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Die unautorisierte deutsche OMD Biografie

Deutsche Erstausgabe 2016 ONLINE FAN EDITION

Copyright (C) by: www.germanmanoeuvres.com

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„Fantastic, Hagen.. stunning looking book. So much work! Wow! The book looks amazing. You have pulled so many things together to make it so comprehensive. Well done, and thank you for your labour of love.“ ANDY McCLUSKEY

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WICHTIGER HINWEIS: Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine nicht-kommerzielle, bzw. Non-Profit-Veröffentlichung, die auf eigene Kosten hergestellt und ausschließlich zum Selbstkostenpreis an interessierte Fans weitergegeben wurde. Eine zu kommerziellen Zwecken dienende Verwertung dieses Buches, z. B. durch Nachdruck oder gewinnorientierten Weiterverkauf, ist ausdrücklich untersagt und keinesfalls im Sinne des Autors. Die Inhalte sind ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Alle Angaben ohne Gewähr, Fehler und Irrtümer vorbehalten. Der Autor möchte vor allem denjenigen Personen ganz besonders danken, ohne deren Arbeit in der Vergangenheit diese deutschsprachige Biografie nicht hätte verfasst werden können: Johnny Waller und Paul Humphreys' Bruder Mike Humphreys, deren 1987 erschienene, offizielle OMDBiografie "Messages" das Fundament der ersten vier Kapitel bildete. Paul Browne für dessen langjährige, detaillierte Recherchearbeit und seine vielen brillanten Interviews – ursprünglich für die offizielle OMD-Website "omd.uk.com", später dann für das Fan-Magazin "Messages" und aktuell für seine Website "omd-messages.co.uk". Als überaus hilfreich erwiesen sich außerdem die von 1980-1988 veröffentlichten OMD-Fanclub Newsletters, sowie insbesondere die von 1988-1998 herausgebrachten OMD Info Services, ohne die nur wenig an Information speziell über die 1990er-Jahre der Band erhalten geblieben wäre. Hier ein großes Dankeschön an alle daran beteiligten Personen, allen voran Jan und Mike Humphreys. … und Danke an DanielaY - ohne ihre Unterstützung wäre dieses Buch nicht zustande gekommen! Des Weiteren wurde neben eigenen Recherchen auf die nachfolgenden Quellen zurückgegriffen, wofür allen daran beteiligten Personen ebenfalls ausdrücklich gedankt wird:

Die unautorisierte OMD-Biografie von Mike West (erschienen 1982, englisch)

Wikipedia.org (englisch & deutsch)

Die britische OMD-Fansite "omdweb.com/compiled" von Kevin Pretlove, Ian Hayter und Mark Crouch

Die amerikanische OMD-Fansite von Pat Fetty "omdweb.com"

Die britische OMD-Fansite "omd.me.uk" und OMD-"Facebook"-Gruppe von Neil Taylor

Die offizielle OMD-Website "omd.uk.com"

Die britische Website "electricity-club.co.uk" und Chi Ming Lai

Sound on Sound.com: "The Making Of Universal" - Interview von Nigel Humberstone mit Andy McCluskey und Matthew Vaughan (englisch, erschienen 1986)

theartsdesk Q&A: "Musician Andy McCluskey of Orchestral Manoeuvres in the Dark" Interview mit Andy McCluskey von Thomas H. Green (englisch, erschienen 2010)

Zahlreiche deutsche und englische Interviews und Presseberichte

Fotonachweis: Virginia Turbett, Trevor Key, Eric Watson, Arnold Williams, Charles Robinson, Eugene Adebari, Paul Cox, Andrew Catlin, Ian Tilton, Derick Santini, Andy Phillips, Kevin Cummins, Ian Hilder, Chris van de Vooren, Andre Csillag, Ian Hooton, Lukas von Saint George, Susan Pippet, Richard Haughton, Kocour, McCluskey, Sara Harvey, Paul Browne, Neil Taylor, Pat Fetty, Allebeth Holme & Heidi Firminger, Malcolm Holmes, Rhonda Thwaite, Steve Rapport, Robert Ellis, Bob Boyd, Achim Peter, Hagen Schmitt, Ian Plested, Bob McCluskey, Mark McNulty, FAC6, Karen Kassulat (NOTP), Martin Pursey, Kate Southall, Kevin Pretlove, Phil Marsh, David Smith, Stephen Cork, Nella, Chris Oaten, Francesco Mellina, Nick Robins, Ed Fielding, Debbie Bull, Alan Connor, Adam Edwards, Tom Oxley, Innes Marlow, Elspeth Moore, Lionel Flusin, Francois Berthier, David Corio, Paul Natkin, Ron Galella, Daniel Boczarski, Chris Walter, Michael Putland, Graham Tucker - sowie weitere, namentlich leider nicht bekannte Fotografen. Der Autor war bestrebt, die Urheberrechtsinhaber zu kontaktieren. Im Falle einer unbeabsichtigten Copyrightverletzung wird das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung bei nachfolgenden Auflagen sofort entfernt, bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich gemacht.

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Die unautorisierte deutsche OMD Biografie

INHALTSVERZEICHNIS

Seite

PROLOG

(I) Der Sound der 1970er-Jahre - Eine Dekade der musikalischen Kontraste

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(II) KLASSIK & POP - Die lange Musiktradition von Liverpool

14

KAPITEL 1

(1974 – 1978)

17

PRE-OMD - DIE MUSIKALISCHEN FINDUNGSJAHRE Zwei englische Teenager, Rock & Punk und ihre Entdeckung deutscher elektronischer Musik A /

18

EQUINOX Erste Gehversuche einer Schülerband mit Covers der "Eagles" und Eric Clapton

B /

26

VCL XI & HITLERZ UNDERPÄNTZ Beginnende elektronische Experimente und die Geburtsstunde von "Electricity"

C /

33

THE ID & DALEK I LOVE YOU Über Punkrock im Liverpooler "Eric's Club" zu Synthesizer und Drumcomputer

KAPITEL 2

(1978 – 1979)

42

ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK Vom Aufstieg in den Pop-Olymp - die Geschichte beginnt hier A /

DER STARTSCHUSS FÜR OMD IM LIVERPOOLER "ERIC'S CLUB"

43

Spontane Entscheidung für einen obskuren Bandnamen und der erste öffentliche Auftritt B /

THE FACTORY - ORCHESTRAL MANOEUVRES SIND "INDEPENDENT"

49

Tony Wilson, Peter Saville, John Peel und die erste Single "Electricity" C /

DIN DISC, GARY NUMAN & THE GRAMOPHONE SUITE Major-Plattenvertrag, Tour mit England's Shooting-Star Nr. 1 und erste Aufnahmen im eigenen Studio

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KAPITEL 3

(1980 – 1983)

Seite

THE FIRST FOUR - DIE ERSTEN VIER ALBEN

65

Die Glanzzeit von OMD und ihre vier Meilensteine des klassischen Synthie-Pop A /

66

O. M. i. t. D. & MESSAGES Erstes Album, erste Hit-Single und "Top Of The Pops"

B /

77

ORGANISATION & ENOLA GAY Das zweite Album innerhalb eines Jahres und der internationale Durchbruch

C /

87

ARCHITECTURE & MORALITY Kreatives Meisterstück und Millionenseller - und doch fast das Ende von "Orchestral Manoeuvres"

D /

109

DAZZLE SHIPS Unerwartete musikalische Manöver führen zum kommerziellen Desaster

KAPITEL 4

(1984 – 1989)

120

UNTER FINANZIELLEM DRUCK IN DIE SACKGASSE DES MAINSTREAMS Die Kurskorrektur von elektronischen Bandexperimenten zu hochgradig polierter Popmusik A /

121

JUNK CULTURE Die Flucht ins Steuerexil und ein musikalischer Richtungswechsel auf Montserrat

B /

137

CRUSH Die Suche nach dem perfekten Sound und erste kommerzielle Erfolge in Amerika

C /

DURCHBRUCH IN DEN USA & THE PACIFIC AGE

149

"If You Leave" in den amerikanischen "Top 5" und OMD unter Druck der Musikindustrie D /

163

DER TRAUM IST AUSGETRÄUMT "Dreaming" - Das vorläufige Ende von OMD und einer langjährigen Freundschaft

KAPITEL 5

(1990 – 1998)

170

ANDY McCLUSKEY'S REINKARNATION VON OMD Auf zu neuen Ufern - mit frischen Kräften runderneuert durch die 1990er-Jahre A /

SUGAR TAX - ANDY McCLUSKEY IST OMD

171

Mit eingängigem Dance-Pop zu neuen Charts-Erfolgen B /

183

LIBERATOR & THE LISTENING POOL Euphorisch in die nächste Krise - Stagnation und Misserfolge für McCluskey & Humphreys

C /

UNIVERSAL & THE SINGLES Auf die schöpferische Neubelebung folgt das erneute "Aus" von OMD

5

195


KAPITEL 6

(1998 – 2004)

Seite

ANDY McCLUSKEY UND PAUL HUMPHREYS AUF SOLO-PFADEN

211

Neue Projekte und Erfahrungen abseits von OMD A/

ATOMIC KITTEN & CLAUDIA BRÜCKEN

212

Andy McCluskey's erster Nr. 1-Hit - und auch Paul Humphreys baut auf Frauenpower B/

McCLUSKEY UND HUMPHREYS AUF DEM WEG INS 21. JAHRHUNDERT

221

Paul McCartney, Martin Gore, OneTwo & Genie Queen - und neue Releases von OMD C/

ERSTE GERÜCHTE ÜBER EINE REUNION VON OMD

229

McCluskey & Humphreys beginnen laut über ihre Wiedervereinigung nachzudenken

KAPITEL 7

(2005 - 2009)

DAS COMEBACK VON OMD

232

Zurück in die Zukunft - McCluskey , Humphreys & Co. raufen sich wieder zusammen A /

233

DER NEUSTART IN DEUTSCHLAND Wiedervereinigung in der Originalbesetzung Über die "Ultimative Chartshow" zur "Night Of The Proms"

B /

DIE TOUR 2007 - RÜCKKEHR AUF DIE BÜHNEN EUROPAS

242

Architecture & Morality + Greatest Hits LIVE + Erste Pläne für neue Musik C /

DREISSIG JAHRE "ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK"

254

30th ANNIVERSARY TOUR 2008 und neue Musik: Von "Whole Again" zur "Energy Suite" D /

ORCHESTRALE MANÖVER IM KLASSISCHEN GEWAND

266

The Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Night Of The Proms und die Simple Minds

KAPITEL 8

(2010 - 2016)

MUSIKALISCHE ALTLASTEN UND DIE NEUE KREATIVITÄT

274

Die Rückkehr von OMD zu ihren elektronischen Wurzeln mit neuen Alben A/

275

HISTORY OF MODERN CLEARING OF THE DECKS - Neues Album, Tournee und ein Neustart in Amerika

B/

301

ENGLISH ELECTRIC WHAT DOES THE FUTURE SOUND LIKE? Rückbesinnung auf neuen Minimalismus

SCHLUSSBEMERKUNG: Eine subjektive Betrachtung zur Zukunft von OMD

6

378


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VORWORT

Von in starren Schubladenkategorien denkenden Kritikern und autoritären Geschmackspolizisten, die wie selbstverständlich die alleinige Meinungshoheit und Urteilsfähigkeit in Sachen Musik für sich beanspruchen, werden sie wegen ihrer vermeintlich kinderliedhaften Songstrukturen, der angeblichen Richtungslosigkeit ihrer Musik und ihrer überhaupt viel zu simplen und seichten Melodien größtenteils nur milde belächelt, vorschnell und ohne Bedacht abgewertet oder gleich gänzlich ignoriert – dessen ungeachtet sind sie bei ihren immer noch zahlreichen Fans, als auch bei den Anhängern des Synthiepop-Genres und der breiten Masse an Musikhörern allgemein, auch nach siebenunddreißig Jahren seit ihrer Gründung ungebrochen populär: Die Rede ist von ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK, oder auch kurz OMD genannt, die bis heute kommerziell ERFOLGREICHSTE BAND, die LIVERPOOL seit den BEATLES hervorgebracht hat – und in der weitaus mehr an Substanz steckt, als so mancher zu wissen meint oder zu akzeptieren bereit ist.

„Für Paul und mich ist OMD ein Hobby, das außer Kontrolle geraten ist. Wir standen 1980 plötzlich in 'Top Of The Pops' und dachten nur: Wie zum Teufel konnte das nur passieren?“ ANDY McCLUSKEY

Die beiden Bandgründer ANDY McCLUSKEY und PAUL HUMPHREYS begannen bereits als Teenager ihre, von den deutschen Elektropop-Vorreitern KRAFTWERK beeinflussten, elektronischen Musikexperimente – zu einer Zeit, als sich Ende der 1970er-Jahre ganz England noch mitten im Punk-Fieber befand und sich kaum jemand für diese, zur damaligen Zeit als seltsam und unkonventionell angesehene Art von Musik, interessierte. OMD gehörten zwar nicht zu den Synthesizer-Pionieren der ersten Stunde – gleichwohl waren sie Blaupause und WEGBEREITER für viele nachfolgende Bands und beeinflussten nachhaltig erfolgreiche Acts wie DEPECHE MODE, BLANCMANGE, TEARS FOR FEARS, SOFT CELL und später auch die PET SHOP BOYS, ERASURE und MOBY. Selbst nachfolgende, jüngere Generationen von Künstlern und Bands wie THE XX, Brandon Flowers von THE KILLERS, James Murphy von LCD SOUNDSYSTEM, OWEN PALLETT und MARK RONSON zitierten OMD als Inspiration, ebenso zeigten RADIOHEAD, LA ROUX, COLD CAVE und THE HORRORS Spuren von OMD-DNA.

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OMD waren nie im Trend, aber auch nie ganz aus der Mode. Sie definierten sich in erster Linie über ihre Musik und zu keiner Zeit über ein künstlich erschaffenes Image oder den Verkauf ihrer Persönlichkeit. So überlebten sie die meisten ihrer Pop-Kollegen aus den frühen 1980er-Jahren um nun beinahe VIER DEKADEN – trotz eines prinzipiellen Desinteresses seitens der Medien, für die OMD mangels auflagensteigernder Skandalgeschichten früher schon kaum ein Thema waren und auch heute noch selten eines sind.

Diese Biografie soll kein verklärter Blick durch die rosafarbene Brille eines Fans darstellen – vielmehr beleuchtet sie neben den großen Erfolgen von OMD, mit ihren weltweit verkauften FÜNFZEHN MILLIONEN ALBEN, FÜNFUNDZWANZIG MILLIONEN SINGLES und zahlreichen TOP-HITS, auch die vielen HÖHEN UND TIEFEN, die das Pop-Business mit all seinen SCHATTENSEITEN stets für die Band und ihre Mitglieder bereithielt. Erstmals wird hier die Zeit NACH 1989 genauer unter die Lupe genommen, als sich die Wege von HUMPHREYS und McCLUSKEY nach langen Jahren der Partnerschaft TRENNTEN und McCLUSKEY die Band erfolgreich im ALLEINGANG in und durch die 1990er-JAHRE führte. Auch sind hier die Fakten über das ENDE VON OMD im Jahre 1998 und alles Wissenswerte zu den diversen NACHFOLGEPROJEKTEN nachzulesen, wie z. B. McCluskey's Mega-Erfolg mit ATOMIC KITTEN, die gemessen am Umsatz - noch heute zu den weltweit erfolgreichsten Girlgroups des 21. Jahrhunderts zählen. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends kamen OMD in ihrer ORIGINALBESETZUNG mit ANDY McCLUSKEY, PAUL HUMPHREYS, MARTIN COOPER und MALCOLM HOLMES wieder zusammen, kehrten zurück ins Rampenlicht und auf die KONZERTBÜHNEN rund um den Globus und veröffentlichten NEUE, innovative ALBEN, die nicht nur von Fans und Plattenkäufern, sondern auch von den Kritikern überaus positiv aufgenommen wurden. Ihr COMEBACK wird hier ebenfalls ausführlich behandelt. Und hier ist sie nun – die umfangreichste und vollständigste Biografie über ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK, die bislang in deutscher Sprache veröffentlicht wurde!

7 - II


PROLOG (I)

Die beiden Gründer von OMD – Andy McCluskey und Paul Humphreys, Jahrgang 1959 und 1960, wuchsen zwar im Jahrzehnt der "Beatles" auf, ihr Interesse an Musik entfaltete sich jedoch erst so richtig Mitte der 1970er Jahre – und führte 1978 zur Gründung von "Orchestral Manoeuvres in the Dark". Ein kurzer Blick auf dieses mannigfaltige Jahrzehnt macht somit durchaus Sinn, um die Einflüsse auf die Musik und die Entwicklung von OMD möglicherweise ein Stück weit besser einschätzen und nachvollziehen zu können.

Der Sound der 1970er-Jahre – Eine Dekade der musikalischen Kontraste ...und zweifelsohne ein Jahrzehnt der Konfusion und Desorientiertheit: Punk und Disco, Folk und Jazz, Krautrock und Schlagermusik - das alles bestand Seite an Seite. Über unzählige Altersstufen hinweg sollten Megastars der 1970er-Jahre wie "Fleetwood Mac", "Queen", Rod Stewart, Elton John, Neil Diamond, Eric Burdon - und natürlich vor allem "Abba" und die "Bee Gees" - der Musiklandschaft ihren unvergänglichen Stempel aufdrücken.

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Paul McCartney gab im Frühjahr 1970 formell die Trennung der "Beatles" bekannt: So wurde - mit dem musikalischen Schlusspunkt einer Epoche, welche die Gesellschaft maßgeblich charakterisiert und umgeformt hatte - das neue Jahrzehnt eingeläutet. 1970 verabschiedeten sich zudem weitere Stars einer von "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll" geprägten Musikszene: "Doors"-Sänger Jim Morrison schied ebenso dahin wie Janis Joplin und der Gitarrengott Jimi Hendrix. Einige Helden der 1960er-Jahre erklommen indes ihren künstlerischen Höhepunkt, so z. B. "The Who" mit "Who's Next" und die "Rolling Stones" mit ihren Alben "Exile On Main Street" und "Sticky Fingers".

Den Sound der beginnenden 1970er-Jahren beeinflussten darüber hinaus maßgeblich kunstbeflissene, musikalisch komplexe Progressiv-Rock -Gruppen wie "Yes", "Emerson, Lake & Palmer" und "Genesis". Die Band "Pink Floyd" stand mit "Dark Side Of The Moon" (1973) und "Wish You Where Here" (1975) auf Spitzenpositionen der internationalen Hitparaden und verweilte dort teilweise gar für mehrere Jahre.

Ebenso lockten in den 1970er-Jahren Hard-Rock -Bands, darunter "Deep Purple", "Black Sabbath" oder "Led Zeppelin", sowie hernach "AC/DC", die Massen mit ihrer Musik der etwas härteren Gangart in die größten Stadien weltweit.

Selbst musikalische Randgebiete fanden zahlreiche Anhänger und Anerkennung: Mit "Bitches Brew" gelang Miles Davis im Jahr 1970 ein Meilenstein des Jazz-Rock -Genres. Elemente davon fanden sich sowohl bei "Santana", die Jazz-Rock mit Latino-Rock kombinierten, als auch in den Songs der frühen "Chicago", bevor diese sich in der zweiten Hälfte der 1970er hin zu radiotauglichen Balladen bewegten.

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Musikalisch, als auch im Outfit, brachte der ironisch-übertriebene, teilweise androgyn und homoerotisch angehauchte Glam-Rock (auch Glitter Rock) Farbe in die 1970er-Jahre, dessen Ästhetik sich in schrillen, glitzernden und oft femininen Kostümen und Bühnendarstellungen äußerte. Der Beginn des Trends wurde Gary Glitter und "T. Rex" mit Marc Bolan zugeschrieben, treibende Kraft in der Entwicklung war zweifellos auch David Bowie und seine Kunstfigur "Ziggy Stardust". Gruppen wie "Roxy Music" mit Bryan Ferry, "Sweet", "Slade", sowie Suzie Quatro und Alice Cooper, wurden gleichfalls vom Vorbild des Glam inspiriert.

Weiterhin in Mode blieben Folk-Musiker der 1960er-Jahre wie Neil Young und Bob Dylan, die für den nun populären Folk-Rock, wie er von Ralph McTell, Gordon Lightfoot oder Don McLean dargeboten wurde, den Weg geebnet hatten.

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Ein Sammelbegriff für Musik aus Deutschland der 1970er-Jahre war der Krautrock. Zwar gab es weder eine einheitliche Bewegung, noch weitreichende stilistische Gemeinsamkeiten, doch deutsche Bands wie "Kraftwerk", "Tangerine Dream", "Can" oder "Neu!" beeinflussten mit ihren elektronisch geprägten Klangexperimenten auch weit über heimische Gemarkungen hinaus die nachfolgenden Generationen. Bislang ganz und gar fremdartige Soundwelten wurden ebenfalls ausgelotet - hier galt Brian Eno mit seinen durch Synthesizer erzeugten Klangsphären als Begründer der Ambient -Sparte.

Die Produzenten Frank Farian und Giorgio Moroder legten den Grundstein für den Disco -Sound, der sich ursprünglich Mitte der 1970er-Jahre in den USA entwickelt hatte und dessen Wurzeln im schwarzen Funk & Soul lagen. Herausragende Interpreten der Anfangszeit waren James Brown, die "Temptations", "Kool & The Gang", "Chic" und "Earth, Wind & Fire". Die Blütezeit der Disco-Musik lag zwischen 1976 und 1979 und war prägend für die Mode und das Lebensgefühl dieser Jahre. Gruppen wie "Boney M." oder "Silver Convention", sowie die Disco-Queen Donna Summer dominierten weltweit die Charts. Unumstrittener Höhepunkt der Disco-Massenbewegung waren die "Bee Gees", die sich nach Erfolgen in den 1960er-Jahren mit dem Soundtrack zum John-Travolta-Film "Saturday Night Fever" im Jahr 1977 zurückmeldeten und damit ein atemberaubendes Comeback feiern konnten.

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Ab Mitte des Jahrzehnts entwickelte sich die Punk -Szene - als deutliche Abgrenzung zum MainstreamRock und zur Pop- und Disco-Welle, aber auch zur Hippie-Bewegung mit deren komplexen künstlerischen Ausdrucksmitteln und naivem Idealismus. Musikalisch handelte es sich dabei um eine einfache und rohe Form von Rock ’n’ Roll und Beatmusik, in der aggressive, schnelle, kurze und simple Songstrukturen dominierten statt epischer, komplex komponierter Lieder. "No Future" war der Slogan, der den Frust der Anhänger zusammenfasste. Bands wie "The Ramones", "The Sex Pistols", "The Damned" oder "The Clash" sorgten mit ihren provokanten Auftritten und Outfits für so manchen Aufruhr.

Sympathie hegten Punks lediglich für Reggae, weil auch dieser musikalischer Ausdruck einer unterdrückten Bevölkerungsschicht war. Bob Marley war der unumstrittene Superstar des Reggae, welcher die RastafariMusik erfolgreich von Jamaika nach England exportierte und von dort aus die Welt eroberte. Aus der Reggae- und Punk-Szene entwickelte sich Ende der 1970er Jahre die New Wave -Bewegung - unter anderem mit den "Talking Heads", "Blondie" und Patti Smith.

In dieser Zeit wurde auch das Fundament gelegt für den Post-Punk, ein Musikstil, der vor allem und zuerst in Großbritannien Ende der 1970er-/Anfang der 1980er-Jahre aus dem Punk hervorging. Im weiteren Sinne lassen sich mit diesem Begriff aber auch sämtliche Trends der alternativen Rockmusik dieser Zeit generalisieren, die sich stilistisch vom bis dahin dominierenden Punk zu entfernen begannen, ohne sich dabei jedweder Punkaffinität zu entsagen oder vollends mit der Tradition zu brechen. Der Begriff "Post-Punk" tauchte erstmals 1977 in dem britischen Musikmagazin "Sound" auf, um die Musik von "Siouxsie And The Banshees" zu beschreiben. Während einige Kritiker die Bezeichnung "Post-Punk" synonym zu New Wave, Independent oder Dark Wave verwenden, differenzieren andere zwischen dem mehr poppigen New Wave von Bands wie "The Human League", "Ultravox", Gary Numan mit seiner "Tubeway Army" und "Visage" und dem rauheren Post-Punk.

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Typische Post-Punk-Vertreter waren, bzw. sind "Public Image Ltd.", "Siouxsie And The Banshees", "Wire", "Foetus", "Gang Of Four", "Joy Division", "Bauhaus", "Killing Joke", "The Chameleons", "Magazine", "The Birthday Party", "The Fall", die frühen "The Cure", "And Also The Trees", "Death In June" sowie "The Sisters Of Mercy".

Die Post-Punk-Bands sahen sich als Weiterentwicklung der negativen und tendenziell unpolitischen PunkBands, deren "No-Future"-Philosophie von den konstruktiven, teils politischen und progressiven Post-PunkBands abgelöst wurde. Diese versuchten, ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Sie erweiterten den Punk durch Verwendung Punk-untypischer Instrumente wie z.B. Synthesizer, Einbeziehung anderer Spielweisen wie Funk und Blues, einen höheren Anspruch in ihren Texten, durch komplexere Akkordfolgen oder das zugrunde liegende Konzept der Band.

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PROLOG (II)

KLASSIK & POP - Die lange Musiktradition von Liverpool

Liverpool und ihr berühmtester musikalischer Exportschlager "The Beatles" in den 1960er-Jahren

Die berühmteste aus Liverpool stammende Band sind natürlich die "Beatles", die ihre weltweite Karriere im Liverpooler "Cavern Club" begannen und welche allein in Großbritannien insgesamt siebzehn und in den USA ganze zwanzig Nr. 1-Hits vorweisen konnten. Die Liverpooler Pop-und Rockmusikszene hat seit den 1950er-Jahren eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Reihe von anderen Bands und Künstlern gespielt. Aufgrund der vielen Nr. 1-Hits, die aus der Stadt hervorgegangen sind, erklärte das "Guinness-Buch der Rekorde" Liverpool im Jahr 2001 zur "City of Pop". Viele Seemannslieder verweisen ausdrücklich auf Liverpool, wie "Heave Away", "Liverpool Judies" und "Maggie May", dass später auch von den "Beatles" gespielt wurde.

Die Stilrichtung "Mersey Beat", auch "Mersey Sound", entwickelte sich Ende der 1950er-Jahre in der englischen Hafenstadt Liverpool und ihrer Umgebung, dem Industriegebiet Merseyside, als Jugendkultur. Seine Blütezeit hatte der "Mersey Beat" von 1958 bis 1964. Im Laufe der Zeit wurde der Zuspruch immer größer. Im Jahr 1960 existierten in Liverpool und Umgebung 350 Bands und die Musikindustrie zeigte sich zunehmend interessiert. Als populärste Künstler dieser Zeit sind hier Frankie Vaughan, Lita Roza, Billy Fury, Michael Holliday, "Gerry & The Pacemakers", "Billy J. Kramer and The Dakotas", "The Searchers" und Cilla Black zu nennen.

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Liverpooler Stars der 1950er- und 1960er-Jahre

oben links: Frankie Vaughan, Lita Roza, Billy Fury, Michael Holliday, Cilla Black unten links: Gerry & The Pacemakers, Billy J. Kramer and The Dakotas, The Searchers

Nachdem die "Beatles" und andere britische Bands ab 1964 ihren Durchbruch in Amerika ("British Invasion") hatten, verlagerte sich die englische Musikszene nach London. Das bedeutete das Ende der Liverpooler Musikszene und damit auch des "Mersey Beats".

Liverpooler Stars der 1980er-Jahre

oben links: Echo & The Bunnymen, A Flock Of Seagulls, Teardrop Explodes unten links: The Mighty Wah!, China Crisis, Frankie Goes To Hollywood, Dead Or Alive

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In den späten 1970er-/frühen 1980er-Jahren brachte Liverpool jedoch unzählige weitere Bands hervor, die weit über die Grenzen der Stadt Bekanntheit erlangten, oft auch weltweit Erfolge feiern konnten und beispielhaft für den "New Liverpool Sound" standen: "Echo & The Bunnymen", "A Flock Of Seagulls", "Teardrop Explodes", "The Mighty Wah!", "China Crisis", "Frankie Goes To Hollywood" oder "Dead Or Alive". Und natürlich DIE Band, die mit über vierzig Millionen verkaufter Platten zumindest kommerziell gesehen nach den "Beatles" am Erfolgreichsten waren und deren Geschichte hier erzählt wird:

"Orchestral Manoeuvres in the Dark"

- kurz "OMD" genannt.

ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK Paul Humphreys und Andy McCluskey

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KAPITEL 1 (1974 – 1978) PRE-OMD - DIE MUSIKALISCHEN FINDUNGSJAHRE

Zwei englische Teenager, Rock & Punk und ihre Entdeckung deutscher elektronischer Musik

In MEOLS, einem kleinen englischen Küstenort der Liverpooler WIRRAL MERSEYSIDE, gründete der vierzehnjährige PAUL HUMPHREYS im Jahr 1974 gemeinsam mit Schulfreunden die Cover-Band EQUINOX. Wenig später stießen auf Initiative von Paul der Bassist und Sänger ANDY McCLUSKEY, sowie Drummer MALCOLM HOLMES hinzu. 1975 entdeckten Andy und Paul - ausgelöst durch die deutsche Band KRAFTWERK ihr Interesse an experimenteller, elektronischer Musik. Daraufhin bildeten die beiden 1976 das Klangkonglomerat VCL XI und spielten des Weiteren mit anderen lokalen Musikern in Gruppen mit obskuren Namen wie HITLERZ UNDERPÄNTZ und PEGASUS. Nebenbei arbeiteten sie mit selbstgebastelten Synthesizern weiter an eigenen Soundideen und schrieben dabei ihren ersten Song ELECTRICITY. 1977 gründeten sie die Punkrock-Band THE ID, welche fast ausschließlich eigene Songs aus der Feder von Humphreys/McCluskey spielte und sich zu Publikumslieblingen des neu eröffneten ERIC'S CLUB in Liverpool entwickelten. Nach der Auflösung der Gruppe heuerte Andy McCluskey Mitte 1978 bei DALEK I LOVE YOU an - einer Art New Wave-Popversion von KRAFTWERK, die auf der Bühne zwar Tonbandgerät und Drumcomputer einsetzten, aber dennoch nicht auf konventionelle Instrumente verzichteten. Dies war die Initialzündung für Andy und Paul, ebenfalls mit ihren eigenen Soundmontagen auf die Bühne zu gehen. Für den verdienten Eintrag in die Musikgeschichtsbücher kamen sie indes einen Tick zu spät - denn ihre vier Jahre lang exklusiv ausgelebte Vorliebe für elektronische Musik wurde mittlerweile auch von anderen Bands geteilt - allen voran THE HUMAN LEAGUE, die mit dem Song BEING BOILED bereits den Übergang von der Punk-Ära zum NEW WAVE einleiteten und damit die Vorreiterrolle in Sachen Synthie-Pop zuerkannt bekamen.

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A / EQUINOX

Erste Gehversuche einer Schülerband mit Covers der "Eagles" und Eric Clapton

links: Der Verwaltungsbezirk 'Merseyside' und dessen Flagge rechts oben: LIVERPOOL - im Hintergrund der Bezirk Wirral, von der Stadt getrennt durch den Mersey River ("Wirral Merseyside") rechts unten: Die 'Hoyle Road' trennt die Küstenorte Meols (rechts) und Hoylake (links)

1974 LIVERPOOL und WIRRAL Peninsula, nordwestlich von England gelegen: Im Zuge einer Kommunalreform wurden 1974 zweiundzwanzig bisher eigenständige Grafschaften - nordöstlich die Gegend um Liverpool, dazu der Südwesten von Lancashire und das auf der anderen Seite des Mersey River gelegene Gebiet Wirral im nordwestlichen Cheshire - zu insgesamt fünf Verwaltungsbezirke unter einem Namen zusammengefasst - die "Merseyside". Ein Bezirk davon - "Wirral Peninsula" (Peninsula = eine von drei Seiten mit Wasser umgebene Halbinsel mit Verbindung zum Festland) - gehörte fortan mehr oder weniger zum Ballungsgebiet Liverpool. Von der lärmenden Hauptstadt lediglich getrennt vom Mersey River, im krassen Gegensatz dazu auf der anderen Seite angrenzend an das ländliche Nord-Wales (hier allerdings ebenfalls durch den Dee River vom Land selbst abgeschnitten). Darüber hinaus trennt im Norden die Irische See Wirral von Irland. Der Zusammenschluss mit Liverpool stieß weder bei den Menschen in "The Wirral" (die sogenannten "Woolybacks") und den Städtern selbst (den "Scousers") flächendeckend auf ungeteilte Zustimmung. So blieb Wirral in den Köpfen vieler der Menschen aus der Großstadt stets eine Art Vorort der Großgemeinde Merseyside und gleichsam eine andere Welt - immer ein bisschen vornehmer als der Rest und geographisch gesehen nicht mehr als "das Stück südlich des Flusses". Die wenigsten "Scousers" würden einen "Woolyback" als echten "Liverpudlian" ansehen - und umgekehrt ein echter "Woolyback" kaum einen Städter als einen aus ihrer Mitte anerkennen.

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Der zum Liverpooler Verwaltungsbezirk "Wirral" (rechtes Foto) gehörende Ort Meols (Fotos linke Seite) - der "vornehmere" Teil von Liverpool

Ähnlich verhielt es sich mit der jeweiligen lokalen Musikszene beider Regionen. Wobei hier vielmehr die "Arbeiterklasse" der Metropole Liverpool, deren bis in die 1980er-Jahre hinein unaufhaltsam fortschreitender wirtschaftlicher Niedergang bereits in den 1970er-Jahren eingesetzt hatte, die Nase über die scheinbar privilegiertere Mittelschicht der schickeren "Wirral Merseyside" rümpfte. Diese wiederum verlangte nach musikalischer Anerkennung seitens der Hauptstadt-Szene, welche sie allerdings nur selten erfahren durfte. Mitte des Jahrzehnts dominierte noch überwiegend mainstream-orientierte Musik von Bands wie den "Osmonds" und Schmusesängern der Marke David Cassidy die englischen Charts, gleichwohl konträr dazu bereits ein David Bowie, Steve Harley und die "Prog-Rock"-Gruppe "Pink Floyd" mit ihrem Album "Dark Side Of The Moon" die musikalische Landschaft neu belebte. Der Punkrock, mit seinem programmatischen Ansatz der Einfachheit und seinem Selbstverständnis des genialen Dilettanten als Affront gegen musikalische Virtuosität, der in Amerika (hauptsächlich in New York) durch die "Ramones", "The Stooges" und "Velvet Underground" gerade erst seine Geburtsstunde erlebte, war in Großbritannien noch nicht angekommen. Erst 1976 sollte mit den "Sex Pistols" und ihrem "Anarchy In The UK" der Startschuss fallen für ein neues Lebensgefühl vieler britischer Jugendlicher, welche sich in zunehmendem Maße ausgeschlossen und betrogen fühlten - die Ablehnung bürgerlicher Werte und gesellschaftlicher Regeln sowie die Auflehnung dagegen. Frustriert aufgrund des mangelnden Halts durch die Schulen und der düsteren Aussichten im Berufsleben - hauptsächlich verursacht durch die von der Wilson/Callaghan-Regierung herbeigeführten Wirtschaftskrise und bedingt durch das steife englische Klassensystem. Was die Musik betraf, war eine langsame, aber stetige Veränderung deutlich zu spüren. Jeder ab einem bestimmten Alter, ob nun in Wirral oder Liverpool, schien auf einmal Mitglied einer Band zu sein. So gab es auf der Westseite von Wirral in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre mehrere Bands der verschiedensten Musikrichtungen. Viele Leute spielten zur gleichen Zeit in mehreren Gruppen, taten sich untereinander zusammen und liehen sich gegenseitig ihr Equipment - auf diese Weise entstand eine enge musikalische Gemeinschaft. Wie so viele andere Teenager in Großbritannien ebenfalls, begann sich 1974 auch der recht schüchterne und zurückhaltende vierzehnjährige PAUL HUMPHREYS für Musik zu interessieren.

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Das Elternhaus von PAUL HUMPHREYS (hier im Alter von drei Jahren) in der "Frankby Road“ Nr. 3 in Meols/Wirral

PAUL DAVID HUMPHREYS wurde am 27. Februar 1960 im "Charing Cross"-Krankenhaus in WestLondon geboren. Er war das dritte Kind von Jack und Joan Humphreys - elf Jahre zuvor kam bereits sein Bruder Mike und 1954 seine Schwester Sue zur Welt. Sue litt damals stark unter Asthmaproblemen, während Mike ein recht verschlossenes Kind war und sich meist in sein Zimmer verzog, Bücher las und eigene Geschichten schrieb, jedoch auch sehr gerne Fußball und Cricket spielte. Jack Humphreys arbeitete damals als Manager in der Vertriebs- und Verkaufsabteilung für die "News Chronicles", eine der größten britischen Tageszeitungen der 1950er-Jahre. Seine Frau Joan lernte er kennen, als beide für die gleiche Versicherungsfirma in Manchester tätig waren. Jack war ein Abenteurer, den es nie lange am selben Fleck hielt. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Obstpflücker in Queensland (Australien) und meldete sich dann 1939 beim Ausbruch des Krieges bei der "Australian Infantry Force", um an der Nord-Afrika-Front zu kämpfen. Dort geriet er in deutsche Gefangenschaft und wurde sogar für tot erklärt. Glücklicherweise hatte er jedoch überlebt und nach seiner abenteuerlichen Rückkehr nach England heiratete er am 14. Juli 1945 seine Freundin Joan Taylor. Beide zogen in die Nähe zu Jack's Schwester Con nach Studley, ein Ort in der Nähe von Calne/Wiltshire gelegen. Es gefiel dort besonders Joan sehr gut, doch genügend Arbeit gab es damals nur in den großen Städten, bzw. in der näheren Umgebung davon. Anfang der 1950er-Jahre zogen die Humphreys' deshalb nach Manchester. Dort wurde Mike geboren. Später zog die Familie weiter nach London, wo Sue auf die Welt kam. Paul's Geburt 1960 war ein glücklicher Augenblick für die ganze Familie Humphreys - ganz besonders Sue, die immer noch unter ihren chronischen Asthmaanfällen litt, hatte ihren kleinen Bruder gleich in ihr Herz geschlossen und kümmerte sich rührend um ihn. 1962 dann ereilte die Familie der erste schwere Schicksalsschlag: Als Paul zwei Jahre alt war, starb sein Vater Jack für alle unerwartet an einer Herzattacke. Joan entschloss sich daraufhin, London zu verlassen und zog im September 1963 mit ihrer Mutter und ihren Kindern Richtung Wirral in die Nähe ihrer jüngeren Schwester Eileen nach Hoylake. Anfangs waren sie begeistert darüber, nun in einem großen, alten Haus in der "Trinity Road" ganz in der Nähe der Küste zu wohnen, schon bald jedoch wich die Freude der Erkenntnis, dass das raue Klima besonders in den kalten Monaten Gift für Sue's Asthma war. Paul, mittlerweile in der hiesigen "Market Street Primary School" eingeschult, wurde nach dem Tod seines Vaters zunehmend schüchterner und unsicherer und war sehr auf seine Mutter und seine beiden Geschwister fixiert. Seine Schwester Sue war sein Ein und Alles - und es sollte der zweite große Schock im Leben von Paul sein, als Sue infolge ihrer Asthmaerkrankung 1965 im Alter von elf Jahren starb. Joan machte sich große Vorwürfe darüber, das sie sich in unmittelbarer Küstennähe angesiedelt hatten und zog mit ihrer Familie ein letztes Mal um - diesmal in die "Frankby Road" in Meols. Paul hatte von seinem Vater die Begeisterung für Fußball geerbt, und so spielte er oft den ganzen Tag im nahen Park in Meols zusammen mit seinem Bruder Mike und dessen Freunden. Einer davon erinnert sich noch heute gut daran: "Paul stand im Tor, er sah aus wie ein zerbrechliches Insekt. Mike und die anderen, alle älter und kräftiger, hämmerten die Bälle ins Tor und Paul flog jedes Mal mitsamt dem Ball mit hinter die Torlinie". 1967 verließ Pauls Bruder Mike Meols in Richtung Chester, wo er auf dem College für seine Lehrerausbildung studierte. Paul hatte am Verlust seines Bruders, der nach dem Tod des Vaters zum Vaterersatz für ihn geworden war, ziemlich zu knabbern - insbesondere als Mike 1970 seine Frau Jan heiratete und über dreihundertfünfzig Kilometer von Meols entfernt nach London zog.

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Die Schule interessierte Paul nicht sonderlich. Bis auf die Fächer Mathematik, Technisches Zeichnen, Holzarbeit, Physik und dem "neuen" Fach "Computer" war er nicht gerade sehr ambitioniert und hasste die starren Schulregeln. Dem jungen Paul hatten es musikalisch vor allem die angesagten "Prog-Rock"-Bands "Pink Floyd", "Genesis" und "Queen" ganz besonders angetan. Für einen Jugendlichen seines Alters zu jener Zeit eher ungewöhnlich, stand er bald darauf auch der avantgardistischen, elektronischen Musik der aus Deutschland stammenden Bands "Kraftwerk" - den damaligen Pionieren auf diesem Gebiet - sowie "NEU!" und "Cluster" ungemein aufgeschlossen gegenüber. Oft schaute Paul zu Hause bei seinem älteren Bruder Mike vorbei, der zusammen mit seiner Frau Jan mittlerweile wieder ganz in der Nähe in Hoylake wohnte, um dessen Neuerwerbungen an Platten zu begutachten. Mit Pauls Faible für diese "seltsame deutsche Experimentalmusik" konnte Mike allerdings nur wenig anfangen. Mit dem sich ändernden Musikgeschmack von Paul ging gleichzeitig auch eine Veränderung in seinem Verhalten einher. Vom überaus schüchternen Teenager entwickelte er sich nun zu einem ganz "normalen", wenn auch nur gemäßigt rebellischen Jugendlichen. Zum Leidwesen seiner Mutter begann er damit, sich die Haare lang wachsen zu lassen und provokativ weiße Turnschuhe in der Schule zu tragen, was in Anbetracht der vorgeschriebenen Schuluniform nicht erlaubt war. Paul besuchte nun die "Hilbre Secondary School" (vergleichbar mit der deutschen Realschule) in West Kirby und oft trafen sich ein gutes Dutzend Schulfreunde bei ihm zu Hause in der "Frankby Road" zum allseits beliebten Snooker-Spiel - denn Paul besaß als Einziger einen richtigen Billardtisch, den ihm seine Mutter gekauft hatte. Wie er selbst waren auch seine Schulfreunde allesamt sehr musikbegeistert und als diese beschlossen, eine Band zu gründen, war Paul sofort Feuer und Flamme und trat umgehend der Gruppe bei - ungeachtet des Umstandes, dass er eigentlich überhaupt kein Instrument hatte, geschweige denn überhaupt eines spielen konnte. Jedoch besaß Paul ein leidlich ausreichendes Wissen über Elektronik und legte, wenn es nötig wurde, an jegliches von Strom versorgte Teil Hand an, das ihm zwischen die Finger kam - was ihn letztlich für eine Bandmitgliedschaft hinreichend qualifizierte. Aus diesem Grund war seine Rolle innerhalb der Gruppe anfangs auch mehr die des Helfers und Zuträgers als die eines Musikers. Die Band selbst - gegründet von den zwei Freunden Gary Hodgson und Neill Shenton, welche sich mit Ach und Krach selbst ein paar grundlegende Gitarrenakkorde beigebracht hatten - gab sich den Namen "Equinox". Mit an Bord waren weiterhin noch Simon Patten am Schlagzeug, Graham Johnson als Sänger und als weiterer Gitarrist Sean Weston. Die ersten Proben fanden in der Schulaula der "Hilbre Secondary School" und bei Gary zu Hause im Stadtteil Newton, ganz in der Nähe der Schule, statt. Gary schrieb zwar eigene Songs, die Gruppe versuchte sich dennoch lieber am Nachspielen von bekannten Hits wie "Hotel California" von den "Eagles" und Eric Claptons "Layla". Eine von Gary's dubiosen Eigenkompositionen nannte sich "The Pusher", wo eine Textzeile in etwa folgendermaßen lautete: "Relax, feel free - in the grip of LSD". Paul Humphreys kommentierte das später einmal recht amüsiert in etwa so: "Ich glaube nicht, das Gary mit seinen sechzehn Jahren bis dahin überhaupt jemals irgendeine Droge zu Gesicht bekommen hatte geschweige denn irgendwelche davon nahm". Keiner in der Band betrachtete die Musik so wirklich als eine ernste Angelegenheit und dementsprechend miserabel klang natürlich das Ergebnis ihrer Proben, die in der Regel nicht mehr waren als ziellose Jam-Sessions. Dennoch fasste man den festen Entschluss, mit der Gruppe auch "live" auftreten zu wollen, wofür allerdings das geeignete Equipment fehlte. Hier erwies sich Paul als hilfreich, kannte er doch einige Leute, von denen er sich einiges an Ausrüstung ausleihen konnte. Schon recht bald machte sich bei "Equinox" das Nichtvorhandensein eines in der Rockmusik nicht gerade unwichtigen Instruments bemerkbar: des Basses. Wieder war es Paul Humphreys, der weiterhelfen konnte. Er erinnerte sich an diesen seltsamen Typen mit den langen Haaren und der langen Jacke, der anscheinend überall seinen Bass mit sich herumtrug und den Paul schon des Öfteren damit durch den Park in Meols spazieren gehen sah. Paul wusste auch, wo dieser Typ wohnte. Also klopften er und die anderen Mitglieder von "Equinox" einfach bei ihm zu Hause in der "School Lane" an und fragten ihn, ob er in ihre Band eintreten wolle - obwohl keiner von ihnen ihn je zuvor spielen gehört hatte!

Die langhaarige Gestalt nahm das Angebot an – sein Name war ANDY McCLUSKEY.

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Das Elternhaus von ANDY McCLUSKEY (hier im Alter von fünf Jahren) in der "School Lane" Nr. 16 in Meols/Wirral Direkt angrenzend an den hinteren Garten des Anwesen befindet sich das "Railway Inn"-Pub in der "Birkenhead Road"

Geboren wurde GEORGE ANDREW McCLUSKEY am 24. Juni 1959 in Heswall/Wirral (wo auch Paul McCartney's Vater Jim lebte), aufgewachsen ist er hingegen schon von klein auf in Meols. Sein Vater Jimmy war waschechter Schotte, seine Mutter Margaret stammte ursprünglich aus Liverpool. Zu Beginn seiner Kindheit noch in der "Firshaw Road" in Meols zu Hause, zogen die McCluskey's wenig später mit Andy sowie seinen beiden jüngeren Schwestern Fiona und Helen in die "School Lane", nur wenige Schritte vom Meols-Park entfernt. Andy McCluskey gab in einem Interview mit "theartsdesk.com" Einblick in seine damaligen Familienverhältnisse: "Man könnte meine Familie irgendwo zwischen 'Oberer Arbeiterklasse' und 'Unterer Mittelschicht' einordnen. Mein Großvater mütterlicherseits hatte sich vom Bürojungen zum Direktor einer Firma hochgearbeitet, die Geschäfte in Afrika machte. Sie zogen dann von Liverpool in den grünen Vorort Meols, wo er dann täglich mit dem Zug zur Arbeit nach Liverpool fuhr. Das sich meine Mutter mit einem Mann aus der unteren Mittelschicht verheiratet hatte war ihm, glaube ich, ein ziemlicher Dorn im Auge. Mein Vater kam von Schottland aus nach England, um Profi-Fußballer zu werden. Nachdem er sich aber das Bein gebrochen hatte, war es mit der Karriere allerdings vorbei und er spielte am Ende, neben seinem Job als Ingenieur bei der Eisenbahn, für New Brighton in der Dritten Liga. Ich fühlte mich sehr 'Working Class' damals, nicht zuletzt deshalb, weil wir auch nur ein sehr kleines Haus hatten. Meine Mutter arbeitete Teilzeit als Friseuse und Schülerlotsin (eine sogenannte "Lollipop-Lady") und hatte deshalb nie Zeit, das Haus sauber zu halten, das von drei Kindern, mehreren Windhunden und öligen Motorteilen, die mein Vater unter der Treppe aufbewahrte, belagert wurde. Ich brachte deshalb nur ungern Freunde mit zu mir nach Hause. Mein Vater bastelte ständig an Autos von irgendwelchen Leuten herum, um Geld dazu zu verdienen, das er dann in der Regel bei Windhundrennen wieder verlor".

Der Park in Meols - ganz in der Nähe von Andy McCluskey's Elternhaus in der "School Lane"

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Andy, der in seiner Jugend chronisch unter schlimmen Hautekzemen litt und in der Schule deshalb oft als "Lizard Skin" (Eidechsenhaut) gehänselt wurde, konnte bei seinen Freunden und innerhalb der Familie ziemlich vorlaut sein. Ständig aktiv und mit irgendwelchen Dingen beschäftigt, wäre er nach heutigen schulpsychologischen Ansichten wohl als "hyperaktiv" eingestuft worden. In der Schule und unter Fremden gab er sich allerdings eher schüchtern. Andy besuchte die "Calday Grammar School" in West Kirby/Grange und war im Grunde ein sehr guter Schüler - wenn er nicht gerade gegen das vorherrschende System rebellierte oder über die Ungerechtigkeit der Welt nachgrübelte. Andy hasste es schon damals sich anzupassen, ließ seine Haare wachsen und trug in der Schule vorsätzlich nicht erlaubte Kleidung - mit Vorliebe seine gelben Stiefel. Andy war sportlich, ein exzellenter Langstreckenläufer und spielte wie sein Vater, der ihm eine Sportlerkarriere nahelegte, gerne Fußball. Andy ging seinen Hobbys Geologie und Astronomie nach und oft unternahm er mit seinem Vater Ausflüge nach Wales und Schottland, um Fossilien und Steine zu sammeln. Seinem damaligen Berufswunsch Archäologe stand eigentlich nur seine Abneigung gegenüber Latein im Wege. Daneben keimte zaghaft sein Interesse an Musik auf, überwiegend beeinflusst durch seine Mutter, die den Big Band-Swing liebte und zu Hause eine Menge Jazzplatten spielte (wohingegen Jimmy mehr die klassische Musik von Johann Strauß bevorzugte). Die Musik von Glenn Miller stand bei Andy zu dieser Zeit hoch im Kurs. Und natürlich liefen auch bei den McCluskey's oft die Platten der "Beatles", deren Auflösung im Jahre 1970 Andy zwar bewusst miterlebte, als damals Elfjähriger aber wenig mit ihrer Musik anzufangen wusste. Andy's erste selbst gekaufte Platten waren die 1972, bzw. 1973 veröffentlichten Alben "Ziggy Stardust" und "Aladdin Sane" von David Bowie. Identifizieren konnte er sich erstmals mit der Musik von Steve Harley und seiner Glamrock-Band "Cockney Rebel" - deren 1974er-Hit "Judy Teen" und ihr "Psychomodo"-Album liefen jeden Abend in seinem Zimmer. Später besuchte er dann seine ersten Konzerte - von "Cockney Rebel" und der Prog-Rock-Band "Camel", welche für ihre melodischen Kompositionen mit langen Instrumentalteilen bekannt war.

Andy McCluskey's erste Platten - "Glam-Rock" von David Bowie und "Cockney Rebel"

Als Fünfzehnjähriger wollte Andy schließlich selbst ein Instrument spielen lernen. Naheliegend erschien ihm hier die Akustikgitarre seiner Schwester Helen. Jedoch hatte er zu dicke Finger für die dünnen Seiten und so entdeckte er für sich, als er etwa sechzehn Jahre alt war, den Bass. Für siebenundzwanzig Pfund (neben seinem eigenen Ersparten musste er sich noch fünf Pfund bei seinem Vater leihen) kaufte er sich bei "Park Selling Services", einem Second Hand-Shop in Birkenhead/Wirral, einen gebrauchten "Wilson Rapier" und begann mit einem Notenbuch für Anfänger darauf zu üben. Das es ein Bass für Linkshänder war störte ihn dabei nicht sonderlich. Er hielt ihn einfach andersherum. Was allerdings zur Folge hatte, das die Saiten dadurch in verkehrter Reihenfolge angeordnet waren (G-D-A-E anstatt E-A-D-G) - was ihm zwar einige Schwierigkeiten beim Üben bereitete, ihn aber ebenfalls nicht vom Spielen abhielt (Anm.: Aus diesem Grund ist Andy McCluskey wahrscheinlich weltweit der einzigste Bassist im Pop-Business, der die Saiten auf seinem - mittlerweile Rechtshänder-Bass - verkehrt herum aufzieht und so auch spielt). "Der wahre Grund, warum ich mit Sechzehn angefangen habe Bass zu spielen, war der, das ich in ein Mädchen namens Janice Edwards verknallt war - die mich aber schon nach drei Wochen zu Gunsten meines Kumpels Duncan Lewis, der Bass in einer Band spielte, wieder abserviert hatte. Ich kam also zum Schluss, das man einen Bass haben sollte, um Mädels abzubekommen!", kommentierte Andy McCluskey viele Jahre später die Initialzündung für seine musikalischen Ambitionen.

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Proberaum von "Equinox" im ersten Stock eines Fischgeschäftes in der "Market Street" Nr. 106 in Hoylake/Wirral

Zurück zu "Equinox": Andy hatte zu dieser Zeit noch nie in einer Band gespielt, war jedoch oft mit Freunden aus dem nahen Caldy, die bereits eine eigene Band hatten, zusammen. Bereits ab dem Zeitpunkt, als Andy "Equinox" beitrat, begann er damit, eigene Songs zu schreiben und sie der Band vorzustellen - die aber seine Ambitionen in dieser Hinsicht erst mal nicht allzu ernst nahm. Als im Laufe der Zeit alle in der Gruppe immer unzufriedener mit Graham Johnsons Gesang wurden, bekam Andy zusätzlich den Job des Leadsängers, da er dafür als wesentlich talentierter und selbstsicherer eingeschätzt wurde. "Equinox" verlegten daraufhin ihren Proberaum in ein Atelier im ersten Stock oberhalb eines Fischgeschäfts in der "Market Street" in Hoylake, das von Sean Weston's künstlerisch recht aktivem Vater angemietet war. Ungeachtet dessen, dass die Jungs während den Proben mit dem Geruch von stinkendem Fisch klarzukommen hatten, schafften sie es trotz allem zu ihrem ersten öffentlichen Auftritt in der Aula ihrer Schule in Hilbre/West Kirby. Dort spielten sie einige Coverversionen bekannter Hits, aber auch einen der ersten selbstgeschriebenen Songs von Andy McCluskey mit dem Titel "Lady Of The Waters". Der Auftritt war relativ erfolgreich, trotzdem sah die Band die ganze Sache realistisch genug, um zu erkennen, dass noch so Einiges verändert werden musste, um in Zukunft sowohl musikalisch als auch als Band an sich weiterzukommen.

links: Die "Calday Grange Grammar School" in Grange/West Kirby, die Andy McCluskey besuchte rechts: Paul Humphreys - ein Jahr jünger als Andy - besuchte die "Hilbre Secondary School" in Hilbre, Frankby Road, West Kirby. Hier traten "EQUINOX" zum ersten Mal "live" auf.

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Genau zu dieser Zeit begaben sich in Meols zwei ambitionierte junge Musiker auf die Suche nach einem Übungsraum. Es handelte sich dabei um die beiden Gitarristen Si Lerman und Ian Jackson. Bald schon wurden sie fündig, denn Paul Humphreys, der die beiden flüchtig kannte, machte ihnen das Angebot, in seinem Elternhaus proben zu können. Si und Ian nahmen dankend an, brachten allerdings noch einen weiteren Mitstreiter im Bunde mit zur Probe: Den im gesamten Bezirk heißbegehrten Schlagzeuger MALCOLM HOLMES.

MALCOLM HOLMES (hier im Alter von zwei Jahren), geboren in Birkenhead/Wirral (Mitte), aufgewachsen in Prenton (rechts)

MALCOLM ALFRED HOLMES wurde am 28. Juli 1960 in Birkenhead/Wirral geboren, wo auch schon seine Eltern Alfred und Joan das Licht der Welt erblickt hatten. Ihr erster Sohn Michael kam 1950 auf die Welt, gefolgt von Tochter Sheila im Jahre 1953. Kurz nach den Geburt von Malcolm zog die Familie nach Prenton, einem Vorort von Birkenhead. Dort entdeckte Malcolm auch zum ersten Mal seine musikalischen Ambitionen. Seit er sechs Jahre alt war, bettelte er bei seinen Vater Alfred darum, ihm ein Schlagzeug zu kaufen. Denn sein Bruder Michael brachte damals das Drumkit eines Freundes mit nach Hause, woraufhin Malcolm sofort darauf loslegte und Gefallen daran fand. Normalerweise musste er auf Keksdosen zu alten Skiffle-Platten von Lonnie Donegan spielen und mit seinem selbstgebasteltes Drumkit - bestehend aus Waschbrett, Topfdeckeln, Stricknadeln als Drumsticks und einer Fahrradhupe - vorlieb nehmen. Als Mal dann zehn Jahre alt war, kauften ihm seine Eltern sein erstes, gebrauchtes Drumkit für dreißig Pfund aus einem Second Hand-Laden. Malcolm besuchte die "Pershore House"-Privatschule, war dort aber nicht glücklich, da die meisten seiner Klassenkameraden einen privilegierteren, sozialen Background hatten und Mal sich ziemlich isoliert fühlte. Erfreulicherweise zog die Familie Holmes dann um 1975/76 herum nach Meols, als Malcolm gerade ins College überwechselte. Hier fühlte sich Mal jedenfalls wesentlich wohler als in Birkenhead. Eines Tages nahm ihn sein Bruder Michael, der gerade von seiner Arbeit auf einer Bohrinsel zurückkam, mit in die Stadt und machte für Mal im Geschäft "Rumblelow" eine Anzahlung für ein nagelneues Schlagzeug. Malcolm konnte sein Glück kaum fassen - und begann nun nach Leuten Ausschau zu halten, die einen Drummer suchten. Dabei lernte er Ian Jackson und Si Lerman kennen. Paul Humphreys war sofort von Malcolm - und vor allem von seinem recht eindrucksvollen Drumkit begeistert. Als "Equinox" sich kurz darauf dazu entschieden, sich auf die Suche nach einem neuen Drummer zu machen, war es wiederum Paul, der Rat wusste. Denn er kannte ja bereits einen Drummer, der noch dazu bei ihm zu Hause übte und schlug ihn den anderen als Ersatz für Simon Patten vor. So wurde Malcolm Holmes, der zuvor bereits in einigen anderen Bands Erfahrungen hatte sammeln konnte und in der damaligen Lokal-Szene zu den wenigen anerkannten Drummern gehörte, schließlich der neue Schlagzeuger von "Equinox".

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B / VCL XI & HITLERZ UNDERPÄNTZ

Beginnende elektronische Experimente und die Geburtsstunde von "Electricity"

Die deutschen Wegbereiter der elektronischen Musik - "KRAFTWERK" Die Single "Autobahn" war ausschlaggebend für Andy McCluskey und Paul Humphreys, sich der experimentellen elektronischen Musik zuzuwenden

1975 Die erste Begegnung von McCluskey und Humphreys ereignete sich schon lange vor ihrem gemeinsamen Engagement in der Band "Equinox". Das sie praktisch schon zusammen im Sandkasten gespielt haben sollen, beruht hingegen rein auf einer geflissentlichen Oberflächlichkeit und der Fantasie der Medien. Ihr frühestes Aufeinandertreffen trug sich im Speisesaal der "Primary School" in Meols zu, ungefähr zum Ende der 1960er-/Anfang 1970er-Jahre, als beide etwa neun oder zehn Jahre alt waren. Obgleich Andy und Paul während ihrer Zeit in der Grundschule nie Freunde waren, können sich beide daran erinnern, das sie gemeinsam von der Bühne des Speisesaals aus ihren Mitschülern beim Mittagessen zuschauen durften als Strafmaßnahme für irgendwelchen Unfug, den sie sich erlaubt hatten. "Das war mein erstes Mal auf der Bühne mit ihm", so Andy über seine erste Begegnung mit Paul. Andy hatte ferner etwas Mitleid mit ihm, weil Paul damit aufgezogen wurde, keinen Vater mehr zu haben. "Ich fühlte mich ein wenig als sein Beschützer", merkt Andy dazu an, während Paul sich daran erinnert, das "...Andy mir schon sehr erwachsen vorkam" - obwohl gerade mal acht Monate Altersunterschied zwischen ihnen lagen. "Er war eine Klasse über mir und ich wusste nicht wirklich, über was ich mit ihm sprechen sollte. Er war einfach nur der ältere Kerl aus der Schule". Ironischerweise besuchten sie in der "Primary School" beide gemeinsam die wöchentliche Blockflötenstunde von Lehrerin Miss Clayton. "Ich habe es gehasst", erinnert sich Paul. "Der Unterricht hatte mir für Jahre die Lust auf die Musik genommen. Die Mädchen hatten in der Regel allesamt schön brav das gelernt, was sie spielen sollten, während Andy und ich meist nur so taten als ob. Wenn ich ein Solo spielen musste, konnte ich es meistens so einrichten, kurz davor auf die Toilette zu müssen".

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Rund fünf Jahre später, im Jahre 1975, waren Andy und Paul nun recht gut miteinander befreundet und verbrachten auch ihre Freizeit immer öfters zusammen. Was zum Großteil mit daran lag, dass sie die Einzigen aus der Band waren, die in Meols wohnten. Während ihre Freunde von "Equinox" überwiegend auf die neuesten Hits von Elton John und Rod Stewart standen, sowie auf alles, was aktuell im Radio gespielt wurde, entdeckten Andy und Paul abseits aller kommerziellen Musikrichtungen die experimentelle elektronische Musik für sich. Ausschlaggebend war vor allem der damalige Sommerhit "Autobahn" von der deutschen Band "Kraftwerk". Andy McCluskey, der den Song zum ersten Mal zu Hause im Badezimmer hörte und sofort davon begeistert war, erinnert sich: "Als Paul und ich 'Autobahn' lauschten, war das schon abgefahrenes Zeug, aber man konnte es sich trotzdem sehr gut anhören. Es war kein Karl-Heinz Stockhausen. Also fingen wir an ihre Platten zu kaufen".

Die "Primary School" - in der "School Lane" Nr. 26 in Meols (schräg gegenüber von Andy's Elternhaus) Die damalige Musiklehrerin von Andy und Paul - Miss Clayton

Nach einem für ihn persönlich enttäuschenden Konzert der ebenfalls aus Deutschland stammenden Elektronikband "Tangerine Dream" in der "Liverpool Cathedral", besuchte Andy eine Woche darauf, genauer am 11. September 1975, ein nur spärlich besuchtes Konzert von "Kraftwerk" im "Liverpool Empire": "Ich saß dort als sechzehnjähriger Junge auf Platz Q36, sah 'Kraftwerk' und wurde Zeuge davon, wie sich vor meinen Augen die Zukunft offenbarte. Ich wollte ebenfalls ein Teil davon sein. Dies war der erste Tag vom Rest meines Lebens", schwärmte Andy McCluskey. "Damals waren lange Haare, Jeans und Gitarrensoli angesagt und nun kamen da plötzlich diese vier Jungs auf die Bühne - in kurzen Haaren, Anzug und Krawatte und mit diesem skurrilen Equipment. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen - sie hatten zwei Drumkits, die aussahen wie Teetabletts auf einem Gestell und benutzten Drumsticks, die mit Kabeln verbunden waren. Ihre Namen leuchteten in Neon-Buchstaben, sie hatten all diese Backingtracks auf Kassette im Hintergrund mitlaufen und ich konnte beobachten, wie sie diese ständig zwischen den einzelnen Nummern wechselten". Bis zum heutigen Tag bezeichnet Andy McCluskey diesen Auftritt als das einflussreichste und wichtigste Konzert seines Lebens.

KRAFTWERK "live" - 1976

Dieses Konzerterlebnis wirkte sich sehr nachhaltig auf Andy McCluskey's weiteren musikalischen Werdegang aus, den er nun zusammen mit "Genesis"-Fan Paul Humphreys einschlagen sollte. Beide entschlossen sich dazu, eine Art Gegenpol zu der althergebrachten Rockmusik, die sie bei "Equinox" spielten, zu entwickeln.

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Paul konnte hier sein in der Schule angeeignetes elektronisches Wissen einbringen und fortan arbeiteten sie gemeinsam mit Radiomodulatoren und selbstgebastelten Synthesizern an eigenen Soundcollagen und Songideen, wobei natürlich "Kraftwerk" stets einen gewissen Einfluss auf sie ausübte: " Ihre Musik war ziemlich experimentell, was uns entgegen kam, da wir keine Instrumente hatten - gerade mal eine Bassgitarre, eine Echo-Maschine, ein 'Fuzzbox'-Verzerrer und ein paar Teile, die Paul zusammengebastelt hatte und die Geräusche machten, aber ohne das irgendwelche Tasten daran angebracht waren. Im Hinterzimmer im Haus von Pauls Mutter machten wir nun also Geräusche, während sie bei der Arbeit war und bildeten uns ein, Wirral 's Antwort auf 'Kraftwerk' zu sein", so Andy McCluskey.

Die Teenager Andy McCluskey und Paul Humphreys in Paul's Zimmer seines Elternhauses in der "Frankby Road" Nr. 3 in Meols, 1975

1976 Im Verlauf des Jahres 1976 gründeten Andy und Paul die experimentelle Band "VCL XI" (englisch ausgesprochen: "VCL Eleven"), benannt nach der Art der Röhrenbestückung ("VCL 11") auf einem alten deutschen Radio-Kleinempfänger, angegeben und abgebildet auf der Rückseite des "Kraftwerk"Albumcovers von "Radio Aktivität". Wesentlich präziser beschrieben wäre das Projekt jedoch als kreative Partnerschaft und Ideenschmiede, denn von einer Band im herkömmlichen Sinne war "VCL XI" weit entfernt.

"VCL 11" - Eine Verbundröhre als Namensgeber

Parallel zu "Equinox" und "VCL XI" übernahm Andy McCluskey noch den Leadsänger-Posten von Colin Free innerhalb der Rockband "Pegasus", eine der versiertesten und ehrgeizigsten Gruppen im Raum Meols und Hoylake. Sie setzte sich zusammen aus Andy's Freunden aus Caldy: Duncan Lewis (Bass), Simon Bateman (Schlagzeug), John Bleasdale (Gitarre), sowie Andy MaCaulay und Graham Gait an den Keyboards. Wenig später, nach dem Ausscheiden von Duncan Lewis, bekam Andy zusätzlich den Job des Bassisten und stellte darüber hinaus sein Talent unter Beweis, Gigs beschaffen und Publikum mobilisieren zu können. Mit "Pegasus" spielte Andy, der sich auch zunehmend als überaus charismatischer Frontmann

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hervortat und bereits hier seinen eigenwilligen Tanzstil entwickelte (der später zu seinem Markenzeichen werden sollte), einige lokale Auftritte in der Gegend um Wirral, u. a. auf dem "Deeply Vale Open Air Festival" (1977) und in Tuebrook, Liverpool.

Andy McCluskey (Mitte) als Sänger bei "PEGASUS" ("Deeply Vale Fesival", 1977) Von links: Andy MaCauly (Keyboards), Duncan Lewis (Gitarre), Si Bateman (Drums), Andy McCluskey, John Bleasdale (Gitarre)

"Calday-Schüler unterhalten" - Zeitungsbericht über eine Schulveranstaltung in der "Calday Grange Grammar School" Mit dabei die Band "Hollowell" - mit Graham Gait, Stephen Basket, Justin Knoop – und Andy McCluskey (links)

Paul besuchte derweil das "Riversdale Technical College" (die technische Hochschule) in Liverpool und studierte dort das Fach Elektronik. Zwangsläufig hatten beide nun weniger Zeit zur Verfügung, um ihre neuen Soundexperimente fortzuführen. Dennoch versuchten Andy und Paul sich in jeder freien Minute zu treffen, um ihr "VCL XI"-Projekt weiter voranzutreiben. Ihre Freunde hingegen konnten mit ihren abgedrehten "Songs" nicht viel anfangen und hielten die beiden gelinde gesagt für ziemlich verrückt. Zwischenzeitlich erlernte Paul, anhand eines Lehrbuches und unter Anleitung des lokalen Musikers Kenny Newton, nun auch ein paar Grundlagen auf dem Keyboard. Als Paul zu Ohren kam, dass "Pegasus"-

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Keyboarder Graham Gait die Gruppe verlassen und aus diesem Grund sein altes "Selmer"-E-Piano verkaufen wollte, schlug Paul sofort zu und erwarb es für fünfundzwanzig Pfund. Graham erinnert sich daran: "Es war ein altes, halb-akustisches Teil und klang nicht besser als eine Musikbox". Um eine Sache bereits vorweg zu nehmen: Der xylofonartige Klang des "Selmer" sollte später dem Sound der frühen OMD-Alben entscheidend seinen Stempel aufdrücken, was Gait zu folgender Hypothese veranlasste: "Ich bin mir ziemlich sicher, das dieser merkwürdige Klang teilweise mit verantwortlich für ihren späteren Erfolg war". Nebenbei konstruierte Paul mit Hilfe eines einfachen Schaltkreisdiagramms, welches er in der Hochschule entdeckt hatte, einen simplen Synthesizer. "VCL XI" hatte nun ein für ihre Zwecke halbwegs ausreichendes Equipment. Andy und Paul begannen jetzt auch erstmals mit dem Versuch, gemeinsam konventionelle Songs zu schreiben, anstatt ausschließlich bizarre Sounds zu kreieren. Als erstes Resultat daraus entstand der zukünftige OMD-Klassiker "Electricity", gefolgt von "The Beginning And The End", das viele Jahre später ebenso eine Verwendung für OMD finden sollte. Da sie ihre Musik allerdings selbst für ziemlich verschroben hielten, fanden sie nicht den Mut, mit "VCL XI" "live" auf einer Bühne aufzutreten.

Erster gemeinsamer Auftritt von Andy McCluskey und Paul Humphreys mit "Hitlerz Underpäntz", 1976, in der "United Reform Church Hall" in Meols, "Greenwood Road" Nr. 6 (rechts oben), rechts unten: Adrian Pratt

Die beiden Soundtüftler lernten im Laufe der Zeit einige andere lokale Musiker kennen, die allesamt der Musikszene von Wirral angehörten - so auch den sonderbarsten Kauz von allen - Adrian Pratt aus Moreton/Wirral. Adrian war ursprünglich Gründungsmitglied von "Pegasus" (dort allerdings schon ausgestiegen, bevor Andy dazustieß) und spielte in der Liverpooler Band "Mr. Grumbold", ehe er zusammen mit John Rodgers (den aber alle nur "Toad" nannten), einem Keyboarder aus Wallasey/Wirral, ein Projekt mit dem Namen "Hitlerz Underpäntz" ins Leben rief - keine Band im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr eine Art Musikzirkus.

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Genau wie Andy und Paul, interessierten sich Pratt und "Toad" für die deutsche Elektronik-Avantgarde à la "Can" und "Faust", experimentierten mit selbstgebauten Tongeneratoren, nahmen alle möglichen Klänge auf Tonband auf und mixten sie zusammen, was sie dann wieder auf alle möglichen Arten verlangsamten, beschleunigten, rückwärts abspielten und abgedrehte Echoeffekte hinzufügten. Adrian Pratt schrieb ferner einiges an Musik für "Hitlerz Underpäntz", aber auch für "Pegasus" - u. a. Songs wie "The Riff", "How Unfortunate To Have A Name Like Nigel" und den "Tin-Tin Song", welchen "Pegasus" in ihr Programm mit aufnahmen.

Andy und Paul begeisterten sich für Brian Eno (unten links) - und für englische Teenager in dieser Zeit ungewöhnlich deutschen "Krautrock" von "NEU!" (Mitte links), "La Düsseldorf" (Mitte rechts) und "CAN" (unten rechts) Alben, welche die musikalische Richtung von OMD maßgeblich beeinflussten: THE VELVET UNDERGROUND AND NICO (1967), ROXY MUSIC (1972), BRIAN ENO - "TAKING TIGER MOUNTAIN (BY STRATEGY)" (1974), CAN - "SOON OVER BABALUMA" (1974), DAVID BOWIE - "LOW" (1977), KRAFTWERK - "RADIO-ACTIVITY" (1975), NEU! - "75" (1975), LA DÜSSELDORF - "VIVA" (1978)

Ziemlich schnell freundeten sich McCluskey und Humphreys mit Adrian an und liehen sich schon bald immer mal wieder seinen "Roland SH-1000"-Synthesizer aus - zumal er der Einzige in der ganzen Gegend war, der solch ein neuartiges Gerät sein Eigen nennen konnte. Adrian verfolgte den ehrgeizigen Plan, das Unternehmen "Hitlerz Underpäntz" einmal jährlich "live" auf die Bühne zu bringen. 1976 schien dies mangels geeigneter Musiker nicht zu klappen - bis Andy und Paul den Vorschlag machten, bei ihm auszuhelfen. John "Toad" Rodgers lieh Paul daraufhin für den Auftritt einen Teil seines KeyboardEquipments. Weiterhin fanden sich als feste Mitglieder noch Chris Fagin (Drums), sowie Simon Catteral (Gitarre) in der Gruppe ein. So kam es 1976 schließlich zum ersten gemeinsamen Bühnenauftritt von Andy und Paul in der "United Reform Church Hall" in Meols, gleich gegenüber des "Railway Inn" - im Nachhinein allerdings ohne Adrian Pratt, der "Hitlerz Underpäntz" zuvor bereits verlassen hatte.

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Andy McCluskey erinnert sich noch gut an damals: "Der Name ist nicht auf meinem Mist gewachsen. 'Hitlerz Underpäntz' war im Grunde eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung von verrückten Musikern aus verschiedenen Teilen der Halbinsel Wirral - und um mitmachen zu dürfen, musste man eingeladen werden. Paul und ich waren noch nicht in der ersten 'Hitlerz Underpäntz'-Besetzung mit dabei, erst in der zweiten Formierung". Zum ersten (und einzigen) Auftritt an sich äußerte sich Andy folgendermaßen: "Wir hatten ein paar Proben zusammen und gingen dann mit allem, was wir uns irgendwo erbetteln, leihen oder stehlen konnten, auf die Bühne. Ich lieh mir zwei Bassboxen, so dass man außer mir niemanden sonst mehr hören konnte, einfach weil ich so verdammt laut war. Vorne an der Bühne heizten derweil die "Schamlosen Luder" ('The Brazen Hussies'), drei Freundinnen in Netzstrümpfen und Strapsen, das Pogotanzende Publikum an. Der ganze Auftritt war eine ziemlich seltsame Angelegenheit, eine Lachnummer". Paul Humphreys, der zwar relativ erfolgreich, aber sichtlich nervös seinen ersten "Live"-Auftritt überhaupt über die Bühne brachte, fand dennoch Spaß daran, aufzutreten und wollte dies auch unbedingt mit Andy zusammen weiter fortsetzen.

Der "SH-1000" war der erste Synthesizer, den der japanische Hersteller "Roland" 1973 gebaut hatte. Analog und monophon aufgebaut, konnte man einen von zehn festen Preset-Sounds auswählen oder den Klang manuell einstellen. Es gab keinen Speicher für eigene Einstellungen. Ein Kopfhörer-Anschluss war ebenso wenig vorhanden wie Audio-Effekte

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C / THE ID & DALEK I LOVE YOU

Über Punkrock im Liverpooler "Eric's Club" zu Synthesizer und Drumcomputer

links: Julia Kneale und Andy McCluskey "live" mit "The ID" in Wallasey/Wirral, 1977 (dahinter: Paul Humphreys, Steve Hollas, Malcolm Holmes, Gary Hodgson) rechts: Julia Kneale und Steve Hollas "live" mit "The ID" in New Brighton ("Fort Perch Rock"), 1978

1977 Andy McCluskey belegte 1977 - mehr oder weniger nur als Behelfslösung - einen einjährigen Grundkurs im "Wallasey Art College", untergebracht in der 1835 erbauten (und 2008 durch ein Feuer vollständig zerstörten) "Liscard Hall" im hiesigen Central Park, nachdem seine Bewerbung an der "Trent Polytechnic University" in Nottingham erfolglos geblieben war. Dort traf er im September des Jahres auf die ein Jahr jüngere Julia Kneale aus West Kirby, die bereits ihre eigene Poesie- und Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel "The Shellfish That Weren’t" veröffentlicht hatte und in der Kunsthochschule ihr Interesse am Schreiben weiter entwickeln wollte. Das Zusammentreffen entwickelte sich in der Folge zu einer knapp einjährigen, höchst intensiven Beziehung, obschon ihre beiden Persönlichkeiten nicht grundverschiedener sein konnten. Zeitgenossen beschreiben den achtzehnjährigen Andy in etwa wie folgt: Unangepasst, vorlaut und angeberisch - ein Egozentriker, welcher mit einem extrem ausgeprägten Selbstbewusstsein seinen eigenen Willen und seine eigenen Vorstellungen durchsetzt. Die meisten Menschen in seiner näheren Umgebung bewunderten ihn entweder ehrfurchtsvoll oder hatten einfach nur das Bedürfnis, ihm - salopp gesagt - "die Fresse zu polieren". Dies war bereits auf der "Calday Grammar School" so, wo er regelmäßig die Schule schwänzte, um im Meols-Park oder im Jugendclub abzuhängen, und dies wiederholte sich auch jetzt im College, wo Andy weiterhin sein Image als berühmt-berüchtigter Nonkonformist pflegte. Andy McCluskey schien mit seinen eigenen Ideen in seiner ganz eigenen Welt eingeschlossen zu sein und war nicht wirklich uneingeschränkt zugänglich. Womöglich war es aber gerade diese Distanziertheit, Unbeugsamkeit und Zielstrebigkeit, die letztendlich zu seiner beständigen Professionalität und zu seinem Erfolg geführt haben. Sein Interesse galt der Archäologie und Astronomie, sowie den wissenschaftlich umstrittenen Theorien der "Ley-Linien" (auch "Heilige Linien" genannt). Im College malte er Landschaften auf großflächiger Leinwand und modellierte Skulpturen aus Treibholz und diversen Maschinenteilen.

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Das "Art College" (Kunsthochschule) in der "Liscard Hall", Central Park, Wallasey (links) und das "Riversdale Technical College" in Liverpool

Für gewöhnlich trafen sich Andy und Julia, Paul und seine damalige Freundin Angela und auch die anderen Jungs von "Equinox" jeden Freitagabend im "White Lion"-Pub in West Kirby - ein Anlaufpunkt für chronisch abgebrannte Studenten, die sich ihr Pint Bier meist über mehrere Stunden hinweg einteilen mussten. Andy lebte mittlerweile die meiste Zeit über bei Julia, was seitens ihrer beiden Mütter nicht selten Diskussionen über Miete und geregelte Mahlzeiten vom Zaun brach. Der Pub diente vor allem als Ort zum Pläne schmieden, um Bandangelegenheiten zu besprechen und um stundenlange, lebhafte Diskussionen zu führen. Durch den Umstand, dass "Equinox" als Band mittlerweile an ihrem Ende angelangt war, wurde dort nun die Idee geboren, eine neue Gruppe, die parallel zu "Hitlerz Underpäntz" laufen sollte, zu gründen. Ursprünglich hatte man lediglich vor, die drei verbliebenen Mitglieder von "Equinox" - Neill Shenton (Gitarre), Malcolm Holmes (Drums - der mittlerweile vom College abgesprungen war und sich als Küchenhilfe und Koch in einem Burger-Restaurant verdingte) und Gary Hodgson (Gitarre) - für einen einzigen großen Auftritt zusammen zu trommeln, ergänzt durch Paul Humphreys an den Keyboards, Julia Kneale am Gesang, John Floyd (Sänger - und ein alter Schulfreund von Andy), sowie Steve Hollas, ein aus den USA nach Liverpool übergesiedelter Mitschüler von Paul im "Riverdale"-College, der Andy am Bass ersetzen sollte, damit sich dieser voll und ganz auf seinen Gesang konzentrieren konnte.

Das "White Lion"-Pub in West Kirby, 51 Grange Road - Studententreff von Andy, Paul & Co.

Dieser Auftritt - als eine achtköpfige Band - wurde dann auch tatsächlich in der "United Reform Church Hall" in Meols realisiert. An diesem Septemberabend 1977 spielten sie unter anderem etwa sieben der von McCluskey und Humphreys selbstgeschriebenen Songs, darunter ein Lied namens "Yugoslavia" und ein

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Stück mit Namen "Red Frame/White Light". Auch ihr Song "Radio Waves", für den John Floyd den Text geschrieben hatte, war neben einer Coverversion von "Wreckless Eric's" Stück "Whole Wide World" mit im Programm. Die Band kam an diesem Abend sehr gut beim Publikum an - was auf die schlussendliche Entscheidung, die Band fortzuführen, einen wesentlichen Einfluss haben und sich im Endeffekt als die Geburtsstunde der eher konventionellen Punkrock-Band "THE ID" erweisen sollte. Im Unterschied zu "Equinox", die sich überwiegend damit begnügt hatten, bekannte Songs zu covern, spielten "The ID" nun eigene, hauptsächlich von Paul und Andy geschriebene Stücke. Gary Hodgson gab seine Songwriter-Ambitionen bereits frühzeitig auf, lediglich Steve Hollas beabsichtigte, sich diesbezüglich verstärkt einzubringen. Doch seine Ideen stießen bei Andy und Paul auf nur wenig Akzeptanz. Zwischen den beiden entwickelte sich nun zunehmend die Art von Arbeitsteilung, welche sie auch in späteren Jahren für gewöhnlich beibehalten sollten - Andy steuerte die Ideen bei, die Paul dann in ansprechende und eingängige Melodien umsetzte. Im Proberaum wurden die Lieder mitunter zwar gemeinsam mit der restlichen Band ausgearbeitet, Platz für deren eigene Songvorschläge wurde ihnen jedoch nur selten eingeräumt. Geprobt wurde weiterhin im Obergeschoss des Fischgeschäft in Hoylake, alternativ auch im Elternhaus von Malcolm Holmes oder in der "Greasby Library" (der Bücherei in Greasby/West Kirby) - sofern man sich dafür die Kosten für die stundenweise Anmietung des Proberaumes dort leisten konnte. Neben "Red Frame/White Light" und "Radio Waves" entsprangen aus der Feder von Humphreys/McCluskey bereits zu diesem Zeitpunkt Songs wie "Bunker Soldiers" und "Mr. Reality", welche später allesamt in das anfängliche OMD-Repertoire transferiert werden sollten. Weitere eigenkomponierte Titel wie "Hitlerz Underpantz", "Malcolm Is Sitting In The Window" und "Money Everywhere" wurden ebenfalls ins "The ID"- Programm integriert. "The ID" bewährten sich nunmehr auch ziemlich rasch als Stammband in Liverpools ultimativer Underground-Szenekneipe, dem im Oktober 1976 neu eröffneten "Eric's Club" in der Liverpooler "Mathew Street", unmittelbar gegenüber des berühmten "Cavern"-Clubs (der zu diesem Zeitpunkt allerdings schon abgerissen und zu einem Parkplatz umfunktioniert worden war). "'The ID' waren sehr beliebt und die Gigs immer rappelvoll", erinnert sich Gary Hodgson. "Wir spielten im 'Eric's Club' in Liverpool, als alle angesagten Punk- und New Wave-Bands dort auftraten - eine tolle Atmosphäre. Andy gab den geborenen Showman ab, sodass ich nie Angst davor haben musste, beim Publikum nicht gut anzukommen".

Musiker von "The ID" - Gary Hodgson, Neill Shenton, John Floyd, Steve Hollas

1978 (Erstes Halbjahr) Andy kristallisierte sich mit der Zeit unstrittig als der tonangebende Boss der Gruppe heraus, allerdings war der Umgang mit ihm und seinem beinahe schon diktatorisch zu bezeichnenden Führungsstil für alle Beteiligten nicht immer einfach zu ertragen. Wenngleich in einer Gruppe zwangsläufig immer eine Form von Hackordnung und Hierarchie und jemand, der die Führung innehat, vorhanden sein sollte - der Schlüssel dazu, mit Andy innerhalb der Band klarzukommen, war der, den Mund zu halten und nur das zu tun, was einem gesagt wurde. Julia Kneale, relativ unzufrieden in ihrer eingeschränkten Rolle als Backgroundsängerin, wollte wie auch einige andere ihrer Bandkollegen mehr von sich in die Band einbringen. Aus diesem Grund äußerte sie Andy gegenüber schon recht bald den Wunsch, das sie einen eigenen Song singen möchte. Andy, Paul, Steve und Malcolm erarbeiteten daraufhin im Proberaum ein Lied, das sie dann im Anschluss daran Julia vorstellten - mit dem Hinweis von Andy, dass er lediglich noch einen geeigneten Text dafür schreiben müsse. Julia lehnte dies ab, denn sie hatte bereits eine eigene Vorstellung davon, wie die Lyrics dafür aussehen sollten. So schrieb sie während einer Bandprobe in der "Greasby Library" ihren eigenen Text (welcher letztendlich auch der Einzige bleiben sollte). Und weil es nun mal "ihr" Lied war, nannte man es demzufolge ganz schlicht und unkompliziert "Julia’s Song".

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links: Gary Hodgson, Julia Kneale und Andy McCluskey "live" mit "The ID" in Wallasey/Wirral, 1977 rechts: Die "Greasby Library" in der "Greasby Road" (Proberaum von "The ID") - hier entstand "Julia's Song". Das ursprüngliche Gebäude ist mittlerweile abgerissen und durch einen Neubau ersetzt worden.

Als sich immer deutlicher abzeichnete, das Andy und Paul (hauptsächlich wohl Andy) eine zunehmend dominante Rolle innerhalb der Band einnahmen, zudem das Meiste an neuen Songs beisteuerten und die grundsätzliche Ausrichtung der Gruppe für sich beanspruchten, kam es zu ersten Veränderungen innerhalb des Bandgefüges. Beide entschieden, das "The ID" sich verkleinern mussten, um weiter auftreten zu können. Als ersten Leidtragenden traf es Neill Shenton. Andy fiel die undankbare Aufgabe zu, ihrem Gitarristen im "White Lion Pub" mitzuteilen, dass er die Band verlassen musste. Nur wenig später kehrte John Floyd der Gruppe den Rücken. Im April/Mai verließ schließlich auch Julia Kneale, deren Beziehung zu Andy sich immer komplizierter für beide Seiten entwickelte, die Band. Andy fühlte sich in zunehmenden Maße eingeengt von seiner Partnerin und im Grunde ließen sich die jeweiligen individuellen Wesensarten der beiden partout nicht zu einem harmonischen Ganzen vereinen. Auf der einen Seite war da Andy, das freiheitsliebende Energiebündel, überambitioniert und allzeit zweckdienlich denkend und veranlagt - andererseits Julia, eine hoffnungslos neurotische Romantikerin, die Andy permanent um sich haben wollte. Dieser vernachlässigte zudem immer mehr sein Kunststudium: "Ich stand morgens auf, ging völlig übermüdet in die Kunsthochschule und schlief dann unter meinem Tisch in dem kleinen Raum, der mir dort für mich allein zur Verfügung stand. Dann gingen Julia und ich zu mir nach Hause, tranken Tee, gingen dann zu ihr nach Hause, gingen ins Pub, betranken uns sinnlos, gingen zurück zu ihr, stritten uns, vertrugen uns wieder, hatten dann die ganze Nacht Sex bis weiß Gott wie lange und ich stand dann um Sieben auf, ging ins College und verschlief dort wiederum den kompletten Tag, einfach weil ich so fertig war", schilderte Andy in der offiziellen OMD-Biografie ausführlich die damalige Situation, die ihn schließlich zur Trennung veranlasste. Das nachfolgende halbe Jahr bezeichnete Andy McCluskey später als "die traumatischsten sechs Monate meines Lebens". Mit "The ID" jedoch, die sich nun mit Andy am Gesang, Paul Humphreys am Keyboard, Malcolm Holmes an den Drums, Steve Hollas am Bass und Gary Hodgson an der Gitarre im wahrsten Sinne des Wortes gesundgeschrumpft hatten, ging es nun stetig bergauf. Noch mehr McCluskey/HumphreysOriginalkompositionen wurden dem Programm hinzugefügt: Die Songs "Nepal", "Berlin", "The Misunderstanding" und zu guter Letzt nach langem hin und her auch ihre Erstkomposition "Electricity", die schon bald zum Standardrepertoire der Band gehören sollte.

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ROGER EAGLE - Mitbesitzer des "Eric's Club" in Liverpool (hier Ende der 1970er-Jahre) Der Club wurde im März 1980 durch die Polizei geschlossen

Roger Eagle, einer der Mitbesitzer des "Eric’s Club" neben Ken Testi und Pete Fulwell, in deren Club "The ID" jetzt regelmäßig auftraten, ermutigte die Band dazu, ein Demo-Tape aufzunehmen, um damit auch in anderen Clubs Auftritte ergattern zu können. Also kratzte die Gruppe mit Hängen und Würgen fünfundzwanzig Pfund zusammen und mieteten für einen Tag das kleine Vierspur-Tonstudio der "Open Eye Gallery" im Herzen von Liverpool an. Dort nahmen sie im Sommer 1978 drei ihrer Songs auf: "Electricity", "The Misunderstanding" und "Julia's Song" (bei dem Andy nun nach Julia's Weggang den Leadgesang übernommen hatte). Erst im Juli 1979, als "The ID" schon lange nicht mehr existierten, erschien davon "Julia’s Song" auf dem Sampler "Street To Street - A Liverpool Album", welcher fast alle damals angesagten Liverpooler Bands auf einer Platte vereinigte: "Big in Japan", "Jaqui & Jeanette", "Modern Eon", "Activity Minimal", "Dead Trout", "Tontrix", "The Accelerators", "Malchix", "Fun", "The Moderates" und "Echo & The Bunnymen". 2002 wurden alle drei "The ID"-Songs posthum als 3-Track-EP auf CD veröffentlicht.

Das "Open Eye"-Gallery & Bistro - von 1976 bis 1988 beheimatet Ecke "Whitechapel" und "Hood Street" in Liverpool

Querelen innerhalb der Band gab es schon vor den Aufnahmen im "Open Eye", denn häufig stritt man sich darum, wer für die Kosten des Proberaumes in der "Greasby Library" aufzukommen hatte. Auch der Transport des Equipments zu den diversen Proberäumen und Auftrittsorten - alles in der alleinigen Verantwortung von Gary Hodgson, der sich dafür den Transporter seines Vaters ausleihen musste und als Einziger den Führerschein besaß - kostete Geld und gab regelmäßig Anlass zu ausufernden Diskussionen. Darüber hinaus kamen die restlichen Bandmitglieder immer weniger damit klar, dass ausschließlich Andy und Paul im Alleingang die Songs für "The ID" schrieben. Erschwerend kam für "The ID" als Punkrockband ferner hinzu, dass Andy und Paul umso weniger Lust auf den gitarrenlastigen "The ID"-Sound hatten, je mehr sie sich mit "Kraftwerk" beschäftigten. Vor allem Andy hatte die Nase voll davon, permanent Freiräume für irgendwelche Gitarrenparts in ihren Eigenkompositionen schaffen zu müssen. Als Konsequenz aus all diesen Differenzen heraus sah sich Andy schließlich dazu veranlasst, die Band im August 1978 - drei Tage nach den Demoaufnahmen im "Open Eye"-Studio und einem finalen Gig im "Eric's Club" - zu verlassen, was auch letzten Endes die komplette Auflösung von "The ID" bedeutete, da sein Weggang nicht kompensiert werden konnte. Paul unternahm dahingehend zwar Anstrengungen und schlug Malcolm, Gary und Steve vor, sich einen anderen Sänger zu suchen - am Ende kam man allerdings zum Schluss, das die Gruppe ohne Andy den ihr ganz eigenen Charakter und natürlichen

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Schwung verlieren würde. "Wir wollten mit 'The ID' zwar konventionell sein, wurden am Ende allerdings zu konventionell“, so Paul Humphreys. "Das Material, das wir mittlerweile schrieben, passte immer öfter nicht mehr in das 'The ID'-Konzept". Paul und Andy blieben nach dem Split jedoch Freunde, durchsuchten regelmäßig den Liverpooler Plattenladen "Probe" nach deutschen Importen, verfolgten weiterhin eifrig ihre "VCL XI"-Soundexperimente und besuchten regelmäßig das "Eric's" - schon allein deswegen, um sich dort über neue Bands auf dem Laufenden zu halten. Vor allem eine Band beeindruckte Andy im "Eric's" außerordentlich: "Dalek I Love You", kurz "Dalek I" oder auch "DILY" genannt, die auf der Bühne vorproduzierte Tonbandaufnahmen und einen Drumcomputer benutzten.

"DALEK I LOVE YOU" - Die kreativen Köpfe der Band Andy Gill und David Balfe (rechts)

"DILY" entstand im Dezember 1977 aus der punk-orientierten, aus Thingwall in Wirral Peninsula stammenden Band "Radio Blank" heraus, gegründet von Alan Gill (Gitarre und Gesang), David Balfe (Bass und Keyboards), Keith Hartley (Gesang und Gitarre) und Stephen Brick (Drums). Gill und Balfe verloren allerdings bald schon ihr Interesse am Punk und starteten zusammen mit David Hughes (Keyboards) und Chris "Teepee" Shaw (Drumcomputer und Tonbänder) das "Kraftwerk"-beeinflusste, progressive Projekt "Dalek I Love You". Weitere Musiker kamen und gingen, unter anderem auch Schlagzeuger Malcolm Holmes, der an frühen Demoaufnahmen der Band beteiligt war, sowie ein junger Saxofonist namens Martin Cooper. Andy war schlicht und ergreifend begeistert von "DILY" - in seinen Augen stellte die Band eine Art New-Wave-Pop-Version von "Kraftwerk" dar, die zwar Elektronik einsetzte, dabei aber dennoch nicht auf Bass und Gitarre verzichteten. Da der Band ein Frontmann und Sänger fehlte, heuerten Gill und Balfe, die beiden kreativen Köpfe von "DILY", umgehend Andy für diese Aufgabe an. Die ersten Proben (anfangs noch mit Julia Kneale, die sich dann aber schon recht bald gegen eine weitere Teilnahme an der Band entschied) fanden im Haus von Alan Gill statt. Für die darauffolgenden zwei Monate wurde McCluskey schließlich festes Mitglied (und lernte hier auch Martin Cooper kennen). Andy McCluskey erinnert sich: "Den ersten Kontakt mit Dave Balfe hatten wir schon 1976, als er und seine Bandkumpanen von 'Radio Blank' in unseren Proberaum von 'Equinox' eingebrochen waren und uns unsere Anlage samt Malcolm's nagelneuem Schlagzeug geklaut hatten. Im Sommer 1978 fragte Dave Balfe mich, ob ich nicht bei seiner neuen Band 'Dalek I Love You' singen wolle, da ihr Sänger Alan Gill zwar ein großartiger Songwriter sei, allerdings eine zu leise Stimme hätte, die man live auf der Bühne nicht wirklich hören könne. Ich habe dann vier oder fünf Konzerte mitgemacht, bis dann Paul und ich beschlossen, dass wir etwas mit unseren eigenen Songs auf die Beine stellen wollten".

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"DALEK I LOVE YOU" Die 1979 veröffentlichten Singles "Freedom Fighters" und "The World", die 1980 herausgebrachte Single "Dalek I Love You (Destiny)" und das Album "Compass Kumpas"

Der Band lag bereits ein Angebot von "Phonogram-Records" für einen Plattenvertrag vor, doch es sollte anders kommen: Denn im Gegensatz zu "The ID" fand sich Andy bei "DILY" zum Einen nicht mehr in der Position des uneingeschränkten Anführers wieder, welcher die Richtung vorgeben konnte, zum Zweiten ließen sich seine eigenen Vorstellungen mit denen der "DILY"-Köpfe Gill und Balfe nicht miteinander in Einklang bringen. Durch den Umstand, dass Andy keinerlei Raum für seine Songideen eingeräumt wurde und man ihm vorschreiben wollte, wie er wann was zu singen hätte, sowie der weiteren, für den ordnungsliebenden Andy unerträglichen Tatsache, dass ziemlich chaotische Zustände innerhalb des Bandgefüges herrschten, verließ er konsequenterweise im Sommer 1978 wieder die Gruppe (später durften Andy und Paul jedoch noch des Öfteren ihr Equipment für Auftritte benutzen). Zur weiteren Entwicklung von "DILY": David Balfe verließ ebenfalls die Gruppe in Richtung "Big In Japan" und "The Teardrop Explodes" - zurück blieben als Duo Alan Gill und David Hughes. Erst im Juli 1979 veröffentlichte "Phonogram" die erste Single "Freedom Fighters", mit dem Song "Two Chameleons" als B-Seite. Zwei weitere Singles folgten, produziert von "The Blitz Brothers", wohinter sich Chris Hughes und ein gewisser Paul Collister verbargen. Mit der Albumveröffentlichung "Compass Kumpas" (Platz 54 in den britischen Charts) und Alan Gill als letztem verbliebenen Mitglied kam dann das vorläufige Aus für "DILY", woraufhin Gill ebenfalls zu "The Teardrop Explodes" überwechselte. Von 1981 bis 1983 reaktivierte er "DILY" nochmals für ein weiteres Album (u. a. mit Sänger Keith Hartley) und einige erfolglose SingleVeröffentlichungen.

"Big in Japan" - mit Holly Johnson am Bass (links) "The Teardrop Explodes" - mit Alan Gill und Dave Balfe (rechts)

Andy und Paul hatten im September 1978 beide das College beendet und waren nun zum Einen arbeitslos und zum Anderen so gut wie pleite. Andy fand nach langem Suchen schließlich eine Anstellung beim Zoll, Paul hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Jedoch hatten sie immer noch ihre original "VCL XI"Sounds und fertiges Songmaterial. Beide wollten ihre Zusammenarbeit unbedingt fortsetzen und mit ihren Klangcollagen zumindest einmal "live" vor Publikum auftreten. Indes wurde ihnen jetzt schlagartig bewusst, dass seit ihrem ersten Kontakt mit der elektronischen Musik bereits drei Jahre vergangen waren und bekamen nun drastisch vor Augen geführt, das sie mit ihrer damals noch exklusiven Vorliebe dafür mittlerweile nicht mehr alleine waren.

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Ende der 1970er-Jahre griffen nun auch andere Elektronik-Fans zum Synthesizer. Die Gruppe "The Normal" hatte "Warm Leatherette" veröffentlicht, es gab die Gruppe "Cabaret Voltaire" und auch "The Human League" waren bereits mit dem exzellenten Synthiesong "Being Boiled" auf der Bildfläche erschienen. Die Geräte wurden kleiner und erschwinglicher - für viele ein Argument, sich an die Technik heranzuwagen. Bis dahin war das nur echten Könnern vorbehalten. Der Synthesizer verkörperte für so manchen die Ablehnung gegenüber allem, wofür die Gitarre stand: Machotum, Aggression, Sexismus, Blues, Eric Clapton - der totale Verfall. Das war nun alles Vergangenheit. Der Synthesizer bot Möglichkeiten, die man vorher nicht hatte. Die neue Generation von Synthie-Freaks entdeckte eine ganz andere Umgangsweise mit den Geräten: Statt Virtuosität interessierten sie sich für Reduktion, Rhythmus und Sounds.

Pioniere des britischen Synthie-Pop: "The Normal", "Cabaret Voltaire" und "The Human League"

Andy und Paul war klar, dass sie die vertrackten "VCL XI"- Songs unmöglich zu zweit spielen konnten. Allerdings wollten sie ihr Projekt - nach den Erfahrungen mit "The ID" - keinesfalls wieder in ein starres, althergebrachtes Bandschema pressen, sondern die alleinige musikalische Kontrolle über ihre Musik behalten. Doch wie sollte das funktionieren? Das Konzept von "Dalek I Love You" hatte ihnen bereits die Lösung aufgezeigt - der Einsatz eines Tonbandgerätes, das zusätzliche Musiker überflüssig machte. Oder wie Andy es später einmal formulieren sollte: "'DILY' begannen vor uns. Sie waren es, die mit einer Drum-Maschine auf der Bühne standen und Paul und mich erst auf den Gedanken brachten: 'Warum machen wir das nicht auch so?'" . Die Verwendung von Tonbändern und Synthesizern seitens "DILY" hatte somit eindeutig und maßgeblich Einfluss auf die nun folgende, musikalische Ausrichtung von Andy und Paul.

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KAPITEL 2 (1978 – 1979) ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK

Vom Aufstieg in den Pop-Olymp - Die Geschichte beginnt hier

ANDY McCLUSKEY und PAUL HUMPHREYS buchten auf eigene Kosten den ERIC'S CLUB in Liverpool, wo sie mit der von PAUL COLLISTER geliehenen Bandmaschine genannt WINSTON am 12. Oktober 1978 erstmals LIVE als ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK vor gerade mal vierzig Leuten auftraten. Geplant war ursprünglich nur dieser eine Auftritt - O-Ton Andy McCluskey: "Es war der blödeste Name, der uns dafür eingefallen war". Doch bald schon wurde der Musikmanager, Nachtclubbesitzer und TVJournalist TONY WILSON auf die Band aufmerksam und verschaffte ihnen ihren ERSTEN PLATTENVERTRAG bei seinem eigenen Label FACTORY RECORDS. Andy und Paul kamen mit Designer PETER SAVILLE in Kontakt, der fortan ihre innovativen Plattencover gestalten sollte. Erste Studioaufnahmen mit dem JOY DIVISION-Produzenten MARTIN "ZERO" HANNETT wurden getätigt, ELECTRICITY als ERSTE SINGLE veröffentlicht und Kult-DJ JOHN PEEL lud die beiden Jungs in seine Radioshow ein. Es folgte der Wechsel zum VIRGINSublabel DINDISC und ORCHESTRAL MANOEUVRES spielten mit Shooting-Star GARY NUMAN erstmals in Großbritanniens großen Konzerthallen. Mit dem Vorschuss der Plattenfirma errichteten Andy und Paul im Herzen von Liverpool ihr eigenes Aufnahmestudio THE GRAMOPHONE SUITE.

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A / DER STARTSCHUSS FÜR OMD IM LIVERPOOLER "ERIC'S CLUB"

Spontane Entscheidung für einen obskuren Bandnamen und der erste öffentliche Auftritt

Andy McCluskey und Paul Humphreys vor dem "Eric's Club" in der Liverpooler "Mathew Street", 1978 (links oben) Flyer für das Oktober-Programm des "Eric's Club" - Ankündigung des ersten Auftritts vom OMITD am 12.10.1978

1978 (Zweites Halbjahr) Weit entfernt davon, sich von der restlichen Welt um sich herum abzuschotten, suchten Andy und Paul verstärkt Kontakt zu anderen Musikern der Liverpooler Szene. Vor allem im "Eric's Club" fanden sie Leute, die ihre musikalischen Ideen und Vorstellungen durchaus mit ihnen teilten. Über Neil Shenton und Gary Hodgson hatten Paul und Andy bereits zu einem früheren Zeitpunkt Paul Collister kennengelernt, der im Besitz eines Vier-Spur-"TEAC A344"-Tonbandgerätes war, welches sich "The ID" für Demoaufnahmen in der "Greasby Library" von ihm ausgeliehen hatten. Im "Eric's" trafen Andy und Paul nun erneut auf Collister, der sich dazu bereit erklärte, die beiden in technischen Belangen zu unterstützen und half den beiden dabei, zu Hause in seiner Garage Backingtracks für ihren als einmalige Angelegenheit geplanten DuoAuftritt auf Tonband aufzunehmen. Hierfür verwendete er wiederum seinen Vier-Spur-"TEAC A344"Rekorder, dem er den Namen "WINSTON" gab (nach der Hauptfigur in George Orwell's Roman "1984") und welcher das gesamte Equipment von Andy und Paul zusammengenommen bei Weitem an Wert übertraf. Da das Duo weder Geld, noch Zugriff auf einen Drumcomputer hatte, wurden in der Not alle erforderlichen

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Drumparts und Synthesizerklänge durch Andy und Paul manuell von Hand gespielt und parallel auf Band aufgenommen. Lediglich Drummer Malcolm Holmes war hierbei als Dritter im Bunde mit von der Partie er durfte zu "Julia's Song" "live" das Schlagzeug einspielen, welches dann, ohne das dabei seine physische Anwesenheit auf der Bühne erforderlich war, vom Tonband abgespielt wurde.

Andy McCluskey und Paul Humphreys, ca. 1978 (möglicherweise aufgenommen in Paul Collister's "Henry's"-Studio)

Andy und Paul buchten nun in Eigenregie und auf eigene Kosten den "Eric’s Club" für ihren Auftritt, welcher rein dem Selbstzweck dienen sollte, ihre eigene Musik wenigstens einmal "live" auf einer Bühne zu präsentieren. Andy McCluskey war es, dem es gelang, hierfür den Besitzer Roger Eagle zu begeistern, der in der Vergangenheit schon "The ID" und "Dalek I Love You" für seinen Club engagiert hatte und sowohl Andy, als auch Paul bereits persönlich kannte. Die Songs - Lieder von "The ID" wie "Electricity", "Julia’s Song", "Bunker Soldiers", "Red Frame/White Light" und eine frühe Version von "Dancing", sowie Material von ihren "VCL XI"-Experimenten wie z. B. "Once When I Was Six"- waren bereits ausgewählt, als ClubManager Roger Eagle sie darauf aufmerksam machte, dass er für die Konzertankündigung noch dringend den Namen ihrer Band benötigte. Da Andy und Paul "VCL XI" nicht weiter verwenden wollten, erinnerte sich Andy an ein Experimentalstück, welches er und Paul irgendwann einmal aufgenommen hatten und auf einer Collage aus dem Krach dreier Radiogeräte und Kriegsgeräuschen basierte. Da sie sowieso nur diesen einen Auftritt machen wollten, nahmen die beiden ohne viel darüber nachzudenken den Titel des Stückes als Bandnamen an - nicht ahnend, dass sie ihn fortan über mehrere Jahrzehnte hinweg behalten sollten. Andy McCluskey: "Ich kann mich daran erinnern, das ich 'Sounds' angerufen hatte, damit sie uns in ihrem Konzertkalender erwähnten und sie fragten uns, wie wir denn heißen würden. Nachdem ich der Dame den Namen genannt hatte, sagte sie nur trocken: 'Hey Sunshine, mit solch einem Namen werdet ihr es nie zu etwas bringen'". An einem Donnerstag, am 12. Oktober 1978 *), war es dann soweit: Andy und Paul (sowie Paul Collister, der sich neben dem Tonbandgerät noch um den Sound der kleinen, von Steve Hollas geliehenen SechsKanal-Soundanlage kümmerte) testeten - als Vorgruppe des britischen Comedian, Musikers und Schriftstellers John Dowie, der gerade mit seinem satirischen Song "British Tourist (I Hate the Dutch)" angesagt war - die Theorie ihrer "Tape Recorder Music" "live" auf der Bühne des "Eric’s Club" in Liverpool - unter dem sonderbaren und ungewöhnlichen Namen ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK.

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Andy McCluskey und Paul Humphreys "live" während einem ihrer Auftritte im "Eric's Club", 1978 (wahrscheinlich wurden diese Fotos sogar während ihres ersten Auftritts dort geschossen) Andy mit seinem original "Wilson Rapier'-Bass für Linkshänder, den er als Rechtshänder falsch herum spielte

Ihrer Band einen solch langen, umständlichen und noch dazu ziemlich komplizierten Namen zu geben, war möglicherweise nicht unbedingt sehr klug - doch Paul Humphreys brachte es auf den Punkt: "Wir brauchten einen Namen, der den Leuten klarmachte, dass wir keine Punkband waren" . McCluskey sagte dazu in einem Interview für die Musikzeitschrift "Sounds" 1980: "Es war der blödeste Name, der uns eingefallen war". Dabei war ein Name dieser Art zu dieser Zeit nicht wirklich außergewöhnlich. Paul Collister erinnert sich: "Was die Leute oft übersehen ist, dass 'Orchestral Manoeuvres In The Dark' in Anbetracht anderer Bands kein außergewöhnlicher Name für eine Liverpooler Band in dieser Zeit war. Es gab ja bereits 'A Flock Of Seagulls', 'The Teardrop Explodes', 'Echo And The Bunnymen' und 'Dalek I Love You'. Ich war nur froh, dass Andy so alberne und selbstgefällige Namen wie 'Hitlerz Underpantz' und 'The ID' wieder fallen ließ. Wir alle haben sehr hart gearbeitet, um für die Band Werbung zu machen. Andy und ich waren oft in der Nacht unterwegs und plakatierten die Straßen von Liverpool mit einem von Andy entworfenen und selbst gedruckten Poster".

Paul Humphreys "live" im "Eric's Club", 1978 (links) Andy und Paul vor dem Eingang des Clubs in der "Mathew Street" (rechts)

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Ein von Andy McCluskey selbst entworfenes Konzertplakat

Zu ihrem ersten Auftritt äußerte sich Andy McCluskey in einem Interview mit dem "New Musical Express" am 22.11.1980 folgendermaßen: "Paul und ich begannen ausschließlich zu unserem eigenen Interesse Songs zu schreiben. Wir machten das zwei Jahre lang, aber wir wollten wissen, wie sich die Songs auf der Bühne anhörten und wollten es einfach nur ausprobieren. Dies war der einzige Grund, warum wir im 'Eric's' auftraten. Alles was danach kam war ein zusätzlicher Bonus für uns". Jedenfalls waren zu ihrem Debüt nicht mehr als vierzig Leute erschienen (darunter auch Holly Johnson, zu dieser Zeit Bassist der Gruppe "Big In Japan" und einige Jahre später Megastar bei "Frankie Goes To Hollywood") und gut die Hälfte davon waren Freunde und Familienangehörige von Andy und Paul. Mit dem Vollzug dieses Auftritts war das Projekt "Orchestral Manoeuvres in the Dark" für Andy und Paul im Grunde abgeschlossen und erledigt - und wäre im günstigsten Falle vielleicht noch als eine unbedeutende Randnotiz in der Geschichte des "Eric's Club" der Nachwelt erhalten geblieben. Umso überraschter waren die beiden, dass Clubbesitzer Roger Eagle ihren Auftritt großartig fand und sie für weitere Auftritte haben wollte - eine Sympathiebekundung, die ein Großteil des Publikums an diesem Abend nur bedingt erwiderte und ihren Auftritt mit zurückhaltendem Applaus und einigen wenigen Zwischenrufen wie "Lasst euch die Haare schneiden!" und "Gebt eure Fulltime-Jobs nicht auf!" bedachten. "Wir wurden nicht ausgebuht - was schon mal nicht schlecht war", erinnert sich Andy McCluskey. "Richtig begeistert oder beeindruckt war allerdings auch nicht wirklich jemand“. "Orchestral Manoeuvres", oder kurz "OM", (Anm.: Zu Beginn ihrer Karriere wurde das Kürzel "OMD" noch nicht verwendet, daher nachfolgend die Abkürzung "OM") spielten in der Folgezeit noch weitere sieben Mal im "Eric's Club".

Die ursprüngliche Besetzung von OMD (1978 bis Januar 1980): Andy McCluskey, das 4-Spur-"TEAC A344"-Tonbandgerät genannt "Winston" und Paul Humphreys

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Andy McCluskey merkte zum Thema "Eric's Club" viele Jahre später später noch Folgendes an: "Als Punk populär wurde, hatten wir schon unseren Gegenentwurf dazu gefunden. Aber Punk war dennoch sehr nützlich für uns. Es war diese Haltung - einfach aufstehen und es tun. Wir konnten nicht spielen, wir hatten noch nicht einmal alle Instrumente - wir sind einfach aufgestanden und haben es getan. Wir wagten uns auf die Bühne des 'Eric's Club', der Ende der 1970er-Jahre allen Arten von Bands, die sonst nirgendwo eine Chance hatten, eine Plattform anbot. Alle guten Bands aus unserer Ära kamen aus den Provinzstädten Manchester, Liverpool, Sheffield. Für ein oder zwei Jahre dezentralisierte sich die ganze Musikindustrie und für Jugendliche gab es plötzlich unheimlich viele Möglichkeiten, ihren eigenen lokalen Veranstaltungsort zu finden, um sich dort abzureagieren". Andy weiter: "Das 'Eric's' war unser 'Cavern'. Sie ließen uns dort spielen, woraufhin wir dann auch in den Konzertkalender des 'Sounds'-Magazins kamen, eben weil wir in einem namhaften Schuppen auftraten. Die ganze Punk-Geschichte hat für uns gearbeitet, wir sahen uns damals als 'Synth Punks'". Andy brachte es abschließend auf den Punkt: "Ohne den 'Eric's Club' hätte es 'Orchestral Manoeuvres In The Dark' definitiv nie gegeben".

*) Das exakte Datum bezüglich des ersten Auftritts von 'Orchestral Manoeuvres In The Dark' gab immer wieder Anlass zu Spekulationen - zuletzt 2010 im offiziellen OMD-Forum, woran sich auch Andy McCluskey beteiligte. Er und Paul Humphreys sind sich sicher, ihren ersten Gig als Vorgruppe von "Joy Division" gespielt zu haben. Hierzu gibt es mehrere verschiedene Datumsangaben: Der 9. September 1978 (es existiert für diesen Tag tatsächlich eine Konzertanzeige von "Joy Division" für den "Eric's Club"), der 28. September 1978 (dieses Datum nennt eine im Frühjahr 1985 offiziell veröffentlichte OMD-Biografie und der "Christmas 1984 Fan Club Newsletter"), sowie der 27. Oktober 1978 (hier spielten OM erwiesenermaßen mit "Joy Division" - allerdings war dies bereits der zweite Auftritt von OM und fand im "Factory Club" in Manchester statt). Von allen drei Datumsangaben existieren allerdings keinerlei unabhängige Quellen, die gesichert darauf hinweisen würden, das hier tatsächlich der erste Auftritt stattgefunden haben könnte.

Die "St. Andrews Church Hall" in West Kirby und das auf den 16. September 1978 datierte Konzertplakat

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Anfang 2014 tauchte in "eBay" dann noch ein Original-Konzertplakat vom 16. September 1978 auf - mit einer Bestätigung von Andy McCluskey, das dieser Auftritt in der "St. Andrews Church Hall" in West Kirby der erste Auftritt gewesen wäre. Hierzu entbrannte im Folgenden eine Diskussion in "Facebook", woraufhin sich auch Julia Kneale zu Wort meldete: Sie selbst war bei diesem Konzert anwesend und bestätigte auch, das es sich bei den Angaben auf dem Plakat tatsächlich um Andy's Handschrift handele. Ob es nun ein Gig von "The ID" oder "Orchestral Manoeuvres" war - darüber sei sie sich allerdings nicht wirklich sicher. Auf der Bühne hätten jedoch die verbliebenen Mitglieder von "The ID" gestanden neben Andy und Paul also auf alle Fälle auch noch Malcolm Holmes.

Die 1987 erschienene, offizielle OMD-Biografie, verfasst von Paul's Bruder Mike, der beim ersten Auftritt zugegen gewesen war und den "Eric's Club" als Ort dieses Auftritts angibt, nennt den 12. Oktober 1978, was ein 2010 aufgetauchtes Flugblatt des "Eric's Club" zusätzlich verifiziert. Hier werden "Orchestral Manoeuvres In The Dark" als Vorgruppe von John Dowie genannt, mit dem Hinweis, das dies ihr erster Auftritt seit der Auflösung von "The ID" wäre. Zusätzlich bestätigte dies John Dowie, der an diesem Abend nach Andy und Paul auftrat, auf Anfrage: "Ich kann nach bestem Wissen bestätigen, das der Termin, den ich mit OMD im 'Eric's' hatte, ihr erster Auftritt war. Ich erinnere mich daran, das sie mir das sogar sagten, als wir uns vor dem Konzert kurz unterhalten hatten. Leider habe ich von diesem Abend weder Erinnerungsstücke noch eine Aufnahme. Soweit ich mich erinnere, war die Anzahl der Besucher recht überschaubar, aber es war kein undankbares Publikum. Ich war jedenfalls beeindruckt von diesen zwei jungen Burschen, die etwas Neues und Abenteuerliches machten und ihre ganz eigene Identität begründeten als sie auf die Bühne traten, anstatt irgendeiner Herde nachzulaufen. Über ihren späteren Erfolg war ich nicht überrascht und freute mich für sie".

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B / THE FACTORY - ORCHESTRAL MANOEUVRES SIND "INDEPENDENT" Tony Wilson, Peter Saville, John Peel und die erste Single "Electricity"

Bild links: Vor dem "Factory"-Club in Manchester: Peter Saville, Designer der ersten Album- und Singlecovers (links), Tony Wilson, Inhaber von "Factory"-Records (Mitte) und Mitbesitzer Alan Erasmus (rechts) Bild rechts: Tony Wilson, Moderator bei "Granada TV"

1978 (2. Halbjahr) - 1979 (1. Halbjahr) Roger Eagle, Besitzer des "Eric's Club" (andere Quellen nennen noch zusätzlich Mitbesitzer Pete Fulwell), der Andy und Paul nach Kräften unterstützte und sie immer wieder in ihren Bestrebungen ermutigte, stellte schon bald nach OM's Debüt-Auftritt in seinem Club Kontakt zu Tony Wilson her. Wilson arbeitete als Moderator bei dem in Manchester ansässigen TV-Sender "Granada Television" und hatte im Januar 1978, zusammen mit dem arbeitslosen Schauspieler und Band-Manager Alan Erasmus, das Unternehmen "The Factory" gegründet. Der Name wurde zunächst (ab Mai 1978) für einen Club genutzt, der lokalen Bands wie "The Durutti Column" (seinerzeit unter dem Management von Erasmus und Wilson) und "Cabaret Voltaire" eine Auftrittsmöglichkeit bieten sollte. Die Gestaltung der Werbeplakate für den Club überließ man Peter Saville, einem dreiundzwanzigjährigen Grafikdesign-Studenten aus Manchester, den Tony Wilson während eines Patti Smith-Konzertes kennengelernt hatte. Am 27. Oktober 1978, gut zwei Wochen nach ihrem Debüt im "Eric’s Club", traten OM auf Empfehlung von Roger Eagle schließlich im "Factory"-Club in Manchester auf. Wilson zeigte sich zwar beeindruckt von dem, was Andy und Paul an musikalischer Innovation auf die Bühne brachten - weitaus mehr begeisterte ihn allerdings eine andere neue Band, die ebenfalls an diesem Abend auftrat, ihre Musik als "Industrial Rock" bezeichnete und die noch dazu aus seiner Heimatstadt stammte - "Joy Division". Hilfestellung bekamen Andy und Paul auch weiterhin von Paul Collister, der sich in der Regel zwar im Hintergrund hielt, für die beiden aber immer unentbehrlicher wurde. Denn Collister war der Einzige im Umfeld von Andy und Paul, der sich mit dem Bedienen von Mischpulten und der Live-Soundanlage auskannte, zudem über ein bisschen Geld verfügte und noch dazu Zugang zum Firmenlieferwagen seines Arbeitgebers hatte, was sich für die Fahrten zu den Liveauftritten als überaus praktikabel erwies. Und da war auch noch die nach wie vor in seinem Besitz befindliche Tonbandmaschine genannt "WINSTON", auf deren Einsatz Andy und Paul ihr gesamtes Live-Repertoire aufbauten und unmöglich darauf verzichten konnten.

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Darüber hinaus vertrauten die beiden Collister als ihrem Freund - was sie ungeachtet der Tatsache, dass Collister's Wissen und Erfahrung in Bezug auf das Musikbusiness so ziemlich gegen Null tendierte, dazu veranlasste, ihm die Verantwortung als ihr Manager zu übertragen. Collister tätigte von da an alle geschäftlichen Belange und Gespräche für OM und vereinbarte weitere lokale Auftritte in und um Liverpool. Ferner kümmerte er sich auch weiterhin um das Sound-Equipment für ihre Live-Shows, denn diesbezüglich waren sowohl Andy als auch Paul in technischer Hinsicht völlig ahnungslos.

Paul Collister (Mitte) Erster Manager von OM und Produzent des Debütalbums (unter dem Pseudonym "Chester Valentino") links: Collister zusammen mit Andy und Paul, rechts: Paul Collister 2004

Collister führte zum Beispiel schon recht bald die Verwendung sogenannter "DI" (Direct Injection)-Boxen ein, was sich als ein richtungsweisender Schritt hin zum ganz besonderen Sound von OM erweisen sollte. Die meisten Rockbands spielten ihre Instrumente über Verstärker, die sie in der Regel mit Mikrofonen abnahmen und so in die großen Lautsprecher der P.A. übertrugen. Für die auf Synthesizer basierende Musik von OM war diese althergebrachte Verfahrensweise allerdings nicht geeignet - denn heraus kam dabei am Ende nur ein sehr lauter, verzerrter und undifferenzierter Lärm. Collister schuf somit den klar umrissenen Sound, der die Melodien von OM in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen vermochte und ihnen so erst ihre Anziehungskraft verlieh.

"Radio City"-DJ Phil Easton - er spielte OM zum ersten Mal im Radio

Der Liverpooler Alternativ-Radiosender "Radio City" veranstaltete jährlich einen Songwettbewerb für Nachwuchskünstler, den "Battle Of The Bands", organisiert von Rock-DJ Phil Easton. Andy und Paul beabsichtigten ebenfalls daran teilzunehmen. Dafür wählten die beiden den Song "Electricity" aus und nahmen ihn in Paul Collister’s kleinem Garagenstudio (welchem er mittlerweile den Namen "Henry's" gegeben hatte) mit den wenigen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln auf. Zusätzlich brachten sie ein weiteres Lied, welches sie neu geschrieben hatten, auf Band - "Almost" (inspiriert dazu wurde Andy durch "The Teardrop Explodes" und ihren Titel "Camera Camera"). Diese Aufnahme schickten sie umgehend an den Radiosender, darüber hinaus noch an verschiedene lokale Konzertveranstalter und auch an das

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Liverpooler Plattenlabel "Zoo Records", das allerdings keinerlei Interesse an der Band zeigte. Paul und Andy probten weiter in Collister's Garage und schrieben einige weitere neue Songs, darunter auch das Stück "Messages". Es folgten einige weitere lokale Auftritte und es wurde nun schnell deutlich, dass wohl doch mehr aus dem Projekt "Orchestral Manoeuvres In The Dark" werden würde als der ursprünglich geplante einmalige Auftritt im "Eric’s Club". Und "Radio City" spielte "Electricity" tatsächlich in seinem Programm! Andy und Paul waren natürlich mächtig stolz, als sie ihren eigenen Song zum ersten Mal während einer Fahrt im Auto hörten. Andy McCluskey erinnerte sich: "Wir hatten gerade Paul Collister's Haus verlassen, uns ins Auto gesetzt und fuhren so die Straße entlang, als wir so ganz nebenbei 'Electricity' hörten. Das war nicht besonders ungewöhnlich, da wir davon Unmengen an Kassetten im Auto herumliegen und die auch andauernd laufen hatten. Erst langsam dämmerte uns, das da gar keine Kassette im Gerät und das Radio an war. Wir waren im Radio! Wir hielten sofort am Straßenrand an und warteten bis zum Ende des Liedes, bis Phil Easton abmoderierte: 'Das war 'Electricity' von 'Orchestral Manoeuvres In The Dark'. Es war das erste Mal, das wir uns selbst im Radio hörten und wir flippten aus! Einer unserer aufregendsten Momente in unserem ganzen Leben".

Andy McCluskey und Paul Humphreys, 1979

Von ihrer Musik alleine konnten Andy und Paul indes nicht leben. Zudem konnten sie sich auf Dauer auch nicht darauf verlassen, das Paul Collister - allein schon aus finanzieller Sicht - fortwährend dazu in der Lage sein würde, alle nötigen Schritte für ihr Vorwärtskommen in die Wege zu leiten. Um sich weiteres, notwendiges Equipment leisten zu können, mussten sich beide notgedrungen Arbeit suchen. Andy bekam einen Job als Nachwuchs-Führungskraft beim Zollamt, was recht gut bezahlt wurde und OM durch so manchen finanziellen Engpass half. Paul wiederum verdiente als Hilfskraft in der örtlichen Badeanstalt etwas Geld hinzu. Jede sich bietende Chance, die ihre Lage möglicherweise verbessern konnte, wurde ergriffen - und so kam nun erneut Tony Wilson ins Spiel. Neben seinem Engagement für den "Factory"-Club moderierte Wilson die "What's On"-Show des lokalen TV-Senders "Granada TV", in der regelmäßig neue Künstler und Bands vorgestellt wurden – was zumindest aus regionaler Sicht zwangsläufig einen weitaus höheren Bekanntheitsgrad mit sich brachte. Als Andy und Paul dort Ende 1978 den ersten TV-Auftritt von "The Human League" (mit ihrem Song "Being Boiled") mitverfolgten, rief Paul Collister unmittelbar nach der Sendung dort an, um Tony mitzuteilen, dass auch OM gerne in seiner Show auftreten würden.

Tony Wilson und Ehefrau Lindsay Reade, das "Cargo Studio" in Rochdale, Produzent Martin "Zero" Hannett

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Collister schickte ihm daraufhin eine der "Electricity/Almost"-Kassetten zu, von der Wilson allerdings nicht sonderlich angetan war - umso mehr jedoch seine Frau Lindsay Reade, die "Electricity" begeistert in Endlosschleife spielte und ihren Mann schließlich doch noch davon überzeugen konnte, sich mit der Band in Verbindung zu setzen. Da jedoch alle in Frage kommenden Termine in seiner TV-Show bereits anderweitig verplant waren, konnte er der Band nichts Konkretes für die nahe Zukunft versprechen - machte Andy und Paul aber den Vorschlag, eine Single bei ihm aufnehmen zu können. Im September 1978 hatte sich das "Factory"-Trio Wilson, Erasmus und Saville dazu entschlossen, eine Platte mit den Bands zu veröffentlichen, die in ihrem Club aufgetreten waren - "The Durutti Column", "Joy Division", "Cabaret Voltaire" und der Comedian John Dowie. "Factory Records" wurde aus der Taufe gehoben, mit dem Produzenten Martin Hannett als unternehmerischem Partner. Das "Factory Records"Label hatte sein Hauptquartier zunächst im Haus von Erasmus in der "Palatine Road" in Manchester. Die erste "Factory"-Veröffentlichung fand im Januar 1979 statt - "A Factory Sample", eine Doppel-7"-Single ("FAC 2") mit den oben genannten Künstlern. Gegen Ende des Jahres 1979 wurde der Manager von "Joy Division", Rob Gretton, fünfter Partner des Labels.

"The Factory" wurde im Januar 1978 von Tony Wilson, Alan Erasmus und Peter Saville aus der Taufe gehoben. Später stieß Produzent Martin Hannett als unternehmerische Partner mit dazu Das Hauptquartier von "Factory Records" befand sich anfangs in einer Wohnung im ersten Stock dieses Gebäudes in der "Palatine Road" Nr. 86, in der Vorstadt von Manchester

Andy McCluskey: "Wilson meinte, wir würden Pop-Musik der Zukunft machen - worauf hin wir zunächst zutiefst beleidigt waren. Wir waren davon überzeugt 'experimentell' zu sein". Während bis dahin die meisten Leute - und auch Andy und Paul selbst - in OM ausschließlich eine Art englische Variante dieses "verrückten deutschen 'Kraftwerk'-Zeugs" sahen, so erkannte Tony Wilson bereits vorausschauend das Hit-Potential von OM. Per Handschlag und einer einfachen Fifty/Fifty-Regelung nahm er OM bei seinem Label "Factory" unter Vertrag, allerdings unter der Bedingung, das "Electricity" und "Almost" mit einem Produzenten neu aufgenommen werden mussten. In den "Cargo Studios" in Rochdale, wo auch "Joy Division" gerade ihre ersten Songs produzierten, wurden die beiden Stücke schließlich auf Band gebracht - für Andy und Paul ein erster Vorgeschmack darauf, in einem relativ vernünftigen Studio zu arbeiten. Fertig abgemischt wurden die Titel dann im "Strawberry"Studio in Stockport. Doch waren sie mit dem Endergebnis des Haus-Produzenten Martin "Zero" Hannett überhaupt nicht zufrieden und lehnten die Aufnahmen rundweg ab. Tony Wilson jedoch war von Hannett’s Version von "Almost" sehr angetan. Am Ende setzten Andy und Paul zumindest durch, dass die ursprüngliche, von Paul Collister aufgenommene Version von "Electricity" für die A-Seite der Single verwendet wurde, während Tony Wilson sich wiederum für Martin Hannett’s Version von "Almost" als B-Seite entschied.

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"Factory"-Katalognummern 1-3 (Künstler, Titel, Designer, Format und Datum): FAC-1 / Various Artists: The Factory (Club No. 1) / Peter Saville / Event-Poster /Mai 1978 FAC-2 / Various Artists: A Factory Sample / Peter Saville / 2 × 7"-Single / Jan. 1979 FAC-3 / Various Artists: The Factory (Club No. 2) / Peter Saville / Event-Poster / Okt. 1978

"Factory"-Katalognummern 4-6 (Künstler, Titel, Designer, Format und Datum): FAC-4 / Various Artists / The Factory December (Club No. 3) / Tony Wilson / Event-Poster / Dez. 1978 FAC-5 / A Certain Ratio - "All Night Party" & "The Thin Boys" / Peter Saville / 7" Single / Mai 1979 FAC-6 / Orchestral Manoeuvres in the Dark / "Electricity" & "Almost" / Peter Saville / 7" Single / Mai 1979 Die erste Single von OM - "Electricity" wurde im aufwändigen schwarz auf schwarz-Thermodruckververfahren hergestellt - von " Roberts and Sons Printers", Chapel Street, Salford gedruckt und von Hand gefaltet und verklebt

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Der ehemalige Kunststudent Andy McCluskey, der in der Regel alle anfallenden künstlerischen Arbeiten übernahm und auch selbst ausführte (beispielsweise die Gestaltung der Konzertplakate), hatte für die geplante Single bereits ein eigenes Cover entworfen. Denn sowohl er, als auch Paul Humphreys, waren sehr bedacht darauf sicherzustellen, das alles unter ihrer eigenen künstlerischen Kontrolle blieb, inklusive des Artworks. Von Tony Wilson wurde für diese Arbeit jedoch "Factory"-Partner Peter Saville favorisiert, welcher das Cover von "Electricity" letztendlich auch realisieren durfte - nachdem es Wilson schlussendlich gelungen war Andy davon zu überzeugen, einen professionellen Designer dafür zu engagieren. "Electricity" war neben der zeitgleich im Mai 1979 herausgebrachten 7"-Single "'All Night Party" der Band "A Certain Ratio" die erste Single überhaupt, die "Factory Records" von einer bei ihnen unter Vertrag stehenden Band veröffentlichte (Anm.: Alle Veröffentlichungen des Labels erhielten eine Katalognummer, für Singles wie auch für Objekte beginnend mit "FAC". Die Nummern wurden allerdings nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge vergeben. So bekam "Electricity" schließlich die Nummer "FAC6", die Single von "A Certain Ratio" die Nummer "FAC5". Bei "FAC 1", "FAC3" und "FAC4" handelte es sich lediglich um Konzertposter).

Die erste Werbeanzeige für "Electricity" - entworfen von Andy McCluskey

Was sich mittlerweile allerdings abzuzeichnen begann, war ein gewisses Durcheinander in Bezug auf die richtige Bandbezeichnung. Vielen war der Gebrauch des vollständigen Bandnamens zweifellos zu umständlich - infolgedessen wurden zahlreiche Kürzel dafür erfunden, die - ohne das die Band einen direkten Einfluss darauf hätte nehmen können - im Laufe der Zeit ihre ganz eigene Dynamik entwickelten. Die korrekte Abkürzung von "Orchestral Manoeuvres in the Dark" war "OMITD", die auch bevorzugt von der Musikpresse benutzt wurde. Andere wiederum verwendeten lieber "Orchestral Manoeuvres", "Orch Man" oder kurz "OM", in Liverpool selbst nannte man sie nur "The Orchs". Es sollte noch einige Zeit dauern, bis man sich auf eine offizielle und einheitliche Kurzform einigen konnte.

John Peel - englischer "Radio 1"-Kult-DJ (links), OM "live" beim "Leigh Valley"-Rockfestival, 1979 (Mitte und rechts)

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"The Factory", Manchester (Russel Club, The Factory I) in der "Royce Road" (Moss Side, Hulme) Anzeige und Flyer für den 11. Mai 1979

Die limitierte Debüt-Single "Electricity", veröffentlicht im Mai 1979, mit einem aufwändigen, im Thermodruckverfahren hergestellten Cover, verkaufte als limitierte Independent-Veröffentlichung in den ersten Wochen nach Erscheinen alle produzierten fünftausend Stück, was zum großen Teil auch an der tatkräftigen Unterstützung des englischen "Radio-One"-DJ’s John Peel lag. Er mochte das Stück und spielte "Electricity" in seiner überregional bekannten BBC-Late-Night-Show. Dadurch wurde auch ziemlich schnell die Musikpresse auf den Titel und auf OM im Besonderen aufmerksam. So bewertete der "NME" am 9. Juni 1979 die Platte als "das zur Zeit beste Beispiel von 'Factory-Records' - exzellenter melodischer Synthesizerpop". Tony Wilson machte sich nun umgehend an die Arbeit - denn das Eisen war jetzt heiß und musste weiter geschmiedet werden. Unverzüglich organisierte er eine kleine Tournee mit einigen seiner damaligen "Factory"-Künstlern "Joy Division", "A Certain Ratio" und John Dowie. Diese Tour führte OM erstmals heraus aus Liverpool - sie spielten nun in Manchester, Leeds, Sheffield, Blackpool und zum ersten Mal auch in der Hauptstadt und Musikmetropole London. Dennoch - das Geld, welches durch die "Electricity"-Single und die "Factory"-Gigs eingespielt wurde, reichte gerade mal dafür aus, um ihr Hotel und die Reisekosten zu bezahlen. Die Anschaffung von dringend benötigtem, neuem Equipment konnte dadurch jedenfalls nicht gestemmt werden - Andy und Paul waren weiterhin dazu gezwungen, mit lächerlich wenig Instrumenten auskommen: Einem elektrischen "Selmer"-Piano, einer elektrischen "Vox"-Orgel und einem "Korg"-Micro Preset-Synthesizer, den sie auf Ratenzahlung aus einem Versandkatalog erstanden hatten. Erschwerend kam noch hinzu, das bei einem Gig in der "Acklam Hall" in London-Kensington Andy's Bass gestohlen wurde, welchen er bereits seit seinem sechzehnten Geburtstag besessen hatte und nun durch einen "Fender"-Jazz Bass ersetzt werden musste. So konnten OM auch weiterhin nicht auf Andy's gutbezahlten Job beim Zoll verzichten. "Tony Wilson erzählte uns, das wir schon bald unsere gewöhnlichen Jobs aufgeben könnten", erinnert sich Andy. "Für uns war das eine absolut unrealistische Einschätzung". Schneller als von den beiden erhofft, sollte sich jedoch schon bald herausstellen, das Wilson Recht behalten würde - denn positive Entwicklungen hinsichtlich einer Verbesserung ihrer Situation begannen bereits ihren Lauf zu nehmen: "Factory" verschickte nun Kopien von "Electricity" an alle führenden Plattenfirmen und Verlage in London, von denen einige auch deutliches Interesse an OM bekundeten. Eine der telefonischen Rückmeldungen, welche schon bald bei "Factory" eingingen, fiel dabei durch seine herzliche und aufrichtige Art und Weise - aber auch durch die Hartnäckigkeit der Anruferin - ganz besonders auf.

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Erster Zeitungsartikel über OM im Musikmagazin "Sounds" vom 24. März 1979

"The Beat Goes On"-Ausstellungsstück im Liverpooler "World Museum" 2008/2009: Der erste Synthesizer - bestellt aus einem Versandkatalog, finanziert durch Andy und Paul's Arbeitslosenunterstützung und bezahlt auf sechsunddreißig Raten

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C / DIN DISC, GARY NUMAN & THE GRAMOPHONE SUITE

Major-Plattenvertrag, Tour mit England's Shooting-Star Nr. 1 und erste Aufnahmen im eigenen Studio

1979 Carol Wilson (mit "Factory"-Boss Tony Wilson weder verwandt noch verschwägert) leitete als Direktorin bereits fünf Jahre lang sehr erfolgreich die Verlagsabteilung des Plattenlabels "Virgin Music" und war dort mitverantwortlich für die Verpflichtung von Künstlern wie Sting, Tom Petty und "The Human League", bevor sie von "Virgin"-Chef Richard Branson das Angebot bekam, ihr eigenes Plattenlabel innerhalb seines Konzerns aufbauen zu dürfen. So entstand schließlich "DinDisc Records" - ein neues, speziell für alternative Musik konzipiertes Unterlabel von "Virgin". Auch sie bekam ein Exemplar der von Tony Wilson verschickten Singles von "Electricity" auf ihren Schreibtisch und besuchte OM daraufhin am 27. April bei einem Auftritt im Liverpooler "Eric’s Club", wo Andy, Paul und "Winston" als Vorband von "The Teardrop Explodes" auftraten. Carol Wilson, ein großer Fan von "Kraftwerk" und mit einer Vorliebe für eingängigen und melodischen Elektrosound, war beeindruckt von ihrer Musik und vor allem von Andy’s abgedrehtem Tanzstil, den er seit seinem Engagement bei "Pegasus" weiter "verfeinert" hatte. Restlos überzeugt vom Potential OM’s war sie spätestens ab dem Zeitpunkt, als man ihr ein Demo-Tape mit vier neuen Songs zukommen ließ, welches Andy und Paul - finanziert von Tony Wilson, bzw. "Factory" - zwischenzeitlich in den "Cargo-Studios" in Rochdale aufgenommen hatten. Darauf enthalten waren die Titel "Bunker Soldiers", "Red Frame/White Light", "Messages" und eine neue Version von "Julia’s Song". Besonders das Stück "Messages" tat es Carol ungemein an. Sie vertrat die Auffassung, dass "Messages" zweifellos das Zeug zu einer potentiellen Hit-Single hätte. Tony Wilson von "Factory" war im Grunde recht froh darüber, dass Carol und "DinDisc" Interesse an OM zeigten, denn schon zu diesem Zeitpunkt war ihm bereits bewusst, dass er OM früher oder später nicht bei seinem "Factory"-Label würde halten können. Dafür räumte er ihnen zu große Hit-Chancen ein, deren im Vorfeld zu erbringenden Voraussetzungen er ihnen keinesfalls garantieren konnte. Dementsprechend einigte er sich mit Carol Wilson schließlich über den Wechsel von OM zu "DinDisc". Lediglich die Unterschriften von Andy und Paul waren nun noch erforderlich, um den Plattendeal perfekt zu machen.

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Carol Wilson von "DinDisc Records" sorgte für den kommerziellen Erfolg

1979 kreuzten sich immer wieder die Wege von OM und "Joy Division", welche ebenfalls bei "Factory" unter Vertrag standen und OM oft als deren Vorband fungierten oder sie sich gemeinsam - meist noch zusammen mit anderen Bands - den Abend über die gleiche Bühne eines Clubs oder Festivals teilten. "Ich mochte OM als Gruppe sehr...", schrieb "JD"-Bassist Peter Hook in seinem 2014 veröffentlichten Buch "Unknown Pleasures - Inside Joy Division" - "...ich war immer davon überzeugt, dass sie wirklich gut und noch dazu nette Jungs waren". Zusammen mit ihrem damaligen Freund Mike Howlett besuchte Carol Wilson nun im Mai ein weiteres Konzert von OM, welches sie zusammen mit "Joy Division" im "Empress Ballroom" in Blackpool gaben. Den Auftritt selbst verpassten sie zwar knapp, trafen Andy und Paul dort aber gerade noch rechtzeitig während des Einladens ihres Equipments an. Noch am gleichen Abend unterbreitete sie ihnen umgehend das Angebot zur Vertragsunterzeichnung. "DinDisc" war bis dahin die einzige, ernsthaft an OM interessierte Plattenfirma und stellte ihnen insgesamt eine Summe von zweihundertfünfzigtausend Pfund für insgesamt sieben Alben in Aussicht, davon dreißigtausend Pfund als Vorschuss für die Aufnahme des ersten Albums und neun Cent für jede verkaufte Platte - der Standard-Langzeitdeal, den Plattenfirmen zu dieser Zeit neuen Bands gewöhnlich anboten. "250.000 Pfund war eine Zahl, die wir kaum fassen konnten. Wir dachten, das wir jetzt verdammt reich werden würden!", so Andy McCluskey. Dennoch zögerten Andy und Paul noch eine Weile damit, das Angebot anzunehmen und betrauten Paul Collister damit, mit "DinDisc" über die Vertragsangelegenheiten zu verhandeln. Collister legte den fertigen Vertrag daraufhin dem angesehen Anwalt Paul Rodwell vor, der sich in London auf die rechtlichen Aspekte innerhalb des Musikgeschäftes spezialisiert hatte. Andy McCluskey dazu: "Ich vermute mal, Rodwell muss völlig entsetzt gewesen sein, als er Collister zum ersten Mal sah unrasiert wie immer, mit seinen langen, ungewaschenen Haaren, seinen grünen Zähnen und stinkigen alten Turnschuhen. Er sah wirklich so aus, als würde er auf der Straße schlafen. Rodwell musste denken: 'Wenn das der Manager ist, wie wird dann wohl erst die Band aussehen?'".

Andy McCluskey, Paul Humphreys und "Winston", 1979

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Während des Jahres 1979 schrieben Andy und Paul einige weitere Songs, bis sie schließlich insgesamt ein gutes Dutzend zusammen hatten. Allerdings wussten sie nicht, wo sie ihre erste LP qualitativ einigermaßen akzeptabel aufnehmen sollten, denn gute Studios waren ihren finanziellen Verhältnissen entsprechend unbezahlbar. Man hatte sich ausgerechnet, das die Produktion ihres ersten Albums in etwa zwanzigtausend Pfund kosten würde.

"Live" im "The Factory"-Club in Manchester - 3. August 1979

Und so kam ihnen die folgende Idee: Warum sollten sie das Geld in teure Studiozeit investieren, um dann womöglich - wenn die LP ein Flop werden sollte (wovon viele ausgingen) - am Ende mit leeren Händen dazustehen? Wenn sie aber fünfundzwanzigtausend Pfund vom "DinDisc"-Vorschuss nehmen und in ein eigenes Studio und in neues Equipment investieren würden, hätten sie bei einem Misserfolg des Albums immer noch ein komplett eingerichtetes Studio, das ihnen niemand mehr hätte wegnehmen können. Vor allem Paul Collister hielt dies für eine gute Investition. Hinzu kam noch, das weder Andy noch Paul wirklich daran glaubten, das sich ihre Musik kommerziell gut genug verkaufen ließe, um damit im Falle eines Reinfalls bereits gezahlte Vorschüsse wieder zurückzahlen zu können. Andy McCluskey: "Ich und auch viele andere sind der Meinung, das unser Anwalt sicherlich genauso dachte - das 'Orchestral Manoeuvres' nur kurz Aufsehen erregen würden, aber kaum Platten verkaufen würden. Er hat wahrscheinlich das Gefühl gehabt, das dies der beste Deal ist, den wir machen konnten: 'Nehmt das Geld und schaut das ihr Land gewinnt!' Also war es auch egal, wie hoch am Ende unser prozentualer Anteil sein würde". Carol Wilson indes ließ Andy und Paul freie Hand darin zu entscheiden, wie und wo sie ihr Album letztendlich aufzunehmen gedachten, obschon sie die beiden gerne in einem großen Studio untergebracht und einen namhaften Produzenten dafür angeheuert hätte. "Ich habe nie eine Band unterschreiben lassen, bevor ich nicht sicher war, das sie erfolgreich sein würde", so Carol Wilson.

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Andy McCluskey und sein eigenwilliger Tanzstil bei Live-Auftritten, den er über die Jahre weiter perfektionierte Mitte: Andy und Paul während der Gary Numan-Tour, 1979

Doch Andy und Paul zögerten weiterhin, den Vertrag zu unterzeichnen. Nach einigen überzeugenden Festivalauftritten, u. a. mit "Echo & The Bunnymen", "Joy Division", "Public Image Ltd","Cabaret Voltaire", "The Teardrop Explodes" und "Hawkind" auf dem "Leigh Valley"- und "Futurama"-Festival bekamen OM überraschend das Angebot, vom 20. September bis 8. Oktober 1979 den damals angesagtesten Star in Großbritannien auf seiner England-Tour zu begleiten - GARY NUMAN. "Wir dachten nicht, das elektronische Musik etwas für die Charts wäre - bis Gary kam - und da war klar, elektronische Popmusik ist DAS Ding", so Paul Humphreys rückblickend viele Jahre später. Mit "Are Friends Electric?" und spätestens mit dem Nr. 1-Hit "Cars" ebnete er den Weg für den Synthie-Pop - wenn auch eher unbeabsichtigt: Rein aus Langeweile beschäftigte sich Numan während den Aufnahmen des zweiten Albums seiner Band "Tubeway Army" mit einem Synthesizer, der zufällig im Studio herumstand und ersetzte damit die ursprünglich vorgesehenen Gitarrenparts – alles Weitere wurde Geschichte. Gary hatte sich die "Electricity"-Single gekauft, unmittelbar nachdem sie von "Factory" veröffentlicht worden war und machte sich im August des Jahres bei ihrem Auftritt mit "Joy Division" in den "Nashville Rooms" in London auch "live" ein Bild von OM. Nach reiflicher Überlegung nahmen Andy und Paul schließlich das Angebot an. Diese Chance konnten und wollten sie sich nicht entgehen lassen, auch wenn existenziell gesehen ein nicht unerhebliches Risiko damit einherging. Gerade für Andy McCluskey war die Teilnahme an der Tour keine einfache Entscheidung, da er dafür seinen Job beim Zoll kündigen musste, welchen er nach einem Jahr Arbeitslosigkeit nur mit viel Mühe hatte ergattern können.

OM auf Tour mit den "Factory"-Kollegen von "Joy Division": Peter Hook (Bass), Ian Curtis (Gesang), Stephen Morris (Drums), Bernard Sumner (Gitarre)

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Spielten Andy und Paul zu Anfang des Jahres noch in kleinen Club's wie das "Eric's" oder im "Factory Club", so fanden sie sich nun in großen Konzerthallen wie das Londoner "Hammersmith Odeon" und das "Manchester Apollo" mit einem Fassungsvermögen von dreitausend Personen wieder. Gary Numan war das "Zwei Mann + Bandmaschine"-Konzept mehr als recht, beanspruchten sie so nur wenig vom knapp bemessenen Platz der Bühne, die von Numan's umfangreichem Show-Equipment fast vollständig in Beschlag genommen wurde.

"The Orchs" als Vorgruppe von Gary Numan, 1979

OM erhielten allerorten höflichen Applaus seitens der Numan-Fans und Songs wie "Almost", "Julia's Song", "Messages", "Bunker Soldiers", "Dancing" und "Red Frame/White Light" kamen durchweg positiv beim Publikum an. "Gary war sehr gut zu uns", erinnerte sich Andy - nicht ohne Anerkennung für den Star, seine Crew und die gute Behandlung ihrerseits, welcher einer Vorband in der Regel nur selten widerfährt. "Wir hatten kein Geld und seine Crew transportierte unser Equipment umsonst durch die Gegend, während wir Gary's Tourbus mitbenutzen durften, uns Backstage über sein Essen hermachten und der Crew keinen Penny bezahlten, wobei üblicherweise ein Zehner pro Tag für die Mitbenutzung der P.A. und der Lichtanlage fällig gewesen wäre". Sogar Gary Numan's Mutter kümmerte sich rührend um die beiden Youngster: "Paul und ich hatten beide nur je zwei Hemden für die komplette Tour mit dabei. Bei unserem Auftritt in Wolverhampton hatte sie Mitleid mit uns und bügelte unsere gesamten Klamotten".

Malcolm Holmes, 1979

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Gary Numan 1979 - "live" während seiner "The Touring Principle"-Tournee

Während dieser Tour unterschrieben Andy und Paul dann schließlich doch noch den Vertrag mit "DinDisc", welcher u. a. die Verpflichtung von OM zur Veröffentlichung von insgesamt sieben Alben umfasste. Paul Humphreys: "Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern als wir unterzeichneten. Andy und ich sahen einander nur an und dachten bei uns: 'Wie konnte das alles bloß passieren?' Ich weiß auch, das ich daran dachte: 'Hmm, bedeutet das jetzt, dass ich keine Arbeitslosenunterstützung mehr brauche?'". Paul Collister, dem Andy und Paul in finanziellen Dingen blind vertrauten, empfahl die Gründung einer eigenen Firma - "White Noise Ltd.". Zum Einen aus steuerlichen Gründen und zum Anderen konnten dort alle zukünftigen Einnahmen einfließen, um sie korrekt zu drei gleichen Teilen an Andy, Paul und Manager Paul Collister auszahlen zu können. "Unsere musikalische Karriere gelang wegen Paul Collister, Tony Wilson und Carol Wilson", so Andy McCluskey über dreißig Jahre später im Rückblick. "Sie alle hatten weitaus mehr Ehrgeiz uns hochzubringen als wir selbst".

Links: Die zweite Veröffentlichung von "Electricity" - diesmal bei "DinDisc" rechts: OM während eines Auftritts als Vorgruppe von Gary Numan

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Andy und Paul (links) zusammen mit Gary Numan (2. von rechts) und seiner Tour-Crew, 1979 In der hinteren Reihe: Paul Collister (4. von links)

Zu diesem Zeitpunkt ahnten weder Andy noch Paul, dass sie bei der Unterzeichnung ihres Plattenvertrages nach allen Regeln der Kunst übervorteilt worden waren. OM tappten in genau die gleiche Falle der kleingedruckten Vertragsklauseln, wie schon unzählige Newcomer-Bands vor und (leider auch immer noch) nach ihnen. Dieser Umstand sollte sich in den folgenden Jahren noch entsprechend negativ auf ihren künstlerischen Output auswirken.

Paul und Andy in ihrem "Gramophone Studio" in Liverpool rechts: Drummer Malcolm Holmes mit seinem Vater beim Ausbau des-Studios

"DinDisc" veröffentlichte sofort nach Vertragsabschluss "Electricity" erneut als Single, diesmal allerdings in der von Andy und Paul ungeliebten, in den "Cargo-Studios" von Martin "Zero" Hannett aufgenommenen Version. Doch gaben beide einvernehmlich ihr Einverständnis zur Veröffentlichung, denn wirklich jeder in ihrem Umfeld war überzeugt davon, das "Electricity" das Zeug zu einer Nr. 1-Single habe. Bei "Radio One", dem maßgeblichen Pop-Sender der "BBC", sah man das allerdings anders. Hier verdächtigte man die Band, lediglich auf den von Gary Numan ins Rollen gebrachte Synthiepop-Zug aufspringen zu wollen. Das OM sich bereits eine kleine Ewigkeit vor ihm mit dem modernen, britischen Synthesizer-Pop beschäftigt hatten,

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mit dem Numan nun als Erster einen wirklich messbaren Erfolg verbuchen konnte, war den Moderatoren nicht bekannt. Ebenso wenig die Tatsache, das John Peel den Song in seiner Originalversion bereits seit einigen Monaten regelmäßig in seinem Programm spielte. Gleich nach Beendigung der Gary Numan-Tour absolvierten OM noch einige Gigs als Headliner, u. a. unterstützt von der damals noch unbekannten englischen Band namens "UB 40" als Vorgruppe.

Die Idee mit dem eigenen Studio wurde indessen wie geplant umgesetzt. "Wir wollten ein Studio im Geist von 'Kraftwerk' kreieren, die selbst ja ihr eigenes 'Kling Klang'-Studio besaßen - quasi ein Labor zum experimentieren!", so Paul Humphreys. In kompletter Eigenleistung und unter Anleitung und tatkräftiger Mithilfe von Malcolm Holmes' Vater, begannen nun die Arbeiten für ihr zukünftiges Aufnahmedomizil der "The Gramophone Suite" - im ersten Stock eines alten Lagerhauses in der "Stanley Street" Nr. 56, inmitten des Zentrums von Liverpool gelegen und keine zweihundert Meter vom "Eric's Club" entfernt. Im Erdgeschoss des Gebäudes befand sich das Musikgeschäft "Curly Music", durch das Besucher gezwungen waren hindurch zu gehen, um in das Studio, das in der hinteren Hälfte des Stockwerks lag und "Rainford Gardens" und der "Button Street" zugewandt war, zu gelangen. Gleich gegenüber hatte der Kult-Plattenladen "Probe Records" sein Domizil. Allerdings mussten die Arbeiten des Öfteren unterbrochen werden: Zum Einen für eine erste "Live"-Aufnahmesession am 20. August 1979 für John Peel’s "Late-Night-Show" (gesendet am 3. September) und zum Zweiten für einige Auftritte als Support (zusammen mit der völlig unbekannten Band "U2") für die US-Gruppe "Talking Heads" im Dezember 1979 im Rahmen ihrer EnglandTour. Als die Einrichtung des Studios dann zumindest provisorisch soweit beendet war, dass Aufnahmen darin gemacht werden konnten und auch in absehbarer Zeit keine weiteren Live-Termine mehr anstanden, begannen OM mit der Arbeit an ihrem ersten Album - wofür sie gerade mal drei Wochen Zeit hatten!

OM als Support der "Talking Heads" - zusammen mit "U2" (Mitte und rechts) und als Headliner unterwegs mit der noch unbekannten Band "UB 40" (links)

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KAPITEL 3 (1980 – 1983) THE FIRST FOUR - DIE ERSTEN VIER ALBEN

Die Glanzzeit von OMD und ihre vier Meilensteine des klassischen Synthie-Pop

Nach Sichtung des Songmaterials der letzten vier Jahre packten OMD 1980 zehn Stücke davon auf ihr ERSTES ALBUM, das mit Hilfe von PAUL COLLISTER, ihrem Manager, Produzenten und dritten Mitstreiter im Bunde, unter primitivsten Produktionsbedingungen im eigenen GRAMOPHONE SUITE-Studio aufgenommen wurde. Tonbandmaschine WINSTON wurde für LiveAuftritte zugunsten "echter" Musiker wie DAVID HUGHES (Keyboards) und MALCOLM HOLMES (Drums) ausgemustert. Nachdem die ersten beiden Singles wenig Resonanz fanden, beauftragte DINDISC schließlich einen externen Produzenten. Die von MIKE HOWLETT neu aufgenommene Version von MESSAGES entwickelte sich daraufhin zum ERSTEN NATIONALEN HIT, ENOLA GAY zur ersten INTERNATIONALEN Hit-Single. MARTIN COOPER stößt zur Band und das schnell nachgeschobene Album ORGANISATION leitete über zu ihrem 1981 weltweit millionenfach verkauften Meisterwerk ARCHITECTURE & MORALITY, mit seinen drei Hit-Singles SOUVENIR, JOAN OF ARC und MAID OF ORLEANS. OMD (wie ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK nun abgekürzt wurde) befanden sich 1982 auf dem Höhepunkt ihrer Popularität und waren nun INTERNATIONALE POPSTARS - was sie allerdings nie hatten sein wollen. Nur der Durchbruch in den USA, der vehement forciert wurde, ließ weiter auf sich warten. Independent-Purist PAUL COLLISTER trennte sich aufgrund völlig verschiedener musikalischer Auffassungen von der Band - die Band wiederum trennte sich von DINDISC (die den Abgang ihres besten Pferdes im Stall nicht überleben sollte) und stand ab Mitte 1982 beim Mutterkonzern VIRGIN unter Vertrag - jetzt lediglich als eine Gruppe unter vielen anderen, noch erfolgreicheren Künstlern, denen der Plattenmulti seine hauptsächliche Aufmerksamkeit widmete. Trotz millionenfach verkaufter Singles und Alben stellten FINANZIELLE SCHWIERIGKEITEN ein permanentes Problem für die Gruppe dar. Die Goldenen Schallplatten hingen in den Wohnzimmern der Eltern, bei denen Andy und Paul immer noch gezwungen waren zu wohnen und erste Trennungsgerüchte machten die Runde. Mit ihrem experimentierfreudigen vierten Album DAZZLE SHIPS vergraulten OMD 1983 einen Großteil der Plattenkäufer und der kommerzielle Niedergang setzte ein, von dem sich OMD nie mehr ganz erholen sollten. Fortan orientierte man sich primär an chartstauglichem MAINSTREAM-POP, allein schon aus der Bedrängnis heraus, nur so aufgelaufene Schulden bei VIRGIN zurückzahlen zu können.

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A / O. M. i. t. D. & MESSAGES

Erstes Album, erste Hit-Single und "Top Of The Pops"

Vom Duo zur Band (Jan. bis Nov. 1980): DAVID HUGHES, PAUL HUMPHREYS, MALCOLM HOLMES, ANDY McCLUSKEY (von links)

Januar - Mai 1980 In der Presse hatte "DinDisc" den Veröffentlichungstermin des ersten OM-Albums bereits für Februar 1980 angekündigt. Das Problem dabei war allerdings, dass das "Gramophone Suite"-Studio von Andy und Paul zumindest was den Kontrollraum mit dem Mischpult betraf - zwar rechtzeitig für eine Benutzung fertiggestellt werden konnte, hingegen der eigentliche Aufnahmeraum praktisch einer Baustelle glich. Zudem hielt ein nasskalter Winter die Stadt Liverpool fest im Griff und durch das undichte Dach regnete es zum Teil in das gesamte vierstöckige, alte Gebäude. Andy blieb deshalb nichts anderes übrig, als einige der Songs unter einem Regenschirm einzusingen, um sich selbst und auch das Mikrophon vor der eindringenden Nässe zu schützen. Paul Humphreys merkte dazu später einmal an: "Würde man bei 'Pretending To See The Future' die Gesangsspur von der Musik separieren, könnte man bei genauerem Hinhören vermutlich das Wasser tröpfeln hören". Andy McCluskey und Paul Humphreys fassten die Entstehung ihres Debütalbums viele Jahre später folgendermaßen zusammen: "Im Grunde brauchten wir drei Wochen dafür, um das Studio zu bauen und nochmal drei Wochen, um das Album aufzunehmen. Sowohl das Studio, als auch das Album, wurden ziemlich rasch zusammengeschustert und man hört es dem Album letztendlich auch an. Die Aufnahmequalität ist gemessen an heutigen Maßstäben - grottenschlecht. Andererseits hat es gerade deswegen seinen Charme und spiegelt eine Naivität wider, die den damaligen Augenblick sehr charakteristisch erfasst". Paul fügte dem noch hinzu: "Ich denke, das ist auch einer der Gründe, warum die Songs einen gewisses Eindruck von Spontanität vermitteln".

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Das "Gramophone Suite"-Studio" im ersten Stock der "Stanley Street" Nr. 56, im Zentrum von Liverpool (heute ein Hotel) Das Gebäude ist Teil des ursprünglich als Tee-Lagerhaus erbauten "Kansas Buildings"-Komplexes umgeben von der "Stanley Street", "Mathew Street", "Rainford Gardens", '"Button Street" und "Whitechapel" OMD nutzten lediglich den der "Button Street"/"Rainford Gardens" zugewandten Teil (Foto links)

Das Album, welches als Titel ausschließlich den Namen ihrer Band tragen sollte, stellte unter dem Strich im Wesentlichen eine Studioversion ihres vorhandenen Live-Repertoires dar. Andy McCluskey: "Natürlich bestand das erste Album im Grunde aus den Songs, die Paul Humphreys und ich ab dem Alter von sechzehn Jahren bis zur Unterzeichnung unseres Plattenvertrages geschrieben hatten - eine Sammlung an innerhalb von vier Jahren entstandenen Liedern. Und dazwischen natürlich noch die Stücke aus den Tagen von 'The ID', die sich die Jahre über weiterentwickelt hatten". So wurden - zum Teil unter Mithilfe von befreundeten Musikern wie Drummer Malcolm Holmes (der nach dem Aus von "The ID" bei der Band "The Man From U.N.C.L.E" untergekommen war) und dem Gitarristen Dave Fairbairn - die Songs "Electricity", "Julia’s Song", "Red Frame/White Light", "Bunker Soldiers", "Dancing" und "Messages" aus ihrem bereits vorhandenen Bestand an Kompositionen übernommen und für ihr Albumdebüt aufgenommen. Als einzige neue Stücke wurden das von Martin Cooper am Saxophon unterstützte "Mystereality", sowie "The Messerschmitt Twins" und der ganz zum Schluss noch für das Album geschriebene Song "Pretending To See The Future" mit in den Longplayer integriert. Eine fertig aufgenommene Coverversion des Instrumentalstücks "Telstar" (1962 ein weltweiter Hit für die "Tornados") blieb für das Album letztendlich unberücksichtigt. Martin Cooper, ein alter Schulfreund von Paul Collister, kann sich an die Entstehung von "Mystereality" - seiner Ansicht nach einer der ersten unter dem Namen "Orchestral Manoeuvres in the Dark" geschriebenen Songs überhaupt - noch gut erinnern: "Andy und ich gammelten daheim in meinem Schlafzimmer herum. Ich bin mir nicht sicher, ob er und Paul da schon OM gegründet hatten, aber es war um die Zeit herum, als Andy von 'The ID' wegging und mit Paul zusammen auf eigene Faust etwas auf die Beine stellen wollte. Es herrschte jedenfalls ein ziemliches Durcheinander in meinem Zimmer und wir bastelten an diesem Song, mit allen verfügbaren Instrumenten, die uns dabei in die Finger kamen. Unter anderem auch ein Saxophon, das ich bis dahin noch nicht so lange spielte". Nach Ansicht von Paul Humphreys hat das Debütalbum dem Zahn der Zeit nicht ganz widerstehen können, bescheinigte ihm allerdings rund zwanzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung dennoch einen ganz besonderen Reiz: "Dieses Album ist ein typisches erstes Album, es enthält das Beste von allem, was wir vom Beginn unseres gemeinsamen Songwritings an bis dahin geschrieben hatten. Ich denke, dass unsere Einflüsse auf diesem Album sehr offensichtlich sind - mehr als auf allen anderen danach. Obwohl wir schon früh unseren eigenen Sound entwickelt hatten, kann man in einigen Songs - manchmal nur vage, manchmal sehr deutlich - die Einflüsse von Brian Eno , 'Neu!' und 'Kraftwerk' heraushören". Paul Collister, OM's Manager und gleichzeitig auch der Album-Produzent, erinnert sich in einem von Paul Browne geführten Interview aus dem Jahr 2003 an die Umstände der ersten Albumproduktion: "Das erste Album zu produzieren war mehr, als nur in einem Studio zu sitzen und an den Reglern zu schieben. Zuerst mussten wir das Studio aufbauen und als hauptverantwortliche Person - was die Technik und auch die Finanzen betraf - blieb die meiste Arbeit an mir hängen. Andy und Paul waren derweil mit den Songs

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beschäftigt und überließen mir fast alles andere. Ich erinnere mich daran, wie toll alles klang auf unseren großen 'JBL'-Lautsprechern in der 'Gramophone Suite', aber ich hatte immer das ungute Gefühl, dass wir und vor allem ich selbst - nicht wirklich wussten, was wir da eigentlich taten und dass das Endprodukt übel klingen würde - verglichen damit, wenn wir es im 'The Manor' oder 'Townhouse'-Studio aufgenommen hätten".

"We do not have a proper fan club at the moment..." So "professionell" antworteten OMD noch Anfang 1980 auf Anfragen

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Allerdings empfand Collister die ersten Aufnahmesessions nichtsdestotrotz als eine spannende und ereignisreiche Zeit: "Innerhalb sehr kurzer Zeit wechselten wir von der Garage meines Vaters (das sogenannte "Henry's-Studio"), wo wir auf 'Winston' erste Songs aufnahmen, hinüber zu unserem eigenen, selbstgebauten 16-Spur-Studio. Das Album im 'Gramophone'-Studio aufzunehmen, spiegelte im großen Maße auch das Ethos und die Wertvorstellungen der Gruppe wider - wir wollten die zehntausende an Pfund, die wir als Vorschuss bekommen hatten, in etwas investieren, das wir nutzen konnten. Der Aufbau unseres eigenen Studios würde uns eine gewisse Unabhängigkeit von der Plattenfirma verschaffen - und wenn alles andere scheitern würde, hätten wir zumindest unser eigenes Studio". Mit dem Endprodukt ist Collister auch heute noch zufrieden: "Ich mag die Ecken und Kanten des Albums. Mein Produktionsstil und auch meine armselige Studiotechnik gaben der Musik eine gewisse Rauigkeit. Andy und Paul fügten dann noch etwas mehr Raffinesse hinzu. Es war eine spannende Zeit, sich von diesem althergebrachten 'Drums, Bass und Gitarre'-Band-Ding zu verabschieden und sich auf elektronische Instrumente einzulassen". Paul Humphreys äußerte sich einige Jahre später über die Produktion des Albums, welche noch ohne den Druck eines etablierten Produzenten in völliger Eigenregie erfolgen konnte: "Wir hatten wirklich keinen Plan, was produktionstechnisch gesehen angemessen war und was nicht. Wir waren einfach nur naiv, was das ganze Business betraf - die Aufnahme, das Mixing, die Produktion. Dieselben Songs könnten mit der heutigen Art von Mega-Produktion so nicht mehr aufgenommen werden. Aber die Lieder passten in die Zeit und der einfache Sound passt zu diesen simplen Songs".

links: David Hughes, Andy McCluskey, Malcolm Holmes und Paul Humphreys (auf dem Areal des abgerissenen "Cavern"-Clubs in der Liverpooler "Mathew Street") rechts: Paul Humphreys und Malcolm Holmes im Video zu "Red Frame/White Light"

Spielten einige der Albumtracks relativ deutlich auf das Thema "Krieg" im Allgemeinen an, so distanzierte sich Andy McCluskey allerdings davon, dass dies auf irgendwelche Sympathien seinerseits dafür zurückzuführen wäre oder der Krieg an sich damit glorifiziert oder gar gerechtfertigt werden solle: "Mich interessierte lediglich, wie Menschen in eine Situation wie Krieg geraten - an die damit verbundenen Zustände, welche über die Normalität hinausgehen und ihnen dabei Kräfte verleihen, sich selbst und anderen Menschen Dinge anzutun, die sie unter anderen Umständen nie fertigbringen würden", so Andy McCluskey. Und weiter: "Die Kriegsmaschinerie fasst dies alles zusammen - dazu gesellt sich dann noch meine Faszination für Flugzeuge. Ich glaube nicht an den Krieg. Ich verabscheue Gewalt und Militarismus. Nationalismus ist lediglich eine Entschuldigung dafür, um Menschen umzubringen".

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Darüber hinaus beschäftigte Andy und Paul eine weitere Thematik, nämlich die Mechanismen der Musikindustrie an sich. Wenngleich noch weit davon entfernt, wirklich ernsthaft in das Business einverleibt worden zu sein, befürchteten beide trotz allem, dass ihre spontane Kreativität schon bald unter dem Druck dieser alles vereinnahmenden Industrie leiden würde. Ihre unguten Gefühle und Vorahnungen diesbezüglich verarbeiteten sie im Text zu "Pretending To See The Future": "See you the same place, same time, next year round / with the same kind of product and a similar sound" ("Wir sehen uns am selben Ort, zur selben Zeit, um nächstes Jahr herum / mit der gleichen Art von Produkt und dem gleichen Sound").

David Hughes (links), Mitglied bis November 1980 - ihn ersetzte später Martin Cooper (rechts)

Im Januar 1980 begannen dann auch schon die Proben für die mittlerweile geplante, erste UK-Tour als Headliner, die überwiegend in Clubs und Hochschulen über die Bühne gehen sollte, um das in Kürze erscheinende Debütalbum zu promoten. Allerdings hatten Andy und Paul bereits während der Tour mit Gary Numan ernüchtert feststellen müssen, dass ihr Konzept - zwei Musiker an Keyboard und Bass plus eine Bandmaschine - in größeren Locations auf Dauer nicht funktionierte. "Winston" entwickelte sich in zunehmendem Maße zum musikalischen Diktator auf der Bühne. Beide fühlten sich immer mehr in ihrer Spontanität beschnitten und unangenehm eingeengt. Zum Ende des Jahres 1979 entschieden sie deshalb, das Kapitel "Winston" ein für alle mal zu beenden. Um die musikalische Lücke entsprechend schließen zu können, die der Verzicht auf "Winston" zweifelsohne hinterließ, mussten Andy und Paul entgegen ihrer ursprünglichen Vision nun doch wieder auf "richtige" Musiker zurückgreifen. Mit DAVID ALAN HUGHES (geboren am 25. April 1960 in Birkenhead/Wirral), Mitglied bei "DILY" und "Pegasus", war schnell ein geeigneter Keyboarder gefunden, und für die Stelle des Drummers gab es für Andy und Paul sowieso nur einen Kandidaten, der dafür in Frage kam - Malcolm Holmes. Sporadisch stieß auch Martin Cooper, der zu dieser Zeit das College in Sheffield besuchte, für Liveauftritte zur Band hinzu. Abhängig davon, wie es ihm die Zeit erlaubte und ob er gerade zu Hause in Liverpool weilte, begleitete er Andy und Paul beim Stück "Mystereality" am Saxophon. Unterdessen wurde am 1. Februar 1980 als zweite Singleveröffentlichung - noch vor dem Erscheinen des Albums und für viele nicht wirklich hundertprozentig nachvollziehbar (hatten OM doch weitaus erfolgversprechendere Titel in petto) - der Song "Red Frame/White Light" herausgebracht. Die Kritiken fielen demzufolge recht unterschiedlich aus, doch immerhin erreichten OM mit dem Song erstmalig eine Platzierung in den britischen Charts: Rang 67. Vierzehn Tage später dann, am 15. Februar 1980, startete vom sicheren Heimathafen des "Eric’s Club" in Liverpool aus die Tour. Waren dort bei ihrem ersten Auftritt gut zwei Jahre zuvor gerade mal vierzig, überwiegend desinteressierte Leute erschienen, so zwängten sich diesmal achthundert zahlende Gäste in den viel zu kleinen Club. Penny Kiley vom "Melody Maker" schrieb am nächsten Tag darüber: "OM sind auf dem Weg, eine große Nummer zu werden...". Die insgesamt zweiundzwanzig Konzerte umfassende, sehr erfolgreiche Tour durch England und Schottland endete schließlich am 15. März mit einem weiteren Auftritt in Liverpool, diesmal in der hiesigen Universität.

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Abschiedskonzert für und mit "Winston" am 28. Dezember 1979 Was die Tonbandmaschine anscheinend nicht sehr spaßig fand und deshalb mitten im Konzert ihren Geist aufgab rechts: Die Liverpooler "Mathew Street" im Jahr 1980

Die Telefonzelle an der Kreuzung "Birkenhead-" und "Greenwood Road" in Meols - besungen in "Red Frame/White Light" und dazu genutzt, um Termine für die Band zu organisieren. Im Songtext wird auch die Telefonnummer erwähnt: (+44151) 6323003. Das gegenüberliegende Pub "The Railway Inn" in der "Birkenhead Road" Nr. 143 (links) diente als Band-Hauptquartier. Auf der Rückseite des Pubs grenzt direkt das Elternhaus von Andy McCluskey in der "School Lane" an. In der Mitte der Park.

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Das langerwartete Debütalbum, betitelt mit dem Bandnamen "Orchestral Manoeuvres in the Dark" und produziert von Paul Collister, der sich speziell dafür das Pseudonym "Chester Valentino" zulegte (zusammengesetzt aus dem Namen und Ort des "Valentino's"-Club in Chester), erschien am 22. Februar 1980 und erreichte den 27. Platz in den britischen Charts. Die Musikpresse überschlug sich fast ausnahmslos mit Lob über das Werk. So schrieb zum Beispiel der englische Kritikerpapst Paul Morley im NME am 01.03.1980: "'Orchestral Manoeuvres' Debüt-LP ist eine der Besten des Jahres". Das deutsche Musikmagazin "Musikexpress" urteilte über das Debütalbum in seiner Ausgabe vom Mai 1980 in recht konservativem Wortlaut. Nach Ansicht des Rezensenten hatten OM den Zeitpunkt bereits minimal verpasst, um ihre Musik als wirklich neu und bahnbrechend bezeichnen zu können: "Die Zeit scheint es im Moment gut zu meinen mit jenen, die Elektronik-Pop, Technik-Boogie oder MetalBeat favorisieren. Man muß nicht mehr auf die neue Kraftwerk-LP warten, um etwas Abwechslung ins Privat-Repertoire zu bringen. Andererseits zeigen sich aber auch bereits Abnutzungserscheinungen im Bereich dieser Musik an, die durch das Minimal-Konzept bedingt sind. Wären in letzter Zeit nicht John Foxx, Human League oder The Flying Lizards aktiv gewesen, dann würde ich das Debütalbum von Orchestral Manoeuvres In The Dark wahrscheinlich nonstop spielen. So aber verwischen sich da Klangeindrücke von der einen oder anderen genannten LP, tauchen wieder auf und lassen sich nur im Detail spezifizieren. Ich will damit nicht sagen, daß dieses englische Elektronik-Duo nur einen Aufguß von bereits Bekanntem bringt, nein, es variiert nur die begrenzte Ausdrucksmöglichkeit dieser Musikform durch eine andere Einfärbung. Dieses Album ist wesentlich weicher, entspannter und zugänglicher als die sehr dichte Human League-Musik und sie ist wohl weniger prägnant als John Foxx' Soloarbeit, dafür wiederum nicht so monoton und manieriert wie etwa Suicide. Stücke wie 'Electricity', das die erste Single des Orchestral Manoeuvres war, und das wie 'The Messerschmitt Twins' sofort an Kraftwerks Radio-Aktivitäts-Phase erinnert, oder 'Mystereality', das aus Brian Enos 'Another Green World' stammen könnte, bieten jenen, die dieser Musikrichtung etwas skeptisch gegenüberstehen, sicher einen einfacheren Einstieg als andere Platten. Das gilt auch für 'Red Frame/White Light', das aber wiederum direkt in John Foxx-Soloalbum METAMATIC passen würde. Und genau der hat gesagt, Ideengut sollte allen zur Verfügung stehen und von allen benutzt werden. Das ist einerseits eine sehr sympathische Einstellung, andererseits birgt sie natürlich die Gefahr, daß schnell ein Zustand der Austauschbarkeit entsteht. Orchestral Manoeuvres haben, zumindest auf diesem Album, eine persönliche Note, die sich durch den Einsatz von Saxophon, beschwingten Zuspielungen alter Grammophon-Musik auf 'Dancing' und sorgfältigen Gesangsarrangements äußert. Ob sie dem elektronischen Almanach auch weitreichendere Impulse geben können, wird sich wohl erst mit der nächsten LP zeigen. Optisch haben sie es mit einem fantastischen Cover bereits geschafft".

Das Debütalbum mit ausgestanztem Lochcover wurde in verschiedenen Farbvariationen veröffentlicht: blau/orange, schwarz/pink, grau/orange, blau/pink und später aus Kostengründen nochmals komplett überarbeitet ohne Ausstanzung

Einigen Anteil an den respektablen Verkaufszahlen von "O.M.i.t.D." hatte ohne Zweifel Designer Peter Saville, dem in jeder Hinsicht ein wirklich außergewöhnliches Cover für das Album gelungen war und dafür im Laufe des Jahres verdientermaßen auch mehrere Auszeichnungen erhielt. Saville gestaltete - unter Mithilfe von Trevor Key, Brett Wickens und Ben Kelly - ebenso die Covers der nachfolgenden Singles. "DinDisc"-Chefin Carol Wilson gelang es, Saville dafür aus dem Umfeld von "Factory" in Manchester heraus weg nach London zu locken, um fortan für sie und ihr Label zu arbeiten. "Design und Image waren zwei Dinge, die wir nicht im Fokus hatten, als wir die Band gründeten und wo wir auch nicht besonders gut darin waren", so Paul Humphreys. "Glücklicherweise war Peter brillant darin. Dieses Cover ist immer noch mein Favorit vor allen anderen, simpel und doch so schön auffällig. Aus meiner Sicht ist die 12"-Vinyl mit den Ausstanzungen wirklich ein Kunstwerk".

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Anfangs kümmerte sich noch Andy McCluskey im Rahmen seiner Fähigkeiten um grafische Dinge, vor allem was die ersten Konzertplakate betraf, die er eigenhändig entworfen und gestaltet hatte. Hier stieß er aber schon bald an seine Grenzen und überließ das Feld den Profis: "Ich hatte schnell erkannt, dass Peter Saville bessere Ideen hatte als ich. Wir trafen ihn zum ersten Mal, als wir noch bei 'Factory' waren und waren nun angenehm überrascht, das er bei 'DinDisc', wohin wir gerade gewechselt und unseren Vertrag unterschrieben hatten, als Inhouse-Art-Director seine Zelte aufgeschlagen hatte". Weiter erinnert sich Andy noch gut daran, wie das Cover letztendlich seine Form angenommen hatte: "Das erste Album war im Wesentlichen ein Peter Saville-Design, das er nach einer Idee von Ben Kelly entworfen hatte. Soweit ich mich erinnere, unterhielt sich Peter Saville mit Ben darüber, wie er denn das erste Album gestalten könnte und dachte dabei an eine Art Hi-Tec-Cover. Ben Kelly machte ihm den Vorschlag, einen Blick auf die Tür eines Geschäfts in Covent Garden zu werfen, die Ben konzipiert hatte. Es war nur ein Metallgitter mit ausgestanzten und diagonal angeordneten Rauten - und das war es. Peter übernahm die Idee und setzte sie in einer sehr kräftigen, türkisblauen Farbe um, mit einer orangenen Innenhülle, die man durch die ausgestanzten Rauten der Außenhülle sehen konnte. Und natürlich wurde es ein preisgekrönten Cover. Ich bin mir sicher, dass das Album deswegen wahrscheinlich viele tausende Male mehr verkauft wurde. Die Leute schauten sich das an und sagten sich: 'Wow! Was ist das? Ich kaufe es und werde es herausfinden!".

Das Dilemma bei der ganzen Sache war allerdings, das Andy und Paul sich nicht wirklich um das vertraglich vereinbarte Tantiemen-System kümmerten, bzw. es nicht verstanden und die Herstellungskosten für die aufwändige Plattenhülle so dermaßen teuer waren, dass für sie am Ende für jedes verkaufte Album gerade noch ein Penny übrig blieb. Ähnlich erging es einige Jahre später der Band "New Order", die mit jeder verkauften 12"-Single ihres Hits "Blue Monday" - ebenfalls von Peter Saville gestaltet - bares Geld verlor. Andy McCluskey: "Keiner dachte groß über Worte wie 'Abzug für Verpackung' im Vertrag nach. Wir sagten: 'Wir mögen diese Plattenhülle und wir wollen sie haben'. Das Drumherum interessierte uns nicht. Dann kommt die Plattenfirma und rechnet dir vor, das du nur soundsoviel an der Platte verdienst, weil mit solch einer Hülle Mehrkosten von 5 Pence im Vergleich zu einer normalen Verpackung entstehen und die sie uns natürlich von unseren Tantiemen abzogen, da wir das Cover schließlich so verlangt haben", erläutert Andy die Situation. Und weiter: "Das war der Grund, warum wir die Herstellung des ersten Covers dann ganz schnell stoppten und ein billigeres Design verwendeten, eben weil wir soviel Geld dabei verloren. Die Plattenfirma war natürlich begeistert von ihrem preisgekrönten Cover und heimste die Lorbeeren ein, während wir dafür bezahlen mussten!" Nachdem auch die nunmehr dritte Singleveröffentlichung von "Electricity" am 31. März 1980, diesmal in der Albumversion, ohne nennenswerten Erfolg geblieben (Platz 96 in England) und auch "Red Frame/White Light" sang- und klanglos untergegangen war, wurde von Carol Wilson der Titel "Messages" als nächste Single ins Auge gefasst und umgehend die Herstellung in Auftrag gegeben. Als bereits zehntausend Kopien der Albumversion des Songs auf Single gepresst waren, stoppte Andy McCluskey die Veröffentlichung. Er hielt diese Version für ungeeignet, um einen Hit damit landen zu können und teilte Carol Wilson von "DinDisc" mit, den Song neu aufnehmen zu wollen. In einem viele Jahre später veröffentlichten Interview von Paul Browne stellte Andy die damalige Situation etwas anders dar: "Das erste Album wurde ziemlich überhastet in unserem eigenen Studio aufgenommen und klingt auch so. Und wenn uns 'DinDisc' auch ziemliches Vertrauen entgegen brachte, steckten sie uns dennoch in ein Studio in London, zahlten aber lediglich für die wesentlich günstigere Studiozeit von Mitternacht bis zehn Uhr morgens und tagsüber schliefen wir auf einem von Richard Branson's Hausbooten, das in den Kanälen von Little Italy in Maida Vale vor Anker lag".

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Und weiter: "Unsere Plattenfirma 'DinDisc' dachte, dass es nun Zeit wäre für eine Veränderung, sie hatten möglicherweise auch Zweifel daran, das wir uns weiterhin selbst produzieren könnten, da die Songs einfach nicht professionell genug klangen. Somit kam nun zum ersten Mal ein externer Produzent mit ins Spiel und nette Jungs wie wir nun mal waren - gaben wir unsere Zustimmung dazu".

Erster TV-Auftritt von OM in "Old Grey Whistle Test" am 15. April 1980 mit "Messages" und "Dancing" Das dabei verwendete Bühnenequipment kam in dieser Form auch während ihrer ersten Tour im Februar/März zum Einsatz

Mike Howlett, ein exzellenter Musiker und zudem Lebensgefährte von Carol Wilson, wurde schließlich damit beauftragt, "Messages" mit Andy und Paul, sowie Malcolm Holmes an den Drums neu zu bearbeiten und auf Band zu bringen. Howlett arbeitete gerne an dem Track und mochte ihn auch persönlich sehr. Von ihm stammte das neue Intro und Howlett spielte anstelle von Andy sogar selbst den Bass dafür ein. Lediglich Malcolm tat sich anfangs etwas schwer damit, seinen Drumpart korrekt zum vorgegebenem Rhythmus-Sequenzer einzuspielen - arbeitete er doch zum ersten Mal überhaupt mit dieser Technik und kam anfangs überhaupt nicht damit zurecht. Howlett war während der Aufnahmesession mehr als einmal kurz davor, endgültig die Geduld zu verlieren, doch letzten Endes war auch er zufrieden mit der Aufnahme. Andy McCluskey kann sich zwar nicht mehr genau daran erinnern, ob sie den Song an einem Tag aufgenommen und dann am nächsten Tag abgemischt oder beides zusammen komplett an einem Tag versucht hatten. Doch kann er sich erinnern, dass sie im Obergeschoss des Studios begonnen hatten und sie dann unten die ganze Nacht über abmischten. So richtig glauben mag er es nicht mehr, dass alles an einem Tag über die Bühne gegangen sein soll, ist sich aber sicher, das sie bis 13:00 Uhr am nächsten Tag an der Abmischung des Songs gearbeitet hatten und es definitiv die erste 24-Stunden-Nonstop-StudioaufnahmeSession in seiner Musiker-Laufbahn war.

Mike Howlett Produzent und Musiker (Bassist bei "Gong") - später auch Professor und "Grammy"-Gewinner

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"Diese erste Aufnahmesession verfolgte mich meine gesamte weitere Karriere lang, und bis heute bin ich nicht dazu in der Lage, einen fertigen Mix objektiv beurteilen zu können. Entweder fehlten gewisse Elemente, die ich gerne hätte hören wollen, oder ich hörte Elemente, von denen ich wusste, das sie der Produzent vorgeschlagen hatte", beklagt sich Andy und führt weiter aus: "Um ehrlich zu sein, 'Messages' ist eines der ersten Beispiele dafür, einen Hit zu haben und ich trotzdem - sogar noch während ich im Fernsehen damit auf der Bühne stand - dachte: 'Mein Gott, ich mag diesen Mix wirklich nicht, ich will ihn nochmal ändern!" Auch wenn Andy mehr als unzufrieden mit der Abmischung war - die neu aufgenommene Version von "Messages" wurde nun endgültig auf Single gepresst und am 2. Mai 1980 veröffentlicht. OM gingen im April und Mai erstmals auf eine - was die Anzahl der Konzerte betraf - ziemlich überschaubare Tour durch einige Länder Europas und besuchten neben Belgien (u. a. Brüssel), Frankreich (Paris) und Holland (Amsterdam und Eindhoven, wo Malcolm Holmes sein Live-Debüt gab) auch zum ersten Mal Deutschland (Berlin).

Erster Auftritt bei "Top Of The Pops" mit "Messages" (8. Mai 1980)

So erreichte sie beim Auschecken aus ihrem Hotel in Brüssel, wo sie am Vorabend ihren letzten Auftritt absolviert hatten, gerade noch rechtzeitig die völlig unerwartete, aber überaus erfreuliche Nachricht, dass "Messages" in England die "Top 40"-Singlecharts geknackt hatte - was sie dazu qualifizierte, in die populärste und wichtigste englische Musiksendung "Top Of The Pops" eingeladen zu werden. Und der Auftritt sollte noch am gleichen Abend stattfinden! Die ursprünglich gebuchte Überfahrt mit der Fähre wurde gecancelt, die Band bestieg umgehend zwei Taxis Richtung Flughafen und Andy, Paul, Malcolm und David schafften es gerade noch rechtzeitig in das TV-Studio in London. "Messages" erreichte am Ende - nicht zuletzt aufgrund der TV-Ausstrahlung - den 13. Platz in den britischen Charts und wurde somit der erste nationale Hit von OM. Insofern hatte Carol Wilson mit der Auswahl von "Messages" als Single und ihrer Entscheidung zur Einbindung eines externen Produzenten alles richtig gemacht. In Deutschland, sowie in allen anderen europäischen Staaten, waren OM allerdings noch kein Thema für die Hitparaden und wurden dort bestenfalls als Geheimtipp gehandelt. OM planten nun in ihrer Euphorie und einem vielleicht etwas zu frühen Zeitpunkt einen ersten Abstecher nach Amerika, der sie letzten Endes nach New York, Boston und Philadelphia führen sollte. Doch ohne eine lokale Plattenfirma im Rücken, erwies sich der Kurz-Trip als ein am Ende hoffnungslos unterfinanziertes Unterfangen - in der Regel mussten OM mangels Geld für Hotels bei Fans oder Bardamen übernachten. Zumindest für Paul Humphreys hatte sich die Reise jedoch mehr als gelohnt: Während eines Konzertes im New Yorker Club "Hurrahs" lernte er dort seine spätere Frau Maureen, eine in New York arbeitende BallettTänzerin aus Kalifornien, kennen, welche die Show zusammen mit einer Freundin besucht hatte.

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Paul und Andy mit Ian McCulloch von "Echo & The Bunnymen" (rechts)

Nach der R체ckkehr von OM ins heimische England nahmen sie am 14. April 1980 zum zweiten Mal Songs f체r John Peel und seine Radioshow auf - unter anderem einen neuen Track mit dem etwas missverst채ndlichen Titel "Enola Gay".

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B / ORGANISATION & ENOLA GAY

Das zweite Album innerhalb eines Jahres und der internationale Durchbruch

Die OMD-Besetzung bis November 1980: DAVID HUGHES, ANDY McCLUSKEY, PAUL HUMPHREYS, MALCOLM HOLMES

Juni - Dezember 1980 "Orchestral Manoeuvres in the Dark" hatte in England zum Ende des Jahres Goldstatus erreicht und zählte zu den sechzig meistverkauften Alben 1980. Und obwohl das Erstlingswerk erst im Februar erschienen war, kündigte "DinDisc" schon Mitte des Jahres die Veröffentlichung des zweiten Albums an, welches noch vor Weihnachten erscheinen sollte. Andy und Paul gerieten dadurch mächtig unter Zeitdruck - zum ersten Mal seit Beginn ihrer ersten musikalischen Gehversuche hatten sie sich nun an eine verbindliche "Deadline" zur Fertigstellung der Produktion zu halten. Glücklicherweise waren noch ein paar Titel vorhanden, die schon während der Entstehungsphase des ersten Albums geschrieben, dafür aber letzten Endes nicht berücksichtigt worden waren. Einer davon hieß "Enola Gay" - ein Anti-Kriegs-Song und obendrein ein potentieller SingleKandidat. Mit diesem eingängigen und überaus melodiösen Stück lagen Andy und Paul Label-Chefin Carol Wilson zwar schon seit Monaten in den Ohren, wollten es jedoch zunächst nicht als Nachfolger von "Messages" veröffentlichen. Die beiden waren immer noch mit der aus ihrer Punkmusik-Zeit heraus entstandenen Einstellung behaftet, dass Musik und Kommerz nicht zusammenpassten. Einigermaßen verunsichert darüber, welchen Weg sie in Zukunft musikalisch weiterverfolgen sollten, konnten sich Andy und Paul im Großen und Ganzen nicht wirklich zu der Entscheidung durchringen, ob sie nun lieber "ABBA" oder doch eher "Joy Division" sein wollten. Als weiterer, neuer Song für das kommende Album kam noch "Motion And Heart" hinzu, welcher bereits in der gleichen Woche wie "Enola Gay" geschrieben worden war. Und wie auch schon beim Debütalbum mit Erfolg praktiziert, wurde mit "The Misunderstanding" ein weiterer Titel aus dem einstigen "The ID"Repertoire übernommen.

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Zwischen Juni und Juli 1980 arbeiteten die beiden an insgesamt neun neuen Songs, zusätzlich nahmen sie noch eine Coverversion mit in die engere Songauswahl - "The More I See You" - ein US-"Top-20"-Hit des Sängers Chris Montez im Jahr 1966. Im Anschluss daran wurden in ihrem "Gramophone Suite"-Studio erste Demobänder produziert. Zur endgültigen Aufnahme und Abmischung benutzten sie allerdings nicht ihr eigenes, sondern zwei größere Studios - das "Ridge Farm" in Dorking, Surrey und das "Advision" in London. Die Rolle des Produzenten überließen sie dabei demjenigen, der bereits "Messages" zum Erfolg geführt hatte - Mike Howlett. Paul Collister (aka "Chester Valentino") hingegen wurde außen vor gelassen und in die Aufnahmen diesmal überhaupt nicht mit einbezogen: "Es war die Chance für einen Neustart", so Andy McCluskey. "Obwohl wir ein paar Songs übrig hatten, bot sich die Gelegenheit, nun einen Schritt nach vorne zu machen. Eher unbeabsichtigt nahmen wir dabei gleichzeitig auch einen anderen Sound an, was möglicherweise daran lag, das wir in einem anderen Studio aufgenommen haben, das grundverschieden im Vergleich zu unserem Eigenen war". Andy holte noch weiter aus: "Wir hatten sehr konkrete Vorstellungen über das Songwriting und die Instrumentierung und zunächst Schwierigkeiten damit, Mike Howlett's Vorschläge zu akzeptieren. Aber im Nachhinein merkten wir, dass er uns für die Aufnahme der SingleVersion von 'Messages' wirklich professionell hat klingen lassen. Wir waren mit dem naiven Garagen-Sound des ersten Albums nie ganz glücklich. Schon als wir damit fertig waren wurde uns klar, das es ein ziemlich naiver und billiger Sound war, den wir da produziert hatten. Und obwohl es nicht allzu schlecht klang, wollten wir das nicht nochmal wiederholen. Wir wollten einen professionellen Sound".

Die "Advision"-Studios in West-London (Foto links) und das "Ridge Farm"-Studio in Dorking, Surrey, Sussex (rechts)

Ihre bisherige Arbeitsweise, das Meiste zusammen zu unternehmen, und - wie beim ersten Album praktiziert - jeden Song gemeinsam zu schreiben, konnten Andy und Paul indessen nicht mehr beibehalten, dafür sorgten allein schon die veränderten familiären Verhältnisse von Paul. Denn Maureen zog zu ihm nach Meols, was unweigerlich zur Folge hatte, dass sich Andy nun ungewohnt oft alleine im "Gramophone Suite"-

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Studio wiederfand. Paul verbrachte jetzt verständlicherweise mehr Zeit mit seiner Freundin, anstatt wie bisher mit Andy. So schrieb und nahm Andy einige Songs im Alleingang auf ("Enola Gay", "2nd Thought" und "Statues"), für die Paul im Anschluss daran lediglich noch ein paar Melodien beisteuerte. Paul wiederum schrieb ohne Andy den Titel "Promise" - und übernahm dabei auch noch gleich und zum ersten Mal überhaupt auf einem OM-Song - den Leadgesang. Paul Humphreys: "Andy hatte ein paar Lieder ohne mich geschrieben, so wurde 'Promise' eine Art Experiment für mich, um zu sehen was dabei herauskommt, wenn ich erstmals ein Lied ohne ihn schreiben würde. Auf dem Debütalbum und bei Liveauftritten sang ich ja schon Background, also dachten wir, es wäre vielleicht ganz interessant einen Song zu haben, bei dem ich die Hauptstimme singe, einfach um unserem Sound eine weitere Dimension und auch etwas mehr Abwechslung hinzuzufügen". Andy und Pauls Vorliebe für ausgefallene Song-Thematiken führte schließlich noch zu dem ungewöhnlichen Lied "Stanlow" - eine Liebeserklärung an die gleichnamige Ölraffinerie im Hafenbezirk Ellesmere in Cheshire, eine gute halbe Autostunde von Meols entfernt, in der schon Andys Vater und Schwester gearbeitet hatten.

Die OMD-Besetzung von November 1980 bis Mai 1981: MARTIN COOPER, MALCOLM HOLMES, ANDY McCLUSKEY, PAUL HUMPHREYS

Nach gut vier Wochen Aufenthalt im ländlichen Dorking war das Album schließlich fertig aufgenommen. Die Endabmischung sollte nun im Londoner "Advision" stattfinden. Drummer Malcolm Holmes, der neben Andy und Paul als einziger weiterer Musiker am Album mitgewirkt hatte, trat zu diesem Zeitpunkt bereits mit zweihundertfünfzig Pfund "Arbeitslohn" in der Tasche die Heimreise an - war aber dennoch zufrieden mit seinem Beitrag: "Es war das erste Mal, das wir alle gemeinsam im Studio als eine Einheit zusammen waren und ein Album zusammenbastelten. Beim ersten Album war ich fast gar nicht anwesend, nur hier und da steuerte ich stückchenweise immer mal wieder etwas bei", so Malcolm. Das Endresultat der Aufnahmen konnte von der Grundstimmung her als düster und melancholisch bezeichnet werden. Die Songs des zweiten Albums enthielten nur noch wenig von der Unbekümmertheit und Verspieltheit des Erstlings, was für sich allein schon bemerkenswert war - lagen in ihrer jeweiligen Entstehung doch nur einige wenige Monate dazwischen. Mitverantwortlich für diese Stimmungslage war zweifelsohne der Freitod des Sängers Ian Curtis von "Joy Division" am 18. Mai 1980. Andy mochte die Musik der Band und war dementsprechend geschockt vom Tod des Sängers, mit dem er sich während ihrer gemeinsamen Tour 1979 angefreundet hatte. So schrieb er seine Gedanken dazu in dem recht nachdenklichen, fast schon depressiven Song "Statues" nieder. Der Sound und die Grundstimmung des kommenden Albums, welches sich im Vergleich zum Debütalbum wesentlich gereifter und professioneller präsentieren sollte, wurde durch die Musik von "Joy Division" maßgeblich mitgeprägt. Andy McCluskey: "Wir haben zwar nie versucht 'Joy Division' nachzuahmen, aber seit wir vor einigen Jahren mit ihnen zusammen aufgetreten waren, mochte ich ihre Musik und sie hatte einen ziemlichen Einfluss auf mich. Ihre Musik sprach unser Gefühl für Melancholie an und war mit dafür verantwortlich, uns ein Stück weit von 'Kraftwerk' und diesem ganzen Synthesizer-Image zu entfernen".

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In einem Interview mit Paul Morley im "New Musical Express" erläuterte Andy noch eingehender die veränderte Ausrichtung des Duos Humphreys/McCluskey: "Wir wollten mehr Emotion in unsere Musik hineinbringen - und als wir dann den Sommer über noch ziemlich mies drauf waren kam eins zum anderen. Du kannst keine fröhlichen Lieder schreiben, wenn du nicht allzu zufrieden bist".

Hymne an eine Öl-Raffinerie - "Stanlow" in Ellesmere Port, Cheshire (links) Ian Curtis, Sänger von "Joy Division" - ihm widmete Andy den Song "Statues" (rechts)

"Enola Gay" wurde entgegen aller anfänglichen Bedenken nun doch als die nächste Single ausgewählt. Ein Song, vom Namen jenes Flugzeuges inspiriert, welches am 6. August 1945 über dem japanischen Hiroshima die erste Atombombe abwarf und nach der Mutter des Piloten Paul Tibbets benannt war. Vielen Leuten war dies allerdings nicht bekannt, und so wurde das Lied nicht selten für eine Art "schwules Liebeslied" gehalten, da "gay" im englischen Sprachgebrauch neben "munter" oder "lustig" ja bekanntermaßen auch für "homosexuell" steht.

Die Original-Crew der "Enola Gay" (in der Mitte Pilot Paul Tibbets), 1945 Paul und Andy in den "Universal Studios", Los Angeles (aufgenommen 1983)

"Enola Gay" verursachte bereits im Vorfeld eine Menge an Kontroverse und Stress. Manager Paul Collister, der das Lied als "Pop-Mist" abtat, war absolut gegen die Veröffentlichung des Songs, auch Paul mochte ihn nicht sonderlich und nach Malcolms Einschätzung war die Chance, dass dieses Stück ein Hit werden würde, mehr als gering. Andy aber liebte seinen Song und hatte zudem Carol Wilson von "DinDisc" auf seiner Seite. Allerdings wiederholte sich auch hier wieder dasselbe nervenaufreibende Spielchen wie schon bei "Messages" - etliche neue Mixes wurden gefertigt und teilweise nach Beginn der Pressung gleich wieder zurückgezogen.

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Andy und Paul gerieten mächtig unter Druck, denn "DinDisc" erwartete einen aus kommerzieller Sicht nicht minder erfolgreichen Nachfolger von "Messages". Letztendlich wurde noch der Gesang des Stückes aus Teilen mehrerer aufgenommener Versionen des Liedes zu einem Ganzen zusammengesetzt und schließlich - noch vor Abschluss der Albumaufnahmen am 26. September 1980 veröffentlicht. Lynden Barber vom "Melody Maker" bezeichnete ihn als "einen perfekten Nachfolger von 'Messages'". "Enola Gay" erreichte mühelos die Position 8 in den britischen Charts (ihre erste Top-10-Platzierung in England), übertraf damit sogar seinen Vorgänger und blieb bis heute der erfolgreichste Song der Band in Italien (die erste Nr. 1-Platzierung für OM überhaupt), Frankreich (ebenfalls Platz 1 und insgesamt achtunddreißig Wochen in den Charts mit siebenhundertfünfzigtausend verkauften Einheiten) und in Portugal (hier ebenso Nr. 1 in den Charts). Auch in Australien (Rang 47) und Neuseeland (Platz 31) wurde in den hiesigen Hitparaden erstmals eine Single von OM notiert. Lediglich in Deutschland blieb "Enola Gay" unerklärlicherweise völlig erfolglos und kam dort gar nicht erst in die Charts. Insgesamt wurden weltweit über fünf Millionen Exemplare von "Enola Gay" abgesetzt. Als Gegenpart zur poppigen A-Seite veröffentlichten Andy und Paul auf der B-Seite der Single das sperrige, mehr an ihre "VCL XI"-Experimente erinnernde Stück "Annex" (dieses Konzept - eingängige "Auf-Nummer-Sicher"Popnummern als Single und weniger kommerzielle und experimentellere Stücke als Bonustracks - sollte sich auch künftig wie ein roter Faden durch ihre gesamte Karriere ziehen).

Andy McCluskey und Paul Humphreys - Fotosession für das "Organisation"-Album, 1980

Paul Collister, musikalisch gesehen ein Idealist und nicht minder unnachgiebiger Purist, bezeichnete die Veröffentlichung des Songs trotz seines Erfolges (oder vielleicht gerade deswegen) nach wie vor als schweren Fehler. Seiner Auffassung nach sollte bei OM allein die Musik im Vordergrund stehen, aber "Enola Gay" war nicht von der Art, wie er sich das für die Band vorstellte. Image war für ihn zweitrangig und im Grunde widerstrebte ihm der Wandel von Andy und Paul hin zu einer seriösen Popband, die sich nun - auf Anraten und unter dem Einfluss von Peter Saville - im "Bankangestellten"-Look mit Hemd, Krawatte und Anzug von "C&A" in der Öffentlichkeit zeigte. Andy und Paul dagegen waren nicht dazu imstande, Paul Collister in seiner Funktion als Manager zu einem seriöseren Auftreten zu bewegen. Allzu häufig wurde Collister, nicht nur wegen seiner langen Haare, für einen Roadie der Band gehalten.

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Analyse des original "Organisation"-Coverfotos von Richard Nutt durch Rodney Miklejohn - dreißig Jahre später (2010) Aufgenommen in Schottland, Isle of Skye. In der Mitte der Berg Marsco in den Red Cuillin Hills, Glen Sligachan. Beim Bachlauf im Vordergrund handelt es sich um den Allt Dearg Mòr.

Am 24. Oktober 1980 wurde das Album "Organisation" veröffentlicht. Es erreichte den überraschenden und von allen unerwarteten 6. Platz in den englischen Charts und bekam Gold für über einhunderttausend verkaufte Schallplatten. In der britischen Musikpresse erhielt der Longplayer sehr gute Kritiken, wobei allerdings die verloren gegangene Unbekümmertheit gegenüber dem Erstlingswerk ebenfalls ein Thema war. Das von Peter Saville gestaltete Cover unterstrich dabei noch zusätzlich die beklemmende Grundstimmung des Albums. Erstmals erschienen OM jetzt auch auf den Titelseiten diverser britischer Musikzeitschriften. OM begannen nun mit den Vorbereitungen für ihre bevorstehende England-Tour, als mitten in den Proben David Hughes seinen sofortigen Ausstieg aus der Band bekannt gab. Für ihn war seine Teilnahme bei OM von vornherein nur als eine vorübergehende Angelegenheit gedacht. Wie auch Malcolm Holmes wurde er lediglich für seine Mitwirkung an Auftritten bezahlt und erhielt weder einen wöchentlichen Lohn, noch einen finanziellen Vorschuss. Eine Absage der Termine war jetzt allerdings nicht mehr möglich und allein schon zeitlich gesehen waren Andy und Paul nicht mehr dazu in der Lage, noch mehr Instrumentalparts auf die Tonbänder zu packen. Also musste schnellstmöglich ein Stellvertreter gefunden werden, denn in zehn Tagen sollte die Tour beginnen. Der Ersatz für Dave Hughes hieß MARTIN COOPER. MARTIN HANDSLEY COOPER wurde am 01. Oktober 1958 im Liverpooler "Maternity"-Krankenhaus geboren. Seine Eltern - Eric Cooper und Monica Atkinson - kannten sich schon als kleine Kinder und heirateten im Jahr 1954. Sie bekamen zwei Jahre später ihren ersten Sohn John. Die Familie lebte in Wirral, wohin Monica von ihrem Vater oft zu Wander- und Chorausflügen mitgenommen wurde und ihr die Gegend dort sehr gut gefiel. Martin und sein älterer Bruder waren zwei aufgeweckte Jungs, die viel von den musikalischen Talenten in der Familie geerbt hatten. So brachte schließlich Martin's Großmutter, eine sehr gute Pianistin, ihm frühzeitig das Klavierspielen bei - anfänglich die Grundnoten und später einige Duette. Martin und John belegten darauffolgend einen Grundkurs in Musik in der "Matthay School" in Liverpool, der Martin nach einiger Zeit jedoch immer weniger interessierte, da er schnell merkte, das er Musik nicht schulmäßig lernen wollte und konnte. Damals wie heute bedeuteten Martin eigentlich immer nur zwei Dinge wirklich etwas: Kunst und Musik. Martin besuchte die "Greasby Junior School", war dort ein recht schüchterner Junge, malte meistens Skizzen und beschäftigte sich mit der Malerei im Allgemeinen. Als er auf die "Hilbre Secondary School" wechselte, lernte Martin dort Paul Collister kennen und freundete sich mit ihm an. Auch entdeckte er hier nach seinen schlechten Erfahrungen des Musikunterrichts sein Faible für die Musik wieder und begann erneut Klavier und zusätzlich noch Gitarre zu spielen.

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Martin Cooper (im Alter von fünf Jahren) und 1980 als Zweiundzwanzigjähriger

In der Schule gründete er zusammen mit seinem Freund Dave Fairbairn (Gitarre), Neil Roberts (Bass) und Trevor Hough (Drums) die Band "Oasis" und spielten sowohl eigene Songs als auch Coverversionen - u. a. "Honky Tonk Woman" von den "Rolling Stones" und einige David Bowie-Stücke. Ihre ersten Auftritte absolvierten sie im Gemeindesaal von Hoylake, die nach eigener Aussage ziemlich erbärmlich geklungen hätten. Paul Collister kaufte sich schon damals ein Tonbandgerät, welches die Band benutzen konnte (und das später häufiger von einem gewissen Andy McCluskey ausgeliehen wurde). Trevor Hough wanderte allerdings nach Australien aus und so zerfiel die Band. Martin besuchte für ein Jahr die "Laird School of Art" in Birkenhead und für weitere zwölf Monate das "Withen's Lane College" in Wallasey. Dort bekam er das von ihm heißersehnte Angebot für einen Studienplatz im "Sheffield Art College". Just zu dieser Zeit - Martin hatte über Weihnachten 1977 rund einhundertfünfzig Pfund als Aushilfsbriefträger verdient - begeisterte sich Martin (beeinflusst durch Gerry Rafferty's Hit "Baker Street") für das Saxophon und investierte sein verdientes Geld in den Kauf eines solchen Instrumentes und in den dafür erforderlichen Unterricht. 1980 absolvierte er einige Gastspiele als Saxophonist bei "Orchestral Manoeuvres in the Dark". Andy und Paul kannte er bereits von ihren "The ID"-Zeiten her und hatte zudem auch schon auf ihrem ersten OM-Album den Song "Mystereality" durch ein gekonntes Sax-Solo veredelt. Nachdem Martin sein erstes Studium im "Sheffield Art College" beendet hatte, bot sich für ihn im Anschluss daran die Möglichkeit, ein weiterführendes Studium dort anzunehmen. Gleichzeitig aber machten Andy und Paul ihm die Offerte, bei OMD als festes Mitglied einsteigen zu können. Martin sagte daraufhin der Uni ab und entschied sich für eine ungewisse Zukunft als Popmusiker.

Für Martin war es ein Sprung ins kalte Wasser. Zwar konnte er Klavier spielen, hatte jedoch noch nie ein Keyboard, bzw. einen Synthesizer bedient. Außerdem musste er sich innerhalb von zehn Tagen das komplette Programm erarbeiten. Hinzu kam noch, dass er Andy während einiger Songs am Bass entlasten musste, damit dieser sich voll und ganz seiner Tanz-"Performance" hingeben konnte. Doch Martin bekam es in den Griff und die komplett ausverkaufte Tour entwickelte sich zu einem Erfolg auf der ganzen Linie.

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Bedingt durch ihre beiden Chart-Hits "Messages" und "Enola Gay" hatte sich das Publikum von OM merklich verjüngt, was allabendlich an den schreienden Teenagern (vor allem Mädchen) und Autogrammjägern zu beobachten war. Andy und Paul fühlten sich in ihrer neuen, für sie ungewohnten Rolle als "Popstars" allerdings merklich unwohl. Die achtzehn Termine umfassende, lediglich auf Großbritannien beschränkte Tour startete pünktlich zum 1. November in Aylesbury/Buckinghamshire und endete nach drei Wochen und fast täglichen Auftritten in Newcastle. Zum Ende der Tournee spielten Andy und Paul auch erstmals im "Empire" in Liverpool - der Ort, an dem sich für Andy McCluskey am 11. September 1975 nach dem Besuch eines Konzertes von "Kraftwerk" die Weichen für seine spätere musikalische Karriere gestellt hatten. Zum Tourauftakt in Aylesbury hier noch eine kleine Anekdote von Andy McCluskey: "Während der Premieren-Party des Films 'Pretty In Pink' in Los Angeles traf ich George Michael von 'Wham', der mir erzählte, dass er und Andrew Ridgeley uns dort im 'Friars'-Club gesehen hatten und es für beide der beste Gig gewesen wäre, den sie jemals besucht hätten!" Zum Ende des Novembers bis in den Dezember hinein bereiste die Band mit Belgien, Holland, Deutschland und Frankreich dann noch im Schnelldurchgang das europäische Festland. OM bekamen jetzt zunehmend die Vereinnahmung durch die Pop-Industrie zu spüren, denn die business-typische "Platte-Tour-PromotionPlatte"-Tretmühle nahm nun für die folgenden Jahre unaufhaltsam ihren Lauf. Andy McCluskey äußerte sich schon vor dem Tourstart gegenüber dem deutschen "Musikexpress" recht desillusioniert über die nun einsetzenden und nicht mehr aufzuhaltenden Pop-Mechanismen: "In der Musik [des Albums 'Organisation'] spiegelt sich wider, dass wir momentan nicht sehr glücklich sind. Wir sind jetzt keine einfache Band aus Liverpool mehr, die tun und lassen kann, was sie will. Wir sind jetzt Teil des 'Big Business' und spüren deutlich, welcher Druck damit verbunden ist. Überleben lässt uns da eigentlich nur unser Humor und unsere Albernheit".

Martin Cooper (rechts) während seines zehntägigen "Synthesizer-Crash-Kurses" im "Gramophone Suite"-Studio in Liverpool

Ungünstigerweise häuften sich jetzt in zunehmendem Maße die Probleme mit Manager Paul Collister. Man entfernte sich - allein schon durch die grundlegend verschiedenen musikalischen Auffassungen - immer mehr voneinander. Collister, als Manager ein absoluter Laie, gab zwar nach wie vor sein Bestes, war jedoch immer weniger dazu in der Lage, eine erfolgreiche Charts-Band unter den vorherrschenden, extrem schwierigen finanziellen Bedingungen zu managen, denn das meiste Geld aus dem "DinDisc"-Vorschuss war bereits für ihre "Gramophone Suite " ausgegeben worden (da man ja anfangs nicht mit einem Erfolg rechnete, investierte man fast alles in das eigene Studio). Darüber hinaus begann er damit - mitunter aus Angst um seine Position innerhalb des Bandgefüges - Andy und Paul gegeneinander auszuspielen. Weiter kam hinzu, das sich OM nach außen hin zunehmend isolierter fühlten, je erfolgreicher sie wurden. Ihre einzige Ansprechpartnerin bei Problemen blieb "DinDisc"-Chefin Carol Wilson, welche die beiden jederzeit als Vertraute um Rat und Hilfe bitten konnten.

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Davon abgesehen endete das Jahr im Dezember 1980 mit einem famosen, ausverkauften Konzert im Londoner "Hammersmith Odeon". Zum Abschluss des Jahres fanden sich OM gar in New York City wieder, wo sie am 31.12.80 ein Konzert gaben. Und die englische Zeitung "Daily Star" feierte OM als "Englands beste neue Elektronikband".

ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK "live" 1980

Darüber befragt, wie Andy und Paul das Album "Organisation" heute betrachten, gaben die beiden in einem Interview von Paul Browne im Jahre 2003 wie folgt Auskunft: "Es ist ein sehr starkes Album. Zwischen 'OMITD' und 'Architecture & Morality' gequetscht, kann man es im Nachhinein ganz klar als eine Art 'Zwischenalbum' betrachten und eine Art Sprungbrett: Es wird größer, wird es dunkler, es wird mehr 'gothic'", meinte Andy McCluskey. Paul sah das Album ebenfalls als einen Wegbereiter für das nachfolgende dritte Werk: "Grundsätzlich war ich mit dem Songwriting für das Album sehr zufrieden. Für mich ist 'Stanlow' der schönste Moment des Albums und der offenkundige Vorreiter für den noch grandioseren Sound von 'Architecture & Morality".

ORGANISATION-Tour 1980 "Live" im "Paradiso", Amsterdam, Holland (1. Dezember 1980)

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C / ARCHITECTURE & MORALITY

Kreatives Meisterstück und Millionenseller und doch fast das Ende von "Orchestral Manoeuvres"

PAUL HUMPHREYS und ANDY McCLUSKEY Edinburgh, 1981

"Wenn mich jemand, der OMD nicht kennt, fragen würde, was er sich als Erstes von uns anhören solle, dann würde ich ihm 'Architecture & Morality' vorspielen. Weil das Album all das in sich vereint, was uns ausmacht" Paul Humphreys, 2007 "Wir haben dieses naive Selbstvertrauen, welches uns in diesem kurzen, glücklichen Sommer 1981 dieses Album wagen ließ, danach nie mehr wiedererlangen können" Andy McCluskey, 2007

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1981 In den ersten acht Monaten des Jahres 1981 herrschte - zumindest was England betraf - völlige Funkstille um OM. Es wurde keine weitere Single aus "Organisation" ausgekoppelt, obschon die Band für diesen Zweck den Titel "Motion And Heart" in den "Amazon"-Studios in Liverpool neu aufgenommen hatte: "Wir gingen ins 'Amazon', um den Song mit Live-Schlagzeug nochmal neu aufzunehmen. Wir versuchten verzweifelt, eine zweite Single auf dem Album zu finden, doch es war einfach alles zu düster. Es schien wirklich nichts anderes in Betracht zu kommen als 'Motion And Heart', diese Art von 'Crossover-Pop'-Ding" , erklärte Sänger Andy McCluskey. Das hier allerdings auf fast schon sträfliche Art und Weise das Stück "Promise" außer Acht gelassen wurde - alles andere als "düster" und noch dazu eingängig und überaus hitverdächtig - ließ noch Jahrzehnte später viele Fans kopfschüttelnd an der Veröffentlichungspolitik seitens der Plattenfirma und Band verzweifeln (was sich im Laufe der Bandgeschichte unglücklicherweise noch viele weitere Male wiederholen sollte).

OM spielten auf der Insel weder Konzerte, noch nahmen sie TV-Auftritte an und brachten auch keine neue Langspielplatte heraus. Des Weiteren gaben Andy und Paul während dieser Zeit so gut wie keine Interviews mehr. Denn zum Einen hatten beide die Nase voll von nervenden Boulevard-Journalisten, die prinzipiell mehr an persönlichem Klatsch und Tratsch interessiert waren als an der Musik von OM, zum Anderen wollten Andy und Paul immer noch keine Popstars sein, verweigerten sich konsequent den Medien und gingen jeglichem Starrummel aus dem Weg. Dies wollten sie zumindest solange durchziehen, bis wieder neue Songs geschrieben und aufgenommen waren, über die in Interviews vorrangig gesprochen werden sollte. "Wir sind nur ganz gewöhnliche Jungs, die ausschließlich ihre Musik für sich sprechen lassen möchten. Auf personenbezogene Publicity habe ich keine Lust", brachte es Andy McCluskey auf den Punkt. Das dies nicht immer gelang, musste vor allem Andy, der sich Journalisten gegenüber grundsätzlich misstrauisch verhielt, unvermittelt am eigenen Leib erfahren. So fand er sich zu Beginn des Jahres 1982 gänzlich unfreiwillig auf den Titelseiten der englischen Boulevard-Presse wieder, Seite an Seite mit seiner damaligen Freundin Tracy Dodds, von der er offenbar nicht wusste, dass sie amtierende "Miss Great Britain" war - und natürlich dementsprechend im Fokus der britischen Regenbogenpresse stand. "Sexy 'Miss GB' goes out with pop star Andy" titelte die Journaille - womit sich eine der kleinen Lebensweisheiten bestätigte, dass man in der Regel genau das bekommt, dessen man sich am heftigsten widersetzt. Während ihrer medialen Nicht-Präsenz - von Januar bis August - waren Andy und Paul jedoch mitnichten untätig. Ganz im Gegenteil - wer glaubte, dass sich die Band nach ihrem Erfolg mit "Enola Gay" nun an einem Strand irgendwo auf den Bahamas ganz dem süßen Postar-Leben hingeben würde, konnte nicht weiter daneben liegen.

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Tracy Dodds - "Miss Great Britain" Freundin von Andy McCluskey im Jahr 1982

Zur Erinnerung: Vertraglich waren OM zur Lieferung von einem Album jährlich verpflichtet. Auf den ersten Blick erscheint dies dem durchschnittlichen Muskikkonsumenten sicherlich als eine ausreichend lange Zeitspanne, um neues Songmaterial zu erarbeiten und aufzunehmen - und in der Regel stellt für Bands die Produktion der ersten ein bis zwei Alben auch kein allzu großes Problem dar. Denn wie auch im Falle von OM, konnte man dafür meist auf ein über Jahre gewachsenes und "live" auf der Bühne erprobtes Repertoire zurückgreifen, dass man mehr oder weniger nur noch aufzunehmen brauchte (so entstand z. B. das Debütalbum der "Beatles" an einem Tag während einer einzigen Aufnahmesession). Spätestens jedoch ab dem dritten Album - meist der Entscheidungspunkt für den weiteren Erfolg oder Misserfolg einer Band - ist dieser Fundus ausgeschöpft und komplett neue Songs müssen geschrieben werden. Songs, die sich nach der Vorstellung der Plattenfirma nicht zu weit vom Stil des bisher veröffentlichten Materials entfernen durften, aber dennoch eine gewisse Weiterentwicklung aufzeigen sollten, allein schon um die Kritiker zufrieden zu stellen. Doch durfte die Veränderung auch nicht allzu sehr auf die Spitze getrieben werden, denn man wollte ja die zahlende Kundschaft, aber auch den überzeugten Fan, weiterhin bei der Stange halten. Und bevor auch nur eine einzige Note aufgenommen werden kann, gehen viele Stunden an Gedanken, Ausarbeitung von Ideen, Proben und Diskussionen voraus. Ein Jahr ist da sehr schnell vorüber, vor allem, wenn zu alldem zusätzlich noch Tourneen anstehen und Promotiontermine wahrgenommen werden müssen.

Andy McCluskey und Paul Humphreys in ihrem "Gramophone Suite"-Studio in Liverpool Frühjahr 1981 Das eigentliche Studio befand sich im ersten Stock - dieses Foto wurde allerdings unmittelbar darüber in der zweiten Etage aufgenommen

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Andy und Paul, die auf Konzertreisen und während Werbetouren prinzipiell keine Songs schreiben konnten und wollten, standen dadurch zeitlich unter ziemlichen Druck, denn während des gesamten Jahres 1981 sollten OM zuerst durch die USA und Kanada touren, danach durch Europa, dann nochmals durch Amerika, dazwischen an den neuen Songs schreiben und sie aufnehmen, ihre neue Single bewerben, anschließend erneut durch Amerika touren und zu guter Letzt ihre UK-Tour in Angriff nehmen, um das neue Album und die zweite Single zu promoten. Für zwei ganz gewöhnliche Jungs Anfang Zwanzig und ihre Band ein gewaltiges Mammutprogramm. Und verbunden mit einem Erwartungsdruck, an dem nicht wenige Gruppen vor ihnen schon zugrunde gegangen waren.

Im Januar 1981 begannen Andy und Paul in ihrem Liverpooler "Gramophone Suite"-Studio, diesmal gemeinsam mit Keyboarder Martin Cooper und Drummer Malcolm Holmes, erste Ideen für ein neues Album zu sortieren und darüber zu diskutieren. Über eine Sache war man sich im Verlauf dieser Standortbestimmung einig geworden - eine grundlegend neue musikalische Richtung sollte eingeschlagen werden. Ein weiteres Album mit hübschen Melodien im Stil von "Enola Gay" oder "Red Frame/White Light" hätte jeden Fan, der diese Musikrichtung mochte, sicherlich glücklich gemacht und zufriedengestellt und OM wären ohne Frage dazu fähig gewesen, solch ein Album zu produzieren. Doch Andy und Paul hatten mit dieser musikalischen Phase abgeschlossen. Sich selbst einmal mehr zu wiederholen kam für beide nicht in Frage. Was ihre musikalische Partnerschaft betraf, folgten beide vorrangig der Maxime, Neues erschaffen zu wollen, etwas, dass sie vorher noch nicht gemacht hatten (was ihnen von Kritikern leider immer wieder als "Richtungslosigkeit" vorgeworfen wurde).

Das "Mellotron" - prägend für den "Chor"-Sound von OMD (links) Ein Architekturbuch als Inspiration für den Albumtitel - "Morality & Architecture" von David Watkin (rechts)

Stellte die Musik ihres ersten Albums eine Art "elektronischer Garagen-Punk" dar, der sich dann beim zweiten Album hin zu einem düsteren "Gothic"-Sound entwickelte, so suchten sie nun nach einer ganz neuen, musikalischen Ausrichtung. "Wir fanden eine Menge an Inspiration in der emotionalen Kraft religiöser Musik", erklärte Andy McCluskey und konkretisierte weiter: "Weniger in ihrem religiösen Inhalt, sondern lediglich in ihrer emotionalen Ausdrucksstärke. Wir versuchten nun Songs zu schreiben, die diese Art von Pomp und den bombastischen Chorsound religiöser Musik aufzugreifen vermochten".

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Besonders Andy war - was den angestrebten neuen Stil von OM betraf – dabei maßgeblich federführend: "Zu dieser Zeit hörte ich eine Menge moderne, als auch altertümliche religiöse Chormusik. Von Hildegard von Bingen über Tavener, all diese verschiedenen Arten von Messen und Arien, alle Arten von religiöser Musik, russische Volksmusik und gregorianische Gesänge. Ich war überwältigt von der Kraft der vielstimmigen Chöre und diese Kraft wollten wir nun in unsere Musik einfließen lassen". Andy und Paul begannen in Folge damit, gregorianische Gesänge zu samplen und Keyboards und anderes technisches Gerät zu finden, die diese Chor-Sounds sowohl beinhalteten, als auch reproduzieren konnten. Dies führte sie schließlich zum "Mellotron" (später "Novatron" genannt), dass das gesamte Songwriting des kommenden Albums entscheidend prägen sollte. Die deutsche Elektronikband "Tangerine Dream" verwendete dieses Instrument bereits auf ihrem "Phaedra"-Album, und auch auf dem Longplayer "In The Wake Of Poseidon" der Gruppe "King Crimson" dominierte das "Mellotron" in anschaulicher Art und Weise. Das "Mellotron" konnte im Grunde als Prototyp der später gebräuchlichen Sampler bezeichnet werden. Man war mit diesem mechanischen Tonband-Wiedergabe-Gerät erstmals dazu in der Lage, die verschiedensten Klänge, Geräusche und Sounds auf Tonband aufzunehmen und anschließend auf der integrierten KeyboardTastatur als ganz normale Melodie zu spielen und wiederzugeben. Im Allgemeinen wurde das Gerät eher mit dem "Progressive Rock" der früher 1970er-Jahre in Verbindung gebracht, als mit dem Synthie-Pop der 1980er-Jahre. Vorbehaltlos kann man somit konstatieren, dass OM - entgegen dem gängigen Trend innerhalb des Pop-Mainstreams dieser Zeit - eindeutig die innovativen Vorreiter bei dessen Verwendung innerhalb dieses Genres waren.

links: Paul Humphreys im "Gramophone Suite"-Studio in Liverpool, 1981 rechts: Andy McCluskey "live" im "Empire Theatre" in Liverpool, 1981

Das gesamte Frühjahr 1981 über wurde fortan im bandeigenen "Gramophone Suite"-Studio an den neuen Songs gebastelt und vorab als Demos aufgenommen. Hatte man in den ersten Band-Zusammenkünften noch beschlossen, erstmals basisdemokratisch an dieses Album heranzugehen - was bedeutete, dass entgegen der bisherigen Konstellation McCluskey und Humphreys neuerdings alle vier Musiker gleichberechtigt in die Arbeit an den neuen Songs mit einbezogen werden sollten - so wurde dies im weiteren Verlauf dann doch nur eher sporadisch umgesetzt. Vor allem Andy hasste es, umständlich lange über etwas diskutieren zu müssen, um Entscheidungen herbeizuführen und nichts ging ihm mehr gegen den Strich als höfliche Zurückhaltung bei der Durchsetzung von Ideen. Lediglich Malcolm Holmes sollte als einziger weiterer Musiker in der Entstehung und Umsetzung der Songs eine größere Rolle spielen, hier jedoch weitgehend beschränkt auf das Ausarbeiten neuer Drum-Sounds. Ganz zu Anfang wurde auch Martin Cooper noch mit in den Entstehungsprozess involviert. Als erster Song der Album-Sessions entstand das Stück "Souvenir" (bis kurz vor seiner Veröffentlichung lediglich als "The Choir Song" betitelt), den Cooper schon kurz nach der "Organisation"-Veröffentlichung zusammen mit Paul Humphreys geschrieben und einen Saxophonpart dazu beigesteuert hatte. “Paul fragte mich, ob ich ins Studio kommen könne, um ein wenig mit ihm zusammen zu schreiben“, erläuterte Martin und gab weiter an: "Als ich dort ankam, hatte er von David Hughes bereits ein Tape bekommen, auf dem der Zusammenschnitt eines vierköpfigen Chors, welcher entlang von geraden Noten siebensekündige Tonfolgen in verschieden

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Oktaven sang, enthalten war. Diese wurden in Akkorde umarrangiert und um eine Akkordfolge herum gebaut, an der Paul bereits gearbeitet hatte. So ist letzten Endes das Lied entstanden". Martin erinnerte sich auch noch an weitere Details: "Die ursprüngliche Version war wesentlich langsamer. Erst bei der finalen Abmischung wurde das Tempo angehoben".

Produzent Mike Howlett gefiel diese erste Grundidee des Songs und nahm ihn zusammen mit der Band umgehend im Londoner "Wessex"-Studio auf, nicht ohne dabei Änderungen an den Bass- und Schlagzeugarrangements vorzunehmen. Paul Humphreys übernahm den Lead-Gesang auf dem Stück, wobei hier allerdings aufgrund seines geringen Stimmumfangs mittels Studiotechnik entschieden nachgeholfen werden musste.

OM auf dem Titelbild von "Smash Hits" im März/April 1981 (links)

Drei Dinge waren am Ende ausschlaggebend für die musikalische Marschroute aller weiteren Songs für das kommende Album, die noch folgen sollten: a) Das Tape von Ex-Keyboarder David Hughes, b) die Entdeckung während der Arbeit an "Souvenir", Chöre mit elektronischer Musik zu kombinieren und c) das Ganze mit Andy McCluskey's unabhängig davon entdeckter Vorliebe für religiöse Kirchenmusik und gregorianischen Chorgesängen zu paaren. Ohne Rücksicht auf irgendwelchen Termindruck fuhren Andy und Paul - was das Songwriting und die Aufnahmen des Albums betraf - in gewohnt unbekümmerter Art und Weise fort. Andy McCluskey: "Wir fühlten uns sehr zufrieden angesichts der Tatsache, dass wir musikalisch machen konnten was wir wollten. Wir durften experimentell sein und verkauften damit auch noch Millionen an Platten. OM war ein Hobby, dass sich für uns unverständlicherweise zu einer musikalischen Karriere entwickelt hatte und wir sagten uns: 'Hey, wir tun das, was wir tun wollen - und die Leute kaufen es!'" , so Andy. Und führte weiter aus: "Ich würde nicht sagen, das wir arrogant waren. Wir hatten lediglich ein großes Selbstvertrauen dabei, genau das zu tun, was wir tun wollten - und die Wahrscheinlichkeit war dabei

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auch noch sehr hoch, das die Leute das auch noch kauften". Paul Humphreys äußerte sich dazu ganz ähnlich: "Der zunehmende Erfolg unterstützte uns in dem naiv-arroganten Glauben, dass wir nichts falsch machen konnten. Diese Einstellung kann sehr gefährlich sein, wie wir zu unserem Nachteil beim Nachfolgealbum 'Dazzle Ships' erfahren mussten".

Unterbrochen wurden die Arbeiten am Album kontinuierlich das ganze Jahr über, so bereits schon im Januar und Februar, als OM zu ihrem ersten von insgesamt drei Amerika-Trips innerhalb der folgenden zwölf Monate aufbrachen. Zuvor spielten sie schon einige Konzerte in Italien, wo sich "Enola Gay" als Spätzünder in den hiesigen Charts etablieren konnte und im Februar auch hier ein Nummer-Eins-Hit wurde. Zurück in Großbritannien, unterbrachen OM am 21. Februar für ein einziges Konzert im "Paris Theatre" in London ihren medialen "England-Boykott", welches von der "BBC" landesweit "live" im Radio übertragen wurde. Weitere Konzerte auf dem europäischen Festland folgten im Anschluss daran. Im März folgte eine Zehn-Tages-Tour durch Frankreich, wo es "Enola Gay" ebenfalls an die Spitze der Charts geschafft hatte. Ausgerechnet in der "Stadt der Liebe" erreichten die Auseinandersetzungen mit Manager Paul Collister ihren finalen Negativ-Höhepunkt. Nach ihrer Paris-Show eskalierte der schon länger schwelende Streit untereinander und die Band musste sich in Sicherheit bringen, als zwischen Andy und Paul Collister Backstage die Tische und Stühle zu fliegen begannen. Collister zog nach ihrer Ankunft in England die Konsequenzen daraus und kündigte an, seinen Job als Manager aufzugeben. "OMD zu managen wurde ein Albtraum", gab Paul Collister einige Jahre später in einem Interview zu Protokoll. "Andy's Ego geriet außer Kontrolle und es hatte aufgehört, Spaß zu machen. Wir schienen die Meisten unserer idealistischen Visionen zu Gunsten des Chart-Erfolges aus den Augen verloren zu haben - 'Enola Gay' ist der beste Beweis dafür".

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Amerika (1981)

Andy und Paul entließen ihn schließlich aus "White Noise Ltd.", mit einem Drittel ihres Bandkapitals als Abfindung. Allerdings waren bereits die Auftritte für ihre zweite Tour durch Kanada und die USA gebucht. Ein Manager, der die dafür nötige Koordination erledigen musste, war unbedingt erforderlich. Gordian Troeller, der während OM-Tourneen schon in logistischen Dingen mit Paul Collister zusammengearbeitet und mit ihm auch kurzzeitig die Managementfirma "Mega-Incorporated" gegründet und geleitet hatte, erklärte sich auf Wunsch von Andy und Paul bereit, den Job aushilfsweise für drei Wochen zu übernehmen. Am Ende wurde daraus ein langjähriger Job als Vollzeit-Manager von OM.

"Godot" - mit Keith Hartley und David Hughes (links) Andy und Paul, 1981 (rechts)

1981 standen Amerika und Kanada ganz oben auf der Prioritätenliste von OM. Im Juni brachen Andy und Paul, mit Malcolm Holmes an den Drums, jedoch ohne Martin Cooper, zur zweiten und diesmal umfangreicheren Tour innerhalb des Jahres dort auf. Im Mai hatte Martin Cooper OM überraschend verlassen, da seine Mitarbeit am Album kaum gefragt war und Paul und Andy als alleinige Songschreiber ihre autoritäre Arbeitsweise weiterhin gewissenhaft pflegten und entgegen der ursprünglichen Vereinbarungen praktisch keine Einflüsse von außen zuließen. Martin gründete daraufhin mit David Hughes die Band "Godot" - ein relativ kurzlebiges Studioprojekt, das in Folge lediglich zwei EP’s und eine Single veröffentlichte und bereits 1983 wieder zu den Akten gelegt wurde. Im Hinblick auf die anstehende Tour war ein zweiter Keyboarder jedoch unabdingbar. Andy war es, der MICHAEL DOUGLAS , ein lokaler Musiker aus der Gegend um Liverpool, an Bord holte. Douglas (später auch Keyboarder bei "The Human League" und "China Crisis") durfte dann auch am neuen Album mitwirken. Offiziell bestanden OM zu dieser Zeit ausschließlich aus Andy McCluskey und Paul Humphreys. Alle anderen Musiker, ob nun Martin Cooper, Malcolm Holmes oder Michael Douglas, wurden lediglich für ihre Liveauftritte engagiert und auch nur dafür bezahlt. Nach dem gleichen Muster verfuhr man bei ihrer Mitarbeit im Studio. Auch hier erhielten sie in der Regel oft nur einen Pauschalbetrag und spielten dafür im Studio im Grunde das, was Andy und Paul ihnen vorgaben.

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Kurzzeitiger Besetzungswechsel (Mai bis Sept. 1981) aufgrund des Weggangs von Martin Cooper: Neu an Bord nun MICHAEL DOUGLAS (links)

Die bisher in England erschienenen OM-Platten wurden zwischenzeitlich in Kanada bei "Polygram-Records" veröffentlicht. Es war naheliegend, dort auch im Juni ihren zweiten Amerika-Trip zu beginnen. Nach dem kaum beachteten ersten Ausflug in die Vereinigten Staaten ein Jahr zuvor, sollten jetzt endgültig die Weichen zu mehr Popularität und ansteigendem Interesse an OM gestellt werden. Allerdings war es beileibe kein einfaches Unterfangen, als britische "Avantgarde"-Band in der von Bands wie "REO Speedwagon" und "Journey" dominierten Mainstream-Rockszene der 1980er-Jahre den Fuß in die Tür des US-Marktes zu bekommen. Carol Wilson fand keine einzige Plattenfirma, die OM-Platten dort veröffentlichen wollte und dementsprechend waren die Alben nur umständlich als Import zu bekommen. Während die Reaktionen auf OM in kulturell aufgeschlosseneren Großstädten wie New York und Los Angeles generell recht positiv ausfielen, bissen sich OM auf einer regelrechten Ochsentour kreuz und quer durch den Mittleren Westen umso mehr die Zähne aus. Von einem Provinznest zum anderen, meist in überdimensionierten, scheunenartigen Tanzschuppen und vor oft nur einer handvoll Leuten, die es weitaus mehr bevorzugten, zu "Country & Western" zu tanzen, als zur Musik dieser "seltsamen britischen Band mit Synthesizern".

links: Aus 2 mach 1 - Die "besten" Songs aus dem Debütalbum und "Organisation" als USA-Compilation Mitte: Die Produzenten Richard Manwaring und Mike Howlett gemeinsam im Studio rechts: Gordian Troeller, OMD-Manager von 1981 bis 1985

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Im Juli 1981 wurde in Amerika schließlich doch noch von "Epic-Records" ein schlicht mit "O.M.D. - Orchestral Manoeuvres in the Dark" betiteltes Album herausgebracht - eine Zusammenstellung einiger der "besten" Songs aus den ersten beiden Alben "O.M.i.t.D." und "Organisation", welches jedoch keinerlei Beachtung fand und umgehend in der Versenkung verschwand. Die Tour durch Kanada und die USA, wo OM bereits einen neuen Song namens "She's Leaving" mit in ihr Programm aufgenommen hatten, endete im Juli - eine dritte Tour durch die Staaten war bereits für September und Oktober angesetzt. Andy und Paul nutzten den tourfreien Sommer dazu, um mit dem Songwriting und den Aufnahmen für das dritte Album - vorrangig jedoch für die erste Single, die schon im August vorab erscheinen sollte - fortzufahren. Dafür buchte man das "Virgin"-eigene, romantisch und ruhig in Oxfordshire gelegene "The Manor"-Studio, wo sich die Band nun für zwei Monate einnistete. Das Studio erwies sich für OM als der ideale Aufnahmeort: "Wir lebten dort wie in einer Blase und ich betrachte das 'Manor' nach wie vor ziemlich romantisch als einen magischen Ort, wo nichts und niemand uns störte und wir uns voll auf unsere Musik konzentrieren konnten", schwärmt Paul Humphreys noch heute. "Ich denke, dass der Aufnahmeprozess für dieses Album der entspannteste und nicht zuletzt auch selbstbewussteste von allen unseren Platten war und finde, das sich dies vollständig in der Aufnahme widerspiegelt", so Humphreys rückblickend im Jahr 2007.

Hier entstand "Architecture & Morality": Das "Manor" in Oxfordshire und das "Mayfair" in London. Im "Wessex"-Studio in London produzierte Mike Howlett "Souvenir" (von links nach rechts)

Als einer der ersten Songs, produziert vom dortigen Studiotechniker Richard Manwaring, entstand im "Manor" das Stück "Georgia". Eigentlich von Beginn an als die erste Single vorgesehen, bekam "Souvenir" von Neu-Manager Gordian Troeller und "Din Disc"-Chefin Carol Wilson als weitaus potentiellere Hit-Single angesehen - den Vorzug vor "Georgia", welches am Ende noch nicht mal mit auf das Album genommen wurde, später in "Gravity Never Failed" umbenannt (den Titel "Georgia“ erhielt stattdessen ein anderer Song der beiden) und erst 1988 auf einer Single-B-Seite ("Dreaming") erstmals veröffentlicht werden sollte. Andy und Paul, überaus angetan von dem Sound, den Manwaring bei "Georgia" (bzw. "Gravity Never Failed") aus dem Hut zauberte, wollten diesen auch auf das restliche Album übertragen. Da Mike Howlett anderweitigen Verpflichtungen nachkommen musste, übertrugen sie nun Manwaring die Produzententätigkeit. Dieser nahm sich nun nochmals "Souvenir" an, denn Andy mochte die bereits im Frühjahr von Mike Howlett produzierte Version nicht sonderlich, die er für "zu schwülstig, sentimental und kitschig" hielt. Auch war er von der Zusammenarbeit Pauls mit Martin nicht unbedingt begeistert und verließ bei den ersten Aufnahmen des Songs im Frühjahr sogar demonstrativ das Studio. Nicht zuletzt spielte wohl auch der Umstand eine Rolle, das mit "Souvenir" erstmals eine Single veröffentlicht werden sollte, auf der er nicht - wie bei den Hits zuvor - selbst sang und er auch nicht als Songwriter daran beteiligt war. Die Neuaufnahme in den Londoner "Advision"-Studios, nun sehr viel roher im Ergebnis als die wesentlich "softere" Howlett-Version, konnte sich am Ende allerdings nach mehrmaligem Vergleichshören nicht durchsetzen. Auch "The Beginning And The End", ein Titel aus Andy und Pauls Anfangszeiten, fand nun seinen Weg ins Aufnahmestudio. Lediglich als vorläufige Version aufgenommen, wurde er später dennoch genau in dieser Rohversion veröffentlicht. Andy und Paul experimentierten mit neuen, fremdartigen Klängen und Effekten (z. B. beim Instrumentalstück "Architecture & Morality", welches innerhalb von drei Tagen im Kasten war) und schufen epische und verträumte Klanglandschaften voller Melancholie und Sehnsucht ("Sealand“ und "The Romance Of The Telescope"). Auch eine erste Version vom später (1983) auf dem Album "Dazzle Ships" veröffentlichten Song "Telegraph" nahm man bereits während diesen Sessions in den "Manor Studios" auf.

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Die kulturellen Eindrücke, die OM auf ihrer Tournee durch Frankreich sammeln konnten, wirkten sich ebenfalls inspirierend auf das Songwriting aus. So war Andy überaus fasziniert von der Geschichte der französischen Freiheitskämpferin Jeanne d’Arc, auch bekannt als "Johanna", bzw. "Jungfrau von Orléans". Sein Interesse an diesem Thema resultierte letztendlich in einem für die damalige Popmusik ungewöhnlichen Song im 6/8-Walzertakt - allerdings verlief die Arbeit daran recht zäh und unbefriedigend. Das Stück wurde beiseite gelegt und Andy schrieb am 30. Mai 1981 - exakt am 550. Todestag von Jeanne d'Arc - einen komplett neuen Song über Johanna, mit dem schließlich alle zufrieden waren - "Joan Of Arc". Zu einem späteren Zeitpunkt griff man dann eher zufällig und zudem ziemlich lustlos nochmals die erste Version auf und arbeitete diesmal mit der kompletten Band daran. Dieser Versuch führte jetzt zu einem guten Ergebnis (nicht zuletzt durch Malcolm Holmes' grandioses Drumming), doch kurioserweise bedeutete dies im Endeffekt, das es für das Album nun einen zweiten Song über Jeanne d’ Arc gab - und den man ganz bewusst zum Zwecke der Irreführung (Andy und Paul wollten sich einen Spaß daraus machen) ebenfalls mit "Joan Of Arc" betitelte. Die Plattenfirma fand das allerdings weniger lustig und zur besseren Unterscheidung erhielt er in Klammern noch den Zusatz "Maid Of Orleans" angefügt. Über die Entstehungsgeschichte der beiden Jeanne d'Arc-Songs weiß Andy McCluskey einige interessante Fakten zu berichten: "Wir tourten mit unserem zweiten Album durch Frankreich, weil 'Enola Gay' dort ein Riesenhit war, für drei Monate die Nummer Eins. Unsere französische Vorband erwähnte eines Tages ganz beiläufig: 'Das ist ja eine regelrechte Jeanne d'Arc-Tour - Rouen, Orléans... all diese Orte, die mit unserer Nationalheiligen verbunden sind'. Nach der Tour begann ich dann zu forschen. Früher hatte ich einen Ringbuchordner, in dem ich Ideen für Songs festhielt und so ging ich in die Bibliothek und begann damit, mir Notizen von Redewendungen und historischen Tatsachen darüber zu machen. Ich untersuchte das auf eine Art und Weise, als würde ich eine komplette Abhandlung dazu verfassen müssen - wie ein verdammter Klugscheisser!". Andy führt weiter aus: "Ich war fest entschlossen, ein Lied über Jeanne d'Arc zu schreiben, denn je mehr man über sie las, desto verwirrender und geheimnisvoller wurde sie. Sie ist eine dieser erstaunlichen historischen Charaktere, die in Wahrheit allerdings - wie Robin Hood - ein Fantasiegebilde ist. Der Mythos ist wohl weit von dem entfernt, was tatsächlich der Realität entsprach. Keine verdammte Armee, die bei klarem Verstand ist, würde sich von einem halbwüchsigen Bauernmädchen in eine Schlacht führen lassen. Die Geschichtsschreibung hat seither immer weiter ihre eigenen Ansichten hinzu gesponnen und je mehr man über sie liest, desto weniger weiß man über sie – verrückt!"

Inspiration für den neuen Sound von OM: links: Das "Edinburgh Military Tattoo" (von englisch "tattoo" = Zapfenstreich) ist das größte Musikfestival Schottlands rechts: Gregorianischer Choral (lateinisch: cantus choralis sive ecclesiasticus = "chormäßiger oder kirchlicher Gesang")

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Auch wenn McCluskey mit seinen beiden Songs über die französische Nationalheldin das Interesse an ihr und auch das an ihrer Heimatstadt Orléans neu entfacht und zu weltweiter Popularität verholfen hatte - den goldenen Schlüssel der Stadt hat Andy McCluskey dennoch nicht dafür bekommen - eher das Gegenteil war der Fall: "'Enola Gay' war ein großer Hit gewesen, aber als die Franzosen herausfanden, dass wir zwei Lieder über ihre Nationalheilige sangen, sagten sie sich: 'Moment mal, vor fünfhundert Jahren haben die Engländer sie verbrannt und jetzt singen sie dämliche Lieder über sie - die können uns mal!' Keiner der beiden Songs war ein Hit in Frankreich - und Tatsache ist, das wir danach nie wieder einen dort landen konnten". Andy McCluskey erklärte weiter: "Neben gotischer Chormusik hörte ich auch militärische Marschmusik - 'Edinburgh Military Tattoo' und solches Zeugs. So bekam ich die Idee von diesem wuchtigen Trommelsound. Die Drums von 'Maid Of Orleans' mit diesem massiven BOOM-TCH-TCH, BOOM-TCHTCH orientieren sich direkt an dieser Quelle. Die Drums auf dem Stück 'The Romance Of The Telescope' resultierten ebenfalls aus dem Versuch, den 'Massed Pipes and Drums' des 'Edinburgh Military Tattoo' nahe zu kommen". Andy schrieb noch einen weiteren Titel für das Album im Alleingang - "The New Stone Age", der Opener des Albums. Ein für OM ungewohnt gitarrenlastiger Song, auf den am ehesten die Bezeichnung "Synth-Punk" zuzutreffen vermag und der eine radikale Abkehr von dem darstellte, was musikalisch von OM im Allgemeinen erwartet wurde. Die Band hoffte insgeheim, dass die Käufer das Album wieder zurück in den Laden bringen würden - fest davon überzeugt, dass dies mit Sicherheit keine OM-Platte sein könne!

links: Andy, Paul und Designer Peter Saville Mitte: Videodreh zu "Souvenir" im Volkswagen "Karmann Ghia" - gedreht in Stowe House, Buckinghamshire, England

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Am 4. August 1981, noch während die Arbeiten am Album in vollem Gange waren, veröffentlichte "DinDisc" Mike Howlett’s Version von "Souvenir" als Nachfolger von "Enola Gay", welche prompt - neben dem zehn Jahre später veröffentlichten "Sailing On The Seven Seas" – die bis heute meistverkaufte Single der Band wurde. Sie toppte, wie schon bei "Messages" und "Enola Gay" der Fall, ein weiteres Mal durch Erreichen des 3. Platzes in den englischen Charts den Erfolg der vorangegangenen Single. "Souvenir" stieg in den kanadischen Charts bis auf Platz 6 hinauf, war in Frankreich, Spanien und Portugal sogar auf dem 1. Platz notiert und neben Deutschland - wo OM zum ersten Mal überhaupt mit einer Single in die Charts kamen (und Platz 39 erreichten) - auch in anderen europäischen Ländern ein Erfolg. Die britischen Medien legten den Fokus innerhalb ihrer Berichterstattung natürlich hauptsächlich auf die Tatsache, dass diesmal nicht Andy, sondern Paul Humphreys die Leadvocals sang und nicht wenige Vertreter der englischen Presse bezeichneten den Song als "überwiegend ein Schritt in die falsche Richtung", sowie als "meilenweit entfernt von ihren früheren Hits", was der Beliebtheit und dem Erfolg der Single bei den potentiellen Plattenkäufern allerdings keinen Abbruch tat. Auf der B-Seite von "Souvenir" fand schließlich auch die ursprünglich als Single geplante Neuaufnahme von "Motion And Heart“ ihren berechtigten Platz, sowie mit "Sacred Heart" zusätzlich ein zweiter, brandneuer Song, der sich musikalisch allerdings mehr in Richtung "Organisation" orientierte und deshalb noch keine Rückschlüsse auf den Sound des kommenden Albums zuließ. Das Cover gestaltete Peter Saville zusammen mit Brett Wickens, für das ein Foto einer Düsseldorfer Straßenszene um die 1950er-Jahre herum verwendet wurde. Auf dem Cover der Maxi-Single "Extended Souvenir" (mit einer um eine Strophe erweiterte Langfassung des Songs) erschien nun auch erstmals das einprägsamere Kürzel "OMD" anstelle des vollen Bandnamens.

OMD mit "Souvenir" beim ersten "Top Of The Pops"-Auftritt am 3.9.1981 mit Michael Douglas (links) und zum zweiten Mal am 25.12.1981 (rechts)

Andy und Paul lancierten - zu Beginn dieser neuen Ära von "Orchestral Manoeuvres in the Dark" - "OMD" als einheitliche Abkürzung ihres Bandnamens, um so die zahlreichen unterschiedlichen Bezeichnungen ihrer Gruppe endgültig zu unterbinden, welche seit Gründung der Band die Runde machten. Der volle Name blieb jedoch weiterhin in Gebrauch und wurde parallel dazu verwendet (und sollte insgeheim auch immer der bevorzugte Terminus seitens von Andy und Paul bleiben).

Mitte: Das Albumcover - gestaltet von Peter Saville und Brett Wickens Während die Erstveröffentlichung in einem hellen Gelborange gehalten wurde (mit maschinengestanzter Außenhülle), erschienen verschiedene Wiederveröffentlichungen in Blau, Gelb, Grau und Grün. Außen: Das Cover von "Souvenir" - auf der Maxisingle erschien erstmals auf einer Platte das Kürzel "OMD"

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Zur endgültigen Abmischung des Albums verließ man das liebgewonnene "Manor" in Oxfordshire und wechselte in das Londoner "Mayfair"-Studio in "Primrose Hill", eines der weltweit angesehensten und beliebtesten Tonstudios. Obwohl das Studio mit der zu dieser Zeit neuesten Computertechnologie ausgestattet war, verzichteten OMD auf dessen Benutzung und führten die Abmischung jedes einzelnen Tracks am Mischpult manuell von Hand durch. Geschuldet war dieses Vorgehen dem Umstand, das bei den "Organisation"-Abmischungen dermaßen viele Probleme beim Computer-Mixing zu Tage traten, das man diese nun möglichst vermeiden wollte. Als Namen für das Album schlug Andy "Architecture & Morality" vor, der (abgewandelte) Titel eines Buches von David Watkins. Darauf aufmerksam gemacht wurde er von Martha Ladly, Ex-Sängerin der "DinDisc"-Kollegen "Martha & The Muffins", die den Titel ursprünglich selbst für ihr Solo-Album verwenden wollte. Andy McCluskey: "Ich dachte, das wäre doch ein netter Titel. Ich habe das komplette Buch nie fertig gelesen, weil es mich zu Tode langweilte, ein überaus blödes Werk" . Und erklärt weiter: "Aber irgendwie fasste der Titel unsere Art zu arbeiten zusammen: Die Architektur unseres maschinenorientierten Rhythmus' - plus die Moral der Texte und Melodien. Das war unsere Vorstellung einer Beschreibung unseres Sounds. Klingt ziemlich prätentiös, aber genau das waren wir damals auch!".

Die klassische "Vier-Mann"-Besetzung von Sept. 1981 bis 1984: MARTIN COOPER, PAUL HUMPHREYS, MALCOLM HOLMES, ANDY McCLUSKEY

Im September 1981 kehrte Martin durch Vermittlung von Malcolm wieder zurück zu OMD und begleitete die Band auf ihrer dritten Kurztour durch die USA, die hauptsächlich der Promotion des im Juli veröffentlichten US-Albums diente. Michael Douglas verließ daraufhin die Gruppe. Martin, der mit seiner Band "Godot" immer unzufriedener wurde und sie zusammen mit David Hughes schlussendlich auflöste, wurde nun als festes Bandmitglied angestellt, mit geregeltem Gehalt, was eine weitaus bessere Ausgangssituation für ihn darstellte als noch vor den "Architecture & Morality"-Sessions, wo er lediglich für Auftritte entlohnt wurde. Während der Tour heiratete Paul, im Beisein der gesamten Band, in Los Angeles seine Freundin Maureen, die er ein Jahr zuvor während ihres ersten Amerikabesuchs in New York kennengelernt hatte.

Auftritt bei "Top Of The Pops" am 12.11.1981 mit "Joan Of Arc" - Die Aufnahme wurde später als Promovideo verwendet

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Während die Band in New York weilte, wurde am 9. Oktober 1981 - unerklärlicherweise ausschließlich in England, Irland und in Kanada - der von Andy McCluskey geschriebene Song "Joan Of Arc" als Nachfolgesingle von "Souvenir" veröffentlicht und erklomm, wie auch schon zuvor "Souvenir", erneut die "Top-5" der britischen Charts. Als B-Seite wurde das epische "The Romance Of The Telescope" veröffentlicht, ein Song, der später nochmals neu abgemischt auf dem "Dazzle Ships"-Album erscheinen sollte und den Paul und Andy noch heute als einen ihrer Lieblingssongs von OMD bezeichnen. Als schließlich am 6. November 1981 das Album "Architecture & Morality" im Fahrwasser von zwei Hitsingles in die Läden kam, verkaufte es sich praktisch wie geschnitten Brot. Die Langspielplatte wurde ebenfalls zu einem Topseller und blieb bis heute DER Klassiker von OMD und eines ihrer drei erfolgreichsten Alben (neben "The Best Of OMD" von 1988 und "Sugar Tax" von 1991). Das Album erreichte Platz 3 der britischen Charts, stieg in der niederländischen Hitliste gar bis an die Spitzenposition und positionierte sich in Ländern wie Frankreich, Schweden, Österreich und Neuseeland konstant in "Top-20"/"Top-30"-Regionen. In Kanada erreichten OMD damit einen respektablen 18. Platz. In Deutschland kam "Architecture & Morality" bis auf Platz 8 der Albumcharts. Das Album gilt als der größte Erfolg der Band, sowohl kommerziell und künstlerisch betrachtet, als auch aus Sicht der Kritiker. Bis 2009 wurden mehr als drei Millionen Exemplare davon abgesetzt.

Die Rezensionen zum Album fielen allerdings ziemlich mannigfaltig aus. Der deutsche "Musikexpress" vergab zwar vier Sterne, resümierte aber auch: "Das […] die Gefahr naheliegt, in sentimentalen Kitsch abzurutschen, zeigt die Hit-Single 'Souvenir'. Insgesamt ein recht unterschiedliches, aber nicht immer wirkungsvolles Stimmungsbad". Erst viele Jahre später sollte das Album in der Nachbetrachtung seinen verdienten Platz in der Geschichte der Popmusik erhalten. "The Guardian" führt "Architecture & Morality" in seinem Buch "1001 Alben, die du gehört haben musst, bevor du stirbst" auf, die Musikzeitschrift "Mojo" in ihren "Die 80 größten Alben der 1980er-Jahre". "Allmusic" vergab in seiner Bewertung 4,5 von 5 Sternen für "Architecture & Morality". Dort bezeichnet Ned Raggett das Album als Höhepunkt der Band in Bezug auf ständige Experimentierfreudigkeit und gleichzeitige Mainstream-Tauglichkeit. In seiner Kritik für die "BBC" anlässlich der Veröffentlichung von DVD und neu abgemischter CD im Jahr 2007 nannte Amar Patel das Album "OMD's bahnbrechendes Werk". "Pitchfork Media" vergab 8,7 von 10 Punkten, "Uncut" vier von fünf Sternen.

Bandportraits aus niederländischen Zeitschriften (1981/82)

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Paul und Andy indessen hatten nun zwar den vorläufigen Höhepunkt ihres Erfolges erreicht, fühlten sich aber dennoch so gut wie am Ende. Das Jahr 1981 hatte seine Spuren bei ihnen hinterlassen: Drei Trips nach Amerika, europaweit sieben Nummer-Eins-Platzierungen und zahlreiche vergoldete Alben - allerdings hatten beide dabei weitgehend den Spaß an der Musik verloren und standen unter einem immensen Druck, den sie kaum zu kanalisieren in der Lage waren. Von Carol Wilson, die für OMD einen exakten Sechs-Monats-Plan zur Vermarktung und Konsolidierung ihres Erfolges aufgestellt hatte, wurde zum Ende des Jahres bereits ein weiterer Titel aus dem Album als Singleauskopplung fest eingeplant. Es handelte sich dabei um "Joan Of Arc (Maid Of Orleans)" - für die Single umbenannt in "Maid Of Orleans (The Waltz Joan Of Arc)". Um jenen Song also, der beinahe gar nicht erst fertiggestellt, bzw. aufgenommen worden wäre!

OMD " live", 1981 ("Theatre Royal Drury Lane". London)

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Am Vorabend ihrer tags darauf beginnenden England-Tour am 7.11.1981 schrieben Andy und Paul bis in die frühen Morgenstunden hinein an dem für die B-Seite der "Maid Of Orleans"-Maxisingle vorgesehenen Song "Of All The Things We’ve Made" und nahmen ihn noch in der selben Nacht im "Gramophone-Studio" auf in der festen Überzeugung, dass es der letzte Song sein sollte, den sie jemals für OMD schreiben und aufnehmen würden. Beide hatten genug vom Pop-Business, fühlten sich ausgebrannt und waren an einem für sie unerträglichen und musikalisch schier ausweglosen Punkt angelangt. Die bis Ende Dezember andauernde, zweimonatige Tour durch England (und erstmals auch Irland) jedoch geriet zu einem Triumphzug von OMD. Einen Teil ihrer Konzerteinnahmen spendeten OMD dabei regelmäßig einem Fonds, der arbeitslosen Jugendlichen zugute kam. Enthusiastische, teilweise fast schon fanatische Fans strömten in ausverkaufte Hallen, kopierten dabei das Outfit von Andy und Paul (was Andy eigentlich zu vermeiden versuchte, indem er in TV-Shows oft im alten Pullover seines Vaters auftrat) und prügelten sich um Autogramme. Nicht jeder teilte diese Begeisterung - allen voran natürlich mancherlei Medienvertreter. So verließ zum Beispiel Dave McCulloch von "Sounds", der die Musik von OMD normalerweise eigentlich mochte, bereits nach drei Songs das "Hammersmith Odeon" in London, um später zu schreiben, das die "ganze Idee, OM auf die Bühne zu bringen, ein einziger Witz sei". Dabei war es wirklich kein einfaches Unterfangen, mit Synthesizern unterstützte Musik "live" zu spielen, denn die Technik steckte zu Beginn der 1980er-Jahre noch weitestgehend in ihren Kinderschuhen. Paul Humphreys bezog in einem rund fünfundzwanzig Jahre später geführten Interview noch einmal Stellung zu diesem Thema: "Die damaligen Synthies waren nicht sehr zuverlässig. Immer wieder sind sie abgestürzt oder haben sich verstimmt. Während des Konzerts mussten wir andauernd nachstimmen, je nachdem, wie die jeweilige Stromspannung vor Ort war oder wenn es heißer wurde auf der Bühne. Die ganze Zeit warst du am rumdrehen und nachstimmen". OM nahmen für den Notfall sogar zusätzlich noch Ersatzgeräte mit auf Tour - und so manches mal half nur noch ein gezielter Tritt, um die streikende Gerätschaft wieder in Gang zu bringen.

"Live" in Dublin, 1981

1982 Am 15. Januar 1982 veröffentlicht, wurde "Maid Of Orleans", entgegen der Erwartung von Andy und Paul, ein Riesenhit in ganz Europa. Er erreichte in England mit dem 4. Platz wiederum die "Top-5", blockierte allein in Deutschland wochenlang Rang 1 der Hitparade und wurde dort sogar die meistverkaufte Single 1982. Ebenfalls fand sich die Single an der Spitze der belgischen, niederländischen und spanischen Charts wieder und belegte "Top-5"-Positionen in mehreren europäischen Ländern wie der Schweiz, Österreich und Irland. Auch in Neuseeland (Platz 7) und in Kanada (Platz 32) schlug die Single entsprechend ein. "Maid Of Orleans" übertraf mit drei Millionen Einheiten sogar noch bei Weitem die Verkaufszahlen von "Architecture & Morality". Dabei war die Band anfangs mehr als skeptisch, was einen Single-Erfolg von "Maid Of Orleans" anbelangte. Allen voran Andy McCluskey, alleiniger Komponist des Stücks, welches er nebenbei als das "'Mull Of Kintyre' von OMD" bezeichnete: "Ich fühlte mich ein wenig unwohl bei dem Gedanken, 'Maid Of Orleans' als Single zu veröffentlichen", so Andy McCluskey. "Ich dachte bei diesem Lied zu keiner Zeit daran, dass dies eine potentielle Single sein könnte. Bei 'Souvenir' und 'Joan Of Arc' war das anders, das waren offensichtliche Hit-Kandidaten. Die Plattenfirma und Carol Wilson hatten 'Maid Of Orleans' vorgeschlagen und obwohl ich mir nicht sicher darüber war, gab ich, nachdem man mich lange genug bearbeitet hatte, meine Freigabe dafür. Es wurde ein monströser Hit und half ungemein dabei, das Album zu verkaufen".

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Fotosession in Edinburgh und Titelbild des "Smash Hits"-Magazins im Januar 1982

Für den dominant mellotronlastigen B-Seiten-Track "Navigation" griffen Andy und Paul nochmals auf Sounds von Original-"VCL XI"-Aufnahmen der Jahre 1976/77 zurück.

"MAID OF ORLEANS" Die meistverkaufte Single in Deutschland 1982 und Nr. 1 bei der "BRAVO"-Leserwahl (rechts)

Das von Steve Barron gedrehte, überaus gelungene Promotion-Video zu "Maid Of Orleans" wurde, was die Außenaufnahmen betraf, im ungemein schneereichen Winter in "Brimham Rocks" und der "Fountains Abbey", in der Nähe von Aldfield, North Yorkshire, aufgenommen. Hier spielte Julia Tobin, eine Schauspielerin der "Royal Shakespeare Company" die Rolle der "Joan of Arc". Die Innenaufnahmen mit Andy und Paul fanden im "Manor"-Studio statt. Der irische Regisseur Steve Barron wurde nur wenig später mit seinen Videoclips für "Billie Jean" (Michael Jackson), "Money For Nothing" ("Dire Straits") und "Take On Me" von "a-ha" weltberühmt. Um das Cover, erneut gestaltet von Peter Saville und Brett Wickens, gab es im Vorfeld einige Auseinandersetzungen zwischen der Band und Carol Wilson, sodass man am Ende zwei verschiedene Ausgaben veröffentlichte. Die Bekannteste davon blieb letztlich das Cover (und die von Andy und Paul bevorzugte Version) mit dem bunten Kirchenfensterglas, inspiriert von einem Design des Künstlers Anton Wolff.

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Außen: OMD am 21.1.1982 mit "MAID OF ORLEANS" bei "Top Of The Pops" Mitte: Promovideo zur Single

"She's Leaving", die vierte Singleauskopplung aus "Architecture & Morality" - vom Musikkritiker Robin Denslow des "Guardian" beschrieben als "die Art von Lied, das Paul McCartney geschrieben hätte, wenn er mit den Synthesizerbands von 1981 aufgewachsen wäre" - war für "DinDisc"-Chefin Wilson bereits von Beginn an als Teil ihrer Vermarktungsstrategie so gut wie beschlossen. Doch scheiterte dieses Vorhaben am Widerspruch von Andy und Paul, die in dieser Aktion einen allmählichen Ausverkauf ihrer Band sahen. Beide waren noch immer von einer Art "Post-Punk-Paranoia" besessen, wo kommerzieller Erfolg sich mit einer freien künstlerischen Entfaltung nicht vereinbaren lässt. Andy McCluskey reflektiert das Ganze heute recht selbstkritisch: "Es wäre kein allzu großes Risiko gewesen, den Song als Single zu veröffentlichen. Dann wurde ich allerdings zu einem pedantischen und hochtrabenden Künstlerarschloch, der die Meinung vertrat: 'Oh nein! Wir werden keine vier Singles aus einem Album veröffentlichen! Ich werde meine Kunst nicht prostituieren!' Das war der einzige Grund, warum wir uns dagegen stellten. Es wurde in den BeneluxLändern veröffentlicht, aber nirgendwo sonst, und es war nicht wirklich ein Hit. Es ist schwer zu sagen, ob es mit einem Video und angemessener Promotion besser geklappt hätte".

Der Presse blieben diese Differenzen und Probleme nicht verborgen und erste Trennungsgerüchte begannen die Runde zu machen. Andy und Paul heizten diese Gerüchte mit folgender Aussage sogar noch weiter an: "Diese OMD-Inkarnation ist definitiv am Ende - es ist Zeit für eine Veränderung". Dennoch war beiden auch klar, das es für sie nicht so leicht werden würde, die Band einfach auseinanderbrechen zu lassen (was ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber "DinDisc" sicherlich mit einschloss). Es folgte ab Januar 1982 eine ausgedehnte Europatour - u. a. durch Frankreich, wo "Souvenir" immer noch Nr. 1 in der Hitparade war. In Italien hatten sie deutlich weniger Zuspruch. Die Italiener konnten mit dem neuen Sound, der sich so grundlegend vom Hit "Enola Gay" unterschied, wenig anfangen und die Mehrzahl der Konzertbesucher reagierte äußerst zurückhaltend. Nach Italien ging es dann in die Schweiz und durch deutsche Konzerthallen. In Deutschland - genauer gesagt in dem kleinen Club "Zeche" in Bochum - bekamen OMD überraschenden und gänzlich unerwarteten Besuch von ihren größten Idolen: Karl Bartos, Ralph Hütter und Wolfgang Flür von "Kraftwerk"! Andy und Paul waren während ihres Auftritts verständlicherweise übernervös, immer daran denkend, wie das Konzert und ihre Musik wohl bei den "Kraftwerk"-Musikern ankommen würde.

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Diese jedoch waren von OMD recht angetan und nach Ende des Gigs traf man sich dann sogar noch zu einem gemeinsamen Plausch. Am nächsten Abend besuchten "Kraftwerk" in ihrer Heimatstadt Düsseldorf noch einen weiteren Auftritt von OMD. Die Tour führte die Band im weiteren Verlauf für einige Konzerte nach Belgien und Holland, wo "Maid Of Orleans" der bis dato erfolgreichste Song von OMD geblieben ist. Andy und Paul aber langweilten sich während ihren Konzertreisen und der allabendlichen Wiederholung der immer gleichen Songs im zunehmenden Maße. Doch zum Durchatmen blieb keine Zeit. Denn eine weitere Mammut-Tour durch Amerika und Kanada stand ab Mitte Februar gleich nach den Europaterminen auf dem Programm. Zehntausende von Kilometern reiste die Band nun wieder quer durch die USA und Kanada. Sie spielten in den USA meist in viel zu beengten Räumlichkeiten, technisch oft unzureichend ausgestattet, was häufig zu Problemen auf der Bühne führte und auch der Truck mit der Lichtanlage mehr als einmal gar nicht erst ausgeladen zu werden brauchte. In Kanada, wo OMD im Anschluss daran auftraten und mehr Popularität genossen, waren zumindest die Hallengrößen akzeptabel, das Publikum weitaus aufgeschlossener und umgänglicher. Dann ging es wieder zurück in die USA, wo tagtägliche Eintausend-Meilen-Non-StopMarathons von Stadt zu Stadt gewaltig die Nerven aller Beteiligten strapazierten.

OMD in den USA - u. a. mit einem Besuch der Gefängnisinsel Alcatraz (rechts)

Zur Übernachtung teilte man sich in der Regel das gleiche Zimmer und die permanente Nähe untereinander, ohne jegliche Privatsphäre für den Einzelnen, sorgte schon bald für weitere Spannungen. Zudem wurde Paul auf Tour mittlerweile auch meistens von seiner Frau Maureen begleitet. Beide gingen oft ihre eigenen Wege und Andy fühlte sich dadurch zunehmend isoliert. Was wiederum dazu führte, das Andy zwangsläufig immer mehr Verantwortlichkeiten innerhalb der Band übernahm und sich so zunehmend als Bandleader profilierte. In Vancouver angelangt, spielten OMD dort ihren letzten Auftritt von insgesamt sechsundneunzig Shows innerhalb von sechs Monaten - die Auftritte davor zwischen Januar und Oktober 1981 nicht mitgerechnet. In einem Interview mit der Amerikanerin Lori Tarchala schilderte Andy McCluskey – sehr offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen - die damalige Situation: "Es war sehr frustrierend, Hits zu haben und in ausverkauften großen Theatern in Europa zu spielen - und dann hierher zu kommen und in kleinen beschissenen Clubs wieder ganz von vorne anzufangen. 'Virgin' unterstützte uns in keinster Weise und verscherbelte uns im Paket: 'Hier - nehmt XTC, Japan und OMD und seht zu was ihr daraus macht'. Mit unserem ersten Label dort (Epic) war es hoffnungslos - ihre Idee davon, ein OMD-Album zu veröffentlichen, war die, es unter den Teppich zu kehren. Die Menschen dort haben uns ausschließlich bei College-Radiostationen und Importgeschäften finden können. Wir haben in den USA komplett unsere Zeit und auch unsere ersten vier Alben verschwendet". Im April 1982 kamen sie zurück nach Liverpool - erschöpft, sowie körperlich und mental ausgebrannt. Obwohl jetzt dringend eine Erholungspause nötig gewesen wäre, renovierten sie weiter an ihrem "Gramophone Studio", das immer noch nicht komplett fertig war. Als sie die noch erforderlichen Arbeiten abgeschlossen hatten, waren Andy und Paul jedoch dermaßen angeödet von diesem Ort, dass an neuen Songs zu arbeiten das Letzte war, was sie dort zu tun gedachten. Doch neues Material für das "Architecture & Morality"-Nachfolgealbum musste geschrieben werden, denn der "Ein Album pro Jahr"-Knebelvertrag ließ kein längeres Durchatmen zu.

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Andy McCluskey, Paul Humphreys und Malcolm Holmes an den Docks im Liverpooler Hafen

Andy erinnerte sich jetzt öfters an die Unterhaltung, die er mit den "Kraftwerk"-Musikern geführt hatte denn "Kraftwerk" setzten genau das um, wovon OMD nur träumen konnten: Kein Management, eigene Kontrolle über alle Aktivitäten, völlige künstlerische Freiheit und maximale Entlohnung. Vor allem die Entlohnung war mittlerweile ständiger Streitpunkt zwischen Andy und Paul auf der einen und Carol Wilson auf der anderen Seite. In der Tat war es so, dass "DinDisc", bzw. der "Virgin"-Mutterkonzern den Löwenanteil des Gewinns an den OMD-Platten einstrich, die Band dagegen mit "Peanuts" abgespeist wurde. Von jeder verkauften Schallplatte bekamen OMD laut Aussage von Andy McCluskey ganze zwei (!) Pence ausbezahlt und mussten sich teilweise sogar noch an den Produktionskosten finanziell beteiligen. Trotz millionenfach verkaufter Schallplatten waren Andy und Paul alles andere als Millionäre. Die Goldenen Schallplatten hingen nicht etwa in irgendwelchen neuerworbenen Luxusvillen - nein, diese konnte man in den Wohnzimmern ihrer Elternhäuser bewundern, wo die beiden weltweit bekannten Popstars immer noch wohnten.

Richard Branson - Boss von "Virgin Records" und Multimilliardär

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Carol Wilson überwarf sich Mitte 1982 nach ständigen finanziellen Streitigkeiten mit Richard Branson, dem Besitzer von "Virgin", dem auch das Sub-Label "DinDisc" gehörte. Zusätzlich enttäuscht von Andy, der sich in der Presse negativ über sie und den aus seiner Sicht für OMD finanziell nachteilig gestalteten Plattendeal geäußert hatte, trennte Carol Wilson sich vom Label, was gleichzeitig auch ihre Trennung von OMD und das darauffolgende Aus für "DinDisc" bedeutete. Ohne OMD als einzige, wirkliche Einnahmequelle neben den weiteren, allerdings kommerziell unrentablen Labelkünstlern wie "Nash The Slash" und "Hot Gossip", war "DinDisc" nicht weiter überlebensfähig. Somit standen OMD nun automatisch beim Mutterkonzern "Virgin" unter Vertrag, wodurch einige Probleme auf die Band zukamen: War "DinDisc" als kleines Label noch überschaubar und hatten sie in Carol Wilson immer eine Ansprechpartnerin und Vertraute, die sich mit Hingabe um die Belange der Band kümmerte, so fanden sie sich nun bei einem Major-Label wieder, in dem OMD lediglich eine Band unter vielen war und keine Anlaufstelle mehr für Andy und Paul bereitstand. Es gab niemanden, der sich um sie kümmerte, niemanden den sie dort kannten und vor allem niemanden, der ihnen beratend zur Seite stand und sie vor möglichen Fehlentscheidungen bewahren konnte. Alle drei bisher veröffentlichten Alben waren Hits und Millionen von Singles wurden verkauft - OMD waren auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Popularität angelangt. Mit der Arbeit an den neuen Songs, die in der Veröffentlichung ihrer vierten Langspielplatte münden sollte, bahnte sich jedoch schon der erste und auch massivste Rückschlag für die Band an, von dem sie sich in den folgenden Jahren kaum noch erholen sollte.

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D / DAZZLE SHIPS

Unerwartete musikalische Manöver führen zum kommerziellen Desaster

OMD 1983: MALCOLM HOLMES, ANDY McCLUSKEY, PAUL HUMPHREYS, MARTIN COOPER

April - Dezember 1982 Bevor nun das Jahr 1983 und die Entstehung des wohl umstrittensten Albums von OMD einer näheren Betrachtung unterzogen wird - mit all den Konsequenzen, die sich daraus zwangsläufig für die weitere musikalische Richtung der Band in den nachfolgenden Jahren ergeben sollten - vorweg ein Statement von Andy McCluskey aus dem Jahr 2008. Rückblickend brachte er "Dazzle Ships" und die damalige schwierige Situation kurz und knapp auf den Punkt: "Ich war der Ideengeber, Paul Humphreys setzte sie um. Es war eine symbiotische Beziehung, beide waren wir gegenseitig voneinander abhängig. Bei zwei Pauls würde am Ende nichts Fertiges herauskommen, zwei Andys hätten sich spätestens nach sechs Wochen im Studio gegenseitig erschossen. So ergänzten wir uns also. Aber letztendlich war ich derjenige, der uns damals an den Rand des Abgrunds geführt hatte. Es hat fünfundzwanzig Jahre gedauert, bis mir Paul für 'Dazzle Ships' verziehen hatte", so Andy. Und weiter: "Wir wollten ABBA und Stockhausen gleichzeitig sein. Dieses Album, welches damals fast vollständig unsere Karriere ruiniert hatte, sieht man heute als eine Art ungeschickten Geniestreich an".

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Der phänomenale Erfolg von "Architecture & Morality" bescherte Andy und Paul zwar einen überaus warmen Geldregen, man konnte sich nun eigene Autos und eigene Häuser in Wirral leisten und sich im Prinzip um die angenehmen Seiten des Lebens kümmern. Was sich aber schon während der Arbeit am "Organisation"-Album andeutete und sich nun immer grundlegender manifestierte, war die veränderte Arbeitsweise von Andy und Paul. Waren sie die ersten vier Jahre mehr oder weniger rund um die Uhr zusammen und schrieben und experimentierten hauptsächlich gemeinsam an neuen Songs, so war Paul, bedingt durch seine Heirat mit Maureen, jetzt viel seltener mit Andy zusammen. Die veränderten Lebensumstände und die neu gewonnene, persönliche Unabhängigkeit, setzten auch Andys und Pauls Betrachtungen dessen, was ihnen in den letzten Jahren wichtig war, in eine andere Relation. Andy dazu: "Dinge, an die du sonst immer geglaubt und daran festgehalten hattest, waren plötzlich nicht mehr wichtig" . Das erfolgreiche Songschreiberkollektiv war empfindlich gestört. Dennoch begannen beide - schon ab April 1982 - mit einem Versuch der Umsetzung ihrer neuen Songideen. Die Liebe zur Musik trieb Andy und Paul auch weiterhin an. Ungeachtet ihrer permanenten Unzufriedenheit darüber, was die finanzielle Seite ihres bisherigen Vertrages mit "DinDisc" betraf, diente die Geldvermehrung dennoch nicht als Hauptmotivation dazu, ihre musikalische Zusammenarbeit weiter fortzusetzen. Was sie allerdings unbedingt vermeiden wollten, war ein neuerlicher Aufguss von "Architecture & Morality": "Wir fanden, es gab keinen Grund uns selbst zu wiederholen", so Andy McCluskey. "Mit 'Maid Of Orleans' und 'The Romance Of The Telescope' hatten wir das Beste aus uns und unserer Arbeit mit dem 'Mellotron' herausgeholt - und das war's! Wir hatten genug davon, weiterhin die 'Orchestralen' Manöver im Dunkeln zu sein".

Soundprägend für das "Dazzle Ships"-Album: "Sanyo" Kurzwellen-Radio, "E-mu" Emulator I und die "Speak & Spell"-Machine

So war es Andys Idee, zurück zu ihren Wurzeln zu gehen und wieder mehr Experimentierfreude an den Tag zu legen. Dabei ergänzten sich Andy und Paul in gewohnt kongenialer Weise. Während Andy der energiegeladene Enthusiast war, der sich permanent wilden Ideen, bizarren Songtiteln und abartigen Popsongs hingab, so kompensierte Paul dies durch seine ruhige, weniger methodisch, als vielmehr intuitiv vorgehende Art und Weise und setzte Andys Ideen in natürliche Melodien um. Zuerst wurde ein Instrumententausch vorgenommen. Das den aktuellen OMD-Sound prägende "Mellotron" wurde eingemottet und durch ein neuartiges, digitales "Emulator"-Sampling-Keyboard ersetzt. Doch die anfängliche Euphorie verflog schnell und Andy und Paul saßen die meiste Zeit leidlich uninspiriert und ohne konkrete Ideen in ihrem "Gramophone Suite"-Studio herum. Nach dem internationalen Erfolg von "Architecture & Morality" lastete ein unglaublicher Erwartungsdruck auf der Band. An diesem Punkt hatten die beiden noch die Chance, mit einer Weiterverfolgung des "Architecture & Morality"-Konzeptes auf Nummer Sicher zu gehen und im Fahrwasser des Millionensellers zukünftige kommerzielle Risiken weitgehend auszuschließen. Aber Andy und Paul hielten unbeirrt an ihrer Entscheidung fest, OMD musikalisch in neue Bahnen lenken zu wollen. In welche Richtung dieser Kurswechsel letztendlich aber konkret gehen sollte, darüber waren sich beide nicht im Entferntesten im Klaren. Anstatt neue, kreative Wege einzuschlagen, vollzogen Andy und Paul nun einen Rückschritt in die Vergangenheit und nahmen in bester John Cage-Manier ihre alten Radio-Experimente aus vergangenen "VCL XI"-Zeiten wieder auf, in deren Verlauf immerhin zwei neue Soundcollagen entstanden "Radio Prague" und "Dazzle Ships". Wirklich neue, "richtige" Songs kamen nicht zustande. Andy und Paul nahmen sich daraufhin eine Auszeit und flogen für sechs Wochen zu Maureen's Eltern nach Kalifornien, um abseits jeglicher Gedanken an Musik neue Kraft zu tanken und ihre mentalen Batterien aufzuladen.

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Das neue OMD-eigene Label "Telegraph"

Nach ihrer Rückkehr ins "Gramophone Studio" hatte sich in kreativer Hinsicht jedoch nichts zum Besseren verändert. Es gab immer noch keine neuen Songs und so begannen sie in ihrer Not damit, einen alten Titel von "The ID" - "Radio Waves" - auszugraben, der auch schon gleich als die nächste Single in Betracht gezogen wurde. Andy und Paul führten weiter ihre Radio-Experimente fort und nahmen dabei vornehmlich über Kurzwellen-Radio Nachrichtensendungen aus aller Welt auf. Wirklich voran ging es indessen immer noch nicht. Nicht nur Andy und Paul wurden immer unzufriedener mit der Situation, mehr oder weniger in einer künstlerischen Sackgasse zu stecken. Auch Malcolm und Martin langweilten sich zunehmend, denn beide waren abermals so gut wie überhaupt nicht in die neuen Aufnahmesessions involviert. Malcolm beispielsweise spielte letztendlich lediglich auf drei Stücken des fertigen Albums mit, die wiederum schon in den ersten "Grammophone Suite"-Sessions aufgenommen worden waren. Positiv für die beiden war einzig und allein der Umstand, dass sie nun von Andy und Paul als vollwertige Mitglieder in die Band aufgenommen und somit erstmals auch finanziell an den Verkaufserlösen eines Albums beteiligt wurden.

Andy und Paul waren desillusioniert, schon allein aufgrund der Tatsache, dass von "Architecture & Morality" rund drei Millionen Platten verkauft wurden, sie aber von den Kritikern als Musiker nicht mehr sonderlich ernst genommen wurden. Dies war sicherlich mit einer der ausschlaggebenden Gründe dafür, sich gegen den sicheren Weg einer "Architecture & Morality - Part II"-Produktion zu entscheiden und wieder einen experimentelleren Kurs einzuschlagen. Um diesem Anspruch nun endlich gerecht zu werden, quartierten sie sich im weiteren Verlauf des Jahres mit einem neuen Produzenten - Rhett Davies, der schon "Roxy Music" und Bryan Ferry produziert hatte – in Phil Manzanera’s "Gallery Studio" in Chertsey ein. Die Platte entwickelte sich im Laufe der Aufnahmesessions jedoch immer mehr zu einem Alleingang von Andy, der darauf fixiert war, einen völlig neuen Weg mit OMD zu gehen. So ließ er sich auch durch nichts und niemanden davon abbringen, seine radikalen und unkonventionellen Ideen in die Tat umzusetzen. Als man schließlich die Aufnahmen beendet hatte, machte sich die große Ernüchterung breit. Alle waren unzufrieden mit dem Endergebnis, aber niemand wagte es, konkret einzugreifen. Manager Gordian Troeller vertrat die Auffassung, dass das Album komplett neu aufgenommen werden müsste. "Virgin-Records", die im Gegensatz zu Carol Wilson der Band in Erwartung eines profitablen "Architecture & Morality"Nachfolgers (noch) freie Hand ließ, legte keinerlei Veto ein. Und letzten Endes wurden auch Pauls Bedenken beiseite geschoben, dessen Ideen sich nicht mehr gegen Andys Vorstellungen durchsetzen ließen.

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Rhett Davies, Produzent von "Dazzle Ships" (links) Andy und Paul 1982 in ihrem "Gramophone Studio" in Liverpool (rechts)

1983 Bezeichnend für dieses Album ist der Umstand, dass es McCluskey und Humphreys tatsächlich nicht geschafft hatten, innerhalb von einem Jahr und vier Monaten mehr als vier wirklich neue Songs zu schreiben: "Genetic Engineering", "International", "Silent Running" und die B-Seite "4-Neu". "Telegraph" wurde bereits 1981/82 als "A & M"-Outtake geschrieben - "The Romance Of The Telescope" und "Of All The Things We've Made" schon als Single-B-Seiten veröffentlicht. "Radio Waves" entstand 1977 in der "The ID"-Phase von Andy und Paul. Die restlichen Tracks - "Radio Prague", "ABC Auto Industry", "This Is Helena", "Dazzle Ships" und "Time Zones" - stellten mal mehr, mal weniger skurrile Soundcollagen und eine futuristisch anmutende Klangsuche dar, als das man sie als konventionelle und eingängige Songs bezeichnen könnte. Mitgeschnittene Nachrichten, Wirtschaftsinformationen und Kommentare von Nachrichtensprechern wurden miteinander kombiniert und bildeten die eigentliche Grundlage dieser "Songs" (die auch bei "International" mit eingearbeitet wurden). Der "Radio Prague"-Track bestand tatsächlich ausschließlich aus dem mitgeschnittenen Intervall-Signal des tschechoslowakischen Auslands-Radios, einschließlich der Zeitsignale und der in tschechisch gesprochenen Station-ID. "Time Zones" wurde aus Aufnahmen verschiedener Telefon-Zeitansagen aus aller Welt zusammenmontiert und miteinander synchronisiert. Weder "Radio Prague" noch "Time Zones" trugen Songwriter-Credits, lediglich für das Arrangement wurden hier "OMD" genannt. Wie weit man in puncto Einfallslosigkeit (andere mögen es Genialität nennen) zu gehen bereit war, wurde mit dem B-Seiten-Track "66 & Fading" anschaulich zu Gehör gebracht: Hier verlangsamte man die Geschwindigkeit der Melodielinie von "Silent Running" um die Hälfte, spielte diese dann rückwärts ab und streckte das Ganze auf sechseinhalb Minuten. Aufgrund der Tatsache, das sich Andy und Paul bei ihren umfangreich verwendeten Radioaufnahmen vorwiegend bei Kurzwellen-Sendern aus dem osteuropäischen Raum und an Industrie-Roboter-Sounds bedienten, verlieh dies dem gesamten Album eine wohl eher unbeabsichtigte, aber dennoch ganz spezielle Art von Atmosphäre, welche die Paranoia des Kalten Krieges, den Ost-West-Konflikt und den bedrückenden Geist der damaligen Zeit recht lebendig widerzuspiegeln vermochte.

Andy und Paul 1983: Szenen aus dem Promovideo zu "Genetic Engineering"

Noch vor Veröffentlichung des Albums entschied sich "Virgin" dazu, "Genetic Engineering", eine offensichtliche Hommage an "Kraftwerk" und ihren Song "Computer World", als erste Singleauskopplung herauszubringen. Damit bekam das Lied den Vorzug zum ursprünglich als Single vorgesehenen Track "Radio Waves", als auch dem zwischenzeitlich als potentielle Erst-Single gehandelten Song "Telegraph".

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Mit einem zwar akzeptablen 19. Platz in den "UK Singles Charts", beendete "Genetic Engineering" allerdings erstmals den Lauf von vier aufeinander folgenden "Top 10"-Hits in Großbritannien. In Deutschland, wo man zuvor mit "Maid Of Orleans" noch wochenlang den 1. Platz der Charts blockierte, erreichte die Single lediglich Position 20. "Genetic Engineering" wurde auch ein "Top 20"-Hit in mehreren europäischen Ländern und verzeichnete mit Platz 5 in Spanien die höchste Notierung. Die "USA Billboard Hot 100" wurden nicht geknackt, mit einem respektablen 32. Rang in den hiesigen "Mainstream Rock Charts" konnte man allerdings ein wenig auf sich aufmerksam machen. Andy McCluskey merkte zu "Genetic Engineering" an, dass es sich hier keineswegs um einen Angriff auf die Gen-Technologie handele, wie viele glaubten: "Ich stehe der Sache sehr positiv gegenüber. Aber die Leute hören nicht auf den Text und denken automatisch, es sei ein Lied dagegen".

"Dazzle Ships" - so hieß die neue Langspielplatte, sollte den einstigen experimentellen Pionierdrang von OMD wiederbeleben - in den Ohren vieler Kritiker jedoch klang das Ergebnis über weite Strecken einfach nur hilflos und pubertär. Am 4. März 1983 wurde sie schließlich auf Andy und Pauls neugegründetem "Telegraph"-Label veröffentlicht, welches hauptsächlich zu dem einen Zweck geschaffen wurde, den Wechsel zum Plattenmulti "Virgin" zu verschleiern, um damit weiterhin den Eindruck eines gewissen Independent-Status vorzutäuschen. In den UK-Charts erreichte "Dazzle Ships" auf Anhieb den 5. Platz. In Spanien kam man sogar bis auf Platz 3, in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich immerhin noch in die "Top 20". Alle Bedenken im Vorfeld schienen damit unbegründet gewesen und auf einen Schlag entkräftet worden zu sein. Doch gründete sich dieser vermeintliche Erfolg zu einem großen Teil darauf, dass die Käufer nun lange genug auf den Nachfolger von "Architecture & Morality" gewartet hatten und jetzt natürlich gleich in den ersten Wochen die Plattenläden stürmten, in Erwartung einer adäquaten Fortsetzung. Bei den Kritikern fiel das Album überwiegend in Ungnade. Die wenig positiven Reaktionen trugen zweifellos dazu bei, den "Architecture & Morality"-Liebhaber zu verunsichern und vom Kauf der neuen LP abzuhalten. Schon bald nach der Veröffentlichung stürzte das Album wie ein Stein ins Bodenlose. Hatte "Architecture & Morality" noch drei Millionen Einheiten verkauft, stagnierte "Dazzle Ships" letztendlich bei dreihunderttausend abgesetzten Longplayern. Auf einen Schlag und mit nur einem Album verloren OMD neunzig Prozent ihres Publikums.

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OMD zu hören wurde zu einer zwiespältigen Angelegenheit: Einerseits waren Andy und Paul immer noch in der Lage, wunderbare Popsongs zu komponieren, andererseits ließen ihre Experimente auch viele ratlose Hörer zurück. Radiomoderator John Peel jedoch fand Gefallen am sperrigen Sound von "Dazzle Ships" und lud OMD, nachdem sie ihn 1980 mit ihrem Album "Organisation" zum letzten Mal hatten besuchen durften, wieder in seine Alternativ-Show ein. Die Musikpresse in Deutschland konnte sich ebenfalls nicht so recht mit dem Album anfreunden. Der den Markt dominierende "Musikexpress" nahm "Dazzle Ships" in ihrer Ausgabe 4/1983 regelrecht auseinander: "Eine langweilige Platte, OMD quälen sich ab, anspruchsvoll zu klingen und überladen ihre Songs mit aufgesetzten Effekten. Mit diesem Klotz am Bein schleppen sie sich durch die Rillen und scheuen nicht davor zurück, mit Telefon-Zeitanzeigen und dem Sendezeichen von Radio Prag Aufmerksamkeit zu erheischen. Von der Magie und der Unbeschwertheit des ersten und einiger Songs des zweiten Albums ist fast nichts übriggeblieben. Versuche, an diese Zeit direkt anzuknüpfen - z. B. mit dem Titel 'Telegraph' - klingen hohl und erzwungen. Paul Humphreys und Andrew McCluskey gehörten zwei Jahre lang zu den Musikern des Elektronik-Rocks, die die interessantesten Sounds aus dem Synthesizer holten. Auch diesen Status haben sie mit diesem vierten Album verloren. Auf die Nerven gehen mir ihre Stimmen, die in hohen Lagen zu dünn und zu unsicher werden (trotz weiterentwickelter Studiotechnik) und ansonsten wehleidig daherkrampfen. In den ersten zwei Tracks der zweiten Seite ('Dazzle Ships' und 'Romance') gibt es spannende Stellen, zumal hier klarere Strukturen sichtbar werden. Der letzte Titel der LP 'Of All The Things We've Made' - ist gut. Diese sentimentale Elektronik-Nummer klingt, als ob sich Frank Sinatra aus einem Raumschiff jenseits der Uranus-Bahn meldet".

Inspiration für das "Dazzle Ships"-Artwork: Edward Wadsworth - "Dazzle-Ships in Drydock at Liverpool", 1919 Auch hier war Peter Saville für das Art-Design verantwortlich

Der Titel und das Cover von "Dazzle Ships", gestaltet von Peter Saville und dem Team seiner Firma "Peter Saville Associates", orientierte sich an einem Gemälde von Edward Wadsworth, dem 1919 entstandenen "Dazzle Ships in Drydock at Liverpool". Zum Zweck der Tarnung bizarr bemalte Kriegsschiffe sollten damals den Gegner irritieren. Peter Saville setzte diese Kriegs-Szenario-Thematik für das CoverDesign perfekt um und es gelang ihm damit, mit seiner bis dahin besten Arbeit für ein OMD-Cover gekonnt eine runde Verbindung zum musikalischen Kontext des Albums zu schaffen.

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OMD "live", 1983

Die anschließende Tour, nach einem Jahr Bühnenpause ohne Liveauftritte, begann im Chaos. Sichtlich angespannt und mit viel Sand im Getriebe, endete der erste Gig ihrer Europatour in Genf damit, dass Andy und Malcolm bar jeglicher körperlichen Kondition die Bühne verlassen mussten und die anschließenden Deutschlandgigs daraufhin abgesagt wurden. Das Management schob damals den Vorwand vor, Andy wäre an Mumps erkrankt, wobei allerdings die schleppenden Ticketverkäufe zusätzlich eine große Rolle dabei spielten. Auch waren die Songs für die Shows nicht unbedingt mit dem dafür nötigen Fingerspitzengefühl ausgewählt worden. Die Reihenfolge der Lieder wurde daraufhin komplett abgeändert, was zum Ergebnis hatte, das zwei Wochen später, als die Tour fortgesetzt wurde, OMD in Brüssel vor dreitausend Fans eines ihrer schlimmsten Konzerte ablieferte, welchem die gewohnte Magie eines OMD-Konzertes völlig abging. Eilig wurde nun das Konzept neu überdacht, abermals die Reihenfolge der Lieder geändert und rigorose Proben während des Sound-Checks am Folgetag im belgischen Deinze anberaumt.

Die Band "live" während der Präsentation von "ABC Auto Industry"

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Die Tournee entwickelte sich nun - vor allem in England und anschließend auch in Spanien, wo OMD erstmals vor zehntausend begeisterten Zuschauern auftraten und "Genetic Engineering" immerhin die "Top 5" der Charts erreichte - für die damaligen Verhältnisse relativ zufriedenstellend. Fast alle britischen Acts hatten mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen, vor allem in Deutschland, wo sich die die "Neue Deutsche Welle" auf ihrem Höhepunkt befand und Auftritte in nur halbvollen Konzerthallen für nichtdeutsche Künstler mittlerweile oft die Regel waren. Hier kamen OMD im Vergleich noch sehr gut weg, denn die Publikumszahlen während ihrer insgesamt neun Konzerte stagnierten hier lediglich. Das Bühnenbild wurde optisch an das Album-Design angepasst und zu Beginn der Show, nach der Einspielung des Openers "Dazzle Ships" zu Kriegssirenen-Geheul und Blitzlicht-Gewitter, begaben sich für "ABC Auto Industry" alle vier Bandmitglieder flaggenschwingend an den Bühnenrand, um pantomimisch zum Song zu agieren. Nicht alle Zuschauer konnten mit dieser Art von Show etwas anfangen und auch Malcolm und Martin fühlten sich sichtlich unwohl dabei, so ungewohnt nah vor dem Publikum zu stehen. Die Umsetzung des sicherlich gutgemeinten Konzepts funktionierte in der Praxis nicht wirklich, hatte es denn im Endeffekt keinerlei Bezug zum Rest der Show und wirkte dadurch recht halbherzig. Am Ende konnten OMD dennoch an den Erfolg ihrer vorangegangenen Tour anknüpfen, nicht zuletzt durch die exzellente Songauswahl quer durch alle vier Alben, durch die Professionalität der Band und durch die Einsatzbereitschaft ihrer Roadcrew.

Equipment von Paul (links) und Martin (rechts) "On Stage" , 1983

Die zweite Single "Telegraph", veröffentlicht am 1. April 1983, war kommerziell gesehen ein Flop, obwohl es sich dabei um den noch am meisten als Single geeigneten Song aus "Dazzle Ships" handelte. Der Titel erreichte in den britischen Charts mit einem 42. Platz noch nicht mal die "Top 40" und auch in Deutschland entschwand die Single nach acht Wochen und einem bescheidenen 39. Platz relativ unbemerkt wieder aus den Charts. Ursprünglich sollte "Telegraph" als erste Single veröffentlicht werden. Da man aber zum Einen mit dem Mix nicht zufrieden war, zum Anderen "Virgin" Druck ausübte, entschied sich die Band schließlich für "Genetic Engineering". Die ursprüngliche Inspiration für "Telegraph" entsprang der zwei Jahre zuvor gewachsenen Abneigung von Andy McCluskey gegenüber Politik und Religion, denn erstmals aufgenommen wurde der Song bereits 1981 im Zuge der "Architecture & Morality"-Sessions. Diese Version ist auf der 2008 veröffentlichten "Remastered"-Ausgabe des "Dazzle Ships"-Albums zu finden, welche auch den anfänglichen, vollständigen Text von Andy beinhaltet. Sein ursprüngliches Motiv wurde für die "Dazzle Ships"-Version stark abgeändert, die darin enthaltene, unverkennbare Aggression massiv abgeschwächt und ist dadurch kaum mehr zu erkennen. Von einer dritten Singleauskopplung, geplant war dafür dann doch noch "Radio Waves", wurde schließlich abgesehen. Auch stand schon im Sommer 1983 fest, dass es diesmal keine Tour durch die USA geben würde. Ausschlaggebend hierfür war hauptsächlich die miserable Promotion-Arbeit ihrer amerikanischen Plattenfirma. Nach Ende der Europatour gönnte sich die Band erst einmal eine Pause, um gleich danach wieder mit der Arbeit an neuem Material zu beginnen. Paul flog mit seiner Frau zu deren Eltern nach Kalifornien, Andy kümmerte sich um sein neues Haus an der Küste von Heswall, Mal ging zum Fischen nach Irland und Martin arbeitete zusammen mit David Hughes an Film-Soundtracks, wie z. B. für den Horrorfilm "Chud", sowie "Knights and Armour" und für den Film "Storia d´armi e d´amori".

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Diverse TV-Auftritte von OMD, 1983

Andy arbeitete nebenbei noch mit Brett Wickens, dem Assistenten von Designer Peter Saville, sowie dem 1983 noch unbekannten, später dann zu Weltruhm aufgestiegenen Remix-Guru William Orbit (Madonna, Britney Spears, Pink u. a.) an dem gemeinsamen musikalischen Projekt "The Partnership". Es kam dabei lediglich zur Aufnahme eines einzigen Songs namens "Sampling The Blast Furnance". Brett Wickens, Mitglied der kanadischen Band "Ceramic Hello", siedelte 1980 nach England um und traf dort auf Andy und William Orbit. Beiden kam das Demo des Songs zu Ohren und Andy schlug Wickens vor, ihm beim Songwriting und Aufnehmen des Tracks behilflich zu sein. "Island Records" finanzierte die kostspielige Aufnahme im Vierundzwanzig-Spur-Verfahren, die Wickens allerdings zugunsten seines Acht-Spur-Demos ablehnte. Zu einer offiziellen Veröffentlichung kam es nie, da es wegen Andy's Gesangspart zu Vertragsauseinandersetzungen mit "Virgin Records" gekommen war und die letztlich keine Freigabe zum Release gaben. Das Projekt wurde danach nicht mehr weiterverfolgt.

"The Partnership" - William Orbit und Brett Wickens

Im Nachgang betrachtet, erfuhr "Dazzle Ships" bei seiner "Remastered"-Wiederveröffentlichung im Jahre 2008 weitgehend eine Rehabilitation. Die kritische Haltung zum Album hatte sich fünfundzwanzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ins Positive gewendet. In diversen Rezensionen konnte man über "Dazzle Ships“ nun Dinge lesen wie: "Das Album steht für eines der unorthodoxen Releases überhaupt von einem großen Pop-Act, das es jemals in die UK-Top 5 geschafft hatte... heute steht 'Dazzle Ships' zu Recht als Beispiel für einen verloren gegangenen Klassiker und war, was Musik und Konzept betrifft, seiner Zeit weit voraus" (John Bergstrom in "PopMatters") und "Ein zu unrecht vergessenes Album" ("MoJo"-Magazin). Zweiunddreißigtausend Leser des "Slicing Up Eyeballs"-Magazins wählten "Dazzle Ships" im Juni 2013 in die "Top 25" der "100 besten Alben des Jahres 1983". Direkte Einflüsse auf andere Künstler wurden ebenfalls ausgemacht - so wollten Kritiker herausgefunden haben, dass z. B. der Song "Fitter Happier" vom 1997er-"Radiohead"-Album "OK Computer" direkt auf "Genetic Engineering" verweisen würde. Der britische Musiker, DJ und Produzent Mark Ronson sagte über "Dazzle Ships": "Ich bin einfach nur beeindruckt von diesem Album. Es ist ein verrücktes Gefühl, etwas zu hören, das so alt ist wie man selbst. Ich hätte das in den letzten dreißig Jahren schon hören können und fühle mich, als hat man mir die ganze Zeit etwas vorenthalten. Es klingt elegant und gleichzeitig auch so Lo-Fi".

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Inspiriert von "Dazzle Ships": Mark Ronson und "Radiohead"

Das kommerzielle Desaster von "Dazzle Ships", die schlechten Kritiken und der daraus resultierende finanzielle Verlust durch r체ckl채ufige Plattenverk채ufe und Toureinnahmen, veranlasste die Band dazu, von nun an eine konservativere Richtung einzuschlagen. Andy McCluskey bezeichnete diese Phase sp채ter als den "Anfang vom Ende der Band".

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KAPITEL 4 (1984 – 1989) UNTER FINANZIELLEM DRUCK IN DIE SACKGASSE DES MAINSTREAMS

Die Kurskorrektur von elektronischen Bandexperimenten zu hochgradig polierter Popmusik

Ab 1984 vollzogen OMD unter Verwendung des damals revolutionären FAIRLIGHTComputers einen MUSIKALISCHEN RICHTUNGSWECHSEL hin zu CHARTSTAUGLICHEM MAINSTREAM-POP und konnten mit Singles wie LOCOMOTION und TALKING LOUD AND CLEAR zumindest kommerziell wieder an frühere Erfolge anknüpfen. Die Kritiker indes gingen die Kurskorrektur von Humphreys und McCluskey spätestens ab diesem Zeitpunkt nur noch bedingt mit. Die schottischen Profimusiker NEIL und GRAHAM WEIR stießen zur Band, OMD überraschten nun mit ungewohntem BLÄSERSOUND - mit dem allerdings nicht alle Fans der ersten Stunde etwas anzufangen wussten. In AMERIKA vermochte man nach dem WECHSEL ZUM A & M-LABEL erstmals kleinere ChartErfolge zu erzielen, die mit dem 1985 veröffentlichten und speziell für den USMarkt konzipierten Album CRUSH weiter gefestigt wurden. Produzent STEPHEN HAGUE perfektionierte den Sound von OMD zu HOCHGRADIG POLIERTEM SYNTHIE-POP, der damit aber auch eine gewisse RICHTUNGSLOSIGKEIT der Band offenlegte und OMD ein Stück weit ihrer ORIGINALITÄT BERAUBTE. Man begab sich auf nervenaufreibende MAMMUTTOURNEEN DURCH AMERIKA, die der Gruppe letzten Endes den TODESSTOSS versetzen sollten. Zuvor jedoch konnten OMD mit dem Film-Song IF YOU LEAVE ihren langersehnten DURCHBRUCH IN DEN USA feiern, wo sie 1986 erstmals einen TOP 5-HIT landen konnten. Das nachfolgende Album THE PACIFIC AGE (1986) floppte hingegen hatte mit FOREVER LIVE AND DIE aber immerhin einen letzten, respektablen SINGLEHIT vorzuweisen. Die Band - aufgerieben vom mittlerweile acht Jahre andauernden PLATTE-TOUR-PROMOTION-STRESS war ERSCHÖPFT und AUSGEBRANNT. 1988 veröffentlichte VIRGIN die bis dato meistverkaufte LP THE BEST OF OMD - danach gingen ANDY McCLUSKEY und PAUL HUMPHREYS GETRENNTE WEGE. Für die nachfolgenden drei Jahre hörte OMD vorläufig auf zu existieren.

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A / JUNK CULTURE

Die Flucht ins Steuerexil und ein musikalischer Richtungswechsel auf Montserrat

Juli - Dezember 1983 Das Popstar-Ruhm recht unbeständig und schnell verflogen ist und mitunter ein relativ schnelles Verfallsdatum aufweisen kann, hatten OMD nun schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen. Die Band kam nach eingehender Sondierung des "Dazzle Ships"-Fiaskos zu dem abschließenden Ergebnis, dass sie als Gruppe nur dann weiterbestehen konnten, wenn sie wieder an die Verkaufszahlen ihrer früheren Alben und Singles - und damit auch zwangsläufig an den alten Erfolg - anzuknüpfen vermochten. "Architecture & Morality" und "Dazzle Ships" hatten immense Produktionskosten verschlungen, die durch die Einnahmen aus den Hit-Singles zwar weitgehend aufgefangen werden konnten, allerdings gleich wieder komplett von "Virgin" einkassiert wurden, da sie im Vorfeld für die Kosten in Vorlage getreten waren. Im Zuge ihrer Neuorientierung schlossen Andy und Paul im ersten Schritt ihr tristes und ungemütliches "GramophoneSuite"-Studio in Liverpool, welches ihnen aus Kostensicht zwar finanzielle Vorteile bot, sie räumlich aber immer mehr einengte und keine geeignete Umgebung mehr darstellte, um effektiv und kreativ arbeiten zu können. Im Anschluss daran starteten Andy und Paul im Juli 1983 dann den Versuch, getrennt voneinander Songs zu schreiben und danach gemeinsam ihre Ideen zu einem Ganzen zusammenzufügen - was jedoch überhaupt nicht funktionierte. Also buchten sie sich im August 1983 für drei Wochen in den "HighlandStudios" im schottischen Inverness ein und bastelten dort gemeinsam an neuen Songs.

Dabei heraus kam als erster neuer Track ein aus Trompeten- und Reggae-Versatzstücken konstruiertes Instrumentalstück - von Andy "Junk Culture" betitelt, sowie ein weiterer Song namens "Tesla Girls", aufgebaut auf ein Sample des Wortes "No" und gesprochen von Pauls Ehefrau Maureen, die schon zum Intro von "Genetic Engineering" verbal beitragen durfte und nunmehr ihren Einstand als Backgroundsängerin geben sollte. "Zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlten wir uns wieder selbstsicher", so Andy McCluskey.

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"Unsere verrückten Ideen mündeten wieder in großartige Songs". Andy und Paul hatten ihre schöpferische Blockade nun offensichtlich überwunden. Außerdem entstanden in Schottland "White Trash" (in einer flotten Uptempo-Version, mit Paul und Maureen Humphreys als Backgroundsängern) und das von Andy geschriebene Lied "Heaven Is", das es jedoch erst 1993 - zehn Jahre später - neu aufgenommen auf eine OMD-Platte schaffen sollte. Gleich im Anschluss an die erste Studiosession gingen OMD in UK - entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit - mit diesen und weiteren neuen Songs (u. a. mit "The Never Song", der später in "Never Turn Away" umbenannt wurde, "The Avenue" und "All Wrapped Up") auf eine kleine Club-Tour, um die neuen Stücke "live" vor Publikum zu testen, bevor sie diese endgültig aufnahmen. Vom 6. bis 10. September gaben sie an fünf aufeinanderfolgenden Tagen Test-Konzerte in Nottingham, Cardiff und Bradford, im berühmt-berüchtigten "Factory Club" in Manchester und zum Abschluss ein Konzert in Liverpool. Als musikalischer Support wurde ein damals noch völlig unbekannter Synthie-Musiker verpflichtet, der eine Woche später seine erste Single "New Song" auf den Markt bringen sollte und bei seinen eigenen Konzerten OMD's "Enola Gay" coverte - Howard Jones.

Nach ihrem dreiwöchigen Aufenthalt in Schottland wechselten OMD dann in Bram Tchaikovsky’s "The Chapel"-Studio nach Lincolnshire, wo sie mit dem Produzenten Brian Tench, der als Assistent von Richard Manwaring bereits an "Architecture & Morality" aufnahmetechnisch beteiligt war und mit "Ultravox", "Visage" und Kate Bush zusammengearbeitet hatte, an "Tesla Girls" und an der von Paul geschriebenen und auch gesungenen Ballade "Never Turn Away" zu tüfteln begannen. Im Anschluss daran folgte ein erneuter Orts- und Studiowechsel, diesmal in die Londoner "Mayfair"-Studios, wo Paul und Andy innerhalb von sechs Tagen u. a. die Songs "Hard Day" und "Love And Violence" (damals noch "10 To 1" betitelt) schrieben und die Demos dafür fertig stellten. Nun hatten sie genug Material beisammen, um ihr fünftes Album in Angriff zu nehmen - welches zwingend erfolgreich sein musste. Allerdings kam jetzt ein ganz anderes Problem auf Andy und Paul zu. Denn das "Architecture & Morality"Album verkaufte sich immer noch gut, es floss weiterhin reichlich Geld in die Kassen. Jedoch musste dieses in England zu einem extrem hohen Satz versteuert werden. Auch im Hinblick auf die durch das neue Album zukünftig zu erwartenden Einnahmen, bot sich als einzige Alternative dazu die Flucht in ein Land mit niedrigerem Steuersatz, was aber die Konsequenz haben würde, dass die neue LP nicht in England aufgenommen werden konnte (hier dürfen - wenn auch in kleinerem Rahmen - gerne Parallelen zu den "Rolling Stones" und ihrem "Exile On Main St."-Album gezogen werden, das 1971 aus genau den selbigen Gründen in Frankreich aufgenommen wurde). Obschon man für Ende 1983 eine neue SingleVeröffentlichung vorsah, hielt es "Virgin-Records" für angebrachter, dass die Band weiter am Album feilen sollte und flogen OMD im Oktober kurzerhand in das "Air Studio" von "Beatles"-Produzent George Martin nach Montserrat in der Karibik aus. Die fantastische Insel und die hiesige Musik mit ihren ansteckend-fröhlichen Soca- und Calypso-Rhythmen, vor allem das zu dieser Zeit angesagte "Hot Hot Hot" der Lokalband "Arrow", beeinflussten Andy und Paul so nachhaltig, dass Reggae und Steeldrums sich schon bald enorm auf ihre aktuellen Kompositionen auswirken sollten.

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Das "Air Studio" auf Montserrat

Bereits kurz vor ihrer Abreise aus Großbritannien beschäftigten sich OMD mit einem neuen, synthesizerähnlichem Gerät, dem "Fairlight CMI", und ließen es samt Service-Techniker nach Montserrat einfliegen. Erste Experimente damit, hauptsächlich um herauszufinden wie es funktioniert, mündeten am Ende in einen komplett neuen Song mit Namen "Talking Loud And Clear". Der Aufenthalt auf Montserrat beflügelte alle Beteiligten, neue Ideen und Schaffensfreude konnten sich entfalten und niemand dachte mehr an die schlimmen "Dazzle Ships"-Sessions.

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Im "Air-Studio" auf Montserrat FOTO VORHERIGE SEITE: links oben: Steve Jackson (Techniker), Paul Humphreys, Brian Tench (Produzent) und Andy McCluskey (von links) rechts oben: Der "FAIRLIGHT CMI" - richtungsweisend für den neuen OMD-Sound

1984 Unglücklicherweise endete nach sieben Wochen Aufenthalt die gebuchte Studiozeit in den "Air"-Studios und die Band musste nun in das billigere "I.C.P."-Studio nach Belgien umziehen. Der Wechsel von der karibischen Sonne auf Montserrat - hinein in das winterliche und kalte Brüssel, war für alle ein kleiner Schock, und die alten Probleme und eine gewisse Desillusion begannen sich von Neuem in der Band breit zu machen. Überdies verloren Andy und Paul nach mittlerweile sechs Monaten Arbeit an den neuen Songs allmählich die Lust daran. Paul Humphreys spielte zwischenzeitlich sogar mit dem Gedanken, die Band zu verlassen. "Virgin"-Manager und Konzernmitbegründer Simon Draper und Bandmanager Gordian Troeller wurden nun zunehmend nervöser. Zwar befanden sie das neue Material für gut, entschieden aber, dass nochmals Hand daran angelegt werden sollte.

An den Aufnahmen zu "Junk Culture" musikalisch beteiligt: Produzent Tony Visconti, Manager Gordian Troeller, sowie die Bläser Bart van Lier und Jan Vennik

Für diese Aufgabe war auf Vorschlag von "Virgin" und Manager Gordian Troeller Tony Visconti vorgesehen, der langjährige Produzent und Intimus von David Bowie. OMD wollten schon seit Jahren mit Visconti zusammenarbeiten, was aber seitens von Visconti aufgrund von Terminschwierigkeiten nie geklappt hatte. Auch jetzt war der Starproduzent und Musiker zwar anderweitig beschäftigt, hatte allerdings zu einem späteren Zeitpunkt etwas Luft, um dann mit OMD gemeinsam ans Werk zu gehen. Also nutzten alle Beteiligten das dreiwöchige Warten auf ihren Produzenten für eine Pause. Andy reiste durch China, Hongkong, Singapur und Thailand, während Paul mit Maureen einen ausgedehnten Europa-Trip unternahm, genauer gesagt nach Paris, Nizza, Venedig und Innsbruck.

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OMD während den Aufnahmen zu "Junk Culture" in den Brüsseler "I.C.P. Studios" (Belgien) und den "Wisseloord Studios" in Hilversum (Niederlande). Auf dem Foto links in der Mitte: Produzent Brian Tench

Nach ihrer Rückkehr in das "I.C.P." in Brüssel, wo auch ein weiterer neuer Titel namens "Apollo" entstand (im Alleingang geschrieben von McCluskey), stellten Andy und Paul jedoch fest, dass sie das Studio nicht wirklich mochten. So wechselten sie zum sechsten und letzten Mal ihre Arbeitsstätte - und zwar nach Hilversum in Holland, wo nach Anregung von Tony Visconti im "Wisseloord"-Studio den Songs "Locomotion" und "All Wrapped Up" echte Bläserparts von den belgischen Studiomusikern Jan Faas, Jan Vennik und Bart van Lier hinzugefügt wurden und man "White Trash" (das von Martin Cooper mitkomponiert wurde) nochmals vollständig neu arrangierte. Im Endeffekt befand Tony Visconti die bisher geleistete Produktionsarbeit als soweit in Ordnung, infolgedessen Brian Tench das Album mit dem Titel "Junk Culture" ohne weitere Mitwirkung Viscontis innerhalb von zweieinhalb Wochen im Alleingang fertig abmischte. Im Nachgang betrachtet hatte sich die Zusammenarbeit mit Visconti bei Weitem nicht so positiv gestaltet wie ursprünglich erhofft. Der Produzent resümierte später gar in seiner Biografie, dass die Musiker der 1980erJahre von technischer Seite her gesehen wenig kompetent waren und er im Studio oft ihre Instrumente nahm und Passagen selbst spielte. Für OMD fand er in seinem 2010 erschienenen Buch "Bolan, Bowie and the Brooklyn Boy" nur wenig schmeichelhafte Worte: "Sie waren noch nicht mal dazu fähig, einen Drumcomputer zu programmieren".

Fotoshooting während den Plattenaufnahmen in Belgien und Holland

Bereits vom Zeitpunkt seiner Entstehung an wurde seitens der Band der Titel "Tesla Girls" als erste SingleVeröffentlichung favorisiert, jedoch entschied sich "Virgin" letztendlich für "Locomotion". Ein Song mit etwas schwermütigen Lyrics zwar, jedoch gepaart mit überaus optimistischen Melodien. Am 2. April 1984 veröffentlicht, wurde "Locomotion" einer der bis dahin größten europäischen Hits von OMD und erreichte Platz 5 in den von "Duran Duran", "Frankie Goes To Hollywood" und "Depeche Mode" dominierten britischen Charts, sowie die "Top 5" in den Hitlisten der Niederlande, Irland, Spanien, Portugal, Belgien und Singapur. In Deutschland kam "Locomotion" auf Platz 14 und auch in Australien erreichte man

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einen 30. Platz in den Charts. Das Grundkonzept des Liedes wurde während der letzten Woche des Montserrat-Aufenthalt aufgenommen, in den "I.C.P."-Studios in Brüssel kamen dann noch Schlagzeug und die von Paul Humphreys geschriebenen Steeldrum-Parts hinzu. Manager Gordian Troeller steuerte erstmals einen musikalischen Beitrag in Form der Basslinie und Klavier mit bei. In den "Wisseloord"-Studios in den Niederlanden wurde schließlich noch der Bläserpart, arrangiert von Tony Visconti, hinzugefügt. Ursprünglich handelte der Song über behinderte Menschen, im Laufe der Aufnahmen entwickelte er sich zu einem Lied, welches auf simple Art und Weise die Reise zu einer geliebten Person beschreibt. Nicht zum ersten Mal in der Karriere von OMD beraubte man auch hier anfänglich tiefer gehendere Lyrics ihrer Ecken und Kanten und entschärfte sie hin zu einer massenkompatiblen Form. Als Bonustrack der Single wurde, neben der fröhlich-lockeren Synthpop-Nummer "Her Body And My Soul", die elegisch-wehmütige McCluskey-Komposition "The Avenue" veröffentlicht. Es war das erste Lied, dass während des Aufenthaltes auf Montserrat entstanden war und enthält ein Sample aus dem 1979 gedrehten Andrej Tarkowski -Film "Stalker".

OMD präsentierten sich nun als eine moderne Pop-Gruppe und waren nach dem "Dazzle Ships"-Misserfolg zumindest kommerziell rehabilitiert und infolgedessen auch finanziell gerettet – wenn auch nur vorläufig. Die künstlerische Anerkennung blieb der Band allerdings versagt, denn die britische Presse zeigte sich vom neuen Oevre demonstrativ unbeeindruckt. Die Mehrzahl der Schreiberlinge hatten der Band "Dazzle Ships" immer noch nicht verziehen und verrissen "Locomotion" fast einhellig. Dabei bemängelten sie, dass “Locomotion“ in keinster Weise mehr an OMD erinnern würde. Differenzierter betrachtet ist an dieser Stelle jedoch folgende Frage durchaus angebracht: Erinnerten "Souvenir" und "Maid Of Orleans" noch an "Enola Gay"? Oder "Architecture & Morality" etwa an das Debütalbum?

Auch am Album "Junk Culture", veröffentlicht am 30. April 1984 und künstlerisch erneut von Peter Saville gestaltet, ließen die englischen Musikkritiker kein gutes Haar und die maßgeblichen Musikblätter gaben sich wenig versöhnlich. So schrieb der "NME": "Weder neu noch schwungvoll - alles zu vorhersehbar". Der "Melody Maker" giftete: "Gibt es noch irgend jemanden, den OMD noch interessiert, jetzt, wo sie erneut eine Bruchlandung hingelegt haben?". Hier trat nun ganz offen die Doppelzüngigkeit der britischen Musikjournaille zu Tage, die einerseits zwar einräumte, dass OMD zweifellos versuchten, etwas Neues zu bringen, andererseits aber kritisierte, dass der Band die Experimentierfreude von "Dazzle Ships" abhanden gekommen wäre - die gleiche Presse, die "Dazzle Ships" bei dessen Erscheinen als zu experimentell kritisiert hatte! Die wenigen positiven Bewertungen kamen überwiegend aus Richtung der

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Mainstream-Publikationen, welche ihre Kritiken mehr aus der Sicht auf das Gesamtwerk der Band verfassten. Robin Denslow vom "Guardian" lobte das Album: "Ein fünftes Album, das vor Leben und Enthusiasmus strotzt - eine fröhliche Dosis Pop, Stilmixes und auch R&B und Latin-Einflüsse, ergeben eine ungewöhnliche und eingängige Reihe an Songs". Robin Smith vom "Record Mirror" schrieb: "Leichtgängig, warm und kraftvoll - eine lebendige, atmende Musikrevue". "Junk Culture" erreichte trotz der teilweise sehr abwertenden Kritiken den 9. Platz in den britischen "Top 10" und hielt sich für insgesamt siebenundzwanzig Wochen in den Albumcharts. In Deutschland hingegen reichte es lediglich für einen 32. Platz.

Der deutsche "Musikexpress", der ein Jahr zuvor noch "Dazzle Ships" komplett in der Luft zerissen hatte, zeigte sich bei "Junk Culture" wieder versöhnlicher gestimmt. In ihrer 1984er Mai-Ausgabe gab sie dem Album vier Sterne: "Das Orchestral Manoeuvres In The Dark (OMD) begibt sich auf seltsame Wege: Sie machen mexikanischen Elektro-Pop mit Referenzen an Dub-Reggae und Motown-Soul. 'JUNK CULTURE' eröffnet mit einer Instrumental-Hymne, die zur Fanfare der Sommer-Olympiade werden könnte, wenn sich die Sportler unter der Sonne Mexikos treffen würden. Elektrische Schwingsignale werden durch Bläserstöße und Opern-Choreinschübe erschüttert. Anschließend 'Tesla Girls', ein Kaftwerk-artiger Synthi-ElektroPopper im Stil des letzten Ohrwurms 'Genetic Engineering' von ihrer LP 'DAZZLE SHIPS': melodiös, bombastisch, und die Mädchen rufen im Hintergrund ihr 'No-No-No. 'Locomotion' ist elektrisch verpoppter Soul und eine Reminiszenz an den Motown-Klassiker 'I Second That Emotion'. 'Love And Violence' - wieder bombastisch mit Chor-Schwulst und Bläser-Refrain. Happy Sound. 'Hard Day' steht in der Nähe der Howard Jones-Ballade 'Hide And Seek', ein soft geblasenes Saxophon sorgt für Weichspülung. 'All Wrapped Up' stellt OMD als Ska-Band vor (im Sinne der 'Fun Boy 3', 'Clash'). 'White Trash' erscheint wie eine mitternächtliche Zugfahrt, bei der betrunkene Desperados zum 'Clash'-Werk 'SANDINISTA' mitsummen; KaffeehausSaxophon-Eskapaden zu Bass-Drums in Dub-Technik. Und 'Talking Loud And Clear'" hüpft und schüttelt zum Schluß zu einer bekannten Oboen-Melodie. Bisher das kommerziellste Unternehmen von OMD. Happy Sound eben!"

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Als besondere Dreingabe und Fan-Leckerbissen lag der Erstausgabe des Albums eine einseitig gepresste Single mit der recht experimentellen Instrumentalnummer "(The Angels Keep Turning) The Wheels Of The Universe" bei. Eigentlich für das Album selbst vorgesehen, hatten OMD aus ihrem "Dazzle Ships"Experiment nun offensichtlich die für sie folgerichtigen Schlüsse gezogen und gingen mit dem massivwuchtigen Song kein Risiko mehr ein, potentielle Albumkäufer zu verprellen. Der neue Sound von OMD veranlasste die Band auch optisch zu einer Imagekorrektur. Die weißen Hemden, Krawatten und Wollpullover, jahrelang ihr Markenzeichen, wurden weitestgehend eingemottet und durch Scott Crolla’s bizarren, farbenprächtigen Look, welchen auch Boy George und Prinzessin Diana favorisierten, ersetzt. Die Metamorphose vom Liverpooler Underground-Duo, das mit Bandmaschine und obskuren Songs in schummrigen Clubs auftrat und sich wenig um Aussehen und Image scherte - hin zur aalglatten, kunterbunten Popband, war nun in musikalischer, wie auch in optischer Hinsicht, endgültig vollzogen.

Da Paul und Andy weiterhin außer Reichweite des englischen Fiskus bleiben mussten, jedoch für die anstehende Tour nicht umhinkamen, ihre Songs irgendwo einzustudieren, wurde für diesen Zweck von "Virgin" ein altes Bauernhaus im belgischen De Haan in der Nähe von Ostende angemietet. Drei Monate hatten sie dort Zeit, um sich auf ihre kommende, anstrengende Welttournee vorzubereiten. Doch anstatt intensiv zu proben, waren ausgiebige Trinkgelage und allabendliche Clubbesuche, die sich in der Regel bis in die frühen Morgenstunden hinzogen, an der Tagesordnung. Dies änderte sich auch nicht wesentlich, als zwei quirlige schottische Brüder im Proberaum aufkreuzten: NEIL WEIR (geb. 10. November 1961 in Dingwall) und GRAHAM WEIR (geb. 22. Dezember 1960). Denn nachdem der Band die Arbeit mit der belgischen Bläsersection auf "Junk Culture" viel Spaß bereitet hatte, vermittelte Gordian Troeller die beiden Brüder, um OMD auf ihrer anstehenden Tour "live" mit Trompete und Posaune zu unterstützen. Die Weir's waren ausgebildete Musiker und beherrschten neben diversen Blasinstrumenten auch Keyboard, Gitarre und Bass. Dieser Umstand führte in seiner Folge unweigerlich zu einer aus qualitativer Sicht erheblichen musikalischen Steigerung innerhalb der Band. Ihre öffentliche Premiere gaben die Brüder schließlich beim Auftritt zu "Locomotion" in der britischen "Top Of The Pops"-Reihe.

Für " Live" -Auftritte und TV-Termine neu an Bord bei OMD: Die Brüder Graham und Neil Weir aus Schottland

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Dreharbeiten zu "Locomotion" (links), Proben mit den Weir-Brothers in einem Bauernhaus in Belgien, November 1984 (rechts)

Am 4. Juni 1984 wurde von "Virgin" "Talking Loud And Clear" als Nachfolger von "Locomotion" veröffentlicht. Auch diese Single wurde ein europaweiter Hit für OMD. In England verfehlte man mit Platz 11 nur knapp die "Top 10", erreichte diese jedoch in Irland und den Niederlanden. In Deutschland reichte es mit Platz 18 ebenfalls für die "Top 20". Interessant war auch die B-Seite der Single: Denn OMD nahmen dafür in Belgien zusammen mit den Weir-Brüdern ihren Klassiker "Julia’s Song" als Bläserversion komplett neu auf.

Promovideo und TV-Auftritt in Deutschland mit "Talking Loud And Clear"

Ende Mai 1984 begannen OMD als Sechs-Mann-Band ihre fünf Monate andauernde, über achtzig Konzerte umfassende, erste Welttournee. Neben den obligatorischen Hits, einigen frühen Albumtracks und neuen Songs aus dem "Junk Culture"-Album, wurde außerdem auf speziell die Weir-Brothers zugeschnittene, umarrangierte Songs aus dem Back-Katalog der Band zurückgegriffen: So kam "Julia's Song" in seiner neuen Bläser-Version zum Einsatz, als auch weitere, ältere Stücke wie "Motion And Heart", "Waiting For The Man" und "Pretending To See The Future", die mit Bläsersatz versehen in ihr "Live"-Programm integriert wurden. Beginnend in Glasgow, spielte die Band bis in den Juni hinein insgesamt neun Konzerte in ihrem Heimatland Großbritannien, bevor nach einer kurzen Unterbrechung (die geplanten Termine in Portugal mussten aufgrund von Konkurs des örtlichen Promoters gecancelt werden) vier Gigs in Spanien auf dem Programm standen.

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Konzertplakate f端r Spanien und Belgien

OMD - "Live" in Japan, 1984

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Neben Madrid, der Ferienregion Benidorm (in einer Stierkampfarena) und Valencia spielten OMD in Barcelona auf dem "Festival San Juan" vor zweihundertfünfzigtausend begeisterten Zuschauern ihr bis dato größtes Konzert. Anfang Juli dann kamen OMD für einen Festivalauftritt nach Deutschland, genauer gesagt nach Paderborn. Dieser Auftritt entpuppte sich für die Band als eine etwas heikle Angelegenheit: Ursprünglich sollte Sänger Paul Young mit auftreten, dieser sagte jedoch wegen Stimmproblemen ab. So standen am Ende OMD - als alleinige Vertreter der britischen Popmusik - gestandenen Rock-Acts wie "Marillion", Joe Cocker und Roger Chapman gegenüber. Nur die Anwesenheit von ein paar Hundert vor Ort stationierten britischen Soldaten (als Zuschauer wohlgemerkt) retteten ihnen den Auftritt, der vor überwiegend langhaarigen, deutschen Rockfans stattfand, die für "Konservenmusik" nur wenig übrig hatten.

OMD " live", 1984

Nach einem weiteren Festivalauftritt in Brest/Frankreich starteten OMD dann im Juli ihre zehn Konzerte umfassende Tour durch Kanada (wo "Virgin-Canada" mittlerweile das Album "Junk Culture" herausgebracht hatte) und die USA. Eben dort hatten OMD mit Herb Alpert's "A&M" -Label endlich eine neue Plattenfirma gefunden, die sich im Gegensatz zu "Epic" auch tatsächlich darum bemühte, ihre Platten adäquat zu vermarkten. Was die Karriere von OMD in den Staaten betraf, konnte jetzt wesentlich optimistischer in die Zukunft geblickt werden. Im August bereisten OMD dann erstmals für achtundzwanzig Konzerte den winterlichen australischen Kontinent, während in England gerade eine kleine Hitzewelle herrschte. Ebenfalls eine Premiere stellten zwei darauffolgende Gigs in Japan (Osaka und Tokio) dar. Dort hatten OMD ausgerechnet mit "Enola Gay" (!) ihren bisher größten Hit gelandet. Die Band war ziemlich beeindruckt von der japanischen Kultur, sie besuchten zusammen den "Mount Fuji" (den höchsten Vulkan Japans), und Andy nahm des öfteren Ausschnitte aus der japanischen TV-Werbung auf seinem Walkman auf - mit dem

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Hintergedanken, sie später eventuell für Songs zu verwenden (was beim nächsten Album auch umgesetzt wurde). Im September dann folgten drei Konzerte in den Niederlanden und in Belgien, sowie eine ausgedehnte, vierzehn Konzerte umfassende zweite Tour durch Großbritannien. Im Oktober legten OMD nach einem Zwischenstopp in Belgien noch fünf Konzerte in Deutschland nach. Den Schlusspunkt der Tour bildeten Ende Oktober drei Auftritte in Irland.

Von seinen typischen Tanzeinlagen einmal abgesehen, taute Andy McCluskey während der Tour als Frontmann nun erstmals so richtig auf. Beschränkte er sich in der Vergangenheit lediglich auf knapp gehaltene Ansagen für die Songs, so wandelte er sich im Laufe der "Junk Culture"-Tournee zu einer regelrechten Plaudertasche, die offensiv die Kommunikation mit dem Publikum suchte.

OMD " live", 1984 Bildmitte: " Live aus dem Alabama" in München

Von "Virgin" wurde am 28. August 1984 nun doch noch "Tesla Girls" als dritte Single veröffentlicht. Die Scheibe erreichte zwar gerade noch Platz 20 in England, insgesamt aber hielt sie sich in anderen Ländern überwiegend in den unteren Regionen der Charts auf und konnte den Erfolg seiner beiden Vorgänger nicht wiederholen. Als Bonustrack der Maxisingle veröffentlichte man den neuen Song "Garden City", sowie auf der 7"-Single eine im Vorjahr aufgenommene Live-Version von "Telegraph" aus dem Londoner "Hammersmith Odeon". 1985 wurde "Tesla Girls" für den Soundtrack der US-Filmkomödie "Weird Science" (deutscher Titel: "L.I.S.A. - Der helle Wahnsinn") verwendet. OMD bekamen damit erstmals einen Fuß in die Tür des amerikanischen Marktes, denn Regisseur und Drehbuchautor John Hughes, der bereits am Script seiner "The Breakfast Club"-Fortsetzung "Pretty In Pink" arbeitete, sollte schon bald darauf erneut bei der Band anklopfen.

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Andy McCluskey über "Tesla Girls": "Der Titel wurde von der früheren 'Martha und die Muffins'-Frontfrau Martha Ladly erdacht, zur damaligen Zeit die Freundin von Peter Saville. Nikola Tesla war im Grunde der Vater des modernen Wechselstroms. Die Verweise auf 'elektrische Stühle und Dynamos' sind tatsächlich ein Fingerzeig auf Dynamos, die im Grunde wesentlich für die Verwendung des Wechselstroms und alles Elektrische waren. 'Electric chairs" ist ebenso ein Verweis auf die Tatsache, dass Tesla's Hauptkonkurrent für die Entwicklung der modernen Stromerzeugung, Thomas Edison, ihn dahingehend bei den US-Behörden zu diskreditieren versuchte, Tesla's neuartiger Wechselstrom als eine 'schöne' neue Art darzustellen, Menschen auf einem elektrischen Stuhl zu töten, nach dem Motto: 'Schauen Sie nur - es tötet Menschen!' So war es eigentlich Edison, der den elektrischen Stuhl erfand".

Maureen Humphreys - Backgroundgesang bei "Tesla Girls" und auch bei TV-Auftritten mit dabei (rechts oben) Promovideo zu "Tesla Girls" (rechts unten)

"Junk Culture" hatte nun drei "Top 20"-Singles hervorgebracht, selbst jedoch nur mühsam Goldstatus in England erreichen können. "Virgin" veröffentlichte nun in der Hoffnung, mehr Alben zu verkaufen, eine vierte Single. Überraschenderweise handelte es sich dabei um die von Paul Humphreys gesungene, pompöse Ballade "Never Turn Away". Der Song entpuppte sich allerdings als ausgemachter Megaflop und kam in den englischen Charts gerade mal auf einen enttäuschenden 74. Platz. In anderen Ländern wurde das Lied teilweise gar nicht erst veröffentlicht. Den Gesamterfolg von "Junk Culture" vermochte der Single-Missgriff indes nicht sonderlich zu beeinträchtigen.

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Mitschnitt des Konzertes im Londoner "Hammersmith Odeon" im Juni 1984, der jedoch nie veröffentlicht wurde

Nach dem Misserfolg von "Dazzle Ships" bewiesen Humphreys und McCluskey mit "Junk Culture" in jeder Hinsicht eindrucksvoll, dass sie nach wie vor dazu in der Lage waren, eingängige Drei-Minuten-Popsongs zu schreiben. Es hagelte allerdings auch vernichtende Kritik bezüglich der musikalischen Wandlung von OMD. So war in der OMD-Biografie von Christian Graf im "Rockmusiklexikon Europa" 1986 zu lesen: "OMD muten ihren Hörern eine Kurskorrektur von elektronischen Bandexperimenten zum hochgradig polierten Synthie-Pop zu". Und weiter: "Junk Culture unterstreicht die Richtungslosigkeit einer aus der Mode kommenden Pop-Band, die ihre Originalität aufgegeben hat". Maßlos übertrieben? Tatsache ist, dass die Band in musikalischer Hinsicht gezwungen war, Kompromisse einzugehen, um kommerziell - sprich finanziell - überleben zu können. Wie Andy McCluskey erst Jahre später herausfand, wurde die Gruppe nämlich von ihrer ersten Platte an bis zu ihrer Trennung 1988 finanziell benachteiligt. Nur ein Beispiel: "Virgin" berechnete OMD’s anteiligen Gewinn bis 1988 ausschließlich nach dem Verkauf ihrer Vinyl-Schallplatten und ließ dabei die parallel erschienenen CD's außen vor - was unter dem Strich rund 30 % weniger an Tantiemen ausmachte, die der Band eigentlich tatsächlich zustanden. Dies betraf ALLE bis dahin veröffentlichten OMD-CD's, von deren Gewinn die Band keinen Penny sah. Wegen diesem und noch anderer Gründe befand sich die Gruppe deshalb trotz Millionen verkaufter Platten in chronischer Geldnot. Jede Single- und Albumveröffentlichung war also schon im Vorfeld dazu verdammt, ein Hit werden zu müssen - nicht gerade die allerbesten Voraussetzungen, um frei und ungezwungen arbeiten zu können.

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links: Fotoshooting für ein japanisches Magazin rechts: Andy und Paul in Belgien, 1984

"Ich denke, dass wir mit 'Junk Culture' bewusst, als auch unbewusst, auf Nummer Sicher gehen wollten - und das war der Anfang eines Problems. Denn ab diesem Zeitpunkt und vor allem danach mit dem 'Crush'- und 'The Pacific Age'-Album, gaben wir uns dieser Popmusik-Tretmühle 'Album/Tour/Album/Tour' geschlagen, in die wir ursprünglich nie hineingeraten wollten. Wir haben versucht, Platten zu machen, für die wir aber nie wirklich genug Zeit bekamen, um genug gute Songs dafür zu schreiben", resümierte Andy McCluskey 1998 in einem Interview mit Paul Browne. Auf die Frage, was er für die folgenschwerste, wirtschaftliche Entscheidung von OMD hält, antwortete McCluskey Paul Browne gegenüber ganz offen: "Vielleicht hätten wir 1983 besser eine Art 'Son of Architecture & Morality' machen sollen! Mit 'Dazzle Ships' in eine völlig andere musikalische Richtung zu gehen, war eine katastrophale wirtschaftliche Entscheidung, weil wir damit alles, was wir uns in den vier Jahren zuvor aufgebaut hatten, in Stücke geschossen hatten. Auch wenn wir mit 'Junk Culture' drei Top-20-Hits und internationale Nr. 1-Platzierungen hatten, konnten wir nicht annähernd mehr soviel verkaufen wie noch vor 'Dazzle Ships' und unser Selbstvertrauen wurde immer weiter untergraben".

links: Andy McCluskey's alter Ford Cortina MK5

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Den aus Sicht der Band finanziell nachteilig gestaltete Plattenvertrag mit "Virgin"-Records, hält Andy McCluskey nach wie vor als einen der Hauptgründe für die jahrelangen Schwierigkeiten, denen sich OMD in kreativer und kommerzieller Hinsicht immer wieder stellen mussten: "Aufgrund der Tatsache, das wir einen beschissenen Plattendeal hatten, verdienten wir nicht sehr viel Geld. Von den Millionen an Platten, die wir in den ganz frühen 1980er-Jahren verkauft hatten, haben wir kaum etwas an Geld gesehen. Das setzte sich in den gesamten restlichen Jahren der 1980er so fort, ständig waren wir knapp bei Kasse und hatten permanent diesen Gedanken im Hinterkopf, das wir unbedingt Platten verkaufen müssten. Wir trafen aufgrund dessen sicherlich Entscheidungen, die zwar kurzfristig Gewinne einbrachten, wir damit langfristig gesehen allerdings Verluste gemacht haben. Im Nachhinein konnte ich das schon ab 1985 beobachten, als die Band langsam, aber stetig im Niedergang begriffen war".

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B / CRUSH

Die Suche nach dem perfekten Sound und erste kommerzielle Erfolge in Amerika

Das "Crush"-Artwork - inspiriert durch Edward Hopper's Gemälde

1985 Deutete das Album "Junk Culture" bereits eine gemäßigtere und kommerziellere Richtung von OMD an, so sollte das nun folgende sechste Album die fast vollständige Abkehr von der experimentellen Musik der ersten Jahre markieren. Das mit der Plattenfirma "A&M" ein amerikanisches Label gefunden werden konnte, welches "Junk Culture" regulär veröffentlichte und hinsichtlich der Vermarktung weitaus engagierter agierte als "Epic" in den Jahren zuvor - sowie der Umstand, dass "Locomotion" in den US-amerikanischen DanceCharts verhältnismäßig erfolgreich war, gab Andy und Paul nun zusätzlichen Schwung. Keinesfalls wollten sie sich jetzt die Chance entgehen lassen, in Amerika endlich einen Fuß in die Tür des dortigen lukrativen Plattenmarktes zu bekommen. So machten sie sich bereits kurz vor Weihnachten 1984 wieder an die Arbeit und schrieben neues Material für ein Album, das später den Titel "Crush" erhalten sollte. Eine Wiederholung des extremen "StudioHoppings", wie bei den Aufnahmen zu "Junk Culture" geschehen, ersparte sich die Band jetzt allerdings und buchte für die Demoaufnahmen das in Lancashire angesiedelte und zudem um einiges kostengünstigere "Amazon"-Studio in Kirkby, gut zwanzig Kilometer von Liverpool entfernt. Die durch die Steuerflucht im Vorjahr erhofften finanziellen Mehreinnahmen begannen sich jetzt zwar langsam zu amortisieren, wurden aber andererseits durch die hohen Produktionskosten von "Junk Culture" gleich wieder egalisiert und von ihrem Plattenlabel "Virgin" eingezogen. Dadurch fand sich die Band nun in einer weitaus prekäreren finanziellen Situation wieder als noch eineinhalb Jahre zuvor. Der guten Stimmung von Andy und Paul hingegen tat all dies keinen Abbruch. Innerhalb von zwei Monaten sprudelten die Ideen aus den beiden heraus wie selten zuvor, sodass fast jeden zweiten Tag eine weitere, neue Komposition von den beiden fertiggestellt werden konnte. Wie schon auf den vorangegangenen Alben praktiziert, änderten sie auch dieses mal ihre Herangehensweise an die Songs. Schrieben sie in der Regel immer erst den Text und dann die Musik, so taten sie dasselbe jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Auch gingen sie die ganze Sache wesentlich relaxter an als sonst und arbeiteten viel spontaner an ihren Liedern.

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Die Band für die Single "Secret" erstmals auf dem Frontcover einer Platte

Ausgesprochen arbeitserleichternd gestaltete sich dabei der Einsatz des "Fairlight-CMI". Der "Fairlight" hatte, anders als normale Keyboards oder Synthesizer, keine eigenen Sounds, sondern musste regelrecht mit Klängen "gefüttert" werden, bevor er diese verarbeitete und im internen 14 MB (!)-Speicher oder auf 8-ZollDiskette (180 KB) abspeicherte, um sie dann wie mit einem gewöhnlichen Keyboard spielen zu können. Zudem konnten acht zusätzliche Instrumente simultan dazu gemischt werden, sodass Andy und Paul die Songs für das Album bereits annähernd vollständig fertig hatten, bevor Malcolm, Martin und auch die Weir-Brothers, die jetzt zum ersten Mal für Albumaufnahmen herangezogen wurden, im "The Manor"-Studio in Oxford dazustießen, wo OMD vier Jahre zuvor bereits "Architecture & Morality" aufgenommen hatten. Das "Manor" bot der Band in jeder Hinsicht ein ideales Umfeld für die Arbeit an den neuen Liedern. Im gleichnamigen Gutshaus "Manor House" in Shipton-on-Cherwell, Oxfordshire, England, nördlich von Oxford gelegen - war es in seiner Art das erste Aufnahmestudio mit integriertem Wohnatelier in Großbritannien. Das "Manor House", im Besitz von Richard Branson, wurde primär von "Virgin Records" als Tonstudio genutzt, wobei allerdings auch Künstler anderer Labels im "Manor" arbeiteten durften. Das Studio war (für die damalige Zeit) technisch überdurchschnittlich gut ausgestattet - neben Vier- und AchtSpur-Bandmaschinen standen ein Sechzehn-Spur-Gerät, sowie diverses weitere Equipment zur Audiobearbeitung zur Verfügung. Die Musiker schätzten außerdem die ländliche Abgeschiedenheit und Ruhe, die im Mietpreis inbegriffene Verpflegung und die durchgehenden Nutzungszeiten des Hauses. Zu den hier aufgenommenen Alben gehörte unter anderem auch das berühmte "Tubular Bells" von Mike Oldfield.

Produzent Stephen Hague Albumaufnahmen im "The Manor" in Oxfordshire (oben) und im "Amazon"-Studio in Kirkby, Simonswood (unten)

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Der musikalische Beitrag von Malcolm, Martin, Neil und Graham bestand nun zum größten Teil darin, die von Andy und Paul mittels des "Fairlight" produzierten Instrumente stückweise zu ersetzen und "live" einzuspielen. OMD waren auf der Suche nach einem homogeneren Bandsound - praktisch versuchten sie, ihren Live-Sound von der Bühne auf Platte zu transferieren. So wurden zum ersten Mal seit Bestehen von OMD einzelne Songs mit allen Musikern gleichzeitig "live" aufgenommen - die spätere Single-B-Seite "Maria Gallante" und das fast schon rockige und gitarrenlastige "88 Seconds In Greensboro" (im amerikanischen Greensboro in North Carolina ereignete sich im Jahre 1979 ein Massaker, als Mitglieder der "American Nazi Party" und des rassistischen "Ku-Klux-Klans" fünf Demonstranten ermordeten. Die Täter wurden durch eine Jury, die nur aus Weißen bestand, freigesprochen).

links: Für Liveauftritte und erstmals auch für Albumaufnahmen weiterhin in die Band integriert: Die Brüder Neil Weir (links) und Graham Weir (rechts)

Während der Spanientour im vorangegangenen Sommer hatte Andy in Madrid seine neue Freundin Toni Ann Morris, eine Amerikanerin aus San Diego, kennen gelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt, was sich nun in großem Umfang auf den Inhalt seiner Songtexte auswirkte. In Folge dessen entstanden etliche Titel, wie beispielsweise das wunderschöne Liebeslied "Hold You" oder "So In Love", die dem neuen Album später den Ruf des "OMD-Lovesong-Albums" einbringen sollten. Andy und Paul schrieben jetzt auch oft getrennt an Songs. So komponierte Paul während eines Amerika-Aufenthaltes im Alleingang das Stück "Secret", welches ursprünglich als erste Single vorgesehen war. Andy wiederum schrieb "Hold You" ohne weitere Fremdbeteiligung. Es herrschte insgesamt eine entspannte und lockere Atmosphäre im Studio - die erstrebte Spontanität wurde tatsächlich größtenteils erreicht und umgesetzt. Graham Weir improvisierte zum Beispiel das Posaunensolo im Titelstück "Crush" in einem Durchgang, die Schlagzeugparts wurden von Malcolm überwiegend "live" eingespielt. Außerdem kam - für OMD-Fans ungewohnt - neben dem Song "88 Seconds In Greensboro" überraschend oft die von Graham Weir gespielte Gitarre zum Einsatz ("The Native Daughters Of The Golden West", "Bloc Bloc Bloc" und "So In Love"). Selbst Martin Cooper durfte - wie schon zuvor auf dem Album "Junk Culture" - gleich bei mehreren Tracks sein Können auf dem Saxophon unter Beweis stellen. Auch die von Andy mit dem Walkman aufgenommenen Mitschnitte aus der japanischen Fernsehwerbung fanden nun ihre Verwendung ("Crush").

Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes, 1985

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Über zwanzig Songs waren in der - für OMD-Verhältnisse phänomenalen - Rekordzeit von vier Monaten zusammengekommen (z. B. auch "Southern", das Andy zusammen mit Graham Weir geschrieben hatte, für "Crush" aber nicht berücksichtigt wurde, sowie eine Neuaufnahme des im Vorjahr entstandenen Songs "Heaven Is"). Daher konnten bereits im Frühjahr 1985 die endgültigen Aufnahmesessions beginnen. Paul hielt die Songs an sich schon für so gut wie fertig, nichtsdestoweniger wollte man sie nochmals einigen neuen Arrangements unterziehen. Für Andy und Paul sollte aus diesem Grund nur ein Produzent in Frage kommen, der auch selbst Musiker war. Infolgedessen kam es zur Zusammenarbeit mit Stephen Hague, von dessen Produktion für Malcolm McLaren’s Song "Madame Butterfly" die beiden sehr angetan waren. Stephen Hague produzierte u. a. die "Rock Steady Crew" und später sehr erfolgreich die "Pet Shop Boys" und "New Order". Er galt als ein Perfektionist und darüber hinaus als ein exzellenter Songwriter und Musiker. In seiner Rolle als Produzent war Hague immer auf der Suche nach dem perfekten Sound. Diesen Anspruch zu erfüllen gelang ihm letztendlich auch bei "Crush", dem ersten komplett produzierten Album seiner Produzentenkarriere überhaupt. Aber die neuen Stücke von OMD verloren nicht zuletzt genau dadurch ihre ursprüngliche Vitalität und letztendlich auch jegliche Ecken und Kanten, ungeachtet der brillanten Produktion. Nach abschließendem, wochenlangem Feilen am Sound der Songs im Londoner "Advision"-Studio, machte sich schlussendlich eine gewisse Langeweile auf dem Album breit, die sich auch auf die erste Singleveröffentlichung "So In Love" (mitkomponiert von Hague) übertrug.

Videodreh in Alhabia/Spanien für "So In Love" und den abendfüllenden Film "Crush - The Movie"

"So in Love" wurde als erste Singleauskopplung am 13. Mai 1985 veröffentlicht und bekam damit den Vorzug vor dem von Paul Humphreys geschriebenen, wie auch gesungenen Titel "Secret". "So In Love" war der letzte Song, den Andy und Paul für das Album komponiert hatten und ursprünglich gar nicht aufnehmen wollten. Das er es doch noch auf das Album schaffte, ist hauptsächlich Martin Cooper zuzuschreiben, der Andy und Paul letztendlich davon überzeugen konnte, zumindest ein Demo davon anzufertigen. Die englische Presse zeigte sich dieser Veröffentlichung gegenüber wieder einmal wenig wohlgesonnen, befand den Song als "dämlich" und forderte lautstark ein neues "Enola Gay". In den britischen Charts dümpelte "So In Love" einige Wochen lang in den "Top 30" vor sich hin und erreichte dann als höchste Platzierung lediglich einen 27. Platz. Etwas besser sah es in den Niederlanden aus, hier kam man mit einem beachtlichen Rang 7 wenigstens noch in die hiesige "Top 10". Für Deutschland reichte es mit einem 18. Platz gerade so für die "Top 20".

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Auch wenn die weitaus geringer als erwartet ausgefallenen Verkaufszahlen in Europa Band und Plattenfirma enttäuschten, so mauserte sich nun erfreulicherweise ausgerechnet "So In Love" genau in dem Land zu ihrem ersten Hit, wo OMD seit nunmehr fünf Jahren relativ erfolglos versuchten Fuß zu fassen - den USA. "So In Love" chartete in den "US Billboard Hot 100" mit Platz 26 erstmalig in den "Top 30", in den "US Billboard Hot Dance Music/Club Play"-Charts erreichte man sogar den 16. Platz. Da das "Crush"Album von Beginn an primär für den amerikanischen Markt konzipiert worden war, ging zumindest diese Rechnung mehr als zufriedenstellend auf. Für "So In Love" nahmen OMD im spanischen Alhabia - während des hiesigen "Tag des Todes"-Festivals das dazugehörige Video auf. Dort wurde zum Teil auch für das abendfüllende Video "Crush - The Movie" gedreht, welches die komplette Band u. a. erstmals bei der Arbeit im "Manor"-Studio zeigte, ausführliche Interviews mit allen Bandmitgliedern und Produzent Stephen Hague zum Entstehungsprozess des Albums präsentierte und dem Fan dabei interessante und seltene Einblicke innerhalb des Bandgefüges ermöglichte. In Alhabia entstand des Weiteren das Promotion-Video zur geplanten zweiten Single aus "Crush" "Hold You".

Andy und Paul mit Sängerin Kim Wilde (rechts)

Am 17. Juni 1985 wurde das Album "Crush" an den Handel ausgeliefert und erhielt - im Gegensatz zu "So In Love" - fast ausnahmslos positive Kritiken seitens einer nun deutlich freundlicher gestimmten, englischen Presse. So schrieb Kritiker Ian Cranna in "Smash Hits": "OMD setzen ihre gesunde Erneuerung zurück zu alter Form fort... starke, melodische Songs, die ihre üppige, orchestrale Schlagkraft leidenschaftlich beibehalten. Eine willkommene Rückkehr von intelligenter Dancemusic. Und fühlt es sich nicht gut an, mal wieder richtige Drums zu hören?" Selbst der "NME", welcher noch ein Jahr zuvor das "Junk Culture"-Album in der Luft zerrissen hatte, äußerte sich positiv zu "Crush". Der deutsche "Musikexpress" fand im Heft 08/1985 ebenfalls Gefallen am Album - mit ein paar wenigen Ausnahmen. So irritierte beispielsweise die Forderung, Andy McCluskey als Sänger auszutauschen: "In seichte Elektro-Pop-Gefilde entführende Melodie-Pretiosen wie der Album-Opener (zugleich die aktuelle Single-Auskopplung) 'So In Love' oder, nachfolgend, 'Secret', mid-tempo und melancholisch-schmusig, oder auch der sicher für die nächste Single vorgesehene Ohrwurm 'Hold You' sollten nicht als alleiniger Maßstab für OMD-Musik auf Platte dienen. Denn Humphreys, McCIuskey & Co. sorgen auch auf ihrem LP-Werk Nr. 6 für einige überraschende Songmomente. Etwa im seltsamen Titelstück, einem langsamen Reggae mit Vokal-Schnipsel-Ostinato, Posaunensolo und verschlafener Stimme, oder im lieblichen, süßen Chanson 'La Femme Accident'. Ungewöhnliche Töne auch in '88 Seconds In Greensboro': OMD goes Guitar-Depro. Wegen der etwas schlappen Vokalarbeit - da muß unbedingt ein anderer Sänger her - knapp: 4". Pushten die loyalen Fans das Album in den ersten Wochen nach Erscheinen noch bis auf Platz 13 der britischen Charts, so schnell verschwand es allerdings auch wieder aus den oberen Chartregionen. Schon Ende Juli fiel es aus den "Top 40", bevor es sich nach insgesamt zwölf Wochen komplett aus der britischen Hitliste verabschiedete. Mit dafür verantwortlich war ohne Frage der Misserfolg von "So In Love". Eine erfolgreiche, parallel zum Album präsente Single in den Charts, hätte das Interesse an "Crush" und dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zweifellos unterstützt. Im restlichen Europa und anfangs auch in Amerika verkaufte sich das Album ebenfalls nur sehr schleppend.

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In Deutschland erreichte das Album lediglich Platz 23. In den USA gelang es nach etwas Anlaufzeit dann allerdings doch noch, mit dem sechsten Longplayer einen relativ erfolgreichen Treffer zu landen. Zum ersten Mal überhaupt kam ein Album der Band in die "Billboard Top 40" (Platz 38) und hielt sich insgesamt neununddreißig Wochen in den amerikanischen Charts. Viele amerikanische Fans nennen "Crush" noch heute als ihren "Einstieg" und als ihr erstes, bewusst wahrgenommenes Album von OMD. Die ersten vier Alben dagegen stoßen nach wie vor auf relativ wenig Sympathie - diese entsprechen allerdings auch nicht wirklich den Hörgewohnheiten und dem Geschmack des durchschnittlichen, amerikanischen Publikums.

Für die Covergestaltung von "Crush" verzichteten OMD überraschend auf ihren Stamm-Designer Peter Saville, der bis dato für alle Cover-Artworks von OMD seit ihrer ersten Single "Electricity" verantwortlich war, nun aber wegen wiederholter Verspätungen bei der Abgabe der Entwürfe nicht mehr engagiert wurde. Aufgrund dessen entstand nach einer Idee von Manager Gordian Troeller ein für OMD zwar ungewohntes, aber dennoch sehr ansprechendes Cover, gemalt von Paul Slater im Stil von Edward Hopper's Gemälden "Early Sunday Morning" und "Nighthawks".

Verantwortlich für das "Crush"-Coverdesign: Maler Paul Slater (im Auftrag für "XL-Design") und einer seiner Rohentwürfe für das Cover (links)

Inspiration für das "Crush"-Design: Edward Hopper's "Early Sunday Morning" (links) und "Nighthawks" (rechts)

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Auch die zweite, am 8. Juli 1985 veröffentlichte Single "Secret", wurde ein kommerzieller Misserfolg und erreichte mit Platz 34 nur mit Mühe die britischen "Top 40". Ablehnende Kritiken seitens der Presse trugen nicht unwesentlich zur Bruchlandung von "Secret" bei. In den USA konnte man an den Erfolg von "So In Love" ebenfalls nicht mehr anknüpfen, schaffte es mit einem 63. Platz aber zumindest zum zweiten Mal in Folge in die "US Billboard Hot 100". In Deutschland kam die Single auf Platz 25. Auf der B-Seite fand das Instrumentalstück "Drift" seinen Platz, geschrieben von Paul Humphreys und Martin Cooper. Im Film "Arthur 2: On the Rocks" wurde "Secret" zwei Jahre später als Teil des Soundtracks verwendet, auch auf der dazugehörigen Album-Compilation war der Song vertreten.

"Secret" Leadsänger Paul Humphreys im Video (links), Andy und Paul in der "CBC Vancouver"-TV-Show "Good Rockin Tonight" und "Secret" als Teil des 1988 erschienen "Arthur 2"-Soundtracks

Im Gegensatz zu Großbritannien verkauften sich im weiteren Verlauf die Platten von OMD im restlichen Europa und nun auch in Amerika nach anfänglichen Schwierigkeiten konstant zufriedenstellend. Vor allem in den USA - denn "A&M", die neue amerikanische Plattenfirma der Band, vermarktete OMD weitaus professioneller und engagierter als ihr Vorgänger "Epic". Wobei allerdings alle ihre Promotionaktivitäten (gezielt) den Eindruck vermittelten, als handele es sich bei OMD um eine neue Band - und nicht um eine etablierte Gruppe, die schon seit sieben Jahren bestand, außerhalb der USA Star-Status genossen und bereits Millionen an Platten verkauft hatte.

OMD " live", 1985

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In der zweiten Hälfte des Jahres folgte nun eine für alle Beteiligten überaus strapaziöse Neunzig-KonzerteTournee, die sich überwiegend auf Amerika fokussierte und fast sieben Monate andauern sollte. Was Europa betraf, kam lediglich Großbritannien Anfang Juni in den Genuss mehrerer Konzerte, genauer gesagt für insgesamt sechs an der Zahl. Hier wählte man allerdings fast ausschließlich kleinere Locations mit einem Fassungsvermögen von maximal zweitausend Zuschauern dafür aus. Das letzte Konzert dieser Kurztour in der Sheffield "City Hall" wurde gefilmt und zusammen mit Interviews der unterschiedlichsten Wegbegleiter von Andy und Paul der letzten Jahre im englischen TV ausgestrahlt. Es folgten noch je ein Auftritt in Paris und Belgien - sowie im Hamburger Stadtpark das einzige vollständige Konzert in diesem Jahr in Deutschland (die ursprünglich für den Herbst vorgesehene Tour sollte später zugunsten Amerikas ersatzlos abgesagt werden). OMD traten vor fünfzigtausend Zuschauern beim "Park Pop Festival" in Den Haag auf und spielten schlussendlich beim "Job For A Change"-Open Air zusammen mit Billy Bragg und den "Pogues" im Londoner "Battersea Park", bevor sie ihre Zelte in England abbrachen und sich auf den Weg über den großen Teich machten - bereit dazu, Amerika zu erobern.

OMD "live" im Hamburger Stadtpark am 29.6.1985 - das einzige komplette Konzert in Deutschland

OMD nutzten nun das erwachte Interesse an ihrer Musik in den Staaten und gingen ab Mitte Juli 1985 auf eine längere USA-Tournee. Unterstützt wurden sie vor Ort von zahlreichen, der Band wohlgesonnenen Journalisten und DJ’s, die OMD bereits seit ihrer 1981er-Tour kannten - sowie durch zwei in den Staaten ansässigen neuen Partnern von Gordian Troeller: Steve Jensen, einem in den USA erfolgreichen Konzertpromoter, sowie Martin Kirkup, Verantwortlicher beim "A & M"-Label. Spielte die Band seit ihren ersten Ausflügen in die Staaten Anfang der 1980er-Jahre fast ausschließlich in Clubs und kleinen Theatern, so hatten sie diesmal die Möglichkeit, in größeren Hallen, Freiluft-Arenen und Eishockeystadien aufzutreten - vorerst jedoch nur als Anheizer für bekanntere Bands.

OMD als Vorgruppe von "The Powerstation" (u. a. mit den beiden "Duran Duran"-Musikern John und Andy Taylor) und den "Thompson Twins" auf Tour durch die USA

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Die Reise begann zunächst als Vorgruppe von "The Power Station", der neuen Band der beiden "Duran Duran"-Mitglieder John und Andy Taylor. Von Mitte Juli bis Anfang September standen hier insgesamt zweiundzwanzig Konzerte auf dem Programm. Anfangs kam das Publikum natürlich hauptsächlich wegen Mädchenschwarm John Taylor zu den Konzerten. Doch "So In Love" stieg stetig die US-Charts hinauf (nicht zuletzt auch aufgrund der häufigen Ausstrahlung des Videos auf dem Musiksender "MTV") und schon bald kam die Mehrzahl der Konzertbesucher hauptsächlich zu "The Power Station", um OMD zu sehen. Dabei spielte die Band lediglich ein Set von vierzig Minuten - nur die Hits und ausschließlich die schnelleren Songs. Als die Tour mit "The Power Station" beendet war und "So In Love" mittlerweile den 26. Platz in den amerikanischen "Billboard"-Charts erreicht hatte, machten sich OMD bereits vier Tage nach dem letzten Gig als Vorgruppe nun als Headliner auf den Weg, um auf einer Kurztour durch kleinere Veranstaltungshallen den bisher erreichten Erfolg weiter zu festigen. Schon zu Beginn ihrer USA-Reise im Juli 1985 hatten Paul und Andy in den "Paramount"-Filmstudios den amerikanischen Regisseur John Hughes kennengelernt. Hughes, der schon seit Jahren die Musik von OMD mochte (speziell "Enola Gay") und auch schon "Tesla Girls" in einem seiner Filme untergebracht hatte ("Weird Science") - befand sich zu dieser Zeit zusammen mit Regisseur Howard Deutch bereits mitten im Dreh zum zweiten Teil seines Erfolgsfilms "The Breakfast Club", mit Molly Ringwald und John Cryer (später Star in der Sitcom "Two And A Half Men") in den Hauptrollen. Die Fortsetzung mit dem Titel "Pretty In Pink" sollte, wie in Filmen der Achtziger so üblich, eine Reihe von Popsongs enthalten. Hughes bat Andy und Paul um einen Beitrag zum Soundtrack, die das verlockende Angebot dankbar annahmen - hatten doch die "Simple Minds" ihren Durchbruch in Amerika mit "(Dont You) Forget About Me" vor allem "The Breakfast Club" zu verdanken. Andy und Paul nutzten nun im Oktober die Zeit (während einer kurzen Rückkehr nach Großbritannien, um ihre neue Single "La Femme Accident" zu promoten), um am Song für den Film zu arbeiten. Dabei heraus kam am Ende das Stück "Goddess Of Love". Ein denkwürdiges Ereignis in dieser Zeit blieb der Band noch lange in Erinnerung: OMD spielten am 21. September erstmals zwei Auftritte an einem Abend - in zwei verschiedenen Ländern! Zuerst stand man um 19:30 Uhr für einen Live-TV-Auftritt in München/Deutschland auf den Brettern und um 22:30 Uhr schließlich in Warschau, wo OMD vor sechzigtausend begeisterten Polen auftraten.

"The Breakfast Club" - Drehbuchautor und Co-Executive-Producer John Hughes und Regisseur Howard Deutch

Die dritte Single "La Femme Accident", am 12. Oktober 1985 gegen den Willen der Band von "Virgin" veröffentlicht, ging unbeachtet unter. In England kam der chansoneske Song lediglich auf Platz 42 der Charts, in anderen europäischen Ländern und in Amerika überhaupt nicht in die Hitlisten. Doch zumindest sollten die Fans damit in den Genuss eines brandneuen Bonustracks kommen - "Firegun", aufgenommen in New York kurz nach der "The Powerstation"-Tour. Außerdem veröffentlichte man von "La Femme Accident" einen superben, wenn nicht sogar einen der bis dato besten 12"-Remixes einer OMD-Single. Federführend für die Produktion war hier Tontechniker Tom Lord-Alge, der OMD in die New Yorker Hip-Hop-Szene und in das Thema "angesagte fette Drumsounds" im Allgemeinen eingeführt hatte. Der von Andy und Paul für eine Singleveröffentlichung favorisierte Love-Song "Hold You", für den auch schon ein Video fix und fertig abgedreht in der Schublade lag, wurde von "Virgin" abgelehnt und auch für eine spätere Veröffentlichung nicht mehr berücksichtigt.

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Zurück zum Soundtrack für "Pretty In Pink": Zum Entsetzen von Andy und Paul konnte "Goddess Of Love", als der Song Ende Oktober bereits fertig aufgenommen war, plötzlich nicht mehr verwendet werden, da sich nach negativ ausgefallenen Testvorführungen die Schlussszene des Filmes geändert hatte und nun der Text des Songs inhaltlich überhaupt nicht mehr dazu passte (das Paar im Film trennte sich, anstatt zusammen zu bleiben). Zu allem Übel war der Film schon am 12. Oktober fertig abgedreht worden und musste lediglich noch geschnitten werden. Alles deutete darauf hin, das die Film-Soundtrack-Karriere von OMD bereits zu Ende war, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Denn im Grunde blieb den beiden keine Zeit, einen neuen Titel zu komponieren und aufzunehmen. Die Fortsetzung der USA-Tour sollte drei Tage später, am 01.11. beginnen, das Equipment der Band war schon verpackt und auf dem Weg zum ersten Auftrittsort nach Malibu. Also musste jetzt schnell gehandelt werden: Andy und Paul wurden im Eiltempo in ein Privatkino in Los Angeles verfrachtet, um sich zum besseren Verständnis der Story eine Rohfassung des Filmes anzuschauen. Gleich im Anschluss daran schrieben Andy und Paul dann in einem eiligst angemieteten Studio in Los Angeles und mit den dort vorhandenen Instrumenten innerhalb von elf Stunden - zwischen fünf Uhr abends und vier Uhr morgens - den Titel "If You Leave", und nahmen ihn mit den restlichen Bandmitgliedern und dem Toningenieur Tom Lord Alge noch am gleichen Tag auf. John Hughes und Regisseur Howie Deutsch zeigten sich zur Erleichterung der Band mehr als zufrieden mit dem Endergebnis die Hollywood-Karriere von OMD war gerettet!

Auf Tour durch die USA, 1985: Paul Humphreys (links), Andy McCluskey und Malcolm Holmes in Michigan/USA vor einem Auftritt und Andy im Tourbus (Mitte), Paul zusammen mit seiner Frau Maureen (rechts)

Innerhalb der Gruppe kam es nun allerdings zu ersten Spannungen. Während Andy und Paul den langen Amerikaaufenthalt sehr genossen (Paul konnte mehr Zeit mit Maureen in Los Angeles verbringen und Andy seine Freundin Toni in San Diego besuchen), war die Stimmung der anderen Mitglieder Martin, Malcolm und den Weir-Brothers oftmals am Tiefpunkt angelangt. Sie waren mittlerweile nur noch Statisten, die weder in die Kreativarbeit involviert, noch von den Medien zur Kenntnis genommen wurden. Ihre freie Zeit verbrachten die Vier meistens zusammen, gelangweilt und zunehmend frustriert über den für sie viel zu langen Aufenthalt in den USA. In dieser spannungsreichen Zeit waren es vor allem Graham und Neil Weir, die durch ihren typisch schottischen Humor und Witz die Band vor Schlimmerem bewahrte und die endlosen Monate auf Tour, in ihrem Zwölfbett-Tourbus oft tausende von Kilometern quer durch die Vereinigten Staaten unterwegs, noch für alle Beteiligten relativ erträglich machten.

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OMD " live" 1985 mit den Multi-Instrumentalisten Neil und Graham Weir (Trompete, Posaune, Keyboard, Bass, Gitarre und Gesang)

Was Amerika anging fiel nun die Entscheidung, die Gunst der Stunde weiter zu nutzen. Am 1. November starteten OMD trotz einiger Ermüdungserscheinungen erneut zu einer weiteren, über zweimonatigen und vierundvierzig Termine umfassenden Tournee durch die Staaten, nicht zuletzt, um den Erfolg von "So In Love" und des "Crush"-Albums, das bis Oktober 1985 bereits zweihunderttausendmal in den USA über die Ladentheke gegangen war, zu festigen. Dafür mussten allerdings die bereits angesetzten Termine in Deutschland und Großbritannien gestrichen werden - im Falle von Deutschland sogar ersatzlos, während die UK-Tour im Frühjahr 1986 nachgeholt werden sollte. OMD spielten nun als Vorgruppe der "Thompson Twins", die im Gegensatz zu OMD in den USA bereits durch einige Hits etabliert waren. Neben dem Highlight - einem Auftritt im berühmten "Madison Square Garden" in New York - spielten OMD gegen Ende der Tour noch einige Gigs in Kanada, bevor im Januar 1986 zum Abschluss der insgesamt siebenmonatigen Tour noch einige Auftritte in Florida, Texas und Kalifornien folgen sollten.

OMD während ihrer Tour durch die USA

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Ungeachtet ihres Erfolges in den USA sollte "Crush" - gerechnet ab Veröffentlichung ihres Debüts in 1980 das erste Album sein, das weder eine "Top-20"-Single vorweisen konnte, noch selbst unter die "Top-10" kam. Die Akzeptanz und das positive Image, das sich OMD mit "Junk Culture" und seinen drei Hit-Singles mühsam zurück erobert hatten, schienen durch den geringen Erfolg von "Crush" nun wieder akut gefährdet zu sein.

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C / DURCHBRUCH IN DEN USA & THE PACIFIC AGE

"If You Leave" in den amerikanischen "Top 5" und OMD unter Druck der Musikindustrie

1986 Als OMD im Februar 1986 nach sieben Monaten auf Tour endlich wieder britischen Boden unter ihre Füße bekamen, erwartete sie dort schon prompt ein gänzlich unerwartetes Problem finanzieller Art. Denn Paul's neuer Steuerberater hatte in der Zwischenzeit einige Unregelmäßigkeiten zwischen OMD's "White Noise Ltd" und Gordian Troeller’s Firma "Worldchief Ltd" aufgedeckt. Über das, was konkret vorgefallen war, hüllte man sich diskret in Schweigen - allerdings trennte sich die Band in der Folge von ihrem langjährigen Manager. Da Steve Jensen und Martin Kirkup von "Direct Management Group" OMD in den USA bisher erfolgreich betreut und vermarktet hatten, war es naheliegend, die beiden als neues Managergespann an Bord zu holen. Die "Crush"-Englandtour, die vor Monaten zugunsten der US-Tournee mit den "Thompson Twins" verschoben werden musste, wurde nun im Februar 1986 in Form von zwanzig Konzerten nachgeholt, was für die Band anfänglich jedoch eine etwas knifflige Angelegenheit darstellte. Spielten sie während ihres monatelangen USA-Trips als Vorgruppe von "The Powerstation" und den "Thompson Twins" die fast immer gleichen, zehn Songs pro Auftritt, so hatten sie nun von den restlichen neuen und alten Liedern ihres gewohnten Live-Sets zum Großteil die Akkorde und Texte vergessen. Es war also unvermeidbar, nochmals ganz von vorne mit den Proben zu beginnen - und das direkt im Anschluss an eine siebenmonatige Tour! In ihrer Heimatstadt Liverpool startete die Band dann vor einem begeisterten Publikum ihre komplett ausverkaufte Englandtournee. Schlusspunkt der am Ende insgesamt acht Monate andauernden und damit längsten OMD-Tour überhaupt, bildete ein Konzert in Paris, das simultan in zahlreichen französischen Kinos "live" übertragen wurde. Für die kommenden siebeneinhalb Monate lagen vorerst zwar keine weiteren Konzerte mehr an, allerdings nahm OMD's Durchbruch in Amerika im Zuge der Veröffentlichung des Films "Pretty In Pink" und dem darin enthaltenen OMD-Song "If You Leave" nun volle Fahrt auf.

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Die "If You Leave"-Schlußszene mit John Cryer (als "Duckie") und Molly Ringwald (als "Andie") aus dem Film "Pretty In Pink" Ursprünglich sollten beide am Ende zusammenkommen - dafür schrieben OMD ursprünglich den Song "Goddess Of Love". Andie entschied sich (nach negativen Testvorführungen des Film) dann aber doch für Duckie's Konkurrenten Blane "Goddess Of Love" passte nun nicht mehr und OMD schrieben im Eiltempo einen neuen Titel – "If You Leave"

Premiere von "Pretty In Pink" am 29. Januar 1986 im "Mann National Theater" in Hollywood: Andy McCluskey, Malcolm Holmes, Martin Cooper und Paul Humphreys

Der Film "Pretty in Pink", eine romantische Comedy-Drama-Komödie, kam am 28. Februar 1996 in die US-amerikanischen Kinos und erzählte die Geschichte eines verliebten Teenager-Pärchens in einer amerikanischen Highschool, das aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen stammt und dies deshalb immer wieder zu Problemen in und mit ihren jeweiligen Freundeskreisen führt. Schon in der ersten Woche nach seinem Start spielte er über sechs Millionen Dollar ein, entwickelte sich aus kommerzieller Sicht zu einem großen Erfolg, wurde zudem von den Kritikern überaus positiv bewertet und erwirtschaftete am Ende über vierzig Millionen Dollar.

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OMD mit "If You Leave" im TV - und Promofotos der Band

Zeitgleich zum Filmstart kam auch der Soundtrack von "Pretty In Pink" in die Läden. Darauf vertreten waren neben OMD unter anderem Künstler wie "INXS", "New Order", "The Smiths", "The Psychedelic Furs", "Echo & The Bunnymen", Suzanne Vega & Joe Jackson und Belouis Some. Veröffentlicht wurde das Album von OMD's amerikanischer Plattenfirma "A&M". Es erhielt sehr gute Kritiken und wurde vom "Rolling Stone"-Magazin als einer der besten fünfundzwanzig Filmsoundtracks aller Zeiten eingestuft. Wie schon bei früheren Filmen von John Hughes, beinhaltete der Soundtrack zum Film überwiegend "New Wave"-Musik der Post-Punk-Ära, bevorzugt von britischen Bands, die in Amerika Mitte der 1980erJahre extrem angesagt waren. Davon musste Hughes allerdings erst Regisseur Howard Deutch überzeugen, dem ursprünglich ein eher konservativer Filmscore für den Streifen vorschwebte.

Szenen aus dem Promovideo zu "If You Leave"

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Der Erfolg von OMD in Amerika erreichte nun nach dem erfolgreichen Kinostart des Films "Pretty In Pink" seinen vorläufigen Höhepunkt und katapultierte "If You Leave", als Single veröffentlicht am 28. April 1986, bis hinauf in die "Top-5" der amerikanischen "Billboard Hot 100" - wo der Song im Mai den phänomenalen 4. Platz erreichte und sich für weitere dreizehn Wochen in den "Top 40" halten konnte. Auch in Kanada und Neuseeland stieß man bis in die "Top 5" der hiesigen Hitparaden vor, in Australien kam der Song bis auf Platz 15 der Charts. OMD waren in den USA mittlerweile populärer als in ihrer Heimat England. Dort nämlich stieß das Stück auf Desinteresse und erreichte lediglich die Position 48 der britischen Single-Hitliste. Allerdings war der Film dort erst einige Zeit später angelaufen und die Mitwirkung von OMD am dazugehörigen Soundtrack dem englischen Publikum weitgehend unbekannt. In Deutschland konnte mit "Pretty In Pink" kein Blumentopf gewonnen werden, denn gerade mal zweihunderttausend Kinobesucher wollten damals die Teenager-Romanze sehen. Dementsprechend chartete "If You Leave" in der deutschen Hitparade - nämlich gar nicht.

Andy und Paul waren nun, was Filmmusik betraf, auf den Geschmack gekommen. Zeitgleich mit "Goddess Of Love" hatten sie mit dem Titel "We Love You" im Oktober 1985 bereits einen weiteren Song für einen Filmsoundtrack geschrieben. Das Lied sollte für den Teenie-Streifen "Playing For Keeps" verwendet werden. "We Love You" kam dann zwar auch in dem im Oktober 1986 uraufgeführten Film vor, erschien allerdings nicht auf dem dazugehörigen Soundtrack-Album.

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Nach ihrem Erfolg in Amerika waren OMD nunmehr auf dem besten Weg zu weltweiter Popularität. Und dennoch - trotz fünfzehn Millionen verkaufter Schallplatten in den letzten sieben Jahren standen OMD jetzt abermals bei ihrer englischen Plattenfirma "Virgin" in der Kreide. Schuld an dieser Misere waren vor allem die immens hohen Studio- und Tourneekosten, die vor allem während der "Junk Culture"-Periode aufgelaufen waren. "Virgin" hatte die Ausgaben zwar jedes mal vorgestreckt, diese jedoch auch immer wieder auf Heller und Pfennig von der Band zurückgefordert. So kann mit Sicherheit gesagt werden, dass OMD und ihr Unternehmen "White Noise Ltd." wiederholt am Rande des finanziellen Ruins gestanden hätten - wenn nicht "If You Leave" und "Crush" in den USA so erfolgreich gewesen wären. Der Band war es deshalb nicht vergönnt, sich auf ihren mühsam erarbeiteten Lorbeeren auszuruhen - eine Pause oder gar Urlaub nach der anstrengenden "Crush"-Tournee kam nicht in Frage. Denn das amerikanische Plattenlabel "A&M" verlangte bereits nach einem neuen Album, um damit den von "If You Leave" ins Rollen gebrachte Erfolg in den Staaten weiter ausbauen zu können. Und spätestens hier kam auch das Thema "Drogen" ins Spiel. Auch wenn OMD stets darauf bedacht waren, sich zu dieser Angelegenheit in diskretes Schweigen zu hüllen, drangen in späteren Jahren immer wieder Hinweise auf ihren (damaligen) Drogenkonsum an die Öffentlichkeit. So schrieb der "Joy Division"-Bassist Peter Hook in seinem 2014 veröffentlichten Buch "Unknown Pleasures - Inside Joy Division" folgendes: "Ich mochte OMD als Gruppe sehr und ich war immer davon überzeugt, dass sie [Andy und Paul] wirklich gut und noch dazu nette Jungs waren - obwohl es diese beiden waren, die mich bei der 'Pretty In Pink'Premiere auf Kokain brachten, diese Bastarde". Kaum jemand mochte den vermeintlich "biederen" SynthiePoppern einen exzessiven "Rock 'n' Roll-Lifestyle" zutrauen, doch wäre es mehr als verwunderlich gewesen, warum ausgerechnet OMD - im Hinblick auf ihre monatelangen, überaus stressigen Tourneen durch Amerika - nicht zwangsläufig auch mit der dort sehr beliebten Szenedroge in Berührung hätten kommen sollen. Und der Konsum setzte sich allem Anschein nach noch bis zum Ende der 1980er-Jahre fort - was wiederum zu Spekulationen darüber anregt, inwieweit dieser für das spätere Auseinanderfallen der Band verantwortlich gemacht werden kann.

OMD (1984 bis 1988): Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper, Malcolm Holmes, Graham Weir, Neil Weir

Gerade mal zwei Monate gab man OMD nun Zeit, um neues Material zu schreiben. Dieser immense Zeitdruck zwang Andy und Paul zum schnellen Arbeiten. Glücklicherweise hatte die Band während der Aufnahme ihrer zwei Filmsoundtracks noch einen dritten Song namens "Watch Us Fall" produziert und auch der für "Crush" geschriebene Titel "Southern" fand seine Verwendung. Da aber Andys anfänglich dafür vorgesehener Gesang nicht recht dazu passen wollte, kam ihm die Idee, das Stück mit einer der letzten öffentlichen Reden des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King vom 3. April 1968 zu unterlegen. Dafür wurden OMD später kritisiert, da so mancher Zeitgenosse die Auffassung vertrat, dass sie die Textpassagen lediglich als Gag im Stil und im Fahrwasser von Paul Hardcastle’s 1985er-Hit "19" verwerteten, bzw. diesen mehr oder weniger kopierten. In der Folge entstanden während der Monate April und Mai 1986 im Liverpooler "Amazon"-Studio in Windeseile Demos für neue Songs. Die meisten Tracks entstanden im Prinzip einfach nur aus spontanen Einfällen heraus. So auch das Lied "Flame Of Hope", in das man die gleichen TV-Mitschnitte aus Japan einarbeitete, die bereits für den "Crush"-Titelsong benutzt wurden und den man in der Rekordzeit von nur vier Stunden komplett komponierte und aufnahm. "Stay" - ein im Stil der 1960er-Jahre verfasster Track, entwickelte sich mehr oder weniger nach der Devise: "Was kann hier jetzt noch eingefügt werden? Ein paar Backgroundvocals von schwarzen Sängerinnen? Ok, dann lasst es uns machen!". Graham Weir wurde neuerdings mit in das Songwriting einbezogen und steuerte einen eigenen Song bei - "Shame" - der aus Graham's Ansicht heraus entstand, dass der Musik von OMD "der nötige Soul" fehlen würde. Graham schrieb den kompletten Titel im Alleingang, lediglich eine Melodielinie und die Strophen kamen von Paul und Andy. Gemeinsam mit Paul komponierte Graham außerdem noch "(Forever) Live And Die".

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Ein weiterer neuer Track - "The Dead Girls" - sollte den Geist von "Architecture & Morality" wiederbeleben, sich bewusst von den restlichen Liedern abheben und eine Spur experimenteller ausfallen als die restlichen Songs des Albums - was ansatzweise auch gelang. Im Wesentlichen wurde hier der Refrain in Französisch wiederholt und auch das Chor-Intro des Songs in Französisch gesungen. Aliss Terrell, eine junge Amerikanerin, die zu der Zeit gerade in Frankreich weilte, übersetzte die Texte und sang sie bei dieser Gelegenheit auch gleich selbst. Einzig Malcolm war überhaupt nicht begeistert von der simplen Struktur des für ihn vorgesehenen Drumparts in dem Stück und weigerte sich, am Song mitzuarbeiten. So spielte Paul an seiner Stelle den Schlagzeugteil - und das übrigens nicht zum ersten Mal: Bereits 1982 übernahm er diese Aufgabe beim Lied "The Romance Of The Telescope". Trotz des Zeitdrucks (vielleicht auch gerade deswegen) sprudelten die Ideen aus Andy und Paul nur so heraus. Obwohl bereits genug Material für das Album vorhanden war, schrieben die beiden eine Anzahl weiterer Songs, so z. B. Stücke wie "Cajun Moon", "Cut Me Down" und "Gun People", die beinahe veröffentlicht worden wären, dann allerdings für eines der nächsten Alben zurückgehalten wurden. "Heaven Is", der bereits für "Junk Culture" geschriebene Track, stand schon als Albumsong fest, musste dann aber in letzter Minute "Flame Of Hope" weichen, der im Zuge der Aufnahmesessions eigentlich als Single-B-Seite geschrieben und aufgenommen worden war.

Die drei Gesichter von OMD: Das Duo Andy McCluskey und Paul Humphreys, der "harte Kern" der Band mit Malcolm Holmes und Martin Cooper, mit Graham und Neil Weir (ab 1986 offizielle Bandmitglieder)

Nach Fertigstellung der Arrangements und Demos stellte sich nun die Frage, wo das Album aufgenommen und produziert werden sollte, denn Andy und Paul wollten raus aus Liverpool und europäische Großstadtluft schnuppern. OMD hatten bereits in der Karibik, in Belgien, Holland und in den USA aufgenommen - aber noch nie in Frankreich. So entschieden sie sich für ein Studio in Paris, dem "Studio de la Grande Armee". Die Band bezog ein Hotel inmitten der französischen Hauptstadt und - wesentlich beeinflusst durch die französische Kultur, die so ganz anders war als die zuletzt gewohnte amerikanische - wurden die Aufnahmen für das neue Album umgehend in Angriff genommen. Als Produzent holten sie erneut Stephen Hague und Tontechniker Tom Lord Alge an die Regler, entgegen der bisherigen, liebgewonnenen Gewohnheit, nie zweimal denselben Produzenten für ein Album zu engagieren. Letztendlich wurde das Album hauptsächlich von Tom Lord-Alge produziert, Stephen Hague kümmerte sich überwiegend um die Arrangements.

Aufnahmen für "The Pacific Age" in Paris

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OMD waren durch die offizielle Integration der Weir-Brüder nun zu einer sechsköpfigen Band angewachsen, und die gemeinsamen Auftritte der letzten zwei Jahre hatten nachhaltig den Live-Sound der Band geprägt. Dieser war im Vergleich zu den Plattenaufnahmen auf der Bühne roher und wesentlich kraftvoller. Diesen Sound wollten OMD nun auch auf ihr neues Album übertragen. Wurden in der Vergangenheit im Studio überwiegend Drumcomputer benutzt, so nahmen sie diesmal Malcolm's Drumparts "live" im Studio auf. Anschließend fügten sie den Bass hinzu, wobei Andy diesen diesmal nicht selbst einspielte, sondern alle Basslinien vom Keyboard produziert wurden. Erst im Anschluss daran kamen die restlichen Instrumente hinzu. Damit erreichte man tatsächlich einen homogeneren und dynamischeren Bandsound, der letztendlich auf allen Songs herauszuhören ist, jedoch auch zu der Kritik Anlass gab, das die Lieder in ihrer Gesamtheit relativ "unfertig" klängen. Neben dem Studiomusiker Kamil Rustam (Gitarre auf "Forever Live And Die") engagierte man mit Aliss Terrell, Yvonne Jones and Carole Fredericks auch erstmals professionelle Backgroundsängerinnen. Selbst Stephen Hague haute des Öfteren in die Tasten und Gitarrensaiten. Mit "The Pacific Age", dem Titel eines weiteren neuen Songs, war dann auch schnell ein Name für das Album gefunden.

Als erste Singleauskopplung entschied man sich - nachdem eigentlich schon "Stay" dafür vorgesehen war für "(Forever) Live And Die", den ursprünglich Andy hätte singen sollen. Dieser glänzte bei den Aufnahmen des Stücks jedoch durch Abwesenheit, und so übernahm Paul - ursprünglich nur zu Demozwecken - spontan den Leadgesang, wobei es letzten Endes dann auch blieb. Der Titel, veröffentlicht am 26. August 1986, entwickelte sich zur erfolgreichsten Single von OMD seit "Maid Of Orleans". Sie erreichte Platz 18 in den "U.S. Billboard Hot 100", verfehlte mit Platz 11 in England nur knapp die "Top 10" und war in Deutschland (Platz 8), Belgien, Holland und Kanada durchweg unter den jeweiligen ersten zehn Top-Hits der jeweiligen Hitparaden vertreten.

Techniker Tom Lord-Alge, Sessiongitarrist Kamil Rustam, Produzent und Musiker Stephen Hague Auszüge aus Reden des Bürgerrechtlers Martin Luther King bilden das Gerüst für den Song "Southern"

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OMD präsentieren ihren Hit "Forever Live And Die" in einer deutschen TV-Show

In allen anderen Ländern, wie z. B. Australien, Neuseeland und Irland, kam er zumindest in die "Top 20". Geschrieben wurde "(Forever) Live And Die" gemeinsam von Paul Humphreys und Graham Weir, der später offen zugab, die Musik für den Song aus diversen Hits anderer Künstler zusammengeklaubt zu haben. So basiert der Rhythmus auf "Slave To The Rhythm" von Grace Jones, die Basslinie auf dem "Hot Chocolate"-Hit "You Sexy Thing" und für den Bläsersatz des Mittelteils holte sich Graham die Inspiritation von "Rosanna" der Band "Toto".

Aufnahmen für das Promo-Video zu "Forever Live And Die" in Liverpool

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Für das Design des Albumcovers von "The Pacific Age" planten Andy und Paul wieder mit Peter Saville, was aber daran scheiterte, dass Saville durch seine Arbeiten für Peter Gabriel, die "Rolling Stones" und "Wham" mittlerweile in für OMD unbezahlbare Regionen aufgestiegen war. So kam es auf Vermittlung von Manager Martin Kirkup zur Zusammenarbeit mit Mick Haggerty, einem in Los Angeles lebenden, englischen Künstler, der bereits Covers für "The Police" und die "Simple Minds" gestaltetet hatte und mit seiner darauffolgenden, recht außergewöhnlichen Arbeit für "The Pacific Age" und die nachfolgenden Covers der Singles, den neuen, erdigeren Sound von OMD visuell eindrucksvoll unterstreichen sollte.

Designer Mick Haggerty gestaltete das Cover zum Album

Am 29. September 1986 wurde das Album "The Pacific Age" veröffentlicht - und sogleich verriss die englische Presse das Album wieder einmal fast ausnahmslos. "Keuchend, zerknittert und dahin humpelnd eine schmerzliche Enttäuschung", schrieb beispielsweise der britische "Melody Maker". "Sounds" resümierte: "Aalglatt und schmierig... klingt wie ein Haufen gelangweilter Profis". Dementsprechend fielen auch die Verkäufe des Albums aus: In England erreichte man zwar Platz 15, danach fiel das Album jedoch wie ein Stein ins Bodenlose und entschwand bereits nach sieben Wochen aus den Charts. Nicht viel besser sah es in Deutschland aus, wo "The Pacific Age" zwar ebenfalls den 15. Platz einnahm, allerdings nach zehn Wochen wieder aus der Hitparade entschwand - trotz guter Bewertungen einiger Kritiker. Der "Musikexpress" urteilte im Heft 11/1986 positiv über das Machwerk: "Widersprüche, Gegensatze, Reibungen, Mensch-Maschine, Maschinen-Mensch, Fairlight-Funk und Synthesizer-Strenge. PACIFIC AGE, die siebte Arbeit des inzwischen zum Sextett aufgestockten Liverpooler Ensembles, wirkt wie die Summe aller Möglichkeiten von OMD. Hier gibt's kitschnahe Elektro-Schlager mit weit ausholender Melodie ('Forever Live And Die'), klassisch anmutende Computerspiele mit Geigen- und Mozart-Meets-LedZeppelin-Anspruch ('The Pacific Age'), eine mit Martin-Luther-King-Reden unterlegte Collage ('Southern'), synthetische Suiten mit düster-psychedelischem Hvmnencharakter ('The Dead Girls'), kinderliedhafter Maschinen-Swing ('Shame'), aber auch Tanz-Pop mit modischem Funk-Design ('Stay...'). Das alles ist dramaturgisch gesehen - sehr gewagt, aber die Risikobereitschaft der beiden OMD-Macher McCluskey/Humphreys und ihres Produzenten Stephen Hague hat sich auch diesmal ausgezahlt". Ungeachtet des massiven Engagements der Band in Amerika in den vorangegangenen vierzehn Monaten konnte das Album mit einem 47. Platz in den "Billboard"-Charts nicht an der Erfolg seines Vorgängers "Crush" anknüpfen und hielt sich gerade mal zwölf Wochen dort. Als beinahe unentschuldbar muss hier die leichtfertig getroffene Entscheidung genannt werden, "If You Leave" nicht mit auf das Album zu nehmen, was sich auf den kommerziellen Erfolg und die Verkaufszahlen zwangsläufig nur positiv hätte auswirken können. Obschon überrascht und nicht minder enttäuscht über die schlechten Kritiken in ihrer Heimat und den Misserfolg was das Album betraf, nahmen OMD daraufhin dennoch ihre nächste Welttournee ins Visier.

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OMD " live", 1986

Der Startschuss erfolgte am 21. Oktober 1986 in Birmingham, wo OMD im Vorfeld des Konzertes auch gleich das Video zu ihrer nächsten Single "We Love You" aufnahmen. Nach insgesamt dreizehn Gigs in England jettete die Band dann im November für weitere Konzerte erneut über den großen Teich. Beginnend in Kanada, wo Andy und Paul während des gesamten Verlaufs ihrer vier Auftritte von Erkältungen und Virusinfektionen geplagt wurden (man trat überwiegend in Eishockey-Stadien auf) und Graham Weir mehr als einmal notgedrungen als Ersatzsänger einspringen musste. Gleich im Anschluss daran ging es für insgesamt achtzehn Konzerte weiter in die Vereinigten Staaten, wo OMD zum ersten Mal in großen Hallen als Headliner auftraten. Dort spielten sie auch einen umjubelten Gig in der "Radio City Music Hall" in New York vor sechstausend Zuschauern. OMD präsentierten ihre Show vor ebenso begeistertem Publikum in Minneapolis, Cleveland, Boston, Detroit, Denver und Salt Lake City und beendeten ihren Amerikatrip in San Francisco und Los Angeles, wo die Band in ausnahmslos ausverkauften Häusern spielte. Im Dezember dann führte sie die Reise zum ersten Mal in ihrer Karriere für einen Auftritt nach Hawaii und erstmals nach Neuseeland. Auch Australien stand auf dem Programm, das sie bereits 1984 mehr oder weniger als "Underground-Band" besucht hatten und absolvierten dort bis in den Januar 1987 hinein insgesamt neun Auftritte. Anfangs verliefen die Konzerte dort wenig befriedigend, doch änderte sich diese Situation just ab dem Zeitpunkt, als sich "We Love You" - im November als Single veröffentlicht - zu ihrem größten Hit in Australien entwickelte (in Amerika jedoch scheiterte). Bei einem Besuch des "Toucan"-Nachtclubs in Adelaide trafen OMD auch zufällig Michael Douglas wieder, ihren alten Keyboarder aus vergangenen "Architecture & Morality"-Tagen, der nach seinem Weggang von OMD eine Zeitlang mit "The Human League" tourte, danach nach Australien übersiedelte und in besagtem Club nun als Barmann arbeitete.

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Als Nachfolger ihrer Hit-Single "(Forever) Live And Die" wurde am 10. November 1986 "We Love You" herausgebracht. Bereits 1985 für den Soundtrack zu "Playing For Keeps" geschrieben, für "The Pacific Age" einer radikalen Neubearbeitung unterzogen und nun als Singleveröffentlichung nochmals neu abgemischt, fiel "We Love You" in der Publikumsgunst erbarmungslos durch. In England war in den Charts bereits bei Platz 54 Ende, in Amerika wurde der Titel lediglich in den "U.S. Billboard Hot Dance Club Play" notiert (Platz 16). Allein in den australischen Single-Charts konnten OMD ihren ersten Hit damit landen und kamen auf Platz 18.

OMD "On Tour" durch Amerika (v. l. n. r.): Andy McCluskey, Robb (Tourcrew), Neil Weir, Graham Weir, Vince (Tourcrew) Malcolm Holmes, Gary Hodgson (Tourcrew), Martin Cooper, Paul Humphreys

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1987 Nach dem heißen australischen Hochsommer folgte für OMD, nach einem Zwischenstopp in Hong Kong, im Januar 1987 der Temperaturschock auf Japan, wo im Gegensatz zu "Down Under" gerade tiefster Winter herrschte - und sechs Auftritte im Land der aufgehenden Sonne die letzten Stationen ihrer Tour markierten. Auch dort hatten sie das volle Programm zu absolvieren: Interviews, Fernsehauftritte - und natürlich ihre Liveshows. An dieser Stelle ein Tipp für all diejenigen, die rund um die Tourneen - insbesondere der Jahre 1985-1987 - mehr erfahren möchten: Unter http://www.omdweb.com/compiled/ sind unter Anderem alle Fanclub-Newsletters zu finden, in denen Andy McCluskey sehr ausführlich und zum Teil in Tagebuch-Form über deren Verlauf berichtet und dabei noch allerlei interessante Insider-Facts zum Besten gibt. Umgehend nach ihrer Rückkehr nach England ging es dann im Februar direkt nach Deutschland und Holland zwecks Promotion für "We Love You", denn ausschließlich in diesen beiden Ländern des europäischen Festlands wurde die Single veröffentlicht. Ein hoffnungsloses Unterfangen und vergebliche Mühe wie sich schon bald zeigen sollte, denn die Single floppte in beiden Ländern gleichermaßen und verfehlte unbarmherzig die Charts. Für einige Fernsehauftritte saß derweil "Thompson Twins"-Tourdrummer John Podgorski hinter der Schießbude - über die Gründe bezüglich Malcolm's Abwesenheit ist allerdings nichts Näheres bekannt.

OMD beabsichtigten nun, eine bereits neu aufgenommene Version des Songs "Stay" als dritte Single herauszubringen. Doch "Virgin" hatte dafür schon "Shame" auserkoren - in der Hoffnung, damit den Misserfolg von "We Love You" einigermaßen kompensieren zu können. Unter der Regie von "Dazzle Ships"-Produzent Rhett Davies wurde "Shame" für diesen Zweck nochmals komplett neu aufgenommen. "Virgin" war sich entgegen der Meinung von Andy und Paul sicher, dass der Song ein weltweiter Hit werden würde und riss die beiden sogar aus ihrem ersten Urlaub seit drei Jahren, um sie zum Videodreh nach Kalifornien auszufliegen. Letztendlich sollten sich die Befürchtungen der Band allerdings bestätigen, denn "Shame", veröffentlicht am 13. April 1987, kam nicht über Platz 52 in England hinaus und wurde auch in anderen Ländern kein Hit, bzw. kam gar nicht erst in die Charts. Das Video zur Single (übrigens die erste auf CD veröffentlichte Single von OMD), zeigte darüber hinaus keine einzige TV-Station in ihrem Programm. Ausgelaugt kehrten OMD zurück nach Liverpool und kümmerten sich um die Pläne für das restliche Jahr 1987. So sollte schon bald ein "Best Of OMD"-Album mit ihren größten Hits veröffentlicht werden, wofür Andy und Paul in ihrem neu eingerichteten Studio einen neuen Song schreiben und aufnehmen wollten. Doch die Band - aufgerieben von dem nun schon seit acht Jahren andauernden, kräftezehrenden Platte/Tour/Promotion-Stress - fühlte sich erschöpft und ausgebrannt, was auch zum großen Teil an den beiden letzten, überaus anstrengenden Welt-Tourneen lag.

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Promotion f端r die dritte Single "Shame"

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Das "Rose Bowl"-Footballstadion in Pasadena/USA, Juni 1988

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D / DER TRAUM IST AUSGETRÄUMT

"Dreaming" - Das vorläufige Ende von OMD und einer langjährigen Freundschaft

Andy McCluskey und Paul Humphreys, 1988

1988 Bereits im Juli 1987 schrieben Andy und Paul an einem Song für eine mögliche neue Single mit dem Titel "Suspicious". Für die B-Seite komponierten die beiden ein Stück namens "Dreaming". Schon bald jedoch wurde ihnen und auch den Verantwortlichen von "Virgin" klar, dass "Dreaming" weitaus mehr Hitpotenzial hatte. "Suspicious" wurde daraufhin als A-Seite fallengelassen, verschwand letztendlich sogar im Archiv und wurde bis zum heutigen Tag nicht veröffentlicht. Im "Amazon"-Studio in Liverpool in Eigenregie und ohne Produzentenbeteiligung aufgenommen, erschien "Dreaming", sowie "Satellite" - ein neu geschriebener Song für die dazugehörige B-Seite - dann Ende Januar 1988. In den amerikanischen "Billboard Hot 100" konnte "Dreaming" mit Platz 16 seinen zweithöchsten Charteinstieg nach "If You Leave" verbuchen und schaffte es damit überraschend in die "Top 20". Auch in Deutschland landete man mit einem respektablen 26. Platz einen mittleren Hit damit. Allein in der britischen Heimat hielt sich das Interesse in Grenzen, denn über einen 50. Platz in den dortigen Charts kam die Single nicht hinaus und reihte sich nahtlos ein in die Serie vorangegangener Misserfolge im Mutterland.

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Musikkritiker Stewart Mason beschrieb "Dreaming" in einer positiven Rezension für "Allmusic" als "...die beste Single der Band seit 1983 und 'Telegraph'. Es ist ein nahezu perfekter Popsong, vielleicht die letzte große Single einer '80s-Synthpop-Band". Von Star-DJ William Orbit und der amerikanischen DJ-Legende Bruce Forest wurden zusätzlich verschiedene Club- und Radio-Remixe von "Dreaming" veröffentlicht, hier speziell zugeschnitten auf den amerikanischen Markt. Das Cover wurde gestaltet von "Stylorouge", mit einer Fotografie von Andrew Catlin. Für die darauffolgenden drei Jahre sollte "Dreaming" die letzte Singleveröffentlichung von OMD bleiben. "Die Musik ist in Ordnung, aber der Text ist Kacke", resümierte Andy McCluskey im Jahr 2011 in einem Interview. "Ich schäme mich echt für die Lyrics. Wir hatten einen Song zu schreiben und es gab nichts, über das ich hätte schreiben wollen. Ich hatte nichts mehr zu sagen".

OMD, 1988

links: "Dreaming" - Anzeige für die letzte gemeinsame Single von Andy und Paul, 1988 rechts: Die Band im Video zur Single

Ein Album mit neuen Songs sollte nachfolgend zur Single "Dreaming" allerdings nicht erscheinen. Dafür veröffentlichte man nun erstmals eine "Best Of"-Compilation, die einen repräsentativen Querschnitt durch alle großen Hits der Band der vorangegangenen zehn Jahre bot. Und damit lag man aus verkaufspolitischer Sicht goldrichtig - das Mitte März 1988 veröffentlichte "The Best Of OMD"-Album entwickelte sich weltweit zu einem "Top 5"-Verkaufsschlager. In Großbritannien verpasste man nur knapp den ersten Platz der Albumcharts, war dreiunddreißg Wochen lang in der UK-Hitparade gelistet und konnte insgesamt drei Platinauszeichnungen für die "Best Of" entgegennehmen. In Deutschland gab es Gold, hier schaffte es das Album bis auf Platz 8 und hielt sich insgesamt neunzehn Wochen lang in der LP-Hitparade. Auch in den amerikanischen "Top 200 Billboard-Charts" konnte man sich einen Platz in den "Top 50" sichern. "The Best Of OMD" ist mit über 1.150.000 Einheiten das bis zum heutigen Tag meistverkaufte Album von OMD.

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Ursprünglich wollte die Band die original "FAC 6"-Version von "Electricity" für die Compilation verwenden, entschied sich dann aber doch für die Album-Version der ersten Single. Für "Messages" kam anstelle der Singleversion die längere 10"-Version zum Zuge. Von "Tesla Girls" und "Talking Loud And Clear" veröffentlichte man 7" Single-Edits. Die australische Ausgabe des "Best Of"-Albums ergänzte man mit "We Love You", da die Single dort ein großer Erfolg gewesen war. Die reguläre CD-Ausgabe enthielt weitere Tracks, die auf der Vinyl-Version fehlten: "Telegraph" - in einem speziell für die "Best Of"-Platte angefertigtem Mix, "Genetic Engineering" und die "Extended Versions" von "La Femme Accident" und "We Love You". Zudem wurde erstmals eine Auswahl an Promovideos auf Videokassette veröffentlicht.

Von April bis Juni 1988 unterstützten OMD - zusammen mit dem britischen Musiker Thomas Dolby und der Gruppe "Wire" - die Synthpop-Band "Depeche Mode" bei einunddreißig Konzerten ihrer USA- und Kanadatour. Damit schloss sich praktisch ein Kreis - denn OMD gaben Vince Clark & Co. die Initialzündung für "Depeche Mode", die Anfang der 1980er Jahre OMD’s erste Single "Electricity" in einem Club gehört und daraufhin beschlossen hatten, solche Musik auch machen zu wollen. In einem 1995 veröffentlichten Interview gab "DM"-Gründer Vince Clarke folgendes Statement dazu ab: "Als ich so um die 18 oder 19 Jahre alt war, hörte ich eine Single namens 'Electricity' von 'Orchestral Manoeuvres In The Dark'. Das klang so anders als alles andere, was ich bis dahin gehört hatte und erweckte in mir den Wunsch, elektronische Musik machen zu wollen, einfach weil es so einzigartig war. Als ich dann noch die B-Seite der Single hörte, ein Track namens 'Almost', war das wie 'Simon & Garfunkel' in einer elektronischen Welt. Die Lieder waren sehr einfach, aber man spürte jede Menge Emotionen in den jeweiligen Tracks" . Im Magazin "The Quietus" nannte Vince Clarke 2013 das Debütalbum von OMD als eines seiner Favoriten.

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Bis heute blieb dabei für alle Musiker von OMD der Auftritt im "Rose Bowl"-Footballstadion in Pasadena am 18. Juni 1988 vor neunzigtausend Zuschauern (wo "Depeche Mode" auch ihr Livealbum "101" aufnahmen) unauslöschlich in Erinnerung. Andy und Paul bezeichnen den Auftritt noch heute als ihren imposantesten Gig. Nicht wenige, die den Auftritt und die zwölf dabei gespielten Songs "Enola Gay", "Tesla Girls", "Messages", "Secret", "If You Leave", "(Forever) Live and Die", "Maid of Orleans", "Souvenir", "So In Love", "Dreaming", "Locomotion" und "Electricity" dort "live" miterlebt hatten, behaupten gar, dass OMD wesentlich besser ankamen als die eigentliche Hauptband. Und dennoch - es sollte der letzte gemeinsame Auftritt von Andy, Paul, Martin, Malcolm für die kommenden neunzehn Jahre gewesen sein.

OMD "live" vor neunzigtausend Zuschauern in der Pasadena-"Rosebowl" - das letzte Konzert in der Originalbesetzung für die nächsten neunzehn Jahre

Im August 1988 kehrten OMD nach ihrer Tour mit "Depeche Mode" zurück nach Großbritannien. Konzerte in USA, Europa und UK als Headliner sollten gleich im Anschluß daran folgen. Doch die Band war nach über einem halben Jahr "on the road" fernab der Heimat tourmüde. Und nicht nur das - sie waren zu Tode gelangweilt voneinander, hatten die Nase voll davon, ihre Tage permanent zusammen unterwegs im Bus zu verbringen und neue Platten machen zu müssen, nur weil sie dazu gezwungen waren. Denn trotz der Millionen an verkauften Scheiben waren sie praktisch pleite: "Wir verloren Hunderttausende an Dollar bei den US-Tourneen", so Andy McCluskey im Jahr 2011. "Die Einnahmen aus den Plattenverkäufen wurden von den Verlusten aus den Tourneen aufgefressen. Wir hatten kein gutes Händchen was das Geschäft anging. Wir spielten einfach nur in einer Band und um unsere Konten kümmerten sich andere - oder auch nicht - wie es wohl offensichtlich der Fall war". McCluskey schloss sein Statement folgendermaßen ab: "Was ich heute am Meisten bedauere ist, das wir es überhaupt soweit hatten kommen lassen". Dies alles bot nicht gerade die allerbesten Voraussetzungen für eine weitere konstruktive Zusammenarbeit. So verschob man alle weiteren Tourneepläne ins Frühjahr 1989 hinaus, mit der Begründung, zuerst neues Material schreiben und aufnehmen zu wollen. Zeit zum komponieren von neuen Songs hatten sie im letzten halben Jahr indes nicht gefunden. Lediglich drei Songs waren zu diesem Zeitpunkt vorhanden - ein Lied mit dem Titel "Yellow Press", das von Paul geschriebene "Wild Strawberries" und ein weiterer Track mit dem Titel "Never Let You Go".

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Doch nur "Never Let You Go" wurde am Ende auch aufgenommen - und blieb damit der letzte gemeinsam im Studio eingespielte Song der Band, der jedoch bis heute nicht veröffentlicht wurde. Hinzu kam, dass mittlerweile - neben Andy und Paul - auch Martin, die Weirs und sogar Malcolm damit begannen, Lieder für OMD zu schreiben, mit denen Andy aber überhaupt nichts anfangen konnte. Gegenüber den Medien sprachen Andy und Paul stets von bereits vorhandenem neuem Material, das auch bald veröffentlicht werden sollte und sogar ein neues Album wäre für Januar 1989 geplant - in Wahrheit jedoch standen sie mit leeren Händen da und hatten späteren Aussagen zufolge "nur im Studio herum gesessen, Tee getrunken und einen Haufen Mist produziert". Erst viele Jahre später räumte Andy in einem Interview ein, das zu dieser Zeit auch Drogen, bzw. Kokain ein Thema waren. Andy und Paul waren in kreativer Hinsicht an ihrem Ende angelangt. Die endlosen Konzertreisen hatten sie zusätzlich mürbe gemacht. Die Luft war raus. Es fiel ihnen nichts mehr ein.

An diesem Punkt schlug Paul vor, eine längere Pause einzulegen, um OMD als Band neu definieren zu können und um neue Ansätze zu entwickeln. Es wäre das Beste gewesen, was OMD zu diesem Zeitpunkt hätten tun können. Andy und die restlichen Mitglieder waren anfangs ebenfalls dafür, einzig "Virgin" befand dies als keine gute Idee, da sie den Zeitpunkt für eine Pause allein schon im Hinblick auf den Erfolg in Amerika für ungünstig hielten. Die Band begann sich im Verlauf der Auseinandersetzung mit "Virgin" auch untereinander uneinig zu werden, da Andy sich immer mehr der Auffassung von "Virgin" anschloss und weitermachen wollte. Bald schon gab es keinerlei Übereinstimmung mehr zwischen Andy und Paul - weder was die Musik anging, noch was das Management betraf. Auch in Tournee-Fragen konnte man sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner einigen. Die letztendliche Konsequenz daraus war, dass zuerst Paul und später auch Mal und Martin die Notbremse zogen und sich eigenmächtig eine Zwangspause verordneten, was praktisch zum Ende von OMD führte. Zumindest lag die Band nun für unbestimmte Zeit auf Eis.

1989 Mittlerweile wusste niemand mehr so richtig, wie und ob es überhaupt mit OMD weitergehen sollte. So reiste Andy McCluskey im Frühjahr nach New York, um dort mit Arthur Baker den Song "Walkaway" für dessen späteres Erfolgsalbum "Merge" (Platz 37 in Deutschland) aufzunehmen.

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Der offizielle OMD-Fanclub-Newsletter unterrichtete die Fan-Gemeinde noch im Februar 1989 darüber, das es spätestens im Herbst definitiv ein neues Album von OMD geben würde. Man konnte dadurch den Eindruck bekommen, die Band arbeite fieberhaft an neuem Material. Wer aber genau hinsah, dem musste es mehr oder weniger auffallen, das Termine permanent nach hinten verschoben wurden. Offensichtlich sollte Zeit gewonnen werden. Denn zu diesem Zeitpunkt war die Partnerschaft zwischen Andy und Paul bereits beendet. In einem Interview, das viele Jahre später geführt wurde, schilderte Andy McCluskey seine Sicht dessen, was zum letztendlichen Auseinanderfallen der Band geführt hatte: "Wir kamen zum Ende der 1980er-Jahre und konnten einfach nicht mehr zusammen schreiben. Paul sah 'House' und 'Techno' als einen Vorwand und eine faule Ausrede meinerseits an, ich jedoch sah das nicht so. Wir mussten wieder zu uns selbst finden, aber Pauls eigene Auffassung davon konnte nicht gegensätzlicher zu der Meinigen sein und Malcolm und Martin schlossen sich ihm an", so Andy. Und weiter: "Ich wusste, sie würden zugedröhnt im Studio sitzen und sich drei Tage lang über irgendein Hi-Hat-Muster streiten. Das war nicht meine Idee davon, wie man einen Song schreibt. Ich wollte einiges an einfacher Housemusic-Programmierung ausprobieren".

ARTHUR BAKER An seinem Album "Merge" war Andy McCluskey 1989 mit einem Song beteiligt

Schlussendlich war es Paul, der sich bei Andy meldete und ihn darüber in Kenntnis setzte, dass er zusammen mit Martin und Malcolm - ohne ihn als OMD weitermachen wollte. Sie seien zu dritt Andy jedoch sei alleine - und deshalb hätten sie juristisch gesehen auch das alleinige Recht, die Band weiterzuführen. Dies wollte McCluskey so nicht hinnehmen und informierte sich bei "Virgin-Records" über die Legalität dieser Aktion. Die Plattenfirma - als Besitzer der Rechte an den OMD-Songs - erklärte lapidar, dass Andy der Frontmann der Gruppe ist, sein Gesicht und seine Stimme beim Plattenkäufer bekannt seien und das - sofern er bessere Songs liefern würde als seine drei ehemaligen Bandkollegen - er in Zukunft OMD sein wird. Dies war letztendlich der Fall - und Andy musste nun von Paul die von ihm gehaltenen, fünfzigprozentigen Rechte am Namen "OMD" erwerben. Das zwang ihn allerdings dazu, sich wiederholt Geld bei "Virgin" zu leihen, da die Auszahlung seines bisherigen Unternehmenspartners von ihm alleine nicht gestemmt werden konnte. Das ganze Verfahren wurde von den Rechtsanwälten, die akribisch genau den Marktwert von OMD errechneten, fast zweieinhalb Jahre in die Länge gezogen und verschlang Unsummen an Anwaltskosten. Während dieser Zeit durfte Andy, der bereits seit Sommer 1989 mit ein paar jungen Musikern aus Liverpool zusammenarbeitete, keine neuen Songs veröffentlichen. Auch Paul waren musikalisch die Hände gebunden, da er bis zur endgültigen Klärung des Falles und der Übertragung der Rechte bei "Virgin" unter Vertrag bleiben musste und ihn deshalb auch keine andere Plattenfirma neu verpflichten konnte und wollte. Im August 1989 gab man offiziell die Trennung bekannt, jedoch ohne dabei zu versäumen darauf hinzuweisen, dass es mit OMD definitiv weitergehen würde - entweder mit Andy alleine oder ohne ihn in Form von Paul, Martin und Malcolm.

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KAPITEL 5 (1990 – 1998) ANDY McCLUSKEY'S REINKARNATION VON OMD

Auf zu neuen Ufern - mit frischen Kräften runderneuert durch die 1990er-Jahre

Mit dem jungen Liverpooler Songwritergespann LLOYD MASSETT und STUART KERSHAW und dem darauffolgenden Bestseller-Album SUGAR TAX, sowie den beiden Hit-Singles SAILING ON THE SEVEN SEAS und PANDORA'S BOX, konnte ANDY McCLUSKEY 1991 mit eingängigem DANCE-POP wieder an frühere CHART-ERFOLGE anknüpfen. Nach drei Jahren ZWANGSPAUSE hatte McCluskey die RECHTE AM NAMEN OMD zugesprochen bekommen, was ihn weiterhin finanziell abhängig von seiner Plattenfirma VIRGIN machte. OMD gab sich bei TOURNEEN und PROMOTION mit den Musikern PHIL COXON (Keyboards), NIGEL IPINSON (Keyboards), sowie ABE JUKES und STUART KERSHAW (Drums) als RUNDERNEUERTE BAND, faktisch aber war OMD nun ein SOLO-PROJEKT von ANDY McCLUSKEY. Mit dem 1993 veröffentlichten Album LIBERATOR, welches sich DANCE-ORIENTIERT und mit TECHNO-Stilelementen präsentierte, ließ der Erfolg bereits wieder merklich nach. Bei seinem ExPartner PAUL HUMPHREYS lief es mit der OMD-Nachfolgeband THE LISTENING POOL, die er zusammen mit MALCOLM HOLMES und MARTIN COOPER gegründet hatte, nicht besser: Ihr 1994 erschienenes Album STILL LIFE blieb unbeachtet. Dem ambitionierten und sehr persönlichen Album UNIVERSAL, das Andy 1996 mit STUDIOMUSIKERN aufgenommen hatte, versagten Medien, Plattenhändler, Käufer und selbst die Plattenfirma ihre Unterstützung - Synthie-Pop war in Zeiten von GRUNGE und der gitarrenlastigen BRITPOP-Bewegung nicht mehr angesagt. VIRGIN entließ Andy McCluskey 1998 nach einem weiteren "BEST OF"-Album aus seinem Vertrag, der OMD nun auflöste und sich zusammen mit STUART KERSHAW neuen Aufgaben widmete. Abseits des Rampenlichts startete McCluskey nun seine Karriere als SONGSCHREIBER und PRODUZENT - zukünftig sollten andere Künstler sehr erfolgreich seine Songs singen.

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A / SUGAR TAX - ANDY McCLUSKEY IST OMD

Mit eingängigem Dance-Pop zu neuen Charts-Erfolgen

OMD 1991 - ANDY McCLUSKEY

1989/90 Zwischen Sommer 1988 und Anfang 1990 hing Andy, der mittlerweile sein fünfhundert Jahre altes Tudorhaus in Wirral bezogen hatte, praktisch in der Luft. Während dieser Zeit, insgesamt neun Monate lang, existierte OMD als Band nicht mehr. Andy hatte keinerlei Gewissheit darüber, wie die Geschichte bezüglich der Rechte am Namen "OMD" letztendlich für ihn ausgehen würde - und der laufende Rechtsstreit, der Millionen von Pfund an Anwaltskosten verschlang, stürzte ihn immer tiefer hinein in eine finanzielle und auch persönliche Krise. Am Rande der Verzweiflung und nahe an einem Nervenzusammenbruch, begann er an Depressionen zu leiden, die er erst mit Alkohol, dann mit Hilfe einer speziellen therapeutischen Behandlung zu bekämpfen versuchte. Andy hatte massive Probleme damit, neue Songs zu schreiben und war an einem Punkt angelangt, wo er bisweilen ernsthaft daran dachte, die Musik für immer an den Nagel zu hängen. Hinzu kam noch eine mysteriöse Krankheit, welche ihn über ein Jahr lang mit permanenten Hals-, Nieren-, Kopf- und Ohrenschmerzen, sowie Hautallergien plagte. Keiner der zahlreichen Ärzte, die Andy aufsuchte, war in der Lage ihm zu helfen, geschweige denn überhaupt etwas Handfestes zu diagnostizieren. Andy befürchtete sogar, nie wieder singen zu können: "Ich wusste, das viele der Symptome auf Stress zurückzuführen waren, da ich mir ernsthaft Sorgen um meine Karriere machte". Er entkam aus diesem Albtraum schließlich mittels einer alternativen Therapie namens "Alexander-Technik": "Zuerst war ich skeptisch, dann beschloss ich aber, es wenigstens zu versuchen - und es wurde tatsächlich allmählich besser", so Andy McCluskey. Der Erwartungsdruck seitens "Virgin" trug vermutlich das Übrige zur schlechten Verfassung von Andy bei: Zwar war der 1979 ausgehandelte (und für die Band selbst stets unvorteilhafte) Plattenvertrag über sieben zu liefernde Alben mittlerweile erfüllt, die finanzielle Unterstützung des Labels betreffend der Namensrechte manövrierte McCluskey jedoch erneut in eine für ihn sicherlich zusätzlich belastende Abhängigkeit von seinem Geldgeber, die ihn in Folge weiterhin an "Virgin" band. Zwangsläufig musste damit künstlerische Experimentierfreudigkeit aufs Neue kommerziellen Aspekten weichen.

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In der Liverpooler "Preston Street" mietete sich Andy McCluskey schon Ende 1988 einen eigenen Proberaum an

Just zu diesem Zeitpunkt erschien nun eine Person auf der Bildfläche, die zum weiteren Fortbestand von OMD maßgeblich, wenn nicht vielleicht sogar entscheidend beitragen sollte - Hambi Haralambous. Über ihn sollte mehr als nur ein beiläufiger Nebensatz geschrieben werden, möchte man die Geschichte von OMD - vor allem was die 1990er-Jahre betrifft - weitgehend vollständig wiedergeben.

Hambi Haralambous (Mitte) - Hauptverantwortlich für die 1990er-Besetzung von OMD links: Zusammen mit seiner Band "Tontrix", 1979 (zweiter von rechts) rechts: Das Album "Heartache" von "Hambi And The Dance", 1982

Haralambous stellte zum Ende der 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre ein fester Bestandteil der Liverpooler Musikerszene dar - kommerziell zwar wenig erfolgreich, aber immer präsent. Seine Band "Tontrix" war 1979 mit dem von ihm geschriebenen Song "Screen Love" auf dem Sampler "Street To Street A Liverpool Album" vertreten (worauf auch "Julia's Song" vom OMD-Vorläufer "The ID" erstmalig veröffentlicht wurde) und hatte danach die bei "Virgin-Records" unter Vertrag stehende Band "Hambi And The Dance" am Start. Aus kommerzieller Sicht zwar ein Flop, erwies sich diese Band jedoch zumindest für den jungen Schuljungen, der Hambi an den Keyboards begleitete, als ein erstes musikalisches Sprungbrett: Guy Chambers - der später als Co-Autor und Produzent von Robbie Williams zu Weltruhm gelangen sollte. Im Keller einer großen alten viktorianischen Villa in der Liverpooler "Ullet Street" hatte Haralambous zu Beginn der 1980er-Jahre einen Proberaum angemietet - "The Pink Studio" - welchen er auch anderen Bands zur Verfügung stellte, so z. B. den damals noch völlig unbekannten Gruppen "Dead Or Alive" und "Frankie Goes To Hollywood". Der Proberaum entwickelte sich mit der Zeit zu einem Aufnahmestudio, eines der ersten wirklich professionellen Studios in Liverpool überhaupt. Weitere illustre Namen, die später weltbekannt wurden, gaben sich dort ebenfalls die Klinke in die Hand:

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Steve Power (als Produzent und Mixer für Robbie Williams, "Blur", Joe Cocker, "The Bangles", Billy Ocean, Kylie Minogue und vielen anderen mehr) und Steve Lovell (gründete die erste Besetzung von "Frankie Goes To Hollywood" und arbeitete lange Jahre als Produzent für Julian Cope, "Blur", Holly Johnson und "A Flock Of Seagulls"). Auch mit einem relativ unbekannten Musiker namens Phil Coxon arbeitete Hambi um 1983 herum zusammen - ein Name, der schon bald im Zusammenhang mit OMD auftauchen sollte.

Das "Lark Lane Motor Museum" , 1987 - kurz vor seinem Umbau zum "The Pink Museum"-Tonstudio

Da das "The Pink Studio" wegen rückständiger Mietzahlungen geschlossen werden musste, erwarb Hambi ca. 1987 zusammen mit einigen Freunden ein altes Werkstattgebäude in der "Hesketh Street" Nr. 1, im Liverpooler "Lark Lane"-Bezirk Aigburth gelegen. Dort war bisher das "Lark Lane Motor Museum" - ein Auto- und Motorradmuseum - beheimatet, dass er nun zu einem Aufnahmestudio umzubauen beabsichtigte. Zuvor jedoch mussten so einige finanzielle Hürden überwunden werden, bevor dann ein Jahr später, genauer im Mai 1988, das "The Pink Museum"-Studio (in Anlehnung an sein früheres "The Pink Studio") unter Mithilfe von Technik-Ass Phil Newell, der früher bereits für "Virgin"-Records das "The Manor"- und "Townhouse"-Studio konzipiert und aufgebaut hatte, offiziell eröffnet werden konnte. Hambi beendete daraufhin seine Karriere als Musiker, um sich ganz seiner Aufgabe als Studio-Manager widmen zu können.

Das "The Pink Museum"-Studio in der "Hesketh Street" Nr. 1, im Liverpooler Bezirk Aigburth 1998/99 erwarb Andy McCluskey das Studio von Hambi Haralambous und benannte es in "The Motor Museum"-Studio um

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Etwa zur selben Zeit lernte Hambi Lloyd Massett kennen. Was Musik anging, war Massett ein absoluter Vollprofi, der mit vielen unterschiedlichen Musikern zusammenarbeitete und bereits mit Pete Wylie in der Liverpooler Kultband "The Mighty Wah!" spielte. Mit Stuart Kershaw, einem Liverpooler Musikerkollegen und Drummer, hatte er einige musikalische Projekte am Laufen, die mit Reggae, Hip Hop, Pop, Rock, Dance und Heavy Metal stilistisch eine recht umfangreiche Bandbreite abdeckten. Mit Kershaw an den Drums spielte Lloyd Massett Bass in der Band "The Last Poets", beide produzierten auch gemeinsam und schon bald nannte man das Duo nur noch die "Groove Doctors". Zusammen mit der Singer/Songwriterin Nathalie Loates (die später auch Backingvocals auf einigen OMD-Songs sang) brachte Lloyd seine Band "RAW UNLTD" an den Start, die er nun auch Hambi Haralambous näherbringen wollte. Die Band löste sich allerdings bald darauf schon wieder auf.

"Raw Unltd" mit Stuart Kershaw (links), Nathalie Loates und Lloyd Massett (rechts), 1991 Mit "Romeo And Juliet" und "In My Heart" hatten sie zwei Singles am Start

Im Juli 1989 dann ging bei Hambi die Anfrage ein, ob OMD für einen Monat sein "The Pink Museum"Studio buchen könnten: "Ich erinnere mich daran, als Andy zum ersten Mal das Studio betrat. Ich konnte den Ausdruck der Verwirrung in seinem Gesicht erkennen, als er sich in diesem zwar schönen, aber für ihn wohl auch seltsam anmutendem Gebäude umschaute", so Hambi. Die gebuchte Session verlief allerdings alles andere als gut. Denn Andy McCluskey arbeitete ausschließlich alleine im Studio, während Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes das "Amazon"-Studio in Kirkby, in der Nähe von Liverpool angesiedelt, gebucht hatten und dort zu dritt an ihren eigenen Songs schrieben. Spätestens zum Ende des Monats war allen Beschäftigten des "Pink Museums" klar geworden, dass sich Andy und der Rest der Band getrennt hatten. Dies war eine bedrückende Zeit für Andy, die Hambi im Studio hautnah miterlebte. In den folgenden Monaten versuchte Hambi nun Andy dazu zu ermutigen, mit jüngeren Songwritern zu arbeiten und machte ihn mit Stuart und Lloyd bekannt. Allerdings dauerte es noch sechs weitere Monate, bis sich Andy dazu entschloss, eine Probesession mit den beiden abzuhalten.

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Lloyd Massett

Die Initialzündung dafür kam durch "Romeo and Juliet", ein von Stuart und Lloyd geschriebener Song, den sich Andy zwischenzeitlich angehört hatte. "Der Rest ist Geschichte", so Haralambous. "Sie schrieben sechs der Songs für 'Sugar Tax' in zwei oder drei Tagen und verbrachten den Rest des Jahres für die Aufnahme zusammen im Studio. Mein ganz persönlicher Höhepunkt all dessen war dann der, das ich in Port Merrion/Wales im Auto saß, die Charts auf 'BBC Radio 1' hörte und dabei erfuhr, das 'Sailing On The Seven Seas' auf Platz 3 eingestiegen war!", so Hambi - nicht ohne ein klein wenig Stolz darüber zu empfinden, eine mitentscheidende Rolle bei dem Ganzen gespielt zu haben.

Sie schrieben mit Andy einige der Songs für "Sugar Tax": Stewart Kershaw und Lloyd Massett (links) Gastmusiker auf dem Album: Gitarrist Suart Boyle und Sängerin Christine Mellor (rechts)

So riss Andy letztendlich erst die Bekanntschaft mit den zwei jungen Musikern aus seiner Lethargie. Man fand eine gemeinsame musikalische Basis und beschloss, zusammen an neuen Songs für OMD zu basteln. Diese Zusammenarbeit wirkte sich sehr positiv auf Andys seelisches Gleichgewicht aus und setzte neue kreative Kräfte in ihm frei. Es entstanden mit der Zeit eine ganze Reihe neuer Songs. Neben den Stücken "Pandora’s Box" (unterstützt von Stuart Boyle and der Gitarre), "Speed Of Light", "Was It Something I Said" (das von Andys gestörtem Verhältnis zu Pauls Frau Maureen handelt), "Big Town", "Call My Name" und dem aus dem originalen Funkverkehr der ersten Mondlandung konstruierten Instrumentalstück "Apollo XI", die Andy alle im Alleingang schrieb, entstanden zusammen mit Massett und Kershaw die Songs "Then You Turn Away", "Walking On Air" (ein Stück über Andys Erfahrung mit zwei Hausgeistern, die seiner Überzeugung nach in seinem uralten Haus spukten), "Walk Tall" (unterlegt mit einem Chor-Sample aus "Misere" von Allegri) und "All That Glitters". Des Weiteren erinnerte sich Andy wieder an seine alte Liebe, mit der Jahre zuvor alles begonnen hatte - "Kraftwerk". Das Endprodukt war eine interessante Coverversion von deren Titel "Neon Lights", mit Christine Mellor als Gastsängerin (Andy und Christine sollten sich später noch um die Verwendungsrechte des Songs streiten). Eine von Andy neu überarbeitete Coverversion von Barry White's Instrumental-Hit "Love's Theme" sollte ebenso mit auf das geplante neue Album kommen, wie auch ein Song mit dem Titel "Wheels Of Steel". Für den Ersteren gab es allerdings keine endgültige Freigabe von Barry White und "Wheels Of Steel" blieb letztendlich unveröffentlicht (eine neu überarbeitete Version davon erschien 2010 unter dem Titel "The Future, The Past And Forever After" auf dem ComebackAlbum "History Of Modern"). Andy tat sich anfangs zwar sporadisch mit zwei Produzenten zusammen Andy Richards und Howard Gray, mit denen er am Ende dann aber nur einige wenige Tracks zusammen produzierte. Ansonsten entstanden die Songs für das Album praktisch unter Andy's alleiniger Federführung.

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Die offizielle OMD-Besetzung von 1991 bis 1992: NIGEL IPINSON, PHIL COXON, ANDY McCLUSKEY, ABE JUKES

1991 Erst als der langwierige Gerichtsprozess gegen Paul Humphreys endgültig überstanden war, es für die Weiterführung von OMD zu Andy's Gunsten grünes Licht gab und er bei "Virgin" einen neuen Vertrag für drei Alben unterschrieb, erschien am 18. März 1991 die erste neue Single seit drei Jahren unter dem Namen OMD: "Sailing On The Seven Seas" - geschrieben von Andy McCluskey und Stuart Kershaw. Andy fiel daraufhin wahrscheinlich eine Zentnerlast von seinen Schultern - denn "Sailing On The Seven Seas" mauserte sich zu einem der größten Hits von OMD, der sich mit dem Erreichen des 3. Platzes in England sogar auf die gleiche Stufe wie "Souvenir" von 1981 zu stellen vermochte. Zugleich war es der erste "Top 10"-Hit seit 1984 und "Locomotion". In Deutschland erreichte der Song Platz 9. "Sailing On The Seven Seas", mit seinem markanten Gary Glitter-esquen Drumbeat, ist im Prinzip eine Hommage an zwei Rockgruppen: Zum Einen an "The Velvet Underground" und ihren Song "Sister Ray", worauf in den Lyrics direkt verwiesen wird - und zum Zweiten an "The Who" mit der Zeile "people try to drag us down (Menschen versuchen uns nach unten ziehen)", die in Melodie und textlichem Inhalt nahezu identisch ist mit der ersten Zeile von "My Generation". "Allmusic"-Kritiker Dave Thompson lobte das Lied als "eine glorreiche musikalische Melange, eine inspirierende Verschmelzung von sich erhebendem SynthiePop, Zwei-Ton-Klängen und Glamrock-Gebrüll. Ein hymnischer Refrain im Vordergrund, der mit erhobener Faust nach mehr schreit". "MTV Europe" listete "Sailing On The Seven Seas“ unter den einundzwanzig besten Songs des Jahres 1991. Knapp zwei Monate später, am 7. Mai 1991, kam das erste von Andy McCluskey fast ausschließlich im Alleingang produzierte und von "Virgin" vorfinanzierte neue Album auf den Markt: "Sugar Tax".

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Im Vorfeld der Veröffentlichung stand jedoch immer wieder die folgende Frage im Vordergrund: Wie würde es sich verkaufen, fast fünf Jahre nach dem letzten regulären Album "The Pacific Age"? Denn: "Sugar Tax" enthielt zwar noch einige Fragmente des klassischen OMD-Sounds, dieser wurde nun allerdings kombiniert mit dem angesagten Dance-Pop der 1990er-Jahre, der für viele alte Fans, die OMD bereits seit Anbeginn ihrer Karriere begleitet hatten, möglicherweise nicht unbedingt nachzuvollziehen war, zugleich aber eine ganz neue, jüngere Generation anzusprechen vermochte. Doch Andys Konzept ging auf - das Album, aufgenommen in den Liverpooler Studios "The Pink Museum" und "Amazon" (mittlerweile vom abgelegenen Kirkby in die "Parr Street" nach Liverpool umgesiedelt), sowie in zwei weiteren Studios in London - erreichte bis 2007 mit mehr als drei Millionen weltweit verkauften Einheiten Platinstatus in England. Dort kam es bis auf den 3. Platz der Album-Charts und wurde zum ersten "Top 10"-Album für OMD seit 1984 und "Junk Culture". Es ist das bis zum heutigen Tag meistverkaufte, reguläre OMDStudioalbum und rangiert damit sogar noch vor dem Klassiker "Architecture & Morality".

Verleihung der "Goldenen Schallplatte" für "Sugar Tax" in Deutschland

Die Reaktionen der Musikpresse fielen überwiegend positiv aus: Richard Riccio beschrieb "Sugar Tax" in seiner Rezension für die "St. Petersburg Times" als "gespickt mit Juwelen" und fügte noch hinzu: "'Sugar Tax' ist ein klassisches OMD-Album und markiert nach einer vierjährigen Abwesenheit eine triumphale Rückkehr für eine der Invasoren des ursprünglichen New-Wave". Gina Arnold schrieb über das Album in "Entertainment Weekly": "OMD scheuten noch nie davor zurück, nackte Emotion mit ihrer kalten TechnoMechanik zu kombinieren und genau dieses Gefühl wird erreicht - wenn Sänger Andy McCluskey mit seinem schluchzend steigernden Gesang das ansonsten ziemlich leere Dance-Pop-Genre erlöst". Das "Q-Magazin" lobte "Sugar Tax" als ein "unerschütterliches Album mit qualitativ hochwertigen Songs, die OMD's Glaubwürdigkeit als Meister der synthetisierten Melancholie und verträumter Popsongs wiederherstellen". Eine kleine Anmerkung am Rande: Wer aufmerksam das Booklet der CD las, konnte feststellen, dass dort an keiner Stelle der Name "Andy McCluskey" zu finden war - mit Absicht, wie sich später herausstellte: Denn dadurch sollte vorerst niemand das Fehlen von Paul Humphreys bemerken - da auch sein Name nirgends auftauchte.

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Andy stürzte sich nun in die Vorbereitungen der "Live"-Präsentation von "Sugar Tax". Dafür benötigte er allerdings eine komplett neue Begleitband. Stuart Kershaw und Lloyd Massett waren anderweitig beschäftigt und kamen somit nicht in Frage. Hier trat nun erneut Hambi Haralambous auf den Plan und vermittelte Andy McCluskey die jungen, allesamt aus Liverpool stammenden Musiker NIGEL IPINSON (geb. 22. Mai 1970) an den Keyboards und ABE JUKES (geb. 7. April 1971) an den Drums, mit dessen Vater Hambi befreundet war. Als drittes Mitglied im Bunde wurde - ebenfalls auf Anraten von Haralambous – Keyboarder PHIL COXON (geb. 1. Juli 1963) vorgeschlagen, der später auch für diverse Maxi-Versionen und Remixe verantwortlich war. Alle drei Musiker - das muss an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt werden - waren zu keiner Zeit "feste" Mitglieder von OMD (vergleichbar mit Paul Humphreys, Malcolm Holmes und Martin Cooper), sondern wurden lediglich als Session-Musiker für Tourneen und für ihre Mitwirkung bei TVAuftritten und Promo-Videos engagiert und ausschließlich dafür bezahlt. Eine etwas engere Zusammenarbeit entwickelte sich dennoch, wenn auch nur zwischen Coxon und McCluskey. Lediglich vier Jahre jünger als Andy, hatte Coxon in der Vergangenheit bereits weitaus mehr Erfahrung im Musikbusiness sammeln können als seine beiden anderen Mitstreiter. Um 1987 herum spielte er schon in diversen Liverpooler Bands, u. a. auch bei den Lokalmatadoren "The Real People". Zum Ende der 1980er-Jahre wechselte Coxon dann in das Tontechnik-Fach und arbeitete hauptsächlich in Manchester, wo er z. B. an Albumaufnahmen von "Mike & The Mechanics" beteiligt war. Auf Andy McCluskey traf Phil im "The Pink Museum"-Studio in Liverpool, als dieser gerade am Demo zum Song "Sugar Tax" zugange war. Andy bat ihn darum, ihn dabei tontechnisch zu unterstützen. Am Ende involvierte er Coxon dann zu diesem Zweck auch teilweise in die Arbeiten am Album.

Phil Coxon

McCluskey war heiß darauf, nach gut drei Jahren Bühnenabstinenz das neue Material in Verbindung mit den alten Hits (mit Ausnahme allerdings von Paul’s "Souvenir" und "Forever Live And Die") "live" zu präsentieren. Die Vorbereitungen und Proben für die Tour gestalteten sich hierbei allerdings als eine recht langwierige Angelegenheit. Zwanzig Songs mussten komplett neu erarbeitet werden, die Originalsounds der alten Hits waren nicht mehr verfügbar und über Tonarten oder Akkordstrukturen der einzelnen Titel lagen keinerlei Aufzeichnungen vor. Andy übertrug Profi Nigel Ipinson den undankbaren Job, über Wochen

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hinweg Soundsamples und Backingtracks zu erstellen, Akkorde und Melodien herauszufiltern und die Songs für das "Live"-Programm in Form zu bringen. Phil Coxon, bis dahin lediglich als Studiotechniker an "Sugar Tax" beteiligt, bekam buchstäblich in letzter Minute den Zuschlag dafür, die Tour als Keyboarder mit zu begleiten. Eigentlich war er nicht wirklich daran interessiert gewesen, doch Nigel Ipinson, den Coxon beim Erstellen der Backing-Tapes unterstützte, konnte ihn letztendlich doch noch dazu überreden - nachdem im Vorfeld bereits fünfzehn Keyboarder zum Vorspielen eingeladen worden waren und Nigel schon den Telefonhörer in der Hand hielt, um dem bereits anderweitig ausgewählten Tastenmann grünes Licht zu geben. Drei Wochen vor Tourstart stieß Phil Coxon schließlich zur Band hinzu und alle Songs wurden Note für Note von Grund auf neu einstudiert.

Das von Andy McCluskey lediglich für Live- und TV-Auftritte zusammengestellte Band-Line Up: rechts oben: Phil Coxon (Keyboards) links unten: Nigel Ipinson (Keyboards), rechts unten: Abe Jukes (Drums)

Am 24. Juni 1991 wurde die Nachfolgesingle "Pandora’s Box" veröffentlicht und auch dieser Titel schaffte mit dem 7. Platz den Einzug in die englischen "Top-10". In Deutschland schrammte die Single mit einem 11. Platz nur knapp daran vorbei. Auch in diversen US-amerikanischen Sparten-Charts (hier mit dem SongUntertitel "It's A Long, Long Way") wie den "US Hot Dance Club Play Charts", "US Modern Rock Charts" und den "US Hot Dance Music/Maxi-Singles Sales" kam man ausnahmslos unter die "Top 25". "Pandora's Box" wurde inspiriert vom gleichnamigen Stummfilm aus dem Jahr 1929, in welchem die Schauspielerin Louise Brooks die Hauptrolle der lesbischen Lulu spielte und die Andy McCluskey persönlich sehr bewunderte. Das in schwarz-weiß gedrehte Promo-Video enthält Originalausschnitte aus dem Film. Der Titel "Pandora's Box" kommt - nebenbei bemerkt - im gesamten Liedtext kein einziges Mal vor. Danny Griffiths, Carl Segal und Steve Anderson steuerten zudem drei Remixe von "Pandora's Box" bei. Die verkürzte Fassung des Remixes von Anderson wurde anstelle der Albumversion als Single veröffentlicht. "MTV Europe" bewertete "Pandora's Box" als den 55. besten Song des Jahres 1991.

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Szenen aus dem Video zu "Pandora's Box"

Von Juli bis November 1991 bestätigten Andy und Co. dann den exzellenten Ruf von OMD als Liveband auf ihrer sechzig Konzerte umfassenden Tournee. Sie spielten trotz der langjährigen Pause vor einem immer noch begeisterten (und mittlerweile wieder recht verjüngten) Publikum. Noch unsicher darüber, ob nach der langen Live-Abstinenz genügend Zuschauerinteresse generiert werden könnte, entschied man sich für den ersten Teil der Tournee für kleinere Locations. Beginnend in Großbritannien, spielten OMD anschließend auf dem europäischen Kontinent in Belgien, den Niederlanden und in Deutschland (als Vorband der "Simple Minds"), bevor sie für insgesamt sechzehn Konzerte Station in den USA, Kanada und Mexiko machten. Nachdem sich "Sailing On The Seven Seas" und "Pandora's Box" nun auch weltweit zu Hits gemausert hatten, buchte man größere Hallen und OMD spielten weitere, vom Publikum begeistert angenommene Konzerte in UK und Deutschland, bevor die Tour in Paris ihren Abschluss fand. Die "Sugar Tax"-Tournee war rückblickend betrachtet zwar ein Publikumsmagnet und alle Konzerte waren ausverkauft - unterm Strich aber machte man dabei insgesamt rund fünfzigtausend Pfund Verlust. Ungeachtet dessen blieb diese Tour Andy McCluskey bis zum heutigen Tag positiv im Gedächtnis: "Ich erinnere mich besonders gerne an die 'Sugar Tax'-Tour zurück", so Andy. "Ich war so dermaßen begeistert vom Erfolg des Albums, wir hatten sehr viel Spaß auf der Bühne und das Publikum schien meiner Ansicht nach ebenso begeistert zu sein, die Band zu sehen. Die gesamte Tour war einfach nur fantastisch".

OMD "live" in Los Angeles (Mitschnitt für das Promovideo zu "Call My Name")

Was den positiven Gesamteindruck der "Sugar Tax"-Erfolgsgeschichte am Ende etwas schmälerte, waren die nächsten beiden Singleauskopplungen.

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"Virgin" machte im augenscheinlichen Erfolgsrausch und trotz der Negativbeispiele aus den vorangegangenen Jahren abermals den Fehler, eine dritte und vierte Single aus einem Album auszukoppeln. "Then You Turn Away" wurde am 2. September 1991 veröffentlicht (in Deutschland sogar erst sieben Monate später am 11. April 1992) und konnte mit einem enttäuschenden 50. Platz in den britischen Charts bei Weitem nicht mehr an den Erfolg seiner beiden Vorgänger anknüpfen. Auch in Deutschland blieb die Single unbeachtet und erreichte gerade noch Platz 56. Dafür kamen die Fans in den Genuss zweier weiterer, neuer Songs in Form von Bonustracks der CD-Single: "Area" und das mit einem gesampelten, gregorianischen Frauenchor unterlegte "Vox Humana", im Original komponiert von Hildegard von Bingen. Ursprünglich sollte der Song "For The Greater Good" als Bonustrack auf "Then You Turn Away" veröffentlicht werden. Andy schrieb dieses Instrumentalstück als Titelmelodie für die gleichnamige englische "BBC"-TV-Serie. Den Vorzug bekam schließlich der Song "Sugar Tax", der als Titellied eigentlich mit auf das gleichnamige Album sollte, aber nicht rechtzeitig zur Albumveröffentlichung fertig wurde.

Am 10. September ließ Andy McCluskey sein unter dem Namen "Blue Noise Limited" firmierende Label als nicht-börsennotierte Kapitalgesellschaft (sie gleicht eher der deutschen GmbH als einer Aktiengesellschaft) in das englische Handelsregister eintragen. Andy's Mutter Margaret wurde als sogenannte "Company Secretary" (Schriftführerin) eingesetzt. Knapp ein Jahr darauf folgte eine weitere Unternehmenseintragung: "OMD Limited".

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Den Abschluss des Jahres 1991 bildete dann die Veröffentlichung von "Call My Name" als vierte und letzte Single aus "Sugar Tax" am 18. November 1991. In Deutschland konnten OMD damit zwar noch einen kleineren Hit landen (Platz 28), in Großbritannien ging die Single mit dem 50. Platz in den Charts jedoch ähnlich enttäuschend unter wie bereits sein Vorgänger.

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B / LIBERATOR & THE LISTENING POOL

Euphorisch in die nächste Krise - Stagnation und Misserfolge für McCluskey & Humphreys

1992-1994 Motiviert vom unerwarteten Erfolg von "Sugar Tax", den beiden Hit-Singles "Sailing On The Seven Seas" und "Pandara's Box", sowie der überaus gelungenen Tournee, machte sich Andy in seiner Euphorie darüber sofort an die Arbeit für ein Nachfolgealbum, welches an den Kassenschlager möglichst nahtlos anknüpfen sollte. Fast das ganze Jahr 1992 über, sechs Tage die Woche und bis zu zehn Stunden täglich, schrieb und programmierte er in seinem seit Ende 1988 angemieteten Proberaum "The Ministry" - zwei fensterlose Räume in einer Lagerhalle in der "Preston Street" im Herzen von Liverpool und lediglich mit Toilette und kleiner Küche ausgestattet - an neuen Songs. Eins der Zimmer wurde von Stuart Kershaw mitbenutzt, der dort parallel an seinem eigenen Material arbeitete und in zwangloser Art und Weise gemeinsam mit Andy Ideen austauschte. Definitiv war "Sugar Tax" für Andy nur der erste Schritt auf dem Weg hin zu verstärkt elektronischorientiertem Pop, dem er jetzt in noch größerem Umfang eine modernere Richtung im angesagten Sound der 1990er-Jahre vorgeben wollte. Eigens dafür kaufte er sich nun zur Umsetzung seines Vorhabens auch eine größere Anzahl an analogen Synthesizern. Zu Beginn der Arbeiten am neuen Album griff Andy vorwiegend auf Tracks älteren Datums zurück - so z. B. auf einen Song namens "Style And Grace", für den Andy schon seit mehreren Jahren die Melodie fertig hatte, "Cruel", der bereits für das "Sugar Tax"-Album aufgenommen worden war und nochmals überarbeitet werden sollte, "You're Always Coming Back To Me", ebenfalls für "Sugar Tax" geschrieben - sowie neue Titel wie "The Liberator", "Sanctus", "Twins" und "Kiss Of Death". Darüber hinaus schaffte es diesmal auch "Heaven Is" in die engere Auswahl der Albumsongs - ein Titel, der von Andy ursprünglich schon 1983 für das "Junk Culture"-Album geschrieben worden war. Doch bis auf "Heaven Is" kam am Ende keiner der oben genannten Songs auf das Album oder wenigstens als Bonustrack auf eine Single - Andy befand die Lieder ausnahmslos für nicht gut genug und sie blieben bis dato allesamt unveröffentlicht. Unterstützung erhielt er von Phil Coxon, der als einziger Mitwirkender von der "Sugar Tax"-Tourband einen relevanten Anteil an den Aufnahmen der neuen Songs haben sollte. Hier teilten er und Andy sich die Aufgabengebiete - Phil war für die Technik und das Mixing verantwortlich, Andy übernahm die Produzentenrolle. Das letzte Wort hatte jedoch grundsätzlich Andy, was Coxon in einem Interview mit Paul Browne deutlich zu verstehen gab: "Ich habe schon das Gefühl, ein Teil dessen zu sein, was Andy gerade tut, weil wir nun schon seit drei Jahren sehr viel zusammenarbeiten. Einen Einfluss auf das, was er macht, habe ich nicht. Ich tue das, was er von mir verlangt und er weiß, was er von mir erwarten kann".

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Coxon wurde zudem die Aufgabe übertragen, diverse Remixes der Singles zu erstellen, welche vor allem auf den amerikanischen Markt und die dort angesagte Clubmusik zugeschnitten sein sollten. Keyboarder Nigel Ipinson hingegen war ausschließlich an einem Titel musikalisch beteiligt (Piano und Arrangement bei "Sunday Morning"), sowie des Weiteren noch Stuart Boyle, der auch aktuell wieder bei zwei Songs den Gitarrenpart übernahm ("Stand Above Me" und "Sunday Morning"). Den überwiegenden Teil der Lieder schrieb Andy im Alleingang, lediglich die Titel "Best Years Of Our Lives", "Christine" und "Only Tears" schrieb er zusammen mit Stuart Kershaw. Und nur ein Song - "Stand Above Me" - entstand in Zusammenarbeit mit dem bewährten "Sugar Tax"-Erfolgsteam Kershaw und Lloyd Massett. Stuarts und Lloyds Band "RAW UNLTD" hatte sich mittlerweile zwar aufgelöst, doch Massett wechselte im Frühjahr 1993 als Bassist zu den "The Lightning Seeds" und konnte deshalb aus Zeitgründen nicht am Album mitwirken. Zudem arbeitete Lloyd schon bald mit Stars wie Howie B., Shara Nelson Effua von "Massive Attack" und Jazzie B., sowie in Wyclef Jean's New Yorker "Platinum"-Studio mit diversen amerikanischen Künstlern zusammen. Auch war er mit Engagements in lokalen Bands mehr als ausgelastet - für Studiocrack Lloyd war OMD da nur ein Projekt unter vielen anderen. Schlagzeuger Abe Jukes, der sich bei einigen Tracks mit "live" eingespielten Drums einbringen sollte, verließ die Band zu Beginn des Jahres 1993 - was wohl eher auf Entscheidung von McCluskey hin geschah, denn auf Nachfrage in einem Interview von Paul Browne wollte Jukes über die genauen Umstände seines Abgangs keine Auskunft geben.

Die offizielle OMD-Besetzung von 1993 bis 1995: ANDY McCLUSKEY, PHIL COXON, STUART KERSHAW, NIGEL IPINSON

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Zwei Coverversionen sorgten für eine Überraschung auf dem kommenden Album: "Sunday Morning" von Lou Reed's Kultband "The Velvet Underground", sowie eine Neubearbeitung des auf Basis des 1973 erschienen Instrumentalstücks "Love Theme" der amerikanischen Soul-Legende Barry White. Andy musste White lange darum beknien und auch finanziell einiges aufwenden, um von ihm die Genehmigung zur Verwendung eines Samples aus dem Song zu bekommen. Barry White selbst produzierte den Titel schließlich zusammen mit Andy. Ebenso unerwartet auch der Umstand, dass Andy mit dem Stück "Everyday" einen im Jahre 1987 mit Paul Humphreys gemeinsam geschriebenen Song aufnahm. Der bereits für das "Sugar Tax"-Album komponierte und ursprünglich als Reggae konzipierte Titel "Love And Hate You" fand nun ebenfalls Verwendung. Die Songs für das geplante neue Album orientierten sich vom Stil und vom Sound her überwiegend an "Sugar Tax". Mit dem Lied "Dollar Girl", einer flotten Uptempo-Synthienummer über russische Prostituierte, die sich in amerikanischen Dollars bezahlen lassen, lehnte sich Andy sogar stark an die ArrangementStruktur von "Call My Name" an. Bei "Agnus Dei", einem Instrumental-Mix aus Techno und Samples der Kirchenmusik von Christopher Tye und den "Le Mystère des Voix Bulgares" und deren Stück "Bezrodna Nevesta", riskierte er wieder einen Ausflug ins Experimentelle. "Agnus Dei" war übrigens der erste Song, den Andy für "Liberator" geschrieben hatte. Anfangs in einem sehr viel schnelleren Tempo aufgenommen, wurde der Song letztendlich wieder stark verlangsamt: "Andy machte sich Sorgen darüber, das der Song zu schnell und zu ravig sein könnte, obwohl er mit dem Original wirklich glücklich war und ich ebenfalls" , so Phil Coxon. "Die Schuldigen, die ihm diese Angst eingeredet hatten, waren die Plattenfirma-Berater aus der 'Dance'-Abteilung, die der Meinung waren, das sehr schneller Rave schon bald wieder 'out' sein würde".

Hauptverantwortlich für den Sound von "Liberator": Das Produzententeam Phil Coxon und Andy McCluskey (Mitte), Star-Remixer Gregg Jackmann (rechts) In seinem "The Ministry"-Studio sammelte Andy McCluskey analoge Synthesizer (links)

Ende September 1992 begannen die ersten professionellen Aufnahmen für das mittlerweile "Liberator" betitelte Album im "Pink Museum"- und "Amazon"-Studio in Liverpool. Andy hasste es, Studioaufnahmen zu machen und noch mehr widerte ihn das zeitraubende Abmischen der einzelnen Songs an. Viel lieber wäre er wieder auf Tour gegangen und "live" auf der Bühne aufgetreten. So gab er den überwiegenden Teil der Mixing-Arbeit zum Einen an Phil Coxon ab, zum Anderen an Gregg Jackmann, der schon Acts wie Prince, Seal, Tom Jones, Mike Oldfield, Enya, Cher und Placido Domingo sehr erfolgreich als Techniker betreut hatte. Mit Ausnahme von vier Tracks remixte Jackmann das komplette Album abschließend für die finale Abmischung. Rückblickend betrachtet bedauerte es Andy, die Kontrolle über den Mix de facto aus seinen Händen gegeben zu haben und zeigte sich im Nachgang auch sichtlich unzufrieden mit der Songreihenfolge des Albums, vor allem der ersten sechs Tracks. Ursprünglich sah Andy für die gesamte Platte einen experimentelleren Stil vor, letztendlich ging man jedoch auf Nummer Sicher und vertraute auf das bewährte und erfolgversprechende "Sugar Tax"-Rezept. Andy wollte dessen Erfolg um jeden Preis wiederholen und nahm sich für die Songs letztendlich weniger Zeit, als dafür möglicherweise nötig gewesen wäre. Im Zuge der Genehmigung von "Neon Lights" hatte Andy 1991 den "Kraftwerk"-Musiker Karl Bartos näher kennengelernt und so kam es, dass sich Andy zwischen seinen eigenen Aufnahmen noch die Zeit dazu nahm, um für dessen Projekt "Elektric Music" und die Platte "Esperanto" in Deutschland die Leadvocals auf dem Stück "Kissing The Machine" einzusingen. Bartos erzählte dazu in "The Electricity Club": "Andy schlug vor, etwas gemeinsam zu machen und ich fand das eine gute Idee. Wir nahmen einige Kassetten und schließlich fand ich die ersten Töne von 'Kissing The Machine'. Einen Monat später schickte er mir ein Demo und fragte: ,Hey Karl, was hältst du davon?'. Er schrieb das ganze Lied, den Text und die

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Roboterstimme, und ich produzierte den Song für mein erstes Album". Andy produzierte mit "Show Business" noch ein weiteres Stück für den Longplayer von Bartos, der bei dieser Gelegenheit auch gleich Andy's langjährigen Wunsch erfüllte und ihn in Düsseldorf u. a. durch die "Kling Klang"Aufnahmestudios von "Kraftwerk" führte.

Andy McCluskey im "Pink Museum"-Studio (links) und in seinem eigenen Probe- und Aufnahmestudio "The Ministry" in Liverpool (rechts)

Am Projekt "Elektric Music" war neben Bartos noch der "Rheingold"-Musiker Lothar Manteuffel beteiligt. Nachdem Bartos "Kraftwerk" während der Arbeit an deren Hit-Compilation "The Mix" verlassen hatte, kam es erstmals zu einer musikalischen Zusammenarbeit. Dem 1993 erschienenen Album, das sich deutlich am Klang von "Kraftwerk" orientierte, war jedoch kein nennenswerter Erfolg beschieden.

Karl Bartos und sein Projekt "Elektric Music" (links), Barry White (Mitte) und "The Velvet Underground" (rechts)

Immer noch sichtlich unter der Einwirkung des "Sugar Tax"-Millionensellers stehend, wurde am 4. Mai 1993 - über einen Monat vor Erscheinen des Albums - mit großer Zuversicht "Stand Above Me" als erste Single veröffentlicht. Doch eine Wiederholung des "Sailing On The Seven Seas"-Erfolgs blieb aus. In England erreichte der Song gerade mal Platz 21, was im Vergleich zum ersten "Sugar Tax"-Hit als Misserfolg gewertet werden musste. In Deutschland lief es nicht viel besser - hier reichte es für die Single mit Platz 33 gerade noch zum Einstieg in die "Top 40". Lediglich in US-amerikanischen Dance-Spartencharts wie den "U.S. Billboard Hot Dance Club Play" und den "U.S. Billboard Modern Rock Tracks" kam man mit diversen Remixen der Single bis auf Platz 5.

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Das "Billboard"-Magazin schrieb in einer der wenigen positiven Bewertungen: "Ansteckend optimistischer Bubblegum-Pop mit Muckis. Dieser Track der chronisch übersehenen und ehrwürdigen britischen Pop-Band wird damit einen Stich machen. Fette, kratzige Synths, ein ausgelassener Beat und süßlich starke Harmonien".

Promovideo zu "Stand Above Me"

Am 14. Juni 1993 dann kam das "Liberator" betitelte, neue Album auf den Markt. Was sich bei "Stand Above Me" bereits abgezeichnet hatte, fand beim Album seine Fortsetzung - mehr als Platz 14 in Großbritannien war nicht zu erreichen und "Liberator" verließ bereits schon nach sechs Wochen wieder die Charts. International gesehen sah es mit Blick auf die Chartplatzierungen nicht viel besser aus, man konnte beinahe schon von einem mittleren Desaster sprechen: In diversen europäischen Ländern pendelte sich das Album lediglich im "Top 20"-Bereich ein, in Deutschland zumindest hielt sich das Album zwanzig Wochen lang in der Hitparade - mehr als Platz 17 war allerdings nicht zu schaffen. In den "US Billboard Top 200"Charts verschwand "Liberator" nach nur einer Woche und Platz 169 sang- und klanglos in der Versenkung. Auf längere Sicht hin sollte das Album im Fahrwasser von "Sugar Tax" zwar noch recht profitable Erfolge erzielen, konnte aber, gemessen am Erfolg seines Vorgängers und auch an der der vorangegangenen "Best-Of"-LP, in keinster Weise an beide heranreichen. Das Album musste insgesamt als Flop betrachtet werden. Vor allem die Fans der ersten Stunde akzeptierten Andys Mixtur aus gewohntem OMD- und 1990erTechnosound nur widerwillig. Stephen Thomas Erlewine bemerkte in "Allmusic" zum Album an: "Abgesehen davon, dass das Album zwar weit entfernt ist vom experimentellen und kantigen Synth-Pop, für welchen die Gruppe verdient gute Bewertungen in den frühen 1980er-Jahren bekommen hat, ist 'Liberator' eine unterhaltsame und ansprechende Sammlung von Dance-Pop".

Andy McCluskey, Phil Coxon, Nigel Ipinson und Stuart Kershaw: Interviewszenen aus dem Promo-Video "From Factory To Liberty"

Zum Albumtitel "Liberator" ließ sich Andy McCluskey ursprünglich durch das "B24 Liberator"-Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg inspirieren. Anfangs war für das Cover eine Abbildung der Flugzeugnase mit dem damals typischen, aufgemalten "Bomber Girl" ins Auge gefasst worden. Diese Idee wurde aber wieder fallengelassen, da Andy in diesem Konzept schon bald keinen rechten Sinn in Bezug zur Gegenwart mehr sah. Weitere Überlegungen wurden angestellt, allein das "Girl"-Thema wurde in abgewandelter Form weiterverfolgt.

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Ein Vorentwurf mit Nacktfotos bewertete Andy als noch fragwürdiger in der Aussage als die Ursprungsidee selbst und auch "Virgin" war wenig begeistert davon, da große Handelsketten schon mit Verkaufs-Boykott drohten. Als Kompromiss wurde letzten Endes dann zwar doch noch das "Frauenthema" verwendet, allerdings in entschärfter Form und am Ende ohne wirklichen Bezug mehr zur Ursprungsidee.

Entwicklungsgeschichte des "Liberator"-Albumcovers

Auch "Dream Of Me (Based on Love's Theme)", zwei Monate nach "Stand Above Me" am 5. Juli 1993 als zweite Single veröffentlicht, vermochte dem Abwärtstrend nicht mehr entgegen zu steuern. In England war bei Platz 24 in den Charts bereits Endstation, in Deutschland verlor man mit dem 53. Platz in der SingleHitparade ebenfalls empfindlich an Reputation. Die Melodie des Tracks musste im Vergleich zur Albumversion zudem leicht abgeändert werden, da Barry White für die Singleveröffentlichung die Verwendung des Samples aus seinem Originalsong untersagte. Zusätzlich wurde der Titel für die Singleversion von Gregg Jackmann neu gemixt. Das "Billboard"-Magazin bewertete die Single positiv: "'Dream of Me' ist ein prickelndes Stück PopSpielerei, das einen zurück schnellen lässt in die Erinnerungen der Disco-Zeit. Die Melodie ist hübsch und einnehmend und mit der herzlich vertrauten Stimme von Andy McCluskey gut bedient".

Promovideos zu "Dream Of Me" und "Everyday" Andy zahlte von den Produktionskosten der Videos in der Regel die Hälfte selbst

Mit der am 6. September 1993 herausgebrachten, dritten Single "Everyday", ursprünglich sogar als erste Singleveröffentlichung geplant, kam es mit Platz 59 und nur zwei Wochen in der britischen Hitparade zu einem weiteren klassischen Fehlschlag. Auch in Deutschland lief es mit einem 60. Platz nicht besser. Abgesehen vom schwindenden Interesse seitens der Plattenkäufer, tat dies der Popularität von OMD jedoch keinen Abbruch - zumindest was die "Live"-Aktivitäten der Band betraf.

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Für insgesamt einundvierzig Konzerte ging Andy McCluskey ab Ende August erneut mit seinen bewährten Mitstreitern Nigel Ipinson und Phil Coxon auf Tour durch Europa und England. Lediglich Schlagzeuger Abe Jukes war nicht mehr mit von der Partie, wurde aber adäquat ersetzt durch Stuart Kershaw. Nach dem Warm-Up-Gig in ihrer Heimatstadt Liverpool am 25.8.93 spielten OMD im Anschluss daran vier triumphale Festivaltermine in Deutschland, bevor es nach einer eineinhalbmonatigen Unterbrechung ab Ende Oktober dann so richtig los ging: Zwei Auftritte in Schweden, je ein Gig in Norwegen, Dänemark und Holland, sechs Termine in Frankreich (hier überwiegend in kleinen Clubs), weitere elf Konzerte in Deutschland und im Anschluss daran je ein Konzert in Österreich, der Schweiz und in Belgien. Die Tour durch England, für die zum Unmut vieler Fans überwiegend große Arenen gebucht worden waren, fand dann in der "WembleyArena" in London ihren Schlusspunkt. Als Support wurden OMD dort von keinem Geringeren als Gary Numan begleitet - vierzehn Jahre nachdem Andy und Paul SEINE Konzerte eröffnet hatten.

OMD "live", 1993

Eine in der Vorabplanung vorgesehene Tour in den USA fand am Ende nicht statt. Hier tat die Plattenfirma nur das aller Nötigste für die Promotion des Albums und weigerte sich zudem, für die Kosten der Tour aufzukommen. Wenn auch die aktuellen Plattenveröffentlichungen wenig erfolgreich verliefen das Publikumsinteresse an Live-Konzerten von OMD war ungebrochen groß. Doch wie bereits bei der "Sugar-Tax"-Tour geschehen, konnte man entweder gerade mal die Kosten decken oder musste finanziell kräftig draufzahlen.

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Im Januar 1994 spielten OMD in Südafrika insgesamt drei Konzerte und zum letzten mal in der Besetzung McCluskey-Kershaw-Ipinson-Coxon. Für die darauffolgenden dreizehn Jahre sollte das Schlusskonzert in Pretoria auch der vorerst letzte offizielle Auftritt von OMD im Rahmen einer Tournee gewesen sein.

Völlig konträr seiner sonstigen Arbeitsweise schrieb Andy während der Tour an zwei Songs - u. a. das als Reggae konzipierte Stück "If You're Still In Love With Me", welches Andy nach den Live-Festivals in Deutschland auch gleich aufnahm und seiner Plattenfirma "Virgin" zur umgehenden Veröffentlichung als Single vorschlug. Diese lehnte ab und wollten keine neue Single ohne ein dazugehöriges Album herausbringen. Das damit allerdings nicht vor 1995 zu rechnen sei, kündigte Andy bereits im August 1993 an. Auch wollte er nach dem ernüchternden Misserfolg von "Liberator" einen einschneidenden Richtungswechsel hin zu weniger elektronischen Popsongs überdenken. Ende 1993 zog er aus seinem "The Ministry"-Studio aus, welches er fünf Jahre genutzt hatte und machte sich in Dublin auf die Suche nach einer neuen Bleibe.

"THE LISTENING POOL" , 1994 Martin Cooper, Malcolm Holmes und Paul Humphreys

Während der "Liberator"-Phase von Andy McCluskey nahm auch ein Projekt seiner ehemaligen Bandkollegen Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes konkrete Formen an. Mit seiner Frau Maureen, die er 1981 während der USA-Tour von OMD kennen gelernt hatte, lebte Paul Humphreys nach der Trennung von OMD in Los Angeles. Infolge des Rechtsstreits, den er mit Andy McCluskey um die Namensrechte von OMD auszufechten hatte, durfte Paul zwei Jahre lang keine Musik auf einem anderen Plattenlabel veröffentlichen und so konzentrierte er sich ganz auf seine Familie und auf seine Pflichten als Vater für seine Tochter Madelaine.

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Anfang der 1990er-Jahre dann - und um tausende britische Pfund an Anwaltskosten erleichtert, war für Paul das Namensrechte-Trauma endgültig beendet. Er wurde nach einer finanziellen Abfindung seitens von Andy McCluskey offiziell aus seinem Vertrag mit OMD, bzw. "Virgin", entlassen. Überschattet wurde dieses, im Grunde durchaus befreiend wirkende Ereignis, durch die Scheidung von seiner Frau Maureen, was Paul später als "eine wirklich harte Zeit für mich" beschrieb. Angesichts der Trennung von OMD und nun auch noch von seiner Familie, lag sein Privatleben weitgehend in Scherben. Erschwert wurde das ganze Dilemma noch durch den Umstand, dass Pauls Tochter in Los Angeles zur Schule ging, während er sich nun wieder die meiste Zeit in Liverpool aufhielt, um sich dort um das von OMD bereits im Jahre 1983 fiktiv gegründete Independent-Label "Telegraph Records" zu kümmern, das er zusammen mit seinen ehemaligen Mitmusikern von OMD - Malcolm Holmes und Martin Cooper - weiterführte. Die drei verfolgten dabei das erklärte Ziel, lokalen Bands und talentierten Musikern wie z. B. Peter Boyle ("Pure Journey") zu helfen und sie zu unterstützen. Die Veröffentlichungen hielten sich letztendlich in Grenzen - lediglich ein Album des Liverpooler Jazz-Sängers Thomas Lang und zwei Live-Alben der Band "China Crisis" wurden unter "Telegraph" veröffentlicht. Martin Cooper produzierte noch ein Klassik-Album seiner Ehefrau Alexandra Bibby, einer klassischen Pianistin, mit Liedern von Claude Debussy und Gabriel Fauré.

Paul Humphreys, Ehefrau Maureen und Tochter Madelaine (daneben Pauls Neffe Justin) in Los Angeles

Zusammen mit Malcolm Holmes und Martin Cooper gründete Paul dann schließlich die Band "The Listening Pool". Martin Cooper erinnerte sich daran, wie sie auf den Bandnamen kamen: "Es ist schwer zu sagen, wer genau sich das ausgedacht hatte. Wir waren in L. A. und zerbrachen uns den Kopf über einen Namen. Wir hatten auf ein Stück Papier allerlei Wörter geschrieben und es könnte ich gewesen sein, der die beiden Wörter zu einem Namen zusammengefügt hat".

Sie veröffentlichten am 12. Juli 1993 auf ihrem eigenen "Telegraph Records"-Label die Single "Oil For The Lamps Of China". Das Titelfoto "Bring Me Home" wurde in China vom Fotografen Clive Vincent Jachnik, einem alten Schulfreund von Martin Cooper, geschossen. Trotz einiger TV-Auftritte gab es keinerlei Notierung in den Charts für die Platte.

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Im Oktober 1994 dann wurde das in eher ruhigen Tönen gehaltene, soft groovende Album "Still Life", mit dominant akustischen Drums, Saxophon und luftig-leichten Keyboard- und Gitarrensounds, veröffentlicht. Dafür griff man teilweise auf die Songs zurück, die Ende der 1980er-Jahre ursprünglich für OMD geschrieben wurden (z. B. "Wild Strawberries"). Alle Tracks wurden von den Dreien gemeinschaftlich komponiert und produziert. Aufgenommen in Pauls eigenem Studio "The Rythm Ranch", war einzig Tom Lord-Alge bei "Oil For The Lamps Of China" noch als zusätzlicher Produzent beteiligt, der den Song in den "Wisselord-Studios" in Holland abmischte, wo die drei bereits 1984 mit OMD an "Junk Culture" gearbeitet hatten. Zahlreiche Gastmusiker wurden verpflichtet, so beispielsweise der Liverpooler JazzSänger Thomas Lang und Paul Roberts, außerdem Gordon Longworth, Ronnie Stone, Tony Smith, Rob Fennah, Jake Hemmings und Colin Weavill an den Gitarren, sowie Sylvan Richardson jr. Und Kevin Roberts am Bass. Martin Cooper kehrte für das Album zudem zu seinen künstlerischen Wurzeln zurück und malte für das Albumcover, grafisch gestaltet von Tim Sheard, das Stillleben "Frank’s Banjo".

"STILL LIFE" Das Album-Cover malte Martin Cooper

"I-Tunes" lobte das Album in seiner Rezension überschwenglich: "'Listening Pool's' 'Still Life' kann man im Wesentlichen als 'Orchestral Manoeuvres in the Dark' bezeichnen, die ihrer späten Synth-Pop-Exzesse beraubt worden sind. Die jazzigen laid-back-Grooves haben mehr gemeinsam mit dem üppigen, romantischen Pop von 'China Crisis', 'The Blue Nile' und 'Roxy Music'. Bis auf 'Oil For The Lamps Of China', werden die Hörer die meisten der Songs auf 'Still Life' nicht mit OMD in Verbindung bringen. Es werden zwar immer noch Keyboards verwendet, doch diese sind jetzt subtiler. Anstatt die Tracks aufzupowern, sorgen sie für Atmosphäre oder fügen sonnige Hooklines unter eine Fülle von akustischen Gitarren. Die Songs sind großartig und erfrischend jenseitig der begrenzten Bandbreite von OMD. Das gefühlvolle 'Promised The World' wird von funkigen Gitarren angetrieben, während das strahlende 'Blue Africa' mit Reggae durchdrungen wird. Auch wenn er in einem für ihn neuen, stilistischen Gebiet experimentiert, hat Humphreys nicht vergessen, unvergesslich eingängige Melodien zu schreiben. Der erhabene, gnadenlos süchtig machende Titeltrack hat einen Chor, der genau die Wirkung hervorruft, welche sämtliche 'Listening Pool'-Songs auf die Hörer haben werden. 'Anywhere you are/Driving in your car/You go through my head' - betrachten sie dies als eine Warnung - und eine Empfehlung". "Meant To Be" wurde im Zuge der Albumveröffentlichung als zweite Single nachgereicht. Wie schon bei "Oil For The Lamps Of China" und auch was das Album an sich betraf, war "Meant To Be" hinsichtlich irgendwelcher Chartplatzierungen kein Thema. Den drei früheren OMD-Musikern gelang es mit "The Listening Pool" zu keiner Zeit, an den Erfolg von OMD und den ihres einstigen Weggefährten Andy McCluskey anzuknüpfen. Das Album, die Singles und überhaupt das gesamte Projekt entpuppte sich im Ganzen betrachtet als ein kommerzieller Reinfall. Es wurden danach keine weiteren Platten mehr veröffentlicht.

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Die Gastsänger Thomas Lang und Paul Roberts (links), TV-Auftritt in "Grenada Report", 1993

Ein paar einzelne Songs wie "Satellite Of Love", "Rise Up" und "Golden Years" wurden zwar noch aufgenommen (ein zweites Album mit dem Titel "Natural" war im Gespräch), doch 1996 trennten sich endgültig die musikalischen Wege von Paul, Martin und Malcolm. Zudem zerstritten sich Paul und Mal wegen Meinungsverschiedenheiten bezüglich ihres gemeinsamen Labels "Telegraph".

Auftritt in der Samstagmorgen-Kindersendung "Gimme 5" des Senders "ITV", 1993 inkl. Interview mit "Nobby dem Schaf"

Paul Humphreys arbeitete fortan mit der deutschen Sängerin Claudia Brücken von "Propaganda" zusammen, Martin Cooper konzentrierte sich ausschließlich auf seine zukünftige Karriere als Maler und Malcolm Holmes versuchte weiter im Musik-Business Fuß zu fassen.

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C / UNIVERSAL & THE SINGLES

Auf die schöpferische Neubelebung folgt das erneute "Aus" von OMD

"I DON'T BELIEVE THAT ANYTHING CAN RECREATE YOUR YOUTH" (Walking On The Milky Way)

1994 Die Entstehung des neuen Albums bis hin zur abschließenden Veröffentlichung sollte sich fast drei Jahre lang hinauszögern - drei Jahre, die geprägt waren von einschneidenden Veränderungen im privaten Bereich von Andy McCluskey, von längerfristigen Auszeiten, die er sich mehrmals während den Arbeiten an den Songs dabei nahm und immer wieder nach hinten verschobenen Veröffentlichungsterminen für den "Liberator"Nachfolger, dessen Erscheinen ursprünglich schon für das Frühjahr 1995 geplant war.

Andy McCluskey, 1996

Weiterhin in Liverpool zu arbeiten kam für Andy allerdings nicht mehr in Betracht. Er brauchte dringend einen Umgebungswechsel und zog aus seinem "The Ministry"-Studio aus, in dem er die letzten fünf Jahre musikalisch zugebracht hatte. Schon gleich zu Beginn des Jahres 1994 siedelte Andy nach Irland über und suchte sich dort eine Wohnung. Dann schnappte er sich seinen Schreibtisch, seine Lautsprecher, seinen

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Computer und sein restliches Equipment und mietete ein kleines Studio innerhalb der Dubliner KreativWerkstatt "The Factory" an. Andy fühlte sich in dessen künstlerischem Umfeld sichtlich wohl und genoss die dortige, tolle Atmosphäre. Da in "The Factory" auch ständig kompetente Leute mit technischem Background vor Ort waren, die dort für ein lokales P.A.-Unternehmen arbeiteten, konnte er bei Problemen auch immer auf deren Hilfe zählen. Doch so positiv sich auch diese Ortsveränderung auf McCluskey's Gemüt ausgewirkt hatte - später bezeichnete Andy diesen, für ihn persönlich recht schwierigen Lebensabschnitt, nicht minder als "eine Flucht vor dem Leben".

Albumaufnahmen in drei verschiedenen Ländern und Studios: "The Factory" in Dublin/Irland (oben), "JE-Sound Studio" in Los Angeles/USA (links) und "The Townhouse" in London/GB (rechts)

Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Alben "Sugar Tax" und "Liberator" schrieb Andy die meisten Songs nun alleine und seine Texte enthielten erstmals auch verstärkt autobiografische Züge. Die bisherigen Bandmitglieder kamen nur noch sporadisch zum Zug. Stuart Kershaw war als Co-Autor der Songs "The Black Sea" und "Too Late" lediglich am Rande mit von der Partie und arbeitete zu dieser Zeit überwiegend mit dem Musiker Keith Small zusammen. Nigel Ipinson fühlte sich mit seinem Engagement bei den "Stone Roses" mehr als ausgelastet und Phil Coxon arbeitete mittlerweile mit Beverly Repion, der Background-Sängerin von "Pandora's Box", zusammen. Unter dem Namen "Isha-D" veröffentlichten die beiden die dance-orientierte Single "Stay". Allein mit Nigel Ipinson - zusammen mit Keith Small als Dritten im Bunde - schrieb Andy noch einen einzigen Song in Gemeinschaftsarbeit ("Walking On The Milky Way"). Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, das Phil Coxon und Nigel Ipinson längerfristig nicht mehr bei OMD dabei bleiben wollten. Neue Ideen hatte Andy reichlich. Bis Mai 1994 hinein schrieb er einige neue Songs, die er im "The Factory"Studio auch gleich in Eigenregie als Demo aufnahm. Darunter als allererste Arbeit überhaupt das Intro zum späteren Stück "Universal", ursprünglich fünf Minuten lang, später um mehr als die Hälfte gekürzt und vor den eigentlichen, erst neun Monate später geschriebenen Track, nachträglich angefügt. Andy griff beim Songwriting nun auch auf die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse zurück und begann mit indischer Musik und Flamenco-Gitarrensamples zu experimentieren. Als erstes "richtiges" Lied für das kommende Album komponierte Andy "Too Late", gefolgt von dem über neuneinhalbminütigen "The New Dark Age" und dem Titel "Resist The Sex Act", der als eigentlich sicherer Albumkandidat erst kurz vor Schluss doch

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noch beiseite gelegt wurde. Weitere Songs wie "That Was Then This Is Now" (mit starken Anleihen an "Roxy Music" und deren "If There Is Something") und "Sister Marie Gabriel" folgten. Überdies griff Andy den bereits 1988 geschriebenen Track "Yellow Press" wieder auf. Das Stück "Twins" (handelt über ein Mädchen, das bei einem Brand im Zirkus stirbt), während der "Liberator"-Phase geschrieben und aufgenommen, war zwischenzeitlich zur Verwendung in einem millionenschwer budgetierten USamerikanischen Film im Gespräch, was am Ende allerdings im Sande verlief (Anm.: Andy überarbeitete "Twins" und veröffentlichte den Song im Jahre 2002 unter dem Titel "No One Loves You [Like I Love You]" auf dem Album "Feels So Good" seiner weltweit erfolgreichen Girl-Group "Atomic Kitten").

Mit ihnen schrieb Andy McCluskey einige der Albumsongs: Paul Humphreys, Simon Fung, Nigel Ipinson, Stuart Kershaw

In Irland bekam Andy im Oktober prominenten Besuch von Karl Bartos, der sich nun für die Mitarbeit Andys an seinem Album "Esperanto" revanchierte. Zusammen schrieben sie die Songs "The Moon & The Sun" (nach "Bloc Bloc Bloc" vom 1985er-"Crush"-Album ein weiterer OMD-Song mit Akustikgitarre) und "Mathew Street", der später als Single-Bonustrack erschien. Andy ließ es sich dabei nicht nehmen, Karl Bartos als Gegenleistung für den Düsseldorf-Trip 1993 nun durch Liverpool zu führen und ihm alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Andy McCluskey nahm sich während seines fast einjährigen Aufenthalts in Dublin immer wieder längere Auszeiten. Zum Einen hatte er eine Zeit lang Probleme mit seinem Computer und laborierte zudem wochenlang an den Folgen eines Schlüsselbeinbruchs, welche die Arbeiten am Album massiv verzögerten. Zum Anderen, um den Kopf vom langjährigen, stupiden Kreislauf "Platte/Promotion/Tour" freizubekommen und mental aufzutanken. Dafür reiste er im Frühjahr 1994 sechstausend Kilometer quer durch die USA, was Andy, diesmal in Abwesenheit jeglichen Drucks der sonst üblichen Verknüpfung mit einer Tour, sichtlich gut tat. Dort stellte er der Plattenfirma auch schon einige seiner neuen Demos vor. Im Frühsommer dann unternahm er, zusammen mit seinem damals zweiundsiebzigjährigen Vater Jimmy McCluskey, einen Eisenbahn-Trip von Usbekistan bis Shanghai quer durch Asien. Bei seiner Reise durch China hatte sich Andy einige hiesige Platten zugelegt, die ihn später zu einigen Aufnahmen inspirierten, welche er anschließend für den Song "New Head" verwendete, den er gemeinsam mit dem britischen "China Black"-Musiker Simon Fung komponierte. Ebenso anregend für seine weitere musikalische Arbeit war die Reise durch den Süden der USA. Dort entdeckte er einen amerikanischen Gospelchor, die "Richard Allen Singers", der ihn sehr beeindruckte. Flugs kaufte er sich eine Platte des Chors, sampelte den Gesang des Stückes "Early My God Without Delay", teilte ihn in Bruchstücke auf und setzte ihn wieder zusammen, um im Anschluss daran eine völlig neue Melodie und einen neuen Text dazu zu schreiben. Auf diese Weise entstand der Titel "The Gospel Of St. Jude", ohne jegliche Instrumentenbegleitung das erste, reine Acapella-Stück von OMD überhaupt. Während dieser Zeit nahm Andy einige wichtige Änderungen dahingehend vor, wie OMD in Zukunft klingen sollten: "Ich traf die bewusste Entscheidung, den Stil und auch den Sound zu ändern. Das war wichtig für mich, um etwas von dem elektronischen Zeugs aufzugeben. Niemand Mitte der 1990er-Jahre wollte mehr den 1980er-Jahre Synthie-Pop, mit dem OMD im Wesentlichen in Verbindung gebracht wurden ob diese Wahrnehmung meinerseits nun richtig ist oder auch nicht. Die gegenwärtige Alternative zu SynthiePop ist allerdings 'Ambient'-Musik, welche für mich aber nicht anspruchsvoll genug ist, auch wenn ich sie stellenweise mag. Für mich hat diese Art Musik nicht genug Persönlichkeit und interessiert mich auch nicht sonderlich. Man kann mich gerne altmodisch und einen Traditionalisten nennen, aber ich mag Songs, die Anfänge, einen Schluss und Refrains haben!".

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Mit Ex-"Kraftwerk"-Musiker Karl Bartos schrieb Andy McCluskey zwei Songs (links) Die Schallplatte der "Richard Allan Singers" inspirierte Andy zum Song "The Gospel Of St. Jude" (Mitte) Anne Dudley ("The Art Of Noise") arrangierte für ein zehnköpfiges Streicherensemble "If You're Still In Love With Me" (rechts)

Ein anderer synth-basierter Gegenentwurf stellte die Hardcore-Dancemusic dar, aber McCluskey fühlte sich nach dem "Liberator"-Debakel nicht mehr wohl beim Gedanken an diese Art von Musik: "Auf dem letzten Album habe ich den Fehler gemacht und versucht, meine Pop-Sensibilität mit Dance-Zeugs zu verheiraten und fiel damit auf die Nase. Letztendlich hatte ich das Gefühl, mir selbst wieder treu bleiben zu müssen. Ich nehme kein Ecstasy und bleibe auch nicht bis morgens um acht Uhr wach - aus welchem Grund hatte ich also versucht, einigen Liedern diesen 'Techno'-Style zu verpassen? Es war wichtig für mich zu hinterfragen, was das neue Album darstellen sollte, was würde mich reizen und was macht Sinn für eine Band, die im Wesentlichen achtzehn Jahre alt ist. Ich wollte vor allem nicht mehr elektronisch klingen - ich wollte ein echtes Schlagzeug verwenden und weniger Synths".

1995 Nach seiner langen, aber durchaus fruchtbaren Zeit in Dublin, brach Andy im Oktober 1994 erneut seine Zelte ab und zog nach Los Angeles, um dort weitere sieben Monate lang zu arbeiten. Der Umzug hatte offenbar den von ihm gewünschten Effekt, nämlich den Fortschritt des Albums mit erhöhter Geschwindigkeit voranzutreiben: "Meine Sorge war, dass ich mich in Dublin allmählich etwas zu sehr auf die faule Haut legte", so McCluskey. Die Demoaufnahmen waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehr oder weniger abgeschlossen, erste Aufnahmen im Studio waren für Januar 1995 geplant. Diese wurden am Ende aber auf Mai verschoben, da sich Andy fast fünf Monate länger in L. A. aufhielt als ursprünglich beabsichtigt. Zusammen mit Stuart Kershaw werkelte Andy im "JE Sound"-Studio, direkt am Hollywood-Boulevard gelegen, weiter an neuen Songs. Eine Überarbeitung von "If You're Still In Love With Me" wurde vorgenommen. Dessen darin enthaltenen Streicher wurden von Anne Dudley ("The Art Of Noise") arrangiert, die Andy und Stuart Kershaw in Los Angeles kennengelernt hatten. An einem gitarrenlastigen Lied von Stuart mit dem Arbeitstitel "GTR" und einen Track namens "The Chosen One" wurde ebenfalls gemeinsam gearbeitet und beide schrieben ein Lied mit dem Arbeitstitel "The Oboe Song" - später umbenannt in "The Black Sea".

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Stuart Kershaw im "The Ministry-Studio", Liverpool, 1995

Neben Stuart Kershaw arbeitete Andy in L. A. mit einem weiteren Songschreiber zusammen, der zu dieser Zeit ebenfalls dort lebte: Paul Humphreys. Paul hatte herausgefunden, das Andy in L. A. war, rief ihn kurzerhand an und fragte ihn, ob er nicht Lust dazu hätte, einen Song mit ihm zusammen zu schreiben. Andy fand dies eine lustige Idee und so arbeiteten sie am Ende sechs Tage lang gemeinsam an ungefähr drei bis vier Stücken. Als im Endeffekt einzig wirklich fertiger Track kam das psychedelisch angehauchte "Very Close To Far Away" dabei heraus. In der Zwischenzeit war genügend Gras über ihre vergangenen Streitigkeiten gewachsen, sodass sich Andy, sechs Jahre nach ihrer Trennung, durchaus eine erneute Zusammenarbeit mit Paul unter dem Namen OMD vorstellen konnte. Doch Paul, angewidert vom Plattenund Tourneestress der vergangenen Jahre, lehnte dies kategorisch ab. Eine "Fulltime"-Mitgliedschaft bei OMD war für ihn keine Option mehr.

Die Rückkehr von Andy nach England im Mai 1995 markierte den letzten Schritt der Arbeiten am Album. Hier entschied sich Andy abermals gegen Liverpool, wo in der Vergangenheit üblicherweise das überwiegende OMD-Material entstanden war, und quartierte sich im "The Townhouse"-Studio in London ein. Obwohl er in der Regel nur ungern in der Hauptstadt Platten aufnahm, fand Andy mittlerweile Gefallen an seinem neuen Lebenstil, mietete ein kleines Appartement in Chelsea ganz in der Nähe der Themse an und verband an den Wochenenden regelmäßig die Arbeit mit Besuchen in Galerien und Ausstellungen in London. Sein fünfhundert Jahre altes Tudor-Haus in Wirral, das nun Stuart Kershaw zusammen mit seiner Frau bewohnte, hatte er mittlerweile verkauft und ein neues Objekt, das "Royden Manor" in Frankby, erworben hundertfünfzig Jahre "jünger" und gerade mal einen Kilometer entfernt von seinem bisherigen Heim.

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In gleicher Weise, wie er die Entscheidung getroffen hatte, den Ort für die abschließenden Albumaufnahmen zu wechseln, so entschloss sich Andy nun auch dazu, sich ein neues Produktionsteam zu suchen: "Als ich aus Amerika zurückkam, hatte ich schon das Meiste als Demo aufgenommen und nachdem ich die Art, Songs zu schreiben, geändert hatte, wollte ich nun auch die Art des Aufnehmens ändern. Dabei war es ganz wichtig für mich, die richtigen Leute zu finden, mit denen ich arbeiten wollte. Ich verabscheue es Platten zu machen - ich liebe das Schreiben und Touren – was ich wirklich genieße! Der Rest aber ist tatsächlich fast schon traumatisch für mich", so Andy. Und weiter führt er aus: "Im Wesentlichen bin ich es, der programmiert und arrangiert und ich habe eine Menge Ärger damit, im Studio eine objektive Balance zu finden. Ich benötige einen guten Ingenieur, jemand, dem ich wirklich vertrauen und dem ich sagen kann: 'Schau, du tust das und das und ich gebe dem Ganzen dann den letzten Schliff'. Wenn du all deine Zeit mit der Programmierung verbringst, läufst du Gefahr, dich dabei zu verzetteln, den Gesang richtig auszusteuern, oder du musst dafür sorgen, dass ein Rhythmus-Muster richtig abläuft, sodass du am Ende wirklich aufpassen musst, das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren. Die Songs sind zu achtzig bis neunzig Prozent fertig und es sind diese letzten fünfzehn bis zwanzig Prozent, die den harten Teil der Arbeit darstellen - ein gut klingendes Demo in eine großartig klingende, fertige Platte umzuwandeln".

Andy McCluskey's verlässliches Studioteam: David Nicholas und Matthew Vaughan

Schlussendlich wählte McCluskey den Producer und Programmierer Matthew Vaughan, sowie den TonIngenieur David "Chip" Nicholas dafür aus, beide bekannt für ihre Arbeit mit dem legendären Produzenten Chris Thomas auf dem Hit-Album "Different Class" von "PULP". Andy McCluskey: "Sie waren die rechte und linke Hand von Chris Thomas bei dieser Platte, der meistens auf der Couch saß und Kreuzworträtsel löste. Und ich dachte: 'Das ist der Weg, ich will es auch so machen!'. So verbrachte ich im 'The Townhouse' schließlich drei Monate damit, auf der Couch Kreuzworträtsel zu lösen! Es bedurfte einer Menge Selbstbeherrschung meinerseits, da ich Dinge jetzt lediglich nur anweisen konnte und darauf vertrauen musste, das die beiden das taten, womit ich am Ende zufrieden wäre. Sie waren glücklicherweise sehr auf meiner Wellenlänge". David Nicholas und Matthew Vaughan begannen ihre Arbeit mit den beiden Tracks "The Chosen One" und "Very Close To Far Away". Lediglich "Very Close..." schaffte es am Ende auf das Album, "The Chosen One" schien nicht so wirklich dafür geeignet zu sein. Vaughan bedauerte dies, da der Song ein wirklich gelungenes Roy Orbison-Tribute darstellte, zu dem Andy's Stimme perfekt passte. Die Aufnahmen verzögerten sich im weiteren Verlauf bis Ende Juli, da Matthew und David in dieser Zeit zusätzlich noch Verpflichtungen bei "PULP" wahrzunehmen hatten. Nach dieser längeren Zwangspause begannen im August/September 1995 endlich die Aufnahmen für das Album. Vaughan und Nicholas sichteten zuerst Andy's Demos, übertrugen die Songs auf das "Logic Audio"-System und bearbeiteten sie vorab bis zu einem Punkt, wo sie im "The Townhouse"-Studio weiter damit arbeiten konnten. "Wir haben sehr viel die ursprünglichen Demos genutzt", so Vaughan. "Wir machten in der Regel die Feinabstimmung von Andy's Originalsequenzen, wechselten die Oktaven, veränderten die Melodien hier und da und versuchten, die ganze Sache ein bisschen passender zu machen. In vielen Fällen wurden auch die Original-Vocals von Andy's Demos verwendet, die wir allerdings ein wenig überarbeiteten".

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Nach dieser Vorarbeit stießen dann Session-Drummer Chuck Sabo und der Bassist Phil Spalding dazu, um ihre Instrumente "live" zu den Tracks einzuspielen. Die Keyboard- und Pianoparts, sowie zusätzlich Gitarre und Bass, übernahm Matthew Vaughan gleich selbst (die drei Studiomusiker spielten zwei Jahre zuvor auch schon zusammen mit Elton John den Soundtrack zum Millionenseller "The Lion King - König der Löwen" ein). Jimmy Miller steuerte noch den Gitarrenpart für "That Was Then" bei und Top-Sängerin Carol Kenyon sorgte für die passenden Background-Vocals auf "Very Close To Far Away". "Live-Drums und Bass mit viel Programmierung zu kombinieren ist ziemlich harte Arbeit", so Andy McCluskey. "Aber die besten Sachen, die ich je aufgenommen habe, waren nie vollständig elektronisch gewesen. Diese Mischung aus Halb-Elektronik und Halb-Live hat eine gewisse Menschlichkeit und einen emotionalen Inhalt. Wir arbeiteten mit echten organischen Sounds, aber in Verbindung mit der richtigen Technologie. Damit hatten wir eine wirklich effektive Balance gefunden". Matthew Vaughan machte Andy im Zuge der Produktion nun auch mit einer neuen Technik in Sachen "Recording" vertraut - "Pro Tools" und "Audio Logic". Die Verwendung dieser Musik-Software erleichterte und verringerte Andy im Vergleich zu seiner bisherigen Arbeitsweise erheblich den Arbeits- und Zeitaufwand während des Aufnehmens und fortan sollte er diese Technologie auch für seine zukünftigen Projekte benutzen.

Für die Albumaufnahmen setzte Andy McCluskey ausschließlich professionelle Studiomusiker ein: Phil Spalding (Bass), Matthew Vaughan (Keyboard, Piano, Bass, Gitarre), Chuck Sabo (Drums), Carol Kenyon (Backgroundgesang)

Die Aufnahmen im "The Townhouse" in London erfolgten in Form einer dreimonatigen Session und mit den meisten Songs war man bereits vor Weihnachten 1995 fertig. Dann aber gab es noch zwei Last-MinuteErgänzungen. McCluskey erläuterte, warum: "Wir hatten insgesamt sechzehn Songs aufgenommen, aber ich hatte noch so viele andere, die wir nochmal durchgehen und darüber entscheiden wollten, welcher davon auf das Album kommt und welcher nicht. 'Too Late' war einer davon, aber Chip und Matt mochten ihn nicht und wollten ihn nicht aufnehmen. Als das Album schon fast fertig war, blieb ich hartnäckig und entschied, dass das Lied unbedingt noch mit auf das Album musste". Beim zweiten Nachzügler handelte es sich um "The Boy From The Chemist Is Here To See You", eine Up-Tempo-Nummer, die Andy während der Weihnachtsfeiertage 1995 nachträglich noch geschrieben hatte und von allen Albumtracks am meisten analog und altmodisch nach OMD klang. Eine gewisse Ähnlichkeit mit "PULP" und ihren Hits "Common People" und "Disco 2000" vom Album "Different Class" war nicht von der Hand zu weisen. Andy McCluskey machte diesbezüglich auch keinerlei Anstalten, das abzustreiten: "Ehrlich gesagt, einiges von diesem 'Pulp'Zeug klingt wie 'die späten Pulp spielen OMD, die wiederum die frühen Roxy Music spielen'. 'Boy From The Chemist' und eine Menge Songs bei 'Pulp' benutzen dieses Zwei-Akkord-Piano, genauso wie auf 'Roxy Music's' 'Virginia Plain'".

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Den Song "New Head", geschrieben in Gemeinschaftsarbeit mit Simon Fung, Teil des britischen PopReggae-Duos "China Black", entstand ebenfalls erst zum Ende der Aufnahmesessions hin. So verzögerte sich die ursprünglich für den März 1996 geplante Veröffentlichung der neuen Single "Walking On The Milky Way" am Ende um weitere fünf Monate. Auch war Andy mit der Endabmischung der Songs unzufrieden und wollte sie einer nochmaligen Überarbeitung unterziehen. Hierzu holte er sich anfänglich Unterstützung in Person von Spike Drake ("Babylon Zoo Mixes"), später von Gregg Jackmann, der bereits für den Remix des "Liberator"-Albums verantwortlich war. "Dieses Jahr war sehr seltsam gewesen, das Album hat sich verzögert und verzögert und es ist schon frustrierend. Viele Veränderungen in meinem persönlichen und gesellschaftlichen Leben beschäftigten mich so sehr, dass ich wenig Zeit dazu hatte, um all meinen Hobbys frönen zu können. Das Album ist in der Tat sehr autobiografisch, es geht dabei sehr gezielt um mich", resümierte Andy McCluskey das abgelaufene Jahr 1995 im Newsletter des OMD-Fan-Clubs. 1996 Nigel Ipinson und Phil Coxon, die nach Ende der "Liberator"-Tour Anfang 1994 andere Projekte in Angriff genommen hatten und beim neuen Album nicht mit involviert waren (mit Ausnahme von "Walking On The Milky Way", das Nigel Ipinson zusammen mit Andy geschrieben hatte), verließen OMD nun offiziell. Andy entschloss sich dazu, keine neuen Musiker mehr als feste Bandmitglieder in OMD zu integrieren. So bestand die "Band" ab 1996 allein aus Andy McCluskey. Einzig Stuart Kershaw konnte man weiterhin noch mehr oder weniger als OMD-Musiker bezeichnen. Planungen für eine Tournee, die - wenn überhaupt nicht vor dem Frühjahr 1997 stattfinden sollte, machte Andy nun abhängig von einem Erfolg des Albums.

OMD (1996 bis 1998) - zum Ende hin wieder im Duo: ANDY McCLUSKEY und STUART KERSHAW

Andy McCluskey äußerte sich vor Veröffentlichung des Albums zuversichtlich. Zumindest war er überzeugt davon, seine persönlichen Ansprüche genau so erfüllt zu haben, wie er es beabsichtigt hatte: "Ich habe ein gutes Gefühl, dass ich das Richtige getan habe und das auch aus den richtigen Gründen. Ob sich ein Album verkaufen wird ist aber immer noch eine Lotterie. Es sind jetzt fünfzehn Jahre vergangen seit 'Architecture & Morality', das viele Leute als unser unerreichtes Meisterstück betrachten. Derzeit bin ich der Meinung, dass ich mir das kommende Album in fünfzehn Jahren vielleicht immer noch anhören kann und es als so gut betrachte wie "Architecture & Morality. Das ist mein Maßstab".

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Cover-Artwork der Singles und des Albums - gestaltet von Peter Saville

Am 5. August 1996 erschien schließlich der textlich stark autobiografisch geprägte Song "Walking On The Milky Way" als Single. Das Lied erinnerte wehmütig an die glorreichen Tage der Jugend, warnte aber gleichzeitig davor, das die Zeit nicht zurückgedreht werden könne. Andy sagte später darüber, frustriert über die unverhohlenen Vorbehalte der britischen Medien gegenüber OMD und ratlos darüber, was genau eigentlich deren Problem mit der Band sei: "Wenn 'Oasis' diesen Song veröffentlicht hätten, wäre er wohl ein Welthit geworden". Womit er vermutlich nicht falsch lag, denn "Oasis" hätten mit Sicherheit eine adäquate mediale Unterstützung und Promotion bekommen, zumal man das Lied zweifelsohne als eine der stärksten Singles von OMD seit Jahren bezeichnen konnte. Bei "Virgin" jedoch liefen die Uhren mittlerweile anders - OMD waren nicht mehr erste Wahl des Plattenmultis. Die Werbung für die Single wurde auf das Nötigste beschränkt und so konnte man noch dankbar dafür sein, dass es der Song dennoch in die "Top 20" schaffte und Platz 17 in England erreichte. Wenngleich er auch nicht die "Top 10" zu knacken vermochte, die "Woolworths"-Kette die Single nicht in den Verkauf nahm und der maßgebliche britische Radiosender "Radio One" sie anfangs nicht auf ihre Playlist setzte, wurde "Walking On The Milky Way" nichtsdestotrotz zu einem der größten Radio-Hits der Band. Für den TV-Auftritt in "Top Of The Pops" wurden OMD von einem vollständigen Streichorchester unterstützt und mit der Verwendung des Songs für TV-Werbespots des "Mars"-Schokoriegels im Jahr 1998 wurde der Titel noch zusätzlich im Bewusstsein der Öffentlichkeit verwurzelt. Mit dem Promo-Video zur Single, gedreht unter der Regie von Howard Greenhalgh auf Canvey Island (eine Insel in der Mündung der Themse vor der Küste der Grafschaft Essex, England), lieferte Andy zudem das wohl beste (als auch das teuerste) Video seit Bestehen der Band ab. In Deutschland blieb "Walking On The Milky Way" mit Platz 53 in den Single-Charts jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Kritiker Dave Thompson schrieb später in "Allmusic": "McCluskey lieferte bis dato eine seiner mitreißendsten Performances ab. Mit seiner erhabenen Melodie und einem entsprechend hymnischen Refrain, war diese Single ein verdienter 'Top 20'-Hit in Großbritannien". Den sich wiederholenden "Hey Hey"-Refrain schrieb Andy ursprünglich in der Absicht, bei Live-Konzerten ein sogenanntes "Call and Response" mit dem Publikum entstehen zu lassen. Als Bonustrack der Single wurde das zusammen mit Karl Bartos geschriebene Stück "Mathew Street" veröffentlicht. In besagter Straße - quasi das popmusikalische Zentrum von Liverpool - befand sich u. a. der "Eric's Club" (der erste Auftrittsort von OMD im Jahr 1978), sowie der "Cavern"-Club, wo die "Beatles" ihre ersten Auftritte hatten.

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Das Album "Universal", welches am 2. September 1996 veröffentlicht wurde, ging im Wust der Neuerscheinungen schmählich unter und erreichte einen - gemessen an der Qualität der darauf enthaltenen Songs - unverdienten 24. Platz in den englischen Charts. Überdies entfachte das Album kaum Medieninteresse, bekam wie schon bei "Walking On The Milky Way" nur wenig Radiounterstützung in Großbritannien und auch die großen Ladenketten schenkten dem Album so gut wie überhaupt keine Beachtung. Gleichermaßen nur bedingt beeindruckt, zumindest aber aus überwiegend positivem Blickwinkel betrachtet, urteilte der deutsche "Musikexpress" über "Universal" folgendermaßen: "Die Nachwirkungen der äußerst erfolgreichen 'Simple Minds'-Wiedergeburt haben wir glücklich überstanden, ihren letzten Ohrwurm nur noch rudimentär in unserer Erinnerung. Lust auf mehr? Bitte schön! Um eine anstehende Dürreperiode muß sich wirklich niemand sorgen. Nach ausgiebiger Kreativ-Pause machen sich nun nämlich OMD daran, unser Verlangen nach anspruchsvoller Pop-Musik zu stillen. Das kommt uns in den Cabrio-kompatiblen Monaten freilich ganz besonders recht: sich von sphärisch-geschmeidigen Klängen beflügeln und den Arm aus dem Fenster baumeln lassen, jetzt wird alles gut! Bombast-Pop oberster Güteklasse schon beim Opener 'Universal' - ein Volltreffer! Gleich im Anschluß die Single: 'Walking On The Milky Way'. Weniger druckvoll zwar, aber nicht ohne. Mit allerlei Streicheleinheiten für die Seele geht's denn auch weiter. Alle Achtung! Jetzt aber aufgepaßt, warme Kleidung ist griffbereit zu halten: 'The Gospel Of St. Jude'. Dieser Schuß geht nach hinten los. Na ja, ein Experiment, warum auch nicht? Da meint's das erasuresque 'The Boy From The Chemist' schon wieder besser mit uns. Das Stimmungsbarometer steigt. Letzte Sorgenfalten soeben geglättet, pfeift uns beim orchestralen Tragödien-Schmonz der Marke 'If You're Still In Love With Me' wieder eisiger Wind ins Gesicht. Fazit: Auf der vollen Distanz haben OMD mit deutlichen Konditionsproblemen zu kämpfen...".

Eine Vielzahl der Songs beließ Andy, teilweise bewusst ohne zusätzliche Nachbearbeitung, in der Form, wie sie ursprünglich aufgenommen wurden ("The Moon & The Sun", "The Gospel Of St. Jude"). Einige Stücke klangen sehr nach den "alten" OMD - insbesondere bei Liedern wie dem Titelstück "Universal", das mit seinem langen Intro wehmütig Erinnerungen an vergangene Meisterwerke wie "Stanlow" vom 1980erAlbum "Organisation" oder "Sealand" von "Architecture & Morality" zu erwecken vermochten, sowie bei "The Black Sea", einer wunderschönen, nur von Keyboards und Streichern getragenen Ballade. Für das Lied "The New Dark Age", später als Single-Bonustrack veröffentlicht, entstaubte Andy sogar die original "Farfisa"-Orgel, die für den 1980er-Song "Statues" verwendet wurde. Ungeachtet all dieser Reminiszenzen an frühere Glanzzeiten klang das Album, für das anfangs der Titel "That Was Then - This Is Now" im Gespräch war, über weite Strecken erfrischend anders als alle bisherigen OMD-Alben - das Dritte nach der Trennung von Paul Humphreys und gleichzeitig auch das Letzte, für das Andy zur Lieferung an "Virgin" vertraglich noch verpflichtet war. Bezeichnend für das Desinteresse an der Band und an den teilweise stark hitverdächtigen Albumsongs, wie beispielsweise "Too Late" oder "The Boy From The Chemist Is Here To See You", veröffentlichte "Virgin" knapp zwei Monate darauf, am 21. Oktober 1996, den Song "Universal" als zweite Single - allerdings mit komplett weggekürztem Intro. "Ich glaube nicht an Gott, so gibt es für mich keinen anderen Zweck des Lebens als den, was jeder einzelne daraus macht", fasste Andy McCluskey den Inhalt des Songs kurz und bündig zusammen. Mit dem Titeltrack wurde halbherzig der Versuch unternommen, auf das Album aufmerksam zu machen, was jedoch völlig daneben ging.

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"Universal" kam nicht über den 50. Platz in den britischen Charts hinaus und sollte die letzte reguläre Single der Gruppe OMD für die nächsten vierzehn Jahre gewesen sein.

Andy war überaus frustriert über "Virgins" Art der Vermarktung von OMD, auf die er selbst keinen Einfluss hatte, die jedoch für sein eigenes künstlerisches und finanzielles Überleben von größter Wichtigkeit war. Die Plattenfirma aber priorisierte mittlerweile andere Künstler. Andy McCluskey gab nach dem mehr oder weniger weltweiten Misserfolg von "Walking On The Milky Way" und des Albums "Universal" endgültig resigniert und enttäuscht auf. Andy sah keinen Sinn und vor allem keine Zukunft mehr darin, eine Band weiter am Leben zu erhalten, die ihre Popularität weitgehend eingebüßt hatte und für die sich die breite Masse ganz offensichtlich kaum noch ernsthaft interessierte. Erste Erwägungen bezüglich einer "Universal"-Tournee (zum Teil mit Orchesterbegleitung) wurden fallengelassen - es gab lediglich einige sporadische kleine Auftritte (u. a. 1996 in Torgau/Deutschland im Rahmen der Veranstaltung "Tag der Sachsen"). Am 22. September 1996 stand Andy inoffiziellen Angaben zufolge für drei Songs - "Enola Gay", "Walking On The Milky Way" und "Pandora"s Box" - in Barcelona (Spanien) beim "Port Vell"-Festival zum letzten Mal unter dem OMD-Banner "live" auf der Bühne.

Brach OMD endgültig das Genick - der gitarrenlastige Britpop der 1990erJahre

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1997 Faktisch existierte OMD als Band bereits im Frühjahr 1997 schon nicht mehr. Auch wenn Andy McCluskey viel positives Feedback seitens seiner Fans zum "Universal"-Album erhielt, so war er dennoch überzeugt davon, dass OMD in den Augen der Medien, aber auch in deren vieler anderer Menschen nur noch als eine altmodische Band aus den 1980er-Jahren wahrgenommen wurde. Er resümierte, nicht ohne einen Unterton von Resignation, dass er eine verlorene Schlacht um den Namen OMD gekämpft hatte und es im Nachhinein besser gewesen wäre, sein Produkt unter einem anderen Namen zu veröffentlichen. Dennoch blickte Andy auch positiv in die Zukunft - er hatte keineswegs vor, das Songschreiben aufzugeben oder keine Platten mehr zu veröffentlichen. Doch musste sich seine Arbeit und sein Engagement zumindest wieder lohnen - und sei es auch unter einem anderen Namen, um wieder den Erfolg früherer Tage wiederholen und genießen zu können. Andy äußerte sich dazu im Februar 1997 folgendermaßen: "Für mich ist dies eine schwierige, aber spannende Zeit. Ich bin entschlossen dazu, diese Gelegenheit zur Veränderung zu nutzen, anstatt mit meinem Kopf weiter gegen die Wand der Realität zu rennen. Ich werde weiter Musik machen und hoffe, das man mich auf dieser Reise weiter begleitet, wohin auch immer sie führen mag".

Andy McCluskey, 1998

Um den Zyklus "OMD" endgültig abzuschließen, hatte Andy nun den Plan, zehn Jahre nach der ersten, überaus erfolgreichen "The Best Of OMD"-Compilation ein zweites Album dieser Art herauszubringen, welches die alten Hits der 1980er- und die der 1990er-Jahre auf einer Platte vereinen sollte.

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War zuerst eine Doppel-CD mit Singles und B-Seiten geplant (was letztendlich am Veto von "Virgin" gegen eine B-Seiten-CD scheiterte), so war bald darauf eine Doppel-CD mit erstens den regulären Single-A-Seiten und zweitens mit neuen Remixen der Single-Hits im Gespräch. Dafür musste sich Andy nun ein letztes Mal mit "Virgin" auseinandersetzen, denn die Plattenfirma wollte ihren Vertrag mit Andy nicht weiter fortführen. McCluskey und "Virgin" verhandelten zäh und verbissen, was mit einer außervertraglichen Vereinbarung über die Veröffentlichung des neuen "Best Of"-Albums einen für Andy am Ende zufriedenstellenden Ausgang nahm - wenn auch mit einigen Zugeständnissen und Abstrichen seinerseits. Im Übrigen machte "Virgin" ihre Entscheidung mit davon abhängig, das Andy dafür im Gegenzug unwiderruflich die Plattenfirma verlässt.

Fotoshooting für das zweite "Best Of"-Album: Paul Humphreys und Andy McCluskey, 1998

Ursprünglich plante Andy noch, in Form von fünf bis sechs neuen Liedern aktuelles Material mit in das neue Album, das 1998 herauskommen sollte, zu integrieren und im Zuge dessen sogar eine brandneue Single zu veröffentlichen. Hier tat er sich wieder mit Paul Humphreys zusammen, mit dem er seit seiner neuerlichen Zusammenarbeit im Jahr 1995 in Los Angeles wieder regelmäßig Kontakt hatte. Paul und Andy schwebte hierfür elektronische Musik im Techno-Style à la "Robert Miles & DJ Quicksilver spielen 'Enola Gay' und 'Souvenir'" vor. Das Management von Andy machte außerdem noch den Vorschlag, 1998 eine Art "20 Jahre-Best of OMD-Party-Tour" zu veranstalten. Andy wie auch Paul Humphreys waren diesem Vorschlag gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigt - letztendlich fand diese Tour allerdings nicht statt. Auch gab es am Ende weder eine neue Single, noch weitere neue Songs von OMD. Abseits seines Engagements für das "Best Of"-Album trieb Andy weiter seine Solo-Aktivitäten voran. Ihm schwebte nun mehr eine Songschreiber- und Produzentenkarriere vor und schon bald begab er sich auf die Suche nach Künstlern, die an seiner statt seine Songs singen und spielen sollten. Andy hatte mittlerweile Spaß daran, abseits jeglichen Erwartungsdrucks und ohne darüber nachdenken zu müssen, wie OMD klingen soll oder zu klingen hat, einfache Pop-Songs zu schreiben - seine musikalischen Batterien begannen sich wieder aufzuladen. Darüber hinaus wirkte sich die Trennung von "Virgin", nach fast zwanzig Jahren der Knebelung, noch zusätzlich befreiend auf Andy aus. Bereits im Frühjahr 1987 knüpfte Andy Kontakte zu zwei Musikmanagern aus Liverpool und gemeinsam fassten sie den Plan, zur Gründung einer Girl-Popband, für die sie die Songs schreiben und produzieren wollten, eine Produktionsfirma zu gründen. Paul Humphreys, der den Liverpooler Sänger Thomas Lang und die Band "China Crisis" produzierte und an einem Musikprojekt der deutschen Band "Propaganda" mitschrieb, war mittlerweile wieder aus den USA nach England zurückgekehrt. Das mit Malcolm Holmes gemeinsam geführte Label "Telegraph Records" hatte man mittlerweile verkauft. Paul bekundete ebenfalls Interesse daran, sich an dem neuen Projekt von Andy zu beteiligen.

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Von Juli 1997 ab schrieb Andy nun an Songs für eine Girlband, zusammen mit Stuart Kershaw, Pete und Ken vom Management und Paul Humphreys. Gleichzeitig begann die Suche nach Mädchen im Alter zwischen sechzehn und zweiundzwanzig Jahren, die Popstar werden wollten.

Andy und Paul 1998 während eines gemeinsamen Interviews für den TV-Sender "VH 1"

1998 Zurück zum "Best Of"-Album: Am 14. September 1998 erschien vorab die 3-Track-EP "The OMD Remixes" mit Remixen von "Souvenir" (produziert vom US-amerikanischen Star-DJ und Musiker "Moby"), "Enola Gay" (vom deutschen Dance-Music-Projekt "SASH!") und einem eher fragwürdigen Remix von "Electricity" des französischen Dance-Music-Acts "The Micronauts" um Christophe Monier. Der Gesang von "Souvenir" und "Enola Gay" wurde dafür von Andy und Paul komplett neu aufgenommen. Die ursprüngliche Idee, eine neue Single zu veröffentlichen, wurde nicht realisiert. Hier war die Befürchtung zu groß, das diese erneut nicht im Radio gespielt werden würde - und "Virgin", die selbstredend auf Nummer Sicher gehen wollten, plädierte von vornherein für die Veröffentlichung eines Remixes von "Enola Gay". Die EP erreichte in den englischen Charts Platz 35.

Cover-Artwork der EP und des Albums

Das "Best Of"-Album wurde schließlich am 28. September 1998 als eine Einfach-CD unter dem Titel "The OMD Singles" mit den digital neu abgemischten, bzw. klangtechnisch verbesserten, regulären Singlehits veröffentlicht. Die von Andy gewünschte Doppel-CD mit zusätzlichen Remixen der alten Hits wurde von "Virgin" letztendlich abgelehnt (2002 kam diese zweite CD, u. a. mit Mixen von David Guetta und Joachim Garraud, im Zuge der Wiederveröffentlichung doch noch heraus - allerdings nur in Frankreich). An den Erfolg des zehn Jahre zuvor veröffentlichten "Best Of-Albums konnte diese Compilation allerdings in keinster Weise anknüpfen. Nach nur vier Wochen und Platz 16 in den britischen Charts war man bereits schon wieder am Nullpunkt angelangt. In Deutschland kam das Album knapp auf Platz 30 und verschwand nach fünf Wochen aus der Hitliste.

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SASH!, Moby und The Micronauts

Zur Art der Zusammenstellung des "The Singles"-Albums gab Andy McCluskey folgenden Kommentar ab: "Für einen Fan von OMD bietet dieses Album nichts, was er nicht schon hat. Der ein oder andere würde sicherlich seine eigene, ganz persönliche Auswahl zusammenstellen wollen, aber ich kann das leider nicht. Die Auswahl der Singles auf diesem Album soll gezielt diejenigen achtzehn größten internationalen Hits beinhalten, welche, ob es einem nun gefällt oder nicht, am bekanntesten sind", so Andy, der allerdings nicht versäumte zu erwähnen, das dabei auch zwangsläufig seine ganz persönlichen Lieblingssongs auf der Strecke bleiben mussten: "So sehr ich 'Genetic Engineering' auch mag und das Stück sogar 'Telegraph' vorziehen würde - es wird nun mal nicht im Radio gespielt und die Leute kennen es nicht. Ich habe dies speziell so ausgewählt, weil ich unbedingt auch die besten der neuesten fünf erfolgreichsten Singles der Neunziger auf einer Collection haben wollte. Man könnte argumentieren, dass man auch ein Doppel-Album hätte machen können, aber ich glaube einfach nicht, dass sich jemand durch Songs hindurch quälen möchte, an die er sich nicht erinnert oder durch Lieder, die keine allzu großen Hits waren". Diesem Ausschlussverfahren fiel offensichtlich auch "Secret" zum Opfer, die von Paul komponierte Single aus dem Jahr 1985, die dieser allein schon vom finanziellem Gesichtspunkt her gerne mit auf dem Album gehabt hätte (Stichwort: "Tantiemen"). Andy lehnte dies allerdings ab. Dabei hätte Paul eine kleine Finanzspritze gut gebrauchen können, denn "Virgin" stellte Paul Humphreys - trotz fragwürdiger Rechtslage - fünfzig Prozent der Remix-Kosten für ALLE auf dem Album enthaltenen Songs in Rechnung, was ziemlichen Ärger hervorrief. Fragwürdig deshalb, weil Paul nach dem Rechtsstreit um den Namen "OMD" und dem letztendlichen Verkauf seiner Rechte an Andy weder als Person, noch in rechtlicher Hinsicht ein Teil von OMD mehr war. Einwände seinerseits wurden von "Virgin" lapidar dahingehend abgeschmettert, das er ja mit ihnen vor Gericht gehen könne - wohl wissend, das Paul das Risiko einer Prozessniederlage gegen den Plattenmulti allein schon vom finanziellen Aspekt her nicht eingehen würde. Grundsätzlich war auch Andy mit dieser Aktion seitens "Virgin" nicht einverstanden, doch konnte auch er nicht gegen die Plattenfirma angehen, für die beide immerhin zehn gemeinsame Jahre lang einen beträchtlichen Gewinn erwirtschaftet hatten - was das Milliardenunternehmen allerdings herzlich wenig interessierte. Im Laufe des Jahres 1998 absolvierten Paul und Andy zur Promotion des "The OMD Singles"-Albums trotzdem noch einige gemeinsame Interviews, Fernsehauftritte und Fotoshootings. "Paul und ich genossen die gemeinsamen Interviews zusammen, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob Paul und ich jemals wieder zusammen an etwas Größerem arbeiten könnten. Ich denke einfach, dass wir zu lange in völlig unterschiedlichen Bereichen verbracht haben und ich bin mir nicht sicher, ob wir in der Lage wären, wieder zu einer Zusammenarbeit zurückfinden. Aber wer weiß...?", resümierte Andy McCluskey 1998 ihr kurzes "Comeback" in wiedervereinter Originalbesetzung.

Andy McCluskey und Paul Humphreys traten 1998 für TV-Auftritte wieder gemeinsam als OMD auf: Mit "Electricity" in griechischen Fernsehen (links), mit "Enola Gay" und im original 1980er-Outfit im spanischen TV (rechts)

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Im Herbst 1998 erklärten Andy und Paul in London das (vorläufig) endgültige Aus von OMD - genau zwanzig Jahre nach ihrem ersten Auftritt als "Orchestral Manoeuvres in the Dark" im Liverpooler "Eric’s Club". In einem 1998 geführten Interview wurde Andy die Frage gestellt, welchen Stellenwert OMD seiner Meinung nach wohl in zwanzig Jahren hätten: "Ich denke, ich sollte zufrieden sein, wenn sich an die Band überhaupt noch jemand erinnern wird. Ich vermute, dass OMD für eine Handvoll sehr eingängiger Melodien in Erinnerung bleibt und die mehr seltsamen und ungewöhnlichen Songs, insbesondere die auf den ersten paar Alben, allesamt weitgehend vergessen sein werden", so Andy McCluskey wenig zuversichtlich. Knapp zehn Jahre später sollte sich erfreulicherweise herausstellen, das seine Negativ-Prognose letztendlich so dann doch nicht eingetroffen war...

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KAPITEL 6 (1998 – 2004) ANDY McCLUSKEY UND PAUL HUMPHREYS AUF SOLO-PFADEN

Neue Projekte und Erfahrungen abseits von OMD

1998 erwarb ANDY McCLUSKEY in Liverpool das MOTOR MUSEUM STUDIO und gründete sein eigenes Label ENGINE RECORDS. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten gelang McCLUSKEY im Jahr 2001, zusammen mit seinem musikalischen Partner STUART KERSHAW, als URHEBER, SONGWRITER und PRODUZENT der Girlband ATOMIC KITTEN der WELTWEITE DURCHBRUCH und mit seinem Song WHOLE AGAIN zugleich sein erster NR. 1-HIT in Großbritannien. Dafür wurde er für den IVOR-NOVELLO-AWARD nominiert. Weitere Hits folgten, bevor sich die Band und deren Gründer gerichtlich voneinander trennten. PAUL HUMPHREYS tat sich die kommenden Jahre musikalisch und privat mit CLAUDIA BRÜCKEN, Sängerin der deutschen Synthie-Popband PROPAGANDA, zusammen. Mit ihr gründete er 2004 das Duo ONETWO. ANDY McCLUSKEY dozierte an PAUL McCARTNEY'S Künstlerschmiede LIPA, veröffentlichte mit NAVIGATION - THE OMD B-SIDES und den THE PEEL SESSIONS - Mitschnitten aus den frühen 1980er-Jahren zwei neue OMDCompilationen und scheiterte bei dem Versuch, mit THE GENIE QUEEN erneut eine Girlgroup zum Erfolg zu führen. 2003 wurden die ersten drei OMDAlben als DIGITALLY REMASTERED-Ausgaben veröffentlicht - und ERSTE GERÜCHTE bezüglich einer REUNION von OMD begannen die Runde zu machen.

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A / ATOMIC KITTEN & CLAUDIA BRÜCKEN

Andy McCluskey's erster Nr. 1-Hit - und auch Paul Humphreys baut auf Frauenpower

1998-2004 ANDY McCLUSKEY Die Vergangenheit ruhen lassen und den Blick in die Zukunft richten - dies war nun Andy McCluskey's erklärte Absicht im Hinblick auf seine weiteren musikalischen Aktivitäten, denen er sich nach dem Ende von OMD auch weiterhin widmen wollte. Doch zögerte Andy noch etwas, da er sich im Grunde noch nicht zweifelsfrei klar darüber war, wie sein musikalischer Weg nach dem Misserfolg seines letzten OMD-Albums "Universal" denn überhaupt aussehen sollte. Andy dachte zwar weiterhin daran Songs zu schreiben, allerdings mochte er nicht mehr selbst als Künstler im Rampenlicht stehen. Insbesondere von Tourneen und Liveauftritten hatte er definitiv genug. Trotz seiner anfänglichen Zuversicht kam McCluskey nach einiger Zeit wiederholt an einen Punkt, an welchem er die Musik endgültig aufgeben wollte - überzeugt davon, lediglich seine Zeit zu vergeuden, ohne ein wirklich greifbares Ziel vor Augen zu haben.

ANDY McCLUSKEY, Initiator, Songschreiber und Produzent von "ATOMIC KITTEN", 2002 Mit Sängerin und Co-Songschreiberin Liz McLarnon im Studio (rechts)

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Erst ein Gespräch mit seinem Freund Karl Bartos, dem ehemaligen "Kraftwerk"-Mitglied, brachte ihn dann doch noch zurück auf den Weg. Zuvor aber musste Bartos, der die Songs von Andy schon immer großartig fand, Andy von dessen Songschreiberqualitäten überzeugen, bevor er ihm sinngemäß den folgenden Rat geben konnte: "Wenn du Songs schreiben willst, dann gebe sie nicht einem Verleger in die Hand, in der Hoffnung, dass er sie auch verwenden wird. Du wirst ihm damit immer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Was du tun musst ist, dir selbst ein geeignetes Transportmittel für deine Songs zu erschaffen." Andy nahm sich dies zu Herzen und je länger er darüber nachdachte, desto mehr konnte er sich mit dem Gedanken an eine von ihm selbst zusammengestellte Band, welche seine Songs interpretiert, anfreunden. Im Grunde verabscheute er diese Art von Gruppen aus bunt zusammengewürfelten Musikern ja auch nicht, solange sie nur gute Musik machten. Schon seit den Anfängen des Musikbusiness gab es etliche solcher "gecasteten" Bands, die auch Andy gefallen haben, ob dies nun die "Supremes" waren, die "Monkees" oder später in den 1980er-Jahren die britische Mädchenband "Bananarama". McCluskey entschloss sich schließlich dazu, ebenfalls mit talentierten Mädchen zu arbeiten, da Boybands wie "Take That" absolut nicht seine Sache waren. Und für eine Rockband Songs zu schreiben kam ebenfalls nicht für ihn in Frage. Also lief am Ende alles auf eine Girl-Pop-Band hinaus. "Bananarama", "The Supremes", "The Ronettes" - alle berühmten Girlgroups bestanden in der Regel aus drei Mitgliedern und so machte sich Andy nun auf die Suche nach "seinen" drei Mädels. Bereits im Juli 1997 begann er damit, unter anderem mit Stuart Kershaw, eine Band zusammenzustellen allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Aufgrund interner Spannungen untereinander verliefen erste musikalische Gehversuche mit Jo Jeffries, Heather Leigh, Joanne Mannion, Rebecca Rudd und Jan Carr nach einiger Zeit schon wieder im Sande.

McCluskey's Song "Whole Again" wird Nr. 1 - und auch das Album "Right Now" erreicht die Spitze der UK-Charts

Mitte 1998 organisierte Andy McCluskey zusammen mit Martin O’Shea im Liverpooler Club "L2" ein Casting. Und die Suche erwies sich als erfolgreich - mit den allesamt aus Liverpool stammenden jungen Mädchen namens Liz McLarnon, Kerry Katona und Heidi Range war das erste Line Up der anfänglich noch "Honeyhead" genannten, kurze Zeit später dann nach dem Modelabel "Automatic Kitten" umbenannten Girlgroup perfekt. Die fünfzehnjährige Heidi Range verließ jedoch nach einigen Monaten die Band in Richtung "Sugababes" und wurde durch die sechzehnjährige Natasha Hamilton ersetzt. Andy und Stuart schrieben zahlreiche Songs für die drei Nachwuchstalente und nach einigen Monaten an ausdauernden Proben trat die Band zum ersten Mal im "Paradox"-Nachtclub in Aintree/Liverpool unter dem Namen "Atomic Kitten" auf. Andy hatte offensichtlich zur richtigen Zeit die richtigen Leute gefunden - und vor allem auch die richtigen Songs geschrieben. Zwischenzeitlich, etwa um Mitte 1999 herum, gründete er zusammen mit Stuart Kershaw und Martin O'Shea das für Liverpooler Newcomer initiierte Label "Engine Records Ltd". Damit beabsichtigte Andy, eine Anlaufstelle für junge Bands und Künstler zu schaffen, indem er ihnen dabei half, durch seine langjährige Erfahrung im Musikgeschäft den Weg zu einer Karriere zu ebnen. Unter anderem auch mit kostenloser Aufnahmezeit in seinem mittlerweile eigenen, von Hambi Haralambous erworbenen Studio dem "The Pink Museum" - im Herzen von Liverpool, wo er zu Anfang des Jahrzehnts sein "Sugar Tax"Album aufgenommen hatte und es nun unter den Namen "The Motor Museum" weiterführte.

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Das Erfolgsteam hinter "Atomic Kitten": Andy McCluskey und Stuart Kershaw

Was den kommerziellen Erfolg von"Atomic Kitten" betraf: Da gab es zu Anfang erst einmal reichlich Sand im Getriebe. McCluskey hatte so einiges an Schwierigkeiten zu überwinden, da schon bald das gesamte Projekt auf Messers Schneide stand und womit im Grunde niemand gerechnet hatte. Denn ungeachtet erster, eigentlich sehr zufriedenstellender Charterfolge mit den von Andy McCluskey und Stuart Kershaw geschriebenen Titeln "Right Now" (veröffentlicht im Dezember 1999), "See Ya" (2000) und "I Want Your Love" (2000), die alle drei unter die "Top 10" in Großbritannien kamen, sollte die Band, die bei "Innocent Records" unter Vertrag stand, von deren Muttergesellschaft "Virgin" bereits wieder fallengelassen und aus ihrem Vertrag entlassen werden.

Die britischen Produzenten und Songwriter Bill Padley und Jem Godfrey von "Wise Buddah Music"

Genau zu dieser Zeit wurde der Titel "Whole Again", geschrieben von Andy McCluskey und Stuart Kershaw, als Singleveröffentlichung ins Auge gefasst. Der Besitzer von "Innocent Records", Hugh Goldsmith, war - wie auch Andy - fest davon überzeugt, dass dieser Song ein Megahit werden würde. Goldsmith bekniete "Virgin" nun so lange, bis sie schließlich doch noch einlenkten, ein relativ kleines und limitiertes Werbebudget dafür bewilligten und den Song (in einer von Bill Padley und Jem Godfrey nachproduzierten und überarbeiteten Version) schließlich als Single veröffentlichten. Goldsmith und McCluskey sollten recht behalten: "Whole Again" erwies sich im Sommer 2001 als weltweiter Megaseller, verkaufte sich über zwei Millionen Mal und erreichte in den britischen Charts Platz 1 - diejenige Spitzenposition, die Andy mit OMD in England zeitlebens versagt blieb. Der Song wurde später sogar in zwei Kategorien für den berühmten "Ivor Novello Award" für Komponisten und Songwriter nominiert. Auch das von Andy und Stuart zum Großteil geschriebene und in Eigenregie produzierte Debütalbum "Right Now", welches aufgrund "seiner Wiederbelebung von Stilelementen des New Wave" recht gute Kritiken erhielt, folgte der Single im Anschluss daran an die Spitze der englischen Charts. Weitere Hits und der Aufstieg von "Atomic Kitten" zu weltweiten Superstars folgten.

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"Atomic Kitten"-Manager Martin O'Shea (links) und Hugh Goldsmith von "Innocent Records" (rechts)

Die nun schon seit 端ber zehn Jahren andauernde Zusammenarbeit von Andy McCluskey und Stuart Kershaw hatte sich mittlerweile zu einem kongenialen Teamwork entwickelt und soweit gefestigt, das es dem von McCluskey und Paul Humphreys in den 1980er-Jahren in nichts nachzustehen schien - im Gegenteil - es sich schon fast als wesentlich erfolgreicher darzustellen vermochte. "Grunds辰tzlich sind Stuart und ich sehr unterschiedliche Menschen, was unseren Charakter und unsere musikalischen Einfl端sse angeht", beschreibt Andy McCluskey ihre Partnerschaft. "Stuart tut und schreibt Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, wie und warum er sie macht und ich sie selbst sicherlich so nicht tun w端rde. Aber es ist toll, einen Zugang zu all diesen unterschiedlichen Stilen und Sounds zu haben und das ist genau das, was er in das Songwriting-Team einbringt".

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Probleme speziell mit Leuten aus dem engeren Umfeld der Band ließen allerdings nicht lange auf sich warten und warfen erste Schatten über das gesamte Projekt. Zum Einen verließ Kerry Katona (zwischenzeitlich verheiratet mit dem "Westlife"-Mitglied Brian McFadden) aufgrund ihrer ersten Schwangerschaft die Gruppe und musste durch Jenny Frost (Sängerin bei der Gruppe "Precious") ersetzt werden. Zunehmend pochten die "Kittens", denen der Starruhm ganz offensichtlich zu Kopf gestiegen war, nun auch auf ein Mitspracherecht beim Songwriting, auf die Umsetzung ihrer eigenen Ideen in den Songs und auf mehr Geld. Zum Anderen vertraute das Management der Band (auf das McCluskey und Kershaw keinen Einfluss hatten) nun zunehmend etablierten Hitschreibern das Songwriting an und drängte damit McCluskey und Kershaw als Komponisten und Produzenten unweigerlich ins Abseits.

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So waren die beiden eigentlichen Initiatoren der Band am zweiten Album "Feels So Good", das 2002 erschien, schon so gut wie nicht mehr beteiligt. Mitte 2002 zogen McCluskey und Kershaw daraus die Konsequenzen und trennten sich von den Mädchen - nachdem sich Anwälte und Gerichte eingeschaltet hatten und man McCluskey einen verbalen Maulkorb betreffend aller internen Angelegenheiten der Gruppe verpasste. Bis auf den heutigen Tag ist es ihm - mit Ausnahme von Kerry Katona und Heidi Range verboten, mit seinen früheren Schützlingen zu sprechen. Das 2003 veröffentlichte dritte und letzte Album erhielt wegen seines belanglosen Mainstream-Pops durchweg vernichtende Kritiken und Anfang 2004 kam es dann auch unweigerlich zum Split von "Atomic Kitten". Im Juni 2006 konnte die wiedervereinigte Band mit der Charity-Single "Cradle" nochmals eine "Top 10"-Position in den britischen Charts erklimmen einem Song geschrieben von ihren Entdeckern Andy McCluskey und Stuart Kershaw, ohne deren Hilfe die "atomaren Kätzchen" heute wohl bestenfalls Klamotten in irgendeiner Liverpooler Boutique verkaufen würden (oder in Anbetracht der Vergangenheit von Kerry Katona immer noch als Lap-Dancer ihr Geld verdienen müssten). "Atomic Kitten" zählen, gemessen am Umsatz, noch heute zu den weltweit erfolgreichsten Girlgroups des 21. Jahrhunderts.

Auch ein Thema in der Presse: "Atomic Kitten" und ihre Trennung von Andy McCluskey und Stuart Kershaw

Insgesamt siebzehn Songs schrieben Andy McCluskey und Stuart Kershaw für "Atomic Kitten" größtenteils zu Zweit, aber auch zusammen mit anderen Songschreibern (siehe Klammer) oder gemeinsam mit Sängerin Liz McLarnon. Für das Album "RIGHT NOW": 01) 02) 03) 04) 05) 06) 07)

WHOLE AGAIN (Kershaw, McCluskey, Godfrey, Padley) RIGHT NOW (Kershaw/McCluskey) TOMORROW AND TONIGHT (Kershaw, McCluskey, Ruffin) GET REAL (Kershaw, McCluskey) TURN ME ON ((Kershaw, McCluskey) HIPPY (Kershaw, McCluskey) CRADLE (Kershaw, McCluskey, Strudwick)

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08) 09) 10) 11) 12) 13) 14)

BYE NOW (Kershaw, McCluskey, Foster) STRANGERS (Kershaw, McCluskey) SEE YA (Kershaw, McCluskey, McLarnon) I WANT YOUR LOVE / ALL THE RIGHT THINGS (Kershaw, McCluskey, McLarnon) REAL LIFE (Kershaw, McCluskey, Carr) DO WHAT YOU WANT (Kershaw, McCluskey) HOLIDAY (Kershaw, McCluskey)

Für das Album "FEELS SO GOOD": 15) WALKING ON THE WATER (Kershaw, McCluskey) 16) THE MOMENT YOU LEAVE ME (Kershaw, McCluskey, McLarnon) 17) NO ONE LOVES YOU (LIKE I LOVE YOU) (Kershaw, McCluskey)

Im Studio: Stuart Kershaw und Andy McCluskey

PAUL HUMPHREYS Paul Humphreys war 1999/2000 für sein Label "Telegraph Records" im südfranzösischen Cannes unterwegs, um dort Verträge für seine Bands zu ergattern und sich im Rahmen der dort stattfindenden "MIDEM" mit einem (vermeintlichen) Interessenten an seinen Künstlern zu treffen. Im Verlauf dieses Treffens stellte sich allerdings heraus, dass dieser weniger an Pauls Schützlingen interessiert war, als vielmehr daran, ein Label für eine deutsche Sängerin zu finden, die Paul bereits in den 1980er-Jahren flüchtig während einer OMDTour kennengelernt hatte. Es handelte sich um Claudia Brücken, ehemalige Sängerin der deutschen Synthie-Band "Propaganda", die in den 1980er-Jahren solch bekannte Hits hatte wie "Dr. Mabuse", "Duel" und "p:Machinery". Claudia hatte keinen Songwriter für ihr geplantes Solo-Projekt und so kam es, dass Paul mit Claudia Kontakt aufnahm und beide damit begannen, gemeinsam an Ideen zu arbeiten: "Unser Projekt stoppte, weil es eine Wiedervereinigung der Ur-Besetzung von 'Propaganda' geben sollte. Claudia verwendete einige Jahre auf dieses Projekt, das aber 2002 endgültig gekippt wurde. Einiges aus der Arbeit von Claudia und mir war in die Arbeit für 'Propaganda' übergegangen", so Paul Humphreys. Später dann erhielt Paul überraschenderweise einen Anruf von Andy McCluskey, der ihm mitteilte, dass ihm (bzw. OMD) eine USA-Tour angeboten wurde, was er für seine Person allerdings abgelehnt hätte. So fragte er also Paul, ob er diese Tour machen wollte. Zuerst war Humphreys etwas unsicher, sagte dann aber doch zu und ging zusammen mit Claudia und einer von den Promotern angemieteten, amerikanischen Session-Band zwischen August und Oktober 2000 auf Club-Tour durch die USA, mit Auftritten in Salt Lake City, Anaheim, Los Angeles, Seattle, Scotsdale, Chicago, sowie im mexanischen El Paso.

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PAUL HUMPHREYS "live", 2000

Claudia war von Anfang an von der Zusammenarbeit mit Paul und auch von den Gigs begeistert, da sie schon lange keine Konzerte mehr gegeben hatte. Beide probierten auf der Bühne auch viele ihrer eigenen Songs aus, welche sie über die Zeit gemeinsam geschrieben, aber nirgendwo hatten unterbringen können. Ihr Teamwork funktionierte reibungslos, sodass die zwei mit dem Gedanken spielten, zusammen eine Band zu gründen. Zu diesem Zeitpunkt hatten Paul und Claudia allerdings noch diverse andere Verpflichtungen, die ein gemeinsames Wirken im Hinblick auf ein eigenes Projekt noch um einige Jahre verschieben sollten.

Paul Humphreys und Claudia Brücken "live" im "The Key Club", Los Angeles, USA, 21.09.2000

Was anfangs noch dergestalt geplant und mit Andy McCluskey einvernehmlich abgesprochen war - nämlich dass Paul nur diejenigen Stücke von OMD spielen und singen sollte, die er selbst auch dort gesungen hatte änderte sich jedoch schon bald dahingehend, dass noch viele weitere Songs von OMD zum Programm hinzukamen. Neben ein paar vereinzelten "Propaganda"-Tracks, einem Cover von David Bowies "This Is Not America", sowie zwei eigenen Titeln namens "Anonymous" und "Gone For Good" (ursprünglich geschrieben für Tina Turner), wurden die Konzerte am Ende überwiegend mit Songs von OMD bestritten entgegen der Vereinbarung mit seinem früheren Partner McCluskey. So standen neben "Secret", "Forever Live And Die" und "Souvenir" plötzlich auch Lieder wie "Messages", "Locomotion", "Women III", "Almost", "Talking Loud And Clear", "If You Leave", "Telegraph", "Dreaming", "So In Love", "Electricity" und "We Love You" auf der Setlist. Abgesehen davon, kündigten die Konzertpromoter vor Ort diese Konzerte (angeblich ohne Wissen von Paul) als OMD-Konzerte bzw. "OMD - featuring Paul Humphreys"-Gigs an, was zu zusätzlichen Spannungen zwischen den beiden führte. Als dann teilweise auch noch Andy McCluskey auf den Plakaten mit abgebildet wurde, war für diesen das Maß endgültig voll.

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Hier kam nun erneut der alte Streit bezüglich der Verwendung des Namens "OMD" ins Spiel und das Recht war im vorliegenden Fall eindeutig auf der Seite McCluskey's.

Paul Humphreys in Jahr 2000 (links) Die deutsche Synthie-Popband "Propaganda" mit Claudia Brücken (Mitte links und rechts)

Diese Meinungsverschiedenheiten waren schließlich auch der Grund für die Absage von Andy bezüglich einiger Reunion-Auftritte von OMD zusammen mit "Culture Club", die auf Anregung von Graham Weir hin und mit Zustimmung von allen früheren Mitgliedern - sprich von Andy, Paul, Malcolm und Martin zeitweilig im Gespräch waren.

Claudia Brücken und Paul Humphreys, 2000 (links) Paul Humphreys "live" in Anaheim, 2000 (rechts)

Paul Humphreys und Malcolm Holmes, 2000

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B / McCLUSKEY und HUMPHREYS AUF DEM WEG INS 21. JAHRHUNDERT Paul McCartney, Martin Gore, OneTwo & Genie Queen - und neue Releases von OMD

ANDY McCLUSKEY 2003 Produzent, Label- und Studiobesitzer und Dozent an Paul McCartney"s "LIPA"

Der Start ins neue Jahrtausend wurde den Fans von OMD mit einem ganz besonderen Leckerbissen versüßt. Denn im April 2000 veröffentlichte "Virgin" posthum und ganz offiziell ein weiteres OMD-Album als CD "Peel Sessions 1979-1983". Die Platte enthielt exakt alle Songs, die OMD in den Jahren 1979, 1980 (zwei Shows) und 1983 für die "Late Night-Show" des Kult-Radiomoderators John Peel und den "BBC"-Sender "Radio One" aufgenommen hatten (lediglich auf die spätere Version von "Bunker Soldiers", welche nach der ersten Show 1979 noch einmal in der vierten Show 1983 gespielt wurde, hatte man verzichtet). Als Bonustrack fügte man zusätzlich die bisher nicht auf CD erhältliche "Factory FAC6"-Version der ersten Single "Electricity" hinzu. Einen weiteren Grund zur Freude aller Anhänger gab es dann schon bald darauf im Jahr 2001, als mit dem Album "Navigation - The OMD B-Sides" eine von Andy McCluskey persönlich zusammengestellte Auswahl an überwiegend älteren Bonustracks der Singles erschien. Der bislang unveröffentlichte "Paul Collister-Mix" von "Almost" wurde als Extra-Dreingabe noch zusätzlich mit auf die Compilation gepackt.

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Allerdings waren diese beiden Alben kein Thema mehr, was die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit oder irgendwelche Verkaufscharts betraf. Außerdem erschienen zwischen 2001 und 2003 noch einige sogenannte "Tribute"-Alben, mit teilweise exzellenten OMD-Coverversionen junger Bands und Künstler. Das gerade begonnene Zeitalter der elektronischen Medien ging auch an OMD nicht spurlos vorüber. 1993 wurde das Internet über das neu geschaffene "World Wide Web" für jedermann via PC zugänglich und nutzbar gemacht, sodass bereits 1995 auf Initiative des Amerikaners Pat Fetty die erste, inoffizielle Website über OMD - www.omdweb.com - an den Start gehen konnte. Offiziell war und ist die Band seit 2001 unter der Adresse www.omd.uk.com zu erreichen, die ursprünglich von Paul Browne im Auftrag von Andy McCluskey betreut wurde (mittlerweile direkt über das Management). Die immer noch große Anhängerschaft von OMD hatte nun erstmals die Möglichkeit, so eng wie nie zuvor zusammenzurücken, sich weltweit untereinander kennenzulernen und ihre Leidenschaft für die Band global vernetzt ausleben zu können. Alle wichtigen Informationen über die Gruppe waren nun per Mausklick in Sekunden abrufbar und es entstand eine rege interaktive Kommunikation unter den Fans rund um den Erdball. Weitere sogenannte "Fansites" entstanden, so z. B. "Motion & Heart" von Neil Taylor (www.omd.me.uk) und "cOMpileD" (www.omdweb.com/compiled) von Kevin Pretlove (beide Großbritannien) - nur um die beiden Wichtigsten zu nennen. Hervorzuheben ist hierbei besonders die Arbeit von Kevin Pretlove, Ian Hayter und Mark Crouch, die 1997 in gedruckter Form erstmals eine vollständige Werkschau über das musikalische Schaffen von OMD zusammenstellten. Ab 1998 dann wurde diese erste umfassende Diskografie von OMD zusätzlich noch online als unverzichtbares Nachschlagewerk für alle Fans und Sammler zur Verfügung gestellt. Am 21. Oktober 2002 ging schließlich die maßgebliche, deutsche Fansite an den Start - ursprünglich unter dem Link "www.omd-germany.de", ab Oktober 2006 dann unter www.germanmanoeuvres.com, nachdem zuvor bereits Marco Puckert und Frank Braun ("OMD-Berlin") erstmals deutschsprachige Fanseiten ins Netz gestellt hatten. Abgesehen von seinem beruflichen Erfolg als Produzent und Mastermind von "Atomic Kitten", begann für Andy McCluskey das Millenium auch im privaten Bereich recht positiv. So heiratete er am 6. August 2001 nachdem sie mit einigen Unterbrechungen bereits siebzehn Jahre zusammen gewesen waren - seine aus Amerika stammende Frau Toni Ann Morris und lebte mit ihr und seinen zwei Kindern - Sohn James und Tochter Charlotte - in Frankby/Wirral Peninsula. Der bekennende Fan vom englischen Fußballclub "FC Liverpool" wurde zudem von keinem Geringeren als Ex-"Beatle" Sir Paul McCartney als Gastdozent an dessen "Liverpool Institute For Performing Arts (LIPA)" berufen, wo Andy im Sommer 2003 von McCartney persönlich für seine dortige Arbeit zum sogenannten "Companion" (Begleiter) ausgezeichnet wurde. "Begleiter" innerhalb der "LIPA" sind Personen, die eine außergewöhnliche Karriere im Bereich der Darstellenden Künste vorweisen können. Sie verbringen Zeit mit den Studenten und teilen mit ihnen ihre Erfahrungen und Erlebnisse.

JENNIFER ELLISON (links) ANDY McCLUSKEYS zeitweiliger Arbeitsplatz - Das "Liverpool Institute For Performing Arts (LIPA)" (rechts)

Nach Beendigung seiner Tätigkeit für "Atomic Kitten" blieb McCluskey fürs Erste seiner bisherigen musikalischen Richtung treu. So schrieb und produzierte er noch im selben Jahr zusammen mit Stuart Kershaw zwei Songs für den damals in England sehr bekannten Seifenopern-Star Jennifer Ellison, die sich vom musikalischen Stil her allerdings kaum vom gewohnten Material seiner Ex-Girlgroup unterschieden.

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Lediglich das Stück "Silent Footsteps" wurde davon als Bonustrack ihrer Single "Baby I Don't Care" veröffentlicht. Ein weiterer Titel namens "Heaven In My Heart" verblieb bis heute im Archiv.

THE GENIE QUEEN

Wahrscheinlich war es das vermeintlich narrensichere Erfolgskonzept von "Atomic Kitten", das Andy McCluskey dazu veranlasste, 2003 erneut eine Girlgroup aus der Taufe zu heben. "The Genie Queen" - so der Name der Band - setzten sich ursprünglich zusammen aus Abbey Clancy, Lauren Blake und Anna Ord. Nach Lauren's Austieg stießen Ani Saunders und Gemma zur Band. Allesamt stammten sie aus der Gegend der Liverpooler Merseyside und beherrschten neben ihrem Gesang auch noch zusätzlich das Spielen von Instrumenten. Abbey Clancy kann man als der eigentliche Auslöser für "The Genie Queen" bezeichnen. Sie war es, die 2003 bei Andy McCluskey - kurz nach seiner Trennung von "Atomic Kitten" - anklopfte und nachfragte, ob er ihr bei dem Wunsch behilflich sein könne, Sängerin zu werden. Da Andy zu dieser Zeit zwar keine konkreten Zukunftspläne hatte, allerdings auch keine Einzelkünstler betreuen wollte, machte sie sich in der Boutique, in der sie arbeitete, auf die Suche nach geeigneter Unterstützung zur Gründung einer Gesangsgruppe. Diese fand sie dann auch in Person von Lauren Blake und Anna Ord.

Daraufhin nahm Andy das ursprüngliche Trio bei seinem "White Noise"-Label unter Vertrag. Die Mädels begannen anschließend mit einer Tanz- und Gesangsausbildung und zusammen mit Andy McCluskey, sowie einem weiteren Produzententeam in Stockholm (Schweden), wurden einige Songs aufgenommen, die sich musikalisch jedoch sehr von denen der Band "Atomic Kitten" unterscheiden sollten und mehr in Richtung angesagtem "R'n'B" tendierten. So auch der Titel "What A Girl Goes Through", welcher mit Samples von OMD's 1981er-Hit "Souvenir" unterlegt wurde. Auch traten "Genie Queen" einige Male "live" auf, u. a. als Vorband der britischen Gruppe "Blue". Nach drei Jahren intensiver Zusammenarbeit gab Andy das Projekt schließlich im Frühjahr 2006 endgültig auf. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war letztendlich das vergebliche Bemühen von McCluskey, die Band bei einer großen Plattenfirma unterbringen zu können. Für die großen Major-Companies war der "Girlband"-Trend bereits schon wieder vorüber. Allein Abbey Clancy, seit 2011 verheiratet mit dem britischen Fußballstar Peter Crouch, sowie mit einigen Abstrichen noch Anna Ord, vermochten im Anschluss daran als Unterwäsche-Model und TV-Moderatorin weiter im Rampenlicht zu stehen.

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THE GENIE QUEEN Die Band bei ihrem ersten Liveauftritt - mit Andy McCluskey im Publikum

Von "Genie Queen" gab es nie ein wirklich offizielles Release, jedoch kursier(t)en einige Songs der Band im Internet. Bekannt sind lediglich die folgenden Stücke: "What A Girl Goes Through", "Fingerlickin", "Pleasureground" und "Let The Music Play", welche von Andy McCluskey für kurze Zeit und in voller Länge als Download bereitgestellt wurden. Des Weiteren existiert(e) in "YouTube" ein Video mit Ausschnitten aus den Songs "All I Do", "Bringin' It" und "Way Over You". Mindestens noch sieben weitere Titel sind bekannt - von denen jedoch (auf legalem Wege) keine Aufnahmen erhältlich sind: "Out Of Control", "Undercover Love", "Boomerang", Don't Let Me Go", "Easy Now", "Something About You" (mit Samples des "Eurythmics"-Klassikers "Sweet Dreams (Are Made Of This)" - und man höre und staune - "Resist The Sex Act", den Andy für OMD und das 1996 erschienene "Universal"-Album geschrieben und aufgenommen hatte - aber nie veröffentlichte.

Paul Humphreys bekam derweil mit der Fortsetzung seiner Zusammenarbeit mit Claudia Brücken wieder festen Boden unter die Füße. Die beiden, die auch auf privater Ebene zusammenfanden und sich mittlerweile im Norden Londons häuslich niedergelassen hatten, schrieben nun in Gemeinschaftsarbeit an diversen Songs, wobei Paul hauptsächlich für die Musik und Claudia überwiegend für die Texte zuständig war. Zu Beginn des Jahres 2004 gaben sie ihrem Projekt schließlich den Namen "OneTwo" und veröffentlichten im Herbst desselben Jahres auf ihrem eigenen, neugegründeten Label "therethere" eine EP mit dem Titel "Item", auf der Paul auch endlich wieder zu seinen elektronischen Wurzeln zurückfand.

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ONETWO Claudia Brücken & Paul Humphreys

Die EP enthielt fünf brandneue Songs der beiden: Der mit Unterstützung von Andy McCluskey geschriebene Titel "Sister" (welcher vom frühen Tod von Pauls Schwester Sue handelt), "Signals", "Element Of Truth", sowie eine überraschende Zusammenarbeit mit "Depeche Mode"-Mastermind Martin Gore beim Stück "Cloud 9". Diese Zusammenarbeit war für Paul Humphreys, der seit der gemeinsamen Tour von OMD mit "Depeche Mode" Ende der 1980er-Jahre mit ihm befreundet ist, etwas ganz Besonderes - ist Gore doch eigentlich als ziemlicher Eigenbrödler bekannt und hatte in der Vergangenheit noch nie wirklich als CoAutor für andere Künstler agiert. Dazu Claudia Brücken: "Da ich so lange solo gearbeitet hatte, habe ich immer nach Möglichkeiten der Kollaboration gesucht. Denn eigentlich habe ich immer Ideen für Songs im Kopf. Bei einer dieser Ideen habe ich eine kleine Akkordsequenz auf der Gitarre geschrieben. Ich hatte auch beinahe den gesamten Text zusammen und die Melodien der Strophen ausgearbeitet, aber mein Wissen über Akkorde auf der Gitarre ist sehr begrenzt. Daher dachte ich darüber nach, wer helfen könnte. Und dann fiel mir wirklich Martin ein, der in London ganz in der Nähe wohnt. Ich dachte an Martin aber nie als den Martin Gore von 'Depeche Mode', sondern an Martin, den genialen Songschreiber und Gitarristen. Freunde sind wir schon lange. Und er war gerade zu Hause, also rief ich ihn einfach an. Wir trafen uns, und ich spielte ihm das bisschen, das ich hatte vor und bat ihn, mir zu helfen, diesen Song zu Ende zu schreiben. Er lehnte ab, weil er nie zuvor mit jemandem zusammen komponiert habe. Ich sagte, er solle sich keine Gedanken machen, ein wenig an diesem Stück herumprobieren und es einfach wegwerfen, wenn es nicht funktionieren würde. Doch nach ein paar Tagen rief Martin an und sagte, er sei fertig. So ist unsere Single 'Cloud Nine' entstanden".

Martin L. Gore

Verkauft wurde das Werk ausschließlich auf der damals neugegründeten, musikalischen Internetplattform des Internetauktionshauses "eBay" - "UeberSonik" - und man konnte in den ersten Monaten auch tatsächlich einige tausend Exemplare der EP auf diese Art absetzen.

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Zusätzlich zu "OneTwo" produzierte Paul für "therethere" das Album "Another Language" von Claudia Brücken und dem Pianisten/Komponisten Andrew Poppy. Am 30. September 2004 gaben "OneTwo" ihren umjubelten Debüt-Auftritt in London-Islington. Damit trat Humphreys erstmals seit 1986 wieder auf einer Bühne in England auf. Neben einigen Titeln von Claudias Ex-Band "Propaganda" und natürlich allen Titeln der EP von "OneTwo", wurden an diesem Abend, mithilfe einiger befreundeter Musiker, vor etlichen treuen Anhängern auch viele alte Songs von OMD gespielt. Beeindruckt vom unerwarteten Erfolg - welcher zum überwiegenden Teil aus dem positiven Zuspruch seitens der Fan-Lager ihrer beiden früheren Gruppen resultierte - kündigten Paul und Claudia schließlich eine weitere Veröffentlichung in Form eines Albums und auch die Fortsetzung der Konzerte an. Von einem Release des Albums bei einem großen Major-Label sahen Paul und Claudia allerdings weiterhin ab, obwohl Anfragen dafür vorlagen. Denn nach Ansicht von Paul "werden ältere Künstler hauptsächlich wegen ihres Namens und ihres Backgrounds unter Vertrag genommen, nach ein paar Wochen Aufmerksamkeit aber schnell wieder fallengelassen, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen". Claudia und Paul machten sich durchaus so ihre Gedanken zur allgemeinen Situation der Schallplattenindustrie, die sie in einem Interview mit "Discover.de" in klare Worte fassten: "Die Achtzigerjahre waren eine völlig andere Zeit als die heutige. Das gilt sowohl für die Künstler als auch für die Musikindustrie. In den Achtzigerjahren hatten die Bands einfach bessere Chancen auf eine lange Karriere, weil die Plattenfirmen dafür ausgestattet waren, talentierten Künstlern auf die Sprünge zu helfen und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Es war einfach in Ordnung, mal ein Album zu haben, das sich nicht besonders gut verkaufte, weil dann das nächste wieder ein Erfolg werden würde. Die Industrie hatte damals die Mittel, um bis zu einem gewissen Grad auch Misserfolge zu unterstützen. Das erlaubte uns Künstlern wiederum, dass wir uns entwickeln und uns auf diesem Weg Erfahrung aneignen konnten", so Claudia Brücken. Paul Humphreys sah dies ähnlich, machte allerdings auch seinem Unmut gegenüber der modernen Unsitte Luft, Musik illegal im Internet zu downloaden: "Aus vielen Gründen hat die Musikbranche heute keine finanziellen Quellen mehr, die für die Entwicklung von Künstlern notwendig wären. Besonders tragisch ist es inzwischen, dass viele Plattenlabel dem Künstler die Tür zeigen, wenn er auch nur einen Flop landet. Da die Plattenfirmen nicht mehr flüssig sind, können sie sich keine Künstler mehr abseits des Mainstreams leisten. Ursache für dieses fehlende Geld in der Branche ist hauptsächlich das Fortschreiten der Technik, das digitale Zeitalter, das den meisten Einfluss auf unseren Beruf in den letzten 20 Jahren hatte. Die Industrie hat es einfach versäumt, mit der Entwicklung im Internet Schritt zu halten, so dass der illegale Download immer populärer werden konnte und so der Branche Unsummen von Geld abgesaugt hat. Aber heute ist nicht alles schlecht, es bewegt sich zurzeit wieder viel im Independent-Bereich, das geschieht periodisch. Die großen Plattenlabel hetzen den großen Geldbatzen hinterher und verschlingen sich schließlich gegenseitig, während die kleineren Label interessante Musik veröffentlichen".

ONETWO - "Live"-Premiere in London ,2004

Wie begannen die anderen, ehemaligen Wegbegleiter von Andy und Paul das neue Jahrtausend?

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Gemälde von MARTIN COOPER Foto: www.martincooper.uk.com

Martin Cooper zog sich komplett aus dem Musikbusiness zurück, veräußerte sogar seine gesamten Instrumente und widmete sich fortan ausschließlich seiner langjährigen Passion, der Malerei. Viele seine Bilder wurden auf den verschiedensten Ausstellungen in Großbritannien und in Übersee präsentiert und sind auch in vielen privaten Sammlungen zu finden. Für seine Gemälde, die überwiegend ruhig-harmonische Stillleben thematisieren, wurde Martin 1998 in der Londoner "Mall Gallery" mit dem "Sponsors Prize" ausgezeichnet. Während er mit seinen ehemaligen Bandkollegen Paul und Malcolm nur noch sporadisch Kontakt hatte, pflegte Martin mit Andy ein sehr freundschaftliches Verhältnis und hatte - trotz des Auseinanderfallens der Band - immer das beste Verhältnis von allen zu ihm. Beide wohnten auch nur knapp zwei Kilometer voneinander entfernt in der Nähe von West Kirby/Wirral. Ihre Kinder besuchten sogar zusammen dieselbe Schule. Auch mit David Hughes, dem zeitweiligen Mitglied von OMD im Jahr 1980, hielt Martin immer noch Kontakt. So besuchten ihn David und Andy beispielsweise im September 2003 zu Hause in Greasby, Wirral Merseyside, nachdem er sich wegen chronischer Rückenprobleme, unter denen er schon seit längerer Zeit litt, einer OP hatte unterziehen müssen. Martin Cooper lebt zusammen mit Alexandra Bibby, einer klassischen Pianistin und hat mit ihr gemeinsam zwei Söhne.

von links nach rechts: Martin Cooper (2004), Malcolm Holmes (2000), Phil Coxon (2003), Graham Weir (2005)

Weniger glücklich begann das Millennium für Drummer Malcolm Holmes. Nach dem Aus von OMD lebte er einige Zeit in Südafrika und gründete später sein eigenes Plattenlabel "Fin Music", welches sein Repertoire ausschließlich über das Internet vertrieb. Das Album "Looser Friendly" von Dean Johnson war eine der ersten Veröffentlichungen auf seinem Label. Nach seiner Rückkehr nach England arbeitete er an einem weiteren Album von Dean Johnson. Mit daran beteiligt war Graeme Clark, der Bassist der Band "Wet Wet Wet". Zusammen mit Dean arbeitete Malcolm dann mit Jo Mooney, einer talentierten und jungen britischen Nachwuchs-Soulsängerin. In Malcolm's Heimstudio schrieben die beiden zusammen an Songs für ein für 2003 geplantes Album und spielten sie unter Mithilfe von Gary Hodgson (Ex-"Equinox"- und "The ID"Mitglied und später in der Tour-Crew von OMD) am Keyboard und Mischpult, Dean (Gitarre),

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Greame Clark (Bass), Ex-OMD-Mitglied Neil Weir (Trompete) und den beiden Musikern der Band "The Christians" - Henry Priestman (Gesang) und Gary Christian (Gesang) - gemeinsam ein. Das Album wurde allerdings nie veröffentlicht, lediglich die Dance-Produktion "Smile" von "First People – feat. Jo Mooney" wurde Anfang 2004 herausgebracht. Malcolm kehrte Mitte 2003 als Drummer der Band "The Christians" auf die Bühne zurück, als diese eine kleine Tournee durch Frankreich absolvierten. Außerdem gab er Schlagzeugunterricht.

von links nach rechts: Nicola und Alexandra Bibby: "Debussy & Faurè" (produziert von Martin Cooper, 1996) Dean Johnson's Album "Looser Friendly" (2000), First People und ihre Single "Smile" (2004) und Jo Mooney (2002) - allesamt produziert von Mal Holmes

Im April 2004, unmittelbar nach der Gründung seines neuen Labels "Muzic2Burn", erlitt Malcolm einen schweren Herzinfarkt. Er musste sich mehreren Bypass-Operationen unterziehen und erholte sich in der folgenden Zeit nur langsam, immer wieder begleitet von gesundheitlichen Rückschlägen. Um 2006 herum lernte er seine deutsche Freundin kennen und siedelte um in den Norden von Deutschland. Von den anderen, ehemaligen Bandmitgliedern ist nur von Graham Weir Näheres bekannt. So war er für einige Jahre an der "Napier"-Universität in Edinburgh (Schottland) als Dozent tätig, wo er in einem eigenen "Popstar"-Studiengang dreißig Studenten pro Jahrgang beibrachte, wie man singt, Instrumente spielt und "Hits schreibt". Und nicht zu vergessen: Nigel Ipinson. Er gründete nach seiner Zeit bei OMD den führenden britischen Kirchen- und Charity-Website-Provider "UK Churches" und praktiziert als Pastor (!) im "Bethlehem Church Life Centre". Nigel ist verheiratet und hat vier Kinder.

Nigel Ipinson-Fleming

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C / ERSTE GERÜCHTE ÜBER EINE REUNION VON OMD

McCluskey & Humphreys beginnen laut über ihre Wiedervereinigung nachzudenken

Nach Veröffentlichung der "The Peel Sessions" und des B-Seiten-Albums "Navigation" in 2000, bzw. 2001, gab es immer wieder Ankündigungen seitens Andy McCluskey's, ein Album mit bislang unveröffentlichten Songs von OMD auf den Markt bringen zu wollen. Material dafür läge zwar nicht im Überfluss, aber dennoch für ein Album in ausreichender Zahl in den Archiven von "Virgin"-Records *). Sogar mögliche Termine für ein Erscheinen dieser Zusammenstellung mit dem Arbeitstitel "The Unreleased Material Album" wurden des Öfteren genannt, zuletzt gab man hierfür den Herbst 2003 an. Laut Andy McCluskey zeigte "Virgin"-Records, bei denen OMD zwar nicht mehr unter Vertrag standen, die aber weiterhin die Rechte an allen aufgenommenen OMD-Songs bis 1996 besaßen, jedoch kein sonderlich großes Interesse daran. Somit lagen fürs Erste auch die Pläne für die Veröffentlichung einer neuen OMD-Single namens "Sister Marie Says" auf Eis, bei dem es sich um einen bereits 1996 für das "Universal"-Album geschriebenen und fertig aufgenommenen Track handelte und der im Zuge des "Unreleased Material Albums" mit herausgebracht werden sollte. *) Im Laufe der Jahre wurden in diversen Interviews und Artikeln immer wieder Titel von Songs genannt, die bislang nicht veröffentlicht wurden (bzw. lediglich vereinzelt in diversen Internet-Portalen auftauchten). Hier ein Versuch der vollständigen Aufzählung in Verbindung mit der jeweiligen regulären Albumveröffentlichung und Jahreszahl: Prä-OMD (vor 1978): Lady Of The Waters ("Equinox"), Yogoslavia, Berlin, Nepal (alle "The ID"); Orchestral Manoeuvres In The Dark ("VCL XI"); O.M.i.t.D. (1980): Telstar (Coverversion des "Tornados"-Hits); Organisation (1980): Enola Gay (Original 7" pressing); Dazzle Ships (1983): Square Dance; The Pacific Age (1986): Cajun Moon, Cut Me Down, Gun People, Stay (7" Mix); 1987/88: Suspicious, Never Let You Go, Yellow Press; Sugar Tax (1991): Self Destruct, For The Greater Good, Neon Lights (Demoversion - mit original 'Kraftwerk'-Gesang); Liberator (1993): Style And Grace, Cruel, You're Always Coming Back To Me, Sanctus, Next To You, Twins, Kiss Of Death, Liberator, Agnus Dei (Original Version); Universal (1986): Sister Maria Gabriel, Resist The Sex Act, If You're Still In Love With Me (original 7" Reggae-Version), The Chosen One, GTR, ; History Of Modern (2010): Nothing Left To Say, Shelter (Coverversion von "The XX"); English Electric (2013): Thank You; ohne genauere Angaben: Two Chameleons (Coverversion von "Dalek I Love You" - ausschließlich 1979 live gespielt); Sampling The Blast Furnance ("The Partnership", 1983); Jerusalem (ca. 1990er-Jahre);

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No One Loves You, Strangers (beide später für "Atomic Kitten" neu aufgenommen und veröffentlicht); Wheels Of Steel (2010 für das Album "History Of Modern" neu aufgenommen und unter dem Titel "The Future, The Past, And Forever After" veröffentlicht).

Eine weitere Veröffentlichung - eine Art "Best Of"-DVD - möglicherweise sogar mit bislang unveröffentlichtem Filmmaterial als zusätzlichen Bonus, war ebenfalls im Gespräch. Über dieses Vorhaben wurde lange geredet, am Ende allerdings genauso wenig realisiert wie alle anderen geplanten Projekte. Über ihre früheren Promo-Videos zu den Singles hatten sich Andy und Paul in der Vergangenheit meist recht abwertend geäußert und sie lieber heute als morgen in den tiefsten Tiefen irgendwelcher unzugänglichen Archive verschwinden sehen. Einziger Grund zur Freude für die nach wie vor überaus loyale Fanbase weltweit waren die im Jahre 2003 wiederveröffentlichten, ersten drei Alben von OMD: "Orchestral Manoeuvres in the Dark", "Organisation" und "Architecture & Morality" als "Digital Remastered"- Ausgaben, sprich klangtechnisch aufpolierte und damit wesentlich verbesserte Aufnahmen aller regulären Albumtracks ergänzt durch umfangreiches Bonusmaterial in Form von raren B-Seiten und "Extended"-Versionen. Wie beurteilte Andy McCluskey über zwanzig Jahre später das erste Album, welches nun in verbessertem Sound wiederveröffentlicht wurde? In einem Interview mit Paul Browne gab er bereitwillig Auskunft darüber: "Von meinem Frust darüber, wie amateurhaft das erste Album klingt und wie schlecht es aufgenommen wurde einmal abgesehen, ist es dennoch eine hübsche Momentaufnahme seiner Zeit. Obwohl es Anfang 1980 aufgenommen wurde, waren das späte Punk-Synths. Da waren diese zwei Jugendlichen in irgendeinem Hinterzimmer, die sich dazu entschlossen, es selbst zu probieren und mit meist lächerlich billigem Second-Hand-Equipment zu spielen, so wie sie es sich selbst beigebracht hatten, mit Ein-FingerMelodien und einfachen Akkordstrukturen. Rückblickend ein aufregender und liebenswerter Schritt in meiner Karriere. Damals war ich allerdings enttäuscht, das vier Jahre an Arbeit am Ende ein bisschen billig klangen!". Äußerte sich Andy McCluskey nach dem "Universal"-Misserfolg 1996 und in den darauffolgenden Jahren immer wieder recht desillusioniert, oft sogar ziemlich abwertend über den musikalischen Output von OMD, so hatte er seine Meinung nun offensichtlich geändert und betrachtete das Ganze mittlerweile wesentlich entspannter: "Wenn man den Zeitverlauf der 1980er-Jahre von OMD rückblickend betrachtet, ist unser Debüt ein großartiges und wunderbar schlichtes, erstes Album. Danach machten wir all diese anderen Dinge wie 'Organisation' und 'Architecture & Morality. Ich meine, was ich an OMD immer toll fand, war diese erstaunliche Reise, diese Achterbahnfahrt. Jedes Album ist auf seine Weise sehr außergewöhnlich - sie alle klingen völlig verschieden zueinander, einige besser, einige schlechter - und andere noch schlimmer! Aber das ist ein Beleg für unsere Entschlossenheit, immer irgendwo weiterzumachen!". Erste, gänzlich unerwartete Hoffnungen auf eine mögliche Rückkehr von OMD zurück in den Blickpunkt der breiten Öffentlichkeit, wurden dann urplötzlich im April 2004 geweckt. Im Forum der offiziellen OMDWebsite brachte Andy McCluskey die Teilnahme von OMD an der in England recht populären "Here & Now"-Tour ins Gespräch, eine Art Oldie-Revivalveranstaltung mit Künstlern aus den 1980erJahren, meist nur unter Mitwirkung der jeweiligen Leadsänger der engagierten Bands und unterstützt von angemieteten Session-Musikern. So verlockend dies für viele Fans auch geklungen haben mochte - ihre Band, bzw. Andy McCluskey und die alten OMD-Hits noch einmal "live" auf der Bühne erleben zu können so weit gingen dennoch die Meinungen darüber auseinander, ob eine Beteiligung an dieser, unter den Fans

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nicht unumstrittenen Konzertreihe, nicht dem Ansehen von OMD mehr schaden als nutzen würde. Am Ende wurde der Plan von Andy McCluskey verworfen, was wohl auch zu einem nicht unerheblichen Teil an der sehr zwiespältigen Meinung der Fans zu dieser Art Veranstaltung lag.

Doch all diese Dinge brachten nun langsam wieder Bewegung in das eigentlich für immer beendete Unternehmen "Orchestral Manoeuvres in the Dark" – Kleinigkeiten, die am Ende zwar überwiegend nicht umgesetzt wurden, aber in ihrer Summe den Stein langsam, aber sicher wieder ins Rollen brachten und eine mögliche Wiedervereinigung als nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen erscheinen ließen.

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KAPITEL 7 (2005 – 2009) DAS COMEBACK VON OMD

Zurück in die Zukunft – McCluskey, Humphreys & Co. raufen sich wieder zusammen

2006 fanden OMD in der ORIGINALBESETZUNG - ANDY McCLUSKEY, PAUL HUMPHREYS, MARTIN COOPER und MALCOLM HOLMES - wieder freundschaftlich zusammen. Die folgenden vier Jahre standen dabei ganz im Zeichen einer AUFARBEITUNG IHRER MUSIKALISCHEN VERGANGENHEIT: ANDY McCLUSKEY und PAUL HUMPHREYS glänzten mit Orchesterbegleitung LIVE bei der NIGHT OF THE PROMS-Konzertreihe, bevor OMD schließlich 2007 in KOMPLETTER BANDBESETZUNG europaweit das Album ARCHITECTURE & MORALITY und ihre GRÖSSTEN HITS zurück auf die Bühne und in das Bewusstsein der Öffentlichkeit brachten. Zeitgleich veröffentlichten PAUL HUMPHREYS und CLAUDIA BRÜCKEN (alias ONETWO) ihr erstes gemeinsames Album INSTEAD. SOUVENIR, eine brandneue DOKUMENTATION über OMD, wurde auf DVD herausgebracht und 2008 gab es mit einer Coverversion von WHOLE AGAIN ein erstes, neues musikalisches Lebenszeichen unter dem Namen OMD. Nach einem LIVE-ALBUM samt VIDEO und dem mittlerweile dritten GREATEST HITS-Album MESSAGES mit den PROMOVIDEOS aller SINGLES auf DVD, ging es im Zuge der digital neu aufbereiteten DAZZLE SHIPS-Wiederveröffentlichung erneut auf Tournee. In Gemeinschaftsarbeit mit PETER SAVILLE, HAMBI HARALAMBOUS und STUART KERSHAW präsentierte ANDY McCLUSKEY das Musik-Kunstprojekt THE ENERGY SUITE mit FÜNF NEUEN INSTRUMENTALTRACKS von OMD, welches 2009 zusammen mit dem ROYAL LIVERPOOL PHILHARMONIC ORCHESTRA live aufgeführt wurde. Nach einer Kurztour mit den SIMPLE MINDS sollten OMD im Zuge ihres Comebacks dann endlich auch den nächsten folgerichtigen Schritt wagen: Die Veröffentlichung eines NEUEN ALBUMS.

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A / DER NEUSTART IN DEUTSCHLAND Wiedervereinigung in der Originalbesetzung Über die "Ultimative Chartshow" zur "Night Of The Proms"

Erstmalige Ankündigung einer möglichen Reunion von OMD PAUL HUMPHREYS und ANDY McCLUSKEY am 10. April 2005 im "Motor Museum"-Studio in Liverpool

2005 Ungeachtet aller Rechtsstreitigkeiten und Anfeindungen in der Vergangenheit, näherten sich Andy McCluskey und Paul Humphreys bereits Mitte der 1990er-Jahre menschlich wieder aneinander an und es entwickelte sich langsam, aber stetig eine Wiederbelebung und Festigung ihrer alten Freundschaft. In Andy's "Motor Museum Studio" in Liverpool, im Rahmen des in Manchester-Altrincham stattfindenden "OMD-Fan-Event", ließ man am 10. April 2005 dann auch gemeinsam die Bombe platzen: So erklärten Andy McCluskey und ein - zur Überraschung aller - ebenfalls anwesender Paul Humphreys, während der Studiobesichtigung gegenüber ihren gänzlich verdutzten Fans, dass sie sich eine neuerliche Zusammenarbeit unter dem Namen "OMD" grundsätzlich wieder vorstellen könnten und schlossen auch eine Reunion von OMD nicht mehr kategorisch aus. Auf seine Meinung darüber angesprochen, wie es denn wäre, mit Andy wieder an neuen Songs zu schreiben, antwortete Paul in einem späteren Gespräch mit Paul Browne von der offiziellen OMD-Website, dass er von dieser Idee sehr angetan wäre - fügte allerdings hinzu, dass die Voraussetzung dafür sein müsse, mit der Band musikalisch wieder mehr in eine experimentellere Richtung zu gehen.

Paul Humphreys, Hagen Schmitt und Andy McCluskey

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OMD SIND ZURÜCK Köln, 31. Mai 2005, Aufzeichnung der "Ultimativen Chartshow" (erstmals gesendet am 17. September 2005) PAUL HUMPHREYS, MALCOLM HOLMES, ANDY McCLUSKEY und STUART KERSHAW

ANDY McCLUSKEY: "Wir denken, es ist nun die richtige Zeit für eine Reunion gekommen. Die musikalische Landschaft hat sich verändert. Mitte der 1990er-Jahre, auf dem Höhepunkt der Brit PopÄra, gab es nichts, was mehr 'old fashioned' hätte sein können als eine 1980er-Jahre-Synthieband wie OMD. Heute aber, in dieser wunderbar postmodernen Zeit, werden die Dinge wieder einer neuen Bewertung unterzogen. OMD hat seinen festen Platz in der Ruhmeshalle des Synthiepop. Die Leute wollen uns hören". PAUL HUMPHREYS: "Seit 1998, als wir zusammen die 'Singles Collection' promotet haben, reden wir über die Möglichkeit, wieder als OMD zusammenzukommen. Damals kamen wir noch überein, dass die Zeit dafür noch nicht reif sei. Jetzt, acht Jahre später, denken wir, ist definitiv der richtige Zeitpunkt dafür gekommen".

Die endgültige Entscheidung für eine Reunion von OMD fiel schließlich in Deutschland. Bereits einen Monat nach der ersten vagen Ankündigung einer Wiedervereinigung in Liverpool machte man bereits Nägel mit Köpfen. OMD lag eine Anfrage des deutschen TV-Senders "RTL" für einen Playback-Auftritt in einer ihrer Shows vor. Lehnte Andy McCluskey in der Vergangenheit solche Ersuchen von TV-Sendern von vornherein rigoros ab, so erklärte er sich diesmal, nach Rücksprache mit Paul und - erneut überraschend - mit den Originalmitgliedern der 1980er-Jahre-Besetzung Malcolm Holmes und Martin Cooper, damit einverstanden, solch einen Auftritt mit OMD zu absolvieren und nahm das Angebot an. Am 31. Mai 2005 traten OMD dann in der Besetzung Andy McCluskey, Paul Humphreys, Malcolm Holmes und Stuart Kershaw (der für den verhinderten Martin Cooper einsprang, welcher sich zu dieser Zeit mit seinen beiden Söhnen im Camping-Urlaub befand) mit ihrem Hit "Maid Of Orleans" in der TV-Sendung "Die ultimative Chartshow" auf.

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Damit war der erste Schritt zu einem längerfristigen OMD-Comeback offensichtlich getan - Originalton Paul Humphreys: "Ich sehe den Auftritt als ersten Schritt zu etwas Größerem. Es macht Sinn, in einem kleinen Rahmen wieder anzufangen und damit eine Basis für etwas Größeres zu schaffen".

Unterstützung vor Ort durch die deutschen Fans (links), Paul und Andy in Paul's Garten in London (rechts)

Andy McCluskey bestätigte zu einem späteren Zeitpunkt in einem Interview für "germanmanoeuvres.com", dass noch am selben Abend, gleich nach Ende der Aufzeichnung, unter allen Beteiligten die einstimmige und endgültige Entscheidung gefallen war, zukünftig wieder gemeinsam als OMD weitermachen zu wollen. Dieser 31. Mai 2005 darf also als offizielles Datum für die Wiedervereinigung von OMD in Stein gemeißelt werden und war vor allem auch für die im Fernsehstudio anwesenden, einundzwanzig deutschen Fans, die "ihre" Band lautstark unterstützt hatten, aus band-historischer Sicht ein absoluter Glücksfall.

ANDY McCLUSKEY und PAUL HUMPHREYS im Gespräch mit dem "Chartshow"-Moderator Oliver Geissen

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In Köln, wo die Aufzeichnung der "Ultimativen Chart Show" stattfand, weilte auch Dirk Hohmeyer unter den Zuschauern. Als Chef von "Virgin"-Deutschland betreute er dort seit Beginn der 1980er-Jahre auch OMD. Mittlerweile hatte er sich vom Schallplatten-Multi getrennt und sich als Organisator der europaweit renommierten "Night Of The Proms" profilieren können. Bei dieser Show handelt es sich um einen außergewöhnlichen Konzert-Event, welcher Klassik und Pop zusammen mit einem zweiundsiebzigköpfigen Orchester samt Chor zu einer einzigartigen, genreübergreifenden Show verbindet. Schon seit einigen Jahren trat er immer wieder an Andy McCluskey heran und versuchte, OMD für seine Veranstaltung zu gewinnen - allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Durch die Reunion schien sich das Blatt für ihn nun offensichtlich zum Positiven zu wenden. Andy und Paul nahmen an diesem Abend in Köln die unverbindliche Einladung von Hohmeyer zum Besuch eines "Proms"Konzertes in Hannover an, um sich selbst von der Veranstaltung vor Ort ein Bild machen zu können. Nachdem sie dort, im Dezember 2005, Ex-"Ultrovox"-Sänger Midge Ure und die superbe klassische Umsetzung seines Hits "Vienna" miterleben konnten, waren Andy und Paul überzeugt davon, dass auch "Maid Of Orleans" mit Orchesterbegleitung einfach nur fantastisch klingen müsste. Im Mai 2006 wurde die Teilnahme von OMD - allerdings lediglich in Gestalt des Duos McCluskey/Humphreys - an der "Proms"Tour im Dezember 2006 offiziell bestätigt.

2006 Und von nun an ging es Schlag auf Schlag: Andy und Paul hatten mittlerweile einen Zweijahres-Plan für alle weiteren Aktivitäten von OMD ausgearbeitet. Aus Anlass des fünfundzwanzigsten Jubiläums der Veröffentlichung ihres Erfolgsalbums "Architecture & Morality" kündigte Andy McCluskey eine Tournee in der Originalbesetzung - McCluskey, Humphreys, Holmes und Cooper - für den Herbst 2006 an. Es wurde bekannt gegeben, dass sie dabei das vollständige Album "live" auf die Bühne bringen wollten, einige Songs, wie z. B. "The Beginning And The End", überhaupt zum allerersten Mal in ihrer Geschichte (wenige Monate später wurde diese Tournee aufgrund von Pauls Verpflichtungen innerhalb seiner Band "OneTwo" auf das Frühjahr 2007 verschoben). Vom Jubiläum mal abgesehen - warum ausgerechnet "Architecture & Morality"? Andy McCluskey: "Für uns ist es der ideale Weg, uns beim Publikum ins Gedächtnis zurückzurufen, das uns möglicherweise schon vergessen hat. Ein Publikum, das sich vielleicht erst wieder an uns erinnern muss. Ein Publikum, das von uns bislang noch gar keine Notiz genommen hat". Im März 2006 begab sich die Band erstmals seit achtzehn Jahren in kompletter Ur-Besetzung - dieses mal also tatsächlich mit dem ein Jahr zuvor für die "Ultimative Chartshow" verhinderten Martin Cooper - zu einer neuerlichen TV-Aufzeichnung nach Deutschland, wo sie in München im Rahmen der Retro-Musikshow "The Best Of Formel Eins" zwei Songs - "Maid Of Orleans" und "Dreaming" - unter frenetischem Beifall der Zuschauer zum Besten gaben (gesendet wurde allerdings nur "Dreaming").

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März 2006 – "Best Of Formel Eins": Erster Auftritt in der kompletten Originalbesetzung

Im gleichen Monat begannen für die Band auch schon die ersten Proben für die anstehende Tour, die für den Mai 2007 angesetzt wurde. Im Übungsraum in Liverpool spielten sich dabei teilweise aberwitzige Szenen ab: Viele der Songs spielte die Band "live" zum letzten Mal vor fünfundzwanzig Jahren, also hörte man sich erst einmal die eigenen CD's an, um herauszufinden, wie die Lieder überhaupt gespielt werden mussten. Auch war man dazu gezwungen, auf modernste Sample-Technik zurückzugreifen, um die Originalsounds der Synthies, die sie damals benutzt hatten, speichern und verwenden zu können. Denn mittlerweile war von ihrem ursprünglichen Equipment nichts mehr vorhanden. Der Band blieb tatsächlich nichts anderes übrig, als sich buchstäblich bei ihren eigenen, alten CD's zu bedienen und über "eBay" die alten Keyboards zurückzukaufen, damit OMD zukünftig auch tatsächlich wie OMD klingen konnten. Während den Proben wurde die Band von einem Kamerateam begleitet, welches damit begann, in den nun folgenden Monaten Material für eine Dokumentation über die Reunion von OMD zu filmen. Im Rahmen dieser Aufnahmen begaben sich Andy und Paul nach fünfundzwanzig Jahren auch erstmals wieder zurück zu den markanten Orten ihrer Anfänge - in den "Eric's Club" in Liverpool (nach seiner Schließung im März 1980 als Lagerkeller genutzt), sowie in das Gebäude in der Liverpooler "Stanley Street", wo sich Anfang der 1980er-Jahre ihr "Gramophone Suite"-Studio befunden und sie ihre ersten Platten aufgenommen hatten. Im August 2006 wurde von "Virgin" die geplante Veröffentlichung einer "Collectors Edition" von "Architecture & Morality" für April 2007 bekanntgegeben. Neben der bekannten "Digital Remastered"Version des Albums sollte in dieser Doppel-CD-Box auch eine DVD mit dem 1981 aufgezeichneten Konzert "Live At The Royal Drury Lane" enthalten sein.

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Erste Proben für die anstehende Live-Tournee: Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper, Malcolm Holmes

Im November dann reisten Andy und Paul ins belgische Antwerpen, wo die Proben für die "Nokia Night Of The Proms" stattfanden. Im Zuge dieser Rehearsals - es gab übrigens nur einen einzigen Probedurchgang für die beiden - wurden "Sailing On The Seven Seas" und "Maid Of Orleans" aufgenommen, die es bereits im darauffolgenden Dezember - zum Start der "Proms"-Deutschlandtour - käuflich zu erwerben gab. Dies waren somit die ersten, neuen Aufnahmen von OMD seit mehr als zehn Jahren. Auch gab man nun die geplanten zehn Orte für die "Architecture & Morality"-Tour im Mai 2007 bekannt: Dublin, Glasgow, Liverpool, London, Stuttgart, Brüssel, Hamburg, Paris, Köln und Utrecht. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nicht abzusehen, das im Laufe der nächsten Monate aufgrund der unerwartet großen Nachfrage noch viele weitere Konzerttermine hinzukommen sollten. Paul Humphreys, der Band-mäßig gesehen nun gezwungenermaßen "zweigleisig" fahren musste, nahm im selben Monat eine kurze Auszeit von OMD und spielte zusammen mit Claudia als "OneTwo" einige Gigs in Südamerika, nachdem sie ein paar Monate zuvor bereits sporadisch Auftritte in London, Leicester und Leipzig absolviert hatten.

ONETWO Claudia Brücken und Paul Humphreys "live" in London und Leipzig, 2006

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Der Dezember, welcher das Ende eines ereignisreichen Jahres für Andy und Paul markierte, stand ganz unter dem Zeichen der "Night Of The Proms"-Tour. Neben so bekannten Künstlern wie Mike Oldfield, Ike Turner und John Miles spielten OMD drei Wochen lang vor insgesamt einhundertachtzigtausend begeisterten Zuschauern achtzehn Shows in zweiundzwanzig deutschen Großstädten. Andy McCluskey: "Es ist absolut atemberaubend, mit solch einem Orchester auf der Bühne zu stehen. Es war eine völlig surreale Erfahrung, als wir das erste Mal mit dem Orchester, dem Chor und der 'Electric Band' geprobt haben". So meldeten sich OMD mit insgesamt drei Stücken zurück in das Bewusstsein ihrer deutschen Zuhörer - "Sailing On The Seven Seas", "Maid Of Orleans" und einem Medley - zusammengestellt aus "Souvenir", "If You Leave", "Forever Live And Die" und der "Live"-Uraufführung von "Walking On The Milky Way".

Paul Humphreys und Andy McCluskey "live" bei der "Nokia Night Of The Proms" Andy auch "tänzerisch" wieder absolut in Bestform

Der Anfang war gemacht und der Weg geebnet für die nächsten, weit größeren Aufgaben, die auf Andy, Paul, Malcolm und Martin in den kommenden Jahren noch zukommen sollten.

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Backstage-Impressionen von der "Nokia Night Of The Proms"-Tour 2007: links oben: Mit "NOTP"-Organisator Dirk Hohmeyer und Mike Oldfield mitte oben: Mit Ike Turner und Vertretern von "Nokia" rechts oben: Mit S채ngerin Miriam Stockley und dem Tenor Tony Henry

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Andy und Paul bei den Proben zur "Nokia Night Of The Proms" im belgischen Antwerpen

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B / DIE TOUR 2007 RÜCKKEHR AUF DIE BÜHNEN EUROPAS Architecture & Morality + Greatest Hits LIVE + Erste Pläne für neue Musik

Paul Humphreys und Andy McCluskey, 2007

2007 Schon im Dezember 2006 stellte Andy McCluskey das erste neue musikalische OMD-Projekt vor, welches er in Angriff nehmen wollte: "The Energy Suite". Dabei handelte es sich um einen Soundtrack für die "Peter Saville Installation", ein Kurzfilm mit dem Titel "Eine Erkundung diverser nordenglischer Kraftwerke", der im Rahmen des "Manchester International Arts Festivals" im Sommer 2007 uraufgeführt werden sollte. Der Soundtrack basierte thematisch auf den typischen Geräuschen von fünf britischen Kraftwerken, kombiniert mit sehr orchestralen, OMD-typischen Arrangements. Geplant waren fünf neue InstrumentalSongs mit jeweils einer Länge von fünf bis sechs Minuten, extra für diesen Anlass geschrieben und aufgenommen von OMD. Andy McCluskey hielt auch nicht damit zurück, bereits auf Pläne für 2008 aufmerksam zu machen: Eine "Live"-Premiere des Saville-Soundtracks, mit Unterstützung des "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra", war für März 2008 in Liverpool (im dortigen Kunstzentrum für neue Medien "FACT") anlässlich der "Capital Of Culture Celebrations" im Gespräch.

"Architecture & Morality" - 1981 / 2007

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The Men in Black - Männer in schwarzen Anzügen und dunklen Sonnenbrillen

OMD planten außerdem, im Herbst 2008 für eine einzigartige "Greatest Hits"-Tour durch Europa und die USA erneut mit dem "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" zusammenarbeiten. Das Orchester sollte dabei auch die "Energy Suite" der "Peter Saville Installation" musikalisch umsetzen, visuell unterstützt von Projektionen auf mehrere für diesen Zweck eingesetzte Großbildleinwände. Erste Proben und Workshops zusammen mit dem Orchester fanden dahingehend auch schon statt. Obendrein beabsichtigten Andy und Paul, nach der "Architecture & Morality"-Tour Ende Juli 2007, endlich mit der Arbeit an einem brandneuen OMD-Album zu beginnen. Nicht alle, aber doch die meisten dieser Pläne wurden größtenteils tatsächlich realisiert, wenn auch mit einiger zeitlicher Verzögerung. Mehr darüber ist in den nachfolgenden Kapiteln nachzulesen.

OMD "live" in der französischen Musikshow "taratata"

Nachdem OMD in Deutschland ihr Comeback souverän auf den Weg gebracht hatten, folgte im März 2007 die erste wirkliche "Live"-Premiere in der alten Bandbesetzung - und zwar in Frankreich. Im Rahmen der TV-Show "taratata" gaben Andy, Paul, Malcolm und Martin mit einer exzellenten Version von "Enola Gay" ihr Debüt als re-formierte Liveband und bewiesen eindrucksvoll, dass sie immer noch dazu in der Lage

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waren, ihr Repertoire adäquat auf der Bühne umzusetzen. Überrascht und auch beeindruckt war die Band von der Begeisterung des französischen Studiopublikums, welches OMD überschwänglich feierte. Die Nachfrage von Veranstaltern bezüglich OMD-Livekonzerten stieg nun konstant an - ein Phänomen, das wohl auch für die Band selbst recht unerwartet kam. Denn fast täglich wurden nun neue Konzertdaten für die ursprünglich zehn Auftritte umfassende "Architecture & Morality"-Tour bekannt gegeben. Mitunter sehr zum Verdruss mancher Fans, die sich teilweise bereits Karten für ein bereits feststehendes Konzert weitab von ihrem Wohnort gekauft hatten und plötzlich erfahren mussten, dass ein weiterer, neuer Termin praktisch einen Steinwurf weit weg vor ihrer Haustür angesetzt wurde. Schon bald darauf, im März 2007, erklärte man dann auch eiligst, die Tournee ausweiten zu wollen und auf insgesamt drei unterschiedliche Sets aufzuteilen: a) die ursprüngliche "Architecture & Morality"-Tour - nun auf dreizehn Orte angewachsen, b) eine "Greatest Hits"-Tour ausschließlich durch vierzehn britische Orte und c) ein zwölf Konzerte umfassendes "Sommer Festival"-Open-Air-Programm. Aus zehn Gigs wurden am Ende insgesamt neununddreißig, welche die Band kreuz und quer durch Europa führen sollte - aufgrund der oben beschriebenen "we take what we can get"-Praxis teilweise sogar täglich in ein anderes Land. Trotz allem Chaos in der Zusammenstellung der Tour - die Fans waren dennoch begeistert darüber, ihre Band endlich wieder (bzw. zum ersten Mal überhaupt) im originalen Line-Up "live" auf der Bühne erleben zu können. So standen am Ende allein für Deutschland neun Konzerte auf dem Programm, sowie erstmals seit 1993 Auftritte in Großbritannien, Irland, Schottland, Belgien, Frankreich, Holland, Österreich, Spanien, Monte Carlo und - erstmalig in ihrer Bandgeschichte - auch in Griechenland.

Das Albumdebut "Instead" (links) und "ONETWO" - Claudia Brücken und Paul Humphreys, 2007 (rechts)

Neben all diesen Aktivitäten für die anstehende OMD-Tournee kümmerte sich Paul auch weiterhin um seine Band "OneTwo". Im Februar 2007 erschien das Debütalbum "Instead", begleitet von "Cloud 9" als erste Single-Veröffentlichung. Der dreizehn Songs umfassende Longplayer bekam überwiegend gute Kritiken und wurde nun auch, anders als noch die EP "Item", über den regulären Handel verkauft. Dies wurde erst möglich, nachdem in Daniel Miller's Label "Mute" ein zuverlässiger Vertriebspartner gefunden werden konnte.

Aufnahmen mit Claudia Brücken in Paul Humphrey's Londoner "Bleepworks"-Studio

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Die britische Tageszeitung "Daily Telegraph" urteilte in ihrer Ausgabe vom Februar 2007 folgendermaßen über das Album: "'Instead' ist ein unerwartetes Vergnügen, wenn auch angehaucht von einer gewissen graziösen, technologischen Kälte". Auf dem Album war auch der in deutscher Sprache gesungene Titel "Kein Anschluss" zu hören, eine musikalisch eindeutige Hommage von Paul an seine alten Idole "Kraftwerk", dem die deutsch gesungenen Platten der Elektronik-Pioniere schon immer mehr zugesagt hatten wie die Englischsprachigen. Im April folgten dann noch einige Konzerte in Deutschland, die zwar nur mäßig besucht waren, die Band beim Publikum aber dennoch einen sehr guten Eindruck hinterlassen hatte.

"Architecture & Morality" - die "Collector's Edition CD & DVD"

Am 30. April 2007, kurz vor dem Start der OMD-Tour, veröffentlichte "Virgin/EMI" die sogenannte "Collector's Edition CD & DVD" vom Album "Architecture & Morality". Diese Neuerscheinung beinhaltete das bereits 2003 veröffentlichte und digital ge-remasterte "Architecture & Morality"-Album, inkl. den darauf enthaltenen Bonustracks - sowie zusätzlich eine DVD mit dem Konzert "Live At Drury Lane", welches 1981 bereits als VHS-Video erschienen und als solches bis dato nicht mehr erhältlich war. Zusätzlich darauf zu finden waren darüber hinaus die Promovideos von "Souvenir" und "Maid Of Orleans", ferner noch der englische "Top Of The Pops"-Auftritt mit "Joan Of Arc" aus dem Jahre 1981.

OMD - COMEBACK-TOUR 2007

Die ursprünglich vorgesehenen zehn (bzw. elf) Konzerttermine OMD 2007 (aufgenommen nach dem "Warm Up"-Konzert in Birmingham): Malcolm Holmes - Andy McCluskey - Paul Humphreys - Martin Cooper

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Für OMD indessen ging es jetzt erst richtig los: Vor dem offiziellen Tourstart am 13. Mai in Dublin gaben Andy, Paul, Martin und Malcolm noch ein "Warm Up"-Konzert vor einhundert handverlesenen Fans in den "Robannas Studios" in Birmingham. OMD spielten dort tatsächlich alle Songs aus "Architecture & Morality", sowie einen repräsentativen Querschnitt durch all ihre Hits aus den letzten drei Jahrzehnten. Die Singles der 1990er-Jahre fügten sich dabei nahtlos in das über zwanzig Songs umfassende, überwiegend aus den alten Hits der 1980er-Jahre bestehende Programm mit ein. Und diejenigen Fans, die das Glück hatten dabei sein zu dürfen, sprachen einhellig von einem fantastischen Konzert und von einer Band, die trotz der langen Trennung nichts von ihrem Können und ihrer physischen Präsenz auf der Bühne verloren hatte.

OMD "live" in Dublin/Irland - Bilder von den Proben zum Tour-Auftaktkonzert am 12. Mai 2007

Am 13. Mai 2007 war es dann endlich soweit - von ihrer ersten Station in Irland aus brachen OMD nun auf zu ihrer insgesamt über zweimonatigen, neununddreißig Konzerte umfassenden "Architecture & Morality"Comeback-Tournee durch insgesamt elf europäische Staaten. Während der - sowohl beim Publikum und bei den Fans, wie auch seitens der Band - unerwartet erfolgreichen Tour, die nach anfänglich geplanten elf Konzerten am Ende bei fast vierzig meist ausverkauften Auftritten angelangt war, spielten sie die kompletten Songs aus ihrem 1981er- Erfolgsalbum -

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darunter einige Stücke überhaupt zum ersten Mal "live" - sowie alle ihre großen Hits auch bei neun Konzerten in Deutschland. Vor allem die Band war jeden Abend aufs Neue überrascht und mitunter überwältigt von der teilweise überschwänglichen und begeisterten Publikumsresonanz während den eineinhalbstündigen Liveshows.

"ARCHITECTURE & MORALITY" - TOUR (alle neun Stücke des Albums + elf ausgewählte "Greatest Hits") 06. Mai 07 - Birmingham (UK), Warm Up Gig 13. Mai 07 - Dublin (Irland), Olympia Theatre 15. Mai 07 - Glasgow (Schottland), Clyde Auditorium 16. Mai 07 - Liverpool (UK), Empire 18. Mai 07 - London (UK), Hammersmith Apollo 19. Mai 07 - London (UK), Hammersmith Apollo 21. Mai 07 - Stuttgart (D), Theaterhaus, Halle T1 22. Mai 07 - Brüssel (Belgien), Ancienne Belgique 23. Mai 07 - Hamburg (D), Grosse Freiheit 25. Mai 07 - Paris (Frankreich), Olympia 26. Mai 07 - Köln (D), Palladíum 27. Mai 07 - Utrecht (Holland), MCV Vredenburg 28. Mai 07 - Hamburg (D), Grosse Freiheit

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"GREATEST HITS" - TOUR (NUR UK) ("Greatest Hits" + ausgewählte Stücke aus "Architecture & Morality") 10. Juni 07 - Southend (Cliffs Pavillion) 12. Juni 07 - Plymouth (Pavillions) 13. Juni 07 - Bristol (Colston Hall) 14. Juni 07 - Wolverhampton (Civic Theatre) 16. Juni 07 - Manchester (Apollo) 17. Juni 07 - Sheffield (City Hall) 18. Juni 07 - Grimsby (Auditorium) 19. Juni 07 - Newcastle (City Hall) 21. Juni 07 - Nottingham (Royal Centre) 22. Juni 07 - Brighton (Dome) 23. Juni 07 - Oxford (New Theatre) 25. Juni 07 - Cardiff (St David's) 26. Juni 07 - Southampton (Guildhall) 27. Juni 07 - Cambridge (Corn Exchange)

SUMMER FESTIVAL-PERFORMANCES (nur "Greatest Hits", ausgenommen Berlin und Leipzig dort zusätzlich ausgewählte Stücke aus "Architecture & Morality") 01. Juni 07 - Athen (Griechenland), Lykabettus Theatre 07. Juni 07 - Berlin (D), Zitadelle Spandau (Open Air) 08. Juni 07 - Hannover (D), Expo Plaza (+ Kim Wilde & Status Quo) 29. Juni 07 - Leipzig (D), Parkbühne (Clara Zetkin Park) 30. Juni 07 - München (D), Olympiapark, Tollwood Festival 01. Juli 07 - Mainz (D), Volkspark, Zeltfestival 03. Juli 07 - Wien (A), Arena 07. Juli 07 - Torhout (Belgien), TWC 13. Juli 07 - Barcelona (Spanien), Summercase 14. Juli 07 - Madrid (Spanien), Summercase 21. Juli 07 - Liverpool (UK), (Aintree Pavillion) 24. Juli 07 - Monte Carlo, Sporting Club

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In der Originalbesetzung der 1980er-Jahre - ANDY McCLUSKEY (Gesang, Bass, Gitarre), PAUL HUMPHREYS (Gesang, Keyboards), MARTIN COOPER (Keyboards, Saxofon) und MALCOLM HOLMES (Drums) spielten sie neben allen ihren bekannten Hits aus den 1980er-Jahren - von "Enola Gay" (1980) über "Maid Of Orleans" (1982) bis hin zu "Dreaming" (1988) - auch viele Titel aus den 1990er-Jahren wie "Sailing On The Seven Seas", "Pandora's Box", "Dream Of Me" und zum ersten Mal überhaupt "live" der letzte größere Hit von 1996 - "Walking On The Milky Way". Aber auch unbekanntere Stücke wie "The Romance Of The Telescope" und "Almost" (leider nur ein einziges Mal) kamen zu neuen "Live"-Ehren.

Videodesigner Hambi Haralambous

Optisch unterbaut wurden die Songs bei den meisten Konzerten (aus Kostengründen leider nicht durchgängig überall) durch Videoeinspielungen über eine große LED-Videoleinwand, welche die Stimmungen der einzelnen Songs nahezu perfekt visualisierten. Hierfür beauftragte Andy McCluskey einen alten Bekannten, der bereits Ende der 1980er-/Anfang der 1990er-Jahre maßgeblichen Einfluss auf die Fortführung von OMD durch Andy hatte - Hambi Haralambous. Bis zum Ende der 1990er-Jahre noch Besitzer des "The Pink Museum"-Aufnahmestudios in Liverpool, hatte er sich schließlich dazu entschlossen, dem Musikbusiness den Rücken zu kehren und sich verstärkt seiner Tochter zu widmen: "Nach zwanzig Jahren als Besitzer eines Tonstudios hatte ich genug davon. Glücklicherweise war Andy froh darüber, es mir aus den Händen nehmen zu können und es weiter am Leben zu erhalten. Aufgrund seiner finanziellen Situation war er nicht dazu gezwungen, es auf Teufel komm raus gewinnbringend betreiben zu müssen. Im Januar 1999 wurde meine Tochter geboren und ich pausierte für längere Zeit". Während dieser Zeit kam es zur Trennung von seinem Junior-Geschäftspartner Martin O'Shea, der damit begonnen hatte, sich als Manager von "Atomic Kitten" zu betätigen: "Leider war dies eine recht unschöne Trennung und wäre für sich allein allein schon eine interessante Geschichte", so Hambi. Doch schon bald fand Hambi ein neues Betätigungsfeld: "Nach etwa achtzehn Monaten, in denen ich mich um meine Tochter gekümmert hatte, wachte ich eines Morgens auf und beschloss, Filme zu machen", so Haralambous in einem Interview mit Paul Browne. Nach einigen Jahren der Ausbildung (er hatte davor noch nie etwas mit der Filmbranche zu tun gehabt) und der Arbeit an eigenen Projekten, traf er erneut auf Andy McCluskey: "Ich hatte weiterhin den Kontakt mit Andy aufrecht erhalten, es gab immer ein paar Treffen, bei denen sich auch die Gelegenheit für ihn ergab, sich meine Arbeiten anzuschauen". Gegen Ende eines seiner Kurzfilm-Projekte, welches Haralambous in Spielfilmlänge weiterentwickeln wollte, machte er sich auf die Suche nach Sponsoren für dieses Vorhaben: "Im Oktober 2005 hatte ich auch Andy darauf angesprochen. Leider war er zu dieser Zeit nicht ganz flüssig, sagte mir aber, er hätte im kommenden Jahr etwas Arbeit für mich. Er erzählte mir von seinen Plänen, OMD reformieren und wieder auf Tour gehen zu wollen und das er daran interessiert wäre, hierfür Hintergrundprojektionen einzusetzen". So kam es schlussendlich zur Zusammenarbeit der beiden: "Eine Show, bestehend aus zwei Jungs, die zwei Stunden lang hinter ihren Keyboards stehen, während Andy dabei herumtanzt, versprach wenig Spannung. Ich denke, das Andy auch der Ansicht war, das die Reunion von OMD ein besonderes Ereignis darstellte. Die Projektionen sollte den vielen Fans, die die Shows sehen

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würden, etwas Neues bieten und das war ihm wichtig. Ich machte mich also an die Arbeit und entwarf eine Idee für 'Electricity', die Andy gefiel und per Handschlag wurden wir uns schließlich einig". Das Projekt sollte erst im darauffolgenden April 2006 beginnen, was Haralambous etwas Zeit gab, sich in die Thematik hinein zu finden und zu schauen, wie es denn andere so machten: "Ich saß erst mal mit Andy zusammen und bekam eine kurze Einführung von ihm zu jedem Song und welche Bilder er grundlegend darin haben wollte. Wenn ich einen Rohschnitt für einen Song fertig hatte, schneite Andy herein, warf einen Blick darauf und gab mir Anregungen und Feedback dazu. Von Beginn an achteten wir allerdings darauf, zu viel schnelle Bewegung zu vermeiden, weil Andy immer besorgt darum war, dass die Bilder auf der Leinwand von der Band auf der Bühne ablenken könnten". Als Andy einige der Filme erstmals auf einem großen Bildschirm sah, war er hin und weg davon und Hambi konnte mit seiner Arbeit zufrieden sein: "Erst als ich die Filme zum ersten Mal mit Live-Publikum während der ersten Show in Dublin sah, fühlte ich, das ich einen guten Job gemacht hatte und war erstaunt zu hören, wie sich die Menschen im Publikum über die Filme unterhielten. Obwohl dies das erste Mal war, dass ich so etwas gemacht hatte, empfand ich es als einen großen Erfolg und es hat die OMD-Show in eine neue und auch aufregende Ebene empor gehoben". Andy's Rolle als treibende Kraft in der Umsetzung der OMD-Comeback-Tournee drückte Haralambous abschließend dergestalt aus (und dem nichts mehr weiter hinzuzufügen ist): "Der Respekt gebührt Andy - für das Risiko das er einging, um seine Vision in die Tat umzusetzen - gegen den Rat seitens seines Managements und seinen Buchhaltern. Er hätte auch einfach mit der Standard-Light-Show spielen, das Geld nehmen und wieder verschwinden können. Aber so, wie er das alles durchgesetzt hat, zeigt, das OMD erneut Maßstäbe in Sachen Performance-Art gesetzt und sich damit eine großartige Plattform geschaffen haben, ihre musikalische Karriere weiter voranzutreiben".

ANDY McCLUSKEY und PAUL HUMPHREYS

Alle vier Musiker präsentierten sich in Topform, auch MALCOLM HOLMES, der trotz mehrerer Herzoperationen in den vorangegangenen Jahren gewohnt souverän an den Drums agierte. Stuart Kershaw, der als Ersatz für Malcolm Holmes in den Startlöchern gestanden hätte, wären bei Holmes während der Tour unvorhergesehene, gesundheitliche Probleme aufgetreten, kam nicht zum Einsatz. Vor allem aber Frontmann ANDY McCLUSKEY begeisterte sein Publikum, dem seine bis dato achtundvierzig Lebensjahre kaum anzumerken waren und wie schon in den dreißig Jahren zuvor mit seinem unverwechselbaren Tanzstil wie ein Derwisch über die Bühne fegte und eine unglaubliche physische Performance an den Tag legte (auch wenn er einige Konzerte aufgrund schmerzhafter Probleme mit seinem linken Knie – verursacht durch einen Unfall Mitte der 1980er-Jahre - nur mit starker Kortisonbehandlung durchzustehen vermochte). PAUL HUMPHREYS überzeugte als Sänger der Titel "Forever Live And Die" und "Souvenir" stimmlich weitaus mehr als im Vergleich zu seinen besten Zeiten bei OMD in den 1980er-Jahren und präsentierte sich auch als Frontmann wesentlich entspannter und souveräner. Trotz des Umstandes, dass Keyboarder MARTIN COOPER während der Konzerte die überwiegende Zeit sitzend an seinen Hocker "gefesselt" war, glänzte auch er vor allem durch seine Parts am Saxofon. Aufgrund seines schweren Rückenleidens war er leider nicht mehr dazu in der Lage, stehend einen Auftritt über längere Zeit schmerzfrei durchzustehen.

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MARTIN COOPER und MALCOLM HOLMES

So bekamen OMD 2007 für ihre Konzerte eine überwiegend anerkennende bis begeisterte Resonanz vom Publikum, sowie auch viel positives Feedback in den Rezensionen der verschiedensten Pressemedien. Wer bei OMD eine peinliche "Oldie-Show" erwartet hatte, wie sie so manche in die Jahre gekommene Künstler immer wieder gerne abliefern, wurde jedenfalls eines Besseren belehrt. Und dies ließ auf weitere tolle Konzerte hoffen, die Andy McCluskey nicht müde wurde bereits für 2008 anzukündigen - und dies trotz des Umstandes, dass sich die Tour 2007 letzten Endes finanziell nicht gerechnet hatte und Andy McCluskey als alleiniger Finanzier der Tour dabei "drauflegen" musste.

Stuart Kershaw (jeweils rechts) als Ersatz für Paul Humphreys beim zweiten Auftritt von OMD in der "Ultimativen Chart-Show", 2007

Nach ihrem erfolgreichen Band-Comeback in der "Ultimativen Chart-Show" des deutschen Senders "RTL" im Jahre 2005 traten OMD 2007 zum zweiten Mal dort auf. Unter dem Motto "Die Top New Wave Hits in Deutschland" erreichten OMD in dieser Kategorie mit ihrem Klassiker "Maid Of Orleans" den ersten Platz. Aufgezeichnet wurde die Show am 15. Oktober 2007 in Köln und wurde am 27. Oktober 2007 gesendet.

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Die Band trat im Line-Up Andy McCluskey, Martin Cooper, Malcolm Holmes und Stewart Kershaw auf. Paul Humphreys konnte aufgrund familiärer Verpflichtungen, wegen der er sich zum Zeitpunkt der Aufzeichnung in den USA aufhielt, nicht daran teilnehmen. Im Gegensatz zum Auftritt im Jahre 2005 gab es keinen Interview-Part auf der Couch von Moderator Oliver Geissen. Allerdings wurde der Videotrailer, welcher 2005 verwendet wurde, in leicht veränderter Form nochmals vor dem eigentlichen Auftritt wiederholt. Unterstützt wurde die Band vor Ort auch diesmal wieder von Fans der "germanmanoeuvres"Fancommunity, wenn auch nicht so zahlreich wie noch zwei Jahre zuvor.

"SOUVENIR - The OMD Documentary"

Als würdiger Abschluss des für OMD überaus erfolgreichen, aber auch anstrengenden Jahres 2007, wurde am 16. November 2007 die auf dreitausend Exemplare limitierte DVD "Souvenir - The OMD Documentary" veröffentlicht. Produziert wurde diese Band-Dokumentation von Rob Finighan ("AspectTV"), einem ehemaligen leitenden Fernsehproduzenten der "BBC" und selbst ein langjähriger Fan von OMD. Somit entstand letzten Endes eine Dokumentation, die sich - im Gegensatz zu den mittlerweile gewohnt oberflächlichen TV-Produktionen was dieses Genre betrifft - kompetent und auf hohem Qualitätsniveau mit der Bandgeschichte auseinander gesetzt hatte. Diese "Limited Editon" - auch als "Director's Cut" bezeichnet, ist mit einer Spieldauer von insgesamt fünfundneunzig Minuten um etwa eine halbe Stunde länger als die sechzigminütige TV-Version, die im englischen "BBC"-Programm gezeigt wurde. Auf der DVD u. a. enthalten waren: Ausschnitte vom "Tour-Warm Up"-Konzert der 2007er-Tour in Birmingham im Mai 2007, Andy und Paul in den Räumen ihres früheren "Gramophone Suite"-Studios und des "Eric's Club" in Liverpool, sowie viele Interviews mit Andy und Paul, als auch Erläuterungen zu einzelnen Songs.

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"Souvenir - The OMD Documentary"

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C / DREISSIG JAHRE "ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK" 30th ANNIVERSARY TOUR 2008 und neue Musik: Von "Whole Again" zur "Energy Suite"

Compilation-Album mit "WHOLE AGAIN" - von OMD

2008 Selten hatte Andy McCluskey es versäumt, am Ende fast jeden Konzertes der OMD-Tour 2007 die Besucher mit dem Satz "see you soon" zu verabschieden. Und die Fans konnten sich schon sehr bald mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen, das dies mitnichten leere Worte waren und dass das Jahr 2008 - was neue CD- und DVD-Veröffentlichungen, sowie mit Abstrichen auch "Live"-Konzerte betraf - bei Weitem das vorangegangene Jahr übertreffen sollte. Bereits am 28. Januar 2008 überraschte man mit der Veröffentlichung eines brandneuen Songs unter dem Namen "OMD". Auch wenn es sich dabei zum Einen lediglich um eine Coverversion des von Andy McCluskey für "Atomic Kitten" geschriebenen Hits "Whole Again" und zum Zweiten genau genommen auch nur um ein reines Soloprojekt von McCluskey handelte - ohne eine Beteiligung der übrigen Bandmitglieder - so war dies doch das erste, neue musikalische Lebenszeichen von OMD seit 1996. Veröffentlicht wurde der Song auf der Compilation "Liverpool - The Number One Album". Das Album enthielt ausgewählte Coverversionen von Nummer Eins-Hits Liverpooler Künstler, allesamt eingespielt von Musikern und Bands, die ebenfalls und ausschließlich aus Liverpool stammten. Untermauert werden sollte mit diesem Musik-Charity-Projekt Liverpool's Status als "Kulturhauptstadt Europas 2008". Aus keiner anderen britischen Stadt kamen mehr Nr. 1-Hits - insgesamt sechsundfünfzig an der Zahl. Über eine Million Pfund sollten bei diesem Projekt an Spendengeldern zusammenkommen, welche ausnahmslos führenden Liverpooler Hilfsinstitutionen zukamen. Im März hatten die Fans dann erneut Grund zum Jubeln. Am 03.03.2008 hatte man sich aus Anlass seines fünfundzwanzigjährigen Jubiläums dazu entschlossen, nach den ersten drei Alben von OMD nun auch den vierten Longplayer "Dazzle Ships" aus dem Jahre 1983 als "Digitally Remastered Edition" erneut zu veröffentlichen. Das Album mit den bekannten Singles "Genetic Engineering" und "Telegraph" enthielt in Form von Bonustracks die diversen "Extended Versions" der Singles erstmals auf CD, sowie neben dem Song "4-Neu" zum ersten Mal den B-Seiten-Track "66 & Fading" in voller Länge. Außerdem wurde als besonderer

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Leckerbissen bisher unveröffentlichtes Material zugänglich gemacht, wie beispielsweise "Radio Swiss International", eine dem Album-Opener "Radio Prague" nicht unähnliche Collage, die zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung von "Dazzle Ships" nicht für das Album berücksichtigt wurde. Als ein ganz besonderes Highlight für die Fans stellte sich die bis dato unbekannte Erst-Version von "Telegraph" dar, die bereits 1981 im Zuge der "Architecture & Morality"-Sessions im "The Manor"-Studio in Oxford aufgenommen wurde.

DAZZLE SHIPS - "Digitally Remastered Edition"

Zu "Dazzle Ships" äußerte sich Andy McCluskey im Januar 2008 folgendermaßen: "Dazzle Ships ist eine kuriose LP, denn offensichtlich war es wohl das Album, das sich am schlechtesten verkauft hat. Heute bin ich außerordentlich stolz darauf. Wahrscheinlich begingen wir kommerziellen Selbstmord damit, aber wir machten das Album aus den richtigen Gründen. Es birgt eine Art schmerzliche Schönheit in sich". Das nun im Zuge dieser Remaster-Veröffentlichung möglicherweise auch alle weiteren Alben von OMD, wie z. B. "Junk Culture", "Crush" oder "The Pacific Age", in klangtechnisch verbesserter Form und um Bonustracks erweitert herausgebracht werden, schloss Andy McCluskey zu diesem Zeitpunkt allerdings noch aus.

OMD LIVE - "ARCHITECTURE & MORALITY & MORE" Das ursprüngliche Cover mit Martin Cooper am Keyboard (rechts)

Schlag auf Schlag ging es nun weiter im Reigen der Neuveröffentlichungen: Schon im Zuge der "Architecture & Morality"-Tournee im Vorjahr kündigte Andy McCluskey vorab an, das es zu einem späteren Zeitpunkt eine "Live"-Aufzeichnung von einem Konzert der Tour, sowie erstmals in der Geschichte

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von OMD ein "Live"-Album geben sollte. So wurde dann auch während des Konzertes am 19. Mai 2007 im "Hammersmith Apollo" in London fleißig gefilmt und "live" mitgeschnitten. Beauftragt wurde dafür die in dieser Sparte führende Produktionsfirma "Eagle". Und doch dauerte es fast ein ganzes Jahr, bis man Anfang April 2008 endlich die "Architecture & Morality & More" betitelte "Live"-CD und nochmals drei Wochen später die "Live"-DVD in Händen halten konnte. Schuld daran war offenbar die Produktionsfirma "Eagle", mit deren gefilmtem Material Andy McCluskey am Ende wenig zufrieden war und aus diesem Grund sehr viel Arbeit und Zeit in eine umfangreiche Nachbearbeitung investiert werden musste. Am offensichtlichsten trat der Dilettantismus von "Eagle" bei der Gestaltung des Covers zutage. Aufmerksame Fans waren es, die darauf hinwiesen, das auf dem - nebenbei bemerkt künstlerisch absolut einfallslosen - Coverfoto Martin Cooper im Hintergrund zu sehen sei und ob es denn wohl nicht angebrachter wäre, Paul Humphreys abzubilden, da er ja neben McCluskey der zweite, kreative Kopf von OMD wäre. "Eagle" behob den Fehler dann dergestalt, das sie Martin kurzerhand retuschierten und durch Paul Humphreys ersetzten. Das es das Cover in dieser Form überhaupt in die Endproduktion geschafft hat, ist für sich allein betrachtet schon erstaunlich genug.

Wie auch immer - das im "Hammersmith Apollo" in London aufgenommene Konzert war zumindest auf der DVD vollständig enthalten. Zudem enthielt sie zusätzliches Bonusmaterial in Form eines zwanzigminütigen Interviews mit der Band, ein Gespräch mit dem Regisseur Hambi Haralambous - zuständig für die Einspielfilme der Bühnenshow, sowie drei komplette "On Stage"-Filme von Haralambous, inklusive der dazugehörigen Audiotracks. Leider verhielt es sich da bei der Audio-CD etwas anders. Das Konzert wurde hier um ganze fünf Songs gekürzt, ebenso wurden fast alle Ansagen und weitgehend auch der Applaus des Publikums herausgeschnitten. Die US-Ausgabe des Albums wurde dann unverständlicherweise nochmals um fünf weitere Titel gekürzt. Am 5. Juli 2013 erschien die DVD zusätzlich noch als Blue Ray-Version. Auch für 2008 standen nun einige "Live"-Aktivitäten auf dem Programm von OMD, wenn auch nur überwiegend in Form von Andy McCluskey und Paul Humphreys.

Andy McCluskey und Paul Humphreys Zusammen mit Jim Kerr und Charlie Burchill von den "SIMPLE MINDS" während des "NOTP"-Finales in Charleroi (Belgien)

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Den Anfang machten OMD im April mit ihrer erneuten Teilnahme an der "Night Of The Proms". Nach der "NOTP"-Deutschlandtour 2006 wirkten die beiden OMD-Köpfe, gemeinsam mit dem aus über siebzig Musikern bestehenden Orchester "Il Novecento", diesmal aber nur an lediglich vier Konzerten auf belgischen und spanischen Bühnen mit, um im klassischen Gewand ihre größten Hits zu präsentieren. Neben OMD waren im belgischen Charleroi und im spanischen Valencia und Benidorm u. a. auch die "Simple Minds" sowie Alan Parsons mit dabei.

Andy McCluskey und Paul Humphreys (mit Dirk Hohmeyer) in Spanien

Ebenfalls im April gaben OMD bekannt, im Oktober erneut auf Tour gehen zu wollen. Geplant war, den Schwerpunkt des Live-Programms auf Songs des "Dazzle Ships"-Albums zu legen. Zudem beging man im Oktober ja auch noch das dreißigste Bandjubiläum, welches würdig gefeiert werden sollte. Leider sollte es am Ende nur eine recht kleine Tournee werden, beschränkt auf sieben Konzerte und diese auch nur innerhalb Großbritanniens.

Paul Humphreys (4. v. l.) und Andy McCluskey (5. v. l.) beim "Beatles Day Concert" in Liverpool

Am 10. Juli 2008 traten Andy McCluskey und Paul Humphreys im Rahmen des "Beatles Day Concert" in der neu erbauten Liverpooler "Echo Arena" auf. Mit dabei waren Liverpooler Musiklegenden wie z. B. Gerry Marsden, "The Quarrymen" (die erste Band von Paul McCartney und John Lennon), "The Swinging Blue Jeans", die "Merseybeats", Mike Pender von den "Searchers", "The Original Fourmost", "The Black Knights", "Karl Terry & The Cruisers", "The Undertakers" und "Kingsize Taylor & The Dominoes". Gespielt wurden während des über dreistündigen Charity-Konzertes zu Gunsten des Liverpooler "Alderhey"Krankenhauses ausschließlich Lieder der "Beatles". OMD performten dabei den Song "Across The Universe" (wovon allerdings leider keine Aufnahme existiert).

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Im Rahmen ihrer "Sight & Sound"-Reihe veröffentlichte EMI am 19. September 2008 eine "Greatest Hits"Compilation von OMD.

Schon ca. fünf Jahre zuvor war im Gespräch, eine Art "Best Of"-DVD mit zusätzlichem, bislang unveröffentlichtem Filmmaterial von und über OMD herauszubringen. Am Ende blieb es bei diesen Gedankenspielen und man hörte einige Jahre nichts mehr von diesem Projekt. So war Andy McCluskey und Paul Humphreys der Gedanke an eine Wiederveröffentlichung ihrer Promo-Videos zu den Singles auf DVD auch eher unangenehm. Als zu seicht und künstlerisch nicht unbedingt wertvoll schätzten sie ihre früheren Video-Drehs ein, als das sie diese erneut aus den Archiven hervorholen wollten. "Zu unserem Nachteil gerieten wir immer wieder an einige Regisseure, die am Anfang die richtigen Dinge sagten, damit sie angeheuert wurden", so Paul Humphreys, der im Jahr 2004 in einem Interview mit Paul Browne kritisch darauf zurückblickte. "Aber im Nachhinein stellte sich immer heraus - zumindest bei einigen von ihnen - das sie dachten: a) Sie waren Federico Fellini, b) wir dazu in der Lage sein sollten, Robert DeNiro an die Wand zu spielen, c) wir für vier Minuten Handlung eineinhalb Stunden für ein äußerst kompliziertes Skript pauken sollten, d) es immer darum ging, das einer von uns beiden am Ende ein Mädchen abbekam oder verloren hat - ganz egal, um was es in dem jeweiligen Song wirklich ging! Das Video zu 'Souvenir' war natürlich eine Ausnahme von dieser Regel...", so Humphreys augenzwinkernd, "...hier fanden Andy und ich am Ende zusammen und entschwanden "gay-like" in die Ferne!". Wie dem auch sei - 2008 hatten die beiden OMD-Masterminds ihre Meinung darüber dann glücklicherweise doch noch einmal überdacht. Im Gegensatz zu den beiden jeweils 1988 und 1998 herausgebrachten "Best Of"-Alben handelte es sich bei "Messages - OMD Greatest Hits" - so der Titel des Albums - um eine Kombination von Audio-CD + DVD. Neben einer regulären "Greatest Hits"-Audio-Zusammenstellung waren auf der DVD - erstmals überhaupt in der dreißigjährigen Bandgeschichte von OMD - alle jemals veröffentlichten Promo-Videos zu den jeweiligen Singles zu sehen. Abgesehen von den Videos zu den Singles enthielt der Silberling außerdem das bislang nur auf dem 1985 produzierten Film "Crush - The Movie" veröffentlichte Video von "Hold You" (ursprünglich einmal als Singleauskopplung vorgesehen). Außerdem präsentierte man als ganz besonderen Fan-Leckerbissen das bis zu diesem Zeitpunkt verschollene Promo-Video zur 1980er-Single "Red Frame/White Light". Von diesem Video existierte bis dato nur noch eine einzige erhaltene Aufnahme aus dem Privatarchiv von Paul Humphreys, die speziell für diese Compilation restauriert und digital transferiert wurde. Da zur Single "Joan Of Arc" kein Promo-Video produziert worden war, griff man für diese "Best Of"-Zusammenstellung der Vollständigkeit halber auf eine TV-Aufzeichnung der englischen "Top Of The Pops"-Reihe zurück. Ziemlich im Trend lagen 2008 sogenannte "Mash Up's" - ein Mix aus zwei Songs von jeweils zwei verschiedenen Künstlern, die dann im Resultat einen Song ergaben. Auch OMD produzierten einige solcher Tracks, die ursprünglich als komplettes Album zusätzlich zu "Messages" veröffentlicht werden sollten. Daraus wurde am Ende nichts, was größtenteils an massiven Problemen mit den diversen Plattenfirmen der Fremdkünstler lag, die auf ihre Urheberrechte pochten. So wurde ein für "Messages" geplanter Mash-Up-

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Track namens "Dazzle Ships At The River" in letzter Minute wieder zurückgezogen, da "Sony Music", die Plattenfirma der Band "Groove Armada" (deren Song "At The River" für den Mix verwendet wurde), trotz sehr positiver Reaktionen seitens von "Groove Armada" selbst, ihre Zustimmung zur Veröffentlichung verweigert hatte. Andy McCluskey stellte daraufhin diesen, sowie einige weitere Mash-Up-Tracks, als Internet-Stream über die offizielle OMD-Website zum Anhören bereit.

STARS OF EUROPE

OMD, bzw. Andy McCluskey und Paul Humphreys, nahmen dann im September 2008 in Belgien am "Stars Of Europe"-Konzert teil. Unterstützt wurde mit diesem Konzert die Kinderhilfsorganisation "UNICEF". Bei diesem großen Konzertevent im Brüsseler "Atomium" präsentierte man generationsübergreifend die unterschiedlichsten künstlerischen Stilrichtungen. Weitere teilnehmende Künstler neben OMD waren u. a. Sharleen Spiteri, Robyn, Nile Rodgers und Kate Ryan. Musikalisch begleitet wurden OMD vom Orchester der "Night Of The Proms". Gespielt wurden die Songs "Enola Gay" und "Maid Of Orleans". Der Eintritt zur Show war kostenlos und wurde "live" im belgischen Fernehen sowie über diverse andere europäische TV-Sender übertragen.

OMD - TOUR 2008

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Fast genau dreißig Jahre nach ihrem Debütauftritt im Liverpooler "Eric's Club", starteten OMD unter dem dem Motto "30th Anniversary Tour" zu einer Kurztour, welche die Band zwischen dem 28. September und 7. Oktober 2008 ausschließlich durch Großbritannien führte. Der erste Auftritt fand im "The Ambassador Theater" in Dublin (Irland) statt. Weiter ging es nach Newcastle in die "Newcastle City Hall", dann nach Glasgow, wo man in der "Glasgow Royal Concert Hall" das Publikum begeisterte. Es folgte Liverpool, wo OMD in der neu erbauten "Liverpool Echo Arena" ihren Einstand gaben, in Nottingham spielte man in der "Royal Concert Hall & Theatre Royal at Royal Centre" und anschließend in der "Symphony Hall" in Birmingham. Ihr letztes Konzert gaben OMD dann in London, wo die Tour im "Roundhouse" ihren viel zu frühen Abschluss fand.

OMD "live" in Dublin, 2008

Zwar beschränkten sich OMD diesmal auf lediglich sieben Konzerte in UK, Irland und Schottland, dafür gab es allerdings einige unerwartete musikalische Leckerbissen aus den zurückliegenden dreißig Jahren der Bandhistorie zu Gehör. So kamen außer den bekannten "Greatest Hits" auch "Genetic Engineering" und "Radio Waves" aus dem 1983er-Album "Dazzle Ships" zum Zuge, inkl. dem Titelsong als Opener. Vom 1980er-Album "Organisation" überraschten OMD mit "Statues" und "Stanlow".

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Andy McCluskey beim Song "Statues"

Das "Live"-Line-Up war identisch mit der Originalbesetzung der 2007er-Tour - Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes. Als Vorgruppe f체r die UK-Konzerte traten die Liverpooler Musikerkollegen der Band "China Crisis" auf.

Martin Cooper (links) und OMD "live" w채hrend "Genetic Engineering"

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THE ENERGY SUITE

Liverpool präsentierte sich im Jahr 2008 als europäische Kulturhauptstadt und bot aus diesem Anlass mehr als siebzig kulturelle Höhepunkte: Auftragsarbeiten, Ausstellungen, Festivals und Premieren aus allen Gattungen von öffentlicher Kunst, Architektur, Tanz und Mode bis hin zu Film, Literatur, Musik, Straßen und Bühnentheater und visueller Kunst - vieles davon für das interessierte Publikum völlig gratis.

Andy McCluskey - Peter Saville - Hambi Haralambous

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Die Installation

OMD - oder präziser ausgedrückt: Andy McCluskey und Stuart Kershaw - produzierten dafür in Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Coverdesigner Peter Saville den Soundtrack für die "Peter Saville Installation" im Rahmen des überaus vielfältigen Programms der Stadt. Der SavilleInstallation lag ein übergeordnetes Thema zugrunde: "Eine Erkundung verschiedener nordenglischer Kraftwerke" - dabei handelte es sich um einen ca. dreißigminütigen Film, unterlegt mit neuer, speziell für diesen Anlass geschriebener und aufgenommener Musik von OMD. Titel dieser Komposition: "The Energy Suite" - thematisch basierend auf fünf verschiedene, in England angesiedelte Kraftwerke, die allesamt die unterschiedlichen Arten der Energiegewinnung repräsentieren. Ebenfalls in das Projekt involviert wurde Filmemacher Hambi Haralambous, welcher bereits für die OMDTour 2007 (in Zusammenarbeit mit Andy McCluskey) die umfangreichen Video-Screen-Grafiken zusammenstellte und nun für diese Installation alle Filmarbeiten und deren Endbearbeitung ausführte. Haralambous über die Entstehung: "Im Mai 2006, ca. einen Monat nach Beginn der Arbeiten an den Hintergrundgraphiken für die OMD-Comeback-Tour, nahm die 'Energy Suite' bereits ihren Anfang. Peter Saville schwebte eine Kunstinstallation zu 'Stanlow' vor und kontaktierte daraufhin Andy McCluskey. Andy hatte dieses Thema seiner Ansicht nach schon erschöpfend behandelt und hatte die Idee zu einer Installation über diverse Stromerzeugungsstandorte", so Hambi. Und weiter: "Ich wurde eingeladen, am Projekt teilzunehmen und verbrachte einen Großteil des Sommers 2006 damit, zusammen mit Andy entlang der Küste diverse Kraftwerke zu erforschen. Von Heysham, ein Kernkraftwerk in der Nähe von Lancaster im Norden, über Dinorwig in Llanberis/Wales, die allesamt einen Bogen um die Irische See bildeten. Glücklicherweise waren viele der Manager dort große OMD-Fans, was uns den Zugang zu den Kraftwerken für die Filmarbeiten ungemein erleichterte". Eines der Bilder von Heysham und einige Outtakes von Point of Ayr wurden übrigens schon während der 2007er-Tour für die Hintergrundgrafik des Songs "Sealand" verwendet.

"FACT" in Liverpool (links) und Andy McCluskey vor Ort während der Ausstellung

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"The Energy Suite" setzte sich letztendlich aus insgesamt fünf Songs zusammen, welche alle aus orchestral arrangierter Instrumentalmusik in Kombination mit den an den Originalschauplätzen aufgenommenen, typischen Betriebsgeräuschen der jeweiligen Kraftwerke bestanden. Alle Tracks - ähnlich dem OMDtypischen Stil von Songs wie "Stanlow" und "Sealand" aufgebaut - hatten jeweils eine Spieldauer von fünf bis sechs Minuten und wurden nach den einzelnen Arten der Energiegewinnung benannt: GAS (Point of Ayre/Connah's Quay), WATER (Electric Mountain), AIR (North Hoyle Bank), NUCLEAR (Heysham 2) und COAL (Fiddler's Ferry).

Andy McCluskey für Dreharbeiten und Audio-Aufnahmen der Installation an den Originalschauplätzen

Was die Musik anging, handelte es sich bei diesem Projekt ausschließlich um eine gemeinschaftliche Arbeit von OMD-Mastermind Andy McCluskey und seines langjährigen musikalischen Weggefährten Stuart Kershaw - OMD-Musiker und Songwriting-Partner von Andy für "Atomic Kitten" in den 1990erJahren. Weder Paul Humphreys, noch Drummer Malcolm Holmes und Keyboarder Martin Cooper, waren an diesem Projekt in irgendeiner Form beteiligt.

Andy McCluskey und Stuart Kershaw komponierten und produzierten gemeinsam die "Energy Suite"

Zu sehen war die finale Installation vom 12. Dezember 2008 bis zum 22. Februar 2009 in der "Foundation For Art & Creative Technology (FACT)" in Liverpool. "FACT" ist die führende Organisation in Sachen Auftragsvergabe und Präsentation von Film, Video und neuen Medien in England. Die Original-Installation selbst, sowie auch die dazugehörige Original-Musik von OMD, wurde bislang weder als DVD, noch als Audio-CD veröffentlicht. Lediglich kurze Ausschnitte, enthalten in diversen Interviews mit Andy McCluskey, sind bislang in einigen "YouTube"-Videos nach zu hören. Jedoch gab es am 20. Juni 2009 in der Liverpooler "Philharmonic Hall" eine "Live"-Premiere von "The Energy Suite", zusammen mit dem fünfundsiebzigköpfigen "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra", wo auch die Filmaufnahmen der Installation auf großer Hintergrund-Leinwand gezeigt wurden.

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Andy McCluskey - im Studio und in der Liverpooler "Mathew Street" vor dem ehemaligen "Eric's Club", 2009

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D / ORCHESTRALE MANĂ–VER IM KLASSISCHEN GEWAND The Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Night Of The Proms und die Simple Minds

OMD with "The Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" "Electricity & The Energy Suite" - "live" in der "Philharmonic Hall" in Liverpool

2009 Das letzte Jahr des Jahrzehnts begann relativ entspannt fĂźr OMD. Andy McCluskey's Aufmerksamkeit lag noch bis zu ihrem Abschluss im Februar auf der Ausstellung der "Energy Suite" in der Liverpooler "FACT"Stiftung - und auch in den nachfolgenden Monaten blieb es vorerst noch recht ruhig in Sachen OMD. Erst Anfang Mai gab es ein erstes Lebenszeichen der Band, als sie nunmehr zum dritten Mal in Folge in der deutschen Musik-Sendung "Die Ultimative Chartshow" auftraten und sich in deren sechsundsechzigsten Ausgabe, die diesmal unter dem Motto "50 Jahre deutsche Charts" stand, mit "Maid Of Orleans" den vierundzwanzigsten Platz in der Gesamtwertung der erfolgreichsten Songs in Deutschland, von 1959 an gerechnet, sichern konnten. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Engagements von OMD in dieser Show traten sie diesmal erstmals in der kompletten Originalbesetzung auf.

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Zugleich waren auch schon die Vorbereitungen für eines der großen OMD-Highlights des Jahres in vollem Gange - ein gemeinsamer Auftritt zusammen mit dem "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" und der damit verbundenen "Live"-Premiere der "Energy Suite".

Am 20. Juni 2009 erfüllten sich Andy McCluskey und Paul Humphreys in der Liverpooler "Philharmonic Hall" einen drei Jahrzehnte alten Traum: Ihre Hits zusammen mit dem fünfundsiebzigköpfigen Orchester in dieser ehrwürdigen Halle ihrer Heimatstadt auf die Bühne zu bringen. Im ersten Teil des über eineinhalbstündigen Konzertes kam der Besucher in den Genuss der LiveUraufführung von "The Energy Suite". Nach einer kurzen Begrüßung von Andy McCluskey spielte das Orchester im Anschluß daran alle fünf Titel der Kunst-Installation von Peter Saville, Andy McCluskey und Hambi Haralambous. Im zweiten Teil des Konzerts präsentierten OMD und das "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" dann zum Einen viele ihrer größten Hits wie "Maid Of Orleans", "Souvenir", "Enola Gay", "Messages" und "Sailing On The Seven Seas" in vollständig neu arrangierten und überarbeiteten Versionen. Zum Anderen kamen die Fans in den unerwarteten Genuss von weniger bekannten Album-Songs aus allen zurückliegenden Schaffensperioden, wie z. B. "La Femme Accident", "The Native Daughters Of The Golden West" und "All That Glitters". Eröffnet wurde dieser zweite Teil überraschenderweise mit dem 1983er-"Dazzle Ships"Album-Opener "Radio Prague", der damit zum ersten Mal in der dreißigjährigen Bandgeschichte "live" auf der Bühne gespielt wurde. Die Musik für das Orchester wurde arrangiert von Gary Carpenter, Ian Stephens, Deborah Mollison, Louis Johnson und Ian Gardiner. Dirigiert wurde von Clark Rundell.

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Paul Humphreys, Dirigent Clark Rundell und Andy McCluskey

Im Herbst 2009 stand für OMD, bzw. Andy McCluskey und Paul Humphreys, wieder eine Teilnahme bei der "Night Of The Proms" auf dem Programm. Diesmal vom 23. Oktober bis 10. November in Antwerpen/Belgien (Sportpalais), vom 13. bis 14. November in Arnheim/Niederlande (Gelredome) und vom 18. bis 22. November in Rotterdam/Niederlande (Ahoy). Neben OMD waren u. a. das Duo "Roxette" mit am Start.

In Antwerpen, wo vor Tourstart tagsüber traditionell auch die Proben für die "Night Of The Proms" stattfinden, hatten Andy und Paul auch die Gelegenheit, alte Freunde aus vergangenen Synthpop-Tagen zu treffen - Glenn Gregory und Martyn Ware von "Heaven 17", die an der "NOTP"- Deutschland-Tour mitwirkten. BILD NÄCHSTE SEITE OBEN: Treffen alter Bekannter links: OMD und die "Katona-Twins" - beide Bands kommen aus Liverpool rechts: Dirk Hohmeyer, Andy McCluskey, Martyn Ware ("Heaven 17"), Paul Humphreys und Glenn Gregory ("Heaven 17")

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Als einen kleinen Vorgeschmack auf das neue OMD-Album, an dessen Songs Andy und Paul bereits gemeinsam mit Hochdruck arbeiteten, stellte man im November 2009 auf der offiziellen Website von OMD den Song "Sister Marie Says" in seiner Demo-Version als kostenlosen Download zur Verfügung. Ursprünglich im Jahre 1996 unter dem Titel "Sister Mary Gabriel" für das damalige, bislang letzte OMDStudioalbum "Universal" aufgenommen, sollte der Song nun mit abgeändertem Titel und neu aufgenommen auf dem kommenden Album veröffentlicht werden.

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Im Doppelpack zusammen mit den "Simple Minds" - im Rahmen deren "Graffiti Soul"-Tour - bereisten OMD von November bis Dezember 2009 als "Special Guests" Großbritannien, sowie einige Städte auf dem europäischen Festland. Für ein Konzert kamen sie zur Freude ihrer deutschen Fans auch in die Sporthalle nach Hamburg. Mit ein Highlight während dieser Konzerte war eine gemeinsame Performance von "Neon Lights", dem Klassiker der Elektronik-Pioniere "Kraftwerk", die Andy und Paul zusammen mit den "Simple Minds" im Zugabenteil präsentierten.

Mit den "Simple Minds" standen OMD bei folgenden Konzerten auf der Bühne: 26.11.09 - Amsterdam (Heineken Music Hall) 27.11.09 - Hamburg (Sporthalle) 28.11.09 - Brüssel (Forest Nationale) 30.11.09 - Newcastle (Newcastle Arena) 02.12.09 - Birmingham (NEC Arena) 03.12.09 - Manchester (MEN Arena) 05.12.09 - Sheffield (Sheffield Arena) 06.12.09 - Cardiff (Cardiff International Arena) 07.12.09 - London (Wembley Arena) 09.12.09 - Dublin (O2 Arena) 10.12.09 - Belfast (The Odyssey Arena) 11.12.09 - Glasgow (SECC) 12.12.09 - Aberdeen (Aberdeen Conference Centre)

Paul Humphreys und Andy McCluskey gemeinsam auf der Bühne mit den "Simple Minds"

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OMD "live", 2009 Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes

Ein Weihnachtsgeschenk der ganz besonderen Art gab es dann Mitte Dezember 2009 - "ELECTRICITY OMD with the Royal Liverpool Philharmonic Orchestra". "FACT" verรถffentlichte eine Doppel-DVD des Konzertes vom 20. Juni, das OMD zusammen mit dem Orchester in der Liverpooler "Philharmonic Hall" gegeben hatten.

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Neben dem kompletten Mitschnitt des ursprünglich zweiten Teils des Konzertes, wo OMD zusammen mit dem Orchester ihre größten Hits und einige weniger bekannte Album-Tracks in klassischem Arrangement zum Besten gaben, veröffentlichte man auf einer weiteren DVD die vollständige "Live"-Uraufführung der "Energy Suite". Da Andy McCluskey immer wieder betonte, das es keine Veröffentlichung der "Energy Suite"Originalaufnahmen geben würde, da sie lediglich als ein Teil der Peter Saville-Kunst-Installation zu betrachten sei, ist diese Live-Präsentation des "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" das bis dato einzige erhältliche, vollständige Tondokument der fünf "The Energy Suite"-Songs. Die DVD erreichte gleich nach ihrer Veröffentlichung mit der Position 23 den zweithöchsten Einstieg in die "Midweek Music DVD Charts".

Für Stuart Kershaw sollte die "Energy Suite" das vorläufige Ende seiner Zusammenarbeit mit Andy McCluskey markieren. Am 6. August 2010 schied er nach elf Jahren aus der gemeinsamen Firma "Engine Records Ltd." als Mit-Geschäftsführer aus. Kershaw hatte bis dahin rund zwanzig Jahre mit Andy zusammengearbeitet - zu diesem Zeitpunkt länger als Paul Humphreys.

Paul Humphreys und Philip Larsen

Gemeinsam mit dem dänischen "The Manhattan Clique"-Songwriter und Producer Philip Larsen produzierte Paul Humphreys für Kim Wilde und ihr im August 2010 erschienenes, elftes Studioalbum "Come Out And Play", das mit Nik Kershaw gesungene Duett "Love Conquers All". Humphreys und Larsen spielten auch selbst die Keyboards dazu ein und erledigten das Programming. Philip Larsen, der übrigens 2004 einen "Grammy Award" für Kylie Minogue's "Come Into My World" gewonnen hatte, war u. a. Mitglied der "Live"-Band von Paul und Claudia's "OneTwo"-Projekt.

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KAPITEL 8 (2010 – 2015) MUSIKALISCHE ALTLASTEN UND DIE NEUE KREATIVITÄT

Die Rückkehr von OMD zu ihren elektronischen Wurzeln mit neuen Alben

HISTORY OF MODERN war 2010 das erste NEUE STUDIOALBUM in der KLASSISCHEN URBESETZUNG Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes seit VIERUNDZWANZIG JAHREN. Das von MIKE CROSSEY im Liverpooler MOTOR MUSEUM STUDIO abgemischte und im EIGENVERTRIEB veröffentlichte Album eroberte PLATZ 5 der DEUTSCHEN ALBUMCHARTS - die bislang höchste Platzierung einer OMD-LP in Deutschland. Es verkaufte sich weltweit rund EINHUNDERTTAUSEND MAL - für eine Band der 1980er-Jahre, die seit VIERZEHN JAHREN kein reguläres Studioalbum mehr veröffentlicht hatte, ein großer Erfolg. OMD waren damit vollständig im EINUNDZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT angekommen. Um UNABHÄNGIG VON DER KOMPLETTEN BANDFORMATION als OMD LIVE auftreten zu können, bauten McCLUSKEY und HUMPHREYS ihr DUO-KONZEPT weiter aus - während OMD als Gruppe parallel dazu nach ZWEIUNDZWANZIG JAHREN auch erstmals wieder ausverkaufte KONZERTE IN AMERIKA gab. 2013 veröffentlichte man mit ENGLISH ELECTRIC ein weiteres STUDIOALBUM, das die höchste Chart-Platzierung in UK seit 1991 erreichte. Auch in DEUTSCHLAND schaffte es das Album erneut in die TOP 10. ENGLISH ELECTRIC wurde von McCLUSKEY und HUMPHREYS in EIGENREGIE aufgenommen, produziert und abgemischt und vom NEUEN PLATTENLABEL BMG vertrieben. OMD tourten erneut durch EUROPA und die USA, wo Drummer MALCOLM HOLMES während eines Auftritts in Toronto infolge eines Hitzschlages einen HERZINFARKT erlitt und für Minuten KLINISCH TOT war. Alle BANDAKTIVITÄTEN wurden danach für UNBESTIMMTE ZEIT auf Eis gelegt, sporadisch unterbrochen lediglich durch DUO-AUFTRITTE von McCLUSKEY und HUMPHREYS und FESTIVAL-AUFTRITTE in Bandformation mit Drummer STUART KERSHAW im Jahr 2015. Das 1984er JUNK CULTURE-Album brachte man als DELUXE EDITION mit zum Teil UNVERÖFFENTLICHTEN BONUSTRACKS heraus und spätestens 2016 kann mit einem weiteren NEUEN STUDIOALBUM gerechnet werden.

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A / HISTORY OF MODERN CLEARING OF THE DECKS - Neues Album, Tournee und ein Neustart in Amerika

2010 Vier Jahre waren nun seit ihrer "Wiederauferstehung" vergangen, innerhalb derer sich OMD mit ihren Hits, aber auch mit ihren klassischen Frühwerken wie "Architecture & Morality" "live" auf der Bühne erfolgreich ihren Weg zurück in das Bewusstsein der breiten Masse erarbeitet hatten. Konsequenterweise wagten Andy McCluskey und Paul Humphreys jetzt den nächsten folgerichtigen Schritt - das erfreuliche, wenn auch möglicherweise riskante Comeback in Form neuen, musikalischen Outputs. Es war geplant, das erste substanziell neue OMD-Album mit dem Titel "History Of Modern" im September 2010 der Öffentlichkeit zu präsentieren, verbunden mit einer sich im überschaubaren Rahmen haltenden "Live"-Tournee durch Europa. Neben ihrem obligatorischen "Best Of"-Programm, mit dem auch weiterhin der Erwartungshaltung der Allgemeinheit Rechnung getragen werden sollte, legten OMD nun vor allem Wert darauf, dass auch einige der Songs des neuen Albums ihren Weg in das "Live"-Repertoire fanden.

Andy McCluskey und Paul Humphreys "live" im "New Liverpool Museum"

Bis dahin gab es für OMD im Vorfeld noch eine Menge mehr zu tun. Die Arbeiten an dem Album und die Organisation der Tournee unterbrachen Andy und Paul immer wieder für einige spezielle "Live"Performances. So absolvierten OMD in Zweier-Besetzung am 11. Februar 2010 einen Kurzauftritt anlässlich von Feierlichkeiten bezüglich der Fertigstellung des "New Liverpool Museum" in Liverpool. Unterstützt wurden Andy McCluskey und Paul Humphreys dabei von einem auf siebzehn Musiker reduziertes Ensemble des "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra". Auf dem Programm standen die Songs "Maid Of Orleans", "Electricity", "Sailing On The Seven Seas" und "Enola Gay".

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"Live" im "New Liverpool Museum"

Nachdem das Duo-Konzept schon bei ihren Engagements der "Nokia Night Of The Proms"-Shows erfolgreich aufgegangen war, bauten McCluskey und Humphreys dieses nun weiter aus. Die Vorteile bei dieser Verfahrensweise lagen auf der Hand: Auf diese Art hielten sich die beiden Bandgründer jederzeit die Möglichkeit offen, unabhängig von Martin Cooper und Malcolm Holmes zweigleisig als OMD auftreten zu können und waren dazu in der Lage, kurzfristig und ohne großen technischen und organisatorischen Aufwand für Bühnenauftritte und TV-Shows einsatzbereit zu sein. Die Musik wurde dabei überwiegend per "Apple"-Laptop und "Pro Tools"-Software über Paul's Synthesizer-Workstation "Fantom X8" der Firma "Roland" gesteuert, während Andy für einige Songs nach wie vor auf seinen E-Bass zurückgriff. Als Duo, in Kombination mit der Vier-Spur-Bandmaschine "Winston", begannen Andy und Paul 1978 ihre Karriere als OMD - mit ihrem neuerlichen Duo-Konzept nahmen sie diesen Faden wieder auf und spielten nun auf diese Weise runderneuert in ihrer authentischen, ursprünglichen Formation!

Das Herzstück des OMD-Duo's - Paul's "Fantom X8" und sein "Apple MAC" mit der "Pro Tools"-Software

Obwohl es noch einige Monate dauern sollte, bis das Album regulär in den Handel kam, begannen bereits erste Promotion-Aktivitäten anzulaufen. Schon am 31. Mai 2010 wurde aus dem Album vorab "History Of Modern - Part 2" auf "BBC 6 Music" gespielt. In einem Interview während der Show erwähnte die Band, dass es auf dem Album zwei Stücke namens "History Of Modern" geben würde (Parallelen zu den beiden "Joan Of Arc"-Songs auf dem Album "Architecture & Morality" waren beabsichtigt) und das geplant wäre, einen der Tracks in "The Big Bang Theory" umzubenennen.

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Dieses Vorhaben wurde am Ende dann aber doch nicht umgesetzt und es blieb letztendlich bei den beiden "History Of Modern"-Titeln - zur besseren Unterscheidung lediglich mit dem Zusatz "Part 1" und "Part 2" versehen. Andy und Paul fuhren weiter damit fort, die Werbetrommel zu rühren. Dies taten sie größtenteils in Deutschland, wo OMD ungebrochen populär waren und sich das neue Management um Mirelle Davies, Direktorin von "Wind Up Bird Ltd.", den größten Absatzmarkt für ihren neuen Longplayer versprach.

Andy McCluskey und Paul Humphreys "live" im "National Museum of Computing", Milton Keynes

Am 19. Juni 2010 spielten OMD, erneut in ihrer Duo-Formation - jetzt allerdings erstmals ohne Unterstützung durch ein Orchester - im Rahmen des zweitägigen "Britain's First Vintage Computer Festival" im "The National Museum of Computing (TNMOC)", Bletchley Park, im Bezirk Milton Keynes. Dort nahmen Andy McCluskey und Paul Humphreys zusätzlich an einer Talk-Runde teil, wo sie u. a. über ihre musikalischen Einflüsse und über die Anfangszeit ihrer Karriere plauderten und anschließend mit dem anwesenden Publikum in die Diskussion gingen. Neben einer Auswahl ihrer größten Hits präsentierten sie hier auch zum ersten Mal zwei Lieder des im Herbst erscheinenden, neuen Albums: "History Of Modern (Part 1)" und "Green" (hier noch unter dem Arbeitstitel "The Night"). Im Rahmen der "c/o Pop" in Köln ging es am 25.6.10 für ein exklusives, dreißigminütiges Kurz-Konzert zu "Spex live". Neben "History Of Modern (Part 1)" stellten sie hier einen dritten neuen Song vor: "If You Want It". Vor ihrem Auftritt konnte man Andy und Paul hautnah im Public-Interview der "Creative Business Convention" erleben, wo sie dem Publikum eine Stunde lang Rede und Antwort standen.

"Spex live" Public-Interview im Rahmen der "Creative Business Convention"

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Andy McCluskey und Paul Humphreys "live" bei "c/o Pop" in Köln

Die großen Party-Anheizer gaben Andy McCluskey und Paul Humphreys dann bei der "Michael Michalsky Style Nite", die am 09. Juli 2010 zeitgleich zur "Fashion Week" im Berliner "Tempodrom" stattfand. Die beiden standen auf der Wunschliste von Modedesigner Michalsky ganz oben, nachdem im Vorjahr bereits "Spandau Ballet" für ihn gespielt hatten. Achthundert Gäste nahmen an dieser Mega-Party teil und auch hier präsentierten sie erneut ihr Stück "If You Want It", welches mittlerweile als die kommende, erste Singleveröffentlichung feststand.

Andy McCluskey und Paul Humphreys "live" bei der "Fashion Week" in Berlin“

Als Headliner räumten OMD schließlich am 21.08.10 vor beeindruckender Kulisse und rund fünfunddreißigtausend Zuschauern beim "NDR2 - Open Air - Live am Strand" in Büsum ab, diesmal erstmalig in diesem Jahr in kompletter Bandbesetzung mit Malcolm und Martin. Zuvor heizten die 1980erJahre-Ikonen Nik Kershaw und "ABC" der begeisterten Menge kräftig ein.

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OMD "live" am Strand von Büsum/Germany

THE HISTORY OF MODERN Doch nun zum Album: Im September 2010 kam der langersehnte, neue Longplayer auf den Markt "History Of Modern" (das Album wurde in Deutschland bereits am 17., in Großbritannien am 20. September 2010 veröffentlicht. Eine Woche später kam es auch in den USA unter Lizenz des dortigen Independent-Labels "Bright Antenna" in die Läden. "History Of Modern" - das elfte Studioalbum von OMD und gleichzeitig ihr erstes Werk seit 1996 ("Universal") - verkörperte zugleich die erste Produktion in der klassischen Ur-Besetzung Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes nach vierundzwanzig Jahren und "The Pacific Age", dem vorläufigen Schlusspunkt der Originalformation im Jahr 1986 (auch wenn sich die musikalischen Beiträge beider Letztgenannten für "History Of Modern" letztendlich in eher überschaubarem Rahmen hielten).

Der Name des Albums entsprang aus einer Idee von Sänger Andy McCluskey, nachdem er mit seiner Tochter eine Kunstausstellung mit dem Titel "Die Geschichte der Moderne" ("The History Of Modernism") besucht hatte. Der Slogan stand seitens Andy und Paul für eine tiefere Bedeutung und wurde nicht unbedacht gewählt. Auf dem Papier war es das erste neue Material der britischen Synthie-Pop-Pioniere seit 1996, aber im Geiste hatte "History Of Modern" weitaus mehr mit der Blütezeit der Gruppe in den 1980er-Jahren zu tun - damals, als "Enola Gay" und "Souvenir", geschrieben von zwei Teenagern und Krautrock-Fans der Liverpooler Wirral Merseyside, die Charts erklommen hatten und richtungsweisend waren für eine neue, mutige Bewegung in der britischen elektronischen Musik. Zusammen mit "The Human League" und Gary Numan definierte OMD's melodische Mischung aus modernstem, gefühlvollem Synthie-Pop und coolem, messerscharfen Minimalismus - bis zur Perfektion verfeinert auf den Alben "Organisation", "Architecture & Morality" und "Dazzle Ships" - das Jahrzehnt. Sie verkauften Millionen von Platten und verwandelten die Kumpels seit Kindertagen Andy McCluskey und Paul Humphreys in Stars. "Wir haben versucht, modern zu sein", sagte Andy und versäumte nicht darauf hinzuweisen, das OMD im Jahr 1980 eine der ersten Bands waren, die einen Sampler verwendeten.

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"Nach Architektur, Kunst und Design war Popmusik die letzte der großen modernistischen Bewegungen und wir waren wirklich versucht, etwas Neues zu machen. So wie wir vielleicht auch dachten, wir würden die Welt mit dreieinhalbminütigen Popsongs verändern". Genau dreißig Jahre später, hin zu den wiedervereinigten OMD in 2010, war es offensichtlich, dass die Gruppe immer noch den ihnen ganz eigenen, gewissen Sinn für Spielereien und ihren jugendlichen Idealismus behalten hatte. "Das Schöne daran ist, dass wir - wie in unseren frühen Tagen - nur deshalb diese Platte gemacht haben, weil wir eine Platte machen wollten", gab Andy zu Protokoll. "Wir hatten keinen Druck, eine Scheibe aufnehmen und verkaufen zu müssen und es gab keine Karriere am Laufen zu halten. Es war ein Gefühl wie damals, als wir unser erstes Album aufnahmen". Rekapitulieren wir nochmals die vergangenen fünf Jahre seit ihrem Comeback: Der Samen, der schließlich zur Ernte der Frucht namens "History of Modern" führte, wurde von Paul und Andy bereits im Jahr 2005 ausgebracht, als sie ihre Zusage für einen einzigen Auftritt in der "Ultimativen Charts-Show" des deutschen TV-Senders "RTL" gegeben hatten. OMD als Band existierte zu dieser Zeit seit 1997 nicht mehr, und so mancher würde sogar so weit gehen zu behaupten, das sich die letzte glaubwürdige Version der Gruppe bereits im Jahr 1986, nach dem US-Erfolg von "If You Leave" aus dem Film 'Pretty in Pink', als ernstzunehmende Band verabschiedet hatte. Es passierte während dieser TV-Show in Köln, wo sich das Duo Andy und Paul wieder daran erinnerte, warum sie einmal Freunde gewesen waren und über die Möglichkeit zu diskutieren begannen, wieder auf Tour zu gehen und vielleicht sogar ein neues Album aufzunehmen.

OMD 2010 - Malcolm Holmes, Martin Cooper, Andy McCluskey und Paul Humphreys

Glücklicherweise blieb es nicht nur bei einer fixen Idee, sondern Worten folgten tatsächlich auch Taten. Im Jahr 2007 tourten die ursprünglichen OMD des frühen 1980er-Jahre-Line-Up's - Paul Humphreys, Andy McCluskey, Malcolm Holmes und Martin Cooper - mit dem Album "Architecture & Morality" und mit ihren größten Hits im Gepäck durch das Vereinigte Königreich und Deutschland und ernteten dabei große Zustimmung und Beifall. Und es machte der Band wieder großen Spaß, abseits von jeglichem Druck zusammen zu spielen und gemeinsam unterwegs zu sein. Aber der Thrill des Spielens der alten Lieder Abend für Abend schwand schließlich und wich unvermeidlich einem Verlangen nach neuem Material. "Ein neues Album", sagte Andy, "sollte die Karten auf den Tisch legen. Hier sind wir. Wir sind OMD. Dies ist, was wir jetzt tun. Dies ist das Album, das wir machen müssen, um den Weg frei zu räumen für das, was noch danach kommt". In der elektromusik-freundlichen Zeit zu Beginn der 2000er-Jahre war der Einfluss von OMD allgegenwärtig. Künstler und Bands wie "The XX", Brandon Flowers von "The Killers" und James Murphy von "LCD Soundsystem" zitierten OMD als Inspiration, während ebenso "La Roux", "Cold Cave" und "The Horrors" Spuren von OMD-DNA zeigten. Andy stellte fest, dass OMD wieder dahingehend wahrgenommen wurden, das "die Band zweifellos ihren berechtigten Platz in der Ruhmeshalle der relevanten Geschichte der populären Musik eingenommen hat" - was noch undenkbar war zu Zeiten der Britpop-Ära und "Oasis", als das "Sixties"-Revival Mitte der Neunzigerjahre der letzten OMD-Inkarnation von Andy den Todesstoß gab.

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OMD als Einfluss: James Murphy von "LCD Soundsystem", "The XX" und Brandon Flowers von "The Killers"

Dieses positive Klima bot nun zweifellos die besten Voraussetzungen für ein neues OMD-Album. Für eine Gruppe jedoch, die bereits als Kult oder Ikone aus vergangener Zeit angesehen wurde, barg es auch die Gefahr, Vergleichen mit "Architecture & Morality" und ihrer Vergangenheit im Allgemeinen nicht wirklich standhalten zu können: "Es ist eine schwierige Gratwanderung", äußerte sich Andy zu "History of Modern", "weil es auf der einen Seite schön ist zu wissen, dass es wieder cool ist wie OMD zu klingen. Und wenn es irgendjemandem erlaubt sein darf zu klingen wie OMD, dann uns selbst. Aber andererseits dachten wir auch: Wollen wir nur ein Abklatsch von uns selbst sein? Nein! Wir müssen etwas tun, das nach OMD klingt und trotzdem anders". Einige der für das neue Album verwendeten Songs wurden von Andy McCluskey bereits vor der offiziellen Reunion von OMD im April 2005 geschrieben und als Demo aufgenommen. Der Löwenanteil der "History Of Modern"-Tracks entstand räumlich getrennt in den jeweiligen Home-Studios von Andy und Paul, die sich ihre musikalischen Ideen gegenseitig als Dateien online über "YouSendIt" zuschickten und austauschten. Paul lebte mit seiner Partnerin Claudia Brücken in London, während Andy in Liverpools "Merseyside" zuhause war. Gegen Ende der Aufnahmen reiste Paul dann aber doch noch nach Liverpool, um mit Andy gemeinsam etwas Zeit zu verbringen (und wohnte währenddessen in Andy's Haus). Beide mussten feststellen, dass die Songs weitaus flüssiger zustande kamen, wenn sie zusammen arbeiteten - so wie in alten Zeiten. "Wir füttern uns gegenseitig", sagte Paul, "und wenn wir zusammen im selben Raum sind, dann fließen die Ideen schnell". So kam auch der Song "New Holy Ground" auf exakt diese Weise zustande. Andy und Paul schrieben ihn ursprünglich als B-Seite, innerhalb von vier Stunden. Das Album war eigentlich schon fertig und sollte in die Produktion gehen, doch wie schon in der Vergangenheit des Öfteren vorgekommen, entschieden sie sich in letzter Minute dazu, ihn mit auf den Longplayer zu nehmen.

Andy McCluskey und Paul Humphreys in Andy's Studio in Liverpool

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Über die neuen Songs äußerte sich Andy McCluskey in einem im September 2008 veröffentlichten Interview folgendermaßen: "Nichts ist deprimierender mit anzuschauen, als wenn deine Lieblingsband aus alten Zeiten ein neues Album veröffentlicht und du feststellen musst, dass sie absolut nicht mehr dazu in der Lage sind, gute Songs zu schreiben. Ich bin happy und selbstbewusst genug um zu behaupten, dass das neue OMDAlbum die Leute wirklich beeindrucken wird. Es macht sehr viel Spaß am neuen Material zu arbeiten. In den 1990er-Jahren, auf dem Höhepunkt des Britpops, war ich der Meinung, das es das Beste ist zu versuchen, so wenig wie möglich nach OMD zu klingen. Aber heute, in dieser Post-Modernen Ära, wo eigentlich nichts mehr außer Mode ist, ist es eine coole Sache, wieder traditionelle OMD-Musik machen zu können, ohne das sie gleich als 'old fashioned' abgestempelt wird". Erfreulicherweise wurde "History Of Modern" ein hervorragendes Album, eines, das vor Energie nur so sprudelte und die neu entdeckte Begeisterung der Band für ihre Musik adäquat einfing. Andy und Paul verstanden nach wie vor ihr Songschreiber-Handwerk und hatten immer noch ein Händchen dafür, eingängige Melodien aus dem Hut zu zaubern. Nicht zuletzt auch durch ihre ganz persönlichen Erfahrungen und erweiterten Kenntnisse auf diesem Gebiet, die sie die letzten zehn Jahre abseits von OMD getrennt voneinander sammeln und erweitern konnten.

Andy McCluskey und Paul Humphreys, 2010

Angetrieben wurde das Album von den Synth-Riffs des Album-Openers "New Babies:New Toys" und den beiden "History Of Modern"-Tracks Part 1 und 2, bei denen OMD zu alter Form aufliefen, während "RFWK" unweigerlich Andy und Pauls Wurzeln zu "Kraftwerk" offen legten. So ist "RFWK" (der Songtitel setzt sich aus den jeweils ersten Buchstaben der Vornamen der klassischen "Kraftwerk"-Besetzung zusammen - Ralf, Florian, Wolfgang und Karl) auch als eine Hommage von Andy und Paul an die Helden ihrer Jugend zu verstehen. "The Future, The Past, And Forever After" weist unverkennbar Schattierungen ihrer musikalischen Zeitgenossen "New Order" auf. Wie auch bei einigen anderen Tracks aus "History Of Modern", handelt es sich bei diesem Song um eine Überarbeitung eines Stückes aus dem Jahre 1991, das von Andy als "Wheels Of Steel" ursprünglich für das Album "Sugar Tax" geschrieben wurde.

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"'Sister Marie Says' kommt einer Kopie von uns selbst am nächsten", gab Andy unumwunden zu. "Die Melodie ist von 1981 und wurde damals von uns verworfen, weil sie auf einem Vier-Akkord-Muster ähnlich wie 'Enola Gay' aufgebaut war. Der Text wurde dann 1993 geschrieben". Eine überarbeitete Version des Tracks war zwar für das 1996 veröffentlichte Album "Universal“ vorgesehen (unter dem Titel "Sister Maria Gabriel"), wurde aber ad acta gelegt, weil es zu sehr nach den frühen OMD klang und nicht zur allgemeinen Grundstimmung des Albums passte. Andy entdeckte das Stück 2008 neu und dachte bei sich: "Was zum Teufel ist verkehrt an einem Song, der klingt wie der verlorene Bruder von 'Enola Gay'?".

Andy McCluskey und Paul Humphreys, 2010

OMD verarbeiteten allerlei Samples anderer Künstler in den Songs des neuen Albums. "Pulse" enthielt ein Ausschnitt vom gleichnamigen "Pulse" der Gruppe "Brother and Sister" und schlossen Backing-Vocals von Szhirley Rokahaim, sowie Anna Ord und Abigail Clancy mit ein, den ehemaligen Mitgliedern der Band "Genie Queen" - dem ambitionierten, aber am Ende gescheiterten Girl-Group-Projekt von Andy McCluskey im Jahr 2003. Ganz offensichtlich wurde auch dieser Track für das neue OMD-Album aus dem Archiv geborgen, passt er stilistisch denn eher zu "Genie Queen" als zu OMD. "Bondage Of Fate" verwendete Teile aus Hannah Peel's "Organ Song", während das abschließende "The Right Side?" ein Sample aus "Looking Down On London" der "Kraftwerk"-Enthusiasten "Komputer" enthielt. Der Track "The Right Side?" war, wie auch "RFWK", eine weitere, offenkundige Verneigung vor "Kraftwerk" - stark an der Struktur deren Songs "Europe Endless" angelehnt und mit über acht Minuten Spieldauer das bislang längste Stück Musik, das OMD jemals aufgenommen hatten. "Sometimes" wartete mit einem Gesangspart von Jennifer John auf, die bereits Backing-Vocals auf "Oil For The Lamps Of China" und "Promised The World" von "The Listening Pool", der zeitweiligen Band von Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes im Jahre 1989, beigesteuert hatte. Klavier und Streicher wurden hier arrangiert von Stuart Kershaw - Andy's Weggefährte der 1990er-Jahre-Besetzung von OMD. Auch bei "Green" war Kershaw als Songwriter mit beteiligt, was der Tatsache geschuldet wurde, das auch dieser Song bereits 1994 entstand, für "History Of Modern" recycelt und von Paul Humphreys lediglich neu arrangiert und abgemischt wurde. "If You Want It" bezeichnete Andy McCluskey als "einen Song, den ich irgendwann mal für irgendjemanden geschrieben habe". Co-Autor des Stückes ist Tracey Carmen, die als Gesangslehrerin für viele professionelle Sänger gearbeitet hatte, so z. B. für "Atomic Kitten", "Dario G", "The Black Velvets", "The Bandits" und "The Genie Queen".

Hannah Peel, Komputer, Abbey Clancy & Anna Ord, Tracey Carmen und Jennifer John

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Die von Andy und Paul im Liverpooler "The Motor Museum"- Studio aufgenommen Tracks von "History of Modern" wurden von den beiden erstmals fast ausnahmslos in Eigenregie produziert und gemischt. Abschließend legte Toningenieur Mike Crossey, der bereits für die "Arctic Monkeys", "Foals" und "Razorlight" gearbeitet hatte, nochmals Hand an zehn der dreizehn Albumtracks und gab den Titeln durch seinen Remix einen etwas raueren, aber auch zeitgemäßen Sound.

Mike Crossey, Producer und Toningenier im Liverpooler "Motor Museum Studio"

Peter Saville, früherer Hausdesigner von "Factory-Records" Ende der 1970er/Anfang der 1980er-Jahre, der schon für das überragende Artwork der ersten OMD-Alben und Singles verantwortlich war, kehrte zu seinen Anfängen zurück und gestaltete das neue Albumcover zusammen mit dem Team des Londoner Designstudios "Four23". Den Auftrag für neue Promotion-Fotos gaben OMD an den bekannten englischen Fotografen Chris Oaten weiter.

links: Fotograf Chris Oaten und Andy McCluskey rechts: Peter Saville und das "Four23"- Design-Studio in London verantwortlich für das Cover-Artwork für "History Of Modern"

Für das Album-Cover wurden eine Vielzahl an Entwürfen angefertigt, u. a vier verschiedene Designs, die man wiederum in vier unterschiedliche Farbvariationen aufteilte. Lediglich für die Single "If You Want It" wurde einer der auf der rechten Seite abgebildeten Entwürfe 1:1 verwendet. Der darunter gezeigte Entwurf stellt eine Kombination aus zwei der obigen Grafiken dar und war anfangs für das endgültige Cover-Layout vorgesehen - was aber wieder verworfen wurde.

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Bereits Ende März 2010 hatte Andy McCluskey angekündigt, dass die Arbeiten am Album in Kürze beendet sein werden und bis dahin auch eine, bzw. mehrere Plattenfirmen gefunden sein sollten, die das Album veröffentlichen. Mit ihrer früheren Firma "Virgin", bzw. "EMI" (die mittlerweile den "Virgin"-Backkatalog aufgekauft hatten) wollte man hingegen nicht mehr zusammenarbeiten - die davon abgesehen auch keinerlei Anstrengung dahingehend unternahm, die Band erneut unter Vertrag zu nehmen.

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Andy gab sich optimistisch: "Eines der angenehmen 'Probleme' derzeit ist, dass es sich innerhalb der Musikindustrie herumspricht, das OMD ein neues Album planen und es dazu bereits auch Demos gibt. Es besteht zunehmendes Interesse und es gibt auch schon Angebote". Erschienen ist das Album, das auch weltweit an vierzehn andere Labels lizenziert wurde, letztendlich auf Andy McCluskey's Independent-Label "Blue Noise", veröffentlicht von "100 Percent Records" in England, welches auch "Moby", "Placebo" und "The Temper Trap" unter Vertrag hatte. Den Vertrieb übernahm "Rough Trade". In Deutschland nahm sich die "ProSiebenSat.1"-Tochter "Starwatch Entertainment", die neuerdings mit "Rough Trade Distribution" zusammenarbeiteten, der Gruppe an. Erster Release unter der neuen Kooperation war dann auch "History of Modern", für das sich "Starwatch Entertainment" u. a. mit TV-Spots im deutschen Fernsehen ins Zeug legte und so zu einer größeren Bekanntheit des OMD-Comebacks beitrug: "OMD waren immer ein wegweisender Act, der typische Sound der 80er! Jetzt haben die Jungs ein tolles neues Album gemacht, mit dem wir an die früheren Erfolge anknüpfen wollen. Frank Stratmann's Team von 'Rough Trade Distribution' ist genau der richtige Partner, um hier maßgeschneidert auf den Punkt zu arbeiten", so Markus Hartmann, der "Head of A&R / Content" von "Starwatch Entertainment".

Tina Funk (Creative Lobby), Markus Hartmann (Head of A&R / Content Starwatch Entertainment), Andy McCluskey (Blue Noise Ltd/OMD), Paul Humphreys (OMD), Hans Fink (Managing Director MM MerchandisingMedia/Starwatch Entertainment), Frank Stratmann (Rough Trade Distribution) und Mirelle Davis (Wind Up Bird/OMD)

"History Of Modern" wurde am 06.09.10 im Londoner "Club24" offiziell der Öffentlichkeit und den Medien vorgestellt. Neben der Präsentation des kompletten Albums gab es eine halbstündige Special-"Live"Performance von Andy McCluskey und Paul Humphreys.

Andy McCluskey und Paul Humphreys im Londoner "Club 24" ("History Of Modern" Album-Releaseparty)

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Genau auf diesen Tag fiel auch die Veröffentlichung der ersten Single "If You Want It". Erstmals seit 1988, damals für die letzte gemeinsame Single "Dreaming", standen Andy McCluskey und Paul Humphreys nun auch wieder gemeinsam vor der Kamera. Der Dreh für das Promo-Video von "If You Want It" fand am 04.08.10 in London statt. Regie führte die dort lebende US-Amerikanerin Lilah Vandenburgh ("Bitch"). Die Dreharbeiten wurden begleitet vom britischen TV-Sender "ITV". "If You Want It" erreichte mit Platz 49 knapp die "Top 50" der deutschen Hitliste. In UK fiel die Single erbarmungslos durch und kam lediglich auf den 176. Platz der Charts. Dafür mitverantwortlich war insbesondere auch die Ignoranz der Radiostationen, die nach wie vor lieber die alten Hits von OMD herunter nudelten anstelle ihres neuen Materials und dieses konsequent von ihren Playlists verbannten. Was wiederum ein ziemliches Unverständnis seitens der Band hervorrief, da OMD vorab die maßgeblichen Sender mitentscheiden ließen, welchen Songs des Albums sie die größten Hit-Chancen einräumen würden und das Ergebnis bei der Veröffentlichungspolitik der Singles sogar berücksichtigt wurde. Ungeachtet der musikalischen Qualität betrachtete ein nicht geringer Teil der Fans die Veröffentlichung des Stücks als Single ebenfalls mit gemischten Gefühlen und viele machten ihrem Unmut in diversen InternetForen Luft - nicht zuletzt auch aufgrund der unüberhörbaren Tatsache, dass sich die Akkordfolge des Songs stark an die des letzten größeren Hits "Walking On The Milky Way" anlehnte. Aus dem "Live"-Programm verschwand der Titel so schnell wie auch aus den Charts.

Andy und Paul im Video zu "If You Want It"

Als Special-Guests von "The Buggles" traten OMD (Andy und Paul im Duo) am 28. September im "Supper Club" in London auf. Anlass hierfür war ein "One-Off Fundraising Concert" der Band für das neurologische "Royal Hospital". "The Buggles"-Gründer Trevor Horn, der Starproduzent, welcher vor allem durch seine Zusammenarbeit mit "Frankie Goes To Hollywood" und sein "ZTT"-Label bekannt wurde, sowie sein damaliger "Buggles"-Mitstreiter Geoff Downes, traten an diesem Abend zum ersten (und gleichzeitig auch zum letzten) Mal überhaupt "live" mit "The Buggles" auf und spielten dabei ihr Kult-Album "The Age of Plastic", inklusive ihrem Überhit "Video Killed The Radio Star". Zusätzlich unterstützt wurden "The Buggles" an diesem Abend von Alison Moyet, Lol Creme, Claudia Brücken und dem "Take That"-Sänger Gary Barlow. Ebenfalls in dem mit dreihundert Zuschauern ausverkauften Londoner Club mit dabei der britische Schauspieler, Autor und Komponist Richard O'Brien ("The Rocky Horror Show"). Trevor Horn über OMD: "Was OMD vollbracht haben in den letzten Jahrzehnten - diese Verschmelzung von Pop und elektronischen Experimenten - ist einzigartig. Sowohl OMD als auch 'The Buggles' veröffentlichten ihre Debüt-Single im September 1979. Dies ist mit einer der Gründe dafür, das sie mit uns bei diesem Konzert auftreten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Paul und Andy teilnehmen und ich persönlich kann es kaum erwarten, ihr Set zu sehen". NÄCHSTE SEITE: links: Andy McCluskey und Paul Humphreys als Special-Guests von "The Buggles" im "Supper Club" in London rechts: Geoff Downes und Trevor Horn von "The Buggles"

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Zur Promotion des Albums schlossen sich für Andy und Paul zum Ende des September hin noch einige "In-Store"-Gigs in Märkten eines bekannten deutschen Elektro-Großmarktes an, wo sich beide auch nicht zu schade dafür waren, auf Tuchfühlung mit ihren Fans zu gehen und bereitwillig Autogramme gaben.

"Instore"-Gigs in Deutschland

Andy und Paul bei "BBC Breakfast", 13.09.2010

"History Of Modern" eroberte auf Anhieb Platz 5 der deutschen Album Charts. Damit feierten OMD die höchste Chartplatzierung eines Albums in Deutschland in ihrer über dreißigjährigen Bandgeschichte. Selbst das Erfolgsalbum "Architecture & Morality" aus dem Jahr 1981 kletterte nie höher als Platz 8 der deutschen "Media Control"-Hitliste. In England erreichte das Album Platz 28.

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Der deutsche "Musikexpress" indes wollte sich mit dem Spätwerk nicht so recht anfreunden: "Synth- und Radiopop, der selbst für Nostalgiker kaum noch Relevanz besitzen dürfte. [...] bald schon verloren OMD ihr Interesse am Experimentieren im Geist ihrer Vorbilder und begeisterten sich stattdessen für seifige Hooklines und die Möglichkeiten der digitalen Sounderzeugung. Sie müssen es damit wohl übertrieben haben, denn im Rückblick auf die Achtzigerjahre wird ihnen der Stellenwert, den Acts wie 'The Human League' oder 'ABC' einnehmen, verweigert. Es heißt, vierzehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum haben sich OMD für ihr Comeback-Album nun auf die Tugenden ihrer frühen Jahre besonnen - das behaupten zumindest die Band und die Promotion. Doch tatsächlich gehen OMD auf HISTORY OF MODERN irgendwo zwischen all den Optionen, den vielen Jahren und ihren Sounds, den Referenzen und Erwartungen verloren. Und auch diese elende Seifigkeit ist ihnen nicht mehr auszutreiben". In anderen europäischen Ländern konnten OMD mit dem Album nur bedingt einen kommerziellen Erfolg in den jeweiligen Charts landen. In Österreich kam man mit Platz 36 gerade noch in die "Top 40", während es für die belgische Hitliste lediglich für Platz 74, in der Schweiz für Platz 63 und in den Niederlanden gar nur für Platz 97 reichte. In Frankreich fiel das Album mit einem 181. Platz in den Charts unerbittlich durch, ebenso wie in den USA, wo "History Of Modern" weitgehend unbeachtet blieb. Dennoch durfte man "History Of Modern" getrost als einen Erfolg bezeichnen - verkaufte es sich nach "BMG"-Angaben annähernd um die einhunderttausend Mal und bedenkt man die Tatsache, das die Band seit vierzehn Jahren kein reguläres Studioalbum mehr veröffentlicht hatte. Andere Comeback-Versuche von vergleichbaren Bands mit einem neuen Album scheiterten da in der Vergangenheit schon in weitaus größerem Stil! In den "European Top 100 Albums" wurde das Album auf Platz 18 notiert, in den "UK Independent Album Charts" gar auf Position 3 und verweilte dort immerhin für zwölf Wochen in den Top 50.

Andy McCluskey und Paul Humphreys, 2010

Kurz vor dem Start der Tournee, am 02. Oktober 2010, standen OMD - wiederum in Form von Andy McCluskey und Paul Humphreys - erneut mit dem "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" in der "Liverpool Philharmonic Hall" "live" auf der Bühne. Neben OMD, die einige ihrer größten Hits im klassischen Arrangement und identisch ihres Auftrittes am 20. Juni 2009 zusammen mit dem "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" in Liverpool spielten, traten außerdem "The Scaffold" und das "Pagoda Chinese Youth Orchestra" auf. Dirigiert wurde von Vasily Petrenko. Der Einlass war vorwiegend geladenen Business-Leuten und Gästen aus der chinesischen Gemeinde vorbehalten. Lediglich einhundert KonzertTickets gingen in den freien Verkauf.

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Das Konzert diente als Generalprobe für das "Liverpool Day Concert" im Rahmen der "World Expo 2010" in Shanghai/China am 16.10.10, wozu OMD eingeladen waren. Dies war der erste Auftritt von OMD in China überhaupt.

"Live" in China - Andy McCluskey und Paul Humphreys mit dem "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra"

"Live" wussten OMD in gewohnter Qualität zu überzeugen. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Konzerten seit 2007, hatte die Band diesmal auch Songs aus dem neuen Album mit im Gepäck, die sich perfekt in ihr "Greatest Hits"-Programm einzufügen vermochten. Die neunzehn Konzerte umfassende Konzertreise führte OMD zwischen Oktober und November erst durch acht Städte in Großbritannien, bevor es auf dem europäischen Festland nahtlos weiterging mit sieben Gigs in Deutschland, sowie bis Ende November mit Auftritten in Luxemburg, Brüssel, Amsterdam und Paris. Trotz einem erneut lädierten Knie, das Andy McCluskey während der Tour zur Einnahme hoher Dosen von Kortison zwang, sowie zwei Behandlungen am Herz kurz vor Tourbeginn, zeigten sich OMD als Band fit wie noch nie und begeisterten Besucher und die härtesten Kritiker einschlägiger Medien gleichermaßen zum Einen mit ihrer überaus lebendigen Bühnen-Performance, als auch mit einer ausgeklügelten, von "Panasonic" gesponserten Lightshow. Von einer "80's-Revival-Altherrenshow" waren McCluskey, Humphreys, Cooper und Holmes, obwohl mittlerweile allesamt jenseits der Fünfzig, immer noch weit entfernt.

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Schon im Oktober wurde "Sister Marie Says" als zweite Single des Albums angekündigt und schließlich am 19. November 2010 veröffentlicht. Doch auch mit dieser Albumauskopplung war -trotz ansprechendem Video - kein Blumentopf zu gewinnen und die Erwähnung des 169. Platzes in den UK-Charts dient kaum mehr als die der Statistik. Jedoch entwickelte sich die Single in den nachfolgenden Jahren zu einem mitreißenden Highlight bei "Live"-Konzerten und ist dort bis heute fester Bestandteil des Programms.

Damit ging auch das Jahr 2010 seinem Ende entgegen. Doch sollten sich OMD im darauffolgenden Jahr nicht lange vom Stress, welcher unvermeidbar mit ihrer ersten Albumveröffentlichung seit vierzehn Jahren einherging, erholen können. Denn die Reise ging weiter. Vierundzwanzig Jahre nach ihrem letzten Konzert in der "Rosebowl"-Arena in Pasadena, von wo aus die Original-Band 1988 als Support von "Depeche Mode" fortan getrennte Wege ging, kehrten OMD nun dorthin zurück, wo damals alles endete - Nordamerika stand auf dem Programm! 2011 Das Jahr 2011 wurde mit einer neuen CD von OMD eingeläutet. Im Februar erschien eine Zusammenstellung von ultra-raren OMD-Maxis aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Es handelte sich dabei nicht etwa um neue Remixe, sondern tatsächlich um die Original-"Extended"-Versions aus der Zeit von 1983 bis 1991. Zusammengestellt wurde diese Compilation vom Kölner Trance-/Dance-/DJ- und ProduzentenDuo "Blank & Jones", das unter dem Slogan "So80s (SoEighties)" bereits ähnliche Zusammenstellungen von Acts wie "Ultravox", "Heaven 17" und "Kajagoogoo" erfolgreich veröffentlicht hatte.

Piet Blank und Jasper Jones

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Am 03.02.11 dann kamen die Fans in den Genuss eines ganz besonderen Leckerbissens: Im Rahmen der "Jo Whiley in Concert"-Reihe spielten OMD in kompletter Besetzung im Londoner "Mairmaid Theatre" ein einstündiges, ungemein packendes Set, das von "BBC Radio 2" zeitgleich übertragen wurde - und dank Internetradio natürlich auch weltweit zu empfangen war.

Die dritte und letzte Single "History of Modern (Part 1)" schob man schließlich am 28. Februar 2011 nach. OMD veranstaltete für das offizielle Promo-Video (wohl auch aus Gründen der Kostenersparnis) einen mit zweitausend britischen Pfund dotierten Kreativ-Wettbewerb. Bis Anfang Februar 2011 hatte jedermann die Möglichkeit, einen selbstgedrehten Clip über die Internet-Plattform "genero.tv" einzureichen und dort vorzustellen. Am Ende kamen insgesamt sechzehn Filme zusammen. Durchsetzen konnte sich mit ihrem innovativen und originellen Video schlussendlich "Lapantafilm" aus Schweden (Björn Skallström, Danilo Giannini, sowie Bo Nordin - selbst ein langjähriger Fan von OMD). Wie bereits die ersten beiden Singles zuvor, wurde auch diese Auskopplung von den Radiostation weitgehend ignoriert. "History Of Modern (Part 1)" hatte letztendlich keinerlei Chartsnotierungen vorzuweisen, blieb aber dauerhaft in der Setlist der "Live"-Shows.

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OMD "live" - Irving Plaza, New York City, 2011

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Für die Fans bargen die Singleveröffentlichungen schon für sich allein genommen den positiven Nebeneffekt, dass es mit "History Of Modern (Part III & IV)" - in zwei verschiedenen Versionen - "VCR" (einer Coverversion des "The XX"-Songs), "The Grand Deception", "Idea 1" und "Alone" fünf weitere, brandneue Songs als Bonus zum Album mit obendrauf gab. Einzig die Stücke "Nothing Left To Say" und "Shelter" (eine weitere "The XX"-Coverversion) blieben bis zum heutigen Tage unveröffentlicht. Zwei weitere, im Zuge der "History Of Modern" geschriebene Titel - "Dresden" und "The Final Song" (wofür Andy McCluskey allerdings noch die Lyrics fehlten), wurden zunächst beiseite gelegt und für ein mögliches Nachfolge-Album ins Auge gefasst. Im März dann nahm das OMD-Schiff endlich Kurs auf Amerika. Auch wenn Andy & Co. schnell feststellen mussten, das die Tourstrapazen altersbedingt nicht mehr ganz so spurlos an ihnen vorbei gingen, bereisten sie nun den gesamten März über achtzehn Städte quer durch die USA und Kanada und wurden dort begeistert empfangen. Zur großen Erleichterung stellte sich gleich zu Beginn der Konzerte heraus, dass die amerikanischen Fans OMD noch längst nicht vergessen hatten und regelrecht danach fieberten, die Gruppe "live" zu erleben. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Tour dann im September und Oktober in weiteren zwanzig Städten der USA fortgesetzt. Die Band war geradezu überwältigt vom Zuspruch des amerikanischen Publikums. Und offensichtlich bestand dieses Publikum auch aus Fans, die weitaus mehr Songs von OMD kannten als nur "If You Leave" - so sangen sie auch die Texte unbekannterer Songs begeistert mit. Aus Kostengründen spielten OMD lediglich über die P. A. der jeweiligen Location und verzichteten auf einen aufwändigen Bühnenaufbau und eine große Light-Show. Zusätzlich wurden spezielle "VIP"-Tickets verkauft, die zum Besuch des Soundchecks und zu einem Treffen mit der Band berechtigten. Unterm Strich war die Amerika-Tournee am Ende ein finanzielles Verlustgeschäft, worüber sich Hauptfinanzier Andy McCluskey allerdings schon im Vorfeld der Tour bewusst war. Trotzdem wollte man die US-Fans, die schon so lange auf Konzerte verzichten mussten, nicht enttäuschen. Ungefähr im Zeitraum der USA-Tour trennten sich Andy McCluskey und seine Ehefrau Toni, die mit den zwei jüngeren Kindern von England zurück nach Kalifornien zog. Zwei Jahre später sollte die Ehe geschieden werden.

links: Andy McCluskey zusammen mit "MOBY" in Austin (USA) rechts: "VIP-Meet & Greet" mit Fans vor den Konzerten

Die ausverkaufte Tour quer durch die USA wurde kurzzeitig durch einen Unfall überschattet, der sich während eines ihrer drei Konzerte beim "South by Southwest"- Festivals (SXSW) in Austin/Texas am 18.03.11 ereignete. Vier Besucher wurden verletzt, nachdem sich ein Kamera-Aufbau von der Traverse gelöst hatte und in die Zuschauermenge vor der Bühne herabstürzte. Nachdem aber klar war, dass sich von den im ortsansässigen Krankenhaus umgehend ambulant behandelten Personen niemand schwerere Verletzungen zugezogen hatte, setzten OMD das Konzert schließlich fort. Zwischen der zweigeteilten USA-Tour im März und Oktober gaben OMD das Frühjahr und den Sommer über weitere Konzerte quer über den europäischen Kontinent, hier überwiegend auf Festivals und speziellen Events. Beginnend mit einem Auftritt gemeinsam mit dem Orchester der "Night Of The Proms", spielten OMD am 09. April zur Schiffstaufe der "AIDAsol" direkt am Hamburger Hafen, gefolgt von einem Konzert am 27. Mai in Hannover im Rahmen des "NDR 2 Plaza-Festivals" auf dem dortigen "Expo Plaza". Hier mit dabei die angesagten deutschen Bands "Unheilig" und "Ich & Ich".

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OMD "live" 2011 - Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper, Malcolm Holmes

OMD "live" am Hamburger Hafen

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OMD "live" in Hannover

Im Juni dann ging es für zwei Konzerte nach Spanien, wo OMD in der Madrider "Sala Heineken"-Arena und im "Apolo" in Barcelona zwei umjubelte Auftritte gaben. Unterstützt wurden sie hierbei von der britischen Newcomerband "Mirrors", die OMD auch schon während ihrer Europa- und UK-Konzerte als Support begleitet hatten. Gleich darauf stand das "Esbjerg Rock-Festival" in Dänemark auf dem Programm, bevor OMD im Anschluss daran nochmals für insgesamt drei Konzerte im Osten von Deutschland Station machten (Erfurt, Leipzig und Dresden). Am 16. des Monats spielten Andy und Paul in London beim "Tony Wilson Tribute Gig". Hier gaben sie nach langer Zeit auch wieder einen ihrer ältesten Songs - "Almost" - zum Besten. Im Juli schließlich folgte ein Konzert in kompletter Besetzung beim "Latitude"-Festival in Suffolk (UK). Die letzten regulären Gastspiele im Rahmen ihrer "History Of Modern"-Tournee fanden im September des Jahres abermals in Deutschland statt (Köln, Hamburg, Berlin und Schwerin).

OMD "live" in Madrid und Barcelona (Konzertplakat), "Latitute"-Festival in Suffolk (UK) und Paul beim "Esbjerg Rock-Festival" in Dänemark

Mitschnitt des Auftritts im "Terminal 5" in New York City im März 2011

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Über Film-Mitschnitte der Konzerte für ein neuerliches DVD-Release wurde bis zu diesem Zeitpunkt kein Statement seitens der Band abgegeben. Umso überraschender und erfreulicher dann die Veröffentlichung eines "Live"-Videos von "New Babies:New Toys" vom amerikanischen OMD-Label "Bright Antenna" auf "YouTube" - im März des Jahres mitgeschnitten während des Auftritts im "Terminal 5" in New York City. Knapp fünf Monate später wurden jeweils noch "Maid Of Orleans" und "If You Leave" nachgeschoben. Nicht bekannt ist, ob das komplette Konzert gefilmt wurde. Eine Veröffentlichung auf DVD erfolgte bis dato nicht.

Ein ganz besonderes Highlight für alle Fans fand am 10. September 2011 statt, bzw. für diejenigen, welche das Glück hatten, eines der raren Tickets dafür zu ergattern. Der "Eric's Club" in Liverpool feierte Wiedereröffnung! Und was konnte da näher liegen, als OMD für das erste dort stattfindende Konzert zu buchen? Andy und Paul ließen sich nicht lange bitten und traten dort - genau wie bei ihrem ersten Auftritt als "Orchestral Manoeuvres in the Dark" im "Eric's Club" dreiunddreißig Jahre zuvor - in ihrer klassischen Zwei-Mann-Formation auf. Wahrlich nostalgische Gefühle kamen bei vielen der rund einhundert Besucher auf, als Andy und Paul zur Einspielung von "Once When I Was Six" - dem Opener ihrer damaligen ersten Konzerte - die Bühne des Clubs betraten und mit "Electricity" gleich richtig Gas gaben. Ein ganz besonderer Moment hier die kurze Intonation des Songs "Stanlow", den Andy auf Zuruf eines Zuschauers spontan Acapella anstimmte. Die Besucher erlebten zwar ein kurzes, aber in dieser Form einzigartiges Konzert, das mit "Julia's Song" eine weitere, unerwartete Überraschung bereithielt und nach "Souvenir", "Maid Of Orleans", "Messages“ und "Enola Gay" unter tosendem Beifall endete. "Ohne den 'Erics Club' hätte es OMD nicht gegeben!" resümierte Andy. "Auch wenn sich nicht wiederherstellen lässt, was 'Eric's' vor über dreißig Jahren für unsere Generation bedeutete, so macht es trotzdem Spaß, wieder auf derselben Bühne zu stehen und sich an die Vergangenheit zu erinnern, während wir gleichzeitig hoffen, eine neue und andere Zukunft zu beschreiten". Tags zuvor, am 09. September 2011, veröffentlichten OMD als vorzügliche Dreingabe ihr bis dato zweites "Live"-Album - "Live in Berlin", aufgenommen am 18. November 2010 im "Tempodrom" in Berlin. Diese "Limited Edition Collectors"-CD plus Buch im Hardcover (inkl. Silberprägung des OMD-Logos) beinhaltete neben der Audio-CD zusätzlich exklusive Fotos der OMD-Tour, nie gezeigte handschriftliche Aufzeichnungen zu diversen Songs und eine Auswahl an Songtexten.

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oben: Paul Humphreys und Andy McCluskey im "Eric Club" Liverpool, 2011 unten: OMD im "Eric's Club" 1978 - und an gleicher Stelle dreiunddreißig Jahre später

Der Abschluss des Jahres 2011 fand in feierlicher Atmosphäre und in einer außergewöhnlichen Location statt: OMD, genauer gesagt der überzeugte Atheist Andy McCluskey, sowie Paul Humphreys, spielten am 12. Dezember in der Liverpooler Kathedrale zum jährlichen Dinner der Handelskammer auf. Kann es einen noch passenderen Ort für einen Song wie "Maid Of Orleans" geben?

OMD in der "Liverpool Cathedral" im Dezember 2011

"Für Paul und mich ist OMD ein Hobby, das außer Kontrolle geraten ist", meinte Andy. "Am Anfang konnten wir gar keine Instrumente spielen und wir hatten einfach nur Spaß, aber uns wurden Möglichkeiten geboten, die wir beim Schopfe packten und waren erstaunt, dass die Songs, die wir als 16-jährige geschrieben hatten, sich als Hit-Singles herausstellten. Als wir damals bei 'Top Of The Pops' standen und 'Messages' spielten schauten wir beide uns an und dachten nur: 'Wie zum Teufel konnte das passieren?' ".

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Die Musikindustrie, in die OMD im Jahr 2010 zurückgekehrte, war grundverschieden im Vergleich zu derjenigen, die der Band dreißig Jahre zuvor zu Millionen von verkauften Platten verholfen hatte. Aber Andy und Pauls grundlegende Haltung hatte sich nicht geändert: "Damals folgten wir keinerlei Regeln, nur unseren eigenen", sagte Andy. "Heutzutage, wenn du glaubwürdig bist und du immer noch eine gewisse Bedeutung hast, dann darfst du wieder zurück auf deinen ehemaligen Sockel. Das ist, was wir zu unserer großen Freude entdeckt haben". Und fügt noch hinzu: "Und diese Platte ist nur ein weiteres Puzzleteil der Rückeroberung unseres Platzes in das Gesamtbild". Mit "History Of Modern" befreiten sich Andy und Paul von ihren musikalischen Altlasten und vom Ballast der in ihren Köpfen über Jahre hinweg aufgestauten Songideen, welche die Kreativität für das Schreiben wirklich neuer OMD-Musik zwar nicht wirklich blockierte, jedoch zumindest hemmte. Die überwiegend positive Resonanz auf "History Of Modern" von Seiten der Fans als auch der Medien, stärkte das neu gewonnene Selbstbewusstsein von Andy und Paul, was ihnen die Entscheidung, ein weiteres Album aufzunehmen, sicherlich wesentlich erleichterte. "Wir wussten, das 'History Of Modern' kein schlechtes Album war. Wir wussten aber auch, das wir es noch besser können", so Paul Humphreys in einem Interview zwei Jahre später. Nun musste sich beweisen, ob OMD tatsächlich dazu in der Lage waren, neue und innovative Musik zu kreieren oder sich am Ende im Teufelskreis des Selbstplagiats und der musikalischen Bedeutungslosigkeit verlieren würden.

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B / ENGLISH ELECTRIC WHAT DOES THE FUTURE SOUND LIKE? Rückbesinnung auf neuen Minimalismus

2012/2013 Bereits das gesamte Jahr 2012 über lag der Fokus auf dem Nachfolgealbum von "History Of Modern". Und von Beginn an stand hierfür auch schon der Titel fest: "English Electric". Inspiriert dazu wurden Andy und Paul durch das britische Industrieunternehmen selbigen Namens und zugleich Hersteller der typisch britischen "Deltic"-Diesel-Lokomotiven. Hier waren beide vornehmlich von dessen Prototyp "DP 1" angetan, der durch sein markantes, blau-cremefarbenes Erscheinungsbild und das entsprechende Logo auffiel. Dieser Style wurde von den beiden ursprünglich als Design-Konzept für das neue Album in Betracht gezogen. Doch hatten Andy und Paul schon im Vorfeld Bedenken, dass das signifikante "Deltic"-Frontlogo lediglich das "History Of Modern"-Artwork in abgewandelter Form neu aufgreifen und damit gleichzeitig eine musikalische Anknüpfung des neuen Albums an seinen Vorgänger suggerieren könnte.

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Denn Andy und Paul hatten schon längst eine klare Vorstellung davon, wohin die weitere Reise von OMD musikalisch gehen sollte. In einem Interview im Jahr 2011 für die "The Electricity Club"-Website spannte Andy McCluskey bereits den Faden zwischen dem 2010 erschienen "History Of Modern"-Album und dem kommenden neuen Longplayer: "Ich bin sehr zufrieden mit 'History Of Modern'. Ich betrachte es als ein 'Aufräumen auf Deck' und das Album ermöglichte es uns, wieder bei Null anfangen zu können. Es räumte uns den Weg frei für alles nun Nachfolgende". Weiter ausführend gab Andy Anfang April 2012 frühzeitig ein erstes Statement zu "English Electric" ab: "Wir haben eine klare Vorstellung davon, in welche musikalische Richtung das Album gehen wird. Was die Songtexte betrifft, kann man 'English Electric' als eine Erkundung von jemandes utopischen Träumen bezeichnen, die oftmals in einem anti-utopischen Fehlschlag und in Bedauern enden". Im Online-Magazin "The Independent" sprach Andy im April 2013 ganz offen über den Hintergrund zu den teilweise sehr melancholisch angehauchten Texte der Songs: "Ich sehe meine Kinder nicht sehr oft. Wahrscheinlich hat dies das Gesamtfeeling des Albums beeinflusst. Mit Sicherheit aber die Lyrics". Andy nahm hier Bezug auf die kürzlich erfolgte Scheidung von seiner Frau Toni, die nach der Trennung zwei Jahre zuvor mit den Kindern James und Tochter Ava zurück nach Coronado in Kalifornien/USA gezogen war. "Musikalisch gesehen wird es wohl drei Stilrichtungen an Songs geben: Melodisch, bedächtig, bruchstückhaft - sehr elektronisch und das unter Verwendung vieler aktueller Sounds und Styles", führte Andy weiter aus. Nach Aussage von Andy sollten diesmal auch Keyboarder Martin Cooper und vor allem Drummer Malcolm Holmes mehr in die Arbeit an den neuen Songs eingebunden werden als noch zuvor bei "History Of Modern", wo sich die musikalischen Beiträge der beiden in einem eng überschaubaren Rahmen hielten. Abseits des Songwritings und der Aufnahmen für "English Electric" gab es das gesamte Jahr 2012 über einige weitere Aktivitäten von OMD und ihrem näheren Umfeld: Als Teil einer Reissue für "ZTT-Records" kam am 20. Februar 2012 eine spezielle Doppel-CD mit dem Titel "The Art Of The 12 inch - Vol. 2" auf den Markt, welche die "Extended"-Version von "Julia's Song" enthielt. Damit wurde die von OMD 1984 für die 12"-Vinyl-Single von "Talking Loud And Clear" neu aufgenommene Version erstmals auf CD veröffentlicht.

Am 12. März 2012 flogen OMD auf die Philippinen, genauer gesagt nach Manila, wo Andy, Paul, Malcolm und Martin zum ersten Mal überhaupt in ihrer Karriere einen Auftritt absolvierten. Die Location - das "Smart Araneta Coliseum" - war letztendlich mit ca. dreitausend begeisterten Besuchern zwar bei Weitem nicht ausverkauft, was aber hauptsächlich daran lag, dass das Konzert an einem für die örtlichen Verhältnisse ungünstigen Montag stattfinden musste und zudem mit der über sechzehntausend Zuschauer fassenden Multifunktionsarena eine viel zu große Halle ausgewählt wurde. Der Stimmung des Publikums indes tat dies keinen Abbruch - OMD spielten mehr als eineinhalb Stunden lang ein erweitertes Set ihrer "History Of Modern"-Tour, insgesamt zweiundzwanzig Songs. Andy McCluskey schilderte seine Eindrücke zum Konzert später als "...gut, aber auch seltsam. Es war wie in den alten Zeiten, als das Publikum zwar einige Lieder kannte, aber nicht alle". Noch vor ihrem Konzert am Abend traten Andy und Paul in einer Pressekonferenz vor die philippinischen Medienvertreter, um dann im Anschluss daran als Special-Guests der TV-Show "Eat Bulaga" mitzuwirken. Lokale Stars wie Julia Clarete, Michael Benedicto, Keempee De Leon und die "EB Babes" versuchten sich dabei gesanglich recht gewöhnungsbedürftig an einem Medley aus einigen OMD-Hits, begleitet von einer

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Liveband und einer großen Anzahl von aufputschenden, blutjungen Tänzerinnen und Tänzer. Andy und Paul verfolgten das kunterbunte Spektakel aus sicherer Entfernung etwas abseits stehend, kamen dann aber zum Interview doch noch auf die Bühne.

OMD " live" in Manila

"The Romance Of The Telescope" aus dem 1983er-Album "Dazzle Ships" kam im Juni als "looped audio sample" für ein digitales Video im Rahmen einer Ausstellung der Künstlerin Katie Bethune-Leamen zum Einsatz. Angeblich sollte ausschließlich für diese Ausstellung im kanadischen Ontario auch ein neues Stück von OMD präsentiert werden, worüber allerdings bis dato nichts weiter bekannt wurde.

Andy und Paul bei "BBC Breakfast", 16.05.2012

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Ebenfalls im Juni des Jahres gab das weltweit operierende "Alcatel-Lucent"-TelekommunikationsUnternehmen bei Paul Humphreys ein spezielles Projekt in Auftrag. Das gewünschte Konzept sah dabei eine audio-visuelle Interpretation der Netznutzung vor. In Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und "Generation X"-Autor Douglas Coupland entstand dabei der experimentell angehauchte Song "The Quadric Equation". Basierend auf der Melodie des Kinderreims "Pop Goes The Weasel" besingt Paul hier die Quadratwurzelformel ("X is equal to negative B plus or minus the square root of B squared minus 4AC all over two A" - oder kurz: x = (-b +- Wurzel b² -4ac) / 2a). Der Track enthält zudem Ausschnitte aus "Information Theory", einer Aufnahme aus dem Jahre 1948 von Claude E. Shannon. Veröffentlicht wurde der Song als Teil der als "Electric Ikebana" betitelten audio-visuellen Installation ausschließlich auf der Website von "Alcatel-Lucent".

Douglas Coupland und Paul Humphreys ("Electric Ikebana")

Beim "Wirral Festival Of Firsts", einem internationalen Kunstfestival in Hoylake, Wirral Merseyside, wurde Anfang Juli das Theaterstück mit dem Titel "Enola Gay" uraufgeführt. Auf einer zweigeteilten Bühne zeigte man auf der einen Seite das Deck des gleichnamigen Atom-Bombers, auf der anderen Seite das Zimmer einer japanischen Frau in Hiroshima. Andy McCluskey nahm auf Einladung des Festival-Direktors John Gorman ("The Scaffold") als Talk-Gast daran teil. Im weiteren Verlauf des Sommers wurde Andy McCluskey noch zum Treuhänder der "National Museums Liverpool" ernannt. "National Museums Liverpool" ist ein Verbund von sieben Museen in Liverpool. 1986 als "National Museums and Galleries on Merseyside" zur Zusammenarbeit von Institutionen am Mersey gegründet und seit 2003 umbenannt in "National Museums Liverpool", umfasst die Gruppe heute folgende Museen: "International Slavery Museum", "Lady Lever Art Gallery", "Merseyside Maritime Museum", "Museum of Liverpool", "Sudley House", "Walker Art Gallery" und das "World Museum" (bis 2005 das "Liverpool Museum").

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Musikalisch unterstützte Paul Humphreys am 19. Juli 2012 seine Partnerin Claudia Brücken bei einem speziellen Konzert-Event in der Londoner "Bush Hall". Unter dem Titel "This Time Too: It’s Claudia Brücken" trat neben illustren Gästen, wie Glenn Gregory und Martyn Ware von "Heaven 17", Susanne Freytag von "Propaganda" und Andrew Poppy, auch Andy McCluskey als "Special Guest" auf die Bühne. Gemeinsam mit Claudia gab er den "Act"-Song "Absolutely Immune" und OMD’s "Messages" zum Besten. Weiterhin half Paul Humphreys in den Folgemonaten Claudia bei der Produktion ihres im November des Jahres erscheinenden Solo-Albums "The Lost Are Found" und ist auch im Video ihrer Single und David Bowie-Covers "Everyone Says 'Hi'" kurz zu sehen.

Paul im Video zu "Everybody Says 'Hi'", "live" mit Claudia Brücken, Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele mit "Enola Gay"

Die überaus eindrucksvolle Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele fand am 27. Juli 2012 in London statt. Während der fast vierstündigen "The Isles of Wonder"-Show stellte sich Großbritannien mit großem Aufwand als Kulturnation vor. Ein Element der Show beinhaltete das Thema "Popmusik". Zweiundsechzigtausend Besucher im Stadion und Milliarden von Menschen an den Bildschirmen bekamen hier ein mitreißendes Medley der größten britischen Hits präsentiert - so auch ein Ausschnitt aus "Enola Gay" von OMD! Auf dem später veröffentlichten Soundtrack-Album zur Show war der Song allerdings nicht vertreten.

Andy McCluskey und Steve Lamacq von "BBC 6 Music"

Zwischen August und November nahm Andy McCluskey immer wieder an diversen Events, sowie an Radiound TV-Shows teil. So zum Beispiel bei einem "Runden Tisch" im Rahmen der "EMI Electrospective" in den Londoner "Abbey Road"-Studios, wo mit weiteren Gästen wie Daniel Miller ("Mute"), Mark Jones ("Wall Of Sound"), Matthew Herbert ("BBC Radiophonic Workshop") und Martyn Ware ("Heaven 17") über die Historie der elektronischen Musik diskutiert wurde. Im Oktober nahm sich Andy dann noch Zeit für eine TV-Aufzeichnung des Senders "Vintage TV": In der "Janice Long’s Review Show" wurden hier zusammen mit Martin Fry von der Band "ABC" und dem britischen Musikkritiker Paul Morley die Alben "Hounds Of Love" von Kate Bush, "Lexicon Of Love" von "ABC", "Different Class" von "Pulp" und "Please" von den "Pet Shop Boys" genauer unter die Lupe genommen. Für "BBC 6 Music" gab Andy McCluskey im November als Teil der "Classic Album Of The Day"-Reihe des Radiosenders dem Moderator Steve Lamacq ein Interview - Album des Tages hier natürlich: "Architecture & Morality".

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links: Andy McCluskey mit Martin Fry ("ABC") und Paul Morley bei der "Janice Long’s Review Show" rechts: Andy McCluskey am Runden Tisch der "EMI Electrospective" und mit Daniel Miller

Doch nun zurück zu "English Electric": In welche Richtung das neue Album musikalisch möglicherweise gehen würde, davon konnte man sich schon im Juni 2012 vage ein Bild machen. In der "Radcliffe and Maconie Show" des Senders "BBC Radio 6" präsentierte Andy über sein "iPhone" einen Ausschnitt des kommenden Album-Openers "Please Remain Seated". Eine Roboterstimme forderte den Zuhörer auf: "Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit: Die Zukunft, die Sie erwartet haben, wurde abgesagt. Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen und warten Sie auf weitere Anweisungen".

Radiopremiere von "Please Remain Seated" via "iPhone": Andy McCluskey - zwischen Stuart Maconie und Mark Radcliffe von "BBC Radio 6"

Eine gewisse Parallele von "Please Remain Seated" zu Tracks wie "Radio Prague" oder "Time Zones" vom 1983er-Album "Dazzle Ships" war nicht von der Hand zu weisen und ließ die Vermutung zu, dass Andy und Paul mit "English Electric" in musikalischer Hinsicht wieder stärker eine experimentellere Richtung einschlagen wollten. Zum Zeitpunkt der Erst-Veröffentlichung von der Kritik zerrissen und kommerziell ein Misserfolg, ist "Dazzle Ships" in jüngerer Zeit - nicht zuletzt von der Band selbst - als ein klassisches Beispiel für UK-basierte elektronische Musik neu bewertet worden. Andy McCluskey bestätigte eine bestimmte Rückbesinnung auf ihr viertes Album: "Wir haben einige neue Tracks produziert, die man nicht als 'Song' an sich bezeichnen kann. Viele der Sounds auf dem neuen Album sind simpler und elektronischer als auf 'History Of Modern'". Die Vorstellungen von Fortschritt und dem, was dann tatsächlich von ihm übrig bleibt, sollten den Kernpunkt von "English Electric" bilden: "Die übergreifende Stimmung des Albums verbreitet ein Gefühl von Verlust und von Melancholie, weil die Dinge sich nicht so entwickelt haben, wie man es sich gewünscht hat - weder in Bezug auf Technik, noch was persönliche Beziehungen angeht", beschrieb Andy McCluskey das kommende Album. Zu den einzelnen Songs hatte Andy im Vorfeld vorab schon Andeutungen gemacht. So umschrieb er den Titel "Dresden" als "very OMD" und "Our System" als "'Stanlow'/'The Romance Of The Telescope' im Glitch-Style" (Anm.: 'Glitch' ist ein Sub-Genre der 'Clicks & Cuts', einer experimentellen Spielart der populären elektronischen Musik, die auf digitalen Störgeräuschen, vermeintlich zufälligen Klangereignissen oder programmierten Algorithmen basiert). "Helen Of Troy" beschrieb er als "'Georgia'

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trifft auf das erste Depeche Mode-Album", "Please Remain Seated", "Decimal" und "Atomic Ranch" sollten mit ihren "programmierten Roboterstimmen einen Hauch von 'Dazzle Ships'" beinhalten. "The Great White Silence" umriss Andy als einen der "wohl traurigsten Songs in der Geschichte von OMD".

In einem 2011 geführten Interview mit der britischen OMD-Fansite "Messages" sagte Andy über die Entwicklung des neuen Albums folgendes: "Wir wollten früher die Band der Zukunft sein. Das war Teil unseres Ethos, das war Teil unseres Anspruchs und der einer Menge anderer Menschen, die damals damit begannen, sich für uns zu interessieren. Sie mochten die Texte, sie mochten die Melodien. Sie mochten einige der melancholischen Emotionen und das alles. Und wir hatten großartige Melodien. Aber sie mochten auch, dass wir die Herausforderung suchten und wir an die Grenzen gingen. Und DAS bleibt auch weiterhin unser Standpunkt, dass wir das auch weiterhin so beibehalten wollen". Über die Richtung des Albums in Bezug auf seinen allgemeinen Sound äußerte sich Andy McCluskey dahingehend: "Wir haben ganz spezifische Dimensionen im Bereich musikalischer Wahrnehmung wie Tonhöhe, Lautstärke, Klangdichte und Klangfarbe festgelegt, die wir auch versuchen beizubehalten. Zum Beispiel einen größtmöglichen, minimalistischen und 'störanfälligen' Sound zu verwenden wo wir nur können". Weiter fügte Andy McCluskey den Gedankengang hinzu, der quasi übergeordnet über der gesamten Arbeit an "English Electric" stand: "Wir haben ein Mantra, eine magische Formel: 'Wie klingt die Zukunft?'". Hier schränkte Andy jedoch unmittelbar ein: "Allerdings haben wir ebenso die natürliche Neigung hin zu melodischer und 'hörbarer' Musik. Wir machen keine Experimente nur um ihrer Selbst willen, wenn sie nicht auch dahin führen, dass man sie sich wiederholt anhören kann".

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Andy und Paul hatten aus den Fehlern von "Dazzle Ships" ganz offensichtlich gelernt, ein sperriges, "unhörbares" Experimental-Album war offenbar nicht zu erwarten. Ganz so gefällig wie "History Of Modern" sollte es wohl aber auch nicht werden. Man durfte also gespannt sein auf das, was sich Andy und Paul als den "Sound der Zukunft" vorstellten.

oben: OMD "live" - in Antwerpen, "Rewind"-Festival in Henley und "Flasback"-Festival in Nottinghamshire (von links) unten: OMD "live" in Johannesburg, Süd-Afrika

Im August 2012 kehrten OMD für Live-Konzerte zurück auf die Bühne. Die Band spielte als Headliner des "Flashback"-Festivals“ in Nottinghamshire und traten als Hauptact auf dem "Rewind"-Festival in Henley auf. Mit zwanzigtausend begeisterten "Rewind"-Besuchern übrigens das größte Konzert auf britischem Boden in der bisherigen Laufbahn der Band. Anschließend flog man nach Süd-Afrika, wo Konzerte in Johannesburg und Cape Town auf dem Programm standen. Als Abschluss der Live-Gigs für das Jahr 2012 folgte dann ein Auftritt im "Openlucht Theatre Revierenhof" im belgischen Antwerpen. Überraschenderweise kam hier bereits "Please Remain Seated" als Konzert-Opener zu seiner "Live"-Premiere. Nach diesem für die gesamte Band anstrengenden Monat "on tour", konzentrierten sich Andy und Paul nun hauptsächlich auf das neue Album. Den gesamten September und Oktober über wurde an den Songs von "English Electric" gefeilt. Die Mehrzahl der Tracks waren bereits im September fertig aufgenommen, lediglich für drei Songs musste abschließend der Gesang hinzugefügt werden. Schließlich wurden dann zwei weitere, zusätzliche Titel nachgeschoben, die man eventuell noch mit auf das Album nehmen wollte. Im Oktober sollte die finale Abmischung des Albums beginnen. Für "English Electric" verzichtete man komplett auf einen externen Produzenten. Das Album wurde ausschließlich von Andy und Paul in Eigenregie im "Motor Museum Studio" in Liverpool und in Paul's "Bleepworks"-Studio in London aufgenommen, produziert und auch gemischt. Paul Humphreys erledigte hier alleinverantwortlich das finale Mixing der Tracks. Aus rund zwanzig neuen Songs wurden für das Album schließlich zwölf Stücke ausgewählt. Abgesehen von der von Paul Humphreys komplett neu überarbeiteten Version von "Kissing The Machine" - einer Zusammenarbeit von Andy und Ex-"Kraftwerk"-Mitglied Karl Bartos aus dem Jahr 1993 - sind alle Songs auf dem Album größtenteils während der letzten zwei Jahre geschrieben worden. "Dresden" und "Final Song" entstanden zwar schon während den "History Of Modern"-Sessions, allerdings gab es hierfür bis dato noch keine Texte. Für "Stay With Me" griff Paul Humphreys auf die Grundidee von "Idea 3" zurück, ebenfalls geschrieben zu "History Of Modern"-Zeiten. Hier nahm Paul jedoch eine radikale Überarbeitung des Demos vor. "Thank You", ein unveröffentlichter Track aus den 1990er-Jahren, der für "English Electric" ebenso grundlegend überarbeitet worden war, wurde letztendlich weder für das Album, noch als Bonustrack einer der Singles berücksichtigt und blieb bis heute unveröffentlicht. Andy beschrieb ihn als "den aggressivsten und zornigsten Song, die wir jemals aufgenommen haben".

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In Paul Humphreys' "Bleepworks"-Studio in London

Begleitet wurden die Albumaufnahmen von Dreharbeiten f端r eine geplante Bonus-DVD, welche die Arbeiten am Album dokumentieren und einen allgemeinen Einblick hinter die Kulissen geben sollten. Gefilmt wurde z. B. Andy beim Einsingen einiger der neuen Tracks und es wurden Interviews mit Andy und Paul zu den einzelnen Songs gef端hrt.

Vorl辰ufiges Artwork f端r das "English Electric"-Albumcover, Ende 2012

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Im Dezember gab man erste Details über die geplante "English Electric"-Tour in 2013 bekannt. Auch ein vorläufiger Design-Entwurf für das Albumcover sickerte auf Umwegen an die Öffentlichkeit durch und gab Anlass zu regen Diskussionen (Stichwort: "Augenkrebs"). Zum Ende des Jahres 2012 sah man nun also gespannt dem neuen Album entgegen, dessen Veröffentlichung für das Frühjahr 2013 terminiert wurde.

2013 Die offizielle Pressemitteilung vermochte durchaus eine gewisse Neugier auf das neue Werk von OMD zu erwecken: "Auf 'English Electric' trifft durchlässiger Synth-Pop mit messerscharfer Raffinesse auf ElektroBalladen und gewaltige Clubsounds". Und weiter: "Inhaltlich dreht sich alles um Technik, das Universum und um die Liebe". Am 14.01.2013 veröffentlichten OMD überraschend ein Video zu "Decimal", produziert von Henning M. Lederer, einem jungen deutschen Designer, der sich auf filmische Animationen mit Maschinenabläufen spezialisiert hatte. Weltbekannt wurde er durch seine Animation des Plakates von Dr. Fritz Kahn "Der Mensch als Industriepalast". Mit "Decimal", einer offenkundigen Annäherung an das "Dazzle Ships"Konstrukt "Time Zones", schien sich die Rückkehr von OMD zu ihren experimentellen Wurzeln zweifellos zu bestätigen. Mit dem am 4. Februar nachgereichten zweiten Video, diesmal vom Song "Atomic Ranch" und ebenfalls animiert von Henning M. Lederer (von dem später mit "Please Remain Seated" noch ein drittes animiertes Video veröffentlicht wurde), machten Andy und Paul dann erneut deutlich, was unter ihrer Vision vom "Sound der Zukunft" zu verstehen war. Diejenigen Hörer, die den angekündigten "durchlässigen SynthPop", die "Elektroballaden" und die "gewaltigen Clubsounds" erwartet hatten, waren nun erst einmal verunsichert, vielleicht auch eine Spur enttäuscht. Die Anhänger der avantgardistischen Seite von OMD indes zeigten sich durchaus angetan vom neuen, "minimalistischen 'Glitchy'-Sound".

Henning M. Lederer und seine Animationen für OMD von oben nach unten: "Please Remain Seated", "Decimal" und "Atomic Ranch"

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Mit "Please Remain Seated", "Decimal" und "Atomic Ranch", allesamt von Andy McCluskey im Alleingang geschrieben, waren nun bereits drei Tracks vom kommenden Album vorab bekannt gemacht worden. Von rein musikalischer Seite aus betrachtet, handelte es sich dabei um drei extravagante Stücke, die vor dem Bekanntwerden der restlichen "English Electric"-Titel offenbar bewusst und gezielt die experimentelle Seite der neuen OMD-Platte aufzeigen sollten. Allerdings erschöpfte sich mit diesen drei Tracks der Richtungswechsel auch schon im Wesentlichen, denn die weiteren Songs des Albums sollten sich als weitaus "hörerfreundlicher" erweisen. OMD hatten mittlerweile einen weltweiten Deal mit der "Bertelsmann Music Group (BMG)", eine auf das Management von Musikrechten spezialisierte internationale Gruppe von Musikfirmen mit Hauptsitz in Berlin, für die Veröffentlichung von "English Electric" unterzeichnet. Die Bertelsmann-Tochter baute seit 2011 ihr Geschäft mit "Recorded Music" konsequent aus, mitunter durch den Erwerb des Katalogs von Daniel Miller's "Mute Records". Sie setzte dabei auf das Geschäftsmodell, das bereits ihr Musikverlagsgeschäft auszeichnete: Eine enge Partnerschaft mit den Künstlern, bei der über jeden Aspekt einer Veröffentlichung, beispielsweise auch die Höhe des Budgets, gemeinsam entschieden wird und das den Künstlern im Vergleich zu einem herkömmlichen Plattenvertrag weit höhere Einnahmen ermöglicht. Für "History Of Modern", das OMD 2010 im Eigenverlag veröffentlichten, hatte "BMG" bereits die Musikverlagsrechte verwaltet. "OMD sind typisch für die Art von unabhängig denkenden Künstlern, mit denen wir gerne zusammenarbeiten, und die Kreativität mit einem Gefühl für das heutige Musikgeschäft verbinden", erklärte Dominique Kulling von "BMG". "Die Tatsache, dass sie wissen, wie man ein Album erfolgreich selbst herausbringt, und sich nun trotzdem für ihr nächstes Album für BMG entschieden haben, ist eine Ehre und eine Bestätigung unseres Modells". Aufgrund der Übernahme des "Virgin UK"-Songkatalogs, zu dessen Herausgabe "Sony/ATV" im Rahmen der "EMI Music Publishing"- Übernahme durch die Regulierungsbehörde verpflichtet wurde, sollte "BMG" künftig nun auch die Kontrolle über die Publishing-Rechte vieler weiterer Aufnahmen von OMD ausüben.

"Radcliffe & Maconie-Show", "Café Corsari" (Soundcheck zu "Metroland") und Andy & Paul bei "BBC Breakfast" (28.03.13)

Als erster Radiosender stellte "BBC Radio 6" am 11. Februar 2013 in ihrer "Radcliffe & Maconie-Show" die erste Singleauskopplung aus "English Electric" vor - den über sieben Minuten langen Song "Metroland". Am 20. Februar 2013 traten Andy und Paul in Duo-Formation beim belgischen TV-Sender "Channel Eén" auf und präsentierten die Single in der Sendung "Café Corsari" zum ersten Mal "live". "Metroland" deutete mit seiner überlangen Spieldauer eine Verknüpfung zu den längeren Songs an, die OMD in der Vergangenheit bereits vielfach aufgenommen hatten. Für die Single-Version wurde der Song allerdings radiofreundlich um gut die Hälfte gekürzt. "Metroland" bekam überraschend den Vorzug für die bereits zu einem früheren Zeitpunkt als potentielle Singleveröffentlichungen genannten Songs "Helen Of Troy", "Night Cafè" und "Dresden". Andy McCluskey hierzu: "Diesmal haben wir die Radiostationen ignoriert und das veröffentlicht, was wir wollten. 'Dresden' und 'Night Cafe' wären mehr 'radiotauglich'...". Der Song wurde inspiriert durch einen Werbeslogan der "London Metropolitan Railway Line" vom Anfang des 20. Jahrhunderts, der lautete: "Komm und lebe in Metroland". Damit sollten die Bewohner des stickigen London zum Umzug in ein als "Metro-Land" ausgewiesenes, ländlich geprägtes Gebiet nordwestlich der Hauptstadt animiert werden, das von der "Metropolitan Railway" neu erschlossen worden war. "Metro-Land" war ursprünglich ein Markenname, der von James Garland, einem Mitarbeiter der Werbeabteilung der "Metropolitan Railway", erfunden wurde, um so für deren Angebot zu werben. Auch sollte damit die Bautätigkeit in diesem Gebiet angekurbelt werden, um weitere potentielle Fahrgäste zu gewinnen. Die Utopie vom perfekten Leben in ländlicher Idylle wurde vom Massenansturm der Stadtflüchtlinge indes recht schnell zerstört.

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Werbekampagne Anfang des 20. Jahrhunderts für "Metro-Land"

Zur Single wurde ein weiteres, animiertes Promo-Video veröffentlicht - eine Zugfahrt, welche die Thematik des Songs recht anschaulich wiedergibt. Für die Realisierung des Films entschied sich Andy McCluskey für das Cardiffer Designunternehmen "Soup Creative". Garan Rushton erstellte das Video nach einer Idee von Andy und in Zusammenarbeit mit dem Regisseur David O’Byrne. Alle vier Bandmitglieder kommen im Video als animierte Trickfiguren vor.

Video zu "Metroland" rechts unten: Creative Director Garan Rushton von "Soup Creative"

"Metroland" erschien am 25.03.13 als Download und 12" Vinyl-Maxi. Als Bonustrack wurde der düstere, nicht auf dem Album enthaltene Track "The Great White Silence" veröffentlicht. "Metroland“ schaffte es weder in die deutschen "Top 100" (Media Control), noch in die UK-"Top 200". In den deutschen "Mainstream Radiocharts" kam man immerhin auf Platz 28, in der Rubrik "Konservativ" in die "Top 50".

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"Englisch Electric", das insgesamt zwölfte Studioalbum der Band, erschien in Deutschland am 05. April 2013 (in England drei Tage später). Es erreichte Platz 12 in Großbritannien, die höchste ChartPlatzierung in UK seit 1991 und dem Album "Sugar Tax". Die "UK Indie Albums Charts" listeten das Album gar auf Platz 1. In Deutschland schaffte es das Album - wie auch sein Vorgänger "History Of Modern" erneut in die "Top 10" der "Media Control - Top 100", blieb damit allerdings etwas hinter den Erwartungen zurück. In den "Deutschen Alternative Charts" kam das Album wie auch in UK auf den 1. Platz. Für die USA reichte es zwar nicht für einen Eintritt in die offizielle "Billboard"-Hitliste, dennoch erkämpfte sich "English Electric" einen respektablen 8. Platz in den "US Dance/Electronic Album-Charts". Die Pressekritiken für "English Electric" fielen fast durchweg positiv aus. "Metacritic", das professionelle Kritiken zusammenfasst und einen Mittelwert daraus zieht, ermittelte aus insgesamt fünfzehn veröffentlichten Rezensionen einen Wert von sechsundsiebzig Punkten von einhundert. Der deutsche "Rolling Stone" resümierte: "Gutes Spätwerk: Die Elektro-Pop-Pioniere bleiben sich treu... zumindest ist auf die beiden Synthie-Haudegen immer Verlass, und solange sie nicht ihre alten Hits in 'neuen Arrangements' aufnehmen, bleibt trotz kleiner Einschränkungen alles gut" - und gab dem Album drei von fünf Sterne. Der britische "Daily Express" kommentierte: "Dieser Synthpop ist immer noch großartig und durchdringend, eingängig, verrückt und brillant vertraut. Das Album klingt frisch und ist einfach 'wow!'“ (4/5). Weitere Bewertungen des Albums: "Allmusic" (4 von 5), "The Boston Globe" (favourable), "Consequence of Sound" (4 von 5), "The Irish Times" (4 von 5), "musicOMH" (4 von 5), "The Observer" (3 von 5), "Pitchfork Media" (6.7/10), "PopMatters" (8/10), "This Is Fake DIY" (7/10). Sogar im auflagenstärksten, deutschen Boulevardblatt "BILD" fand das Album in deren "In & Out"-Liste eine positive Erwähnung. In den Jahresrückblicken diverser Musikpublikationen ernteten OMD für "English Electric" ebenfalls durchweg Anerkennung. "Popdose" setzte das Album auf Platz 15 der Jahresbestenliste 2013: "Von all den großen New Wave-Comebacks der letzten Jahre ist OMD das Produktivste - mit neuen Tracks, die ihren besten Frühwerken in nichts nachstehen". In der "End-Of-The-Year - Top 50"-Albumliste von "Flipside Reviews" erreichte man gar den fünften Rang: "Ihr erstes Studioalbum seit dem etwas ziellosen und abschweifenden 'History Of Modern' aus 2010 klingt wie ein 'Best of '... dies ist das eigentliche ComebackAlbum, das sie anstelle des planlosen Vorgängers hätten herausbringen sollen". Und im "L'étoile Magazine" belegte "English Electric" in dessen Jahres-Top 10 den hervorragenden achten Rang: "Dieses Album ist eine stark fokussierte Pop-Platte, die sehr wie OMD klingt und ebenso direkt auf die Mitte der 1980er-Jahre zielt. Ist gibt absolut nichts daran auszusetzen, das eine Band klingt wie sie selbst, noch dazu, wenn sie das wirklich so dermaßen großartig hinbekommt wie mit dieser wunderschönen Auswahl an oft herzzerreißenden Songs...". Allein der deutsche "Musikexpress" fand wenig Gefallen am Spätwerk von OMD: "Der Synthie-Pop der vermeintlichen Kultband aus England klingt immer noch genau wie damals vor drei Jahrzehnten" - und ließ sich lediglich zu zwei von sechs Sternen herab.

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Promo-Fotos und ihre Entstehung - fotografiert von Tom Oxley

Anders als noch bei "History of Modern" praktiziert, entstanden die Songs diesmal nicht dergestalt, das sich Andy und Paul gegenseitig einzelne Sounds und Ideen per E-Mail zuschickten. Stattdessen saßen sie tatsächlich gemeinsam im Studio: "Wir arbeiteten ganz wie in unseren frühen Tagen. Es war sehr spontan. Virtuell kann diese Form der intensiven Zusammenarbeit nicht entstehen. Wieder so zu arbeiten ermöglichte es uns, zu unserer Initialzündung und den elektronischen Einflüssen zurückzukehren", umschreibt Paul Humphreys den Effekt dieser wiederentdeckten, klassischen Methode des Songwritings. Und weiter: "Andy und ich sind wirklich begeistert. Das Album ist etwas musikalischer als 'Dazzle Ships', dennoch ist es in gewissem Sinne so, als wäre 'Dazzle Ships' im 21. Jahrhundert angekommen. Es ist nicht bloß eine Ansammlung von Songs. Das Album hat zwar ein Thema, ist aber trotzdem kein Konzept-Album". Was die Songstrukturen betrifft, vollführten Andy und Paul den Schritt zurück zu ihren Anfängen. Wie schon bei Hits wie "Enola Gay", "Souvenir", "Maid Of Orleans" und vielen weiteren Songs, ersetzten sie den gesungenen Refrain durch eine Keyboard-Melodie. Andy McCluskey zog ein vorläufiges Fazit: "Paul und ich betrachten 'English Electric' als eine Art definitives Statement. Nach diesem Album kann es im Prinzip keine weiteren Alben geben". Und fügte hinzu: "Das zeigt, für wie gut wir es halten".

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Fotosession mit Fotograf Ed Fielding in der Manchester "Town Hall"

Vom blau-cremefarbenen "Deltic"-Design, dass Andy und Paul die ursprüngliche Idee zu "English Electric" implizierte, distanzierte man sich am Ende aus den bereits zu Beginn des Kapitels geschilderten Gründen. Es entstand in Folge ein völlig anderes Konzept, das erneut bei Stardesigner Peter Saville in Auftrag gegeben wurde, der diesmal lediglich in beratender Tätigkeit als "Executive Producer" fungierte. Die eigentliche Design-Arbeit leistete Tom Skipp, ein aufstrebender Designer aus London, der bereits seit zehn Jahren mit Saville zusammenarbeitete. Für das Artwork des Covers orientierte sich Saville auffallend nah an seinen Designarbeiten für den "The Hacienda"-Club in Manchester, die er für "Factory Records" bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren entworfen hatte. Dies traf vor allem auf die Verwendung der streifenartigen, schwarz-gelben Warnzeichen zu. Auch wurden eindeutige Referenzen an das Artwork des von ihm entworfenen "Dazzle Ships"-Covers sichtbar. Die Plattenhülle der Vinyl-Ausgabe von "English Electric" wurde, wie schon bei den früheren Albumveröffentlichungen "O. M. i. t. D" (1980), "Architecture & Morality" (1981) und "Dazzle Ships" (1983), ausgestanzt (ein sogenanntes "Die-Cut Sleeve"), was in der Gesamtbetrachtung eine Verbindung mit der farbigen Innenhülle ergab.

FOTO NÄCHSTE SEITE: links unten: TOM SKIPP, ausführender Designer des gesamten "English Electric"-Artworks oben: Die von Tom Skipp entworfenen Cover für die diversen Veröffentlichungen rechts unten: Peter Savilles Design für "The Hacienda" und "Factory" in den 1980er/1990er-Jahren

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"Dresden" wurde in verkürzter Version am 17. Mai 2013 als zweite Single aus dem Album veröffentlicht ein weiterer Song über die Gefühle nach einer zerbrochenen Beziehung. Das Lied an sich handelte nicht direkt von der Stadt Dresden, sondern wurde von Andy McCluskey, der den Song geschrieben hatte, als Metapher und Sinnbild für die "totale Zerstörung" benutzt, um damit die Dramatik der Situation zu unterstreichen (Engländer und Amerikaner lösten in Dresden im Februar 1945 mit Brandbomben einen Feuersturm aus, der rund fünfundzwanzigtausend Menschen das Leben kostete, den Stadtkern vollständig zerstörte und als einer der verheerendsten Angriffe des Zweiten Weltkriegs angesehen wird). Als Bonustrack wurde der experimentelle und wiederum von Andy McCluskey komponierte Track "Time Burns" ausgewählt, der bis dahin nur auf der limitierten "The Future Will Be Silent" - 10" Vinyl Picture Disc (veröffentlicht am 20. April anlässlich des weltweiten "Record Store Day") und als Bonustrack der japanischen CD-Ausgabe des "English Electric"-Albums erhältlich war. John Foxx, Ex-"Ultravox"-Mitglied, steuerte als besonderes Bonbon noch einen Remix von "Dresden" bei. Für den Dreh des Promo-Videos wurde das Londoner Kreativ-Unternehmen "Gas & Electric" beauftragt. Regie führte Rob Chandler (alias "Robisrob"), der auch schon für "Depeche Mode" und "Placebo" gearbeitet hatte. Auf der "New York Times"-Website wurde der animierte Clip eine Woche vor Erscheinen der Single erstmals vorgestellt.

Das Video zu "Dresden"

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Zu den Songs von "English Electric" - ihrer Entstehung und ihren Hintergründen - wurden im Vorfeld eine Menge an Informationen publik gemacht, die eine genauere Betrachtung angemessen erscheinen lassen: Please Remain Seated Der Opener von "English Electric" fasst das Konzept des ganzen Albums zusammen. Auf der dem Album beigefügten DVD erläutert Andy, dass es darum geht, wie wir uns vor dreißig bis vierzig Jahren die Zukunft vorgestellt haben und wie sie stattdessen heute aussieht. Symptomatisch dafür ist für ihn der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Supermacht des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der damals nicht vorhersehbar war. Darum beginnt das Album auf Chinesisch.

The Future Will Be Silent Viele frühere OMD-Songs bestanden unter anderem aus Samples von Geräuschen, die Andy inzwischen als "Geräuschmüll" bezeichnet. So sagte er in einem Interview: "Eine Schreibmaschine ist dazu da, Dinge auf eine Seite zu drucken, und nicht dazu, ein Klickgeräusch zu machen, wenn man auf eine Taste drückt. Eine Dampflok ist nicht dazu da, ‚Tschuff Tschuff’ zu machen. Das ist Geräuschmüll, hervorgerufen durch die Unvollkommenheit der Maschine". Mit der Weiterentwicklung der Technik entsteht immer weniger Geräuschmüll. Der Anschlag einer Computertastatur ist bereits sehr viel leiser als der einer Schreibmaschine, und das Tippen auf einem Touchscreen hört man gar nicht mehr. Diese generelle Entwicklung war der Ausgangspunkt bei der Entstehung von "The Future Will Be Silent".

Die auf fünfhundert Stück limitierte "The Future Will Be Silent"-10“ Vinyl Picture Disc

Helen Of Troy Geschrieben wurde dieser Track von George Geranios und Nick Bitzenis des griechischen Duos "Fotonovela" und war ursprünglich für eines ihrer eigenen Alben vorgesehen. Andy McCluskey sollte lediglich den Gesang dazu beisteuern. Jedoch gefiel ihm das Endergebnis davon so dermaßen gut, das "Fotonovela" ihm das Stück am Ende komplett überließen. Mit der Band "Marsheaux" von deren "Undo"Plattenlabel hatte Andy bereits 2007 gearbeitet. Andy bezeichnete diesen Song als "'Georgia' trifft auf das erste Album von Depeche Mode". Und weiter: "Helena von Troja ist ein weiterer faszinierender Charakter, der wirklich schwer zu fassen ist. Es gibt über sie so viele verschiedene Geschichten und Interpretationen. Gab es tatsächlich eine echte Helena? Es erinnert ein wenig an Johanna von Orléans. Keiner weiß wirklich etwas genaues über sie, aber jeder hat so seine eigene Ansicht von ihr. Helena von Troja verwendete ich in dem Song mehr als eine Metapher".

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FOTONOVELA

Our System Dieser Track wurde inspiriert durch eine Kombination von "Glitch" und "Stanlow/The Romance Of The Telescope" und beinhaltet eine Menge an übertragenen Geräuschen der Raumsonde "Voyager". "'Our System' basiert auf den hörbar gemachten Geräuschen der Magnetosphäre des Jupiters und steht für den Kontrast der Perfektion, mit einem Raumfahrzeug das Sonnensystem verlassen zu können, gegenüber der Unvollkommenheit des sozialen Systems hier auf der Erde", so Andy McCluskey. Der ursprüngliche Arbeitstitel des Songs lautete "Jupiter" und ist in dieser Form auch auf der Demo-CD des Box-Sets von "English Electric" enthalten. Der Song wurde - ebenfalls als Teil des Box-Sets - auch als 7 "-Single auf blauem Vinyl und mit dem exklusiven Track "Frontline" auf der B-Seite veröffentlicht.

Kissing The Machine Dieser Song war ursprünglich eine Zusammenarbeit zwischen Andy McCluskey und Karl Bartos (ehemals "Kraftwerk") und erschien 1993 auf dem Album "Esperanto" von "Elektric Music" - das musikalische Post-"Kraftwerk"-Projekt von Bartos und dem ehemaligen "Rheingold"-Musiker Lothar Manteuffel. Die neue Version auf "English Electric" ist ein komplettes Re-recording und eine Überarbeitung des OriginalSongs durch Paul Humphreys. Lediglich die Hauptmelodie des Keyboards und der Gesang von Andy wurden im Original belassen. Claudia Brücken, bis zu ihrer Trennung im März 2013 Lebensgefährtin von Paul Humphreys, ist ebenfalls darauf zu hören - als die "Stimme der Maschine" in deutscher und englischer Sprache.

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Claudia Brücken und Karl Bartos (zusammen mit Andy McCluskey)

Decimal "Decimal" erinnert in seinem Aufbau stark an das Stück "Time Zones" aus dem "Dazzle Ships"-Album von 1983. Wurden damals dafür synchronisierte Ausschnitte aus den verschiedensten Zeitansagen aus aller Welt verwendet, so sind es auf "Decimal" nun Teile aus Voicemail-Nachrichten, umbaut mit einem minimalistischen, elektronischen Rhythmus. Obgleich der Vergleich dieser beiden Tracks schon für sich allein funktionieren würde, kommentierte Andy die Entstehungsgeschichte etwas anders: "Ich kann nicht glauben, dass niemand wirklich herausgefunden hat, woher 'Decimal' tatsächlich seinen Ursprung hat. 1975, noch bevor 'Kraftwerk' ihr 'Radioaktivität'-Album veröffentlicht hatten, gab es 'Einstein On The Beach' von Philip Glass. Das ist die naheliegendste Referenz".

Atomic Ranch Hier experimentierte Andy McCluskey auf seinem Laptop mit einer "Vox Machine"-App. Die ursprüngliche Idee zu dem Titel stammt von einem Magazin und einem Buch über amerikanische Häuser zwischen 1945 und 1970 mit dem Titel "Atomic Ranch". Andy benutzte ihn als Metapher für die Zukunftsvorstellungen der Amerikaner in den 1950er- und 1960er-Jahren, als man noch glaubte, Wissenschaft und Technik (u.a. Atomkraft) würden uns in eine einfach nur wundervolle Welt führen und uns ein perfektes Leben nach amerikanischen Wertvorstellungen ermöglichen - letzten Endes eine nie erreichte Utopie. Ursprünglich lautete der gesproche Text etwas anders: "I want a house and car and a robot wife/I want two kids and a yard and a perfect life/The future came down like an avalanche/And it fucked the world and my atomic ranch" - wo neben der Roboterstimme ein zusätzlicher Gesangspart von Andy geplant war, den er am Ende allerdings wieder heraus nahm.

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Stay With Me Der ursprüngliche Titel dieses Tracks lautete "Idea 3" und entstand in Grundzügen bereits zum Zeitpunkt der Arbeiten am "History Of Modern"-Album. Hier setzte sich Paul Humphreys mit dem Thema "Trennungsschmerz" auseinander. Als "English Electric" bereits abgemischt wurde, war der Song noch gar nicht fertig. Paul hatte ihn, als er sich wieder einmal sehr niedergeschlagen fühlte, als Nachzügler in nur einer Nacht auf der Basis von "Idea 3" komplett neu geschrieben. Es geht in dem Lied um seine Tochter Madelaine (Maddy), die er nach der Trennung von seiner Frau Maureen in Los Angeles zurücklassen musste als sie vier Jahre alt war. Der Song ist so zu betrachten, das ein Vater über seine verlorene Tochter singt.

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Final Song Dieser Song geht zurück auf das Jahr 2010 und entstand ebenfalls während der "History Of Modern"Sessions. Damals fehlte hierzu allerdings noch der Text. Der Track enthält Elemente aus "Lonely House" ursprünglich ein Lied der amerikanischen Jazz-Sängerin Abbey Lincoln, welches 1959 auf dem Album "Abbey Is Blue" erschien. Der Liedtitel gab natürlich Anlass zu Spekulationen darüber, ob dies nun tatsächlich der letzte Song, bzw. das letzte Album von OMD sein würde – nicht zuletzt auch deshalb, weil "Final Song" ans Ende des Albums platziert worden war.

Nachfolgend weitere Informationen über die Songs, die nicht auf dem Album enthalten sind. Zum Teil erschienen sie als Bonustracks der Singles. Einige Tracks wurden bis dato überhaupt nicht veröffentlicht: Frontline Ursprünglich trug dieses Instrumentalstück den Titel "Artillery". Der von Andy McCluskey produzierte Song ist ein Statement zum sogenannten "Arabischen Frühling", einer Reihe von Massenunruhen und Protesten gegen totalitäre Regimes, die im Dezember 2010 mit der Revolution in Tunesien begannen und sich danach wie ein Lauffeuer durch den Großteil aller Länder der Arabischen Halbinsel und Nordafrikas zogen. Die Proteste begannen überwiegend friedlich, weiteten sich aber in fast allen Ländern durch den Einsatz von Polizei und Armee schnell zu gewaltsamen Konflikten bis hin zu Bürgerkriegen in Libyen und Syrien aus. Danach kam es in vier Staaten zum Sturz derer Staatsoberhäupter. Veröffentlicht als Bonustrack der limitierten 7" Vinyl-Single "Our System", später dann noch auf der Audio-CD von "Night Cafè".

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The Great White Silence Erstmals veröffentlicht als Bonustrack der Single "Metroland" und als Bonustrack der japanischen Ausgabe des "English Electric"-Albums. Andy bezeichnete diesen Song als "eines der traurigsten Lieder, die OMD jemals geschrieben haben".

No Man’s Land "Dieser Song war so schmerzhaft, persönlich und aus Stücken meines Herzens geschmiedet, dass ich am Ende nicht mehr objektiv seine Qualität beurteilen konnte. Das ist der Grund, warum ich am Ende nicht wusste, was ich mit diesem Lied anfangen sollte", so Andy McCluskey. "No Man's Land" ist ein sehr persönlicher Song. Viele Formulierungen sind bewusst nebulös gehalten und auch für englische Muttersprachler inhaltlich nicht eindeutig zu verstehen. Klar ist nur, dass es dabei inhaltlich um die Last der Verantwortung geht, die man im Laufe des Lebens aufgebaut hat, indem man zum Beispiel Kinder in die Welt gesetzt hat, und um die Angst zu versagen, weil man es nicht jederzeit allen recht machen kann. Veröffentlicht wurde der Song als Bonustrack des "iTunes"-Release von "English Electric" und später als Bonustrack der Single "Night Cafè".

Time Burns Ursprünglich nur auf der 10-inch-Vinyl-EP "The Future Will Be Silent" anlässlich des jährlich wiederkehrenden "Record Store Day" veröffentlicht. Erschien später nochmals als Bonustrack der "Dresden"- und "Night Cafè"-Singles und zusätzlich als Bonustrack des japanischen "English Electric"Albums. Von Andy McCluskey geschrieben, erinnert der Track entfernt an Songkonstrukte von "Pink Floyd".

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Kill Me Andy McCluskey über die Entwicklung des Liedes: "'Kill Me' war tatsächlich eine der ersten Ideen, die wir für 'English Electric' hatten. Ich sagte zu Paul, dass es interessant wäre, gesanglich so etwas ähnliches zu machen wie auf unserem Song '4-Neu' und schlug noch die Worte 'Kill Me' vor. Er nahm das mit und schickte mir bald darauf dieses Harfen-Arpeggio, die Akkord-Struktur, seinen selbst gesungenen Refrain und die gesprochene Frauenstimme, die mich zum ersten Mal mit dem 'Vox Machina'-Programm bekannt machte". Andy weiter: "Wie üblich entschloss ich mich dazu, Pauls lieblichen Track auseinander zu nehmen und daraus die für OMD typische Balance zwischen Schönheit und Schmerz herzustellen. Dann fügte ich noch diese 'glitchy' Drums und meinen düsteren Text hinzu. Nach und nach veränderte sich der Schwerpunkt der Lyrics allerdings hin zu einer positiveren Sicht der Dinge. Sie erzählen von einer Reise durch Schmerz und Dunkelheit, in ein anderes, helleres Licht. Die Phrase 'Kill Me' stand nun eher im Bezug wie zu einer Schlange, die ihre alte Haut abstreift und wieder neu beginnt". "Kill Me" erschien als zuvor unveröffentlichter Track auf der B-Seite der Single "Night Cafè" und ist zugleich der letzte bis dato veröffentlichte Song von OMD. Thank You Dieses Lied existierte bereits um die 1990er-Jahre herum und Andy beschrieb ihn als "den aggressivsten und zornigsten Song, den wir jemals aufgenommen haben". "Thank You" wurde am Ende weder für das Album, noch als Bonustrack berücksichtigt und blieb bis dato unveröffentlicht.

Shelter Im Jahr 2011 fragte die Plattenfirma an, ob es nicht cool wäre, bei der Band "The XX" einen Mix für OMD in Auftrag zu geben. "Jeder wollte damals einen Mix von 'The XX' haben", so Andy McCluskey. "Der 'NME' plante damals ein Album mit Coverversionen der Band herauszubringen und 'The XX' sagte zu uns, wenn wir eine Coverversion von einem ihrer Songs machen würden, dann bekämen wir auch einen Mix von ihnen eine Hand wäscht die andere. Also nahmen wir 'VCR' auf, vor allem, weil mir der Basslauf so gut gefiel. Aber die Band meinte nur: 'Oh Gott, bloß nicht VCR... jeder covert VCR!' Also nahmen wir eine zweite Coverversion auf, diesmal von 'Shelter'. Aus diesem Grund haben wir nun zwei Coversongs von 'The XX', aber das geplante Album wurde am Ende doch nicht realisiert". Andy beschreibt den Song als "wesentlich besser als 'VCR'. Ein Chor-Akkord im Stil von 'Kraftwerk', gepaart mit Piano". Der Song war ursprünglich für "English Electric" vorgesehen. Dann fiel jedoch die Entscheidung, die Laufzeit von "English Electric" zu verkürzen und "Shelter" war einer von zwei Songs, die wieder vom Album genommen wurden. Bis heute blieb der Track unveröffentlicht.

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OMD "live", 2013

Mit "English Electric" im Gepäck starteten OMD dann am 05. April 2013 ihre dreiundvierzig Städte umfassende, weltweite Tournee. Das Bühnenbild wurde visuell an das aktuelle Album-Artwork angepasst und auch überraschend viele der neuen Songs wie "Please Remain Seated" (als Konzert-Opener), "Metroland", "Night Cafè", "Our System", "Atomic Ranch", "Kissing The Machine" und "Dresden" wurden mit in die Setlist aufgenommen.

Die Tour begann im kanadischen Vancouver, führte die Band dann durch sieben Städte der USA und für einen Auftritt nach Mexiko-City (welcher letztendlich die gesamte US-Tour refinanzierte). Eines der Highlights war sicherlich das berühmte "Coachella"-Festival im April, welches "live" über Internet übertragen wurde. Den Mai über spielten OMD ausschließlich in Großbritannien und auf dem europäischen Festland - vierzehn Konzerte in England, Schottland und Irland, bevor sich OMD dann nach Auftritten in Utrecht, Brüssel und Paris für fünf Gigs endlich in Deutschland einfanden. Während den UK-Konzerten trat als Support kein Geringerer als Ex-"Ultravox"-Mitglied John Foxx mit seiner Band "The Math" auf.

OMD "live" in Mexico-City (links) und beim "Coachella"-Festival in Kalifornien (rechts)

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OMD "live" beim "Seenland Festival" in Hoyerswerda (Deutschland)

Auch im fünfundfünfzigsten Lebensjahr auf der Bühne nicht zu bremsen - Andy McCluskey

Unterbrochen wurde die Tour immer wieder für TV- und Radiotermine. So spielten Andy und Paul am Tag der Veröffentlichung ihres neuen Albums ein Radiokonzert für den in Portland/USA ansässigen Sender "KINK FM". Das Konzert in der dortigen "Bing Lounge" wurde am 8. April "live" im Internet übertragen. Im Mai brachte das deutsche "ZDF" in ihrer Kultur-Sendung "Aspekte" einen längeren Beitrag über OMD. Hier wurde auch ein ausführliches Interview mit Andy und Paul aufgezeichnet. "BBC 2 Radio" lud Andy und Paul zur Show "Wogan Live" ein. Als krönenden Abschluss spielten OMD schließlich noch "live" und in kompletter Besetzung drei Songs ("Dresden", "Kissing The Machine" und "Enola Gay") in der britischen BBC-Kultshow "Later With Jools Holland" - mit anschließendem Interview.

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OMD "live" bei "BING" in Portland/Oregon (links), in der "Later With Jools Holland"-Show (Mitte) und bei "Wogan Live" (rechts)

Drei Radiokonzerte in Deutschland: Stuttgart (links), Saarbrücken (Mitte) und Wiesbaden (rechts)

Das einzige Konzert in kompletter Besetzung im Juni führte OMD nach Dänemark, wo sie auf dem "Esbjerg Rock Festival" spielten. In Duo-Besetzung schlossen sich dann noch drei Radiokonzerte in Deutschland an. Die Tickets für die Konzerte, zu denen jeweils nicht mehr als einhundert bis zweihundert Zuschauer Zutritt hatten, verlosten die "ARD"-Sender "HR1", "SWR1" und "SR 1" ausschließlich während ihren Sendungen. So kamen die Zuschauer, die das Glück hatten eine Eintrittskarten zu gewinnen, in den Genuss von Shows in sehr intimem Rahmen, die in Stuttgart, Wiesbaden und Saarbrücken stattfanden.

OMD "live" 2013: Andy McCluskey, Paul Humphreys, Malcolm Holmes, Martin Cooper

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Malcolm Holmes

Der zweite Teil der USA-Tour durch neun Städte, sowie im Anschluss daran drei Konzerte in Europa, sollte einen runden Abschluss der "English Electric"-Tour bilden. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn ein unvorhergesehenes, dramatisches Ereignis während des sechsten Auftritts setzte allen weiteren "Live"Aktivitäten der Band für unbestimmte Zeit ein jähes Ende. Was war geschehen? OMD spielten am 19. Juli 2013 im kanadischen Toronto, als Drummer Malcolm Holmes noch während des Konzertes Paul Humphreys zurief, er soll nicht mit "Enola Gay" beginnen, einfach weil er nicht mehr weiterspielen könne. In Toronto herrschte zu diesem Zeitpunkt gerade eine Hitzewelle und die "Danforth Music Hall", in der OMD auftraten, hatte sich auf geschätzte fünfundvierzig Grad aufgeheizt. Hinter der Bühne kam es dann zum dramatischen Zusammenbruch von Malcolm, primär verursacht durch einen Hitzschlag. Dadurch wurde auch sein Herz in Mitleidenschaft gezogen und es kam zu einem dreiminütigem Herzstillstand (Anm.: Malcolm hatte in der Vergangenheit bereits mehrere Infarkte überstanden, zuletzt 2004). Letztendlich war es Martin Cooper zu verdanken, das nicht noch Schlimmeres passierte, da er geistesgegenwärtig für die Erstversorgung durch das "Toronto Fire Department Paramedics Team" sorgte, die Malcolm noch hinter der Bühne erfolgreich wiederbeleben konnten.

Das Drama um Malcolm Holmes - 19. Juli 2013 - "The Danforth Music Hall" in Toronto/Kanada

Die Band war aufgrund dieses Vorfalls verständlicherweise nicht bereit dazu, Malcolm's Gesundheit weiter unnötig aufs Spiel zu setzen. Ein Ersatz-Drummer kam zu keiner Zeit in Frage und man beschloss daraufhin, für das restliche Jahr keine weiteren Konzerte mehr zu spielen. Die restlichen drei US-Shows in Detroit, Minneapolis und Chicago, sowie das "Rewind Festival" in Schottland, das "Tempo Ciney"-Festival in Belgien und das "ERP Remember"-Festival in Portugal wurden abgesagt.

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Am 16. September 2013 kam als dritte und letzte Single "Night Café" heraus, was aufgrund des Vorfalls in Toronto allerdings fast schon bedeutungslos war. Auf "Night Cafè" huldigt Andy McCluskey den Werken des Malers Edward Hopper, von dessen Bildern er sich - insbesondere seinem berühmtestem Werk "Nighthawks" - für den Song inspirieren ließ. Andy McCluskey erklärte hierzu: "Ich war zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder in New York und fühlte mich sehr melancholisch. Es waren um die minus neun Grad, es war dunkel, ich stand an einer Straßenecke und schaute in ein fast leeres Restaurant. Wie könnte ich da nicht an Edward Hopper's Gemälde erinnert werden?". So setzte sich auch der Text des Liedes am Ende aus insgesamt sieben Titeln seiner Werke zusammen. Die Demo-Versionen des Songs wurden ursprünglich sogar als "Hopper 1" und "Hopper 2" betitelt. Schon 1985 waren die Gemälde des Malers ein Thema: So planten OMD, ein Originalgemälde als Cover für ihr Album "Crush" zu verwenden. Das Vorhaben scheiterte damals an den zu hohen Kosten für die Nutzungsrechte und man griff alternativ auf das Design von Paul Slater zurück, der Hopper's Stil originalgetreu kopierte.

Edward Hoppers wohl berühmtestes Gemälde "Nighthawks"

Die "Night Cafè"-EP mit insgesamt zehn Songs enthielt neben der Single und diversen Remixen auch alle Bonustracks der "English Electric"-Phase, sowie einen brandneuen Song namens "Kill Me". Paul Humphreys beschrieb "Night Cafè" - übrigens eine der ersten Kompositionen für "English Electric" - als "'She's Leaving' meets 'Souvenir'". Andy McCluskey kommentierte zum Song noch, dass er am Ende der Sessions "völlig anders klang als in seiner ursprüngliche Konzeption". Der wiederum als Animation konzipierte Video-Clip von "Night Cafè" sorgte für einiges Aufsehen und auch für kontroverse Diskussionen. OMD präsentierten ein zwar sanft und humorvoll arrangiertes Video, doch sparte es auch nicht an allerlei Darstellungen von Gewalt, Sex und Tragik.

Ausgewählte Szenen aus dem Promo-Video zu "Night Cafè"

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Nachdem feststand, dass sich Malcolm wieder auf dem Weg der Besserung befand, er aber für mindestens sechs Monate pausieren musste, nahmen Andy und Paul im September einige TV-Termine zur Promotion ihrer neuen Single "Night Cafè" wahr. Anfragen hierzu kamen ausschließlich aus Deutschland. Beide traten am 15. September im "Fernsehgarten" des "ZDF", einen Tag später in deren Morgenmagazin "Volle Kanne" und kurz darauf, am 17. September, in der "Harald Schmidt Show" des Bezahl-Senders "Sky" auf. Im Anschluss daran gaben Andy und Paul noch ein Interview im Rahmen der "Simon Mayo Drivetime"Radioshow bei "BBC Radio 2".

von links: Auftritte im deutschen TV bei "Volle Kanne" (ZDF), "Harald Schmidt Show" (Sky), "Fernsehgarten" (ZDF)

Ende Oktober dann unterstützte Andy McCluskey die Ausstellung des englischen Fotografen Chris Oaten ("O-Ten Photography") bei seiner Ausstellung in Leeds. Oaten war u. a. verantwortlich für die Promotionfotos der Band im Jahr 2010. Für das Buch "Yeah Yeah Yeah: The Story of Modern Pop" von Bob Stanley steuerte Andy McCluskey noch einige Kommentare bei und nahm im Oktober auch an einer Diskussionsrunde dazu teil - hier ging es speziell über Liverpools reichhaltige Musikgeschichte.

Am 30.11.2013 hatten Paul und Andy dann die Ehre, in Bowden, Cheshire im Rahmen einer Spendenaktion für die "Joshua Tree Charity" aufzutreten und die Organisation dabei zu unterstützen, ein Ferienhaus und Gemeindezentrum für Kinder zu errichten, die an einer Fehlfunktion des Immunsystem leiden. Der Abend wurde von Mark Radcliffe ("BBC Radio 6") und Noddy Holder (Sänger der Band "Slade") moderiert. Neben OMD präsentierten sich musikalisch noch der "Housemartins"-Sänger Paul Heaton und die Swing-Partyband "Dominic Halpin & the Honey B's". Schlussendlich konnten damit über dreißigtausend Pfund an Spenden gesammelt werden.

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Das Bild "Arthur's Teddy" von Martin Cooper

Anlässlich des sechzigsten Jubiläums der britischen Multiple Sklerose-Gesellschaft hatten Prominente und Künstler einzigartige Karten für die MS-Gesellschaft entworfen, die im Dezember 2013 auf "eBay" versteigert wurden. Berühmte Namen unterstützen die Aktion "Karten für eine gute Sache" - dazu gehörte neben Schauspieler Sir Roger Moore, Star-Koch Jamie Oliver und Holly Johnson von "Frankie Goes To Hollywood" auch Martin Cooper, der sein Bild "Arthur's Teddy" zur Kartenaktion beisteuerte. Der Zwischenfall mit Malcolm veranlasste Andy und Paul offensichtlich dazu, die weitere Zukunft von OMD neu zu überdenken. Im Zuge der Veröffentlichung von "Night Cafè" gab Andy, bezogen auf den auf der Single enthaltenen Bonustrack "Kill Me", ein Statement ab, das viele Fans nachdenklich stimmte: "Es scheint angemessen, dass wir dieses Kapitel von 'Orchestral Manoeuvres in the Dark' mit diesem schönen Lied schließen. Wir wissen nicht, wohin die Zukunft uns führen wird". Auf die Frage eines Fans im offiziellen OMD-Forum, ob diese Aussage das Ende von OMD bedeute, gab Andy zur Antwort: "Diese Periode von OMD ist zu Ende. Wir nehmen uns etwas Zeit, um unser Leben abseits der Band zu leben. Wir werden sehen, wie es mit Malcolm weitergeht und ob uns irgendetwas einfällt, weiterhin mit OMD fortzufahren, ohne das wir damit unsere Verbindungen zu den Menschen zerstören, die wir lieben. Wenn es neues Material von OMD geben sollte, dann von Paul und mir. Vielleicht auch von Martin und Malcolm" . Am Rande der "Harald Schmidt Show" ergänzte Andy hierzu einem Fan gegenüber, "...das sie jetzt erst mal dringend Zeit bräuchten, um sich ihren Familien zu widmen, sich auszuruhen und zu genesen. Was auch immer passieren wird, in drei bis vier Jahren wird es irgendetwas Neues geben. Was genau, ist jetzt noch nicht klar, aber es wird was Neues geben".

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Paul Humphreys relativierte Andy's Kommentare in einem Radiointerview vom Oktober 2013 dann allerdings schon wieder etwas: Die Duo-Shows würden weitergehen und es könnte gut sein, das Andy in einem Monat anruft und sagt: "Ich habe hier eine gute Idee". Während der Tour durch England saßen er und Andy während eines Dinners drei Stunden zusammen und sprachen bereits über das nächste Album. "Unser Mantra für 'English Electric' lautete: Wie wird die Zukunft klingen? Das ist für uns immer noch nicht ganz beantwortet. Die Frage steht immer noch im Raum", so Paul Humphreys abschließend. Zum Ausklang des Jahres 2013 wandten sich Andy und Paul mit einem abschließenden Kommentar auf der offiziellen OMD-"Facebook"-Seite nochmals an ihre Fans: "Wir möchten diese Gelegenheit dazu nutzen, um allen unsere besten Wünsche für die Feiertage und das neue Jahr zu übermitteln. 2013 war ein Jahr der Extreme. Der wunderbare Zuspruch was 'English Electric' und die Tour betrifft, aber auch das schreckliche Ereignis in Toronto, welches beinahe Malcolm von uns genommen hätte. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, keine konkreten Pläne für weitere Alben und Touren zu machen, bis wir wissen, was die Zukunft für Mal bringen wird. Wir alle mussten unsere Entscheidungen im Lichte dessen neu bewerten, was am 19. Juli geschehen war. Wir danken allen, die uns durch Plattenkäufe und Konzertbesuche unterstützt haben und wir entschuldigen uns bei denjenigen, die durch die Konzertabsagen enttäuscht wurden".

2014 In der ersten Hälfte des neuen Jahres ließen es OMD dann auch wie angekündigt ruhiger angehen, verschwanden aber dennoch nicht völlig von der Bildfläche.

"Moods, Memories and other Manoeuvres" von Julia Kneale Das Coverfoto mit Andy McCluskey wurde Anfang der 1980er-Jahre vor dem "Gramophone Suite"-Studio aufgenommen

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Im Januar 2014 veröffentlichte Julia Kneale, Wegbegleiterin von Andy und Paul in ihren Anfangszeiten, ihr autobiographisches Buch "Moods, Memories and other Manoeuvres". Neben einem Vorwort von Andy McCluskey und vielen bislang unveröffentlichten Fotos fand darin auch das Thema "OMD" seinen angemessenen Platz. Hier teilte Julia mit dem Leser viele ihrer Erinnerungen an die Musikszene der "Wirral Merseyside" in den 1970er-Jahren und ihr bisheriges Leben im Allgemeinen. Auch kamen Freunde wie Neill Shenton ("The ID") und Jimmy Rae ("The Reverb Brothers") in eigenen Kapiteln zu Wort, die ebenfalls über einige interessante Anekdoten zur Anfangszeit von OMD zu berichten hatten.

Am 25. Januar 2014 war Andy McCluskey Talk-Gast bei "BBC Radio Devon". Mit dem Moderator Richard Green unterhielt er sich dabei über das dreißigste Jubiläum anlässlich der Veröffentlichung des Albums "Junk Culture". Die Singles "Tesla Girls", "Locomotion" und "Talking Loud and Clear" wurden gespielt, sowie auch die Bandhistorie unter die Lupe genommen. Andy äußerte sich zur Zukunft von OMD und zum ersten Mal sollte hier auch die Aussicht auf eine "Junk Culture"-Remastered-Veröffentlichung erwähnt werden. Im offiziellen OMD-Forum ergänzte Andy im August 2014: "Wir hoffen, ein paar unveröffentlichte Demos mit auf die 'Junk Culture'-Remaster packen zu können". Im Oktober dann wurde die Veröffentlichung für den November 2014 angekündigt - als Doppel-CD mit allen "Extended"-Versionen, B-Seiten und auch bislang unveröffentlichten Stücken, wie z. B. die nicht für das Album berücksichtigte Originalversion von "Heaven Is" und eine Demoversion von "White Trash", welche sich stark von den endgültigen Fassungen unterscheiden. Zudem wurden im Archiv zwei Tracks wiederentdeckt, die 1984 beiseite gelegt worden waren, u. a. ein von Paul Humphreys gesungenes Stück mit dem Arbeitstitel "Paul's Song". Die Restaurierung der analogen Bänder und die klangtechnische Bearbeitung dieser, als auch weiterer Demoversionen (zwei frühe Aufnahmen von "Tesla Girls" und die ursprüngliche Fassung von "Love And Violence" - ursprünglich "10 To 1" betitelt) beanspruchte am Ende doch mehr Zeit als anfänglich gedacht. So wurde der Re-Release schließlich ins Jahr 2015 hinein verschoben.

Paul und Andy zu Gast beim Fussball-Club "Manchester United"

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Mitte Februar dann begleitete Andy McCluskey in seiner Funktion als Kurator des "National Museums"Verbundes in Liverpool die Vorpremiere der neuen Ausstellung "Turner: Travels, Light and Landscape" in der Liverpooler "Lady Lever Art Gallery". Paul Humphreys und Andy McCluskey wurden am 16. März 2014 von Michael Bolingbroke, dem leitenden Geschäftsführer des Fussballclubs "Manchester United", zum Spiel gegen den "FC Liverpool" im "Old Trafford"-Stadion eingeladen. Danach durften die beiden die Premier-League- Trophäe in Händen halten. "FC Liverpool"-Fan Andy war mit dem 3:0-Endstand des Spiels offensichtlich wesentlich zufriedener als "ManU"-Anhänger Paul.

"NIGHT OF THE PROMS" - Lodz/Polen - 22.3.2014

Am 22. März 2014 nahmen Andy und Paul schließlich ein weiteres "Live"-Engagement im Rahmen der "Night Of The Proms"-Reihe an - diesmal in Polen, wo der "Klassik meets Pop"-Event zum ersten Mal in seiner Geschichte überhaupt Station machte. OMD wurden in der rund dreizehntausend Zuschauer fassenden "Atlas Arena" in Lodz überschwänglich gefeiert, Andy und Paul mit "OMD! OMD! OMD!"-Sprechchören unterstützt und lautstark Zugabe gefordert. In ihrer Duo-Besetzung begannen OMD - wie auch schon auf vorangegangenen "NOTP"-Auftritten - mit "Maid Of Orleans", spielten im Anschluss daran "Sailing On The Seven Seas" (wo Andy mitten im Song zum Publikum hinunter ging, Hände schüttelte, Autogramme gab und Handküsschen in Richtung der weiblichen Fans verteilte) und beendeten ihr Set schließlich mit "Enola Gay". Die enthusiastischen Fans hatten die Band seit ihren beiden letzten Auftritten in Polen im Jahr 1985 (Warschau) und 1991 ("Sopot International Song Festival") offensichtlich nicht vergessen. Neben OMD traten u. a. die Sängerin Amy McDonald und der US-amerikanische Rapper "Coolio" auf.

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Im gleichen Monat unterstützten OMD noch eine "eBay"-Auktion zugunsten der Hilfsaktion von Molly Dore für das afrikanische Malawi, wo ein neues Waisenhaus eröffnet und ihre Arbeit im ansässigen Krankenhaus finanziert werden sollte. Für die Auktion stellte man eine "Our System"- und "Sister Marie Says"-7" Testpressung, sowie ein signiertes "English Electric"-Boxset zur Verfügung.

"14-18 NOW" - Die "HMS President" in London (links oben) und die "Edmund Gardner" in den Liverpooler Docks (links unten) Der venezolanische Künstler Carlos Cruz-Diez (Mitte unten)

Andy McCluskey im August 2014 mit "Winston (Mitte) und im "Museum of Liverpool" (links u. rechts)

Des Weiteren wurden Gespräche mit "National Museums Liverpool" über die Mitwirkung von OMD an der vom 5. Juli bis 26. Oktober 2014 stattfindenden "Liverpool Biennial" geführt, die alle zwei Jahre stattfindet. Für das "14-18 NOW"-Programm, das sich dem hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs widmete, wurde hierfür seitens der "Liverpool Biennale" und der "Tate"-Galerie in Liverpool die Bemalung eines im Besitz des "Merseyside Maritime Museum" befindlichen, historischen Lotsenschiffes "Edmund Gardner" durch den venezolanischen Künstler Carlos Cruz-Diez in Auftrag gegeben, der das Schiff am "Albert Dock" in Liverpool in ein "Dazzle Ship" (ein mit Tarnfarbe bemaltes Kriegsschiff) verwandelte. Eine passende und willkommene Gelegenheit für OMD zur Teilnahme, welche doch 1983 ihr Album danach benannt hatten! Ein weiteres Schiff, die "HMS President", wurde ebenfalls "gedazzelt" und war bis Ende 2015 am Londoner "Victoria Embankment" zu besichtigen. Die Bemalung wurde hier vom deutschen Bildhauer Tobias Rehberger vorgenommen.

Albumrezensionen von Andy McCluskey in "The Talkhouse" und "BBC"-Moderatorin Sara Cox (1993/2014)

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Für das Online-Magazin "The Talkhouse" betätigte sich Andy McCluskey im April und Mai als Plattenrezensent und bewertete sehr positiv das aktuelle Album "Singles" der Band "Future Islands", sowie Lily Allen's "Sheezus". Vor allem von der britischen Popsängerin war Andy merklich beeindruckt und "outete" sich als großer Fan ihres Songwriting-Talentes und auch ihrer neuen Songs. Ende April wurde Andy McCluskey in Sara Cox's "Sound Of The 80s"-Radioshow eingeladen, die von "BBC Radio 2" am 26. April ausgestrahlt wurde. Vor ihrer Karriere als Radiomoderatorin wirkte Sara Cox übrigens in OMD's Musikvideo für die Single "Everyday" mit, die 1993 erschienen war.

Micci Lou ("She Got Claws") und Andy McCluskey (links), Buch "Mad World" (rechts)

Das die Songwriting-Aktivitäten von OMD - zumindest die von Andy McCluskey - 2014 nicht völlig zum Stillstand gekommen waren, verriet die Sängerin Micci Lou ("She Got Claws") Mitte Juni in "Facebook". Micci war Mitglied der Band "Paparazzi Whore", schrieb dort elektronische Pop-Punk-Songs und produzierte für OMD im Jahr 2008 ein "Mash-Up", bestehend aus dem OMD-Stück "Radio Waves" und dem "Paparazzi Whore"-Titel "I Don't Think So". Andy McCluskey besuchte die Geburtstagsfeier von Fotograf Chris Oaten, der auch Micci Lou betreut: "Andy schenkte Chris einen brandneuen OMD-Song, den er auf CD gebrannt hatte. Dieser Song ist der Startschuss für ein neues Album von OMD, das 2016 erscheinen soll. Der Song ist absolut brillant!!! Ich sagte Andy, das ist der beste Song, den er seit sehr langer Zeit geschrieben hätte!". Damit konnte festgehalten werden, das OMD zweifellos wieder an neuem Material arbeiteten und sogar ein weiteres Album zu erwarten war! Über den Titel des neuen Songs und seine musikalische Richtung lies Micci Lou leider nichts verlauten. In dem im Juli herausgebrachten Buch "Mad World - An Oral History of the New Wave Artists and Songs that defined the 80's" wurden ferner noch Interviews von Andy McCluskey und Paul Humphreys veröffentlicht.

Dean Johnson und Malcolm Holmes (1999)

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Eine erfreuliche Nachricht hatte der "Wirral Globe" in seiner Ausgabe vom 25.7.14 zu vermelden: Malcolm Holmes war wieder zurück im Musikgeschäft! Ermutigt durch seinen Freund und Musiker Dean Johnson, mit dem Malcolm bereits in den späten 1990er-Jahren gearbeitet hatte, nahm Mal nach seiner NahtodErfahrung während des OMD-Auftrittes ein Jahr zuvor in Toronto wieder die Drumsticks in die Hand und spielte im Studio einen Drum-Track für Dean ein. Verwendet wurde dieser für die Begleitung einer Erzählung von Mark Reed (Sohn des verstorbenen Schauspielers Oliver Reed), die als Teil von Dean Johnson's erfolgreicher Theaterproduktion "Bullets And Daffodils" - ein Musical über das Leben und Werk des aus Birkenhead/Wirral stammenden Wilfred Owen (ein britischer Dichter und Soldat und einer der bedeutendsten Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs in der englischen Literatur) - am 16. August 2014 im "Floral Pavilion" in New Brighton/Wirral Merseyside inszeniert wurde. Von seinem Zuhause in Deutschland aus gab Malcolm Auskunft darüber, wie es zu der Zusammenarbeit kam: "Mich erreichte ganz kurzfristig ein Anruf, und ich dachte eigentlich, dass ich nie wieder aufnehmen würde. Aber Dean ist ein alter Freund und da ist dieser hundertste Jahrestag des Ersten Weltkrieges... ich hatte das Gefühl, etwas dazu beitragen zu müssen. Wilfred war ein Junge aus Wirral, der internationalen Ruhm erreicht hatte - ähnlich wie es bei mir der Fall war - also ergab sich daraus eine gewisse Verbindung". Malcolm arbeitete außerdem noch mit dem Musiker und Sänger Peter Coyle zusammen. Von dessen Projekt "Fractal" wurde am 12. Januar 2015 die Single "Still In Love" veröffentlicht, an der Malcolm als Songwriter mitwirkte.

OMD am 2. August 2014 "live" auf Mallorca

Unter dem blauen Himmel des Mittelmeeres traten Andy und Paul am 2. August 2014 als Gäste des "Inselradio 95,8" auf der Balearen-Insel Mallorca auf. Die Radiostation feierte seinen achtzehnten Geburtstag mit einem Open-Air-Festival in der antiken Stätte "Poble Espanyol". OMD waren neben Tim Bendzko & Band einer der Hauptacts dieser spektakulären Nacht und spielten ein fünfundvierzigminütiges Set, u. a. mit Songs wie "Enola Gay", "Messages", "History Of Modern (Part 2)", "Sister Mary Says", "Maid Of Orleans", "Talking Loud And Clear", "Sailing On The Seven Seas", "Pandoras Box" und "Walking On The Milky Way". Auf alle Fälle noch erwähnenswert: Für das im September 2014 erschienene, brandneue "Erasure"-Album "The Violet Flame", steuerte Paul Humphreys einen Remix des Songs "Be The One" bei - zu finden auf der dem Box-Set des Albums beiliegender Remix-CD.

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Im August des Jahres fanden sich die Liverpooler Künstlergrößen Mike McCartney, Billy Kinsley von "The Merseybeats" und "Liverpool Express", sowie die Schauspieler Paul Barber und Craig Charles zusammen, um für die von ihnen ins Leben gerufene "Statue 4 Eppy"-Kampagne siebzigtausend Pfund an Spendengeldern zur Errichtung einer Bronzestatue zu Ehren des "Beatles"-Entdeckers und Managers Brian Epstein zu sammeln. Ebenfalls mit an Bord: Andy McCluskey. Einen Großteil des Geldes erhofft man sich durch den Verkauf eines von "Mersey Radio"-Moderator Bob Pitt geschriebenen Songs mit dem Titel "Thank You For Being Our Friend", wofür Andy im "Motor Museum Studio" in Liverpool einen Gesangspart beisteuerte: "Ich halte das für eine sehr gute und spannende Kampagne", so Andy McCluskey. "Liverpool ist weltbekannt für zwei Dinge - Fußball und Musik. Die 'Beatles' haben Liverpool Millionen an Pfund eingebracht und es macht Sinn, ein Denkmal für den Mann zu errichten, der alles ins Rollen brachte - damit die Menschen in Hunderten von Jahren noch wissen, wer er war. Auch die Verantwortlichen des Gemeinderates sollten sich daran beteiligen, den Mann zu ehren, der Liverpool zu neuem Ansehen verholfen hatte". Im September sollte das Lied in den "Parr Street"-Studios in Liverpool den letzten Schliff erhalten. Die "Statue 4 Eppy"-Aktivisten hoffen, das die Statue ihren festen Platz in Whitechapel finden wird - dort, wo sich Epsteins' ursprüngliches Unternehmen "NEMS" befand und die "Fab Four" ihren ersten Managementvertrag mit ihm unterzeichneten.

Andy McCluskey und der Liverpooler Musikveteran Billy Kinsley im "Motor Museum Studio" in Liverpool

"Oh You Pretty Things - The Story of Music and Fashion" - TV-Special mit OMD auf "BBC4" am 1. Oktober 2014 Andy McCluskey mit seinem mittlerweile über dreißig Jahre alten Pullover, der auch im Video zu "Maid Of Orleans" zu sehen ist

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Zwei exklusive und einmalige Shows im fünfhundertfünfzig Gäste fassenden "Atrium" innerhalb des "Museum of Liverpool" gaben OMD ebenfalls im August bekannt, die schließlich am 1. und 2. November 2014 stattfanden und die Tickets hierfür innerhalb von Minuten ausverkauft waren. In den "Albert Docks", gleich gegenüber des Museums, ankerte bereits das durch den venezolanischen Künstler Carlos Cruz-Diez und Malern des in Birkenhead/Wirral ansässigen Schiffsbauunternehmens "Cammell Laird" zum "Dazzle Ship" umgestaltete Lotsenschiff "Edmund Gardner" im Trockendock - und wie konnte dieses Ereignis besser gewürdigt werden als durch ein Konzert von OMD, die sich ja schon 1983 von den "Dazzle Ships" zu ihrem gleichnamigen Album inspirieren ließen. Andy McCluskey gegenüber dem "Wirral Globe": "Es begann mit der Idee, einige 'Musique Complex'-Stücke im Maschinenraum der zum 'Dazzle Ship' umbemalten 'Edmund Gardener' zu installieren. Das Museum fragte dann sehr freundlich an, ob wir nicht noch mehr zu der ganzen Sache beitragen wollten. Also haben wir einfach ihr Angebot angenommen, was letztendlich in diesem gesamten Wochenende mit Konzerten, Musik im Schiff und einem kleinen Filmfestival, 'Dazzle Films' und unserer Geschichte hinter Glas in einer der Vitrinen innerhalb des 'Atrium' resultierte".

Promotiontermin vor Ort in Liverpool: Paul Humphreys, Martin Cooper und Andy McCluskey Interviews für "Granada Reports" und "ITV-News" am 30. September 2014

In Verbindung mit den Shows im Museum waren dort zusätzlich Artefakte aus den frühen Tagen der Band zu sehen - so z. B. ihr "Roland CR-78"-Drumcomputer, welcher für das markante Rhythmus-Pattern ihres 1980er-Hits "Enola Gay" verwendet worden war und auch der "Korg M500 Micro Preset"-Synthesizer, der bei den frühen Singles "Electricity", "Enola Gay", "Messages" und "Souvenir" zum Einsatz kam. Zudem gab es einige ihrer frühen Vinyl-Plattencover, sowie ein Original-Werbeposter für die bei "Factory Records" im Jahr 1979 veröffentlichte Single "Electricity" zu bewundern. Das Poster hatte Andy McCluskey während seiner Zeit als Kunststudent erstellt, wurde aber nie verwendet, da die Band den Entwürfen des Grafikkünstlers Peter Saville den Vorzug gegeben hatte - "Er war ein viel besserer Designer als ich", so Andy McCluskey. Und weiter: "Es ist beängstigend, die Dinge aus unserer Jugend in einem Museum hinter Glas zu sehen. Einige der Sachen, die jetzt in Kisten auf dem Dachboden wiederentdeckt wurden, hatten wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen". Für das Museum sollte es zugleich das erste Mal sein, das ein großer Musik-Act innerhalb ihrer Räume auftrat. Janet Dugdale, Direktorin des "Museums of Liverpool", sagte dazu: "Wir sind absolut begeistert davon, ein Konzert mit OMD zu veranstalten. Von Liverpool aus starteten sie ihre Erfolgs-Story, die den gesamten Globus umspannte. In unserem Museum kann man sich ja schon länger die Geschichte von Liverpools umfangreichem wie auch fantastischem musikalischen Erbes anschauen - diese Geschichte mit einem Konzert von OMD nun lebendig zu machen, ist wirklich etwas ganz Besonderes". Andy McCluskey, Paul Humphreys und Martin Cooper spielten an den beiden Abenden einige ihrer "Greatest Hits", Tracks aus dem 1983er-Longplayer "Dazzle Ships", sowie mit "International" (in eine tiefere Tonart transponiert) und "4-Neu" zwei Songs, die bislang noch nie "live" gespielt worden waren. Quasi als Ersatz für Malcolm Holmes (welcher aus gesundheitlichen Gründen weiterhin pausieren musste), gab es ein überraschendes Wiedersehen mit einem der "Gründungsmitglieder" der Band, der 1979 die Gruppe verlassen musste und mittlerweile als Ausstellungsstück in der "Wondrous Place"-Galerie des Museums sein Dasein fristet:

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"Winston" - die Vierspur-Tonbandmaschine: "'Winston' wird aus der Vitrine verschwinden, aber wieder zurückkommen. Er hat ein paar Proben nötig und - wahrscheinlich wie wir selbst - auch etwas an Wartung" , so Andy McCluskey vor dem Konzert-Event.

Presseartikel im "Liverpool Echo" (10.10.14) und Artefakte aus der Geschichte von OMD - ausgestellt im "Museum of Liverpool"

Die außergewöhnliche und für alle Fan's zweifellos als einzigartig in Erinnerung bleibende Setlist im Einzelnen: "Dazzle Ships", "ABC Auto Industry" (Andy, Paul und Martin schwangen dabei am Bühnenrand die Flaggen), "Sealand", "Messages", "Radio Waves", "Genetic Engineering", "History Of Modern Part I", "Julia's Song", "She's Leaving", "Souvenir", "Maid Of Orleans", "4-Neu", ein Zusammenschnitt aus den "Dazzle Ships"-Tracks "Radio Prague", "Swiss Radio International", "This Is Helena" und "Time Zones", sowie "International", "Metroland", "Sister Marie Says", "Sailing On The Seven Seas", "Enola Gay", "Electricity" und "The Romance Of The Telescope" (hierfür programmierte Malcolm im Vorfeld den dazugehörigen Rhythmustrack).

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Die Glücklichen, die eines der raren Tickets ergattern konnten, sollten außerdem noch in den Genuss der fehlenden Teile I, IV, V und VI von OMD's Experimentalstück "Dazzle Ships" kommen (wovon 1983 nur die Teile II, III und VII veröffentlicht worden waren). Andy McCluskey: "Wir können es kaum abwarten im Museum zu spielen. Die Räumlichkeiten sind fantastisch und sehr intim. Die Museen und Galerien in Liverpool hatten einen großen Einfluss auf mich, so ist es schön, nun zurückzukommen und ein einzigartiges Konzert im Museum of Liverpool zu geben". Alle Einnahmen des Auftritts gingen im Übrigen vollständig an den "National Museums Liverpool"-Verbund, für den Andy McCluskey nebenbei als Kurator tätig ist. Paul Gallagher, der im "Museum of Liverpool" wirkende "Senior Kurator" des Resorts "Stadtgeschichte", fasste zusammen: "OMD haben einen besonderen Platz innerhalb der Kulturgeschichte Liverpools, und wir wollten in der Ausstellung Objekte bringen, welche die Reise und die Entwicklung der Band widerspiegeln".

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Für 2015 stellte McCluskey eine DVD-Veröffentlichung des an beiden Abenden mitgefilmten Konzertes in Aussicht, dessen Aufnahmen von Hambi Haralambous gesichtet und aufbereitet werden sollen. Geplant ist eine Doppel-DVD mit zum Einen dem vollständigen Konzert (ein Zusammenschnitt aus beiden Shows, jedoch hauptsächlich vom zweiten Auftritt am Sonntag), zum Anderen eine Disc mit Interview, "Behind The Scenes"-Material, sowie einigen amüsanten Patzern (z. B. vergaß Andy stellenweise mal wieder seine Texte).

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2015 Den Stichtag bezüglich einer zeitnahen Wiederveröffentlichung für das fünfundzwanzigste Jubiläum des "Junk Culture"-Albums hatte man zwar um zehn Monate verpasst, nichtsdestotrotz brachte "Universal Music" am 2. Februar 2015 eine sogenannte "Deluxe Edition" des 1984 erstmals erschienenen Longplayers heraus.

Bevor dieses Re-Release nun einer näheren Betrachtung unterzogen wird, vorweg eine kleine Randnotiz über das Plattenlabel "Universal", welches sich bei der Herausgabe der "Deluxe Edition" des fünften OMDAlbums gleich mehrere vermeidbare Schnitzer leistete und dadurch für einigen Missmut aufseiten der Fans betreffend dieser Wiederveröffentlichung sorgen sollte. Denn so manch einer mochte sich vielleicht darüber gewundert haben, wieso OMD jetzt neuerdings vom größten der drei noch verbliebenen Major-Labels weltweit ("Universal", "Sony" und "Warner") vermarktet wurden. Ursprünglich war "Junk Culture" bei "Virgin-Records" veröffentlicht worden, 2004 ging Richard Branson's Label allerdings im "EMI"-Konzern auf, eines der damals vier größten Major-Labels. Mit dem Kauf und der anschließenden Zerschlagung der

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"EMI" durch die "Universal Music Group" gingen 2012 die Rechte zur Nutzung der Marke "Virgin" automatisch an "Universal" über. Auch "BMG" (die "Bertelsmann Music Group"), der derzeitige Musikrechteverwalter von OMD, gehörte ab 2006 ebenfalls zum "Universal"-Branchenriesen, bis Bertelsmann sie 2013 wieder zurückkaufte und zugleich noch die Verlagsrechte (Masterrechte an Komposition und Aufnahme sowie Tantiemeneintreibung für die Künstler) von "Virgin Music Publishing UK", "Virgin Europe" und "Virgin US" erwarb. Die ausführliche Beschreibung der Album-Neuausgabe klang vor der Veröffentlichung erst mal recht vielversprechend: "30 Jahre nach der Veröffentlichung von OMD's 'Junk Culture' kommt nun die remasterte 2-CD-'Deluxe Edition'. Andy McCluskey und Paul Humphreys gingen zurück in das 'Virgin'-Archiv, um das Album einer neuerlichen Betrachtung zu unterziehen. Die erste Scheibe enthält das in den 'Abbey Road'Studios in London remasterte (und von der Band persönlich überwachte) Original-Album. Disc 2 enthält eine Auswahl an B-Seiten und alternativen Mixes, die zum Einen schon auf CD veröffentlicht, zum Anderen bislang nur auf Vinyl-Schallplatte erhältlich waren. Neben der Beaufsichtigung des Remastering zogen Andy und Paul drei unveröffentlichte Demos ('Heaven Is', 'Tesla Girls' und 'White Trash' - aufgenommen im Sommer 1983 während den ersten Demo-Sessions in den 'Highland Studios' in Inverness/Schottland) und die zwei nie zuvor gehörten Tracks '10 To 1' und 'All Or Nothing' aus dem Archiv hervor. Zusammen mit umfangreichen Liner-Notes von Paul Browne ist diese 'Deluxe Edition' die definitive, erweiterte Geschichte von 'Junk Culture'". Frontmann Andy McCluskey erklärte ergänzend die Ursprünge der beiden bisher unveröffentlichten Tracks auf dem Bonus-Silberling: "'All Or Nothing' ist ein kompletter Song, wehmütig gesungen von Paul Humphreys, dessen Lead-Vocals dafür verdreifacht aufgenommen wurden. Mit diesem Lied kamen OMD wahrscheinlich nie näher an einen Folk-Song heran, was hauptsächlich Paul's dynamischem und harmonischem Gesang geschuldet ist. Wir konnten uns gar nicht mehr daran erinnern, das wir das damals aufgenommen hatten". Zum Stück "10 To 1" äußerte sich Andy folgendermaßen: "Dies ist der Vorläufer von 'Love And Violence'. Musikalisch gibt es fast nichts, was auf die explosive Instrumentierung der endgültigen Version hinweisen würde. Es ist nur derjenige Teil der Akkordfolge erhalten geblieben, welcher die Gesangsmelodie durch die einzelnen Verse begleitet, während sie sich etwas wackelig und mit zunehmender Dramatik auf ihren Höhepunkt zubewegt. Der Großteil des Textes dieser Version hat den Aufnahmeprozess nicht überlebt, nur ein Teil der zweiten Strophe wurde später für 'Love And Violence' verwendet".

Vorstellung der "Junk Culture"-Deluxe Edition: Paul Humphreys und Andy McCluskey erneut zu Gast bei Sara Cox von "BBC Radio 2" am 7.2.15 (links) und in der "Radcliffe and Maconie"-Show von "BBC Radio 6 Music" am 9.2.15 (rechts)

So weit, so gut - doch hatten die Verantwortlichen bei "Universal Music" am Ende offensichtlich etwas den Überblick bezüglich des Back-Kataloges der Band verloren und brachte für die "Deluxe"-Ausgabe zwei CD's in den Handel, die einige Fehler aufwiesen, welche so keinesfalls hätten passieren dürfen. CD 1 enthielt ausschließlich das Original-Album - allerdings nicht wirklich nachvollziehbar bei zwei Songs abgeändert: Die 3:51 Minuten lange Album-Version von "Tesla Girls" ersetzte man durch den fünfzehn Sekunden kürzeren Single-Edit - wobei es sich genau genommen noch nicht mal um denselben handelt, denn das prägnante "Tes-Tes-T-T-T-T-Tes"-Intro zu Beginn des ersten Refrains hatte man kurzerhand herausgeschnitten (bzw. war laut Andy McCluskey bei einer im Nachgang vorgenommenen Überprüfung des Master-Bandes überhaupt nicht darauf vorhanden - was offenbar niemandem aufgefallen war). Mit der "Schere" ging man auch bei "Love And Violence" recht großzügig zu Werke: Der Track wurde von 4:40

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Minuten auf 4:26 Minuten gekürzt, die Textzeile "I try, I try, but she always seems to know" wurde - warum auch immer - entfernt (in der Original-Version lautet der Text "I try, I try, I just can't let her go - I try, I try, but she always seems to know" zwischen der Spielzeit 3:15 und 3:40 Minuten). Und die Zeile "We don't make sense, love and violence" startet normalerweise bei 3:45 Minuten, in der remasterten Version jedoch schon bei Minute 3:30. Auch hier schien es sich nicht um das originale Master-Tape zu handeln. Der peinlichste Lapsus unterlief "Universal" jedoch auf Disc 2. Dort sollte erstmals "Wrappup" auf CD enthalten sein, die B-Seite der "Never Turn Away"-Vinylsingle. Doch anstelle des Vorläufers von "All Wrapped Up" hatte man, obwohl schon auf Disc 1 vorhanden, erneut eben diese Albumversion integriert. Hier versagten die Verantwortlichen in der Endkontrolle auf ganzer Linie. Ganz offensichtlich hatte sich niemand mehr die Mühe gemacht, vor Beginn der Produktion nochmal genauestens die einzelnen Tracks durchzuhören, leider auch nicht Andy und Paul. Erfreulicherweise ist bei "Julia's Song" alles glatt gegangen - die überarbeitete Bläser-Version auf der B-Seite der "Talking Loud And Clear"- Vinylsingle schaffte ohne weitere Komplikationen den Übergang ins Digitalzeitalter und wurde hier erstmals auf CD herausgebracht (man allerdings auch die 8:33 Minuten lange 12" Version davon hätte berücksichtigen können, die es bislang nur auf der "ZTT"-Compilation "The Art Of The 12" - Volume Two" zu kaufen gab). Der 12"-Version von "Talking Loud And Clear" hingegen wurde übel mitgespielt - diese wurde von 8:55 Minuten auf 6:11 Minuten gekürzt, indem man den ersten Teil der originalen Maxiversion kurzerhand wegließ (ohne dies explizit auf der Tracklist oder im Booklet zu erwähnen). Angeblich geschah dies auf Anordnung von Andy und Paul, um dadurch mehr Spielzeit für die Bonustracks auf CD 2 zu generieren. Doch stellt sich hier die Frage: Warum hat man dann nicht einfach die regulären Single-B-Seiten "Her Body In My Soul", "The Avenue", "Julia's Song (Re-Recorded Version)", "Garden City", "Wrappup" und "(The Angels Keep Turning) The Wheels Of The Universe" auf CD 1, direkt hinter das Album, platziert - so wie dies auch schon bei den "Remastered"-Ausgaben der ersten vier Alben erfolgreich praktiziert wurde? Platz dafür wäre ausreichend vorhanden gewesen, sodass man auf unnötige Kürzungen problemlos hätte verzichten können - und somit die ideale Gelegenheit ungenutzt vorübergehen ließ, die bis zum heutigen Tag nur auf Vinylausgaben veröffentlichten Live-Versionen von "Waiting For The Man", "White Trash" und "Locomotion" erstmals auf CD zu verewigen.

Ungeachtet all dieser kleineren und größeren Ärgernisse sollte trotzdem die Anstrengung aller Beteiligten anerkannt werden, welche die Veröffentlichung dieser "Deluxe Edition" erst möglich gemacht und am Ende auch realisiert hatten. Für Andy McCluskey war die ganze Aufregung deshalb auch nur teilweise nachvollziehbar und schrieb dazu etwas missgestimmt: "Es tut mir leid, wenn diese Angelegenheit einige von euch übermäßig aufregt. Es wird eine Lösung geben für all diejenigen, welche sehr verärgert darüber sind. Für alle anderen, da bin ich mir sicher, wird das Album eine interessante und wunderbare Ergänzung für ihre OMD-Sammlung sein. Ist es nicht erfreulich, dass das Leben trotz all der Not weiter geht und man auch immer kleine (und manchmal große) Unvollkommenheiten schätzen sollte? Mein linkes Knie ist nun nicht mehr zu reparieren, seit es vor dreißig Jahren durch einen Unfall lädiert wurde. Aber ich habe gelernt, damit zu leben und es immer noch zu schaffen, unsere Konzerte unabhängig von den Schmerzen zu genießen... 'Ich meine ja nur' - wie unsere amerikanischen Vettern sagen würden". "Universal" reagierte jedenfalls relativ schnell und produzierte eine neue zweite Disc - diesmal mit der korrekten Version von "Wrappup", die der Käufer beim Plattenlabel kostenlos zum Austausch anfordern konnte. Von einem Ersatz für die erste Disc (mit den korrekten Versionen von "Tesla Girls" und "Love And Violence") sah der Plattenmulti indes ab.

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Die Tracklist der Bonus-CD im Einzelnen: 01. 02. 03. 04. 05. 06. 07. 08. 09. 10. 11. 12. 13. 14. 15.

Her Body In My Soul The Avenue Julia's Song (7" Re-Recorded Version) Garden City Wrappup (Dub Version Of 'All Wrapped Up') Locomotion (12" Version) Tesla Girls (Extended Mix) Talking Loud And Clear (Extended Version) Never Turn Away (Extended Version) (The Angels Keep Turning) The Wheels Of The Universe 10 To 1 (previously unreleased) All Or Nothing (previously unreleased) Heaven Is (Highland Studios Demo) Tesla Girls (Highland Studios Demo) White Trash (Highland Studios Demo)

Stuart Kershaw, 2015

Bereits im Dezember des Jahres 2014 kündigten OMD für 2015 weitere Live-Shows, bzw. Festivalgigs an - mit Stuart Kershaw an den Drums, der Malcolm Holmes, welcher sich weiter von seinem Herzinfarkt erholen musste, längerfristig ersetzen sollte. Seinen finalen Live-Auftritt mit OMD (und einer seiner letzten Einsätze hinter der Schießbude überhaupt) hatte Stuart im Januar 1994, als die "OMD Mark II"-Besetzung (mit Nigel Ipinson und Phil Coxon an den Keyboards) in Süd-Afrika letztmalig zusammen auf einer Bühne stand. Stuart Kershaw war sich der zwiespältigen Gefühle, die diese Umbesetzung zwangsläufig mit sich brachten, durchaus bewusst und schrieb seine Gedanken dazu in seinem Weblog nieder: "Als ich den Anruf bekam, quasi von der Einwechselbank herunter ins Spiel zu kommen, während der legendäre Drum-Meister Mal Holmes sich von seinem in Toronto erlittenen Herzinfarkt erholte, stimmte ich mit gemischten Gefühlen zu. Auf der einen Seite freute ich mich darüber, meine Familie mal für ein paar Wochen verlassen und mit einer meiner bevorzugten Livebands bei Konzerten auf der ganzen Welt trommeln zu dürfen. Auf der anderen Seite wünschte ich natürlich, das dies unter anderen Umständen zustande gekommen wäre". Die Entscheidung, einundzwanzig Jahre nach seinem letztmaligen Einsatz für OMD wieder die Trommelstöcke zu schwingen, erleichterte ihm dann glücklicherweise Malcolm Holmes selbst, der zu Stuart's Verpflichtung ausdrücklich seinen Segen gab. Zwar war Stuart bei weitem noch nicht völlig eingerostet und begann auch schon frühzeitig damit, vor den eigentlichen Proben mit der Band alleine im Übungsraum das Live-Repertoire einzuüben, trotzdem sah er seinem neuerlichen Einsatz mit einer gesunden Portion Lampenfieber entgegen: "In den 1990er-Jahren kannte ich die Setliste von OMD in- und auswendig", so Stuart. "Wieder zu trommeln ist der eigentliche Spaß bei der Sache und relativ einfach für mich. Das gilt allerdings nicht für das Einstudieren der Setliste - die ist schon eine ziemliche Herausforderung für mich. Der erste Gig ist im Mai und ich bin mir sicher, das ich den Karren an die Wand fahren werde!".

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Malcolm Holmes und einige seiner Projekte, 2015

Auf seiner Website (www.malholmes.co.uk) meldete sich Malcolm Holmes persönlich zu Wort, der seiner weiteren Zukunft insgesamt gesehen zwar recht positiv entgegen zu blicken schien, seine weitere Aktivität als Drummer von OMD allerdings relativ offen lies: "Ich arbeite jetzt an einigen neuen Musikprojekten, die von mir nicht verlangen, auf der Bühne anderthalb Stunden bei achtundvierzig Grad Hitze und Sauerstoffmangel spielen zu müssen. Dennoch vermisse ich meine Freunde in der Band. Im Laufe von 2014/15 fuhr ich zwar damit fort, stetig Fortschritte bei meiner Genesung zu machen, aber ich beschloss, meine OMD-Drumsticks an den Nagel zu hängen. Vielleicht werde ich eines Tages wieder live für OMD auf die Trommeln hauen - die Tür wird für mich weiterhin offen gehalten. An diesem Punkt sage ich also 'Sag niemals nie'. Ich habe ein Leben, das es weitergelebt zu werden gilt, also ist dies das, was ich tun werde". Das ganze Jahr 2015 über beschäftigte sich Malcolm, der in Deutschland nahe Hamburg lebt, mit einer Vielzahl an neuen Projekten, für die er regelmäßig nach England übersetzte und dementsprechend viel Zeit dort verbrachte. Die positive Entwicklung seines täglichen Arbeitspensums, das von seiner normalen musikalischen Verfahrensweise oftmals stark abwich und in ganz andere Richtungen ging als bislang für ihn gewohnt, hinterließ bei ihm ein gewisses Gefühl der Zufriedenheit: "Ich bin damit beschäftigt das zu tun, was mir zu tun gefällt. Es gibt so viel neue Musik da draußen - und mit neuen Künstlern zu arbeiten genieße ich wirklich sehr", so Malcolm.

OMD mit der Buchausgabe der "Unautorisierten deutschen OMD Biografie“ im Mai 2015 - und zugleich das erste Gruppenfoto mit Drummer Stuart Kershaw

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Unterwegs war Mal mittlerweile als Songwriter, Produzent, Remixer, Drum-Programmierer und sogar als Bandmanager. Mit dem Liverpooler Sänger Peter Coyle (Ex-"Lotus Eaters"-Frontmann, die in den 1980erJahren mit "The First Picture Of You" einen europaweiten Hit hatten und der inzwischen als Songwriter und Produzent arbeitet), schrieb er an einigen Songs, so zum Beispiel "Still In Love" und "Goodbye Everybody" (vom Coyle-Album "Fractal"), für die er auch recht hörenswerte Remixe anfertigte. Ebenso schrieb Malcolm einige Titel für die Hamburger "New Country"-Sängerin Bobby Anne Baker und produzierte für sie eine EP. Die Glasgower Sängerin und Gitarristin Anna Sweeney wiederum kam in den Genuss seines professionellen und innovativen Drum-Programmings. Während er weiterhin Remixe für diverse Künstler anfertigte, beispielsweise für die US-Band "Feather Spitters", entwickelte Malcolm darüber hinaus Musik für die "Music Library" der Londoner Firma "USPM". Sein Hauptaugenmerk aber lag vorrangig auf den beiden Musikprojekten "Lights That Change" und "Ummagma". Für die gitarrenorientierte, aus Nordwales stammende Band "Lights That Change" spielte er - für ihr im Sommer erschienenes Debüt-Album "Byzantium" und die Single "Voices" - die Drums ein (O-Ton Malcolm: "Es gibt immer genug Raum, um beim Trommeln melodisch zu sein und das ist meine Art zu spielen. Ich verwendete große, offen klingende Drums, um diese Bonham/Led Zeppelin-Athmosphäre zu kreieren") und remixte deren Song "Whispers In February". Auch für das kanadisch-ukrainische "Dream Pop"-Duo "Ummagma" und deren Ableger "Sounds Of Sputnik" (namentlich Alexander Kretov und Shauna McLarnon) drehte er an den Mischpult-Knöpfen und nahm sich ihrer Songs "Lama" und "New Born" an. Richtig stolz konnte er indessen auf die von ihm gemanagte, junge Liverpooler Newcomer-Band "Skellums" sein, die zum Ende des Jahres ihre ersten Erfolge feiern konnten: "Von der kleinen 'The Stag'-Kneipe in Bagillt ins 'The Etihad Stadion' in Manchester innerhalb von drei Monaten...!", freute sich Malcolm. "Es gab einige sehr gute Kritiken und positive Presse für ihre erste Veröffentlichung - und sie werden von 'BBC 6 Music' gespielt, seit sie von Moderator Steve Lamacq empfohlen wurden".

Festival-Auftritte in Mexiko, Spanien, Niederlande, Belgien, Österreich und UK

Doch zurück zu OMD. Anfang Februar hatte man seitens der Band bereits fast alle der am Ende insgesamt neun Auftrittstermine bestätigt, die in 2015 von der kompletten Besetzung gespielt werden sollten. Es handelte sich dabei ausschließlich um Festival-Gigs - eine konventionelle Tour stand nicht zur Debatte: 27. Mai: 13. Juni: 28. Juni: 11. Juli: 26. Juli: 09. August: 21. August: 22. August: 23. August:

Primavera Sound Festival (Barcelona/Spanien) Retro Pop Festival (Emmen/Niederlande) Park Pop Festival (Den Haag/Niederlande) Rock Zottegem (Zottegem/Belgien) Rewind Scotland (Scone Palace, Perth/Schottland) Rewind North (Capesthorne, Chesire/UK) Frequency Festival (St. Pölten/Österreich) Rewind South (Temple Islands Meadows, Henley-On-Thames/UK) BSF Festival (Brüssel/Belgien)

Außergewöhnlich hierbei und deshalb ohne Frage einer besonderen Erwähnung wert: Alle drei Festivals der "Rewind"-Konzertreihe bestritten OMD als Hauptact - dies gab es in der Geschichte des seit 2009 ausgerichteten, weltweit größten 80's-Musik-Festivals noch nie!

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Darüber hinaus sollten McCluskey und Humphreys im Laufe des Jahres für einige Shows aufs Neue in ihrer Duo-Formation auf den Bühnenbrettern stehen. Den Anfang machten sie beim "Mute"-Festival am 21. März und nahmen dafür einen strapaziösen Trip nach Tlaquepaque in Mexiko auf sich. Auftritte der kompletten Band in Deutschland sollte es laut Andy McCluskey jedoch keine geben: "Sorry, aber ich bezweifele, das wir in Deutschland spielen werden, da wir in den letzten Jahren schon so oft dort aufgetreten sind. Wir werden uns bis 2016 vom Markt dort fernhalten".

Des Weiteren gab es erste Andeutungen, das man erneut mit dem "Royal Liverpool Philharmonic Orchestra" zusammenarbeiten und mit ihnen ein gemeinsames Konzert geben möchte. Außerdem gab Andy McCluskey im offiziellen OMD-Forum ein Versprechen, bei dem man zunächst nicht ganz sicher sein konnte, wie ernst dieses wirklich gemeint war: Bei einem "Special Concert" würde man das komplette "Dazzle Ships"-Album spielen - wo er nach jahrelangem Widerstand seinerseits auch wieder "Telegraph" zum Besten geben wolle (seit ihrem Live-Comeback wurde der Titel bei Auftritten nie gespielt, obwohl dies viele Fans immer wieder mit Nachdruck forderten. Laut McCluskey aber wäre es für ihn aufgrund der hohen Tonlage nicht mehr möglich, ihn akkurat zu singen). Abgesehen von der Kooperation mit dem "RLPO" sollte dieser über Jahre herbeigesehnte Wunsch zahlreicher Anhänger tatsächlich wahr werden - wenn auch nicht gleich in 2015. Doch darüber an späterer Stelle mehr.

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Entgegen früherer Verlautbarungen absolvierten Andy und Paul in ihrer Zwei-Mann-Formation den ersten Auftritt im Jahr 2015 dennoch in Deutschland - und zwar in feierlichem Rahmen in der "Semperoper" in Dresden. Seine Königliche Hoheit Prinz Edward, Herzog von Kent und Cousin von Königin Elizabeth II., wurde dort am 14. Februar 2015 für seinen Beitrag zur Versöhnung zwischen Großbritannien und Deutschland mit dem Internationalen "Dresden"-Friedenspreis geehrt. OMD spielten im Rahmen des rund zweistündigen Festaktes in der Oper unter anderem ihren Song "Dresden". Die Website "friendsofdresden-deutschland.com" schrieb in ihrer Pressemitteilung: "Wie präsent der Name Dresden nach wie vor in Großbritannien ist, wird unterstrichen durch die britische Top-Band 'Orchestral Manoeuvres in the Dark', die für einen ihrer neuesten erfolgreichen Songs den Titel 'Dresden' wählte. Die Zerstörung im Februar 1945 einer für den Ausgang des Krieges strategisch bedeutungslosen Stadt, bewegte OMD-Sänger Andy McCluskey zu der Aussage: 'Die meisten Menschen in Großbritannien wissen, dass Dresden im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde, es war schockierend und grausam. Ich verwendete dieses Ereignis als schmerzliche Metapher für Sinnlosigkeit, Trauer und Verlust'. Dass Dresden '45 inzwischen zu einem Symbol für vieles geworden ist, um einen Vergleich zu aktuellen Kriegen zu finden zum Beispiel, aber auch um Zerstörungen anderer Art wie die durch Naturkatastrophen zu beschreiben oder unfair geführte Wahlkämpfe oder persönliche Krisen, ist seit Jahrzehnten ein zu beobachtendes Phänomen. OMD, die zu den wichtigsten Vertretern des Synthie-Pop sowie des New Wave gehören, werden bei der Preisverleihung in der Semperoper neben 'Dresden' noch einige ihrer anderen weltbekannten Songs spielen". Und das taten McCluskey und Humphreys dann auch wie angekündigt. Neben "Dresden" kamen überdies die Songs "Maid Of Orleans", "Enola Gay" und "Sailing On The Seven Seas" zum Zuge. Beim letzten Lied hielt es dann auch kaum noch jemand auf den Plätzen und selbst die anwesende Prominenz "zappelte" kräftig mit. Die Stimmung im Saal kochte - vermutlich zum ersten Mal innerhalb der Mauern dieses historischen Gebäudes.

Andy McCluskey und Paul Humphreys am 14. Februar 2015 "live" in der Semperoper in Dresden

Noch vor ihrem eigentlichen Auftritt ergriff Andy McCluskey höchstpersönlich die Gelegenheit, um vom Rednerpult aus eine offizielle Ansprache an die versammelten Gäste zu richten. In kurzen, aber ergreifenden Worten ging er dabei auf die Verbindung zwischen Engländern und Deutschen durch die Musik und deren Beitrag zu Frieden und Hoffnung ein:

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"Vielleicht fragen Sie sich, warum heute zwei Jungs aus Liverpool hier in Dresden sind? Bitte lassen Sie mich Ihnen unsere Geschichte erzählen. Liverpool gab der Welt die größte Pop-Gruppe. Die 'Beatles'. Sie wurden während des Zweiten Weltkrieges geboren, aber wo gingen sie zwanzig Jahre später hin, um zu lernen eine Band zu sein? Hamburg! Holten wir selbst uns in den 1970er Jahren als Teenager unsere musikalische Inspiration von Liverpool und den 'Beatles'? Nein, die kam aus Düsseldorf und Bands wie 'Kraftwerk' und 'Neu!'. Ziemlich schnell nach dem Krieg also fand eine Generation, die keine Erfahrung mit dem Schmerz und der Angst hatte, ihre Inspiration in dem Land, wo sich noch unsere Väter gegenseitig bekämpften. Wir besuchten Dresden vor vier Jahren zum ersten Mal. Bevor wir ankamen, dachten wir, dass wir diese eine Sache wussten: Dass diese Stadt im Februar 1945 zerstört wurde. Aber als wir ankamen... Dresden war nicht zerstört. Ja, Dresden wurde bombardiert. Ja, Tausende starben dabei und sie können nicht zurückgebracht werden. Ja, furchtbar schreckliche Dinge passierten hier. Aber Dresden lebt. Wir entdeckten eine Stadt, die ihr Herzstück wieder aufgebaut hatte. Die ganzen Gebäude um uns herum heute - die Semperoper, die Frauenkirche, die Museen. Welch ein schönes und starkes, schlagendes Herz. Was Angst und Aggression zeitweise weggenommen hatten, wurde durch Liebe und Hoffnung wieder aufgebaut. Wir waren emotional bewegt. Und wenn wir berührt werden, dann schreiben wir Musik über unsere Gefühle. Wir schrieben einen Song namens Dresden. Aber ich gebe zu, dass wir nicht von unserer ersten Vision von Dresden wegkommen konnten. Unser Lied entstand dadurch, die Stadt als Metapher für Schmerz und Verlust zu benutzen. Und wir glaubten, dass das in Ordnung ist. Menschen scheinen nur durch die Erfahrung von großem Schmerz belehrt zu werden und sie an den Schmerz zu erinnern, macht es hoffentlich etwas weniger wahrscheinlich, das sich dieser wiederholt! Aber in den letzten vier Jahren haben wir etwas noch Wichtigeres gelernt: Songs verbleiben nicht in einem Moment - sie ändern sich. Ihre Bedeutung kann sich ändern. Und so auch unser Verständnis darüber was Ihre Stadt betrifft. Diese Stadt ist nicht nur eine Erinnerung an die Schmerzen der Vergangenheit. Dresden ist ein Beweis für die Kraft der Erlösung, die Kraft der Versöhnung. Die Macht der Liebe über die Angst. Die Menschen in dieser Stadt, die 'Friends of Dresden', der Dresdner Friedenspreis, zeigen der Welt zwei Dinge: WIR werden daran erinnert, dass die Angst Schmerzen verursacht. Aber auch, dass die Liebe Frieden schafft. So auch wir als Engländer aus der Stadt Liverpool. Aus einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg ebenfalls bombardiert, aber nicht zerstört wurde, kommen wir heute in Frieden um Danke zu sagen. Danke Dresden für Ihr wundervolles positives Beispiel. Wenn ich Dresden sage, meine ich die Menschen in Dresden. Alle von Ihnen hier und heute, die Menschen, die in der Stadt arbeiten, die Kinder in den Schulen, jeden, der die Stadt lebendig macht. Die einzige Möglichkeit, wie wir 'Danke' sagen können, ist mit Musik. Musik verändert nicht die Welt. Sie kann bestenfalls ein Spiegel derer sein. Aber mit Musik können wir den Frieden und die Hoffnung feiern."

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Beiläufig machte der ehemalige Kunststudent Andy McCluskey auch im Gebiet der Künste auf sich aufmerksam - und dies nicht nur im musikalischen Bereich. Der Verbund "National Museums Liverpool" gewann im März die prestigeträchtige, jährlich vergebene Auszeichnung "Innovativster neuer Unternehmungsgeist" für das "Dazzle Weekend" und OMD-Konzert im November des Vorjahres, verliehen vom britischen "Verband für Kulturelle Unternehmungen". Die Geschäftsführerin von "NML", Melanie Lewis, lobte in ihrer Dankesrede ausdrücklich das persönliche Engagement von Andy McCluskey: "Das Dazzle-Wochenende war eine Demonstration der exzellenten Zusammenarbeit zwischen allen Abteilungen innerhalb unserer Organisation. Es gab uns die Möglichkeit, etwas ganz Besonderes zu schaffen und dabei gleichermaßen Ertrag zu erwirtschaften. Dafür von unseren Fachkollegen anerkannt worden zu sein, macht uns sehr stolz. Aber ein besonderer Dank geht an unseren wunderbaren Treuhänder Andy McCluskey, der all dies erst möglich machte".

Andy McCluskey vor und in der "Edmund Gardener", sowie der Maschinenraum inkl. Kunstinstallation (rechts)

Sogleich kündigte man zum Dank auch eine Wiederholung der einzigartigen, audio-visuellen "Dazzle Ship Installation" innerhalb des Schiffes "Edmund Gardener" an, welches - bemalt vom venezolanischen Künstler Carlos Cruz-Diez - nach wie vor im Liverpooler Trockendock lag. "Mit 'Dazzle Ships (Parts I, IV, V und VI)' von der einflussreichen Elektropop-Band 'Orchestral Manoeuvres in the Dark'", so Museums-Kurator Ben Whitaker, "lassen wir sie eintauchen in die Welt eines 'Dazzle Ship' unter Angriff des Feindes. Es ist eine intensive, körperliche und herausfordernde Erfahrung - und eine, die nicht verpasst werden sollte". Die dreißigminütigen, kostenlosen Touren fanden schließlich am 3. und 4. Oktober statt.

Andy McCluskey unterstützte Charity-Organisationen, wie z. B. "Marie Curie", die unheilbar kranke Menschen in Großbritannien betreut und ihnen Hilfe anbietet

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Die Übernahme der Schirmherrschaft des "The Liver Sketching Club", dem ältesten Laienkunst-Verein in England, inspirierte Andy McCluskey Ende März erstmals seit über dreißig Jahren dazu, selbst noch einmal den Bleistift in die Hand zu nehmen und wieder zu zeichnen. Damit verbunden drückte er seine Hoffnung darüber aus, vielleicht ein paar andere Menschen damit zu ermutigen, ihre kreativen Fähigkeiten auszuloten. Was ihn selbst betraf, gab er sich bezüglich seiner Zukunft als Bildender Künstler allerdings nicht gerade übermäßig selbstbewusst. Im offiziellen OMD-Forum schrieb Andy dazu:: "Ich war zwar angenehm überrascht vom Resultat meiner Skizze, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Hürde nehmen kann, einen höheren Fertigkeitsgrad zu erreichen. Ich habe zwar mit der Malerei wieder angefangen, scheine aber die Gabe dafür verloren haben. Offensichtlich verhält es sich hier nicht ganz so wie mit dem Fahrradfahren!", stellte er selbstreflektierend fest. "Ich weiß nicht, ob ich die Geduld dafür aufbringen kann, es wieder zu lernen. Ich bin nicht in der Liga von Martin [Cooper], der wirklich wunderbare Kunst hervorbringt".

Andy McCluskey (von links): Mit Prinz Charles, seine eigenhändig gezeichnete Bleistiftskizze und als Treuhänder des "NML"-Verbundes

Am 14. Mai dann traf Andy in seiner Funktion als Treuhänder der "National Museums Liverpool" auf den britischen Thronfolger Prinz Charles, den er als Gast der Eröffnung einer großen Ausstellung über die MayaKultur ein Stück weit durch die Räume des "World Museum" in Liverpool begleitete.

Andy und Paul beim "Mute"-Festival in Tlaquepaque, Mexiko, 21. März 2015 links: Vince Clarke (Depeche Mode, Yazoo, Erasure), rechts: Irmin Schmidt (CAN)

Rechtzeitig zum "Record Store Day" - dem internationalen Tag unabhängiger Plattenläden, der seit 2007 jeden dritten Samstag im April stattfindet - verkündeten OMD ihre Teilnahme mit der Veröffentlichung einer limitierten 10" Vinyl-Single und der (vermeintlich) darauf enthaltenen, "bislang unveröffentlichten 'Dub Version'" von "Julia's Song" - "mit neuen Songparts" und der "Weir Brothers"-Bläsersection. So hieß es jedenfalls vorab im offiziellen Werbetext - die Realität sah leider etwas anders aus: Lediglich exakt den ersten Teil der regulären "Extended Version" hatte man letzten Endes auf die Platte gepresst - von neuem Material keine Spur. Auf die B-Seite packte die Band ergänzend den nur auf der Bonus-CD der "Junk Culture"-Reissue erhältlichen Titel "10 To 1". Dies war nach 2013 die mittlerweile zweite Mitwirkung an diesem weltweiten Event mit rund zweitausend teilnehmenden Fachhändlern. Damals veröffentlichte man die "The Future Will Be Silent" Picture Disc im 10" Format, die schnell vergriffen war und nur wenig später zu unverschämt horrenden Preisen von dubiosen Massenaufkäufern über diverse Online-Auktionshäuser vertickt wurde.

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Koautorin Julia Kneale beim Signieren der "Julia's Song"- 10" Vinyl-Single

Und wer nun schon mal im Plattenladen war, konnte sich am 18. April 2015 auch noch gleich die limitierte 12" Vinyl-EP von "Erasure" sichern. Unter den darauf enthaltenen Remixen von insgesamt sechs Songs ihres Albums "The Violet Flame", befand sich u. a. der von Paul Humphreys gefertigte Remix des Tracks "Be The One".

Der originale, von Julia Kneale handgeschriebene Liedtext von "Julia's Song" aus dem Jahr 1978 - bei Aufr채umarbeiten im Juli 2015 von Ex-Manager Paul Collister wiederentdeckt

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Jack Antonoff und Andrew Dost (Mitte)

Beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit gab es im Frühjahr einen neuerlichen musikalischen Ausflug ins Filmgeschäft zu vermelden. Nachdem OMD bereits 1985 mit dem US-Top 5-Hit "If You Leave" überaus erfolgreich eine Auftragsarbeit für den Streifen "Pretty In Pink" ablieferten, beteiligte sich Andy McCluskey nun ohne seine Bandkollegen am Soundtrack zum US-Kinofilm "The D Train", mit Jack Black und James Marsden in den Hauptrollen. Neben dem Score von Andrew Dost, sowie der Original-Single "So In Love" von OMD aus dem Jahr 1985, war auf der am 5. Mai 2015 vom amerikanischen "Lakeshore"-Label und ausschließlich in den USA veröffentlichten Soundtrack-CD, der von McCluskey mitkomponierte und gesungene Track "A Million Stars" zu hören, welcher am 24. April bereits vorab als Download-Single herausgebracht wurde. Treibende Kraft bei dem Stück war Andrew Dost, ein amerikanischer Multi-Instrumentalist und Mitglied der IndieRockband "fun.", der ihn zusammen mit seinem Bandkollegen Jack Antonoff und "Ladylike"-Musiker Rob Kroehler zu Papier brachte. Andy schrieb die Strophen und die letzte Zeile des Refrains: "Ich wurde direkt darauf angesprochen, ob ich mitmachen wollte. Ich vermute mal, dass Andrew Dost gezielt ein Lied geschrieben hatte, das wie OMD klingen sollte. Oder zumindest, als er erkannte das es klang wie wir, mich gleich selbst gefragt hat, ob ich es singen möchte. Ich arbeitete dann zu Hause daran, kurz vor Weihnachten". Die Handlung des schwarzhumorigen Films, wie auch der Soundtrack, erinnerten stark an die klassischen High School-Filme von John Hughes ("The Breakfast Club", "Pretty In Pink") - was laut Aussage von Dost von den Regisseuren Andrew Mogel und Jarrad Paul auch von vornherein so beabsichtigt war. "Popmatters" schrieb über das Pop-Kollektiv und "A Million Stars": "Eine eindrucksvolle Melodie ganz im Glanz der 1980er-Jahre. McCluskey, Antonoff und Dost harmonieren zweifellos prächtig miteinander, was zum Teil auf die beiden Letzteren und ihre Vorliebe für harmonisierten Gesang bei ihrer eigenen Band zurückzuführen ist. Vor allen Dingen aber ist es der Stil von OMD, der hier immer wieder zum Vorschein kommt; sowohl der Refrain, als auch die für die gesamte Melodie verwendeten Synths erinnern sehr an OMD's jüngste LP 'English Electric'". Trotz allem konnte weder der Film, noch die Single "A Million Stars", einen Erfolg für sich verbuchen. Schlussendlich belegte "The D Train" in der Negativrangliste der schlechtesten USFilmstarts aller Zeiten den fünfzehnten Rang, spielte gegenüber seinen drei Millionen Dollar Produktionskosten noch nicht einmal ein Drittel davon wieder ein und erhielt überwiegend gemischte Pressekritiken: "Für Jack Black eine der seltenen Gelegenheiten, sein Können zu präsentieren, aber seine Geschichte und die Charaktere sind zu schlampig konzipiert, um den Film zusammenzuhalten", meinte "Rotten Tomatoes". Eine etwas positivere Rezension schrieb die "New York Post": "Ein niedlicher und luftiger Spaß". In Deutschland lief "The D Train" nach dem katastrophalen Ergebnis in den USA gar nicht erst in den Kinos an und wurde nur auf DVD veröffentlicht.

Erste Bandproben für die Live-Konzerte begannen ab 20. April

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Am 27. Mai dann brachen OMD in der Besetzung Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Stuart Kershaw auf zur ersten Station ihrer Reise über die Bühnen der europäischen Sommer-Festivals - dem "Primavera Festival" in Barcelona/Spanien. Und wohl nicht nur die Band allein war mehr als gespannt darauf zu erfahren, wie die ersten Konzerte ohne Malcolm Holmes und mit Stuart Kershaw an den Drums letzten Endes verlaufen würden. Malcolm Holmes indes gab der Band vorab seine besten Wünsche mit auf den Weg: "Es ist Auftritts-Tag für meine OMD-Kollegen in Barcelona. Ihr erster Gig als vierköpfige Band seit ich in Toronto den Geist aufgab. Viel Glück Andy, Paul, Mart und Stu... und meinen Crew-Freunden. Ich bin sicher, ihr werdet das Haus rocken. Ihr fehlt mir (aber ich vermisse nicht den Soundcheck um acht Uhr morgens, den ihr sicher hattet) und wünschte, ich könnte mit euch zusammen heute Abend einigen Krach machen". Das auf "Arte TV" übertragene Konzert verlief schlussendlich annähernd reibungslos - auch für Kershaw, der nach einundzwanzig Jahren Abwesenheit erstmals wieder hinter der (von Malcolm ausgeliehenen) Schießbude saß. Obschon der Band natürlich eine gewisse Nervosität und Anspannung anzumerken war, hatten OMD bereits bei ihrem Festival-Opener "Enola Gay" das Publikum auf ihrer Seite. "Als Headliner bei der 'Primavera'-Eröffnungsparty vor zwanzigtausend Leuten zu spielen war fantastisch", verriet Stuart auf seinem Weblog. "Obwohl wir die versprochene Generalprobe während des Soundchecks nicht bekamen, weil der Fahrer mit dem Equipment unerlaubt verlustig gegangen war. Wir hatten gerade mal fünf Minuten, um uns mit dem Setup vertraut zu machen und Anpassungen der Monitore und dergleichen vorzunehmen".

Comeback an den Drums: Stuart Kershaw (rechts unten)

Für das in der Regel maximal einstündige Festival-Set stellten OMD ein Destillat ihrer (überwiegend) größten Hits, inklusive einiger bewährter und live-erprobter Songs aus den beiden letzten Alben, zusammen: Enola Gay, Messages, Tesla Girls, Secret, History Of Modern (Part 1), Forever Live And Die, If You Leave,

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Souvenir, Joan Of Arc, Maid Of Orleans, Talking Loud And Clear, Metroland, So In Love, Sister Mary Says, Dreaming, Locomotion, Sailing On The Seven Seas und Electricity - wobei einige Songs je nach Festival wahlweise hinzugenommen oder auch mal weggelassen wurden. Ließen die teilweise via "ProTools" vorproduzierten Tracks in der Regel keinen Raum für Abweichungen und Improvisationen, so überraschte Stuart Kershaw seine Bandkollegen bei "Forever Live And Die" und "Electricity" dennoch gerne mal mit kleinen, aus der starren Routine ausbrechenden Drum Fills. Ganz besonders ihm merkte man deutlich an, das er einfach nur immens viel Spaß auf der Bühne hatte, den er via Facebook oder in seinem Blog auch gerne mit den Fans teilte. Durch Fotos und persönliche Kommentare gab er immer wieder interessante Einblicke hinter die Kulissen des OMD-Betriebes frei, was ihm natürlich seitens der getreuen Fanbase reichlich Sympathiepunkte einbrachte.

Barcelona ("Primavera Sound"-Festival) - von links: Martin Cooper und Stuart Kershaw, Soundcheck und die Pressekonferenz mit Humphreys und McCluskey

Im Anschluss an das darauffolgende "Retro Pop"-Festival im niederländischen Emmen am 13. Juni nutzten Andy und Paul die kleine Verschnaufpause bis zum nächsten Konzert dazu, einer Einladung zur Teilnahme an der "Electronic Sound Magazine" -Party in Norwich/Norfolk zu folgen (traten dort allerdings nicht "live" auf). Neben einem Live-Set von Wolfgang Flür (Ex-"Kraftwerk") hatten die zahlenden Gäste am 20. Juni die Gelegenheit, einer "Q&A"-Runde beizuwohnen, in der Andy und Paul, sowie "Cabaret Voltaire" - Gründer Stephen Mallinder und Wolfgang Flür, Rede und Antwort standen. Was OMD betraf, gab es im Rahmen dieser Veranstaltung eine exklusive Weltpremiere kurzer Abschnitte von Aufnahmen zu bestaunen, die während des "Dazzle Weekends" in Liverpool im November 2014 von den Filmkameras eingefangen worden waren.

Andy McCluskey im Gespräch mit Wolfgang Flür und Stephen Mallinder

Fortgesetzt wurde der kleine Europa-Trip von OMD am 28. Juni mit dem "Parkpop"-Festival in Den Haag/Niederlande, das bei freiem Eintritt und hochsommerlichen Temperaturen rund dreihundertfünfzigtausend Besucher anlockte. Hier setzte sich im Übrigen die Reihe an kleineren Missgeschicken und größeren Problemen fort, die beim ersten Gig in Barcelona mit dem verpassten Soundcheck ihren Anfang genommen hatten - und sich auch weiterhin wie ein roter Faden durch beinahe alle Konzerte ziehen sollten. Diesmal brachen mitten während des Konzertes die Snare-Drum und das Hi-Hat von Stuart zusammen, während Paul das Konzert mit einer komplett aufgerissenen Hose bestreiten musste. Der Stimmung tat dies allerdings keinen Abbruch - OMD begeisterten die Massen in ihrer gewohnt mitreißenden Art und ließen sich nicht von derlei Kleinigkeiten beeindrucken.

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“Retropop“ & “Parkpop“ in den Niederlanden

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Zum "Rock Zottegem"-Festival in Belgien am 11. Juli reicht es an dieser Stelle vollkommen aus, die Kommentare zweier Festival-Besucher wiederzugeben, welche die Stimmung während des Konzertes sehr eindrucksvoll beschreiben: "Es war HEISS!! Das Publikum war ganz offensichtlich gut drauf, trotz der Hitze, die die Band und das Publikum allerdings nicht davon abhielt auszuflippen. Aufgrund eines technischen Problems mit dem Schlagzeug begann das Konzert mit fünfzehn Minuten Verspätung - was bedeutete, dass der Auftritt gekürzt werden musste. Die Resonanz des Publikums auf 'Maid Of Orleans' und 'Electricity' war einfach phänomenal! Andy hatte gegen Ende angekündigt, das sie nun nur noch drei Songs spielen könnten, bevor ihre Spielzeit abgelaufen sei. Aber schon vor 'Electricity', ihrem letzten Song, sah ich einen Mann von der lokalen Crew am Bühnenrand winken, um damit der Band zu signalisieren, nicht mehr damit anzufangen. Die Band kümmerte das nicht und legte trotzdem damit los und es war super!!" Die (auf flämisch) geposteten Kommentare auf der "Rock Zottegem"-Facebookseite übersetzte ein niederländischer Fan und fasste zusammen: "Die Reaktionen sind allesamt wunderbar. Jeder, der einen Post geschrieben hat, berichtet nur Gutes über die Performance. Aber man kann auch herauslesen, das viele von ihnen gar nicht wussten, das die Band immer noch live auftritt und auch nicht, das sie neue Alben veröffentlicht hatte".

"Das Erschreckende an der ganzen Sache mit den Liveauftritten ist, dass es diesen Oktober siebenunddreißig Jahre her sein wird, das wir unser erstes Konzert gegeben haben", erklärte Andy McCluskey in einem Interview für die nun anstehenden "Rewind"-Konzerte. "Es ist beängstigend - ich hätte früher nie geglaubt, dass ich das heute immer noch tun würde. Und um ganz ehrlich zu sein, würde der einundzwanzigjährige Andy McCluskey von damals dem Fünfundfünfzigjährigen von heute entsetzt sagen: 'Du trauriger Mummelgreis, schleich dich von der Bühne!' Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Erstaunliche ist, dass es mittlerweile Synth-Kids in der zweiten und dritten Generation gibt, die uns jetzt behandeln wie die Gottväter der Synthesizer-Musik und die uns erzählen, wie inspirierend und herausfordernd unser letztes Album für sie war", so Andy nicht ohne einen Anflug von Genugtuung. Und schloss mit der Feststellung: "Auf wunderbare Art finden sie unsere Sachen musikalischer als so manches, was andere und vor allem jüngere Bands die letzten fünfzehn Jahre so gemacht haben". Andy McCluskey freute sich auf die bevorstehenden Konzerte - und auch darüber, das OMD in diesem Sommer erstmals in der Geschichte der Festival-Reihe bei allen drei Veranstaltungen als Headliner gesetzt waren. Hinzu kam die Erkenntnis, das solche Nostalgie-Events, samt ihrem nach Hits dürstendem Publikum, zwar leicht als ein Beweis für die kreative und kommerzielle Trägheit der teilnehmenden Künstler gewertet werden kann - sich dieser Vorwurf im Falle von OMD allerdings - mit zwei hochgelobten Alben in den letzten fünf Jahren auf dem Buckel - ganz schnell entkräften ließ.

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Backstage-Impressionen der Festival-Tour 2015

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"Wir sind eine eigenartige Live-Band in dem Sinne, dass wir, ohne eingebildet klingen zu wollen, brillant sind - die Leute aber scheinbar eine mentale Blockade uns gegenüber haben", meinte Andy McCluskey. "Ich weiß nicht, ob es daran liegt, weil wir auf Synthesizern spielen, aber die Menschen neigen dazu zu glauben 'Oh, sie sind ganz in Ordnung, aber wahrscheinlich ein bisschen langweilig auf der Bühne' und es ist ehrlich gesagt wirklich frustrierend für uns. Wir wurden und werden immer noch selten zu Festivals eingeladen und ganz offen gesprochen - es ist lächerlich. Weil jeden, der uns sieht, bläst es letzten Endes weg".

Grüße vom Krankenbett aus - OMD ohne Paul Humphreys beim verregneten “Rewind Scotland“

Somit begab sich die Band auf den Weg nach Schottland zum ersten ihrer drei "Rewind"-Gigs - jedoch ohne Paul Humphreys. Dieser lag zu diesem Zeitpunkt in einem New Yorker Krankenhaus, wo ihm in einer Notoperation ein Gallenstein entfernt wurde. Die Band entschied sich angesichts der Tatsache, dass sie das Festival bereits zwei Jahre zuvor aufgrund von Malcolm's gesundheitlich bedingtem Ausfall abgesagt hatten, die Show ohne Paul zu spielen. Und alles ging gut. Technisch gesehen war im Vorfeld zwar eine Menge an Arbeit nötig, um die Show kurzfristig ohne den zweiten Frontmann auf die Beine zu stellen und Toningenieur Charles "Chicky" Reeves hatte alle Hände voll damit zu tun, Paul's Keyboard-Parts für die Show zu modifizieren - doch am Ende lief alles wie am Schnürchen. Und ein kleines Highlight gab es obendrein noch gratis dazu: Andy sang zum ersten Mal in der Geschichte von OMD Paul's Paradenummer "Souvenir". Ein Fan schickte davon umgehend einen Videoclip an den Bettlägerigen: "Ich lag benebelt vom Morphium in meinem Krankenhausbett und als ich es sah, dachte ich wirklich, ich wäre in eine Art alternatives Universum eingetreten! Ich ziehe meinen Hut vor Andy - dafür, das Ganze durchgezogen zu haben und das er diesen Job so toll gemacht hat. Aber es soll hoffentlich das erste und letzte Mal gewesen sein. Trotzdem... das war doch mal ein netter und einmaliger Genuss für alle, oder etwa nicht?", so Paul.

OMD als Headliner der “Rewind North & South“-Festivals

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Zum "Rewind North"-Festival in Chesire am 9. August war Paul jedenfalls gesundheitlich wieder soweit auf dem Damm, um mit den restlichen Jungs auf der Bühne stehen zu können. Doch auch hier setzte sich die laufende "Pechsträhne" weiter fort: Fünfzehn Minuten vor dem Auftritt verabschiedete sich das Mischpult des Veranstalters und die Band musste auf einen improvisiert eingerichteten Ersatzmixer umsteigen - und das komplette Konzert über auf die sonst üblicherweise eingesetzten Effekte, wie z. B. Hall, notgedrungen verzichten. Wie "trocken" der Sound wohl auch geklungen haben mag - abermals trübte dies keineswegs die Stimmung des Publikums und es trug die Band den verregneten Auftritt hindurch bis zum tollen Finale der Show.

Die Tour-Crew von OMD (von links): hinten: Stuart Kershaw, Martin Cooper, CHRIS CATALYST (Bass & Keyboard Tech), Andy McCluskey, Paul Humphreys, CHARLES “CHICKY“ REEVES (Front of House & Main PA Mix Engineer), SARAH MOIR (Tour Managerin) vorne kniend: JAMES “JIM“ DARE (Drum Tech und ProTools), GAVIN TEMPANY (Monitors)

Mit einem kleinen Gewaltakt starteten OMD schließlich in die letzte Phase ihrer Festival-Tour in kompletter Bandbesetzung - drei Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Tagen und in drei verschiedenen Ländern! Los ging es am 21. August in Österreich, wo OMD auf dem "Frequency"-Festival in St. Pölten auftraten. Tags darauf dann stand das letzte "Rewind"-Konzert in England auf dem Programm ("Rewind South" in HenleyOn-Thames) und am 23. August verabschiedeten sich Andy, Paul, Martin und Stuart im Rahmen des "Brüssel Sommer Festival (BSF)" auf dem "Place des Palais", dem Vorplatz des Königlichen Schlosses im Herzen der belgischen Hauptstadt, von ihrem begeisterten Publikum und - was die Auftritte in Vierer-Besetzung betraf für das restliche Jahr auch voneinander. Mehr als zehntausend entzückte Zuhörer waren gekommen - und diesmal schien auch endlich der Fluch der technischen Probleme gebannt. Die Band lieferte eine ausgezeichnete Performance ab, agierte aktiv mit ihrem Publikum und man zollte sich gegenseitig Respekt und Anerkennung. Als ein Fan zwei Bilder von Louise Brooks im A3-Format in die Höhe hielt, unterbrach Andy die reguläre Setliste und dankte seinem Anhänger, indem er nur für ihn eine Acapella-Version von "Pandora's Box" anstimmte... da lag wahrlich pure Magie und Emotion in der Luft!

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“Brüssel Sommer Festival (BSF)“ auf dem “Place des Palais“, Belgien

Aus Anlass der auch in Großbritannien vorherrschenden Flüchtlingskrise wurde am 19. September unter dem Motto "With Love From Liverpool" in der Liverpooler "Echo Arena" eine Benefizveranstaltung zu Gunsten des "British Red Cross" organisiert, an der neben Lokalgrößen wie "The Farm", John Power und Mitgliedern von "CAST", "Space", "The Icicle Works" und "Sense of Sound" auch OMD in Duo-Formation McCluskey/Humphreys teilnahmen. Durch den Abend führten der Comedian John Bishop und Moderatorin Janice Long von "BBC Radio 2".

OMD spielten insgesamt drei Songs - und "Facebook"-Kommentaren zu Folge rasteten die Besucher regelrecht aus, als Andy und Paul die Bühne betraten - obwohl sie noch nicht mal der Hauptact der Show waren: "Man hätte meinen können, man ist auf einem reinen OMD-Konzert! Bei 'Enola Gay', 'Sailing On The Seven Seas' und 'Electricity' waren alle auf den Beinen und anscheinend sind die Meisten auch nur wegen OMD gekommen, die brillant und vor Energie nur so strotzend ihre Vorstellung gaben ". Dies war wohl auch "The Farm"-Sänger Peter Hooton nicht entgangen, der nach OMD quasi als Headliner an die Reihe kam und lapidar anmerkte: "Wie können wir da mithalten?". Wie auch immer - mit "The Farms" größtem Hit "All Together Now" kamen alle Akteure nochmal gemeinsam auf die Bühne und mit diesem Song hätte der Abend in der Tat kein passenderes Ende finden können. John D. Hodgkinson schrieb in seiner Rezension grundsätzlich nur Gutes über die Charity-Veranstaltung und OMD im Besonderen: "Die 'Eric's'-Generation wurde von OMD vertreten, zurück in ihrer Zwei-MannFormation, so wie sie Ende der 1970er-Jahre begonnen hatten. Sie fingen an mit 'Enola Gay' und es war

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sofort klar, das sie in toller Form waren. Dieser Song besitzt immer noch die Fähigkeit zu schockieren, vor allem, wenn die anti-nukleare Message durch bildhafte Hilfsmittel unmissverständlich ergänzt wird. Andy kündigte an 'wir spielen jetzt einen neuen Song', das Publikum stöhnte hörbar auf, doch er relativierte dies glücklicherweise gleich wieder durch seine Aussage - 'von 1991!'. 'Sailing On The Seven Seas' dopste wie ein Gummiball drauflos - und so auch Andy McCluskey, der sich in lächerlichen Verrenkungen erging, die jeden durchschnittlich tanzbegabten Familienvater wie Fred Astaire erscheinen lassen. 'Electricity' klingt immer noch seiner Zeit voraus - vielleicht war es der beste Song der gesamten Veranstaltung".

“Soundedit“-Festivals in Lodz/Polen

Nachdem Andy und Paul schon im Vorjahr bei ihrem "Night Of The Proms"-Engagement von ihren polnischen Fans enthusiastisch empfangen worden waren, reisten die beiden am 24. Oktober abermals in den ehemaligen Ostblock-Staat, um im Rahmen des dreitägigen "Soundedit"-Festivals in Lodz aufzutreten. Neben Videopremieren von Gruppen wie "K-essence", "Little White Lies" und "Das Moon", sowie zahlreichen Workshops und Vorträgen über die Entwicklung polnischer elektronischer Musik, trat außer OMD und polnischen Künstlern noch Bob Geldof "live" in der "Klub Wytwórnia"-Konzerthalle auf. Auch ohne ein großes Orchester im Rücken schafften es Andy und Paul, die Besucher auf ihre Seite zu ziehen und lieferten in Abwesenheit ihrer Kollegen Martin und Stuart eine mitreißende Retrospektive ihrer größten Hits ab.

Neue Live- CD's & DVD's: “Access All Areas“ und "Dazzle Ships At The Museum Of Liverpool"

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Neben Live-Auftritten gab es ab Herbst des Jahres überdies endlich wieder frohe Botschaft über neue OMDVeröffentlichungen zu verkünden. Zeitgleich am 25. September erschienen zum Einen eine Live-CD + DVD mit sieben Songs eines Konzertes aus dem Jahr 1980 (mit der eigentlich kaum jemand wirklich gerechnet hatte), zum Zweiten die lang erwartete DVD + CD der "Dazzle Ships"-Konzerte im Liverpooler Museum vom November 2014. Sieben Songs eines Konzertes im "Playhouse" in Nottingham vom 28. Juli 1980, ursprünglich aufgenommen für die TV-Sendung "Rockstage" des Senders "ITV", brachte "Edsel Records" im Rahmen ihrer "Access All Areas"-Reihe (Konzerte aus dem "ITV"-Archiv von Kultbands der 70er-, 80er- und 90er-Jahre) heraus: 1) MESSAGES, 2) MYSTEREALITY, 3) BUNKER SOLDIERS, 4) MOTION & HEART, 5) RED FRAME / WHITE LIGHT, 6) ENOLA GAY, 7) ELECTRICITY. Seitens von OMD war man hinsichtlich einer potenziellen Veröffentlichung der Aufnahme schon seit Längerem in Kontakt mit dem Label: "Wir sprachen mit 'Elm Street' schon seit einigen Jahren darüber. Die Aufnahmen sind gut, das Konzert war wundervoll, doch leider gibt es davon nur sehr wenige Songs, sodass man gerade mal auf dreißig Minuten Spieldauer kommen würde", so Andy McCluskey im offiziellen OMDForum. "Dies war ein großes Dilemma für uns und wir haben das aus diesem Grund nicht weiter unterstützt". Verhindern konnte die Band die Veröffentlichung am Ende nicht - was sie auch gar nicht beabsichtigte. Denn insgeheim hoffte man, das sich am Schluss doch noch mehr als nur knapp die Hälfte des Konzertes im "ITV"-Archiv finden ließe - was leider nicht der Fall war. Dem Management von OMD wären ohnehin die Hände gebunden gewesen, denn die Verwertungsrechte der Aufnahmen lagen bei der "Elm Street Media Productions", die diese über einige weitere Stationen innerhalb der "BBC Worldwide Company" schließlich an "Edsel Records" lizenzierte. Ungeachtet der Spieldauer von mageren dreiundzwanzig Minuten, kam der Fan dennoch in den Genuss eines liebevoll gestalteten, sowie bild- und tontechnisch verbesserten Stücks OMD-Geschichte - waren zum Zeitpunkt des Konzertes z. B. "Enola Gay" und "Motion & Heart" noch gar nicht veröffentlicht worden und sind hier praktisch im Demo-Stadium zu hören! Am 5. Februar 2016 wurde die Edition noch um eine limitierte 12" Picture Disc Vinyl LP ergänzt herausgebracht von "Demon Records", das auf Vinyl-Herausgaben spezialisierte Label der "BBC Worldwide Company".

Limitierte 12“ Vinyl Picture Discs: “Access All Areas“ und "Dazzle Ships At The Museum Of Liverpool"

Mit weitaus mehr Spannung erwartet wurde die bereits Ende Mai angekündigte Veröffentlichung der "Dazzle Ships At The Museum Of Liverpool"-Konzerte. Das auf zweitausend Exemplare limitierte Release erschien (nach einigen Verzögerungen) am 25. September und war ausschließlich über "Pledge Music" erhältlich. Es enthielt neben der Audio-CD zusätzlich eine DVD (mit dem vollständigen Konzert, einer Dokumentation über das "Dazzle Weekend", einem Q & A -Interview mit Andy McCluskey und Paul Humphreys, sowie dem Video des bis dahin unveröffentlichten Tracks "Dazzle Ships (Parts I, IV, V & VI)", der als Teil einer Installation im Inneren des Schiffes "Edmund Gardner" während des "Dazzle Weekends" im Liverpooler "Canning"-Trockendock gezeigt worden war. Ergänzend gab es das Livealbum auch als HD Download-Version zu erwerben. CD und DVD befanden sich in einem vierzig Seiten umfassenden Hardcover-Buch, dieses wiederum in einem ausgestanzten Pappschuber - inklusive aller Songtexte, mit exklusiven Fotos des Events, sowie mit Kommentaren von Andy McCluskey, Paul Humphreys und Martin Cooper. Alles in allem ein Werk, dessen

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Anschaffung sein Geld uneingeschränkt wert - und da man es sich auch nur durch Vorbestellung erwerben konnte - entsprechend schnell vergriffen war. Die Trackliste im Einzelnen: DAZZLE SHIPS (PARTS II, III & VII) / ABC AUTO INDUSTRY / SEALAND / MESSAGES / RADIO WAVES / GENETIC ENGINEERING / HISTORY OF MODERN PART 1 / JULIA'S SONG / SHE'S LEAVING / SOUVENIR / MAID OF ORLEANS / 4 NEU / INTERNATIONAL / METROLAND / SISTER MARY SAYS / ENOLA GAY / SAILING ON THE SEVEN SEAS / ELECTRICITY / THE ROMANCE OF THE TELESCOPE. Als exklusiver "Download only"-Bonustrack via "Pledge Music": DAZZLE SHIPS (PARTS I, IV, V & VI). Zu Wege gebracht wurde diese Veröffentlichung faktisch durch die Protektion der Fans, denn zu kaufen gab es das Produkt nur gegen Vorbestellung und Vorauskasse. Wie mittlerweile viele andere Künstler ebenfalls, nutzten OMD zum ersten Mal die Möglichkeiten des sogenannten "Crowdfunding", um das überwiegend auf langjährige Fans zugeschnittene, spezielle DVD/CD-Package relativ verlustfrei finanzieren zu können und dadurch erst realisierbar zu machen. Dafür nahmen sie die Hilfe von "PledgeMusic" in Anspruch. Zum besseren Verständnis: "PledgeMusic" ist eine internationale und auf Musik spezialisierte "Direct-to-Fan"Kommunikationsplattform zur Finanzierung von Alben, Live-DVDs, Musikvideos und Tourneen. Beim "Crowdfunding" von "PledgeMusic" handelt es sich um das sogenannte "reward-based"-Crowdfunding. Der kleinste zu erwerbende Artikel einer jeden Kampagne ist dort der sogenannte "Basis-Pledge". Dieser besteht in der Regel aus einem digitalen Download (im Falle von OMD das Konzert als mp3- oder FLACDownload), sowie dem Zugang zum exklusiven Updatebereich des Künstlers und kostet in der Regel zwischen fünf bis zehn Euro. Die Höhe des Basis-Pledges, also den Preis des kleinsten Artikels, den ein Fan kaufen kann, legt der Künstler selbst fest. Im Gegensatz zu vielen anderen Crowdfunding-Plattformen endet eine Kampagne bei "PledgeMusic" nicht mit dem Erreichen eines gesetzten Funding-Ziels, sondern an einem vorher zwischen "PledgeMusic" und dem Künstler festgesetzten Termin. Fast neunzig Prozent der Kampagnen sollen bislang erfolgreich gewesen sein, dafür erhält das Unternehmen fünfzehn Prozent Provision des erfolgreich generierten Umsatzes , inklusive Paypal und Kreditkartengebühren.

Dementsprechend erklären sich die teilweise recht hohen Preise für die angebotenen Produkte und Artikel im Zuge der OMD-Kampagne rasch von selbst. Jedoch mit Blick auf die ärgerlichen Mängel bei der Veröffentlichung der "Junk Culture"-Deluxe-Edition schien es nunmehr ganz und gar konsequent, die letztendliche Qualität weiterer Releases nicht mehr allein der Plattenfirma zu überlassen, sondern eigenverantwortlich die Kontrolle darüber auszuüben. Mirelle Davies vom OMD-Management formulierte den Grund für die Zusammenarbeit mit "PledgeMusic" so: "OMD haben keine Angst davor, neue Ideen anzunehmen, um in einer zunehmend digitalen Welt bestmögliche physische Formate in guter Qualität herauszubringen. Wir glauben, die 'Museum Of Liverpool'-Show verdient ein 'High-End'-Release und die Fans möchten das bestmögliche Produkt haben. Für uns ist die Zusammenarbeit mit 'Pledge' auch ein Experiment im Hinblick auf das neue Album. Hier haben wir die Kontrolle und Flexibilität, um ein Produkt zu machen, so wie wir und hoffentlich auch die Fans es letzten Endes gerne hätten". Leider funktionierte dies in der Umsetzung auch hier nicht zu hundert Prozent fehlerfrei: Erst verzögerte sich die Fertigung, weil Andy McCluskey sich im Ausland befand und dadurch die Endabnahme nicht absegnen konnte, dann wiederum vermeldete "PledgeMusic", das der Bonustrack "Dazzle Ships (Parts I, IV, V & VI)" nicht mehr auf die Audio-CD passe und man ihn deshalb lediglich als (immerhin kostenlosen) Download

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bereitstellen werde. Der größte Fauxpas allerdings kam erst ans Tageslicht, als die DVD/CD bereits fix und fertig produziert an die Fans ausgeliefert worden war: Einigen Klangexperten unter ihnen fiel nämlich sofort auf, das die Tonspur des Konzertes auf der DVD nicht in Stereo, sondern in Mono daherkam. Andy McCluskey entschuldigte sich daraufhin ganz offiziell bei seinen Fans: "Leider hatten wir ein kleineres Problem bezüglich der Menütitel-Grafiken zu korrigieren. Während der kompletten Neu-Strukturierung, die trotz dieses nur geringfügigen Fehlers nötig war, übersah die dafür verantwortliche Person, die Stereo-PanRegler eines anderen, vorherigen Projektes, das in Mono gemacht wurde, zurückzusetzen. Wir hatten nicht daran gedacht, nach dieser eigentlich unbedeutenden Korrektur der Menütitel nochmals komplett das gesamte Projekt zu überprüfen. Das ist natürlich für alle sehr ärgerlich". "PledgeMusic" und die Band entschlossen sich am Ende dazu, jedem Käufer kostenlos eine neu produzierte DVD in Stereo zuzusenden was Ende Oktober dann auch mustergültig umgesetzt wurde. So hielt der Fan schließlich doch noch ein hochwertiges, unter der Regie von Hambi Haralambous eindrucksvoll gefilmtes "High-End"-Machwerk in seinen Händen, das es sogar bis auf Platz 2 der "UK Music Video Charts" schaffte! Gut zweieinhalb Monate später, am 12. Dezember, gab es schließlich noch einen Nachschlag in Form der "Dazzle Ships At The Museum Of Liverpool" 12" Vinyl (EP) Limited Edition Picture Disc. Begrenzt auf siebenhundertfünfzig Stück, war auch diese ausschließlich über "PledgeMusic" erhältlich und enthielt sechs der sieben Songs aus dem Album "Dazzle Ships", die am 1. und 2. November 2014 im "Museum Of Liverpool" live gespielt worden waren. Zwar wurde "ABC Auto Industry" bei dieser Veröffentlichung unverständlicherweise ausgespart, als besondere Dreingabe jedoch wurde der nur als Download und als Video auf DVD erhältliche Track "Dazzle Ships (Parts I, IV, V & VI)" mit auf die Platte integriert. Obendrein konnten zahlungskräftige Fans noch weitere Artikel ihrer Lieblingsband bei "PledgeMusic" erwerben (und dadurch der Gruppe zu einem kleinen finanziellen Zubrot verhelfen): Angefangen beim "Dazzle Ships"-T-Shirt für 32 €, über von Andy handgeschriebene Setlists (44 €) und Songtexte (53 €), bis hin zu den bei den beiden Museums-Gigs eingesetzten Signalflaggen (278 € das Paar) und die original "Winston"-Tonbandspulen für stolze 664 €.

Bereits am 20. Mai 2013 gab die europäische Raumfahrtorganisation "ESA" bekannt, dass Tim Peake, ein britischer Testpilot und Raumfahrer im Europäischen Astronautenkorps, für einen Langzeitaufenthalt an Bord der Internationalen Raumstation "ISS" nominiert wurde. Dort sollte er als Bordingenieur der Expeditionen 46 und 47 arbeiten. Die erste Reise eines britischen Astronauten zur "ISS" hatte in seinem Heimatland eine wahre Raumfahrt-Euphorie ausgelöst. Der Flug startete mit dem Raumschiff "Sojus TMA19M", mit Juri Malentschenko und Timothy Kopra als weitere Astronauten an Bord, am 15. Dezember 2015. Die Mission trug den Namen "Principia" - nach Isaac Newtons Hauptwerk "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica". Nun stellt sich dem ein oder anderen sicherlich die Frage - was hat dies alles mit OMD zu tun? Bekanntlich sind die beiden Songwriter Paul Humphreys und Andy McCluskey stets von Wissenschaft, Technologie und Verkehr fasziniert und einige ihrer Lieder insbesondere durch Luft- und Raumfahrt inspiriert. So verfolgte die gesamte Band Peakes' Vorbereitungen für seine Mission mit großem Interesse. Umso mehr freuten sie sich darüber, ihn in Kooperation mit der "NASA" und "ESA" in seiner Mission unterstützen zu können und widmeten ihm Anfang Oktober in einer Videobotschaft ihren Song "Electricity". Die Rückkehr von Peake zur Erde sollte im Juni 2016 stattfinden.

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Eingeladen und interviewt von Rüdiger Esch (Fotos rechts) - Andy McCluskey

"Düsseldorf ist die Hauptstadt der elektronischen Musik" - so lautet die Quintessenz des im Oktober 2014 erschienenen Buches "ELECTRI_CITY" von Rüdiger Esch. In dem Buch sprach Andy McCluskey über ein Konzert von "Kraftwerk" in seiner Heimatstadt Liverpool im September 1975 und wie dieses bestimmte Ereignis seine Karriere als Musiker wesentlich beeinflusst hatte. In einem Interview mit Esch, wie Andy ebenfalls Bassist, bezieht er sich ausdrücklich auf Düsseldorf und seine Vorliebe für deren Bands wie "Neu!", "La Düsseldorf" und die Musik von Michael Rother. Vom 29. bis 31.10.15 wurde diese Musiktradition an seinem Herkunftsort lebhaft diskutiert. Der Veranstalter "Düsseldorf Congress Sport & Event" lud hierfür Wissenschaftler, Künstler, Musiker und Kulturschaffende ein, die selbst Teil der Düsseldorfer elektronischen Musikszene sind und waren. Die "ELECTRI_CITY"Konferenz würdigte die globale Bedeutung der Pop-Kulturgeschichte Düsseldorfs in selbsterklärender Art und Weise und baute überwiegend auf dem gleichnamigen Bestseller vom "Suhrkamp"-Verlag auf. Auf der Tagesordnung der dreitägigen Veranstaltung: Vorträge, Diskussionen, Konzerte und DJ-Gigs.

Andy McCluskey - mit einem original Esch-Bass von Rüdiger Esch (links), Besichtigung des “Kling Klang“-Studios von “Kraftwerk“ in Düsseldorf und zusammen mit Hans Lampe (“La Düsseldorf“) und Michael Rother (“Neu!“)

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Viele namhafte internationale Gäste, deren Musik erheblich durch Musikbands aus Düsseldorf beeinflusst wurde, nahmen daran teil: Andy McCluskey (OMD), Peter Hook ("Joy Division", "New Order") und Daniel Miller ("Mute Records"). Neben den britischen Synthie-Pop-Pionieren "Heaven 17" traten "live" der Mitbegründer Michael Rother, sowie Sascha Ring mit seinem Projekt "Apparat" auf. Die "ELECTRI_CITY Conference" bestand aus zwei Teilen: Dem "wissenschaftlichen Symposium" und der "Kulturkonferenz". Andy McCluskey sprach vor zahlreichen interessierten Gästen am letzten Tag der Veranstaltung, befragt vom Autor und Musiker Rüdiger Esch.

John Malkovich & “Fools Garden“

Was neue Songs betraf, gab es aus rein musikalischer Sicht nun schon seit 2013 und dem Album "English Electric" kein Lebenszeichen mehr von OMD. Umso überraschender daher die Mitwirkung von Andy McCluskey und Paul Humphreys an einem Musikprojekt des US-Schauspielers und Filmproduzenten John Malkovich mit dem Titel "LIKE A PUPPET SHOW" zum Ende des Jahres 2015. Andy McCluskey: "Es war faszinierend und kam völlig unerwartet. Für uns war es eine Ehre und eine große Herausforderung zugleich, Johns unverwechselbare Stimme zu nehmen und durch Ausschneiden, Einfügen, Verzerrung, Neuverflechtungen, Nachbearbeitung und Wiederholung eine musikalische Dynamik zu schaffen". Der Name dieses überaus erfrischenden Ausflugs von OMD in experimentelle "Spoken Word" und "Avantgarde/Dark Ambient"-Gefilde: "CRYOCARBON 14C" (mit dem Zusatz: MIXED BY OMD). Angeregt durch die laufende, weltweite Ausstellungstour "Homage To Foto Masters" - in Kooperation mit dem preisgekrönten Fotografen Sandro, rezitiert John Malkovich auf dieser limitierten, am 27. November im Rahmen des "Record Store Day Black Friday" veröffentlichten 12" Double Vinyl Picture Disc aus Platon's "Allegory Of The Cave" - zu deutsch: "Das Höhlengleichnis". Neben OMD hatte er Künstler wie Sean & Yoko Lennon, Dweezil Zappa und Ric Ocasek ("The Cars") dazu eingeladen, für seine Platte abstrakte, musikalische Soundscapes zu seinen Dialogen zu produzieren. Die Originalmusik wurde dabei von Eric Alexandrakis komponiert und vorgegeben. Den Track "Cryocarbon 14C" editierten und remixten Andy McCluskey und Paul Humphreys in Eigenregie, ebenso waren die beiden für die Produktion und die Aufnahme verantwortlich. Weniger neu, dafür aber umso interessanter: Ebenfalls am 27. November meldete sich die deutsche Band "Fools Garden" (ihren größten Hit hatten sie bekanntlich vor zwanzig Jahren mit "Lemon Tree") mit ihrem neuen Konzept-Album "Flasback" zurück. Damit lieferte die Band allerdings kein gewöhnliches StudioAlbum ab, sondern ging im Zusammenhang einer "RTL"-Kooperation ("Formel Eins - Die 90er") und gemeinsam mit "Sony Music" gänzlich neue Wege. Sänger Peter Freudenthaler und Volker Hinkel an der Gitarre, hatten sich rechtzeitig zum zwanzigjährigen Jubiläum ihres größten Hits mit ihren Bandkollegen im Studio eingeschlossen und einige ihrer absoluten Lieblingssongs aus den 1990ern aufgenommen. Dabei coverten sie auf ihre ganz eigene Art große Hits, u.a. von "Depeche Mode", Annie Lennox, den "Backstreet Boys", Bruce Springsteen, "No Doubt", Madonna und - "SAILING ON THE SEVEN SEAS" von OMD. Dem Musikmagazin "Good Times" berichtete Peter Freudenthaler, wie es dazu kam: "Eigentlich eine Nummer, die mir - wenn ich ganz ehrlich bin - gar nicht so gefallen hat. Volker schlug vor, sie komplett anders zu arrangieren, ein bisschen im Stil von 'O Brother, Where Are Thou'. Dementsprechend klingt sie jetzt mit Dobro ein bisschen Country-mäßig".

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OMD nach neun Jahren erneut am Start bei der “Night Of The Proms“-Deutschlandtour

Stellte Andy McCluskey zu Anfang des Jahres noch klar, 2015 nicht in Deutschland auftreten zu wollen, desto überraschender kam die Ankündigung, das OMD nach 2006 ein weiteres Mal die "Night Of The Proms"-Tour begleiten würden - die Konzertreihe, bei der klassische Musik mit Popmusik zusammentrifft und die für Andy und Paul neun Jahre zuvor der eigentliche Startschuss zum Live-Comeback darstellte. Gewissermaßen auf den letzten Drücker wurden OMD, sowie die norwegische Sängerin Maria Mena, für diese zweiundzwanzigste deutsche Auflage der Festivaltournee bestätigt. Bis zu diesem Zeitpunkt standen die anderen Teilnehmer bereits fest: Die "Beach Boys" (ohne Brian Wilson), der deutsche Senkrechtstarter Johannes Oerding, Tenor Fernando Varela - und natürlich John Miles, der mit seiner Rockhymne "Music" nach wie vor fester Bestandteil der Show ist. Durch ihre größten Hits begleitet wurden die Akteure wie gewohnt vom Sinfonieorchester "Il Novecento", sowie dem Chor "Scala & Kolacny Brothers". So machten sich Humphreys und McCluskey also auf zur großen Deutschlandtour, bei der (nach dem Eröffnungskonzert am 30.11. in Luxemburg) nicht weniger als siebzehn Termine anstanden: 01. & 2.12. Frankfurt, 03.12. Hannover, 04. & 5.12. Hamburg, 06.12. Bremen, 08.12. Berlin, 09.12. Erfurt, 11., 12, & 13.12. München, 15.12. Stuttgart, 16.12. Mannheim, 17.12. Dortmund, 18. & 19.12. Köln und 20.12. Oberhausen.

Wie schon fast eine Dekade zuvor, präsentierten Andy McCluskey und Paul Humphreys ihre beiden Hits "Maid Of Orleans" und "Sailing On The Seven Seas", sowie ein brandneues Medley - zusammengesetzt aus den Songs "Talking Loud And Clear", "Forever Live And Die" und "Walking On The Milky Way".

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Für den "Allgemeinen Anzeiger" interviewte Axel Heyder im Vorfeld der "Proms"-Reihe Andy McCluskey und stellte ihm spezifische Fragen zur anstehenden "Klassik meets Pop"-Veranstaltung. Hier einige informative Auszüge daraus: Vor neun Jahren kehrten OMD quasi mit der "Night of The Proms" auf die Bühnen zurück, wie war das damals? Andy: "Wir hatten siebzehn Jahre nicht gespielt, ich selbst seit siebzehn Jahren nicht mehr live gesungen. Bis dahin hieß es: OMD, das ist ein Ding aus der Vergangenheit. Dann kam die Anfrage der 'Night of The Proms'. Das passte sehr gut, war eine sanfte Möglichkeit zur Rückkehr. Denn meine Stimme klang nach all den Jahren nicht mehr gut. Und es wurde noch schlimmer, als diese Tour anstand. Das war ein rein psychologisches Problem. Ich hatte schlichtweg auch Angst davor, sie wieder einzusetzen. Mit der Tour verging das und ich wurde sicherer. Auch hat es die Freundschaft zwischen Paul und mir vertieft. Wir hatten nur fünfzehn Minuten auf der Bühne, auch das war gut für den Einstieg. Danach ging es weiter: Die Alben 'History Of Modern' 2010 und 'English Electric' 2013, die gute Resonanz fanden und auch mit Konzerten. Bei dieser Art von Tour lernst du neue Künstler kennen, aktuell bin ich ganz beeindruckt von Maria Mena. Und beim letzten Mal durfte ich mit Musikern aus meiner Jugendzeit auf einer Bühne stehen. Man könnte sagen, Mike Oldfield hat mit 'Tubular Bells' damals den Soundtrack meiner Jugend geschrieben. Plötzlich stehst du in der Halle, hast deinen Auftritt beendet und kannst dir in Ruhe anschauen, was er macht. Normalerweise bist Du unterwegs, spielst als Künstler eine ganze Show, selbst auf Festivals kann man nicht so gut ins Gespräch kommen, wie bei dieser Geschichte".

Sie haben einen ganz eigen Stil entwickelt, auf der Bühne zu tanzen, wie kam es dazu? Andy: "Wenn ich auf der Bühne tanze, insofern man das so nennen kann, es ist eher ein Antitanz und ich nenne es selbst die 'epileptische Windmühle' (lacht) - dann lasse ich los, vergesse alles um mich herum. Mit der Bewegung versetze ich mich in eine Art Trance würde ich sagen, um das, was ich sagen will, bestmöglich rüber zu bringen. Ich würde mich nie in einer Disko so bewegen oder wenn ich mit meiner Freundin in der Küche stehe, ich kann es mir auf Videos auch selbst nicht anschauen. Aber auf der Bühne schließe ich die Augen und lass es geschehen. Es fing damit an, dass in den 80er-Jahren die Synthiemusik den Ruf hatte, etwas unterkühlt und technisch zu sein. Kein Leben in sich zu haben. Ich wollte zeigen, dass man sich dazu bewegen kann und der Musik zugleich das Sterile nehmen. Ich gebe alles dabei und bin dann ausgepowert, wenn ich von der Bühne gehe. Und das fühlt sich gut an". Auch die "Südwestpresse" hatte Fragen und Andy McCluskey gab seiner Interviewpartnerin Claudia Reicherter bereitwillig Auskunft: "Die Melodien wirken vielleicht gefühlvoller durch den Kontrast zwischen Mensch und Maschine. Mit einem Orchester und einem Chor unsere einfachen, minimalistischen elektronischen Songs an diese leicht verrückte 'Night Of The Proms' anzupassen, ist natürlich etwas komplett anderes. Insofern passt das dann gerade zu uns", so Andy.

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Andy und Paul auf der Bühne mit den “Beach Boys“ und zusammen mit “Strandjunge“ Bruce Johnston

Weiter gab Andy seine ganz persönlichen Eindrücke auf der Bühne zu Protokoll: "Wenn wir mit OMD ein Konzert geben, tun wir das vor zweitausend Leuten oder so. Bei der 'Night Of The Proms' spielen wir in riesigen Arenen vor fünfzehntausend Menschen. Das ist, als reitest du auf einer gewaltigen Flutwelle. Aber der Klang ist viel weicher und organischer, als wir es gewohnt sind. Es ist unbeschreiblich, als Sänger dort im Fokus zwischen tausenden Zuschauern und hundert Orchestermusikern zu stehen. Durch mich fließt die Energie beider Gruppen, das ist ein tolles Gefühl". Auf die Frage, wie lange alle für die Auftritte proben mussten: "Das Tolle an diesem Chor, dem Orchester und auch der Band, die sie dabeihaben, ist, dass das solche Profis sind. Nach zwei Mal proben haben sie es drauf. Verglichen mit denen sind wir schreckliche Musiker. Wir brauchen Tage, wenn nicht Wochen, bis wir uns die Noten eingeprägt haben".

Glühwein und Bratwurst: Paul und Andy unterwegs auf deutschen Weihnachtsmärkten

Den Schlusspunkt des Jahres 2015 setzten OMD, bzw. Andy McCluskey und Paul Humphreys mit ihrer Teilnahme an einer großangelegten Neujahrs-Show unter freiem Himmel in Polen. Alljährlich finden zum Jahresende hin in den meisten Städten in Polen große Musik-Shows statt - so organisierte die Stadt Breslau (Wrocław) ein insgesamt sechsstündiges Event mit polnischen Künstlern, sowie international bekannten Stars wie der Band "The Stranglers" und der Sängerin Kate Ryan. Übertragen wurde die komplette Show "live" vom Sender "TVP2". OMD starteten als Headliner des Abends auf der riesigen Bühne und mit eindrucksvoller Lightshow noch im alten Jahr (bei eisigen Minus zwölf Grad!) mit "Enola Gay" und "So In Love", bevor man das Set nach Begrüßung des neuen Jahres 2016 nach Mitternacht mit "Sailing On The Seven Seas", "Secret", "If You Leave" und "Maid Of Orleans" fortsetzte.

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OMD am 31.12.15 / 01.01.16 “live“ in Breslau/Polen. Rechts unten: Frostiger Soundcheck bei Minusgraden

2016 Zehn Jahre nach dem offiziellen Comeback von OMD und drei Jahre nach ihrem letzten Studio-Album, steht den Fans, als auch der Band, allen Anzeichen nach ein hochspannendes Jahr bevor. Schon Anfang Januar 2015 brachte Andy McCluskey auf der offiziellen OMD-Website vorab die folgende Neuigkeit unter die entzückte Anhängerschaft: "Das Schreiben am neuen Album hat ernsthaft begonnen und es gibt bereits zwei Songtitel daraus: 'Evolution Of Species' und 'The Punishment Of Luxury'". Im dortigen Forum erwähnte er bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen "Lovesong" mit dem Titel "Can You See Me Falling".

OMD-Intimus Neil Taylor plauderte in "Facebook" ein paar weitere, spärliche Informationen aus: "Es wird noch eine Weile dauern, bis irgendetwas veröffentlicht wird. Ich habe einige neue Tracks gehört - und so weit waren alle gut. Einer mit einem Hauch von 'English Electric' und insgesamt ein progressiver Sound".

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Im Dezember nannte McCluskey den September 2016 als voraussichtlichen Veröffentlichungstermin für ihr drittes neues Album seit ihrer Rückkehr in Originalbesetzung. Paul Humphreys erwähnte in einem Interview mit "Radio Soho" am 6. Januar 2016, das bereits die Hälfte des Albums fertig wäre. Andy antwortete im offiziellen OMD-Forum auf die Frage, ob Malcolm darauf trommeln würde: "Nein, nur Stuart. Aber wir trafen uns mit Malcolm, als wir in Deutschland im Dezember unterwegs waren und es geht ihm wirklich gut“.

Am 9. Mai 2016 dann wird das erste große Highlight des Jahres stattfinden: OMD spielen in einem "einmaligen One-Off-Konzert"* ihre Album-Klassiker "Dazzle Ships" und "Architecture & Morality" in voller Länge - und zwar in der altehrwürdigen "Royal Albert Hall" in London! "Die Show - mit einem besonderen Bühnenbild und Projektionen, wird eine einmalige Angelegenheit bleiben, währenddessen wir am neuen Album arbeiten. Wir sind begeistert, endlich mal in der legendären Albert Hall zu spielen und wir haben hart daran gearbeitet, um sicherzustellen, dass es wirklich eine unvergessliche Show werden wird", so Andy McCluskey. Der Kartenvorkauf für dieses außergewöhnliche Konzert inkl. Lasershow startete am 4. Dezember 2015 - und war bereits nach drei Tagen restlos ausverkauft. [*) Anfang Februar rückte die Band überraschend von ihrem ursprünglich gegebenen Versprechen ab und gab "aufgrund der großen Ticket-Nachfrage für das London-Konzert" drei weitere Termine in Deutschland bekannt: Am 11. Mai in Berlin (Friedrichstadtpalast), am 13. Mai in Hamburg (Mehr! Theater) und am 15. Mai in Frankfurt/Main (Alte Oper).]

Darüber hinaus wirkte Andy McCluskey erneut an einem Filmsoundtrack mit. Gegenüber Axel Heyder vom "Allgemeinen Anzeiger" äußerte er sich schon im Dezember 2015 vorab über die von "Take That"-Sänger Gary Barlow produzierte Filmmusik - derweil zum damaligen Zeitpunkt eigentlich OMD dafür im Gespräch waren, einen Song dazu beizusteuern: "Gary Barlow wurde mit der Gesamtmusikproduktion zu einen Film über das Leben von 'Eddie The Eagle' beauftragt. Ein Skispringer, der die Inkarnation des olympischen Gedankens war. Wie ich bisher gesehen habe, eine wahrhaft skurrile Geschichte. Gary Barlows Idee war es nicht, Songs der Bands seiner Zeit aus den 80ern für den Film zusammenzustellen, sondern diese Bands zu

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fragen, ob sie einen neuen Song produzieren könnten. Aber im Sound der jeweiligen Zeit. Eine sehr reizvolle Idee, wie ich finde. Wir haben zwei Titel dafür geschrieben. Aber das Filmgeschäft ist noch unberechenbarer und schnelllebiger als das Musikgeschäft. In letzter Sekunde kann sich dort nochmal alles ändern, ganz anders werden. Deswegen freue ich mich erst richtig, wenn der Streifen in den Kinos läuft und ich es im Abspann lesen kann, dass wir dabei sind. Die Tatsache, dass Hugh Jackman, der einen merkwürdigen Trainer Namens Bronson Peary in dem Streifen spielt, ihm ein wenig Hollywood-Glanz verleiht, zudem den Titeltrack singen soll, macht die Sache noch verrückter". McCluskey hatte im Endeffekt den richtigen Riecher - denn OMD selbst wurden von Barlow schlussendlich nicht für den Soundtrack berücksichtigt. Stattdessen steuerte Andy die Musik, Barlow den Text zur gemeinsam komponierten Nummer "Thrill Me" bei, die zwar nicht von McCluskey, dafür aber von den Hauptdarstellern Hugh Jackman und Taron Egerton im Duett gesungen wurde. Erscheinen sollte die "ultimative 80s Hommage", auf der Tony Hadley ("Spandau Ballet"), Marc Almond, Holly Johnson ("Frankie Goes To Hollywood"), Paul Young, Kim Wilde, Andy Bell ("Erasure"), Midge Ure, Nik Kershaw, "ABC", "Go West", Howard Jones und "Heaven 17" vertreten sind, am 18. März 2016, der Kinostart des Films genannt "Eddie The Eagle" wurde für den 1. April terminiert.

"Eddie The Eagle"Soundtrack und die darauf mitwirkenden 80s-Pop-Ikonen, rechts: die Hauptdarsteller Egerton und Jackman

Anfang Januar plauderte Humphreys, der mittlerweile innerhalb von London umgezogen ist, nun im Stadtteil Shepherd's Bush wohnt und dort sein neues Studio eingerichtet hat, in einem Radiointerview wohl eher unabsichtlich aus, das OMD ab Juni 2016 in kompletter Bandbesetzung eine Achtunddreißig Tage-Tour durch Amerika unternehmen würden. Kurz darauf wurde dies offiziell bestätigt: Vom 3. Juni bis 24. Juli bereisen OMD als Support der kanadischen Rock- und Klamaukgruppe "Barnaked Ladies" (bekannt durch ihren Titelsong für die Sitcom "The Big Bang Theory") weite Teile der USA und spielen u. a. im New Yorker "Central Park", in Nashville, Los Angeles und Las Vegas. Außerdem mit dabei: Howard Jones (der bekanntlich 1983 seine Karriere als Support für OMD startete). McCluskey wiederum erwähnte in einem Interview, das für Oktober und November erneut eine große Europa-Tournee in Planung wäre. An den Drums wird die Band weiterhin von Stuart Kershaw begleitet. Eine mögliche Rückkehr von Malcolm Holmes bleibt somit nach wie vor unklar.

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Konkrete Anhaltspunkte für einen abschließend letzten Teil der Bandgeschichte von OMD sind nach wie vor nicht auszumachen - somit werden sich dieser Biografie in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach noch einige weitere, spannungsreiche Kapitel anfügen. Und mit etwas Glück wird man 2018 vielleicht sogar ein Jubiläum der ganz besonderen Art erleben und hoffentlich auch bei Livekonzerten mitfeiern dürfen:

VIERZIG JAHRE "ORCHESTRALE MANÖVER IM DUNKELN" !

- WIRD FORTGESETZT -

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SCHLUSSBEMERKUNG Eine subjektive Betrachtung zur Zukunft von OMD

Der ganz große Wurf wird der Band aller Wahrscheinlichkeit nach wohl nicht mehr gelingen - den Zenit an Popularität hatte man bereits spätestens 1991 erreicht. Auch werden OMD innerhalb des Synthpop-Genres kaum einen ähnlichen Kultstatus erlangen wie vergleichbare Bands ihrer Zeit - genannt sei an dieser Stelle etwa "Depeche Mode", die sowohl bei ihrer zahlenmäßig weitaus größeren, weltweiten Fanbase, als auch bei den Kritikern, anhaltenden Erfolg und Zuspruch genießen dürfen. Auch wenn McCluskey und Humphreys seit einigen Jahren nicht müde darin werden, einen (vermeintlichen) Kultstatus von OMD herbei zu postulieren - ihre über Dekaden offengelegte, musikalische Unbeständigkeit, als auch ihre stetige Richtungslosigkeit was ihr Image betrifft, wird ihnen wahrscheinlich auf lange Sicht gesehen auch weiterhin den Zugang in den Pop-Olymp verwehren - bedauerlicherweise. Allerdings befindet sich die gegenwärtige Musiklandschaft schon seit Jahren in einem permanenten Wandel - Erfolg ist kaum mehr allein von Platten-, bzw. CD-Verkäufen abhängig. In Zeiten von Internetdownloads, Smartphones und individuell zusammengestellten Playlists ist das Business unberechenbar geworden und jederzeit für Überraschungen gut. Das Bands aus den 1980er-Jahren noch immer ihr Publikum und ihre Existenzberechtigung haben, bewiesen in den letzten Jahren, aufgrund ihrer regelmäßig ausverkauften Konzerte, nicht nur OMD. Anders als so manch andere Künstler aus dieser Dekade, die lediglich Aufnahmen ihrer alten Hits in neuem Gewand herausbringen und bei ihren Konzerten - in latenter Nostalgie schwelgend - längst vergangenen Zeiten nachtrauern, wagten OMD den mutigen Schritt, neue, über weite Strecken wirklich innovative Musik aufzunehmen und diese auch "live" zu präsentieren. Ebenso wie einige wenige vergleichbare Acts, wie z. B. "Duran Duran", entwickeln sie sich immer noch weiter - und ihnen stehen grundsätzlich zwar nicht mehr alle, aber dennoch viele Türen des Musikgeschäfts nach wie vor weit offen. Mit OMD wird es definitiv weitergehen - Andy und Paul schreiben bereits an Songs für ein neues Album, das spätestens 2016 erscheinen soll. Ob dies dann der finale Schlusspunkt einer der langlebigsten Synthpop-Bands der späten 1970erJahre markieren wird, kann aus heutiger Sicht noch nicht beantwortet werden - ist aber nicht kategorisch auszuschließen. Ob es weitere Tourneen gibt, hängt nicht nur allein von Malcolm Holmes' Gesundheitszustand ab denn auch Paul, Andy und Martin, für die schon die letzten Tourneen eine Strapaze waren, gehen langsam, aber unaufhaltsam auf ihr sechstes Lebensjahrzehnt zu. Betrachten wir die Angelegenheit abschließend doch mal ganz nüchtern und rein sachlich: Alles, was seit 2006 von OMD nachgereicht wurde und was zukünftig vielleicht noch an musikalischen Überraschungen (gute wie schlechte) kommen mag, war und ist fortwirkend nichts anderes als ein - ohne Frage erfreulicher - zusätzlicher Bonus zur 1998 eigentlich als erledigt betrachteten Bandgeschichte. Denn Hand aufs Herz - wer hätte mit einem Comeback damals wirklich noch gerechnet? Freuen wir uns einfach auf weitere, aktive Jahre zusammen mit unserer Lieblingsband - denn nicht jeder Anhänger einer Gruppe aus den 1970er-Jahren hat noch das Glück, dieses Privileg genießen zu dürfen.

germanmanoeuvres, im Februar 2016

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Weitere Verรถffentlichungen von

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56 Seiten

109 Seiten

mit zahlreichen Abbildungen

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Die unautorisierte OMD Biografie (deutsch) 1974-2016  

Die umfangreichste Biografie über die britische Synthpop-Band ORCHESTRAL MANOEUVRES IN THE DARK (OMD), die bislang veröffentlicht wurde

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