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Dieser umgelagerte allochthone Torf erreicht hier eine Mächtigkeit, die das autochthone Interglazial u m ein Mehrfaches übertrifft. Ich bin mir damals über die Entstehung dieser Bildungen nicht im klaren gewesen. Es handelt sich hier ebenfalls u m eine arktische Zerstörung w ä r m e - und nachwärmezeitlicher M o o r e , w o h l verbunden mit Palsenbildungen, w i e ich sie nun im Hils nachweisen kann. W e n n diese Zerstörung, die mit der Bildung v o n Torfhügeln o d e r Palsen v e r ­ b u n d e n ist; tiefere Schichten in einem späteren Stadium ergreift, so w i r d im Sediment durch Auftreten v o n umgelagerten wärmezeitlichen und n a c h w ä r m e zeitlichen Pollen, auch v o n Samen w i e Brasenia u. a., ein zweites W ä r m e m a x i m u m vorgetäuscht. P. W O L D S T E D T (1949) hat darauf schon hingewiesen. Für das Interglazial v o n Wallensen im Hils dürfte der B e w e i s für diese Erscheinung er­ bracht w o r d e n sein. Heute erleben w i r in der Arktis nur den A b b a u der in der postglazialen Wärmezeit entstandenen geringmächtigen M o o r e mit der Bildung v o n 5 und m e h r Meter hohen Torfhügeln o d e r Palsen, w i e im zentralen L a p p ­ land. A m Ende eines Interglazials m u ß dieses Phänomen v o n ganz wesentlich größerem A u s m a ß e gewesen sein, da hier die arktische Umlagerung mächtige Torflager erfaßte. Diese Umlagerung dürfte z. T. in F o r m v o n M u l l w e h e n statt­ gefunden haben. Literaturverzeichnis 1. IVERSEN, I.: Sekundäre Pollen als Fehlerquelle. Verh. III. Int. Quartär. Konf. Wien (1936) S. 225. 1938. 2. JESSEN, K. und M I L T H E R S , V.: Stratigraphical and paleontological studies of interglacial fresh water deposits in Jutland and Northwest Germany. — Danm. Geol. Unders. II. 48. 1928. 3. M E N Z E L , H.: Beiträge zur Kenntnis der Quartärbildungen im südl. Hannover. Die Interglazialschichten von Wallensen in der Hilsmulde. —• Jahrb. d. Pr. Geol. Landesanstalt. 24. 1903. 4. O R V I K U , K.: Mitteilungen über das Interglazial von Ringen-Röngu (estnisch). — Esti Loodus. Nr. 1. Dorpat-Tartu. 1939. 5. T H O M S O N , P. W . : Die K l i m a - und Waldentwicklung des von K. O R V I K U ent­ deckten Interglazials von Ringen beim Dorpat. — Z . deutsch, geol. Ges. 93. 1941. 6. — Beitrag zur Mikropaläontologie und Waldgeschichte des Neogens von N i e ­ dersachsen und Schleswig-Holstein. — N. Jahrb. f. Min. etc. Monatshefte. Abt. B. 1949. 1948. 7. W O L D S T E D T , P.: Über die stratigraphische Stellung einiger wichtiger Interglazialvorkommen im Randgebiet der nordeuropäischen Vergletscherung. — Z . deutsch, geol. Ges. 99. 1949. Manuskr. eingegangen Ende 1947.

Uber den heutigen Stand der Pollenuntersuchungen als Hilfsmittel der Quartärforschung V o n F. F i r b a s, Göttingen Die Bedeutung der Pollenuntersuchungen für die Quartärforschung beruht im wesentlichen auf drei Umständen: Sie sind zunächst der zur Zeit wichtigste W e g für die Rekonstruktion der vergangenen Vegetation, die für den Botaniker der Gegenstand seiner B e m ü h u n g e n ist, für andere Wissenschaften aber ein wichtiges Stück der Landschaft, z. B. ein Stück der U m w e l t des urgeschichtlichen Menschen. Die weitgehende A b h ä n g i g k e i t der Pflanzendecke v o m K l i m a bringt es weiter mit sich, daß j e d e vegetationsgeschichtliche Untersuchung eine klima-


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geschichtliche A u s w e r t u n g nahe legt. Und schließlich hat sich die pleistozäne u n d holozäne Vegetationsentwicklung als s o reich gegliedert herausgestellt, daß die Z u o r d n u n g irgendwelcher Funde zu ihren einzelnen Abschnitten eine relative Altersbestimmung ermöglicht, die v o r allem dort nützlich w e r d e n kann, w o an­ dere Datierungswege versagen. D e r folgende Bericht, der keinerlei Vollständig­ keit erstrebt u n d erstreben kann u n d sich im wesentlichen auf die europäische Spät- und Nacheiszeit beschränken muß, ist nach diesen drei Gesichtspunkten gegliedert. In der R e k o n s t r u k t i o n d e r V e g e t a t i o n stand lange Zeit i m V o r ­ dergrund die spät- und postglaziale Geschichte der W ä l d e r im extramediterranen Europa. Da es sich hierbei nur u m die Erfassung w e n i g e r Gattungen mit meist sehr gut kenntlichem u n d sicher bestimmbarem Pollen handelt, waren in v e r ­ hältnismäßig kurzer Zeit bedeutende Erfolge möglich. S o stehen uns heute in Mitteleuropa Pollendiagramme aus weit über 1000 Seen und M o o r e n zur V e r ­ fügung, deren Ergebnisse sich statistisch verarbeiten u n d kartographisch (als „Pollenniederschlagskarten") darstellen lassen. Sie vermitteln ein z. T. schon sehr eingehendes Bild v o n der Zusammensetzung u n d Gliederung der W ä l d e r w ä h r e n d der einzelnen größeren Abschnitte der Spät- u n d Nacheiszeit, v o n denen sich e t w a 10 recht gut abgrenzen lassen (1). W ä h r e n d der letzten Jahre sind außer in N o r d - u n d Mitteleuropa besonders auf d e n britischen Inseln er­ folgreiche waldgeschichtliche Arbeiten durchgeführt w o r d e n (2), u n d daneben erfahren w i r n u n m e h r auch Näheres ü b e r die Waldgeschichte Frankreichs, dem dank seiner geographischen L a g e für das Verständnis der nacheiszeitlichen V e g e ­ tationsentwicklung eine besondere Schlüsselstellung zukommt, das a b e r bisher in dieser Beziehung noch sehr w e n i g erschlossen war. D i e wichtigste Frage, die m a n hier stellen möchte — nämlich nach dem Verlauf u n d der Zusammensetzung der glazialen Waldgrenze —• läßt sich allerdings vorläufig i m m e r noch nicht b e ­ antworten (3). Ü b e r die in Rußland erzielten neueren Fortschritte ist Verf. leider noch kaum unterrichtet. W i r stehen aber heute in einer Periode eines systematischen A u s b a u s der Pollenuntersuchungen, der weit ü b e r ihre A n w e n d u n g in der jüngeren W a l d ­ geschichte hinausgeht u n d die Erfassung des Gesamtpollengehalts der A b l a g e ­ rungen z u m Ziel hat. Dieser A u s b a u vollzieht sich auf drei W e g e n : Erstens in der zunehmenden A n w e n d u n g v o n Pollenuntersuchungen im V o r pleistozän, besonders im Tertiär. Darüber ist hier nicht zu berichten (4). Z w e i t e n s in der zunehmenden A n w e n d u n g d e r Pollenanalyse in anderen Florengebieten. Neben einer großen Zahl v o n Untersuchungen der nacheiszeit­ lichen Vegetationsentwicklung in den Vereinigten Staaten u n d in Kanada v e r ­ fügen w i r z. B. ü b e r solche aus Feuerland und Neuseeland und neuerdings vor allem über umfassend begründete Pollenuntersuchungen an den G e b i r g s m o o r e n der Regenwaldstufe der Hawaiischen Inseln. Doch kann auch darauf hier nicht näher eingegangen w e r d e n (5). Drittens handelt es sich im glazialen und postglazialen Mitteleuropa u m den A u s b a u der Bestimmung der sogenannten Nichtbaumpollen, worunter m a n alle Pollenkörner außer den bekannten Gehölzpollen versteht. D i e Nichtbaumpollen haben zunächst Beachtung gefunden, weil sich aus ihrem Mengenverhältnis zu den B a u m p o l l e n Schlüsse auf den Grad der Waldbedeckung einer Landschaft ziehen lassen. A u f diese Weise w u r d e es möglich, in den Pollendiagrammen den Zeitpunkt der ersten W i e d e r b e w a l d u n g zu erfassen und w a l d l o s e Glazial- u n d Spätglazialfloren aufzufinden, die sich bisher d e m Nachweis entzogen hatten, z. B. auch solche in den heute wärmsten Landstrichen des innerböhmischen E l b -


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tals. A u f Grund dieser Untersuchungen wissen w i r heute mit Sicherheit, daß Mitteleuropa zwischen den A l p e n und dem nordischen Inlandeis während der letzten Eiszeit so gut w i e vollständig w a l d l o s gewesen sein m u ß (6). A b e r schon 1931 versuchten O V E R B E C K und S C H M I T Z durch eine quali­ tative A n a l y s e der Nichtbaumpollen auch die Geschichte anderer Pflanzenge­ sellschaften aufzudecken, nämlich der nordwestdeutschen Zwergstrauchheiden und der die Küste begleitenden Halophytengesellschaften. Einige Jahre später gelang der pollenanalytische Nachweis des Getreidebaus, und durch diesen u n d die Bestimmung des Pollens einiger den Menschen begleitender Unkräuter, v o r allem der Wegerich-(Plantago-J Arten, spiegelt sich heute auch die Geschichte der menschlichen Siedlungen, so weit sie mit Ackerbau verbunden waren, in den Pollendiagrammen w i d e r (7). Das hat in Landschaften, die erst in bekannter, historischer Zeit besiedelt w o r d e n sind, Bedeutung für die Datierung der D i a ­ gramme. Es gestattet weiter, die Veränderungen der Vegetation unter d e m Ein­ fluß der Besiedlung zu verfolgen und ist schließlich auch v e r w e n d b a r für die Klärung der älteren Siedlungsgeschichte selbst. So ließ sich erstmals im Untereichsfeld, später im Federseegebiet eine mehrfache Diskontinuität der mit A c k e r ­ bau verbundenen Besiedlung nachweisen (8). Heute wendet sich nun das Interesse bei der Untersuchung der Nichtbaum­ pollen v o r allem der näheren Bestimmung der Glazialvegetation zu, besonders d e m Anteil, den „ T u n d r a " und „ S t e p p e " an ihr nahmen. Seit A . N E H R I N G ' s berühmten Untersuchungen (1875 ff.) kennt man allgemein d i e S t e p p e n k o m p o ­ nente der glazialen Fauna, schon v o r h e r w a r aus den zerstückelten Verbreitungs­ gebieten v o n Steppenpflanzen auf eine frühere Steppenzeit geschlossen w o r d e n . Das V o r k o m m e n v o n Steppenpflanzenkolonien in den Zentralalpentälern lehrte, daß wenigstens ein Abschnitt dieser Steppenzeit postglazial (i. w . S.) sein m u ß . A b e r in m e r k w ü r d i g e m Gegensatz zur Fauna blieb d e r paläontologische Nach­ w e i s glazialer Steppenpflanzen auffällig bescheiden, w e n n auch F u n d e w i e jene v o n Crambe tataria bei Przemysl und neuerdings v o n Alyssum saxatile (Arduini) bei T a r n o w , also in galizischen Glazialfloren, v o n besonderem Interesse sind (9). Nun haben aber I V E R S E N und W E L T E N fast gleichzeitig zeigen können, daß Helianthemum cf. alpestre, eine Leitart trockener subalpiner Matten, an der w a l d ­ losen Vegetation des älteren Spätglazials einen besonders h o h e n Anteil hatte, und ein noch viel besserer Zeiger für eine Trockenheit fordernde u n d in diesem Fall w o h l steppenähnliche Vegetation ist das reichliche V o r k o m m e n des lange Zeit mit Salix verwechselten Artemisia-Pollens, der z. B. am Bodensee bis 1 9 % des Gesamtpollens ausmachen kann (10). Allerdings k o m m t Artemisia campestris ssp. borealis auch in der arktischen Tundra vor. A b e r nach den bisherigen A n a l y ­ sen, die aus dem Verbreitungsgebiet der A. borealis stammen, ist die Häufigkeit des Artemisio-Pollens dort verschwindend gering (unter 1%) und mit d e r gla­ zialen, b z w . spätglazialen in Mitteleuropa nicht zu vergleichen (11). S o dürfen w i r erwarten, daß sich unser Bild v o n der eiszeitlichen Pflanzendecke im Laufe der nächsten Jahre wesentlich bereichern w i r d . D e r d e m Gebiet Fernstehende mag sich freilich wundern, d a ß der pollen­ analytische Nachweis vegetationsgeschichtlich so wichtiger Pflanzen erst so spät und nur schrittweise gelingt. D i e Ursache hierfür liegt darin, daß die M o r p h o ­ logie u n d Systematik der P o l l e n - und Sporenformen ein sehr schwieriges Gebiet ist, das lange Zeit nicht d i e genügende Beachtung fand. Immer noch fehlt uns eine vollständige und kritische europäische Pollenflora. Sie kann n u r auf G r u n d sorgfältiger Monographien im Laufe der Zeit ausgebaut werden; übereilte „ B e ­ stimmungsbücher" sind wertlos. Doch belebt sich das Interesse an der Pollen-


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Systematik zusehends, nicht zuletzt dank der unermüdlichen Tätigkeit G. E. E R D M A N ' s (12). Schweden hat v o r kurzem in B r o m m a (Stockholm) auch ein eigenes Institut für Pollenforschung (Palynologie) gegründet. A u ß e r d e m w i r d v o n I V E R SEN, T R O E L S - S M I T H , F A E G R I ü. a. in Dänemark und N o r w e g e n auf diesem Gebiet intensiv gearbeitet. V o n den Fortschritten der qualitativen Pollenanalyse darf man w o h l auch weitere Aufschlüsse über den Ausklang der pliozänen Flora in den Interglazialen und damit neue Anhaltspunkte für deren Altersstellung e r ­ warten. W e n d e n w i r uns nun kurz dem Nachweis v o n K l i m a a n d e r u n g e n zu, so haben sich innerhalb des Zeitraums v o m letzten Eishochstand d e r W ü r m e i s ­ zeit (Pommersches Stadium) bis zur G e g e n w a r t zwei g r o ß e W ä r m e s c h w a n k u n ­ gen herausgestellt: das spätglaziale Alleröd-Interstadial und die postglaziale Wärmezeit. Z u einer Übersicht über die spätglazialen Verschiebungen der Waldgrenze und die ihnen zugrunde liegenden wahrscheinlichen Temperaturveränderungen, die an anderer Stelle g e g e b e n w u r d e (13), sei hier nur ergänzend hinzugefügt, daß G. D U B O I S auch über einen wahrscheinlichen Nachweis der A l l e r ö d s c h w a n kung im französischen Zentralplateau, an zwei Stellen in 950 und 1100 m H ö h e im Massiv v o n Cantal, berichten konnte. Es ist bezeichnend, daß die hier d e m A l l e r ö d zugeordneten Schichten schon erhebliche M e n g e n v o n Eichenpollen ent­ halten, der später w i e d e r verschwindet. Weiter konnte W . P E N N I N G T O N in Mittelengland in dem See v o n Winidermere, der am Fuß der bis 978 m ansteigen­ den Cambrian Mountains liegt, ein Spätglazialprofil aufdecken, in dem die Allerödschwankung durch Grobdetritusgyttjen, die jüngere Dryaszeit aber noch­ mals durch Bändertone, Z e u g e n einer neuerlichen Vergletscherung des Gebirges, vertreten ist. Sie umfassen nach vorläufiger Z ä h l u n g etwa 400—500 Jahres­ schichten. Das stützt die übliche Z u o r d n u n g zu dem Eisstand an den Salpausselkä (14). Hatten sich subarktische B i r k e n - und K i e f e r n w ä l d e r während d e r A l l e r ödzeit bis ins Ostseegebiet ausgebreitet, so m u ß der nachfolgende K l i m a r ü c k ­ schlag der jüngeren Tundrenzeit den geschlossenen W a l d w i e d e r weit nach S ü ­ den zurückgedrängt haben. Er scheint sich als solcher nur in den wärmsten Tief­ lagen der Mittelgebirgslandschaften erhalten zu haben w i e im Oberrheinischen Tiefland, in Innerböhmen u. a. Weite Landschaften Mitteleuropas w u r d e n w a l d ­ los oder zu einer A r t „Waldtundra". D i e alpine W a l d g r e n z e sank w i e d e r u m einige 100 m auf Höhenlagen v o n 800—1100 m unter ihrem heutigen Stand herab. Festigt sich unser Wissen v o n den spätglazialen Klimaschwankungen erst jetzt, so ist die postglaziale Wärmezeit seit langem erwiesen und anerkannt. Trotzdem knüpfen sich auch an sie noch mancherlei Fragen. Sie betreffen ihre nähere klimatische Charakteristik, die genauere Bestimmung ihres Anfangs, ihres Verlaufs und ihres Endes. Hier kann darauf nicht näher eingegangan werden. A n anderer Stelle w u r d e z. p . gezeigt, daß der seit l a n g e m er­ schlossene höhere Stand der W a l d g r e n z e im Riesengebirge, mit dem eine B e ­ deckung der K a m m r e g i o n bis o b e r h a l b 1500 m, sehr wahrscheinlich mit s u b ­ alpinem Buchengehölz, verbunden war, nicht — w i e bisher a n g e n o m m e n — nur bis in den Beginn des Subatlantikums, sondern bis in die erste Zeit der deutschen Kolonisation angedauert hat, nämlich mindestens bis ins 14. Jahrhundert. Erst im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts kann der Ü b e r g a n g zu der heutigen (nach A b w ä g u n g wirtschaftlicher Einflüsse als natürlich anzusehenden) Lage erfolgt sein. Das steht in guter Übereinstimmung z. B. zu dem, w a s w i r ü b e r die histo­ rischen Gletscherstände in den A l p e n wissen (15). Besteht also zwischen dem bekannten Temperaturverlauf des Spätglazials und der Strahlungskurve ein


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auffälliger Gegensatz (13), so paßt der Nachweis eines allmählichen Ausklangs der postglazialen Wärmezeit auch noch in der sogenannten „Nachwärmezeit" recht gut zu der während der letzten Jahrtausende weiter fortschreitenden Strahlungsabnahme. Einen groß angelegten u n d umfassend begründeten Überblick über die B e ­ deutung der Pollenuntersuchungen für die Klimageschichte der Erde hat 1944 L. v. P O S T gegeben. Sein G r u n d g e d a n k e ist d e r Nachweis der „Revertenz", w i e sie sich in allen bisher untersuchten Vegetations- und Klimagebieten der Erde aus den auffälligen regionalen Parallelen im K u r v e n v e r l a u f der Pollendiagramme ergibt: Im letzten, etwa 2—3 Jahrtausende umfassenden Abschnitt der K l i m a ­ geschichte der Erde (III) läßt sich in der Vegetationsentwicklung und damit offenbar auch im K l i m a eine neuerliche A n n ä h e r u n g an die Zustände erkennen, die im frühen Postglazial (I) bestanden haben. Dazwischen liegt ein m e h r e r e Jahrtausende umfassender mittlerer Abschnitt (II), der uns als „postglaziale Wärmezeit" mit einer Polwärtsverschiebung der gemäßigten Waldgürtel u m e t w a 5 Breitengrade bekannt ist, in anderen Klimagebieten aber auch durch Verschiebungen der Niederschlagsverhältnisse z u m Ausdruck k o m m e n kann. S o herrschte in den untersuchten höheren L a g e n der Hawaiischen Inseln w ä h r e n d I eine trockene subalpine Vegetation, w ä h r e n d II montaner R e g e n w a l d . W ä h ­ rend III macht sich neuerlich die Ausbreitung einer z w a r etwas anders gear­ teten, a b e r deutlich trockeneren subalpinen Vegetation geltend. Ähnliches gilt für Neuseeland. Es m u ß betont werden, daß die Vegetations- und w o h l auch die Klimaverhältnisse in den meisten Gebieten w ä h r e n d III andere w a r e n als w ä h ­ rend I, aber eine gewisse Annäherung, eine „ R e v e r t e n z " ist trotzdem, v o r allem im Vergleich zu II, unverkennbar. Diese Gedanken v. P O S T ' s w e r d e n die F o r ­ schung in den nächsten Jahren sicher noch mehr bestimmen, als sie das schon bisher taten. Es eröffnet sich jetzt durch die Untersuchungen in verschiedenen Klimagebieten der Erde die Möglichkeit, Einblick in j e n e Ä n d e r u n g e n im Z i r k u ­ lationssystem d e r A t m o s p h ä r e zu gewinnen, die den postglazialen Klimaverlauf in d e n verschiedenen Gebieten z w a r j e w e i l s anders, aber doch entsprechend und in enger ursächlicher Verknüpfung bestimmt haben. Z u r Frage der A l t e r s b e s t i m m u n g mit Hilfe v o n Pollenuntersuchun­ gen sei nochmals wiederholt, daß die Pollendiagramme der meisten mitteleuro­ päischen Landschaften im Laufe des Spät- und Postglazials die Unterscheidung v o n 8—10 Abschnitten möglich machen, die durch ihre Pollenführung so gut gekennzeichnet sind, daß eine sichere Z u w e i s u n g v o n Funden unbekannten A l ­ ters zu ihnen, w e n n nicht schon auf Grund einzelner Pollenspektren, so doch auf G r u n d längerer Diagrammausschnitte möglich wird. D a r ü b e r hinaus zu gehen, ist hingegen schwierig. Es sei an einer einfachen Überlegung gezeigt. D i e Zeit seit d e m frühpostglazialen H a s e l m a x i m u m bis zur G e g e n w a r t beträgt etwa 8000 Jahre, d. h. 80 Jahrhunderte. U m durchgehend mit einer Genauigkeit v o n einem Jahrhundert datieren zu können, müßten w i r also in den P o l l e n d i a g r a m ­ m e n diesen Zeitraum in 80 Abschnitte teilen u n d jeden einzelnen dieser A b ­ schnitte v o n den Nachbarabschnitten unterscheiden können. Jeder Blick auf ein Pollendiagramm mit seinen methodisch bedingten Zufallsschwankungen lehrt, daß dies auch für längere Zeitabschnitte, z. B. v o n 200—300 Jahren, in der Regel nicht möglich sein wird. Nur zu gewissen Zeiten, etwa w ä h r e n d der Erstaus­ breitung der Buche oder dort, w o in jungbesiedelten Gebieten die Getreidekurve mit der bekannten historischen Siedlungsgeschichte verknüpft w e r d e n kann, liegen die Dinge etwas günstiger. A b e r Altersunterschiede v o n n u r einem o d e r einigen w e n i g e n Jahrhunderten können darüber entscheiden, o b ein Fund z. B.


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noch ins Neolithikum oder schon in die Bronzezeit zu stellen ist. D i e Vorsicht u n d Kritik, die hier unbedingt n o t w e n d i g ist, ist nicht immer geübt w o r d e n und w i r d es auch heute noch nicht in allen Fällen. S o erfreulich es daher für den Vegetationsgeschichtler ist, w e n n e r anderen Wissenschaften, besonders d e r Ur­ geschichte, nützlich sein kann, so besteht heute zweifellos die Gefahr, daß die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen und die bei kritischer V e r w e n d u n g sicher­ lich wichtige Datierungen möglich machen, überschätzt werden. Um so größer ist freilich auch der Anreiz, eine Verfeinerung der A l t e r s b e ­ stimmungen zu erstreben. Sie w i r d heute auf vierfache W e i s e verfolgt: Erstens durch den Nachweis kleinerer Klimaschwankungen und ihre sichere V e r k n ü p f u n g v o n Landschaft zu Landschaft. Hier stehen neben den V o r g ä n g e n , die in untergeordneten, aber gesetzmäßigen und v o n den methodischen S c h w a n ­ kungen abtrennbaren Verschiebungen des Pollengehalts zum Ausdruck k o m m e n , jene Ä n d e r u n g e n der Feuchtigkeitsverhältnisse zur Verfügung, die das Wachs­ tum der M o o r e beeinflußt haben. In Südschweden hat die wichtigsten G R A N L U N D in seinem System der Rekurrenzflächen (Zersetzungskontakte des Hoch­ moortorfs) erfaßt, v o n denen die dritte dem klassischen Grenzhorizont C. A . W E B E R ' s entspricht (16). Es ist eine wichtige, aber nur durch sehr eingehende monographische Untersuchungen lösbare A u f g a b e , den Geltungsbereich der durch die Rekurrenzflächen angezeigten K l i m a v e r ä n d e r u n g e n in Europa zu b e ­ stimmen. A u s Dänemark und England liegen z. B. neue positive Beiträge hierzu v o r (17). D i e v o n O V E R B E C K und S C H N E I D E R eingeführte regelmäßige A n ­ w e n d u n g kolorimetrischer Untersuchungen zur Bestimmung der Humifizierung des Torfes dürfte auf dem W e g e zu einer größeren Exaktheit auf diesem Gebiete noch v o n besonderem Nutzen werden (18). Ein weiterer W e g z u m A u s b a u pollenanalytischer Altersbestimmungen ist die A u s w e r t u n g der hie und da vorhandenen Jahresschichtung pollenführender A b l a g e r u n g e n . Er ist schon 1925 v o n G I E S E N H A G E N an dem interglazialen Kieselgurlager v o n N e u - O h e begangen w o r d e n . S A N D E G R E N und später F R O M M haben die für die C h r o n o l o g i e des Postglazials entscheidenden g e b ä n ­ derten Sedimente des Ragundasees und A n g e r m a n e l f s pollenanalytisch unter­ sucht, und neben Funden in der Kieler Föhrde ( T A P F E R ) liegt ein eingehender Versuch aus d e m Faulenseemoos im Gebiet des Thuner Sees durch W E L T E N v o r (19). V o n den sicher datierten D i a g r a m m e n F R O M M ' s abgesehen, steckt dieses Verfahren aber noch in den Anfängen. Dies gilt noch m e h r v o n einem dritten, nämlich einer Verknüpfung der Pollendiagramme mit der Jahrring­ chronologie, die seit einer Reihe v o n Jahren für Deutschland durch Br. H U B E R ausgebaut w i r d (20). A l l e n diesen Möglichkeiten ist eines gemeinsam: daß nur ein sehr g r o ß e r A u f w a n d an Zeit und Arbeitskraft und nur peinlichste, u n v o r ­ e i n g e n o m m e n e Genauigkeit und G e d u l d zum Ziele führen können. V o n der Datierung der Interglaziale auf Grund ihrer Pollendiagramme soll hier nicht die R e d e sein. P. W O L D S T E D T hat mit seinen Mitarbeitern gerade bei der H a n n o v e r ­ schen T a g u n g hiefür verschiedene neue überzeugende Beispiele beigebracht. Schließlich ist v o r kurzem auch noch die Aussicht hinzugekommen, T o r f e und sonstige organische Reste mit Hilfe ihres Gehalts an radioaktivem Kohlenstoff ( C ) datieren zu können (21). 14

Die Pollenforschung mochte in den Jahren, in denen sie sich fast ganz mit der postglazialen Waldgeschichte beschäftigt hat, dem Fernstehenden fertig und ein­ förmig erscheinen. Tatsächlich ist ein ständiger methodischer A u s b a u v o r sich gegangen, der ihr A n w e n d u n g s g e b i e t wesentlich erweitert hat, noch lange nicht abgeschlossen ist und daher weitere Erfolge verspricht.


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F. Firfoas

Schriftennachweis F I R B A S , F., Spät- und nacheiszeitliche Waldgeschichte Mitteleuropas nördlich der Alpen. Jena 1949. (2) Besonders von H . G O D W I N und seinen Schülern sowie in Irland von K n . JESSEN und G. F. M I T C H E L L , vgl. die Sarnmelreferate von F. F I R B A S in Natur­ wissenschaften, 31,1943, 69—72 (für Nordeuropa) und a. gl. O. 34, 1947, 252—256 (für die Britischen Inseln), weiter Proc. Roy. Irish Acad. 52/B, Nr. 6, 1949. (3) D U B O I S , G., Vegetatio 1, 1948, 43—50; LEMEE, G., Ann. Biol., 24, 1948, 49—75, und F I R B A S in Fortschritte der Botanik, 12, 1949. (4) Vgl. z. B. T H I E R G A R T , F., Die Mikropaläontologie als Pollenanalyse im Dienst der Braunkohlenforschung, Stuttgart 1940, und die dort besprochenen A r ­ beiten. Seit mehreren Jahren hat P. W . T H O M S O N auf diesem Gebiet erfolgreich gearbeitet, vgl. verschiedene Arbeiten in Geol. Jahrb. (Hannover), 65, 1950 und in Paläontographica, 90/B, 1950; außerdem K I R C H H E I M E R , P O T O N I E , R U D O L P H u. a. (5) P O S T L. v., The prospect for pollen analysis in the study of the earth's climatic history. N e w Phytologist, 45, 1946, 193—217 (Übersetzung aus Y m e r 1944); S E L L I N G , O. H., B. P. Bishop Museum Spec. Publ. 39, Honolulu (Hawaii), 1948, 1—154. (6) F I R B A S , F., Naturwissenschaften, 27, 1939, 81—89, 104—108. (7) O V E R B E C K , F. und S C H M I T Z , H., Mitt. Provinzialst. f. Naturdenkmalpfl. H a n ­ nover, 3, 1931, 1—179; F I R B A S , F., Zeitschr. f. Botanik, 31, 1937, 447—478; IVERSEN, J., Danm. Geol. Unders. Kobenhavn, H/66, 1941, 7—68. (8) S T E I N B E R G , K., Hercynia (Halle), 3, 1944, 529—587; M Ü L L E R , I., Planta 35, 1947, 70—87. (9) K U L C Z Y N S K I , St., Acta Soc. Bot. Polon., 9, 1932; K L I M A S Z E W S K I , M . und S Z A F E R , W L , Starunia (Krakow), 19, 1945, 1—34. (10) IVERSEN, J., Geol. Foren. Förh. Stockholm, 66, 1944, 774—776; W E L T E N ^ M . , Veröff. d. Geobot. Inst. Rubel, Zürich, 21, 1944, 1—201; F I R B A S , F., Biol. Zbl., 67, 1948, 17—22; E R D T M A N , G. E., Svensk. Bot. Tidskr., 40, 1946, 293—304. (11) D E G E R B O L , L. und IVERSEN, J., Danmarks Geol. Unders. Kobenhavn, H/73, 1945, 1—62; W E N N E R , C. G., Geografiska Annaler, 1947, 1—241. (12) E R D T M A N , G. E., A n Introduction to Pollen Analysis, Waltham, Mass. 1943, 1—239, und verschiedene Beiträge in Botan. Notiser (Lund) 1944—1946 F A E G R I , Kn., a. J. IVERSEN, Text-book of modern pollenanalysis. Copenhagen 1950. (13) F I R B A S , F., Naturwissenschaften, 34, 1947, 114—118. (14) D U B O I S , G., & C , C.R.S. de la Soc. Geol. de France, 1944, 46—48 und 61—63; P E N N I N G T O N , W., Phil. Transact. Royal Soc. London, B/596, 233, 1947, 137—175. (15) F I R B A S , F., und L O S E R T , H., Planta 36, 1949, 478—506. (16) G R A N L U N D , E., Sverig. Geol. Undersökn. Arsbok, 26, 1932, 1—193. (17) JESSEN, K., Acta Archaeol. Kobenhavn, 16, 1—3, 1945, 67—91; H A R D Y , E. M., N e w Phytologist, 38, 1939, 364—396. (18) O V E R B E C K , Fr., Planta, 35, 1947, 1—56. (19) F R O M M , E., Geol. Foren. Förhandl. Stockholm, 60, 1938, 365—381; T A P F E R , E., Geol. d. Meere und Binnengewässer, 4, 1940, 113—244; W E L T E N , M., 6. u. (10). (20) H U B E R , Br., Mitt. d. Akad. d. Dtsch. Forstwissensch., 1, 1941, 110—125. (21) L I B B Y u. a. in Science, 109, 1949. (1)


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