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Juni 2017 · B 1309 | € 6,50 Schweiz CHF 11,50 | Österreich € 7,00 | Be/Ne/Lux € 7,50

KUNST • ANTIQUITÄTEN • AUKTIONEN

Schätzungen Auktionen Ausstellungen Über 2.000 Termine

BØRGE MOGENSEN Dänisches Design Echo der Antike Ewige Inspirationsquelle Keramik Charles Catteau


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INHALT

KUNSTMARKT Yves Tanguy

BØRGE MOGENSEN von Regina Voges

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Titelfoto: Sprossensofa von Børge Mogensen; Vase „Pélicans“ von Charles Catteau (Foto: Quittenbaum Kunstauktionen)

ECHO DER ANTIKE von Sabine Spindler SAMMLER-SERVICE

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MAGAZIN

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MESSETERMINE

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FOTOKUNST

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AUKTIONSTERMINE

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INSERENTENVERZEICHNIS

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AUKTIONSNOTIZEN

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AUSSTELLUNGEN

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AUSSTELLUNGSTERMINE

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LITERATURTIPP

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AUKTIONSPREISE

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VORSCHAU | IMPRESSUM

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DER MALER ADOLF ERBSLÖH von Heidrun Grigoleit

CHARLES CATTEAU von Dr. Bettina Krogemann

CHARLOTTE PERIAND von Dr. Wolfgang Hornik

34 62 80 88

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15.05.2017

17:18 Uhr

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S A M M L E R- S E R V I C E

Für den Export Zwei Schalen von Bohemia Art Glass Diese beiden dekorativen Glasschalen mit teilweise mattierten Glasfeldern befinden sich in meinem Besitz. Ein Aufkleber mit „Bohemia Glass“ ist zu finden. Die Maße: Durchmesser 21 cm, H 18 cm und bei der flachen Schale (Tortenplatte mit Fuß) Durchmesser 32 cm, H 11,5 cm. Sie sind beide sehr gut erhalten. Wie hoch könnte man sie einschätzen? R. Melle, Hamburg

?

1950er-1960, Czechoslovakia, Bohemia Art Glass, zwei zusammenpassende Schalen (mit originalem Papieraufkleber) für den Export gedacht, aus transparentem Glas mit geschliffenen Feldern und teils kontrastierenden Mattglasfeldern, beide Schalen jeweils auf einem geschliffenen Glasfuß. Die Schale mit den Maßen 21 x 18 cm ist auf 100 Euro zu schätzen, die Platte mit den Maßen 32 x 11,5 cm auf 220 Euro. Fabienne Cosulich, Auctionata Expertin

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bestanden die Charakterpuppenköpfe, wie damals üblich, aus zerbrechlichem Biskuitporzellan. Ab 1914 wurden dann die erfolgreichsten Puppenserien auch mit Köpfen und Körpern aus Celluloid, das wesentlich robuster war, angeboten. Diese Celluloidware wurde nach den Vorlagen der Besteller in den Schildkrötwerken in Mannheim-Neckarau angefertigt. Auch die Puppenhersteller Kämmer & Reinhardt ließen dort die beliebtesten Puppenserien in Versionen mit Celluloidköpfen und Celluloidkörpern herstellen. K & R Puppen mit der Seriennummer 128, zu denen auch Ihr Puppenkind zählt, erschienen beispielsweise 1914 mit einem Köpfchen aus Biskuitporzellan unter der Seriennummer 128 und ein Jahr später mit einem Celluloidkopf mit der Seriennummer 728. In dem gleichen Muster verfuhr man nun bei allen Charakterpuppen, die in zwei Versionen angeboten wurden: Köpfe in der Version aus Biskuitporzellan bekamen eine 1 vorangestellt, jene in Celluloid eine 7. Die Puppen mit der Seriennummer 728 wurden wegen ihrer niedlichen, fröhlichen Gesichter rasch zu den Lieblingen der kleinen Puppenmütter und ihrer Hersteller: Von 1914 bis in die 1940erJahre wurden sie in der Puppenfabrik Kämmer & Reinhardt produziert. Ihr 44 cm großes Puppenmädchen mit der beliebten Nummer 728 ist mit einem so genannten Stehbaby-Körper aus Celluloid und auch mit einem Köpfchen aus Celluloid ausgestattet. Nach dem Stil des Original-Kleidchens aus Kunstseide zu schließen, wurde die Puppe in den 1930er-Jahren hergestellt. Sie ist in erstaunlich gutem Zustand. Dass die so neckisch zur Seite blickenden „Schelmenaugen“ noch funktionieren, ist nahezu ein Wunder, denn sie sind überaus empfindlich und wenn auch die „Stimme“ noch zu hören ist, so ist das ein weiterer Pluspunkt. Die Perücke ist noch immer üppig und dicht. Das Einzige, das stört, sind die dunkel übermalten Lippen. Zur Zeit ist die Nachfrage nach Puppen gering und die Preise sind dementsprechend niedrig. Wegen der schönen Größe, der guten Erhaltung und weil das hübsche Kind eine K&R-Puppe ist, würde ein Sammler circa 150 bis 200 Euro bezahlen. Reingard Ecker, Wels (A)


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MAGAZIN

Stadt mit Kunstsinn Die ART Kunstmesse in Salzburg Bereits im Juni 2017 findet die erste Ausgabe der ART Salzburg Contemporary & Antiques International im Messezentrum Salzburg statt. Schon bei der Jubiläums-ART, also der 20. ART Innsbruck im Januar vor einem Jahr, dachte Messemacherin Johanna Penz über eine Ausweitung ihres Messekonzeptes und die Etablierung der ART an anderen Standorten nach. Ein Jahr später ist es bereits so weit. Vom 22. bis 25. Juni veranstaltet sie die erste Ausgabe der ART Salzburg Contemporary & Antiques International im Messezentrum Salzburg. „Salzburg war immer schon meine absolute Wunsch-Destination. Die Stadt ist ja schon per se ein Synonym für Kunstsinn, und das in allen Sparten. Mit der ART Salzburg Contemporary & Antiques International wollen wir nun erstmals einen guten Mix von heimischen und internationalen Galerien und Kunsthändlern nach Salzburg bringen. Ein neues frisches Kunstangebot für Salzburg und seine Umlandregionen also, ganz ähnlich unserem Konzept in Innsbruck, wo wir Einsteiger unter den Kunstliebhabern ebenso wie versierte Sammler anzusprechen und nun schon seit über 20 Jahren zu begeistern verstehen", so Penz zu ihrem Vorhaben. Das Programm der ART Salzburg Contemporary & Antiques International fokussiert sich dabei primär auf zeitgenössische Kunst und klassische Moderne, aber auch erlesene Antiquitäten der letzten Jahrhunderte. An die 70 Aussteller – Galeristen und Kunsthändler aus verschiedensten Nationen – präsentieren Gemälde, Originalgrafik, Skulpturen, Fotografie, Neue Medien sowie antike Möbel, antike Teppiche und weitere Kostbarkeiten.

Ingbert Brunk, Aus dem Licht, 2016, Marmor, Durchmesser 36 cm, Werkkunstgalerie, Berlin; ART Salzburg Contemporary & Antiques International

Friedrich Wurm, Die feine Gesellschaft, 2017, Artinnovation, Innsbruck; ART Salzburg Contemporary & Antiques International

TELEFON I +43/512/567101 INTERNET I www.art-salzburg-contemporary.com

Michael Lauterjung, gestrandet, 2016, Galerie an der Pinakothek der Moderne – Barbara Ruetz, München; ART Salzburg Contemporary & Antiques International


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KUNSTMARKT

Yves Tanguy Im Dienste des inneren Surrealismus Tanguy war der allererste Surrealist, der in den Vereinigten Staaten und Großbritannien wirkliche Anerkennung fand. Die Poesie seiner Formensprache, die sich von der Realität vollkommen emanzipierte, machte ihn zu einer Säule der markantesten künstlerischen Bewegung des 20. Jahrhunderts. Dennoch hat sein Marktwert bis heute noch nicht sein volles Potenzial ausgeschöpft. Yves Tanguy (1900-1955), geboren als Sohn bretonischer Eltern in Paris, begegnete während seines Wehrdienstes in Lunéville 1920 Jacques Prévert. Diese entscheidende Begegnung gab seinem Lebensweg eine neue Wendung, weg von der geplanten Marinelaufbahn, die schon sein Vater eingeschlagen hatte. Gemeinsam durchstöbern Prévert und Tanguy die Buchhandlungen und entdecken dabei insbesondere die Zeitschrift La Révolution surréaliste. 1923 erfährt Tanguys Schicksal eine neue Wendung mit der Entdeckung eines Gemäldes von Giorgio de Chirico, Le Cerveau de l’enfant: Er entschließt sich, Maler zu werden. Es folgen Begegnungen mit Dichtern, denen er als Illustrator dient, so etwa Aragon, Péret, Tzara, Arp und Eluard, und mit André Breton, der 1941 über ihn schrieb: „Mit ihm eröffnet sich ein neuer Horizont, und zwar der, um den sich die Landschaft in ihrer Tiefendimension neu ordnen wird: keine physische Landschaft, sondern eine geistige. (...) Die durchgängig erfundenen Motivwesen, die seine Gemälde bevölkern, erfreuen sich ihrer eigenen Affinitäten, die auf die einzige glückliche Art und Weise, nämlich die wortlose, alles mitteilen, was im

Yves Tanguy, La lumière, la solitude, 1940 (Christie's, London, Februar 2017, Zuschlagspreis 1.521.259 Euro) © VG-Bildkunst Bonn Foto: © 2017 Christie’s Images Limited

Universum Gefühle auf sich zu ziehen vermag.“ Im Laufe der Jahre weichen die nervösen Gemälde (Frühwerke, die oft vom Künstler selbst zerstört wurden) ausgefeilten biomorphen Kompositionen. Als Erforscher seiner Innenwelt und wahrer Formenschöpfer erschafft Tanguy Traumlandschaften, die ganz im Sinne von Bretons Formulierung Motivwesen in Szene setzen und tiefen Einfluss auf Dalí haben. Tanguy, der in der damaligen Welt der Surrealisten tief verankert war, nahm an der Exposition surréaliste d'objets teil, die 1936 in der Galerie Charles Ratton stattfand, und präsentierte dort De l'autre côté du pont, aber bald verließ der bretonische Maler Paris, um Amerikaner zu werden. Der amerikanische Bretone

Yves Tanguy, Sans titre, 1935 (Christie's, London, Februar 2016, Zuschlagspreis 473.976 Euro) 00© VG-Bildkunst Bonn Foto: © 2016 Christie’s Images Limited

Fünfundzwanzig Jahre nach dem emotionalen Schock, den er mit der Entdeckung des Werks von Chirico erfuhr, stellte ein anderer Maler sein Leben auf den Kopf. Wir befinden uns im Jahr 1938, und Yves Tanguy entdeckt bei einer Ausstellung in Paris die Gemälde der amerikanischen Malerin Kay Sage (1898-1963). Die beiden Künstler werden ein Liebespaar. Nachdem sie bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die USA zurückgekehrt war, intervenierte Kay bei den Behörden, um ihren französischen Freunden die Einreise in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen. Der verwandelte Tanguy trifft sie in New York wieder und heiratet sie 1940. Acht Jahre später nimmt er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Die Jahre in Amerika sind eine intensive Schaffensperiode, aber weit entfernt von dem ständigen Austausch, der sein Leben in


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Yves Tanguy, Titre inconnu, 1938 (Ketterer, München, Dezember 2013, Zuschlagspreis 250.000 Euro) © VG-Bildkunst Bonn, Foto: Ketterer

Paris beseelt hatte. Tanguy erschafft seine Werke in der Einsamkeit und vertraut sie dann Pierre Matisse an, der sowohl sein Freund als auch sein Agent ist und seine Werke regelmäßig in seiner New Yorker Galerie ausstellt. In den vierziger Jahren wird das Werk von Tanguy für die New Yorker zum Aushängeschild des Surrealismus, und zwar so sehr, dass das Museum of Modern Art in New York ihm im Jahr seines plötzlichen Todes, 1955, eine Retrospektive widmet, lange bevor sein Werk in Frankreich von den großen Institutionen gewürdigt wird. Das Centre Pompidou ließ sich bis 1982 Zeit damit, dieses große Ausnahmewerk zu präsentieren. Schon zu Lebzeiten war Tanguy in den Vereinigten Staaten berühmter als in Frankreich, und so ist es bis heute geblieben. Der Auktionsmarkt ist jenseits des Atlantiks immer noch aktiver als im Heimatland des Künstlers: 21 Prozent des Verkaufserlöses der letzten zehn Jahre wurden in Amerika erzielt, gegenüber nur 13,7 Prozent in Frankreich. Dennoch ist das Land, in dem seine Werke die größte Aufmerksamkeit erfahren, Großbritannien, das mehr als 63 Prozent der Verkaufserlöse des vergangenen Jahrzehnts beisteuerte. Tanguys Erfolg in England ist nicht neu, da er schon zu Lebzeiten große Unterstützung aus London erhalten hatte, insbesondere von der Galerie Guggenheim-Jeune, die für ihn schon 1938 eine erste persönliche Ausstellung in der Bond Street organisiert hatte. Außerdem hat sich bereits die Tate 1964 schnell mit einem großen Ankauf eines Werks des Künstlers positioniert, nämlich des Gemäldes Les Transparents (1951). Ein aufsteigender Markt Der Markt für Werke von Yves Tanguy befindet sich im Aufstieg, der Preisindex kletterte seit dem Jahr 2000 um 346 Prozent. Dass nur selten Gemälde in den Auktionshäusern der Welt angeboten werden, dürfte zu dieser Neubewertung beigetragen haben: nur zwei Gemälde 2016 (eines davon im Format 28 x 23cm, Le prodigue ne revient jamais III, versteigert für 732.500 Dollar bei Sotheby's in New York), sechs 2015, sieben 2014 und fünf 2015. Trotz der preistreibenden Wirkung dieser Seltenheit erzielen seine bedeutendsten Werke immer noch geringere Preise als die von Joan Miró, Salvador Dalí, René Magritte, Giorgio de Chirico und Max Ernst, deren Rekorderlöse zwischen 13 und 37 Mio. Dollar schwanken, während Tanguy seit zwölf Jahren nicht über 7,5 Millionen hinausgekommen ist. Das Werk, das seit über zehn Jahren diesen Verkaufsrekord hält, ist ein großformatiges Gemälde von 97,1

x 138 cm mit dem Titel Les derniers jours (1944), das am 7. Februar 2005 bei Christie’s in London verkauft wurde. Wenn dieses Werk heute wieder versteigert würde, könnte sein Wert durchaus bei 15 Mio. Dollar liegen. Damit träte Tanguy endgültig in den illustren Kreis der höchstgeschätzten Surrealisten der Welt ein. Diese positive Sanktion des Marktes wartet nur auf die Präsentation eines großen Werks, das den wahren Marktwert dieses Künstlers enthüllen und ihn mindestens auf die Ebene eines Max Ernst heben würde. QUELLE | artprice.com


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AUKTIONSNOTIZEN

Snuff Bottles Zacke, Wien Die Galerie Zacke veranstaltet am 24. Juni eine Auktion mit feinen Snuff Bottles aus China. Obwohl in China zur Qingzeit (1644-1912) das Rauchen verboten war, war das Schnupfen des fein pulverisierten Schnupftabaks aus medizinischen Gründen erlaubt. Der Tabak wurde in kleinen fünf bis sechs Zentimeter hohen Fläschchen aufbewahrt. Sie wurden aus unterschiedlichen Materialien hergestellt, aus edlem Halbedelstein, aus geschnitztem Rotlack, Elfenbein, Glas, Porzellan. Eine Besonderheit unter den gläsernen Snuff Bottles sind jene mit Innenglasmalerei, wo mit einem feinen Pinsel durch die schmale Fläschchenöffnung geführt, die Innenwand des Fläschchens bemalt wurde. In der Auktion gibt es ein Flaschen-Pärchen von einem der berühmtesten Innglasmaler Ma Shaoxuan (1867-1939) mit der Darstellung von zwei spielenden Katzen und der Aufschrift „Ein Bild zweifacher Freude“. Eine weitere Besonderheit unten Glasfläschchen sind jene mit mehrfachem farbigen Überfang, aus dem dann Darstellungen herausgeschnitten wurden. Zacke hat eine schöne Kollektion mit Überfangfläschchen in bis zu fünffarbigem Dekor. Besonders wertvolle Flaschen, wie sie auch die chinesischen Kaiser samt Hofstaat besonders schätzten, sind jene mit feins-

ter Emaillemalerei. Hochgeschätzt sind Snuff Bottles, die aus Halbedelsteinen gefertigt wurden. Ein Zeichen bester Qualität ist eine Aushöhlung des Gefäßes bis zu bestmöglicher Dünnwandigkeit. Viele dieser Snuff Bottles sind an der Außenwand außerdem aufwendig beschnitzt. Für die ChalzedonSnuff-Bottles wurde vor allem die Suzhou Schule berühmt, die dunkle Einschlüsse im Material mit hohem Können in ihre Darstellungen integriert hat. TELEFON | +43/1/5320452 INTERNET | www.zacke.at

Chalzedon-Snuff-Bottles aus der Suzhou Schule. Zacke, Wien, 24.06.2017

www.kunst-und-kuriosa.de

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Charlotte Periand Charlotte Periand

Complete Works, Bd. 3 Buchrezension von Wolfgang Hornik

Unabhängig, einflussreich und produktiv: Die französische Designerin Charlotte Perriand prägte das 20. Jahrhundert wie kaum eine andere. Nachzulesen in Jacques Barsacs vierteiliger Monografie. Soeben erschien der dritte Band, in dem er die Jahre 1956-68 beleuchtet.

Bücherregal mit Aluminiumblöcken von Charlotte Perriand, Edition Steph Simon Foto: Marie Clérin/Galerie Downtown-François Laffanour 1958

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der „Die Moderne“ genannten Design-Epoche. Gravierende Neuerungen von der Einführung der Fließbandarbeit bis hin zur Digitalisierung revolutionierten die Arbeitswelt und wirkten auch auf das Design mit neuen Produktionsverfahren sowie Materialien, die neuartige Formen ermöglichten. Es war auch die Zeit der französischen Designerin Charlotte Perriand (1903-99), die fast das gesamte Jahrhundert durchlebt hat und wichtige Themen dieser Epoche wie kaum ein anderer Zeitgenosse repräsentiert. Ihr selbstbewusster Feminismus, den sie als wirtschaftlich unabhängige und selbstbestimmte Designerin in einem von Männern dominierten beruflichen Umfeld lebte, steht stellvertretend für den erfolgreichen Kampf um die Gleichstellung der Frau. Die Mechanisierung und die wachsende Bedeutung des Maschinenwesens zu Beginn des Jahrhunderts schlugen sich stilprägend in ihren Entwürfen nieder. Und schließlich trug Charlotte Perriand mit ihrer Kreativität auch dazu bei, dass im Laufe des Jahrhunderts das Design neben der Architektur für die bewusste Gestaltung der Lebensräume „Wohnen“ und „Arbeiten“ große Bedeutung erlangte. Jacques Barsac, der Autor der ursprünglich auf drei Bände geplanten Monografie, hatte wohl die Fülle des Themas unterschätzt. Die Aufarbeitung des Perriand-Archivs und weitere Recherchen förderten so viel Material zutage, das noch einen vierten Band füllen wird, dessen Veröffentlichung für 2018 geplant ist. Der aktuell erschienene dritte Band über die außergewöhnlich talentierte und in vielen Bereichen, auch sozialpolitisch engagierte Designerin Charlotte Perriand beschränkt sich auf seinen 528 großzügig bebilderten Seiten auf die Jahre 1956 bis 1968. Es ist die vorwiegend materialistisch geprägte Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit den Pro-


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DESIGN

testen linksgerichteter Bürgerrechtsbewegungen und den Studentenprotesten der 68er-Bewegung ihr Ende fand.

GALERIE STEPH SIMON Eine der wichtigsten Personen für Charlotte Perriand in dieser Zeitspanne war der Galerist Steph Simon, damals sozusagen der Mann hinter ihr und Jean Prouvé. Bereits 1949 übernahm Simon die Exklusivvertretung der „Ateliers Jean Prouvé“. Mit der Erfahrung, die er sich als Verkaufsleiter der Kühlschrankfirma „Frigidaire“ erworben hatte, trieb er die industrielle Herstellung und den Vertrieb von Möbeln des Designers Prouvé voran. Als es ihm dazu noch gelang, Charlotte Perriand neben Prouvé als künstlerische Leiterin der „Galerie Steph Simon“ zu gewinnen, stand deren Eröffnung am Boulevard Saint-Germain, im legendären Quartier Latin in Paris, im März 1956 nichts mehr im Wege. In perfekter Arbeitsteilung entwarf Prouvé die Fassade, Perriand kümmerte sich um die Ausstattung der Innenräume der Galerie. Weiterhin vereinbarte Steph Simon mit Jean Prouvé und Charlotte Perriand die Edition von zehn Möbeln pro

Oben: Sofa mit Kissen von Simone Prouvé, nach einem Modell von 1940 im Empfangsraum im von Charlotte Perriand gestalten Erdgeschoss der Residenz des japanischen Botschafters in Paris, 1984 Foto: Marie Clérin/Galerie Downtown-François Laffanour

Unten: Rechteckiger Schichtholz-Kaffeetisch, 1969, produziert von Chetaille, im Empfangsraum im von Charlotte Perriand gestalten Erdgeschoss der Residenz des japanischen Botschafters in Paris, 1984 Foto: Pernette Perriand-Barsac/Archives Charlotte Perriand

Jahr. Charlotte Perriand fokussierte dabei auf diverse Variationen von Bücherregalen des gleichen Grundtyps, Sitzmöbel, Liegen, Tische und Leuchten. Drei weitere zeitgenössische, international renommierte Namen der angewandten Kunst des 20. Jahrhunderts ergänzten die Werke der beiden künstlerischen Leiter und rundeten das Angebot der Galerie ab: der Keramikdesigner Georges Jouve, der amerikanische Bildhauer und Designer Isamu Noguchi und der Silberschmied Serge Mouille, der in den 1950ern spektakuläre Leuchten in Kleinserien schuf. Aber auch Entwürfe von

Arne Jacobsen und Eero Saarinen waren in der Galerie erhältlich. Mit diesem Portfolio an herausragenden Entwerfern revolutionierte Steph Simon die Designszene im Paris der 1950er-Jahre, die dynamische und ehrgeizige Perriand gab dabei das Tempo vor.

AIR FRANCE – VEREINTE NATIONEN Für die stolze französische Fluglinie Air France schuf Charlotte Perriand das Firmenimage und gestaltete weltweit verschiedene Reisebüros und Niederlassungen. In Rio de

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DESIGN

Charlotte Perriands Möbel und Inneneinrichtung in der Steph Simon Galerie: Bücherregal Nuage, rechteckiger Holztisch, Stühle Ombre Foto: Gaston Karquel/Archives Charlotte Perriand

Janeiro richtete sie die Wohnung des Air-France-Direktors Jacques Martin ein, der 1961 oberster Chef der Fluglinie in Lateinamerika wurde. Das auf dem Buchcover abgebildete Bücherregal „Rio bookcase“ war eines von ihr entworfenen Möbelstücke in Martins Domizil. Auch dieses Kapitel wird durch viele Fotos von Fassaden und Innenräumen anschaulich dargestellt, ebenso wie Perriands eigenes Ferienhaus im savoyischen Wintersportort Méribel. Weiterhin wird ihr bisher kaum bekannter Beitrag zur Neueinrichtung des Völkerbundpalastes („Palais des Nations“) in Genf gewürdigt, mit der im November 1957 begonnen wurde. Der Gebäudekomplex war ursprünglich Sitz des Völkerbundes und wird seit dessen Auflö-

sung im Jahr 1946 von seiner faktischen Nachfolgeinstitution, den Vereinten Nationen, als europäischer Hauptsitz genutzt. Reichhaltiges Bildmaterial dokumentiert Perriands Entwürfe von einzelnen Möbelstükken bis hin zur Ausstattung ganzer Sitzungssäle und Salons, die als Musterbeispiele von sowohl Designals auch Verarbeitungsqualität teilweise noch heute unverändert ihre Funktion erfüllen. Neben den vielen farbigen und schwarzweißen Fotografien sind es vor allem ihre Entwurfsskizzen, die ihre Arbeitsweise verdeutlichen. 1965 sah es der japanische Botschafter in Paris als notwendig an, eine der Bedeutung und den Ansprüchen seines nach dem verlorenen Weltkrieg wieder aufstrebenden Landes äquivalente Residenz zu erbauen. In der Adresse 31, Rue du Faubourg Saint-Honoré, einer der berühmtesten Einkaufsmeilen der Welt, fand er den idealen Standort direkt in der Nähe des französischen Machtzentrums, dem Élysée-Palast. Perriands seit den 1940er-Jahren bestehende

engen Kontakte zu Japan sowie die langjährige Verbindung des beauftragten japanischen Architekten Junzo Sakakura zum „Le Corbusier – Pierre Jeanneret Studio“, prädestinierten sie für die Aufgabe das Interior Design und die Möblierung zu verantworten. Auch in dieses Kapitel sind zahlreiche Skizzen Perriands aufgenommen, wie die der Fassade für den Entwurf des Beschattungskonzepts oder der Wohnung des Botschafters für den Entwurf einer metallischen Haube über der Feuerstelle. Im Empfangsraum im Erdgeschoss finden sich von Perriand entworfene Sofas mit Kissen von Simone Prouvé sowie ein rechteckiger Schichtholz-Kaffeetisch. Beide stehen stellvertretend für die Stetigkeit ihres Designs. So erinnert das Sofa an die Sessel aus ihrer frühen Zusammenarbeit mit Le Corbusier. Hineingeboren in den französischen Jugendstil, die Belle Époque, künstlerisch ausgebildet und in das Designerleben eingestiegen im französischen Art Déco bei gleichzeitiger Beeinflussung vom deutschen Bauhaus, durchlebte und beeinflusste Charlotte Perriand die wichtigsten Design-Konzepte des 20. Jahrhunderts, wie eben auch das im vorliegenden Band beschriebene MidCentury Design. Über die Jahrzehnte und verschiedenen Design-Epochen hinweg ist ihr Werk durch die Kontinuität ihrer Ansprüche an und ihrer Vorstellungen von gutem Design geprägt.

Barsac, Jacques, Charlotte Perriand. Complete Works. Volume 3: 1956-1968, Erstausgabe 2017, in Kooperation mit dem Archiv Charlotte Perriand, Paris, 528 Seiten, nur in Englisch, Scheidegger & Spiess


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VORSCHAU/IMPRESSUM

SAMMLER JOURNAL 07/2017

SAMMLER JOURNAL

ISSN 1863-0332

VERLAG

GEMI Verlags GmbH Pfaffenhofener Straße 3 85293 Reichertshausen Tel. 08441 / 4022-0 Fax 08441 / 71846 Internet: www.gemiverlag.de E-Mail: info@gemiverlag.de

GESCHÄFTSFÜHRER

Gerd Reddersen Rudolf Neumeier

BAUHAUSPIONIERE IN AMERIKA Partners in Design

KERAMIK Beate Kuhn

ASSISTENZ DER GESCHÄFTSFÜHRUNG

Karin Teichmann

CHEFREDAKTEURIN

Karin Probst

REDAKTEURE

Nicola Fritzsch Heidrun Th. Grigoleit Helene Stümpfle-Wolf Anja Iwa Joscha Eberhardt

AUTOREN DIESER AUSGABE

Heidrun Th. Grigoleit Dr. Wolfgang Hornik Dr. Bettina Krogemann Sabine Spindler Regina Voges

REDAKTIONSASSISTENZ

Heike Genz

TERMINE

Anette Wagner, Tel. 08441/4022-35 Hans Neumeier, Tel. 08441/4022-34 E-Mail: termine@gemiverlag.de

LITHOS, SATZ, HERSTELLUNG

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LAYOUT

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Heike Genz, Tel. 08441/4022-18 Marlene Westner, Tel. 08441/4022-12

VERTRIEB

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Kössinger AG Schierling

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