlich eine Stunde vor Sonnenuntergang am Freitag ertönt als Sabbat-Ankündigung eine laute Sirene in der Innenstadt Jerusalems. Unsere kleineren Kinder zucken dann meistens vor Schreck zusammen, da wir es gewohnt sind, Sirenen als Bombenalarm zu erkennen und schnell Deckung zu suchen. „Es ist nur die Sabbat-Sirene“, hören wir uns anschließend etwas verunsichert sagen und versuchen, uns von dem kleinen Schreck zu erholen. Messianische Juden feiern den Sabbat als den von Gott eingesetzten Ruhetag. An diesem Tag ruhen wir von unserer täglichen Arbeit und genießen die Gemeinschaft mit

Gott und unserer Familie. Messianische Juden sehen Jesus als Erfüllung des Gesetzes an (Matthäus 5,17), der den Frieden mit Gott wiederhergestellt hat. Deswegen können wir ohne Verdammungsgefühl in seiner Liebe ruhen. Er hat uns ohne unser Zutun vor Gott gerechtfertigt (Römer 3,24). Die gesamte Woche ist erfüllt mit Gottes Geist und Gegenwart, doch der Sabbat dient der besonderen Begegnung und Gemeinschaft mit ihm. Symbolträchtige Handlungen Sowohl in religiösen, nicht religiösen, messianischen als auch in vielen christlichen Haushalten in Israel hat sich die KiddushZeremonie als Tradition zum Sabbat-Beginn etabliert. Die Mutter des Hauses, die „Sabbatkönigin“, zündet zum Auftakt der Festtafel zwei Kerzen an. Die Kerzen symbolisieren das Licht und die Heiligkeit des Tages. Daraufhin spricht der Familienvater das Segensgebet und stimmt mit dem 31. Kapitel aus dem Buch der Sprüche das Lob der tüchtigen Frau des Hauses an. Falls dem Paar Kinder beschert sind und sie groß genug sind, stehen sie während des Verses „Ihre Söhne stehen auf und preisen sie“ (Sprüche 31,28) auf und rufen ihn gemeinsam aus, während sie alle stolz auf ihre Mutter zeigen. Es folgt das Brotbrechen und Weintrinken, bei dem man sich an das Manna, das Brot in der Wüste, erinnert (2. Mose 16,31) und Gott, den Schöpfer der Welt, des Weizens und der Früchte des Weinstocks lobt. Licht der Familie Die Mutter nimmt einen besonderen Platz in der Familie ein – manche behaupten, den wichtigsten. Denn ihr ist die Aufgabe übertragen worden, für die „Reinheit“

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Tiefer graben

NOOR VAN HAAFTEN

ANTENNEN

für das Flüstern des HIMMELS

Auf Gottes Stimme hören lernen Dass Gott redet, daran zweifle ich nicht. Dass er nicht immer redet und auch nicht automatisch dann, wenn wir gerne von ihm hören würden, das ist mir auch klar. Vielleicht stehe ich gerade vor einer schwierigen Entscheidung und sehne mich nach einem Wort von Gott, aber es bleibt still. Ich fühle mich verlassen und suche Gott, aber es „tut“ sich nichts. Das sind Erfahrungen, die auch biblische Personen kannten. Doch das Interessante bei manchen dieser Menschen ist, dass sie nicht immer unbedingt ein Wort oder eine Anweisung Gottes brauchten, weil sie „wussten“, was von Gott her dran war.

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Lydia 04/2015


I

ch habe eine Freundin, die sich gut mit Vögeln auskennt. Einmal war ich mit ihr im Auto unterwegs auf einer Landstraße, als sie mich plötzlich bat, anzuhalten. Wir hatten gerade geredet, fuhren außerdem mit offenen Fenstern und hörten Geräusche von draußen wie auch den Motor des Autos. Meine Freundin hatte inmitten dieser Geräusche etwas wahrgenommen, das mir völlig entgangen war: den feinen Ton eines Vogels. Noch genialer war, dass sie in diesem Ton den Lockruf einer Gartengrasmücke erkannte. Wir sollten einige Momente warten, sagte sie, dann würde er sich wieder melden. Und siehe da: Das tat er auch. Expertin mit offenen Ohren und Augen Ciska wurde nicht mit einem extra Sinnesorgan für die Vogelwelt geboren. Aber sie hat im Laufe der Jahre keine Mühe gescheut, um viel darüber zu lernen. Sie besitzt zahlreiche Bücher über Vögel aller Art, und alle diese Bücher sind abgegriffen vom vielen Lesen. Ciska hört auch CDs mit Vogelgesang, weil sie üben will, Vogelarten an ihrem Lied zu erkennen. Oft macht sie sich morgens in aller Früh mit ihrem Fernglas und einem Notiz- und Skizzenbuch auf den Weg, um im Wald oder im offenen Feld Vögel zu beobachten und ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Sie schaut, sie starrt, und sie hört. Sie weiß von vielem, wovon ich keine Ahnung habe. Sie verbringt zum Beispiel Stunden bei einem Eulennest, weil sie aus ihren Beobachtungen in den Tagen vorher weiß, dass die Jungen bald ausfliegen werden. Sie sitzt da, wartet, erwartet und … sieht! Das alles tut sie mit Hingabe und Freude. Wenn sie von ihren Vogeltouren zurückkehrt, ist sie beglückt und erfüllt von all den neuen Entdeckungen. Sobald sie wieder zu Hause ist, überprüft sie in einem Nachschlagewerk, was sie gesehen hat. Ihr Einsatz hat sich gelohnt, denn heute ist sie eine ausgezeichnete Vogelkennerin. Für die es, so sagt sie selbst, noch immer Neues zu entdecken gibt und die immer wieder ins Staunen kommt. Der Draht zum Himmel Mit ihrer Fachkenntnis spornt Ciska mich an, mich intensiver mit einer Welt zu beschäftigen, die uns Menschen fremd ist: der himmlischen Realität, die sich hinter unserem Alltag verbirgt und die oft von ihm übertönt wird. Ich möchte eine „Antenne“ entwickeln für Gottes Wirken und Reden, so wie sie eine „Vogelantenne“ entwickelt hat. Viel studieren und im Alltag fokussiert sein auf jede kleine oder große „himmlische Bewegung“, wie es meine Freundin auf das winzigste Lebenszeichen aus der Vogelwelt ist. Dass ich dabei mit der Hilfe des Heiligen Geistes rechnen darf, ist wunderbar. Was aber

zuallererst von mir selbst gefragt ist, ist eine Willensentscheidung und viel Ausdauer beim Üben. Denn die unsichtbare Welt Gottes entdeckt man nur dann, wenn man sie aktiv sucht und Platz für sie einräumt in seinem Leben. Dabei können wir einige „Vogelkennerprinzipien“ auf das Geistliche übertragen: sich Zeit nehmen, um zu lernen, zu studieren, zu beobachten; hören und unterscheiden üben; die Absonderung suchen; stille werden; fokussiert sein; Ausschau halten und erwarten; auch mal extra früh aufstehen oder Momente organisieren, in denen wir in aller Ruhe starren und staunen können. Das Allerwichtigste, wenn wir Gott und seine Stimme kennen- und hören lernen wollen, ist der „Draht zum Himmel“. Diejenigen, die uns in der Bibel begegnen, die Gott reden hörten oder eben „einfach so“ wussten, was von Gott her dran war, das waren Menschen, die ihren Alltag bewusst mit Gott lebten. Sie kannten und liebten sein Wort. Sie gehorchten ihm, und sie waren Beter. Damit erfüllten sie eine wichtige Voraussetzung für das Hören der Stimme Gottes. Eine Voraussetzung, aber keine Garantie! Bei Gott bleiben Ein Leben mit Gott ist mehr als ein Morgengebet, bevor wir uns in den Alltag stürzen; ein Abendgebet, bevor wir schlafen gehen, und einige Stoßgebete zwischendurch. Oft geht es so: Wir bringen morgens unsere Anliegen vor Gott und bitten ihn um seine Hilfe und seinen Segen, danach fängt unser Alltag an. Es ist, als würden wir uns mit einem „Tschüss, bis heute Abend“ verabschieden und danach unseren Weg gehen. Gott will diesen Abschied nicht. Er möchte mit uns in den Alltag gehen und mit dabei sein, zu Hause, am Arbeitsplatz oder unterwegs. Üben Sie das „Sein-bei-ihm“ in allem, was Sie tun. Reden Sie mit ihm, singen Sie ein Lied ihm zur Ehre, denken Sie über seine Verheißungen nach und danken Sie ihm für seine Treue, seine Barmherzigkeit. Machen Sie Ihren Alltag zu einem Ort der Gemeinschaft und Anbetung. Während Sie mit beiden Füßen auf der Erde stehen, leben Sie für und mit Gott. Denn aus dieser Verbindung heraus wächst die Kommunikation. Das erfuhr zum Beispiel Jakob. Als er in Haran bei seinem Onkel Laban lebte und arbeitete, machte Gott ihm über eine lange Zeit klar, dass es dran war, zurückzukehren in seine Heimat Kanaan. Wie Gott das machte und bestätigte, ist nachzulesen in 1. Mose 28,10–31,54. Es ist eine faszinierende Geschichte, in der so manches zusammenwirkt und Jakob klar wird, dass Gott von ihm verlangt, dass er Haran verlässt und nach Kanaan zurückzieht.

Lydia 04/2015

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D 1 2 0 1 3 / Post ver triebsstück/Gebühr bezahlt/Lydia Verlag/Ger th Medien GmbH/Dillerberg 1/D -35614 Asslar-Berghausen

Emporgehoben, getragen. Auf starken Flügeln. Du erlaubst mir, einen Blick zu tun auf die Umstände, die mich erdrücken wollen. Aus deiner Perspektive sehen sie anders aus. Ich kann nur staunen über einen Gott, der trotz seiner Größe so viel Nähe zu sich erlaubt und sich mit mir freut, wenn ich – getragen von ihm – den Flug des Vertrauens wage. A. Brickey

Auf Flügeln

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Lydia 04/2015  

Sehnen Sie sich nach Leben voller Liebe und Sinn? Trauern Sie um eine Beziehung oder zerbrochene Träume? Gehen Sie durch eine finanzielle Kr...

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