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MÄRZ 2017

März 2017 · B 1309 | € 6,50 Schweiz CHF 11,50 | Österreich € 7,00 | Be/Ne/Lux € 7,50

SAMMLER JOURNAL

KUNST • ANTIQUITÄTEN • AUKTIONEN

Über 2.000 Sammlertermine

GEMI

Schätzungen Auktionen Ausstellungen

GLAS JUGENDSTILFENSTER Kunsthandwerk LÜSTERWEIBCHEN & LÜSTERMÄNNCHEN GEMÄLDE TINA BLAU


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www.wikam.at


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I N H A LT

März 2017 · B 1309 | € 6,50 Schweiz CHF 11,50 | Österreich € 7,00 | Be/Ne/Lux € 7,50

KUNST • ANTIQUITÄTEN • AUKTIONEN

Über 2.000 Sammlertermine

K U N STM A R K T

Schätzungen Auktionen Ausstellungen

Richard Serra

J U G E N D ST I L F E N ST E R

GLAS JUGENDSTILFENSTER Kunsthandwerk LÜSTERWEIBCHEN & LÜSTERMÄNNCHEN GEMÄLDE TINA BLAU

Von Dieter Weidmann

Titelfotos: © Auktionshaus Nagel; Auktionshaus Schloss Ahlden

G E M Ä L D E – T I N A B L AU SAMMLER-SERVICE

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MAGAZIN

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MESSETERMINE

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FOTOKUNST

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AUKTIONSTERMINE

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INSERENTENVERZEICHNIS

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AUKTIONSNOTIZEN

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LITERATURTIPP

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AUSSTELLUNGSTERMINE

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AUSSTELLUNGEN

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VORSCHAU | IMPRESSUM

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Von Anja Iwa

L Ü ST E R W E I B C H E N Von Sabine Spindler

DESIGN – TÜRDRÜCKER Von Heidrun Th. Grigoleit

AU K T I O N S P R E I S E Porzellan & Keramik ab 1900

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MAGAZI N

Jubiläum an der Donau Wiener Internationale Kunst- & Antiquitätenmesse Sie ist ein Beweis für ein qualitätvolles Kunstangebot und ein erfolgreiches Messekonzept – die WIKAM, die Wiener Internationale Kunst & Antiquitätenmesse, die seit vielen Jahrzehnten Kunstkäufer und Kunsthändler gleichermaßen zufrieden stellt. In Zeiten, wo Kunstmessen oftmals als Pilotprojekt gestartet und wieder verworfen werden, ist die lange Tradition der WIKAM ein wesentliches Kriterium für hohe Besucher- und Verkaufszahlen. Im Jahr 2017 feiert der Verband Österreichischer Antiquitäten- und Kunsthändler, einer der traditionsreichsten Messeveranstalter Europas, sein 40-jähriges Bestehen mit traditionell Bewährtem und viel Neuem. So findet ab diesem Jahr seine erfolgreiche WIKAM-Frühjahrsmesse, die in den letzten 20 Jahren im Wiener Künstlerhaus beheimatet war, ihre Fortsetzung in zwei prachtvollen Prunkbauten in der Wiener Innenstadt: dem Palais Ferstel mit seinem berühmten Café Central und dem gegenüber gelegenen geschichtsträchtigen Palais Niederösterreich (vom 4. bis 12. März). Dementsprechend präsentieren renommierte Kunstexperten aus Österreich und Deutschland, die den hohen Qualitätskriterien des Verbandes entsprechen, ein besonders breit gefächertes Repertoire an herausragenden Kunstexponaten verschiedenster Sammelgebiete, beginnend bei der Antike bis zur Gegenwart. Geboten werden Archäologie, Asiatika, Skulpturen und europäische Volkskunst ab dem

Edward Cucuel (1875-1954), Dame im Park; bei Kunsthandel Strassner auf der WIKAM

Gottfried Helnwein (geb. 1948), The Murmur of the Innocents 47, 2014-2015; bei Kaiblinger Galerie und Kunsthandel, WIKAM

13. Jahrhundert, Exponate des Jugendstils, antike Teppiche und Uhren, kostbarer Schmuck, Mobiliar von der Gotik bis zum Art déco, Glas-, Porzellan- und Silberobjekte, eine große Anzahl an qualitätvollen Gemälden früherer Jahrhunderte bis hin zu Werken international anerkannter zeitgenössischer Künstler aus Österreich und vieles mehr. Zur Tradition der WIKAM zählen einzigartige Sonderausstellungen. Diesmal sind das: Das „St. Pöltner Herbarium“, das von 1869 bis 1879 vom international anerkannten Biologen Dr. Eduard Hackel angelegt wurde. Mit über 2.500 Belegen bildet dieses Herbarium ein bedeutendes Stück niederösterreichischer Kulturgeschichte (Kunsthandel Mag. Mitmannsgruber). Mit über 100 Arbeiten wird von Kunsthandel Widder das vielfältige Werk des Künstlers Karl Hauk als Schwerpunkt präsentiert. „Peter Kodera – Figurative Abstraktion“ steht bei Galerie Lehner im Mittelpunkt. Als Würdigung des eindrucksvollen Schaffens von Heribert Mader anlässlich seines 80. Geburtstages präsentiert die Galerie Szaal über 20 Ölgemälde, Aquarelle und Sepia-Arbeiten dieses bedeutenden österreichischen Künstlers. Der malerische Stil, der Maders kosmopolitische Städtebilder – Venedig, New York, London, Paris u.a. – auszeichnet, ist von zurückhaltender Farbigkeit, eine Grundintention, die nicht nur die Aquarelle des Künstlers prägt, sondern auch dessen Ölgemälde, deren wahre Kraft sich in eben dieser äußeren Prunkpokal des Kaisers Franz Reduktion offenbart. Joseph I. von Österreich, HofjuTELEFON I 0043/664/ 2051598 INTERNET I www.wikam.at

weilier J. C. Klinkosch, um 1870, H 44 cm; bei Kunsthandel & Antiquitäten Sonja Reisch auf der WIKAM


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MAGAZI N

Albert Kappis (1836-1914), Chiemsee – Fraueninsel, um 1885-89, Kunsthaus Bühler Stuttgart; Kunst & Antiquitäten München

Klaus Fußmann, Rosen; Galerie Decker Baden-Baden bei Kunst & Antiquitäten München

besetzung der Aussteller variiert und sich das breite Angebot nie ganz deckt. So werden auch heuer im Frühjahr einige neue Aussteller vertreten sein: Zu ihnen gehört die Regensburger Firma Coloneum von Alwin Homeier mit einer breiten Offerte, bei der Mobiliar und Einrichtungsgegenstände des Biedermeier und Art déco den Schwerpunkt bilden. Erstmals dabei sind auch die Antiquare Peter Bierl aus Eurasburg und dessen Tochter Franziska Bierl, die in München das legendäre Antiquariat Wölfle übernommen hat. Aber auch die „alten Hasen“ dürfen nicht fehlen. Mit von der Partie ist auch in diesem Jahr die Riege der österreichischen Aussteller von Matthias Kindler und Rochus Probst aus Graz über Walter Moskat aus Wolfurt bis hin zu Ludwig E. Wimberger, der aus Linz anreist. Der Messe schon etliche Jahre eng verbunden sind die Allrounder Gregor von Seckendorf, Martin Ehrl, Axel Wieland oder Richard Gilgenmann, die mit ihrem Angebot höchste Ansprüche erfüllen. Der Stand von Uwe Marbs aus Baden-Baden, der immer nur im Frühjahr mitmacht, versetzt die Besucher in das elegante Ambiente des französischen Art déco mit seinem auf Hochglanz polierten Mobiliar. Auch den Liebhabern exotischer Kunst wird wieder Einiges geboten: Peter Hardt aus Radevormwald entführt in asiatische Kulturen, Karl Jürgen Schlotter bringt Tibetika und die Karlsruher Darya-Galerie Ethnographika. Matthias Ruetz mit seinem 2001 in München gegründeten „Le Cabinet Japonais“ und Andreas Wurzers Wiener Galerie bei der Oper zeigen japanische Farbholzschnitte und Bücher. Aber auch die klassische „Flachware“, also Grafik und Gemälde, werden wieder einen Schwerpunkt auf der Messe bilden – von der Holztafel aus dem 16. Jahrhundert, einer Ikone der Galerie Puch, bis zu einem signierten Screenprint von Andy Warhol am Stand von Kohlhammer-Mahringer, wo auch farbige Lithografien von Miro und Marc Chagall auf Kunstliebhaber warten. Ein relativ neues Thema dagegen ist die Design-Sparte mit Händlern wie Monika Fahrensohn. Hier entdecken die Aussteller gerade für die jüngeren Messebesucher einen Trend, den es zu bedienen gilt. TELEFON I 089/21595421 INTERNET I www.kunst-antiquitaeten.de

Antikes im Postpalast 95. Kunst & Antiquitäten in München Nach dem großen Erfolg bei der Postpalast-Premiere im Herbst vergangenen Jahres lädt die Kunst & Antiquitäten auch im Frühjahr an den neuen Schauplatz. Sowohl das Publikum als auch Aussteller und Medien zeigten sich von den Räumlichkeiten an der Hackerbrücke begeistert. Mit 7.500 Besucherinnen und Besuchern stieg die Zahl der Gäste um rund 25 Prozent. Die Frühjahrsmesse der traditionsreichen Kunstschau öffnet vom 18. bis 26. März ihre Tore. Rund 60 Aussteller präsentieren ihre Kunstwerke in dem Rondell unter der Glaskuppel. Neben den vielen treuen Stammkunden war es gelungen, zahlreiche neue Besucher neugierig zu machen. Jetzt können sich die alten und neuen Fans erneut von der einmaligen Kunstwerk-Mischung aus hochkarätigen Sammlerstücken, Alten Meistern bis zu Nostalgie-Liebhabereien inspirieren und verführen lassen. Kenner der Messe wissen, dass die Herbst- und Frühjahrs-

Diamantbrosche Elefant; bei Sabine Füchter München auf der Kunst & Antiquitäten München


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www.vintage-auktion.de


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MAGAZI N

Über die Grenzen Antikmarkt in Tongeren (B) Sonntags ausschlafen? Vergessen Sie’s. Vor allem, wenn Sie passionierter Flohmarktgänger sind und in der Nähe von Tongeren leben, Belgiens ältester Stadt. Zwischen 7 Uhr morgens und 13 Uhr verwandelt sich das Zentrum fast schon in einen mittelalterlichen Markplatz. Geschäftiges Treiben und einladende Düfte locken die Besucher von nah und fern. Holländer, Deutsche, Franzosen, Briten, Amerikaner, Russen und Touristen aus Asien finden den Weg zu diesem großen Markt. Nicht weniger als 40 namhafte Antiquitätengeschäfte und mehr als 350 Aussteller bieten jeden Sonntag ausgefallene Originale: Antiquitäten, Trödel und Design – jedes Stück hat hier seine Geschichte. Durch alte Postkarten oder Vinylplatten stöbern, Kristall, Silber und Keramik finden oder Spielzeug aus der eigenen Kindheit wiederentdecken – der Antikmarkt in Tongeren ist für viele das wöchentliche Highlight – besonders am sogenannten Schnäppchensonntag, dem ersten Sonntag im Monat. TELEFON I 0032/12 800 179 oder 0032/470 824726

German Design Award 2. Band zu Henry van de Velde

Immer wieder sonntags ab 7 Uhr in der früh: Antikmarkt in Tongeren (B)

Großes Lob für eine Fleißarbeit: Der zweite Band des Großprojektes Henry van de Velde erhielt am 10. Februar in Frankfurt den „German Design Award" des Rates für Formgebung. Dieser Band dokumentiert alle Textilien des großen Meisters und war schon 2015 von der Stiftung Buchkunst als eines der 163 schönsten Bücher des Jahres gekürt worden. Dieses Lob hätten alle drei bisher erschienenen Bände (Metallkunst, Textilien, Keramik und Porzellan) gleichermaßen verdient. Wir haben alle drei ausführlich gewürdigt. Wenn bei diesen Werken auch primär die wissenschaftliche Qualität rühmenswert ist, so ist sie doch auch ein Beweis dafür, dass sich solche Bücher ansprechend gestalten lassen. Band 1 (Metallarbeiten) ist vergriffen, Band 2 (Textilien) und Band 3 (Keramik und Porzellan) sind noch lieferbar: E.A. Seemann Verlag, 148,- Euro. An diesem Projekt wird seit 2001 gearbeitet. Das war nur möglich, weil die Deutsche Forschungsgemeinschaft viel Sympathie für Henry van de Velde hatte und den höchsten möglichen Förderzeitraum bewilligte: 12 Jahre. Und diese 12 Jahre enden in diesem Herbst. Der nächste Band soll die frühen Möbel des Meisters dokumentieren und „spätestens im Frühjahr 2018" erscheinen. Das Forscherteam der Klassik Stiftung Weimar hat keine Hoffnung, von der DFG weiterhin gefördert zu werden (deren Geduld scheint erschöpft zu sein). Derzeit ist deshalb ungewiss, ob und wann ein nächster Band erscheint. Dabei wären die geplanten zwei Bände über van de Veldes Möbel gerade für Sammler von besonderem Interesse. So bleibt bis auf weiteres der 1980 erschienene Vorläufer des WVZ mit den frühen Arbeiten bis 1904 das Referenzwerk, das freilich auch für viel Geld kaum mehr zu finden ist. Wolf D. Pecher


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www.auktionshaus-loesch.de

www.auktionshaus-loesch.de und bei www.lot-tissimo.de

Antikes & Kurioses - Auktion Mittwoch 15. März 2017 Antik-Kunst-Varia-Schmuck - Auktion Donnerstag 23. März 2017

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D R . RO L F T H E U R E R Samstag , den 01. April 2017

Kongresshalle Böblingen

Spielzeugsalon Böblingen

Sonntag , den 14. Mai 2017

Eisenbahn-, Puppen- und Spielzeugmarkt, 11–15.30 Uhr

Kursaal Bad Cannstatt Sonntag , den 10. September 2017

Bürgerzentrum Bruchsal Sonntag , den 29. Oktober 2017

Kursaal Bad Cannstatt

Eisenbahn-, Puppen- und Spielzeugmarkt, 11–15.30 Uhr

SEAS

Süddt. Europatauschbörse für altes Spielzeug, 10.30–15.30 Uhr Eisenbahn-, Puppen- und Spielzeugmarkt, 11–15.30 Uhr

Dr. R. Theurer, Wiesbadener Str. 74, D-70372 Stuttgart, Tel. (0711) 5 59 00 44, Fax (0711) 5 59 00 54 Mail: info@theurers.de • www.theurers.de


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K U N STM A R K T

Richard Serra Gewaltig. Der Sinn seines Werkes liegt in dem Erlebnis, das sich einem beim Eintritt in das Werk bietet. Früher bedeutete „bildhauern" soviel wie abschleifen oder aushöhlen – mit anderen Worten: Masse entfernen, um ein Bild entstehen zu lassen. Im 20. Jahrhundert haben Künstler angefangen, den klassischen Begriff der Skulptur immer freier zu interpretieren und vor allem die Eigenschaften, die den Materialien eigen sind, sowie seine verschiedenen technischen und technologischen Möglichkeiten und das Verhältnis zwischen Raum und Körper zu untersuchen. Heutzutage arbeiten renommierte Künstler an der Spitze von richtigen Fabriken, in denen Techniken, Fachwissen und Dimensionen grenzenlos variieren. Man denkt sofort an monumentale Werke von Jeff Koons, Anish Kapoor, aber auch an die von Richard Serra, der einzige Künstler neben Constantin Brancusi, der mit Rohstahl arbeitet. Die monumentalen beziehungsweise architektonischen Kompositionen von Richard Serra sind wahre wissenschaftliche und technische Experimente und der perfekte Ausdruck der Maßlosigkeit eines Werkes, dessen Entdeckung ein Erlebnis an sich ist. Ein Werk erleben Eines der schönsten und stärksten Werke von Richard Serra kann einfach in Europa besucht werden: „The Matter of Time" gehört zur Sammlung der Dauerausstellung des Guggenheim-Museums in Bilbao, Spanien. Es ist viel mehr als eine Skulptur: eine monumentale Installation aus mehreren Skulpturen – acht, um genau zu sein. Acht Meisterwerke, die auf wunderbare Weise mit der weichen Architektur des von Franck O. Gehry gestalteten Guggenheim-Museums im Dialog stehen. Gedrehte Ellipsen und Spiralen, die sich über die gesamte Arcelor-Mittal-Galerie im Erdgeschoss des Museums entfalten, wo jedes Werk aus tonnenschweren Stahlstücken mit der Schwerkraft und der Schwere spielt. Insgesamt: 1000 Tonnen schwere Skulpturen wurden „auf einen Zehntelmillimeter genau" im Rahmen eines außergewöhnlichen Auftrags des Bilbao-Museums dauerhaft installiert.

Richard Serra: Schulhof’s Curve, 1984 (Christie’s, New York, 11/2012; Zuschlagspreis 1.969.250 Euro (© VG-Bildkunst Bonn; Foto: Christie’s Images Limited)

Richard Serra: L. A. Cone, 1986 (Christie’s, New York, 5/2013; Zuschlagspreis 2.850.110 Euro (© VG-Bildkunst Bonn; Foto: Christie’s Images Limited)

Dieser Auftrag kostete vor zehn Jahren 16 Millionen Euro – ein Werk, dessen Wert heute schwer einzuschätzen ist. Das hohe Lob des Mittleren Ostens Die sagenumwobenen Werke zeitgenössischer Skulptur Serras haben bereits auf der ganzen Welt Bekanntheit erlangt. Sie wurden vor allem durch zwei Retrospektiven im Musée d’Art Moderne in Paris gewürdigt, die mit einem Abstand von 20 Jahren stattfanden („Richard Serra/Sculpture" 1986 und „Richard Serra Sculpture: Forty Years" 2007). In Bilbao, New York, San Francisco, Houston wurden in den letzten Jahren große Ausstellungen des Künstlers organisiert. Kürzlich bekam Serra von Katar die Möglichkeit, erneut zu glänzen: 2011 wurde 7, seine größte vertikale Skulptur, nach drei Jahren Arbeit in Doha enthüllt. Dieses 24 Meter hohe Meisterwerk aus sieben COR-TEN-Stahlplatten steht dem Museum für Islamische Kunst (MIA) in Doha und den Wolkenkratzern der Stadt gegenüber. Dieser erste öffentliche Auftrag des Mittleren Ostens, der von Sheikha Mayassa als „Fackel für die Kunst in Katar" bezeichnet wurde, hat zu einem zweiten offiziellen Auftrag geführt: diesmal horizontal, eine Herausforderung inmitten der Wüste. Vor zwei Jahren machte Richard Serra mit der Einweihung seines Werkes „East-West/West-East", einer Dauerinstallation aus vier 15 Meter hohen Stahlplatten, 60 km von Doha entfernt, Schlagzeilen in der Fachpresse. Diese Platten „verbinden die Meere östlich und westlich dieser Landschaft", so der Künstler, dessen Installation dazu beiträgt, Katar zu einem wichtigen Zentrum der Kunst zu machen. Die Einweihung wurde von seiner ersten Einzelausstellung im Mittleren Osten begleitet, mit der Unterstützung des ehemaligen Direktors des Musée national d'Art moderne de Paris, Alfred Pacquement. Eine derartige Unterstützung von Katar ist nicht unbedeutend. Richard Serra wird von einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt unterstützt: Sheikha Al-Mayassa, die 30-jährige Philantropin, leitet die Museumsbehörde des Emirates Katar (QMA) mit eiserner Hand im Samthandschuh. Von den Medien als „Königin der Kultur" bezeichnet, betrug ihr jährliches Erwerbsbudget für Kunstwerke kürzlich etwa eine Milliarde Dollar. Der Bildhauer Richard Serra, der Ort und Raum gestaltet, erfüllt die Anforderungen für die gewagten Aufträge, die mehrere Jahre Arbeit und hohe Rechnungen nach sich ziehen. Genau in diesem Ausdruck der Monumentalität entfaltet das Werk sein majestätisches Moment, das Lebensräume oder die Leere konfrontiert. Das erklärt, warum es nicht so einfach ist, seine Werke auf dem Markt zu erwerben.


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Tina Blau Tina Blau Anja Iwa

Frühling im Prater, 1882, Öl / Leinwand, 214 x 291 cm. © Belvedere, Wien Aus dem Belvedere, 1894/1895, Öl / Holz, 26 x 39,5 cm. © Legat Peter Parzer, Wien

EMANZIPIERTE MALERIN Tina Blau (1845-1916) kann mit gutem Recht zu den bedeutendsten österreichischen Malerinnen ihrer Zeit gezählt werden. Manche ihrer Bilder – vorrangig diejenigen von den Reisen nach Italien und Holland – mögen aufgrund der genrehaften Motive zunächst traditionell wirken. Betrachtet man sie genauer, offenbaren sie die Suche nach neuen, unkonventionellen Lösungen für konventionelle Aufgaben. In ihren kleineren Studien und Ölskizzen, in denen ihre malerische Auffassung am besten zum Vorschein kommt, zeigt sich die Künstlerin sehr modern. Einige dieser Meisterstücke kann man gleichzeitig als impressionistische Momentaufnahmen sowie als Kompositions-, Stimmungs-, Farb- und Tonstudien auffassen. Durch intensive Beschäftigung mit unterschiedlichen Vorbildern erlangte Tina Blau ihre herausragenden Fähigkeiten als Malerin. Sie ging beispielsweise der Malerei August von Pettenkofens vor Ort im ungarischen Szolnok und in Venedig auf den Grund, setzte sich mit den Malern von Barbizon und der Haager Schule auseinander und entdeckte letztlich auch Ferdinand Georg Waldmüller als bedeutenden Begründer moderner Lichtmalerei wieder. Sie malte fast ausschließlich Stillleben und Landschaften, trotzdem sollte man Tina Blau nicht unbedingt als Naturmalerin sehen. Die Künstlerin zeigte weder sentimentales, noch wissenschaftliches Interesse für die Natur, vielmehr stand sie ihr eher distanziert gegenüber. Das Motiv ihrer Bilder ist nicht die Natur, sondern die Landschaft, der sich der Anschauung darbietende Ausschnitt der Umgebungswelt, dessen einzelne Teile im Bild zu einem einheitlichen Konstrukt zusammengefasst erscheinen. Blau malte ihre Landschaften nicht, um eine Erkenntnis der Dinge zu erlangen, um eine bestimmte Meinung zum Ausdruck zu bringen, eine Haltung zu demon-


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Im Prater bei der Rotunde, um 1885,Öl / Leinwand, 33 x 45 cm. © Belvedere, Wien Belvedere, 1895, Öl / Holz, 17,6 x 26,8 cm. © Privatbesitz Bahnbau bei Dürnstein, 1909, Öl / Leinwand, 56 x 72 cm. © Privatbesitz

strieren oder den Betrachter auf etwas hinzuweisen. Die Zerstörung unberührter Natur, wie zum Beispiel die Regulierungen bei Donau und Wienfluss, verleitete sie nicht zu Empörung oder Protest, vielmehr nutzte sie diese künstlichen Einschnitte in die Landschaft für malerische Studien. Ein rauchender Fabrikschlot wird bei dieser Malerin zum durchaus willkommenen Element der Bereicherung einer Prateroder einer Vorstadtlandschaft. Dieser kompromisslos-objektive Zugang ist bei kaum einem österreichischen Maler jener Zeit so ausgeprägt zu finden. Insgesamt ergibt sich das Bild einer emanzipierten Frau und bemerkenswert modern denkenden Malerin, die nicht nur als Mitbegründerin und Lehrerin der Kunstschule für Frauen und Mädchen, sondern vor allem als mutige und unabhängige Persönlichkeit eine unglaubliche Vorbildwirkung für kommende Generationen junger Künstlerinnen hatte.

BIOGRAFIE Am 15. November 1845 wurde Tina Blau im 3. Wiener Gemeindebezirk in der Kaserne am Heumarkt 27 geboren. Ihr Vater, Simon Blau, stammte aus Prag und diente in Wien als Militärarzt. Schon im Alter von 14 Jahren erhielt Tina privaten Malunterricht von Antal Hanély, einem Schüler Waldmüllers, und fertigte mehrere Stillleben an. Mit 16 Jahren unternahm sie bereits Studienreisen nach Böhmen und Siebenbürgen, wo ihre ersten großen Landschaftsbilder

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Ansicht des Palatin in Rom, 1886, Öl / Holz, 33,3 x 48 cm. © Belvedere, Wien Dordrecht (Rotes Schiff), 1907, Öl / Holz, 28 x 38 cm. © Privatbesitz, Wien Allee bei Amsterdam, 1875/76, Öl / Leinwand, 63,5 x 90 cm. © Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz

en plein air, direkt vor dem Motiv entstanden. Der spätere Direktor des Kunsthistorischen Hofmuseums August Schaeffer erkannte als erster das Talent der jungen Künstlerin und wurde zu einem wichtigen Lehrer und Förderer. Er riet ihr auch dazu, die Natur vor Ort zu studieren. 1868 zeigte Tina Blau auf der Eröffnungsausstellung des Wiener Künstlerhauses ein bisher nicht identifiziertes Gemälde und ein Jahr später stellte sie das Bild „Kalkofen bei Abendbeleuchtung" in der ersten Internationalen Kunstausstellung im Wiener Künstlerhaus aus. 1873 folgte die Teilnahme an der Wiener Weltausstellung mit Darstellungen von der Donauregulierung. Ab 1874 teilte Emil Jakob Schindler sein Atelier in der Mayerhofgasse mit der Malerin, 1877 zog sie in das von Schindler im

Jahr zuvor angemietete Atelier im Pavillon des Amateurs, einem übrig gebliebenen Gebäude der Weltaus-

stellung 1873 im Prater. Zusammen schufen sie ein großformatiges Gemälde mit einer Ansicht aus Amsterdam. 1879 reiste Tina nach Italien und noch im gleichen Jahr überließ Jakob Schindler ihr das Prateratelier. 1881 fertigte die Künstlerin mehrere Wand- und Deckengemälde mit Blumenstillleben für das Palais Zierer sowie 16 ebenfalls mit Blumen bemalte Glasscheiben für das Stiegenhaus an. Zur gleichen Zeit entstand das großformatige Hauptwerk „Frühling im Prater", durch das Tina Blau mit einem Schlag bekannt wurde. Der österreichische Maler und Dekorationskünstler Hans Makart setzte sich 1882 erfolgreich dafür ein, dass dieses Bild nicht von der Hängekommission der Internationalen Ausstellung im Wiener Künstlerhaus wegen zu großer Helligkeit zurückgewiesen wurde. Das Werk


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wurde später von dem Kunstsammler Friedrich. W. Crone erworben. Im Jahr darauf erhielt die Malerin eine Einladung, ein Stillleben und „Frühling im Prater" im Pariser Salon zu präsentieren und erhielt dafür eine Auszeichnung. 1883 erfolgte auch die Hochzeit mit dem Münchner Pferdeund Schlachtenmaler Heinrich Lang. Für diese Ehe konvertierte die Künstlerin zum protestantischen Glauben. 1885 nahm sie an der Weltausstellung in Antwerpen teil, ab 1887 unterrichtete sie als erste Lehrerin die neu gegründeten Fächer für Landschafts-, Stillleben- und Blumenmalerei an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins. Eine erste Kollektivausstellung mit 60 Werken Tina Blaus fand 1890 statt. Als sie 1893 an der Weltausstellung in Chicago teilnahm, erhielt sie für das Bild „Gestürzte Größe" eine Goldmedaille. Im Jahr darauf kehrte sie zurück nach Wien, wo sie im Garten des Belvedere an mehreren Studien und Gemälden arbeitete. 1897 gewann sie die Kleine Goldene Staatsmedaille für ein heute leider verschollenes Bild und ab Anfang 1898 lehrte die Malerin an der Kunstschule für Frauen und Mädchen, wo sie bis 1915 den Kurs für Landschaftsund Stilllebenmalerei leitete. 1899 erfolgte eine Kollektivausstellung im Kunstsalon Pisko in Wien, auf der auch „Frühling im Prater" gezeigt wurde. Das Bild wurde nach der Aus-

stellung von der Kaiserlichen Gemäldegalerie angekauft. Ein Jahr später nahm Tina Blau an der Pariser Weltausstellung teil, 1903 fand eine zweite Kollektivausstellung im Kunstsalon Pisko in Wien statt, aus der für die neu gegründete Moderne Galerie im Unteren Belvedere das Bild „Krieau im Prater" erworben wurde. Eine Kollektivausstellung der Künstlerin, die 1909 in der Galerie Arnot in Wien stattfand, tourte anschließend als Wanderausstellung durch Deutschland und Österreich. Zu den Besuchern dieser Schau gehörte auch Kaiser Franz Joseph I. Im Rahmen einer Ausstellung der Salzburger Künstlergenossenschaft erhielt Tina Blau 1912 für ihr 1888 entstandenes Gemälde „An der Friedhofsmauer" die

Große Goldene Staatsmedaille, das Belvedere erwarb drei weitere Bilder von ihr. Am 31. 1o. 1916 starb Tina Blau an Herzversagen. 1917 fanden eine Nachlassauktion des Auktionshauses C. J. Wawra in Wien sowie eine Gedächtnisausstellung statt.

WERK Noch während ihrer Studienzeit war die Malerin ab 1872 maßgeblich an der Entwicklung des sog. „Österreichischen Stimmungsimpressionismus" beteiligt. Mit Emil Jacob Schindler verband sie bis 1879 eine Ateliergemeinschaft. Gemeinsam mit ihm und seinem Kreis malte sie einfache Motive unter freiem Himmel in den Donauauen und im Prater, die in Komposition und Aufbau eine moderne Auffassung der Landschaftsmalerei widerspiegelten. Als wahrscheinlich erste österreichische Künstlerin reiste und wanderte Tina Blau durch Österreich und halb Europa auf der Suche nach neuen Motiven. Durch ausgedehnte Aufenthalte

Aus den Tuilerien – Grauer Tag, 1883, Öl / Holz, 18 x 27 cm. © Belvedere, Wien Flößer an der Theiß, 1874, Öl / Holz, 21 x 37 cm. © Belvedere, Wien

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in Ungarn, Holland, Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz holte sie sich die aktuellsten Anregungen der europäischen Malerei. Außerdem konnte sie ihre Technik an den unzähligen Motiven schulen, die sich ihr durchs Reisen erschlossen. In ihrem Hauptwerk „Frühling im Prater" (1882, Belvedere) hatte sie ihren eigenen Stil bereits vollständig entwickelt. Dieser war von der Wiederentdeckung des Biedermeierrealismus geprägt und bezog stilistische Tendenzen des Impressionismus mit ein. Für das Gemälde erhielt die Malerin im Pariser Salon 1883 eine „Mention honorable". Dabei handelte es sich um die einzige an ausländische Künstler vergebene Auszeichnung. Das damals in Wien beispiellose Gemälde machte Tina Blau zu einer Künstlerin von europäischem Rang.

Neben Hauptwerken wie „Frühling im Prater" werden bisher kaum bekannte Arbeiten gezeigt, die im Zuge der Recherchen zum neuen Werkverzeichnis der Künstlerin wiedergefunden werden konnten. Als erstes Museum in Österreich präsentiert das Belvedere eine frei zugängliche Online-Version des im Research Center des Hauses erstellten Werkverzeichnisses zu Tina Blau. Dieses ist unter werkverzeichnisse.belvedere.at abrufbar.

Betrachtung ihrer künstlerischen Produktion. Mit der Ausstellung zu ihrem 100. Todestag soll dies jedoch wieder möglich werden. Die begleitende Publikation enthält Essays unter anderem von Kunsthistoriker Claus Jesina, der sich mit der veränderten Sichtweise der Künstlerin durch ihre umfangreichen Reisen und dem Studium der Lichtverhältnisse spezifischer Landschaften befasst. Julie M. Johnson beschreibt, was die Künstlerin Tina Blau in einer

Die Künstlerin sah sich selbst am Höhepunkt ihres Schaffens damit konfrontiert, dass ihre künstlerische Leistung immer in Bezug auf ihr Geschlecht beurteilt wurde. Anlässlich der Eröffnung der Modernen Galerie im Jahr 1903, dem heutigen Belvedere, wurde ihr ausgestelltes Gemälde „Krieau im Prater" (1902, Belvedere) vom Kunstkritiker Adolf Kronfeld ebenfalls dahingehend beschrieben. Besonders Tina Blaus Bereitschaft, aus der Schule in die Natur hinauszugehen, um zu malen, wie es damals lediglich die männlichen Kollegen taten, wird von dem Kritiker positiv hervorgehoben. Dieser von „positivem Sexismus" eingeschränkte Blick verwehrte jedoch die genuine

männlich dominierten Kunstwelt zur Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit machte, und Kurator Markus Fellinger beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Stilfindung der Künstlerin und der Bedeutung ihrer „Wiederentdeckung" des Biedermeierrealismus. Weitere Informationen unter www.belvedere.at

AUSSTELLUNG 100 Jahre nach ihrem Tod ehrt das Belvedere die Malerin mit einer Ausstellung im Rahmen der Reihe „Meisterwerke im Fokus”. Bis zum 9. April präsentiert die von Markus Fellinger kuratierte Schau 49 Gemälde aus allen Schaffensphasen der Künstlerin.

Blick auf die alte Pfarrkirche von Dürnstein, 1897/98, Öl / Leinwand, 58 x 72 cm. © Privatbesitz, Courtesy Auktionshaus im Kinsky, Wien Interieur-Stillleben, um 1872, Öl / Holz, 47,5 x 38 cm. © Privatbesitz, Wien


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STAUFFER AUKTIONEN OHG Thomas Appel & Ernst Appel

Frühjahrsauktion 18. März 2017 Alte Waffen, Asiatica, Orden u. Ehrenzeichen, Militaria Karlstr. 34, 72525 Münsingen

Über 2400 historische Objekte: Archäologisches und Asiatika. Mittelalter: Rüstungen, Helme, Schwerter und Degen Sammlung. Schusswaffen: antike Rad-, Stein- und Perkussionsschlosswaffen. Militärwaffen. Moderne Waffen. Orden, Ehrenzeichen und Urkunden. Kaiserliche Militaria: Pickelhauben, Uniformen, Epauletten, Säbel. Militaria: feldgrau 1914-18. Altes Spielzeug, Militär und Zivil. Militärische Antiquitäten: Gemälde, Grabenkunst, Porzellan, Bronzen. Reservistika. Militaria der Wehrmacht 1933-45. 7,5 cm Panzerabwehrgeschütz. Zeitgeschichtliche Objekte, Sammelstücke von Polizei und Feuerwehr. U m f a n g r e i ch e r, b e b i l d e r t e r K a t a l o g g e g e n Vo r e i n s e n d u n g v o n 2 0 , - E u r o

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Drüc ker Türdrücker Heidrun Th. Grigoleit

Türdrücker, Entwurf: Hans Kollhoff, etwa 1999 für das Grassimuseum Leipzig (Fotos: Helga Schulze-Brinkop / Gunter Binsack)

BEGREIFBARE BAUKUNST Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur ist Thema der Ausstellung mit dem Titel „Begreifbare Baukunst", die noch bis 14. Mai im Grassimuseum in Leipzig gezeigt wird. Diese Ausstellung widmet sich ganz diesem kleinen und unscheinbaren Gebrauchsgegenstand – nämlich jenem Teil eines Gebäudes, durch den der Mensch ein Haus zuerst berührt, es öffnet und dann betritt: dem Türgriff. Zur Ausstellung ist eine begleitende Publikation erschienen, die auf 117 reich bebilderten Seiten verschiedenste Türgriffe sowie die Gebäude

vorstellt, in denen sie verwendet werden. Die Türgriffe spiegeln allesamt die Haltung ihres jeweiligen Gestalters, aber gleichzeitig auch die große Architektur des Gebäudes, in dem sie genutzt werden, im Kleinen wider. In der Leipziger Ausstellung, die in einen historischen und einen modernen Teil gegliedert ist, werden

Türdrücker, Entwurf: Joseph Maria Olbrich, 1900 für Haus Deiters – Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt (Foto: FSB)

insgesamt 30 Stelen mit Türgriffen und Erläuterungstafeln präsentiert. Die Entwurfs- und Bauauffassungen verschiedener Architekten und Designer sowie deren Vorlieben für bestimmte Materialien spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Übergang vom analogen zum digitalen Entwerfen. Die Entstehungszeit der ausgestellten und zu berührenden Türgriffe und Türdrücker reicht vom Anfang des 19. Jahrhunderts (Karl Friedrich Schinkel) über große Gestalter wie Otto Wagner, Paul Behrens oder Ludwig Wittgenstein hin zu Neuerungen der Bauhauszeit mit Walter Gropius und schließlich bis zu zeitgenössischen Entwürfen von Jasper

Morrison, Gesine Weinmüller, Werner Aisslinger, Schulz und Schulz und den gmp Architekten.


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Türdrücker, Entwurf: Peter Behrens, um 1911 für das Haus Wiegand in Berlin (Fotos: FSB)

GEBÄUDE UND TÜRGRIFF In der Ausstellung wird vor allem die Frage nach der zum jeweiligen Gebäude passenden Drückerform behandelt. Aufgegriffen wird aber auch das Thema, wie sehr sich die Gesamtarchitektur in diesem kleinen Detail wiederfinden lässt, welches Material sich als passend erweist und welche gesellschaftlichen Aspekte unterstrichen werden sollen. Türgriffe können aus den unterschiedlichsten Materialien bestehen. Die optische und haptische Ausstrahlung von Edelstahl, Messing, Aluminium oder Kunststoff wird dabei von den Designern ganz bewusst eingesetzt, um die Wirkung der Gesamtarchitektur zu unterstreichen. Gerade der Werkstoff Metall ermöglicht ein breites Gestaltungsspektrum und verleiht Gegenständen nicht nur Wertigkeit, sondern auch ein langes Leben. Der Gestalter Otl Aicher (1922-1991) brachte mit seinen „Vier Geboten des Greifens" die Anforderungen an einen guten Türdrücker auf den Punkt: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen sollte eine Klinke aufweisen. Und auch die Besucher der Ausstellung werden eingeladen, die präsentierten Türgriffe zu „begreifen". Nicht zuletzt sind die Räume des Grassimuseums Leipzig mit Türgriffen, die Hans Kollhoff in Anlehnung an die Formensprache der 1930erJahre entworfen hat, ausgestattet.

SCHINKEL – OLBRICH – BEHRENS Den Auftakt der Ausstellung bildet Karl Friedrich Schinkels Griffentwurf für Schloss Charlottenburg, das zwischen 1826 und 1829 inmitten eines Landschaftsparks in Potsdam errich-

tet wurde. Die gezeigte Olive, ein drehbarer Griff für Fenster und Türen, ist mit einem zentralen Sternmotiv und symmetrisch angeordneten schwungvollen Blütenmotiven noch ganz im Stil des Klassizismus gehalten. Diese, ihrer Form nach benannten „Oliven" waren in Schlössern und öffentlichen Gebäuden und später auch in noblen Wohnhäusern üblich. Schinkel (1781-1841) entwarf für die meisten seiner Gebäude auch den gesamten Innenausbau und

Türgriff, Entwurf: Karl Friedrich Schinkel, um 1827 für Schloss Charlottenhof (Foto: FSB)

somit auch die kunstvoll mit Rosette und Palmetten gravierte Messingolive, die sich an der Tür des Vestibüls im Schloss Charlottenburg befindet. Der Architekt Joseph Maria Olbrich (1867-1908) entwarf 1900 das Wohnhaus für den Geschäftsführer der Darmstädter Künstlerkolonie Wilhelm Deiters am Schnittpunkt zweier Straßen auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Das Gebäude mit zwei Ecktürmen und die Gartenanlage waren als Gesamtkunstwerk im Jugendstil konzipiert. Olbrich gestaltete jedes Detail des Hauses – vom Gartenzaum über Vordach und Treppengeländer bis hin zum Kamin. Auch alle Türen und deren Beschläge fügen sich in die fließende Formensprache des Jugendstilgebäudes ein.

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Türdrücker, Entwurf: Ludwig Wittgenstein, um 1927 für Palais StonboroughWittgenstein (Foto: FSB)

Ein repräsentatives Wohnhaus in der Podbielsallee 69-71 des Archäologen Theodor Wiegand entstand in Berlin zwischen 1911 und 1912 nach Entwürfen von Peter Behrens – seit 1957 ist es bis heute Sitz des Deutschen Archäologischen Instituts. Das Gebäude greift Bauformen der Antike auf – etwa im Hof oder der Gartenpergola und verbindet sie mit modernen Elementen wie Glasbausteinen zu einem eleganten Wohnhaus. Auch um den gesamten Innenausbau kümmerte sich Peter Behrens (1868-1940) persönlich und entwickelte für das Gebäude zwei sehr unterschiedliche Türdrücker. Der eine ist noch ganz den Formen des Jugendstils nachempfunden, während der andere sich in seiner Gestaltung an der klassizistischen Erscheinung der Gesamtanlage orientiert: mit einem geometrischen Motiv aus der Frühzeit der abendländischen Antike.

WITTGENSTEIN – GROPIUS Eine Hinwendung zu einfachen Formen fand am radikalsten bei Ludwig Wittgenstein (1889-1951) statt. Sein Haus Wittgenstein in Wien, das zwischen 1926 bis 1928 entstand, zeigt sich karg, fast wie ein Rohbau. Auf den zweiten Blick erkennt man die ausgewogenen Proportionen und mathematisch präzisen Details des Gebäudes. Die Eingangstür ist als ein Metallrahmen gefertigt und mit Glas ausgefacht. Für den Wohnkomplex entwarf der Architekt einen Türdrücker, der im gesamten Haus Verwendung fand. Es handelt sich um einen schlichten Metallstab

mit einem Durchmesser von 17 Millimetern, der im Winkel von 90 Grad gebogen und mit einer flachen Kalotte versehen ist. Auf der anderen Türseite ist der Stab verkröpft und an einen Zylinder geschweißt, der als Hülse für die Schlitzschraube dient, die beide Drücker fixiert. Die zwei Formvarianten definieren das Innen und Außen des Hauses. Damit ist die Gestaltung wie beim Gebäude auch bei den Türgriffen auf ein Minimum reduziert. Gezeigt wird auch der im Bauhaus Dessau verwendete und von Walter Gropius und Adolf Meyer 1922 entworfene Bauhaus-Drücker. Nach den Entwürfen von Walter Gropius entstand in Dessau ein dreiflügliger Baukörper mit Werkstätten, Unterrichtsräumen und einem VerwalTürdrücker, Entwurf:Walter Gropius und Adolf Meyer, um 1923, verwendet u.a. im Bauhaus Dessau (Fotos: FSB, © VG BildKunst Bonn)

tungstrakt. 1926 wurde die neue Bauhaus-Hochschule für Gestaltung eröffnet. Die gesamte Inneneinrichtung wurde dann in den hochschuleigenen Werkstätten entwickelt. Als Türgriffe verwendete man einen kleinen Drücker, der von Walter Gropius und seinem Büroleiter Adolf Meyer entworfen und seit 1924 von dem Berliner Beschlägehersteller S. A. Loevy seriell gefertigt wurde. Schnell erlangte der kleine Gebrauchsgegenstand eine gewisse Berühmtheit und kam nicht nur in den Hochschulräumen, sondern auch in den Wohnhäusern der Bauhaus-Meister zum Einsatz. Seine charakteristische rechtwinklige Form, bei der sich eine zylindrische Handhabe unvermittelt zum quadratischen Drückerhals verjüngt, entwickelte Gropius für das Bauhaus dann weiter zu einer kompletten Beschlagsserie. Neben quadratischen Rosetten und Langschildern fand sich auch das aus dem vollen Metall geschnittene Kurzschild, dessen gedrungene kurze ovale Form aber nur


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Türdrücker, Entwurf: Alessandro Mendini, 1986 für das Museum Groningen (Fotos: FSB)

in den Dessauer Bauten verwendet wurde. Heute ist solch ein Drücker schon von Weitem als silberner Türbeschlag an der roten Eingangstür des Bauhausgebäudes in Dessau zu erkennen. Er fühlt sich sehr modern an und öffnet die Eingangstür zu diesem berühmten Tempel der Moderne, ist aber leider nur ein Nachbau des original Dessauer Bauhausdrückers. Damals, 1926, gab es mehr als 300 dieser Beschläge. Ihr Niedergang begann kurz nach der Schließung der Hochschule im Herbst 1932, nachdem das Gebäude von den Nazis in Besitz genommen wurde. Nun nahmen hier Landfrauen-Arbeitsschülerinnen und NS-Amtswalter die Klinken in die Hände. Auf Dauer hielten die Drücker den übermäßigen Belastungen des Schulbetriebs jedoch nicht stand und brachen häufig einfach ab. Andere Originalbeschläge gingen bei Umbauten und bei einem schweren Luftangriff im März 1945 verloren. Nur wenige der original Türgriff-Exemplare, die durch ihre klare und additive Formensprache bestechen, gingen 1976 in den Bestand der damals gegründeten Bauhaus-Sammlung über. In den benachbarten beiden Doppelhäusern von Wassily Kandinsky und Paul Klee bzw. von Georg Muche und

Oskar Schlemmer sind die Dessauer Bauhaus-Drücker jedoch zum Glück bis heute fast vollständig erhalten, so dass Besucher dort ein authentisches Stück Bauhaus in den Meisterhäusern in die Hand nehmen können. Übrigens wurde eine GropiusDrückergarnitur in einem Auktionshaus in New York für fast 2.000 Dollar versteigert, was das Verschwinden einiger der außergewöhnlichen Garnituren bei einem Einbruch im Jahr 1990 vielleicht erklären kann...

MENDINI – POTENTE – BURCHARTZ / EIERMANN Die klare Formensprache des Bauhausgriffes wurde 1989 wieder von Alessandro Mendini für eine Klinke aufgriffen, die während eines Workshops der Firma Franz Schneider Brakel (SB) entstand und im Groninger Museum als Klinkenserie verwendet wird. Das Besondere daran ist, dass dieser Türgriff aus farbigem Kunststoff in Kombination mit den stren-

Türdrücker, Entwurf: Johannes Potente, 1952 für Wohnhaus der 50er-Jahre (Foto: FSB)

gen Formen besteht. Eine optische, aber auch die haptische Wirkung von Kombinationen aus Edelstahl, Messing, Alu oder farbigem Kunststoff wird von den Designern gerne eingesetzt, um die Wirkung der Gesamtarchitektur zu unterstreichen. Auch beim sog. Entenschnabeldrücker aus goldfarbig eloxiertem Aluminium von Johannes Potente wird deutlich, wie das Material eine Form betonen kann. Gerade in der Nachkriegszeit legte man großen Wert

Türdrücker, Entwurf: Max Burchartz und Egon Eiermann, 1965 für Abgeordnetenhochhaus des Deutschen Bundestages (Foto: FSB)

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auf Leichtigkeit und Heiterkeit und in dynamisch geschwungenen Formen wurden damals Häuser im Nierentischstil gestaltet. Die „gute Laune" dieser Jahre zeigt sich exemplarisch im Design des Türdrückers FSB 1020, dem sog. Schnabeldrücker, den Johannes Potente (1908-1987) entwarf. Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft fand der begabte Potente im Brakeler Metallwerk Franz Schneider, wo er auch eine Lehre absolviert hatte, eine leitende Funktion in den Bereichen Entwicklung, Entwurf, Werkzeugbau und Graviererei. Seine eleganten Formentwürfe trafen neben ihren ergonomischen Vorzügen auch den Geschmack der 50er-Jahre und wurden zum Verkaufsschlager. Und sein populärer Türdrücker 1020 wurde gar in die Design-Sammlung des MOMA in New York aufgenommen. Im ehemaligen Bonner Abgeordnetenhaus, das Egon Eiermann (19041970) 1966 entworfen hatte, sind seit 2006 elf Institutionen der Vereinten Nationen zuhause. Das Gebäude war

Türdrücker, Entwurf: Karl Schwanzer, um 1956 für das Museum des 20. Jahrhunderts Wien (Foto: FSB) Türdrücker, Entwurf: Paul Bonatz, 1909 für Henkell-Sektkellerei (Foto: FSB) Türdrücker, Entwurf: Alvar Aalto, 1959 für Theater und Philharmonie Essen (Foto: FSB)

durch seine elegante Leichtigkeit zu einem Symbol des neuen, weltoffenen Deutschlands geworden. Den im Abgeordnetenhaus verwendeten, keilförmigen „Einheitsbeschlag" hatte Max Burchartz (1887-1961) bereits in den 20er-Jahren kreiert. Doch erst in den 1950er- und 60erJahren trat der schlichte Türdrücker seinen Siegeszug an. In strenger rechtwinkliger Verbindung treffen der Drückerhals und die Handhabe beim „Modell 1005" aufeinander. Der elliptische Querschnitt verjüngt sich am Ende der Handhabe. Die straffe Keilform wird durch eine gerundete Kontur weicher, wobei die beiden Komponenten dem Türdrücker in seiner modernen und schlichten Form eine gewisse spannungsvolle Eleganz verleihen, die nicht nur von Egon Eiermann, sondern auch von vielen anderen Architekten in der jungen Bundesrepublik geschätzt wurde. So kam Modell 1005 nicht nur im Abgeordnetenhochhaus zum Einsatz, sondern wurde damals für viele öffentliche Gebäude verwendet – fast schon als ein Sinnbild für die demokratische Sachlichkeit der neuen Republik.

SCHWANZER – BONATZ – AALTO Karl Schwanzer (1918-1975) entwarf den österreichischen Pavillon zur Brüsseler Weltausstellung, der nach Beendigung der Schau demontiert und in Wien wieder aufgebaut wurde. Dort fand dann das Museum für Moderne Kunst eine Heimat. Dafür mussten jedoch einige ehemals offenen Bereiche des Pavillons überdacht und verglast werden. Für seine Gebäude entwarf Karl Schwanzer nicht nur Möbel, sondern auch eigene Beschläge. In dem strukturell leicht anmutenden Gebäude wurden elegante Türdrücker zum Blickfang. Die auffallend skulpturale Form der edlen Türgriffe folgte dennoch auch praktischen Gesichtspunkten: Denn die Drehbewegung der schmalen, leicht nach oben ge-


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Türdrücker, Entwurf: Josef Paul Kleihues, 1986 für das Hochhaus Kant-Dreieck (Fotos: FSB)

bogenen Klinke wird beim Betätigen so geführt, dass die Handhabe nicht über die Umgrenzung des Langschildes hinausragt. Das Stammhaus der weltbekannten Henkell-Sektkellerei in Wiesbaden wurde zwischen 1907 bis 1909 erbaut. Der Gebäudekomplex zitiert äußerlich französische Barockschlösser und spiegelt damit das Selbstverständnis der renommierten Kellerei und ihrer Eigentümer wider. Hinter den historischen Fassaden verbirgt sich jedoch eine stählerne Tragekonstruktion und moderne Fabrikationsanlage. Das „Henkell-Schlösschen" zählt auch deshalb zu den innovativen Fertigungsanlagen des frühen 20. Jahrhunderts, mit Förderbändern und Packstationen, mit der die Fabrikation der Sektflaschen bis heute reibungslos verläuft. Auch im Kleinen spiegeln die drei Beschläge, die Paul Bonatz (1877-1956) für die Sektkellerei entworfen hat, die architektoni-

sche Debatte der damaligen Zeit wider: Der schlichte reduzierte Türdrücker entspricht der lebensreformerischen Forderung nach einer handgerechten und modernen Gestaltung. Demgegenüber zeigt der Drehgriff der Safetür die Ornamentik des Jugendstils, während rosa glasierte Knäufe einer Schiebetür in der Chefetage klassizistischen Vorbildern aus Schlössern und Palästen folgen. Trotzdem unterstreichen alle drei der doch so unterschiedlichen Exponate jedes auf seine Weise die herrschaftlich-repräsentative Noblesse der Wiesbadener Sektkellerei. Der finnische Architekt Alvar Aalto (1898-1976) erlebte die feierliche Einweihung des Essener Opernhauses im Jahr 1988 nicht mehr, denn als er 1959 den Architektenwettbewerb für den Neubau gewann, konnte niemand ahnen, dass sich die Planungsphase allein bis 1964 hinziehen und nochmals 24 Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung des Prachtbaus vergehen würden. Mit seinem Entwurf für das Opernhaus bewies Aalto wieder, dass er ein Generalist war, der sich mit allen Details befasste, die seine Bauten betrafen. Den im Essener Opernhaus verwendeten Türdrücker hatte Aalto bereits in den 1950-Jahren für eine Villa in der Nähe von Paris entworfen. Aber während

der Pariser Drücker aus Bronze gefertigt und mit cognacbraunem Leder umwickelt war, wurde das Essener Modell in Messing ausgeführt und passend zur Innenausstattung des Opernhauses mit dunkelblauem Leder gefasst.

KLEIHUES – KOLLHOFF Das elfstöckige Geschäftshaus „Hochhaus Kant-Dreieck" in Berlin in der Fasanenstraße 81, das von dem Architekten Josef Paul Kleihues (*1933) entworfen und 1995 fertiggestellt wurde, besticht durch ein großes, bewegliches Segel auf dem Dach, das von den Berlinern liebevoll als „Haifischflosse" bezeichnet wird. Die Türen des Geschäftshauses werden von eleganten Türdrückern geschmückt, die der Architekt 1992 eigens für das ungewöhnliche Gebäude entworfen hatte. Denn die präg-

Türdrücker, Entwurf: Hans Kollhoff, um 2005 für das Dominium Köln (Fotos: FSB)

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Türdrücker, Entwurf: Christoph Mäckler, 2005 für die Kunsthalle Portikus (Fotos: FSB)

nante Form des Großsegels auf dem Dach wird im Türschild wieder aufgenommen. Zu der außergewöhnlichen Produktfamilie gehören ein Türknopf, Fenstergriffe, Badrosette und Türpuffer. Der Züricher Architekturprofessor Hans Kollhoff (*1946) entwarf das Geschäftshaus „Dominium" in Köln, das in den für die Stadt charakteristischen Materialien Sandstein, Muschelkalk und mit Travertin verkleideter Fassade gefertigt ist und durch eine umlaufende, zweigeschossige Sockelzone gefasst wird. In den Bau wurde das denkmalgeschützte Commerzbank-Gebäude geschickt integriert. 1999 entwarf Kollhoff einen Türdrücker, der seitdem in fast allen seiner eleganten Wohn- und Geschäftsbauten zum Einsatz kommt. Bei der Formgebung griff er auf ein Modell von Ludwig Mies van der Rohe aus den 1930er-Jahren zurück: Aus einem kreisförmigen Drückeransatz entspringt in fließendem Übergang ein quadratisches Profil, das sich dann in einem straffen Bogen zur Handhabe des Türdrückers entwickelt. Dort verjüngt es sich zu einem hochrechteckigen Querschnitt. Hans Kollhoff straffte die etwas schwerfälligere Form des Vorgängermodells und verkürzte die Länge der Handhabe. Gerade in Bronze oder Messing wirkt der modernisierte Griff besonders edel. Im Dominium passt das

Türdrücker, Entwurf: Christoph Ingenhoven, 1999 für das Lufthansa Aviation Center (Fotos: FSB)

Material Bronze zudem genau zu den Profilen der Türen und Fenster.

Produkt war und ist es damals wie heute ein langer Weg, an dessen Ende häufig beeindruckende Produkte stehen, die nicht selten ein Preis auszeichnet. Die bemerkenswerte Ausstellung „Begreifbare Baukunst" und das Katalogbuch gewähren eindrucksvolle Einblicke in die Zusammenhänge von Bauwerken und ihren Türgriffen – historisch wie auch zukunftsorientiert. Besucher und Leser werden Türgriffe wohl in Zukunft mit einem ganz neuen Hintergrundwissen und tieferen Verständnis für die Details dieses so alltäglichen Gebrauchsgegenstandes in die Hand nehmen.

INFO ZUSAMMENHÄNGE VERSTEHEN Auch heute, in einem neuen Jahrhundert, entstehen bedeutsame Bauten in der ganzen Welt – in Berlin, Frankfurt, Dresden, Mailand, Moskau oder New York. Wieder setzen führende Architekten und Designer neue moderne Maßstäbe und entwerfen für ihre Projekte auch wieder die passenden Türdrücker, die ihre jeweilige gestalterische Haltung widerspiegeln. Von der ersten Entwurfszeichnung bis zum fertigen

Ausstellung: GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig; Tel.: 0341/2229100; www.grassimuseum. de (bis 14.5.) – Katalog: Hrsg. FSB Franz Schneider Brakel GmbH+CoKG in Zusammenarbeit mit der internationalen Bauakademie Berlin und dem Deutschen Werkbund.


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SAMMLER JOURNAL

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Es gilt die Anzeigenpreisliste 1/08 vom 01.11.2008 Dieser Ausgabe liegen Prospekte von „Waigand Sammlerwelt” und des Auktionshauses Metz bei. Wir bitten um Beachtung.


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