Zeitung 2014

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gegen burschentage gegenburschentage.blogsport.de # 4 Frühjahr 2014

Gegen alle Männerbünde! Verbindungen auflösen! Aufruf zur feministischen und antifaschistischen Demonstration gegen den Burschentag am 14. Juni 2014 [Bündnis gegen den Burschentag in Eisenach]

Die Deutsche Burschenschaft zer-

legt sich selbst. Auch nach dem vergangenen Burschentag in Eisenach ebbt die Austrittswelle nicht ab: Fast die Hälfte aller Bünde hat den Verband in den letzten drei Jahren seit dem Skandal um den sogenannten „Arierparagraphen“ und der damit einhergehenden Eskalation der Flügelkämpfe verlassen. Die verbliebenen Verbindungen sind die offen völkischen und faschistischen, ausgetreten sind die nationalkonservativen und die, denen ihr Image dann doch wichtiger war als die Tradition. Kurz: Der einst bedeutendste studentische Kor-

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porationsverband ist nicht mehr das, was er einmal war.

Eines jedoch ist geblieben: Die Mit-

gliedsbünde der Deutsche Burschenschaft sind Männerbünde – und mit ihnen auch die angeblich „liberalen“ Bünde, die die DB in den letzten Monaten und Jahren verlassen haben, und überhaupt nahezu alle deutschen und österreichischen Studentenverbindungen.

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ie Idealisierung martialischer Männlichkeit, Homophobie, völkischer Nationalismus, Sexismus und antifeministische Agitation sind noch

immer gang und gäbe in sämtlichen Burschenschaften.

You can't get out of the Männerbund and the Männerbund can't get out of you

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s ist keine harmlose Freundschaftsclique, die sich auf den Verbindungshäusern versammelt, sondern ein elitärer Männerbund. Deutsche Freundschaft, zu Goethes und Schillers Zeiten noch als romantisch und

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Editorial

ausgeprägter Antifeminismus sowie latente und manifeste Homophobie sind elementarer Bestandteil des burschenschaftlichen Daseins.

Liebe Leser_innen, Den Stand der Dinge in der DB erfahrt ihr im Artikel der t.a.s.k. Wie zum vierten Mal rufen wir zu Pro-

testen gegen den Burschentag der Deutschen Burschenschaft in Eisenach auf. Dieses Jahr aber wollen wir nicht „nur“ laut und sichtbar ein Zeichen auf den Straßen setzen, sondern zeitgleich zum Burschentag zeigen, dass unsere Kritik es in sich hat: Bei einer Podiumsdiskussion werden wir mit verschiedenen Referent_innen über Männerbund und autoritären Charakter, über Seilschaften und Homophobie reden.

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gal was sich gerade in der DB verändert, egal wie sehr sich vermeintliche „Liberale“ von diesem völkischen Haufen abgrenzen – nichts wird jemals liberal am Männerbund sein! Unterirdische Vorstellungen von Familienpolitik und Geschlechterrollen,

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sich die Flügelkämpfe in der DB historisch entwickelt haben und was die Folgen der aktuellen Streitereien sind, zeigen sie auf der Seite 5.

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chließlich versucht lisa:2 unseren manchmal etwas engen Blick auf die studentischen Männerbünde zu erweitern, indem sie ein Exemplar der „ganz normalen Männerbünde“ in den Blick nehmen: die Dorfburschenschaften. Diese Auseinandersetzung auch gerade mit dem ländlichen Raum offenbart wieder einmal, dass der Männerbund überall zu finden ist.

Viel Spaß beim Lesen. Wir sehen Von Seite 6 bis 11 versucht sub*way uns am 14. Juni in Eisenach bei Podi-

den Männerbund auf den Begriff zu bringen und dafür Homophobie und Antifeminismus bei den Burschen herauszuarbeiten. Außerdem geht‘s ihnen auch darum, was die Kritik an Burschenschaften eigentlich für eine feministische Gesellschaftskritik taugt.

Für

eine Auseinandersetzung mit dem völkischen Nationalismus insbesondere der österreichischen DB-Burschenschaften befragten wir Heribert Schiedel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Das leicht gekürzte Interview könnt ihr auf den Seiten 12 bis 14 nachlesen – die vollständige Version gibt‘s auf der Homepage.

umsdiskussion und Demo!

Eure Redaktion

Impressum V.i.S.d.P.: Marita Riposte Wernerstraße 17 37580 Göttingen

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zärtlich gedacht, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Bund, der sich ganz der Nation verschrieb. Fortan waren und sind individuelle Gefühle nicht mehr Ausdruck einer gegenseitigen Zuneigung, sondern dem einenden Nationalen unterzuordnen und auf dieses ausgerichtet. An der Spitze dieser Bewegung standen die Burschenschaften und Studentenverbindungen, die sich seit eh und je männerbündisch organisierten. Die Freundschaft, von der die Burschen auch heute noch so ehrfürchtig daher reden, ist in diesem Sinne vor allem erstmal nationalistisch aufgeladen.

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enn sich die Bundesbrüder ihre Liebe schwören, von wahrhafter Kameradschaft und ewiger Freundschaft des Lebensbundes schwärmen, wenn sie in der reinen Männergesellschaft sich bierselig in den Armen liegen, sich ganz nahe kommen und emotional ergriffen sind, dann stellen sie rauschhaft eine enge Gemeinschaft her. Dennoch, da sind sie sich einig, hat das nicht im geringsten etwas mit Homoerotik zu tun. Es gilt jeden noch so kleinsten Verdacht der Homosexualität abzuwehren und zu verdrängen – denn Schwulsein bedeutet in ihren Augen wenig mehr als den Verlust von Männlichkeit und Selbstbeherrschung. Um sich dessen zu vergegenwärtigen, bedarf es allerdings noch nicht einmal des Blickes auf die Studentenverbindungen, ist eine solche Abwehr von Homosexualität bei gleichzeitigem Ausleben innigster gleichgeschlechtlicher Gemeinschaft doch auch in den ganz alltäglichen Männerrunden ebenso wie in sonstigen männerbündisch organisierten Gruppen zu finden.

Der

Männerbund ist durch eine Hierarchie der einzelnen Mitglieder untereinander gekennzeichnet. Im Unterschied zum Kegelverein um die Ecke ist diese in den Verbindungen aber derart eingerichtet, dass sie strikt institutionalisiert sich auf alle Lebensbereiche der Männerbündler ausweitet. Opferbereitschaft und Fügsamkeit werden so als Teil eines autoritären Charakters besonders gefördert. Um von der Macht des Bundes profitieren zu können, gilt es zunächst in diesem

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aufzugehen. Individualität und eigene Bedürfnisse müssen im Männerbund hinter den zentralen Werten von Gemeinschaft und Brüderlichkeit zurückstehen. Kein Wunder also, dass die Verbinder auf besonders gewaltsame Zurichtung stehen: Die Ideale soldatischer Männlichkeit werden in besonderer Härte vor allem gegen sich selbst eingeübt. Ziel dieser Männlichkeitsrituale – allen voran der Mensur – ist das völlige Aufgehen in der Gemeinschaft. Die Belohnung für Härte und Selbstaufgabe ist die Teilhabe an der Macht des Männerbundes und das Bewusstsein zur rangüberlegenen Gruppe zu gehören. Diese „natürliche Berufung und Eignung zur Führung“ können Frauen und „weibische“ Männer – so das Denken der Verbinder – nicht inne haben. Elitedenken at its best!

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könnte uns ja eigentlich herzlich egal sein, wenn die Burschen sich beim Fechten die Gesichter aufschlitzen oder nach dem x-ten Trinkritual durch ihre Häuser stolpern – doch all das – Schwäche, Sinnlichkeit, Passivität – , was sie bei sich verleugnen und mühsam aus ihrem Charakter verbannen müssen, um ihrem eigenen Männlichkeitsbild gerecht zu werden, werten sie bei denen ab, denen sie diese Eigenschaften andichten. Deswegen sind sie homophob und sexistisch und deswegen finden wir sie nach wie vor zum Kotzen! Gerne wird Verbindungen „Frauenfeindlichkeit“ vorgeworfen – wir sagen: Das greift zu kurz! Zwar bringen Verbindungen eine besonders dramatisierte Männerrolle und heldische Männlichkeit hervor, diese fällt aber ja nicht einfach vom Himmel, sondern ist vielmehr eine Zuspitzung dessen, was bürgerliche Männlichkeit ohnehin schon ausmacht. Während sich Geschlechterrollen aber heutzutage verändern, während neue Entwürfe von Familie und Zusammenleben Einzug halten und gar homosexuelle Ehen mittlerweile möglich sind, veranschaulichen Burschen und Verbinder, worauf diese Gesellschaft noch immer ideologisch und historisch aufbaut.

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tudentenverbindungen im Allgemeinen und die Deutsche Burschen-

schaft im Besonderen sind Ausdruck des patriarchalen Prinzips der bürgerlichen Gesellschaft. Mal mehr und mal weniger offensichtlich und mal mehr und mal weniger überzeichnet lassen sich an ihnen Kennzeichen der patriarchalen Normalität ablesen – sind sie doch schließlich so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst.

All these dirty little boys that think that the girls were only made as toys

In

der Vorstellung der Männerbündler wendet sich ihr Bund gegen übermächtige emanzipatorische und feministische Überzeugungen, die – schon längst Mainstream geworden – den Verlust männlicher Identität nach sich zögen. Aus dieser vorgestellten Bedrohungssituation speist sich die Aggressivität und Kompromisslosigkeit männerbündischer Ideologie. So glauben etwa die Burschen der DB, die tradierten Geschlechterrollen, ja eigentlich das gesamte Abendland gegen „Gender-Wahn“ verteidigen zu müssen.

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er Männerbund muss vor Frauen und ihrem negativen Einfluss geschützt werden. Und da diese Bedrohung gemäß der männerbündischen Vorstellung überall ist, müssen dagegen beständig Dämme errichtet werden. Der Mann muss sich mit einem Panzer versehen, muss sich so sehr verhärten, dass er gegen die weibliche Verführung gewappnet ist. Die Angst vor dem Weiblichen erstreckt sich dabei auch auf die Sexualität, die als Gefahr für den Zusammenhalt und die Produktivität des Männerbundes wahrgenommen wird. Durch die weibliche Sexualität nämlich würden die männerbündischen Ideale aufgeweicht, die emotionale Bindung von der Gemeinschaft und ihrem höchsten Zweck abgezogen und Energien, die sich in Leistung umsetzen ließen, verschwendet. Die vermeintlich rein pragmatischen Begründungen, mit denen Männerbündler den Ausschluss von Frauen rechtfertigen – in gemischtgeschlechtlichen Gemeinschaften drohten „Beziehungsdramen“ oder „Verführung“ – sind le-

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diglich Ausdruck der Angst vor dem Weiblichen.

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der häusliche Schauplatz der Familie weiblich dominiert sei, dient der Männerbund als lebenslanger Familienersatz in der öffentlichen Sphäre. Er ermöglicht eine gewissermaßen „geschlechtslose“ Reproduktion der Männergemeinschaft ohne Frauen. Und doch stellen Frauen als Gäste auf Kommersen und Festen, als Balldamen und „Freundinnen des Hauses“ mehr dar als das oft zitierte „schmückende Beiwerk“. Sie sind ein notwendiger Teil des männerbündischen Lebens. Erst durch diese Verbindung von Familie und Männerbund wird der Mann zu einem „ganzen Mann“. Die Rolle der Frau ist deshalb keine beliebige, sondern sie ist für den Männerbund unabdingbar. Insofern tragen Frauen allzu oft willentlich zu dessen Funktionieren bei. Männerbündisches Denken ist dabei durchaus widersprüchlich. Einerseits gilt ihm die Familie als Ort der Verweichlichung, deren negativer sozialisatorischer Einfluss durch den Männerbund überwunden werden soll, andererseits aber als „Keimzelle“ der Volksgemeinschaft und Rückzugsort vor der erbarmungslosen kapitalistischen Konkurrenz.

Stammtische, und außerdem sei ja jedem Menschen freigestellt, wie er oder sie leben wolle. Der Männerbund – heute also nur noch eine Frage des Geschmacks? Nein, denn nur weil die Männerbündler keinen Begriff von sich selbst haben, heißt das nicht, dass die spezifischen Merkmale des Männerbunds nicht trotzdem weiter bestehen. Tradition wird als Leerformel herangezogen, um Frauen auszuschließen. Damit ist und bleibt der Charakter des Männerbunds antidemokratisch und elitär. Bürgerlichen Medien wie Spiegel und Co., die sich lediglich empören, wenn es Verbindungen zwischen Neonazis und Burschenschaften aufzudecken gibt, und den „liberalen“ Bünden eine weiße Weste ausstellen, muss daher vehement widersprochen werden: Nichts ist liberal am Männerbund!

Gegen alle Männerbünde! Feministische Gesellschaftskritik statt Männerklüngelei! Den Burschentag in Eisenach zum Desaster machen!

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eit Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Ideologie des Männerbunds in Reaktion auf gesellschaftliche Emanzipationsbestrebungen entwickelte, hat sich der Charakter des Männerbundes kaum verändert. Auch heute noch warnen Redner auf den Verbindungshäusern regelmäßig vor dem Aussterben der Familie und der „Volksgemeinschaft“.

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eit dem Ende des Nationalsozialismus sind Argumentationen zur Verteidigung männerbündischer Organisierungsformen in der Regel weniger stark ideologisiert beziehungsweise wird der Begriff des Männerbundes nicht mehr so hochgehalten wie es zuvor noch der Fall war. Stattdessen wird auf Kritik mit dem Verweis auf Pluralität und Meinungsfreiheit reagiert: Man stehe in einer jahrhundertealten Tradition, es gebe ja auch rein männliche Fußballvereine oder

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Flügelkämpfe innerhalb der Deutschen Burschenschaft Aktuelle Entwicklungen in der Deutschen Burschenschaft

Seit

Jahrzehnten gibt es innerhalb des Korporationsverbandes Deutschen Burschenschaft (DB), der mittlerweile auf 66 Verbindungen zusammengeschrumpft ist, Auseinandersetzungen um die eigene politische Ausrichtung. Wofür eine Verbindung stehen soll, welche Normen und Gesetze sie einzuhalten hat, wenn sie in der DB organisiert ist, steht immer wieder zur Debatte. Die offen rassistische Forderung nach einem sogenannten „Ariernachweis“ und die anschließende öffentliche Debatte sorgte nicht nur für viel schlechte Presse, sondern führte letztendlich zur Spaltung des rechten Dachverbandes.

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in seit Jahrzehnten bedeutender Flügel innerhalb der DB ist die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG). Bereits 1962 gegründet, setzte sie sich zwischenzeitlich aus über 40 Burschenschaften zusammen. Ihr Gründungsziel, die Aufnahme österreichischer Burschenschaften in die DB, hat sie schon lange erreicht. Die verbliebenen 34 Verbindungen der BG bestimmen nach wie vor die politische Ausrichtung des Dachverbandes. An der Pflichtmensur wird nach wie vor als männerbündische Tradition mit angeblich besonderem ideellen, gemeinschaftsorientiertem und persönlichkeitsförderndem Nutzen festgehalten. Aktuell hat die Münchener Burschenschaft Cimbria den jährlich wechselnden Vorsitz der BG inne.

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ine andere Strömung innerhalb der DB stellt die Pflichtmensur zur Disposition. Die im März 2012 gegründete Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) wurde als Gegenspieler zur mitgliedsstarken, neonazistischen BG gegründet. In der IBZ sind ebenfalls 34 Mitgliedsbünde organisiert; davon allerdings nur noch vier im Dachverband der DB. Dabei wurde die IBZ ursprünglich gegründet, um das schlechte Image des Dachverbandes zu retten. Dafür

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setzte sie auch auf eigene politische Inhalte, indem sie beispielsweise auf den Zug rechter EurokritikerInnen aufsprang und in einer Petition einen Volksentscheid forderte, in dem über den Austritt Deutschlands aus der europäischen Währungsunion entschieden werden sollte. Doch die Bemühungen der IBZ, ihren Männerverein vor weiteren Imageschäden zu schützen und eine weniger offen rassistische Ausrichtung zu erwirken, scheiterten. So wurde zwar im Jahr 2012 der ehemalige FAP-Kader und WikingJugend Führer Norbert Weidner aus Imagegründen von seinem Posten als „Schriftleiter“ der Burschenschaftlichen Blätter, dem Verbandsorgan der DB, abgewählt. Dass Weidner 1993 extra nach Rostock-Lichtenhagen gefahren war, um dort den rassistischen Mob anzuheizen und propagandistisch zu unterstützen, hatte bis dahin niemanden gestört. Der von Seiten der IBZ angestrebte Ausschluss weiterer neonazistischer Bünde, die beispielsweise in den jeweiligen aktuellen Verfassungsschutzberichten aufgeführt wurden, scheiterte jedoch.

Ehemalige

DB-Burschenschaften trafen sich bereits zu Gesprächen über die Gründung eines neuen Dachverbands, der vermutlich anlässlich des prestigeträchtigen Jahres 2015, in dem sich die Gründung der Urburschenschaft in Jena zum zweihundertsten Mal jährt, entstehen wird: Mit dem Ziel, dass dieser in der Öffentlichkeit von allem Ruch des Rechtsextremismus reingewaschen wäre. Doch auch unabhängig davon, ob die ausgetretenen Bünde in einem anderen Dachverband aufgenommen werden, einen neuen gründen oder in Zukunft verbandslos bleiben: Ihren männerbündischen und nationalistischen Charakter werden sie allein schon durch den Fortbestand ihres Zusammenschluss und den darin inhärenten Werten und Traditionen nicht ablegen können. Im Herbst vergangenen Jahres verkün-

[t.a.s.k. Kassel]

dete die IBZ trotzig, dass sie aktuell keine Kooperationsgespräche mit der Burschenschaftlichen Gemeinschaft führe.

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it weiteren Austritten von Burschenschaften aus der DB gewinnt der neonazistische Flügel im ohnehin schon rechten Dachverband zunehmend an Bedeutung und Einfluss. Die Burschenschaftliche Gemeinschaft ist momentan die einzige handlungsfähige Strömung innerhalb der DB. Ihre politische Positionierung fußt in erster Linie auf dem im Jahr 1962 verfassten Gründungsprotokoll. Bereits dessen erster Punkt ist zentraler Ausrichtungs- und Streitpunkt innerhalb des Verbands. Dort heißt es, dass sich die Burschenschaftliche Gemeinschaft zu einem „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ bekennt, um im darauffolgenden Punkt die „geistige und kulturelle Einheit aller, die dem deutschen Volke angehören und sich zu ihm bekennen“, zu fordern. In den 1990er Jahren war unter anderem das Beharren auf volkstumsbezogenem Vaterlandsbegriff und Pflichtmensur Grund für eine Abwanderung etlicher Bünde in die Neue Deutsche Burschenschaft.

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in Ergebnis des mittlerweile seit einigen Jahren schwelenden Machtkampfes innerhalb der DB ist die Tatsache, dass konservative Burschenschaften aus dem Dachverband austreten, was die Zahl der Mitgliedsbünde und somit auch aktiven Burschen und Alten Herren in der DB verringert. Allerdings gelingt es den offen neonazistischen Kräften innerhalb der DB ihre Positionen im Dachverband so weiter zu festigen. //: www.lotta-magazin.de/pdf/50/ L50_er_deutsche_burschenschaft.pdf //: issuu.com/derrechterand/docs/ drr_141_preview //: bg-gründungspapier: www.burschenschaftliche-gemeinschaft.de/ ueber-uns/gruendungsprotokoll.html

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Der Männerbund. Überlegungen zur Bedeutung der Kritik an Studentenverbindungen und Burschenschaften für eine feministische Gesellschaftskritik.

[sub*way (communistisches kollektiv) Göttingen]

Es ist nicht leicht zu sagen, was Stu-

Zunächst einmal sind Studentenver-

zifisches Männlichkeitsideal, das sie immer auch in die Konzeption der Nation und ihrer Geschlechterentwürfe miteinzubringen versuchten. Mit ihren Idealen von Nation und Geschlecht sind sie Ausdruck der patriarchalen Gesellschaft in ihrer Gewordenheit, auch heute noch: Was als abstraktes Prinzip – nämlich als patriarchales Prinzip – immer noch das Geschlechterverhältnis bestimmt, wird im Männerbund als konkretes Projekt angegangen. Deshalb ist der Männerbundbegriff für die feministische Kritik wichtig. In ihm verdichtet sich der Zusammenhang von Sexualität, Nationalismus und Kapitalismus.

Sie vertraten zu jeder Zeit ein spe-

en Männerbund zu kritisieren heißt, sich anzuschauen, wie es um die psychologische Struktur seiner Subjekte bestellt ist und was dies mit bürgerlicher Männlichkeit per se zu tun hat. Denn auch wenn die liberalisierte Öffentlichkeit und der neoliberale Kapitalismus Frauen in den Arbeitsmarkt miteinbeziehen, Geschlechterrollen sich verändern, die Kleinfamilie und die damit verbundene Arbeitsteilung sich auflösen und Formen des Zusammenlebens und Arbeitens pluralisiert werden – bestimmte ideologische Formen in Bezug auf das Geschlechterverhältnis sind noch immer die gleichen. Das Bedürfnis, Frauen abzuwerten, sie als besonders emotional darzustellen, sie als in manchen Bereichen weniger fähig zu erachten, ist immer noch da: Die staatliche Gleichstellung und die Liberalisierung der Öffentlichkeit stehen in Kontrast zur psychologischen Komponente, sodass sich von einem materiellen und ideologischen Auseinanderfallen sprechen lässt. Burschen, die fechten und saufen, pöbeln und Gentleman spielen, sind tatsächlich aus der Zeit gefallen und verkörpern ein Männlichkeitsideal, mit dem heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist, weil es (zum Glück) öffentlich

dentenverbindungen und Burschenschaften mit dem Rest der Gesellschaft zu tun haben. So archaisch wirken sie, aus der Zeit gefallen, und alle, die den Spiegel lesen, wissen: Burschen sind mindestens seltsam, nationalistisch und frauenfeindlich. Dieses Urteil greift jedoch zu kurz und das nicht zufällig. Denn wer sich wirklich auf die Suche begäbe, müsste doch zugestehen, dass Studentenverbindungen und Burschenschaften mehr mit der „bürgerlichen Mitte“ zu tun haben, als einer_m lieb ist.

//: 1 Die DB wurde 1950 wiedergegründet als größter Korporationsverband der BRD. 1962 gehörten bundesweit rund dreißig Prozent der männlichen Studierenden einer Verbindung an. In den 1950er und 60er Jahren trugen sie zur Remaskulinisierung und Rekonstruktion des hegemonialen Männlichkeitsmodells bei.

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bindungen so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst. Burschenschaften haben seitdem den Nationalismus durch ihren Einfluss in elitären Positionen geprägt: 1815 gegründet in der nationalistischen Euphorie der antinapoleonischen Kriege, einflussreich bei der Konturierung des deutschen Nationalstaats nach der Reichsgründung 1871 (Stichwort: nation-building – im Kaiserreich waren mindestens 60% der Studenten Verbinder) und antirepublikanisch durch ihre Verwobenheit mit dem reaktionären Treiben gegen die Weimarer Republik. Sie formierten sich neu zum Wiederaufbau der Nation in den 50er Jahren.1 Das Ganze hat insofern etwas mit einer spezifisch deutschen Entwicklung zu tun, als dass sich hier Burschenschaften erst herausbilden konnten – in den USA, den Niederlanden oder Großbritannien gibt es zwar Studentenverbindungen, aber ohne den nationalen Auftrag. Dort geht es „nur“ um EliteErziehung. Burschenschaftliche Männerbünde haben die Entwicklung des deutschen Nationalstaates seit ihrer Gründung beeinflussen wollen, hatten einen Effekt auf den deutschen Nationalismus und deutsche Geschlechterkonzeptionen.

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diskreditiert ist. Aber die Grundprobleme männlicher Zusammenschlüsse, die psychologische Zurichtung ist in ähnlichen Formen ja noch weit verbreitet. Studentenverbindungen sind also einerseits überholt, andererseits dient das, was sie tun, immer noch als ideologischer Referenzpunkt. Denn das, was wir bei den Burschen in zugespitzter Form finden, gibt es nicht nur bei diesen Reaktionärsten der Reaktionären: In den postfordistischen Subjekten selbst ist Regressives enthalten, nicht nur in den konservativen Backlashs dieser Gesellschaft.

Wie der Männerbund zustande kam…

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tudentenverbindungen waren bis in die 70er Jahre reine Männerbünde – die meisten sind es noch heute. Auf den Internetseiten fast aller Studentenverbindungen findet sich die Betonung von Freundschaft und Lebensbund. Im 19. Jahrhundert hatte sich eine spezifisch deutsche Idee von Geschlechterrollen entwickelt, die maßgeblich mit der Idee der Männerfreundschaft verknüpft war. Der deutsche Freundschaftskult, im Sturm und Drang um 1800 noch pathetisch beschworen,2 hatte sich durch die antinapoleonischen Kriege verändert: Im neuen Männlichkeitsideal ging es darum, die männliche Freundschaft aller erotischen Elemente zu entkleiden. Die Autonomie und der Selbstzweck der Freundschaft wich der Ausrichtung auf‘s Vaterland. Zugleich wurden Umarmungen und Küsse zunehmend mit Argwohn betrachtet. Der Kampf um die Nation zählte mehr als die Individualität, Liebe hatte der Nation zu gehören. Institutionell drückte sich das neue Ideal unter anderem in den ab 1815 entstehenden Burschenschaften aus. Der Freundeskreis wich dem Bund, dem Männerbund.

Ende des 19. Jahrhunderts konnten

Verbinder und Burschenschafter mit der Schlagkraft dieses Bundes gegen die Erste Frauenbewegung und gegen die Gefahr einer „Entmännlichung“ der Politik und einer „Feminisierung“ des Staates kämpfen. Zur gleichen Zeit kamen im Deutschen Reich vehemen-

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te Debatten über Homosexualität auf, die mit sexueller Ausschweifung (dem Gegenteil von Triebbeherrschung), Heimlichkeit und Unmännlichkeit verbunden wurde: „Deutschland nimmt dabei insofern eine Sonderstellung ein, als es seit der Wende zum 20. Jahrhundert stärker als jede andere Nation mit Debatten über Homosexualität beschäftigt war.“3 Während über das Geschlechterverhältnis und die Sexualmoral, sexuelle Laster und männliche Homosexualität diskutiert wurde, fand der Begriff des Männerbundes Verbreitung: Nicht zufällig, war ja die hegemoniale Männlichkeit ins Wanken geraten und musste verteidigt werden. Die Debatten um den Männerbund als Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklung und diejenigen um männliche Homosexualität wurden von einigen Zeitgenossen gar verknüpft: Sie machten eine dünne Grenze zwischen Schwulsein und dem „Männerhelden“ des Männerbundes aus.

//: 2 Die Literatur etwa war voller mann-männlicher Umarmungen und Küsse. Klopstock: Der Zürchersee. 1750: „Aber süßer ist noch, schöner und reizender | in dem Arme des Freundes wissen ein Freund zu sein! | So das Leben genießen, | Nicht unwürdig der Ewigkeit“ Der Historiker George L. Mosse stellt fest: „Deutschland war es, wo die Ideale persönlicher Freundschaft am klarsten artikuliert wurden, vielleicht deshalb, weil solche Bindungen unter den Deutschen zum Teil als Surrogat für die verlorene nationale Einheit [„verloren“ ist vielleicht nicht der passendste Ausdruck – sub*way] und als Hilfe bei dem Versuch, diese wiederzufinden, dienen konnten.“ //: 3 Christopher Treiblmayr: Männerbünde und Schwulenbewegung im 20. Jahrhundert. In: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010. (http://www.iegego.eu/treiblmayrc-2010-de).

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ie auch heute noch vorhandene unheimliche Asexualität des Männerbundes verweist darauf, dass an dem Gedanken etwas dran ist. Doch der Unterschied ist, dass im Männerbund nichts lustvoll ausgelebt wird, sondern die latente Homoerotik, die besteht, wenn die Kameradschaft und Freundschaft des Männerbundes beschworen werden, wenn der (nackte) männliche Körper zentral ist und Sport eine so große Rolle spielt, aggressiv verdrängt wird. Die immerzu verdrängte, aber präsente homoerotische Ästhetik findet sich auch im Deckengemälde des Burschaftsdenkmals der Deutschen Burschenschaft in Eisenach, das 1902 errichtet wurde: Dort sind potente nackte (überwiegend männliche) Gestalten der germanischen Mythologie zu sehen.

Was bei ‘rum kommt: ein homophober autoritärer Charakter

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ie Verdrängung führt – ob es sich dabei um eine Studentenverbindung oder einen anderen Männerbund handelt – zumeist zu einem autori-

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//: 4 „Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm Selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden. Das in Aggression umgesetzte Verpönte ist meist homosexueller Art. […] Der Vaterhass [wurde] als ewige Ranküne verdrängt.“ (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a.M.: Fischer 1998, S. 201.) //: 5 Der Standard: „Ich habe Erniedrigung und totale Fremdbestimmung erlebt“ http://derstandard. at/1389859292564/Ich-habe-Erniedrigung-und-totale-Fremdbestimmungerlebt (5.Februar 2014) //: 6 taz: Burschenschafter wollen nüchtern sein. https://www.taz.de/1/ archiv/archiv/?dig=2005/05/23/a0147 (23.5.2005) //: 7 Beziehungsweise das, was „Toleranz“ immer ist: Hinzunehmen, dass es die „Anderen“ gibt, ohne sie jedoch anzuerkennen. //: 8 Akademische Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien (13.1.2014) www.obergermanen.at //: 9 Die DB- und BG-Burschenschaft Danubia München ist in der Vergangenheit zum Beispiel dadurch aufgefallen, dass sie immer wieder vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuft wurde. 2001 versteckte sie einen Neonazi nach einem rassistischen Überfall auf ihrem Haus. Duswald war in den 70er Jahren Führungskader der neonazistischen NDP. //: 10 „Die Aula. Das freiheitliche Magazin“ ist ein 1951 gegründetes rechtsextremes österreichisches Monatsmagazin. Das Magazin sieht sich als Sprachrohr der „national-freiheitlichen“ Studentenverbindungen Österreichs. //: 11 Olympia Wien: http://olympia. burschenschaft.at

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tären Charakter seiner Mitglieder, wobei ihr Bedürfnis nach einfachen Herrschaftsverhältnissen (wie in Banden und Gangs) sehr wichtig ist. Die verdrängte Homoerotik spielt deshalb eine so große Rolle, da das Begehren im homosozialen Zusammenhang geleugnet und nach außen projiziert werden muss. Es ist so – da kann man gut auf die Psychoanalyse zurückgreifen – dass eigene Regungen, die jedoch von der Gemeinschaft (also hier dem Männerbund) tabuisiert sind, oft auf andere übertragen und dort als falsch, böse oder schlecht bekämpft werden: „Da er die Begierde sich nicht zugestehen darf, rückt er dem anderen als Eifersüchtiger oder Verfolger auf den Leib.“4

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en männlichen Charakter (überhaupt, aber vor allem in der Studentenverbindung) herauszubilden, ist eine mühsame Angelegenheit und mit viel Härte gegen sich selbst verbunden. In hierarchisch organisierten Studentenverbindungen muss man beim Fechten Mut beweisen, beim Bierkonsum über die eigenen Grenzen hinaus gehen und sich von Älteren schikanieren lassen: derstandard. at berichtet von einem Aussteiger, der als Fux „Erniedrigung und totale Fremdbestimmung“ erlebt hatte, als er sich auf dem Klo unter Druck der Älteren rasieren musste. Er habe schon vorgehabt, die Burschenschaft zu verlassen, da er die „rassistischen, antisemitischen, ausländer- und frauenfeindlichen Witze“ satt gehabt habe.5 In Studentenverbindungen geht es um Kameradschaft und Wettbewerb zugleich (was ohnehin essentiell ist für bürgerliche Männlichkeit), um Aufgehobensein in der Gemeinschaft um den Preis des Schmerzes. Und da den männlichen Charakter herauszubilden so schmerzhaft ist, die Konkurrenz so hart, die Zurichtung von Körper und Geist so total, richtet sich der Ärger darüber gegen Leute, deren Handeln, Eigenschaften oder Besitz verlockend scheint, weil vermeintlich einfacher, schwächer oder sinnlicher: als Sexismus oder Homophobie oder Antisemitismus. Nun ist die Härte in (schlagenden) Studentenverbindungen außergewöhnlich – ihr Elite-Dünkel und die Vorstellung der

eigenen Position innerhalb der kapitalistischen Konkurrenz ist es jedoch auch. Somit sind Verbinder ein Ausdruck davon, wozu Leute fähig sind, wenn sie das Hauen und Stechen im Kapitalismus mit einem nationalen Auftrag verknüpfen, und zeigen auf, was das psychologische Endprodukt ist: ein äußerst autoritärer Charakter. Der männliche Charakter im Männerbund mit seiner Dramatisierung der Männerrolle ist insofern tatsächlich die zugespitzte Form ganz „normaler“ bürgerlicher Männlichkeit.

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m Männerbund ist es noch wichtiger, nicht als schwul zu gelten, dass kein schwules Begehren zugelassen wird und man nicht in den Verdacht gerät, schwach oder weiblich zu sein – der Widerspruch zum Selbstbild wäre zu krass und der Männerbund konkret gefährdet, wenn Männer in ihm Beziehungen miteinander anfingen. Lust, Sexualität und Sinnlichkeit werden dann überhaupt aus der Männergemeinschaft verwiesen und stattdessen wird sich asketisch für den Bund aufgeopfert, sich ungebrochen mit dem tyrannischen „Vater“ – also dem Bund, den Alten Herren, den Fuxmajoren, dem Biervater – identifiziert. Auch daher der besonders autoritäre Charakter, der keinerlei Reflexion kennt.

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s ist übrigens kein Widerspruch, dass tatsächlich einige Schwule in Studentenverbindungen und vielleicht sogar Burschenschaften sind: „,Bei uns haben wir auch einen stadtbekannten Schwulen‘, sagt stolz Roman von der Marchia Bonn“,6 schrieb die taz 2005 anlässlich des Burschentages in Eisenach. Das sollte wohl Toleranz und Pluralismus suggerieren. Diese Toleranz, die ein Zugeständnis an die liberalisierte Öffentlichkeit ist, ist jedoch brüchig.7 Auf der Internetseite der Oberösterreicher Germanen Wien hört sich das als Meinungsfreiheit verkleidete Ressentiment, das sich anlässlich des Outings des Fußballers Hitzlsperger Ausdruck verschafft, so an: „Sobald man an diesen Tagen eine Zeitung aufschlägt […] wird einem dieser ehemalige Fußballer von zweifelhaftem Erfolg präsentiert, der nun, nach seinem

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Karriereende, dazu auserkoren worden ist den Heilsbringer zu spielen, der Homosexualität im professionellen Sport als normal gelten lassen soll. Man mag es vielleicht auf die Ermangelung echter Helden schieben, dass es nun diesen Feigling trifft, als Speerspitze einer Bewegung herumgereicht zu werden. Jetzt, da er keinen Anfeindungen auf dem Platz, sei es von gegnerischen Spielern, aber vor allem gegnerischen Fans, ausgesetzt ist, ja jetzt lässt es sich leicht schwul sein und voll aufgeplustertem Stolz schmalzig in alle Kameras lächeln, die einem ins dümmlich grinsende Gesicht filmen. Und die Medien, die sich heutzutage an grenzenloser Armseligkeit zu übertreffen versuchen, spielen dieses Spiel natürlich gerne, denn homosexuell zu sein ist in der heutigen Zeit in unseren Breitengraden ja ach so verpönt.“8

Während hier vor allem ein Rund-

umschlag gegen Gleichstellungstendenzen und erodierende Männlichkeit („Ermangelung echter Helden“) die Homophobie ausdrückt, lassen andere Burschen dem blanken Hass freien Lauf. Anlässlich der schwulen Hochzeit eines Bundesbruders der aus der DB ausgetretenen Alemannia Köln faselte der Danube9 Fred Duswald in der österreichischen Nazi-Zeitung „Die Aula“10 11/2010:

„Vier junge Bundesbrüder wurden als Statisten für ein homosexuelles Pilotprojekt mißbraucht, das offensichtlich dazu dienen soll, in korporationsstudentischen Männerbünden das „Mannesmannverfahren“ zu „popolarisieren“. Die Organe der Deutschen Burschenschaft dürfen schwule Umtriebe nicht auf sich beruhen lassen. Homosex ist kein harmloses Hobby und die Burschenschaft kein Schwuchtelklub. Wird Schwulsein Usus, ist die Burschenherrlichkeit im Nu entschwunden. Welcher normal veranlagte Student mag sich zum Eintritt in eine Korporation entschließen, wenn er befürchten muß, durch Sittenstrolche sexuell belästigt zu werden? Unter keinen Umständen darf die Deutsche Burschenschaft in den Ruf einer Brutstätte geraten, wo aus der Unzucht eine Tugend gemacht wird. Die Aftermoral der Parteien, die die Homosexualität legalisiert haben, ist für die Burschenschaft nicht bindend. Burschenschafter sind nicht schwul und das ist besser so. Warme Brüder müssen gefeuert, Eiterherde ausgebrannt werden. Die Kölner Alemannen haben nicht den Rhein, sondern den Rubikon überschritten. Am an-

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dern Ufer haben Burschenschafter nichts zu suchen.

Genauso wie dieser Tage etwa die

konservativ-religiöse Empörung über „Indoktrination von Schulkindern“ in Frankreich oder Baden-Württemberg, mutmaßt auch Duswald, es handele sich um ein „Pilotprojekt“ mit Zweck und ist damit ganz paranoid und verschwörungstheoretisch unterwegs. Die Angst vor Unterwanderung („die Burschenschaft kein Schwuchtelklub“), die Rhetorik der übermächtigen Homosexualität und des Schwulseins als neuer Normalität („Usus“, „Brutstätte“, „aus der Unzucht eine Tugend“) hauen ebenfalls in diese Kerbe. Zugleich wird hier deutlich, dass „die Schwuchtel“ als verweiblichter Mann gedacht wird und so den harten Anforderungen des Männerbundes Burschenschaft nicht gerecht würde. Die Klischees, man würde von den „Sittenstrolchen“ belästigt, sowie auch das krasse biologistische und pathologisierende Vokabular („Eiterherde“), die schlechten Wortwitze, die Abwertung und das Verächtlichmachen, sind nur die hassvolle Krone des Ganzen.

Der Männerbund als Welt ohne Frauen – Der Lebensbund mit Ehefrau

D

ie Polemisierung gegen „Genderwahn“ zieht sich im burschenschaftlichen Jargon durch:

„Willkommen bei der Burschenschaft Olympia! Bist Du normal geblieben, sind Political Correctness und Genderwahn spurlos an Dir vorbeigezogen? Du empfindest Gemeinsinn und Fröhlichkeit als unverzichtbar und betrachtest Aufrichtigkeit, Pflichtbewußtsein und Studienerfolg als Zeichen Deiner Charakterstärke? Dann laden wir Dich ein, die schärfste Burschenschaft Wiens kennenzulernen!“11

D

ie Olympia Wien kokettiert mit Sexyness und Potenz („die schärfste Burschenschaft“) und setzt die alleinige Aufnahme von Männern als so selbstverständlich voraus, dass nicht einmal mehr erwähnt werden muss, dass Frauen ausgeschlossen sind (obwohl sie ja auch Interesse an Studienerfolg oder Charakterstärke haben

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//: 12 So etwa der Vortrag bei der damaligen DB-Burschenschaft Hannovera Göttingen 2009: „Ein Volk entsorgt seine Kinder. Abtreibung im real existierenden Liberalismus. “ //: 13 Couleurdamen: Warum Mädels mit Verbindungsstudenten abhängen http://fudder.de/artikel/2011/10/12/ couleurdamen-warum-maedels-mitverbindungsstudenten-abhaengen/ (12.10.11) //: 14 Dies ist eine Struktur von Männern, die 1979 gegenseitige Unterstützung bei der politischen Karriere vereinbarten und sich versprachen, nicht gegeneinander zu kandidieren. //: 15 Dabei handelt es sich seit 1992 um einen Zusammenschluss von Topmanagern und Konzernchefs aus der deutschen Wirtschaft.

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könnten). Studentenverbindungen erklären die Nicht-Aufnahme von Frauen häufig entweder mit dem Verweis auf „Konfliktpotenzial“ oder die Möglichkeit von Beziehungsstreits – dies offenbart nochmal, dass sie sich schwule Beziehungen auf den Häusern nicht einmal vorstellen können. Oder sie argumentieren mit (Fußball) Vereinen oder Tradition – als handle es sich mehr oder weniger um eine Frage des Geschmacks. Doch dahinter steckt natürlich mehr: Die Verbinder suggerieren die Möglichkeit einer Reproduktion ohne Frauen, einer lebenslangen Familie ohne weibliche Angehörige: Zwischen Biervater und Bundesbruder tut sich eine eigene Welt an Regeln und Werten auf, die scheinbar ganz ohne Frauen auskommt. Jedoch nicht vollständig: Der Besuch von Damen auf dem Haus und die Anwesenheit der ganzen Familie bei Ausflügen oder Stiftungsfesten stellt die Schnittstelle zwischen der entrückt-esoterischen Sphäre des Männerbundes und der realen Welt dar: Nur durch die Anwesenheit von Frauen auf den Häusern lässt sich die Studentenverbindung überhaupt als Lebensbund realisieren: Privatleben und Kameradschaft werden so verbunden. Insofern tragen Ehefrauen beim WKR-Ball oder Freundinnen beim Sommerfest zur Existenz des burschenschaftlichen Männerbundes bei, sind Teil des konservativen bis faschistischen Milieus und nicht etwa Opfer des dort herrschenden Geschlechter- und Weltbildes – eben nicht nur schmückendes Beiwerk. Einerseits gibt es also diese und andere idealisierte Frauenbilder und eine rigide Sexualmoral, die vor allem das Verhalten und die Rolle von Frauen bestimmt, was sich auch in den Stellungnahmen zu Bevölkerungspolitik oder Abtreibung niederschlägt.12 (Ehe)Frauen, die als Damen aufs Haus kommen, sind respektabel. Darunter jedoch – als konsequenter Begleiter – existieren andererseits die sexistischen Fantasien, die sich auf jedem Verbindungsparty-Flyer Ausdruck verschaffen. Auch Statements von Frauen, die diese Partys besuchen, geben Aufschluss über die dort vorherrschenden Geschlechterbilder:

„‚Es ist wie bei Gossip Girl, der TV-Serie: Nach jeder Party erzählt man sich die neuesten Geschichten. Dabei seinen Ruf zu wahren ist schwer, aber sehr wichtig für mich. Ich möchte nicht als Couleurmatratze gelten.‘ Ein Mädchen mit dem Ruf, dass sie für jeden zu haben ist, sei auf keinem Haus mehr gern gesehen.“13

Doch

sind Burschen nicht „nur“ ideologisch antifeministisch – in Geschichte und Gegenwart –, sondern auch strukturell. Ähnlich wie andere Männerbünde, wie der Andenpakt14 in der CDU/ CSU oder der Bund der „Similauner“15, halten sie Frauen aktiv aus Posten fern. Das Gleichheitsversprechen der Aufklärung, das zumindest auf dem Feld der kapitalistischen Konkurrenz Frauen mehr und mehr miteinbezieht, soll der Ansicht dieser Herren nach rückgängig gemacht werden. Dass Frauen keine Chance haben, von den Seilschaften zu profitieren, oder aktiv gegen Frauen in Führungspositionen angegangen wird, ist zutiefst antiliberal.

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it der ideologischen Umwälzung, der Liberalisierung der Öffentlichkeit in Bezug auf weibliche Lohnarbeit, Gleichstellung von Frauen und zunehmender Akzeptanz von Homosexualität, geht eine Veränderung der ökonomischen Verhältnisse einher: Der fordistische Kapitalismus mit dem Patriarchen an der Spitze des Betriebs ist nicht mehr. Die Zeit des großen weißen Mannes geht auch auf der ökonomischen Ebene zu Ende – doch genau dagegen wollen sich die Burschenschafter und Verbinder wappnen.

Die Burschenschaften und der Rest der Gesellschaft

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urschenschaften sind heute marginal – in Deutschland mehr noch als in Österreich – und haben kaum noch Einfluss. „Gemessen an der Gesamtbevölkerung Österreichs sind 4000 Männer, die gerne mit Säbeln [...] kämpfen, gemeinsam deutsche Lieder singen und vor allem Seilschaften knüpfen, die lebenslang halten, eine verhältnismäßig kleine

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Gruppe.“16 Dennoch hat die extreme Rechte durch die Umstrukturierung der Deutschen Burschenschaft in den letzten Jahren einen schlagkräftigen akademischen Arm gewonnen. In der FPÖ17 sind Korporierte so gut vertreten wie noch nie.18

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uch wenn Verbinder in konservativen Kreisen sexy sein mögen, ist doch gesamtgesellschaftlich eine Pluralisierung von Geschlechterentwürfen zu verzeichnen, die ihre geschlechterpolitische Agenda als Relikt der 50er Jahre erscheinen lässt. Somit verkörpern sie ein Männlichkeitsideal, dass eigentlich kaum noch wen hinterm Ofen hervorlocken sollte. Doch das Gegenteil ist der Fall: Burschenschaften und Studentenverbindungen stehen immer wieder im Fokus. Sie bedienen ein Bedürfnis, indem sie ein geschlechterpolitisches Orientierungsangebot schaffen.

die „ganz normalen Männerbünde“ und den Rest der Gesellschaft zu schnell aus den Augen. Hauptsächlich kann man an Studentenverbindungen die Kritik am Rest der Gesellschaft und an ihren ideologischen Grundlagen schärfen. Der Männerbund ist und bleibt ein relevanter Faktor für die Kritik bürgerlicher Männlichkeit, denn in ihm wird idealisiert, was im Rest der Gesellschaft latent vorhanden ist.

//: 16 Der Standard: Männer mit besten Verbindungen. http://derstandard.at/1389860517528/Maenner-mitbesten-Verbindungen (14.2.2014). //: 17 Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) ist eine nationalistische und rechtspopulistische Partei in Österreich, die im Nationalrat und neun Landtagen vertreten ist. Zahlreiche Mitglieder der FPÖ sind oder waren Mitglieder von Studentenverbindungen. //: 18 Vgl.: Der Standard: Männer mit besten Verbindungen.

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er seltsam-mystifizierende Blick der Kritiker von Spiegel, Zeit und auch linker Herkunft auf den Männerbund als Ort „authentischer“ Männlichkeit verrät, dass er seine mythologische Funktion als Aufbewahrungsort dieser Männlichkeit erfüllt. Männerbünde stellen eine Projektionsfläche für ganz normale Männer dar. Männlichkeit braucht die Projektionsfläche der vermeintlich asexuellen mann-männlichen Gemeinschaft um sich davon idealtypisch abzugrenzen oder um sich damit zu identifizieren, ohne selber Teil davon zu sein. Von „normalen“ Männern wird auf den Männerbund projiziert, was an männlichen Regungen mittlerweile gesellschaftlich diskreditiert ist: Im Männerbund kann aber die Männlichkeit ausgelebt werden, die im Rest der Gesellschaft scheinbar pluralisiert ist, für den männlichen Charakter aber als Verbot daher kommt – damit gewinnt der Männerbund so etwas wie die Aura der Faszination und des Befreienden. Egal ob zustimmend oder ablehnend: Es gibt kein gleichgültiges Verhältnis zum Männerbund.

Jedoch sollte man nicht – wie Spiegel, SZ und Zeit – zu sehr das Augenmerk auf die „krassen Burschenschaften“ legen: Denn dann verliert man

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Die Bedeutung der DB-Burschenschaften in Österreich Ein Interview mit Heribert Schiedel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW)

Bündnis

gegen den Burschentag: Studentenverbindungen, wie man sie in Deutschland und Österreich kennt, gibt es, mit Ausnahme noch der deutschsprachigen Schweiz, eigentlich nirgendwo sonst. Dass die beiden Länder in dieser Hinsicht mehr vereint als sie trennt, zeigt sich unter anderem daran, dass viele Dachverbände – neben der DB etwa auch der Kösener Senioren-Convents-Verband und der Coburger Convent – Verbindungen beider Länder vereinen. Dennoch gibt es im Korporationsunwesen auch Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich. Welche Besonderheiten in Österreich sind für eine Bewertung und Kritik der Verbindungen zentral?

Heribert

Zur Person: Heribert Schiedel forscht und publiziert schwerpunktmäßig zu den Themen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Burschenschaften. Zuletzt erschien von ihm die Monographie „Extreme Rechte in Europa“ (Edition Steinbauer, Wien 2011). Außerdem schrieb Schiedel einen Beitrag zum „österreichischen Syndrom“ im Sammelband „Postnazismus revisited“ (hrsg. von Stefan Grigat. Ça Ira, Freiburg 2012).

Das vollständige Interview ist auf gegenburschentage. blogsport.de nachzulesen

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Schiedel: Die erwähnten Unterschiede (v. a. im Grad des weltanschaulichen Fanatismus und in der Traditionsverhärtung) bestehen tatsächlich und haben vorrangig mit unterschiedlichen politisch-kulturellen Entwicklungen nach 1945 zu tun. Während Deutschland sich als Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“ mit dessen Verbrechen auseinandersetzen musste, konnte sich Österreich als „erstes Opfer“ bis Ende der 1980er Jahre davonstehlen, dementsprechend spät setzte die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein, dementsprechend schnell konnten die alten (mehrheitlich korporierten) Nazis in Ämter und Würden zurückkehren, konnten NS-Kontinuitäten unterm Teppich der Tabuisierung fortwirken. Die politische Kultur in Deutschland erlaubte es im Unterschied zu der in Österreich nicht, öffentlich NS-apologetische Töne anzuschlagen. (Extreme) Rechte im Allgemeinen und Burschenschafter im Besondern waren daher in Deutschland viel mehr als in Österreich gezwungen, sich zu ihrer Geschichte selbstkritisch zu verhalten und auf deutliche Distanz zum Nationalsozialismus zu gehen. Alles

in allem waren die Bedingungen für rechtsextreme Aktivitäten in Österreich deutlich besser als in Deutschland, wo ja bis heute sich keine rechtsextreme Partei bundesweit und auf Dauer etablieren konnte. [...]

Seit

dem sogenannten „Historischen Kompromiss“ der Deutschen Burschenschaft im Jahr 1971 sind auch österreichische Burschenschaften Teil des Dachverbands. Welche Rolle spielten und spielen sie seither in der DB?

I

ch würde sagen, dass sich die Befürchtungen der Gegner einer Aufnahme der „Ostmärker“ bewahrheitet haben: Wie in der Weimarer bzw. Ersten Republik versuchen österreichische Burschenschafter (zusammen mit deutschen Mitgliedern der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“), die DB gemäß ihren Vorstellungen auszurichten, also nach rechts außen zu führen. Dementsprechend waren sie von Anfang an bestrebt, die diesbezüglich zentralen DB-Ämter an sich zu reißen. Die jüngste Vergangenheit zeigt, dass sie sogar bereit sind, für die weltanschauliche Aufmunitionierung der DB ihre Einheit zu opfern. Aus antiburschenschaftlicher Perspektive gebührt ihnen Dankbarkeit dafür, dass sie aus der DB eine immer kleiner werdende völkische Sekte gemacht haben.

In den vergangenen Jahren eskalier-

te der Flügelstreit innerhalb der Deutschen Burschenschaft. Der Austritt zahlreicher vor allem nationalkonservativer Burschenschaften war die Folge, kein einziger der ausgetretenen Bünde kam aus Österreich. Dadurch ist der Einfluss der österreichischen Bünde, die jetzt knapp ein Drittel der DB-Burschenschaften ausmachen, noch einmal deutlich gestiegen. Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Ich

würde sagen, dass daraus ein

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weiterer Rechtsruck folgt. Es gibt ja bereits erste Anzeichen, dass der oben genannte „Kompromiss“ nun aufgeweicht werden soll, etwa zugunsten einer für alle in der DB geltenden Verpflichtung zur Mensur.

M

it dem Bekanntwerden der Diskussion um den sogenannten „Arierparagraphen“ hat die Deutsche Burschenschaft nun auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit scheinbar ihren Ruf verloren. Nicht einmal mehr konservative Zeitungen wie die FAZ wagten es, die DB gegen Kritik zu verteidigen. Es ist zu vermuten, dass der durch die negative Berichtererstattung entstandene Druck dazu führte, dass zu den ersten ausgetretenen Burschenschaften diejenigen gehörten, die prominente Politiker wie Peter Ramsauer oder Hans-Peter Uhl zu ihren Alten Herren zählen. Gab es in Österreich keine vergleichbare öffentliche Debatte?

N

ein, die gab es nicht. Das ist einerseits dem eingangs erwähnten Zustand der politisch-medialen Kultur hierzulande zuzuschreiben, andererseits der Tatsache, dass sich entsprechend der politischen Verortung der Burschenschaften in ihren Reihen nur Politprominenz aus der extremen Rechten findet. Auch war hierzulande von einem Fraktionskampf nichts zu bemerken, da sich ja alle österreichischen Burschenschafter in einer Fraktion befinden.

Quelle: wikipedia, © Bwag/Commons eisenach2014_fin.indd 13

I

n den Burschenschaftlichen Blättern wurden die deutschnationalen Burschenschaften 2007 als „das akademische Rückgrat der FPÖ“ bezeichnet. Zahlreiche FPÖ-Politiker sind Burschenschafter, die Partei richtet seit letztem Jahr den WKR-Ball aus und in den Zeitschriften Die Aula und Zur Zeit schreiben Burschenschafter ebenso wie Parteifunktionäre. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es mit der AfD erst seit kurzem eine größere Partei zwischen NPD und CDU/ CSU gibt und noch unklar ist, ob diese sich auch längerfristig etablieren kann, haben die Burschenschaften in Österreich also gewissermaßen eine „parlamentarische Vertretung“. Hat das Auswirkungen auf die österreichische Politik?

O

hne die Burschenschaften hätte die FPÖ die 2005 erfolgte Abspaltung des BZÖ unter Jörg Haider nicht derart unbeschadet überstanden. Nach ihrer Rettung der Partei haben sie diese fester denn je in Händen, dementsprechend weit rechts außen hat sich die FPÖ nach 2005 positioniert. Und aus der – wie es heißt – „demokratischen Legitimation“ der FPÖ bei Wahlen beziehen die Burschenschafter wiederum Argumente zur Legitimation und Normalisierung ihrer Weltanschauung.

Im Jahr 1997 wurde der Bezug auf

eine „deutsche Volksgemeinschaft“ aus dem Parteiprogramm der FPÖ

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gestrichen und durch ein Bekenntnis zu einem „wehrhaften Christentum“ ersetzt. Der Konflikt um den Deutschnationalismus war auch einer der Gründe für die Abspaltung des BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) von der FPÖ. Im aktuellen FPÖ-Parteiprogramm von 2011 ist der Bezug auf die „deutsche Volksgemeinschaft“ wieder zu finden. Ist das ein Zeichen des (Wieder-)Erstarkens der burschenschaftlichen Kräfte in der FPÖ?

J

a, unbedingt! Es waren ja schon die Burschenschafter, die damals – übrigens angeführt vom jungen HeinzChristian Strache (pennale Burschenschaft Vandalia, Wien) – gegen das Ersetzen der „deutschen Volksgemeinschaft“ durch ein „wehrhaftes Christentum“ ankämpften. Nun, da die Partei von populistischen Einsprenkelungen wieder befreit worden war, wurde sie auch programmatisch wieder auf die Linie der Burschenschaften gebracht.

A

ndererseits ist im FPÖ-Parteiprogramm auch die Rede von den sogenannten „autochthonen Volksgruppen“ (Burgenlandkroaten, Slowenen, Ungarn, Tschechen, Slowaken und Roma), die als „Bereicherung“ Österreichs bezeichnet werden. Wie verträgt sich das mit dem burschenschaftlichen Deutschnationalismus? Und wie lässt sich allgemein das Verhältnis von Deutschnationalismus und österreichischem Nationalismus beschreiben?

D

as verträgt sich ganz gut, da der Deutschnationalismus mit allen (kleinen und untergeordneten) Nationen gut kann, nur nicht mit einer – der österreichischen. In ihrem leidenschaftlichen Kampf gegen die Idee einer eigenständigen österreichischen Nation, die Jörg Haider einmal als „ideologische Missgeburt“ bezeichnet hat, führen Burschenschafter ein Rückzugsgefecht, was die irrationalen Zügen daran erklären hilft. Mit aller Verzweiflung stemmen sie sich bei allem oberflächlichen Bekenntnis zur staatlichen Unabhängigkeit gegen die endgültige (eben auch nationale) Loslösung Österreichs von Deutschland. [...]

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I

m Jahr 2007 haben Sie geschrieben: „Kaum ein österreichischer Neonazi und Rechtsextremist von Relevanz, der nicht in einer (pennalen) Burschenschaft begonnen hätte.“ Gilt diese Aussage auch heute noch? Wie ist derzeit das Verhältnis von Burschenschaften und Neonazismus in Österreich?

J

a, wobei ihre Bedeutung für den Neonazismus in den letzten Jahren jedoch etwas zurückgegangen ist, was zum einen ihren eigenen Nachwuchsproblemen zuzuschreiben ist, zum anderen sozialen Verschiebungen in der Neonazi-Szene selbst. Im Prozess ihrer Modernisierung hat sich diese mehr und mehr von ihren deutschnationalen Wurzeln abgewandt und in Richtung (jugendlicher) Subkultur orientiert. Zudem ist der ideologisch fundierte Neonazismus, zumal jener in Parteiform, seit 2005 und dem neuerlichen Rechtsruck der FPÖ praktisch nicht mehr existent, die extreme Rechte geeinter als je zuvor. Von daher gibt es auch gar keine Notwendigkeit und kaum Möglichkeit mehr für burschenschaftliches Engagement rechts von der FPÖ.

Im Artikel zu Männerbünden in die-

ser Zeitung vertreten wir die These, dass es einen engen Zusammenhang zwischen männerbündischem und völkischem Denken gibt und dass der Männerbund somit ein konstitutives Merkmal der deutschen Zustände ist. Wie verhält es sich in dieser Hinsicht in Österreich, dem ja oft zugesprochen wird, „deutscher als Deutschland“ zu sein?

H

ierzulande ist der Männerbund tatsächlich mindestens so konstitutiv, wie überhaupt entsprechend der Rückständigkeit Österreichs das Politische noch männerbündischer organisiert ist als in Deutschland. Auf diesem Unterstrom bauen die Korporationen auf, die sich darum viel weniger gezwungen sehen, den Ausschluss von Frauen zu legitimieren. Daher können sich auch in Österreich die Misogynie und der Antifeminismus viel offener artikulieren.

Wir danken dir für das Gespräch!

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... ein paar Worte der Linksjugend [‘solid] Eisenach Auch dieses Jahr möchten wir uns

wieder an den Protesten gegen den jährlichen Burschentag beteiligen. Wir fordern eine ehrliche und kritische Betrachtung der Geschichte und sprechen uns klar gegen jede Form von rechtsextremen und Minderheiten unterdrückenden ,,Traditionen“ aus. Ein besonderer Dorn im Auge ist uns in diesem Bezug die Eisenacher NPD, welche treu zu offensichtlich rechten Burschenschaften steht und sich auch in Zukunft für Burschenschaften in Eisenach stark machen und ein ihnen gegenüber freundliches Klima ,,wahren“ möchte.

M

it scheinheiligen Argumenten in Bezug auf das wirtschaftliche Plus der Stadt und die Weltoffenheit (gegenüber den Burschenschaftern :D ), welche unbedingt gewahrt werden müsse,

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sowie peinlichen Aktionen wie z.B. einer Resolution im Stadtrat unter dem Titel ,,Demokratie statt Kommunismus“ (welche mehrheitlich abgelehnt wurde), wurde diesem Ziel bereits entgegengearbeitet.Als wäre das nicht schon schlimm genug, streut Patrick Wieschke (Spitzenkandidat der NPD bei den anstehenden Landtagswahlen in Thüringen) noch fleißig das Gerücht, Oberbürgermeisterin Katja Wolf hasse Deutschland und der Jugendverband der Linken sei ein Haufen ,,pubertärer Politclowns und spinöser Pseudointellektueller“, denen es nicht um den vermeintlichen Rechtsextremismus der Burschenschafter, sondern um einen Angriff auf deutsche Traditionen, Freiheitsideale und Werte schlechthin gehe.

Lieber Patrick, zum Abschluss soll

von den pubertären Politclowns noch

gesagt sein: Obwohl das Wartburgfest 1817 sicherlich als eine Etappe des Vormärz gewertet werden kann, ist es unserer Meinung nach eine geschichtliche Halbwahrheit zu behaupten, dass Einheit & Freiheit an diesem Abend noch Hand in Hand gingen, als ,,undeutsche“ und Schriften jüdischer Autoren auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Wir sind uns sicher, diesen Fakt hast du einfach übersehen, da wir ihn weder in der Resolution, noch in deiner Pressemitteilung gefunden haben und freuen uns schon auf die jährliche Demonstration gegen den Burschentag in Eisenach, zu der wir natürlich zahlreich erscheinen werden! http://linksjugendeisenach. wordpress.com/

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Männerbund als Gemeinschaft der Gleichen Zur psychologischen Funktion von Mensur und Kneipe [sub*way (communistisches kollektiv) Göttingen]

Der

Der vollständige Text ist nachzulesen auf unserer Homepage: gegenburschentage.blogsport.de

studentische Männerbund wäre nichts ohne jene zahlreichen rituellen Praktiken, die die Verbindungsstudenten selbst „studentisches Brauchtum“ nennen. Ein umfassendes und strenges System von Normen und Verhaltensvorschriften, der sogenannte Comment, regelt den Alltag auf dem Haus, die verbindungsstudentischen Feste und Bräuche. Doch die seltsamen Regeln und Rituale sind mehr als nur harmlose und etwas kauzige Traditionspflege. Sie erfüllen ganz spezifische soziale und psychologische Funktionen. Ihre soziale Funktion ist in erster Linie die Abgrenzung von der (als weiblich gedachten) „Masse“, die Ausbildung eines antiegalitären männlichen Elitebewusstseins. Insbesondere wollen wir

uns mit der psychologischen Funktion auseinandersetzen, die vor allem darin besteht, die Angst vor (Geschlechter-)Differenz durch Herstellung einer Gemeinschaft der Gleichen abzuwehren.

D

azu haben wir die beiden wichtigsten Ritualen schlagender Verbindungen, der Mensur und der Kneipe, unter die Lupe genommen. So wie wir unsere Thesen zuspitzen, treffen sie vermutlich nur auf pflichtschlagende Studentenverbindungen zu; der Tendenz nach gelten sie aber für alle korporationsstudentischen Männerbünde. Daher gehen wir erstmal auf die psychologischen Grundlagen des Männerbunds ein, bevor wir dann die konkreten korporationsstudentischen Praxen analysieren.

Quelle: flickr.com „Bier!“ von Sam Howzit

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„Jedes Mitglied hat die ihm erteilten Thekendienste während der Kirmes durchzuführen“ Männerbünde im ländlichen Raum am Beispiel der Dorfburschenschaften

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Alltag vieler ländlicher Kommunen sind die regelmäßig stattfindenden Kirmessen, Maifeiern und Dorffeste eine willkommene Abwechslung. Während einige, die diese Form der Brauchtumspflege am eigenen Leib erleben durften, bei Gedanken an besoffene Männerhorden, Wettsaufen, sexualisierte Gewalt und rassistische Übergriffe durch Dorfnazis erschaudern, sind solche Formen der Brauchtumspflege ein zentraler Lebensinhalt vieler Jugendlicher und junger Erwachsener auf dem Land.

I

n vielen Gegenden der BRD und Österreichs ist die Organisation von Dorffesten und anderen rituellen Besäufnissen Aufgabe der jeweiligen Dorfburschenschaften, auch Burschenvereine oder Männergesellschaften genannt. Ihre Tradition geht auf das 19. Jahrhundert zurück: Ledige, schulentlassene oder konfirmierte männliche Jugendliche schlossen sich bis zur Verehelichung in freien Burschenschaften zusammen. Diese hatten die offizielle Aufgabe, Tanzveranstaltungen, religiöse Feste und regelmäßige Sitzungen zu organisieren. Daneben bestand und besteht ihre Aufgabe darin, ihre männlichen Mitglieder in ihre Rolle als erwachsener Mann einzuführen und die entsprechende Charakterbildung in Form von Mutproben, Saufwettbewerben und Erniedrigungen zu unterstützen. Die Mitgliedschaft eines Burschen endete mit seiner Hochzeit.

Die von den Burschenschaften or-

ganisierten Veranstaltungen dienten dabei den Jugendlichen als Möglichkeit, mit weiblichen Bewohnerinnen der Nachbardörfer in einem sozial akzeptierten Rahmen zu verkehren und mögliche Partnerinnen zu finden. Die Burschenschaften waren hierbei Garanten der patriarchalen Organisationsstruktur des Dorfes, indem sie zum

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Beispiel Gelder von Dorffremden eintrieben, die sich in ihrem Dorf auf „Brautschau“ begaben (sogenanntes Handgeld) oder auch mit körperlicher Gewalt „ihre“ Mädchen verteidigten. Die Gemeinschaft der jungen, ledigen Männer diente weiterhin dazu, den Zusammenhalt des Dorfes nach außen, sowohl gegen die Nachbardörfer als auch gegen zugezogene „Fremde“, zu bewahren sowie nach innen die hierachische, postfeudale Dorfstruktur aufrecht zu erhalten. Das in Riten und Gebräuchen verklausulierte Ausleben von sexuellem Verlangen ermöglichte dabei eine Distanzierung von demselben und das Bewahren einer auf Prüderie, Heterosexismus und religiösen Dogmen fußenden Sexualmoral.

[lisa:2 Marburg]

sexuellen, aber auch nicht der eigenen Dorfgemeinschaft oder der eigenen (deutschen) Nation zugehörigen Männern. Frauen symbolisch zu reservieren beziehungsweise sie zusätzlich zu verteidigen, schreibt ihnen Passivität ebenso wie Schwäche, weil sie zu verteidigen seien, zu. Der Entwurf des dahinterstehenden Frauenbildes wertet diese Frauen systematisch ab, was sich auch darin zeigt, dass sie häufig

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ie von den Burschenschaften praktizierten Rituale dienten dabei der Internalisierung dieser Herrschaftsstrukturen und dem Durchsetzen männlicher Herrschaftsformen. Neben den Wettkämpfen und Mutproben sind es dabei auch heute noch insbesondere die sexuell aufgeladenen Sitten und Gebräuche, die der Festigung heteronormativer und patriarchaler Geschlechterrollen dienen. Dabei kommen verschiedene Männlichkeits- und Libidosymbole zum Einsatz. So gibt es beispielsweise den Brauch im Vorbereiten einem (toten) Hahn den Kopf abzureißen oder das Aufstellen eines Baums vor dem Haus der Angebeteten, die zudem vor anderen Männern verteidigt werden soll. Hinter solchen lächerlich bis absurd wirkenden Bräuchen steckt vor allem die Praxis patriarchaler Männlichkeit. Dem Hahn, einem Männlichkeitssymbol, den Kopf abzureißen und somit der eigenen (deutschen) Männlichkeit Kraft und Stärkersein zuzusprechen, impliziert gleichermaßen die Abwertung anderer Männlichkeiten, beispielsweise Trans*- oder nicht hetero-

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entweder Schmuck- und Beiwerk oder komplett dem Willen der männlichen Dorfgemeinschaft unterworfen sind, indem zum Beispiel auf Dorffesten Frauen „versteigert“ werden oder sämtliche Mitglieder der Burschenschaften küssen müssen. Zwar dienen diese Bräuche in heutiger Zeit nur noch selten der Anbahnung von sexuellen Beziehungen, erfüllen aber ihre Funktion in Form einer kollektiven Rollenzuweisung. Die Mischung aus Alkoholexzess und sexuellem Abenteuer beziehungsweise dem Erlangen „sexueller Reife“ hat sich bis heute in den Veröffentlichungen von Dorfburschenschaften gehalten und dient als sinnstiftendes Element. Das dabei fast religiös wiederholte Mantra von „Saufen und Sex“ beschreibt bereits umfassend die von den Verbänden betriebene Brauchtumspflege. Die Satzungen drehen sich dementsprechend weniger um das Bewahren überkommener Dorftraditionen sondern vielmehr um Thekendienste und darum, was zu tun sei, wenn AmtsträgerInnen zu besoffen sind, um ihr jeweiliges Amt wahrzunehmen. Während grundsätzlich gegen eine Organisierung zum kollektiven Besäufnis nichts einzuwenden ist, so haben die von den Burschenschaften organisierten Veranstaltungen durch ihren immanenten autoritären und sexistischen Charakter keinerlei emanzipatorisches Potential.

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ass sich in einem Umfeld aus Gewalt, patriarchaler Männlichkeit und Deuschtümelei, Nazis und Rassit­ Innen besonders wohl fühlen, überrascht nicht. So gibt es eine Vielzahl von Überschneidungen der vertretenen Ideale. Dass keine klare Abgrenzung oder wenn, dann nur über Lippenbekenntnisse stattfindet, weil alles ja gar keine politischen Vereinigungen seien, zeigt die Möglichkeit für Nazis, sich wohlbehalten in ihren Dorfgemeinschaften mit den zugehörigen Dorfburschenschaften aufzuhalten und zu etablieren. Jugendfeuerwehren, Sportvereine und Burschenschaften tun sich schwer mit diesem selbstverschuldeten Problem umzugehen. Rechte Äußerungen werden verharmlost und entpolitisiert. Selbst wenn sich klar von Nazis distanziert wird,

wird der Zusammenhang der eigenen Werte und Ansichten mit neonazistischer Ideologie nicht gesehen.

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uch wenn die Strukturen in vielen Orten durch eine größere Mobilität, Emanzipation von Betroffenen und dem demografischen Wandel in ihrer Wirkmacht schrumpfen, bilden Dorfburschenschaften immer noch eine Institution in der ländlichen Jugendarbeit. Auch heute noch sind Dorfburschenschaften meist reine Männerbünde, in denen eine patriarchale sowie patriotische Männlichkeit das Maß der Dinge ist. In ihnen wird anhand von Traditionen immer wieder der Fokus auf das Erlernen HERRschaftlicher Praxen gelegt.

Auch

wenn Dorfburschenschaften mit studentischen Verbindungen und Burschenschaften organisatorisch nichts zu tun haben, liegen bestimmte Ähnlichkeiten auf der Hand – der Ausschluss von Frauen, autoritäre und hierarchische Strukturen zur Festigung eines patriarchalen männlichen Charakters, ein positiver Bezug auf Nation beziehungsweise ausgeprägter Patriotismus, Konstruktion anderer, angeblich minderwertiger Männlichkeiten („Fremde“) sowie die Starkmachung von Heterosexismus. Ein entscheidender Unterschied liegt im Anspruch der studentischen Burschenschaften und der Dorfburschenschaften. Erstere bestehen auf einem explizit politischen Anspruch ihrer Bünde, welcher nach außen und innen vertreten werden soll. Zweitere haben diesen zwar nicht, aber wie oben bereits aufgezählt eine Vielzahl von impliziten Praxen und Riten eine bestimmte Politik zu vertreten, zu lehren und lernen. Diese Politik zielt darauf ab, Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten und sie auszuleben.

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er ländliche Raum steht nur selten im Fokus linksemanzipatorischer Kritik. Doch konservative, regressive sowie neonazistische Ideologie haben auch gerade dort ihre Räume und entstehen nicht in luftleerer Umgebung, sondern wohlbehalten in der Mitte der eigenen Dorfgemeinschaft auf Basis von Tradition, Ritualen,Volksfesten und eben auch Dorfburschenschaften.

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Freiheit für Josef Unsere Solidarität gegen ihre Repression!

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nde Januar 2014 wurde Josef aus Jena während der Proteste gegen den Wiener Akademikerball von der Polizei verhaftet. Seitdem befindet er sich als Einziger noch immer in Untersuchungshaft (Stand April 2014). Der Wiener Akademikerball ist ein jährlich stattfindendes Treffen führender VertreterInnen rechtspopulistischer Parteien, schlagender Burschenschafter und HolocaustleugnerInnen aus ganz Europa, die sich dort beim Tanz vernetzen. In den letzten Jahren wurde dem Ball mehr und mehr Aufmerksamkeit zuteil. Die Proteste, die sich dagegen formiert haben, sind in der Öffentlichkeit umstritten und mussten z.T. ohne Genehmigung durchgeführt werden. Während die Proteste dieses Jahr endlich legal stattfinden konnten, wurden sie schon frühzeitig von der Hetze der Rechten begleitet, die vor „Hamburger Zuständen“ und „deutschen Demoprofis“ warnten. Die Polizei versuchte ganz im Einklang mit dieser Stimmungsmache, die Gegenaktionen möglichst zu unterbinden. So wurde ein Sperrbezirk rund um die Wiener Hofburg eingerichtet; die Kundgebung gelangte damit nicht einmal in Hörweite des Veranstaltungsorts der Rechten. Am Abend kam es dann zu Ausschreitungen: Einige DemonstrantInnen versuchten in den Sperrbezirk zu gelangen, anderswo wurden Schaufensterscheiben und die Fenster einer Polizeiwache eingeschmissen und ein Polizeiauto demoliert. Insgesamt kam es zu 14 Verhaftungen, darunter auch Josef. Alle anderen Verhafteten kamen noch in derselben Nacht frei, einzig Josef sitzt seitdem in Haft. Gegen ihn steht nach unseren Informationen die widersprüchliche Aussage eines einzigen Zivicops, der ihm während der Demo gefolgt sein will und ihn als angeblichen „Rädelsführer“ ausgemacht hatte.

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ie öffentliche Stimmung in Österreich dürstet nach einem Schuldigen, den man für die Ausschreitungen verantwortlich machen kann, während Rechte und Konservative die Ausschreitungen als willkommenes Argument für eine erneute Debatte über die Legitimität linken Protests in der Wiener Innenstadt heranziehen. Dementsprechend wird Josef nun alles angehängt, was an jenem Abend passiert ist. Als Tatvorwürfe stehen Landfriedensbruch, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte im Raum. In Kombination mit dem Vorwurf der „Rädelsführerschaft“ stehen auf Landfriedensbruch bis zu drei Jahre Haft. Seit seiner Inhaftierung haben sich in Jena und Wien Soligruppen gebildet, die versuchen die Öffentlichkeit über den Fall zu informieren und Spenden für die Prozesskosten zu sammeln. Josef braucht unsere Unterstützung! Spendet, organisiert Soliaktionen und schreibt Briefe in den Knast! Unsere Solidarität, die könnt ihr haben! Freiheit für Josef! Infos und Updates findet ihr unter: http://soli2401.blogsport. eu

Spendenkonto: Rote Hilfe Jena | Kto.Nr.: 4007 238 309 | IBAN DE77 4306 0967 4007 2383 09 BLZ: 430 609 67 (GLS-Bank) BIC GENODEM1GLS (GLS Bank) Verwendungszweck: Wien

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... und Anfang Juni: Die Proteste gegen den Coburger Convent Wie jedes Jahr zu Pfingsten trifft

sich der größte pflichtschlagende Dachverband in Coburg. Vier Tage lang wird das Stadtbild von tausenden lediglich männlichen Verbindungstudenten geprägt sein, welche nach Coburg kommen, um sich öffentlich zur „geschichtlichen und geistigen Gemeinschaft der Deutschen“ zu bekennen und um den Pfingstkongress des Coburger Convents zu glorifizieren. Vor Ort gedenken sie der in den Weltkriegen gefallenen Verbandsbrüder, marschieren die historische SA-Route mit Fackeln ab und feiern im An­schluss in schauriger Einigkeit mit Teilen der Lokalbevölkerung und Neonazis „Ehre, Frei­heit, Freund­ schaft, Vaterland“.

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er Coburger Convent (CC) versucht sich durch den Austritt aus dem Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) und der Distanzierung zur Deutsche Burschenschaft (DB) der Kritik zu entziehen. Jedoch beruht diese Distanzierung nur auf Oberflächlichkeit – so läuft zum Beispiel die Zusammenarbeit in Waffenringen munter weiter. Doch das „Blut und Boden“-Denken der DB war jahrzehntelang kein Problem für den CC und ist auch in dessen eigenem Selbstverständnis tief verwurzelt. So verwundert es kaum, dass der CC in der Regel keine Berührungsängste zur extremen Rechten zeigt. Auf einer Verbandstagung durfte zum Beispiel der Autor des rechten Internetportals „Blaue Narzisse“ Christoph Rothämel als Referent sprechen. Auch mit einer Mitglied­schaft von Verbandsbrüdern in der NPD hat der CC immer noch kein Problem.

Einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der

eigenen Rolle im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus verwei­gert sich der CC noch immer. Gern stellt man das ver­zerr­te Bild dar, die Ver­bin­dun­gen hät­ten nichts mit den NS-Ap­pa­ra­ten zu tun ge­habt und der Vorgängerdachverband des CC,

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die Deut­sche Lands­mann­schaft (DL), sei zu NS-Zei­ten ver­bo­ten wor­den. Doch der Schein trügt. Die DL war stets be­müht, den auf­kei­men­den An­ ti­se­mi­tis­mus zu schü­ren und be­schloss schon 1894 auf einem Kon­gress in Co­burg in einem so­ge­nann­ten „Ari­ er­pa­ra­gra­phen“ den Aus­schluss von Juden auf ex­pli­zit ras­sis­ti­scher Grund­ la­ge. Die vor­erst herr­schen­de Ab­leh­ nung ge­gen­über dem Na­tio­nal­so­zia­ lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund (NS­DStB) be­ruh­te nicht auf in­halt­li­ chen Dif­fe­ren­zen, son­dern auf der als er­hal­tens­wert be­trach­te­ten Ei­gen­stän­ dig­keit der DL. Spä­tes­tens nach der Macht­über­ga­be an die NSDAP 1933 war man sich aber in­ner­halb der DL über den NS­DStB einig und ging be­ wusst und ohne Not eine Ko­ope­ra­ti­on ein. In der Lands­mann­schafter-Zei­ tung gab man zu den Hin­ter­grün­den einen of­fen­kun­di­gen Kom­men­tar der aus­ge­präg­ten De­mo­kra­tie­feind­schaft ab:

„Gleich­schal­tung der Deut­schen Lands­ mann­schaft, das be­deu­tet Be­frei­ung der lands­mann­schaft­li­chen Idee von dem Schutt des ge­stütz­ten li­be­ra­lis­tisch-de­mo­ kra­ti­schen Sys­tems und sieg­haf­te Wie­der­ auf­er­ste­hung der Lands­mann­schaft im Geis­te der durch sie von jeher ge­pfleg­ten Wehr­haf­tig­keit und der von ihr stets aus­ ge­spro­che­nen Ab­leh­nung jedes Stan­des­ dün­kels. Sol­da­ten Adolf Hit­lers wol­len wir sein, sonst nichts.“

Die Hal­tung des CC stand da­mals in engem Zu­sam­men­hang mit der end­ gül­ti­gen He­ge­mo­nie der Na­tio­nal­so­ zia­lis­ten, es han­del­te sich dabei um eine Me­lan­ge aus schon vor­han­de­ner völ­ki­scher Grund­hal­tung und einem An­bie­dern an die Macht.

Noch heute übt man sich in den Ri-

ten und Tra­di­tio­nen der DL und begeht das so­ge­nann­te Heldengedenken an dem von der DL in Hoch­zei­ten der völ­ki­schen Aus­rich­tung ge­bau­ ten 3-Schwer­ter-Denk­mal. Jedes Jahr aufs Neue wird hier der NS-Tä­ter ge­dacht, ohne auch nur einen ein­zi­ gen Blick auf die deut­sche Bar­ba­rei

zu ris­kie­ren. Um sich der laut­star­ken Kri­tik zu ent­zie­hen, be­schließt man seit Kur­zem diese bei­spiel­haf­te Ver­ kör­pe­rung des ver­bin­dungs­stu­den­ ti­schen Ge­schichts­re­vi­sio­nis­mus als Got­tes­dienst zu voll­zie­hen. Statt sich der his­to­ris­chen Ver­ant­wor­tung zu stel­len, tun der CC und die Co­bur­ger Stadt wei­ter so, als hätte es Ausch­witz nie ge­ge­ben.

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er Coburger Convent ist, wie in der Regel alle Studentenverbindungen, ein reiner Män­ner­bun­d, das heißt Frau­en kön­nen nicht Mit­glied wer­den. Der Un­ter­schied zu einem für Män­ner oder Frau­en ex­klu­si­ven Sport­ver­ein ist dabei, dass ein Sport­ ver­ein nicht dar­auf aus­ge­legt ist, seine Mit­glie­der in ge­sell­schaft­lich re­le­van­ te Po­si­tio­nen zu brin­gen oder einen „Le­bens­bund“ auf­zu­bau­en. Aus der Per­spek­ti­ve stu­den­ti­scher Kor­po­ra­ tio­nen sind Frau­en also nicht als Teil der Elite vor­ge­se­hen, es sei denn als „schmü­cken­des Bei­werk“ der Män­ ner. Darin drückt sich auch ein ex­trem kon­ser­va­ti­ves Rol­len­ver­ständ­nis aus. Frau­en gleich­zu­be­han­deln sei schlicht gegen die Natur. Frau­en wer­den aber nicht nur als an­ders und min­der­wer­ tig be­trach­tet, son­dern kom­men über­ haupt nur als Ge­gen­stück zum Mann vor. Die­ser An­dro­zen­tris­mus stellt Män­ner in den Mit­tel­punkt der Welt und brand­markt alles, was von an­geb­ lich männ­li­chen Idea­len ab­weicht, als weib­lich und damit min­der­wer­tig.

Besonders den Protesten der letz-

ten Jahre ist es zu verdanken, dass die Teilnehmerzahlen beim Coburger Convent sinken. Daher auch dieses Jahr Anfang Juni auf nach Coburg, den Verbindungsstudenten ihren Convent versauen!

http://coburgerconvent. blogsport.de

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