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Europas Sammlermagazin

10/2021 64419

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Märkte und Börsen

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www.battenberg-gietl.de


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LESERuVROM X

E PER-ASE@

! 8ndaGhtscild Wir sind seit Generationen im Besitz eines alten, sakralen Bildes. Die Maße betragen 49 x 39 cm. Gerne würden wir mehr darüber erfahren. Können Sie feststellen, wer hier abgebildet ist? Wie hoch würden Sie den Wert dafür ansetzen?

! ! base Letzten Sommer habe ich als eifriger Trödelmarktbesucher eine schöne Vase gesehen, welche mir so gut gefallen hat, dass ich diese unbedingt haben musste. Leider kann ich weder Alter noch Material richtig zuordnen. Die Vase ist ca. 40 cm hoch und hat einen Durchmesser von rund 20 cm. Die Bodenvase ist meiner Meinung nach aus Ton/Keramik/Teracotta. In den Boden ist die Zahl 19/40 und das Wort „Handarbeit” eingeritzt. Mich würde interessieren, wie alt diese Vase ist, was die eingeritzte Zahl bedeutet und wer der Hersteller ist. Auch über eine ungefähre Wertangabe würde ich mich als langjähriger Leser und seit kurzem auch Abonnent sehr freuen, ebenso über eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „Trödler ”.

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Robert Scharf, Eppertshausen

Marco Lorenz, Kasendorf

Vorbild für diese Vase war der Entwurf von Anna-Lisa Thomson für UpsalaEkeby AB. Die sogenannte „Paprika-Vase“ wurde von 1948 bis in die 1960er-Jahre produziert. Die Vase in Ihrem Besitz ist etwas plumper und weniger präzise im Detail als das Original aus Schweden. Der Hinweis auf der Unterseite „Handarbeit“ und „119/40“ kennzeichnet die Vase als deutsches Produkt. In der Tat ist für die Firma Ilkra Keramik im Jahre 1958 die Modellnummer 119 vermerkt, welche in den Größen 30 cm, 40 cm und 50 cm ausgeführt wurde. Ilkra Edelkeramik in Ransbach-Baumbach kopierte zu gleicher Zeit auch die „Roulette“-Dekor-Vase von Schloßberg-Keramik. Plagiate und Nachahmungen waren in den 50er-Jahren nicht

Das religiöse Andachtsbild wurde seriell hergestellt. Das Foto zeigt den jungen Papst Piux X. und ist vermutlich kurz nach der Papstwahl im Jahre 1903 entstanden. Der Text sowie die Zelluloid-Plättchen mit Abbildungen von Hirtenstab, Mitra und Schlüssel sind eindeutige Hinweise. Das „Gewebe“, auf dem die Stickerei ausgeführt wurde, ähnelt Stramin, tatsächlich handelt es sich jedoch um ein regelmäßig gelochtes Spezialpapier, sogenannter Papierkanevas / Papier Canevas. Der Begriff „Canevas“ bezieht sich ursprünglich auf ein robustes Gewebe aus Hanf (lateinisch Cannabis), welches später auch aus Lein hergestellt wurde (Leinwand / canvas). Papiercanevas als Bastelmaterial ist seit den 1820er-Jahren bekannt und wurde zunächst in England hergestellt. Um 1880 gelang es deutschen Fabrikanten den Herstellungsprozess zu optimieren und die Papiere günstiger herzustellen. Im Zuge der Alphabetisierung der Bevölkerung im 19. Jahrhundert wurden von der Bibel inspirierte Sprüche als Wandschmuck immer beliebter, wohl auch weil die Bibel oft das einzige Buch im Hause war. Die Nachfrage nach dekorativen Bibelsprüchen bediente eine Haussegen-Industrie, welche bald nicht nur christliche Sprüche gestaltete. Sie reichten von „Der treuste Führer in der Not, das ist und bleibt der liebe Gott“ oder „de Drossel singt so nüdlich – wat ist dat hier gemütlich“ oder „Der Erde köstlichster Gewinn ist frohes Herz und reiner Sinn“ bis zu „Mann der Arbeit aufgewacht, und erkenne deine Macht, alle Räder stehen still

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unüblich, der Schutz geistigen Eigentums wurde in der Zeit des Wirtschaftswunders vernachlässigt. Zum Problem des Plagiats siehe auch den Text von Horst Makus in seinem maßgeblichen Fachbuch „Keramik der 50er Jahre“. Weil Plagiate, also nicht lizenzierte Imitationen, illegale Nachgüsse etc. das Preisgefüge für die Originale negativ beeinflussen und letztlich den Sammlermarkt zerstören, werden Plagiate / Fälschungen mit „Null“ bewertet. Die Vase hat folglich leider nur einen „Wert” als Gesprächsgrundlage zur Frage „nachgeahmt, imitiert oder bewusst gefälscht?“ Klaus-Dieter Müller, Kunstsachverständiger, Jagdschloss Göhrde

! In dieser Rubrik beantworten unsere Experten Ihre Fragen zu dem ein oder anderen guten Stück. Doch leider sehen wir uns außerstande, ganze Nachlässe oder sämtliche sich in Ihrem Haushalt befindlichen Trouvaillen bewerten und schätzen zu lassen. Auch bitten wir um Verständnis, wenn es mit der Bearbeitung länger dauert. Senden Sie uns also Ihre Anfrage nur zu einem zu bestimmenden Objekt – mit detaillierter Beschreibung und gutem Foto, auf dem das Objekt ganz abgebildet ist. Noch ein Hinweis zu den Preisen, die von Fall zu Fall von unseren Experten genannt werden: Hierbei handelt es sich um Richtwerte, die anhand von Fotos allein getroffen werden und je nach Zustand des Objekts nach oben oder unten korrigiert werden können. Ihre Anfrage schicken Sie bitte an: Femi berlags Fmcp Redavtion Leserfor5m Pfaffenhofener Str 0 T3240 ReiGhertsha5sen oder 9er EÖMail an infokgemi erlag de

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LESERuVROM 3 wenn dein starker Arm es will“. Der Entwurf wurde in den Manufakturen entsprechend der Zielgruppe gestaltet, die jeweilige Edition in großer Auflage bedruckt und so dann meist von Frauen in Heimarbeit arbeitsteilig bestickt und dekoriert. Einer der größten Hersteller, die Firma Julius R. Bramé in Niederschönhausen beschäftigte um 1900 etwa vierhundert Personen. (Siehe auch die Veröffentlichungen von Christa Pieske, Wolfgang Brückner oder Roland Halbritter zum Thema Haussegen Industrie oder Papiercanevas). Die Preise für die Vorläufer unserer heutigen Wand

eigenen, ernsthaften künstlerischen Ambitionen finanzierte. Solche Bilder wurden in den Kunstabteilungen bei Karstadt oder anderen Warenhäusern für einen halben Monatslohn an die arbeitende Bevölkerung der Wirtschaftswunderzeit verkauft. Der heutige Wert ist eher marginal, ein Betrag unter 100 Euro scheint angemessen. Klaus-Dieter Müller, Kunstsachverständiger, Jagdschloss Göhrde

! Porträt Als langjähriger Lesser Ihrer Zeitschrift habe ich einmal wieder ein Anliegen dieses Porträt betreffend. Das Bild ist hinter Glas, auf der Rückseite dicht verkelbt. Die Maße des Ovals sind 18 x 13 cm. Ich habe es vor über zehn Jahren in einer Trödelhandlung in Innsbruck in einem Karton entdeckt und für 10 Euro erstanden. Handelt es sich hierbei um eine kolorierte Fotorafie oder ist es doch eher ein Aquarell oder ein sogenannter Lichtddruck? Aus welcher Zeit könnte es stammen? Und schließlich: Hat es außer einem ideellen Wert auch einen, den man in Euro beziffern kann? Dietrich Metzener, Rehau

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Bei diesem Porträt handelt es sich um ein aquarelliertes Foto. Typisch für solche Atelierfotos waren Kulissen wie Ballustraden, Säulen oder Möbel, denn die

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Tattoos sind sehr niedrig. Es ist auch heute noch möglich, mit wenig Geld eine abwechslungsreiche Sammlung aufzubauen. Ich würde hier einen Wert von unter 30 Euro ansetzen.

Belichtungszeit konnte bis zu 30 Sekunden lang sein. Erfinder der Fotografie war Henry Talbot (1800-1877), der sein Negativ/Positivverfahren „Kalotypie” (schönes Bildwerk) nannte. Das mit Silberjodid präparierte Papier konnte nach der Aufnahme mithilfe von Wachs transparent gemacht werden und diente dann als Negativ, von dem mehrere Fotos abgezogen werden konnten. Bedingt durch das Papiernegativ sind die Ergebnisse meist „malerisch“ unscharf. Aquarellieren und das Nachzeichnen von Konturen war typisch für die Kalotypie-Porträts der Zeit um 1850. Das Porträt einer jungen Frau um 1850 im Neo Louis Seize-Rahmen bewerte ich mit 80 bis 120 Euro. Klaus-Dieter Müller, Kunstsachverständiger Jagdschloss Göhrde

Klaus-Dieter Müller, Kunstsachverständiger, Jagdschloss Göhrde

! Ulgemälde Ich bin im Besitz eines ca. 50 x 70 cm großen Ölgemäldes auf Leinwand. Signiert ist es „V. Beek“. Ich würde mich freuen zu erfahren, welchen Wert Sie dafür veranschlagen. Das Gemälde wurde in den 1960-Jahren erstanden. O.A. Puscher, o.O.

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Das Gemälde zeigt einen mäandernden Fluss, einen sandigen Weg und ein paar Birken. Der unbekannte Schnellmaler hat hier mit Repoussoir-Motiven eine Tiefe des Raumes geschaffen, in der die Seele des Betrachters flanieren kann. Technisch ähnelt die Malerei der von Bob Ross propagierten Schnellmalerei aus dekorativen, nicht immer logisch nebeneinander gestellten Versatzstücken. Das Ölbild ist mit dem Pseudonym „V. Beek“ signiert. Dahinter verbirgt sich vielleicht ein Herr Bachmann o.ä., der mit dieser Brotmalerei seine

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MAGAU E 6

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! Naumkunst Das Institut Mathildenhöhe präsentiert den zweiten Teil der neustrukturierten Sammlungsausstellung zur wegweisenden Raumkunst der Künstlerkolonie Darmstadt im Westflügel des Museum Künstlerkolonie (bis 28. November). Im Zentrum der neuen Sammlungspräsentation im Museum Künstlerkolonie stehen die drei großen Baukunst-Ausstellungen, die 1904, 1908 und 1914 auf der Mathildenhöhe stattgefunden haben. Anhand thematischer Schwerpunkte stellt die Ausstellung das innovative Schaffen und die kreativen Leistungen der Mitglieder der Künstlerkolonie Darmstadt (1899-1914) am Beginn des 20. Jahrhunderts heraus. Anknüpfend an „Raumkunst – Made in Darmstadt 1901“ nimmt auch der zweite Teil der Sammlungsausstellung Bezug auf die Idee der Künstlerkolonie-Mitglieder, mit jedem einzelnen Projektentwurf eine Durchdringung von Kunst und Alltag zu erreichen. Einzelne Objekte sollten nicht nur ästhetisch gestaltet sein, sondern im Zusammenspiel – als Teil komplett durchgestalteter Raumarrangements – zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Die Künstlerkolonie-Mitglieder leisteten mit der Erbauung und Einrichtung musterhafter Wohnhäuser wichtige Beiträge zur Ästhetisierung des Alltagslebens. In der Sammlungspräsentation wird die Idee einer neuen Wohnkultur anhand mehrerer innovativer Raumensembles erlebbar gemacht. Teil 2 der neuen Sammlungsschau umfasst den Westflügel im Museum Künstlerkolonie. Ein Kubus, dessen Wände der Katalog zur zweiten Künstlerkolonie-Ausstellung von 1904 schmückt, empfängt die

Besucherinnen und Besucher. Für die Dreihäusergruppe, die 1904 von Olbrich errichtet wurde, oder das Arbeiterhaus Opel, das auf der Hessischen Landesausstellung 1908 präsentiert wurde, entwarfen die Künstlerkolonie-Mitglieder sämtliche Details der Inneneinrichtungen: von Möbeln, Teppichen und Vorhängen über Skulpturen, Gläser und Besteck. Bahnbrechend war dabei die Tatsache, dass alle Ausstattungsgegenstände käuflich erworben werden konnten. Im Rahmen der letzten Künstlerkolonie-Ausstellung plante der Architekt Albin Müller eine dreigeschossige Miethäusergruppe, in der ebenso mo-

onische Dame, Muönze p1/6 Stater/vekteO aus Lhokaia, ca. 521-4R8 J. 7hr., Porderseite Bode-Museum Berlin Z Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett/ Bernhard ̈eisser derne wie kostengünstige Inneneinrichtungen zu bewundern waren. Es war das erste Mal in der Geschichte von Architekturausstellungen, dass ein solcher Gebäudekomplex gezeigt wurde. Die Neupräsentation fokussiert in unterschiedlichen Schwerpunkten auf die Entwicklung eines neuen ästhetischen Leitbilds, das Funktionalität, Einfachheit und serienmäßig hergestellte Waren mit innovativen Vertriebswegen verband. (Bis 28. November) Telefon: 06151 133385 ̈ebseite: www.mathildenhoehe.eu

Wohann Pincenz 7issarz / Friedrich Schoembs, äffenbach am Main, Ausstellungs lakat der Künstlerkolonie Darmstadt, 1904 nstitut MathildenhIhe, StVdtische Kunstsammlung Darmstadt Foto: Gregor Schuster

;dmund KIrner / vofmIbelfabrik Hudwig Alter, Darmstadt, Keks-LaJillon der Firma Bahlsen auf der Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt, 1914, aus: Die Kunst für Alle, 1914/15 nstitut MathildenhIhe, StVdtische Kunstsammlung Darmstadt Foto: Gregor Schuster 10 / 21

! veilige und GIttinnen Bilder von Weiblichkeit sind so alt wie die Kunst selbst. Seit 2.500 Jahren gehen sie auch auf Münzen und seit der Neuzeit durch die Medaillenkunst von Hand zu Hand. Zwischen Ursprungsvorstellungen und Aktualität – oder eben Eva und Greta – eröffnen sich zahlreiche Themenfelder, denen sich die Sonderausstellung des Münzkabinetts im Bode-Museum anhand von 231 Objekten aus 27 Jahrhunderten widmet. Münzen waren und sind Geld. Bis heute zeigen sie bisweilen Göttinnen, Herrscherinnen, Heilige. Bild, Form und Materialität treten in der Medaillenkunst ganz in den Vordergrund. Seit ihrer Entstehung in der Renaissance nimmt sie Frauen in verschiedenen Kontexten in den Blick. Von Herrscherinnen und Geehrten bis zu einer in weiten Teilen durch Arbeiten von Frauen getragenen Medaillenkunst der Gegenwart zeigt die Ausstellung 231 Objekte in drei eng miteinander verzahnten Sektionen: Frauen in Religion und Geschichte, dabei ablesbare soziale-kulturelle Verortungen sowie aktuelle Perspektiven. Anhand von Schwerpunkten – Antike, Mittelalter, Neuzeit, Gegenwart – bietet der chronologische Teil der Ausstellung einen weitgespannten Überblick. Dabei zeigen


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MAGAU E R sich kontextabhängige, sich wandelnde Perspektiven auf soziale Verortungen von Frauen. Auch dies erlaubt Rückschlüsse auf Künstlerinnen, Auftraggeber und Rezipienten. Die uralte und zugleich hochaktuelle Kulturtechnik Münze trifft auf eine lebendige Medaillenkunstszene. Bildhauerinnen und Bildhauer, die auch als Medaillenkünstler oder Münzgestalter bekannt sind, begegnen uns in Berlin und anderswo vielfältig etwa im öffentlichen Raum. Im Medium der Medaille lässt sich große Kunst in konzentrierter Form mobil und nachhaltig erfahren. Für diese Ausstellung haben 32 Medaillenkünstlerinnen Arbeiten eingereicht.

So zeigen sich verschiedene Potenziale: Münzen und Medaillen helfen auf verschiedene Weise da weiter, wo andere Quellen an ihre Grenzen stoßen. Als handliche und mobile Reliefträger, die mit allen Sinnen begreifbar sind und alle Sinne ansprechen, verbreiten sie Einblicke, Eindrücke und Emotionen, wie es andere Bildmedien, Sprache und Klang nicht vermögen. Nicht zuletzt helfen sie dabei, wichtige Fragen zu stellen und manche zu beantworten, etwa: Wie und warum werden Frauen auf Münzen und Medaillen gezeigt? Was kennzeichnet eine Frau, was einen Mann? Bestände des Münzkabinetts und Leihgaben bilden zusammen mit zwei Künstlereditionen, die eigens für diese Ausstellung angefertigt wurden, die Säulen der Schau. Eine Edition umfasst die Beiträge zum Jahresthema „Frauen“ des Berliner Medailleurkreises. Hinzu kommen Beiträge aus der Auslobung des Nachwuchspreises für eine Kunstmedaille „Drei Grazien“ aus dem Jahr 2020. (Bis 6. Januar 2022) Telefon: 030 266424242 ̈ebseite: www.smb.museum

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Weanne dÄArc, Medaille Jon Andreas A. Waöhnig, Nuöckseite, Berlin, 2020 Bode-Museum Berlin Z Staatliche Museen zu Berlin, Muönzkabinett/ Wohannes Kramer Die Editionen geleiten Besucherinnen und Besucher von historischen zu den aktuellen Themen der unmittelbaren Gegenwart. Auch der Ausstellungstitel ist Anregungen aus den Beiträgen zu verdanken. Durch die Zeiten wurden brennende Fragen im Relief-Rund von Münzen und Medaillen in die jeweilige Gegenwart in den Fokus genommen. „Eva“ blickt dabei auf tausende Jahre Kulturgeschichte und auch „Greta“ ziert von nun an Medaillen. Die bildliche Vergegenwärtigung theologischer Motive wie der „Erbsünde“ kann hochbrisante Konsequenzen zeitigen. Auch der Klimawandel und soziale Ungleichheit bleiben aktuelle Probleme, die die Medaillenkunst aufgreift. So wurde Greta Thunberg gleich auf zwei Beiträgen zum Jahresthema „Frauen“ des Berliner Medailleurkreises thematisiert. Der Beitrag von Heinz Hoyer setzt den GenderPay-Gap ins Bild. Auch zu den zentralen Fragen der Ausstellung können Medaillen Perspektiven eröffnen. Etwa zu der nach dem sozialen Geschlecht. Die mit dem Deutschen Medailleurpreis 2018 ausgezeichnete Medaille „Transident“ von Almuth Lohmann-Zell überwindet Unschärfen, welche Fragen nach Weiblichkeiten kennzeichnen. Berühmtheiten der Weltgeschichte finden sich in der Ausstellung inmitten einer bunten Themenvielfalt wieder.

! Flohmarkt zum Feiertag Nach phänomenalem Andrang und gelungenem Auftakt des monatlichen AntikFlohmarkts auf der Trabrennbahn Karlshorst mit 400 Händlern und 25.000 Besuchern im August und September geht das überregionale Antiquitäten-, Sammlerund Design-Event am 2. und 3. Oktober in die dritte Runde. Zum Einheit-Wochen-

ende wird es noch imposanter – wohl an die 700 Aussteller und Händler aus dem gesamten Bundesgebiet und angrenzenden Ausland treffen sich mit ihren prächtig gefüllten Hängern auf der riesigen Trabrennbahn und machen Berlin erneut zum Dreh- und Angelpunkt für handverlesene Raritäten. Besucher wie Händler sind sich einig und fasziniert vom großzügigen, naturbelassenen Gelände mit seiner magischen Atmosphäre, begeistert vom hochwertigen wie vielfältigen Angebot selten gesehener Objekte. Von der seltenen Briefmarke, alten Werbeschildern, gusseisernen Öfen, angesagtem Design-Interieur aus den 20ern bis 70ern, Vintage-Accessoires, Original Relikten aus der DDR bis zu opulenten Barockschränken und genialem Upcyclingmobiliar kommt jeder auf seine Rechnung. Der Markt ist das neue Highlight für Brancheninsider und Sammler, die für herausragende Stücke höhere Summen über den Tisch gehen lassen, als auch für Privatleute mit einem Faible für schönen Trödel und günstiges Second-Hand. Eine geniale Fusion von B2B und B2C mit Festival-Stimmung in einem Event. Das Publikum freut’s, denn Stöbern mit hoher Trefferquote macht glücklich – in Evergreens besonders. In angeregter Festtagsstimmung findet man hier Unikate für die eigene Sammlung, zum Wohnen, für Recherchen und Projekte, zum Verschenken oder einfach für sich selbst – hundertprozentig nachhaltig, hochwerig und so günstig wie nie. Für professionelle Aufkäufer aus München, Hamburg, Düsseldorf, Belgien, Dänemark, Holland, Schweden und noch von viel weiter her richten die Versanstalter einen Aufkäufer-Van-Parkplatz mit Anreiseund Übernachtungsmöglichkeit schon ab Freitag direkt bei der Einfahrt 1 ein. Telefon: 030 5099382 oder 01R6 58889385 ̈ebseite: www.oldthing.de/riesenflohmarkt

Das Angebot auf dem Trabrennbahn-Flohmarkt in Berlin ist überbordend 10 / 21


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TEFEjHAN W38 BFEyBNDE4 GFP9,

Der technische Kortschritt macht die Dinge kleiner: Mobiltelephone haben das Kormat der Gästeseife im Hotel erreichtR Tischgeräte arbeiten mit Kunk. so dass man mit dem H/ü rer in der Hand in den Garten gehen kannR Ein unLberschaubares Meer sogenannter ÜDesigngeräteX hat ?edes Geschmacksempfinden in leeren Effekten ertränktR Doch nun feiert ein Gerät aus dem Dritten 4eich seine 4enaissance: Das W38. der tUpische schwarze -akelitüKernsprecher. wird noch immer hergestellt und erfreut sich ungebrochener -eü liebtheitR

,lassische Korm Die Zeiten, als ein Fernsprechgerät ausschließlich nach den Erfordernissen seiner Funktion gestaltet wurde, sind offenkundig vorüber. Die einheitlichen Post-Geräte in unschönem Grau, die (zuweilen in der biederen Samtverkleidung) zum festen Erinnerungs-Inventar der siebziger Jahre gehören, waren keineswegs würdige Nachfolger des großen alten Schwarzen. Das seinerseits steht wie ein Synonym für das Telephon, es markiert den Zenit der Fernsprecherentwicklung. Bis heute taucht die klassische Form auf Piktogrammen und Visitenkarten auf. Als einer der

ganz großen Würfe des deutschen Industriedesigns hat dieses Telephon nicht nur in der Technikgeschichte seinen festen Platz, sondern auch in der Geschichte des Designs.

Der H/rer zum Bufknallen Wo alles im Rausch der Miniaturisierung immer winziger wird, besticht dieses Gerät vor allem dadurch, dass man hier noch wirklich etwas in der Hand hält. Der gehobene Versandhandel wirbt unter anderem damit, dass man bei diesem Telephon sogar noch den Hörer aufknallen kann, ohne

dass alles vom Tisch fällt. Doch schon beim Wählen erlebt man traditionelle mechanische Technik. Während die Konkurrenten nur piepsen oder verunglückte „polyphone” Tonleitern spielen können, rattert im originalen Tischgerät ein SiemensNummernschalter, der die Wählimpulse allein durch Federspannung, Rotation und Fliehkraft erzeugt. Das ist nicht nur ein achtenswertes Stück Ingenieurkunst, sondern funktioniert jahrzehntelang und immer absolut zuverlässig – wogegen die immer kürzer werdenden Innovationszyklen jedes heutigen Digitalgeräts nach zwei Jahren hoffnungslos veraltet aussehen lassen.

Modern. zweckmäVig. zu erlässig Echtes Klingeln hebt sich ebenso wohltuend aus dem digitalen Gewirr ab wie greifbare Masse. Ein Klöppel bimmelt auf zwei Metallschalen, das ist alles. Früher waren sie zwischendurch sogar aus Glas. Das Geräusch ist wie Musik, es ist unprätentiös und angenehm. Daher übrigens wird es immer mehr auch auf Mobilgeräte geladen (wie es ja inzwischen auch „echtes” Schreibmaschinenklappern als Hintergrundklang für den Computer gibt). Nicht zuletzt: Wählscheibe, Gabel und Hörer haben hier noch eine sachliche, ganz auf den Gebrauch abgestimmte Form, die auch etwas mit zeitloser Schönheit zu tun hat. Schade nur, dass besonders reger Zuspruch aus der Riege der Nostalgiker kommt, obwohl dieses Gerät alles andere als altertümlich ist. Seine Technik und seine Form sind ebenso modern wie etwa die des VW-Käfers, der Bauhaus-KnebelFinks: W38 DD4 1vöS – n der DD4 wurde das W38 einfach weiterproduziertR TUpisch fLr dieses Modell ist die markante Korm der 6prechmuschel Aben: W38 DD4 1vöS – Ein -lick ins nnere des DD4üW38 zeigt die berLhmten GlasglockenR 6olche E emplare sind eher selten zu finden


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TE9HN , v schalter oder der Leica. Darin, in der Freude am vermeintlich „Altmodischen”, liegt auch der Grund, weshalb immer wieder Neugeräte dieses Klassikers, etwa von Manufactum, in Internet-Auktionen auftauchen – da hat jemand eines nur aus nostalgischem Gefallen bestellt und erst hinterher gemerkt, dass ihm das richtige Wählen ohne Wiederholtaste doch zu umständlich ist.

Neuauflagen Die Bundespost bot 1989 eine eigene Neuauflage an, die schnell ausverkauft war. Die heutigen Geräte bestehen wahlweise aus alten Originalteilen oder Neuanfertigungen, und wie von der Firma Reiner zu erfahren ist, macht dabei nur die alte Schaltertechnik gewisse Schwierigkeiten.

„Der Nummernschalter ist eines der größten Probleme, die wir bei der Teilebeschaffung haben”, sagt Geschäftsführerin Birgit Steier. „Keine Firma baut diese noch.” Dennoch glänzen Fr. Reiners nagelneue W48-Geräte von den Manufactum-Katalogseiten herab. Auf Flohmärkten und im Internet findet seit jeher ein reger Handel mit den noch sehr zahlreich erhaltenen Altgeräten statt.

Telephonie mit Gewicht Denn das Telephonieren mit einem Gerät vom alten Schlag bietet nicht den Komfort, mit dem Digitalgeräte ihre Benutzer in Bequemlichkeiten gelockt haben. Es gibt keine Lautstärkeregelung, kein Makeln, normalerweise keine Rufumleitung und keine Tipptasten. Wenn eine automatische Ansage auffordert: „…drücken Sie bitte die Eins”, dann kann man nur hoffen, irgendwann auch so in die Vermittlung zu gelangen (sofern man keinen Adapter besitzt, der die Wählimpulse ins Tonwahlverfahren übersetzt). Wer aber bereit ist, diese wenig gravierenden Umstände hinzunehmen, erlebt dafür Telephonie mit Gewicht: Das verschafft einem beim Fernsprechen durchaus auch eine bessere Position – ein Wählvorgang von fünfzehn Sekunden bietet gute Gelegenheit, sich auf sein wesentliches Anliegen zu konzentrieren und seine Gedanken ein letztes Mal zu ordnen; und der fast 24 cm große Hörer ist auch in schwierigen Gesprächen stets der Griff, an dem man Halt finden kann.

Telephon des Wirtschaftswunders Das legendäre W38 (W bedeutet Wählfernsprecher) gehört mit seiner bekannteren Neuauflage W48 einer Gruppe von konstruktionsverwandten Geräten an, die ab 1928 von verschiedenen Firmen, darunter vor allem Siemens & Halske in Berlin, Friedrich Reiner in München sowie Hagenuk in Kiel, gebaut wurden. Das W48 wurde von allen am häufigsten und längsten gebaut, denn es wurde das Telefon der Wirtschaftswunderzeit: Bis heute wird es auch als Neugerät angeboten. Es gibt neben der schwarzen Standardausführung eine elfenbeinfarbene Variante mit grünen Ziffern sowie spezielle Modelle, die sowohl auf einen Tisch gestellt als auch an die Wand montiert werden können. Aben: WI8 – Das WI8 empfiehlt sich durch schnittige FinienfLhrung und un erwLstliche TechnikR Hier kann man auch mal wLtend den H/rer auf die Gabel knallen 4echts: Das WI8 ist die westdeutsche Nachkriegsü ersion des W38R Es wird heute wieder om Ariginalhersteller produziert 1C O 21


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1v30: MesseknLller Telephon Vom W28 zum W55 änderte sich gelegentlich die Bauform des Apparats, außerdem immer wieder die Schaltung. Allen gemeinsam ist ein stabiler schwarzer Korpus aus Bakelit, in dem ein Läutwerk und die Elektronik montiert sind, sowie der gebogene Hörer mit Hör- und Sprechkapsel, mit dem Apparat verbunden durch eine geflochtene und umwebte Mehrfachlitze. Das ganze wird dominiert von einer schweren Wählscheibe, hinter der sich ein emaillierter Eisenring befindet, der die Wählziffern trägt. Die Unterschiede sind also subtiler Art. Bis zur Einführung des Selbstwählverfahrens im Jahre 1925 hatte

man mit einer Kurbel das „Fräulein vom Amt” angeklingelt und wurde dann verbunden. Danach waren Geräte gefragt, mit denen man eine gewünschte Nummer selbst wählen konnte. Die Fernsprecherei entwickelte sich rasant: Von dem eher gedrungenen Modell W28 ausgehend, konstruierte Siemens & Halske im Jahre 1936 einen modernen Nachfolger. Da lief die Entwicklungsarbeit bereits seit zwei Jahren auf vollen Touren. In vielen Tests hatte man neue Formen, Materialien und Verfahren geprüft. Ziel dieser Anstrengungen war es, mit weniger Ressour-

ceneinsatz ein zuverlässigeres Gerät herzustellen. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse gefiel das Gerät dann vor allem aufgrund seines formschönen Gehäuses und seiner verbesserten Betriebseigenschaften; dieses Gerät war ein echter Fortschritt. Ganz perfekt war es indessen noch nicht: Wenn man schnell eine Eins wählte, Finks oben: WI8 Kirmenzeichen – 6ammler achten nicht nur auf technische Details. sondern or allem auf Herstellerzeichen Finks unten: WI8 – Es gibt xnterschiede in Karben und DetailsR KLr uns gilt das WI8 ?edoch als der Kernsprechapparat schlechthin Ganz oben: W28 – Der 7orläufer des Designklassiü kers ist das Modell W28R Es ist an der dLnneren Gabel leicht zu erkennen AbenR W28 – m Gebrauch empfiehlt sich das W28 durch seine schlankere Gestalt mit der ihr eigenen Eleganz 1C O 21


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TE9HN , 11 der von der Reichspost zugelassene Apparat W38 auf, der bis 1949 eingesetzt wurde. Bis 1940 war die Wählscheibe ebenfalls arrettiert. Die Kriegswirtschaft wirkte sich auf den Klang der Geräte aus: Denn ab 1941 verwendete man Glasglocken, weil das Metall für den Krieg gebraucht wurde. In der DDR klingelte es noch bis 1955 auf Glas. Dort blieb die Variante des Fernmeldewerks Nordhausen noch lange ein echtes Sparbrötchen –

mit Glasglocken, Einspulenläutwerk und Bakelitboden.

,ein Nachkriegskind Die Unterschiede zwischen dem Modell 36 und den späteren Baureihen sind deutlich gravierender als bei diesen unterein-

wurde sie vom Nummernschalter zur vorangegangenen Ziffer hinzugezählt, also wurde aus „4-5-1” irrtümlich „4-6”. Die Reichspost ließ nachbessern, bei der Gelegenheit wurde die Wandstärke des Gehäuses dicker. Trotzdem erhielt das Gerät keine Zulassung. Bis 1948 wurde von Siemens & Halske das „Modell 36” hergestellt, geeignet nur als Nebenstellenapparat. Bei aufgelegtem Hörer war, wie beim W28, die Wählscheibe blockiert.

Nummernschalter Besonders pfiffig wurde das Problem mit den falschen Wählergebnissen gelöst. Um eine Zwangspause von mindestens 0,12 s zwischen den Wählimpulsen zu erreichen, konstruierte man einen neuen Nummernschalter (NS38), der immer zwei Impulse zuviel erzeugte, die dann elektrisch wieder eliminiert wurden. Daher musste der Benutzer zum Wählen einer 1 die Wählscheibe fortan um drei Löcher bis zum Anschlag drehen. Das ist bis heute so geblieben. Ab 1940 erhielt auch der weiterhin hergestellte Ur-Apparat von 1936 diesen neuen Nummernschalter.

Glasglocken Obwohl das Wählen bei aufgelegtem Hörer durch einen speziellen Kontakt verhindert wurde, gab es bei den ersten Geräten des Modells W38 noch eine zusätzliche mechanische Wählsperre. 1940 kam auch Aben: W28 – Buch die charakteristische xmrahü mung des Wählbereichs ist ein Merkmal des W28 4echts oben: Modell 30 – 6chon mit dem Design der späteren Modelle. aber anderem nnenleben: Das Modell 30 war im Deutschen 4eich nur in priü aten Bnlagen in 7erwendung 4echts unten: Modell 30 rechts orne – E emplare aus dem Busland legen nahe. dass das Modell 30 dort auch regulär in Gebrauch war 1C O 21


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TE9HN , 12 ander. Vor allem die seitlich eingeführte Anschlussschnur ist ein absolut sicheres Merkmal, während Glasglocken auch später ergänzt worden sein könnten. Die Modelle ab W38 sind so kompatibel, dass man alle Einzelteile zwischen den Geräten austauschen kann. Das bedeutet, dass sich das W48 nicht eindeutig vom W38 unterscheidet: Der angebliche Klassiker der Nachkriegszeit steht in voller Kontinuität des deutschen Einheitstelephons, wie es von 1936 bis 1938 entwickelt und vor allem während des Krieges in allen Ämtern, Behörden und Firmen verwendet wurde. Das bedeutet, dass die Sammler und Benutzer, die ein Gerät aus der Wirtschaftswunderzeit zu kaufen vermeinen, ein waschechtes Stück deutschen Industriedesigns aus dem Dritten Reich nach Hause tragen. Mit diesen Geräten wurde nicht nur zwischen Reichs- und Parteikanzlei telephoniert, sondern auch in arisierten Unternehmen, in Ämtern und Privathaushalten; in Schulen, KdF-Heimen und Krankenhäusern. Freilich macht das den schlanken schwarzen Apparat keineswegs zum Telephon des Nationalsozialismus. Auch wenn Hitler und Vollstrecker alles fernmündliche mit diesen Geräten übermittelten, taten dies doch auch Widerstandskämpfer, Spione, Mitläufer und Verfolgte, Versteckte und Verstecker. Eben alle die bekannten und unbekannten – Hanna Reitsch genauso wie Oskar Schindler, Leni Riefenstahl, Heinz Rühmann oder die Geschwister Scholl. Und später, als alles anders kam – als das Land zertrümmert, besetzt und geteilt war, da war mit diesen Telephonen ein Stückchen Alltag gleichgeblieben.

WI8. der Telephonklassiker Die alten Baureihen wurden noch bis weit über die Trümmerzeit hinaus produziert und dann durch kaum veränderte Nachfolger abgelöst. Das W48, der Telephonklassiker der Wirtschaftswunderzeit, ist im Grunde das Gerät, das auf der Leipziger Messe des Jahres 1936 präsentiert und seither hergestellt wurde – bis heute. Dieses Modell 36 (weil es keine Zulassung der Reichspost hatte, heißt es nicht W36) wurde noch geraume Zeit, mindestens bis 1948, parallel zu seinen Nachfolgern hergestellt. Die Nachkriegsgeräte des Mo-

dells 36 stammen von Siemens und vom Fernmeldewerk Nordhausen. Auch in Österreich wurde der Apparat weitergebaut. Hierfür wurden alte Bauteile im großen Stil zu neuen Apparaten zusammengesetzt, so dass eine genaue Datierung nicht mehr möglich ist. Sogar noch in den sechziger Jahren wurden in Österreich alte 36er-Geräte aufgearbeitet.

-auteile austauschen Das war problemlos möglich, denn alle verwendeten Bauteile sind über die Jahrzehnte hinweg austauschbar. Die Post hatte stets dafür gesorgt, dass alle Geräte und Bauteile strengen Normen folgten: Erst in den frühen neunziger Jahren konnte man sich das Telephon anschaffen, das man haben wollte. Zuvor oblag die Entscheidung, was ans Netz angeschlossen werden durfte und was nicht, allein der Reichs- beziehungsweise Bundespost.

Deutsche Teilung: WI8 und Wöö Die Industrie hatte in diesen Zeiten die Aufgabe, neue Geräte zur Serienreife zu entwickeln und der Post zur Begutachtung vorzulegen. Erhielten die Geräte deren Placet, wurden Lizenzen an verschiedene Hersteller vergeben, die ihrerseits baugleiche Geräte herstellten. Daher kann ein W38 oder jedes andere dieser Geräte sowohl von Siemens & Halske als auch von Fr. Reiner, Hagenuk oder anderen Herstellern stammen. Nach dem Krieg wurde an diesem System nichts geändert, in der Bundesrepublik vergab die Deutsche Bundespost die Aufträge, in der DDR die Deutsche Post. Dortige Hersteller waren fast ausschließlich das Fernmeldewerk Nordhausen und die Firma RFT. Dabei erwies sich das W38 hüben wie drüben als echter Dauerbrenner. In der DDR wurde es noch während der ganzen fünfziger Jahre gebaut – benutzt wurde es sogar noch bis zum Ende des Arbeiter- und Bauernstaats, weil die alten Stücke weitaus zuverlässiger waren als alle ihre Nachfolger. Im Westen schuf man im Jahre 1948 einen praktisch baugleichen Nachfolger – im Jahr der Währungsreform nahm man die deutsche Teilung auch in Sachen Telephon vorweg. Noch in den siebziger Jahren wurde der Klassiker an die Deutsche Bundespost geliefert. Die TischWand-Kombination W49 aus dem Gründungsjahr der Bundesrepublik wurde bis 1970 hergestellt. Finks: WIv – Einfach formsch/n: aus -akelit mit Te tilkabel Aben: WIv – Das nnenleben eines WIv mit Metallglocken

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TE9HN , 13 Mit dem Modell W55 des Fernmeldewerks Nordhausen kam 1955 die Antwort aus dem real existierenden Sozialismus, die dann bis 1958 vom Band lief. Damit wurde ein letzter Beitrag zu dieser Modellgruppe geschaffen. Technisch sind all diese Geräte im Grunde gleich. Wie stark sich vor allem spätere Modelle am W38 orientieren, wird an der Tatsache deutlich, dass sich die Schaltung eines W48 aus den späten sechziger Jahren deutlich stärker vom ursprünglichen W48 unterscheidet als etwa von einem frühen W38.

Gestalterische ,ontinuität Die Gerätegruppe rund um den Klassiker W38 gehört zu den besten Beweisen für die Tatsache, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Bruch im Deutschen Produktdesign gab. Man darf nicht aus dem Blickfeld verlieren, wie innovativ die zwanziger und dreißiger Jahre in technischer und gestalterischer Hinsicht waren – die fünfziger Jahre haben auf den Gebieten der Feinmechanik, der Rundfunk- und Fernmeldetechnik sowie im Automobilbau weit mehr davon übernommen, als in dieser Zeit neu entwickelt wurde. Viele Gestaltungselemente, die man spontan mit der Nachkriegszeit verbindet, entstammen den zwanziger bis vierziger Jahren und waren von genau der funktionalen Sachlichkeit geprägt, die vom Bauhaus postuliert worden war. In vielen Bereichen wirkten auch kriegstechnische Erfordernisse auf die Produktgestaltung ein, so etwa bei Armbanduhren, Photoapparaten oder in der Funktechnik. Diese Umstände machen das W38 so wenig nationalsozialistisch, wie die DDR es hätte antifaschistisch machen können. Auch wenn die Entwicklerfirma Siemens & Halske Zwangsarbeiter eingesetzt hat: Die Funktionsprinzipien dieses Fernsprechgeräts waren schon vor dem Dritten Reich entwickelt worden, und seine äußere Form stand ganz im Dienste dessen, was man heute Ergonomie nennt. Und das unter so starker Bezugnahme auf den Vorgänger aus dem Jahr 1928, dass an diesem Alltagsklassiker die gestalterische Kontinuität von den zwanziger Jahren bis in unsere Zeit veranschaulicht werden kann.

wurf sowie Wandgeräte sind seltener und erzielen daher höhere Preise. Neugeräte in Bestzustand verfügen über moderne Elektronik und kosten 229 (Fr. Reiner) bzw. 249 Euro (Manufactum).

Reinigung der Hör- und Sprechkapseln sowie der Gabel sollte selbstverständlich sein.

-ezugsßuellen -eim BnschlieVen beachten Das Modell 36 hatte noch nie eine Postzulassung. Strenggenommen bedeutet dies, dass diese Geräte nicht betrieben werden dürfen (auch wenn sie natürlich problemlos funktionieren). Die Geräte haben einen mechanischen Nummernschalter, der die Rufnummer im Impulswahlverfahren wählt. Der Betrieb funktioniert an ISDN-Anlagen nur unter Zuhilfenahme eines Adapters, der die Wählimpulse in das Tonwahlverfahren übersetzt. Bei Servicenummern, die zur Eingabe einer Ziffer auffordern, benötigt man ebenfalls diesen Adapter.

Auf Flohmärkten und in Internet-Auktionen hat man die besten Chancen, günstig zu einem alten Stück zu kommen. Da gegenüber der Bezeichnung W48 alle anderen Modellreihen ein Schattendasein führen, lassen sich die besten Schnäppchen finden, wenn man nach den Modellen W38 oder W55 sucht. Nochmals lässt sich etwas sparen, wenn man keinen Wert auf Besterhaltung legt. Geräte mit einem oder mehreren ausgewechselten Bauteilen haben unter Sammlern keinen besonders hohen Wert – der Anwender kann sich also freuen.

Finks Was tun. wennqs klemmt5 Mit einem Schraubenzieher lassen sich die meisten kleinen Störungen leicht beheben. Die Sperrfeder des Nummernschalters kann vorsichtig justiert werden, falls sie aus ihrer Führung springt. Die Metallglocken können bei gelockerten Schrauben seitlich verschoben werden, falls sie zu nah am Klöppel stehen. Gelegentliche

www.fernsprechtechnik.de: Interessanter Anbieter von Geräten und Ersatzteilen www.fernsprecher.de: Museumsseite mit Bildern und Erläuterungen www.telefonmanufaktur.de: Das Angebot der Firma Fr. Reiner in München www.manufactum.de: Versandhandlung Manufactum Fotos: Alexander Glück

Wie iel ist mein Telephon wert5 Wie immer richtet sich der Marktwert nach Angebot und Nachfrage. In Gebrauchtwarenläden und auf Antikmärkten sind die Geräte am teuersten, auf dem einfachen Flohmarkt am billigsten. Die meistgebauten Geräte (W38, W48) kosten in durchschnittlicher Erhaltung zwischen 15 und 50 Euro. Geräte mit Zähluhr oder Münzein-estimmungstabelle 1C O 21

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Trödler 10/2021  

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