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Quart ärforschung

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Quartärforschung Einleitende W o r t e * ) v o n Paul

Woldstedt

A n d e r Schwelle der geologischen G e g e n w a r t steht ein ganz eigenartiger, w e l t w e i t e r Klimaumschwung. W ä h r e n d i m Tertiär noch w ä r m e l i e b e n d e Bäume unter d e m Polarkreise wachsen, beginnt allmählich die Temperatur auf der ganzen Erde zu sinken, fangen v o n den Polen und d e n hohen G e b i r g e n her g r o ß e Vereisungen an sich zu bilden. I m m e r tiefer steigen d i e Gletscher zu Tal, immer weiter in die gemäßigte Z o n e dringen Inlandeise v o r . D i e Klimagürtel der Erde verschieben sich. Gleichzeitig sinkt über die ganze Erde d e r Spiegel der Ozeane, weite Flächen des sonst überfluteten Schelfs d e m Festland zu­ rückgebend. A b e r nicht n u r einmal erfolgt dies A b s i n k e n d e r Temperatur, wachsen die Vereisungen v o n den Polen äquatorwärts und v o n den Hochgebirgen talwärts — nein, drei-, viermal w i e d e r h o l t sich der Vorgang, w i e d e r h o l t sich das Wachsen d e r Vereisungen, wiederholt sich das Sinken des Meeresspiegels. Dazwischen liegen l a n g e Zeiten — Jahrzehntausende — , in denen das Klimia w a r w i e heute und in denen M e e r und L a n d einen ähnlichen Umfang hatten w i e jetzt. Oder w a r es, w i e manche Forscher annehmen, jeweils n u r eine Halbkugel, auf der sich die e b e n geschilderten V o r g ä n g e abspielten oder v o n der sie wenigstens ihren A u s g a n g nahmen? Hier liegt ein erstes wichtiges P r o b l e m vor. Es scheint aber m e h r dafür zu sprechen, daß beide Halbkugeln gleichzeitig betroffen wurden. W a s w a r die Ursache dieses m e r k w ü r d i g e n , weltweiten Umschwingens mit allen seinen Begleiterscheinungen? Mannigfache Hypothesen, komplizierte, m a ­ thematisch bis in einzelne durchgearbeitete Theorien sind aufgestellt w o r d e n — und im G r u n d e haben w i r doch noch keine wirklich befriedigende Erklärung für die Ursache u n d die mannigfachen Erscheinungen des Eiszeitalters. Die geologische Formation, deren wichtigstes Ereignis die großen Vereisungen waren, w i r d als „Quartär" bezeichnet; w i r k o m m e n später noch darauf zurück. Das Wissenschaftsgebiet, das sich mit d e m Quartär beschäftigt, bezeichnen w i r als Quartärforschung o d e r — w e n n w i r n u r den Hauptgegenstand berücksich­ tigen — als Eiszeitforschung. Nicht allein der erdgeschichtliche Abschnitt des Quartärs steht als großes, ungelöstes P r o b l e m v o r uns; es k o m m t eine weitere ungeheuer wichtige Tatsache hinzu: im Eiszeitalter, das die letzte halbe o d e r v o l l e Jahrmillion des im ganzen auf mindestens 1500 Jahrmillionen geschätzten sichtbaren Lebensalters der Erde ausfüllt, löst sich der Mensch aus dem Dunkel des Tierdaseins und steigt zu höherer Kultur auf. Hängen beide Ereignisse, der m e r k w ü r d i g e klimatische Wechsel auf der Erde und das Erwachen des M e n ­ schen zusammen? Ist das Erscheinen des Menschen durch das Eiszeitalter b e ­ dingt? Hat der klimatische Umschwung gewissermaßen den Impuls gegeben, so daß in seinem Gefolge ein Ruck in der Entwicklung einsetzte? Oder sind beide Ereignisse nur zufällig zu gleicher Zeit eingetreten? Auch hier ein Rätsel, das noch der Lösung bedarf. ') Der vom Verf. auf der Quartärtagung in Hannover gehaltene Vortrag befaßte sich mit Einzelfragen; er wird in dieser Form anderswo veröffentlicht. Hier handelt es sich mehr um die Herausarbeitung grundsätzlicher Fragen, die in Anlehnung an eine frühere Veröffentlichung des Verfassers hier nochmals gegeben sei.


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Es ist hier nicht der Platz, einen Überblick über die Entwicklung unserer Kenntnisse v o m Eiszeitalter und über die wechselnde Ansicht der verschiedenen P r o b l e m e zu geben. Sondern es kann sich nur darum handeln: welche P r o b l e m e tauchen im einzelnen auf, mit welchen Methoden hat m a n versucht, sie zu lösen? Das Grundproblem, die K l ä r u n g der Ursache der einschneidenden K l i m a änderung, haben w i r oben schon angedeutet, ebenso die weitere wichtige Frage der Entstehung und Entwicklung der Menschheit. Gehen w i r in die Einzelheiten, so ergibt sich eine Fülle v o n Fragen und eine M e n g e v o n Versuchen, v o n d e m einen o d e r anderen T e i l p r o b l e m aus zur Lösung des Ganzen vorzudringen. V o n ganz besonderer Wichtigkeit ist dabei die Klärung des Einzelablaufs des Eiszeitalters. Es m u ß die A b f o l g e der Ereig­ nisse in den verschiedenen Gebieten festgestellt werden, d. h. es m u ß die Stratigraphie des Eiszeitalters geklärt werden. A u s zahllosen Profilen m u ß die normale Übereinanderfolge der A b l a g e r u n g e n abgeleitet werden. Eine genaue Stratigraphie erst gestattet z. B. eine einwandfreie Einordnung der Funde des vorgeschichtlichen Menschen und seiner W e r k z e u g e in die A b ­ folge der Ereignisse. Die grundlegende Einteilung der eiszeitlichen Mensch­ heitskulturen ist in Frankreich entstanden (G. D E M O R T I L L E T u. a.). D o r t hatte man ein unendlich reichhaltigeres Material v o m eiszeitlichen Menschen als noch v o r kurzem aus Deutschland. T r o t z d e m gelang die richtige zeitliche Ein­ ordnung des Menschen in die A b f o l g e der Glazial- u n d Interglazialzeiten in Frankreich zunächst nicht. Dort bildete sich die Ansicht, daß die Kulturentwick­ lung der Menschheit erst in der letzten Interglazialzeit b e g o n n e n und nur eine, die letzte Eiszeit, überdauert habe. Es bedeutete einen gewaltigen Fortschritt in der Erkenntnis und eine ungeahnte A u s w e i t u n g des Blickfeldes, als durch die einwandfreie stratigraphische Einordnung der vorgeschichtlichen Funde v o n Markkleeberg u n d Hundisburg der Nachweis geführt wurde, d a ß d e r Mensch mit einer bestimmten K u l t u r z u m mindesten bereits die v o r h e r g e h e n d e Eiszeit miterlebt hat, daß also die Kulturentwicklung der Menschheit u m Zehntausende v o n Jahren früher eingesetzt hat. U m Zehn tausende v o n Jahren älter, d. h. vielleicht im ganzen 100 000 Jahre o d e r noch viel m e h r soll die Kulturentwicklung der Menschheit alt sein? W o h e r wissen w i r das? Sind das nicht ganz vage, durch nichts gerechtfertigte Zahlen? K ö n n e n w i r nicht mit demselben Recht 10 000 oder 1 000 000 Jahre angeben? Hier k o m m e n w i r auf ein neues P r o b l e m : die Versuche, genauere Zeitbestim­ mungen durchzuführen, d. h. eine absolute C h r o n o l o g i e d e s Eiszeitalters aufzu­ stellen. D i e Lösungsversuche k o m m e n v o n verschiedenen Seiten. Durch die Auszählung v o n im Wasser in jährlichem Wechsel abgesetzten Sand- und T o n schichten — gewissermaßen Jahresringen — haben D E G E E R u n d seine Schüler die Dauer d e r Spät- und Nacheiszeit nach Jahren festzustellen versucht. Es handelt sich hier nicht darum, o b im einzelnen Fehler unterlaufen sind — die G r ö ß e n o r d n u n g ist richtig, und das bedeutet einen ungeheuren Fortschritt in unserer Erkenntnis. Neue Methoden zur exakten C h r o n o l o g i e sind in jüngster Z e i t h i n z u g e k o m ­ m e n : neben der „Jahresringforschung", die auf der Auszählung der Jahresringe v o n Bäumen beruht, besonders die „ R a d i o c a r b o n m e t h o d e " , w i e sie in N o r d ­ amerika entwickelt w o r d e n ist. D e r Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff bei Hölzern und anderen organischen Substanzen scheint eine außerordentlich g e ­ naue Altersbestimmung solcher Funde zuzulassen. Schließlich ist die Fluorm e t h o d e zu nennen, die mit Hilfe der Z u n a h m e des Fluorgehaltes bei Knochen wenigstens eine relative Einstufung der Funde gestattet.


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Weitere Versuche, eine absolute C h r o n o l o g i e des Eiszeitalters zu begründen, gehen auf die A s t r o n o m i e zurück. Hier sind die in den letzten Jahren viel erörterten Sonnenstrahlungskurven v o n M I L A N K O V I T C H u n d S P I T A L E R zu nennen. Sie versuchen, für das ganze Eiszeitalter eine Zeitordnung nach Jahr­ tausenden zu geben. D i e Richtigkeit dieser Theorien ist zwar stark bezweifelt worden. A b e r sie müssen als Versuche genannt werden, zu festen, zahlen­ mäßigen Vorstellungen über die L ä n g e der Zeiträume im Eiszeitalter zu k o m m e n . Interessant ist jedenfalls, d a ß Größenordnungen herauskommen, die ähnlich sind denen, d i e A . P E N C K Jahrzehnte früher auf G r u n d v o n V e r ­ witterungstiefen geschätzt hat. Ganz andere P r o b l e m e wieder ergeben sich, w e n n w i r auf die Tier- und Pflanzenwelt des Eiszeitalters k o m m e n . Das Vondringen der großen Vereisun­ gen bis w e i t in die gemäßigten Breiten, in Nordamerika bis über d e n 40. Brei­ tengrad nach Süden, w a r für beide v o n tiefgreifendem Einfluß. Pflanzen- und Tiergürtel verschoben sich v o r dem Eise. Die härteste Auslese setzte ein. So ist heute die Verteilung v o n Pflanzen- und Tierwelt in großen Gebieten der Erd­ oberfläche bedingt durch das Eiszeitalter. Das ist für den Botaniker und Z o o l o g e n v o n größter Wichtigkeit. Es sei nur an das Kapitel der sogenannten „Relikten­ faunen" erinnert. D e r Quartärforscher w i e d e r u m g e w i n n t in Flora und Fauna nicht nur w e r t v o l l e Erkennungszeichen für das j e w e i l i g e Klima, sondern auch bestimmte charakteristische Leitpflanzen und Leittiere für die einzelnen A b ­ schnitte des Eiszeitalters. A l s neues, besonderes Teilgebiet ist hier d i e P o l l e n ­ analyse hervorzuheben, die mit Hilfe der in manchen A b l a g e r u n g e n erhalten gebliebenen Blütenstaubkörner v o n Bäumen, Sträuchern und Kräutern ein Bild der das j e w e i l i g e K l i m a bezeichnenden Waldzusammensetzung zu geben versucht. A b e r ebenso sind die Forschungen über einzelne Tierarten zu nennen, z. B. solche über die in den verschiedenen Abschnitten des Eiszeitalters auftretenden Elefanten- o d e r Pferdearten, über die Schnecken und Muscheln in M e e r - und Süßwasserbildungen usw. Wir brauchen nur auf ein anderes Gebiet überzugehen, u m v o r neuen B e ­ ziehungen und neuen P r o b l e m e n zu stehen. Heute w i r d der B o d e n k u n d e eine g r o ß e Bedeutung für die L a n d - und Forstwirtschaft zuerkannt. Es genügt, die eine Tatsache festzustellen, daß in den wichtigsten Kulturländern nicht nur der Alten, sondern auch der Neuen Welt ein Großteil der Kulturböden, insbe­ sondere der Ackerböden, eiszeitliche B ö d e n sind. Das gilt in Deutschland nicht nur für das große norddeutsche Flachland und das A l p e n v o r l a n d , sondern ebenso auch für das dazwischenliegende Gebiet, w o die L ö ß b ö d e n und die Böden auf eiszeitlichen Terrassen u n d Schuttbildungen eine wichtige Rolle spielen. A b e r auch die nacheiszeitlichen Neubildungen, w i e z. B. die F l u ß - und Seemarschen, sind als Böden v o n g r o ß e r Wichtigkeit. Auch ihre Entstehung und ihre Gesetzmäßigkeiten zu ergründen, ist A u f g a b e des Quartärforschers, w i e ihn ja auch das einzelne Bodenprofil interessiert, w e i l es ihm wichtige Anhalts­ punkte für die Geschichte des B o d e n s gibt. Wieder andere Beziehungen und w i e d e r u m neue P r o b l e m e ergeben sich, w e n n w i r auf den Einfluß des Eiszeitalters auf die heutige Verteilung v o n Land und Wasser, auf den heutigen Verlauf der Küsten eingehen. Gewiß, v o n einigen A u s n a h m e n abgesehen, ist die Verteilung v o n Land und Meer im großen durch andere Faktoren bedingt als durch die Eiszeiten. A b e r diese, mit ihrer rhyth­ mischen Festlegung gewaltiger Wassermassen in F o r m v o n festem Eise, brachte im einzelnen einen ungeheuren Wechsel im Verlauf der Küstenlinie h e r v o r . Das w a r für die gesamte L e b e w e l t v o n einschneidender Bedeutung. Die Britischen


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Inseln z. B. sind im Laufe des Eiszeitalters mehrmals Festland und mehrmals Inseln gewesen. Das Land, das sie mit Frankreich und Nordwestdeutschland v e r ­ band, ist zum letzten Male erst der großen postglazialen (flandrischen) Transgression v o r 8 bis 9 Jahrtausenden z u m Opfer gefallen. Ähnliches gilt für andere Landbrücken. Wichtige Z ü g e in der Verteilung v o n Tier- u n d Pflanzen­ welt w e r d e n nur durch diesen Wechsel der L a n d v e r b i n d u n g e n verständlich. Ganz besonders gilt dies für viele vorgeschichtliche Kulturen, deren Beziehun­ gen zu anderen überhaupt erst verständlich werden, w e n n w i r d i e alten L a n d ­ brücken und ihre Unterbrechungen kennen. Das Fallen und Steigen des Meeresspiegels im Zusammenhang mit d e r Fest­ legung des Wassers in den Eiszeiten (eustatische B e w e g u n g e n ) verbindet sich mit B e w e g u n g e n , die mit der Eindrückung der Erdkruste durch mächtige Eislasten zusammenhängen (isostatische B e w e g u n g e n ) . Daß die Erforschung dieser B o d e n ­ b e w e g u n g e n b z w . d e r B e w e g u n g e n der M e e r e praktisch v o n der allergrößten Wichtigkeit ist, braucht nicht betont zu w e r d e n . Es sei hier nur an die Küsten­ senkungsfrage an der Nordsee erinnert. S o ergibt sich auf allen Gebieten eine Fülle v o n P r o b l e m e n und eine Fülle v o n Beziehungen zu allen möglichen Nach­ bargebieten. W i r betrachten nun Gegenstand und M e t h o d e der Quartärforschung nochmals v o n einer anderen Seite. Zunächst: Was verstehen w i r unter Quartärforschung? Es ist die Gesamterforschung des Eiszeitalters im weiteren Sinne, d. h. unter Einschluß der Nacheiszeit, mit allen seinen Erscheinungen. W i e schon gesagt wurde, bezeichnet m a n den erdgeschichtlichen Abschnitt, dessen Hauptereignis die Vereisungen waren, im allgemeinen als Quartär. Meist w e r d e n als besondere Abschnitte darin das Pleistozän o d e r D i l u v i u m und das Holozän o d e r A l l u v i u m unterschieden. Dabei ist versucht w o r d e n , das „ A l l u v i u m " als selbständige F o r ­ mation aufzustellen. Hierzu liegt aber keine Berechtigung vor. Ein irgendwie deutlicher Einschnitt, der den Abschluß des Eiszeitalters bezeichnen würde, ist nicht zu erkennen. Das Verschwinden des Inlandeises aus Norddeutschland und Skandinavien z. B. ist kein solcher V o r g a n g ; er fand am Schlüsse j e d e r Eiszeit statt. W i r müßten dann j e d e Interglazialzeit zu einer Formationsgrenze machen. Nach allem, was w i r wissen, ist das Eiszeitalter als Epoche nicht abgeschlos­ sen. Sondern w i r leben in einer Wärmezwischenzeit (Interglazialzeit), der mit großer Wahrscheinlichkeit eine neue Eiszeit folgen wird, eine Eiszeit, die viel­ leicht Norddeutschland in ganz ähnlicher Weise w i e d e r betreffen wird, w i e die letzte o d e r vorletzte. So m u ß dem „ A l l u v i u m " , der „Nacheiszeit", der Charak­ ter als besondere Formation, den sie überhaupt n u r w e g e n der starken perspektischen Verkürzung des Vorherliegenden erhalten konnte, bestritten w e r d e n . D e r Gegenstand der Quartärforschung ist also die gesamte Formation seit B e ­ ginn des Eiszeitalters bis zur Gegenwart. Das Quartär in seiner Stellung als jüngste geologische Formation, in der w i r noch leben, hat einen ganz besonderen Charakter, der es v o n den älteren F o r ­ mationen unterscheidet. Diese Unterscheidung ist einmal in der zeitlichen Stel­ lung des Quartärs, e b e n als letzter geologischer Formation, begründet, sie ergibt sich weiter aus d e n in der Quartärforschung üblichen Arbeitsweisen und ergibt sich schließlich daraus, daß das Quartär die Formation der Entwicklung des Menschen ist. In der Geologie ist die eigentlich ausschlaggebende M e t h o d e die stratigraphische. W a s ist jünger, was ist älter? das ist letzten Endes in der Geologie die entscheidende Frage. Auch in der Quartärforschung ist die stratigraphische Methode besonders wichtig. Entscheidend ist auch hier i m allgemeinen die


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Altersfolge, und in diesem Sinne ist die Quartärforschung durchaus eine g e o ­ logische Wissenschaft. A b e r daneben m u ß mit zahlreichen anderen Methoden gearbeitet werden. Mit der benachbarten Geographie z. B. hat sie eine weitere sehr wichtige Forschungsmethode gemeinsam, die morphologische. Diese arbeitet mit den durch Beobachtung g e w o n n e n e n Ergebnissen der „Physischen Erd­ kunde" (bezw. Teilen der „ A l l g e m e i n e n Geologie"). Sie berücksichtigt H ö h e n ­ verhältnisse, Flußeinschneidung, Terrassenbildung, F o r m e n u m b i l d u n g usw. D i e großartige, in ihren Grundzügen i m m e r noch gültige Gliederung der alpinen Eiszeitbildungen A . P E N C K ' s ist ganz wesentlich auf morphologischem W e g e gewonnen worden. D a die Quartärperiode in die G e g e n w a r t hineinreicht, so ist weiter, w i e bei keiner der v o r h e r g e h e n d e n Formationen, die Vergleichungsmöglichkeit mit der G e g e n w a r t vorhanden. Hieraus erwachsen der Quartärforschung ganz wesent­ liche Erkenntnisse. D i e Verhältnisse d e r pleistozänen Inlandeise können in d e r Antarktis, in Grönland, Spitzbergen, Island u s w . heute noch studiert w e r d e n . S o ist die vergleichende „aktualistische" M e t h o d e im Quartär nicht nur möglich, sondern unbedingt erforderlich. Dasselbe gilt für die Klimatologie. Die K l i m a tologie der gegenwärtig vergletscherten Gebiete gibt uns den Schlüssel zum Verständnis der eiszeitlichen Klimaverhältnisse. Noch vielfältiger aber w i r d das Bild, w e n n w i r den K r e i s der Nachbargebiete betrachten, die als Hilfswissenschaften in Frage k o m m e n . V o n Physik u n d C h e m i e als Grundwissenschaften braucht nicht erst gesprochen zu w e r d e n . Einige wichtige Beziehungen v o n Botanik und Z o o l o g i e zur Quartärforschung wunden oben angedeutet. V o n g r o ß e r Bedeutung sind weiter A n t h r o p o l o g i e und Urgeschichte. D i e Entwicklungsstufen der Menschheit, der Mensch v o n M a u e r und Peking, der Neandertaler, der A u r i g n a c - und Cro-Magnon-Mensch sind Leitformen bestimmter Abschnitte des Quartärs. Ihre Werkzeugindustrien fin­ den sich in ganz bestimmten Schichten u n d in ganz bestimmter Lagerung. Ihre Erforschung ist ein wesentlicher Teil der Quartärforschung und hellt v o n dieser Seite her die Geschichte des Eiszeitalters auf. Noch zahlreiche andere Nachbarwissenschaften spielen aufs engste in die Quartärforschung hinein. Sie befruchten die Quartärforschung, und diese b e ­ fruchtet w i e d e r u m die Nachbarwissenschaften. D i e Quartärforschung ist also nach d e m Umfang ihres Gegenstandes u n d nach der Fülle der Methoden, mit denen in ihr gearbeitet w e r d e n muß, eine eigene Wissenschaft, eine Wissenschaft, der für die Erklärung der G e g e n w a r t eine ganz besondere Bedeutung z u k o m m t . Sie ist überdies eine ganz ausgeprägte „Brückenwissenschaft". In dieser Eigenschaft als „Brückenwissenschaft" liegt einerseits die Stärke, andererseits aber auch eine Schwäche der Quartärforschung. Die Stärke liegt, w i e schon ausgeführt w u r d e , darin, daß die Methoden und Ergebnisse aller benachbarter Wissenschaften auf ein Gebiet konzentriert w e r d e n . Die Schwäche liegt darin, daß die Quartärforschung für die anderen Wissenschaften ein R a n d ­ gebiet ist, auf dem der Wissenschaftler der anderen Gebiete, d e r Geologe, der Meteorologe, der Geograph, der Z o o l o g e usw., im allgemeinen nicht oder nur gelegentlich arbeitet. Das ist bei d e m Umfang, den heute j e d e dieser Wissen­ schaften für sich a n g e n o m m e n hat, auch gar nicht möglich. W e r in Forschung und L e h r e heute an einer Universität d e n Gesamtbereich e t w a der Geologie zu vertreten hat, hat damit ein s o gewaltiges Gebiet, daß es ihm in den seltensten Fällen möglich sein wird, in einem Randgebiet, w i e es die Quartärforschung darstellt, voll zu Hause zu sein. Für den Geographen w i e d e r u m ist die eiszeit­ liche M o r p h o l o g i e nur ein kleines Teilgebiet, in dem zwar einzelne G e o g r a p h e n


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b e w u n d e r s w ü r d i g e Leistungen vollbracht haben, das aber eben doch für die Gesamtgeographie wieder Randgebiet ist. Also, noch stärkeres Spezialistentum? Noch stärkere Beschränkung auf ein kleines Teilgebiet? Heute, w o nicht Einzelschau, sondern Gesamtschau getrieben w e r d e n soll? G e r a d e das letztere ist ja — das w u r d e o b e n versucht auseinander­ zusetzen — in der Quartärforschung anzustreben: eine Gesamtschau aller mit d e m Quartär zusammenhängenden Fragen, eine Gesamtschau, die sich natür­ licherweise nicht auf Deutschland beschränken kann, sondern die die ganze Erde in ihren Gesichtskreis zu ziehen hat. Das aber übersteigt beinahe heute schon die Arbeitskraft eines Einzelnen. A u f d e r ganzen Erde hat die Erforschung des Quartärs als der geologischen Formation der G e g e n w a r t einen ungeheuren U m ­ fang angenommen. Allein die V e r f o l g u n g dieser Forschungen nimmt die volle Arbeitskraft eines Wissenschaftlers in Anspruch. Noch auf eines sei schließlich hingewiesen: die praktische Bedeutung der Quartärforschung. Daß die eiszeitlichen Sande und K i e s e die wichtigsten W a s ­ serleiter des Norddeutschen Flachlandes und anderer Glazialgebiete sind, das ist eine zu bekannte Tatsache, als daß sie noch besonders betont w e r d e n müßte. Die Gesetzmäßigkeiten, unter denen die wasserführenden Schichten auftreten, m u ß d e r Quartärgeologe erforschen. Nur er ist dann in der Lage, den Bohrunter­ nehmer, den Wasserfachmann usw. richtig zu beraten. Das Wasser ist heute einer der wertvollsten Bodenschätze, die es überhaupt gibt; seine Bedeutung nimmt v o n Tag zu Tag zu. Die Erschließung und die richtige Bewirtschaftung der Wasservorräte des Bodens ist eine der wichtigsten Aufgaben, v o r allem in den dichtbesiedelten Kulturländern. Ähnlich steht es mit den anderen Bodenschätzen, die in der Quartärforma­ tion v o r k o m m e n , seien es nun die Moore, die Mergellager, die K i e s e l g u r v o r ­ kommen, die Sande, Kiese, Ziegeltone usw. Sie alle müssen in ihrer V e r b r e i ­ tung, in ihrem Auftreten im Einzelnen v o m Quartärforscher untersucht werden. Nur eine genaue wissenschaftliche Erforschung aller dieser Lagerstätten liefert die richtigen Voraussetzungen für ihre praktische Verwertung, u n d nur sie kann die Praxis v o r Fehlschlägen, falschen Investierungen und dgl. bewahren. Daß die Quartärforschung heute als eine eigene Wissenschaft vorhanden ist, geht auch daraus hervor, daß es in der ganzen W e l t nicht n u r Forscher, sondern auch Forschungsvereinigungen auf diesem Gebiete gibt und daß besondere Zeitschriften für diese Wissenschaft b z w . für einzelne Teil- und Grenzgebiete vorhanden sind oder w a r e n („Die Quartärperiode" [russ.], „ D i e Eiszeit", „Quartär", „Zeitschrift f. Gletscherkunde", „Zeitschrift f. Geschiebeforschung" usw.). Ihren Zusammenschluß hatten die Forscher v o r d e m letzten K r i e g e gefunden in der 1928 in K o p e n h a g e n gegründeten „Internationalen Quar­ tärvereinigung", die weitere Konferenzen in Leningrad (1932) und in W i e n (1936) abgehalten hat. Die besondere Wichtigkeit wenigstens v o n Teilen der Quartärforschung ist in anderen L ä n d e r n zum Teil schon länger eingesehen, u n d man hat ihr durch Einrichtung besonderer Forschungsinstitute Rechnung getragen. In Frankreich z. B. besteht seit Jahrzehnten ein großes „Institut de Paleontologie humaine", das im Wesentlichen auf dem in Frankreich besonders wichtigen Gebiet der Urgeschichte arbeitet. In Schweden existiert nicht nur das „Geochronologische Institut" in Stockholm, das sich im besonderen mit den Zeitbestimmungen im Quartär — z. T. auch in älteren Formationen — beschäftigt, sondern dort und in Finnland z. B. ist überhaupt die Quartärforschung ein ganz wichtiger an den Hochschulen betriebener Forschungs- und L e h r z w e i g (von POST, S A U R A M O


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u. a.). In Rußland hat d i e A k a d e m i e d e r Wissenschaften eine besondere Quar­ tärabteilung eingerichtet, die lediglich auf d e m Gebiete der Quartärforschung arbeitet. Etwas Ähnliches gibt es in Deutschland bisher nicht. Dabei hat Deutsch­ land eine für die Quartärforschung zentrale Lage, und zwar dadurch, d a ß es nicht nur an den beiden größten Vereisungsgebieten Europas, dem n o r d e u r o ­ päischen und dem alpinen, Anteil hat, sondern v o r allem auch, weil das w i c h ­ tige Zwischengebiet zwischen den beiden Vereisungen in Deutschland liegt. In diesem Zwischengebiet fanden bedeutungsvolle W a n d e r u n g e n und W a n d l u n g e n nicht nur der Menschheit, sondern auch der Pflanzen- und Tierwelt statt. Deutschland hat so schon auf G r u n d seiner Lage eine ganz besondere V e r ­ pflichtung, Quartärforschung im weitesten Sinne zu treiben. Es hat deshalb auch in Deutschland seit langem einen größeren am Quartär besonders inter­ essierten Forscherkreis gegeben, dem aber bisher eine engere Zusammenfassung fehlte. Ein Teil der an Norddeutschland, und z w a r i m besonderen an der G e ­ schiebeuntersuchung interessierten Forscher hatte sich in der „Gesellschaft für Geschiebeforschung" zuammengeschlossen. Diese gab als besonderes Organ die „Zeitschrift für Geschiebeforschung" heraus. V o n ihr sind 17 B ä n d e erschienen. V o r w i e g e n d gletscherkundliche Forschung, aber mit Einschluß der Quartär­ forschung, betrieb die „Zeitschrift für Gletscherkunde", die in 28 Bänden v o r ­ liegt. Der teure Preis der Zeitschrift gestattete leider nur w e n i g e n Einzelper­ sonen, diese zu halten. K u r z v o r dem letzten K r i e g e w u r d e dann die Zeitschrift „Quartär" gegründet, v o n der bisher 4 B ä n d e herausgekommen sind. Sie wollte ein „Jahrbuch der Erforschung des Eiszeitalters u n d seiner Kulturen" sein. A u c h hier scheiterte die weitere Verbreitung an dem hohen Preise der Bände. Zweifellos w ä r e es dringend erwünscht, w e n n w i r statt der drei Zeitschriften, die zwar z. T. etwas verschiedene Ziele verfolgten, die a b e r doch im wesent­ lichen alle der Quartärforschung dienen wollten, eine einzige hätten, die dem Gesamtkreis der am Quartär Interessierten dienen könnte und in ihrem Preise so gestaltet w e r d e n könnte, daß sie wirklich weiteren Kreisen zugute käme. Nachdem durch den K r i e g die V e r b i n d u n g zu den ausländischen Forschern abgerissen war, w u r d e v o n verschiedenen am Quartär interessierten Kreisen, besonders auch aus Süddeutschland, ein engerer Zusammenschluß der deutschen Forscher angeregt. I m März 1948 w u r d e dann die Deutsche Quartärvereinigung in H a n n o v e r gegründet. D o r t auch fand im Oktober 1948 die erste g r ö ß e r e Tagung statt, über die im A n h a n g dieses Jahrbuchs berichtet wird. Ziel der Deutschen Quartärvereinigung ist, die Forscher der verschiedenen am Quartär beteiligten Wissenschaften, die Geologen, Geographen, Botaniker, Zoologen, A n t h r o p o l o g e n , Vorgeschichtler usw. zusammenzubringen, u m die mannigfachen P r o b l e m e des Quartärs einer Lösung näherzubringen und so zum Verständnis der G e g e n w a r t u n d unserer Stellung in ihr beizutragen. W i r hoffen, daß die Zeit nicht m e h r fern ist, w o die Deutsche Quartärvereinigung w i r k e n kann als Mitglied und Teil einer großen Internationalen Quartärver­ einigung. Denn die w e l t w e i t e Verbreitung der Erscheinungen des Quartärs, ins­ besondere der Vereisungen mit allen ihren A u s w i r k u n g e n , erfordert einen weltweiten Zusammenschluß der Forscher, w i e er v o r dem letzten K r i e g e sich zu bilden begonnen hatte. Nur durch die Zusammenarbeit der Forscher in der ganzen W e l t w i r d es möglich sein, das große P r o b l e m des „Eiszeitalters" einer Lösung näherzuführen.


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