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kam, aber ich konnte nur noch halbtags arbeiten. Schwanger mit Zwillingen Inzwischen waren wir vier Jahre verheiratet und wünschten uns Kinder. Als wir es schließlich wagten, wurde ich sofort schwanger mit Zwillingen. Die Schwangerschaft war sehr anstrengend. Die altbekannten Symptome kamen mit voller Wucht zurück. Dann verlor ich beide Babys. Es war ein unbeschreiblicher Schmerz. Ein Vierteljahr später war ich wieder schwanger. Wieder Zwillinge. Wir waren sehr angespannt und hatten Angst, dass wir auch dieses Mal beide Babys wieder hergeben müssten. Diesmal verlor ich ein Baby. Die widersprüchlichen Gefühle, Trauer und Freude gleichzeitig, überforderten mich total. Dazu kam die Übelkeit, die mich die kompletten neun Monate quälte. An manchen Tagen waren Erschöpfung und Schmerzen unerträglich. Irgendwie überstand ich die Schwangerschaft und die Geburt. Unsere Tochter im Arm zu halten war fantastisch. Aber ich war so ausgezehrt, dass ich die ersten drei Tage nicht allein aufstehen konnte. Zum Glück hatte mein Mann Elternzeit. So konnte ich mich die ersten drei Monate etwas erholen. „Sie sind eben verspannt. Der Beruf ist zu belastend …“ Mit viel Mühe und körperlichen Schmerzen beendete ich meine Ausbildung. Ich habe dann nicht weiter in meinem Beruf gearbeitet. Gerne hätte ich noch studiert, aber dazu fehlte mir die Kraft. So entschied ich mich, eine halbjährige Bibelschulausbildung bei „Jugend mit einer Mission“ zu machen. Dort konnte ich mir mehr Ruhepausen nehmen. In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen. Nach der Bibelschule arbeiteten wir zwei Jahre lang bei dem Missionswerk. Ich wollte nicht als faul gelten und ging immer wieder über meine Grenzen. Dann ging gar nichts mehr. Mein Körper war am Ende. Die Schmerzen unerträglich. Die Erschöpfung lähmend. Die Ärzte meinten: „Burn-out.“ Einige Symptome wurden einfach ignoriert. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich wieder einigermaßen zu Kräften

Endlich Klarheit Weil mein Körper nun noch schwächer war als vor der Schwangerschaft, beschlossen wir, in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Nach dem Umzug kam der totale Zusammenbruch. Zusätzlich zu den starken körperlichen Symptomen kamen noch Panikattacken. Ich denke, meine Seele hat es einfach nicht mehr in meinem Körper ausgehalten. Ich war dann ein Vierteljahr in einer psychosomatischen Klinik. Die Zeit dort war sehr anstrengend. Immer wieder beschrieb ich meine Symptome, aber fühlte mich nicht ernst genommen. Die Angst und Panikattacken waren nach der Entlassung besser. Mein körperlicher Zustand nicht. Ein halbes Jahr später kam die Erlösung. Durch eine Freundin erfuhr ich von einer guten Ärztin. Nach ein paar Tests war klar: Da stimmen einige Dinge in meinem Körper nicht. Eine der Diagnosen lautete CFS. Außerdem hatte ich eine Borreliose, und

meine Hormone spielten verrückt. Dazu kamen diverse Lebensmittelunverträglichkeiten. Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Ich war krank. Körperlich sehr krank. Die Wut kommt raus Außer der Tatsache, dass ich jetzt mit diesen ganzen Krankheiten klarkommen musste, war da noch die Wut. Wut auf die Ärzte, auf das Leben und auf Gott. Warum musste ich mich all die Jahre durchs Leben quälen? Wie oft wurde ich als Simulant behandelt! Wie oft hörte ich den Satz: „Stell dich nicht so an!“ Wie oft hatte ich mich geschämt, hatte mich faul gefühlt! Ich weiß, dass CFS in Deutschland eine noch relativ unbekannte Krankheit ist. Ich weiß auch, dass es für Ärzte nicht immer einfach ist, allen Symptomen auf den Grund zu gehen. Trotzdem war es für mich sehr schlimm, dass ich nicht ernst genommen wurde. Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Ärzte gesagt hätten, dass sie nicht weiterwissen. Oder dass sie vermuten, dass es psychisch ist. Aber das habe ich nie gehört. Wahrscheinlich hätte man mir zu Beginn der Erkrankung besser helfen können. Außerdem wären mir viele Überforderungen erspart geblieben. Es fühlte sich an, als hätte man mir zwölf Jahre meines Lebens gestohlen. Das machte mich sehr wütend. Ich fragte mich auch, wo Gott in all den Jahren gewesen war. Warum hatte er mich all das aushalten lassen? Nach vorne blicken Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich die Entscheidung traf, das Alte loszulassen. Und ich fing an zu vergeben. Ich ließ all meine verpassten Chancen los. Vergab jedem einzelnen Arzt. Legte all die schmerzhaften Erinnerungen in Gottes Hand. Und überließ ihm mein Verlangen nach Rache. Das ist mir nicht leichtgefallen, aber es hat mir geholfen, nach vorne zu blicken. Zu vergeben hat mich befreit aus dem Gefängnis der Anklage und der Rachsucht. Und wenn die Wut mich mal wieder niederdrücken will, dann vergebe ich aufs Neue. Jetzt muss ich lernen, mit CFS zu leben. Das ist gar nicht so einfach, aber ich übe mich darin. Ich habe ungefähr vier bis fünf Stunden Kraft am Tag. Das ist nicht viel, aber irgendwie schaffe ich es, damit

Lydia 04/2014

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Lydia (Ausgabe 4/2014)  

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