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noVemBer 2017

U1_Titel_SJ_1117.qxp_SJ Titel 09.10.17 17:20 Seite 1

November 2017 · B 1309 | € 7,50 Schweiz CHF 11,50 | Österreich € 8,00 | Be/ne/lux € 8,50

Sammler Journal

KUNST • ANTIQUITÄTEN • AUKTIONEN

Über 2.000 Termine

Schätzungen Auktionen Ausstellungen

MARIA SIBYLLA MERIAN GEMI

Tradition des Blumenbildes

Lubok 10 Jahre Künstlerbuch Axel Salto Bizarre Keramik


03_Inhalt.qxp_SJ Inhalt 09.10.17 17:25 Seite 1

INHALT

FOTOKUNST von Heidrun Th. Grigoleit

MARIA SIBYLLA MERIAN von Heidrun Th. Grigoleit Titelbild: Maria Sibylla Merian, Buschrose mit Miniermotte, Larve und Puppe, 1679 (nicht datiert), Aquarell und Deckfarben auf Pergament, 146 x 187 mm Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung, Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

10 JAHRE LUBOK SAMMLER-SERVICE

4

von Arlett Seidel

MAGAZIN

10

MESSETERMINE

18

KUNSTMARKT

20

AUKTIONSTERMINE

46

INSERENTENVERZEICHNIS

52

AXEL SALTO

AUKTIONSNOTIZEN

54

von Sabine Spindler

AUSSTELLUNGSTERMINE

74

AUSSTELLUNGEN

79

AUKTIONSPREISE

92

VORSCHAU | IMPRESSUM

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TONMÖBEL von Dr. Bettina Krogemann

24 28 38 66 84

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09_Lankes

09.10.2017

16:58 Uhr

Seite 1

www.lankes-auktionen.com


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MAGAZIN

Die dritte Dimension Wiener Schmucktage Vom 7. bis 12. November präsentieren rund 150 österreichische und internationale Schmuckschaffende im Rahmen der Wiener Schmucktage an 28 Orten in Wien zeitgenössischen Schmuck. Der Bogen spannt sich vom innovativen Autorenschmuck über Objektkunst, Upcycling- sowie Recycling-Design bis hin zum 3D-Schmuck, kinetischem und Hornschmuck sowie Präsentationen von aktuellen Schmuckkollektionen in traditionellen Gold- und Silberschmiedetechniken. Im Rahmen von Einzel- und Gruppenpräsentationen und Workshops mit Schmuckschaffenden und geführten Touren durch Galerien, Ateliers, Geschäften und in Museen wird für SchmuckliebhaberInnen zeitgenössisches Schmuckschaffen zum einzigartigen Erlebnis. Das eigens dafür entwickelte

Wiener Goldschmiedelehrgang, Alfred J. Römer, Ring TOKEN, 2001; Wiener Schmucktage Foto: David M. Peters/Wiener Schmucktage 2017

Elisabeth Krainer, Ohrschmuck 2017; Wiener Schmucktage Foto: David M. Peters/Wiener Schmucktage 2017

Sam Tho Duong, Kette Look, 2017, Galerie Moha; Wiener Schmucktage Foto: David M. Peters/Wiener Schmucktage 2017

Konzept sensibilisiert die optpisch wie haptische Wahrnehmung gleichermaßen und unterstützt auf lustvolle Weise die Beschäftigung mit Schmuck. Verantwortlich für die Programmkonzeption der Wiener Schmucktage sind Veronika Schwarzinger und Christina Werner. Der Auftakt findet am Dienstag, 7. November um 19.30 Uhr in Kooperation mit dem MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst in der MAK-Säulenhalle statt. Die Veranstaltung ist, wie in den Vorjahren, als Vernetzungstreffen angelegt: Neben den Programmpartnern und Experten sind alle Schmuckinteressierten zu einem Treffen eingeladen, um die präsentierten Schmukkkünstler kennen zu lernen. 2017 richtet sich eine internationale Ausschreibung an alle Schmuckkünstler, die eine Kleinserie oder eine Edition im Rahmen der Wiener Schmucktage im MAK präsentieren wollen. Die zehn von einer Jury ausgewählten Kleinserien und Editionen sind für die Dauer der Wiener Schmucktage in der MAK-Säulenhalle bzw. im MAK Design Shop zu sehen, wo sie auch erworben werden können. Zum ersten Mal findet heuer eine Diskussionsreihe zur zeitgenössischen Schmuckproduktion und ihren neuen Herausforderungen statt. Ziel ist es, ein Bewusstsein zu schaffen und eine Diskussion in Gang zu setzen, die Strategien, Potenziale und Alternativen auslotet und diese auf ihre Tauglichkeit überprüft. In den letzten drei Jahrzehnten sind die Übergänge zwischen verschiedenen Arten von Schmuckproduktion immer fließender geworden. Das Experimentieren mit unterschiedlichen Materialien sowie die Anwendung neuer und innovativer Techniken rücken immer stärker in den Mittelpunkt. Themen wie die Wertschätzung von handwerklicher Kompetenz und Fachwissen, die Rückbesinnung auf Tradition vor dem Hintergrund geänderter Produktionsbedingungen und verändertem Konsumverhalten sowie der verantwortungsvolle Umgang mit Materialressourcen sind heute für Schmuckschaffende entscheidende Parameter bei der Gestaltung ihrer Arbeiten. TELEFON | 0043/699/14093221 INTERNET | www.wienerschmucktage.at


11_Arnold

10.10.2017

9:17 Uhr

Seite 1

www.auktionshaus-arnold.de

www.auktionshaus-ineichen.ch

www.catawiki.de/verkaufen


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MAGAZIN

Aktuelle Strömungen EdinburghArtFair 2005 gegründet, ist die „EdinburghArtFair“die älteste noch existente Messe für zeitgenössische Kunst in Schottland. Jedes Jahr im November kommen zwischen 60 und 70 Galerien nicht nur aus ganz Großbritannien, sondern aus der ganzen Welt zur Edinburgher Corn Exchange, um ihre Schätze zu präsentieren. In diesem Jahr ist es zwischen dem 17. und 19. November wieder soweit. Malerei, Grafik, Fotografie, Keramik, Glas und Bildhauerei sind die Disziplinen, aus denen der Besucher wählen kann. Im Vorfeld wurden die Objekte auf Qualität geprüft. Die Preise bewegen sich zwischen 100 und 50.000 Pfund. Zur besseren Vorab-Orientierung empfiehlt es sich, den Katalog zu studieren und seine Route nach den bevorzugten Galerien zu richten. Auf jeden Fall sollte man genügend Zeit mitbringen, um den Besuch mit allen Sinnen zu genießen. TELEFON | 0044/1875819595 INTERNET | www.artedinburgh.com

Ed Chapman, John Lennon, George Thornton Gallery; Edinburgh Art Fair

Novecento, ein Hauch Italien; Edinburgh Art Fair

Zum Optimieren der Einrichtung 41. Antica Namur (B) In ihrem 40-jährigen Bestehen hat die Antica Namur vom 11. bis 19. November dank einer strategischen Leitung ihre Position als eine der wichtigsten europäischen Veranstaltungen festigen können. Jahr für Jahr bestätigen sich die starke Zunahme und der wachsende Bekanntheitsgrad aufs Neue. Tatsächlich sind immer mehr internationale Galeristen an einer Mitwirkung interessiert. Und sämtliche europäischen Akteure (vor allem in Frankreich, Deutschland,

Luxemburg und den Niederlanden) haben diesen Termin in ihrem Kalender vorgemerkt. Die 41. Antica Namur ist also in mehr als einer Hinsicht ein Ereignis. Zunächst einmal bildet sie im Veranstaltungsherbst den Auftakt für Kunstliebhaber und Sammler in dieser Region. „Die Terminwahl für die Messe geschah keinesfalls zufällig”, erläutert Luc Darte, der Messeleiter. „In Belgien zieht sich der Altweibersommer bis in den Oktober hinein und die Menschen verbringen gerne möglichst viel Zeit im Freien. Aber im November werden die eigenen vier Wände wieder wichtiger. Das ist der Moment, in dem man sich mehr um seine Einrichtung kümmert, die Dekoration optimiert oder ergänzt. Sammler, Dekorateure und andere Profis drängen sich deshalb zu diesem Event.” Insgesamt 125 Aussteller aus Belgien und dem Ausland (darunter immer mehr Teilnehmer aus Frankreich) präsentieren ihre neuesten Errungenschaften und Fundstücke. Alle Facetten von Kunsthandwerk und Bildhauerei kommen hier zu Ehren: Mobiliar, antike Gemälde und Skulpturen, Schmuck, Silberwaren, naive Kunst, Vintage-Objekte sowie Kuriositäten. Hier harmonieren Antiquitäten mit Modernität, denn das „Moderne”, zeitgenössische Kunst und Design, ist bei Antica Namur durchaus präsent und gewinnt an Boden. Das heißt natürlich nicht, dass „die Antiquitäten passé” sind. Im Gegenteil, bei den Kunstfreunden lässt sich ein Trend zur Tradition hin beobachten. „Die Antica Namur


13_Bamberger

09.10.2017

16:58 Uhr

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AUKTIONSHAUS

P E90402TNürnberg E R ❖ Karolinenstraße B A M B6 E R G E R Telefon 0911 / 22 21 20 ❖ Telefax 0911 / 20 85 74

105. Auktion

Samstag ❖ 18. Nov. 2017 ❖ 930 Uhr Vorbesichtigung: 13. bis 15. Nov. 2017, 1500 bis 2000 Uhr Illustrierter Katalog auf Anfrage und ab ca. 03.11. unter

www.auktionshaus-bamberger.de Aus Slg. F.J. Lipowski „Slg. Baierischer National Costume” um 1830

Aus der Slg. Steinzeug u. Hafnerware 17.–19. Jh.

Aus der Sammlung Spazierstöcke

Albert de Marees, dat. 1869. Niederländische Schiffe vor Helgoland. Öl/Lwd. 46:61 cm

Michael E. Sachs (1836–1893). Indianer und Tiere flüchten vor Präriebrand. Öl/Lwd. 68:93 cm

www.kunst-und-kuriosa.de


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MAGAZIN

reiche Ausstellungen internationaler Jungdesignerinnen und Jungdesigner und Veranstaltungen von Kulturschaffenden in und um Feldkirch. Festivalleiter Ingo Türtscher freut sich außerdem, ein weiteres Highlight bekanntgeben zu dürfen: „Auf die Besucherinnen und Besucher wartet zum ersten Mal das Schwerpunktthema Typografie. Wir sind stolz, gemeinsam mit den renommierten Typografen Jost Hochuli und Roland Stieger ein Projekt verwirklichen zu können.“ Wie schon im Vorjahr, findet am letzten Festivalwochenende die beliebte Verkaufsplattform im Pförtnerhaus und Alten Hallenbad statt. Von innovativem Schmuckdesign aus Japan, über nachhaltige Mode aus Bulgarien bis hin zu

Ayline Olukman, Flipside, 2017, Courtesy Galerie Bertrand Gillig; ST-ART, Straßburg © ST-ART

du Muy“, von Bernar Venet in seiner Heimat, der Provence, entdeckt, ist gleichzeitig Inspiration und Schmuckkästchen der Fondation Venet: Ein außergewöhnlicher Ort von vier Hektar vereint – von einer allgegenwärtigen Natur umgeben – historische, industrielle und zeitgenössische Architektur, einen Skulpturenpark, frühere und aktuelle Werke des Künstlers sowie Sammlungen von symbolträchtigen Werken der konzeptuellen und minimalistischen Kunst. Bernar Venet und seine Frau Diane möchten ihre Leidenschaft mit einem breiteren Publikum teilen, das in der Lage ist, die Magie dieses einzigartigen Ort sowie die unglaubliche künstlerische Dichte in den Werken des Künstlers sowie in denen seiner Sammlung zu spüren. Die Fondation Venet präsentiert auf der „ST-ART” unter anderem Werke folgender Künstler: Bernar Venet, Sol LeWitt, Arman, Robert Morris, César, Lawrence Weiner sowie signierte und Bernar Venet gewidmete Werke von Donald Judd, Franck Stella, Man Ray und Marcel Duchamp. TELEFON | 0033/388376767 INTERNET | www.st-art.com

Robyn Base, Surreal Light 2014, Courtesy Galerie Cascade Artspace; ST-ART, Straßburg © ST-ART

heimischem Möbeldesign bietet die Messe allen Designinteressierten die Chance, live an der Produktion teilzuhaben und in die Arbeiten von rund 80 Ausstellerinnen und Ausstellern einzutauchen. TELEFON | 0043/664/4676077 INTERNET | www.potentiale.at

Innovativ und nachhaltig 3. POTENTIALe in Feldkirch (A) Zwischen dem 25. Oktober und 12. November findet zum dritten Mal die „POTENTIALe” in Feldkirch statt. Nach dem fulminanten 10-Jahres-Jubiläum im letzten Jahr geht die „Art-Design” heuer als „POTENTIALe” komplett im Festival der kreativen Stadtraumgestaltung auf. An drei Wochenenden im Spätherbst wird Feldkirch einmal mehr zum Schauplatz für kreative Arbeiten aus den Bereichen Design, Fotografie und Medienkunst. Die in den Vorjahren etablierten Programmschienen „TALENTe”, „PROJEKTe” und „NETZWERKe” schaffen den Rahmen für facetten-

„POTENTIALe”, 2016, Feldkirch (A).

© Magdalena Türtscher


023_Jaarbeurs

11.09.2017

20:03 Uhr

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www.verzamelaarsjaarbeurs.nl


20_22_Kunstmarkt.qxp_SJ Redaktion 09.10.17 17:33 Seite 2

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KUNSTMARKT

Bestandsaufnahme Sechs Monate in der Welt der Auktionen Nach zwei Jahren des Abschwungs hat der Auktionsmarkt die Latte in den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 wieder höher gelegt. Die weltweite Bilanz ist vielversprechend: 6,9 Milliarden Dollar Umsatz durch den Verkauf von Kunstwerken im ersten Halbjahr und großes Verbesserungspotential in Großbritannien und Frankreich. Auch der Markt zeitgenössischer Kunst zeigt frischen Elan. Von Angesicht zu Angesicht: China/USA Die weltweiten Leistungen von Kunstauktionen zeigen eine Steigerung von 5,3 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Jahres 2016. Diese Erholung ist im Wesentlichen den Leistungen des amerikanischen Marktes zuzuschreiben, dessen Umsatz einen Sprung von plus 28 Prozent gemacht hat. In den Vereinigten Staaten wurden innerhalb von sechs Monaten 38.000 Kunstwerke für insgesamt 2,2 Milliarden Dollar verkauft. Dank diesem Erlös überholt der amerikanische Markt den chinesischen um Haaresbreite: Dort wurden im gleichen Zeitraum 37.900 Kunstwerke im Wert von zwei Milliarden Dollar bei Versteigerungen verkauft. Die beiden Supermächte liefern sich dieses Jahr sowohl, was das Transaktionsvolumen als auch den Umsatz angeht, ein Kopf-anKopf-Rennen. Dieses neue Gleichgewicht, das nie zuvor erreicht worden war, ist das Ergebnis einer komplett entgegengesetzten Entwicklung auf den beiden Seiten des Pazifiks. Während der Verkaufserlös in den USA um plus 28 Prozent ansteigt, erleidet China einen Abschwung von minus 12 Prozent. Der Sturz von minus 12 Prozent im chinesischen Markt erklärt sich durch die reduzierte Anzahl an verkauften Losen (minus 16 Prozent) und nicht durch eine eventuelle Destabilisierung des Preises der Kunstwerke. Das heißt, dass der Rückgang, der derzeit nahezu überall im Land zu verzeichnen ist (Peking, Nanjing, Hongkong und Hangzhou) als Umstrukturierung des Marktes auf nationaler Ebene ausge-

legt werden muss. Genau wie die USA es 2016 und Großbritannien es im Jahre 2014 durchgemacht haben, befindet China sich nun in einer Zeit der Umstrukturierung, die sich durch eine notwendige Reduzierung der Anzahl an Verkäufen auszeichnet. Die zweitstärkste Macht auf dem weltweiten Kunstmarkt leidet allerdings nicht. Das Land verzeichnet nach sehr vielen Rekorden eine gesunde Berichtigung. Es gewinnt an Reife und lässt keine Spekulationsblase entstehen. Einer der beruhigendsten Faktoren, der diese Schlussfolgerung zulässt, ist die deutliche Verbesserung der Anzahl an unverkauften Werken in China: Diese Anzahl war dort im Laufe der letzten zwei Jahre auf einen bedrohlichen Anteil von 70 Prozent im ersten Halbjahr 2016 angestiegen. Dieses Jahr zeigt sich ein viel stabilerer Wert von 54 Prozent, der in den Jahren 2013 und 2014 – der Blütezeit des chinesischen Marktes – ebenfalls vorherrschte. Darüber hinaus beschleunigt sich der Umlauf der Künstler zwischen China und den Vereinigten Staaten. Obwohl die Kraft des chinesischen Marktes in erster Linie auf nationalen Künstlern beruht, ändert sich der Geschmack der chinesischen Investoren und Sammler. Sie kaufen immer mehr Werke der großen Künstler des Westens, wie Monet, Van Gogh, Picasso, Rembrandt, Bacon oder Modigliani, und diversifizieren ihre Kollektionen derzeit auf vielfältige Art und Weise: Sie kaufen Kunstwerke in London, Paris und New York sowie bei großen chinesischen Auktionshäusern, die im Begriff sind, europäische Künstler in ihre Kataloge aufzunehmen. Christie's und Sotheby's haben die Herausforderungen dieser Öffnung des Marktes gut erkannt und wohlhabende chinesische Sammler nach New York gelockt, indem sie zweimal im Jahr eine große Auktionswoche für den asiatischen Markt organisieren (März und September). Der Beweis, dass diese Strategie funktioniert, wurde bereits erbracht: Bei der asiatischen Auktion im März 2017 wurde die Schriftrolle Six Dragons von Chen Rong für fast 49 Millionen Dollar verkauft, während die Schätzungen sich auf zwischen 1,2 Millionen und 1,8 Millionen Dollar beliefen. Mit diesem Hammerschlag hat Christie's das teuerste chinesische Kunstwerk außerhalb des Landes verkauft und zugleich einen neuen absoluten Rekord für Chen Rong erzielt. Es hat damit gezeigt, dass der New Yorker Marktplatz in Sachen chinesische Meisterwerke jetzt

Chen Ron, Six Dragons (Christie's, New York, März 2017, Ergebnis 40.911.750 Euro)

© Christie’s Images Limited 2017 Limited


66_73_Axel_Salto.qxp_SJ Redaktion 09.10.17 17:41 Seite 2

Axel Salto

Axel Salto Von Sabine Spindler

Von der heftig geführten Diskussion um Funktionalität und Sachlichkeit, die Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzte, ließ sich der Däne Axel Johann Salto sein ganzes Leben lang nicht beirren. Inspirationsquelle und ästhetisches Vorbild für seine bizarren, scheinbar pulsierenden Keramiken, die heute zu den gefragtesten auf dem Kunstmarkt zählen, war die Natur. Und doch war der 1889 geborene Künstler zu modern, zu unabhängig und zu kreativ, um sich auf einen simplen Naturalismus einzulassen.

Auf dem Höhepunkt seines Schaffens, in der Zeit zwischen 1940 bis zu seinem Tod 1961, sahen die Gefäße des Keramikers Axel Salto (18891961) aus wie gerade aufbrechende Knospen, wie ins überdimensionale Format aufgeblasene Pflanzenstile mit wuchernden Haarzotteln, wie noppige Samenkapseln. Mit ihnen tauchte der Künstler tief hinein in eine Philosophie der Moderne, die sich von der distanziert-kühlen Konstruktivität und vom Zusammenspiel zwischen Technik und Form, das andere Zeitgenossen verfolgten, abhob. „Die Natur ist stets in Bewegung, entweder sie wächst oder sie verblüht.“, notierte er 1949. Den ewigen Kreislauf vom Werden und Vergehen, den er in der Natur beobachtete, reflektierte er in seinen Gefäßen und wagte sich heran an eine neue Gestaltungsweise, die die gängigen ästhetischen Muster in der Gefäßkeramik sprengten. Saltos Kreationen waren skulptural, organisch und von expressiven Formen bestimmt. Vor allem in der Nachkriegszeit wirkten seine Kreationen – im Zusammenspiel mit den Glasuren – monströs, übertrieben, morbide. Das Ungezügelte brach aus den Naturformen heraus. Das Naturabbild verselbständigte sich zu einer abstrakten Vitalität.

FLORALE SCHÖNHEIT Die Natur als ein geistiges Konzept zu verstehen – da war Axel Salto, der

Salto’scher Stilmix – große, dreiseitige Vase von 1956, in denen Salto Ritzdekore und knospende Elemente miteinander verbunden hat. Steingut mit blauer Glasur, Schultern z. T. braun glasiert, Modell 21323 der Manufaktur Royal Copenhagen, signiert „SALTO“, H 45 cm. Bei umgerechnet fast 80.000 Euro wechselte die Vase voriges Jahr bei Bruun Rasmussen den Besitzer. Foto: Bruun Rasmussen


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KERAMIK

anfänglich seine künstlerische Prägung als Maler und Grafiker und weniger als Formgestalter und Kunsthandwerker erfuhr, nicht der einzige. Wie nah Natur und Abstraktion, Pflanzen und künstlerische Formen beieinander liegen, hatte Ende der Zwanzigerjahre schon der Fotograf Karl Blossfeldt vorgeführt. Mit seinen vierzig- bis fünfzigfachen Vergrößerungen von Blättern, Sprossen und Samenkapseln verdeutlichte er ein unsichtbares Regelwerk floraler Schönheit, das aus Symmetrie und Exzentrik besteht. Unter dem mikroskopischen Blick reihen sich Samenkapseln und Sporen eines banalen Farnkrauts etwa wie ein ornamentales Ordnungssystem aneinander. Ob Salto die Fotografien von Blossfeldt je gesehen hat, ist nicht bekannt. Saltos immer freierer Umgang mit Naturformen stand, so einige Kenner seines Werks, auch in Zusammenhang mit seinem Interesse am Kunstgeschehen. Impulse für so organische Gebilde wie etwa die olivgrüne, aus Schlingen bestehende Vase aus den 1940er-Jahren bezog er möglicherweise auch von der abstrakten Malerei der Cobra-Gruppe, die sich einer gestischen Expressivität und einer naiv-ursprünglichen Emotionalität verschrieben hatte. Asger Jorn, einer der Köpfe der Gruppe, lebte nur einen Steinwurf von Salto entfernt.

Vegetation auf dem Höhepunkt: Axel Saltos „Sommervase“ zählt zu den frühen Meisterwerken. Der Entwurf stammt von 1931. Als Modell 20250 wurde er 1957 und auch noch nach Saltos Tod von Royal Copenhagen realisiert. Steingut mit miesmuschelfarbener Glasur, signiert „SALTO“, H 32,5 cm. Das abgebildete Stück war ein Geburtstagsgeschenk Saltos an seine Tochter im Jahre 1959. Phillips versteigerte das aufgrund der Provenienz geadelte Stück 2016 für 160.000 britische Pfund. Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com

DIE DREI SALTO-STILE Axel Salto gilt heute als einer der großen, bahnbrechenden Keramiker des 20. Jahrhunderts, der in diese Szene eine ganz individuelle Handschrift eingebracht hat. Anders als sein Zeitgenosse Arne Bang, der mit seiner Rippenkeramik ebenfalls einen bildhauerischen Zugang zu seinen Werken verrät, hatte Salto nie ein eigenes Studio. Für ihn war die Herstellung der Keramiken immer ein Gemeinschaftsakt vieler. Dass Salto dabei der kreative Vordenker war und dass seine bereits im Kopf entstandenen Visionen umgesetzt wurden, liegt auf der Hand. Saltos Werk ist nicht wie bei vielen anderen eine Abfolge von Werkphasen, Perioden und Experimenten. In den drei Jahrzehnten, in denen er sich mit Steingut-Gefäßen befasst hat, hat er immer wieder auf bestimmte, schon früh entwickelte Ausdrucksformen zurückgegriffen, die er zudem parallel in seinem ganzen Schaffen verwendete und zum Teil variierte.

Klassischer Stil – kürbisförmige Flaschenvase aus Steingut, olivgrüne Glasur, wohl nach 1950 entworfen, hergestellt von Royal Copenhagen, signiert „SALTO“, H 22,5 cm. Der Auktionserlös dafür lag 2016 bei Bruun Rasmussen umgerechnet bei 1.900 Euro. Foto: Bruun Rasmussen

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KERAMIK

Saltos künstlerische Idee hieß: „Die den Dingen innewohnenden Kräfte zum Ausdruck zu bringen“. Aber er unterschied drei verschiede Stile, um ihr nahe zu kommen: den „fluting“, also Rillen-Stil; den „spirende, engöllisch sprouting“, also Sprossenstil sowie den „knoppende“, sprich knospenden Stil.

DER „KNOPPENDE“ STIL Saltos vielseitige und reiche Produktion steht in engem Zusammenhang mit der Porzellanfabrik Royal Copenhagen. Ende der 1930er-Jahre baute das schon im 18. Jahrhundert gegründete Unternehmen seine Steingut-Linie wieder aus, deren moderne, wagemutige Ausrichtung ohne Axel Salto undenkbar gewesen wäre. Jedes Stück ist nicht nur mit den drei blauen Wellenlinien gemarkt, sondern auch mit dem Schriftzug „SALTO“ versehen. Über 20 Jahre lieferte er der dänischen Manufaktur Entwürfe, mehr als 3.000 sind heute im Archiv enthalten. Die spektakulärsten und sich kühn von der Tradition lösenden sind zweifelsohne seine Kreationen im sogenannten Knospenstil, im englischen auch als „budding style“ bezeichnet. Er charakterisiert sich über sich scheinbar durch die Wandung brechende Frucht-, Blüten- und Samenbestandteile, die mitunter auch wie Oberflä-

chenornamente wie ein traditionelles Wabenmuster erscheinen können. Erinnerten diese Dekore in den frühen 1930er-Jahren eher an Maiskolben, so nahmen sie ab den 1940er-Jahren mehr und mehr die Gestalt von vehementen, von wilden Urtrieben gesteuerte Samenformationen an wie auch die fast kugelförmige Vase von 1953 demonstriert. Wie von einer Kraft im Inneren gesteuert, streben die Noppen mit roher Gewalt in den Raum. Salto brachte mit diesen berstenden Gebilden frischen Wind in die Keramikszene. Auch seine erst nach dem Krieg entwickelten Fruchtformenflaschen mit ihren schwellenden Details, deren Plastizität aufgrund verschiedenfarbiger Glasuren im HellDunkel-Kontrast verstärkt wurde, erweiterten das formale Spektrum der modernen Keramik auf bislang nicht gekannte Art. Die Natur als eine brachiale Gewalt, versinnbildlicht in einer Vase. Salto selbst verstand diese Fruchtformen sowie auch die mit spitzen Zotteln versehenen, verwunschen-aggressiv aussehenden Wundergebilde, deren frühe Exemplare schon in die Zeit um 1940 datieren und die bereits 1941 in einem Fachaufsatz Saltos abgebildet wurde, als eine weitere Steigerung des „knoppende Stil“. Sein Kommentar dazu: „Die Vase ist ein lebender Organismus. Ihr Körper bricht auf wie

Oben: Außergewöhnliches Einzelstück und Auktionsrekord für Axel Salto: 373.000 britische Pfund kostete die Vase im sogenannten „knoppende“ Stil mit dekonstruktivistischen Anklängen 2013 im Auktionshaus Phillips. Steingut mit Solfataraglasur, hergestellt bei Royal Copenhagen, Dänemark, am Boden eingeritzt „SALTO“ „DEC Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com 1944“, H 41 cm Mitte: Wie ein aufbrechender Lärchenzapfen – im „knoppende“ Stil gestaltete Vase, 1957, Steingut mit gefleckter gelb-grüner Glasur, Royal Copenhagen, Modell 21455, Foto: Bernd Goeckler Gallery signiert „SALTO“, H ca. 26 cm Unten: Erzählt vom Werden und Vergehen der Natur: Axel Saltos Noppenvase von 1953, Steingut, Emailleglasur, H 60 cm, signiert „SALTO“, gemarkt Royal Copenhagen Dänemark, Nummer 21671, bei Christie’s in Paris für 313.000 Euro (inkl. AufFoto: Christie’s © Christie’s Images Limited 2017 geld) versteigert


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KERAMIK

eine Knospe, die sich zu einem sprießenden und manchmal stechenden Gefäß entwickelt.“

DER „SPIRENDE“ STIL Vasen wie der ockerfarbene, ovoide Schultertopf mit dem allseits umlaufenden, erhabenen Heckendekor lassen keinen Zweifel daran, dass Axel Salto auch von chinesischen Keramiken beeinflusst wurde. Bereits in der Sung- und Mingdynastie, aus europäischer Sicht die Zeit vom 10. Jahrhundert bis zum 16. Jahrhundert, entstanden Gefäße mit derartigen reliefartigen Dekoren. Das Art Déco mit seinem Hang zur Exotik nahm den asiatischen Stil mit Begeisterung auf und auch die europäischen Keramiker ließen sich von den ästhetischen Formen und spielerischen Dekoren aus dem Fernen Osten auf ganz unterschiedliche Weise inspirieren. Der englische Töpfer Bernard Leach erhob das Nacheifern japanischer traditioneller Töpferware gar zur Stilnorm der Moderne. Auf diesen orthodoxen Weg allerdings ließ sich Salto nicht ein. Die Ming-Vorbilder waren nur im weitesten Sinne Inspiration. Er variierte diesen von ihm wegen der zahlreichen Ranken, Hecken und dichten vegetabilen Darstellungen „sprouting“, also sprießender Stil genannten Typus, auf vielfältige Weise. Die Arbeiten

dieses Typus bewegen sich zwischen zarten, an der Natur orientierten Darstellungen und fleischigen, ins Abstrakte abdriftende Oberflächenstrukturen, die als Versuch gewertet werden können, Keramik und moderne, bildhauerische Ambitionen miteinander zu verknüpfen. Viele Werke wirken wie plastische Reliefs. Bis in die 1950er-Jahre hinein hat Salto auch eine Variante immer wieder aufgelegt, die eine Mischform zwischen knoppende und sproutende darstellt. Aus glattwandigen, kugelförmigen Gefäßen lässt er nach oben hin Fruchtzweige „herauswachsen“.

ASIATISCHE ANLEIHEN Saltos Neigung zu ostasiatischen Vorbildern führt zurück zu seinen ersten Entwürfen für die Keramikindustrie. Für die legendäre Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes 1925 in Paris plante die dänische Porzellanmanufaktur Bing & Grøndahl, ein modernes, auf das internationale Publikum zielendes Programm aufzulegen. Vom damaligen Direktor des Industriemuseet – heute Designmuseum Danmark – kam der Vorschlag, Porzellan der Mingzeit in das Europa des 20. Jahrhunderts zu transformieren. Salto lebte und arbeitete zu dieser Zeit in Südfrankreich und

Oben: Weich geformt – seltene, einer reifenden Frucht nachempfundene Vase mit schwellenden Formen und winziger Öffnung, Steingut mit Ochsenblut-Glasur, Entwurf vermutlich um 1950, ausgeführt von Royal Copenhagen, Modell 20819, signiert „SALTO“, H 33,5 cm, bei Bruun Rasmussen in Kopenhagen für umgerechnet Foto: Bruun Rasmussen 47.000 Euro versteigert Mitte: Mit asiatischem Touch – Schultervase mit erhabenem Dekor von ca. 1960, Steingut, gelb-grüne Glasur, signiert „SALTO“, mit Wellenmarke von Royal CopenFoto: Bernd Goeckler Gallery hagen, Dänemark, H ca. 30 cm Unten: Alles fließt bei diesem Einzelstück in Steingut im „spirende“ Stil. Hergestellt von Royal Copenhagen, signiert und datiert „SALTO/1945“, Sung- und SolfataraGlasur, H 48,5 cm. Mit 160.000 britischen Pfund erzielte Phillips in London 2012 Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com einen Spitzenpreis.

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Links: Dreidimensionaler Dekor – handgeformte Vase mit frei modellierten Details im sogenannten „spirende“ Stil, die Triebe und Wurzelsprossen assoziieren. Prototyp und möglicherweise Unikat, das ursprünglich Royal Copenhagen besaß und aufgrund von Fotografien des Firmen- und Museumsarchivs identifiziert werden konnFoto: Jason Jacques Gallery te. Steingut mit Seladonglasur, H ca. 45 cm Rechts: Pulsierende Oberflächen suggerieren die fruchtähnlichen Vasen. Dieses 24,5 cm hohe Gefäß aus Steingut mit heller Sung-Glasur wurde etwa 1948 bei Royal Copenhagen hergestellt, Signatur „SALTO“. Im Auktionshaus Phillips lag 2012 der Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com Preis bei 23.750 britischen Pfund.

war wohl mit dem mondänen Geschmack der Zeit vertraut. Als Keramiker hatte er nichts vorzuweisen, er experimentierte damals als Maler, Grafiker und Illustrator. Bing & Grøndahl engagierte ihn dennoch. Er entwarf luxuriöse Gegenstände in einem asiatisch angehauchten Stil. Zylindrische Vasen mit rankenartig durchbrochenen Wandungen, die an die Elfenbeinschnitzereien des 19. Jahrhunderts angelehnt waren, und seladongrün glasierte, kürbisförmige Flaschenvase mit applizierten, plastisch herausgearbeiteten Eidechsen sind einige Beispiele dafür. Eine Referenz an den dänischen Pavillon der Exposition, dessen Bibliothek Salto mit Paradiesszenen ausstattete, war wohl die 1924 entstandene große, türkisfarbene Schultervase „Paradiesgarten“. Für dieses Gefäß entwarf der damals 35-jährige eine idyllische Szene mit kauernden Tieren unter einem großen Fruchtbaum, in dem verschiedene

Scheinbar von Geäst umwachsen – bedeutende und einmalige Schale im „spirende“ Stil, Steingut, braune und grüngraue Glasur, in den 1940er-Jahren ausgeführt von Royal Copenhagen Dänemark, signiert „SALTO“, Durchmesser 34 cm. Vor drei Jahren in Los Foto: Bonhams Angeles von Bonhams für umgerechnet 61 000 Euro (inkl. Aufgeld) verkauft


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Vögel nisten. Bing & Grøndahl führte die Salto-Entwürfe in Biskuitporzellan aus. Dass der Entwerfer selbst in die Herstellung einbezogen wurde, ist demnach unwahrscheinlich.

DER RILLEN-STIL Die Bing & Grøndahl-Entwürfe fanden Anklang. Salto wurde dafür aus dem Stand mit der Silbermedaille dieser wegweisenden Kunstgewerbeausstellung ausgezeichnet. Gleichzeitig sorgte die Firma Jean Gauguin mit ihren unglasierten Steingutfiguren für Aufsehen. Als Künstler war Salto wahrscheinlich zerrissen. Für Bing & Grøndahl war er Ideenlieferant von Industrieprodukten, die aufgrund ihrer zum Teil schrillen Farbigkeit und Originalität den Nerv der Zeit trafen. Jean Gauguin hingegen zeigte die Möglichkeit auf, mit Steingut Kunst zu machen. Saltos Neugierde auf das Arbeiten mit Steingut siegte. 1929 entstanden in der Werkstatt des deutschen Keramikers Carl Halier in Bredegade bei Fredericksborg die ersten selbst produzierten Gefäße Saltos. Im Schnelldurchgang lernte er die entscheidenden Techniken und den Umgang mit Glasuren. Halier selbst war von asiatischen Formen angetan, sein „Praktikant“ blieb nicht unberührt davon. Hier formte Salto ar-

chaisch anmutende Schalen, die in ihrer Ausgewogenheit an Zen-Buddhismus erinnerten, dekoriert mit einfachen, wellenförmigen oder zickzackartigen Ritzdekoren. Dieser Stil sollte die dritte Säule seines virtuosen Kreativpools werden. Auch später, als Salto für Royal Copenhagen arbeitete, entstanden immer wieder Gefäße mit Rillendekoren, die wie Gravuren eingeritzt waren und sich über die ganze Außenfläche erstrecken konnte.

WERKSTATT-ERFAHRUNG Die zwei experimentellen Jahre bei Halier und die darauffolgende Zusammenarbeit mit der Keramikerin Nathalie Krebs, die eine der konse-

Oben: „Die italienische Schale“ betitelte Axel Salto die weich und tief reliefierte Steingutkeramik, die 1931/32 in der Manufaktur Saxbo in der Nähe von Kopenhagen entstand. Auf der Unterseite signiert „SALTO“ sowie das Manufaktursiegel, H 26,5 cm. Bei Phillips in London war sie einem Kenner 62.000 britische Pfund wert. Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com

Mitte: Antike Mythen haben schon den Maler und Grafiker Salto in den 1920erJahren beschäftigt. Die Steingut-Skulptur „Dafne forvandles til et Træ“ (Daphnes Verwandlung in einen Olivenbaum) produzierte Royal Copenhagen 1952, auf dem Boden eingeritzt „SALTO/20671/IA/095“, bei Phillips in London 2016 für 37.500 Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com Pfund verkauft. Unten: Metabolisch – stark reliefierte, kürbisförmige Vase von Axel Salto aus den 1940er-Jahren, Steingut mit Ochsenblutglasur, H ca. 20 cm, eingeritzt „SALTO“, Foto: Bernd Goeckler Gallery Wellenmarke von Royal Copenhagen, Dänemark.


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quentesten ihres Fachs und eine Expertin in Sachen Glasur war, waren für Salto eine Tour de Force der Selbsterfahrung. Alles, was ihn später zu einem Freigeist der Keramikszene machte, hat er in diesen Jahren ausprobiert. Thematisch noch bewegt von seinen neoklassischen Grafik- und Malereisujets, entstanden hier Steingutplastiken wie „Aktaeons Maske“, Widderköpfe und Bacchusköpfe aus Steingut neben den ersten Vasen mit bildhaften Reliefstrukturen und Gefäße im frühen „knoppende“ Stil. Ein KeramikEinstieg auf dem Schleudersitz. Dass er nicht in der erfolgreichen Manufaktur Saxbo von Nathalie Krebs geblieben ist, lag wohl an ihrem strengen Konzept. Sie war eine Verfechterin der neusachlichen, klassisch-puristischen Formsprache. Salto hingegen verstand sich als Künstler, als Formgestalter, der der Phantasie freien Lauf lassen muss, und nicht als Töpfer. Das Wichtigste, was er aus diesen Jahren mitgenommen hatte, war zweifellos der Umgang mit Glasuren. Bis zum Schluss hatte Salto eine Vorliebe für erdige Farben. Für ein gedämpftes Ocker, Olivgrün und Kastanienbraun, aber auch für Ochsenblutrot. Viele Jahre arbeitete er in der Royal-Copenhagen-Zeit mit der indifferenten grün-gelben Solfatara-Glasur, die insbesondere seinen scheinbar pulsierenden, aufbrechenden Kreationen den Ausdruck von

etwas in Metamorphose befindlichem gab. Ab 1958 wurde sie jedoch nicht mehr wegen radioaktiver Bestandteile verwendet.

EIN UNIVERSALKÜNSTLER Mit dem Namen Axel Salto verbindet man heute die außergewöhnlichsten, exzentrischsten und modernsten Keramiken Dänemarks der Jahre 1930 bis 1960. Sein phantasiereiches, formal vitales Werk passt nur schwer zu dem Etikett „Danish Modern“, das Designer wie Arne Jacobsen, Hans Wegner oder Kaare Klint zur gleichen Zeit mit ihren funktionalen, gediegenen Entwürfen geprägt haben. Wie es zu dieser Außenseiterposition in einem Land der strengen Form kommen kann, erklärt am besten Saltos Biografie. Nach dem Studium an der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen ging er 1916 nach Paris und lernte die Kunst von Pablo Picasso und Henry Matisse und die Pariser Künstler-Bohème kennen. Diese Zeit prägte Saltos Vorstellung von einer individuellen künstlerischen Haltung, die Emotion, Handschrift und Persönlichkeit eines Künstlers sichtbar machen müsse. In der Zeitschrift „Klingen“, in der er nach seiner Rückkehr aus Paris als Redakteur und Autor tätig war, polemisierte er gegen eine futuristische, konstruktive Kunst und stritt für die diversen

Oben: Asiatische Form – an japanische Sakeflaschen erinnert die ca. 8 cm hohe Vase, der Dekor an Seegras. Steingut mit Solfatara-Glasur, um 1950, gemarkt Royal Foto: Jason Jacques Gallery Copenhagen, signiert „SALTO“ Mitte: Ein Hauch von Picasso-Keramik – vasenförmige Skulptur mit Ritzdekoren, ca. 1956, Steingut, grün-braune Glasur, ausgeführt von Royal Copenhagen, Dänemark, signiert „SALTO“, Modell 21376, H 45 cm. In New York wurde die Keramik 2013 Foto: Christie’s © Christie’s Images Limited 2017 von Christie’s für 37.500 US-Dollar veräußert. Unten: Phantastische Naturvision – Vasen mit langen, dornenartigen Zotten gehören heute zu den gefragtesten Arbeiten Saltos. Die ersten Kreationen dieses Typs entstanden in 1940er-Jahren und wurden von Royal Copenhagen aufgelegt. Foto: anderslarsen.com


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Spielarten des Expressionismus. Sein Talent hat er später auf vielen Feldern erprobt. Er hat gemalt, Holzschnitte produziert, Bücher illustriert und Bucheinbände gestaltet, Plakate entworfen, öffentliche Gebäude gestaltet und Stoffdessins kreiert. Es wird klar, dass er sich auch als Keramiker nicht auf ein Zusammenspiel von Form und Funktion beschränken wollte und konnte, stattdessen aber explosive, stachelige und antinormative Gefäße kreierte.

MARKTSITUATION Sammler haben das expressive, wilde, sich so gar nicht auf die gute Form berufende Werk Saltos schon seit Jahren im Visier. Fünfstellige Dollar- und Eurobeträge sind auf Auktionen keine Seltenheit. Vasen wie das braunglasierte, zylindrigdornenartige Exemplar aus den 1940er-Jahren werden je nach Größe und Exaltiertheit zwischen 20.000 und 40.000 Euro versteigert. Die bislang teuerste Salto-Vase versteigerte vor fünf Jahren das Auktionshaus Phillips. Das 1944 entstandene Einzelstück im sogenannten „knoppende“ Stil, dessen Form bereits dekonstruktivistische Momente enthält und dessen Solfatara-Glasur einen toxischen Ton an-

schlägt, brachte in London inklusive Aufgeld 373.000 britische Pfund. Zeitweise war ein Werk Saltos damit sogar teurer als eine Picasso-Keramik. Wieviel Entwürfe Royal Copenhagen aufgelegt hat, ist bis heute noch nicht ermittelt. Aber nicht alle waren gewagt und künstlerisch außergewöhnlich, was sich deutlich in den Marktpreisen niederschlägt. Das Gefälle ist groß. Ein ausgefallenes Stück wie die abgebildete, perfekt proportionierte Schultervase mit den unregelmäßigen Noppen, um 1953 entstanden, kostete bei Christie’s Paris vor zwei Jahren 313.000 Euro. Die stark plastische, fleischig-pastos reliefierte Sommervase, die der Künstler einst seiner Tochter zum Geburtstag schenkte, spielte in London bei Phillips 160.000 Pfund ein, während die hier gezeigte kürbisförmige Flaschenvase, die posthum 1969 ausgeführt wurde, bei Bonhams schon bei 1.300 Euro weitergereicht wurde. Erstaunlich nur, dass sich angesichts dieser Renaissance noch kein renommierter Verlag dem Werk dieses Keramikers gewidmet hat. Die letzte Publikation mit monografischem Ehrgeiz entstand im Jahre 1989 anlässlich einer Ausstellung zum 100. Geburtstag. Der schmale Katalog ist aus dem Dänischen nie in eine andere Sprache übersetzt worden. y

Oben: Dekonstruktivistische Naturformen – um 1950 entwarf Salto das Modell 20817 mit der Sung-Glasur, dieses Exemplar wurde zwischen 1969 und 1974 von Royal Copenhagen ausgeführt, Ritz-Signatur „SALTO“, H ca. 35 cm. Christie’s erzielte 2015 in New York einen Bruttoerlös von 23.700 US-Dollar. Foto: Christie’s © Christie’s Images Limited 2017 Mitte: Außergewöhnliches Einzelstück und Auktionsrekord für Axel Salto – 373.000 britische Pfund kostete die Vase im sogenannten „knoppende“ Stil mit dekonstruktivistischen Anklängen 2013 im Auktionshaus Phillips. Steingut mit Solfataraglasur, hergestellt bei Royal Copenhagen, Dänemark, am Boden eingeritzt „SALTO“ „DEC Foto: Courtesy PHILLIPS/PHILLIPS.com 1944“, H 41 cm Unten: Stilisiertes Rankendekor – Royal Copenhagen legte auch nach dem Tod Saltos Modelle auf. Die Kugelvase aus Steinzeug mit der Modellnummer 20560 wurde 1969 ausgeführt, H ca. 18,5 cm. Für umgerechnet erschwingliche 4.000 Euro Foto: Bonhams (inkl. Aufgeld) setzte Bonhams sie 2015 in Los Angeles ab.

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